Kitabı oku: «Seewölfe Paket 26»

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Impressum

© 1976/2019 Pabel-Moewig Verlag KG,

Pabel ebook, Rastatt.

eISBN: 978-3-95439-994-9

Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de

Inhalt

Nr. 501

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Nr. 502

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 503

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 504

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 505

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Nr. 506

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Nr. 507

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Nr. 508

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 509

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Nr. 510

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 511

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 512

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Nr. 513

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 514

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 515

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 516

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Nr. 517

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 518

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 519

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 520

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9


1.

Old Donegal Daniel O’Flynn ließ nun schon zum wiederholten Male sein meckerndes Lachen hören. Ed Carberry, der – wie die anderen – hinter einem der Uferfelsen in Deckung hockte, warf dem Alten einen grimmigen Blick zu und schüttelte verständnislos den Kopf.

„Ich sage euch, ich sage euch“, rief Old Donegal halblaut und rieb sich dabei begeistert die Hände, „bei denen da drüben gibt’s jetzt das große Heulen und Zähneklappern!“

„Warte bloß ab“, knurrte Ed Carberry. „Wenn du zu große Sprüche klopfst, heulst und klapperst du bald selber, Donegal. Schadenfreude bringt nämlich Unglück. Wußtest du das nicht?“ Der Profos zwinkerte den anderen kaum merklich mit dem linken Auge zu.

Stenmark, der ihm am nächsten kauerte, mußte sich mächtig anstrengen, um sein Grinsen zu unterdrücken. Einfacher hatte es da schon der Rest der derzeitigen „Empress“-Crew, denn sie waren durch die breiten Rücken des Profos und des blonden Schweden vor den Blicken des alten O’Flynn geschützt und konnten sich ein ausgiebiges Feixen erlauben.

„Da bist du aber im Irrtum, Mister Carberry“, sagte Old Donegal giftig. „Schadenfreude ist die schönste Freude. Aber Unglück bringt sie bestimmt nicht. Das hast du mal wieder in den falschen Hals gekriegt.“

Der Profos der „Isabella“ schluckte ruckhaft und schob das Rammkinn vor.

„Stimmt nicht“, sagte er grollend. „Das habe ich von einer einäugigen Kesselflickerin in Plymouth. Ich traf die Lady um Mitternacht vor dem Friedhofstor. Sie las mir aus der Hand und gab ein paar Lebensweisheiten von sich. Zum Beispiel, daß Schadenfreude Unglück bringe. Jawohl, das hat sie gesagt.“

Old O’Flynn starrte sekundenlang stumm auf die Bucht hinaus. Seine Miene verdüsterte sich dabei, als hätte er auf einmal keine Freude mehr an dem, was sich an diesem Morgen des 8. Juli 1595 soeben abgespielt hatte.

Ein paar Trümmer von der kleinen Jolle der „San Jacinto“ trieben noch auf der Wasseroberfläche. Und drüben auf der Galeone wurden dem einzigen Überlebenden von fünf Bootsgasten vermutlich gerade die Leviten gelesen – wenn dieser verrückte Hund von einem sogenannten Kapitän ihn nicht sogar gleich erschoß. Immerhin hatte er zwei seiner Leute einfach über den Haufen geknallt – aus schierer Wut. Der dritte Tote ging auch auf sein Konto, denn die Kanone, die wegen überhöhter Pulverladung auseinandergeflogen war, hatte er sich zuzuschreiben. Und vier Leute waren jetzt im Kugelhagel der „Empress“-Mannen mit dem kleinen Beiboot zu den Fischen gegangen.

Damit hatte der Verrückte auf der spanischen Galeone nur noch fünfzehn Mann.

Und kein einziges Beiboot mehr.

Dagegen verfügten Old Donegal und seine Gefährten immerhin über drei handfeste Jollen – nämlich zwei von der gegnerischen Galeone, die da vor der Westseite der Bucht lag, und ihre eigene von der verschwundenen „Empress of Sea II.“.

„Wer ist denn hier schadenfroh?“ erkundigte sich der Alte unvermittelt. „Ich doch nicht! Das hast du gesagt, Mister Carberry! Verdammt, du willst mir was unter die Weste jubeln. Behauptest Sachen, die überhaupt keiner nachprüfen kann. Wie willst du denn beweisen, daß ich schadenfroh bin? He, wie denn?“

Ed Carberry sah den alten Zausel noch einen Moment grinsend an. Dann setzte er plötzlich eine überlegene Miene auf und hob das wüste Rammkinn noch ein Stück höher.

„Ich verstehe, Mister O’Flynn. Du gibst es also zu!“

„Was?“ Old Donegal war drauf und dran, hinter seiner Deckung aufzuspringen. Nur mit Mühe bezwang er seinen aufwallenden Zorn. „Was soll ich zugeben?“

„Daß du daran glaubst“, entgegnete Ed Carberry.

„An was, zum Teufel, soll ich glauben?“

„Daran, daß Schadenfreude Unglück bringt – so, wie ein Freitag, der dreizehnte, Unglück bringt, oder ein schwarzes Katzenvieh, das einem …“

„Jetzt reicht es!“ schrie der Alte. „Du willst mir das Wort im Mund umdrehen! Das habe ich nicht gesagt! Nie im Leben! Dafür gibt es schließlich Zeugen. Ich habe genau das Gegenteil erklärt.“

„Hast du nicht. Du hast erklärt, daß man dir die Schadenfreude erst nachweisen müßte. Damit hast du mehr oder weniger zugegeben, vor was du Angst hast. Nämlich davor, daß du dich ins Unglück stürzt, weil du in Wirklichkeit doch schadenfroh bist. Meine einäugige Lady vom Friedhofstor hatte nämlich doch recht. Das weißt du ganz genau. Nur wenn dir einer mal überlegen ist, was die Schwarzseherei angeht, dann kannst du’s nicht ertragen, was, wie?“

„Das ist keine Schwarzseherei“, entgegnete Old Donegal wütend. „Ich habe das Zweite Gesicht. So etwas nennt man einen Seher. Jawohl, ich habe die Fähigkeiten eines Sehers!“

Carberry holte tief Luft, war so richtig in seinem Element und genoß es offenbar, den Alten langsam, aber sicher auf die Palme zu bringen.

Der Kutscher räusperte sich laut und verhinderte, daß der Profos seinen bärbeißigen Kontrahenten erneut aufstachelte.

„Wenn ich die Gentlemen höflichst bitten darf, das neue Diskussionsthema über seherische Fähigkeiten auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben! Ich denke, wir haben im Augenblick höchst realistische Probleme zu bewältigen, bei denen uns ein Zweites Gesicht nicht sehr viel helfen kann. Ich bitte zu bedenken, daß wir uns auf den nächsten Angriff vorbereiten sollten, der mit Sicherheit nicht lange auf sich warten lassen wird. Waffenreinigen, Munitionsvorräte ergänzen und dergleichen. Zu tun gibt es wahrhaftig genug.“

Die anderen brummten beifällig. Nils Larsen und Sven Nyberg hatten bereits begonnen, die Läufe ihrer Musketen mit den Putzstöcken zu bearbeiten. Martin Correa nickte und fing damit an, die Pulverflaschen einzusammeln, um den Inhalt zu ergänzen.

„Unser Pfannenschwenker trifft mal wieder den Belegnagel auf den Kopf“, sagte Carberry anerkennend. „Und wie schön er das ausdrückt! Wußte gar nicht, daß ich so was kann – an einer Diskussion teilnehmen.“

„Bist ja bloß froh“, sagte Old Donegal zischelnd, „daß du dich elegant aus der Affäre ziehen kannst.“ Er hob die Stimme, als der Profos aufbrausen wollte. „Der Kutscher hat recht. Wir richten uns nach seinem Vorschlag. Hasard und Philip, ihr beiden betätigt euch als Pulveraffen.“

Carberry wandte sich zu den Söhnen des Seewolfs um.

„Wenn ihr oben in der Höhle seid, könnt ihr gleich mal nachsehen, wie es dem kleinen Sir John geht. In Ordnung?“

„Kommt nicht in Frage!“ rief Old Donegal bissig. „Die Nebelkrähe ist absolute Nebensache. Laßt euch nicht erwischen, daß ihr mit dem Mistvieh eure Zeit verplempert. Ihr habt Pulver zu holen und sonst nichts!“

Der Kutscher gab den Jungen mit einer Kopfbewegung zu verstehen, einfach loszumarschieren. Old Donegal zeterte ohnehin noch, als sie längst die Jakobsleiter erreicht hatten, die zum Höhleneingang hinaufführte.

Spätestens seit dem ersten Licht dieses neuen Tages gab es für die Dons an Bord der „San Jacinto“ ein Rätsel weniger. Die Jakobsleiter, die da aus der vier Yards hohen Höhlenöffnung in der Steilwand baumelte, war die Lösung all dessen, worüber sich die Goldgierigen in den letzten Stunden vermutlich den Kopf zerbrochen hatten.

Und trotzdem war ein weiteres Rätsel noch immer ungelöst: Woher, in aller Welt, nahmen die Unbekannten, denen der zweisprachige Papagei gehörte, bloß ihre Energie? Wie hatten sie die unvorstellbare Strapaze bewältigt, eine ganze Schiffsladung von Goldkisten in diese winzige Höhlenöffnung zu wuchten, die noch dazu so hoch über dem Erdboden lag?

„Ein bißchen mulmig ist mir doch“, sagte Hasard junior, als er mit seinem Bruder das untere Ende der Jakobsleiter erreichte. Die Felswand über ihnen war wie ein vorspringendes Dach, denn der Überhang hoch über der Grottenöffnung neigte sich ein beträchtliches Stück nach vorn, der Bucht zu.

„Wieso?“ fragte Philip begriffsstutzig. „Meinst du, Sir John ist in seiner Kiste erstickt?“

„Unsinn! Ich rede von den Spaniern.“ Hasard deutete mit dem Daumen über die Schulter. „Die haben doch bestimmt Stielaugen, seit sie sehen, was es mit der Jakobsleiter auf sich hat. Stell dir vor, die versuchen es mit einer weittragenden Muskete, wenn wir auf entern.“

Philip wandte sich um und blickte zu der Galeone, die vor den westlichen Riffs ankerte.

„Die Amigos werden sich hüten, sage ich. Die haben noch genüg von der Kanone, die ihnen um die Ohren geflogen ist. Ich würde jedenfalls keine Muskete abfeuern, die eine zu starke Ladung im Rohr hat. Außerdem werden sie sich jetzt erst mal zusammenreimen, was sich hier abgespielt hat.“

Hasard nickte. „Hoffen wir, daß du recht hast.“

„Los, beeil dich“, drängte sein Bruder. „Mister O’Flynn bringt es fertig, uns höchstpersönlich Dampf unter dem Hintern zu machen, wenn wir nicht schnell genug sind. Und dann haben wir nicht genug Zeit für Sir John.“

Hasard brummte zustimmend und begann, aufzuentern. Jeden Moment rechnete er mit einer Kugel, die haarscharf neben ihm auf den Felsen prallte, sich abplattete und als handtellergroßer Bleipfannkuchen in den Sand fiel. Doch nichts dergleichen geschah.

Gefahrlos bewältigte Hasard junior als erster den Aufstieg zum Felsenloch. Sein Bruder folgte ihm mit zügig-kraftvollen Bewegungen.

Die beiden Jungen waren sich voll und ganz der Tatsache bewußt, was sie den Spaniern an Bord der „San Jacinto“ verdeutlichten. Eben jenen Umstand nämlich, der seit Tagesanbruch offenkundig geworden war. In der Nacht hatten die „Räuber“ des Goldschatzes ihre sichere Höhle verlassen und sich bis an die Zähne bewaffnet hinter den Uferfelsen postiert.

Philip junior erreichte gleichfalls den Grotteneingang. Einen Moment blickten die Brüder zum Strand hinunter, wo die Männer vom Bund der Korsaren in Deckung lagen und die Galeone aufmerksam beobachteten.

Es war die logische Folgerung gewesen, die Höhle zu verlassen und dort unten in Stellung zu gehen. Nachdem man die beiden großen Jollen der „San Jacinto“ gekapert hatte, waren die Voraussetzungen für die Dons ungleich schlechter geworden. Und wenn sie es dennoch mit der kleinen Jolle versuchten, konnte man ihnen nur vom Strand aus einen gebührenden heißen Empfang auf breiter Front bereiten – wie geschehen.

Auf die Heimlichtuerei hatte man so oder so verzichten können. Denn die Voraussetzungen für die Verteidigung waren ungleich besser geworden. Dieser hirnrissige Bursche von einem Kapitän mußte sich schon etwas einfallen lassen, wenn er mit seinen fünfzehn Mann noch etwas ausrichten wollte.

„Hurtig, hurtig“, sagte Hasard und ahmte dabei den Tonfall des Profos nach. „Bewegen wir uns, sonst erstickt der arme Sir John womöglich noch.“

Philip nickte nur. Gemeinsam eilten sie los, in den hinteren, sich erweiternden Bereich der Grotte, wo die Goldkisten, die Proviantvorräte und die Ausrüstungsgegenstände von der „Viento Este“ lagerten. Die beiden Jungen arbeiteten rasch und zielstrebig. Innerhalb von wenigen Minuten hatten sie sechs Pulverfäßchen und ein Dutzend lederne Kugelbeutel zur Felsenöffnung geschleppt.

Hasard deutete auf das gestapelte Segeltuch und die Taurollen.

„Den Ladebaum haben wir zwar nicht mehr zur Verfügung, aber ich denke, wir kriegen den ganzen Kram trotzdem auf einmal nach unten.“

„Eine Persenning und ein Tau“, entgegnete Philip und nickte. Dann hieb er seinem Bruder begeistert auf die Schulter. „Klar! Damit haben wir noch mehr Zeit gewonnen.“

Gemeinsam schleppten sie in aller Eile einen Tuchballen und eine Taurolle nach vorn. Dann kehrten sie in den hinteren Bereich zurück, wo auf einem Felsvorsprung eine einsam blakende Laterne stand.

Behutsam zogen sie die Proviantkiste, in der Ed Carberry den vorlauten Vogel verstaut hatte, zwischen den Goldkisten hervor. Die Jungen runzelten die Stirn, als sie die Kiste auf den Boden stellten und begannen, die seitlichen Verzurrungen zu öffnen. Zwar war es einerseits vorteilhaft, daß Sir John in seinem Verlies kein freudiges Gezeter anstimmte – was letzten Endes verräterisch gewesen wäre. Andererseits war die totale Stille in der Kiste aber auch besorgniserregend.

„Vielleicht ist er beleidigt“, sagte Hasard, als er den Kistendeckel öffnete.

„Zuzutrauen wär’s ihm.“

Im nächsten Moment erstarrten die Brüder und rissen den Mund vor Schreck weit auf.

Der karmesinrote Papagei lag auf der Seite, regungslos, die Knopfaugen weit geöffnet und stumpf.

„Um Himmels willen!“ hauchte Hasard. „Vorhin haben wir gespottet, und jetzt ist es tatsächlich passiert!“

„Der arme Kerl“, flüsterte Philip und strich über die Schwingenfedern Sir Johns. Tränen standen in den Augen des Jungen. „Das hat er nun wirklich nicht verdient.“

„Nein, das nicht“, sagte Hasard mit erstickter Stimme. „Wir hätten an Luftlöcher denken sollen.“

„In der Eile? Wir mußten doch aufpassen, daß Mister O’Flynn nichts mitkriegt.“

„Was im Grunde keine Entschuldigung ist.“

„Nein, du hast recht.“ Philip seufzte. „Und wir können uns auch nicht damit herausreden, daß ihn Mister Carberry in die Kiste gepackt hat. Er hätte ja an die Luftlöcher denken müssen.“

„Es ändert nichts. Am besten nehmen wir den armen Kerl gleich mit nach unten und begraben ihn.“

„Begraben? Meinst du nicht, daß er eine Seebestattung verdient hat? Schließlich war er ebenso Seemann wie wir alle.“

„Sicher“, sagte Hasard und preßte die Lippen zusammen. Auch seine Augen waren jetzt feucht. Die Vorstellung, die Sprüche und das Gezeter des munteren roten Burschen missen zu müssen, war einfach unerträglich. „Mister O’Flynn wird nichts dagegen haben, wenn wir Sir John einen würdigen Abschied von dieser Welt bereiten.“

„Der alte O’Flynn?“ Philip schniefte. „Der wird doch froh sein! Du kennst ihn!“

Hasard nickte bedächtig und mit Leichenbittermiene. Er hob den reglosen Papagei aus der Kiste, legte ihn in eine Felsmulde und half seinem Bruder die Kiste wieder zu verschließen und zurück in den Hohlraum zwischen den Goldkisten zu schieben. Sie wandten sich um, bereit, sich ihrer traurigen Pflicht zu entledigen.

Es war, als wären sie gegen eine unsichtbare Mauer gelaufen.

Die Mulde, in der sie Sir John zur vorübergehenden Ruhe gebettet hatten, war leer.

Fassungslos sahen sie sich um und suchten mit Blicken jeden Quadratinch ab. Doch die Laterne erhellte nur einen kleinen Teil der Grotte.

Ein Krächzen ließ die Jungen zusammenzucken. Es klang wie ein Räuspern.

„Affenärsche!“ tönte es im nächsten Moment schnarrend aus dem dunklen Teil der Grotte. „Haut in Streifen! Rrrrübenschweine! Backbrassen!“ Es folgte ein Meckern, das wie von einem Ziegenbock klang, aber zweifellos von Old Donegal stammte. Sein triumphierendes Meckern nach dem Untergang der kleinen Jolle der „San Jacinto“ mußte bis hier herauf zu hören gewesen sein – durch einen geschlossenen Kistendeckel hindurch.

Hasard und Philip wechselten einen entgeisterten Blick.

„Dieser schlitzohrige Geier!“ zischte Hasard. „Weißt du, was der mit uns gemacht hat?“

„Klar“, antwortete Philip. „Dieses Suppenhuhn hat sich tot gestellt und uns an der Nase herumgeführt.“

Wie zur Bestätigung endete das Meckern in der Dunkelheit, und ein plötzliches Flügelklatschen war zu hören.

Segelnd schwebte Sir John im nächsten Moment aus der Finsternis und landete mit elegantem Schwung hoch oben auf dem Stapel der Goldkisten. Dort trippelte er bis an den Kistenrand, beugte sich vor, legte den Kopf schief und blickte interessiert mit einem Auge auf die Jungen hinunter.

Ein tiefes Rollen drang aus dem nun aufgeplusterten Leib des Aras. Er ging in einen energischen Befehlston über.

„Klar Deck überall!“

Abermals sahen die Jungen sich an. Sie brauchten es nicht auszusprechen: Wenn Old Donegal mitkriegte, was sich hier abspielte, würde er seine Drohung doch noch in die Tat umsetzen. Und das bedeutete, daß Sir John endgültig schlachtreif war.

Hasard blickte zu dem Vogel hoch, der jetzt leise brabbelte und sich von einem Bein auf das andere wiegte.

„Fang nur an, dich über uns lustig zu machen!“ warnte der Junge.

Philip stieß ihn mit dem Ellenbogen an.

„Um Himmels willen, reize ihn nicht noch! Wir müssen jetzt besonders freundlich zu ihm sein. Denke daran, was er hinter sich hat. Stundenlange Dunkelheit. Wir können froh sein, wenn er nicht sofort rausfliegt.“

Hasard preßte die Zähne aufeinander, daß es knirschte.

„Er hat Hunger und Durst. Davon können wir ausgehen. Und damit läßt sich bestimmt was anfangen.“

„Sprich es nicht aus“, sagte Philip eindringlich. „Du weißt, was für ein gerissener Kerl er ist.“

Hasard nickte nur. In der Tat durften sie nicht sagen, daß sie Sir John natürlich wieder einfangen mußten. In seinem eigenen Interesse zwar, aber das änderte nichts. Er würde es spitzkriegen, wenn sie es laut aussprachen, und dann war er auf und davon. Vielleicht flog er sogar wieder zu den Spaniern, um sich an Bord der „San Jacinto“ wichtigtuerisch aufzuplustern.

Ein geltungsbedürftiger kleiner Geier war er schon immer gewesen.

„Der arme Sir John“, sagte Hasard daher voller Mitgefühl, „er hat bestimmt einen fürchterlichen Durst. Bleib du hier, Philip, und gib ihm was zu fressen. Ich gehe mal schnell nach vorn und hole ein bißchen Wasser.“

„Ja, tu das“, sagte Philip eifrig. „Ich gebe ihm inzwischen etwas Hartbrot und ein paar von den roten Bohnen, die er so gern mag. Er muß ja einen wahnsinnigen Hunger haben!“

Eilends schafften die Zwillinge das Notwendige heran, um Sir Johns Appetit zu wecken. Hasard holte Trinkwasser in einer Muck, während Phillip Hartbrot zerbröselte und die Krumen zusammen mit den Bohnen auf eine Proviantkiste streute, die er in den Lichtkreis der Laterne gestellt hatte. Hasard stellte die Muck daneben, und dann wandten sie sich erwartungsvoll zur Seite, um die Reaktion des Papageis zu beobachten.

„Rrrrübenschweine“, schnarrte Sir John und fuhr fort, sich am Kistenrand zu wiegen.

„Der macht sich wirklich über uns lustig“, flüsterte Hasard ergrimmt. „Glaubst du nicht, daß er genau weiß, was wir wollen?“

„Wir wollten ihm ein bißchen Bewegungsfreiheit verschaffen“, entgegnete Philip erbittert. „Daß er das gleich so schamlos ausnutzt, konnte natürlich kein Mensch ahnen.“

„Keine Vorwürfe“, sagte Hasard leise. „Du weißt, wie empfindlich er auf diesem Ohr ist.“

Philip nickte, atmete tief durch und nahm ein paar Krumen und Bohnen in die Hand. In der offenen Handfläche hielt er sie dem roten Vogel entgegen.

„Sieh mal, Sir John, ist das nicht lecker? Dir muß doch der Magen knurren – nach der langen Schutzhaft. Und ist dir nicht die Kehle trocken geworden? Also, Wasser ist auch da, alter Freund. Und nun sieh endlich ein, daß wir dich nur vor Mister O’Flynn gerettet haben.“

„So redet ein Landmann mit seiner kranken Kuh“, sagte Hasard leise kichernd. „Das behauptet jedenfalls der Kutscher immer, und der muß es ja wissen.“

Philip forderte ihn mit einer ärgerlichen Handbewegung auf, zu schweigen. In der Tat vollzog sich mit Sir John eine sichtbare Wandlung. Die freundlichen Worte und der Anblick der schmackhaften Nahrung schienen endlich ihre Wirkung erzielt zu haben. Er hob den Kopf, richtete sich für einen Moment hoch auf und duckte sich dann wieder, wobei er auf und ab wippte. Die unverkennbaren Anzeichen für den bevorstehenden Abflug, wie die Zwillinge wußten.

Und er stürzte sich wahrhaftig von oben hinunter, rauschte mit ausgebreiteten Schwingen an Philips lockender Handfläche vorbei und landete auf der Kiste mit dem Hauptangebot an Fressen.

„Mißtrauischer Halunke!“ fluchte Philip unterdrückt.

Hasard näherte sich mit beiden Händen unterdessen lautlos dem Freßplatz, um blitzschnell zuzupacken.

Sir John nahm ein paar rasche Schlucke aus der Muck, schaufelte sich Krumen und Bohnen in den Krummschnabel und entwischte den zuschnappenden Händen des Jungen mit elegantem Anlauf. Im nächsten Augenblick klatschten seine Flügel bereits wieder in der Weite der Grotte, und er drehte eine Runde nach der anderen über den Köpfen der Jungen.

Ihnen brach der Schweiß aus. Jeden Moment konnte Old Donegal unten am Strand nach ihnen brüllen. Und was sollte dann aus Sir John werden? Der verrückte Vogel flog entweder hinüber zu den Dons und wurde dort von dem nicht weniger verrückten Anführer massakriert, oder er blieb hier, in einer trügerischen Freiheit, und wurde von Old Donegal geschlachtet und in den Suppentopf gesteckt.

Zuzutrauen war es dem alten Griesgram wirklich – und wenn er es nur tat, um die Papageienbrühe hinterher wegzuschütten.

„Himmel noch mal, Sir John“, sagte Philip flehentlich. „Wenn du jetzt nicht zurückkommst, mußt du die Konsequenzen tragen.“

„Dann können wir dir nicht mehr helfen“, fügte Hasard voller Bitterkeit hinzu, „dann ist es aus mit dir.“

Noch minutenlang blieb den Söhnen des Seewolfs nichts anderes übrig, als mit bangen Blicken den Kreisflug des roten Papageis zu beobachten. Aber wie durch ein Wunder schienen ihre Worte schließlich doch zu wirken.

Sir John ließ sich auf seinem ursprünglichen Platz nieder, oben auf den Kisten, und dann, plötzlich, sauste er zur Freßstelle. Richtig genußvoll sah er aus, wie er aus der Muck nippelte und Krumen und Bohnen knabbernd verzehrte. Schließlich glaubte Hasard zu träumen, als es sich der Bursche gefallen ließ, gestreichelt zu werden.

Und dann, tatsächlich, konnte er ihn von der Kiste wegnehmen und wieder in den Sicherheitsbehälter stecken, den Philip inzwischen geöffnet hatte. Diesmal schoben sie ein paar Holzspäne zwischen Deckel und Kistenrand, bevor sie die Verzurrungen wieder anbrachten.

Aufatmend wischten sich die Jungen den Schweiß von der Stirn.

„Mann o Mann“, sagte Hasard stöhnend, „das hätte verdammt ins Auge gehen können.“

„Jetzt aber Beeilung“, entgegnete Philip, „sonst wird der Alte doch noch mißtrauisch und riecht den Braten.“

Sie liefen zur Felsenöffnung, schlugen Pulverfässer und Kugelbeutel in der Persenning ein und verknoteten das Tau oben an dem Riesenbeutel. Vorsichtig hoben sie die Last über den Rand der Öffnung und stemmten sich in ausreichendem Abstand gegen das Tau, das sie langsam durch ihre kräftigen Hände gleiten ließen.

„Gute Arbeit!“ lobte der alte O’Flynn die beiden, als sie die ersten Pulverfässer in die Deckungen schleppten. „So kann man sich die Schufterei erleichtern, wenn man seinen Kopf gebraucht, nicht wahr?“

Die Zwillinge wechselten einen verstohlenen Blick, als sie zurückliefen, um die nächsten Fässer zu holen. Manchmal wußte man bei dem Alten wirklich nicht, woran man war. Vielleicht hatte er den aus Sicherheitsgründen eingesperrten Vogel ja auch schon vergessen.

Und wenn man es genau betrachtete, brauchte Sir John ohnehin nicht mehr unter Verschluß gehalten zu werden. Denn man versteckte sich nicht mehr vor den goldgierigen Spaniern. Folglich war die Heimlichtuerei überflüssig.

Old Donegal mußte nur noch davon überzeugt werden.

2.

Sabado, der einzige Überlebende von der kleinen Jolle der „San Jacinto“, hockte schnatternd und zähneklappernd auf einer Taurolle vor der Steuerbordverschanzung. Die Kleidung klebte ihm klitschnaß am Körper, sein Entermesser hatte er verloren. Nichts war ihm geblieben als das erbärmliche bißchen Leben. Und selbst das war ihm nicht sicher, denn Julio Acosta, der stiernackige Mann mit dem pechschwarzen Bart und den hart funkelnden Augen, war unberechenbar.

Wie schnell er seine Wut an einem Hilflosen ausließ und ihn kurzerhand ins Jenseits beförderte, hatte er in der jüngsten Vergangenheit mehrfach bewiesen.

Deshalb bibberte Sabado nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Angst, wie er jämmerlich auf der Taurolle hockte und den wütend-schweigsamen Acosta im Halbkreis der Gefährten vor sich sah.

Aber da war etwas anderes, was dem Überlebenden auffiel. Seine Kumpane hatten sich irgendwie verändert. Da war etwas in ihren Gesichtern, das er vorher nicht bemerkt hatte. Auch ihre Blicke, die sie dem Schwarzbärtigen von der Seite her zuwarfen, hatten einen veränderten Ausdruck.

Sabado konnte es sich nicht auf Anhieb erklären, aber er sollte innerhalb der nächsten Minuten erfahren, worin diese auffällige Veränderung begründet war.

„Ein Bild des Jammers“, sagte Acosta verächtlich und durch die Mundwinkel gepreßt. „Ein Häufchen Elend bist du, Sabado. Andere Worte kann ich für dich nicht finden, du Jammerlappen. Und wenn du auch noch Mitleid erwartest, dann hättest du nicht erst an Bord zurückkehren sollen. Feiglinge wie du sind an Bord meines Schiffes überflüssig.“

Sabado, der zur ursprünglichen Crew der „Viento Este“ gehörte, zitterte heftiger. Seine Augen begannen zu flackern und richteten sich flehentlich auf Acosta, der ein halbes Dutzend geladene Pistolen unter dem Gurt trug. Der Schwarzbärtige wußte sehr wohl, daß er es zunehmend schwerer hatte, sich durchzusetzen.

Der zitternde und frierende Decksmann begann sich schuldig zu fühlen – dafür, daß er noch am Leben war.

Doch plötzlich erhielt er unerwartete Hilfe.

„Sabado ist kein Feigling“, meldete sich eine rauhe Stimme. Es war Prado, der Bootsmann der „Viento Este“, der sich da laut und vernehmlich Gehör verschaffte. „Er kann nämlich nichts dafür, daß die kleine Jolle versenkt wurde.“

Acosta ruckte herum und fixierte den stämmigen Bootsmann aus zusammengekniffenen Augen.

„Wie willst du das beurteilen können!“ brüllte er. „Die Kerle hatten den eindeutigen Auftrag, am Strand einen Brückenkopf zu bilden. Den Auftrag haben sie nicht ausgeführt. Das ist ein klarer Fall. Sabado gehörte dazu. Also muß er bestraft werden. Die anderen sind für ihre Dämlichkeit ja schon vom Feind bestraft worden.“ Acosta wollte zu einer seiner Pistolen greifen, doch sein Arm erstarrte mitten in der Bewegung.

Prado hatte sich mit einem halben Seitwärtsschritt aus dem Halbkreis gelöst, und seine drohende Haltung war unmißverständlich.

„Hier wird niemand mehr abgeknallt“, sagte er eisig. „Ab sofort reden wir ein Wörtchen mit. Wir sehen nämlich beim besten Willen nicht mehr ein, daß einer nach dem anderen wegen irgendwelcher dämlicher Kleinigkeiten krepieren muß. Wir waren mal zweiundzwanzig Leute. Jetzt sind wir nur noch fünfzehn. Die sieben, die tot sind, könnten noch am Leben sein. Deshalb haben wir jetzt endgültig genug, Acosta.“

Der Schwarzbärtige nickte, grinste jovial und legte die Hände auf den Rücken, als hätte er nie eine andere Bewegung als diese vorgehabt.

„Natürlich wird Sabado nicht zum Tode verurteilt“, sagte er in gönnerhaftem Ton. „Seine Strafe besteht lediglich in einer ernsten Verwarnung. Durch den Schreck hat er schließlich schon genug gelitten. Wenden wir uns also den vordringlichen Dingen zu.“ Er deutete mit einer knappen Kopfbewegung zum Strand. „Diese verdammten Bastarde haben uns ganz schön hereingelegt. Wenn sie uns nicht die beiden großen Jollen geklaut hätten, säßen wir jetzt nicht in der Klemme.“

„Wenn, wenn, wenn!“ rief Prado angriffslustig. „Es war eben alles falsch.“

Einen Moment hatte es den Anschein, als brause Acosta erneut auf. Doch er beherrschte sich und blieb ruhig.

„Dann machen wir eben ab sofort alles richtig“, sagte er mit einem überlegenen Grinsen. „Ich habe schon alles im Kopf. Es wird folgendermaßen ablaufen …“ Er legte eine bedeutungsschwere Pause ein.

Die Kerle starrten ihn an.

„Wir haben kein einziges Boot mehr. Davon müssen wir ausgehen, das läßt sich nicht ändern. Wir wollen aber zur Insel, weil wir unser Gold zurückholen wollen. Soweit gut?“

Die Kerle nickten – gereizt, jedoch zustimmend.

„Also gut“, sagte Acosta. „Unsere Möglichkeiten sind natürlich begrenzt. Schwimmen scheidet aus, weil wir unser Pulver nicht trockenhalten könnten. Ohne Musketen und Pistolen können wir aber nichts ausrichten, weil die Bastarde da drüben sämtliche Waffen und sämtliche Munitionsvorräte von der ‚Viento Este‘ haben.“

„Genau das ist es“, sagte Prado wütend. „Die schießen uns zusammen, bevor wir das Ufer erreichen. Wenn es nicht so wäre, hätten sie auch die kleine Jolle nicht auf Grund geschickt.“

„Mein neuer Plan hat so ein Risiko nicht“, sagte Acosta prahlerisch. „Es gibt da nämlich eine hervorragende Möglichkeit, auf die man nur kommen muß: Wir bauen Flöße als Ersatz! Holz genug haben wir an Bord. Außerdem hat so ein Floß noch den Vorteil, daß es mit Musketenfeuer nicht versenkt werden kann.“ Beifallheischend blickte er in die Runde.

Prado und die anderen sahen ihn an und kriegten den Mund nicht wieder zu. Selbst Sabado vergaß sein Zittern und Frieren und konnte nur noch ungläubig blinzeln.

Prado gewann seine Fassung als erster wieder.

„Hast du noch alle Mucks im Schapp, Acosta?“ rief er höhnisch. „Fein, wenn Flöße mit Musketenkugeln nicht versenkt werden können. Wirklich fein. Aber es gibt ja wohl einen Haken an der Sache, einen winzigen kleinen Haken – für dich wohl nicht der Rede wert.“

„So?“ schnappte Acosta. „Was für einen Haken?“

Die Kerle starrten ihren Anführer jetzt an, als hätten sie einen Irren vor sich.

„So eine Floßbesatzung“, sagte Prado mit beißendem Spott, „besteht bekanntlich nicht aus Holz und ist daher höchst verwundbar. Selbst wenn wir unser Pulver trocken hinüberbringen, nutzt uns das herzlich wenig, weil sie uns nämlich vorher von dem Floß putzen wie bei einem Vergnügungsschießen für hochwohlgeborene Señores.“

„Was willst du damit sagen?“ fragte Acosta scharf.

Der Bootsmann der „Viento Este“ grinste verächtlich.

„Brauchst du noch eine Extraerklärung? Die Leute auf deinen feinen Flößen hätten keinerlei Deckung und nicht den geringsten Schutz. Ich denke jedenfalls nicht daran, Selbstmord zu begehen. Als Leiche hätte ich nämlich nichts von dem Gold.“

Die Kerle brüllten lauthals Beifall. Selbst Sabado, der vor zwei Minuten noch um sein Leben gefürchtet hatte, stimmte mit ein.

„Das ist Meuterei!“ schrie Acosta.

„Nenne es, wie du willst!“ schrie ein dürrer Kerl zurück, dessen Name Morro war. „Wir spielen jedenfalls nicht mit.“

Der Schwarzbärtige sperrte den Mund auf und schnappte nach Luft. Dabei sah er aus wie ein Fisch auf dem Trockenen. Er brachte keinen Ton mehr hervor.

Die Meute bedachte die Worte des Dürren mit grimmig geäußerter Zustimmung. Prado nickte ihm aufmunternd zu.

„Im übrigen“, fuhr Morro fort, nachdem die anderen ruhiger geworden waren, „lassen wir unserem sehr verehrten Kapitän beim Landen herzlich gern den Vortritt. Ich habe mal von Kapitänen und Offizieren gehört, die von ihren Leuten nichts verlangen, was sie ihnen nicht selbst vorexerziert haben. Aber wir haben ja so ein Musterexemplar von Kapitän, das es vorzieht, an Bord zu bleiben und die Crew loszuschicken, damit sie für ihn die Kastanien aus dem Feuer holt.“

„Sehr richtig!“ grölte einer aus dem Halbkreis.

Sofort setzte erneuter gejohlter Beifall ein.

Morro brachte die Kerle mit einer Handbewegung zur Ruhe, sah Acostas Fassungslosigkeit und war nun erst richtig in seinem Element.

„Und wem diese Prozedur nicht paßt“, schrie er, „dem jagt unser sehr verehrter Kapitän eine Kugel in den Bauch und schickt ihn zu den Fischen! Allerdings schneidet er sich ins eigene Fleisch, dieser blitzgescheite Capitán. Wenn er nämlich einen nach dem anderen von uns abschießt“, der Dürre hielt inne und kicherte höhnisch, „dann ist schon jetzt der Zeitpunkt absehbar, an dem er überhaupt keine Mannschaft mehr hat. Und was tut er dann, unser schlauer Kapitän? Ja, dann wird er wohl allein zusehen müssen, wie er sich das Gold holt.“

Abermals johlte die Horde lautstark Beifall.

Morro sorgte erneut mit einer energischen Handbewegung für Ruhe. Dann wandte er sich wieder dem Schwarzbärtigen zu.

„So geht das also beim besten Willen nicht, Acosta“, sagte er gelassen. „Als Kapitän mußt du dir schon was anderes einfallen lassen, als bloß deine Crew zu verheizen. Wohin das führt, mußt du wohl langsam einsehen.“

Julio Acosta schluckte, und sein Adamsapfel ruckte dabei heftig auf und ab. Er mußte begreifen, daß er dieses Mal rein gar nichts tun konnte, obwohl es ihm mächtig in den Fingern juckte. Aber es hatte keinen Sinn. Denn die Strolche waren samt und sonders bewaffnet. Und sie lauerten nur darauf, daß er seine Pistole herausriß.

Sicherlich hätte er sich Geltung verschaffen können, indem er beispielsweise Prado über den Haufen knallte.

Oder etwa nicht?

Er sah die Kerle an, und Zweifel keimten in ihm auf. Verdammt, ja, sie warteten nur darauf, daß er ihnen einen Grund gab, ihre Waffen zu ziehen. Prado und Morro, diese Aufwiegler, hatten ihren einfältigen Hirnen den richtigen Weg gewiesen. Wenn sie ihn töteten, dann war es eben einer weniger, mit dem sie das Gold teilen mußten. Von der Seite konnte man die Sache zweifellos auch betrachten.

Acosta sah die grinsenden Gesichter von Prado und Morro und hatte das Gefühl, an seiner Wut ersticken zu müssen. Er wußte jedoch, daß er innerhalb von Sekunden ein toter Mann sein würde, wenn er jetzt falsch reagierte. Deshalb beschloß er, einzulenken, wenngleich es ihm höllisch schwerfiel.

„Vielleicht haben die Herren Klugscheißer Prado und Morro ja einen besseren Vorschlag“, sagte er ruhig und in der Gewißheit, daß es praktisch keinen besseren Vorschlag gab als den seinen. Er wußte allerdings, daß insbesondere Morro zu den wenigen zählte, die sich durch ein wenig Grips von den anderen abhoben. Man durfte ihn und den Bootsmann also auch nicht unterschätzen.

„Sicher haben wir einen Vorschlag“, sagte Morro mit kaltem Grinsen. „Das mit dem Floß läßt sich nur dann durchführen, wenn es Feuerschutz erhält. Nur dann kann man einigermaßen sicher landen. Und den Feuerschutz können natürlich nur die Kanonen übernehmen.“

„Verdammter Idiot!“ brüllte Acosta. „Merkst du denn nicht selber, was für einen Unsinn du da verzapfst? Hast du vergessen, was passiert ist?“

„Das haben wir keineswegs vergessen“, sagte Morro mit drohendem Unterton. „Dabei wurde nämlich auf völlig sinnlose Weise ebenfalls einer von uns geopfert. Du hättest wissen müssen, daß die Bronzerohre unserer Kartonen nicht dafür taugen, eine erhöhte Pulvermenge zu verkraften. Zwei Leute wurden außerdem verletzt.“

„Eben drum!“ schrie der Schwarzbärtige. „Ich denke doch nicht daran, so etwas zu wiederholen. Den Vorschlag dieses Idioten kann man doch nicht ernst nehmen!“

Vergeblich suchte er in der Runde Zustimmung.

Morro betastete wie zufällig den Griff seiner Pistole und fixierte Acosta voller Hohn.

„Der Idiot bist du“, sagte der Dürre mit höhnischer Stimme. „Statt die Pulverladung zu erhöhen, gibt es nämlich auch noch die Möglichkeit, die Schußweite zu verringern. Und zwar dadurch, daß man die ‚San Jacinto‘ näher ans Ufer legt.“

„Wir liegen schon nahe genug an den Riffs“, entgegnete Acosta lahm und spürte selbst, wie wenig Gewicht sein Argument hatte.

Morro zerstreute es mit wenigen Worten.

„Selbst in den schlimmsten Riffzonen gibt es für eine Galeone meist noch Möglichkeiten, näher an Land zu verholen. Und zwar dadurch, daß man durch Lotungen feststellt, wo das Wasser tief genug ist.“

Julio Acosta preßte die Lippen aufeinander, daß sie einen blutleeren Strich bildeten. Er wußte nicht mehr, was er entgegnen sollte, und das war ihm bislang höchst selten passiert.

Was, zum Teufel, sollte er sich jetzt einfallen lassen, um den Kerlen zu verklaren, daß noch immer er es war, der den Ton angab?

Ihm fiel nichts ein, buchstäblich nichts.

Unter dem Strich blieb nichts als das Niederschmetternde an der ganzen Geschichte: Auf die im Grunde praktikable Idee hätte er selbst auch kommen müssen. Er hatte diese Idee aber nicht gehabt und mußte sich demzufolge vor versammelter Mannschaft von einem einfachen Decksmann belehren lassen.

Und es brachte das Blut in seinen Adern zum Kochen, das überhebliche Grinsen des Dürren ansehen zu müssen.

„Also gut“, sagte Morro schließlich und nickte zufrieden. „Damit wäre dann alles geklärt. Wir verfahren so, wie ich vorgeschlagen habe. Unser Kapitän hat keine Einwände erhoben.“

Beifallsgebrüll setzte ein. Es fehlte nicht viel, so stellte Acosta zähneknirschend fest, und sie hoben den Dürren auch noch begeistert in die Luft.

„Wenn die Idee schlecht wäre, hätte ich es schon gesagt!“ schrie Acosta. „Außerdem hatte ich selbst natürlich schon vorher daran gedacht. Wollte nur die Galeone nicht zu sehr gefährden.“ Seine Stimme ging im Gebrüll unter, und es achtete ohnehin niemand auf ihn.

„Dann mal los, Freunde!“ rief Morro und reckte die Faust hoch. „An die Arbeit! Habt ihr vergessen, daß da drüben auf der Insel ein Goldschatz auf uns wartet?“

Wieder johlten sie, und voller Begeisterung folgten sie dem Dürren zur vorderen Grätingsluke. Den Schwarzbärtigen, der für sich beanspruchte, ihr Kapitän zu sein, ließen sie einfach stehen. Nur Sabado zögerte, sich von seiner Taurolle zu erheben. Er schnatterte wieder vor Kälte, und seine Furcht, daß Acosta seine Wut an ihm auslassen würde, wenn er vorbeizuschleichen versuchte, rührte schließlich aus schlechten Erfahrungen her.

Doch Prado, der Bootsmann, behielt trotz allen Trubels den Überblick.

„He, Sabado!“ rief er, indem er sich im Pulk der anderen umdrehte. „Auf was wartest du noch? Schwenk deine müden Knochen! Zieh dir was Trockenes an und dann an die Arbeit! Wir brauchen jede Hand.“

„Jawohl, Señor!“ erwiderte Sabado grinsend, sprang auf und flitzte los wie eine Ratte, der man auf den Schwanz getreten hat.

Julio Acosta stand da und ließ die Arme hängen. Er fühlte sich so erschlafft und kraftlos wie einer, der zwölf Stunden in einer Silbermine geschuftet hat. Und er fühlte sich so einsam wie nie zuvor in seinem Leben.

Nicht beachtet zu werden, so fand er in diesem Moment heraus, war schlimmer, als Meuterer in den Griff zu kriegen. Er empfand grenzenlose Hilflosigkeit, während er beobachtete, wie sie mit Feuereifer schufteten. Die Aussicht auf den Goldsegen entfesselte ihre Gier, und die Gier spornte sie zu enormer Leistungskraft an.

Morro und Prado gaben die Anweisungen. Als erstes wurden jene Rundhölzer aus den Laderäumen geholt, die sich für den Fall eines Mastbruches stets als Reserve an Bord befanden. Insgesamt acht Hölzer von durchschnittlich einem Fuß Durchmesser wurden an Deck geschleppt. Die Kerle richteten sie auf den Planken neben der Steuerbordverschanzung aus, bildeten dann im Handumdrehen eine Kette bis hinunter in den Schiffsbauch und holten auf diese Weise in Windeseile ein Dutzend Spieren als Verstrebungen herauf.

Danach wurde das benötigte Werkzeug an Deck geschafft. Sabado erschien in trockener Kleidung. Morro suchte sich die Leute aus, die unter seiner Anleitung mit Hämmern und geschmiedeten Nägeln zu Werke gingen. Prado kümmerte sich mit dem Rest der Leute um Verzurrungen und das Absägen überschüssiger Enden.

Julio Acosta stand immer noch am selben Fleck und verglich sich mit den Spierenenden, die über das entstehende Floß hinausragten und von den scharfen Sägezähnen einfach weggewischt wurden. Er war nicht nur einsam und hilflos, er war auch völlig überflüssig. Er ließ sich von einer Welle des Selbstmitleids überrollen und war drauf und dran, sich in seine Kammer zurückzuziehen, um seinen Kummer in einer Flasche Rotwein zu ertränken.

Doch dann siegte der Rest von Stolz, den er noch in sich hatte. So durften sie nicht ungestraft mit ihm umgehen – so nicht! Den Lohn für ihre Unverschämtheit würden sie eines Tages noch empfangen. Im Augenblick war es geboten, diplomatisch vorzugehen, um nicht zu riskieren, kurzerhand über den Haufen geknallt zu werden.

Er brauchte Minuten, um mit seinem aufwallendem Zorn fertig zuwerden. Er hatte ihnen alles ermöglicht, diesen Hurensöhnen! Wenn sie jetzt so kurz vor dem Ziel standen, dann hatten sie es nur einem zu verdanken – ihm. Als sie mit den Booten der „Viento Este“ mit Kurs auf Floridas Ostküste gesegelt waren, hatte er die Dinge in die Hand genommen und die weitere Marschroute festgelegt. Seine Idee war es gewesen, Capitán Juan de Molina und die restlichen Kerle in den beiden anderen Booten zu beseitigen.

Jawohl, dachte Acosta und straffte seine Haltung, ohne mich hättet ihr Bastarde das alles nicht geschafft. Ihr wärt nicht einmal auf die Idee verfallen. Und dann, in St. Augustine, hatten sein sicheres Auftreten und sein guter Eindruck letzten Endes bewirkt, daß sie die Heuer auf der „San Jacinto“ erhielten. Dieses Schlitzohr von einem Kapitän, Andrés de Llebre, hatte er, Acosta, außer Gefecht gesetzt. Desgleichen den Bootsmann, Pedro Rovira. Verdammt, ja, diese Mistkerle, die da wie besessen an ihrem Floß herumhämmerten und sägten, hatten ihm eigentlich alles zu verdanken …

Rangmäßig hatte es ihm zugestanden, sich beim Vorrücken auf die Insel ein wenig zurückzuhalten. Er konnte seinen wertvollen Körper nicht ständig in vorderster Linie dem Kugelhagel und tödlichen Klingen aussetzen. Nein, sie brauchten seine Führungskraft, diese Narren. Das hatten sie offenbar völlig vergessen.

Acosta beschloß, seinen Führungsanspruch wieder zu untermauern. Sicheres Auftreten war dazu eine unabdingbare – und die beste – Voraussetzung. Er gab sich einen Ruck und stelzte auf die Schuftenden zu, die Hände gravitätisch auf den Rücken gelegt.

Er umrundete den Schauplatz hektischer Arbeit, enterte über den Niedergang zur Back auf und stützte sich auf die Balustrade. Mit gönnerhafter Miene beobachtete er das Geschehen.

Die meisten der Kerle beachteten ihn noch immer nicht. Aber er sah, wie sich Prado und auch Morro ein paarmal verstohlen umwandten, um zu sehen, was er tat. Immerhin trug er sechs Pistolen im Gurt, eine davon eine Doppelläufige, und sie hielten ihn für unberechenbar. Gut so.

Noch hatte er die Möglichkeit, die Macht mit Gewalt wieder an sich zu reißen. Aber das wäre unklug gewesen. Mit einer noch mehr dezimierten Crew sank die Chance, die verfluchten Goldräuber auf der Insel zu überwältigen.

Nein, er mußte seine geistige Überlegenheit ausspielen. Immerhin hatte er mehr Grips als diese fünfzehn Einfaltspinsel zusammen.

„Mal herhören“, sagte er in freundlichem Ton. „Kurze Pause!“

Sechs oder sieben Kerle, denen der Schweiß in Strömen über das Gesicht rann, ließen aus purer Gewohnheit Hämmer und Sägen sinken und richteten sich auf – dankbar für die Möglichkeit zum Verschnaufen. Die anderen folgten ihrem Beispiel. Prado und Morro registrierten es mit sichtlichem Unwillen.

„Trinkwasser austeilen!“ befahl Acosta energisch. In übertrieben gespieltem Unmut schüttelte er den Kopf. „Himmel noch mal, muß man euch denn alles vorbeten? Seine Arbeitskraft erhält man sich nicht durch unsinnige Schinderei. Seinen Körper darf man bei allem Eifer nicht vernachlässigen. Klar?“ Prado und Morro starrten mit offenem Mund zu ihm hin. „Sabado“, sagte Acosta und brachte sogar ein Lächeln zustande, „nun hol schon Trinkwasser aus der Kombüse!“

Der Überlebende der kleinen Jolle erkannte das Versöhnungsangebot, das aus Acostas Worten klang, und sofort rannte er los. Eine Minute später umringten die Kerle die Pütz, die Sabado geholt hatte, und auch Prado und Morro griffen bereitwillig zu, als die Muck mit dem erfrischenden Naß die Runde machte.

„Seht ihr“, sagte der Schwarzbärtige aus seiner erhöhten Position, „gleich geht es schon viel besser. Und dann werden die verdammten Bastarde da drüben am Strand ihr blaues Wunder erleben, das schwöre ich euch. Wir müssen es nur klug genug anstellen.“

Prado richtete den Blick zu Acosta hinauf.

„Was soll das schon wieder heißen? Glaubst du, wir wissen nicht, was wir zu tun haben?“

Der Schwarzbärtige zog die Schultern hoch.

„Nun gut, wie stark gedenkt ihr denn euer Floß zu bemannen? Das ist nur eine Frage, aus reinem Interesse.“

„Mit allem, was wir haben“, erwiderte Prado gereizt. „Wie denn sonst?“

Acosta lächelte mild.

„Das habe ich mir gedacht. Ihr würdet wertvolle Zeit verschwenden, weil ihr nämlich erst mal mitsamt Pulver und Waffen absaufen würdet. Dieses sonst gut gebaute Floß“, er deutete auf das fast fertige Wasserfahrzeug, „trägt nicht mehr als vier Mann und ein bißchen Ausrüstung.“

Die Decksleute starrten ihn an.

„Woher willst du denn das wissen?“ zischte Morro.

„So was kann ich ausrechnen“, behauptete Acosta. „Aus der Länge und dem Durchmesser der Hölzer, malgenommen mit der Gesamtzahl von acht, ergibt sich die Tragfähigkeit. Ihr könnt es ausprobieren, und ihr werdet sehen, daß ich recht habe.“

Ehrfurcht zeichnete sich in den meisten der Gesichter ab. Nur Prado und Morro blieben verächtlich.

„Weitermachen“, sagte Prado.

„Eins würde ich euch noch empfehlen!“ rief Acosta. „Rundet die Hölzer vorn und achtern ein wenig ab! Dann erreicht ihr bei dem plumpen Ding immerhin etwas mehr Schiffigkeit.“

Wieder hatte Acosta Land gewonnen, denn Prado und Morro konnten diesem Vorschlag nur zustimmen, dagegen gab es beim besten Willen nichts einzuwenden.

Die Äxte wirbelten mit blitzenden Klingen, und sehr bald hatte das Floß vorn und achtern sauber gerundete Hölzer. Mittschiffs achtern wurde eine Dolle zum Wriggen mit einem Riemen angebracht. Danach stand dem Fieren mittels der Großrah nichts mehr im Wege. Voller Stolz beobachteten die Kerle, wie ihr Bauwerk längsseits unter der Jakobsleiter dümpelte.

„Jetzt die Belastungsprobe!“ rief Prado. „Erst mal zehn Mann!“

„Doch vorsichtig geworden?“ sagte Acosta grinsend, als die Kerle schon zur Pforte im Schanzkleid liefen. „Ich behaupte, das Ding geht trotzdem unter. Vielleicht wäre es besser, deine sogenannte Belastungsprobe an Backbord durchzuführen, wo’s die Kerle vom Strand aus nicht sehen. Möglich, daß sie sich sonst totlachen.“

Prado wischte mit einer ärgerlichen Handbewegung durch die Luft. Morro knurrte nur unwillig, und gemeinsam mit den drei anderen, die noch an Bord geblieben waren, beugten sie sich über die Verschanzung und spähten nach unten, wo einer nach dem anderen das Floß betrat.

Auch Acosta verfolgte das Geschehen und sah voller Genugtuung, daß sich die obere Hälfte der Rundhölzer schon beim fünften und sechsten Mann bedrohlich der Wasserlinie näherte. Als sich der siebente auf das Floß wagte, standen sie gleich darauf bereits bis zu den Knöcheln im Wasser.

„Ihr müßt euch besser verteilen!“ brüllte Prado. „Dann klappt es auch!“

„Irrtum“, sagte Acosta triumphierend. „Vier Mann, wie ich berechnet habe. Das ist die beste Auslastung für euer feines Floß.“

Prado und Morro mußten zähneknirschend einsehen, daß der Schwarzbärtige recht behielt. Auch die Gewichtsverlagerung nutzte nichts. Mit vier Mann war die Tragfähigkeit gerade so weit ausgenutzt, daß sich das Floß noch gefahrlos manövrieren ließ.

Acosta übernahm wieder das Kommando, und der Bootsmann und der Dürre hatten nichts mehr einzuwenden. Wenn Acosta nicht verrückt spielte, war er immer noch ein verdammt brauchbarer Bursche. Den vier Kerlen, die gleich nach der „Belastungsprobe“ das Floß bemannten, erteilte der Schwarzbärtige genau festgelegte Aufgaben. Einer begab sich zum Loten nach vorn, zwei Musketenschützen postierten sich mittschiffs, und der vierte Mann übernahm achtern den Wriggriemen.

Er legte den Kopf in den Nacken und blickte fragend zur Verschanzung der Galeone hoch.

„Welchen Kurs?“

Es war nun wieder selbstverständlich, daß Acosta antwortete und damit den Befehl erteilte.

„Nach Süden!“ tönte die energische Stimme des Schwarzbärtigen, und die Männer auf dem Floß warteten nicht erst ab, ob Prado und Morro dazu noch etwas zu bemerken hatten.

Der Mann am Wriggriemen brachte das Floß in Fahrt, nachdem die drei anderen mitgeholfen hatten, es von der Bordwand der „San Jacinto“ abzustoßen. Der Ankerplatz der Galeone befand sich etwa in der Mitte vor der Westseite der langgestreckten Insel, die in Nordsüdrichtung verlief.

Die Ostseite der Insel war wegen der geringen Wassertiefe für Schiffe des Galeonen-Typs nicht erreichbar. Dort erwies sich die Große Bahama Bank als alles beeinflussendes Hindernis. Dagegen lag die Cat Cays mit ihrer Westseite fast unmittelbar an der tiefen Florida-Straße. Nur von Westen her konnte man sich also der Inselgruppe nähern, und dabei galt es, die vorgelagerten Riffs genau zu beachten.

3.

„Schade“, sagte Old Donegal enttäuscht. „Wirklich schade, daß sie sich nicht gegenseitig die Schädel eingeschlagen haben.“

Ed Carberrys Miene spiegelte Entrüstung.

„Schade nennst du das? Ein Glück, sage ich! So bleibt uns wenigstens das Vergnügen, ihnen was auf die Nuß zu klopfen.“

Die Männer lachten glucksend.

„Langsam reicht’s mir!“ fauchte der alte O’Flynn. „Deine ewigen Widerworte gehen mir verdammt auf den Nerv, Mister Carberry. Du treibst es noch so weit, daß ich dir Redeverbot erteilen muß.“

Der Profos spielte den Erschrockenen, schlug sich mit der flachen Hand vor den Mund und sperrte die Augen weit auf.

„Ach du liebe Güte“, sagte er in gekünsteltem Respekt. „Das würde mir aber gar nicht gefallen, den ganzen Tag das Schott halten zu müssen.“

„Eben drum“, sagte Old Donegal, dem der Spott nicht aufging. „Deshalb wär’s ja auch die passende Strafe für dich. Dabei solltest du als Profos eigentlich am besten wissen, was Disziplin ist und was nicht.“

„Langsam werde ich ganz klein und häßlich“, sagte Ed Carberry offenbar geknickt. „Da kann man mal sehen, daß man selbst als Profos noch aufpassen muß, wenn man unter einem gestrengen Kapitän fährt.“

Old O’Flynn faßte das als Kompliment auf und grinste in seiner Felsendeckung vor sich hin.

Wieder war es der Kutscher, der die Aufmerksamkeit der „Empress“-Mannen in naheliegende Bahnen lenkte.

„Darf ich die Gentlemen Kapitän und Profos höflichst darauf hinweisen, daß sich bei der Galeone etwas Entscheidendes tut? Wenn mich meine Augen nicht täuschen, ist das Floß auf südlichen Kurs gegangen. Noch etwas erscheint mir wesentlich: Der Mann, der ganz vorn hockt, hat soeben begonnen, zu loten.“

Old Donegal kniff die Augen zusammen und spähte angespannt auf die Bucht hinaus.

„Verdammt“, sagte er, „die haben doch tatsächlich vor, ihren Pott näher ans Ufer zu legen.“

Carberry konnte ausnahmsweise nicht widersprechen.

„Was das bedeutet, dürfte ja wohl klar sein“, sagte er. „Die wollen ihre Kanonen einsetzen, damit eine Gruppe im Feuerschutz landen kann.“

„Vier Kanonen an Backbord“, sagte Stenmark wegwerfend, „und nur noch drei an Steuerbord, weil ihnen die eine auseinandergeflogen ist. Das ist ja nun nicht gerade ein überwältigender Feuerschutz.“

„Wenn wir uns entsprechend verteilen und laufend die Deckungen wechseln“, fügte Martin Correa hinzu, „dann werden wir damit fertig.“

Die anderen nickten zustimmend.

Unvermittelt ertönte von dem Floß der Spanier wildes, begeistertes Gebrüll Deutlich war immer wieder ein triumphierendes „Hurra“ herauszuhören.

„Sehen wir uns die Sache mal aus der Nähe an“, entschied Old Donegal kurzerhand. „Die Amigos sind ja vor Freude völlig aus dem. Häuschen.“

Im Schutz der Uferfelsen und des Gestrüpps drangen sie gut gedeckt in südlicher Richtung vor und verharrten kurz darauf auf gleicher Höhe mit dem Floß.

Es zeigte sich, daß die vier Floßfahrer fündig geworden waren. Ungefähr fünfzig Yards südlich des Ankerplatzes der „San Jacinto“ hatten sie eine Stelle gefunden, die dem Ufer fast dreißig Yards näher war als die derzeitige Position der Galeone. Und eifrig loteten die Strolche des verrückten Kapitäns weiter und stießen von Minute zu Minute näher ans Ufer vor.

Ein Krächzen tönte plötzlich durch die sonst stille Bucht. Erstaunt hoben die Mannen von der verschwundenen „Empress of Sea II.“ den Kopf.

Was da flügelklatschend über sie hinwegsauste, war knallrot und pfeilförmig mit seinen ausgebreiteten Flügeln.

„Der elende Geier!“ flüsterte Old Donegal. „Schon wieder!“

Carberry sandte einen fragenden Blick zu den Zwillingen, ballte hinter dem Rücken des alten O’Flynn die Hände zu Fäusten und schüttelte mißbilligend und fassungslos den Kopf.

Die Söhne des Seewolfs konnten nur die Schultern hochziehen. Für alle anderen, die in die Sicherungsverwahrung des roten Vogels nicht eingeweiht gewesen waren, bestand ja ohnehin nur die Tatsache, daß der Papagei unverhofft aus einem selbstgewählten Versteck wieder aufgetaucht war.

Philip und Hasard konnten es sich indessen nur so erklären, daß Sir John den Öffnungsspalt des Kistendeckels genutzt haben mußte, um sich zu befreien. Irgendwie mußte es ihm gelungen sein, mit seinem starken Schnabel die Verzurrungen zu erreichen und sie durchzubeißen.

Was die Jungen sich bereits ausgemalt hatten, geschah tatsächlich.

Sir John flatterte im Direktkurs auf die „San Jacinto“ zu, stieg bis über die Höhe der Masttoppen auf und drehte zwei Ehrenrunden. Da ihm aber niemand Aufmerksamkeit schenkte, weder durch einen Pistolenschuß noch durch einen gebrüllten Fluch, nahm er sich das Floß als Ziel vor, zu dem alle an Bord der Galeone neugierig hinüberstarrten.

Die Kerle, die wie gebannt auf das Loten achteten, bemerkten den Papagei nicht sofort. Doch nach der ersten Runde, hoch über ihren Köpfen, ließ er sich mit schriller Stimme vernehmen.

„Culos de mono!“ Das bedeutete nicht mehr und nicht weniger als: „Affenärsche!“

Die Kerle auf dem Floß zuckten zusammen, und der Lotgast vergaß für den Moment sogar seine wichtige Tätigkeit. Entgeistert spähten sie hoch und sahen den kreisenden Papagei, der sie schon auf der Insel der „Viento Este“ so sehr verblüfft hatte.

Abermals schleuderte der Vogel ein „Affenärsche!“ in spanischer Sprache auf sie nieder.

„Jetzt reicht’s“, zischte einer der beiden Musketenschützen, ließ seine Langwaffe sinken und riß die Pistole aus dem Gurt.

„Hol es vom Himmel, das verdammte Flattervieh!“ rief der Mann am Wriggriemen.

Der Pistolenschuß krachte, und Sir John stieß ein schrilles Zetern aus, das nicht enden wollte. Nach einer Tirade von Schimpfwörtern, die allesamt aus dem Sprachschatz Ed Carberrys stammten, ergriff er mit Kurs auf den Strand die Flucht – gerade noch rechtzeitig, um auch der zweiten Pistolenkugel zu entgehen.

„Die schießen auf unseren Sir John!“ rief der alte O’Flynn grollend. „Das geht zu weit!“

Während der Papagei pfeilschnell in der Höhlenöffnung verschwand, erholte sich Stenmark als erster von der Überraschung über den plötzlichen Sinneswandel Old Donegals.

Die Kerle auf dem Floß hatten sich fast bis auf Musketenschußweite genähert.

Kurz entschlossen brachte der blonde Schwede seine Muskete in Anschlag und versuchte es mit einem Steilschuß. Krachend entlud sich die Langwaffe, und die Männer in der Felsendeckung hielten den Atem an.

Im nächsten Moment war vom Floß wildes Geschrei zu hören.

Old Donegal und seine Gefährten riskierten einen Blick. Der Lotgast preßte beide Hände auf den linken Oberschenkel und jammerte. Die anderen brüllten vor Schreck und vor panischer Angst, ebenfalls getroffen zu werden. Der Wrigger wendete in fliegender Hast und trieb das Floß zurück. Einer der beiden Musketenschützen war noch geistesgegenwärtig genug, eine Markierungsboje als Ansteuerungspunkt für die Galeone außenbords zu werfen.

„Alle Achtung“, sagte Old O’Flynn mit einem anerkennenden Seitenblick zu Stenmark, „auch wenn’s ein Zufallstreffer war.“

„Stimmt nicht“, widersprach der Schwede. „Ich habe gefeuert, um zu treffen. Und ich habe getroffen. Die Kugel streifte den Mann am linken Oberschenkel und schlug dann in ein Rundholz.“

„Und haargenau so hast du’s natürlich vorgehabt“, erwiderte Old Donegal grinsend.

„Klar doch“, behauptete Stenmark, ohne mit der Wimper zu zucken.

Das Floß war längsseits gegangen, und die drei Unverletzten hatten dem Mann mit der Beinschußwunde geholfen, über die Jakobsleiter aufzuentern.

Julio Acosta hatte seine erhöhte Kapitänsposition auf dem Achterdeck eingenommen und beobachtete das Geschehen auf der Kuhl. Er hatte ein Fäßchen Rotwein als Extraration an Deck schaffen lassen. Nach dem dürftigen Mittagsmahl, das aus gesottenen roten Bohnen mit Speck und Pökelfleisch bestand, sollte der Wein die Nerven der Kerle entspannen. Es war den gemeinsamen Zielen absolut nicht förderlich, wenn sie sich in gereizter Stimmung befanden.

Prado und Morro hatten es persönlich übernommen, die Beinwunde des Lotgasten zu versorgen. Natürlich, überlegte Acosta, mußten sich die beiden Schlitzohren wieder wichtig machen. Sie ließen einfach nicht locker damit, ihren Einfluß bei der Mannschaft auszubauen.

Acosta hatte verfügt, daß nach dem Backen und Banken zunächst eine einstündige Pause eingelegt wurde, bevor man begann, die „San Jacinto“ an die von der Floßbesatzung entdeckte Position zu verholen. Der Schwarzbärtige brauchte diese Ruhefrist auch für sich selbst, um einen klaren Kopf zu kriegen.

Es gab nun einmal gewisse Probleme, die er nicht einfach dadurch vom Tisch fegen konnte, daß er seine Vorgesetztenfunktion als unantastbar betrachtete. Damit gaukelte er sich nur selbst etwas vor. Das mußte er zugeben, wenn er ehrlich zu sich selbst war.

Seine Autorität war erheblich angeknackst, und der Grund lag in den Fehlern, die er begangen hatte. Es war unklug und unbeherrscht gewesen, voll einsatzfähige Männer einfach über die Klinge springen zu lassen.

Die Idee, mittels der kleinen Jolle am Strand einen Brückenkopf bilden zu lassen, war auch nicht gerade eine geistige Glanzleistung gewesen. Das Ergebnis hatte es bewiesen.

Alles in allem hatte er sich beträchtliche Sympathien verscherzt – ja, er mußte ehrlicherweise zugeben, daß er sich im Grunde alles selbst eingebrockt hatte, woran er jetzt zu kauen hatte.

Angefangen hatte es mit dem verrückten Papagei, der jetzt schon wieder aufgetaucht war – wie, um ihn zu verhöhnen. Das sprachgewandte Vieh mußte mit dem Teufel im Bunde stehen, da es sich nicht mit einer Pistolenkugel aus der Luft holen ließ.

Verdammt, ja, das war es! Der Gehörnte hatte den Papagei geschickt. Zwar war das ein höchst brauchbarer Fingerzeig auf den Verbleib des Goldes gewesen, aber es war auch von dem betreffenden Augenblick an alles schiefgelaufen.

Die Erklärung genügte Acosta, um sich damit vor sich selbst zu rechtfertigen. Der Höllenfürst hatte ihm das Hirn umnebelt, denn anderenfalls hätte er sich niemals dazu hinreißen lassen, eigene Leute ins Jenseits zu befördern. Jawohl, so und nicht anders mußte es gewesen sein.

Jetzt brauchte er nur eine geeignete Methode, um bei den Kerlen wieder volles Vertrauen und unumstößliche Autorität zu genießen.

Minutenlang beobachtete er die Kerle, wie sie auf der Kuhl ihren Rotwein schlürften und mit den üblichen unflätigen Lauten kundtaten, daß sie sich hemmungslos vollgefressen hatten.

Die Idee entsprang seinen suchenden Gedanken ohne Ankündigung, und er beglückwünschte sich insgeheim dafür. Noch vor wenigen Stunden wäre er nicht einmal im Traum auf eine solche Idee verfallen. Jetzt aber erschien sie ihm als die ideale Methode zur Beseitigung aller Schwierigkeiten.

Man mußte den Einfaltspinseln den kleinen Finger geben und sie in dem Glauben wiegen, daß sie die ganze Hand erhalten hatten.

„Prado und Morro zu mir“, sagte Acosta energisch und übertönte das Stimmengemurmel auf der Kuhl. „Lagebesprechung!“

Schlagartig wurde es still. Alle Blicke richteten sich zum Achterdeck. Der Bootsmann der „Viento Este“ blinzelte ungläubig, und sein dürrer Gefährte legte die Stirn in ein Wellenmuster von Falten.

„Was soll denn das nun wieder heißen?“ entgegnete Prado mit der nach Acostas Meinung plumpen Direktheit des einfachen Mannes, der weder Fingerspitzengefühl noch Anstand kannte.

Der Schwarzbärtige bewahrte dennoch seine deutlich zur Schau gestellte Überlegenheit.

„Ich will keine eigenen Entscheidungen mehr treffen“, sagte er rundheraus. „Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, daß dabei nichts Gutes herauskommt. Also noch mal: In fünf Minuten Lagebesprechung in der Kapitänskammer.“

Es verfehlte seine Wirkung nicht. Während er über den Backbord-Niedergang abenterte und würdevoll in Richtung Achterdeckskammern schritt, sah er an den Mienen Prados und Morros, daß sie sich geschmeichelt fühlten.

Genau das hatte er erreichen wollen. Indem er sie zu seinen Vertrauten ernannte, brachte er sie in eine Distanz von den Decksleuten und näher an sich heran. Die Gefahr einer offenen Meuterei gegen ihn wurde damit geringer.

Er betrat die Kapitänskammer, in der ihn sein Vorgänger auf der „San Jacinto“, de Llebre, so hinterhältig hatte aushorchen wollen. Er war froh, daß er seinerzeit richtig reagiert und den Spieß kurzerhand umgedreht hatte. Jene Umsicht und jene zielsichere Tatkraft, die er dabei an den Tag gelegt hatte, mußte nun auch wieder bestimmend für sein Verhalten als Kommandant dieses Schiffes sein.

Zum Teufel, mit einer fünfzehnköpfigen Crew war die Galeone bereits hoffnungslos unterbemannt. Auf ein Seegefecht durfte er sich mit so einem winzigen Haufen niemals einlassen, und wenn sie in einen Sturm geraten sollten, dann hing ihr Leben buchstäblich an dem so oft erwähnten dünnen Faden.

Nein, er durfte sich auf keinen Fall zu weiteren Wutausbrüchen hinreißen lassen. Und er mußte die Kerle unter Kontrolle halten, indem Prado und Morro seine Vertrauenspersonen wurden. Jedem Vordecksaffen, dem man ein bißchen Kompetenz gab, schwoll erfahrungsgemäß vor Stolz die Brust.

Er entkorkte eine Flasche Rum aus de Llebres Vorräten, karibischer Rum von der besten Sorte. Zusammen mit drei Bechern stellte er sie auf den Tisch. Dann zog er den bequemen Stuhl seines Vorgängers heran und setzte sich ans Kopfende des Tisches.

Die Schritte der beiden Männer polterten pünktlich heran. Ihre Bewegungen waren tapsig, als sie eintraten. Acosta beobachtete es und ließ sich nicht anmerken, wie er sich insgeheim darüber amüsierte.

Die Kapitänskammer war eine ihnen fremde Umgebung, in der sie sich unbehaglich fühlten. Damit hatte er einen klaren Vorteil: Sie würden es als etwas Besonderes betrachten, wenn er sich mit ihnen auf eine Stufe stellte.

„Setzt euch und genießt einen edlen Tropfen mit mir“, sagte er mit einer einladenden Handbewegung. „Was wir als nächstes unternehmen, will genau und in aller Ruhe bedacht werden.“

Prado und Morro setzten sich linkisch. Acosta füllte die Becher jeweils zur Hälfte mit dem hochprozentigen Rum und prostete den beiden Teilnehmern seiner Lagebesprechung zu.

Er trank einen Schluck und ließ seinen Becher mit einem wohligen Laut wieder sinken.

„Wir wollen die Vergangenheit auf sich beruhen lassen“, sagte er mit jener Betonung, wie er sie bei feierlichen Ansprachen gehört hatte. „In der Vergangenheit hat es Fehler gegeben, die nicht wieder geschehen dürfen. Wir müssen mit aller Kraft bestrebt sein, jetzt ans Ziel zu gelangen.“

„Die Fehler haben nicht wir begangen“, sagte Prado über den Rand seines Bechers hinweg. Er hatte dabei das „Wir“ betont.

Acosta verzog unwillig das Gesicht. Da war sie wieder, diese plumpe Direktheit, von der er gern Abstand halten wollte, je mehr er sich mit seinem selbstgewählten Kapitänsrang identifizierte.

„Darüber bin ich mir im klaren“, sagte er versöhnlich. „Eben deshalb habe ich euch ja auch zu dieser Lagebesprechung gebeten. Natürlich kann ich nicht jede Einzelheit mit jedem erörtern. Was ich brauche, sind zuverlässige Gewährsleute, die die Crew vertreten. Über Offiziersränge und dergleichen können wir später reden, wenn wir unsere wichtigste Aufgabe bewältigt haben und eine vollständige Mannschaft in Heuer nehmen.“

In den Augen des Bootsmanns und des dürren Decksmanns entstand ein Funkeln. Sie hatten den Köder angenommen. Acosta bemerkte es mit Genugtuung.

„Ich sehe da überhaupt keine Schwierigkeiten mehr“, sagte Morro breit und lehnte sich zurück. „Wir haben eine passende Stelle gefunden und brauchen nur noch dort zu ankern. Dann bepflastern wir den Strand mit unseren Neunzehnpfündern, bis die ganze verdammte Insel sturmreif ist.“

„Hört sich sehr einfach an“, sagte Prado, „aber ich würde da doch nicht so verdammt sicher sein. Es gibt ein paar Kleinigkeiten, die mir nicht gefallen.“

„Was für Kleinigkeiten?“ stieß Morro hervor, und es klang wie das Zuschnappen eines Hundes.

„Alles in allem haben wir vier Geschütze, die wir auf einmal einsetzen können. Damit erreichen wir keine Feuergeschwindigkeit, die die Kerle in Deckung zwingt. Und richtig bepflastern können wir den Strand schon gar nicht.“

Der Dürre schüttelte den Kopf.

„Geschütze sind Geschütze“, entgegnete er halsstarrig. „Und wenn wir sie damit nur einschüchtern, dann reicht das schon. Die verdammten Bastarde haben nur Musketen, wenn ich’s richtig mitgekriegt habe.“

„Sehr richtig!“ rief Prado. „Das ist ein weiterer Punkt. Das Floß war nahe genug am Strand, so daß sie mit einer Muskete hinlangen konnten. Immerhin haben wir seitdem einen Verwundeten.“

„Zufallstreffer“, erklärte Morro.

„Egal“, entgegnete der Bootsmann mit einer heftigen Handbewegung. Er hatte sich in Eifer geredet. „Wir liegen mit der Galeone an der neuen Position, das heißt, auch in Musketenreichweite. Ob Zufallstreffer oder nicht – wir müssen dann dauernd damit rechnen, daß uns Blei um die Ohren fliegt.“

Morro schüttelte den Kopf.

„Dann setzen wir eben auch Musketenschützen ein.“

„Wo willst du denn so viele Leute hernehmen? Wir brauchen eine Geschützbedienung, normalerweise mindestens zwei Mann für jede Kanone. Dann vier Mann für das Floß. Macht zwölf. Bleiben nur noch drei Mann und unser Kapitän.“

Beide warfen einen Seitenblick zu Acosta, der die Kuppen der gespreizten Finger aneinandergelegt hatte und interessiert zuhörte.

„Na und?“ sagte der Dürre brummend. „Das reicht doch für die Musketen, oder?“

„Dann haben wir niemanden mehr für das Schiff!“ schrie Prado unbeherrscht. „Und für Unvorhergesehenes erst recht nicht.“

„Ruhig Blut, Señores, ruhig Blut“, mahnte der Schwarzbärtige mit einer dämpfenden Handbewegung. „Vorläufig sind das alles noch ungefangene Fische. Ich meine, wir sollten zunächst einmal die Position einnehmen, die unsere Floßbesatzung entdeckt hat. Daß wir mit Musketenschüssen rechnen müssen, wissen wir. Wir werden entsprechend vorsichtig sein. Andererseits glaube ich nicht, daß die Bastarde ihre Munition sinnlos verschwenden. Die wissen doch genauso wie wir, daß sie mit Zufallstreffern kaum etwas ausrichten können.“

„Und unsere Kanonen?“ wandte Prado ein. „Wenn sie nun nicht ausreichen, um die Insel sturmreif zu schießen?“

Acosta tat, als überlege er.

„Wir werden unsere Floßbesatzung nicht sofort losschicken“, sagte er schließlich. „Erst mal erproben wir die Wirkung der Geschütze. Erst wenn wir wissen, mit welcher Taktik wir die Bastarde am besten in Schach halten, wird unser Landetrupp in Marsch gesetzt.“

Prado zog anerkennend die Augenbrauen hoch.

„Sehr gut. Bist du bereit, das Ganze auch abzublasen, wenn sich herausstellt, daß es keinen Zweck hat?“

„Natürlich“, erwiderte der Schwarzbärtige sofort. „Dann müssen wir uns eben etwas anderes einfallen lassen. Wer einen vernünftigen Vorschlag hat, soll sich bei mir melden. Gebt das an die Männer weiter.“

Der Bootsmann und sein dürrer Gefährte nickten beeindruckt.

„Ich denke“, sagte Prado, „so kriegen wir es hin.“

„Müßte mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht klappt“, fügte Morro hinzu.

„Den Teufel laßt lieber aus dem Spiel“, sagte Acosta und füllte die Becher noch einmal zur Hälfte mit Rum. „Der verflixte Kerl könnte sonst noch auf die Idee verfallen, uns einen Streich zu spielen.“

Die Männer prosteten sich zu und lachten. Es klang eine Spur übertrieben, mit einem deutlichen Hauch von Unbehagen angereichert. Völlig abwegig, den Eindruck hatten sie alle drei, war die Furcht vor dem Teufel nicht.

Indessen wußten sie nur zu gut, daß ihr Vorhaben noch eine Menge Unwägbarkeiten in sich barg. Das hing auch mit der Tatsache zusammen, daß die Kerle auf der Insel ziemlich gewiefte Burschen waren, die sich nicht so leicht überrumpeln lassen würden.

Mit Schaudern dachten Acosta und seine beiden neuen Vertrauten daran zurück, wie ihnen nachts die Beiboote gestohlen und die Ankertrosse gekappt worden war. So etwas durfte nicht noch einmal passieren. Nein, wer auch immer zur Ankerwache eingeteilt wurde, er würde es sich nicht erlauben, während seiner Wache sanft zu schlummern.

Das abschreckende Beispiel der standrechtlichen Erschießung hatten alle noch in bester Erinnerung. Und schließlich, so sagte sich Acosta, brauchten sie nicht zu wissen, daß er sich hüten würde; ein weiteres Mannschaftsmitglied ohne triftigen Grund zu erschießen.

Nachdem sie ihre Rumbecher geleert hatten, begaben sie sich gemeinsam an Deck. Acosta erteilte den Männern Order, sich im Halbkreis zu versammeln. In einer salbungsvollen Ansprache ließ er die Kerle wissen, auf welchen Entschluß sich die „Schiffsführung“ geeinigt habe.

Prado und Morro, die sich nicht zuletzt dank des Rums zu durchaus freundschaftlichen Gefühlen für Acosta durchgerungen hatten, nickten zu jedem Satz beipflichtend.

Der Schwarzbärtige nahm es mit stiller Freude zur Kenntnis. Seine Taktik hatte sich als richtig erwiesen. Andererseits war er sich darüber klar, daß man bei Burschen wie Prado und Morro jederzeit mit einem Stimmungsumschwung rechnen mußte.

Im Augenblick aber bestimmte allein die Goldgier ihr gemeinsames Handeln. Acosta begab sich auf das Achterdeck und beobachtete zufrieden, wie Prado und Morro die Männer einteilten. Dann übernahm der Bootsmann das Ruder, während sich Morro an der vorderen Balustrade der Back postierte, um ihm mit Handzeichen genaue Anweisungen für den richtigen Kurs zu geben.

Lediglich mit dem Focksegel tastete sich die „San Jacinto“ der Stelle entgegen, die von der Floßmannschaft mit der Boje markiert worden war. Der Nordostenwind wehte mit mäßiger Kraft, was der Behutsamkeit der Männer an Bord der Galeone sehr entgegenkam.

Acosta behielt mit dem Spektiv nahezu ununterbrochen den Strand im Auge. Zwar rührte sich dort nichts, aber er war dennoch überzeugt, daß ihn die Bastarde genauso aufmerksam beäugten wie er sie.

Schließlich bargen die Männer das Tuch. Der Steuerbord-Buganker rauschte auf Tiefe und faßte sofort – vermutlich irgendwo in einer bizarren Korallenformation. Acosta dachte an den Backbordanker, der irgendwo in der Nähe des bisherigen Liegeplatzes für immer auf Grund bleiben würde. Die verfluchten Goldräuber waren dafür verantwortlich. Noch einmal sollte ihnen so etwas nicht gelingen.

Er ließ das Spektiv sinken, klemmte es unter den Arm und rieb sich voller Vorfreude die Hände. Gleich würde es den Bastarden an den Kragen gehen. Dann sollten sie zum ersten Male die Sprache der Bordgeschütze verstehen lernen.

Acosta konnte nicht ahnen, daß ihm erneut ein Strich durch die Rechnung gemacht werden sollte – diesmal allerdings nicht von den Goldräubern, sondern von einer Macht, auf die niemand Einfluß hatte.

4.

Die Naturgewalten hatten sich zu einem launischen Spiel entschlossen.

Dieser Meinung war jedenfalls Old Donegal Daniel O’Flynn, als er sah, was kurz nach der Mittagsstunde geschah. Carberry und die anderen waren nicht weniger entgeistert, aber der alte O’Flynn verzichtete darauf, ihnen seine Mutmaßungen mitzuteilen. Natürlich würden sie wieder herumalbern, wenn er ihnen seine Theorien über das Eigenleben gewisser Mächte auseinandersetzte, die sich außerhalb menschlicher Kontrolle befanden.

Zunächst war es eine kaum merkliche Veränderung.

Old Donegal beobachtete Plymmie, die dösend bei den Zwillingen hinter der Felsendeckung lag. Ohne erkennbaren Grund hob die Wolfshündin plötzlich den Kopf und schnupperte. Dabei blähte sie die Nasenflügel, und es sah aus, als hätte sie eine Witterung aufgenommen. Doch weder auf der Wasserfläche der Bucht noch am Strand gab es irgend etwas Erkennbares, was sich dem Versteck der Männer genähert hätte.

Dem alten O’Flynn fiel indessen auf, daß sich die Hündin nicht wieder zur Ruhe bettete. Sie richtete sich auf und strich mit sichtlicher Unruhe um die Zwillinge herum.

„Platz, Plymmie!“ rief Hasard junior halblaut.

„Sonst fängst du noch eine verirrte Kugel ein“, sagte Philip, „zuzutrauen ist den Dons alles.“

Old Donegal grinste. Die Jungen wußten schon verdammt gut, auf was es ankam. Er war überzeugt, daß sie Sir John bei ihrem kurzen Aufenthalt in der Felsengrotte befreit hatten. Aber es spielte keine Rolle mehr. Sein Groll war geschwunden, nachdem sich die Fronten geklärt hatten. Mit dem Versteckspiel war es seit diesem Morgen ohnehin vorbei.

Die Jungen mußten Plymmie immer wieder ermahnen, liegenzubleiben. Der alte O’Flynn beobachtete es, und eine seltsame Ahnung stieg in ihm auf. Etwas Unvorhergesehenes würde geschehen. Ja, das spürte er jetzt in allen Knochen. Und ein dumpfes Pochen in seinem Holzbein ließ vermuten, daß dieses Unvorhergesehene etwas mit dem Wetter zu tun hatte.

Er warf den Männern in seiner Nähe einen Seitenblick zu. Sie unterhielten sich über belangloses Zeug – wie üblich. Sinnlos, ihnen verklaren zu wollen, daß sich etwas zusammenbraute. Sie würden es eben erst mitkriegen, wenn es soweit war.

Old Donegal empfand sich wieder einmal voller Stolz als jemand, der in die Zukunft sehen konnte – und wenn es auch nur ein kleines Stück war.

Minuten später wurde es auch den anderen aus dem Bund der Korsaren klar – wenngleich sie nach Old O’Flynns fester Überzeugung die Tragweite beileibe noch nicht kannten.

Der Wind frischte auf.

Old Donegal meinte, gleichzeitig zu spüren, daß sich auch der salzig-frische Geruch der Luft veränderte. Was da von Nordosten handiger herangefächert wurde, roch nach Unrat.

Wiederum nach Minuten geschah etwas, was selbst den, alten O’Flynn verblüffte.

Der Wind begann zu drehen.

Während er noch weiter auffrischte, drehte dieser verrückte Wind doch tatsächlich unablässig – langsam und im Uhrzeigersinn. Es hatte fast den Anschein, als wollten die launischen Naturgewalten dies zu einer ständigen Einrichtung werden lassen.

Die Gespräche der Männer verstummten. Voller Spannung spähten sie nun zur „San Jacinto“, wo der sich anbahnende Wetterumschwung mit noch größerer Aufmerksamkeit verfolgt wurde.

Grinsend linste Old Donegal durch seinen Kieker und stellte fest, daß der verrückte Schwarzbart und seine Kerle erst einmal das Klarieren der Geschütze einstellten.

Nervös klingende Befehlsfetzen wehten zum Strand herüber.

Carberry schüttelte verständnislos den Kopf.

„Diese Armleuchter haben doch wohl alle eine Planke vorm Gehirn, was, wie? Wenn ich an deren Stelle wäre, würde ich schleunigst aus den Riffs verschwinden.“

Daß der Wind ernsthaften Verdruß bereiten würde, war inzwischen keine bloße Vermutung mehr. Er hatte von Nordosten über Osten bis nach Süden gedreht und stabilisierte sich noch immer nicht.

„Du bist aber nicht an ihrer Stelle, Ed“, sagte Stenmark. „Anscheinend kannst du dir nicht vorstellen, zu was die Gier nach Gold einen Menschen treiben kann.“

„Zum größten Blödsinn“, entgegnete der Profos und nickte. „Das haben wir ja oft genug erlebt. Aber begreifen kann ich’s trotzdem nicht.“

Old Donegal lachte leise meckernd.

„Da sieht man mal wieder, was dir so alles an Vorstellungsvermögen fehlt, Mister Carberry. Ich habe dir und den anderen oft genug gesagt, daß es zwischen Himmel und Erde …“

„… Dinge gibt, von denen wir armseligen Menschenkinder nicht die leiseste Ahnung haben“, beteten die Männer seinen altbekannten Spruch im Chor zu Ende.

Mit einem wütenden Ruck setzte Old Donegal sein Spektiv an und spähte auf die Bucht hinaus. Seinem Gesichtsausdruck sahen die anderen an, daß sie ihn mal wieder gernhaben konnten.

„Das ist nicht zu fassen!“ schrie Acosta und stampfte mit dem linken Fuß auf die Achterdecksplanken, daß es krachte. „Das kann doch einfach nicht wahr sein!“

„Ist es aber“, sagte Prado trocken. „Dieser Wind spielt verrückt.“

Morro lief über die Kuhl auf den Steuerbordniedergang zu und meldete Vollzug. Die Männer hatten sämtliches Tuch überprüft und die Geitaue noch einmal sorgfältig festgezurrt. Es fehlte noch, daß ein etwaiger Sturm ihnen die Lappen aus dem Gei fetzte und zerriß. Bei der Nachlässigkeit der Kerle wäre auch so etwas kein Wunder gewesen. Daran zweifelte Acosta nicht.

„Und was jetzt?“ fragte der Dürre vom Niedergang her. „Nehmen wir die Halunken am Strand jetzt endlich unter Feuer?“

Acosta benagte seine Unterlippe und suchte nach einer Antwort. Der Wind drehte noch immer und wehte jetzt aus südwestlichen Richtungen. Die „San Jacinto“ schwojte beträchtlich an der langen Ankertrosse. Auf die Dauer war das kein Zustand. Wenn der verdammte Wind so weiterdrehte, konnten sie bald die Backbordgeschütze verwenden, ohne daß sie dafür selbst ein Manöver durchführen mußten.

Prado erlöste den Schwarzbärtigen von seiner Antwortsuche.

„He, he, seht euch das mal an!“ rief der Bootsmann von der Heckbalustrade her.

Acosta folgte der Aufforderung bereitwillig. Morro enterte auf und lief ihm nach wie ein hechelnder Hund.

Der Wind hatte mittlerweile bis fast nach Westen gedreht und noch mehr aufgefrischt.

Was Prado in Aufregung versetzte, sahen Acosta und der Dürre, ohne zweimal hinschauen zu müssen. Zum Greifen nahe ragten scharfkantige Riff-Formationen aus dem schäumenden Wasser. Das Achterschiff war einer Grundberührung gefährlich nahe. Wie es aussah, war es nur noch eine Frage der Zeit, wann die „San Jacinto“ mit dem Heck aufbrummte.

Damit war das Beschießen des Strandes vorerst in weite Ferne gerückt. Das sah auch Morro ein.

Acosta scheuchte die Kerle an das Ankerspill, und das seewärtige Verwarpen ging einigermaßen zügig vonstatten. Das mußte er zugeben, obwohl ihm vor Nervosität die Haarwurzeln kribbelten. Er verfluchte die Goldräuber dafür, daß er jetzt ohne einen zweiten Buganker auskommen mußte.

Angesichts der Schaumkronen auf den heranrollenden Wogen und der zunehmend düsteren Färbung der See war jedoch das Schlimmste zu befürchten. Prado und Morro teilten Acostas Meinung, daß sie ohne einen zweiten Anker in zu große Gefahr gerieten. Deshalb gab es nur eine einzige Lösung, die eigene Sicherheit auszubauen.

Alle Hände wurden eingesetzt, um den Heckanker an Deck zu hieven. Verglichen mit der anschließenden Plackerei war das noch eine beinahe leichte Übung. Den Kerlen lief der Schweiß in Strömen über die Gesichter, als sie den schweren Stockanker über Poop, Kuhl und Back nach vorn schleppten und ihn schließlich an Backbord mittels einer neu angeschlagenen Trosse abfierten.

Drei Mann hatten unterdessen das Floß besetzt und nahmen den Anker in Empfang. Der Wrigger hatte höllische Mühe, das plumpe Wasserfahrzeug überhaupt in Bewegung zu bringen. Die beiden anderen unterstützten ihn mit Riemen, die sie etwa mittschiffs in behelfsmäßigen Dollen führten. Dennoch erreichte das Floß mit seiner schweren Last nur behäbige Fahrt, die Wellen spülten immer wieder über die tiefliegenden Rundhölzer hinweg.

Acosta und die anderen beobachteten, wie sich die Floßbesatzung Yard um Yard buchstäblich erkämpfen mußte. Der Wind war ihr größter Gegner, und die Zeit verrann rasend schnell.

Als es endlich gelungen war, den zweiten Anker in passabler Entfernung auszubringen, brach bereits die Dämmerung herein. Triefend naß und keuchend kehrten die Kerle vom Floß an Bord zurück. Acosta ließ die Laternen anzünden und Extrarationen Rum ausgeben. Der Wind heulte um das Schiff und ließ die Wogen in entnervendem Rhythmus gegen die Außenbeplankung klatschen.

Irgendwann, in der Behaglichkeit der Kapitänskammer, dachte Acosta daran, daß die seemännische Vernunft eigentlich geboten hätte, ankerauf zu gehen und sich von dieser gefährlichen Riffküste freizukreuzen.

Aber an erster Stelle stand das Gold. Der Schwarzbärtige war überzeugt, daß man in einem solchen Fall nicht nur mit Vernunftmaßstäben handeln konnte.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, dachte er siegesgewiß.

Auch nach Einbruch der Dunkelheit ließ der Wind nicht nach, sondern legte eher noch etwas zu.

Ungefährdet hatten der Kutscher und die Zwillinge über die Jakobsleiter in die Felsengrotte auf entern und Verpflegung herbeischaffen können. Zum Hinunterspülen von Hartbrot, Pökelfleisch und gedörrten Früchten gab es spanischen Rotwein aus handlichen Fässern.

Old Donegal hatte die Männer hinter einem der größeren Uferfelsen zusammengerufen, wo sie riskieren konnten, eine Laterne mit schwacher Flamme brennen zu lassen. Der Lichtschein drang nicht über den Felsen hinaus.

Die Zwillinge waren zwanzig Yards entfernt hinter Ufergestrüpp am südlichen Hang in Stellung gegangen. Ihre Aufgabe war es, die „San Jacinto“ unablässig zu beobachten. Seit der Rückkehr der Floßmannschaft hatte sich drüben an Bord nichts mehr getan. Doch die Ruhe konnte trügerisch sein. Nicht einmal der Teufel wußte vermutlich, auf was für hirnrissige Ideen die Dons noch kamen. Immerhin verhinderte der harte Westwind zunächst, daß sie ihre Bordgeschütze auf den Strand abfeuerten.

„Die Frage ist“, sagte Old Donegal nach einem ausgiebigen Schluck Rotwein, „ob wir diese Nacht noch einmal eine Aktion gegen die Galeone starten. Schlechte Vorzeichen kann ich jedenfalls nicht entdecken.“

„Kein Wunder, bei der Dunkelheit“, sagte Carberry, und im rötlichen Lampenschein wirkte sein Grinsen beinahe boshaft.

Der alte O’Flynn versuchte es diesmal mit einer anderen Methode. Er tat, als hätte er die Bemerkung des Profos überhaupt nicht gehört. Und es funktionierte.

Der Kutscher ergriff das Wort, alle Aufmerksamkeit lenkte sich auf ihn, was dazu führte, daß Carberrys Bemerkung unterging, ohne von einem der Männer wirklich beachtet zu werden.

„Die Gelegenheit für eine Aktion wäre günstig“, sagte der Kombüsenmann in jener etwas geschraubt klingenden Sprache, die er sich in seiner Zeit bei Sir Anthony Freemont in Plymouth angewöhnt hatte. „Die Spanier dürften kaum damit rechnen, daß wir ein zweites Mal auf ähnliche Weise zuschlagen wie zuvor. Außerdem deutet alles darauf hin, daß sie den Westwind abflauen lassen wollen, bevor sie selbst etwas unternehmen.“

„Woher willst du das wissen?“ sagte Martin Correa. „Vielleicht haben sie von uns gelernt und schleichen sich heimlich mit ihrem Floß an.“

„Ausgeschlossen“, entgegnete der Kutscher. „Das Floß trägt nur vier Mann. Sie wissen also, daß sie zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen wären. Außerdem können sie zur Zeit ihre Geschütze nicht abfeuern. Für ein Landeunternehmen gäbe es folglich keinen Feuerschutz.“

„Die stoßen sich nicht noch einmal die Nase“, sagte Stenmark im Brustton der Überzeugung. „Was mit ihrer kleinen Jolle passiert ist, werden sie nicht so schnell vergessen.“

„Anzunehmen“, entgegnete Old Donegal und nickte. „Dann sind wir uns also einig, daß wir in dieser Nacht noch einmal losschlagen?“ Er blickte fragend in die Runde.

Die Männer brummten zustimmend. Es gab keine Gegenstimme.

„In Ordnung“, fuhr der alte O’Flynn fort. „Dann fragt sich nur noch, was wir uns diesmal einfallen lassen. Die gleiche Prozedur wie beim letzten Mal? Kappen wir die Ankertrossen, brummen sie diesmal allerdings im Handumdrehen auf.“

„Ich meine, wir sollten ihnen auch zusätzlich ein bißchen das Ruder verkeilen“, sagte Ed Carberry. „Genug Jollen haben wir jetzt ja, und wenn wir schon mal dran sind, warum dann nicht gleich ganze Arbeit leisten?“

Im Laternenlicht grinsten die Männer sich an.

„Guter Vorschlag“, sagte Sven Nyberg.

„Finde ich auch“, ließ sich Nils Larsen vernehmen. „Ich bin dafür, daß wir das so durchführen, wie Ed gesagt hat.“

Old Donegal murmelte widerstrebend Zustimmung. Er ließ noch einmal abstimmen, und das Ergebnis war einmütig.

Besser, etwas zu unternehmen, als die Hände in den Schoß zu legen und darauf zu warten, ob der Gegner etwas tat. Das war die Überzeugung der Männer vom Bund der Korsaren, und der Beschluß wurde entsprechend zügig in die Tat umgesetzt. Als Ausrüstung wurden Hartholzkeile, mit Lappen umwickelte Hämmer und die vom Kutscher geschärften Entermesser zusammengetragen.

Außerdem wendeten die Männer erneut das schon bewährte Rezept des Kombüsenmanns an, die Dollen der Boote mit Schmalz einzufetten. Auf diese Weise, das hatte sich gezeigt, gaben die Riemen beim Pullen nicht das leiseste Knarren von sich.

Es war zwei Stunden nach Mitternacht, als die Männer ihr Unternehmen begannen. Ein weiterer günstiger Umstand hatte sich dazugesellt: eine dichte Wolkendecke schottete das Licht von Mond und Sternen ab. Es herrschte völlige Finsternis, und die Männer hatten Mühe, auch nur die Hand vor Augen zu erkennen.

„Die wahre Nacht für Diebe und Halunken“, sagte Ed Carberry, während er eine der Jollen gemeinsam mit Stenmark klarierte. Als „gelernte Ankerkapper“ waren sie bereits ein eingespieltes Team, und es hatte deshalb keine Diskussion darüber gegeben, daß sie diese Aufgabe auch jetzt wieder übernehmen würden.

Der blonde Schwede lachte leise.

„Fehlt bloß noch, daß wir mit irgendwelchen lichtscheuen Elementen den Kurs kreuzen.“

„Wenn, dann kann so was nur auf einem Floß unterwegs sein“, entgegnete Carberry, und jeder der anderen konnte sich vorstellen, welches Grinsen dabei sein Narbengesicht kerbte.

Nils Larsen und Sven Nyberg übernahmen eine weitere Jolle. Ihre Aufgabe würde es sein, das Ruder zu verkeilen. Das sollte geschehen, bevor Carberry und Stenmark die Ankertrosse durchsäbelten. Mit dieser Verfahrensweise, so rechneten sich die Arwenacks aus, würde der Erfolg wahrhaft durchschlagend sein.

Behutsam verstauten sie Waffen, Munition und Ausrüstung zwischen den Duchten der beiden Jollen, die sie ebenso vorsichtig an den Strand geschoben hatten. Die Jolle der „Empress“ blieb zurück.

Das stete Heulen des Windes half den Männern um Old Donegal Daniel O’Flynn. Sie konnten sicher sein, daß die Dons weder hörten, geschweige denn sahen, was sich am Strand abspielte.

Martin Correa, der Kutscher und die Zwillinge halfen mit, bis die Jollen genügend Wasser unter dem Kiel hatten. Dann kehrten sie in ihre Deckung zurück, und die Zwillinge begaben sich erneut auf ihren Ausguckposten.

Mit lautlosen Riemenschlägen entfernten sich die Jollen und wurden buchstäblich von der Dunkelheit verschluckt.

Auf der „San Jacinto“ waren drei Lampen gesetzt – achtern, mittschiffs und auf der Back. Schemenhaft konnten Hasard und Philip die Wachen erkennen. Der schwarzbärtige Kapitän hatte diesmal zwei Mann eingeteilt. Offenkundig war er aus Schaden klug geworden. Ob klug genug, würde sich noch zeigen.

Carberry, Stenmark und die beiden Dänen wurden unterdessen hart gefordert. Der Westwind trieb ihnen machtvolle Wogen entgegen, und beträchtlich war auch der Winddruck, den die Bootsrümpfe mit ihrer Angriffsfläche zu schlucken hatten.

Entsprechend kraftvoll mußten sich die Männer in die Riemen legen und sich überdies noch anstrengen, den Kurs auf das Heck der Galeone zu halten. Immer wieder drohten sie abzudriften, sobald sie den Bug nicht präzise in den Wind hielten.

Dann, nach Minuten, die sich endlos dehnten, ließ der Druck von vorn spürbar nach. Carberry spähte voraus. Der hoch aufragende Schatten des Achterschiffs der „San Jacinto“ war nur dank der Hecklaterne zu erkennen, wobei die unteren Seitenlinien bereits in der Dunkelheit verschwammen. Der matte Lichtkreis der Laterne reichte nur bis zur Heckgalerie. In einer der Achterdeckskammern, vermutlich der Kapitänskammer, blakte ebenfalls noch ein schwaches Licht. Das Ruderblatt lag völlig im Dunkeln.

Je höher sich die beiden Boote an das Heck der Galeone schoben, desto mehr verringerte sich der Winddruck. Das Wasser war weniger kabbelig, und den Männern fiel es leichter, geräuschlos zu pullen.

Ed Carberry und Stenmark verhielten in zwanzig Yards Entfernung vom Schiffsheck. Mittels sanfter Riemenbewegungen hielt der Schwede das Boot auf Position. Carberry schnappte sich eine der Musketen und spähte aus schmalen Augen zur Heckbalustrade des Spaniers.

Noch rührte sich dort oben nichts. Jede Bewegung wäre im Licht der Hecklaterne jedoch sofort zu erkennen gewesen.

Lautlos glitt die Jolle mit Nils Larsen und Sven Nyberg auf das Heck der Galeone zu. Schon in zehn Yards Entfernung von ihren Gefährten waren die beiden Männer und das Boot nicht einmal mehr als Schattenrisse eindeutig zu erkennen.

Sven Nyberg übernahm beide Riemen allein und bugsierte die Jolle mit mäßiger Fahrt in die Finsternis zwischen Ruderblatt und Schiffsheck. Nils Larsen hatte sich unterdessen am Bug aufgerichtet.

Weich und glitschig fühlte sich der Algenbewuchs, des Ruderblatts an, den er im nächsten Moment ertastete. Er stieß einen Zischlaut aus, und sofort stellte sein Landsmann das ohnehin schwache Pullen ein. Nils Larsen verhinderte, daß das Dollbord gegen das Ruderblatt stieß und dabei einen verräterischen Laut verursachte.

Vorsichtig holte Sven Nyberg die Riemen ein und packte das Ruderblatt an der achteren Kante, damit die Jolle nicht abtrieb.

Nils Larsen hatte unterdessen schon den ersten Hartholzkeil bereit, stieß ihn mit der Hand zwischen Ruderblattvorderkante und Achtersteven und sorgte mit dem lappenumwickelten Hammer für festen Sitz.

Für den zweiten Keil lavierten die Männer ihre Jolle vorsichtig um das Ruderblatt herum. Nur wenige Minuten waren verstrichen, als Nils Larsen danach auch das zweite Stück Hartholz festgerammt hatte. Nicht einmal Carberry und Stenmark hatten die gedämpften Hammerschläge gehört. Es war also so gut wie ausgeschlossen, daß die Kerle an Bord der „San Jacinto“ etwas bemerkt hatten.

Die Dänen stießen die Jolle ab und kehrten zu ihren Gefährten zurück. Gemeinsam verholten sie daraufhin mit beiden Booten nach voraus – was abermals in Knochenarbeit ausartete, denn es gab nun keinen Windschutz mehr.

Gischtfahnen wehten ihnen um die Ohren, und die Wogen schmetterten gegen die nicht gerade schnittig geformten Bootsbeplankungen. Die Männer hatten keine Zeit, darüber zu grinsen, daß es die Jollen der „San Jacinto“ waren, die sie benutzten, um eben jene Galeone in einen lahmen Eimer zu verwandeln. Ihre Muskelkraft und ihre Ausdauer wurde diesmal auf das Äußerste gefordert, denn es bestand größte Gefahr, daß sie vom Wind gegen die Backbordwand des Spaniers gedrückt wurden.

Immerhin rührte sich aber an Bord der „San Jacinto“ nichts. Die Kerle hatten also nichts von dem mitgekriegt, was sich da soeben am Heck ihres feinen Schiffes abgespielt hatte. Genaugenommen mußten die Ankerwachen Bohnen in den Ohren haben.

Carberry und seine Gefährten frohlockten mit solchen Gedanken zu früh. Das mußten sie begreifen, als sie sich etwa in Höhe der Back befanden.

Kurz nacheinander klatschten zwei Riemenblätter auf das Wasser. In der Dunkelheit war nicht einmal zu erkennen, wer es verursacht hatte. Fest stand, daß es in dem Kabbelwasser ohnehin höllisch schwierig war, die Riemen stetig und ohne jeden Fehler zu führen.

Es waren zwei schmetternde Schläge, die die Riemenblätter verursachten – auch im Tosen des Windes überdeutlich zu hören.

„Himmel, Arsch und Wolkenbruch“, fluchte Ed Carberry leise. „Jetzt haben wir gleich das schönste Theater am Hals.“

Er sollte sich nicht täuschen, und vor allem war es weder ein amüsantes noch ein amouröses Theater, wie es Roger Lutz auf der Galeone der Komödianten erlebt hatte. Hier handelte es sich um jene Art von Theater, bei der der Donner hinter den Kulissen echt war.

Carberry war bereits auf eine der vorderen Duchten gewechselt und hatte Stenmark den Riemen übergeben, als oben über der Verschanzung der Kuhl die Silhouette eines Mannes auftauchte – wie ein Scherenschnitt vor dem hellen Hintergrund des Laternenlichts. Einen Augenblick verharrte der Kerl regungslos vor Schreck, das war zu erkennen.

Ed Carberry, brauchte nur diese Sekunde, um eine Muskete hochzubringen und anzuschlagen.

„Alarm!“ schrie der Spanier mit sich überschlagender Stimme. „Alarm! Zwei Boote längsseits! Alarm! Zwei Boote an Backbord! O Himmel, das sind unsere Boote.“ Bei den letzten Worten wurde er leiser, fast andächtig.

Carberry jagte ihm eine Kugel haarscharf über den Kopf hinweg. Aus der zweiten Jolle feuerte Nils Larsen. Beide hatten genügend geladene Musketen bereit, damit sie wenigstens einen kleinen Vorsprung herausholen konnten.

Auf der „San Jacinto“ pflanzte sich das Geschrei fort. Heisere Männerstimmen waren nun auch aus den Unterdecksräumen zu hören, sehr rasch erreichte es die Kuhl, und Schritte von harten Stiefeln dröhnten über die Planken der Kuhl.

Nur noch für Sekunden hielten sich Carberry und Larsen die Spanier auf Abstand. Dann peitschten die ersten Musketenschüsse von der Galeone.

In der Dunkelheit hatten sie beträchtliche Mühe, überhaupt ein Ziel zu erkennen. Doch immerhin – auch der Zufall konnte gefährlich werden. Das bekamen die Männer in den Jollen zu spüren, als kurz nacheinander zwei Kugeln ins Wasser klatschten – den Booten schon verteufelt nahe.

Die Jollen befanden sich jetzt etwa in Höhe der Galion.

An Bord der „San Jacinto“ begannen die Kerle, auf die Back zu eilen. Schon krachten die ersten Schüsse aus der für die Dons günstigeren Position.

Carberry und Nils Larsen gaben es auf. Alle Musketen waren leergeschossen, und zum Nachladen blieb jetzt ohnehin keine Zeit. Das beste war eindeutig, das Weite zu suchen. Carberry und Nils Larsen begaben sich zu ihren Gefährten auf die mittlere Ducht, und während sich die Mündungsblitze auf dem Vorschiff der „San Jacinto“ verdichteten, erhöhten die beiden Jollen ihre Fahrt.

Die Dunkelheit war ihr bester Schutz. Einmal schlug eine Kugel in die Achterducht der Carberry-Stenmark-Jolle. Doch alle anderen Geschosse peitschten nur das ohnehin aufgewühlte Wasser.

„Fackeln!“ ertönte eine gellende Stimme an Bord der Galeone. „Zündet Fackeln an und schleudert sie außenbords! Dann können wir die Hurensöhne besser aufs Korn nehmen!“

Begeistertes Gebrüll war die Reaktion.

Die Männer vom Bund der Korsaren erhöhten ihre Schlagzahl. Über sich erkannten sie die Trosse des Backbordankers – zu hoch jedoch, um sie gewissermaßen im Vorbeigehen doch noch zu kappen. Die Trosse des zweiten Ankers sahen sie schon nicht mehr, denn sie holten in einem weiten Bogen vor dem Bug der Galeone aus, um aus der Reichweite der Musketen zu gelangen.

Und dann half ihnen der Westwind, als sie auf Ostkurs gingen. Der Fackelplan der Spanier verfehlte seine Wirkung, denn sie konnten das Pechfeuer nicht weit genug schleudern, um die fliehenden Jollen damit noch aus der Dunkelheit zu holen. So blieben es auch jetzt nur etwaige Zufallstreffer, vor denen Ed Carberry und seine Gefährten sich fürchten mußten.

Sie blieben verschont.

Nach und nach verebbte das Knattern der Musketen auf der „San Jacinto“, während sie mit rauschender Fahrt in die Bucht stießen. Den Wind von achtern zu haben, erschien ihnen jetzt geradezu als ein Geschenk des Himmels.

Die Freunde am Strand konnten auf Heimlichtuerei verzichten und waren mit Laternen zur Stelle. Mit vereinten Kräften zogen sie die Jollen hoch an Land und bargen Waffen, Munition und Ausrüstung. Dann begaben sie sich hinter den hohen Uferfelsen, wo der Kutscher mit einem wohltuenden Punsch aufwartete.

Ed Carberry erstattete Bericht und endete mit einem Fluch, nachdem er erwähnt hatte, daß es ihnen nicht mehr gelungen war, die Ankertrossen zu kappen.

„Aber wenigstens habt ihr das Ruder blockiert“, sagte der Kutscher. „Und wenn die Dons nichts davon gemerkt haben, ist das schon eine ganze Menge.“

Old Donegal ordnete an, daß sich die Zwillinge für den weiteren Verlauf der Nacht im Vier-Stunden-Rhythmus ablösen sollten. Wenn nötig, konnte der jeweilige Ausguck die Männer innerhalb von Sekunden wecken. Doch es sah nicht so aus, als ob der Wind nachlassen würde. Die Spanier verfügten nach wie vor nur über ihr jämmerliches Floß. Es war also nicht damit zu rechnen, daß sie in dieser Nacht noch etwas unternehmen würden.

5.

Hinter grauen Dunstschwaden kroch der Morgen des 9. Juli herauf. Die Wetterlage hatte sich nicht nennenswert geändert. Die Windstärke war unvermindert, und noch immer wehte der handige Geselle aus westlicher Richtung. Lediglich die Wolkendecke riß von Zeit zu Zeit auf und schloß sich im nächsten Moment wieder. Der Nebel, der über der See lag, schien zum Schneiden dick.

Hasard Killigrew junior hatte sich eine Decke übergeworfen, denn in diesen ersten Stunden eines neuen Tages geriet man doch leicht ins Frösteln, wenn man bewegungslos an einem Fleck ausharren mußte.

Er hatte sich bei der letzten Ablösung einen Brotkanten mitgebracht, an dem er jetzt kaute, um sein unvermeidliches Hungergefühl zu dämpfen. An das warme Frühstück, das der Kutscher bereiten würde, durfte er gar nicht denken, denn dann wurde ihm erst richtig flau im Magen. Die Männer staunten nur immer, was Philip und er so alles vertilgen konnten, bis sie endlich einmal richtig satt waren.

Die Erklärung, die sie alle sofort bereit hatten, lautete dann immer, daß die Sprößlinge des Seewolfs eben etwas Kräftiges in die Knochen brauchten, weil sie noch im Wachstum begriffen waren.

Hasard und Philip hörten solche Sprüche nicht übermäßig gern, da sie sich schon recht ausgewachsen fühlten. Immerhin standen sie mittlerweile in den meisten Bereichen der täglichen Anforderungen ihren Mann, und es gab sowieso keine Aufgabe, vor der sie sich etwa gedrückt hätten.

Plymmie hatte sich zu Hasards Füßen zusammengerollt und schlief wie ein Murmeltier. Der Junge wußte aber, daß die Wolfshündin sogar im Schlaf eine Gefahr schon dann witterte, wenn „ihre“ Menschen noch nicht einmal das geringste davon ahnten.

Was die „San Jacinto“ betraf, hatten die Männer richtig vermutet. Die Dons hatten keine Neigung verspürt, noch in der Nacht irgend etwas zu unternehmen.

Offenbar hatten sie es vorgezogen, sich in ihre Kojen zu packen und die Strohsäcke abzuhorchen. Vielleicht hatten sie vorher auch noch ein Quantum Rum oder Wein genossen, um die richtige „Kojenschwere“ zu erlangen.

Hasard blickte nachdenklich zu der Galeone hinüber und dachte darüber nach, durch was Menschen wohl ihre unterschiedlichen Verhaltensweisen erwarben. Gab es sie wirklich, eine typisch englische Art und eine typisch spanische Art?

Sein Vater, so wußte Hasard aus vielen Gesprächen, war dagegen, Menschen aufgrund von Vorurteilen innerhalb enger Bereiche einzustufen. In allen Ländern der Welt, so pflegte der Seewolf stets zu sagen, gibt es diese und jene Menschen. Die Engländer sind nicht besser als die Spanier, und wer das nicht begreifen will, formt sich ein ungerechtfertigtes Feindbild.

Gewiß, nach dem Willen der Majestäten – Elizabeth I. auf der einen und Philipp II. auf der anderen Seite – befanden sich die Weltmacht Spanien und das als Seemacht noch junge England im Kriegszustand. Doch berechtigte das einen Engländer, jeden Spanier rundweg als bösen Feind abzuqualifizieren?

Nein, sagte sich Hasard junior, die Engländer gehören genausowenig einer bestimmten Sorte Mensch an, wie das bei den Spaniern der Fall ist.

Nicht alle Dons waren faul und träge wie jene dort auf der „San Jacinto“. Nicht alle Engländer waren aber auch fair und geradeaus wie die Arwenacks. Don Juan de Alcazar, der sich dem Bund der Korsaren angeschlossen hatte, war das eine gute Beispiel. Und Sir John Killigrew, der Galgenstrick aus Cornwall, war das schlechte Beispiel andererseits.

Hasard erinnerte sich an die Schwierigkeiten, die die Seewölfe in England erlebt und die letztlich dazu geführt hatten, der Alten Welt endgültig Lebewohl zu sagen. In keinem Land dieser Welt war fraglos alles nur zum Besten gestellt. Intriganten- und Verbrechertum gab es hüben wie drüben. Das lehrte die Erfahrung, und am besten konnte man es erkennen, wenn man sich die Geschichte des Seewolfs und seiner Gefährten einmal vor Augen hielt.

Daß die Kerle an Bord der „San Jacinto“ nicht zur aufrichtigen spanischen Kategorie gehörten, war dem Sohn des Seewolfs längst klargeworden. Einiges erschien höchst merkwürdig an dieser Galeone, wenn man es sich in Ruhe überlegte.

Die „Viento Este“, vor der Nachbarinsel aufs Riff gebrummt, hatte als Einzelfahrer eine höchst wertvolle Goldladung in den Laderäumen gehabt. Mit allen verfügbaren Jollen war die Schiffsbesatzung losgesegelt, um Florida zu erreichen.

Zweifellos hatten der Kapitän und seine Offiziere aber nicht nur vorgehabt, sich an Land als beklagenswerte Schiffbrüchige umsorgen zu lassen. Wenn man folgerichtig überlegte, konnte der Kapitän unter keinen Umständen vorgehabt haben, die „Viento Este“ einfach im Stich zu lassen.

Nein, wenn dieser Kapitän ein Mann von der aufrichtigen Sorte war, dann mußte für ihn die Pflichterfüllung an erster Stelle stehen. Und die Pflicht besagte in seinem Fall, daß er das Gold seinem rechtmäßigen Eigentümer zuführen mußte – nämlich dem König von Spanien. Darüber mochte man denken, wie man wollte, doch in Sachen Pflichtauffassung war der persönliche Spielraum eben nicht besonders groß.

Merkwürdig also, daß nur diese „San Jacinto“ aufgekreuzt war, um wegen des Havaristen und seiner Ladung nach dem Rechten zu sehen – noch dazu mit einer relativ kleinen Crew an Bord, die man nicht anders als einen Haufen von Galgenstricken bezeichnen konnte.

Wenn sich der Kapitän der „Viento Este“ nach Fort St. Augustine durchgeschlagen hatte – was nach Lage der Dinge wahrscheinlich gewesen wäre –, dann hatte als logische Konsequenz ein kleiner Verband aufmarschieren müssen, der zumindest aus Bergungs- und Bewacherschiffen bestand.

Statt dessen war lediglich dieser armselige Handelsfahrer mit mäßiger Armierung und einer zahlenschwachen Besatzung erschienen. Einer Besatzung überdies, die sich weniger von seemännischen Grundsätzen als von menschlichen Schwächen leiten ließ.

Die Gier nach Gold war bei diesen Kerlen unverkennbar.

Hasard liebte es, als sinnvolle Zeitausfüllung das Aneinanderfügen von Fakten zu betreiben und daraus Schlußfolgerungen zu ziehen, mögliche Konsequenzen in ihrer Tragweite gegeneinander abzuwägen und für sich selbst die Entscheidung zu treffen, die er an der Stelle der Erwachsenen getroffen hätte, die die Verantwortung trugen.

Die Folgerungen waren in diesem Fall einfach.

Der Kapitän der „Viento Este“ befand sich nicht an Bord der „San Jacinto“.

Der Schwarzbärtige, der das Kommando an Bord führte, war auch nicht der Kapitän der „San Jacinto“, denn er und seine Galgenstricke hatten sich dieses Schiff angeeignet, um sich die Goldladung der „Viento Este“ zu holen.

Woher aber hatten sie die Position der aufgebrummten Gold-Galeone gekannt?

Darauf gab es nach Hasards Erkenntnis nur eine mögliche Antwort: Die Kerle unter dem Schwarzbart hatten zur ursprünglichen Besatzung der „Viento Este“ gehört. Daraus folgerte wiederum, daß sie sich den unglückseligen Kapitän des Einzelfahrers irgendwie vom Hals geschafft hatten.

Es war Mordgesindel, was sich an Bord der „San Jacinto“ befand.

Eine andere Erklärung gab es nicht, so sehr Hasard auch sein Hirn anstrengte. Dieses Mordgesindel würde alles daran setzen, um in den Besitz des Goldes zu gelangen. Das hatte der Schwarzbärtige in der jüngsten Vergangenheit bewiesen, als er sinnlos Männer opferte, ohne über die Erfolgsaussichten einer Aktion ausreichend nachzudenken.

Deshalb, und das war die nächste Folgerung, mußte man mit dem Schlimmsten rechnen. Dieser Gegner war nicht mit normalen Maßstäben zu messen, Fairneß durfte man gar nicht erst voraussetzen. Und obwohl die Kerle kein Beiboot mehr hatten, würden sie sich noch die bösartigsten Tricks einfallen lassen, um doch noch in der Bucht zu landen.

Dieser neue Tag, das spürte Hasard, konnte bereits die Entscheidung bringen. Aber es konnte ebensogut eine Menge Überraschungen geben. Schließlich wußte bestenfalls der Teufel, welche hinterhältige Taktik die Mörderbande an Bord der „San Jacinto“ ausbrütete.

Unvermittelt hob Plymmie den Kopf und schnupperte. Hasard strich ihr lächelnd über das Fell. Allein an ihren Augen sah er, daß es keine Gefahr war, die da drohte oder sich näherte. Vielmehr etwas Vertrautes, Altbekanntes.

Sekunden später sauste dieses Vertraute in der Gestalt von rotem Gefieder heran. Ein greller Farbtupfer, der sich aus dem Dunst vor der steilen Felswand löste und zielstrebig auf das Ufergestrüpp am südlichen Hang zuhielt.

Mit einem kurzen Flügelklatschen landete Sir John auf der Schulter des: Jungen. Als wollte er sich einschmeicheln, rieb der Papagei seinen Kopf an Hasards Ohr. Der Junge gab ihm einen Brocken Hartbrot, und der Krummschnabel Sir Johns begann sich mit mahlenden Geräuschen zu bewegen. Dazu ließ er leise, rollende Laute des Wohlbehagens hören.

„Untersteh dich, jetzt herumzukrakeelen“, sagte Hasard warnend. „Die Männer schlafen noch, auch Philip. Wenn du sie aufweckst, drehe ich dir den Hals um, und Mister O’Flynn erlebt die größte Freude seines Lebens.“

Sir John schien zu begreifen, was der Sohn des Seewolfs meinte, und wenn es nur der ernste Tonfall war, aus dem er es heraushörte.

Als sich die Morgennebel zu lichten begannen, nahm Hasard das Spektiv und bezog den höher gelegenen Ausguckposten oberhalb der Felsengrotte. Sir John blieb beharrlich auf seiner Schulter, als wollte er nachholen, was ihm während der zurückliegenden Stunden an menschlicher Nähe gefehlt hatte. Plymmie trottete mit lautlos-federnden Bewegungen neben dem Jungen her.

Aus der erhöhten Position beobachtete Hasard als erstes die Galeone, die draußen im Riffgürtel an den Ankertrossen schwojte. Obwohl sie die „San Jacinto“ aus der ärgsten Gefahrenzone westwärts verwarpt und den zusätzlichen Anker ausgebracht hatten, war es nach Hasards Überzeugung doch sträflicher Leichtsinn, den die Kerle da an den Tag legten. Alleiniges Ziel dieser völlig unvernünftigen Maßnahme konnte es nur sein, daß sie bei der ersten sich bietenden Gelegenheit den Strand mit den Bordgeschützen unter Feuer nahmen.

Wenn es der Wind nicht wollte, würde daraus so schnell nichts werden.

Hasard hob den Kieker und spähte zu den Decks der Galeone. Obwohl das Tageslicht schon vor mindestens einer halben Stunde eingesetzt hatte, waren die Lampen der „San Jacinto“ noch nicht gelöscht worden. Der Sohn des Seewolfs glaubte seinen Augen nicht zu trauen.

Eine der beiden Ankerwachen döste auf einer Taurolle vor dem Steuerbordniedergang zur Back. Der zweite Kerl lag auf der vorderen Grätingsluke, wo die warme Luft aus den Unterdecksräumen heraufstieg.

Es war unbegreiflich. Hasard konnte es beim besten Willen nicht fassen. Da war erst vor ein paar Stunden ein Mann getötet worden, weil er als Wachgänger gedöst hatte. Diese Kerle hatten die Exekution mit eigenen Augen ansehen müssen. Und jetzt leisteten sie sich die gleiche Nachlässigkeit!

Keine Frage, daß sie zu jener spanischen Art gehörten, deren Denken und Tun von unendlicher Trägheit bestimmt wurden.

Und die anderen an Bord der Galeone schliefen offenbar noch immer selig.

Hasard widmete dem Spanier keine weitere Aufmerksamkeit und begann mit seinem nun fälligen Rundblick mit Hilfe des Spektivs. Nach Westen hin hatten sich die Nebelfelder bereits weitgehend aufgelöst, doch die Kimm war nach wie vor im Dunst verschwommen. Der Sohn des Seewolfs schwenkte den Kieker nur langsam und suchte jedes einzelne Nebelfeld gründlich ab.

Der Wind trug seinen Teil dazu bei, daß die Sicht zusehends klarer wurde.

Plötzlich, das Spektiv nach Nordwesten gerichtet, glaubte Hasard, seinen Augen nicht mehr trauen zu können.

Was sich da ein wenig dunstverhangen, aber doch deutlich genug im Okular abzeichnete, hätte man in nordafrikanischen Wüstenregionen als Fata Morgana bezeichnet.

Es war wie ein Schock.

Hasard richtete sich kerzengerade auf. Seine Muskeln spannten sich ungewollt. Er drehte an der Scharfstellung des Kiekers, in der Annahme, das Bild würde dadurch vielleicht verschwinden. Dann spähte er mit bloßem Auge nach Nordosten.

Das Bild blieb.

Es war Wirklichkeit.

Die „Empress of Sea II.“!

Da dümpelte die kleine Karavelle im kabbeligen Wasser, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, daß ein im Sturm verschollenes Schiff auf diese Art und Weise wieder bei seinen Eignern „vorbeischaute“.

Die Position der sacht dahintreibenden „Empress“ war etwa zwischen der ursprünglichen und der jetzigen Insel der Mannen vom Bund der Korsaren.

Hasard wirbelte herum und rannte los, daß Sir John erschrocken hochflatterte und im Steilflug in die Öffnung der Felsengrotte zurückkehrte. Plymmie folgte dem Jungen mit langen Sätzen, wie er zum Strand hinuntereilte.

Als erstes rüttelte er Old Donegal wach.

„Granddad! Mister O’Flynn, Sir! Das glaubst du nicht, das mußt du sehen! So was gibt es einfach nicht!“

Old Donegal, noch im Halbschlaf, rieb sich knurrend die Augen.

„Etwas, was es nicht gibt, brauche ich mir ja wohl nicht anzusehen, oder?“

„Etwas, was es normalerweise nicht geben kann“, verbesserte sich Hasard. „Es handelt sich nämlich um die ‚Empress‘.“

Auch die anderen waren inzwischen wach geworden.

Noch nie hatten sie den alten O’Flynn so schnell aufspringen sehen. Obwohl er ihnen gegenüber mit seinem Holzbein doch erheblich im Nachteil war, erreichte er als erster den südlichen Hang und stapfte neben dem stolz strahlenden Hasard junior aufwärts.

Dann, als sie den Ausguckposten erreichten, stand Old Donegal schlagartig wie erstarrt. Es war, als hätte ihn ein unsichtbarer Blitz getroffen und zur Bewegungsunfähigkeit verdammt.

Die „Empress of Sea II.“ war auch ohne Spektiv einwandfrei zu erkennen, da sich die letzten Nebelschwaden in der kurzen Zeit fast vollständig gelichtet hatten.

„Da ist sie, Mister O’Flynn“, sagte Hasard junior, während nach und nach die anderen eintrafen. „Eine Verwechslung ist ja wohl nicht möglich, denn die ‚Empress‘ gibt’s meines Wissens nur einmal.“

„Teufel, ja, Junge“, flüsterte Old Donegal ergriffen, „da hast du recht. Da hast du verdammt recht. O Mann, o Mann, und da denkt man schon, man müßte eine dritte ‚Empress‘ bauen lassen! Aber nein, was tut dieser Schlickrutscher von einer Karavelle? Taucht einfach, wieder auf, als wäre er nur mal eben vorübergehend in der Versenkung verschwunden!“ Bei den letzten Worten hatte sich die Stimme des Alten vom Flüstern zu begeistertem Gebrüll gesteigert, und gleich darauf war es auch äußerlich mit seiner Ruhe vorbei.

„Sie ist wieder da!“ schrie er und warf die Arme in die Luft. „Sie ist wieder da! Meine liebe kleine ‚Empress‘ ist wieder da!“ Er drehte sich auf der Stelle, tanzte im Kreis und schrie es immer wieder in den Morgen hinaus: „Sie ist wieder da, sie ist zurückgekehrt! Sie hat eine Seele, meine ‚Empress‘! Ohne mich konnte sie es nicht aushalten, ich wußte es doch!“

Ed Carberry und Stenmark wechselten einen vielsagenden Blick.

„Jetzt schnappt er über“, sagte der Profos. „Jetzt hat’s ihn endgültig erwischt. Armer Kerl. Was wird bloß Mary Snugglemouse sagen, wenn wir ihr diesen verrückten Spinner zurückbringen?“

Old Donegal hörte es nicht. Er schrie und tanzte.

„Sie hatte Heimweh, die kleine Süße! Sehnsucht nach mir! Ist es denn zu fassen?“

Stenmark schüttelte mißbilligend den Kopf und warf einen Blick zur Bucht.

„Mit seinem Gezeter weckt er wahrscheinlich sogar die Schnapsleichen auf dem spanischen Eimer auf.“

Der Kutscher nickte schweigend und schritt auf den Tanzenden und Schreienden zu. Ruhig legte er ihm die rechte Hand auf die Schulter und sprach ihn an, als hätte er es wieder einmal mit einer kranken Kuh zu tun.

„Nun ist es genug, Old Donegal. Wenn wir noch lange hier herumstehen und uns nur freuen, wird die ‚Empress‘ sehr bald verschwunden sein. Vielleicht ist dir aufgefallen, daß wir noch immer einen handigen Westwind haben. Wenn wir uns nicht beeilen, verschwindet die ‚Empress‘ tatsächlich auf Nimmerwiedersehen. Darauf kann ich dir Brief und Siegel geben.“

Old O’Flynn ruckte herum und starrte den Kombüsenmann minutenlang erschrocken an.

„Los jetzt!“ sagte er unvermittelt in barschem Befehlston. „Auf was wartet ihr noch? Alle drei Jollen besetzen und dann los! Tempo, Tempo, sonst ziehen uns die verdammten Dons noch einen Strich durch die Rechnung.“

Den Männern blieb keine Zeit, sich über Old Donegals Rückkehr in die Wirklichkeit zu wundern. Denn sie mußten sich höllisch beeilen.

Es hatte nicht ausbleiben können, daß die Kerle auf der „San Jacinto“ mitkriegten, was sich oberhalb der Bucht abspielte. Natürlich hatten sie noch nicht bemerkt, was der Anlaß des plötzlichen Geschreis war. Aber es konnte nur noch eine Frage der Zeit sein, wann sie begriffen, auf welche Weise sich das Blatt gewendet hatte.

Keiner der Männer um Old Donegal Daniel O’Flynn verschwendete einen Gedanken an das Gold, das in der Höhle lagerte.

Die „Empress“ war ihnen wichtiger als jeder irdische Reichtum. In dem Punkt stimmten sie mit Old Donegal überein, wenn sie es auch nicht hinausbrüllten.

Die drei Jollen wurden zu Wasser gebracht, und nachdem die Männer ein Stück gepullt hatten, setzten sie Segel und gingen auf Kurs Nordwest – weit genug entfernt von der „San Jacinto“, die noch immer vor ihren beiden Bugankern lag.

Old Donegal hatte den Platz auf der Achterducht der Empress-Jolle eingenommen. Verstohlen wischte er sich von Zeit zu Zeit über die Augen, doch er konnte den Männern auf den Duchten nicht verheimlichen, daß diese Augen tränenfeucht waren.

Auf der spanischen Galeone hatte unterdessen Geschrei eingesetzt. Gestikulierend hasteten die Kerle an Deck hin und her, nachdem sie minutenlang von der Back aus herübergestarrt hatten.

Die Männer vom Bund der Korsaren beachteten sie nicht. Ihnen erging es kaum anders als dem alten O’Flynn, der vor Rührung wieder völlig stumm geworden war. Ein seltsames Würgen in der Kehle konnte keiner der Männer leugnen, wenn er darüber nachdachte, auf welch wundersame Weise die „Empress“ in Wind und Wetter ausgerechnet hierher, zu den Cat Cays, getrieben worden war.

Man würde es in Zukunft verteufelt schwer haben, dem alten O’Flynn zu widersprechen, wenn der von seinen übersinnlichen Mächten schwafelte. Wie, in aller Welt, sollte man die Rückkehr der „Empress“ mit logischen Begründungen erklären?

6.

Julio Acosta hatte im ersten Moment geglaubt, durchdrehen zu müssen. Was sich diese verfluchten neun Kerle aus der Bucht leisteten, war die unglaublichste Dreistigkeit, die er jemals erlebt hatte.

Nicht genug, daß dieses merkwürdige Gespensterschiff wie aus dem Nichts auftauchte. Nein, die Hurensöhne brachten auch noch ihre Jollen zu Wasser und hielten wie die Verrückten auf diesen kleinen Eimer zu, der ohne eine Menschenseele an Bord dahintrieb!

Acosta nahm sich nicht die Zeit, über die Zusammenhänge nachzudenken, die hinter diesem ganzen rätselhaften Geschehen standen. Er mußte aufpassen, daß ihm die Fäden nicht aus der Hand glitten.

Haargenau das konnte der Fall sein, wenn es den Goldräubern gelang, das Weite zu suchen. Möglich immerhin, daß sie das Gold auf einer anderen Insel versteckt hatten. Oder aber, es befand sich in den Laderäumen dieser kleinen Karavelle. Nein, dazu war der Kahn nicht groß genug. Aber ein Teil des Goldes?

Die Gedanken überschlugen sich in Acostas Kopf.

Er riß sich zusammen und versuchte, in sich selbst und in das Geschehen an Deck Ordnung zu bringen.

Etliche der Kerle waren noch schlaftrunken, wie sie auf der Kuhl durcheinanderpolterten, um Musketen und Munition herbeizuschaffen.

Acosta trat an die achtere Querbalustrade der Back.

„Alle Mann zu mir!“ brüllte er. „Los, los, bewegt euch! Oder wollt ihr, daß die Bastarde uns entwischen?“

Das wirkte ein wenig.

Immerhin schafften sie es, ein Dutzend Musketen auf die Back zu bringen und zu laden. Die Waffen waren nach dem nächtlichen Alarm noch nicht einmal gereinigt worden. Aber zur Not mußte eine Kugel eben auch in einen von Pulverschleim verkrusteten Lauf getrieben werden.

Prado und Morro griffen sich selbst Langwaffen, nachdem sie drei weitere Musketenschützen eingeteilt hatten. Auch Acosta versorgte sich mit einer Waffe.

„Alle anderen laden nach!“ befahl er.

Sie ließen es sich nicht zweimal sagen, gingen zwischen den Niedergängen zur Back in Deckung und hantierten eifrig mit Pulver, Bleikugeln und den langen Läufen.

Der Schwarzbärtige nahm unterdessen die mittlere der drei Jollen aufs Korn, die bei dem Westwind über Steuerbordbug segelten. Prado und Morro feuerten bereits. Auch die Musketen der drei anderen krachten. Fetter, schwarzgrauer Pulverrauch wölkte auf, legte sich beißend in die Atemwege der Männer und wurde gleich darauf vom Wind auseinandergetrieben.

Alle Schüsse lagen zu kurz.

Acosta sah es an den kleinen Fontänen, die hinter den Spiegeln der Jollen aus dem rauhen Wasser gerissen wurden.

Er hatte den Kerl mit dem Holzbein im Visier, der auf der Achterducht der mittleren Jolle hockte. Dieser alte Schrat, der so höhnisch meckernd lachen konnte, sollte die erste wirklich gutgezielte Kugel von der „San Jacinto“ einfangen!

Acosta erhöhte die Visierlinie und versuchte es mit einem Steilschuß, wie er dem Hurensohn am Strand geglückt war, als die Floßbesatzung die Lotungen vorgenommen hatte.

Die Muskete des Schwarzbärtigen spie Feuer, Rauch und Blei. Er hielt den Atem an, ließ die Waffe im Anschlag und wartete darauf, daß der Alte außenbords kippte.

Nichts.

Stur und unerschütterlich hockte der Kerl auf seiner Ducht und ließ sich nicht einmal vom Krachen der Schüsse beeindrucken. Ebensowenig die anderen. Ein verdammter Haufen von Haderlumpen war das, die die Frechheit für sich gepachtet hatten. Acosta glaubte, ein Loch im Segel der mittleren Jolle zu erkennen. Aber auf die Entfernung konnte er es ohne Spektiv nicht genau feststellen.

Er ließ sich eine neue Muskete reichen, während Prado, Morro und die anderen bereits weiterfeuerten.

Wieder ohne Ergebnis. Die Kugeln lagen samt und sonders zu kurz, und mit Steilschüssen hatten weder der Schwarzbärtige noch einer der anderen auch nur ein Quentchen Glück.

„Feuer einstellen“, sagte Acosta resignierend. „Was wir hier treiben, ist nur Munitionsverschwendung.“

Prado und Morro sahen ihn an.

„Und?“ entgegnete der Bootsmann. „Hast du einen besseren Vorschlag?“

„Allerdings“, sagte Acosta grinsend. „Wir setzen Segel und schnappen uns die Bastarde mitsamt ihrem Gespensterkahn.“

„Wozu soll denn das gut sein?“ sagte Morro knurrend und mit gerunzelter Stirn. „Ich denke, das Gold liegt auf der Insel? Mehr wollen wir ja gar nicht. Lassen wir die Kerle doch abhauen.“

„Meine ich auch“, sagte Prado. „Wozu die unnötige Mühe?“

Acosta kniff die Augen zusammen und gab seinem Gesicht einen listigen Ausdruck.

„Das sieht man mal wieder, daß es anscheinend nicht ausreicht, wenn nur zwei Mann denken.“

„Beleidigen können wir uns selber!“ schnappte Morro.

Acosta wedelte mit der Hand.

„Mann, reg dich nicht künstlich auf. Habt ihr schon mal dran gedacht, daß das Gold vielleicht gar nicht auf dieser, sondern auf einer anderen Insel ist?“

Prado und Morro wechselten einen erstaunten Blick.

„Aber das ergibt doch keinen Sinn“, erwiderte der ehemalige Bootsmann der „Viento Este“. „Weshalb sollten sie sich dann hier versteckt haben?“

Der Schwarzbärtige zog die Schultern hoch.

„Kann ja auch sein, daß sie Angst vor uns hatten, oder? Aber ernsthaft: Muß denn immer alles einen Sinn haben? Vielleicht gibt es da Sachen, die wir uns nur nicht zusammenreimen können. Was würdet ihr davon halten, wenn sie das Gold auf eine der anderen Inseln geschafft haben und dann in einem neuen Sturm abgetrieben wurden und hier in der Bucht Schutz fanden? Ihr Kahn taucht durch einen verrückten Zufall wieder auf, und jetzt sind sie total aus dem Häuschen. Kann auch sein, daß sie einen Teil unseres Goldes in diese kleine Karavelle geladen haben.“

Prado rieb sich nachdenklich das Kinn.

Morro zog die Brauen zusammen. In seinen Augen war abzulesen, daß ihm das alles viel zu kompliziert war.

„Was du sagst“, entgegnete Prado nach einer Weile, „kann man nicht ganz vom Tisch wischen.“

„Seht ihr“, sagte Acosta und nickte triumphierend. „Es gibt aber noch zwei andere Gesichtspunkte, die für mich genauso wichtig sind. Erstens: Diese Bastarde haben uns jetzt lange genug zum Narren gehalten. Diesmal müssen wir sie packen. Das Maß ist voll. Die sollen sich nicht einfach ungestraft verdrücken.“

„Wäre für mich nicht so wichtig“, erwiderte Prado. „Deine anderen Punkte klangen vernünftiger.“

„Gut“, erwiderte Acosta. „Dann lege ich noch einen besonders vernünftigen Punkt drauf: Wenn wir die Goldkisten finden – hier oder auf einer anderen Insel –, dann werden wir sie wohl in die Laderäume der ‚San Jacinto‘ schaffen müssen. Schließlich haben wir die Gewürzladung an die Fische verfüttert, damit wir Platz für unsere feinen Goldkisten haben. Solche Kisten sind aber eine ganze Ecke schwerer als handliche Gewürzballen. Habe ich recht?“ Er sah die beiden anderen lauernd an.

Prado fing als erster an zu begreifen. Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Richtig, Acosta, das scheint mir der vernünftigste Grund von allen zu sein!“

Morro sperrte den Mund auf und blickte fragend von einem zum anderen.

„He, was für ein Grund? Von was redet ihr?“

Acosta klopfte ihm auf die Schulter.

„Amigo, du bist doch sonst nicht auf den Kopf gefallen. Was ich sagen will, ist doch ganz einfach: Wir schlagen mehrere Fliegen mit einer Klappe. Und wir schnappen uns die Bastarde, damit sie für uns die Goldkisten von der Insel an Bord unserer Galeone mannen. Jetzt klar?“

Morros Gesicht glättete sich, und er begann zu strahlen.

„Ja, verdammt, das ist es! Wir brauchen sie nur ein bißchen zu bewachen und können im übrigen Däumchen drehen.“ Er hieb sich vor Begeisterung auf die Oberschenkel. „Verdammt noch mal, das ist die Idee des Tages! Nach all den Strapazen können wir uns dann endlich erholen und zusehen, wie andere den Reichtum für uns schleppen.“

Acosta nickte wie zu einem gelehrigen Schüler.

„Daran wirst du dich gewöhnen müssen, Amigo. In Zukunft werden es immer andere sein, die das Schleppen schwerer Lasten für dich besorgen. Ich sage dir, du wirst dich in der ersten Zeit mächtig beherrschen müssen, nicht mehr die Sachen zu tun, die deine Diener für dich erledigen. Reich sein will auch gelernt sein, glaub mir.“

Prado und Morro grinsten begeistert. So plastisch war ihnen die leuchtende Zukunft überhaupt noch nicht vor Augen geführt worden. Aber die Aussichten, die der Schwarzbärtige da schilderte, waren natürlich faszinierend.

„Sag mal“, fragte Prado gedehnt und mit listig-verschlagenem Blick. „Wenn wir die Kerle geschnappt haben und sie die Kisten für uns verladen haben – sollten wir sie dann nicht gleich ganz übernehmen? Als Sklaven meine ich.“

Acosta wiegte den Kopf.

„Würde mir nicht so gefallen. Bei solchen Burschen mußt du dauernd damit rechnen, daß sie dir Schwierigkeiten bereiten. Da wäre es schon besser, sie hier auf der Insel auszusetzen.“

„Wozu über ungefangene Fische reden?“ sagte Morro. „Erst müssen wir unsere lieben Freunde aus der Bucht und die Goldkisten mal haben.“

„Dann nichts wie los“, sagte Acosta siegessicher und wandte sich zu den Kerlen um, die das Gespräch mit großen Augen und offenen Mündern verfolgt hatten. „Steht nicht so faul herum, Kerls! Hievt Anker, setzt Segel, und dann klar bei Bordgeschützen! Los, los, bewegt euch, ihr lahmen Säcke! Morro!“

„Señor Capitán?“ schnarrte der Dürre militärisch.

„Du übernimmst das Ruder. Prado, du treibst die Kerle an, damit sie nicht im Gehen und Stehen einschlafen.“

Die beiden Männer salutierten, und Acosta empfand unbändigen Stolz über seine wiedergewonnene Autorität.

Während alle anderen an Bord in hektische Bewegung gerieten, begab er sich gemessenen Schrittes an seinen Platz auf dem Achterdeck, wo er als Kapitän ja auch hingehörte.

Am Ankerspill asteten sich die Kerle ab, daß die Schweißtropfen auf die Planken fielen. Prado brüllte Kommandos im Takt und sorgte auf diese Weise dafür, daß keiner der Burschen in seinem Eifer nachließ.

Der Rest der Mannschaft war bereits in den Luvwanten des Großmasts aufgeentert. Die gesamte Segelfläche konnten sie nur nach und nach setzen, da die Ankerspillcrew als nächstes an Brassen und Schoten gebraucht wurde. Acosta war sich darüber klar, daß sie sich erst einmal aus der Riffzone freikreuzen mußten, ehe sie die Verfolgung der Bastarde aus der Bucht aufnehmen konnten.

Noch hatten die Kerle das Gespensterschiff nicht erreicht. Acosta beobachtete sie mit dem Spektiv und ärgerte sich von neuem gewaltig, daß er den alten Holzbeinhalunken nicht von der Ducht geholt hatte. Nun, wenn sie erst einmal zur Gefangennahme geschritten waren, würde er an dem Alten ein Exempel statuieren. Dann war mal wieder eine Hinrichtung fällig. Urteilsbegründung: Verspotten des Feindes durch meckerndes und unflätiges Lachen.

Die Exekution würde den anderen Gefangenen erst einmal Respekt beibringen, und schließlich war der Alte mit seiner Beinprothese als Arbeitskraft sowieso nicht viel wert.

Bei diesen Gedanken rieb sich Acosta voller Vorfreude die Hände.

Beide Anker wären mittlerweile hoch, und die Segel füllten sich mit Wind.

„Jetzt zeig, was du kannst!“ rief Acosta dem Dürren zu, der breitbeinig am Ruder stand.

„Darauf kannst du Gift nehmen“, erwiderte Morro selbstsicher, ohne sich umzuwenden.

Acosta nickte grimmig und voller Zuversicht, nahm sein Spektiv und fuhr fort, die drei Jollen zu beobachten.

Sekunden später sträubten sich seine Nackenhaare.

Die „San Jacinto“ krängte nach Steuerbord, statt auf Nordkurs zu gehen und Fahrt aufzunehmen. In Sekundenschnelle nahm die Schrägneigung immer mehr zu. Und gleich darauf geschah das Unfaßbare.

Die Galeone trieb auf das Land zu.

„Was, zum Teufel, ist los?“ brüllte Acosta.

Morro stemmte sich verzweifelt gegen das Ruder.

„Versager!“ schrie er. „Ein Ruderversager!“

Acosta ließ das Spektiv einfach fallen und war mit wenigen Schritten bei ihm.

„Laß mich mal ran, du Schwachlappen“, fauchte er, stieß den Dürren beiseite und packte mit harten Fäusten zu.

Nicht einmal um Fingerbreite ließ sich das Ruder bewegen, sosehr er sich auch abmühte.

„Hölle und Verdammnis!“ brüllte er mit überkippender Stimme. „Das kann doch nicht sein!“ Erst nach Sekunden wurde ihm bewußt, daß alles Abmühen nichts half. Er erwachte wie aus einem Alptraum, wich vom Ruder und stürzte zur Querbalustrade.

Die Kerle standen schreckensstarr auf der Kuhl und beobachteten das Geschehen wie ein wehrloses Kaninchen die Schlange.

„Werft Anker!“ brüllte er. „Beeilt euch, um Himmels willen, werft Anker!“

Sie lösten sich aus ihrer Erstarrung, Prado inbegriffen, und hasteten zur Back.

Zu spät.

Ein jäher Ruck lief durch das Schiff.

Den Schwarzbärtigen riß es von den Beinen wie die meisten anderen auch. Hart schlug er mit dem Hinterkopf auf die Achterdecksplanken, und sekundenlang drehten sich feurige Kreise vor seinen Augen. Voller Entsetzen hörte er dabei das Knirschen, das durch den Schiffsrumpf ging, bis es schließlich endete. Nur noch das Klatschen der Segel und das Singen des Windes in laufendem und stehendem Gut waren jetzt zu hören.

Benommen rappelte Acosta sich auf.

Die nächste Schreckensmeldung vernahm er, bevor er richtig zur Besinnung gelangt war.

„Wassereinbruch im Achterschiff!“ schrie Morro von der Heckbalustrade her. „Und damit du weißt, was los ist, Acosta: Da hat uns jemand das Ruderblatt blockiert.“

Der Schwarzbärtige stürzte nach achtern, und er hatte das Gefühl den Verstand zu verlieren. Mit wenigen Blicken überzeugte er sich von der verheerenden Lage.

An die zweihundert Yards vom Uferstrand entfernt waren sie aufgebrummt. Ein verdammtes Riff hatte ihnen das Achterschiff aufgeritzt, und es suppte herein wie verrückt. Und tatsächlich, deutlich sichtbar zwischen Achtersteven und Vorderkante des Ruderblatts steckten zwei Keile!

Acosta wirbelte herum und schüttelte die Fäuste zu den weit entfernten Jollen.

„Ihr entwischt uns nicht!“ schrie er schrill. „Ich kriege euch, und dann gnade euch Gott! Jeden einzelnen von euch lasse ich vierteilen, das schwöre ich euch!“

Von der Kuhl war heiseres Gebrüll zu hören, das aus Wut und Verzweiflung herrührte.

Morro war der erste, der wieder einen klaren Kopf hatte. Er versetzte Acosta einen Hieb in die Seite. Der Schwarzbärtige zuckte zusammen, wirbelte herum und wollte auf den Dürren losprügeln.

„Reiß dich zusammen!“ schrie Morro. „Verdammt noch mal, dein Geschrei nutzt jetzt überhaupt nichts! Wir müssen lenzen, lenzen, lenzen!“

Einen Atemzug lang starrte der Schwarzbärtige ihn an wie eine fremdartige Erscheinung. Dann rannte er los, zur Querbalustrade. Er überbrüllte das Geschrei auf der Kuhl.

„An die Lenzpumpen, ihr Narren! Wollt ihr euch wohl bewegen, ihr Blödmänner! An die Lenzpumpen, habe ich gesagt!“

Da endlich wurden sie still und befolgten den Befehl.

7.

Old Donegal und seine Mannen hatten beobachtet, was sich achteraus vor der Inselbucht abspielte. Voller Genugtuung hatten sie mitverfolgt, was das blockierte Ruder den Galgenstricken auf der „San Jacinto“ bescherte.

Der alte O’Flynn hatte nicht umhin können, wieder jenes meckernde Lachen anzustimmen, von dem er nicht ahnte, daß es dem Schwarzbärtigen bereits als Grund für ein Todesurteil ausreichte.

Nun aber näherten sie sich der „Empress of Sea II.“, die da führerlos im Kabbelwasser dümpelte und ein bißchen gerupft aussah. Ernsthafte Schäden, das war schon von weitem zu erkennen gewesen, hatte sie nicht davongetragen.

Die Welt hinter Old Donegal und den Männern versank in Bedeutungslosigkeit.

„Die gute alte ‚Empress‘“, flüsterte Old O’Flynn mit erstickter Stimme und drückte damit haargenau das aus, was alle in diesem Moment empfanden.

Die Rührung hatte sie sprachlos werden lassen.

Kein Wort fiel, als sie längsseits gingen, die Jollen vertäuten und eine erste rasche Inspektion der kleinen Karavelle vornahmen.

Mit eherner Miene stelzte Old Donegal zum Achterdeck, nahm seinen angestammten Platz ein und ließ seinen Blick über das Schiff gleiten, das Hesekiel Ramsgate mit meisterhaftem Geschick nach seinen Wünschen und Vorstellungen gebaut hatte. Es war ein vollendetes Werk daraus geworden. Und man konnte es als gütige Wende des Schicksals betrachten, daß dieses Werk nicht den Naturgewalten zum Opfer gefallen war.

Eine höhere, geheimnisvolle Macht mußte die „Empress“ vor schlimmerem Schaden bewahrt haben. Und eben diese Macht mußte sie auch dorthin zurückgeführt haben, wohin sie gehörte.

In meine Hände, dachte Old Donegal voller Ehrfurcht vor jenen Dingen zwischen Himmel und Erde, die ihm rätselhaft waren, an deren Vorhandensein er aber fest glaubte.

Sämtliche Segel waren noch sauber an den Rahruten aufgetucht – wie es der Fall gewesen war, als die „Empress“ in den Wirren des Sturms verschwunden war. Keine Fremden hatten also ihre Hand an das Schiff gelegt. Die wenigen Schäden – hier eine angeknackste Spiere und da ein zerbrochenes Stück Balustrade – waren ausschließlich durch Einwirkung des Sturmes entstanden.

Die Männer waren bereits dabei, die Empress-Jolle an Bord zu hieven und die anderen in Schlepp zu nehmen, nachdem sie die Besegelung unter den Duchten verstaut hatten.

Martin Correas Stimme ließ sich dumpf aus den Unterdecksräumen vernehmen.

„Wasser bis über die Bilge!“ Er streckte den Kopf aus der achteren Luke des Hauptdecks. „Keine Lecks, Sir!“

Old Donegal nickte und lächelte zufrieden. Von seiner Lady „Empress“ hatte er das nicht anders erwartet. Die ließ sich doch nicht von einem hergelaufenen Sturm kleinkriegen, wenn sie nur mal ein bißchen führerlos war! Nein, so etwas schüttelte die Lady mit ein bißchen Bilgenwasser ab, und dann hatte sich der Fall.

„Dann mal an die Lenzpumpen“, sagte Old O’Flynn, und das Faltenmeer seines Gesichts verhärtete sich. „Und anschließend kriegen sie Zunder, die Strolche von der Bucht! Die sollen sich wünschen, nie ihre ungewaschenen Füße auf Schiffsplanken gesetzt zu haben! Denen setzen wir Feuer unter den Hintern, daß sie denken, die Hölle hätte ihren Schlund aufgetan!“

Ed Carberry und die anderen sahen sich grinsend an. Jetzt steigerte sich der Alte zur Höchstform.

Hasard und Philip liefen auf ihn zu. Plymmie war bei ihnen. Nur Sir John hatte es offenbar vorgezogen, an Land in der sicheren Höhle zu bleiben.

„Sir!“ rief Hasard junior. „Das Lenzen übernehmen wir gern!“

„Dann sind die anderen Hände frei zum Segelsetzen“, sagte Philip.

„Und zum Klarieren der Drehbassen“, fügte Hasard hinzu.

„Einverstanden“, erwiderte Old O’Flynn. „Die beiden Killigrew-Junioren übernehmen das Lenzen. Für alle anderen“, er erhöhte seine Lautstärke zum schneidenden Befehlston. „Klarschiff zum Gefecht! Segel setzen und Drehbassen klarieren! Angriff auf den spanischen Dreckeimer!“

Die Männer gerieten in Bewegung. Martin Correa übernahm das Ruder, während die anderen die Zurrings und Geitaue lösten und das Tuch von den Rahruten abwärts rauschen ließen.

Gleich darauf konnte die „Empress of Sea II.“ ihre hervorragenden Eigenschaften als Am-Wind-Segler unter Beweis stellen, und Martin Correa bewies, daß er dieses Musterbeispiel englischer Schiffsbaukunst perfekt beherrscht. Hart über Backbordbug segelnd, ging die kleine Karavelle auf Kurs Südwest und stieß bereits Minuten später an der Nordspitze der Insel vorbei. Der Kurs der „Empress“ bildete nun einen spitzen Winkel zur Nord-Süd-Linie der Insel.

Old Donegal hatte sein Spektiv angesetzt und beobachtete das Geschehen vor der Bucht. Auf dem aufgebrummten Spanier herrschte noch immer Wuhling. Die Kerle schienen kopflos zu sein.

Was auch der Sinn des Ruderblockierens war, dachte Old Donegal voller Genugtuung, und gleich werdet ihr endgültig wie die aufgescheuchten Hühner herumrennen.

Denn offenbar waren die Dons so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß sie noch gar nicht bemerkt hatten, welches neue Verhängnis sich ihnen näherte.

Martin Correa hielt die „Empress“ auf Anweisung Old O’Flynns zunächst weiter auf Kurs Südwest, und sie entfernten sich auf diese Weise von der Insel.

Der Kutscher hatte in der Kombüse Holzkohle entfacht und stellte die Becken mit der Glut für die Lunten bereit. Die Zwillinge waren mit dem Lenzen schon nahezu fertig. Carberry und die anderen hatten die Drehbassen in aller Eile gereinigt und den Rohren die erste Ladung gesetzt.

Die Taktik stand bereits fest. Worte waren darüber nicht mehr zu verlieren. Die Männer um Old O’Flynn zeigten wieder einmal, daß sie eine erprobte und verschworene Gemeinschaft waren, die sich in vielen gefahrvollen Situationen perfekt aufeinander eingespielt hatte.

Nach einer Halse in dreihundert Yards Entfernung von der Insel jagte die „Empress“ im Direktkurs auf die Bucht zu.

„Klar bei vorderen Drehbassen!“ brüllte Old Donegal.

Carberry, der an dem Hinterlader vorn an Steuerbord stand, zeigte klar. Auch Stenmark und die anderen gaben ihr Zeichen der Einsatzbereitschaft.

Die Einzelheiten wurden von Sekunde zu Sekunde deutlicher.

Die „San Jacinto“ war mit dem Bug voraus aufgelaufen. Ihr Achterschiff zeigte seewärts. Und damit bot der Spanier den Angreifern seine verwundbarste Seite.

Old Donegal überzeugte sich mittels des Spektivs, daß seine Kalkulation aufging. Die „Empress of Sea“ rauschte aus dem toten Winkel heraus auf die festsitzende Galeone zu. Denn sie blieben außerhalb des Wirkungsbereichs der Bordgeschütze. Achtern hatte die „San Jacinto“ keine Kanonen, und auch Drehbassen waren oberhalb der Heckbalustrade nicht zu sehen.

Ohnehin zeigte sich keine Seele auf dem Achterdeck.

Die Ursache erkannte Old O’Flynn, als er mit dem Spektiv die Wasserlinie rings um das Achterschiff absuchte. An der Steuerbordseite, knapp unterhalb der Wasserlinie, gluckerte es munter in den Schiffsleib. Also hatten sie an den Lenzpumpen alle Hände voll zu tun, schufteten vermutlich wie die Berserker und hofften, zu retten, was noch zu retten war.

Sie sollten kein Glück damit haben.

Das schwor sich der alte O’Flynn in diesen Minuten.

Augenblicke später war es soweit.

Mühelos fand die „Empress“ ihren Weg durch die Riffs. Wegen ihres geringen Tiefgangs bestand praktisch keine Gefahr, daß sie sich den Bauch aufschlitzte.

„Feuer frei!“ brüllte Old Donegal, als sie auf Schußweite an das Heck der Galeone herangesegelt waren.

Die Spanier, die noch immer nichts mitgekriegt hatten, traf es wie aus heiterem Himmel.

Carberry und Stenmark jagten die Ladungen der beiden vorderen Drehbassen in die Heckgalerie der „San Jacinto“.

Dem Wummern der Schüsse folgte das Bersten und Splittern von Holz und Bleiglas. Die Galerie flog auseinander, und kein Fenster der Achterdeckskammern blieb heil.

Die Männer an Bord der „Empress of Sea“ brüllten den alten Kampfruf aus Cornwall, der schon unendlich viele Gegner zur See in Furcht und Schrecken versetzt hatte.

„Ar – we – nack! Ar – we – nack!“

Es klang wie rollender Donner, und aus den Unterdecksräumen der Galeone drangen jetzt die Entsetzensschreie der Spanier. Ihnen war schockartig klargeworden, in welcher aussichtslosen Lage sie sich befanden.

Martin Correa drehte nach Backbord.

Lässig und elegant, im Vorbeigehen, hämmerten die Männer des alten O’Flynn die Drehbassenladungen von Steuerbord in das Achterschiff und in die Flanke des Spaniers.

Bei diesem Manöver zerschossen sie auch die Vorleine des Floßes, das längsseits vertäut war und gleich darauf abtrieb.

Old Donegal gab Befehl, beizudrehen und auf Distanz zu gehen, als auf der Kuhl der Galeone die ersten Gestalten sichtbar wurden. Jemand brüllte Befehle. Offenbar glaubten die Kerle, mit ihren Geschützen noch etwas ausrichten zu können.

Ein grimmiges Lächeln kerbte sich in die Mundwinkel des Alten, während er zusah, wie die Männer die Drehbassen an Steuerbord nachluden.

Dann gab er den Befehl zum erneuten Angriff.

Martin Correa legte Ruder, und nach einer eleganten Halse rauschte die „Empress“ zum zweitenmal auf die „San Jacinto“ zu – wieder aus dem toten Winkel.

Wütendes Geheul ertönte von der Kuhl der Galeone, als die Dons begriffen, daß ihre Geschütze nicht mehr wert waren als Spielzeug.

Gestalten stürmten auf das Achterdeck. Die langen Läufe von Musketen blinkten matt im frühen Tageslicht.

Nur eine einzige Kugel fetzte durch das Focksegel der „Empress“ und schwirrte davon, ohne weiteren Schaden anzurichten.

Der blonde Schwede drückte den Lauf des Hinterladers in der Drehlafette schräg nach oben und zündete.

Aus dem Lauf leckte die Feuerzunge mit Gebrüll, und die Ladung von gehacktem Blei hämmerte knapp unterhalb der Heckbalustrade in die beachtenswerten Schnörkelverzierungen, die dort angebracht waren.

Schreiend ergriffen die übrigen drei oder vier Musketenschützen die Flucht, ohne auch nur einen Schuß abgefeuert zu haben. Keine weitere Gestalt ließ sich auf dem Achterdeck blicken.

„Breitseite Steuerbord!“ rief Old Donegal mit Donnerstimme.

Augenblicklich legte Martin Correa Ruder. Das Heck der Karavelle schwang herum, und die Männer stießen die Lunten in die Zündlöcher.

Grellrote Blitze zuckten aus den Laufmündungen. Das Krachen der Drehbassen vereinte sich zu einem urgewaltigen Hall, der über die Wasseroberfläche rollte und sich mit dem schmetternden Klang der Einschläge vereinte.

Haargenau in die Wasserlinie rasten sämtliche Treffer.

Wirbelnde Splitter wurden aus den Außenplanken gerissen. Lecks klafften reihenweise, und das Wasser zeigte gurgelnde Schaumbildung, wo es seinen Weg in das Innere des Achterschiffs fand – zusätzlich zu dem bereits vorhandenen Leck an der Steuerbordseite.

Mit Geheul und Gebrüll hatten sich der Schwarzbärtige und seine Kerle unter Deck verkrochen.

Den dritten Angriff fuhr der alte O’Flynn wiederum aus dem toten Winkel heraus. Diesmal ließ er die Backbordbreitseite auf den schon waidwunden Schiffsleib abfeuern.

Abermals leckten die Feuerzungen von der „Empress of Sea“ zum Achterschiff der Galeone hinüber. Die Splitter und größeren Plankenstücke, die jetzt knapp über und in der Wasserlinie herausgerissen wurden, vergrößerten die gerade begonnenen Lecks um ein Vielfaches.

Doch der alte O’Flynn dachte beileibe noch nicht daran, schon lockerzulassen.

Mit dem vierten Angriff nahmen sie sich die Backbordseite der „San Jacinto“ vor, die achtern zusehends tiefer sackte. Die Wasserlinie hatte bereits die Höhe der zerschossenen Heckgalerie erreicht. Es suppte in die Fenster, in denen nur noch Reste vom Bleiglas hingen.

Das Donnergebrüll der Drehbassen dröhnte von neuem auf die Galeone ein, und nun rasten die Ladungen zerfetzend und zerschmetternd über die Planken der Kuhl. Den Kerlen unter Deck mußte es durch und durch gehen.

Wieder drehte die „Empress“, wieder ging sie auf Distanz, und von neuem jagte sie auf das Schiff zu, das schon ein Wrack war.

Achtern saß die „San Jacinto“ jetzt auf Grund. Die unteren Räume des Achterkastells standen bereits vollends unter Wasser.

Und von neuem krachten die Drehbassen der „Empress of Sea“.

Old Donegal Daniel O’Flynn dachte nicht daran, schon aufzuhören. Mit eisenharter Miene gab er immer neue Angriffsbefehle. Er würde erst dann mit dem Beschuß aufhören, wenn er den verdammten Kahn in einen Trümmerhaufen verwandelt hatte …

ENDE


1.

9. Juli 1595 – Inseln der Cat Cays.

Im Drehbassenbeschuß der auf unerklärliche Weise zurückgekehrten „Empress“ hockten die Schnapphähne unter Deck. Fast alle hatten sich nach unten verzogen.

Über ihnen krachte es immer wieder, und sie selbst waren nicht einmal in der Lage das Feuer zu erwidern.

Die „San Jacinto“ war etwa zweihundert Yards vom Uferstrand entfernt aufgebrummt und saß unverrückbar fest.

Daß sie aufgebrummt war, verdankte sie den beiden Dänen Nils Larsen und Sven Nyberg, die in einer nächtlichen Aktion zusammen mit Edwin Carberry und Stenmark das Ruder verkeilt hatten.

Jetzt saß die Galeone mit dem Bug voran auf dem Grund und reckte das Achterschiff seewärts. Achtern hatte sie keine Kanonen oder Drehbassen und somit ihren „wunden Punkt“.

Die ersten Ladungen der Drehbassen waren ins Achterkastell gekracht und hatten dort erhebliche Schäden angerichtet. Als das Achterkastell dann unter Wasser stand, setzte sich die „San Jacinto“ auch achtern auf Grund.

Der Drehbassenbeschuß harkte auch über die Decks, und da hatten sich die Kerle heulend und brüllend nach unten verzogen oder waren in wilder Panik in Deckung gerannt.

Auch das Floß, mit dem sie die Seewölfe überrumpeln wollten, war längst davongetrieben, als ein Schuß die Vorleine zerfetzte. Jetzt hatten sie kein einziges Beiboot mehr und auch kein provisorisches Floß. Sie waren auf der „San Jacinto“ gefangen wie in einer großen Mausefalle.

Der grobschlächtige Acosta hatte das bereits eingesehen und auch der Bootsmann Prado wußte, daß es hier kein Entkommen mehr gab. Ein paar andere Kerle lebten noch, in der irrsinnigen Hoffnung, es würde ein Wunder geschehen.

Doch es geschah kein Wunder.

Immer wieder zuckten sie ängstlich zusammen, wenn achteraus das Krachen der Drehbassen zu hören war.

Und jeder Schuß saß. Die Galeone war längst gerupft und glich einem Trümmerhaufen.

Das Rigg war zerfetzt und zerschossen, einige Rahen waren unter ohrenbetäubendem Krach an Deck gefallen, und noch immer war kein Ende abzusehen.

Tote und Verletzte hatte es auf der Galeone gegeben. Ein paar Kerle lagen immer noch stöhnend und ächzend herum, doch niemand kümmerte sich um sie. Jeder war sich selbst der Nächste, so lautete ihre Devise, nach der sie lebten.

Acosta, Prado und ein paar andere hatten sich nach vorn verzogen, seit das Achterschiff auf dem Grund lag. Hier vorn, wo die Galeone mit dem Bug höher lag, waren sie noch relativ sicher. Aber das Überqueren der Decks hatte zwei Opfer gefordert, die unter dem Drehbassenfeuer ihr Leben ausgehaucht hatten.

Ein weiterer Mann war stöhnend und jammernd nach vorn gekrochen. Jetzt lag er im Vordeck, preßte beide Hände auf seinen Leib und schrie.

Sie ließen ihn schreien. Niemand schenkte ihm Aufmerksamkeit oder versuchte, zu helfen.

Achteraus war ein dumpfes Krachen und Bersten zu hören. Die Galeone erzitterte in allen Verbänden.

„Verflucht noch mal!“ brüllte Acosta in hilfloser Wut. „Die Bastarde schießen uns in Fetzen, bis nichts mehr übrig ist!“

„Hier gelangen wir nicht mehr heraus“, sagte Prado gepreßt und ebenfalls von ohnmächtiger und hilfloser Wut erfüllt. „Wir können ja nicht einmal an Deck, ohne wie die Hasen abgeknallt zu werden.“

Er starrte finster auf die paar Musketen, die sie noch hatten, mit denen sie aber nichts anfangen konnten, denn immer wieder strich ein Eisen- oder Bleihagel nach dem anderen über die Decks und richtete verheerende Schäden an.

Der schwerverletzte Kerl auf den Planken stieß einen lauten und gellenden Schrei aus, der allen durch Mark und Bein ging. Es regte sie noch zusätzlich auf, daß ihr Kumpan schrie und brüllte. Die meisten wünschten ihn zur Hölle, weil er ihnen mächtig auf die Nerven ging.

„Halt jetzt endlich dein Maul!“ brüllte Acosta unbeherrscht. „Durch dein Gebrüll wird alles nur noch schlimmer!“

„Ich muß sterben!“ schrie der Mann und wand sich wie in Krämpfen. „Helft mir doch, ihr dreckigen Halunken! Ihr könnt mich hier doch nicht so liegenlassen!“

Acosta wandte den Blick ab und gab keine Antwort. Prado und ein paar andere übersahen den schreienden Mann einfach.

Sie zuckten wie unter einem Hieb zusammen, als es einmal kurz und heftig über ihnen in der Luft rauschte. Dem Rauschen folgte ein Splittern, dann ein Knirschen und ein fürchterliches Getöse. Voller Wucht schlug eine Rah an Deck und bohrte sich in die Planken, wobei die ganze Galeone durchgeschüttelt wurde.

„Das war die Fockrah“, sagte Prado.

Der Verletzte schrie wieder gellend auf, als das Krachen vorbei war und für Augenblicke entsetzliche Stille herrschte.

Da war nur noch ein feines Knistern im Schiff zu hören. Irgendwo rauschte es auch leise. Das war in jenem Teil des Achterschiffes, wo jetzt pausenlos das Wasser eindrang.

Stumm und von Entsetzen geschüttelt, hockten auch Santos, Normando und der spitzgesichtige listige Morro da. Sie hatten erbärmliche Angst vor diesem so lange unsichtbaren Gegner, den sie erst in letzter Zeit zu sehen gekriegt hatten.

Neun Mann waren es, die auf rätselhafte und für die Schnapphähne unerklärliche Art und Weise in den Besitz einer kleinen dreimastigen bewaffneten Karavelle gelangt waren.

Diese neun Männer hatten sie tagelang zum Narren gehalten, und nie hatten sie die Kerle vorher gesehen. Sie rätselten immer noch über diese neun Teufel nach, die ihnen die fette Goldbeute abgenommen hatten.

Jetzt sah es nicht mehr danach aus, als würden sie von dem riesigen Kuchen noch ein Stück ergattern. Sie saßen in der Falle, in einer tödlichen Falle, der sie kaum noch entrinnen konnten, falls nicht doch noch das erhoffte Wunder geschah.

Als der Verletzte wieder schrie, lief Acosta vor Wut rot an.

„Ich kann das nicht mehr hören, verdammt! Fesselt und knebelt den Kerl, damit er endlich Ruhe gibt.“

Prado, skrupellos und boshaft, nickte beifällig.

Rigoros und roh verfuhren sie mit ihrem Kumpan. Prado stand auf, holte einen Lappen und stieß ihn dem Mann in den Mund. Dann band er den Knebel fest und fesselte den wimmernden Kerl an Händen und Füßen.

Dessen Geschrei hörte auf. Er rollte wild mit den Augen und gab unterdrückte Laute von sich.

Die anderen kümmerte das nicht. Mitleid war für sie ein absolut fremder Begriff. Sie waren froh, daß das Geschrei ausblieb.

Wieder raste ein Eisenhagel über die Decks. Splitter flogen nach allen Seiten. Es hörte sich an, als würden große Holzbrocken mit der Axt zerschlagen.

Prado nahm voller Wut die Muskete hoch und gab einen Schuß aufs Geratewohl ab. Er mußte sich abreagieren, obwohl es nichts nutzte.

„Ich will hier weg“, jammerte Normando, dessen linke Hand stark verkrüppelt war und der hündische Angst vor den pausenlosen Einschlägen hatte.

„Mir langt’s auch“, sagte Santos. „Ich hab’ schon die Schnauze von dem Gold voll. Das kriegen wir ja doch nicht mehr.“

Acosta sah aus schmalen Augen auf die Kerle. Insgesamt waren sie jetzt noch dreizehn Mann, die die Suche nach den Goldbarren überlebt hatten. Der eine, der jetzt gefesselt und geknebelt war, zählte ohnehin nicht mehr mit. Bleiben also noch zwölf, überlegte er. Damit erhöhte sich der Anteil jedes einzelnen ganz gewaltig. Möglicherweise würden auch noch ein paar weitere Kerle draufgehen.

Er dachte nicht im Traum daran, die Jagd nach dem Gold aufzugeben, aber er sah auch ein, daß die Aussichten im Augenblick mehr als schlecht standen. Selbst wenn sie das hier heil überstanden, hatten sie das Gold immer noch nicht.

Er wollte auch hier heraus und sann über eine Möglichkeit nach. Unter dem ständigen Beschuß fiel das Denken allerdings schwer. Immer wieder krachte es in seine Überlegungen, zerfetzte Holz, zersplitterte Rahen oder Spieren, oder jaulten heiße Bleibrocken über ihre Schädel weg.

„Wollen wir einen Ausbruch versuchen?“ fragte Prado nach einer Weile.

„Die Kerle sind ungefähr eine Schiffslänge achteraus. Wenn wir über die Back türmen und auf den Strand springen, sind wir im Vorteil, weil sie sich auf dem Wasser befinden. Mit ein paar weiteren Sätzen sind wir im Inseldickicht verschwunden.“

„Ohne Waffen?“ fragte Acosta. „Die sind bis an die Zähne bewaffnet und kennen sich auf der Insel aus. Wir haben keine Chance gegen sie.“

„Wenn wir hierbleiben und abwarten, bis sie uns die Rüben abgeschossen haben, sind unsere Chancen noch kleiner“, sagte Prado.

„Und wie geht es dann weiter?“

„Weiß ich noch nicht. Uns wird schon eine Lösung einfallen. Bei einer günstigen Gelegenheit können wir uns eine der Jollen schnappen, die die Bastarde uns geklaut haben.“

Acosta dachte diese Möglichkeit nur einmal kurz durch. Dann schüttelte er ablehnend den Kopf.

„Das bringt uns nicht weiter. Eine Jolle und ein paar Pistolen – was ist das schon gegen eine Karavelle mit Drehbassen und bis an die Zähne bewaffneten Kerlen?“

„Hast du eine bessere Lösung?“ fragte Prado gereizt. Er hielt seinen Vorschlag für besonders gut. Jetzt ärgerte es ihn, daß er auf Ablehnung stieß.

Acosta grinste hinterhältig und tückisch.

„Ich glaube schon, daß ich eine Lösung habe.“

Die beiden Männer blickten sich höhnisch an. Sie hielten nicht viel voneinander und ließen sich das gegenseitig auch spüren.

„Dann bin ich mal gespannt“, sagte Prado. „Viel besser als mein Vorschlag wird die Idee wohl kaum sein.“

Acosta wartete ab, bis der nächste Eisenhagel über das Deck rauschte und erneut die Fetzen nach allen Seiten flogen. Die Galeone war jetzt nur noch ein Wrack, das systematisch zerschlagen und zerhämmert wurde. Sie würde nie wieder unter Segel stehen.

Als der Hagel vorüber war, lehnte er sich zurück und sagte: „Wir ergeben uns, den Bastarden und bitten um freien Abzug.“

Seine Worte fielen wie Hammerschläge in die folgende Stille. Sie sahen ihn an, als hätte er plötzlich den Verstand verloren.

„Wir ergeben uns?“ Prado schrie die Worte fast. „Bist du übergeschnappt?“

Zwei Augen blitzten ihn eisig und verächtlich an.

„Das möchte ich überhört haben. Wenn ich etwas sage, dann habe ich mir das auch überlegt.“

„Ja, das haben wir bereits gemerkt“, höhnte Prado. „Leider waren es nicht immer die besten Überlegungen.“

Fast wären sie sich in die Haare geraten und hätten sich geprügelt.

Da lenkte Normando rasch ein: „Lassen wir ihn doch erst einmal weiterreden.“

„Du kannst ja über Bord springen“, fauchte Acosta. „Dann knallen sie dich ganz sicher ab. Aber wenn wir uns ergeben, sehe ich noch eine Chance für uns.“

„Und wie stellst du dir das vor? Diese Kerle haben unser Gold geklaut, sie haben unsere Beiboote geschnappt und uns das Ruder verkeilt, bis wir auf Grund liefen. Jetzt zerballern sie uns das Schiff, bis keine Planke mehr auf der anderen bleibt. Und die willst du um freien Abzug bitten? Da kann ich nur lachen!“

„Dann lach doch! Ich werde es jedenfalls versuchen. Was haben sie davon, wenn sie uns umbringen? Gar nichts.“

„Gefällt mir ganz und gar nicht“, motzte Prado. „Schön, wenn sie uns wirklich abziehen lassen – was dann? Dann können wir sehen, wie wir an Land gelangen. Selbst wenn wir das geschafft haben, hocken wir bis in alle Ewigkeit auf einer dieser Scheißinseln und fressen für den Rest unseres Lebens Kokosnüsse, was?“

„Das zeigt mir nur, daß du Idiot nicht denken und schon gar nicht überlegen kannst. Wir werden natürlich um eine Jolle bitten und nur so tun, als geben wir uns unterwürfig und geschlagen. Oder glaubst du etwa, ich lasse das Gold sausen?“

Die anderen wurden jetzt hellhörig und starrten Acosta an. Der Vorschlag schien gar nicht mehr so verrückt zu sein, wie er sich anfangs angehört hatte.

Selbst Prado blickte den selbsternannten Kapitän der „San Jacinto“ überrascht und verwundert an.

„Ach so“, sagte er gedehnt. „Ich dachte schon, wir sollten wie die Feiglinge auf Nimmerwiedersehen verschwinden.“

„Das tun wir ja auch, aber nur vorerst, damit die Kerle in Sicherheit gewiegt sind. Alles andere können wir später immer noch genau besprechen. Die Hauptsache ist, daß wir erst einmal freien Abzug erhalten. Dann findet sich alles andere.“

„Das Gold haben wir dann aber immer noch nicht“, maulte Santos.

„Alles kann man auch nicht auf einmal haben“, mußte er sich von Acosta belehren lassen. „Aber wenn man noch das Leben hat, dann kann man wesentlich mehr unternehmen, als wenn einem die Rübe fehlt. Oder geht das nicht in deinen verquasten Schädel?“

„Doch“, sagte Santos, „klar kapier ich das.“

Acostas Führungsnimbus hatte mittlerweile stark gelitten. Nach den letzten Ereignissen ging niemand mehr für ihn durchs Feuer. Der selbsternannte Kapitän war angeschlagen, und er wußte das auch. Er hatte sich zu viele Fehler geleistet. Da sie von dem Gold immer noch nicht einen einzigen Barren hatten und nicht einmal wußten, wo es versteckt war, stand Acosta in keinem guten Ansehen mehr.

Außerdem hatte er kaltblütig eigene Männer erschossen. Einer der letzten, der über die Klinge gesprungen war, war Hongo, der Giftpilz, gewesen. Allerdings, so fanden die meisten, hatte er es auch verdient, denn durch seine Schuld waren die beiden Beiboote von den „Bastarden“ in einer nächtlichen Aktion geklaut worden. Der Kerl hatte auf Ankerwache gepennt.

„Wer geht denn nun freiwillig nach achtern und teilt unseren lieben Freunden mit, daß wir uns ergeben?“ fragte Prado höhnisch. „Ich gehe jedenfalls nicht, ich will meinen Schädel noch behalten.“

„Sicher, du brauchst ja auch einen Hutständer. Ohne deinen Schädel würde es dir ja ständig in den Hals regnen. Hast du schon mal an eine andere Möglichkeit gedacht?“

Acosta gab sich ganz überlegen, doch das änderte nichts an den Tatsachen, daß die Kerle immer aufmüpfiger gegen ihn wurden. Was er einmal an Nimbus verloren hatte, war schlecht wieder aufzuholen.

„Du bist doch hier der Klugscheißer“, sagte Prado. „Wenn du schon alles besser weißt, dann überlege es dir doch selbst.“

Ein Kerl namens Senona begann meckernd zu lachen. Aus seinem Kinn wuchsen ein paar lange schwarze Fransen, und auf der Oberlippe befand sich das passende Gegenstück. Da hingen auch nur Fransen hinunter, die an eine abgenutzte Bürste erinnerten. Sein Gesicht war hager und eingefallen mit vorstehenden Wangenknochen. Er hielt zu Prado und konnte Acosta nicht ausstehen, weil der einen seiner Freunde kurzerhand umgelegt hatte.

„Dir wird dein dämliches Gemecker schon noch vergehen, Senona“, sagte Acosta wild. „Mit dir habe ich später noch eine Rechnung zu begleichen, aber das hat Zeit.“

„Paß nur auf, daß dir die Rechnung nicht von anderer Seite präsentiert wird“, zischte der Hagere haßerfüllt.

„Hört jetzt auf“, sagte Morro, ein ebenfalls spitzgesichtiger, aber listiger Kerl. „Laßt uns lieber überlegen, wie wir hier mit heilen Knochen hinausgelangen. Auf dem Achterdeck können wir uns ja wohl nicht sehen lassen. Also müssen wir brüllen oder rufen.“

„Bei dem Krach?“

Gerade in diesem Augenblick donnerte wieder eine Drehbasse ihr eisernes Lied. Splitter flogen, es krachte entsetzlich laut, als sei das ganze Achterschiff auseinandergeflogen. Gleich darauf folgte ein zweiter Schuß, der erneut eine Rah an Deck stürzen ließ.

Acosta schützte den Kopf mit den Händen, als in unmittelbarer Nähe Splitter an Deck regneten.

„Die Bastarde“, sagte er heiser vor Wut. Auf der Galeone sah es mittlerweile aus wie auf einem Schlachtfeld. Irgendwo im Rumpf begann es immer stärker zu gluckern. Dort schoß Wasser herein, aber das war nicht die einzige Stelle.

Acosta hatte jetzt endgültig die Nase voll. Die Kerle hatten ihnen den Schneid abgekauft. Stark waren sie selbst immer nur dann, wenn ihr Gegner schwächer war oder sie selbst in der Masse waren. Aber dieser Gegner war unheimlich zäh. Diese Kerle ließen sich nicht ins Bockshorn jagen, die dachten nicht im Traum daran, aufzustecken, auch wenn eine Sache noch so aussichtslos erschien.

Acosta blickte auf einen schlotternden Kerl, der beide Hände vor die Augen hielt und erst dann wieder hochsah, als der Beschuß aufhörte.

Der Kerl zitterte an allen Gliedern, hatte einen ängstlich-stieren Blick und erweckte den Anschein, als würde er jeden Augenblick über Bord springen, um dem Chaos zu entfliehen.

„Zieh dein Hemd aus, Enrico“, sagte Acosta. „Einigermaßen hell ist es ja noch.“

Enrico tat, wie ihm geheißen. Mißtrauisch zog er sein Hemd aus. Von „einigermaßen hell“ konnte allerdings keine Rede mehr sein. Es hatte dunkle Schwitzflecken und sah aus, als sei es nachlässig geteert worden.

Aber es würde seinen Zweck vielleicht erfüllen.

2.

Seit Old O’Flynn seine über alles geliebte „Empress“ wieder gefunden hatte, war er wie ausgewechselt. Zudem beflügelte ihn immer noch das Bad im „Jungbrunnen“, der so jäh versiegt war.

Aber die „Empress“ war wieder da, und das allein zählte für den kauzigen Alten.

Heute morgen war die vom Sturm entführte Karavelle wiederaufgetaucht und der Alte vor Rührung fast zerflossen.

Gewiß, ein bißchen hatte sie der Sturm gebeutelt und gerupft, aber das Wasser, das über der Bilge stand, war mit einem wahren Feuereifer gelenzt worden, nachdem sie ihr Schiffchen wieder besetzt hatten.

Gleich danach hatte es sich der Alte nicht verkneifen können, die inzwischen aufgebrummte „San Jacinto“ von See her anzugreifen und sie sturmreif zu schießen. Jetzt, da er seine Karavelle wieder hatte, wollte er es den Halunken und Bastarden schon zeigen.

Es war noch früher Vormittag an diesem neunten Juli, aber die Galeone sah aus, als stünde sie schon tagelang unter Dauerbeschuß.

Old O’Flynn war mal wieder zu ganz großer Form aufgelaufen.

„Und noch ein Ding!“ brüllte er. „Immer feste druff. Den Kerlen werden wir zum Piratentänzchen aufspielen.“

Carberry grinste nur, wenn er Donegal ansah. Der steigerte sich in einen wahren Freudenrausch. Seine Augen blitzten, und aus seinem verwitterten Granitgesicht waren erstaunlicherweise wieder mal die Falten und Runzeln verschwunden. Daraufhin angesprochen, behauptete er stur, das läge allein am Wasser des Jungbrunnens, in dem er sein Bad genommen hatte. Die anderen ließen ihn mit seinem Glauben selig werden, denn es war witzlos, ihm den Unsinn auszureden.

„Jawoll!“ brüllte er begeistert, wobei er die linke Faust kraftvoll in die rechte Handfläche schlug. „Das hat gesessen!“

Mit blitzenden Augen sah er, wie sich eine angeschossene Rah vom Rack löste und mit fürchterlichem Getöse auf den Planken landete. Ihr Gewicht fetzte etliche Holzsplitter heraus und knackte die Planken an.

Sie lagen mit der „Empress“ etwa fünfzig Yards achteraus der Galeone und hatten sie bereits in einen Trümmerhaufen verwandelt. Von drüben erfolgte keine Gegenwehr. Die Kerle waren heulend und zähneklappernd in Deckung gegangen, als die ersten Bleibrocken über die Decks rasten und solides Holz in Splitter und Trümmer verwandelten. Die Segel waren zerschossen. Ein paar Rahen lagen an Deck, ein Mast war geknickt und das Achterschiff teilweise voll Wasser gelaufen. Von den Bleiglasfenstern waren nicht einmal mehr die Rahmen übriggeblieben. Das Heck war verwüstet, zerschossen und übel zugerichtet.

Die Galeone stand gewissermaßen schief. Vorn war sie auf den Grund gelaufen, achtern weggesackt und damit offen für die Drehbassen, die alles beharkten.

Die Kerle befanden sich alle in Deckung. Von seiten der „San Jacinto“ fiel kein einziger Schuß. Nachteilig wirkte sich aus, daß sie achtern weder über Kanonen noch Drehbassen verfügten, und so konnten die Männer der „Empress“ voll draufhalten, was das Zeug hielt.

„Die Halunken haben wir bald ausgeräuchert“, sagte Old O’Flynn. „Die sind mit ihren Nerven jetzt schon am Ende. Und feige ist diese Brut auch noch. Die sind immer nur stark, wenn ihr Gegner ihnen stark unterlegen ist.“

„Den Schneid haben wir ihnen abgekauft“, meinte der Kutscher. „Ich bin gespannt, wann sie endgültig aufgeben. Aber was tun wir dann mit den Kerlen?“

„Weiß ich noch nicht“, erwiderte der Alte. „Mir wird schon was einfallen. Inseln gibt es hier ja genug, wo sie ihr erbärmliches Leben weiterfristen können.“

Nils Larsen gab den nächsten Schuß aus der Drehbasse ab. Dann feuerte der Schwede Stenmark.

Die Bleikugeln – grobes Schrot – zerhackten das Holz. Ein paar größere Splitter flogen fast zwanzig Yards hoch in die Luft.

Von der Galeone her war Gebrüll zu hören. Dann wurde aus einer Luke plötzlich ein grauweißer Fetzen heftig hin und her geschwenkt.

„Was soll das denn bedeuten?“ fragte Martin Correa. „Wollen die etwa doch aufstecken und sich ergeben?“

„Jedenfalls soll das ein Hemd sein“, sagte Old O’Flynn. „Zwar kein weißes Hemd – aber immerhin. Nicht weiterschießen, Nils. Wir stellen das Feuer vorerst ein.“

Nils, der gerade wieder die Drehbasse abfeuern wollte, trat zur Seite und nickte.

Das Hemd wurde jetzt noch wilder geschwenkt.

„Nicht schießen!“ brüllte eine Stimme. „Wir wollen mit euch verhandeln!“

„Aha, jetzt haben sie die Hosen doch voll“, triumphierte Old Donegal. „Oder es steckt eine List dahinter. Den Kerlen traue ich absolut nicht über den Weg.“

Er richtete sich aus seiner etwas gebückten Haltung auf und ging ein paar Schritte nach vorn.

„Wenn ihr verhandeln wollt, dann zeigt euch an Deck!“ brüllte er zurück. „Wenn ich auch nur eine Waffe in euren Pfoten sehe, dann kracht es wieder! Verstanden?“

„Verstanden!“ wurde zurückgerufen.

Einer der Kerle – es war Acosta – erschien gleich darauf an Deck. Er schwenkte immer noch das Hemd durch die Luft. Drei weitere Kerle tauchten neben ihm auf. Dann erschienen noch mehr.

„Ungefähr ein Dutzend“, schätzte der Profos. Er stellte sich hinter eine der Drehbassen und paßte scharf auf. Doch die Schnapphähne trugen keine Waffen bei sich.

„Was wollt ihr?“ fragte Old O’Flynn kampfeslustig.

„Wir ergeben uns!“ rief Acosta, wobei die anderen Kerle aufgeregt nickten. „Wir bitten um freien Abzug.“

Old Donegal sah die Männer fragend an.

„Sollen wir die Bastarde ziehen lassen?“

„Das wird wohl die beste Lösung sein“, erwiderte der Kutscher. „Was sollen wir sonst mit ihnen tun?“

„Soll der Teufel sie holen“, sagte Carberry. „Ich habe auch nichts dagegen. Dann sind wir sie endlich los.“

Die anderen stimmten ebenfalls zu. Sie hatten von den Kerlen genug.

„Ihr könnt abziehen!“ rief Old O’Flynn. „Verschwindet und fahrt zur Hölle!“

Dann folgte eine Unverfrorenheit, die dem Alten und den anderen fast die Stiefel auszog.

Acosta legte seine Hände trichterförmig an den Mund.

„Gut, wir verschwinden. Aber ihr müßt uns dann die beiden Jollen wieder zurückgeben, sonst können wir nicht fort!“

„So ein Rübenschwein“, empörte sich der Profos. „Verlangt mit der größten Unverschämtheit die Jollen zurück, was, wie? Dem Kerl sollte man die Jollen um die Ohren schlagen.“

„Wollt ihr nicht auch noch die Karavelle, ihr Bastarde?“ rief Old O’Flynn mit Donnerstimme. „Hier gibt’s keine Jollen zurück. Ihr könnt abziehen, das haben wir versprochen.“

„Wie gelangen wir dann von Bord?“ fragte Acosta.

„Baut euch Flöße, ihr triefäugigen Kakerlaken! Das könnt ihr doch so gut. Wenn ihr die gebaut habt, dann empfehle ich euch, so weit wie nur möglich abzuhauen. Und laßt euch hier nie wieder blicken, sonst gibt’s was an die Ohren.“

Von Dankbarkeit war nichts zu spüren. Die Kerle nahmen den freien Abzug als selbstverständlich hin. Sie waren nur nicht sonderlich von der Aussicht begeistert, Flöße bauen zu müssen.

Dabei hatten sie gerade ein Floß gebaut, um die Wassertiefe auszuloten, damit sie die Galeone näher zum Strand legen konnten.

„Mistkerle!“ brüllte Acosta zum Dank.

Der Profos lief vor Wut rot an.

„Am liebsten würde ich ihm die Haut in Streifen von seinem verdammten Affenarsch abziehen“, grollte er. „Diese Kanalratten stellen auch noch Forderungen, und zum Dank murmeln sie Flüche und beschimpfen uns. Schnapphähne, dreckige!“

„Wenn die bis heute mittag nicht verschwunden sind, helfe ich den Kerlen nach. Dann gibt es Zunder“, sagte Old O’Flynn verärgert.

Sie standen immer noch bei den feuerbereiten Drehbassen und beobachteten die Kerle auf ihrem Trümmerhaufen.

„Ich werde das Gefühl nicht los, daß die Kerle doch noch einen Trick versuchen“, sagte der Kutscher. „Die erwecken gar nicht den Eindruck, als wollten sie sang- und klanglos verschwinden.“

„Das Gefühl habe ich auch“, sagte Carberry. „Aber wir werden sie keinen Moment aus den Augen lassen. Wenn sie wirklich noch einen miesen Trick anwenden, dann war es ihr letzter.“

„Wie viele Kerle seid ihr noch?“ rief Old O’Flynn.

„Zwölf Mann“, lautete die mürrische Antwort.

Dann sahen sie zu, wie drüben gearbeitet wurde. Ein paar Schnapphähne bewaffneten sich mit Äxten, Beilen und Schiffshauern. Dann wurden Planken aus dem Deck geschlagen.

„Der Oberschnapphahn rührt natürlich keinen Finger“, sagte Carberry. „Der steht wieder mal herum und tönt die Gegend voll. Aber offenbar ist sein Status angeknackst. Die Kerle scheren sich kaum noch um sein Gebrüll.“

Acosta stand breitbeinig und überheblich an Deck und gab Befehle, was alles zu tun sei und wie die Flöße gebaut werden müßten.

Drüben wurde gehämmert, gesägt, geschlagen und geklopft. Zwei Kerle schnitten aus den zerfetzten Segeln große Stücke heraus.

„Aha, ein Floß mit Besegelung“, sagte Stenmark. „Nun, dann haben wir sie wenigstens schneller vom Hals.“

Der Eifer der Kerle wurde direkt beängstigend. Aber das lag wohl daran, daß Old O’Flynn ihnen alles mögliche androhte, wenn sie sich bei der Arbeit zuviel Zeit ließen.

Wie etwas später zu erkennen war, bauten sie zwei Flöße. Zwei Spieren, die abgeschossen an Deck lagen, dienten als provisorische Masten.

„Dann werde ich mich mal um das Essen kümmern“, sagte der Kutscher.

„Ein guter Gedanke“, lobte Carberry, der bereits einen gewaltigen Appetit hatte. „Falls noch genügend Eier da sind, kannst du mir ja so ungefähr zehn in die Pfanne hauen. Und vergiß den Speck nicht, daran brauchst du nicht zu sparen.“

„Und vergiß dies nicht, und vergiß das nicht“, tönte der Kutscher aus der Pantry zurück. „Und stell auch die Pfanne auf den Herd und vergiß nicht, das Feuer zu entzünden.“

„Na ja, du bringst das schon alles richtig hin“, meinte Carberry. „Ich bin nur eben ein bißchen besorgt.“

Aus der Pantry drang gleich darauf ein lieblicher Geruch, den der Profos gierig erschnüffelte. Eier mit Speck aß er für sein Leben gern, es mußte nur die richtige Portion sein, die sich bei ihm so um ein Dutzend herum bewegte.

Drüben wurde emsig weitergearbeitet. Acosta linste immer wieder mal kurz herüber.

„Die werden sich noch wundern, die Bastarde“, sagte er leise. „Wenn die glauben, ich gebe die Sache mit dem Gold auf, dann haben sie sich aber geschnitten.“

Auch Prado dachte nicht daran, das viele Gold aufzugeben. Er beschäftigte sich in Gedanken pausenlos damit.

„Jetzt bauen wir erst einmal die Flöße“, sagte Prado, „damit wir verschwinden können. Hoffentlich fällt es den Kerlen nicht ein, vorher noch an Bord zu kommen. Du hast vorhin gesagt, wir seien zwölf Mann. Wir sind aber dreizehn mit dem Verletzten.“

Acosta grinste dreckig.

„Na und? Wir verteilen uns zu je sechs Mann auf die Flöße. Ich habe nicht die Absicht, den Schreihals mitzunehmen. Den überlassen wir den anderen Kerlen. Sollen die sich doch um ihn kümmern. Aber vielleicht willst du ihn mitnehmen?“

„Ich? Darauf bin ich überhaupt nicht scharf. Der behindert uns nur. Ich nehme ihn auf keinen Fall mit.“

„Dann ist ja alles klar.“

„Die Halunken geben uns nicht mal die eigenen Jollen zurück“, sagte Prado erbost. „Wir könnten längst verschwunden sein, statt dessen müssen wir uns mit primitiven Flößen behelfen.“

Er und Acosta blickten gleichgültig auf einen Toten, der am zerschossenen Schanzkleid lag. Zwei weitere Tote, die dem Drehbassenbeschuß zum Opfer gefallen waren, lagen ebenfalls noch an Deck. Doch um die Toten kümmerte sich niemand. Sie ließen sie einfach liegen wie den Verletzten, der an seinem Knebel fast erstickte.

„Wir schuften, und die fressen sich die Bäuche voll“, sagte Acosta mißmutig, als er einen Blick zur „Empress“ warf. „Wenn diese Kerle nicht wären, hätten wir längst ausgesorgt.“

Wieder wurde fast im Flüsterton über das Gold geredet, das die Kerle fast noch um den Verstand brachte.

Fünfzig Yards weiter hockte Carberry auf der Gräting und mampfte mit verzückten Blicken seine reichlich bemessene Portion. Die anderen aßen ebenfalls und sahen grinsend zu den Kerlen der „San Jacinto“, die sich die Seelen aus dem Leib schufteten.

Das erste, aus Planken, Spieren und Trümmern hergestellte Floß wurde knapp zwei Stunden später über Bord gegeben. Drei Mann arbeiteten weiter im Wasser an dem Floß herum.

„Gegen Mittag werden sie ungefähr fertig sein“, schätzte Martin. „Sie haben sich wirklich höllisch beeilt.“

„Habe ich den Halunken auch empfohlen“, meinte Old Donegal. „Wenn sie weg sind, werden wir den Schlorren mal inspizieren. Vielleicht haben sie noch Rum, Wein und Proviant zurückgelassen.“

Der Kutscher dachte nach, dann schüttelte er den Kopf.

„Den Proviant würde ich nicht anrühren, Donegal. Den Kerlen traue ich in ihrer Wut glatt zu, daß sie den Rest vergiftet haben. Davon sollten wir lieber die Finger lassen.“

„Meinst du wirklich?“

„Auszuschließen ist diese Möglichkeit jedenfalls nicht. Sie sind zwar nicht übermäßig klug, aber gerissen und voller Heimtücke. Angenommen, sie rechnen mit der Möglichkeit, daß wir den Proviant übernehmen, dann hätten sie doch später leichtes Spiel. Einer nach dem anderen von uns würde umkippen.“

„Verdammt, daran habe ich überhaupt nicht gedacht“, murmelte Old Donegal betroffen.

„Es muß ja nicht der Fall sein“, beruhigte ihn der Kutscher. „Es ist nur eine Annahme.“

„Dann verzichten wir natürlich darauf, etwas mitzunehmen.“

Die Vermutung, die der Kutscher hatte, erwies sich tatsächlich als gerechtfertigt. Weder Acosta noch Prado scheuten vor einer hinterhältigen Gemeinheit zurück.

Die beiden Flöße befanden sich jetzt im Wasser und waren an der Jakobsleiter vertäut.

Acosta und Prado unternahmen einen letzten Rundgang auf dem Wrack, um nachzusehen, ob sie noch etwas mitnehmen konnten.

Das Achterschiff war zerschossen und voll Wasser gelaufen. Prado steckte bei der letzten Inspektion noch eine Buddel Rum ein. Dann gingen sie zur Kombüse und sahen sich um.

Einen Teil des Proviants hatten sie mitgenommen, ebenso war für jedes Floß ein Fäßchen Rotwein an Bord genommen worden.

Acosta sah sinnend auf die anderen Weinfässer und den Proviant in der Vorratslast.

„Mehr können wir nicht mitnehmen, sonst sind die Flöße überladen. Also werden sich die Bastarde an unserem Zeug laben. Am liebsten würde ich es über Bord werfen.“

Plötzlich begann es in seinen Augen zu funkeln. Dann grinste er breit und dreckig.

„Wenn du einer von den Kerlen wärst“, sagte er, „würdest du die Weinfässer mitnehmen? Oder den Proviant?“

„Ich würde alles abräumen“, versicherte Prado. „Ganz besonders den Wein und die paar Rumfässer. Was soll die Frage?“

Acostas Grinsen wurde noch gemeiner und boshafter.

„Angenommen, wir vergiften das Zeug ein bißchen“, sagte er lauernd, „was passiert dann mit unseren guten Freunden?“

Erst starrte Prado den selbsternannten Kapitän sprachlos an. Dann wurde sein Grinsen genauso dreckig.

„Na klar“, sagte er begeistert, „was passiert dann wohl mit ihnen? Sie werden nicht mehr viel Freude am Leben haben. Sie werden ganz sicher das Schiff untersuchen, wenn wir abgezogen sind. Das ist eine wirklich großartige Idee.“

„Einer nach dem anderen wird aus den Latschen kippen, sobald sie von dem Zeug getrunken haben. Später können wir dann abräumen, sind die Halunken los und haben noch dazu ein feines Schiffchen.“

„Und wenn es nicht klappt?“

„Dann werden wir sie bei Nacht und Nebel überfallen, so wie sie es mit uns getan haben. Irgendwie kriegen wir das Gold schon.“

Alle beide waren von der Idee begeistert.

„Ich gehe nach achtern, um das Zeug zu holen“, sagte Acosta. „Ich habe da noch ein feines, hochwirksames Pülverchen.“

Kurz danach war er wieder zurück und grinste hinterhältig.

Dann wurden die Weinfässer vorsichtig präpariert. Ebenso verfuhren sie mit dem Proviant, bis das Pulver verbraucht war.

Acosta rieb selbst die Speckseiten in der Vorratslast ausgiebig mit dem Zeug ein.

„Alles klar, dann guten Appetit, Freunde“, sagte er und kicherte.

Kurz darauf gingen sie an dem gefesselten und geknebelten Mann vorbei, der im Vorschiff halb hinter einem angelehnten Schott lag.

„Ich sehe von diesen Kerlen schon einen nach dem anderen tot umfallen“, sagte Acosta. „Die brauchen an dem Rum oder Wein nur zu nippen, und schon ist der Ofen aus. Bei dem Proviant geht es ihnen genauso. Das wird vielleicht ein Spaß!“

Der Verletzte gab ein kaum hörbares Stöhnen von sich und wälzte sich ein Stück zur Seite. Mehr Bewegungsfreiheit hatte er nicht. Sein Hemd war jetzt blutdurchtränkt, und er rollte voller Angst mit den Augen. Dann versuchte er Acostas oder Prados Blick festzuhalten, doch die beiden taten so, als sei er nicht vorhanden.

Er wußte, daß sie ihn hier hilflos zurücklassen würden. Niemand kümmerte sich um ihn. Sie hatten nur ihren eigenen Vorteil im Sinn und das Gold, auf das sie so gierig waren.

Seine Schmerzen in der Brust wurden unerträglich und waren kaum noch auszuhalten, doch das kümmerte die Kerle nicht. Er haßte sie plötzlich alle, er verachtete sie und wünschte sie in die tiefste Hölle, während sie sich grinsend unterhielten und ihn nicht zur Kenntnis nahmen.

„Dann verziehen wir uns jetzt“, hörte er sie murmeln.

Er schickte ihnen einen unhörbaren Fluch nach. Selbst wenn es ihm gelang, sich von seinen Fesseln und dem Knebel zu befreien, würde er elend zugrunde gehen, denn er hatte ja eben gehört, daß sie alles Eßbare vergiftet hatten, auch den Wein. Vielleicht hatten sie auch das Trinkwasser vergiftet.

Möglicherweise kamen die anderen Kerle aber überhaupt nicht an Bord, und dann war es aus mit ihm.

„Ab auf die Flöße“, sagte Acosta. „Such dir fünf Kerle aus, Prado.“

„Santos, Felipe, Normando, Morro und Senona. Ihr segelt mit mir.“

Die fünf anderen Kerle übernahm Acosta. Prado hatte damit jetzt die Kerle an Bord, die etwas gegen Acosta hatten und ihn nicht ausstehen konnten.

Die ersten enterten schon ab. Sie hatten auch Musketen dabei, doch die waren heimlich nach unten gebracht worden.

Acosta ging als letzter von Bord. An der Jakobsleiter warf er noch einen letzten Blick über das zerschossene und zerstörte Deck. Jetzt, nachdem sie das Holz für die Flöße herausgesägt und gehackt hatten, sah das Schiff noch wüster und schlimmer aus.

Da lagen die drei Toten und etwas weiter der gefesselte Mann, der ihn aus großen und weitgeöffneten Augen anstarrte. Acosta las unbeschreiblichen Haß in diesem Blick. Der Kerl hätte ihn auf der Stelle umgebracht, wenn er dazu in der Lage gewesen wäre.

Er grinste mitleidlos zurück und enterte dann ab.

Kurz darauf segelten die beiden Flöße in südlicher Richtung davon.

Auf der „Empress“ hatte man alles genau verfolgt. Nur daß Musketen auf die Flöße gebracht worden waren, entging den Männern.

Auf dem ersten Floß hockte der stiernackige Anführer, der den weißen Fetzen geschwenkt hatte. Er drehte sich um und hob wie grüßend die Hand, aber es war eine höhnische Geste.

Carberry hatte schmale Augen, als er den Flößen nachsah.

„Wir pullen nachher mal rüber“, sagte er, „und sehen uns den Kasten an, ob auch wirklich alle Mann von Bord verschwunden sind. Ich werde das Gefühl nicht los, daß die Halunken noch etwas auf der Pfanne haben. Dieses ungewaschene Rübenschwein gab sich ein bißchen überheblich. Vielleicht haben sie doch noch etwas ausgebraten.“

„Zum Beispiel?“ fragte Nils Larsen.

„Na, zum Beispiel könnten sie eine Lunte an die Pulverkammer gelegt haben. Sie rechnen damit, daß wir uns auf der Galeone umsehen, und dann bläst es uns in die Luft.“

Der Kutscher sah den Profos nachdenklich an.

„Die Zeit können sie nicht berechnen, weil sie nicht wissen, ob und wann wir an Bord gehen. Aber wir liegen nur knapp fünfzig Yards von dem Kasten entfernt. Sollte der wirklich mit einer Pulverladung hochgehen, dann kann Old Donegal seine Karavelle vergessen. Ich empfehle dir also …“

Der Kutscher brauchte nichts mehr zu empfehlen. Old O’Flynn geriet fast wieder aus dem Häuschen, als er das hörte. Gerade jetzt hatten sie ihr feines Schiffchen wieder – und dann … No, Sir!

„Hievt den Anker, und dann nichts wie ab!“ rief er schrill. „Und beeilt euch damit, zur Hölle!“

Sie beeilten sich wahrhaftig, denn jetzt war auch der Profos von seiner Vermutung überzeugt. Noch während sie in aller Eile die Segel setzten, warfen sie immer wieder einen mißtrauischen Blick zu der zerschossenen Galeone. Einmal glaubte Martin Correa auch eine winzige Rauchwolke aufsteigen zu sehen, doch das erwies sich als reiner Irrtum.

Inzwischen war eine halbe Stunde vergangen, bis sie in sicherer Entfernung von der Galeone wieder vor Anker lagen. Weit im Süden segelten die beiden Flöße mit den Schnapphähnen.

Sie gaben noch einmal eine Viertelstunde zu.

„Fehlanzeige“, murmelte Carberry. „Da war wohl nichts mit einer Lunte und Pulverladung. Vielleicht haben sie kaum noch Pulver an Bord. Ich denke, wir sollten jetzt einmal nachsehen.“

Der Kutscher glaubte ebenfalls nicht daran, daß jetzt noch etwas passieren würde.

„Nun, man kann sich ja auch mal irren“, sagte Carberry. „Vorsicht war in diesem Fall jedenfalls angebracht.“

Old O’Flynn nickte bekräftigend. Er hatte sich wieder beruhigt, als er sah, daß nichts passierte.

„War ganz gut, daß wir verholt haben. Später hätte ich mir die größten Vorwürfe gemacht, wenn es wirklich geknallt hätte.“

Die Jolle war abgefiert und lag längsseits.

„Stenmark, Nils und Lars gehen mit mir“, sagte Carberry. „Jetzt werden wir dem Schiffchen mal auf den Zahn fühlen.“

„Nehmt Waffen mit“, riet Old O’Flynn. „Ich habe immer noch das verdammte Gefühl, als würde da drüben etwas passieren.“

Sie bewaffneten sich mit Blunderbussen und Pistolen. Dann enterten die vier Männer in die Jolle ab.

Hasard und Philip junior hatten die aufgebrummte „San Jacinto“ unterdessen fast pausenlos mit dem Kieker beobachtet.

„Da drüben rührt sich nichts“, meldete Philip. „Aber das heißt deshalb noch lange nicht, daß auch alles in Ordnung ist.“

Carberry nickte den Zwillingen freundlich zu. Den beiden hatten sie eine Menge zu verdanken, denn schließlich waren sie es gewesen, die die Höhle entdeckt hatten, in der sie Schutz fanden und in der jetzt das viele Gold lagerte.

Dann griffen sie zu den Riemen und pullten zur „San Jacinto“ hinüber.

Als sie näher heran waren, beäugten sie das Schiff mißtrauisch. Es war nur noch ein Wrack, und es gab seltsame Töne von sich wie ein großes krankes Tier, das sich vor seinem Tod verkrochen hat.

„Was sind das für unheimliche Geräusche?“ fragte Stenmark.

Da war ein Raunen und Flüstern zu hören. Hin und wieder knackte es, und dann folgte ein dumpf klingendes Gemurmel. Einmal hörten sie klar und deutlich ein Ächzen.

Der Profos runzelte die Stirn. In der rechten Hand hielt er feuerbereit einen Blunderbuss. Sie trieben jetzt genau auf die immer noch ausgebrachte Jakobsleiter zu.

Die Geräusche wiederholten sich. Knacken, Ächzen und wieder dieses merkwürdige Wimmern.

„Das Schiff stirbt“, sagte Carberry, „und dabei verursacht es diese unheimlichen Geräusche. Ferris sagt immer, daß es dann seine Seele aushaucht. Das ist eine ganz natürliche Erklärung, weil das Holz pausenlos arbeitet.“

Er zuckte aber doch zusammen, als wieder das wimmernde Geräusch erklang. Dumpf und halb erstickt war es zu hören. Dann kamen wieder andere Geräusche hinzu.

Die Jolle wurde an der Jakobsleiter vertäut. Von der „Empress“ aus wurden sie scharf beobachtet.

Carberry enterte als erster auf und blieb neben dem Schanzkleid stehen, um sich einen allgemeinen Überblick zu verschaffen. Die anderen folgten und sahen sich ebenfalls aufmerksam um.

„Himmel, sieht der Kahn aus“, sagte Sven. „Da müssen wir aber genau aufpassen, wo wir hintreten, sonst sausen wir nach unten.“

Scharfkantige gezackte Löcher befanden sich im Deck der Kuhl. Auf der Back und den anderen Decks sah es nicht besser aus.

„Da hat’s mächtig eingeschlagen“, meinte Stenmark. „Wir sollten uns jetzt aber mal um die Pulverkammer kümmern.“

Der Profos marschierte schon los und umging die tückischen Löcher und angeknacksten Planken. Er hatte immer noch so ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend und traute dem Frieden nicht.

Als sie jedoch die Pulverkammer erreichten und das Schott öffneten, sahen sie sich erleichtert an.

„Zwei armselige Fäßchen“, sagte Carberry. „Damit konnten sie keinen großen Feuerzauber mehr veranstalten. Aber es hätte trotzdem gereicht, um den Eimer in die Luft zu blasen.“

Damit war die Sorge ausgeräumt, daß sie in die Luft flogen. Jetzt erst sahen sie sich genauer und sehr aufmerksam um.

Das Knacken und leise Krachen begleitete sie auf Schritt und Tritt. Sie gingen nach achtern, doch da stand mittlerweile alles unter Wasser.

„Zwecklos, da hineinzuwaten“, sagte Sven. „Da hält sich auch niemand mehr auf.“

Der Profos winkte ab. Da war wirklich nichts mehr zu holen. Deshalb gingen sie wieder zurück.

Auf dem Quarterdeck lagen Bruchstücke von Holz herum. Zerfetzte Segel waren in Streifen über die Planken verteilt. Der leichte Wind hob sie immer wieder an und ließ sie wie Leichentücher flattern.

Plötzlich blieb Stenmark wie angenagelt stehen. Sein Blick war auf die halbzerstörte Nagelbank gerichtet.

„Da liegt einer“, sagte er leise.

Der Mann war tot und lag auf dem Rücken. Zwei zerfetzte Planken bedeckten teilweise seinen Körper. Sein Hemd war blutig. Das Schrot aus einer Drehbasse hatte ihn getroffen.

Der Profos sah schweigend auf den Toten. Dann drehte er sich ebenso wortlos um und ging weiter, denn er hatte aus den Augenwinkeln etwas gesehen.

Sie fanden gleich darauf einen weiteren Toten, der übel zugerichtet war. Auch ihn hatte Drehbassenschrot getroffen.

„Diese dreckigen Strolche“, sagte Carberry aufgebracht. „Nicht einmal um die Toten kümmern sie sich. Sie lassen sie einfach an Deck liegen, diese verlausten Bastarde. Zumindest hätten sie sie über Bord geben können, wie sich das für einen Christenmenschen gehört.“

Der Profos konnte sich über solche Dinge immer sehr aufregen, und das tat er noch gründlicher, als sie den dritten Toten fanden.

Der befand sich weiter vorn zum Vordeck und lag unter einem teilweise zerschossenen Niedergang der Länge nach ausgestreckt. Es war ein bärtiger Kerl mit einem harten Gesicht, das selbst im Tod noch grimmig verzogen war.

„Drei Tote“, sagte Carberry empört. „Und alle drei lassen diese Halunken einfach so liegen. Wir werden sie nachher mitnehmen und irgendwo an Land begraben.“

Die Galeone arbeitete und ächzte inzwischen zum Gotterbarmen weiter.

„Was war das eben?“ fragte Nils Larsen. Er drehte sich um und lauschte mit vorgerecktem Kopf.

„Das war der Wind, der irgend etwas bewegt hat. Die Geräusche lassen sich kaum unterscheiden. Es kann auch eindringendes Wasser im Achterschiff gewesen sein.“

„Das hat sich aber verdammt anders angehört.“

„Das muß weiter vorn gewesen sein“, meinte Stenmark. „Wie ein Stöhnen klang es, nur sehr unterdrückt.“

Das Stöhnen, oder was immer es auch gewesen sein mochte, wiederholte sich nicht. Dafür traten die anderen Geräusche verstärkt auf, als sie zum Vordeck gingen.

Ein angelehntes Schott, das der Profos schon seit einer Weile mißtrauisch beobachtete, schwang hin und her. Manchmal knarrte es auch in den Angeln. Das Schott führte ins Vorschiff, aber dahinter war alles dunkel.

Mit den Pistolen und Blunderbussen in den Fäusten näherten sie sich dem Schott und nahmen seitlich davon Aufstellung.

Dann trat der Profos einen schnellen Schritt vor und riß es auf.

Zuerst hatten sie erwartet, daß sich ein paar Kerle in dem Raum verborgen hatten, um sie blitzartig zu überfallen und vielleicht als Geiseln zu nehmen. Deshalb hatte Carberry das Schott auch keine Sekunde aus den Augen gelassen.

Jetzt aber traf sie fast der Schlag, als das Schott geöffnet war.

Ein Mann in einem durchbluteten Hemd lag hinter dem Schott und blinzelte aus großen ängstlichen Augen in das hereinfallende Sonnenlicht.

Der Mann war gefesselt und geknebelt, obwohl er schwer verletzt sein mußte. Er wollte etwas sagen, doch der Knebel hinderte ihn daran, und so folgte nur ein ersticktes Geräusch.

„Das darf doch nicht wahr sein“, sagte Carberry erschüttert.

Der Mann in seinen Fesseln bewegte sich so, als ob er sich davonrollen wollte. Seine Angst schien unbeschreiblich zu sein.

Fassungslos standen Nils, Sven und Stenmark um den Mann herum. Sie konnten auch nicht glauben, was sie mit eigenen Augen sahen.

„Diese Drecksbande von Strolchen“, sagte Carberry voller Zorn. „Die lassen einen Verwundeten zurück, weil sie sich mit ihm nicht belasten wollten, weil er ihnen lästig war. Sie gehen einfach davon aus, daß wir uns um ihn zu kümmern haben.“

„Aber warum haben sie ihn geknebelt?“ fragte Stenmark entsetzt.

Carberry und Sven Nyberg beugten sich schon hinunter, um dem Mann den Knebel abzunehmen. Die Kerle hatten ihn so fest zugezogen, daß der Mann fast erstickt war.

„Wahrscheinlich wollten sie sein Geschrei nicht hören, weil es ihnen auf die Nerven ging“, meinte Carberry. Der Profos war von Wut bis zum Bersten erfüllt.

Sten schnitt ihm mit dem Entermesser die Fesseln durch.

„Keine Angst“, sagte der Profos, als er die wild rollenden Augen des Mannes sah. „Wir tun dir nichts. Du hast von uns nichts zu befürchten. Kannst du uns verstehen?“

Die Antwort bestand aus einem kläglichen Nicken. Das Gesicht des Mannes verzog sich wie unter fürchterlichen Schmerzen.

Auch wenn er ein Schnapphahn war, so tat er ihnen doch leid, denn was seine Kumpane mit ihm angestellt hatten, war an Gefühlsroheit und Menschenverachtung nicht mehr zu überbieten.

Der Profos regte sich noch mehr auf als über die drei Toten.

„Eins steht für mich fest. Wenn ich das gewußt hätte, dann wäre dieser Oberschnapphahn nicht mit einem blauen Auge davongekommen. Diese ganze Schwefelbande hätte das teuer bezahlt. So ein Scheiß! Aber hinterher ist man ja immer klüger.“

Er rannte voller Zorn zum Schanzkleid und blickte nach Süden, wohin die Schnapphähne gesegelt waren. In weiter Ferne waren jedoch nur noch zwei winzige Punkte zu erkennen, die sich zwischen dem Gewirr der zahlreichen Inseln bewegten.

Carberry schlug mit der Hand auf den zersplitterten Handlauf des Schanzkleides. Sein Blick war zornig auf die Punkte gerichtet.

„Jetzt ist es natürlich müßig, noch hinter den Kerlen herzusegeln“, sagte er. „Bis wir klar sind, haben die die Kimm längst hinter sich gebracht.“

Der Mann auf den Planken stöhnte laut. Wasser trat vor Schmerz in seine Augen.

Carberry wollte ihn aufheben und zur Gräting bringen, aber jede noch so leichte Berührung vertrug der Mann nicht.

„Dann lassen wir ihn am besten so liegen“, entschied er. Sie sprachen ein paar Worte Englisch, damit der Mann sie nicht verstand.

„Glaubst du, daß er das überleben wird?“ fragte Stenmark.

„Nein, ganz sicher nicht. Vielleicht noch ein paar Stunden, mehr bestimmt nicht. Er muß sehr schwer verletzt sein.“

Der Mann verstand sie nicht. Sein Gesicht entspannte sich ein wenig, seit ihm der Knebel nicht mehr die Luft abdrückte, aber der Schmerz stand nach wie vor in seinen Augen.

„Sven und Nils, ihr pullt hinüber und holt den Kutscher“, sagte der Profos. „Er soll sich beeilen. Wenn er dem Mann nicht mehr helfen kann, kann er vielleicht seine wahnsinnigen Schmerzen lindern. Schildert ihm kurz die Lage.“

Sven und Nils enterten ohne ein weiteres Wort ab und pullten zur „Empress“ hinüber. Von dort aus wurden sie immer noch mit den Spektiven beobachtet.

Carberry und Stenmark waren mit dem Sterbenden und den drei Toten allein.

Das Gesicht des Mannes veränderte sich auf erschreckende Weise. Es sah jetzt leichenblaß aus. Der Mund war etwas geöffnet, während er die Augen bis auf einen schmalen Spalt geschlossen hatte.

„Sind noch mehr von euch an Bord?“ fragte Carberry. „Kannst du mich überhaupt verstehen?“

Dem Mann bereitete es sichtliche Anstrengungen, zu sprechen. Aber er brachte ein paar Worte heraus, wenn auch sehr mühsam.

„Alle weg“, hauchte er. „Alle fort. Allein hier.“

Stenmark linste hinter das Schott, nahm die Pistole in die Faust und ging die paar Stufen hinunter. Er wollte sich nicht unbedingt darauf verlassen, daß alle weg waren. Vielleicht hatte der Mann auch nicht genau gewußt, was er sagte.

Er fand jedoch niemanden mehr vor. Das Logis war ein Haufen Dreck und Unrat, verlassen wie ein Saustall, in dem alles drunter und drüber ging.

Angewidert nahm er zwei löchrige Decken und einen seegrasgefüllten Beutel mit, der einem der Kerle mal als Kopfkissen gedient haben mußte. Damit kehrte er an Deck zurück.

Dann bewegten sie den Mann ganz vorsichtig auf eine der Decken, legten ihm das Kopfkissen unter und eine weitere Decke auf seinen so entsetzlich zugerichteten Körper.

Ein dankbarer Blick traf die beiden Männer.

„Schon gut“, sagte der Profos rauh. „Wir haben einen Feldscher an Bord, der wird gleich hier sein und dir helfen. Du brauchst wirklich keine Angst zu haben.“

„Vorsicht an Bord“, stammelte der Mann heiser. Er hustete und bäumte sich auf.

„Ja, ich weiß“, sagte Carberry. „Hier ist alles kaputt. Wir werden uns schon nicht die Knochen brechen.“

Er ahnte nicht, daß der Mann etwas ganz anderes meinte, aber er war für den Augenblick zu erschöpft, um weiterzusprechen.

3.

Das änderte sich erst, als Nils, Sven und der Kutscher bei der „San Jacinto“ anlegten und auf enterten.

Der Kutscher hatte seinen Kasten mit Salben, Tinkturen und dem Besteck dabei, seine „Knochenbrecherkiste“, wie der Profos sie immer gern bezeichnete.

„Gefesselt und geknebelt hat man ihn?“ fragte der Kutscher entgeistert. „Damit er ihnen mit seinem Geschrei nicht auf die Nerven ging, was?“

„So ist es“, erwiderte Carberry. „Schon das wäre ein Grund, den Strolchen hinterherzusegeln und sie kräftig durchzuwalken. Aber dazu ist es jetzt zu spät. Was hältst du von ihm, Kutscher?“

Der Kutscher kniete sich nieder, entfernte die Decke und schnitt dem Verletzten das Hemd auf. Bei jeder noch so leisen Berührung zuckte der Mann zusammen und verbiß sich nur mühsam das Schreien.

Der Kutscher ließ sich nichts anmerken, als er die fürchterlichen Wunden sah.

„Niemand kann ihm mehr helfen“, sagte er leise. „Selbst bei einer Operation würde er mir unter den Händen sterben. Hier kommt jede Hilfe zu spät.“

„Kannst du ihm nicht anderweitig helfen?“

„Doch, ich werde ihm Laudanum geben, damit er die Schmerzen nicht so spürt. Aber er hat nicht mehr lange zu leben.“

Der Kutscher holte ein Fläschchen mit einer harzig riechenden Tinktur aus seiner Kiste. Dann gab er dem Mann Laudanum.

Sie hockten um ihn herum und warteten die Wirkung ab, die erstaunlich schnell eintrat. Das Trübe in den Augen verschwand, die Pupillen erweiterten sich und der schmerzende Krampf, der seinen Körper befallen hatte, begann sich zu lösen.

„Geht es besser?“ fragte der Kutscher besorgt.

„Danke, viel besser. Aber es wird nicht mehr lange dauern. Ich weiß, daß ich sterben muß. Vorsicht an Bord“, wiederholte er dann.

„Weshalb Vorsicht?“ fragte der Kutscher mißtrauisch. „Habt ihr nicht alles abgesucht?“

„Doch, aber das hat er vorhin schon einmal gesagt. Es bezieht sich wohl auf die angeknackten Planken und Löcher im Schiff.“

„Nein, nicht das Schiff“, ächzte der Mann. „Acosta hat alles vergiftet – den Proviant, den Wein, den Rum. Sie ließen mich hier liegen und haben sich darüber unterhalten. Alles vergiftet. Nehmt nichts mit, wenn ihr weggeht.“

Die fünf Männer warfen sich einen langen Blick zu.

Carberry kratzte sich verlegen das Genick.

„Verdammt noch mal, du hattest wieder einmal recht, Kutscher“, sagte er dann tonlos. „Diese Strolche schrecken wahrhaftig vor nichts zurück. Wir hätten den Kerlen keinen Abzug gewähren sollen. Glaubst du, daß das stimmt?“

„Weshalb sollte uns der Mann anlügen? Er ist dankbar, daß wir ihm helfen, und er meint es nur gut. Laßt also um Himmels willen die Finger von Speisen und Getränken, und wenn sie noch so verlockend aussehen oder duften.“

„Ich rühre bestimmt nichts an“, versicherte Carberry hastig. Die anderen nickten bestätigend.

„Wir haben noch drei Tote entdeckt“, sagte Sten, „die haben sie hier auch einfach zurückgelassen. Ed meinte, wir sollten sie später an Land beerdigen.“

„Ja, das tun wir, es ist Christenpflicht, auch wenn es Schnapphähne waren.“

Der Kutscher wandte sich wieder dem Mann zu. Sein Gesicht war jetzt fast glatt und die Augen blickten ihn sehr wachsam an. Trotzdem sah der Kutscher, daß es mit ihm zu Ende ging. Bestenfalls gab er ihm noch eine oder zwei Stunden. Der starke Blutverlust hatte den Mann geschwächt und war nicht mehr auszugleichen, egal was der Kutscher auch unternehmen mochte.

„Ich danke euch“, murmelte der Mann, von dem sie nicht einmal den Namen wußten. „Geht auch nicht an das Trinkwasser. Ich glaube, Acosta hat es auch vergiftet.“

„Dieser Acosta – ist das der stiernackige Anführer, der schwarzbärtige Kerl mit dem groben Gesicht und den harten Augen?“

„Ja, das ist er. Aber sie sind mittlerweile zerstritten, er, Prado und ein paar andere. Der Satan soll sie alle holen. Wir wollten das Gold, aber wir haben es nicht gekriegt. Die anderen werden es auch nicht kriegen.“

„Ganz sicher nicht“, sagte der Profos grimmig. „Wenn die noch einmal unseren Kurs kreuzen, dann war es ihr letzter Törn.“

Der Mann versuchte zu grinsen, doch es wurde nur eine verzerrte Grimasse daraus. Er entblößte ein paar schadhafte Zähne. Noch im Angesicht des Todes schien er sich darauf zu freuen, daß seine Kumpane nicht mehr an die Goldbarren herankamen.

„Sie geben noch nicht auf“, flüsterte er, „sie werden es wieder versuchen, weil sie verrückt nach dem Gold sind. Ich war auf der ‚Viento Este‘ und habe das Zeug gesehen. Viel, viel Gold, und alles ist weg.“

„Ja, es ist weg. Wir haben es jetzt“, sagte Carberry. „Was hatte es mit der Galeone auf sich?“

Der Kutscher verabreichte dem Mann noch etwas Laudanum, denn allmählich schienen die Schmerzen wieder zurückzukehren. Er merkte das schon an dem wechselnden Mienenspiel.

„Die ‚Viento Este‘ war ein Einzelfahrer. Ich werde euch alles erklären, solange ich noch Zeit dazu habe, denn ihr habt mir geholfen, während die anderen Kerle mich einfach im Stich ließen. Wir hatten die Goldbarren in Vera Cruz geladen. Vor einem Monat sind wir dann aus Havanna losgesegelt.“

„Was habt ihr in Havanna getan?“

„Proviant und Wasser genommen. Wir segelten bis zur Floridastraße, und da gerieten wir in einen höllischen Sturm.“

„Der Sturm hat das Schiff entmastet und auf die Riffe der Cat Cays getrieben“, setzte der Profos hinzu.

„So war es. Capitán Molina gab Befehl, das Schiff zu verlassen. Mit drei Booten segelten wir los, um Florida und an der Ostküste entlang Sankt Augustine zu erreichen. Molina wollte das Gold, das für die spanische Krone bestimmt war, nicht aufgeben. Es sollte abgeborgen werden, doch dann ging alles schief. Wir erreichten um den fünfzehnten Juni herum die Küste von Florida und segelten an ihr entlang nordwärts.“

„Und dann gab es Ärger?“ fragte Carberry gespannt. Sie kannten nur einen Bruchteil der Geschichte und hatten sich meist auf Vermutungen gestützt.

„Ja, dann gab es Ärger. Molina führte eins der Boote, das zweite sein Erster Offizier und das dritte Acosta, der als Steuermann fuhr. Acosta hat seine zwölf Männer zum Mord aufgestachelt, weil er das Gold später selbst bergen wollte. Er hatte sich auch schon ein paar Goldbarren eingesteckt.“

„Feine Brüder“, meinte Stenmark. „Ein wirklich dankbares Völkchen.“

Der Verletzte versuchte wieder vergeblich zu grinsen. Offenbar hatte er selbst einen gehörigen Anteil an der Sache gehabt.

Dann redete er hastig weiter, als bliebe ihm nicht mehr viel Zeit.

„Es war, als wir an der Küste nordwärts entlangsegelten. Da feuerten Acosta und seine zwölf Kerle auf die beiden anderen Boote, brachten sie zum Sinken und schossen auf die Schwimmenden, bevor sie sich ans Ufer retten konnten. Sie haben einen nach dem anderen abgeknallt. Zwölf Tage später erreichten sie dann Sankt Augustine.“

„Und das fiel keinem auf?“ fragte der Kutscher. „Haben die Behörden denn nichts gemerkt?“

„Nein, wir sind ganz unauffällig eingesickert. Dann hatten wir Gelegenheit, auf einer Galeone anzuheuern, die unterbemannt war und einen Ruderschaden hatte. Sie sollte mit Gewürzen nach Spanien segeln. Der Kapitän hat sich über den Zuwachs gefreut.“

Später wohl kaum noch, dachte Carberry, aber das sagte er nicht. Statt dessen fragte er: „Diese Galeone war dann die ‚San Jacinto‘, wenn ich nicht irre. Das Wrack, auf dem wir jetzt stehen.“

„Ja, sie war es. Acosta riß ganz plötzlich das Kommando an sich und erschoß den Kapitän. Zehn Mann der Mannschaft stimmten für ihn und entschieden sich, unter seinem Kommando zu segeln. Die restlichen Männer waren gegen ihn und mußten sterben. Danach waren wir insgesamt zweiundzwanzig Kerle. Dann wollten wir die ‚Viento Este‘ leichtern, aber es ging alles schief.“

„Die Galeone war doch aber mit kostbaren Gewürzen beladen“, wandte der Kutscher ein.

„Das Zeug wurde über Bord geworfen, bis wir leer waren. So hatten wir die Laderäume frei für das Gold.“

„Dann war es wohl eine herbe Enttäuschung, als ihr das Gold auf der ‚Viento Este‘ nicht mehr fandet“, meinte Carberry.

„Acosta ist fast wahnsinnig geworden vor Zorn. Später entdeckten wir dann den Papagei und suchten nach euch. Aber ihr seid, immer unsichtbar geblieben. Schließlich hatten wir Angst vor euch, weil ihr dann zur Stelle wart, wenn es keiner vermutete.“

Er dachte wohl daran, wie sie ihnen bei Nacht und Nebel die Beiboote abgenommen und später das Ruder verkeilt hatten, bis die „San Jacinto“ in den Riffen aufgebrummt war.

„Jetzt kennen wir auch das Kapitel“, sagte der Kutscher. „Viel hat es ihnen bisher nicht eingebracht. Aber ich bin sicher, daß die Kerle immer noch nicht aufgegeben haben. Irgendwann werden sie zurückkehren, vielleicht in dieser Nacht noch. Dann werden sie versuchen, die ‚Empress‘ zu entern.“

„Darauf werden wir allerdings gefaßt sein“, knurrte Carberry. „Ich kann es kaum erwarten, bis dieser Acosta mit seiner Mörderbande aufkreuzt. Den nehme ich mir höchstpersönlich zur Brust, diesen Satan, diesen hinterhältigen.“

Stenmark beugte sich zu dem Mann hinunter und fragte: „Hat Acosta etwas von dem Überfall gesagt?“

Er erhielt keine Antwort. Der Mann schwieg.

Der Kutscher warf nur einen Blick auf ihn.

„Er wird dir keine Antwort mehr geben, Sten. Er ist tot. Mich wundert nur, daß er noch so lange ziemlich klar und deutlich gesprochen und alles erzählt hat.“

Der Schnapphahn, der jetzt sein Leben ausgehaucht hatte, starrte aus blicklosen Augen in den fast wolkenlosen Himmel. Noch im Tode hatte sich sein Grinsen verstärkt und war zu einer Fratze gefroren, die Schadenfreude ausdrückte. Wenigstens in seinen letzten Minuten hatte er seinen Kumpanen noch eins ausgewischt, indem er die Engländer vor dem vergifteten Proviant und dem Wein gewarnt hatte. Daß sie sowieso nichts angerührt hätten, wußte er nicht.

Jetzt lag er still und reglos da und hatte ausgelitten.

Der Kutscher sah sinnend auf den Toten.

„Immerhin hat er uns noch gewarnt, obwohl wir von dem Zeug ganz sicher nichts angerührt hätten. Das konnte er aber nicht wissen. Wir werden ihn auch mitnehmen und an Land bestatten.“

„Wir sollten auch noch etwas anderes tun“, sagte Carberry. „Ich habe mir gerade überlegt, daß es auch andere auf eine dieser Inseln verschlagen könnte. Schiffbrüchige etwa, die nichts mehr zu beißen haben. Wenn sie das Wrack entdecken, den Proviant, das Wasser, den Wein und all das Zeug, werden sie sich verständlicherweise davon bedienen. Es ist zwar kaum anzunehmen, daß das der Fall sein wird, aber die Möglichkeit besteht.“

„Das ist richtig“, sagte der Kutscher. „Daher werden wir das ganze Zeug einfach über Bord werfen.“

„Genau das hatte ich vor.“

„Und danach das gründliche Händewaschen nicht vergessen“, mahnte der Kutscher. „Ich weiß nicht, um welche Art von Gift es sich handelt. Jedenfalls müssen wir uns vorsehen.“

„Dann fangen wir gleich damit an.“

„Ich hole inzwischen die Pulverfässer“, sagte Nils. „Es sind zwar nur zwei, aber Pulver können wir immer gebrauchen. Donegal hat eine ganze Menge davon verballert.“

Mit dem Verbrauch von Schießpulver war Old O’Flynn wahrhaftig nicht gerade zimperlich umgegangen. Da kamen ihnen die beiden Fässer ganz recht.

Nils nahm auch gleich noch die Arzneikiste vom Kutscher mit und verstaute sie in der Jolle. Sie wurde jetzt nicht mehr gebraucht. Der Mann war tot und die drei anderen ebenfalls.

Dann holte er die beiden Fässer mit Schießpulver, die er ebenfalls im Beiboot zwischen den Duchten verstaute.

Als er zurückkehrte, fand er die anderen in der Kombüse und der angrenzenden Proviantlast.

Sie hatten ein paar Speckseiten auf die Kombüsenback gelegt und begutachteten sie.

„Ein Jammer, daß man aus Gemeinheit und Boshaftigkeit so mit dem Proviant umgeht und ihn verschwendet“, sagte der Kutscher gerade. „Diese Kerle sind wahrhaftig Ausgeburten der finstersten Hölle.“

„Glaubst du wirklich, daß das alles vergiftet ist?“ fragte Sven.

„Davon bin ich überzeugt. Wenn du genau hinsiehst, kannst du noch Spuren von einem grauweißen Pulver entdecken. Damit haben sie fast alles eingerieben. Dasselbe Zeug haben sie wahrscheinlich auch in das Trinkbare getan.“

Tatsächlich entdeckten sie kaum sichtbare feine Spuren einer grauweißen Substanz, die größtenteils bereits in den Speck eingedrungen war. Sie roch nach nichts, wie der Kutscher feststellte, als er einmal daran schnupperte.

„Noch besser wäre es, den ganzen Kahn in Brand zu stecken“, meinte Carberry. „Dann hat alles ein Ende.“

„Das halte ich für sinnlos. Weshalb sollen wir die Galeone in Brand stecken, Ed? Denk doch mal an die potentiellen Schiffbrüchigen, die hier landen und das Holz gut verwerten könnten.“

„Was für Kerle?“ fragte Carberry. Er sah den Kutscher verblüfft an.

„Potentielle Schiffbrüchige“, wiederholte der Kutscher geduldig.

„Hab’ ich noch nie gehört“, versicherte der Profos. „Ich kenne echte Schiffbrüchige und Gestrandete, oder an Land geschwommene, aber die Dingsda – äh – pot… Äh – werden sich nicht ausgerechnet in diese Ecke verirren.“

„Potentiell steht für mögliche Schiffbrüchige. Das ist so ein Ausdruck für etwas, das eintreten könnte, aber noch nicht Wirklichkeit ist.“

„Dann sag doch gleich, was du meinst, sonst versteht das ja kein Mensch. Dein Latein geht mir langsam auf den Geist.“

„Latein gehört nun einmal zu einem Feldscher oder zu einem Arzt. Das hat Doc Freemont immer gesagt, daher habe ich es auch bei jeder Gelegenheit gelernt.“

„Bei uns kannst du dich jedenfalls ganz normal ausdrücken“, erlaubte Carberry großzügig.

Daraufhin lächelte der Kutscher nur feinsinnig. Immer wenn der Profos etwas nicht gleich kapierte, ärgerte er sich.

Carberry und Sten luden sich ein paar Speckseiten auf die Schulter, trabten damit an Deck und warfen sie über Bord. Mit lebhaftem Bedauern natürlich.

Nach und nach wurde auch das andere Zeug über Bord geworfen.

Am meisten zerriß es dem Profos das Herz, daß der Wein und auch der Rum weggeschüttet werden mußte. Da kriegte er sich fast nicht mehr ein, wie er glaubhaft versicherte.

„Schon dafür gehört den Strolchen was auf die Nüstern“, sagte er grimmig. „Das schöne Zeug! Jetzt wandert es über Bord, dabei hätte man so herrlich einen gluckern können.“

„Wir haben ja noch auf der ‚Empress‘ was“, sagte Sven, aber das war für den Profos auch nur ein schwacher Trost.

Nach einer knappen halben Stunde waren Kombüse und Proviantlast ausgeräumt. Im Wasser schwammen Speckseiten, Mehlreste und Fett. Es sah nicht gerade appetitlich aus.

Aber für den Speck begannen sich bereits zwei kleinere Haie zu interessieren. Sie umkreisten die im Wasser schwimmenden Brocken und näherten sich neugierig, wobei sie immer engere Kreise zogen.

„Verderbt euch nur nicht den Magen“, warnte Carberry. „Aber ihr habt ja einen anderen Pansen als wir.“

An Bord befand sich jetzt nichts mehr, was noch mitnehmenswert gewesen wäre. Das Schiff gab nichts mehr her. Es war nur noch ein Wrack, das bald der See und den Klippen zum Opfer fallen würde. Sturm und Wellen würden an ihm fressen, und eines Tages würde nur noch ein mageres Gerippe zwischen den Klippen liegen, bis auch die letzten Spuren verschwunden waren.

„Was jetzt?“ fragte Stenmark. „Wenn wir die vier Toten mitnehmen, haben wir in der Jolle nicht alle Platz. Ich schlage vor, Nils und Sven pullen den Kutscher zur Karavelle, und Nils kehrt allein wieder zurück und bringt noch zwei oder drei Schaufeln mit. Ihr könnt den anderen inzwischen Bericht erstatten.“

„In Ordnung“, sagte der Kutscher. „So werden wir es halten. Wenn wir euch bei der Bestattung helfen sollen, dann gebt Bescheid. Ihr müßt ja schließlich nicht allein bei der Hitze schuften.“

Carberry wedelte abwehrend mit der Hand.

„Wir heben zwischen den Felsen im Sand eine größere Grube aus und beerdigen sie dort.“

4.

Der Kutscher, Nils und Sven enterten ab und pullten zur „Empress“ hinüber. Nachdem sie drüben angelegt hatten, kehrte Nils allein wieder zurück und brachte drei Schaufeln mit.

„Bevor wir die Toten zum Strand bringen“, sagte Carberry, „durchsuchen wir noch einmal schnell alle Räume, auch die Laderäume. Ich will mir später keine Vorwürfe machen, daß wir doch noch jemanden übersehen haben.“

Sie begannen, noch einmal das Schiff auf den Kopf zu stellen. Aber es wurde niemand mehr gefunden. In die Laderäume war ebenfalls Wasser eingedrungen. Ins Achterschiff konnte man ebenfalls nicht mehr hinein, weil dort alles unter Wasser stand.

Jetzt begann für sie die unangenehme Arbeit, die vier Toten ins Beiboot zu bringen.

„Geh du in die Jolle, Nils und nimm sie uns ab. Wir lassen sie an einem Tau hinunter.“

Carberry und Stenmark holten den ersten Toten, banden ihm ein Tau um den Leib und fierten ihn nach unten ab, wo Nils ihn zwischen die Duchten legte.

Dann wurde der zweite, dritte und schließlich der vierte Tote nach unten gebracht.

Die vier Leichen, die kreuz und quer zwischen den Duchten hingen, boten einen schaurigen Anblick. Bei jeder noch so kleinen Welle schien das Leben wieder in sie zurückzukehren. Einer von ihnen erweckte den Eindruck, als winke er zum Abschied mit der Hand zur „Empress“ hin.

Dann aber hatten sie die grausige Fracht endlich an Land.

Schweigend gingen sie daran, eine größere Grube zwischen den Felsen auszuheben. Die Sonne stach heiß vom Himmel. Es war jetzt Nachmittag, und die Hitze schien immer größer zu werden. Schon bald rann ihnen der Schweiß in Bächen über die Stirn.

„Christenpflicht kann manchmal ganz schön anstrengend sein“, sagte Stenmark. „Aber wir haben es gleich geschafft.“

Verbissen schaufelten sie weiter. Als der Profos einmal kurz verschnaufte, sah er dicht neben der „San Jacinto“ heftige Bewegungen im Wasser. Neben dem Schiffsrumpf schien das Wasser zu kochen und zu brodeln.

„Haie“, sagte Nils. „Die fallen jetzt über den Speck her.“

Die Grube war endlich fertig. Die vier Toten wurden hineingelegt. Dann schaufelten sie die Grube wieder zu und legten einen größeren Stein darauf.

In der Nähe des Wracks pfeilten die Haie weiter durchs Wasser und gebärdeten sich wie toll.

Der Profos empfahl die sündigen Seelen dem Herrn und kehrte zur Jolle zurück.

„Vergeßt nicht, was der Kutscher gesagt hat“, mahnte er. „Wir sollen uns ordentlich die Hände waschen, damit wir nichts von dem lausigen Gift abkriegen.“

Sie wuschen sich ausgiebig die Hände, wie der Kutscher empfohlen hatte, stiegen in die Jolle und kehrten zur „Empress“ zurück.

Old O’Flynn stand an Deck – mit roten Ohren und dickem Hals. Er war voll in Braß.

„Ich überlege gerade“, sagte er grimmig, „ob wir diesen Bastarden nicht doch hinterhersegeln sollen. Nach allem, was sie getan haben, sollte man ihnen einen Denkzettel verpassen. Wir schießen ihnen die Flöße zusammen und lassen sie an Land schwimmen. Dann sollen sie meinetwegen auf der nächstbesten Insel vergammeln. Die Halunken haben es nicht besser verdient.“

„Die Rachegefühle sind ja durchaus verständlich“, meinte der Kutscher, „doch inzwischen sind die Kerle längst über alle Berge. Sie stecken irgendwo südlich hinter den Inseln. Wenn wir denen folgen, können wir den ganzen Tag bis zur Nacht mit der Suche verbringen, wobei es immer noch fraglich bleibt, ob wir sie überhaupt finden.“

Old O’Flynn wollte wieder mal mit dem Schädel durch die Wand und bedauerte lebhaft, daß sie die Strolche überhaupt hatten abziehen lassen.

Aber schließlich siegte die Vernunft.

„Keine Sorge“, sagte der Kutscher. „Wir werden sie schon noch wiedersehen. Ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, daß sie noch nicht aufgegeben haben. Warum sollen wir hinterhertörnen, wenn sie uns ohnehin einen Besuch abstatten werden? Wir werden auf der Hut sein und sie gebührend empfangen. Möglicherweise können wir schon für die heutige Nacht mit einem Überfall rechnen.“

Die Argumente des Kutschers überzeugten auch Old O’Flynn schließlich.

„Gut“, sagte er, immer noch zornerfüllt. „Dann verholen wir jetzt auf gleicher Höhe zu der Galeone und legen uns vor der Westküste auf die Lauer. Danach können wir uns aufs Ohr hauen, um später gerüstet zu sein. Eine Wache genügt.“

Da von der „San Jacinto“ absolut keine Gefahr mehr drohte, hievten sie den Anker, setzten die Segel und verholten.

Auf gleicher Höhe vor der aufgebrummten Galeone wurde dann erneut der Anker gesetzt.

„Ich werd’ glatt verrückt“, sagte Carberry, als die Karavelle ruhig vor Anker lag und sie Zeit hatten, sich umzusehen. „Schaut mal dort hinüber.“ Dabei wies er mit dem ausgestreckten Finger zu der Galeone hin.

Was sie sahen, schockierte sie doch.

Ganz in der Nähe, etwa zwanzig Yards von der „Empress“ entfernt, trieben zwei Haie. Sie hatten die Bäuche nach oben gedreht. Ihre aufgesperrten Mäuler schnappten haltlos ins Leere. Die großen Fische zuckten, als litten sie unter heftigen Krämpfen. Einer bewegte sich nur noch ruckartig durch das Wasser. Dann lag er wieder still da, zuckte erneut und raste im Zickzack hin und her. Das Spiel wiederholte sich ein paarmal hintereinander. Der große Fisch schoß danach bis auf den Grund, wühlte den Sand auf und kam schlingernd wie betrunken an die Oberfläche.

Nach einer Weile rührte er sich nicht mehr. Der zweite Hai schien ebenfalls tot zu sein. Die Wellen trieben ihn langsam dem Ufer zu.

„Die haben den durchwachsenen Speck gefressen“, sagte der Kutscher unbehaglich. „Das haben wir schon vorhin beobachtet.“

„Und der Speck war vergiftet“, fügte der Profos hinzu. „Dabei dachte ich, daß ihnen das nichts ausmacht. Jetzt stellt euch nur mal vor, daß wir von dem Zeug gemampft hätten! Dann würden wir uns jetzt ebenfalls in Zuckungen winden.“

Die Fische rührten sich nicht mehr. Mit ihren nach oben gerichteten hellen Bäuchen trieben sie immer näher ans Ufer.

Zwei weiteren kleinen Haien schien es ähnlich zu ergehen. Einer donnerte wie benommen an den Rumpf der Galeone, daß das Geräusch deutlich bis zur „Empress“ hinüber zu hören war. Der andere raste wild durchs Wasser und schoß auf die Riffe zu. Dort verschwand er etwas später, ohne daß sie ihn noch einmal sahen.

Nach einer weiteren halben Stunde hauchte auch der dritte Hai sein Leben aus. Auch er wand sich in wilden Zuckungen, bis er dicht vor die Bordwand der Karavelle trieb.

„Das will ich genau wissen“, sagte der Profos. „Wir hieven ihn an Bord und sehen mal nach, was er im Magen hat.“

„Speck“, sagte der Kutscher lakonisch. „Was sonst! Genau daran ist er eingegangen.“

Dem Profos aber ließ das keine Ruhe.

„Das muß ja ein fürchterliches Gift sein“, sagte er, „wenn schon Haie daran krepieren. Das hätte ich nie geglaubt.“

„Hievt den lieber nicht an Deck“, sagte Old O’Flynn schaudernd. „Nachher vergiftet er uns noch alle.“

„Da kann nichts passieren, Donegal. Wir sehen mal nach.“

Die Zwillinge waren wieder einmal voller Begeisterung bei der Sache. Sie brachten auch sogleich Taue herbei.

Carberry streifte das Auge eines Taues dem vor der Bordwand treibenden Hai über den Schädel. Sven und Nils verfuhren mit dem Schwanzende des Haies ebenso.

Dann packten alle mit an und hievten den Hai an Deck. Er war so lang wie ein ausgewachsener Mann und rührte sich nicht mehr.

Der Profos erlebte jedoch eine üble Überraschung, als er sich mit dem Entermesser in der Faust über den Hai beugte. Er setzte gerade zum Schnitt an, als der Hai ganz überraschend lebendig wurde.

Der große Fisch riß das Maul mit den gewaltigen Zähnen auf und schnappte zu. Gleichzeitig krümmte sich der Körper, und die Schwanzflosse holte zu einem gewaltigen Schlag aus.

Gedankenschnell sprang der Profos vor dem zuschnappenden Kiefer noch rechtzeitig zur Seite. Doch dem Schlag mit der Schwanzflosse vermochte er nicht mehr auszuweichen.

Ein gewaltiger Schlag säbelte ihm die Beine unter dem Leib weg.

Edwin Carberry sauste quer über die Planken, verlor das Entermesser und donnerte mit dem Schädel an die Unterkante des Schanzkleides.

Dort blieb er für ein paar Augenblicke liegen, als hätte ihn ein gewaltiger Schwinger von den Beinen gerissen.

Der Hai aber begann an Deck zu toben. Er wand sich wie ein Riesenaal. Sein fürchterliches Maul öffnete und schloß sich. Der Leib zuckte wie wild, der Schwanz teilte Schläge nach allen Richtungen aus.

Die Männer sprangen fluchend zur Seite. Old O’Flynn begann lautstark zu zetern.

„Das habe ich gleich gewußt. Das Biest zertrümmert uns noch das ganze Schiff.“

Carberry berappelte sich und kam wieder auf die Beine. Dabei schüttelte er ärgerlich den Kopf. Ein ganzer Bienenschwarm hatte sich dort eingenistet und summte in den höchsten Tönen.

Die Bordhündin Plymmie stürzte sich auf das zappelnde und um sich schlagende Monstrum. Sie knurrte heiser, hatte die Lefzen hochgezogen und versuchte, nach dem Hai zu schnappen. Wie wild stürzte sie sich darauf. Aber sie konnte keinen Biß anbringen, ihre Fänge schnappten jedesmal an der rauhen Haut vorbei und glitten ab.

Old O’Flynn raufte sich inzwischen fast die Haare. Übergangslos hatte sich die Karavelle in ein Tollhaus verwandelt.

Sir John schrie Zeter und Mordio, Plymmie schnappte nach dem Hai, und die anderen beeilten sich, den wilden Schwanzschlägen auszuweichen, die immer heftiger wurden.

Old O’Flynn schnappte sich eine Pistole, visierte kurz an und feuerte auf den Hai. Aber der Schuß ging in der Aufregung in die Planken und jaulte als plattgedrückter Querschläger schräg in den nachmittäglichen Himmel.

Fast hätte es dabei noch Sir John erwischt. Der Papagei flatterte fürchterlich schimpfend und zeternd hoch in die Luft.

Das wiederum brachte den Profos in Braß.

„Bist du verrückt, auf Sir John zu schießen!“ brüllte er.

Aber da war er bei Old Donegal an der richtigen Adresse. Der war jetzt auch geladen, weil das wilde Biest nicht zu bändigen war.

„Dein Scheißhai!“ schrie er zurück. „Du bist verrückt, so ein Mistvieh an Bord zu hieven. Außerdem habe ich nicht auf deinen dreimal verdammten Aasgeier geschossen!“

Den Profos überfiel wilde und jähe Wut. Er hatte sich von dem Hieb immer noch nicht so richtig erholt, und jetzt wurde er äußerst aggressiv und angriffslustig.

Er hob sein Entermesser auf, stürzte sich auf den zückenden Fisch, rammte ihm das Messer in die Seite und zog es wild durch.

Nils Larsen feuerte zugleich einen Schuß aus nächster Nähe in den Schädel des Haies ab.

Ein letztes wildes Zucken, ein Aufbäumen erfolgte. Dann schlug der Schwanz nur noch einmal matt über Deck.

Eine zweite Kugel, diesmal von Stenmark abgefeuert, gab dem Riesenfisch endgültig den Rest.

„Aus und vorbei“, sagte der Kutscher erleichtert, als der Hai ruhig und blutend auf den Planken lag.

Aber noch war gar nichts aus und vorbei, denn jetzt gerieten sich Old O’Flynn und der Profos wieder in die Haare.

Der Profos war dabei allerdings etwas ungerecht.

„Gar nichts ist vorbei!“ brüllte O’Flynn. „Jetzt haben wir die Sauerei an Deck, nur weil dieser Hornochse mal nachsehen wollte, was der Hai im Magen hat.“

„Und du Oberhornochse schießt auf unschuldige Vögel!“ röhrte Carberry. „Immer drauf, ohne Rücksicht auf Verluste!“

„Ich hab’ nicht auf deine Krachente geschossen“, verteidigte sich der Alte stocksauer. „Ich hab’ auf das Mistvieh gefeuert, aber das geht in deinen dösigen Schädel wieder mal nicht hinein. Der Hai hätte uns beinahe umgebracht.“

„Quatsch! Gar nichts hätte er! Ich hätte das Vieh schon erledigt!“

„Das hat man gesehen“, höhnte Old Donegal. „Der hat dir eins übergebraten, daß du fast über Stag gegangen wärst. Der Mist wird jetzt über Bord gefeuert. Noch bin ich der Kapitän.“

„Jetzt, nachdem er tot ist, hast du noch Angst vor ihm, was, wie? Du brauchst gar nicht dauernd zu betonen, daß du der Kapitän von diesem Geisterschlorren bist, das wissen wir längst.“

„Was heißt hier Geisterschlorren?“ empörte sich der Alte.

„Na, ist das etwa kein Geisterschlorren? Haut klammheimlich ab und kehrt klammheimlich zurück.“

„Wärmt nur den alten Kram wieder und streitet weiter“, sagte der Kutscher ruhig. „Etwas anderes könnt ihr ja nicht. Wir werfen das Vieh über Bord, reinigen das Deck, und damit ist der Vorfall erledigt. Und ihr beiden Streithähne gebt euch die Hand und vertragt euch wieder.“

„Ha, dem werde ich meine Hand geben“, wetterte Old O’Flynn. „Der kriegt es glatt fertig und gibt sie nicht mehr zurück. Der hat doch zuviel Wind auf der Mühle, hat der.“

Der Kutscher nahm einen neuen Anlauf, weil es nicht so aussah, als würden die beiden Kampfhähne ihren unsinnigen Streit beenden.

„Vielleicht tut’s ein kleiner Schluck Rum zur Versöhnung.“

„Sagtest du Rum?“ fragte Old Donegal. „Das wäre direkt zu überlegen.“

„Aber erst, wenn ich dem Vieh den Bauch aufgeschnitten habe“, sagte Carberry. Seine Stimme klang jetzt ein wenig gedämpfter, seit er etwas von einem Versöhnungsschluck gehört hatte.

Schließlich einigte man sich darauf, daß man „einmal nachsehen“ würde. Immerhin war der Hai jetzt ungefährlich. Er würde auch nicht mehr ganz überraschend zum Leben erwachen, denn sein Blut färbte bereits die Planken rot.

„Also gut“, sagte Old O’Flynn schließlich. „Dann fang endlich an, damit die Schweinerei ein Ende hat.“

Es gab keine sonderliche Überraschung, als der Mageninhalt des Hais auf den Planken lag. Er hatte große Teile der Speckseite aus dem Stück gesagt. Ansonsten fanden sie nur noch die vermatschten Überreste zweier kleinerer Tintenfische. Mehr enthielt der Haimagen nicht.

Der Profos war’s zufrieden, denn jetzt hatte er die Gewißheit, daß der große Fisch an dem vergifteten Speck eingegangen war.

„Und wo ist die Buddel mit Rum?“ fragte er.

„Die gibt es erst, wenn die Planken wieder sauber sind.“ In der Beziehung gab Old O’Flynn um keine Handbreite nach.

Speck und restlicher Mageninhalt wurden durch die Speigatten über Bord befördert. Dann hievten sie den Fisch hoch und warfen ihn ebenfalls ins Wasser.

Old O’Flynn paßte auf wie ein Luchs. Er selbst rührte keinen Finger, sondern sah nur zu.

Kurz danach war auch das Deck wieder sauber geschrubbt.

Old O’Flynn betrachtete kritisch die Planken und schaute peinlich genau nach, ob nicht noch irgendwelche Reste von dem „Schweinkram“ zu finden waren, bis das dem Profos wieder auf die Nerven ging:

„Was gibt’s denn da ständig zu glotzen – hast du noch keine Schiffsplanken gesehen?“

„Ich will mich nur vergewissern, ob alles sauber ist und der Kahn später nicht nach toten Fischen stinkt.“

„So sauber waren deine Planken noch nie“, behauptete Carberry, was ihm einen zornigen Blick des Alten eintrug.

Dann aber bequemte er sich doch, die Rumbuddel zu holen, und jeder setzte zu der üblichen Daumenbreite an. Hasard und Philip junior bedauerten dabei lebhaft, nicht so breite Daumen wie der Profos zu haben.

„Jetzt kontrollieren wir noch die Drehbassen und legen Musketen bereit“, sagte Old O’Flynn. „Und dann können diese Fleischvergifter antanzen. Sie werden ihre helle Freude haben. Daß man mich vergiften wollte, das vergißt ein O’Flynn nie im Leben. Da bin ich verdammt nachtragend.“

Da es immer noch sehr warm war, legten sich ein paar der Männer einfach auf die Planken, um auf Vorrat zu schlafen. Niemand zweifelte daran, daß sie in dieser Nacht noch recht unliebsamen Besuch erhalten würden.

Sie waren jedoch gewappnet und erwarteten ihre Gegner.

5.

Auf dem einen südwärts segelnden Floß hockte Acosta am Ruder und grinste verzerrt vor sich hin.

Seine fünf anderen Kerle grinsten ebenfalls etwas mühsam. Sie waren heilfroh, so glimpflich davongekommen zu sein, und darüber palaverten sie jetzt auch noch.

„Das sind vielleicht ein paar blöde Kerle“, sagte Dino, ein dickwanstiger Bursche mit plattgedrückter Nase. „Bei mir hätte es keinen Pardon gegeben. Ich hätte alle abgeknallt.“

Die anderen pflichteten ihm lebhaft bei. Auch der Stotterer, den sie wegen seiner Aussprache Tartamudo nannten, gab ihnen recht. Aber weil er immer so lange brauchte, um einen Satz herauszubringen, nahm ihn keiner für voll, und sie hörten ihm auch gar nicht erst zu.

Aber es war bezeichnend für sie, daß sie jetzt groß herumtönten, seit sie ihre Freiheit wieder hatten.

Beide Flöße segelten fast nebeneinander in Richtung Süden. Es war jetzt später Nachmittag, und eine laue Brise trieb die Flöße langsam über das Meer.

Acosta warf immer wieder einen Blick zurück. Er sah das Wrack der „San Jacinto“ und achteraus von ihr die Karavelle. Dort waren die Kerle gerade dabei, etwas weiter achteraus zu verholen.

Auch die fünf anderen sahen gespannt dem Manöver zu, konnten es sich allerdings nicht erklären.

Noch etwas später sahen sie, wie ein Beiboot zu der zerschossenen Galeone gepullt wurde.

„Einen Kieker hätten wir mitnehmen sollen“, sagte Acosta. Dann ließ er für einen kurzen Augenblick das Ruder los und rieb sich die Hände.

„Jetzt gehen sie an Bord und werden eine Überraschung erleben. Die zweite wird noch folgen.“

Mittlerweile wußten alle Schnapphähne, was Acosta und Prado mit dem Proviant angestellt hatten.

„Ich kenne doch die Kerle“, sagte Acosta. „Sobald sie in der Proviantlast stehen und den verlockenden Speck sehen, werden sie nicht widerstehen können und sich ein paar Scheiben absäbeln. Dann finden sie den Wein und den Rum, und aus lauter Freude werden sie sich das Zeug zu Gemüte führen. Ist doch überall das gleiche“, meinte er mit einer wegwerfenden und verächtlichen Handbewegung. „Ich würde es ja auch nicht anders halten. Aber die sind bald geliefert.“

Seine Begeisterung steckte die anderen jedoch nicht an. Sie hatten kein richtiges Vertrauen mehr zu ihm, weil alles, was er bisher angepackt hatte, schiefgegangen war.

„Vielleicht sind sie schlauer, als wir denken“, sagte Esposito, ein Glatzkopf mit wildem Schnurrbart, der ihn brutal und hinterhältig aussehen ließ.

„Was heißt hier: Schlauer als wir denken?“ fuhr Acosta den Kahlköpfigen an. „Wenn ich mir etwas überlege, dann überlege ich es richtig, weil ich Kerle von der Sorte genau kenne. Nach einer Weile kippen die aus den Latschen.“

Miguel, Dino und Esposito warfen Acosta einen Blick zu, der mehr als deutlich ausdrückte, was sie von ihm hielten.

„Deine Pläne sind ja immer ganz gut“, meinte Miguel, „aber sie gelangen meist nicht zur Ausführung.“

Auf Acostas Stirn schwoll eine Ader dick an. Sein Gesicht begann sich heftig zu röten.

„Sei vorsichtig mit dem, was du sagst“, drohte er. „Ich kann auf dich ohne weiteres verzichten.“

„Wenn du auf einen nach dem anderen verzichtest, dann hast du bald niemanden mehr, und es dürfte dir im Alleingang sehr schwerfallen, noch das Gold zu ergattern.“

„Das sieht nicht nur Miguel so“, sagte Esposito, „das sehen wir anderen auch so. Bisher sind wir immer nur auf die Schnauze gefallen, mehr haben wir noch nicht erreicht.“

Acosta merkte selbst, daß seine Führungsrolle immer mehr abbröckelte. Aber er konnte es sich nicht leisten, noch einen seiner Kerle kaltblütig umzulegen. Auf dem Floß hätte es einen Aufstand gegeben, und außerdem wußte er nicht genau, wie Prado reagieren würde.

Acosta lenkte vorsichtig ein, denn auch die Kerle waren alle bewaffnet. Das Blatt konnte sich sehr schnell zu seinen Ungunsten wenden.

„Viel haben wir nicht erreicht, das ist schon richtig“, sagte er. „Aber es wird sich bald einiges ändern, dann nämlich, wenn wir richtig zuschlagen.“

„Wir haben schon oft zugeschlagen, aber leider immer ins Leere“, sagte Dino.

„Immer – immer – i – i – ins Lee – re“, wiederholte Tartamudo.

„Halt du lieber dein Maul!“ schrie Acosta den Stotterer an. „Bis du ein dämliches Wort gequasselt hast, haben wir längst das Gold.“

Die Entfernung zur „San Jacinto“ wurde immer größer. Jetzt waren auch an Deck des Wracks keine Einzelheiten mehr zu erkennen. Sie sahen nur noch ganz undeutlich und klein zwei oder drei Gestalten, die aber auch bald aus ihrem Gesichtskreis verschwanden.

Acosta versuchte sich weiterhin zu verteidigen, denn die gleichgültigen oder zweifelnden Blicke der Kerle ärgerten ihn maßlos. Sie taten so, als erzähle er Märchen, die sie schon hundertmal gehört hatten.

„Wir sind zwölf Mann, haben zwei Flöße und sind alle gut bewaffnet“, zählte er auf. „Außerdem sind wir aus der Reichweite dieser Bastarde. Wir werden nachher eine der kleinen Inseln anlaufen und die Dunkelheit abwarten. Bei Nacht ist die Karavelle dann fällig. Wenn wir Glück haben, lebt von den Kerlen bis dahin keiner mehr.“

Für Acosta war das alles immer sehr einfach – jedenfalls in seinen eigenen Vorstellungen. Er war stur entschlossen, sich das Gold doch noch mit Gewalt zu holen.

Aber schon etwas später erlebte er eine herbe Enttäuschung, obwohl seine eigenen Kerle fast schon wieder überzeugt waren, doch noch in den Besitz des Goldes zu gelangen.

Die Enttäuschung bereitete ihm Prado.

Auch auf seinem Floß befanden sich außer ihm fünf Kerle. Da waren Santos, Normando, Felipe, Senona und der listige Morro, letzter ein dürrer, aber zäher Kerl, der etwas mehr Verstand hatte als die anderen und auch immer überlegte, wenn er etwas tat.

Auch sie unterhielten sich, aber auf andere Weise, als Acosta sich das vorstellte.

Prado, der frühere Bootsmann der „Viento Este“, blickte aus schmalen Augen zu dem anderen Floß, wo Acosta an der Pinne hockte.

Acosta hatte offenbar wieder mal Schwierigkeiten mit seinen Kerlen, denn er brüllte herum und pfiff den Stotterer an. Da drüben regte sich offener Widerspruch.

Prado grinste sich eins. Seit sie abgesegelt waren, hatte er lange überlegt und längst einen Entschluß gefaßt. Er wollte das Gold natürlich auch, aber nicht auf Acostas Art mit der Brechstange. Das war ihm viel zu riskant, denn auch er hatte vor den Kerlen auf der Karavelle einen höllischen Respekt. Zudem war es mehr als fraglich, ob Acostas „Vergiftungsmethode“ überhaupt klappen würde.

Morro hockte neben ihm mit übergeschlagenen Beinen. Zwischen den Beinen hatte er einen geladenen Blunderbuss liegen, mit dem er hin und wieder spielte.

„Der hat wieder mal Ärger, der Versager“, sagte er. „Das dauert nicht mehr lange, dann gehen ihm die anderen an den Kragen. Ich bin jedenfalls von dem Kerl restlos bedient. Wir sind sechs Mann und können selbst bestimmen, was wir wollen. Oder siehst du das anders, Prado?“

„Du meinst – natürlich sehe ich das genauso. Mit anderen Worten: Ihr habt keine Lust mehr, euch Acosta unterzuordnen.“

Er sah die Kerle der Reihe nach lauernd an.

Santos schüttelte nur stumm den Kopf, ebenso Felipe. Normando sagte es gleich etwas drastischer.

„Ich auf keinen Fall. Wenn der mich noch einmal schief anglotzt, knall’ ich ihm was in den Wanst, und das wird ein schönes rundes Stück Blei sein.“

„Wie siehst du das, Senona?“

„Mit dem Idioten haben wir nur Ärger gehabt, weiter nichts. Vom Gold sind wir immer noch so weit weg wie vom Mond. Alles nur großkotzige Versprechungen, und dann legt der Mistkerl auch noch die eigenen Leute um, wenn sie etwas sagen.“

„Und du, Morro?“

„Hab’ ich doch schon gesagt, oder? Beinahe hätte mich der Drecksack auch abgemurkst. Das liegt jetzt natürlich auch an dir, Prado“, fügte er hinzu. „Du hattest ja selbst schon genug Ärger mit ihm. Ich will mit ihm jedenfalls nichts mehr zu tun haben. Er ist allein schuld daran, daß alle Aktionen gescheitert sind und unser Schiff jetzt ein Trümmerhaufen ist. Wenn wir ihn los sind, können wir auf eigene Faust weitermachen. Der sitzt uns doch nur wie eine dicke Laus im Pelz und weiß alles besser.“

Damit war Acosta schon ausgebootet. Er wußte es nur noch nicht.

Prado hatte sich schon länger mit dieser Aussicht befaßt. Sollte der Kerl seinen eigenen Weg gehen, sie würden ihren gehen und damit wesentlich besser fahren.

„Also sind wir alle einer Meinung“, sagte er. „Dann soll Acosta die Karavelle eben selbst entern. Daran werden sie sich sowieso die Zähne ausbeißen.“

„Ganz klar“, sagte Morro eifrig. „Er glaubt nämlich, daß die Kerle auf der Karavelle so dämlich sind und sich einfach entern lassen. Die ahnen doch längst, daß wir nicht aufgeben. Die sind viel gerissener, als wir denken. Das haben sie ja bewiesen.“

Prado nickte nachdenklich. Der dürre Bursche hatte recht, der fiel nicht auf jeden Schmus herein.

„Wir werden jedenfalls anders vorgehen, aber das werde ich euch nachher erklären.“

Der vorläufige Grund für Prados Schweigen war das andere Floß, das sich jetzt auf dem Törn nach Süden ihnen noch weiter näherte.

Der Abstand betrug nur noch knappe zehn Yards.

Acosta schien äußerst miese Laune zu haben, weil die Kerle nicht mehr so richtig nach seiner Pfeife tanzen wollten. Deshalb versuchte er jetzt, wieder alle unter einen Hut zu bringen.

Acosta segelte noch ein bißchen näher an Prados Floß heran. Dann zwang er sich zu einem überlegenen Grinsen, obwohl ihm die Galle hochstieg, als er die abweisenden Gesichter der anderen sah.

„Nur keine schlechte Laune!“ rief er hinüber. „Heute nacht haben alle unsere Sorgen ein Ende. Dann sind wir reich und haben Gold im Überfluß.“

„Ich kann den Scheiß von dem Kerl nicht mehr hören“, murmelte Morro. „Der ist nur am Rumtönen und schickt wieder die anderen vor.“

Den anderen erging es genauso. Auch sie konnten Acostas Wunschdenken nicht mehr hören. Es fiel ihnen auf die Nerven, weil es nur hohle Phrasen waren.

„He, verdammt, nun reißt euch mal zusammen!“ rief Acosta. „Denkt daran, daß wir bald in Samt und Seide gehen werden und viele schöne Jungfrauen uns begleiten, die uns aus der Hand fressen.“

Er grinste dreckig bei seinen Worten. Die anderen grinsten mehr abfällig, denn Acosta drosch wieder mal Stroh und sah sich in Glanz und Gloria mit einer Schar Jungfrauen umherziehen.

„Die Jungfrauen holt er sich aus den Kaschemmen in Havanna“, raunte Santos, „da gibt es ja genug.“

Aber Acosta tönte noch weiter, als seine Worte offenbar auf keinen fruchtbaren Boden fielen.

„Zieht nicht solche Gesichter, ihr Bastarde. Es ist doch wohl klar, daß wir eisern zusammenhalten und noch in dieser Nacht die kleine Karavelle entern werden. Ein Klacks wird das! Alles klar?“

Prado sah ihm grinsend ins Gesicht.

„Noch ist überhaupt nichts klar“, sagte er lässig. „Es ist nur klar, daß du bisher alles vermasselt hast.“

„Was, zum Teufel, soll das heißen?“ brüllte Acosta. Er ließ das Ruder fahren und starrte aus flammenden Augen zum anderen Floß.

Aber Prado ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er hatte von dem Kerl endgültig und für alle Zeiten genug.

Auf dem anderen Floß spitzten sie überrascht die Ohren.

„Das bedeutet, daß du wirklich alles, aber auch alles vermasselt hast!“ rief Prado zurück. „Aber wenn du die Karavelle heute nacht entern willst, bitte sehr, das kannst du ja tun, aber ohne mich und die anderen, die auf meinem Floß sind.“

Acosta glaubte, sich verhört zu haben. Dann wurde er fuchsteufelswild und grob.

„Was hat das zu bedeuten, ihr verfluchten Hundesöhne? Wollt ihr etwa von der Fahne gehen?“

„Genau das haben wir vor. Frag’ doch die anderen bei mir, sie werden es dir bestätigen: Sie haben die Schnauze endgültig voll von deinen so erfolgreichen Unternehmungen.“

„Das gibt es bei mir nicht!“ brüllte Acosta. „Nicht mit mir. Du wirst das gleich als erster bereuen – und ihr anderen auch!“

Acosta hatte eine wilde Wut gepackt. Jetzt wurde sie noch größer. Er bückte sich, griff nach einer Muskete und wollte damit auf den kalt grinsenden Prado feuern.

Er hatte sie noch nicht richtig in der Hand, als er schluckend zu dem dürren Morro starrte.

Der hatte ein noch besseres Argument in der Faust, denn er zielte mit einem Blunderbuss genau auf Acosta. Dabei grinste er höhnisch und überlegen.

Acosta war sich darüber klar, daß ihn der Dürre bedenkenlos abknallen würde, sobald er die Muskete auch nur noch ein Stückchen höher hob.

„Leg’ sie wieder hin“, sagte er gehässig. „Und warte nicht zu lange damit. Greif lieber zum Ruder.“

Immer noch schluckend, starrte Acosta zu seinen ehemaligen Kumpanen. Jetzt hatte sich die Restmannschaft der „San Jacinto“ geteilt und war endgültig auseinandergefallen. Er konnte es einfach nicht begreifen.

„Du siehst also, daß sie von dir bedient sind“, sagte Prado, „und zwar restlos. Sie akzeptieren dich nicht mehr als Anführer.“

Die fünf Kerle nickten unisono und grinsten kalt. Morro hielt immer noch den Blunderbuss auf Acosta gerichtet.

Der selbsternannte Kapitän – jetzt weiß vor Wut im Gesicht – legte die Muskete wieder auf das Floß zurück.

„Ohne mich werdet ihr nie an das Gold gelangen“, drohte er mit vor Wut heiserer Stimme. „Ihr habt es auch noch nicht.“

„Aber du hast es, was?“

„Ich kriege es, das weiß ich.“

„So, wie du alles bisher gekriegt hast“, höhnte Morro. „Du hast nur Sand in den Stiefeln vom vielen Herumlatschen, mehr nicht. Und mehr wirst du auch nicht kriegen.“

Von Acostas Kerlen muckste sich kein einziger. Sie hockten nur da und starrten abwechselnd von einem zum anderen.

„Überlegt es euch noch einmal“, sagte Acosta mit erzwungener Ruhe. „Wenn wir nicht zusammenhalten, dann läuft auch nichts. Aber ich werde euch zu dem Gold führen.“

Von Prados Floß erklang Gelächter, erst leise, dann lauter werdend, was Acosta zur wilden Verzweiflung trieb.

Obwohl der Blunderbuss auf ihn gerichtet war, bückte er sich erneut und wollte nach der Muskete greifen.

„Er will unbedingt ein Loch in seinem verdammten Schädel haben“, sagte Morro mit gellendem Lachen.

Acosta ließ die Muskete fallen, als sei sie aus glühendem Eisen.

Der Dürre war auch schon drauf und dran, abzudrücken und hätte sicher keinen Augenblick gezögert.

„Na schön“, knirschte Acosta. „Dann fahrt zur Hölle! Der Teufel soll euch alle holen, und wenn ihr Bastarde je wieder meinen Kurs kreuzt, dann gibt es Zunder.“

„Das gilt auch für dich“, sagte Prado. „Paß auch gut auf, daß dir nicht ein paar von deinen Kerlen ins Kreuz springen, wenn du dich umdrehst.“

Er stänkerte noch ein bißchen, um die anderen aufzuhetzen, doch die meisten hatten noch Angst vor Acosta. Sie ergriffen allerdings auch nicht seine Partei und blieben sehr wortkarg.

Dann winkte Prado Acosta lässig mit der Hand zu, als wolle er ein paar Hühner verscheuchen.

Acosta änderte den Kurs, zähneknirschend und von einer berstenden Wut erfüllt. Am liebsten hätte er Prado und seine fünf Kerle vom Floß geschossen, doch das Kräfteverhältnis war gut verteilt, denn auch die anderen waren alle bewaffnet.

„Nun reg dich wieder ab“, sagte Dino kleinlaut. „Wir brauchen die anderen ja nicht unbedingt.“

Acosta war so von Wut erfüllt, daß er eine ganze Weile lang nicht antworten konnte. Mit Haß in den Augen starrte er dem Floß nach, auf dem die „Fahnenflüchtigen“ und „Abtrünnigen“ hockten und in aller Seelenruhe dem weißen Strand einer Insel zupaddelten.

„Ich lege diesen Schweinehund um“, sagte Acosta heiser. Er wollte schon wieder zur Muskete greifen, aber Esposito drückte den Lauf mit sanfter Gewalt zur Seite.

„Bringt doch nichts ein“, sagte er ruhig. „Die zielen im Augenblick mit vier Musketen auf uns.“

Acosta hatte das in seiner grenzenlosen Wut nicht einmal bemerkt. Jetzt sah er, daß vier grinsende Kerle höhnisch über ihre Musketen das Floß anvisierten.

Da legte er die Waffe mit einem Fluch zurück. In seinen Augen aber loderte ein unversöhnliches Feuer, das vom Haß genährt war.

„Drecksbande, verfluchte“, knurrte er. „Aber wir schaffen es auch allein, ohne die Mistkerle.“

„Richtig“, stimmte Miguel zu. „Du wolltest uns doch noch deinen Plan verklaren.“

So langsam beruhigte Acosta sich wieder.

„Ja, ich habe vor, die Insel da drüben anzulaufen.“

„Da, wo Prado hin will?“

„Nein, verdammt, die andere da drüben. Dort können uns die Kerle von der Karavelle nicht sehen. Auf der Insel warten wir die Dunkelheit ab und kehren dann wieder zurück. Bei der richtigen Finsternis entern wir die Karavelle, nachdem wir uns rangepirscht haben.“

„Wir sind aber nur sechs Mann“, gab Dino zu bedenken.

„Das weiß ich selbst. Aber ich will das Gold haben, bevor es den anderen Dreckskerlen in die Finger fällt. Deshalb entern wir eben mit nur sechs Mann. Das hat auch gleich noch den Vorteil, daß wir dann um so schneller das Gold kriegen.“

Miguel und Esposito kratzten sich die Schädel, weil sie Acostas Gedankengänge nicht ganz begriffen. Die drei anderen sahen ebenfalls verunsichert aus.

„Das kapiere ich nicht ganz“, sagte Miguel lahm. „Wieso kriegen wir das Gold dann schneller?“

Acostas Gesicht nahm wieder einen hinterhältigen Ausdruck an. Er grinste jetzt auch etwas schief, denn er glaubte, wieder einmal ganz genial zu handeln.

„Ganz einfach. Wenn wir entern, dann schnappen wir uns den erstbesten Kerl, überwältigen ihn und nehmen ihn in die Mangel. Dann werden die anderen schon aufstecken, wenn sie nicht das Leben ihres Kumpans riskieren wollen.“

„Und wenn sie es trotzdem tun?“

So ganz waren die anderen von der Theorie des schnellen Goldes noch nicht überzeugt.

„Stellt keine dämlichen Fragen“, sagte Acosta. „Dann schnappen wir uns eben den nächsten Kerl. Ich möchte wissen, was da schiefgehen soll! Wir müssen nur vorsichtig sein.“

Einer hatte aber doch noch Einwände, und das war der glatzköpfige Esposito, der mißtrauisch Acosta anblickte.

„Da sind immer noch zwei Sachen, die mir nicht gefallen. Die Kerle haben Drehbassen an Bord. Wenn sie uns rechtzeitig bemerken, dann werden sie uns mit Blei beharken, daß es nur so raucht.“

„Wir werden eben so leise heransegeln, daß sie uns nicht bemerken. Und was mißfällt dir sonst noch?“

„Die Sache mit Prado. Was tun wir, wenn wir mit dem gleichzeitig bei der Karavelle sind?“

„Sind wir nicht“, behauptete Acosta. „Wir werden eher da sein, weil wir eher aufbrechen. Von dem Gold werden Prado und seine Dreckskerle überhaupt nichts sehen, und wenn sie glauben, sie könnten es uns später auf die laue Tour abnehmen, dann sind sie geliefert.“

„Hoffentlich geht alles glatt“, sagte Miguel zweifelnd, aber auch diese Bedenken räumte Acosta schnell aus.

„Sicher geht alles glatt. Einesteils bin ich ganz froh, daß Prado mit den anderen Bastarden verschwunden ist. Das hat für uns nämlich noch einen weiteren Vorteil.“

Die anderen hörten wieder interessiert zu, denn Acosta sprach diesmal mit solcher Sicherheit, als hätten sie das edle Metall bereits eingesackt.

„Welchen Vorteil?“

„Na, überlegt doch mal: Wenn die sechs Kerle weg sind, brauchen wir das Gold auch nicht mit ihnen zu teilen. Dann gehört uns alles.“

Rein rechnerisch hörte sich das gut an. Es gab nicht mehr Hälften, sondern nur noch eine Masse, die durch sechs geteilt werden mußte, obwohl sich Acosta als der Initiator wohl den größten Teil der Beute bewilligen würde. Aber dann hatten sie immer noch genug. Schließlich war es eine ganze Schiffsladung voller Goldbarren, die auf sie wartete.

Sie steuerten die Nachbarinsel an und zogen das Floß auf den Strand.

Die Dunkelheit war schon zu ahnen. Nicht mehr lange, und die Sonne würde hinter der westlichen Kimm verschwinden.

Acosta rieb sich die Hände und freute sich auf die Dunkelheit. Wenn ihnen nur einer der Kerle in die Finger fiel, dann konnten sie ihn so lange in die Mangel nehmen und piesacken, bis er das Versteck mit dem Gold verriet.

Das waren Acostas Gedanken, und daher konnte er es kaum erwarten, endlich loszuschlagen.

Auf der anderen Insel rieb man sich ebenfalls die Hände.

„Den Dreckskerl sind wir los“, sagte Prado zufrieden. „Sollen sie nur entern und sich die Schädel einrennen. Die haben offenbar die Drehbassen auf der Karavelle vergessen. Sobald die lieben Freunde bemerkt werden, ist es aus mit ihnen. Die Kerle werden sie wegputzen wie alte Lappen.“

„Hoffentlich“, sagte Senona, ähnliche Gedanken hegend wie Acosta. „Dann wird der Batzen für uns auch größer bei der Teilung.“

Das freute auch die anderen sehr.

„Weiter, weiter“, drängte Santos, „was tun wir dann?“

„Ich bin davon überzeugt, daß sich das Gold nach wie vor auf der Insel befindet, wo wir mit der ‚San Jacinto‘ gestrandet sind. Das ist für mich so sicher wie das Amen in der Kirche. Es kann gar nicht woanders sein.“

Darin stimmten ihm alle zu.

„Keiner wird so dämlich sein und sich damit abplagen, das Gold auf eine andere Insel zu schaffen“, meinte Normando.

„Richtig, das können wir voraussetzen. Wir werden daher auch in der Nacht zurückkehren, aber nicht, um die Karavelle zu entern, denn das dürfte uns nichts einbringen, wie ich schon gesagt habe.“

„Du willst Acosta das Gold holen lassen und es ihm dann bei günstiger Gelegenheit abnehmen?“ fragte Santos.

„Der hat es noch gar nicht. Wir werden die Insel anlaufen und uns dort festsetzen, um alles genau zu beobachten. Das kann ruhig einige Zeit dauern.“

Er sah Enttäuschung in den Gesichtern und schüttelte den Kopf.

„Ich habe doch gerade eben gesagt, daß das Gold auf der Insel und nicht auf der Karavelle ist. Aber diese Kerle werden das versteckte Gold ja auch irgendwann einmal holen. Dazu müssen sie dann allerdings erst an Land gehen. Diese Gelegenheit warten wir ab und schlagen dann zu, wenn sie nicht mehr damit rechnen. Dann haben wir zumindest ein oder zwei Kerle in der Hand. Und daß die uns das Lied vom Gold singen werden, das verspreche ich euch, wenn wir sie danach sehr höflich fragen. Aus einem Kerl kriegt man alles heraus, wenn man es nur richtig anstellt. Dafür habe ich ein paar feine Methoden, denen auch der stärkste Kerl nicht standhält. Haben wir ein paar von den Kerlen, ist die Gruppe aufgesplittert. Ein paar an Land, ein paar auf dem Schiff. Der Vorteil liegt dann ganz klar auf unserer Seite, denn mit den Drehbassen können sie schließlich nicht an Land. Wir liegen in der besseren Position. Erst danach werden wir uns überlegen, wie wir weiter vorgehen. Alles andere ist vorerst müßig. Das muß sich aus der Handlung selbst ergeben. Wir haben also erst einen Teil des Planes zu erfüllen, woraus sich der andere entwickelt. Das ist besser, als blindlings anzugreifen.“

Jetzt waren alle am Feixen und am Grinsen, denn Prados Plan schien wesentlich erfolgreicher zu werden als Acostas Hauruck-Methode. Sie wünschten ihren Kumpanen nur noch, daß sie sich blutige Köpfe holten.

Inzwischen war das Floß auf den Strand gelaufen. Mit vereinten Kräften zogen sie es noch ein Stück höher hinauf.

Von Acosta war nichts mehr zu sehen, von der „San Jacinto“ und der Karavelle ebenfalls nicht. Sie konnten hier erst einmal in aller Ruhe abwarten und es sich gemütlich machen.

Sie hockten sich erwartungsvoll an den Strand und holten ihre Vorräte vom Floß.

„Kalte Verpflegung“, sagte Prado, „ein Feuer können wir uns hier nicht erlauben, man würde es sehr weit sehen. Aber wenn wir Rotwein dazu trinken, rutscht es auch ganz gut hinunter.“

„Gut, daß wir uns für dich entschieden haben“, sagte Santos. Er säbelte sich eine Speckscheibe ab, kaute etwas Hartbrot dazu und spülte mit Rotwein nach.

Die anderen mampften drauflos und freuten sich, daß sie sich bald jeden Wunsch erfüllen konnten.

Dann starrten sie in den Sonnenuntergang und sahen zu, wie die Riesenscheibe scheinbar im Meer versank.

Jetzt war nur noch ein kleiner Bogen übrig, der rasch tiefer glitt und schließlich auch verschwand. An der Kimm standen nur noch bunte Wolken in den Farben Orangerot und Tieflila, die immer mehr in Schwärz übergingen.

Dann war die Nacht da.

„Wer will, der kann sich ein paar Stunden hinlegen“, sagte Prado. „Einer geht den Strand ab, damit wir keine Überraschungen erleben.“

„Die Karavelle segelt bestimmt nicht hierher“, sagte Santos.

„Ich denke an unseren lieben Freund. Dem traue ich viel eher zu, daß er heimlich heransegelt und einen kleinen Feuerzauber auf uns veranstaltet.“

Schlafen wollte keiner, denn Acosta trauten sie nicht über den Weg. Der kriegte es in seinem Haß fertig und stattete ihnen einen blitzschnellen Besuch ab.

Daher gingen Morro und Senona die erste Runde Wache und wechselten sich später mit zwei anderen ab. Gesprächsthema war das Gold, und wie sie es einmal anlegen wollten. Darum drehte sich alles.

6.

Acosta hatte es furchtbar eilig. Ihm brannte die Zeit unter den Nägeln, weil er nicht wußte, wann Prado aufbrechen würde, denn der steckte ebenfalls nicht auf und würde bei nächster Gelegenheit zuschlagen.

„Los, hoch mit euch“, sagte er zu seinen Kerlen. „Wir müssen so früh wie möglich da sein, sonst haben wir die verdammten anderen Kerle vor uns. Beeilt euch gefälligst, gleich haben wir goldene Nasen.“

Das Gold trieb die dösenden Kerle augenblicklich hoch. Sie schoben das Floß ins Wasser, setzten das Segel und fuhren los.

„Wir haben Ostwind“, sagte Acosta, der wieder das Ruder übernommen hatte. „Dann sind wir auch schneller da. Möglicherweise ist von den Kerlen jetzt keiner mehr am Leben oder nur noch einer oder zwei.“

„Wenn die nicht mehr am Leben sind“, sagte Dino bedächtig, „dann sieht es für uns beschissen aus.“

„Wieso das denn?“ fragte Acosta leise lachend. „Dann haben wir doch alles, was wir brauchen.“

„Eben nicht – das Gold haben wir nicht, und niemand wird uns verraten können, wo es steckt.“

Ein paar Augenblicke lang herrschte absolutes Schweigen auf dem Floß. Jeder dachte intensiv nach. Sogar Acosta war für kurze Zeit betroffen, doch dann fing er sich wieder.

„Quatsch! Wenn die Kerle abgenippelt sind, haben wir keine Gegner mehr, aber ein wehrhaftes Schiff, das gut bestückt ist. Damit können wir Prado und die anderen Bastarde erledigen. Das Gold suchen wir dann in aller Ruhe. Es muß ja auf der Insel sein. Zeit und Ruhe haben wir ebenfalls. Von mir aus können alle abgenippelt sein.“

Das beruhigte die anderen Kerle wieder.

Die Nacht war nicht schwarz, wie sie es sich gewünscht hatten, doch es gab Wolkenbänke am Himmel, und der Mond ließ sich auch nicht blicken.

Etwas später sahen sie die Umrisse der Karavelle. Acosta nahm das Segel weg und ließ das Floß langsam weitertreiben.

„Keine Unterhaltung mehr“, raunte er den anderen zu. „Sieht so aus, als hätten die Kerle nicht mal eine Wache aufgestellt. Oder sie sind doch alle erledigt.“

Er sah sich lauernd nach allen Seiten um, aber von dem anderen Floß war keine Spur zu sehen. Demnach war Prado also noch unterwegs, oder er wollte noch länger warten.

Immer wieder beobachtete Acosta die Karavelle, auf der sich nichts rührte, kein Licht brannte und sich niemand zeigte.

Bei dem Gedanken, daß sie alle an dem vergifteten Proviant zugrunde gegangen waren, grinste er höhnisch. Jetzt würde es nicht mehr schwer sein, sich der Karavelle zu bemächtigen.

Seine Kerle grinsten ebenfalls bei der Vorstellung, bald im Besitz des Goldes und der Karavelle zu sein.

Die Waffen hatten sie griffbereit zur Hand.

Nach dem Einbruch der Dunkelheit waren Old O’Flynn und seine Crew auf alles gefaßt. Sie wußten, daß etwas passieren würde, nur den Zeitpunkt kannten sie nicht.

Die Drehbassen waren feuerbereit, ebenso die anderen Waffen, die griffbereit dalagen.

Eine Stunde nach der anderen war vergangen. Die Zwillinge schauten abwechselnd durch das Spektiv.

„Die lassen sich aber verdammt viel Zeit“, meinte der Kutscher. „Die werden doch nicht etwa geläutert und gereinigt verschwunden sein? Das kann ich mir absolut nicht vorstellen.“

„Die Flöße sind ja auch keine Schnellsegler“, sagte Martin Correa. „Die brauchen selbst bei dem guten Ostwind eine Weile, bis sie herangetörnt sind.“

Nach abermals einer Stunde meldete sich Philip junior.

„Da sind sie, noch ziemlich unten im Süden. Aber es ist nur ein einziges Floß zu sehen.“

„Dann spielen wir ihnen zum Tanz auf“, sagte Old Donegal entschieden. „Wir feuern, sobald sie auf Musketenschußweite heran sind. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob die Kerle nicht ein paar Waffen auf die Flöße geschmuggelt haben.“

„Pardon gibt’s jedenfalls nicht mehr“, sagte Carberry, „die Kerle wollen uns an den Kragen, und ich sehe nicht ein, daß wir sie immer wieder schonen sollen.“

Nils, Sven, Stenmark und Carberry hatten die Drehbassen der Steuerbordseite besetzt und warteten. Sie hielten sich so, daß sie von dem Floß aus nicht gesehen werden konnten. Für die Angreifer mußte das aussehen, als sei nicht einmal eine Wache an Bord.

Kurz darauf war zu erkennen, daß auf dem Floß das Segel weggenommen wurde.

„Jetzt wollen sie sich anpirschen“, sagte Carberry, „die müssen uns für ziemlich bescheuert halten.“

Das Floß trieb nur noch langsam näher, seit das Segel weggenommen worden war. Aber es behielt die Richtung bei.

Old Donegal und die Zwillinge stierten sich die Augen nach dem anderen Floß aus. Es mußte den gleichen Kurs segeln, wenn es die „Empress“ erreichen wollte, aber es war nicht zu sehen.

Sie wunderten sich darüber und fragten sich, was die Kerle wohl vorhaben mochten, denn es war ungewöhnlich, daß nur sechs Mann die „Empress“ entern wollten.

Eine Gestalt auf dem Floß richtete sich auf und schien scharf zur Karavelle zu starren. Eine zweite richtete sich ebenfalls langsam und vorsichtig auf.

„Sieht aus, als hielten sie Musketen in den Händen“, sagte Hasard junior leise, „aber so genau kann ich das leider nicht erkennen.“

Der Abstand verringerte sich langsam. Haargenau trieb das Floß auf die Steuerbordseite der „Empress“ zu.

Eine Wolkenwand zog vorüber. Für Augenblicke wurde die Sicht so schlecht, daß sie nicht einmal mehr das Floß sahen. Dann konnten sie es wieder erkennen und auch die sechs Gestalten, die jetzt alle zusammengekauert auf den Planken hockten.

„Feuer“, sagte Old O’Flynn, als das Floß auf Musketenschußweite heran war.

Die Schwärze der Nacht wurde jäh von vier überaus grellen Blitzen zerrissen. Vier lange Feuerzungen leckten aus den Drehbassen. Dann rollte der Donner über die See.

Ein Blei- und Eisenhagel fegte mit vernichtender Gewalt über das Wasser und schlug auf dem Floß ein.

Der Hilfsmast zersplitterte und flog in hohem Bogen davon.

Ein Kerl schrie laut und brüllend auf. Das Floß schwankte, und ein weiterer Mann stürzte ins Wasser. Innerhalb von Sekunden befanden sich vier der Angreifer im Wasser. Sie gingen unter und tauchten auch nicht mehr auf.

Zwei andere, Dino und Acosta, hatte es ebenfalls erwischt. Ihr letzter Eindruck war der eines endlos langen Blitzes gewesen. Mehr hatten sie nicht gesehen, und auch die Einschläge der Blei- und Eisenkugeln nicht mehr gespürt.

Jetzt saßen die beiden letzten Gestalten in sich zusammengesunken und tot auf dem Floß.

Die Drehbassenladung hatte ausgereicht, alle sechs Angreifer außer Gefecht zu setzen.

Carberry blickte an der Drehbasse vorbei. Die beiden Dänen und der Schwede Stenmark sahen ebenfalls zu dem Floß.

„Aus und vorbei“, sagte Old O’Flynn mit harter Stimme. „Die Kerle waren nicht zimperlich, und wir sind es auch nicht. Wir hatten keine Veranlassung, die Schnapphähne zu schonen. Sie haben es selbst nicht anders gewollt.“

Die beiden zusammengesunkenen Gestalten rührten sich nicht mehr. Das Floß trieb jetzt langsam und teilweise zersplittert in Richtung Westen davon.

Sie blickten ihm nach, bis es die Dunkelheit nach einer Weile verschluckte.

„Wo, bei allen Nachtgeistern, bleibt nur das andere Floß?“ fragte Old O’Flynn verwundert. „Warum war es bei dem Angriff nicht dabei? Da geht doch etwas nicht mit rechten Dingen zu.“

Der Kutscher hatte bereits darüber nachgedacht und glaubte, auch ein Ergebnis zu haben.

„Wir wissen ja nicht, welche Kerle auf diesem Floß waren. Wir wissen nur, daß es sechs waren, die uns überfallen wollten. Aber die sechs Kerle auf dem anderen Floß hatten dem früheren Steuermann von der ‚Viento Este‘ schon den Gehorsam aufgekündigt. Ansätze zur Aufmüpfigkeit haben wir ja beobachten können. Die Kerle haben sich ganz einfach zerstritten, und so geht jeder seiner eigenen Wege. Das ist die plausibelste Erklärung, die ich habe. Deshalb sind die anderen nicht dabei und kochen jetzt ihr eigenes Süppchen.“

„Ja, so könnte es sein“, sagte Stenmark, „das würde erklären, warum die sechs Halunken allein angreifen wollten. Der eine hatte Stunk mit diesem Acosta und hat fünf Kerle um sich geschart. Die fünf anderen sind bei dem anderen Kerl geblieben.“

Old O’Flynn seufzte leise und starrte zu den Zwillingen, die immer noch abwechselnd durch das Spektiv spähten.

„Nichts zu sehen?“

„Nein gar nichts. Auch das Floß ist jetzt im Westen verschwunden.“

„Behaltet die westliche Richtung trotzdem hin und wieder im Auge“, empfahl er.

„Die kehren sicher nicht mehr zurück“, sagte Carberry. „Die letzten beiden sind tot, die hat es erwischt.“

Old O’Flynn aber war ein mißtrauischer Mann. „Vielleicht hat er sie doch nicht erwischt und sie spielen jetzt den toten Mann, und kommen dann zurück.“

„Tote kehren nicht mehr zurück“, sagte Martin. „Ich habe deutlich gesehen, wie der kleine Mast zersplitterte, neben dem die beiden saßen. Sie sind schlagartig zusammengesunken, als hätte der Blitz sie gefällt.“

„Das habe ich auch gesehen“, sagte Nils. „Die Befürchtung brauchen wir nicht zu haben.“

Schließlich war Old O’Flynn selbst davon überzeugt, jedenfalls sagte er das, konnte sich aber den Blick in westliche Richtung doch nicht verkneifen.

Der Kutscher nahm den Faden wieder auf und sagte: „Diese anderen sechs Kerle sind vermutlich nicht gerade zu Lämmern geworden. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie jetzt auf das Gold verzichten werden.“

„Das kann ich mir auch nicht vorstellen“, sagte Sven. „Solche Buschklepper geben doch nicht auf, und wenn sie sich zehnmal blutige Nasen holen. Der Kutscher hat recht – wir müssen mit weiterem Besuch rechnen.“

„Damit rechne ich sowieso“, brummte Old Donegal. „Sechs großmäulige Helden werden noch mal einen Versuch wagen. Deshalb bleiben wir auch gefechtsbereit. Am besten, wir stellen zwei Posten auf, die pausenlos beobachten.“

Carberry reckte seinen mächtigen Brustkasten. „Vielleicht hält die anderen Schnapphähne das Drehbassenfeuer ab. Sie müssen es auf jeden Fall gehört haben, wenn sie nicht gerade auf den Ohren sitzen. Kann sein, daß diese Nacht kein Überfall mehr erfolgt und die Kerle fürs erste die Hosen voll haben.“

„Darauf verlasse ich mich lieber nicht.“

„Sollst du auch nicht“, sagte Carberry, „wir stellen zwei Wachen auf und beobachten. War ja nur eine Vermutung von mir.“

Die Drehbassen waren inzwischen wieder feuerbereit. Auch die nächste Gruppe Schnapphähne würde eine herbe Enttäuschung erleben. Sie wußten zumindest, daß sie sich nicht ungesehen heranpirschen konnten, und sie durften auch mit Sicherheit annehmen, daß ihre Kumpane das Zeitliche gesegnet hatten, wenn sie logisch denken konnten. Vielleicht waren diese Kerle etwas schlauer als die anderen.

Jene, die keine Wache hatten, legten sich neben den Drehbassen auf die Planken, um ein paar Stunden zu schlafen.

Edwin Carberry behielt mit seiner Vermutung recht. In dieser Nacht blieb alles still und ruhig.

Das abgetriebene Floß kehrte nicht mehr zurück, und auch die anderen Kerle ließen sich nicht blicken.

7.

Im Gegensatz zu Acosta hatte Prado die Ruhe weg. Er wollte auch nichts überstürzen, sondern sorgfältig planen und vorgehen.

Sie hatten es sich am Strand bequem gemacht und dösten oder lungerten ganz einfach herum.

„Acosta segelt los“, meldete Senona aufgeregt. „Der Kerl will uns unbedingt zuvorkommen.“

„Laß ihn nur segeln“, sagte Prado abfällig. „Wir haben es nicht so eilig wie dieser Narr. Er wird sowieso nicht viel erreichen.“

Sie sahen zu, wie das Floß als undeutlicher und nur schwach erkennbarer Schatten durch das Wasser glitt. Da der Wind aus Osten mitschob, lief es einigermaßen gute Fahrt.

„Der Idiot“, sagte Prado, „der lacht sich jetzt eins ins Fäustchen, weil er sich mal wieder für sehr klug hält. In Wirklichkeit ist er ein dämlicher Hornochse, der alles vermasselt.“

„Wann ziehen wir denn los?“ fragte Santos.

„Wir warten mindestens noch ein oder zwei Stunden. Acosta soll auch nicht bemerken, wann wir lossegeln. Der Affe soll sich ruhig den Kopf zerbrechen. Haut euch noch hin, wir brauchen auch keine Posten mehr. Wir wissen ja, was los ist.“

Als das Floß längst außer Sicht war, stand Prado auf und wanderte ein Stück am Meer entlang. Dann kehrte er in aller Ruhe zurück und nickte den anderen zu.

„Zwei Stunden sind ungefähr herum. Wir werden jetzt lostörnen, und zwar laufen wir die Ostseite der Insel an. Dort werden wir das Floß verstecken und tarnen, damit es niemand sieht.“

Die Kerle waren wieder eifrig bei der Sache und Feuer und Flamme, als sie das Floß ins Wasser schoben. Dann wurde das Segel gesetzt, und Prado übernahm das Ruder in Form eines achtern ausgebrachten Riemens.

Eine Stunde lang segelten sie etwa. Dann zuckten alle wie unter einem gewaltigen Hieb zusammen. Normando bewegte sich so heftig, daß er fast vom Floß gefallen wäre.

Der Himmel wurde weißlichgelb, dann orangefarben und schließlich blieb nur ein dumpfes Nachleuchten zurück. Dem Blitz folgte viermal hintereinander, unwahrscheinlich schnell, ein Donnern und Krachen.

„Mann!“ brüllte Santos. „Jetzt hat es die aber …“

„Maul halten“, rief Prado. „Kein Wort mehr!“

Die Kerle schwiegen überrascht, während er mit vorgerecktem Schädel in die Dunkelheit lauschte. Er glaubte, einen ganz schwachen Schrei gehört zu haben.

Das Donnern war längst verhallt, und über allem lag die Dunkelheit. Bis auf den leisen und sanften Wellenschlag war es unheimlich still.

Die Kerle stierten immer noch zum Himmel, wo als Spiegelung das Feuer aufgezuckt war.

Jetzt begann Prado breit zu grinsen. Er schlug Senona auf die Schulter und lachte laut.

„Haha, ich könnte mich totlachen! Jetzt kannst du sagen, was du wolltest, Santos. Die Idioten hat es in die Luft geblasen, weggepustet. Die sind erledigt, diese Klugscheißer und Anfänger. Fein ist das, da kann ich die anderen Kerle nur beglückwünschen.“

„Woher willst du das so genau wissen, daß sie erledigt sind?“

„Weil ich denken kann, und es ganz einfach ist. Das war Drehbassenfeuer, und zwar viermal ganz kurz hintereinander. Acosta hat aber keine Drehbassen auf dem Floß, oder? Folglich sind die Halunken gesichtet und in die Luft geblasen worden.“

„Aber sie haben doch Musketen.“

„Sie haben nur nicht damit zurückgeschossen, weil sie dazu nicht mehr in der Lage waren. Es muß sie blitzartig erwischt haben, oder hat einer von euch einen Schuß gehört?“

Niemand hatte auch nur einen Musketenschuß gehört.

„Und die Drehbassen haben auch nicht weitergefeuert“, belehrte Prado die anderen. „Weil die Kerle nach dem Beschuß nämlich gleich erledigt waren.“

„Stimmt genau“, sagte Morro, und dann begann er schrecklich laut zu lachen, bis auch die anderen in das Gelächter einstimmten.

Prado schlug sich immer wieder auf die Schenkel. Die unliebsame Konkurrenz war aus dem Wege geräumt. Jetzt konnten sie endlich allein absahnen, ohne groß teilen zu müssen.

Es war für sie auch bezeichnend, daß sie über den Tod ihrer Kumpane in rauhes und rohes Gelächter ausbrachen und die Schadenfreude sehr groß war.

„Jetzt wird nur noch durch sechs geteilt, und dann kann jeder mit seinem Gold anfangen, was er will.“

Wieder folgte Prados Worten befreiendes Gelächter.

Gegen drei Uhr morgens erreichten sie die Ostseite der Insel und zogen das Floß auf den Strand.

Prado und Morro sahen sich um. Sie entdeckten gleich darauf eine Stelle mit dichtem Buschwerk und nickten sich zu.

„Dort verstecken wir das Floß. Da kann es niemand sehen.“

Das Floß wurde hochgehoben und zu dem Dickicht geschleppt. Dahinter befand sich eine kleine Lichtung, die nur von oben einsehbar war. Selbst vom Strand aus konnte man nichts erkennen.

„Nehmt jetzt die Waffen und den Proviant mit“, befahl Prado. „Und dann zischen wir ab zur Westseite der Insel, wo der Kahn liegt. Dort werden wir vorerst die Beobachter spielen und abwarten, bis ein paar der Kerle an Land gehen.“

Nachdem sie alles zusammen hatten, überquerten sie die Insel und stießen zur Westseite vor. Oberhalb des Strandes fanden sie einen hervorragend gegen Sicht geschützten Platz, hinter dem sie in Deckung gingen.

Es war jetzt kurz vor Sonnenaufgang. Die Sicht war schon besser geworden, so daß sie Einzelheiten erkennen konnten.

„Hier werden die uns nie vermuten“, sagte Prado. „Die warten doch sicher darauf, daß wir von See her angreifen wie der selige Acosta und seine dämlichen Genossen. Gott hab’ sie selig.“

Wieder lachten sie leise und hielten nach dem Floß Ausschau. Doch es gab keine Spuren und auch keine Trümmer davon, weder auf dem Wasser noch am Ufer.

Als die Sonne aufging, hatten sie einen glänzenden Überblick.

Da lag die Karavelle vor ihnen – fast zum Greifen nah, und doch noch so unendlich fern. Ein paar Kerle erschienen an Deck.

Prado stierte das Schiff immer wieder an.

„Ich möchte nur wissen, was es mit der Karavelle auf sich hat“, sagte er kopfschüttelnd. „Das ist eine verdammt merkwürdige Angelegenheit. Der kleine Dreimaster gibt mir immer wieder Rätsel auf. Die Kerle bewegen sich auf dem Schiff, als seien sie dort zu Hause. Ich verstehe das einfach nicht.“

An dem kleinen Dreimaster hatten auch die anderen schon vergeblich herumgerätselt. Selbst Morro zuckte immer wieder mit den Schultern.

„Kapiere ich auch nicht. Der Kahn tauchte gestern früh unbemannt vor der Insel auf, die Kerle pullten hinüber und besetzten ihn mit der größten Selbstverständlichkeit, als hätten sie auf ihn gewartet. Jetzt ist die Situation umgekehrt: Die Bastarde haben ein Schiff, und wir sind schiffbrüchig.“

Merkwürdig war das Ganze für sie schon, denn sie fanden keine vernünftige Erklärung.

Aus dem kleinen Abzugsrohr über der Pantry kräuselte sich blauer Rauch, den der Wind langsam zerblies.

„Die frühstücken jetzt gleich“, maulte Santos, „und wir können uns die Zähne am Zwieback ausbeißen. Vielleicht gibt es bei denen Eier mit Speck oder so was.“

Neidvoll sahen sie zu, wie ein hagerer Mann ein paar Kummen an Deck brachte. Die Kerle da drüben hatten ihre Morgenwäsche gerade beendet, die darin bestand, daß sie sich ein paar Pützen Wasser über die Köpfe gossen.

Prado mampfte in Gedanken ebenfalls mit, als die Männer von dem Dreimaster sich gemütlich an Deck setzten und zu essen begannen.

Bei dem einen Kerl hockte ein Papagei auf der linken Schulter, der mit seinem großen Schnabel gierig nach einem Brocken faßte, dem ihm ein Riese von Kerl zusteckte.

„Der Köter sieht verdammt gefährlich aus und scheint auch sehr scharf zu sein“, kommentierte Prado. „Hoffentlich nehmen sie den nicht mit, wenn sie an Land gehen.“

„Dann knallen wir ihn eben ab“, sagte Morro. „Wir haben ja einen guten Überblick und sehen alles rechtzeitig.“

Nachdem der Papagei den Brocken geschluckt hatte, erhob er sich von der Schulter des Riesen und flog eine Runde über das Schiff.

Die Prado-Meute beobachtete den bunten Vogel. Sie kannten ihn und wußten, daß er unflätige Beschimpfungen ausstoßen konnte. Die Kerle hatten ihm einen reichhaltigen Wortschatz beigebracht. Zudem konnte der Papagei krächzen, kreischen und krakeelen, daß es ihnen jedes Mal durch Mark und Bein ging.

Der bunte Schreihals drehte eine zweite Runde. Dann fand er das wohl zu langweilig und flog zum Ufer. Der Riese sprang auf und rief ihm etwas nach, offenbar um ihn vom Landflug abzuhalten, doch der Papagei flog unbeirrt weiter. Er stieß nur wieder dieses entsetzliche Gekreische aus.

Scheinbar ziellos flog der bunte Vogel am Strand entlang. Dann war er über ihnen und zog neugierig ein paar Kreise.

Anfangs hielt er noch den Schnabel, doch dann wurde er ausfallend und begann hoch über ihren Köpfen zu krakeelen, zu zetern und zu schimpfen. Es waren auch ein paar hundsgemeine spanische Brocken dabei, die Prado sehr aufregten.

„Dieser mistige Schreihals“, fluchte er. Doch gleich darauf atmete er erleichtert auf, denn offenbar hatte der Papagei das Interesse an ihnen verloren. Auf fast schnurgeradem Kurs flog er zu der dreimastigen Karavelle hinüber. Dort setzte er die Krakeelerei weiter fort, schimpfte erbost und kreischte entsetzlich.

Nachdem er ein paar Runden über dem Schiff gedreht hatte, kehrte er zum Entsetzen der Kerle wieder zurück und zog neue Kreise. Er flog etwas tiefer und kreischte so laut, daß ihnen die Ohren wehtaten.

Santos griff voller Wut nach seiner Pistole.

„Den knall’ ich ab, den Kreischer!“ zischte er.

Prado drehte sich blitzschnell um und schlug ihm mit der Faust auf den Handrücken.

„Du Idiot! Willst du es unbedingt darauf anlegen, daß die Kerle uns entdecken. Ein Schuß – und wir sind verraten und verkauft. Laß das Vieh doch kreischen.“

„Aber der verrät unseren Standort.“

„Blödsinn, dazu ist er viel zu dämlich. Der benimmt sich immer so, das haben wir ja schon erlebt.“

„Aber die Kerle werden schon aufmerksam.“

Prado stierte zur Karavelle hinüber. Der Breitschultrige unterbrach gerade sein Frühstück und schaute dem Papagei nach, der immer noch krakeelend und schimpfend seine Runden drehte.

„Wir ziehen uns ein Stück zurück“, sagte er. „Nur so weit, daß wir die Mastspitzen der beiden Schiffe noch sehen. Da ist auch die Deckung besser.“

Der schimpfende Schreihals über ihnen gab jedoch keine Ruhe. Er lamentierte weiter und flog wieder hin und zurück.

Er beruhigte sich erst, als Prado mit seiner Meute weiter achteraus im Dickicht verschwand.

Sie saßen an Deck und futterten ihr Frühstück, als die Sache mit Sir John losging.

Carberry steckte ihm ein Stück Schiffszwieback zu, das der Vogel krachend zerbiß. Dann hatte er anscheinend genug und setzte zu seinen „Erkundungsflügen“ an.

„Hiergeblieben!“ donnerte der Profos. Sir John kümmerte das nicht. Er zog einen weiten Kreis um das Schiff, ließ die üblichen rotzfrechen Sprüche ab und flog zur Insel hinüber.

„Der gehorcht dir auch nicht mehr aufs Wort“, meinte der Kutscher anzüglich. „Früher hat er ja noch einigermaßen pariert, aber jetzt ist er stur und kümmert sich nicht darum.“

„Wenn ich wollte, könnte ich ihn zurückpfeifen“, prahlte Carberry, „aber er soll sich nur austoben. Ihm gefällt das, so herumzufliegen und alles zu beobachten.“

Sie sahen dem farbenfrohen Punkt nach, der jetzt über der kleinen Insel weite Kreise zog.

Dann begann er zu zetern und zu lamentieren. Er kehrte wieder zurück und krakeelte ihnen die Ohren voll. Die Kreischtöne waren entsetzlich.

„Er ist und bleibt ein elender Schreihals“, wetterte Old O’Flynn. „Man ist noch nicht richtig aufgestanden, da geht schon das nervtötende Krakeelen los. Wenn du noch einmal mit dabei ist, Mister Carberry, dann aber ohne den Kreischgockel.“

„Er meint es doch nur gut“, verteidigte der Profos sein „Sir Jöhnchen“. „Er ist noch jung und muß sich austoben.“

Sie sahen den Profos sehr zweifelnd an, der immer wieder neue Ausreden für die unflätige Schimpferei hatte.

„Feine Ausreden sind das“, sagte Stenmark grinsend.

Sir John hatte aus seiner luftigen Höhe jedoch offenbar etwas entdeckt, denn jetzt begann er über einer ganz bestimmten Stelle zu kreisen und noch lauter zu lamentieren.

Wieder flog er hin und zurück und schimpfte. War er über der Karavelle, dann war sein aufdringliches Krakeelen kaum noch zum Aushalten.

Nach einer Weile wurden sie jedoch alle aufmerksam und sahen dem Vogel nachdenklich hinterher.

„Das ist kein bloßes Gekreische“, behauptete Carberry. „Da steckt was dahinter, da halte ich jede Wette.“

„Sieht wirklich so aus“, murmelte der Kutscher ebenfalls sehr nachdenklich.

Auch die Bordhündin Plymmie wurde plötzlich aufmerksam. Sie setzte sich auf die Hinterpfoten, reckte den Kopf vor und schnupperte in den Wind. In dieser Haltung blieb sie eine ganze Weile.

Dann begann sie leise zu knurren, wobei sich ihr Fell langsam aufrichtete.

„Jetzt laust mich doch der Affe“, sagte Carberry, als die Wolfshündin immer noch leise knurrte. „Sir John hat mit Sicherheit etwas auf der Insel entdeckt, und das gleiche erschnuppert Plymmie jetzt. Was mag der alte Sumpfgockel wohl entdeckt haben?“

„Na, was wohl?“ fragte der Kutscher süffisant grinsend. „Was gibt es denn groß zu entdecken? Ich bin der Ansicht, daß wir den Kerlen nicht den Gefallen tun sollen, jetzt an Land zu gehen. Lassen wir sie ruhig zappeln, zumindest tagsüber.“

„Welche Kerle?“ fragte der Profos verblüfft. Er begriff allerdings gleich, bevor der Kutscher zu reden anfing.

„Die letzten sechs Kerle meine ich. Heute nacht haben sie uns in Ruhe gelassen, weil sie durch das Drehbassenfeuer gewarnt und abgeschreckt waren. Jetzt haben sie sich überlegt, daß sie auf diese Art und Weise nicht zum Ziel gelangen. Also?“

„Sie haben sich auf der Insel eingenistet, um uns zu beobachten“, sagte der Profos prompt.

Der Kutscher nickte und suchte mit den Blicken die Insel ab. Mit bloßem Auge war jedoch nichts zu sehen. Es gab zuviel Gestrüpp und Buschwerk auf der Insel.

„Sehr richtig. Irgendwo dort drüben hocken sie und warten auf eine günstige Gelegenheit. Scheinen nicht gerade die Dümmsten zu sein. Vermutlich warten sie darauf, daß ein paar von uns an Land pullen. Über die fallen sie dann her. Daher mein Vorschlag, sie wenigstens tagsüber zappeln zu lassen. Für die Dunkelheit können wir ja noch eine andere Taktik entwickeln.“

Philip und Hasard junior hatten sich nach den Worten schon unauffällig postiert und suchten mit den Kiekern das Land ab.

„Zu sehen ist nichts“, sagte Philip, „zumindest zeigt sich keiner an der Stelle, die Sir John angeflogen hat.“

„Sie werden in guter Deckung liegen.“

Auch die weitere Beobachtung mit den Spektiven brachte nichts ein.

Sir John aber war inzwischen zu einer anderen Stelle der Insel geflogen und krakeelte dort weiter. Offenbar hatte er doch noch etwas anderes entdeckt.

„Vielleicht haben sich die Kerle zurückgezogen und sind jetzt von Sir John wieder entdeckt worden“, meinte Martin.

Der Kutscher ließ sich den Kieker geben und suchte sorgfältig das Buschwerk ab. Dann sah er zu Plymmie, die immer noch heiser knurrte und das Fell gesträubt hatte.

„Ich sehe zwar keinen, aber ich bin sicher, daß die sechs Schnapphähne auf der Insel sind. Sie werden heute nacht die Ostseite angesteuert haben und sind dann quer über die Insel gegangen. Infolgedessen und um Gewißheit zu erhalten, sollten wir uns die Ostseite einmal ansehen. Vermutlich werden wir dort ein Floß entdecken. Sollte ich mich in der Annahme allerdings irren, werde ich mich später in gebührender Form entschuldigen.“

„Das heißt beim Kutscher, anders ausgedrückt, er will wetten, und zwar um eine Buddel Rum“, sagte Carberry. „Mittlerweile kenne ich seine Redewendungen.“

Der Kutscher nickte lächelnd.

„Ich will aber diesmal nicht wetten“, sagte der Profos. „Sich mit dir anzulegen, bringt meistens nicht viel ein.“

„Klar setzen wir die Jolle aus“, sagte Old O’Flynn eifrig. „Dann sehen wir uns auf der Ostseite einmal gründlich um. Linst mal wieder durch die Kieker, ob ihr einen der Spitzbuben sehen könnt. Sie brauchen nicht unbedingt mitzukriegen, daß wir einen kleinen Rundtörn vorhaben.“

Es zeigte sich immer noch niemand. Keine Haarspitze war zu sehen. Die Kerle hatten sich entweder sehr gründlich getarnt oder ein Stück in den Verhau zurückgezogen.

Sir John kehrte wieder krakeelend und schimpfend zurück, doch diesmal hagelte es keine Vorwürfe. Selbst Old O’Flynn sagte nichts, weil es ihm vor Staunen die Sprache verschlagen hatte.

Dann wurde die Jolle segelklar gemacht.

„Nehmt die beiden Spektive mit“, sagte Carberry zu den Zwillingen. „Ihr geht mit, Stenmark ebenfalls. Ihr könnt die Ostseite der Insel absuchen.“

„Wir dürfen mit?“

„Sagte ich doch“, brummte der Profos. „Ich könnt ja nicht ewig hier an Bord hocken bleiben.“

„Was sollen wir tun, wenn wir das Floß entdecken?“ fragte Old O’Flynn.

Die Frage war an den Kutscher gerichtet, weil der immer die besten Ideen hatte.

„Gar nichts, wir wollen uns ja nur Gewißheit verschaffen. Wir haben den Verdacht, daß die Kerle hier sind, aber noch nicht die Gewißheit. Finden wir das Floß, dann ist alles klar. Ich würde auch empfehlen, nicht zu dicht an das Ufer zu segeln. Falls die Kerle noch auf der Ostseite im Busch stecken, können sie euch leicht mit Musketen unter Feuer nehmen.“

Der Profos schluckte. Himmel, der Kutscher dachte aber auch immer wirklich an alles und ließ nichts aus.

Sie nahmen vorsichtshalber drei Musketen mit und steckten auch ein paar Pistolen ein. Die Zwillinge bewaffneten sich mit den Kiekern. Dann enterten sie ab, wobei Martin, die beiden Dänen und der Kutscher unentwegt das Land im Auge behielten.

Immer noch war nicht die geringste Spur von den Kerlen zu sehen. Sie schienen wie vom Erdboden verschluckt zu sein.

Stenmark setzte das Segel, und dann zogen sie los.

Da die Insel nicht groß war, dauerte es nicht lange, bis sie die Ostseite erreichten.

„Haltet jetzt gut Ausschau“, sagte Carberry zu den Zwillingen, aber die Worte hätte er sich sparen können, denn alle beide waren mit einem wahren Feuereifer bei der Sache.

Sir John erhob sich von Carberrys Schulter und setzte erneut zur Exkursion an. Er strich zeternd und kreischend ab.

Die Ostseite der Insel lag im strahlenden Schein einer funkelnden Sonne da, die ihre Strahlen über das Meer warf und den ohnehin hellen Strand fast weiß erscheinen ließ. Manchmal wurde der Strand von einer Palmengruppe unterbrochen, die fast im Wasser stand.

Dann wieder gab es dichtes Buschwerk und Pflanzen mit Stelzwurzeln, die Mangroven ähnelten.

Die Ostseite sah aus, als hätte sie noch nie ein Mensch betreten.

„Ich glaube fast, daß sich unser Kutscherlein in gebührender Form entschuldigen muß“, sagte Carberry. „Es sieht wahrhaftig nicht so aus, als seien die Kerle hier.“

Er blickte fragend auf die Zwillinge, doch die schüttelten nur die Köpfe und inspizierten den Strand aufmerksam weiter.

„Langsam glaube ich auch nicht mehr daran“, sagte Stenmark. Er hatte eine Muskete vor sich auf der Ducht liegen.

„Wir gehen noch ein paar Yards näher an das Ufer heran“, sagte der Profos. „Sonst entgeht uns was.“

Damit waren sie gerade auf Musketenschußweite heran.

Der Profos und Stenmark sahen Sir John nach. Der Papagei begann wieder über einer ganz bestimmten Stelle seine Kreise zu ziehen.

„War er da nicht vorher schon?“ fragte Sten.

Der Profos nickte zustimmend.

„Es ist jene Stelle, über der er von der ‚Empress‘ aus schon seine Kreise zog. Da muß etwas sein.“

Sir John krakeelte einmal laut und kreischend, dann kehrte er wieder zur Jolle zurück, hielt es aber dort nur einen Augenblick aus und verschwand gleich wieder, um abermals die Stelle anzufliegen.

Der Profos wandte sich an die Zwillinge.

„Sucht mal den Strand unterhalb jener Stelle genau ab, über der Sir John immer kreist. Da muß etwas sein, das sein Interesse geweckt hat. Wenn das nicht stimmt, freß ich die Jolle mitsamt der Takelung.“

Die Stelle wurde näher in Augenschein genommen, wobei der Profos es riskierte, noch etwas näher unter Land zu gehen.

Da standen jetzt nur vereinzelte Palmen und junge Schößlinge, aber da gab es auch – wie es den Anschein hatte – undurchdringliches Buschwerk. Darauf konzentrierten sich jetzt die Zwillinge.

„Bald haben wir die Ostseite abgetörnt“, sagte Carberry mißmutig. „Dann können wir runden, ohne etwas entdeckt zu haben.“

Hasard junior stieß den Profos leicht mit der Hand an.

„Da ist tatsächlich etwas“, raunte er.

„Ja, das Floß“, sagte auch Philip im selben Augenblick. „Es liegt zwischen dem Buschwerk, das von zwei Palmen begrenzt wird.“

Der Profos wurde ganz fuchtig und warf selbst einen Blick durch das Spektiv. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis auch er es deutlich erkannte. Das Floß war zwischen die Büsche geschoben worden und lag gut versteckt da. Einem zufällig Vorbeisegelnden wäre es niemals aufgefallen.

„Also doch“, murmelte er. „Gut, daß ich mit dem Kutscher nicht gewettet habe. Der Kerl behält immer recht.“

Er lief weiter vom Strand ab, warf aber gleichzeitig noch einen prüfenden Blick durch den Kieker, den er dann Sten reichte.

Der Schwede nickte bestätigend.

„Einwandfrei das Floß, daran gibt es keinen Zweifel. Irgendwo auf der Insel haben sich die Kerle festgesetzt, um auf eine günstige Gelegenheit zu warten.“

„Möglicherweise beobachten sie uns“, sagte Philip. „Nur, in der Nähe des Floßes sind sie nicht. Sie haben sich woanders verborgen. Sonst hätten wir etwas gesehen.“

„Wenigstens haben wir jetzt die Gewißheit und können uns darauf einrichten. Wir segeln wieder zurück.“

Sir John sauste im Tiefflug heran, schlug heftig mit den Flügeln und landete mit heiserem Gekrächze auf Carberrys Schulter.

„Braver Junge“, lobte er, „das hast du wirklich fein hingekriegt, Sir Jöhnchen.“

„Arsch am Besan, vor den Wind, ihr Säcke“, palaverte Sir John mit seiner schrillen Stimme.

„Schon gut, schon gut“, murmelte Carberry. „Wir sind ja schon vorm Wind, mein Kleiner. Ist er nicht vortrefflich?“

„Das ist er“, gab Stenmark zu. „Was das Fluchen betrifft, ist er sogar unübertrefflich.“

„Immerhin hätten wir ohne ihn nicht gewußt, daß sich die Kakerlakenbrut hier heimlich eingenistet hat.“

Das konnte Stenmark allerdings nicht abstreiten. Sir John hatte sie auf die Kerle durch seine Neugier aufmerksam gemacht.

8.

Als sie wieder an Bord der „Empress“ aufenterten, sah Old O’Flynn ihnen neugierig entgegen.

„Euren Gesichtern sehe ich an, daß die Kerle hier sind.“

„Stimmt genau“, sagte Carberry. „Hasard und Philip haben das Floß entdeckt. Es liegt gut versteckt auf der Ostseite zwischen dichtem Gestrüpp.“

„Und die Kerle – habt ihr die auch gesehen?“

„Keine Spur von ihnen.“

Old O’Flynn kratzte mit der Hand über seine Bartstoppeln.

„Jedenfalls sind sie hier. Ich habe mir schon überlegt, ob wir uns nicht ein weiteres Späßchen mit den Halunken erlauben sollen. Aber das fiel mir leider erst ein, als ihr schon unterwegs wart.“

„Und was sollte das für ein Späßchen sein?“ wollte der Profos wissen.

„Ich hatte vor, ihnen das Floß zu klauen und es entweder zu zerstören oder einfach abtreiben zu lassen. Die Idee war nicht schlecht, denn dann hätten sich die Halunken schwarz geärgert. Aber der Kutscher riet mir dringend davon ab.“

„Dann hatte er sicher gute Gründe“, meinte Carberry.

„Ich hatte starke Bedenken“, erklärte der Kutscher. „Um das Floß zu klauen, hättet ihr an Land gehen müssen, und auf eine solche Gelegenheit warten die Kerle doch nur. Entweder hätten sie euch überfallen oder irgendwo aus dem Hintergrund mit Musketen beschossen. Daher erschien mir das zu riskant.“

„War es auch. Die Möglichkeit bestand immerhin. Ich an ihrer Stelle hätte das Floß sogar als Köder angeboten, aber dazu sind sie wohl zu dämlich, oder sie denken nicht soweit.“

„Was tun wir jetzt?“ fragte Nils. „Sie weiterhin zappeln lassen – oder sollen wir landen, um den Kerlen ordentlich den Marsch zu blasen? Dazu müßten wir allerdings wissen, an welcher Stelle sie sich aufhalten.“

Old O’Flynn war gar nicht dafür.

„Das gefällt mir nicht. Wenn wir landen, sind die Kerle einwandfrei im Vorteil. Wir haben ja schon selbst erlebt, was passiert, wenn man sich auf Musketenschußweite dem Ufer nähert. Da ist immer derjenige im Vorteil der an Land ist und gute Deckung hat. Nein, nein, das lehne ich ab.“

„Dann lassen wir sie eben zappeln“, schlug Carberry vor.

Auch das schien Old O’Flynn nicht so recht zu behagen. Er wollte Taten vollbringen, und nicht faul herumhocken. Die sechs Kerle gingen ihm auf den Geist, wie er versicherte.

„Wir trinken erst mal einen Schluck“, schlug er vor. „Bei einem guten Tropfen kann man alles besser besprechen, und dann fällt mir sicher noch etwas ein.“

Also wurde wieder die obligatorische Rumbuddel geholt und einer „verlötet“, wie Old Donegal das gern ausdrückte.

Der Rum schien ihn tatsächlich zu beflügeln. Er hockte auf der Gräting, wischte sich mit der Hand über den Mund und grinste.

Wenn er auf diese Art grinst, dachte Carberry, dann sieht er immer wie ein isländischer Troll aus, der etwas ausheckt, um anderen einen üblen Streich zu spielen.

„Du scheinst tatsächlich schon eine Idee zu haben“, meinte der Kutscher, „sonst würdest du nicht so grinsen.“

„Die Idee ist erst halbfertig, die muß noch einmal begossen werden, damit sie ausreifen kann.“

Old O’Flynn nahm den zweiten Schluck und pochte mit seinem Holzbein auf die Planken.

„Ich hab’s!“ rief er aus. „Wir werden den Kerlen einen lustigen Streich spielen. Ich bin sicher, daß sie darüber sehr verärgert sein werden.“

„Aber nicht die Idee mit dem Floß“, bat der Kutscher. „Die haben wir mittlerweise schon vergessen.“

„Ich auch, die ist begraben.“

„Und was hast du vor?“

Wieder erschien das schon fast diabolische Grinsen, das sich noch vertiefte.

„Wir hauen einfach ab.“

„Und wohin?“ fragte Carberry entgeistert.

„Wir segeln zu der ersten Insel zurück, wo die ‚Viento Este‘ aufgebrummt ist, von der wir das Gold geborgen haben.“

Die anderen sahen Old Donegal zunächst noch verständnislos an. Selbst der Kutscher runzelte fragend die Stirn.

„Schön und gut“, sagte er schließlich. „Aber was tun wir auf der anderen Insel – Däumchen drehen?“

„Arbeiten“, sagte Old O’Flynn geheimnisvoll. „Natürlich tun wir nur so, als würden wir arbeiten.“

Carberry sah den Alten von der Seite her an. Dann räusperte er sich.

„Seit wann wirken denn zwei Schlucke so stark auf dich?“ fragte er anzüglich. „Mehr hattest du doch nicht. Und den Scheiß nennst du eine Idee?“

„Laß mich doch ausreden, du Tranfisch. Wir nehmen ein paar leere Kisten mit, Schaufeln und Spaten und graben im Sand. Die Kerle werden das beobachten und genau wissen, wonach wir graben. Nämlich nach den Goldbarren, die wir versteckt haben.“

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann verstand jeder die Gedankengänge des Old O’Flynn.

Carberry schlug ihm grinsend auf die Schulter. Der Kutscher war ebenfalls am Grinsen.

„Das wird sie sicher sehr grämen“, meinte er. „Das wird sie aber auch gleichzeitig aktiv werden lassen und zwingen, etwas zu unternehmen, einen Angriff nämlich.“

„Das hast du sehr richtig erkannt“, lobte Old O’Flynn. „Erst werden sie sich schwarz und grün ärgern, dann werden ihnen sämtliche Gäule durchgehen, und dann greifen sie nachts unüberlegt an, weil sie sonst von dem vermeintlichen Gold nie wieder etwas zu sehen kriegen. Aber wir werden mit der Karavelle auf sie lauern und ihnen entgegensegeln, sobald sie diese Insel verlassen. Dann gibt’s Zunder, und wir haben die Kerle endgültig vom Hals.“

„Dann verholen wir doch am besten gleich“, schlug der Profos vor. „In einer Stunde können wir auf der anderen Insel sein.“

„Das tun wir auch“, versicherte Old O’Flynn. „Holt den Anker ein und setzt die Segel. Ich möchte zu gern die Gesichter der Kerle sehen, wenn sie uns beim Buddeln beobachten. Und wenn sie dann noch erfahren würden, daß das Gold doch auf dieser Insel und alles andere nur eine Finte ist, dann möchte ich die Visagen noch lieber sehen.“

Sie verloren keine Zeit mehr. Sie wußten, daß sie beobachtet wurden, holten den Anker ein und setzten die Segel.

„Na denn, Amigos“, sagte Old O’Flynn händereibend, „jetzt könnt ihr mal die Klüsen aufreißen.“

Die „Empress“ nahm Kurs auf die Insel, wo die „Viento Este“ aufgelaufen war. Die Insel lag nördlich vor der jetzigen. Die Kerle konnten also die südliche Westküste gut beobachten.

Eine knappe Stunde später lag die „Empress“ an der gewünschten Stelle und ging vor Anker. Die Segel wurden weggenommen.

„Jetzt holen wir leere Kisten aus dem Laderaum und ein paar Schaufeln“, sagte Old O’Flynn. „Und dann buddeln wir den Strand ein bißchen um. Dort vorn, zwischen den Palmen, ist ein guter Platz. Die Kerle werden nicht feststellen können, ob wir wirklich Gold in die Kisten laden.“

Gleich darauf waren sie eifrig bei der Sache. Ein paar leere Kisten wurden in die Jolle geladen, ebenso ein paar Schaufeln.

Dann pullten sie zum Strand hinüber und taten sehr geheimnisvoll.

Zwischen den Palmen wurde emsig gebuddelt. Der Profos bückte sich grinsend, hob einen Stein aus dem Sand und legte ihn neben die leere Kiste.

Von weitem mußte das eine Menge Eindruck schinden.

Die anderen gruben auch eifrig den Sand um und verschreckten ein paar Krabben, die sich dort eingebuddelt hatten und nun verstört zum Wasser dwarsteten.

„Wahrhaftig, ein toller Spaß“, sagte Carberry.

Immer eifriger bückten sie sich. Dann waren die ersten Kisten „voll“ und wurden von jeweils zwei Mann zur Jolle transportiert, wobei die Kerle so taten, als hätten sie schwer zu schleppen.

Der erste Pendelverkehr zwischen „Empress“ und Strand begann. Auf der Karavelle wurden die leeren Kisten übernommen, nach unten in den Laderaum geschafft und ebenso leer wieder nach oben gereicht. Die Jolle pullte wieder zurück.

Old O’Flynn hatte ein Dauergrinsen im Gesicht und geizte nicht mit der Rumbuddel. Bei jeder Fahrt gab es einen kleinen Schluck.

Prado und seinen fünf Kerlen war es entgangen, daß ein Boot die Insel gerundet hatte. Sie hatten sich etwas weiter ins Innere zurückgezogen, um dem krakeelenden Papagei zu entwischen, der ihren Standort verraten konnte.

Erst viel später kehrten sie wieder an den Ausgangspunkt ihrer Beobachtung zurück.

Da sahen sie, wie auf dem Dreimaster gerade der Anker gehievt und die Segel gesetzt wurden.

Prado schluckte hart, als er sah, daß die Karavelle Kurs auf die südliche Westküste der nördlich gelegenen Insel nahm.

„Was hat das denn zu bedeuten?“ fragte er verblüfft. „Die Kerle hauen einfach ab und kümmern sich nicht um das Gold? In meinen Schädel geht das jedenfalls nicht hinein.“

Er sah in fünf verblüffte und verdatterte Gesichter. Keiner konnte sich einen Reim auf den plötzlichen „Umzug“ bilden.

Sie starrten dem Schiffchen nach, bis es auf der anderen Insel erneut vor Anker ging.

Prado sah alles deutlich durch den Kieker. Erstaunt registrierte er, daß drüben Kisten und Schaufeln ausgeladen und in die Jolle verfrachtet wurden. Ein paar Kerle pullten zum Strand hinüber und begannen gleich darauf eifrig im Sand zu buddeln.

Erst da ging Prado und seinen Kerlen das Licht der Erkenntnis auf. Sie gewannen eine völlig neue „Einsicht“.

„Verflucht!“ brüllte Prado. „Die graben da drüben unser Gold aus und verladen es auf die Karavelle. Das darf nicht wahr sein!“

Er stöhnte laut auf und gab den Kieker an seine Kerle weiter, die alle reihum hindurchstarrten.

„Was heißt das?“ fragte Normando verständnislos. „Wieso buddeln die da drüben nach dem Gold, wenn es doch auf dieser Insel vergraben liegt?“

Ein wüster Fluch war zuerst die Antwort. Dann schlug sich Prado mit der Hand klatschend an die Stirn.

„Scheiß, verdammter!“ schrie er außer sich vor Wut und Enttäuschung. „Wir hocken auf der falschen Insel, wir Idioten. Natürlich – die Kerle werden ja auch nicht so dämlich sein und das Gold erst zu dieser Insel bringen. Sie haben das Gold genau da vergraben, wo die ‚Viento Este‘ aufgebrummt ist, und jetzt holen sie es. O du lieber Himmel, was sind wir doch für Idioten!“

„Die Einsicht kommt reichlich spät“, sagte Morro kalt. „Acosta hätte ich das ja zugetraut, aber dir nicht. Jetzt liegt das Gold für uns auf dem Mond.“

Prado steckte den Vorwurf zähneknirschend ein.

„Ihr anderen hättet ja auch mal nachdenken können“, sagte er. „Aber diese Bastarde haben sich immer so benommen, als würden die Goldbarren auf dieser Insel liegen.“

Jetzt ging auch dem Dämlichsten von ihnen ein Licht auf. Ein paar jaulten ihre Enttäuschung hinaus. Einer warf sich in den Sand und trommelte mit den Fäusten so lange darin herum, bis er das Zeug zwischen den Zähnen hatte und es wütend und knirschend ausspie.

„Wir sind allesamt Blödmänner“, sagte Morro in vortrefflicher Selbsterkenntnis. „Das hätten wir uns denken können.“

Er riß Santos das Spektiv aus der Hand. Dann stieß er einen grimmigen Fluch aus.

„Die ersten drei Kisten voller Gold werden gerade zur Jolle geschleppt“, jaulte er. „Jetzt pullen diese Bastarde hinüber und laden es aus. Der Alte hat eine Buddel in der Hand und gibt einen aus. Klar, die saufen jetzt einen vor Freude. Und was tun wir? Wir haben nicht mal mehr was zum Saufen, und das Gold können wir nur aus der Ferne betrachten.“

So fluchten, brüllten und schrien sie sich vor Wut die Kehlen heiser, bis Prado eingriff.

„Haltet jetzt eure Schnauzen“, knurrte er. „Ich bin genauso enttäuscht wie ihr. Oder glaubt ihr, mir gefällt es, daß die Bastarde das Gold abräumen? Wir werden es uns schon noch holen.“

„Und wie stellst du dir das vor?“

„Die Kerle wissen nichts von uns und nehmen an, daß wir längst abgehauen sind. Daher werden sie auch nicht besonders aufmerksam sein. Noch vor Mitternacht segeln wir hinüber und holen uns das, was uns zusteht. Dann wird angegriffen, und zwar blitzartig.“

Die Worte Prados richteten die Kerle zwar noch nicht auf – dafür war ihre Enttäuschung zu stark, aber sie waren sich zumindest darüber einig, daß es höchste Zeit wurde, die Karavelle anzugreifen, zu entern und sich in den Besitz des Goldes zu bringen.

Tagsüber hatte das natürlich keinen Zweck, da hatten sie keine Chance gegen die Drehbassen. Aber wenn der Angriff nachts erfolgte, würde die Überraschung um so größer sein.

Der Kieker ging wieder reihum. Sie starrten sich die Augen aus und zählten die Kisten mit, die an Bord gebracht wurden. Mit leeren Kisten kehrte die Jolle jedesmal zum Strand zurück.

Der Anblick der Kisten reizte die Kerle bis zur Weißglut, aber Prado verstand es, sie auch in dieser Hinsicht zu beruhigen.

„Das spart uns doch nur die mühsame Buddelei“, sagte er. „Wenn wir den Kahn entern, haben sie bereits alles schön sauber verpackt, und wir brauchen nur noch loszusegeln. Diesmal schaffen wir es ganz bestimmt.“

Der Tag verging für die Meute quälend langsam und wollte kein Ende nehmen. Sie konnten nicht einmal schlafen oder dösen, denn das, was sie auf der anderen Insel sahen, beschäftigte sie pausenlos und ließ ihnen keine Ruhe.

Unterdessen pausierten die Kerle auf der Nordinsel einmal in aller Ruhe und schlugen sich die Bäuche voll. Danach gingen sie wieder an die Arbeit, und eine Kiste nach der anderen verschwand auf dem kleinen Dreimaster.

Dann wurde es langsam dunkel. Sie sahen, daß am Strand der anderen Inseln Fackeln entzündet wurden. Aber die Gestalten waren nur sehr schlecht bei der Dunkelheit zu erkennen.

Immer noch verging die Zeit quälend langsam. Dann gab Prado endlich den erlösenden Befehl.

„Schiebt das Floß ins Wasser – und dann nichts wie hinüber.“

Das taten sie nur allzu gern. Das Floß wurde ins Wasser geschoben und das kleine Segel gesetzt. Die sechs Kerle hielten ihre Musketen schußbereit.

„Dann segeln wir jetzt los und fangen sie gleich hinter der Insel ab, sobald sie gerundet haben“, sagte Old O’Flynn.

Am Strand brannten immer noch Fackeln, und es hatte ganz den Anschein, als würde dort immer noch gebuddelt. So sollte es für die anderen ja auch aussehen.

Etwas später lag die „Empress“ feuerbereit auf der Lauer im Sichtschutz der Insel.

Dann tauchte das Floß auf. Es segelte langsam und schwerfällig, hielt aber stur Kurs auf die nördliche Insel, wo am Strand die Fackeln brannten.

Die Karavelle rauschte dem Floß entgegen. Die vorderen Drehbassen waren ausgerichtet.

„Feuer frei!“ rief Old O’Flynn. „Zeigt es den Halunken!“

Zwei Drehbassenschüsse fetzten in das Floß und rissen es auseinander. Holz splitterte, Kerle stürzten ins Wasser.

Ein dritter Schuß folgte und zerriß brüllend die Nacht. Der Blei- und Eisenhagel fetzte noch einmal hinein. Vom Floß blieben nur noch Trümmer, von den Kerlen war keiner mehr zu sehen.

Prado und seine Meute waren ein bißchen klüger gewesen als Acosta mit seiner Horde, aber für Old Donegal und seine Crew eben doch nicht klug genug.

Jetzt hatten auch die letzten sechs Kerle ausgespielt. Auf den Inseln herrschte wieder Ruhe …

ENDE


1.

Es war eine sonderbare Stimmung, die die ganze Stadt erfaßt zu haben schien. Etliche Einwohner Havannas schoben es auf das Wetter, das für sie, die sie in einer Hafenstadt lebten, besondere Bedeutung hatte. Da sie ausnahmslos ziemlich abergläubisch waren, werteten sie das Aussehen des Himmels als ein eindeutiges Zeichen.

Der Himmel über Havanna wollte nicht mehr aufklaren. Diesen Anschein hatte es jedenfalls. Dabei gab es nicht das winzigste Zeichen, das auf einen bevorstehenden Sturm hingedeutet hätte. Im Gegenteil, es wehte fortwährend ein derart laues Lüftchen durch die Gassen der kubanischen Hauptstadt, daß ältere Leute über Schweißausbrüche und Herzjagen klagten.

Die Hafendirnen stellten hingegen fest, daß ihre Dienste häufiger in Anspruch genommen wurden als gewöhnlich. Die Vergnügungssucht der männlichen Schenkenbesucher steigerte sich von Tag zu Tag. Das war beileibe nicht nur auf die längere Liegezeit der Schiffe zurückzuführen, die aus den ungünstigen Winden resultierte.

Es waren keineswegs nur Seeleute, die in diesen warmen Nächten dafür sorgten, daß viel Geld den Besitzer wechselte und Rum und Wein faßweise flossen. Auch jener Teil der Bevölkerung Havannas, der bei Tageslicht seltener anzutreffen war, ging verschwenderisch mit jenen Münzen um, die meist auf nicht ganz saubere Weise erworben worden waren.

Wüste Gelage in Bodegas und Cantinas, aber auch in Gassen und Hinterhöfen, waren die Folge.

Die Nächte in Havanna gehörten dem zwielichtigen Teil der Einwohner und den Seeleuten, die zu eben jener Kategorie paßten.

Den ehrbaren Bürgern der großen Stadt bereiteten all die absonderlichen Umstände dieser letzten Junitage des Jahres 1595 Unbehagen.

Sie registrierten eine gewisse aufmüpfige Stimmung unter dem gemeinen Volk, wie sie es zu nennen pflegten. Das mochte einerseits vom Alkohol herrühren, der ja bekanntlich in ungewöhnlichen Mengen genossen wurde. Hochwohlgeborenen Señoras geschah es, daß sie aus Hauseingängen oder Torwegen mit unflätigen Bemerkungen bedacht wurden, sofern sie sich in offenen Kutschen zur Schneiderin oder zu einem Nachmittagskränzchen fahren ließen.

Nach Einbruch der Dunkelheit wagten sich die Señoras nicht mehr aus dem Haus. Und in den Gesprächsrunden der Señores wurde immer häufiger der Ruf nach einer eisernen Hand laut, die in Havanna einmal gründlich aufräumen müsse.

Zusammengefaßt hatte die Stimmung des Pöbels etwas von einer frechen bis unverschämten Aufgekratztheit.

Der Alkohol mochte vordergründig dafür verantwortlich sein, und das Wetter mochte als Ursache herangezogen werden. Den Bürgern lief dennoch mancher Schauer über den Rücken. Denn deutlicher als sonst wurde ihnen in diesen Tagen bewußt, daß sie auf einem Pulverfaß lebten.

Das Pulverfaß war besagter Pöbel.

Die Lunte glomm nur nachts.

Doch wann würde diese Lunte auch bei Tage nicht mehr erlöschen?

Das Verhängnis für Havanna nahm seinen Anfang in den späten Vormittagsstunden des 20. Juni 1595.

Auf dem weiten Platz vor der Residenz herrschte die gewohnte Geschäftigkeit. Bauern aus der Umgebung und Händler aus der Stadt hatten schon früh ihre Plätze bezogen. Auf Tischen und Bänken boten sie ihre Waren an, die sie mit Handkarren, Pferdefuhrwerken oder auch nur auf dem gebeugten Rücken herbeigeschafft hatten.

Die Fruchtbarkeit des Landes zeigte sich in dem vielfältigen Angebot an frischen Früchten und köstlichem Gemüse. Welch gute Verbindungen eine Hafenstadt wie Havanna zu den übrigen Teilen der Welt hatte, bewiesen die Kleinhändler mit einer üppigen Pracht an Waren. Da dufteten Gewürze aus der Karibik und aus dem Fernen Osten. Da ließ Seide aus China die Augen der Señoras vor Entzücken leuchten, und kräftiges Leinen von den Webstühlen Spaniens mußte den eher sachlich prüfenden Handgriffen standhalten.

Von der Haarspange bis zum eleganten Schuhwerk, von den grünen Bohnen bis zu den Passionsfrüchten und von der fangfrischen Garnele bis zum soeben geschlachteten Ochsen gab es buchstäblich alles, was das Alltagsleben in den Bürger- und Adelshäusern angenehm machte.

Wie an jedem Markttag begannen Cisca Duarte und Graciela Bonardo um zehn Uhr mit ihren Vorbereitungen. Ihr mit Segeltuch überdachter Stand war von den Gehilfen der Señora Zinguala bereits aufgebaut worden. Señora Zinguala betrieb ein Speisehaus in der Nähe des Hafens. Mit ihrer Küche versorgte sie sowohl die Angestellten der Handelshäuser, Lagereien und Schiffsausrüster als auch jene Seeleute, die vom Essen aus der Kombüse genug hatten und einmal abwechslungsreiche spanische Kost an Land genießen wollten.

Der Stand auf dem Platz vor der Residenz war gewissermaßen ein Zweigbetrieb der klugen Señora. Denn sie hatte sehr genau erkannt, daß sie in der frühen Mittagsstunde einen Bedarf decken konnte, der sich in knurrenden Mägen von Marktleuten und ihren Helfern äußerte. Da sich der Stand mit den Kochfeuern in der Nähe des Tors zur Residenz befand, zahlten aber auch Besucher des Gouverneurspalastes zu den Kunden der beiden adrett gekleideten Mädchen.

In den großen Kübeln hatten sie an diesem Tag einen scharf gewürzten Eintopf aus roten Bohnen, Zwiebeln, Pfefferschoten, Tomaten, Speck und Ochsenfleisch zubereitet. Cisca überwachte die Kochfeuer und den Inhalt der Kübel, während Graciela die Näpfe füllte, austeilte, das Geld kassierte und darauf achtete, daß die Näpfe wieder zurückgebracht wurden.

Ihre Arbeit begann, als das Gedränge auf der Plaza nachließ und die meisten Marktstände ihr Warenangebot geräumt hatten. Eine gute Stunde lang hatten Cisca und Graciela alle Hände voll zu tun, und nur nach und nach wurde der Ansturm der Kunden geringer.

Es war bereits ein Uhr, als Graciela ihre Kollegin anstieß und mit einer verstohlenen Kopfbewegung aufforderte, einmal zum Portal des Gouverneurspalastes zu blicken.

Zwei Reiter schwangen sich dort von ihren Pferden. Das Fell der großrahmigen Tiere glänzte naß, Schaumflocken fielen von den Nüstern. Die Männer trugen Gardistenuniform und waren mit Säbeln und Pistolen bewaffnet. Zwei hochgewachsene, stattliche Burschen.

„Die sind nicht aus Havanna“, flüsterte Cisca, damit es keiner von denen mitkriegte, die den Stand umlagerten und den Eintopf aus den Näpfen löffelten.

„Natürlich nicht“, entgegnete Graciela und schüttelte den Kopf über die Einfalt ihrer Kollegin. „Erstens haben wir hier nicht solche Uniformen, und zweitens wären ihre Pferde nicht so abgehetzt, wenn sie aus unserer Stadt stammten.“

Cisca nickte und biß sich auf die Unterlippe. Auch Graciela schwieg jetzt. Beide Mädchen beobachteten voller Spannung, was sich beim Portal abspielte. Unter dem wolkenverhangenen Himmel wirkten der Palast und die Parkanlagen, von denen nur ein Teil durch das Tor zu sehen war, weniger prachtvoll als sonst.

Einer der beiden fremden Reiter ging auf die Palastwache zu. Er entfaltete ein Dokument, das der Posten aufmerksam studierte. Gleich darauf war ein militärisch barscher Ruf des Postens zu hören. Die Pforte im rechten Torflügel wurde geöffnet, und zwei einfache Soldaten erschienen, die die Pferde der Fremden übernahmen.

Der Mann, der das Dokument vorgezeigt hatte, gab seinem Gefährten einen Wink und betrat dann das Gelände der Residenz. Gleich hinter der Pforte wurde er von einem Offizier in Empfang genommen, der ihn auf dem Weg zum Palast begleitete.

Der zweite Reiter sah sich bedächtig um. Im nächsten Moment verspürten Cisca und Graciela Herzklopfen, als sie sahen, wie er in ihre Richtung blickte und sich seine Miene erhellte. Lächelnd und mit federnden Schritten, als hätte er plötzlich neue Energie gewonnen, bewegte er sich auf den Küchenstand der Señora Zinguala zu.

Die beiden Mädchen gerieten in Bewegung und hatten auf einmal große Eile, die schon zurückgegebenen Näpfe zu stapeln und mit dem Abspülen anzufangen. Dabei taten sie, als sähen sie den Fremden nicht.

Minutenlang stand er vor ihrem Verkaufstresen und beobachtete sie mit amüsiertem Lächeln. Dabei kümmerte er sich nicht um die neugierigen Blicke derer, die ringsherum im Stehen aßen oder sich auf leeren Kisten oder umgedrehten Bottichen niedergelassen hatten. Schließlich nahm der fremde Gardist seinen Helm ab und legte ihn mit vernehmlichem Poltern auf den Tresen.

Cisca und Graciela, beide dunkelhaarig und mit den rechten Rundungen am richtigen Fleck, konnten nun nicht anders, sie mußten aufblicken. Daß sich dabei ihr Herzschlag noch mehr beschleunigte, konnte der Fremde leicht erkennen, denn ihre Gesichtshaut nahm ein kräftiges Rot an. Die Ursache lag auch darin, daß der Fremde ein ausgesprochen gut aussehender Bursche war – groß, breitschultrig, schwarzhaarig, mit gepflegtem Oberlippenbart und markanten Gesichtszügen.

„Wenn die Señoritas einen Augenblick Zeit hätten, sich um ihre Kunden zu kümmern“, sagte er lächelnd und veranlaßte sie, sich den Rest zu denken, indem er lediglich die Stimme anhob und nicht weitersprach.

„Oh, Verzeihung, Señor“, sagte Cisca hastig und schlug sich mit den Fingerkuppen vor den Mund.

„Was darf es denn sein, Señor?“ fragte Graciela.

Er zog die Brauen hoch, und in seine Mundwinkel kerbte sich ein Anflug von Spott.

„Ich hätte nicht gedacht, daß Sie eine große Auswahl zu bieten haben. Nun, Señoritas, dann lassen Sie einmal hören, womit Sie einem müden Reiter zu neuem Mumm in den Knochen verhelfen können.“

Einige der Leute ganz in der Nähe lachten leise. Cisca und Graciela wurden diesmal puterrot. Graciela hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt.

Doch der fremde Gardist half ihnen aus der Verlegenheit, indem er auf einen der großen Kochkübel deutete und vernehmlich sagte: „Geben Sie mir das da. Das sieht besonders gut aus.“

Die Mädchen beeilten sich, ihn zu bedienen, und sie verzichteten darauf, ihm zu erklären, daß sich in allen Kübeln das gleiche Essen befand. Wahrscheinlich hatte er es ohnehin bemerkt. Nach und nach brachten die Leute ihre Näpfe zurück, und der fremde Gardist blieb als einziger am Stand der beiden Mädchen übrig.

„Mein Kamerad und ich“, sagte er gedehnt, „sind fremd in der Stadt. Und wir sind zum ersten Male in Havanna. Da würden wir uns natürlich freuen, wenn wir für heute abend jemanden hätten, der uns ein bißchen die Stadt zeigt.“

Er sah sie eindringlich lächelnd an, und beide Mädchen schlugen verlegen den Blick nieder.

„Wir haben eine Menge Gardisten in Havanna“, sagte Cisca nach einer Weile. „Da werden Sie doch einen Gefährten finden, der …“

„Nicht doch, nicht doch!“ rief der Fremde in gespielter Empörung. „Weder mein Kamerad noch ich haben vor, diesen Abend in Männergesellschaft zu verbringen.“ Er stellte seinen Eßnapf ab, stützte seine gebräunten Fäuste auf den Tresen und beugte sich vor. „Ich will Ihre und meine Zeit nicht mit Wortgeplänkel verschwenden, Señoritas. Deshalb frage ich Sie rundheraus: Hätten Sie beide Lust, uns heute abend Gesellschaft zu leisten?“

Um ein Haar hätten Cisca und Graciela sich zugezwinkert und angefangen zu kichern. Doch sie besannen sich, daß sie sich immerhin schon im heiratsfähigen Alter befanden und nicht mehr wie alberne Gänse zu gackern hatten.

„Da müssen wir aber erst Señora Zinguala fragen“, sagte Cisca vorsichtig.

„Wenn es weiter nichts ist!“ rief der Gardist und richtete sich wieder zu seiner stattlichen Größe auf. „Selbstverständlich werden mein Kamerad und ich ordnungsgemäß bei Ihrer Dienstherrin um Erlaubnis bitten. Einverstanden?“

Die beiden Mädchen wechselten nun doch einen Blick, und dabei lasen sie gegenseitig die freudige Aufregung in ihren Augen.

„Einverstanden“, sagte Graciela rasch.

Der Gardist strahlte vor Freude.

„Von wo kommen Sie?“ fragte Cisca, um ihn nicht vorzeitig zudringlich werden zu lassen.

„Aus Santiago de Cuba“, erwiderte er. „Wir haben den Weg ohne eine längere Pause zurückgelegt. Ohne Nachtruhe, Señoritas. Wegen der wichtigen Nachricht.“

„Eine wichtige Nachricht?“ fragte Graciela. „Etwas Geheimes?“

Er zog die Schultern hoch.

„Das weiß ich nicht. Wir dürfen die Nachricht nicht an Dritte weitergeben, nur an den zuständigen Beamten in der Residenz. Aber soviel kann ich sagen“, er beugte sich vor und senkte die Stimme zum Flüsterton, „es handelt sich um eine wichtige Nachricht über den stellvertretenden Gouverneur.“

„Don Diego de Campos“, hauchte Cisca ehrfürchtig, „der Generalkapitän?“

„Genau der“, erwiderte der Gardist.

„Was hat er denn mitzuteilen?“ fragte Graciela. „Es heißt, daß er im Einsatz gegen englisches Piratengesindel sei. War er erfolgreich?“

Der Gardist hob den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust, wobei er sich das erhabene Äußere eines Mannes gab, der mehr wußte als andere.

„Ich sagte, eine Nachricht über den stellvertretenden Gouverneur, nicht von ihm.“

Die beiden Mädchen sahen ihn mit großen Augen an.

„Was bedeutet denn das?“ fragte Cisca.

Er schüttelte den Kopf.

„Vielleicht verrate ich es euch heute abend, zu späterer Stunde. Aber wahrscheinlich wird es sich sowieso sehr schnell herumsprechen.“

2.

Der Offizier führte den anderen Gardisten aus Santiago de Cuba in jenen Flügel des Palastes, in dem sich die Administrationsbüros befanden. In einem kahlen Vorraum, der lediglich mit ein paar einfachen Stühlen und einem Tisch ausgestattet war, mußte der Gardist eine Viertelstunde warten, bis die Tür zum Nebenraum geöffnet wurde.

Ein buckliger Schreiber forderte ihn mit näselnder Stimme auf, einzutreten.

Erstaunt blieb der Gardist stehen, als er das große Büro betrat. Es war prunkvoll eingerichtet, mit schweren Vorhängen aus Samt und Brokat, mit dicken Teppichen und einem blattgoldverzierten Kamin. Die Möbel hatten ebenfalls Verzierungen aus Blattgold.

Der kleine Mann, dem das alles zu gehören schien, wirkte fast verloren in der Pracht des Raumes.

Er war ein dürres Männchen mit Puderlocken und einem Gesicht, das man nicht anders als füchsisch bezeichnen konnte. Mit einer herrischen Handbewegung forderte er den reitenden Boten auf, näherzutreten.

„Sie sind Señor Corda?“ fragte der Gardist sicherheitshalber. „Sie führen die Gouverneursgeschäfte in Abwesenheit von Don Diego de Campos in Ihrer Eigenschaft als Sekretär? Sie waren auch Sekretär von Don Antonio de Quintanilla und seinem Nachfolger Alonzo de Escobedo?“

Corda trommelte mit dürren Fingern auf dem Schreibtisch.

„Wenn Sie Ihre Befragung beendet haben, sagen Sie nur Bescheid“, entgegnete er in gespielt geduldigem Ton.

Der Gardist straffte seine Haltung.

„Verzeihung, Señor Sekretär, aber mein Vorgesetzter hat mich ausdrücklich angewiesen, mich zu vergewissern, wem ich die Nachricht überbringe. Es handelt sich nämlich um eine Nachricht von größter Wichtigkeit, die nur für den rechtmäßigen Stellvertreter des Gouverneurs bestimmt ist.“

Corda runzelte die Stirn.

„Wo befindet sich de Campos, wenn er diese Nachricht nicht entgegennehmen kann?“

„Er ist im Kampf gegen den berüchtigten Seewolf gefallen“, erwiderte der Gardist. „Eben das ist die Nachricht, die ich zu überbringen habe. Señor de Campos starb im Gefecht um die Hafenfestung von Santiago de Cuba. Den Engländern gelang es, anzugreifen und unseren Reihen große Verluste zuzufügen.“

Corda ließ sich in seinem Stuhl zurücksinken. Er brachte nicht sofort eine Antwort hervor und starrte den Boten nur fassungslos an.

„De Campos gefallen“, murmelte er tonlos, als müsse er die Worte wiederholen, um ihre Bedeutung richtig zu begreifen. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Dann schob er die Ellenbogen auf die Schreibtischplatte. Er faltete die Hände, stützte das Kinn mit beiden Daumen und senkte sinnierend den Blick.

Minutenlang stand der Gardist da, ohne auch nur beachtet zu werden.

Plötzlich hob Corda wieder den Kopf. Mit gefurchter Stirn sah er den Boten an.

„Haben Sie ein Dokument?“ herrschte er ihn an. „Können Sie sich ausweisen?“

Der Gardist holte tief Luft, um seine Empörung nicht zu zeigen.

„Mit Verlaub, Señor, das habe ich bereits bei der Palastwache getan. Sonst wäre ich sicherlich nicht vorgelassen worden. Aber ich werde mich natürlich auch Ihnen gegenüber ausweisen, wenn Sie es verlangen.“

„Ich bitte darum“, sagte Corda schroff.

„Wie Sie wünschen, Señor.“ Der Gardist zog seine Legitimation unter dem Wams hervor, faltete das Papier auseinander und reichte es über den Schreibtisch.

Corda studierte das Geschriebene Wort für Wort. Dann hielt er das Siegel dicht vor die Nase, um es genau zu prüfen. Schließlich ließ er das Dokument sinken, und sein Blick richtete sich ins Leere. Alles stimmte. Dieser Mann war tatsächlich vom Generalkapitän in Santiago de Cuba geschickt und autorisiert worden, eine mündliche Nachricht zu überbringen, die aus Geheimhaltungsgründen nicht schriftlich fixiert worden war.

„De Campos gefallen“, sagte Corda noch einmal. „Dann ist es also wirklich wahr.“

„Verzeihen Sie, Señor“, sagte der Gardist standhaft, „welchen Grund sollte ich wohl haben, Ihnen eine Falschmeldung zu überbringen?“

Corda hob den Kopf und sah ihn mit seinem füchsischen Lächeln an.

„Junger Freund, ich zweifle nicht an Ihrer Ehrlichkeit und Dienstauffassung. Aber Sie ahnen nicht, mit welchen Listen in höheren Kreisen gelegentlich operiert wird. Und Ihnen dürfte klar sein, daß die Nachricht vom Tod des stellvertretenden Gouverneurs ein beträchtliches politisches Gewicht hat.“

„Selbstverständlich, Señor“, antwortete der Gardist mit einer angedeuteten Verbeugung.

Corda winkte ab.

„In Ordnung. Sie können jetzt gehen. Aber vergessen Sie nicht, daß die Geheimhaltungspflicht nach wie vor gilt.“

„Ich werde mich daran halten, Señor. Darauf können Sie sich verlassen.“ Der Gardist zögerte und räusperte sich schließlich.

Corda, bereits völlig in Gedanken versunken, blickte irritiert auf.

„Gut, gut, in Ordnung. Sie können gehen.“

„Wenn Sie erlauben, Señor, mein Dokument …“

Corda starrte das Papier an, als bemerkte er erst jetzt, daß er es noch immer in der Hand hielt. Mit einer ärgerlichen Miene, als verscheuche er eine lästige Fliege, stieß er es über die Schreibtischplatte. Der Gardist fing es auf, faltete es zusammen und verstaute es unter seinem Wams. Dann salutierte er, vollführte eine Kehrtwendung und marschierte mit harten Schritten hinaus.

Der bucklige Schreiber streckte den Kopf durch die noch offene Tür. Fragend sah er den Sekretär des Gouverneurs an.

Corda wedelte unwillig mit der Hand.

„Ich will jetzt nicht gestört werden, Lope. Von niemandem! Verstanden?“

„Si, Señor, wie Sie wünschen.“ Der Schreiber dienerte und zog die Tür hinter sich zu.

Corda beobachtete die sich schließende Tür, als handele es sich um einen äußerst interessanten Vorgang. Dann stemmte er sich aus dem Stuhl hoch und ging steifbeinig zu dem Schrank, in dem er einen kleinen Getränkevorrat für gelegentliche Besucher aufbewahrte.

Er goß Rum in ein Kristallglastrank einen Schluck und ging mit dem Glas zum Schreibtisch zurück. Wie flüssiges Feuer brannte sich das Getränk seinen Weg von der Kehle bis hinunter in den Magen. Er setzte sich wieder, nahm noch einen Schluck und stellte das Glas vor sich hin.

Die innere Wärme beseitigte ein gewisses Unbehagen, das er in den vergangenen Minuten empfunden hatte.

De Campos tot.

Himmel, im ersten Moment war eine solche Neuigkeit natürlich geeignet, auch den widerstandsfähigsten Mann zu erschüttern. Bei einer so schlimmen Nachricht konnte man den bevorstehenden Verdruß buchstäblich riechen.

Aber es galt, einen klaren Kopf zu bewahren. Corda begann, die Dinge in seinem Kopf zu sortieren. Er war nun in der Lage, seine Gedanken in gezielten Bahnen zu bewegen. Voller Zuversicht, daß er zur richtigen Entscheidung gelangen werde, leerte er das Glas.

Um den Posten des Gouverneurs von Kuba war es in der letzten Zeit höchst ungünstig bestellt. Corda hielt sich zunächst vor Augen, daß er inzwischen immerhin drei Inhaber dieses Amtes überlebt hatte. Wörtlich traf das zumindest im Fall de Campos zu.

Er, Corda, war bereits Sekretär und damit enger Vertrauter von Don Antonio de Quintanilla gewesen. Alonzo de Escobedo war der Nächste im Amt des Gouverneurs gewesen, und ihm war als Stellvertreter der Generalkapitän Don Diego de Campos gefolgt.

Und nun die Nachricht von dessen Tod.

Corda versorgte sich mit einem weiteren Gläschen Rum und gelangte zu der Ansicht, daß er Zeuge eines historischen Moments war. Nein, nicht nur Zeuge. Er gehörte zu den wesentlichen Entscheidungsträgern.

Teufel auch, vielleicht hingen die allerwichtigsten Entscheidungen sogar von ihm allein ab. Immerhin führte er in Abwesenheit des jeweiligen rechtmäßigen Gouverneurs die Geschäfte.

Richtigerweise hatte man ihm in dieser Funktion die Nachricht vom Tod des amtierenden Gouverneurs überbracht. Folgerichtig war, daß er daraus die Konsequenzen ziehen mußte. Etwas mußte geschehen.

Er faltete die Hände unter dem Kinn und blickte andächtig zur Zimmerdecke. Ohne sonderliche Mühe könnte er jetzt sich selbst in den Sattel des Gouverneurs schwingen. Die Fähigkeiten dafür hatte er.

Überhaupt, was war denn schon an Fähigkeiten erforderlich? Wenn er an den dicken Don Antonio dachte, fiel ihm fast überhaupt nichts ein. Bestenfalls List und Tücke. Nun – Corda grinste vor sich hin – mit Eigenschaften solcher Art war auch er reich gesegnet.

Sicherlich würde es ihm auch gelingen, jenen Personenkreis, der in Havanna den Ton anzugeben glaubte, von der Rechtmäßigkeit seiner Amtsübernahme zu überzeugen. Die Stadtgarde hatte er ohnehin hinter sich. Niemand konnte ihm also ernsthaft Schwierigkeiten bereiten.

Dennoch behagte ihm der Gedanke nicht, Gouverneur zu sein.

Denn ein solcher Posten hatte auch beträchtliche Nachteile. Man befand sich an exponierter Stelle, im Licht der Öffentlichkeit und war entsprechend angreifbar und verwundbar.

Sich hervorzutun oder gar das Großmaul zu spielen, war eine Eigenschaft, die Corda fehlte. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, mußte er sich eingestehen, daß er lieber im Hintergrund wirkte.

Er hatte es immer verstanden, seine Fäden zu ziehen, ohne daß die Beteiligten letztlich wußten, von wem sie in bestimmte Richtungen gelenkt wurden. Im Fall de Quintanilla hatte das besonders gut funktioniert.

Dem Dicken war es ausgesprochen lästig gewesen, sich mit den vielen bürokratischen Einzelheiten seiner Amtsgeschäfte zu befassen. Daher hatte er das meiste Corda überlassen und lediglich die erforderlichen Unterschriften geleistet. Nur in den Angelegenheiten, die seine persönliche Bereicherung betrafen, hatte de Quintanilla allein entschieden.

Eine solche Regelung, überlegte Corda, war eigentlich ideal.

Er mußte der Mann im Hintergrund sein.

Die graue Eminenz!

Dazu fehlte ihm nur die passende Marionette, die er in den Gouverneurssessel hieven mußte.

Letztlich entschied natürlich der Kronrat in Spanien, wer das Gouverneursamt in Havanna ausübte. Corda erinnerte sich sehr genau, welche wohlüberlegten Regelungen der verehrte Don Antonio de Quintanilla getroffen hatte, als er abberufen worden war, um im Mutterland die Würde eines Vizekönigs über Neu-Spanien entgegenzunehmen. Zum kommissarischen Verwalter des Gouverneursamtes hatte er Señor Alonzo de Escobedo bestimmt, der ursprünglich Hafen- und Stadtkommandant gewesen war.

Nun hatte es in der Folgezeit gewisse Unregelmäßigkeiten gegeben, wegen denen sich de Escobedo zu verantworten gehabt hatte. Don Diego de Campos war in seiner Eigenschaft als Generalkapitän ranghöchster Seeoffizier in Havanna gewesen, und er hatte demzufolge das Recht und die Befugnis gehabt, die Anordnung Don Antonios bezüglich de Escobedos über den Haufen zu stoßen. Seither saß de Escobedo im Stadtgefängnis ein.

Jetzt aber war de Campos tot.

Corda grinste, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der mageren Brust. Ein Toter konnte nicht mehr als Ankläger auftreten. Folglich würde es auch nicht besonders schwierig sein, einen Prozeß gegen Alonzo de Escobedo von vornherein zu verhindern.

Punktum.

Alonzo de Escobedo war der richtige Mann für das Gouverneursamt – die geeignete Marionette. Und er, Corda, war der richtige Mann, um die Fäden zu lenken. Er lachte leise, beinahe übermütig, bei diesem Gedanken.

Alonzo de Escobedo, der arme Kerl, hatte lange genug im Gefängnis geschmachtet. Wenn man ihn herausholte, tat man nichts weiter, als die ursprüngliche Anordnung Don Antonios wieder in Kraft zu setzen. Im Grunde war es die logischste und einfachste Sache der Welt, de Escobedo in den Gouverneurssattel zu hieven, bis von Spanien aus eine andere Regelung erfolgte.

Corda lachte abermals.

Wann erfolgte schon eine solche Regelung aus Spanien! Das konnte in ein paar Jahren sein. Oder auch nie. Bis dahin war es schon besser und einträglicher, selbst die Entscheidungen zu treffen und die dafür auserwählte Strohfigur zielsicher zu lenken.

Corda wußte, daß er damit mehrere Vorteile für sich buchte. Erstens erhielt er sich den Sekretärsposten. Zweitens hatte er den kommissarischen Gouverneur de Escobedo natürlich in der Zange, da er von ihm wußte, welchen Dreck er am Stecken hatte. Folglich konnte er ihn nach Belieben erpressen, wenn das denn überhaupt erforderlich sein sollte.

Corda kicherte leise und rieb sich die Hände.

Er selbst trug bei der ganzen Regelung letzten Endes keinerlei Verantwortung. Die übernahm kraft seiner Unterschrift der kommissarische Gouverneur, der sehr verehrte Señor Alonzo de Escobedo. Er, Corda, erfüllte – für jedermann glaubhaft – lediglich treu seine Pflicht als Sekretär, wie es Don Antonio de Quintanilla angeordnet hatte.

Daß er in Wirklichkeit der heimliche Herrscher über Havanna und Kuba sein würde, sollte niemals jemand herausfinden.

Das Erwachen aus dem Mittagsschlaf war für Alonzo de Escobedo stets das unangenehmste aller Tagesereignisse. Da war jedesmal dieses fast unerträgliche Gefühl der Benommenheit, das er meist erst nach einer Stunde abschütteln konnte. Häufig war sein Schlaf in der Mittagsstunde auch von Alpträumen begleitet, die ihn schweißgebadet in die Wirklichkeit entließen.

Über eine weite, sonnendurchglühte Plaza hatten sie ihn geführt. Henkersknechte hielten seine Arme fest und stützten ihn, denn er konnte die Stufen zum Schafott nicht mehr aus eigener Kraft bewältigen. Auf der Holzplattform war ein Galgen aufgebaut worden. Er wunderte sich darüber, warum der Scharfrichter trotzdem neben dem Richtblock stand und seine Hände auf den mächtigen Griff des Beidhandschwerts gelegt hatte.

Wollten sie ihn bis zur letzten Minute im Ungewissen darüber lassen, auf welche Weise er sterben würde?

Denn nun, als er den Kopf in den Nacken legte und gegen die Sonne blinzelte, sah er die Schlinge, die vom Galgen baumelte, direkt vor seiner Stirn. Der Hanfstrick pendelte im Wind und vollführte kreisende Bewegungen, als sollte er zu Tode genarrt werden.

Unvermittelt drang der Geruch in seine Nase. Dieser Geruch von fauligem Stroh in modernden Leinensäcken, vermischt mit menschlichen Ausdünstungen, übelriechenden Essensresten und der Feuchtigkeit von Mauerwerk.

Die grelle Sonne war nichts weiter als das trübe Tageslicht, das durch das vergitterte Fenster hereinströmte.

Aber die Schlinge war da! Sie kreiste jetzt immer schneller. De Escobedo schrie auf und riß schützend die Hand hoch. Der Strick schlug gegen seine Finger, und im selben Augenblick durchzuckte ein stechender Schmerz seine Hand. Er schrie erneut, voller Entsetzen jetzt.

Rauhes Gelächter brandete auf und riß ihn in die Wirklichkeit zurück. Er zitterte vor Ekel und wagte nicht, sich zu rühren.

Was da vor seinem Gesicht kreiste, war eine Ratte, von der Drehbewegung halb betäubt. Aber die Kraft und die Schnelligkeit, zuzubeißen, hatte das widerliche Vieh noch gehabt.

Rusco, dieser riesenhafte bärtige Kerl, hielt die Ratte am Schwanz. Rusco war ein Peiniger, einer, der sein größtes Vergnügen darin fand, Schwächere zu quälen. De Escobedo hatte das Pech, mit ihm und dem anderen Schweinehund eine Zelle teilen zu müssen.

Dieser Nando war ein Mitläufer, ein dürres Gestell, das bei jedem auch noch so dämlichen Scherz des Bärtigen in albernes Kichern ausbrach. Deshalb war der Dürre in seiner Gefährlichkeit aber keineswegs zu unterschätzen.

Natürlich hatte er sich auf die Seite Ruscos geschlagen. Denn beide zusammen hatten vermutlich zum erstenmal in ihrem Leben die Gelegenheit, einen Mann von Rang und Würden nach Lust und Laune zu quälen.

Manchmal ließen sie ihn tagelang in Ruhe. Aber dann, wie aus heiterem Himmel, gaben sie es ihm knüppeldick.

„Nimm das Dreckvieh weg“, sagte er scharf und versuchte, dabei so unbeeindruckt wie möglich zu wirken.

Rusco und Nando wollten sich halb umbringen vor Lachen.

Die Ratte kreiste weiter.

„Sag bitte, bitte“, verlangte Rusco.

De Escobedo wußte, der Schinder würde das Spiel endlos fortsetzen, wenn er nicht gehorchte.

„Bitte, bitte“, murmelte er zähneknirschend. „Bitte, nimm das Vieh weg.“

„Das ist kein Vieh“, sagte Nando giftig. „Das ist ein Geschöpf Gottes, Mann! Dir paßt es doch auch nicht, wenn wir dich Stinktier nennen, oder?“

Rusco lachte grölend und hieb dem Dürren mit der freien Hand anerkennend auf die Schulter.

„Na, was sagt man, sehr verehrter ehemaliger Gouverneur?“

De Escobedo atmete tief durch. Mit aller innerer Kraft, die er noch hatte, zwang er sich zur Ruhe. Wenn er versuchte, sich von der Pritsche zu rollen oder sonstwie auszuweichen, würde er alles nur noch verschlimmern. Dann brachten sie es fertig, ihn zu packen und ihm die Ratte unter das Hemd zu stopfen.

Daß Rusco überhaupt eine Ratte hatte fangen können, grenzte an Teufelswerk. Aber dieser Peiniger war zehnmal schlimmer als eine Ratte. Deshalb hatte er sie vermutlich auch überlisten können, als sie sich über die Essensreste in der Zelle hergemacht hatte.

„Bitte, bitte“, sagte de Escobedo in unterwürfigem Ton. „Bitte sei so gut, die liebe kleine Ratte wegzunehmen.“

„Warum sollte ich das tun?“ entgegnete Rusco scheinheilig.

„Dem armen Tier wird ja ganz schwindlig“, sagte de Escobedo vorsichtig.

Beide Männer lachten schallend. Rusco sah sich zu Nando um.

„Was meinst du, Amigo, könnte er recht haben? Wird unserem niedlichen Tierchen tatsächlich schwindlig?“

Nando legte die Stirn in Falten und zog die Brauen hoch. Er gab sich den Anschein, als dächte er angestrengt nach.

„Verdammt schwer zu sagen, Rusco. Leider kann das liebe Tierchen nicht reden. Sonst könnten wir es ja fragen, ob es unserem geschätzten Exgouverneur mal in die Nase oder sonstwohin beißen möchte.“

„Das ist ein Wort“, sagte Rusco. „Lassen wir unseren Liebling selbst entscheiden.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ er den Rattenschwanz los, und das Tier plumpste auf de Escobedos mageren Bauch.

Er zuckte zusammen, als hätte ihn an eben jener Stelle ein Huftritt getroffen.

Die Ratte stieß einen scharfen Pfeifton aus, schnellte mit affenartiger Schnelligkeit los und raste im nächsten Augenblick an seinem Kopf vorbei zum hinteren Ende der Pritsche. Gleich darauf war das langschwänzige Tier auf dem Fußboden und verschwand in jener Ecke, in der ein Abflußloch ins Freie führte.

Alonzo de Escobedo erschauerte nachträglich vor Ekel. Die Vorstellung, daß ihn dieses scheußliche Wesen, dieser Inbegriff des Unreinen, berührt hatte, ließ ein Würgen in seiner Kehle aufsteigen. Er hatte sich seit seiner Inhaftierung an einiges gewöhnt. Aber dies, in Verbindung mit dem vorangegangenen Alptraum, war mehr, als er verkraften konnte.

Kichernd und glucksend zogen sich seine beiden Mitgefangenen auf die untere Pritsche an der gegenüberliegenden Wand zurück. Dort hockten sie sich hin und genossen ihre Heiterkeit auf seine Kosten.

Manches Mal hatte sich de Escobedo schon vorgenommen, gegen eine x-beliebige Gefängnisvorschrift zu verstoßen – nur, damit sie ihn in Einzelhaft steckten. In eine stockfinstere Zelle seinetwegen. Das war immer noch angenehmer, als mit diesen beiden Ausgeburten der Hölle zusammen eingesperrt zu sein.

„Da kannst du mal sehen, Alonzo“, sagte Rusco höhnisch. „Man lernt nie aus, was? In deinem früheren Leben hattest du doch bestimmt nie Gelegenheit, die Bekanntschaft von Ratten zu machen, nicht wahr?“

„Höchstens die von zweibeinigen Ratten“, sagte Nando und ließ dazu ein albernes Meckern hören.

„Sicher, sicher.“ Rusco nickte. „Solchen Umgang wird er mehr als genug gehabt haben, der gute Alonzo. Gleich und gleich gesellt sich schließlich gern. Nun? Ich warte noch auf eine Antwort, Amigo. Wie war das früher? Gibt es Ratten im Gouverneurspalast?“

„Ich habe nie welche gesehen“, erwiderte de Escobedo wahrheitsgemäß. Er war auf dem Rücken liegengeblieben und fühlte sich zu Tode erschöpft. Der Schreck nach dem Mittagsschlaf war ihm tief in die Knochen gefahren. Und es stand zu befürchten, daß ihn die verdammten Kerle noch stundenlang weiter peinigen würden. Sie waren in der Stimmung dazu.

Es gab keine Hilfe. Wenn er einen Aufseher rief, stellte sich der bestenfalls noch an die Gittertür und schaute amüsiert zu, wie sie ihn quälten.

Schritte wurden im Gang vor den Zellen laut.

De Escobedo rechnete damit, daß jemand vom Wachpersonal das Gelächter gehört hatte und nun an der Heiterkeit teilhaben wollte.

Doch er irrte sich.

Die Schritte endeten tatsächlich vor ihrer Zelle. Aber was dann folgte, verlief völlig unerwartet.

„Gefangener de Escobedo!“ ertönte die energische Stimme des Aufsehers.

Er richtete sich verblüfft von der Pritsche auf.

„Ja, Señor?“ antwortete er mit der Unterwürfigkeit, die man in diesem verdammten Bau von den Gefangenen erwartete.

„Aufstehen, mitkommen! Besuch für dich!“

De Escobedo gehorchte, rappelte sich von der Pritsche auf und strich seine zerlumpte Kleidung glatt. Er schüttelte ungläubig den Kopf. Besuch um diese Zeit? Außerdem hatte er ohnehin so gut wie nie Besuch erhalten – abgesehen von den Verhören, denen er auf Befehl de Campos’ unterzogen worden war.

Verwandte, Freunde oder auch nur gute Bekannte hatte er in Havanna nicht. Dennoch wagte er keine Nachfrage, geschweige denn Widerspruch. Und wenn es nur irrtümlich geschah, daß er eine Weile aus der verfluchten Gesellschaft der Quälgeister herauskam, so war das schon die reinste Erholung für ihn.

Der Aufseher entriegelte die Gittertür, ließ de Escobedo heraustreten und schloß die Tür wieder.

„Vorwärts, marsch“, befahl er.

Zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen wie Ketten an den Handgelenken oder ein zweiter, bewaffneter Aufseher waren nicht erforderlich. Das Stadtgefängnis von Havanna galt als absolut ausbruchssicher. Eine wahre Festung, in die von außen niemand eindringen konnte, um jemanden herauszuholen. Ebensowenig gelang es auch niemandem, aus eigener Kraft zu fliehen.

Die wenigen Male, in denen das einer riskiert hatte, waren nach Augenzeugenberichten zu einem Exempel geworden, das die Aufseher statuiert hatten. Die betreffenden Ausbrecher waren buchstäblich mit Musketenkugeln gespickt worden, bevor sie auch nur die Außenmauer des Gefängnisses erreicht hatten.

Nein, sie konnten ihre Gefangenen ruhigen Gewissens ungefesselt innerhalb des Gebäudes herumspazieren lassen.

3.

Insgeheim beglückwünschte sich Corda zu dem günstigen Zufall. Die Hände auf den Rücken gelegt, stolzierte er mit würdevoll blasierter Miene im Dienstzimmer des Gefängnisdirektors auf und ab. Jedesmal, wenn er vor einer Wand kehrtmachte, wippte er ungeduldig auf den Zehenspitzen.

Direktor Cámpora war noch nicht aus der mittäglichen Pause zurückgekehrt. Der Stellvertreter, der seine Belange wahrnahm, war ein unbedeutendes Licht.

Nach dem soundsovielten Hin und Her blieb Corda stehen, dem Schreibtisch zugewandt.

„Nun?“ sagte er herrisch und herablassend. „Wie lange werde ich denn wohl noch warten müssen?“

Der Stellvertreter des Direktors, ein dicklicher Mann mit Halbglatze, verbeugte sich erschrocken.

„Es kann sich nur noch um Minuten handeln, Señor Gouverneurssekretär. Nach meiner Einschätzung müßte der Gefangene de Escobedo jeden Moment hier eintreffen.“

Corda verzog unwillig das Gesicht.

„Gewöhnen Sie sich schon mal daran, ihn nicht mehr als Gefangenen zu betrachten.“

„Selbstverständlich, Señor Sekretär“, sagte der Dickliche voller Ehrfurcht. „Verzeihen Sie meine Unaufmerksamkeit. Natürlich werde ich Señor de Escobedo ab sofort mit dem Respekt entgegentreten, der seinem künftigen Amt angemessen ist.“

„Seinem bisherigen und künftigen Amt“, verbesserte Corda. „Halten Sie sich immer vor Augen, daß ich in Vollmacht und laut unverändert gültiger Anweisung von Don Antonio de Quintanilla handle.“

Die beeindruckende Wortwahl des füchsischen kleinen Mannes aus dem Gouverneurspalast veranlaßte den stellvertretenden Gefängnisdirektor, sich erneut ehrfürchtig zu verbeugen.

Er wurde einer Antwort enthoben, denn Schritte näherten sich im Innenkorridor, von den Zellentrakten her. Der Dickliche drehte sich hinter dem Schreibtisch um und begab sich eilfertig zur Tür. Er riß sie auf, und dies war vermutlich das erste Mal in der Geschichte des Stadtgefängnisses von Havanna, daß ein amtierender Direktor einem Gefangenen die Tür öffnete.

Zerlumpt und übelriechend, wie er war, betrat de Escobedo den Raum mit sichtlichem Zögern. Den Aufseher scheuchte der stellvertretende Direktor mit einer Handbewegung weg.

„Du liebe Güte!“ rief Corda in überdrehtem Erschrecken und schlug die dürre Hand vor den Mund. „Mein verehrter Señor de Escobedo, ich muß sagen, Sie sehen zum Erbarmen aus.“

De Escobedo stützte sich auf den Schreibtisch und sah den Sekretär mit verblüfftem Kopfschütteln an. Der stellvertretende Direktor blieb hinter ihm bei der Tür, in einer Art dienerhaften Hab-Acht-Stellung.

„Was, in aller Welt, führt Sie her?“ sagte de Escobedo mit belegter Stimme.

Corda stolzierte mit würdevollen Schritten auf ihn zu, ergriff seine dreckstarrende Rechte und schüttelte sie.

„Exzellenz, ich habe Ihnen etwas Erfreuliches mitzuteilen. Infolge besonderer Ereignisse sind Sie mit sofortiger Wirkung wieder zum kommissarischen Gouverneur ernannt.“

De Escobedos Kinnlade sackte weg. Sein Mund blieb offen, und seine Augen wurden kreisrund. Mehrere Sekunden lang konnte er den Sekretär nur anstarren. Er brachte kein Wort hervor. Erst nach einem angestrengten Räuspern konnte er wieder sprechen.

„Machen Sie keine dummen Scherze mit mir, Corda. Wenn Sie deshalb hier erschienen sind, hat Ihr Besuch seine Wirkung gründlich verfehlt.“

Der Sekretär verzog das Gesicht zu einer süßlichen Grimasse und zupfte wie prüfend an seiner gepuderten Lockenperücke.

„Hochverehrte Exzellenz, Sie sollten mich besser kennen. Ich würde mich niemals erdreisten, in einer so wichtigen Angelegenheit zu scherzen. Ich muß allerdings gestehen, daß es mir ein gewisses Vergnügen bereitet hat, Sie zu – hm – überraschen.“

De Escobedo schüttelte heftig den Kopf.

„Zum Teufel, halten Sie mich nicht zum Narren! De Campos ist amtierender Gouverneur. Schließlich habe ich ihm zu verdanken, daß ich in diesem elenden Rattenloch sitze.“

Corda lächelte, hob die rechte Hand mit senkrecht ausgestrecktem Zeigefinger und bewegte ihn hin und her.

„Sehen Sie, ich habe noch nicht zu Ende gesprochen, Exzellenz. Don Diego de Campos war Gouverneur.“

De Escobedo starrte ihn verblüfft an.

„Was heißt das?“ stieß er hervor.

„Er ist tot“, sagte Corda rundheraus. „Im Kampf gegen englische Piraten gefallen. Sie wissen, daß er diesen Britenbastard Lobo del Mar gejagt hat. De Campos wurde bei einem Angriff auf Santiago de Cuba getötet. Diese Nachricht haben mir soeben reitende Boten überbracht. Damit gilt wieder die Anweisung Don Antonio de Quintanillas, der Sie zum kommissarischen Verwalter des Gouverneurs bestimmt hatte.“

„Aber“, setzte de Escobedo an und verstummte gleich darauf. Einen Moment sah er sein Gegenüber schweigend an, dann verzog sich sein Gesicht zu einem Grinsen. „Wo kein Kläger ist, da ist kein …“

„Wir haben uns nicht um die Vergangenheit zu kümmern“, fiel ihm Corda ins Wort. Der Stellvertreter Cámporas mußte nicht unbedingt die entscheidenden Einzelheiten mitkriegen. „Es geht jetzt nur noch um die Zukunft Havannas, um die Zukunft Kubas, Exzellenz. Werden Sie sich der Aufgabe stellen?“

„Selbstverständlich“, erwiderte de Escobedo und warf sich in die Brust. „Ich weiß, wie groß die Verantwortung ist, aber ich schrecke nicht davor zurück.“

Corda dachte sich seinen Teil, während er den stellvertretenden Direktor mit einer herrischen Handbewegung aufforderte, ihm die Entlassungsurkunde zu reichen. Natürlich reizte den durchtriebenen Halunken nicht in erster Linie die Verantwortung, sondern der mögliche Nebenverdienst des Gouverneurs. Corda nahm sich vor, seine Marionette nicht zu schlau werden zu lassen. Dieser Mann mußte wissen, wo seine Grenzen waren.

Corda beugte sich über den Schreibtisch, griff nach der Feder des Direktors, tunkte sie behutsam ins Tintenfaß und unterschrieb die Entlassungsurkunde mit seinem Namen und dem Zusatz „kommissarischer Verwalter der Gouverneursresidenz zu Havanna.“

Er überprüfte die Richtigkeit des Datums und die persönlichen Angaben über den Exgefangenen. Dann gab er die Urkunde zurück und ließ sich den Passierschein für das Haupttor aushändigen.

Außerdem erhielt de Escobedo eine vom stellvertretenden Direktor beglaubigte Zweitschrift der Entlassungsurkunde, damit er die Rechtmäßigkeit seiner Freiheit etwaigen Zweiflern gegenüber belegen konnte. Corda hielt das für eine notwendige Sicherheitsmaßnahme, da es in den einflußreichen Kreisen Havannas doch einige Señores gab, die dem erneuten kommissarischen Gouverneur nicht unbedingt wohlgesonnen waren.

Mit einer herablassenden Handbewegung gab der Sekretär dem stellvertretenden Direktor zu verstehen, daß man seine Dienste nicht mehr benötige. Der Dickliche betätigte eine Klingel, und ein Aufseher erschien, der den Auftrag erhielt, seine Exzellenz, den Gouverneur, und den Sekretär des hochverehrten Gouverneurs zum Haupttor zu geleiten.

Der Aufseher stand wie vom Donner gerührt und reagierte nicht sofort. Da er Corda kannte und wußte, daß dieser nicht der Gouverneur war, konnte der stellvertretende Direktor nur den zerlumpten Gefangenen meinen.

Dieser Dreckskerl sollte wieder Gouverneur sein? Der Aufseher zuckte mit den Schultern, hütete sich jedoch, eine Bemerkung von sich zu geben, und führte den Befehl aus.

Auf dem Weg durch die Korridore und über den Gefängnishof bis zum Haupttor genoß Corda seine geheime diebische Freude. Es war glatter gelaufen, als er gedacht hatte. In erster Linie war das natürlich jenem glücklichen Zufall zu verdanken, daß der Gefängnisdirektor selbst noch nicht anwesend war.

Wenn er später am Nachmittag erschien, würde er vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Dann hatte de Escobedo bereits die Palastwache und die Stadtgarde hinter sich und konnte demzufolge sein neugewonnenes Amt verteidigen.

Minuten später, als sie das Gefängnis verlassen hatten und die Gouverneurskalesche besteigen wollten, war es mit Cordas geheimer Freude jäh vorbei.

Der stämmige, breitschultrige Mann, der da mit energischen Schritten auf sie zumarschierte, war kein anderer als Gefängnisdirektor José Cámpora.

„Was geht hier vor?“ fuhr er die beiden Männer mit harter Stimme an. Breitbeinig blieb er stehen und stemmte die Fäuste in die Hüften.

De Escobedo erinnerte sich daran, wie er mit den Leuten während seiner ersten Gouverneurs-Amtsperiode umgesprungen war. Er brauchte nur da anzuknüpfen, wo er aufgehört hatte.

„Etwas mehr Respekt“, sagte er näselnd und voller Geringschätzung. „Sie sprechen mit dem Gouverneur dieses Landes, Cámpora.“

Der Gefängnisdirektor, ein Mann mit kantigen Gesichtszügen, die von Entschlossenheit und Durchsetzungskraft zeugten, konnte nicht anders: er sperrte entgeistert den Mund auf.

Corda nutzte die Gelegenheit, sich Gehör zu verschaffen.

„Ich darf dies ausdrücklich bestätigen, Señor Cámpora. Ich habe vor einer Stunde die Nachricht erhalten, daß Gouverneur de Campos in Santiago de Cuba im Kampf gegen Piraten gefallen ist. Aufgrund dieser Tatsache, verbunden mit der immer noch geltenden Anweisung von seiner Exzellenz Don Antonio Quintanilla, habe ich die Entlassung Señor de Escobedos und seine sofortige Ernennung zum amtierenden Gouverneur veranlaßt.“

José Cámpora hatte seine Verblüffung überwunden. Seine steinharte Miene zeigte, daß er nicht im geringsten beeindruckt war.

„Ich teile keineswegs Ihre Meinung, Señor Corda“, sagte er energisch. „Ich spreche Ihnen schlicht das Recht ab, über eine Neubesetzung des Gouverneursamtes zu befinden – noch dazu durch eine Person, die unter schwerem Verdacht steht. Unter dem Verdacht nämlich, gemordet, das Amt mißbraucht und den König geschädigt zu haben.“

„Ihre Meinung interessiert mich nicht!“ rief Corda erbost. „Was nehmen Sie sich heraus, Mann! Verschwinden Sie! An Ihren Arbeitsplatz!“

„Sehr richtig“, sagte de Escobedo mit wutverzerrtem Gesicht. „Es könnte Ihnen sonst passieren, mein lieber Direktor, daß ich Sie wegen Vernachlässigung Ihrer Pflichten Ihres Amtes enthebe.“

Die ersten Passanten blieben auf der Straße vor dem Gefängnis stehen. Der erregte Wortwechsel kündigte einen handfesten Streit an. Das dürre Männchen mit den Puderlocken sah wichtig aus, der zerlumpte Gefangene kam den meisten bekannt vor, und ebenso viele wußten, daß Direktor Cámpora ein ganzer Kerl war, den niemand so leicht für dumm verkaufen konnte.

„Halten Sie den Mund, de Escobedo!“ rief Cámpora schnaubend. „Oder ich nehme Sie eigenhändig wieder fest. Verlassen Sie sich darauf.“

De Escobedo schluckte, wollte aufbegehren, besann sich aber. Dieser Cámpora war ein kräftiger Kerl, dem er körperlich alles andere als gewachsen war – noch dazu in seinem jetzigen Zustand.

„Und nun zu Ihnen“, wandte sich Cámpora an den zornbebenden Sekretär. „Nehmen Sie zur Kenntnis, daß das Amt des Gouverneurs bis zu einer endgültigen Entscheidung des Königs nur vom ranghöchsten Militär besetzt werden kann. In Übereinstimmung mit dem entsprechenden königlichen Erlaß geschah das übrigens völlig korrekt, als Generalkapitän de Campos das Gouverneursamt übernahm. Wenn de Campos tot ist, wird zwangsläufig der Rangnächste sein kommissarischer Nachfolger.“

„Sind Sie verrückt?“ schrie Corda, auf den Zehenspitzen wippend. „Niemand darf einen Erlaß dazu mißbrauchen, eine unfähige Person in ein Amt zu berufen!“

Natürlich wußte Cámpora, auf was der kleine Fuchs aus dem Gouverneurspalast anspielte. Capitán Don Luis Marcelo, der derzeitige Kommandant der Stadtgarde und besagte Rangnächster nach de Campos, war gewiß keine Leuchte. Aber er war immer noch besser als gar kein Gouverneur oder ausgerechnet der schuldbeladene de Escobedo.

„Keine ungerechtfertigte Kritik“, sagte Cámpora scharf. „Ich weise Sie darauf hin, daß Sie sich an das königliche Dekret zu halten haben. Im übrigen sind Sie auch nicht befugt, einen Gefangenen unter falschem Vorwand aus dem Gefängnis zu holen.“

„Das ist eine Unterstellung!“ schrie der Sekretär schrill.

Die Schaulustigen und Neugierigen rotteten sich zusammen. Auch de Escobedo besann sich wieder auf den in Aussicht gestellten Gouverneursposten und warnte Cámpora lautstark vor Amtsanmaßung. Im Handumdrehen bildete sich eine dichte Menschentraube.

José Cámpora fackelte nicht lange.

„Wache!“ brüllte er zum Haupttor hin und wies mit ausgestrecktem Arm auf den Zerlumpten neben der Gouverneurskalesche. „Dieser Mann ist verhaftet! Sofort abführen!“

De Escobedo war schneller. Das jähe Entsetzen über die womöglich doch wieder zerrinnende Freiheit und der Gedanke an seine Quälgeister von Zellengenossen verliehen ihm ungeahnte Kräfte. Mit einem Wutschrei sprang er auf Cámpora zu und verpaßte ihm zwei gemeine Hiebe. Der Gefängnisdirektor taumelte und versuchte vergeblich, nachzusetzen. Er schaffte es nicht mehr, de Escobedo festzuhalten.

Zwei, drei schnelle Schritte genügten de Escobedo, in der Menge unterzutauchen. In Sekundenschnelle war er von der Bildfläche verschwunden.

Cámpora jagte einen Trupp von vier Aufsehern hinter dem Fliehenden her. Doch er wußte von vornherein, daß die Suche ergebnislos verlaufen würde. Wer die Gassen von Havanna einigermaßen kannte, fand unzählige Versteckmöglichkeiten.

Der Ordnung halber wartete Corda, bis das Suchkommando mit leeren Händen zurückkehrte. Er fühlte sich beileibe nicht mehr wohl in seiner Haut. Die Einsicht, daß sein Vorhaben gründlich daneben gegangen war, schmerzte. Dahin war der Traum von der grauen Eminenz und dem heimlichen Herrscher hinter den Kulissen.

Der kleine, fuchsgesichtige Sekretär war von einer Stunde zur anderen wieder zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft.

4.

Mit Beginn der Abenddämmerung füllte sich die Bodega „Cascabel“ sehr rasch. Hatte den ganzen Nachmittag über eine eher schläfrige Stimmung geherrscht, so kündigten sich nun der Trubel und die überschäumende Ausgelassenheit der Nacht an.

Der blecherne Klang der Schelle über dem Eingang war in dieser Stunde des Zwielichts fast ununterbrochen zu hören. Das Glöckchen – Cascabel –, verdeutlichte den Namen der Bodega und wurde durch ein Hebel-Zugwerk in Bewegung gesetzt.

Capitán Don Luis Marcelo liebte diese Zeitspanne, in der er Zeuge eines spürbaren Wechsels wurde. Den ganzen Tag über hatten sich die Menschen von irgendwelchen Zwängen knechten lassen – von der Arbeit oder einfach von der Notwendigkeit, sich bei Licht nicht blicken zu lassen. Die Stadtgardisten hatten die unangenehme Eigenschaft, sich Gesichter, die ihnen einmal aufgefallen waren, genau einzuprägen.

Nun aber, in der Stunde zwischen Tag und Abend, fanden die Leute endlich zu sich selbst. Jetzt zeigten sie sich so, wie sie wirklich waren – redselig, ausgelassen und lärmend, aber auch bösartig, hinterhältig und handgreiflich. Stimmengewirr erfüllte den Schankraum unter den mächtigen Deckenbalken. Der Geruch von Rotwein, Rum und Bier breitete sich aus. Ein paar Leute rauchten Tabak aus tönernen Pfeifen, wie man es den indianischen Ureinwohnern Neu-Spaniens abgeschaut hatte.

Und immer noch bimmelte die Schelle über der Eingangstür.

Capitán Don Luis Marcelo lugte durch die Streben der hohen Balustrade, die seine Nische im hintersten Winkel vom übrigen Schankraum abteilte. Er genoß es, den weichen und anschmiegsamen Körper der kleinen Halbindianerin zu spüren. Federleicht war sie auf seinem Schoß.

Sie umschnurrte ihn wie ein Kätzchen und las ihm wahrhaft jeden Wunsch von den Augen ab. Sie galten als besonders feurig, diese weiblichen Wesen, in denen sich das Temperament des alten Spaniens mit dem Geheimnisvollen der noch unerforschten Welt verband.

„Bald geht es hoch her“, sagte Marcelo, und seine Zunge war noch nicht übermäßig schwer.

Er wandte sich wieder dem Mädchen zu. Ein weiterer Vorteil dieser frühen Abendstunde war für ihn, daß er noch halbwegs klar und deutlich wahrnahm, was sich um ihn herum abspielte. Die Stimmung beflügelte ihn, und er konnte auch die körperlichen Reize der Halbindianerin voll auskosten.

Später, wenn er genug Rotwein getrunken hatte, war das Vergnügen anderer Art. Dann lag es eher an diesem süßen Schwebezustand, in dem er das ganze Leben durch einen rosaroten Schleier sah.

Meist sorgte Vallejo, der Schankwirt, dafür, daß er sicher nach Hause gebracht wurde. Nach Hause! Ein karges Zimmer in der Garnison. Gewiß, er hatte alle Annehmlichkeiten, die ein Capitán beanspruchen konnte. Den Rotwein brachte ihm die Ordonnanz, und die Stiefel putzte ihm einer der jungen Gardisten. Trotzdem war das außerdienstliche Leben so langweilig wie das Amt des Kommandanten der Stadtgarde.

Wie heute, so meldete sich Marcelo fast jeden Tag schon in den Nachmittagsstunden zu einem „Kontrollgang“ ab. Vallejo und die meisten anderen Schankwirte waren auf diese „Kontrollen“ eingerichtet, und sie kannten die besonderen Wünsche und Vorlieben des Señor Comandante.

Das Mädchen beugte sich dem Tisch zu, füllte das Glas erneut und reichte es ihm. Er staunte über die Biegsamkeit ihres Körpers und das lange jettschwarze Haar, das im trüben Lampenlicht wie kostbare Seide schimmerte. Ihre Augen waren wie rätselhafte vulkanische Glut, als sie ihm das Glas vor die Lippen hielt. Sein Blick wanderte zu dem funkelnden Rubinrot des Weines.

„Du kannst einem den Verstand rauben, Chica“, sagte er heiser. „Wie heißt du eigentlich?“

„Consuela, Señor.“

Er nahm einen ausgiebigen Schluck und ließ sie das Glas wegstellen.

„Und weiter?“

„Das ist alles, Señor. Ich habe nur den einen Namen. Stört Sie das?“

Für einen Augenblick sah er sie verdutzt an. Dann lachte er schallend.

„Stören? Himmel, Chica, warum sollte mich das stören? Von mir aus brauchtest du überhaupt keinen Namen zu haben. Hauptsache, du hast die richtigen Sachen am richtigen Fleck.“

Sie kicherte und schmiegte sich ein wenig fester an ihn. Er hatte das Gefühl, daß ihm gleich schwindlig werden müßte. Selten hatte er ein solches Mädchen gehabt. Ein Glücksgriff. Vallejo, der alte Hundesohn, verdiente eine kleine Belohnung. Man mußte die Leute schließlich bei Laune halten.

Undeutlich hörte Marcelo durch das Stimmengewirr von draußen aus der Gasse Hufgetrappel und das mahlende Geräusch von eisenbeschlagenen Rädern. Beides endete, gleich darauf ließ sich das Türglöckchen scheppernd vernehmen. Im nächsten Moment senkten sich die Stimmen im Schankraum zu respektvollem Flüstern. Harte Stiefelschritte hallten von der niedrigen Decke wider.

Capitán Marcelo bemerkte von all dem nichts, da er sich intensiv mit Consuela und der Glut ihrer Lippen befaßte.

Eine militärisch klingende Stimme riß ihn aus den wohligen Wolken seines traumartigen Zustands.

„Capitán, mit Verlaub, ich muß Sie dringend sprechen!“

Marcelo blinzelte unwillig, schob das Mädchen ein Stück von sich und starrte die höchst unwillkommenen Besucher an. Beide waren ihm hinlänglich bekannt. Primer Teniente Echeverria, einer seiner Stellvertreter, und Teniente Denaro, einer der besonders diensteifrigen jungen Offiziere.

Burschen dieser Art waren Marcelo stets ein Dorn im Auge, da sie ihn als älteren Offizier meist indirekt dazu zwangen, ein Vorbild zu sein.

„Echeverria!“ sagte er ärgerlich. „Was fällt Ihnen ein, verdammt noch mal! Mich hier und jetzt zu stören! Haben Sie schon mal etwas von Anstand gehört?“

Im Schankraum war es mittlerweile mucksmäuschenstill geworden.

Der Primer Teniente rümpfte die Nase, da ihm eine Wolke von Rotweindunst entgegenwehte. Das Mädchen auf Marcelos Knien beeindruckte weder ihn noch seinen jüngeren Kameraden.

„Ich bin aus dienstlichem Anlaß hier, Señor Capitán“, sagte Echeverria hoch aufgerichtet. „Man hat Sie überall in der Stadt gesucht.“

Marcelo hieb mit der Faust auf den Tisch.

„Na und?“ brüllte er. „Bin ich irgend jemandem Rechenschaft schuldig? Bin ich Kommandant der Stadtgarde oder nicht?“

„Ja, Señor Capitán, aber …“

„Kein Aber!“ Marcelo ereiferte sich in unverminderter Lautstärke. „Ihr beiden Diensteifrigen würdet es fertigbringen, mich aus dem Schlafzimmer einer feinen Señora zu holen, stimmt’s? Und es wäre euch verdammt egal, ob alle Welt mitkriegt, daß dem armen Ehemann Hörner aufgesetzt wurden, habe ich recht?“

Einige der Leute in der Bodega lachten leise hinter vorgehaltener Hand. Consuela nutzte die Gelegenheit, aus der Reichweite des erbosten Kommandanten zu huschen.

Echeverria und Denaro wechselten einen pikierten Blick. Es wurde ihnen von Sekunde zu Sekunde unangenehmer, auf diese Weise in aller Öffentlichkeit kundtun zu müssen, was für einen Kommandanten die Stadtgarde hatte.

„Señor Capitán“, erwiderte Echeverria steif. „Ich darf sachlich bleiben, wenn Sie erlauben. Teniente Denaro und ich haben den Auftrag, Ihnen mitzuteilen, daß Sie mit sofortiger Wirkung zum kommissarischen Gouverneur ernannt worden sind. Generalkapitän de Campos ist tot. Sie sind sein rechtmäßiger Nachfolger. Gouverneurssekretär Corda und Gefängnisdirektor Cámpora als höchste Beamte unserer Stadt bitten Sie einvernehmlich, Ihre Aufgaben als Gouverneur unverzüglich wahrzunehmen.“

Marcelo blieb stumm. Er stierte die beiden Offiziere an, als habe er zwei fremdartige Wesen vor sich. Er riß die Augen weit auf, kniff sie zu und öffnete sie wieder. Nichts änderte sich. Echeverria und Denaro, die da vor ihm standen, als hätten sie Besenstiele verschluckt, waren Wirklichkeit. Folglich mußte das, was sie soeben von sich gegeben hatten, auch Wirklichkeit sein.

„Ich bin was?“ ächzte Marcelo dennoch.

„Sie sind Gouverneur, Señor Capitán“, sagte der Primer Teniente langsam und deutlich.

In der Bodega wäre nach diesen Worten das Fallen einer Stecknadel als lautes Klirren zu hören gewesen.

Capitán Don Luis Marcelo zerknirschte einen Fluch auf den Zähnen. Er konnte sich eben noch beherrschen, seinen Ärger nicht hinauszubrüllen.

Nicht genug, daß ihm diese beiden Offiziersaffen den so vielversprechend begonnenen Abend verdarben. Nein, sie mußten ihm auch noch eine solche Hiobsbotschaft überbringen!

Gouverneur!

Das bedeutete Verantwortung, Arbeit, Entscheidungen treffen, repräsentieren, im Licht der Öffentlichkeit stehen …

Marcelo duckte sich unwillkürlich unter der schweren Last, die er da auf sich zurücken sah.

Doch andererseits …

Gouverneur sein, bedeutete auch, in feinste Kreise vorzudringen. Was er da vom Schlafzimmer einer feinen Señora dahergeredet hatte, blieb dann nicht einmal abwegig.

Teufel auch, er hatte schon oft davon gehört, wie zügellos es in der vornehmen Gesellschaft zugehen sollte, wenn sie sich hinter verschlossenen Türen zurückzog. Warum sollte er daran nicht auch ein wenig teilhaben?

„Señor Capitán“, sagte Echeverria leise und eindringlich.

Marcelo nickte. Entschlossen klatschte er mit der flachen Hand auf den Tisch und stemmte sich hoch. Er schwankte etwas, als er auf beiden Beinen stand.

„Also gut, Señores“, sagte er brummend. „Ich nehme an, ich wohne jetzt im Gouverneurspalast. Richtig?“

„Selbstverständlich, Capitán“, antwortete Echeverria mit einer knapp bemessenen Verbeugung.

„Gut, gut.“ Marcelo wedelte energisch mit der Rechten. „Dann sorgen Sie nach der Rückkehr in die Garnison als erstes dafür, daß meine persönlichen Sachen in die Residenz gebracht werden. Denaro, Sie überwachen den Transport persönlich. Noch heute abend.“

„Jawohl, Señor Capitán.“ Der Teniente salutierte wohl oder übel.

„Fein“, sagte Marcelo mit zufriedenem Nicken. „Dann wollen wir mal. Folgen Sie mir, Señores.“

Capitán Marcelo hatte von sich selbst den Eindruck, daß er seinen beiden Untergebenen würdevoll voranschritt. Jeder in der Bodega, auch Echeverria und Denaro, konnte indessen sehen, daß sich der neue Gouverneur auf höchst unsicheren Beinen ins Freie begab.

Als das Glöckchen gebimmelt hatte und die Tür zugefallen war, setzte zunächst ein Raunen ein. Sehr rasch steigerte es sich zu einem lautstarken Durcheinander von Stimmen.

Die beiden Mädchen von der Plaza der Residenz erwiesen sich als sachkundige Führerinnen. Sie waren imstande, den schmucken Gardisten aus Santiago jede Frage über Havannas bedeutende Bauwerke und Plätze zu beantworten. Cisca und Graciela hatten sich bei ihren „Eroberungen“ untergehakt, und es behagte ihnen, ihrerseits als „Eroberungen“ betrachtet zu werden.

Mit so eindrucksvoller Begleitung hatten sie jedenfalls keine Angst, zur beginnenden Abendstunde noch durch die Gassen zu streifen.

„Jetzt zeigt ihr uns aber die Hafenschenken“, sagte Ciscas Begleiter, jener hochgewachsene junge Mann, der die Nachricht aus seiner Heimatstadt in den Gouverneurspalast von Havanna gebracht hatte.

„Ihr habt es versprochen“, fügte sein Gefährte hinzu, an dessen Seite Graciela beschwingt dahinschritt.

„Und was haben wir davon?“ entgegnete Cisca verschmitzt. „Wir haben ausdrücklich gesagt, daß wir solche Lokalitäten nicht betreten dürfen.“

Graciela wandte sich zu ihrer Freundin um.

„Das werden diese beiden raffinierten Burschen auch nicht von uns verlangen. Sie lassen sich die Schenken zeigen, bringen uns nach Hause und wissen dann genau, wohin sie müssen.“

Die beiden Männer protestierten mit übertriebener Empörung, wie sie dem scherzhaften Vorwurf angemessen war. Mit heiterem Wortgeplänkel schlenderten die beiden Pärchen dahin, bogen um eine Ecke und wurden erst nach etlichen Schritten auf die Szene aufmerksam, die sich vor ihren Augen abspielte.

Vor dem Eingang einer Bodega stand ein Einspänner, auf dessen Kutschbock ein Stadtgardist saß. Zwei Reitpferde waren am Wagenheck angeleint.

„Offizierspferde“, flüsterte Gracielas Begleiter, als sie stehenblieben. „Solche Prunksättel haben sie bei uns in Santiago auch. Die Señores, die den Ton angeben.“

Viele der – meist männlichen – Passanten waren ebenfalls stehengeblieben. Was sich da unter dem aus schmiedeeisernen Lettern gebildeten Schriftzug „Cascabel“ und dem kleinen Glöckchen anbahnte, konnte zumindest nicht uninteressant sein. Es würde sich also lohnen, ein wenig den Hals zu recken.

Wenig später sahen sie einen schwankenden Offizier, der in die Kutsche kletterte. Zwei weitere Offiziere, mit kerzengerader Haltung, schwangen sich in die Sättel der Pferde. Die Kutsche rollte los, die Reiter folgten und zwei Minuten später war die kleine Formation hinter der nächsten Gassenbiegung verschwunden.

Männer stürmten aus der Bodega.

„Wißt ihr, wer das war?“ rief einer, der offenbar mit einer Gruppe von Neugierigen in der Gasse bekannt war.

„Capitán Marcelo“, ertönte die Antwort. „War mal wieder voll bis obenhin, was? Da mußten sie ihn wieder abtransportieren.“

„Irrtum!“ schrie einer der anderen aus der Bodega „Cascabel“. „Das war Gouverneur Marcelo. Jawohl, ihr habt richtig gehört, Gouverneur Marcelo!“

Einen Moment herrschte Stille. Dann setzte heftiges Stimmengewirr ein.

Die beiden Mädchen wechselten einen Blick. Jetzt erinnerten sie sich an das Gespräch, das Señora Zinguala am späten Nachmittag mit einem Lieferanten geführt hatte. Der Mann hatte einen Vorfall vor dem Stadtgefängnis beobachtet. Dort hatte ein zerlumpter Kerl, offenbar ein Gefangener, behauptet, der neue Gouverneur zu sein.

Der Gefängnisdirektor hätte ihn verhaften lassen wollen, wäre angegriffen worden, und der angebliche Gouverneur hätte die Flucht ergriffen. Ein dürres Männchen mit gepuderter Lockenperücke hätte sich gegenüber dem Gefängnisdirektor mächtig aufgeblasen. Letzterer hätte sich aber wohl damit durchgesetzt, daß nach Generalkapitän de Campos der Rangnächste Gouverneur werden müsse.

„… soll de Campos tot sein!“ war aus der sich rasch vergrößernden Menschentraube vor der Bodega zu hören.

Die beiden Mädchen sahen ihre Begleiter an.

„Jetzt hat eure geheime Nachricht wohl nichts Geheimes mehr“, sagte Cisca.

„Nein“, erwiderte jener Gardist, der am Stand vor dem Palastportal das Gespräch mit Cisca und Graciela begonnen hatte. „Es stimmt Generalkapitän de Campos ist in Santiago gefallen. Wer allerdings sein Nachfolger wird, geht uns nichts an.“

„Dieser Capitán Marcelo hat einen sehr schlechten Ruf“, sagte Graciela, und sie errötete ein wenig, als sie fortfuhr. „Er soll ein Frauenheld und ein Säufer sein. Das weiß jedes Kind in der Stadt. Man wird ihm keinen Respekt entgegenbringen, wenn er tatsächlich Gouverneur sein sollte.“

Aus dem Pulk vor der Bodega lösten sich die ersten Gestalten. Die Neuigkeit von der Witzfigur Marcelo als Gouverneur würde wie ein Lauffeuer durch die Stadt gehen. Dabei stand jetzt schon fest, daß Marcelo in seiner neuen Funktion nur Gelächter ernten würde.

Die Leute nannten ihn einen versoffenen Hurenbock, bei dem nur noch in seltenen lichten Momenten jenes hart durchgreifende Rauhbein zum Vorschein kam, als das er einmal den Rang eines Capitáns und des Kommandanten erworben hatte.

5.

Eine flackernde Öllampe erhellte die aufgeschlagenen Seiten des Dienstbuches, in das der neue Wachhabende soeben eingetragen hatte, daß er an diesem 25. Juni 1595 um sechs Uhr abends den Schutz des Waffenarsenals von Havanna übernommen habe.

Die Wachstube war feucht, kühl und ungemütlich. Der Wachhabende, ein Sargento, hatte seine zwanzig Mann antreten lassen und erstattete Meldung, als Primer Teniente Echeverria den Raum betrat.

Echeverria winkte ab. Er streifte das Dienstbuch mit einem Blick, dann wandte er sich den Gardisten zu und legte die Hände auf den Rücken.

„Männer“, sagte er mit klirrender Stimme. „Ihr wißt, daß wir das Arsenal seit fünf Tagen mit verdoppelter Mannschaftsstärke bewachen lassen. Ihr kennt auch die Gründe, die Gouverneur Marcelo zu dieser Anordnung bewogen haben. Trotzdem sehe ich mich veranlaßt, euch noch einmal den besonderen Ernst der Lage vor Augen zu führen. Sargento!“

„Teniente?“ Der Wachhabende salutierte.

„Wie viele Männer befinden sich bereits auf Wache?“

„Vier Mann, Teniente.“

„Gut. Sie sind mir dafür verantwortlich, daß diese vier Mann ebenfalls über das informiert werden, was ich jetzt den hier Anwesenden erkläre.“

„Jawohl, Señor Teniente. Jetzige Wachgänger über Ihre Erklärungen informieren!“

Der Offizier nickte wohlwollend und wandte sich wieder den Angetretenen zu.

„Steht bequem, Männer. Wahrscheinlich werdet ihr jetzt denken, ich rede überflüssiges Zeug. Denn jeder von euch weiß, was in Havanna los ist. Trotzdem muß ich es euch noch einmal vor Augen führen, damit ihr begreift, wie verantwortungsvoll gerade eure Aufgabe in dieser Nacht ist. Wenn ihr auf der Hut seid, wie alle anderen gesetzestreuen Staatsdiener und Bürger auch, dann werden wir schlimmere Gefahren von unserer Stadt abwenden können. Ich verrate euch andererseits aber kein Geheimnis, wenn ich sage, daß der Pöbel in eine Stimmung geraten ist, die für uns alle bedrohlich werden kann. Angefangen hat es mit der Nachricht vom Tod des Generalkapitäns de Campos, der kommissarisch auch das Amt des Gouverneurs verwaltete. Diese Nachricht blieb aus bestimmten Gründen nicht geheim. Und es scheint sich die Ansicht durchzusetzen, daß der Gouverneurssessel noch immer so gut wie verwaist sei.“

Einige der Männer grinsten, was Echeverria veranlaßte, mißbilligend die linke Augenbraue hochzuziehen. Doch er maßregelte die Gardisten nicht. Vielmehr fuhr er in scharfem Tonfall fort.

„Es brodelt überall in den finsteren Winkeln von Havanna. Wir hatten die ersten gewaltsamen Übergriffe von lichtscheuem Gesindel auf ehrbare Bürger zu verzeichnen. Eine Reihe von Festnahmen brachte jedoch keine abschreckende Wirkung. Im Gegenteil. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß immer mehr menschliche Ratten aus ihren Löchern kriechen. Man hält Havanna gewissermaßen für obrigkeitslos. Zu was das führen kann, brauche ich nicht zu erklären. Es gibt Beispiele aus der Vergangenheit. Bislang sind wir allerdings immer mit einem blauen Auge davongekommen. Diesmal scheint die Lage ernster zu sein als je zuvor. Das ist nicht übertrieben, Männer. Seid euch deshalb bewußt, was das Arsenal gerade in dieser Situation bedeutet. Und sollte es wirklich einen Übergriff geben, liegt es an euch, den ersten Ansturm abzuwehren. Es ist wichtig, daß sofort ein Melder losgeschickt wird, der in der Residenz, in der Garnison oder an einem anderen geeigneten Ort Alarm schlägt. Es wird dann umgehend für Verstärkung gesorgt.“

Die Männer wußten, was der Teniente mit diesem „an einem anderen Ort“ meinte. Jener Melder, der im Ernstfall von dem am Hafen gelegenen Arsenal quer durch die Stadt zur Residenz oder zur Garnison eilen wollte, würde vermutlich wenig Chancen haben, sich durchzuschlagen. In einem solchen Fall würde nur noch eins der Bürgerhäuser als Zufluchtsort in Betracht kommen, das gegen das Gesindel wirksam verteidigt werden konnte.

Der Primer Teniente wünschte den Wachgardisten einen nächtlichen Dienst ohne ernsthafte Zwischenfälle. Zu Pferde, von vier ebenfalls berittenen Gardisten begleitet, entfernte er sich kurz darauf stadteinwärts.

Der Sargento vergewisserte sich, daß die Riegelbalken des Tors ordnungsgemäß vorgelegt waren. Dann unternahm er seinen ersten Kontrollgang, um die Doppelstreifen zu überprüfen und ihnen gleichzeitig die Ansprache des Primer Teniente sinngemäß mitzuteilen.

Wenn sich einer der Offiziere aus der Kommandantur ausgerechnet im Arsenal blicken ließ, dann gab es keinen Zweifel am Ernst der Lage. Wenn dieser Offizier auch noch von vier Gardisten eskortiert wurde, dann unterstrich das nur, daß nicht der geringste Zweifel angebracht war.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit blieb es in der Umgebung des Arsenals verhältnismäßig ruhig. Einige Gruppen von lärmenden Seeleuten zogen auf ihrem Weg stadteinwärts vorbei.

Einmal, als sich der Sargento auf den Wachgang hinter der Mauerkrone begab, um sich einen Überblick zu verschaffen, tauchte eine Horde von zehn wüsten Gestalten auf, die dem Wachhabenden unflätige Schimpfworte zubrüllten und sich vor Lachen ausschütteten, als er drohend seine Dienstpistole auf sie richtete.

Er mußte an die „menschlichen Ratten“ denken, von denen der Teniente gesprochen hatte. Deshalb ignorierte er die Kerle schließlich und gab auch den Posten Anweisung, sich nicht um sie zu kümmern und auf Beschimpfungen zu reagieren.

So geschah es, daß der Sargento zum ersten Wachwechsel nach vier Stunden den Vermerk „keine Vorkommnisse von erwähnenswerter Art“ in das Dienstbuch eintrug. Er wußte nicht, daß es die letzte Eintragung sein sollte, die er in seinem Leben überhaupt vornahm.

Mit dem Hereinbrechen der Dunkelheit befiel die Wachgardisten eine Nervosität, die sie sich gegenseitig nicht mehr verheimlichen konnten. Der Lärm aus den Kneipen klang wilder als sonst.

Und da die Gardisten vor einer Woche zuletzt Dienst im Arsenal gehabt hatten, erschraken sie geradezu über die Zahl der grölenden, Rumflaschen schwenkenden Horden, die sich in der Nähe herumtrieben. Vielfach waren Hafendirnen dabei, die mit obszönen Gesten über die Wachposten auf dem Wehrgang spotteten. Die Galgenstricke brüllten jedesmal vor Begeisterung.

Die wirkliche Gefahr näherte sich dem Arsenal indessen nicht lautstark und von weitem erkennbar.

Lautlos schlichen kurz nach Mitternacht Gestalten auf die Südseite des Komplexes zu, wo eine Gasse unmittelbar an der Außenmauer entlangführte. Die dunkel gekleideten Gestalten, noch dazu mit kohlegeschwärzten Gesichtern, hatten haargenau den Moment abgepaßt, in dem beide Doppelstreifen am weitesten entfernt waren.

Drei, vier Leitern wurden auf einmal angelegt. In Sekundenschnelle waren mehr als ein Dutzend Eindringlinge auf dem Wehrgang. Ihre Zahl verstärkte sich noch, als die ersten bereits innerhalb der Mauer zu Boden sprangen und auf die Wachstube zuhuschten.

Die Schar der lautlosen Eindringlinge war auf fast dreißig angewachsen, als sie zum Angriff übergingen. Gellende Schreie von den Wehrgängen ließen den Sargento und seine Männer in der Wachstube aufschrecken. Einige schafften es noch, zu den Pistolen zu greifen. Die Mehrzahl würde jedoch bereits von den ersten Kugeln getroffen, die durch die auffliegenden Türen hereinrasten.

Mit wüstem Triumphgebrüll stürmte die Horde in den Wachraums Unablässig krachten Pistolen. Säbel blitzten, sobald kein Pulver mehr in den Läufen war. Schon tödlich getroffen, war der Sargento einer der wenigen, die ihre Waffe noch abfeuern konnten.

Doch ihm erging es wie den anderen. Die Kugel aus seiner Waffe schlug lediglich wirkungslos in die Decke des Raumes, als er sterbend hintenüber kippte.

Lediglich einem der Posten auf dem Wehrgang gelang es, sich nach außen über die Mauer zu schwingen und in die Dunkelheit einer der Gassen zu entwischen. Die Worte des Primer Teniente hallten ihm in den Ohren, während er die Todesschreie seiner Kameraden aus dem Bereich des Arsenals hörte.

„In der Residenz, in der Garnison – an einem anderen geeigneten Ort …“

Die Hafengegend war von unbeschreiblichem Lärm erfüllt. Der Gardist rannte mit langen Sätzen, hörte seine Schritte von den Hauswänden zurückhallen und sah die erhellten Eingänge der Schenken wie durch einen Schleier.

Überall quollen Menschen ins Freie. Abgerissene Gestalten, zerklüftete Gesichter, haßerfüllte Augen, ordinäre Dirnen, die Gemeinheiten von sich gaben. Dolche und Entermesser, die unverhohlen unter zerlumpten Umhängen hervorgezogen wurden und drohend im Lampenlicht blitzten.

Erste Flüche wurden ihm zugerufen. Verwünschungsschreie gellten. Hinter ihm rotteten sich die Schreckensgestalten aus den Schenken zusammen. Panische Angst befiel den Gardisten. Er glaubte, noch immer die Schreie seiner sterbenden Gefährten zu hören.

Sie vermischten sich mit dem Keifen und Zetern des Pöbels hinter ihm, dazu die Schritte von immer mehr Füßen. Menschliche Ratten, wie der Teniente gesagt hatte. Sie vereinten sich zur gemeinsamen Angriffsrichtung. Ihr Haß und ihre Blutgier konzentrierten sich auf den Flüchtigen, der sich ihnen ausgeliefert hatte.

„Packt ihn!“ schrillte eine Frauenstimme.

„Dreht ihm den Hals um!“ geiferte eine andere, und gleich darauf steigerten sie sich in die wüstesten Tiraden. Vor allem die Hafenweiber waren es, die sich zu den übelsten Scheußlichkeiten verstiegen.

Der Gardist zerrte eine Pistole unter dem Gurt hervor und feuerte im Laufen nach hinten. Viel zu hoch sirrte die Kugel in die Dunkelheit. Er erntete nichts als höhnisches vielstimmiges Gelächter. Dafür aber nahm das hundertfache Geräusch von Schritten zu. Sie holten auf.

Schweißtropfen formten Bäche auf der Stirn des jungen Mannes, und er warf den Helm weg. Triumphierendes Gebrüll war die Antwort. In diesem Moment wußte er, daß er weder die Garnison noch die Residenz erreichen würde. Plötzlich erkannte er die Straße in Hafennähe, die er jetzt erreicht hatte.

Hier befand sich die Faktorei jenes aufrechten Mannes, jenes Deutschen namens Arne von Manteuffel. Manches Mal hatte er Übergriffen getrotzt, hatte sich erfolgreich letztlich auch gegen Vorstöße von Amts wegen zur Wehr gesetzt. Alonzo de Escobedo hatte in dieser Beziehung unrühmliche Beispiele geliefert, als er noch Gouverneur gewesen war.

Der Gardist sah die erleuchteten Fenster der Faktorei, die nur noch um Stein Wurfweite von ihm entfernt war. Diese Fenster strahlten Geborgenheit aus, Sicherheit, Unerschütterlichkeit. Sie schienen zum Greifen nah und waren doch unerreichbar fern. Die Schritte klangen näher, immer näher. Der Gardist streckte die Arme aus und schrie:

„Señor von Manteuffel! Señor von Manteuffel! Hilfe! Das Arsenal …“

Die hastenden Schritte und geifernden Stimmen schnappten wie eine Woge über ihn hinweg und begruben ihn unter sich. Dolche und Entermesser blitzten. Frauen kreischten in Blutgier. Die Stimme des Gardisten erstarb in einem Gurgeln. Er konnte nicht mehr sehen, daß oben in der Faktorei ein Fenster geöffnet wurde.

Der hochgewachsene blonde Deutsche blickte auf die Straße hinunter, in der die entfesselte Meute allem Anschein nach ein Opfer gefunden hatte. Aber noch konnte er sich das Geschehen nicht zusammenreimen, und er wußte, daß es Selbstmord bedeutet hätte, jetzt die sicheren Mauern des Kontorhauses zu verlassen.

Innerhalb von Stunden spitzte sich die Lage zu.

Die Lunte des Pulverfasses Havanna hatte nicht mehr aufgehört zu glimmen.

Bereits drei Tage nach dem Sturm auf das Arsenal stand fest, daß die kubanische Hauptstadt im Chaos zu versinken drohte. Die unbekannten Täter hatten das Arsenal restlos ausgeplündert.

Hunderte von Pistolen und Musketen waren ihnen in die Hände gefallen. Dazu fässerweise Vorräte an Schwarzpulver und entsprechende Mengen an Säcken voller fertig gegossener Kugeln. Außerdem Flints, Ersatzteile für die Schlösser der Waffen, Ersatzläufe, Werkzeuge, Gießzangen für Bleikugeln und Stangenblei.

Über den Verbleib der Beute herrschte noch immer Unklarheit. Wahrscheinlich, so vermuteten Capitán Marcelo und seine Offiziere, hatten die Galgenstricke Waffen, Munition und Zubehör überall im Hafengebiet von Havanna verteilt. Es war unmöglich, all die Ecken und Winkel, von Kellern bis zu Dachböden, von gelockerten Fußbodendielen bis zu herausnehmbaren Mauersteinen, zu durchsuchen. Dazu fehlte es der Miliz und der Stadtgarde an Einsatzkräften.

Die Patrouillen, die für Ordnung zu sorgen versuchten, bekamen indessen zu spüren, daß sie es mit einem Gegner zu tun hatten, der bis an die Zähne bewaffnet war und seine Waffen auch skrupellos einsetzte.

Nur aus dem Dunkel schlug der Gegner zu. Immer häufiger waren in diesen Nächten krachende Schüsse in den Gassen von Havanna zu hören. In den verriegelten Häusern erschauerten Männer, Frauen und Kinder, wenn sie die Todesschreie hörten.

Immer nur nachts traf es die Männer von Garde und Miliz, und immer wurden die tödlichen Kugeln heimtückisch aus dem Hinterhalt abgefeuert. Angst grassierte nicht nur bei den Bürgern. Auch die Milizsoldaten und Gardisten schämten sich nicht länger, ihre Furcht vor Heckenschützen einzugestehen.

Die finsteren Elemente hatten es nicht nötig, mit Blankwaffen auf die verhaßten Ordnungskräfte loszugehen. Beinahe gefahrlos konnten sie sich als Heckenschützen betätigen und die nächtlichen Patrouillen dort dezimieren, wo sie sich in den Lichtschein von Schenken oder anderen Häusern wagten und ein gutes Ziel abgaben.

Die vom neuen kommissarischen Gouverneur angeordnete Verstärkung der Patrouillen erwies sich als wirkungslos. Der revoltierende Pöbel reagierte mit neuen Taktiken. Immer häufiger stießen Patrouillen auf plündernde Horden, die hemmungslos über Lagerhäuser und Geschäfte herfielen, Türen und Fenster einschlugen. Sobald Patrouillen die Verfolgung aufnahmen, flohen die Täter in finstere Winkel, wo dann die Pistolen und Musketen der im Hinterhalt lauernden krachten.

Bevor Capitán Marcelo den Befehl ausgab, fliehende Plünderer nicht mehr zu verfolgen, waren bereits vier Nachtpatrouillen bis auf den letzten Mann niedergeschossen worden.

Es war am Abend des 29. Juni, als Don Luis Marcelo entschlossen die Rotweinflasche in den Schrank zurückstellte, ohne auch nur einen Schluck getrunken zu haben. Was in Havanna geschah, war ihm unter die Haut gegangen. Etwas von seiner alten Härte drang an die Oberfläche.

Die Offiziere, die er zur Lagebesprechung zusammentrommelte, glaubten, ihren Augen und Ohren nicht trauen zu können. Es war ein völlig veränderter Marcelo, den sie da plötzlich vor sich hatten. Einer, der auf einmal durchaus geeignet zu sein schien, den Gouverneursposten auszufüllen.

Es waren knappe und präzise Anweisungen, die Marcelo für die Nacht auf den 30. Juni erteilte.

„Jetzt schnappen wir uns die Strolche“, sagte er mit metallisch klingender Stimme. „Wir greifen uns mindestens ein Dutzend, besser zwanzig oder dreißig, und veranstalten einen Schauprozeß auf der Plaza. Kurz und schmerzlos. Aburteilung und Hinrichtung auf einen Schlag. Als Abschreckung werden die Delinquenten nach der Exekution zur Schau gestellt.“

So wurde die Zahl der Patrouillen in dieser Nacht verdreifacht, und dank der markigen Worte des kommissarischen Gouverneurs gingen die Männer mit neuer Zuversicht auf Streife.

Immerhin wußten sie auch, daß Marcelo selbst eine der Patrouillen führte. Und er hatte ihnen eingeschärft, das Licht der Häuser zu meiden und in keinem Fall das Risiko eines Hinterhalts einzugehen.

Um Mitternacht erreichten Capitán Marcelo und seine zehn Mann starke Patrouille eine der Gassen, die auf die Straße am Kai mündeten. Hier befanden sich die Handelskontore und Lagerhäuser, die Schiffsausrüster und Handwerker. Nachdem ihm das Gesindel während der vergangenen Stunden immer wieder entwischt war, sah Marcelo plötzlich die Gelegenheit vor Augen, auf die er gewartet hatte.

Schatten verschwanden im Torweg eines Lagerhauses.

Es war die höchst willkommene Chance, ein Exempel zu statuieren. Marcelo erinnerte sich an jene Zeiten, in denen er als eisenfressender Gardist gefürchtet gewesen war. Verdammt, dieses lichtscheue Gesindel sollte zu spüren kriegen, mit wem es sich anlegte.

Er war überzeugt, kein Risiko einzugehen, als er halblaut seine Befehle erteilte, während er an der Spitze seiner Patrouille auf das Lagerhaus zumarschierte. Auf den ersten Blick schien es jetzt, als ob bei dem Gebäude alles still sei. Klar, daß die Kerle sich in der Dunkelheit versteckt hatten und nur darauf warteten, bis die Patrouille vorbeigezogen war.

Zwanzig Schritte vor dem Lagerhaus verschwanden vier Gardisten im Torweg des Nachbargebäudes. Es war eine fließende Bewegung aus dem Marschtritt heraus, und der Klang der Schritte ließ nicht auf Anhieb vermuten, daß es nur noch die halbe Patrouille war, die da scheinbar ahnungslos an dem Lagerhaus vorbeimarschieren würde.

„Rechts schwenkt!“ zischte Capitán Marcelo.

Er zog seinen Säbel in dem Moment, in dem er an der Spitze seiner Männer in den Torweg des Lagerhauses stürmte. Ein Weinlager, das sah er noch aus den Augenwinkeln heraus. Natürlich! Auf den berauschenden Teil der Plünderei wollten die Schweinehunde keineswegs verzichten.

Fackeln flammten auf, von jenen anderen geworfen, die über den Nachbar-Hinterhof vordrangen und den Galgenstricken in den Rücken fielen.

Mit gnadenlosen Säbelhieben drang Marcelo gegen die Gestalten vor, die sich im Fackelschein abzeichneten. Größer als erwartet war die Schar der Kerle, die sich da plötzlich in die Enge getrieben sah. Schüsse peitschten. Schreie gellten. Zum ersten Male waren es Plünderer, die in die Falle gerieten. Capitán Marcelo gelang es, kurz nacheinander drei der Kerle mit dem Säbel niederzustrecken.

Doch unvermittelt, als er den Säbel eben wieder hochbringen wollte, sprang ihn aus dem Getümmel eine der Gestalten an. Er sah noch die blitzende Klinge. Dann löschte ein greller Schmerz sein Bewußtsein aus.

In der Lagebesprechung, die am darauffolgenden Morgen von Primer Teniente Echeverria geleitet wurde, konnte der Erfolg der Patrouille Marcelo gewürdigt werden. Der Capitán hatte schwere Stichwunden davongetragen und mußte Tag und Nacht von Ärzten überwacht werden. Außerdem hatte es bei der Patrouille nur drei Leichtverwundete gegeben.

Bei den Plünderern hatte es sich um insgesamt fünfzehn Kerle gehandelt. Zwölf waren getötet worden, drei hatten jedoch fliehen können. Einer der Gardisten war fest davon überzeugt, unter diesen drei Flüchtigen Alonzo de Escobedo erkannt zu haben.

Für einige Tage kehrte Ruhe ein, doch Primer Teniente Echeverria und die übrigen Offiziere wußten nur zu gut, daß es sich um eine Ruhe vor dem Sturm handelte. Der Gouverneurssessel war verwaister denn je, die Iststärke der Miliz und der Garde letztlich unter das Soll abgesunken.

Die Meute, die sich in ihre Rattenlöcher verkrochen hatte, wußte das. Nur vorübergehend glomm die Lunte im Verborgenen.

6.

Die Bürgerversammlung fand am frühen Nachmittag im Saal der Kaufmannschaft von Havanna statt. Überwiegend mit Kaleschen, teilweise aber auch zu Fuß, eilten die Männer aus allen Teilen der Stadt herbei. Patrouillen, die rings um das große Gebäude aufgezogen waren, erweckten wenigstens das Gefühl der Sicherheit. Indes konnte man davon ausgehen, daß die Gefahr von Übergriffen zumindest bei Tageslicht gering war.

Arne von Manteuffel zählte zu jenen Bürgern, die dem Versammlungsort zu Fuß entgegenstrebten. Und er war der einzige, der keine sichtliche Eile an den Tag legte. Unter seinem Umhang trug er eine doppelläufige Pistole und einen Cutlass. Wer immer ihn aus dem Hinterhalt ansprang, würde sich die Zähne ausbeißen.

Aber nichts geschah. Es zeigte sich immer wieder, daß die Galgenstricke zu feige waren, bei Tag offene Angriffe zu unternehmen. Die Bezeichnung lichtscheu traf für diese Leute im wahrsten Sinne des Wortes zu.

Arne erinnerte sich an jene Nacht, von der er mittlerweile wußte, daß es die Nacht des Überfalls auf das Arsenal gewesen war. Der arme Kerl, den sie da in Reichweite seiner Faktorei umgebracht hatten, war einer von der Arsenalwache gewesen.

Nur in der Masse waren sie stark, diese Entfesselten von der Schattenseite des Lebens. Das zeigten sie immer wieder, wenn sie Wehrlose oder fast Wehrlose ausraubten und töteten.

Der holzgetäfelte Saal war schon nahezu vollständig besetzt. Trotz der frühen Tageszeit hatten Diener die Kerzen der Leuchter angezündet. Der Himmel über Havanna war noch immer wolkenverhangen. Das schwache Tageslicht, das durch die Fenster hereindrang, reichte den Schreibern nicht aus, um ihre Protokolle aufzusetzen. Und sollten Dokumente gelesen oder unterzeichnet werden müssen, so brauchten die Señores ebenfalls Licht, um den Federkiel führen zu können.

Arne von Manteuffel fand Platz in einer der mittleren Reihen. Kurz nachdem er sich gesetzt hatte, wurde bereits vorn, am Tisch der Versammlungsleitung, eine Glocke geschwungen. Das Gemurmel ließ nach und verebbte kurz darauf ganz. Ein stattlicher Mann mit sorgfältig gepflegtem Vollbart erhob sich.

„Señores“, sagte er mit dunkler, volltönender Stimme, „man hat mich gebeten, die Versammlungsführung vorerst zu übernehmen, bis wir jemanden für dieses Amt gewählt haben. Für die, die mich nicht kennen: Mein Name ist Felipe Herrera; ich bin Inhaber des Handelshauses Herrera y Castillo an der Calle de Mora. Grund für die Einberufung der Bürgerschaft ist die akute Notlage, in der wir uns befinden. Einziger Diskussionspunkt: sinnvolle Abwehrmaßnahmen. Ich bitte um Wortmeldungen.“

Sofort begann das Gemurmel. In der dritten oder vierten Reihe sprang jemand auf.

„Erst muß der Versammlungsleiter gewählt werden!“ rief er. „Hier muß alles seine Richtigkeit haben, sonst sind unsere Beschlüsse unwirksam!“

Einige Männer lachten.

„Was nutzt dir ein wirksamer Beschluß“, rief ein anderer, „wenn dich der Pöbel genauso wirksam ins Jenseits befördert?“

Erneutes Gelächter. Felipe Herrera schwang die Glocke, und es wurde allmählich wieder ruhig.

„Señores, ich bitte um Ihre Zustimmung, daß wir uns möglichst kurz fassen. Vor Einbruch der Dunkelheit sollten wir unsere Entscheidung in die Tat umgesetzt haben. Um das Verfahren abzukürzen, erklärte ich mich daher bereit, die Versammlungsführung weiter zu übernehmen, wenn niemand dagegen ist. Wir würden uns einen Wahlgang ersparen.“

Minutenlanges Gemurmel folgte. Dann erhob sich ein älterer Mann in der vordersten Reihe und wandte sich zu den anderen um.

„Bei allem Verständnis für Eile, Señores, muß ich doch sagen, daß wir uns an die Gepflogenheiten halten sollten. Ich meine, daß wir in der Person von Señor Don Alfonso Cortés y Menacha den geeigneten Versammlungsleiter hätten. Nichts gegen Señor Herrera, aber …“ Die weiteren Worte des grauhaarigen Mannes gingen im erneuten Stimmengewirr unter.

Arne von Manteuffel mußte sich zusammennehmen, um sich nicht an den Kopf zu fassen. Da fingen diese Leute allen Ernstes an, über Kompetenzfragen zu diskutieren! Natürlich, wie konnte sich auch ein einfacher Handelsmann namens Herrera erdreisten, eine Versammlung leiten zu wollen! Ein solches Amt gebührte einem Mann von Stand – wem denn sonst! Cortés y Menacha war Magistratsbeamter, und er war adlig. Das allein zählte.

Die nächste halbe Stunde verbrachten sie mit Für und Wider, bis sie allen Ernstes den adligen Beamten aus dem Magistrat zum Versammlungsleiter wählten. Bevor er abtrat, erlaubte sich Felipe Herrera den eindringlichen Hinweis, daß es darum gehe, geeignete Maßnahmen gegen den Pöbel zu ergreifen. Nur erbarmungslose Härte helfe im Kampf gegen das mordende und plündernde Gesindel.

Es gab keine Reaktion. Statt dessen klatschten die ehrenwerten Señores Beifall, als Cortés y Menacha den Platz Herreras eingenommen hatte. Der Magistratsbeamte war ein behäbiger, zum Fettansatz neigender Mensch. Sein erster Vorschlag lautete, aus den Reihen der Versammlungsteilnehmer ein zwanzigköpfiges Gremium zu wählen, das zugleich autorisiert werden solle, im Namen aller die erforderlichen Entscheidungen zu treffen.

Nur vereinzelt wurden Stimmen des Unmuts laut.

„Und dann wählt ihr noch zehn Protokollführer, nicht wahr?“

„Faßt am besten auch einen Beschluß, welche Weinsorte ihr zum Treffen eurer Entscheidung trinken wollt!“

„Wenn ihr noch lange debattiert, habt ihr bald überhaupt keine Entscheidung mehr nötig!“

„Sehr richtig! Dann zünden sie euch heute abend den Saal unter dem Hintern an!“

Das beifällige Gelächter, das jedoch gleich wieder versiegte, stammte nur von jenen vereinzelten Stimmen – unter ihnen auch Felipe Herrera. Arne hielt diesen Mann für fähig, die Versammlung zielstrebig zu einem Entschluß zu führen.

Daraus wurde nun jedoch nichts mehr. Unter Leitung des hohen Beamten beschloß die große Mehrheit der Versammlungsteilnehmer tatsächlich, das zwanzigköpfige Entscheidungsgremium zu wählen.

Eine langwierige Prozedur mit Stimmzetteln und Stimmzählern wurde vorbereitet. Über die Frage, ob alle vorgeschlagenen Namen auf einen Zettel oder jeder Name auf einen eigenen Zettel geschrieben werden solle, entspann sich eine längere Diskussion.

Es war dieser Zeitpunkt, zu dem Arne von Manteuffel und einige andere sich entschlossen, die Zusammenkunft zu verlassen. Auch Felipe Herrera hielt nichts mehr in den Reihen der Bürgerschaft. Die Hoffnung, daß sich die Bürger tatkräftig zusammentun würden, um ihren Besitz zu verteidigen und den marodierenden Banden die Stirn zu bieten, hatte sich zerschlagen. Arne von Manteuffel und Felipe Herrera gehörten zu den wenigen Entschlossenen, die ihre Häuser besetzt hielten und verbissenen Widerstand leisten würden.

Diese Versammlung im Haus der Kaufmannschaft war ein Armutszeugnis für die Bürger dieser Stadt. Und es war zugleich das Eingeständnis, daß man nicht in der Lage war, der Umstände Herr zu werden.

Erst zweieinhalb Stunden nach Versammlungsbeginn, so sickerte durch, hatte man es geschafft, das Zwanziger-Gremium zu bilden. Weitere zwei Stunden lang ging es innerhalb des Gremiums um die Frage, ob man eine Bürgerwehr bilden solle. Dies scheiterte dann an der Erkenntnis, daß man nicht über genügend Waffen und vor allem nicht über Munitionsvorräte verfügte.

Es war bereits sieben Uhr abends, als sich das Gremium zu der denkwürdigen Entscheidung aufraffte, die gesamte Bürgerschaft mit Frauen, Kindern und alten Leuten in die Residenz zu evakuieren. Der Gouverneurspalast hatte eine wehrhafte Mauerumfassung und ließ sich besser verteidigen als ein Bürgerhaus.

Die Evakuierung vollzog sich mit viel Händeringen und Gejammer der Señoras, die am liebsten bergeweise Koffer mit Schmuck und Kleidern mitgeschleppt hätten. Arne von Manteuffel unternahm um diese Zeit noch einen Rundgang durch die Straßen. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie die Schnapphähne angesichts dieser Szenen bereits händereibend in ihren finsteren Winkeln lauerten.

Die Bürger mußten sich indessen mächtig sputen, wenn sie bis Einbruch der Dunkelheit noch alle wohlbehalten die Residenz erreichen wollten. Es wirkte beinahe rührend grotesk, wie die Hausherren sorgfältig die Türen ihrer Häuser abschlossen und sich vergewisserten, daß auch alle Fensterläden verriegelt waren, bevor sie in ihre Kutschen stiegen.

Die Faktorei des deutschen Kaufherrn Arne von Manteuffel gehörte in den darauffolgenden Tagen zu jenen uneinnehmbaren Widerstandsnestern, die sich im Stadtgebiet gegen die entfesselten Horden behaupteten.

Arne gab sich indessen keinen Illusionen hin. Das Betätigungsfeld für die Plünderer war weit und reich. Was sie bisher gegen seine Faktorei unternommen hatten, konnte man eher als Geplänkel bezeichnen. Ihm und seiner Helferschar gelang es ohne sonderliche Mühe, Einbruchsversuche zu vereiteln. In den Fällen, in denen es sich um größere Einbrechergruppen handelte, wurden Tromblons und Flaschenbomben eingesetzt. Die jeweilige Wirkung war verheerend und nachhaltig. In solchen Nächten riskierte der Pöbel dann meist keinen weiteren Angriff auf die Faktorei.

Bis zum 8. Juli zog sich das Geschehen auf diese Weise hin.

Nach dem Mittagessen begab sich Jörgen Bruhn mit Isabella Fuentes in die Vorratsräume, um in Arnes Auftrag eine genaue Bestandsaufnahme der Lebensmittel anzufertigen.

Jussuf schlüpfte in zerlumpte Sachen, die er für seine gelegentlichen Verkleidungszwecke hatte und trat auf den Hinterhof hinaus. Arne gab ihm aus einem der oberen Fenster ein Zeichen, als die angrenzende Gasse eindeutig menschenleer war.

Unbemerkt verließ der Türke die Faktorei, um seinen Erkundungsgang anzutreten. Für jemanden in bürgerlicher Kleidung war es mittlerweile auch tagsüber unmöglich geworden, die Straßen zu betreten. Die entfesselten Horden wären sofort über ihn hergefallen. Im Stadt- und Hafengebiet hatte der Pöbel fast alle Gewalt an sich gerissen.

Das galt insbesondere, seit Capitán Marcelo nicht mehr einsatzbereit war und das Gros der Bürger sich in die Residenz geflüchtet hatte. Die Offiziere riskierten es nun weder nachts noch tagsüber, Patrouillen in die Straßen und Gassen zu entsenden. Die Verlustquote wäre unvertretbar hoch gewesen.

Jussuf sah aus wie einer der Marodeure. Vor einem Bürgerhaus, dessen Fenster und Türen aufgebrochen worden waren, ergriff er einen herumliegenden goldenen Kerzenleuchter, den er auffällig unauffällig unter seinem Umhang hielt.

Er merkte sich Straße und Hausnummer. Später würde er den Leuchter mit einem entsprechenden Zettel versehen und in der Faktorei aufbewahren. Vielleicht konnte er ihn einmal seinem rechtmäßigen Eigentümer zurückgeben.

Arne überprüfte unterdessen die Sicherheitsmaßnahmen, die er mit seinen Helfern in der Faktorei getroffen hatte. Dank früherer unangenehmer Erlebnisse hatten sie einige Erfahrung im Abwehren von Angriffen auf das Gebäude. Verwundbare Punkte waren insbesondere die vordere Eingangstür und die Fenster im Erdgeschoß. Die Tür hatten sie von innen mit Bohlen und Stützbalken gesichert, desgleichen die Fenster, deren Läden überdies sorgfältig geschlossen worden waren.

Arne überzeugte sich bei einem Rundgang, daß alle Vorrichtungen intakt waren.

Jussuf bangte natürlich besonders um die Taubenschläge. In den zurückliegenden Nächten hatte er kaum noch ein Auge zugetan und freiwillig durchgehende Wachen übernommen, weil er ohnehin erst bei Helligkeit wieder Schlaf fand. Die Befürchtung, daß ein Feuer seinen gefiederten Lieblingen Schaden zufügen könnte, war einfach zu groß.

Bislang hatte sich der Pöbel allerdings noch nicht dazu verstiegen, Feuer zu legen. Offenbar blieb bei aller Mord- und Raubgier die Erkenntnis wach, daß das, was man mutwillig verbrannt hatte, nicht mehr erbeutet werden konnte.

Auch auf dem Hinterhof waren alle Bohlenverstärkungen intakt, die Mauer unbeschädigt. Arne begab sich zurück ins Haus. Er traf Jörgen und Isabella in der Küche. Die junge Frau sah ihn mit zuversichtlichem Lächeln an.

„Hunger werden wir jedenfalls nicht leiden“, sagte sie energisch. „Wir sind bestens gerüstet, um den Halsabschneidern zu zeigen, daß sie sich bei uns mit den Falschen anlegen.“

Arne nickte lächelnd, als er das wildentschlossene Funkeln in ihren dunklen Augen sah. Es erinnerte ihn daran, wie völlig anders sie damals ausgesehen hatte, als Hasard und er sie gemeinsam mit den Gefährten vom Bund der Korsaren aus den Klauender Deserteure gerettet hatten.

Damals war Isabella Fuentes ein bemitleidenswertes Häufchen Elend gewesen. In der Obhut Arnes und seiner Freunde hatte sie sich zu einer selbstbewußten Frau entwickelt, die auch zuzupacken verstand. Das hatte sie in den vergangenen Monaten mehr als einmal bewiesen.

„Unsere Proviantvorräte sind wirklich riesig“, sagte Jörgen Bruhn, der Mann aus Hamburg. „Ich muß die Aufstellung noch zusammenrechnen. Dann kann ich dir die genauen Gesamtmengen mitteilen.“

„Laß dir Zeit damit“, sagte Arne lächelnd. „Ich verlasse mich auf deine Schätzung. Du mußt nicht immer wieder deine Kaufmannsseele durchscheinen lassen.“

Jörgen Bruhn verzog das Gesicht in gespielter Empörung. In der Tat hatte er in jungen Jahren eine Kaufmannslehre in der Hansestadt an der Elbe absolviert. Doch dann hatte er es in den verstaubten Kontoren nicht mehr ausgehalten. Seinen Beschluß, sich den Seewind um die Ohren wehen zu lassen, hatte er seitdem nicht aufgehoben.

„Wer hat mich denn zum Schreiber verdammt?“ rief er.

Arne klopfte ihm auf die Schulter.

„Reg dich nicht auf, Jörgen. Du bist ein getarnter Seemann, das wollen wir nie vergessen.“

„Manchmal scheint es mir aber so, als ob das Gegenteil der Fall sei“, sagte Bruhn, doch er grinste dabei.

Für die ersten Nachmittagsstunden nahmen Arne und Jörgen ihre Beobachtungsposten im Obergeschoß des Hauses ein. Arne hielt sich in den Räumen auf, durch deren Fenster er die Vorderseite mit der Straße am Hafen überwachen konnte. Jörgen beobachtete unterdessen den Hinterhof und die rückwärtige Umgebung des Faktoreigebäudes.

Am späten Nachmittag kehrte Jussuf von seinem Erkundungsgang zurück.

„Ich war bei Señor Herrera“, berichtete er. „Er hat sein Haus ähnlich verrammelt wie wir. Übrigens sollen auch einige andere noch standhalten und sich in ihren Häusern verbarrikadiert haben. Señor Herrera ist voller Bitterkeit. Er versteht die Welt nicht mehr. Er hätte gedacht, daß die Bürger in einer so gefährlichen Situation beherzter handeln würden.“

„Und wie beurteilt er die Lage?“ fragte Arne.

Jussuf bewegte den Kopf von einer Seite auf die andere.

„Er meint, daß die Katastrophe unmittelbar bevorsteht. Wahrscheinlich müßten wir schon in dieser Nacht mit dem Schlimmsten rechnen.“

Die Vermutung des Handelsherrn Felipe Herrera bestätigte sich.

Schon kurz vor Einbruch der Dunkelheit belebten sich die Gassen vor allem in Hafennähe. Wüstes Gegröl schwoll zu vielstimmigem Lärmen an, das die ganze Stadt erfüllte und nicht mehr enden wollte. Nur vereinzelt peitschten Schüsse. Die Plünderer konzentrierten sich auf jene Beuteobjekte, bei denen sie keinen Widerstand zu erwarten hatten.

Krachende Axtschläge waren zu hören. Holz von Türen und Fensterläden zersplitterte. Schmiedeeiserne Tore und Pforten wurden aus den Verankerungen gerissen. Irgendwo quiekte ein Schwein, das aus einem Stall geholt worden war und nun abgestochen wurde.

Überhaupt hatten die Horden herausgefunden, wie angenehm es war, sich an den Köstlichkeiten aus den Vorratskellern der Bürgerhäuser gütlich zu tun. Überall in den Häusern brannte Licht, Freß- und Saufgelage fanden dort statt und die noch übriggebliebene weniger wertvolle Einrichtung wurde restlos verwüstet.

Erst nach Mitternacht wurde es ruhiger. Arne und seine Freunde wußten jedoch, daß die Gefahr noch lange nicht vorüber war. Jene Marodeure, die sich nicht restlos mit Alkohol hatten vollaufen lassen, waren jetzt in Banden unterwegs. Offenbar waren ihnen die Häuser, die noch immer wirkungsvoll verteidigt wurden, ein Dorn im Auge.

Jäh wurde das den Freunden bewußt als sich murmelnde Stimmen von allen Seiten aus der Dunkelheit zusammenscharten. Die zuerst noch verhaltenen Stimmen steigerten sich zu Gebrüll.

Arne teilte Jörgen und Isabella für den Hinterhof ein. Er selbst übernahm es mit Jussuf, die Vorderseite des Hauses von den oberen Räumen aus zu verteidigen. Waffen und Munition lagen längst bereit.

Minuten später setzte der erste Ansturm ein.

Das Gebrüll steigerte sich wie zu einem Orkan. Erste Schüsse krachten im Hinterhof. Jörgen setzte seine Tromblons ein, unterstützt von Isabella, die die jeweils abgefeuerte von insgesamt fünf Waffen sofort nachlud. Die Zahl der breitstreuenden Waffen bewirkte, daß Jörgen praktisch ununterbrochen feuern konnte.

Markerschütternde Schreie bewiesen, daß es niemandem gelang, die Mauerkrone zum Hinterhof zu überwinden.

Diese Schreie fachten indessen die Wut derer an, die vorn zum Angriff übergingen. Am nahen Kai hatten sie Fackeln in den Stangekörben angezündet.

„O verdammt“, sagte Jussuf leise, als zu erkennen war, was die Kerle vorhatten.

Mindestens fünfzig waren es, die sich vor der Faktorei zusammengerottet hatten. Zehn von ihnen wuchteten einen erst halb zurechtgehauenen Stamm hoch, den sie vermutlich auf einer der Werften beschafft hatten. Die vierzig anderen nahmen ihre Musketen von den Schultern und zogen ihre Pistolen unter den Gurten hervor.

Ein heiseres Kommando ertönte.

Arne und Jussuf kauerten bereits mit glimmenden Lunten unterhalb der Fenstersimse. Die Fenster standen offen.

Schüsse krachten. Kugeln klatschten ins Mauerwerk und sirrten in den Raum, wo sie sich in die Deckenbalken oder in das Wandholz gruben.

Die beiden Männer schleuderten zwei Flaschenbomben gleichzeitig hinunter.

Der Rammstoß des Baumstammes traf noch die Tür. Die Mauern des Hauses erbebten, aber die Tür mit der inneren Balkensicherung hielt stand. Die Kerle fluchten über ihren Mißerfolg und wollten mit dem Rammbock zum neuen Anlauf zurückweichen.

In diesem Augenblick detonierten die beiden Flaschenbomben. Es war ein Doppelschlag, der aus der Nähe klang, als hätte man ein Geschütz abgefeuert. Gehacktes Blei und Eisensplitter verfehlten ihre Wirkung nicht.

Gellende Schreie hallten über die nächtlichen Hafenbecken. Dumpf polternd fiel der Baumstamm auf das Steinpflaster. Arne und Jussuf schleuderten die nächsten Flaschenbomben. Das wütende Musketenfeuer, das ihren Fenstern galt, geriet bei den nächsten beiden Detonationen ins Stocken. Und dann warfen die beiden Männer ihre brisanten Flaschen abwechselnd, Schlag auf Schlag.

Innerhalb von Minuten war die Straße vor der Faktorei leergefegt. Die wenigen Unverwundeten schleppten die Wimmernden und Stöhnenden in Sicherheit. Sie hatten begriffen, daß sie mit Musketen und Pistolen und mit einem Rammbock gegen die Faktorei des verfluchten Deutschen nichts ausrichten konnten.

Das galt auch für jene, die vergeblich gegen die Hinterhofmauer und das dortige Tor angerannt waren. Jörgen hatte es geradezu mühelos geschafft, die Mauerkrone immer wieder rechtzeitig von auftauchenden Gestalten freizufegen.

Dennoch wußten Arne und seine Freunde, daß sie keinen Grund zum Triumphieren hatten.

Die Plünderer würden sich in ihr Ziel verbeißen, neue Taktiken ersinnen und es mit List und Tücke versuchen.

Wenn sie sich vorerst zurückzogen und die Faktorei mieden, dann bedeutete das nicht mehr als eine Galgenfrist.

Das erklärte Arne den Freunden, als er sie am Morgen zu einer Lagebesprechung zusammenrief.

„Wahrscheinlich“, sagte er, „werden die Halunken weiterhin erst dort einbrechen, wo sie es leichter haben. Aber ich bin sicher, daß sie sich auf uns besinnen werden.“

„Das glaube ich auch“, sagte Jörgen. „Wir wären verrückt, wenn wir glaubten, daß es jetzt keinen Angriff mehr gibt.“

Jussuf und Isabella nickten zustimmend.

„Wir sind uns also einig“, sagte Arne. „Wir sollten deshalb Hasard und die anderen im Stützpunkt informieren.“

„Dann werde ich Aischa aufsteigen lassen!“ rief er. „Mustafa, ihr Auserwählter, wartet schon sehnsüchtig in der Cherokee-Bucht.“

„Die liebe kleine Aischa sollte so bald wie möglich losfliegen“, sagte Jörgen lächelnd. „Noch schlafen die Plünderer ihren Rausch aus. Da ist es unwahrscheinlich, daß sie ihre Schießkünste an einer Taube ausprobieren.“

Jussuf nickte mit zusammengepreßten Lippen.

„Ich werde die Nachricht an den Seewolf sofort aufsetzen“, sagte Arne.

Eine halbe Stunde später stieg Aischa aus dem Hinterhof der Faktorei auf, ausgestattet mit einem verschlossenen Federkielröhrchen, in dem sich der Brief Arnes befand.

7.

Es war ein grandioses Naturschauspiel, mit dem für die Männer auf der „Empress of Sea“ der neue Tag nach all den überstandenen Wirren begann.

Jene Insel der Cat Cays, die nun ein sorgsam zu hütendes Geheimnis barg, wurde aus dem Grau des Zwielichts heraus in eine glühend rote Helligkeit getaucht, die am östlichen Morgenhimmel aufstieg.

Scharf gezeichnet, wie auf einem Gemälde, hoben sich die Umrisse der Insel von diesem Hintergrund ab.

Die Insel, auf der der Reichtum aus den Laderäumen der gestrandeten spanischen Galeone. „Viento Este“ verborgen war, befand sich genau zwischen der aufgehenden Sonne und der „Empress“. Die kleine Karavelle Old O’Flynns ankerte westlich der Bucht, knapp außerhalb des gefährlichen Riffbereichs.

Während sich der Kutscher darum kümmerte, daß die Männer einen ordentlichen Happen zwischen die Zähne kriegten, begab sich Old Donegal in die Kapitänskammer. Am Pult mit dem aufgeschlagenen Logbuch tunkte er die Feder ins Faß und schrieb das Datum auf die nächste freie Seite.

11. Juli Anno 1595.

Er ließ die Feder wieder sinken und kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. Sollte er hinzufügen, was jeden an Bord der „Empress“ am meisten bewegte und mit Stolz erfüllte?

Außer ihnen wußte kein Mensch, wo die Goldbarrenladung der spanischen Schatzgaleone abgeblieben war.

Dabei mußte es bleiben. Nur die Freunde vom Bund der Korsaren durften eingeweiht werden.

Es war eine Art von Übermut und unnötiger Aufschneiderei, wenn, er das Geheimnis dem Logbuch anvertraute. Die Gefahr unerwünschter Mitwisserschaft wurde damit unkalkulierbar. Wußte man denn, was in den nächsten Stunden und Tagen mit der „Empress“ geschehen würde? Immerhin konnte es jederzeit einen neuen Sturm geben.

In einem Sturm war die Karavelle ihrem Eigner entrissen worden. Als Schiffbrüchige hatten sie auf den Cat Cays ausharren müssen. Die Entdeckung der aufgebrummten „Viento Este“ war ein glücklicher und rettender Zufall gewesen. Denn neben der Goldladung hatte man auch Proviant und Ausrüstung abbergen können.

Und dann, wie durch ein Wunder, war die „Empress“ als Geisterschiff wieder aufgetaucht – noch mitten in den Auseinandersetzungen mit Acosta und seinen Kerlen von der „Viento Este“ und der „San Jacinto“.

So ein Wunder würde es sicherlich nicht noch einmal geben. Aber die Möglichkeit, daß ein Logbuch in unbefugte Hände geriet, war denn doch nicht auszuschließen.

Also keine Eintragung.

Old Donegal Daniel O’Flynn legte die Feder weg und beließ es bei dem Datum. Man sollte nicht prahlen, auch nicht in schriftlicher Form. Denn Übermut tat selten gut, und gewisse unbekannte Mächte achteten peinlich genau auf die Einhaltung solcher Grundsätze.

Nein, es war schon besser, Stolz und Freude für sich zu behalten und Geheimnisse nur mit vertrauenswürdigen Personen zu teilen.

Old Donegal kehrte an Deck zurück.

Die Männer und die Söhne des Seewolfs hockten auf Taurollen und auf den Decksplanken und ließen sich das Gebrutzelte schmecken, das der. Kutscher in bewährter Weise zurechtgezaubert hatte.

Plymmie lag neben den Zwillingen und benagte einen Knochen, den sie zwischen die Vorderpfoten, geklemmt hatte. Sir John, der sie alle fast in Teufels Küche gebracht hätte, hockte vorn über der barbusigen Galionsfigur und brabbelte unverständliches Zeug.

Old O’Flynn versorgte sich ebenfalls mit Essen und blickte kauend zur Bucht. Niemandem, der hier vor Anker gehen sollte, würde etwas auffallen. Alle Spuren waren beseitigt, die schwer zugängliche Höhle in der Steilwand war sogar nur aus nächster Nähe zu erkennen. Überdies lag sie so hoch über dem Boden, daß sich kaum jemand die Mühe bereiten würde, hinaufzuklettern.

Und vermuten, daß ausgerechnet dort oben ein Goldschatz in Kisten lagerte, würde erst recht niemand.

Diesen Denkfehler hatten auch Acosta und seine Halunken begangen. Ihr wesentliches Persönlichkeitsmerkmal war Faulheit gewesen. Demzufolge hatten sie sich nicht vorstellen können, daß irgend jemand soviel Energie aufgebracht hatte, die Kisten ausgerechnet nach dort oben zu hieven.

Im übrigen waren die Cat Cays für ein Versteck ohnehin bestens geeignet. Die Inseln waren unbewohnt und galten wegen der Riffzonen auf ihren Westseiten als besonders gefährlich. Desgleichen wurden ihre Ostseiten wegen der flachen Großen Bahama Bank von Schiffen gemieden.

Es mußte also schon mit dem Teufel zugehen, wenn jemand die Goldkisten in der bewußten Höhle aufstöbern sollte.

„Hört mal her, Leute“, sagte Old Donegal, nachdem sie ihre Mahlzeit beendet hatten. „Ich will nicht selbstherrlich entscheiden, was jetzt mit unserem feinen Goldschatz passiert. Allerdings bin ich der Meinung, daß er da drüben in der Höhle sicher genug ist.“

„Ausnahmsweise bin ich mit dir einer Meinung“, sagte Ed Carberry. „Erstens wird niemand so verrückt sein, ausgerechnet hier an Land zu gehen, und selbst wenn das passieren sollte, würde der Betreffende noch lange nicht in unsere Höhle kriechen.“

„Sehr richtig!“ rief Martin Correa. „Wenn es ein Schiffbrüchiger ist, fehlt ihm sowieso die Ausrüstung, um die Höhle überhaupt zu erreichen. Wir haben es schließlich auch nur geschafft, weil wir die Jakobsleiter und die Taue von der ‚Viento Este‘ hatten.“

„In dem Punkt würde ich nicht so sicher sein“, warf Nils Larsen ein. „Ein Schiffbrüchiger könnte einen vom Sturm entwurzelten jungen Baum finden, ihn an die Steilwand lehnen und zur Höhle hinaufklettern.“

„Das ist ja wohl an den Haaren herbeigezogen“, sagte der Kutscher kopfschüttelnd. „Ebensogut könnte ein Seeadler in die Höhle fliegen, die Kisten aufhacken und einen Goldbarren nach dem anderen wegschleppen. Nein, Freunde, in der Beziehung sollten wir uns nicht gegenseitig verrückt machen. Donegal hat meiner Meinung nach recht. Es kann überhaupt nichts passieren, wenn wir den Goldschatz hierlassen.“

„Wie sollten wir die Kisten denn wohl mitnehmen?“ sagte Sven Nyberg. „Darf ich die Gentlemen darauf hinweisen, daß es sich um eine komplette Galeonen-Ladung handelt!“

Die anderen lachten.

„Du liebe Güte!“ rief Stenmark in gespielter Erleuchtung. „Darauf wären wir wohl selbst kaum gekommen. Wie gut, daß du uns darauf hinweist, Sven. Wir hätten doch glatt angefangen, die Kisten auf die ‚Empress‘ zu verladen. Und was dann?“

„Dann hätten wir festgestellt, daß Old Donegals Laderäume zu groß sind!“ rief Ed Carberry, und die ganze Meute lachte donnernd.

Auf der Galion setzte Sir John zu einem schrillen Zetern an, das in ein mehrfaches abgehacktes „Affenärsche!“ überging.

Sven Nyberg knurrte unwillig.

„Verspotten kann ich mich selber“, sagte er beleidigt. „Warum, in aller Welt, denkt ihr ernsthaft darüber nach, ob wir die Kisten in der Höhle lassen sollen, wenn ihr doch genau wißt, daß wir die Ladung gar nicht mitnehmen können?“

„Erlaube mir einen dezenten Hinweis, Mister Nyberg: Wir haben die Kisten aus den Laderäumen der ‚Viento Este‘ herübergeschafft und in die Höhle gemannt. Richtig?“

„Ja, natürlich“, erwiderte Sven stirnrunzelnd.

„Nun“, fuhr der Alte grinsend fort. „Dann wäre ja immerhin möglich, daß wir die Dinger auch wieder herausholen. Auch richtig?“

„Ja, sicher, aber …“

„Und was hältst du dann von der Möglichkeit“, fiel ihm Old Donegal ins Wort, „daß wir den ganzen Kram an einen anderen sicheren Ort schaffen – auf dieser Insel oder auf einer anderen?“

Sven Nyberg sah ihn einen Moment verdutzt an.

„Teufel auch“, sagte der Däne dann und grinste. „Daran habe ich im Eifer des Gefechts überhaupt nicht gedacht.“

Diesmal nickten die Männer nur. Es war nicht ihre Art, über einen anderen in hämischer Freude zu lachen, wenn er gerade zugab, daß er sich eine Sache nicht richtig durch den Kopf hatte gehen lassen.

„Vorschlag zur Güte“, sagte Old Donegal, um das Thema in andere Bahnen zu lenken. „Wir nehmen drei oder vier Kisten mit. Dadurch wird die ‚Empress‘ nicht lahmer, und wir sind wenigstens flüssig – für alle Fälle.“

Diesmal konnten sich die Männer ein Lachen nicht verkneifen.

„Was willst du denn mit deinem flüssigen Gold anfangen?“ rief Ed Carberry. „Von hier bis zur Cherokee-Bucht gibt’s meines Wissens keinen größeren Hafen mit gewissen öffentlichen Häusern.“

Wieder Gelächter.

„Wer sagt dir denn, daß er ausgerechnet in so einem Laden den Mammon auf den Kopf hauen will!“ ließ sich Stenmark vernehmen.

„Wo denn sonst?“ entgegnete Carberry grinsend. „Alles andere gibt’s doch fast umsonst.“

„Jetzt reicht’s!“ überbrüllte Old Donegal das erneute Gejohle. „Vielleicht ist dir entgangen, Mister Carberry, daß ich verheiratet bin!“

„Ist mir nicht entgangen!“ brüllte der Profos der „Isabella“ zurück. „Aber es soll Leute geben, die gerade deshalb …“

Der Kutscher ging rechtzeitig dazwischen, denn es hatte in dieser Minute den Anschein, als würde bei dem Alten der Faden reißen. Old Donegal brachte es in seiner Wut fertig, den Narbenmann zum Duell zu fordern. Und Carberry wiederum brachte es fertig, darauf aus lauter Schabernack auch noch einzugehen.

„Was zuviel ist, ist zuviel!“ rief der Kutscher und drängte beide Männer mit ausgestreckten Armen zurück. „Mister Carberry, ich muß dich wirklich bitten, deine Äußerung zu widerrufen und dich bei unserem Kapitän zu entschuldigen.“

„Jawohl, darauf bestehe ich“, sagte Old Donegal mit grimmiger Miene.

Carberry preßte die Lippen aufeinander, grinste schief und blickte in die Runde. Dann, als er von niemandem ein beifälliges Lächeln erntete, wurde sein zernarbtes Gesicht merklich länger.

„Also gut, meinetwegen“, erklärte er brummig. „Damit du zufrieden bist, Mister O’Flynn: Ich nehme zurück, was ich gesagt habe, und bitte dich vielmals um Entschuldigung.“

„Das war Spott!“ schrie Old Donegal aufgebracht und wollte von neuem auf den Profos los. „Das war glatter Hohn! Ich hab’s ganz klar herausgehört!“

„Du spinnst ja!“ brüllte Ed Carberry. „Wenn ich etwas sage, dann meine ich es auch so! Fängst du schon wieder an, Gespenster zu sehen?“

„So, ich denke, das reicht“, sagte der Kutscher und bugsierte beide Männer auf ihre ursprünglichen Plätze. „Als unparteiischer Mittler zwischen den Fronten stelle ich fest: Widerruf und Entschuldigung Mister Carberrys waren in Ordnung. Und du, Mister O’Flynn, hast keinen Grund mehr für ungerechtfertigte Anschuldigungen. Einverstanden, daß wir es dabei belassen?“

Der Profos nickte mit einem Knurrlaut.

Old Donegal winkte ab und gab sich den Anschein, als hätte er das Interesse an der Geschichte verloren.

„Gut, dann wäre das erledigt“, fuhr der Kutscher fort. „Im übrigen sollten wir unsere Zeit nicht mehr mit Nebensächlichkeiten vertrödeln. Ich denke, die Lagebesprechung ist keineswegs schon beendet, denn es gibt da noch eine weitere wichtige Frage zu klären. Nämlich die, ob wir unser ursprüngliches Ziel ansteuern, oder ob wir erst einmal zur Cherokee-Bucht zurückkehren.“

„Verdammt, ja!“ rief Old Donegal. „Das hätte ich nun wieder fast vergessen. An Coanabo hätte ich überhaupt nicht mehr gedacht. Mir ist nur im Sinn, daß wir im Stützpunkt längst überfällig sind.“

„Womit er meint“, flüsterte Ed Carberry seinem Nebenmann Stenmark zu, „daß er befürchtet, seine liebe Mary, geborene Snugglemouse, könne ihm den Marsch blasen.“

Old Donegal hörte das Flüstern und warf einen mißtrauischen Blick zu ihnen. Da der Profos aber darauf verzichtete, seine Vermutung laut von sich zu geben, und da Stenmark keine Miene verzog, verzichteten sowohl der Kutscher als auch Old Donegal selbst auf eine erneute Zurechtweisung des Flüsterers.

In der Tat hatte in den letzten Stunden und Tagen kaum jemand an das eigentliche Ziel gedacht. Auf Andros hatte man die Pfahlbauten des Indianerstammes unter Häuptling Coanabo studieren wollen. Dieser Reisezweck war allerdings nur dem Kutscher und Old Donegal bekannt. Äußerer Grund für den Kurs auf Andros waren die Werkzeuge, die man Coanabo und seinen Männern bringen wollte.

Daß die Pfahlbauten Vorbild für die neue „Rutsche“ sein sollten, war vorerst ein sorgsam gehütetes Geheimnis zwischen dem Kutscher und Old O’Flynn. Auf Pfählen sollte im Uferwasser der Cherokee-Bucht jenes Bauwerk entstehen, in dem Mary Snugglemouse und der Nachwuchs ihr neues Heim finden sollten, wo ferner die neue Schenke des Alten untergebracht und Ed Carberry der erste sein würde, der durch die neue Rutsche ins Wasser hinuntersauste.

Eben dies zu verheimlichen, hatten Old O’Flynn und der Kutscher naturgemäß allen Grund.

„Ich meine, die Sache ist völlig klar“, sagte Old Donegal energisch. „Seit unserem Aufbruch von der Cherokee-Bucht sind jetzt mehr als zehn Tage vergangen. Wir hatten mit Hasard und den anderen aber klar vereinbart, daß wir innerhalb einer Woche zurück sein wollten. Wenn wir sofort zum Stützpunkt zurücksegeln, können wir vielleicht noch verhindern, daß sie wegen uns eine große Suchaktion anfangen.“

„Aber wartet Coanabo nicht auch auf die Werkzeuge?“ warf Carberry ein.

Old Donegal grinste kaum merklich. Wenn du wüßtest, dachte er, was du hinauszögerst, wenn wir erst zur Cherokee-Bucht zurückkehren! Aber er unterdrückte sein Grinsen und wechselte lediglich einen unauffälligen Blick mit dem Kutscher.

„Coanabo und seine Leute kennen unser Zeitmaß nicht“, belehrte der Kutscher den Profos. „Sie richten sich zwar nach Sonne und Mond, aber sie haben keine Uhr. Und manchmal vergessen sie einfach, die Mond- und Sonnenaufgänge zu zählen. Weil es für sie überhaupt nicht wichtig ist. Verstehst du, Mister Carberry?“

Der Profos schüttelte den Kopf.

„Nicht ganz. Wenn sich Coanabo oder einer seiner Leute zum Beispiel eine neue Hütte wünscht, sie aber nicht bauen kann, weil ihm das Werkzeug fehlt. Was tut er dann? Na, was wohl? Dann fängt er an zu zählen! Und hinterher ist die Freundschaft zwischen ihm und uns im Eimer, weil er uns für einen unzuverlässigen Haufen hält.“

„Glaube ich trotzdem nicht“, sagte Old Donegal gelassen, denn er wußte, daß Carberry mit seiner Meinung nicht durchdringen würde, nur, um ihn zu ärgern. Die meisten der Männer zog es erst einmal zum Stützpunkt zurück.

„Ich würde da nicht so sicher sein“, sagte der Profos. „Diese Indianer können manchmal unberechenbar sein.“

„Wir haben mit Coanabo keinen Termin vereinbart“, entgegnete Old Donegal. „Und jetzt Schluß der Debatte!“

Der Kutscher nickte bekräftigend.

„Ich schlage vor, daß wir über die Frage abstimmen.“

„Einverstanden“, sagte Old Donegal. „Also: Wer ist dafür, daß wir von hier aus direkt nach Andros segeln?“

Ed Carberry reckte den Arm hoch. Das Erwartungsvolle in seiner Miene wich Enttäuschung, als er sich umsah und feststellte, daß sein Arm da oben höchst einsam war, denn kein anderer leistete ihm Gesellschaft.

„Eine Stimme für Andros“, stellte Old Donegal scheinbar unparteiisch fest. In Wahrheit frohlockte er. „Und wer ist dafür, daß wir auf Direktkurs zum Stützpunkt segeln?“

Ed ließ den Arm sinken, und alle anderen flogen hoch. Hasard junior hob feixend Plymmies rechte Pfote, was der Profos jedoch nicht sehen konnte, da die Jungen hinter ihm hockten.

„Danke, das genügt“, sagte der Alte. „Riesen-Mehrheit für die Cherokee-Bucht. Damit ist alles klar. Wir holen uns ein paar Kisten aus der Höhle und gehen dann ankerauf.“

Ed Carberry verzichtete darauf, eine weitere Bemerkung von sich zu geben. Er rappelte sich auf, schob das Rammkinn vor und packte schweigend mit zu, als Old O’Flynn anordnete, die Jolle zu Wasser zu lassen. Lediglich die Jakobsleiter wurde mitgenommen. Die Spieren, die als Ladebaum dienten, und die erforderlichen Taue befanden sich noch in der Höhle und oben auf dem Felsvorsprung.

Lediglich der Kutscher blieb an Bord der „Empress“. Alle anderen begaben sich zum Strand, damit die „flüssigen Mittel“ in möglichst kurzer Zeit aus der Höhle geschafft werden konnten. Der Kutscher hatte Zeit, in der Kombüse aufzuklaren und seine Vorbereitungen für das Backen und Banken zu treffen. Denn die Vormittagsstunden würden fraglos für das Laden der Kisten draufgehen.

Die Zwillinge übernahmen es erneut, den überhängenden Felsvorsprung oberhalb des Höhleneingangs zu erklimmen und ein Seil hinunterzulassen, an dem die Männer unten am Strand die Jakobsleiter befestigen konnten.

Mit Hilfe eines zweiten Seils stieg Hasard junior über den Vorsprung hinunter und ließ sich abwärts sinken, bis er durch Schwungholen den Höhleneingang erreichte. Jetzt konnte er die Jakobsleiter hereinholen und verzurren. Auf dem umgekehrten Weg würden später Jakobsleiter und Seile wieder an die Seite geschafft werden.

Ed Carberry und Stenmark enterten auf. Ed trug die erste Goldkiste auf der Schulter bis zum Höhleneingang. Dort war inzwischen Nils Larsen aufgeentert. Stenmark und Carberry wuchteten ihm die Kiste gemeinsam auf die Schulter, und der Däne stieg mit der schweren Last ab, indem er sich lediglich mit der linken Hand festhielt.

Sven Nyberg und Martin Correa waren wiederum zur Stelle, um die Goldkiste zwischen die Duchten der Jolle zu stauen. Old Donegal überwachte das Ganze vom Strand aus, wo er auch blieb, als Nyberg und Correa mit der Jolle und der schweren Ladung zurück zur „Empress“ segelten.

Die Prozedur wurde noch dreimal wiederholt, und in der Tat verging mit dem langwierigen Hin und Her der gesamte Vormittag.

Dann aber verloren die Männer keine Zeit mehr. Nachdem sie am Strand sämtliche Spuren beseitigt hatten, gingen sie sofort ankerauf.

Old Donegal entschied jedoch, sicherheitshalber nicht westwärts über die große Bahama-Bank zu segeln. Der Schreck darüber, dort beinahe seine geliebte „Empress“ verloren zu haben, steckte ihm noch in den Knochen. Deshalb nahm die kleine Karavelle den Weg über den Nordwest-Providence-Kanal.

8.

In der Cherokee-Bucht herrschte der übliche Alltagsbetrieb. Außerhalb und innerhalb der bereits fertigen und auch der halbfertigen Hütten sowie auf den Schiffen wurde gehämmert, gesägt und sonstwie gearbeitet, daß es eine nie abreißende Geräuschkulisse ergab. Je mehr man ausbesserte, verbesserte und ergänzte, so schien es, desto mehr fand man zusätzliche Arbeiten, die noch erledigt werden wollten.

Gotlinde Njal hatte sich an diesem Morgen des 9. Juli gewohnheitsgemäß um die Tauben gekümmert und begab sich nun zu dem abseits gelegenen Teil des Strandes ganz in der Nähe der Taubenschläge.

Sie hatte sich nicht getäuscht.

Am Rand des Palmenhains blieb sie stehen und schüttelte mißbilligend den Kopf.

Doch die Gestalt, die da im seichten Uferwasser kauerte und Wäschestücke auf ein wacklig zurechtgezimmertes Holzgestell klatschte, nahm offenbar nichts von ihrer Umgebung wahr. Erst als Gotlinde, die Ehefrau des Wikingers, sich vernehmlich räusperte, hob Mary O’Flynn, geborene Snugglemouse, den Kopf und sah sich um. Mit dem Handrücken der Rechten wischte sie sich über die schweißnasse Stirn.

„Du bist es!“ rief sie unwillig. „Wie lange stehst du schon da und belauerst mich?“

Die Ehefrau des Wikingers ging den Strand hinunter. Drei Schritte vor Mary blieb sie stehen und stemmte zornig die Fäuste in die Hüften.

„Hast du dir das Griesgrämige von deinem Alten angewöhnt, oder was soll der Unsinn?“ fauchte Gotlinde.

Mary O’Flynn richtete sich ächzend auf, und es wurde deutlich erkennbar, welch eine beträchtliche Last sie da bereits in Bauchform mit sich herumschleppte. Abermals wischte sie sich über die Stirn und ließ das Wäschestück fallen, das sie noch in der Linken gehalten hatte.

„Ich kann’s nun mal nicht haben, wenn mich jemand von hinten beobachtet“, sagte sie mürrisch.

„Du weißt genau, daß ich so etwas nie tun würde“, entgegnete Gotlinde. „Was ist los mit dir? Ich meine, ich kann mir vorstellen, wie du dich im großen und ganzen fühlst. Aber da ist etwas anderes. Du bist schon seit einigen Tagen verdammt merkwürdig. So, als ob wir dir alle nur Böses wollten.“

Mary winkte ab und senkte den Kopf.

„Ach, es ist nichts. Überhaupt nichts.“

Gotlinde trat weiter auf sie zu und erfaßte ihre Schultern.

„Mary“, sagte sie eindringlich, „rede dir von der Seele, was dich bedrückt. Das hilft, glaub mir.“

Einen Moment schien es, als wolle sich Mary herumwerfen und davonlaufen. Dieses seltsame Fluchtbestreben war ihr deutlich anzumerken. Doch dann war es Gotlindes mitfühlende Art, die die Oberhand gewann. Tränen standen in den Augen von Mary O’Flynn, als sie zu der hochgewachsenen Ehefrau Thorfin Njals aufblickte.

„Es ist – wegen Donegal“, sagte Mary mit mühsam bezwungenem Schluchzen. „Ich habe den Verdacht, daß sich dieser verdammte Mistkerl mal wieder um alles drücken will. Ein Dach über dem Kopf haben wir nicht, und die Geburt seines Nachwuchses will er bestimmt auch absichtlich verpassen. Ich kenne doch seinen Dickschädel. Wenn sich da drin was festgesetzt hat, dann ist es kaum noch rauszukriegen. Ich sage dir, Gotlinde, der Kerl ist nach Andros gesegelt und hat ganz genau gewußt, was er vorhat. Dort läßt er sich jetzt von hübschen Indianerinnen umturteln, und im September taucht er dann scheinheilig wieder auf und fragt so ganz nebenbei, wie’s mir denn geht.“

Gotlinde lächelte. Es lag auf der Hand: Ende August waren Marys Mutterfreuden fällig, und sie sorgte sich um ihren alten Dickschädel. Nicht Eifersucht war es und ebensowenig Ärger. Was da nun endlich herausgeplatzt war, bedeutete nichts anderes als Sorge um das Wohlergehen von Old Donegal, der leider oft genug mit seinem reichlich kantig geratenen Schädel in Schwierigkeiten geraten war.

„Du hast recht“, sagte Gotlinde in gespieltem Grimm. „Man sollte deinem alten Donegal die Hammelbeine langziehen. Statt mit Indianerinnen zu scharwenzeln, sollte er lieber das Zuhause für dich und das Baby bauen. Aber daran denkt er wohl überhaupt nicht, was? Himmel, in der Beziehung ist ja sogar mein Thorfin noch mitfühlender.“

Mary runzelte die Stirn.

„Kann ich mir nicht vorstellen“, sagte sie unwirsch und wandte sich wieder ihrer Wäsche zu.

Gotlinde lächelte wieder. Unter der rauhen Schale dieser Mary O’Flynn, geborene Snugglemouse, steckte doch ein butterweicher Kern. Einerseits klopfte sie ihrem alten Zausel, ohne mit der Wimper zu zucken, die Bratpfanne auf den Kopf, andererseits jedoch reagierte sie wie eine Mimose, sobald man in die gleiche Kerbe hieb, was ihr Lamentieren über Old Donegal betraf.

Klar, daß in diesem Fall etwas unternommen werden mußte.

Gotlinde ging schnurstracks zu Hasard, achtete aber darauf, daß Mary es nicht mitkriegte.

Gemeinsam mit Ben Brighton, seinem Ersten Offizier, und Dan O’Flynn, seinem Navigator, zog sich Philip Hasard Killigrew in den Schatten der Palmen zu einer Beratung zurück.

„Gotlinde hat völlig recht“, sagte der Seewolf, „und Mary sorgt sich nicht ohne Grund.“

Auf seinen Wink hin berichtete Dan O’Flynn, was er rasch überschlägig durchgerechnet hatte.

„Für die Fahrt nach Andros kann man einen ganzen Tag rechnen, zurück vielleicht etwas mehr, wenn bei Nordostwinden aufgekreuzt werden muß. Sehr gut gerechnet also eine Reisezeit von drei Tagen hin und zurück. Zählt man noch einen oder zwei Tage Aufenthalt hinzu, hätte die ‚Empress‘ nach fünf Tagen wieder hier sein müssen – bei ganz großzügiger Kalkulation vielleicht nach sechs Tagen.“

Hasard und Ben nickten. Es gab nichts an der Tatsache zu deuteln: Nach mehr als zehn Tagen war Old O’Flynn eindeutig überfällig.

„Da war der Sturm am zweiten Juli“, sagte Ben Brighton und sprach das aus, was auch die beiden Freunde bewegte. „Wie ihr wißt, sind die Ausläufer auch hier an Great Abaco vorbeigezogen.“

„Old Donegals Schiffchen könnte durchaus in den Sturm geraten sein“, sagte Hasard und sah den Navigator an.

Dan nickte.

„Vernünftigerweise müßten sie vor dem Sturm gelenzt haben. Das bedeutet, daß sie mit der ‚Empress‘ westwärts gedriftet sind, vielleicht sogar bis in die Florida-Straße.“

Hasard rollte die Seekarte auseinander, die er mitgebracht hatte, legte sie auf den Boden und beschwerte die Ecken mit Steinen.

„Das hätte ich gern etwas genauer“, sagte er.

Dan ging in die Knie und bestimmte zunächst die Position, die die „Empress“ vermutlich bei Beginn des Sturms gehabt hatte. Er stimmte seine Berechnungen auf den Maßstab der Karte ab und hatte das Ergebnis im Handumdrehen.

„Wenn der Alte westwärts vor dem Sturm hergejagt ist“, sagte er, „dann könnte er auf diese Inselgruppe gestoßen sein.“

Ben Brighton beugte sich vor und entzifferte die Schrift über der Stelle, auf die Dan O’Flynn zeigte.

„Die Biminis“, sagte Ben trocken, richtete sich auf und blickte den Seewolf vielsagend an.

Hasard mußte ebenso grinsen wie seine beiden Freunde.

„Das will überhaupt nichts heißen“, sagte Hasard dennoch.

„Bist du davon überzeugt?“ entgegnete Dan, ohne sein Grinsen einzustellen. „Wahrscheinlich haben wir genau den Punkt erwischt, wo der Hase im Pfeffer liegt – will sagen, der Alte in der Quelle der ewigen Jugend.“

Hasard und Ben mußten lachen.

„Trotzdem kann ich mir das nicht vorstellen“, sagte Ben. „Er weiß, daß er bald Vater wird, und er müßte langsam kribbelig werden, weil er für seine künftige Familie noch immer kein Dach über den drei Köpfen gebaut hat.“

„Gehen wir von zwei Möglichkeiten aus“, sagte Hasard, „entweder hat Old Donegal im Sturm Schiffbruch erlitten, oder wir müssen ihn gewaltsam aus dem Jungbrunnen ziehen. Seht ihr eine andere Möglichkeit?“

„Es passieren Dinge zwischen Himmel und Erde …“, sagte Dan feixend, aber dann schüttelte er doch ebenso den Kopf wie Ben.

Der Seewolf zögerte nicht länger. Er rief sämtliche Mitglieder des Bundes der Korsaren am Strand zusammen und schilderte ihnen die Lage.

„Mein Vorschlag“, sagte Hasard, „wir brechen mit der ‚Isabella‘ und der ‚Le Griffon II.‘ gleich morgen früh auf. Und zwar segeln wir westwärts mit Kurs auf die Biminis und beginnen dort mit der Suche. Hat jemand etwas dagegen einzuwenden?“

Mary O’Flynn war die einzige, die sich meldete.

„Nichts einzuwenden“, sagte sie, als Hasard ihr auffordernd zunickte. „Nur eine zusätzliche Bitte. Tretet dem Alten bitte in meinem Namen kräftig in den Hintern. Und wenn er nicht schiffbrüchig auf einer Insel hockt, sondern in seinem komischen Jungbrunnen badet, dann hat er zwei Tritte verdient.“

Das Gelächter der Frauen und Männer vom Bund der Korsaren hallte weit auf die Bucht hinaus. Doch dann wurden sie rasch wieder ernst.

Die Mannschaften der „Isabella“ und der „Le Griffon II.“ begannen unverzüglich mit der Ausrüstung der Schiffe.

Mitten in diese Vorbereitungen platzte am Nachmittag ein vernehmliches Klingeln aus dem Bereich der Taubenschläge.

Wenig später erschien Gotlinde am Strand, Hasard, eben im Begriff, mit einer der Jollen zur „Isabella“ überzusetzen, sprang wieder an Land. Von allen Seiten eilten die Mitglieder des Bundes herbei. Innerhalb von Minuten hatte sich ein großer, erwartungsvoll schweigender Menschenkreis gebildet.

Hasard zog den Zettel aus dem Röhrchen, rollte ihn auseinander und las die Nachricht seines Vetters Arne vor.

„Acht Uhr, 9. Juli. Chaotische Zustände in H., da keine Führung. Aufruhr durch Mob und Diebesbanden – Plünderungen – verteidige Filiale – muß allerdings mit Aufgabe und Flucht rechnen – Hafen frei, da Miliz und Polizei Verteidigungsstellung im Gouverneurspalast bezogen haben. Habe Flucht-Schaluppe bereit, um mich mit Gruppe gegebenenfalls abzusetzen – dann Kurs Florida-Straße. Versuche jedoch, Stellung zu halten. Könnte Unterstützung durch B.d.K. brauchen – Arne.“

Alle am Strand standen wie vom Donner gerührt.

Der Einschlag eines 25-Pfünders hätte keine verheerendere Wirkung haben können. Niemand konnte die schlimme Nachricht auf Anhieb verdauen.

Hasard war der erste, der wieder zu Worten fand. Worte, die bedeutungsschwer in die Stille fielen. Jedem einzelnen der Anwesenden wurde dadurch klar, was man sich angesichts der knappen Zeilen Arne von Manteuffels zu denken hatte.

„Wir kommen nicht drum herum“, sagte der Seewolf, „wir müssen uns vor Augen führen, wie diese chaotische Situation in Havanna entstanden ist. Zunächst aber steht fest, daß der B.d.K. – der Bund der Korsaren – Arne und die Freunde nicht im Stich lassen wird. Daran gibt es meines Erachtens nichts zu rütteln.“

„Überhaupt nichts!“ rief der Wikinger dröhnend. „Arne und die anderen werden herausgehauen, und dann können sich die Dons in Havanna gegenseitig an die Gurgeln gehen. Ist doch klar, oder?“ Beifallheischend blickte er in die Runde.

Etliche Männer nickten zustimmend. Auf den ersten Blick war Thorfins Logik in der Tat bestechend.

Siri-Tong wechselte indessen einen Blick mit dem Seewolf, und er spürte, daß sie seine Gedanken erriet.

„So einfach ist das nicht, Thorfin“, sagte sie laut und vernehmlich. „Lassen wir Hasard weitersprechen.“

Der Seewolf nickte ihr zu.

„Wie gesagt“, fuhr er fort, „die Frage heißt: Wie ist diese Situation in Havanna entstanden? Ich bin überzeugt, daß wir vom Bund der Korsaren unser Quentchen dazu beigetragen haben. Vielleicht haben wir sogar den Ausschlag gegeben.“

„Na, fein!“ rief der Wikinger. „Da können wir doch mächtig stolz sein! Was stehen wir noch herum? Arne raushauen, und dann sollten sie …“ Ein strafender Blick von Gotlinde ließ ihn verstummen. Verlegen kratzte er sich am Helm und senkte die Riesenpranke dann wieder auf den Griff des „Messerchens“, das er vor sich in den Sand gestemmt hatte.

„Erinnern wir uns“, sagte Hasard, „Don Diego de Campos, seines Zeichens Generalkapitän, war geradezu besessen von dem Ziel, uns zur Strecke zu bringen. Er ist in den Tod gesegelt, hat also seine verdiente Strafe gefunden. Das ist die eine Seite der Münze, aus unserer Sicht gesehen. Die andere Seite, aus der Sicht der Bevölkerung von Havanna – in diesem Fall einschließlich von Arne und seiner Mannschaft –, muß man etwas anders betrachten. De Campos hatte in der kubanischen Hauptstadt die vollziehende Gewalt übernommen, nachdem Alonzo de Escobedo wegen Mordes und Amtsmißbrauchs verhaftet worden war.“

„Der Strolch müßte noch im Stadtgefängnis sitzen“, sagte Jean Ribault.

Hasard nickte und fuhr fort.

„Nachdem de Campos vor Santiago de Cuba in den Tod gesegelt ist, scheint das Gouverneursamt in Havanna verwaist zu sein. Wahrscheinlich gibt es keinen vorübergehenden Vertreter. Oder es konnte nicht schnell genug reagiert werden. Auf jeden Fall muß ich aus der Nachricht Arnes den Schluß ziehen, daß der Tod des Generalkapitäns indirekt zu den Unruhen in der Stadt geführt hat.“

Eine Hand reckte sich vorsichtig hoch. Hasard sah es, obwohl der Mann, der sich da zu Wort meldete, weiter hinten stand. Und es hatte fast den Anschein, als ob er diese Wortmeldung gleich wieder zurückziehen wollte.

„Natürlich!“ rief der Seewolf. „Wir haben einen Fachmann für die Beurteilung der Verhältnisse in Havanna. Tritt vor, Antonio de Quintanilla, und sag, was dir auf der Zunge liegt.“

Sie bildeten eine Gasse für den früheren Gouverneur von Kuba, der beim Bund der Korsaren eine tiefgreifende persönliche Wandlung durchlaufen hatte. Niemanden fiel es mehr besonders auf, da man ihn fast jeden Tag sah.

Wenn man sich aber in Erinnerung rief, welch ein Koloß er gewesen war, dann konnte man doch nur staunen. Seine äußere Veränderung vollzog sich mit Riesenschritten. Längst war seine teigige Blässe einer gesunden Bräune gewichen, und wenn er auch noch nicht als schlank zu bezeichnen war, so hatte sich sein Körper insgesamt doch wesentlich gestrafft.

Er folgte der Aufforderung des Seewolfs und trat in die vordere Reihe neben Jean Ribault und die Rote Korsarin.

„Ich will mich nicht als Besserwisser aufspielen“, sagte de Quintanilla, „aber ich möchte behaupten, daß eine gewisse Unruhe in Havanna schon eingesetzt haben könnte, als de Campos mit seinen Galeonen die Stadt verließ. Ich selbst habe ja in der Beziehung unrühmliche Beispiele gegeben. Man braucht nur an die Mäuse zu denken, die in Abwesenheit der Katze auf dem Tisch tanzen. Ohne eine straffe Führung funktioniert in Havanna nichts so, wie es funktionieren sollte. Jeder wirtschaftet nach Kräften in die eigene Tasche, wie ich das auch getan habe. Das höhere Ziel wird dabei leider nicht genügend beachtet.“

Die Mitglieder des Bundes wechselten erstaunte Blicke. Es war beeindruckend, wie freimütig de Quintanilla heute über seine Vergangenheit sprach. Man konnte den Eindruck haben, daß er eine schwere Last abgeschüttelt hatte. Dies war nicht mehr der Mann, der ungeheuren Reichtum zusammengerafft und nur das persönliche Wohlergehen im Auge gehabt hatte. Dies war ein neuer Mensch.

„Ich verstehe“, sagte der Seewolf. „Wer müßte nach den geltenden Bestimmungen kommissarischer Verwalter des Gouverneursamtes werden?“

De Quintanilla brauchte nicht lange zu überlegen.

„Der Nächste im Rang, nach dem Generalkapitän. Das wäre Capitán Marcelo, Don Luis Marcelo, der Kommandant der Stadtgarde. In meinen Augen allerdings ein Mann, der für das Amt absolut ungeeignet ist. Er gilt als heruntergekommener Säufer, der neben dem Alkohol nur Weiber im Sinn hat.“

„Das bedeutet praktisch“, entgegnete Hasard, „daß der Gouverneurssessel so oder so verwaist ist – ob mit Marcelo oder ohne ihn. Hätte de Escobedo eine Chance, die Macht wieder an sich zu reißen, einmal angenommen, der Mob würde ihn aus dem Gefängnis befreien?“

De Quintanilla zog die Schultern hoch.

„Die Frage kann ich nicht eindeutig beantworten. Dabei spielen zu viele Faktoren eine Rolle. Ich traue de Escobedo aber zu, daß er jede Chance nutzt, die sich ihm bietet. Je nach den Umständen wird man also mit ihm rechnen müssen.“

Hasard bedankte sich mit einer Handbewegung bei dem ehemaligen Gouverneur. Antonio de Quintanilla senkte den Kopf und zog sich wieder an seinen ursprünglichen Platz in den hinteren Reihen zurück.

Für den Seewolf war es nun eindeutig, wie sich die Dinge in Havanna entwickelt hatten. Wo keine vollziehende Gewalt die Macht ausübte, fing es in der Gosse stets an zu brodeln. Das geschah in Havanna nicht zum ersten Male. Da wurden Elemente freigesetzt, die die Gunst der Stunde zu nutzen gedachten und nichts anderes mehr in ihren Köpfen hatten als die Gier nach Beute. Mittels des Faustrechts ging man an das große Abräumen, die persönliche Bereicherung war das alleinige Ziel.

Gewiß mußte der Bund der Korsaren diese Entwicklung letztlich begrüßen. Vielleicht konnte man es sogar als einen gewollten Effekt bezeichnen. Denn alles, was Spanien schadete, war ein Erfolg für den Bund. Die Knechtung der Menschen in der Neuen Welt und die rücksichtslose Ausbeutung ihres Landes durch die Spanier rechtfertigte eine Menge Mittel im Kampf gegen sie.

Aber im Gegensatz zu bisherigen Geschehnissen in Havanna hatte Arne von Manteuffel diesmal einen eindringlichen Notruf geschickt.

Die Faktorei und die vier Menschen, die sie betrieben, waren ernsthafter denn je gefährdet. Hinzu kam eine Tatsache, die bei den derzeitigen Geschehnissen besondere Bedeutung hatte: Für die anarchistischen Küstenwölfe, die Hafenhyänen und die sonstigen Galgenstricke war Arne genau das, was er nach außen hin glaubhaft zu spielen hatte – nämlich ein Kaufmann, ein offenbar wohlhabender Pfeffersack, den es nach Kräften auszunehmen galt.

Sicher, gefahrvoll war Arnes Position in Havanna von Anfang an gewesen. Das Risiko hatte für ihn aber eher darin bestanden, möglicherweise von den Spaniern als Spion enttarnt zu werden. Der Beitrag, den er als Mitglied des Bundes der Korsaren geleistet hatte, um den Spaniern Schaden zuzufügen, war beträchtlich. Die meisten erfolgreichen Beutezüge waren auf Arnes Informationen, durch Jussufs Brieftauben übermittelt, zurückzuführen.

Daß aber ausgerechnet verbrecherische Elemente Arne von Manteuffel einmal in Lebensgefahr bringen würden, war bisher nicht denkbar gewesen. Jedenfalls nicht in dieser Form.

Genaugenommen, war es beinahe Ironie, daß Arne, Jörgen Bruhn, Jussuf und Isabella Fuentes jetzt die Faktorei verteidigten und damit in gewissem Sinne auf der Seite der spanischen Bürgerschaft von Havanna gegen das Lumpenpack kämpften – oder zumindest für die Interessen jener Bürgerschaft. Denn es war kaum anzunehmen, daß die wirklichen Pfeffersäcke von Havanna tatkräftigen Widerstand gegen den Aufruhr leisteten. So oder so war es eine Verkehrung der eigenen Ziele.

Diese Erkenntnis ließ Hasard betroffen werden.

Da waren auch Aberhunderte von anständigen Spaniern – Frauen und Kindern zumal – in Havanna, die jetzt der Willkür eines entfesselten Mobs ausgeliefert waren.

Nein, das konnte und durfte nicht Ziel des Bundes der Korsaren sein!

Einmal mehr mußte Hasard erkennen, wie sich Dinge ins Gegenteil verkehren konnten, die er selbst in Bewegung gebracht hatte. Wenn auch die Motivation anders gewesen war, so konnte man sich hinterher nicht damit herausreden, eben ein solches Ergebnis habe man nicht gewollt.

„Wir holen Arne und die anderen heraus“, sagte er in die Stille hinein, und er wußte dabei, daß seine engsten Freunde genau verstanden, was er meinte.

Diese wirklichen Gedanken konnte er nicht laut aussprechen. Denn sie lauteten: Wir kämpfen auch für Havanna. Hätte er das verkündet, wäre der Wikinger auf der Stelle wie ein Vulkan explodiert. Und ein interner Zwist war in der augenblicklichen Situation das Letzte, was man sich leisten konnte.

Siri-Tong meldete sich mit einem Handzeichen, und Hasard nickte ihr zu. Der Wikinger stand noch sinnierend da, und man konnte sich ungefähr vorstellen, in welche Richtung sich seine Gedanken bewegten.

„Ich schlage vor, daß Jean mit der ‚Golden Hen‘ zusätzlich ankerauf geht“, sagte die Rote Korsarin. „Mehr ist dann aber auf keinen Fall möglich, denn wir dürfen nicht den Fehler begehen, den Stützpunkt zu sehr zu entblößen.“

Jean Ribault hieb in die Kerbe.

„Völlig richtig! Ich möchte zusätzlich vorschlagen, daß Thorfin mit dem Schwarzen Segler als kampfstärkster Einheit die Führung der Verteidigung übernimmt.“

Hasard bedankte sich mit einem kaum merklichen Augenzwinkern bei Jean.

„Einverstanden, Thorfin?“ fragte er.

Der Wikinger kratzte sich erneut am Helm, erntete dafür einen mißbilligenden Blick von Gotlinde und rang sich dazu durch, zustimmend zu brummen.

„In Ordnung“, sagte der Seewolf. „Wir müssen außerdem eine Brieftaube mit einer Nachricht für Arne losschicken. Wie sieht es damit aus, Gotlinde?“

„Dafür nehmen wir den Täuberich Izmir“, erwiderte die Frau des Wikingers. „In Havanna erwartet ihn seine Partnerin Kiymet.“

Am Spätnachmittag des 9. Juli gingen die „Isabella“, die „Le Griffon II.“ und die „Golden Hen“ in See. Der Täuberich Izmir stieg mit der Nachricht auf, daß Hasard, Jean Ribault und Edmund Bayeux zur selben Stunde mit Kurs Havanna ausgelaufen seien.

Verabredet war überdies, daß man über die Biminis segelte, um gleichzeitig nach der „Empress“ zu forschen. Falls man damit nicht auf Anhieb Erfolg haben sollte, würde Edmond Bayeux mit der „Le Griffon“ zurückbleiben und die Suche nach Old Donegal und seinen Männern fortsetzen.

In der Wichtigkeit rangierten beide Fälle – die ausgebliebene „Empress“ und Arnes gefährliche Lage in Havanna – an gleicher Stelle. Darüber gab es für die Männer an Bord der drei Schiffe nicht den geringsten Zweifel.

Zwei Tage später, am Nachmittag des 11. Juli, stand unvermittelt fest, daß die „Le Griffon II.“ bei dem kleinen Verband des Bundes bleiben würde.

Dan O’Flynn, der sich auch als Navigator gern auf die Tatsache verließ, daß er von allen Mitgliedern des Bundes der Korsaren noch immer die schärfsten Augen hatte, war in den Großmars aufgeentert und brüllte ein begeistertes: „Mastspitzen Backbord voraus!“

Daß es sich bei den Mastspitzen um jene der „Empress of Sea“ handelte, hatte Dan ebenfalls bereits erkannt, als sie nur erst über der westlichen Kimm zu sehen waren. Die kleine Karavelle des alten O’Flynn hatte soeben die Bimini-Inseln gerundet.

Wenig später gab es eine lautstarke und freudige Begrüßung, als die Schiffe vor Treibanker gegangen waren. Hasard, Jean Ribault und Edmond Bayeux enterten auf die „Empress“ über, und mit knappen Worten wurden die Neuigkeiten ausgetauscht. Es blieb indessen keine Zeit, über den von den „Empress“-Mannen geborgenen Goldschatz groß ins Staunen zu geraten. Die Dinge in Havanna hatten jetzt absoluten Vorrang.

Sofort stand fest, daß die „Empress“ mit nach Havanna segeln würde. Ed Carberry, der Kutscher und Stenmark wechselten auf die „Isabella“ über, die Zwillinge und Plymmie blieben indessen an Bord bei ihrem „Granddad“.

Die Treibanker wurden aufgehievt, und der Wind füllte die Segel der vier Schiffe, deren Ziel die kubanische Hauptstadt war. Nur eine Frage bewegte die Männer nun noch:

Würden sie noch rechtzeitig in Havanna eintreffen?

ENDE


1.

Das Haus erbebte unter den Stößen.

Wie Donner dröhnten die berstenden Schläge aus dem Erdgeschoß durch alle Räume. Bei jedem Rammstoß ächzte das Holz der Türen und der Fensterläden bedrohlich. Von draußen war das Johlen der wilden Horde zu hören. Vereinzelte Schüsse krachten, wenn die Kerle aus purer Wut oder aus verfrühtem Triumph ihre Pistolen in die Luft abfeuerten. Hafendirnen, die die marodierenden Meuten stets begleiteten, schleuderten ihre schrillen Verwünschungen gegen das wuchtige Bürgerhaus.

Längst waren die Fensterscheiben im oberen Stockwerk von Pistolenkugeln und Steinen zertrümmert worden.

Felipe Herrera wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Das Gesicht des stattlich gebauten Mannes war von Schweiß und Schwarzpulver verschmiert. Die rußigen Striemen ließen nicht mehr unterscheiden, was Vollbart und was Haut war. Der schwache, züngelnde Lichtschein, der in das Zimmer im Obergeschoß fiel, stammte von den Fackeln, die die Galgenstricke unten auf der Straße angezündet hatten.

Wieder und wieder donnerten die Rammstöße durch das Haus.

Herrera richtete sich blitzschnell am Fenster auf. Im selben Moment hatte er die soeben nachgeladene Muskete im Anschlag. Der Schuß krachte ohrenbetäubend. Pulverrauch wölkte fett und schwarz in den Raum und legte sich beißend auf die Atemwege der fünf Menschen, die hier ausharrten.

Ein gellender Schrei auf der Straße war der Beweis für Herreras Zielsicherheit. Er wich vom Fenster zurück. Wütendes Gebrüll ertönte. Pistolenschüsse krachten in rascher Folge, die Kugeln prasselten in das Mauerwerk rings um das Fenster, an dem der Handelsmann eben noch gestanden hatte.

„Einen von den Strolchen habe ich erledigt“, sagte er triumphierend und reichte die Muskete mit dem noch warmen Lauf den beiden jungen Frauen, die im hinteren Winkel des Raumes mit Pulverflaschen, Schußpflastern, Kugeln und Ladestöcken hantierten.

Ricarda und Amata waren Hausgehilfinnen der Familie Herrera, und sie hatten sich freiwillig bereit erklärt, bei ihrem Dienstherrn zu bleiben – ebenso wie Ernesto und Ugo, die beiden Diener.

Mit geschickten Händen arbeiteten Richarda und Amata in nahezu völliger Dunkelheit. Kerzen- oder Lampenlicht war im Umgang mit Pulver zu gefährlich. In den möglichen Wirren des Geschehens konnte man sich allzu leicht selbst in die Luft jagen.

Ein erneuter Rammstoß erschütterte das Haus. Diesmal blieb es nicht beim Dröhnen und Erbeben des Mauerwerks. Holz splitterte. Ein kurzes Klirren von Scherben war zu hören. Die Kerle waren im Begriff, einen der Fensterläden und die dahinter befindliche Bohlensicherung zu zerstören.

Entsetzt verharrten die fünf Menschen im Obergeschoß. Dies konnte das beginnende Ende sein und bedeuten, daß das Warten auf Hilfe vergeblich war. Ricarda und Amata bekreuzigten sich, alle dachten an die Frau und die Kinder des Handelsherrn.

Señora Herrera hatte sich an der Verteidigung des Hauses beteiligen wollen, aber ihr Ehemann hatte sie überzeugen können, daß sie die Kinder beaufsichtigen mußte, mit denen sie sich hoch oben – in der Dachkammer – halbwegs in Sicherheit befand.

Felipe Herrera gab sich einen Ruck. Der nächste Rammstoß würde in wenigen Sekunden erfolgen. Es mußte etwas geschehen.

„Ernesto“, sagte er rauh, „wir müssen unten nach dem Rechten sehen. Bist du bereit?“

„Si, Señor“, erwiderte der Diener sofort, ein untersetzter Mann mit rundem Gesicht, das ebenso pulververschmiert war wie das seines Dienstherrn.

„Beeilen wir uns!“ rief Herrera. „Ugo, du versuchst, die Kerle mit der Muskete zurückzuhalten!“

Der zweite Diener, ein sehniger Mann, hatte sich bereits mit einer Langwaffe versorgt und näherte sich geduckt dem Fenster, von dem aus Felipe Herrera gefeuert hatte.

Der Hausherr nahm unterdessen eine Pistole vom Tisch und eilte voran. Ernesto schob zwei Kurzwaffen unter den Hosenbund und folgte dem Inhaber des Handelshauses. Im Erdgeschoß befanden sich ausschließlich die Kontore der Compañia Herrera y Castillo.

Herrera hatte die Mehrheit des Geschäftskapitals, sein Teilhaber Castillo fungierte als eingeschränkt weisungsberechtigter Geschäftsführer. Das Nachbarhaus, in dem er mit seiner Familie gewohnt hatte, war längst ausgeplündert worden. Nach Ausbruch der Unruhen hatte sich Castillo der Mehrheit der Bürger angeschlossen und sich in die Residenz evakuieren lassen.

Herreras Haus war wie eine Insel im Meer von Gewalt. Er gehörte zu den wenigen, die sich dem Aufruhr des Pöbels widersetzten. Lediglich von dem deutschen Handelsherrn Arne von Manteuffel wußte er, daß dieser ebenfalls noch den Angriffen trotzte. Von den restlichen Widerstandsnestern im Stadtgebiet hatte Herrera in dieser Nacht auf den 9. Juli Anno 1595 schon seit Stunden nichts mehr gehört.

Es war das große Kontor in der vorderen linken Gebäudehälfte, in dem das Fenster nachzugeben drohte.

Ein abermaliger Rammstoß dröhnte den beiden Männern entgegen, als sie den von Balkenverstrebungen durchkreuzten Raum betraten. Wieder splitterte Holz.

Ernesto hatte eine Laterne aus dem oberen Korridor mitgebracht. Furchtlos begann er, die Querbalken und die Stützbalken jenes Fensters abzuleuchten, durch dessen entstehende Ritzen der Fackelschein von außen drang.

Im Obergeschoß krachte die Muskete. Wutgebrüll der Kerle und schrilles Kreischen der Hafenweiber waren die Antwort. Gleich darauf erfolgte ein wildes Geknatter von Pistolenschüssen. Ein Schmerzensschrei innerhalb des Hauses ertönte, dann folgte der dumpfe Laut eines hinschlagenden Körpers. Gleich darauf waren wieder Schreie zu hören – die Stimmen Ricardas und Amatas, voller Entsetzen.

Draußen wechselte das Gebrüll von Wut zu Triumph.

Einen Atemzug lang sah Ernesto seinen Herrn erschrocken an. Das Licht, das durch die Ritzen der inneren Balkenlage des zerstörten Fensters drang, warf schmale rötliche Streifen auf sein Gesicht.

„Señor“, sagte der Diener heiser, „würden Sie die Laterne halten?“

Felipe Herrera nickte nur, folgte der Aufforderung und beobachtete Ernesto, wie er einen schweren Hammer vom Fußboden aufhob und die Stützbalken fester schlug. Das Gebrüll der Plünderer steigerte sich. Der nächste donnernde Rammstoß übertönte es, schien es auszulöschen. Das Donnern setzte sich in einem Prasseln und Krachen fort. Die oberen Balken hinter dem getroffenen Fenster flogen weg wie morsche Hölzer.

Ohne einen Laut stürzte Ernesto zu Boden, von zwei oder drei Balken gleichzeitig getroffen. Nur noch der untere Teil der Balkenverstrebungen hielt stand.

Mit weit aufgerissenen Augen sah Felipe Herrera, was geschah. Noch immer hielt er die Laterne, und er stand wie erstarrt.

Sein Diener rührte sich nicht mehr. Über ihm flutete Fackelschein durch die entstandene Öffnung. Ein Viertel des Baumstammes, den die Kerle als Ramme benutzt hatten, ragte herein. Beinahe andächtig war die draußen einkehrende Stille.

Gesichter bewegten sich rund um den Stamm. Dreckstarrende, stoppelbärtige Gesichter mit gierigen Augen. Wüste Visagen voller Siegesgewißheit. Sie schienen eine Weile zu brauchen, um ihren Erfolg zu begreifen.

Mit starrem Blick, wie in Trance, löschte Herrera die Laterne und stellte sie auf den Boden. Dann hob er die Pistole und feuerte in die Fensteröffnung. Das Krachen des Schusses, innerhalb der vier Wände um ein Vielfaches verstärkt, ließ seine Ohren schmerzen. Aber das Ergebnis glich alles aus. Es war, als hätte der Mündungsblitz die Schreckensfratzen aus dem Fensterloch weggefegt.

Doch im nächsten Augenblick setzte das Geheul ein. Ihre Stimmen hatten jetzt fast nichts Menschliches mehr. Sie waren wie Wölfe, die im Rudel das sichere Opfer umkreisten und sich gegenseitig zerfleischten, ehe sie zum letzten, alles entscheidenden Angriff übergingen.

Der Pistolenschuß hatte ihre Blutgier nur noch mehr erregt.

Herrera beugte sich todesmutig über seinen Diener, obwohl das entstandene Loch zum Greifen nahe war. Er tastete nach dem Herzschlag Ernestos, aber da war nur noch Reglosigkeit. Im nächsten Moment sah Herrera die gebrochenen Augen des treuen Gefährten, und ihn überfiel ein unbändiger Zorn. Er riß die beiden Pistolen unter Ernestos Gurt hervor.

Die erste Kugel jagte er in eine von rotem Haarwust umrahmte Visage, die – vom Geschrei der Meute angefeuert – in der Öffnung auftauchte. Ein gellender Todesschrei war die Folge. Die Visage verschwand, und für Augenblicke wurde es still.

Felipe Herrera ließ die leergeschossene Pistole fallen und wich mit der noch geladenen Waffe vom Fenster weg.

Die Hölle brach los.

Die brüllenden und kreischenden Stimmen wuchsen zu einem Orkan der Wut an. Der Rammbock wurde zurückgerissen, und Schüsse krachten. Herrera reagierte nicht schnell genug auf die Mündungsblitze, die in den Raum zuckten. Jäher Schmerz durchstach ihn von der Körpermitte her. Erschrocken starrte er auf das Blut, das aus einer Wunde über der rechten Hüfte sickerte und seine Kleidung tränkte.

Der Schmerz wich seiner neu aufflackernden Entschlossenheit. Er ließ sich fallen, feuerte im Liegen und schaffte es noch einmal, die herandrängende Horde zurückzuschlagen.

Doch sofort darauf krachten abermals Schüsse, und er war gezwungen, vor den hereinrasenden Kugeln in den Korridor zurückzuweichen. Er ließ die Pistole liegen. Die Schüsse verebbten, ihnen folgte das Gebrüll, das sich erneut steigerte.

Herrera schaffte es, sich aufzurichten. Der Schmerz, auf den er wartete, setzte noch nicht wieder ein. Er begann, die Treppenstufen hochzusteigen.

Im Kontor reckten sich gierige Hände und Arme durch die Fensteröffnung und rissen die noch vorhandenen Stützbalken weg. Herrera sah nicht, wie sich das Loch vergrößerte, doch er hörte das Poltern der fallenden Balken. Das Geschrei erfaßte das Innere des Hauses. Wie eine alles verschlingende Brandung strömten die wüsten Stimmen in das Haus und ergriffen von ihm Besitz, noch bevor es von seinem Eigentümer vollends aufgegeben war.

Felipe Herrera wußte, daß es vorbei war.

Eine seltsame Gefühllosigkeit erfaßte seine Beine. Er bewegte sich schwer und mühsam, als er das obere Stockwerk erreichte. Die beiden jungen Frauen standen da, regungslos, mit Pistolen in den Händen. Ugo lag auf dem Boden beim Fenster, blutüberströmt.

„Nach oben!“ befahl Herrera. „Schnell! Gebt mir eine Waffe!“

Ricarda und Amata gehorchten, gaben ihm eine geladene Pistole in die Hand und stützten ihn auf dem Weg zur Dachkammer. Der Lärm der grölenden und kreischenden Stimmen hatte das Erdgeschoß überflutet, der Nachhall umhüllte die Fliehenden, die doch wußten, daß es kein Entrinnen gab.

Stützbalken und Möbel polterten. Wertvolles Geschirr zerschellte, silbernes Besteck klirrte aus herausgerissenen Schubladen. Felipe Herrera sah vor seinem geistigen Auge, wie sie die Ölgemälde von den Wänden rissen und zerfetzten, wie sie mit ihren Dolchen und Säbeln die Polster der Sessel und Sofas zerschlitzten.

Sie erreichten die Dachkammer, wo Mercedes Herrera und die beiden kleinen Töchter auf die Knie gesunken waren und beteten. Felipe Herrera ging zu seiner Frau und den Kindern und nahm sie in die Arme. Mit der Rechten hielt er die Pistole. Auch Ricarda und Amata schmiegten sich eng an die Kinder, die sie seit ihrer Geburt liebgewonnen hatten.

Die Brandung der Gewalt brüllte durch das Haus.

Drei Pistolenschüsse aus der Dachkammer klangen dünn und unbedeutend und vermochten diese Brandung nicht zurückzuwerfen.

Im Morgengrauen des 9. Juli bestand das Haus der Familie Herrera nur noch aus Mauern, Fußböden und dem Dach. Es gab nichts, was die Plünderer zurückgelassen hatten. Nur die Toten blieben. Der neue Tag sah Havanna als eine Stadt des Todes. Die wüsten Horden zogen sich bei Licht in ihre Rattenlöcher zurück, um den Rausch von Alkohol und Blut- und Beutegier auszuschlafen.

Havanna war an diesem Tag endgültig zu einer Geisterstadt geworden.

Für den Mob hatte mit einkehrender Helligkeit die Schlafenszeit begonnen, und so lastete fast völlige Stille in den Straßen und Gassen zwischen Hafen und Residenz. Alle Ordnungskräfte hatten sich endgültig zurückgezogen.

Die Überlebenden aus den Reihen von Miliz und Stadtgarde befanden sich bei den evakuierten Bürgern in der Gouverneursresidenz. Capitán Marcelo litt noch immer an den Folgen seiner Verwundung, war häufig bewußtlos und somit kaum in der Lage, die Befehlsgewalt voll auszuüben.

Der Primer Teniente Echeverria, einer seiner Stellvertreter, hatte diese Funktion übernommen und war damit beschäftigt, den Verteidigungszustand der Residenz zu verbessern. Die übrigen, ausschließlich jungen Offiziere unterstützten ihn, so gut es ging. Aber man wagte nicht mehr, Patrouillen oder Streifen in die Stadt zu schicken.

Es gab eine Art Niemandsland – jenes Stadtgebiet zwischen Hafen und Residenz, das die Marodeure zwar ausgeplündert hatten, aber nicht besetzt hielten. Tagsüber zogen sie sich aus den Gebieten zurück, die zu normalen Zeiten die vornehmeren Wohngegenden waren. Refugium des Pöbels waren der Hafen und das angrenzende Gebiet der winkligen Gassen mit den vielen Bodegas, Cantinas und sonstigen Kaschemmen.

Nur noch drei Widerstandsnester gab es außer der Residenz und dem Stadtgefängnis. Gehalten wurden nach wie vor die beiden Forts am Hafeneingang – Castillo de la Punta im Westen und Castillo del Morro im Osten. Und erfolgreichen Widerstand leisteten nach wie vor auch die Bewohner des Handelshauses von Manteuffel unmittelbar am Hafen.

Von diesem letzteren Umstand wußte in der Residenz niemand. Keine Patrouille drang mehr bis in die Hafengegend vor. Das Stadtgebiet war zum Feindesland geworden. Niemand aus den Reihen der Bürger, aber auch keiner der Soldaten oder Gardisten nahm das Wagnis auf sich, zu einer Erkundung der Lage aufzubrechen. Man rechnete stündlich mit dem ersten Angriff des entfesselten Pöbels. Hinter den Umfassungsmauern der Residenz waren Waffen und Munition bereitgestellt worden, und die Wachen lösten sich in zweistündigem Wechsel ab.

Nahezu unbeachtet von den vielen Menschen, die jetzt die Residenz bevölkerten, verbrachte ein fuchsgesichtiger kleiner Mann die Tage des Terrors im Bürotrakt des Palasts. Corda, der Sekretär des derzeit nicht existenten Gouverneurs, erschien auch seinen engsten Mitarbeitern völlig verändert, in sich zurückgezogen. Corda hatte begonnen, eine „Chronik des Untergangs der Stadt Havanna“ zu verfassen. Minutiös schilderte er die Geschehnisse seit dem Erscheinen der reitenden Boten aus Santiago de Cuba, die ihm die Nachricht vom Tod des Generalkapitäns de Campos überbracht hatten.

Ob seine Chronik jemals gelesen werden würde, war für den füchsischen Sekretär alles andere als sicher. Im Hintergrund seiner Überlegungen stand jedoch nach wie vor jenes Ziel, das er nach der Todesnachricht zu erreichen versucht hatte. In seinen schriftlichen Schilderungen war der zu jenem Zeitpunkt im Gefängnis einsitzende Alonzo de Escobedo rechtmäßiger kommissarischer Gouverneur von Havanna.

Er, Corda, hatte versucht, de Escobedo zu diesem Amt zu verhelfen. Seinen Aufzeichnungen zufolge war er von Gefängnisdirektor Cámpora daran gehindert worden, und de Escobedo hatte keine andere Wahl gehabt, als unterzutauchen, um sich dem Zugriff des verbohrten Cámpora zu entziehen, der ihn nach wie vor als rechtmäßig inhaftiert betrachtete.

Für Corda war es keineswegs ausgeschlossen, daß de Escobedo nicht doch noch die Macht in Havanna übernahm. Unter der Herrschaft des Pöbels war die Stadt in der Tat dem Untergang geweiht. Wenn aber der starke Mann erschien, der die Lage in den Griff bekam, würde er dankbar sein für einen vermeintlichen treuen Vasallen. Unter diesem starken Mann stellte sich Corda niemanden anders als de Escobedo vor, der bestimmt nur vorübergehend in der Versenkung verschwunden war.

Wenn er sich aber eines Tages zum Stadtoberhaupt und letztlich zum Gouverneur aufschwingen würde, dann würde Corda ihm in besagter Treue zur Seite stehen. Und der gute de Escobedo würde in seinem Machtrausch überhaupt nicht merken, daß er weiter nichts als eine Marionette war.

Mit jeder Zeile, die er zu Papier brachte, war Corda fester davon überzeugt, daß er eines schönen Tages doch noch die Rolle der grauen Eminenz spielen würde, von der er so sehr geträumt hatte.

Dann würde jener Traum wahr werden, in dem er der wahre Herrscher über Havanna und Kuba war – hinter den Kulissen.

2.

Es war ein feuchtkaltes Gewölbe, in dem sich vier Menschen seit nicht mehr gezählten Tagen verborgen hielten. Während der ganzen Zeit hatten sie nur flüsternd miteinander gesprochen, denn sie wußten, daß ein lautes Wort wie Donner aus dem angrenzenden unterirdischen Gang zurückhallte.

„Unsere Vorgesetzten in Santiago werden uns für Deserteure halten“, sagte Raimundo Tejero.

Sein Kamerad lachte kaum hörbar.

„Und leider sind wir nicht wichtig genug“, murmelte Jorge Vero, „daß sie wegen uns einen Suchtrupp in Richtung Havanna losschicken.“

„Und das alles haben wir euch eingebrockt“, hauchte Cisca Duarte, die sich eng an Jorge schmiegte.

Graciela Bonardo nickte bekräftigend.

„Wenn wir darauf bestanden hätten, abends rechtzeitig nach Hause gebracht zu werden, wären wir von dem Pöbel nicht überrascht worden.“

„Unsinn“, sagte Raimundo leise und dennoch energisch. „Das Haus eurer Dienstherrin dürfte nur noch als Ruine bestehen. Und wir sollten alle vier froh sein, daß wir noch am Leben sind.“

„Fragt sich nur“, fügte Jorge bitter hinzu, „wie lange das noch so bleibt. Oder hast du eine Ahnung, wie wir aus unserem selbstgewählten Verlies freikommen wollen?“

Sein Gefährte sah ihn an. Das züngelnde Licht warf fließende Schatten auf die Gesichter der beiden Männer. Seit von oben, aus der Kirche, keine Geräusche mehr zu hören waren, hatten sie es riskiert, die Fackeln in den schmiedeeisernen Halterungen anzuzünden.

Raimundo Tejero deutete auf den gut mannshohen Gang, der von dem Kellergewölbe abzweigte.

„Wenn ich die Orientierung nicht verloren habe, führt dieser Gang nach Süden. Und die Kirche befindet sich in der Nähe des südlichen Stadtrandes.“

„Das stimmt!“ sagte Graciela und nickte.

„Ein geheimer Fluchtweg?“ fragte Jorge Vero.

„Wir sollten nicht zuviel erhoffen“, erwiderte Cisca. „Bestimmt stammt der Geheimgang noch aus der Zeit, als Havanna entstand. Damals war die Stadt klein. Vielleicht endet der Gang heute unter irgendeinem Haus – zugeschüttet oder verrammelt.“

„Wie auch immer“, sagte Raimundo lächelnd, „wir werden es nicht herausfinden, indem wir langatmig darüber reden. Nur durch Taten kommen wir weiter.“

„Das ist ein Wort“, sagte Jorge. „Ich hatte eigentlich nicht vor, ausgerechnet in dieser schönen Stadt begraben zu werden. Geht einer allein, oder gehen alle gemeinsam?“

„Kein Zeitverlust“, sagte Raimundo und blickte die jungen Frauen fragend an.

Cisca und Graciela nickten. Die beiden Männer nahmen je eine Fackel aus den Eisenringen. Raimundo ging voran, sein Gefährte blieb am Schluß. Beide Männer verfügten über ihre Säbel und Pistolen sowie über Pulverflasche und Kugelbeutel, die sie am Gurt trugen.

Mit Cisca und Graciela verband sie längst mehr als jene anfängliche lockere Beziehung, die im gemeinsamen Spaziergang durch das abendliche Havanna bestanden hatte. Sie hatten sich öfter getroffen, und Raimundo und Jorge hatten ihre Rückkehr nach Santiago de Cuba hinausgezögert. Dann waren sie zu viert in die Wirren des Aufstands geraten und hatten vor der Übermacht des Pöbels fliehen müssen.

Mit knapper Not hatten sie sich in die kleine Kirche gerettet, die von dem Geistlichen offenbar bereits aufgegeben worden war. Hinter dem Altar hatten sie die rettende Luke gefunden. Wie durch ein Wunder war die Kirche von den Plünderern bisher weitgehend verschont geblieben.

Zwar waren von Zeit zu Zeit lärmende Horden in das Gotteshaus gestürmt und hatten offenbar nach Gold, Silber und Edelsteinen Ausschau gehalten. Ihre Beute konnte jedoch nicht groß gewesen sein, da es sich nicht um eine der großen, reich ausgestatteten Kirchen von Havanna handelte.

Seit Stunden war von draußen nichts mehr zu hören gewesen. Es mußte folglich Tag geworden sein. Die beiden Gardisten aus Santiago de Cuba hatten längst festgestellt, daß sich der Pöbel tagsüber zur Ruhe begab, nachdem die Nacht mit Plünderungen und wüsten Ausschweifungen verbracht worden war. Wenn es keine Chance gab, durch den unterirdischen Gang in die Freiheit zu gelangen, blieb nur die Möglichkeit, es durch die Kirche zu versuchen.

Was das bedeutete, war den beiden Männern klar. Obwohl sie tagelang im Verborgenen gelebt hatten, konnten sie sich doch sehr gut vorstellen, wie es in der Stadt aussah. Allein hätten sie es eher riskiert, sich durchzuschlagen. Doch für Cisca und Graciela war die Gefahr zu groß. Die Kirche zu verlassen und durch die Stadt zu fliehen, würde der allerletzte Ausweg sein.

Der Gang, dessen Quadersteine vor Feuchtigkeit glitzerten, verlief schnurgerade. Mehrere Male gab Raimundo Tejero das Zeichen zum Verharren. Dann verdeckte er die Fackel, um nach einem fernen Punkt von Tageslicht Ausschau zu halten. Doch nichts dergleichen war zu erkennen. Entweder war der Gang zugeschüttet, oder sie hatten sich in der Zeit geirrt. Vielleicht herrschte noch Dunkelheit, und die wilden Horden hatten sich lediglich früher zur Ruhe begeben als nach den vorherigen Nächten, die mit Mord und Plünderungen ausgefüllt gewesen waren.

Behutsam setzten sie einen Fuß vor den anderen. Trotzdem ließ es sich nicht vermeiden, daß sie gelegentlich Poltergeräusche verursachten, wenn sie gegen Steinbrocken stießen. Ohnehin hatten sie den Eindruck, daß ihre Schritte in dem Gang regelrecht dröhnten. Immer wieder blieben sie stehen, um nach fremden Geräuschen zu lauschen.

Ihre Befürchtungen erwiesen sich als überflüssig. Unvermittelt beschrieb der Gang eine scharfe Biegung nach rechts, und da war der lang ersehnte Lichtpunkt erkennbar.

Neue Hoffnung beflügelte die vier Menschen. Sie spürten die frische Luft, die ihnen entgegenwehte und den Modergeruch des Ganges zerstreute. Nach einer knappen Stunde, die ihnen wie eine Ewigkeit erschienen war, konnten sie wieder frei atmen.

Gebüsch tarnte die Öffnung des Geheimganges, die sich in einem bewaldeten Hang befand. Unten am Hang verlief ein Weg, der von Pferdehufen und Radspuren zerfurcht war. Daran angrenzend erstreckten sich in südlicher Richtung Felder, Wiesen und Waldstücke, so weit das Auge reichte.

Das trübe Licht ließ die Landschaft dennoch nicht freundlich erscheinen. Seit Wochen hatte sich kein Sonnenstrahl mehr über Havanna gezeigt. Cisca schmiegte sich erleichtert an Jorge, und Graciela ließ sich von ihrem Gefährten in die Arme nehmen.

In der südlich gelegenen Landschaft war nirgendwo auch nur eine Menschenseele zu erkennen. Kein Bauer, kein Knecht, keine Magd, die auf den Feldern oder vor einem der kleinen Bauernhäuser arbeiteten. Die Häuser wirkten verlassen. Die Unruhen in Havanna mußten sich auch bis hierher ausgewirkt haben. Viele waren geflohen – mit gutem Grund. Wenn der Pöbel in der Stadt nicht mehr genug zu essen fand, würde er über das umliegende Land herfallen.

Raimundo deutete mit einer Kopfbewegung nach oben, zur Nordseite des Hanges.

„Ich werde mal dort nach dem Rechten sehen“, sagte er. „Wirst du es schaffen, beide Damen zu bewachen?“

Jorge nickte und lachte.

„Ich werde mich bemühen“, sagte er augenzwinkernd. „Obwohl ich natürlich weiß, daß es leichter ist, einen Sack Flöhe zu hüten.“

Cisca und Graciela wollten lautstark protestieren, aber Jorge ermahnte sie zur Ruhe, indem er gebieterisch den Zeigefinger hob.

„Das ist sehr einfach!“ flüsterte Cisca mit gespieltem Vorwurf. „Erst behauptet man etwas Unverschämtes, und dann verbietet man dem anderen einfach das Wort.“

„Unsereiner kann das noch“, sagte Raimundo mit einem leisen Lachen. „Aber wie viele geknechtete Ehemänner würden uns darum beneiden!“

Er beeilte sich, aus dem Bereich der Gangöffnung zu verschwinden, denn die beiden jungen Frauen sahen nun wirklich aus, als wollten sie sich auf ihn stürzen, um ihm die Augen auszukratzen.

Er stieg den Hang hoch und hielt dabei die Säbelscheide fest, um kein verräterisches Geräusch hervorzurufen. Wie angebracht diese Vorsichtsmaßnahme war, zeigte sich wenig später.

Oberhalb des Hanges befand sich eine gerodete Waldfläche, auf der Baumstämme in noch ungeordnetem Durcheinander lagen. Nördlich davon, höchstens eine halbe Meile entfernt, begann das Häusermeer von Havanna. Raimundo staunte im ersten Moment, daß nirgendwo eine Rauchsäule zu erkennen war. Bei ähnlichen Ausschreitungen hatte er erlebt, daß der Mob den verhaßten Bürgern den roten Hahn aufs Dach setzte. Hier, in Havanna, schienen sie bei allem Chaos zielstrebiger vorzugehen.

Sie wollten Beute. Und die erhielt man nicht, wenn man alles verbrannte.

Er tat einen Schritt vorwärts und erstarrte im selben Augenblick. Vor seiner rechten Stiefelspitze war ein menschliches Bein, auf das er um ein Haar getreten wäre. Das Bein lugte hinter einem Baumstamm hervor und war von zerlumptem, dreckstarrendem Tuch umhüllt.

Vorsichtig bewegte sich der Gardist zur Seite, dann lautlos vorwärts, so daß er hinter den Baumstamm blicken konnte.

Seine Augen weiteten sich. Regungslos verharrte er.

Fünf Kerle lagen dort, in trautem Beieinander, im Windschutz des gefällten Baumes. Sie hatten sich in Decken gehüllt. Weinkrüge lagen umgekippt neben den Resten eines Feuers. In der Asche waren angekohlte Geflügelknochen zu erkennen.

Beute schienen die Kerle nicht bei sich zu haben. Möglicherweise hatten sie ihr Diebesgut irgendwo vergraben. In Zeiten des totalen Chaos mußten die zweibeinigen Hyänen darauf bedacht sein, sich das einmal Gestohlene nicht von ihresgleichen wieder entreißen zu lassen.

Raimundo Tejero wollte sich abwenden, um die anderen zu warnen. Wenn man sich leise genug verhielt, konnte man sich unentdeckt entfernen. Fünf Galgenstricke aus dem Schlaf zu reißen, war alles andere als ratsam.

Einer der Kerle erwachte, ohne daß der Gardist sich bewußt war, ein lautes Geräusch verursacht zu haben. Ein struppiges Bartgesicht fuhr halb hoch, verzog sich zu einer Grimasse, und mißtrauische Augen blinzelten.

Im nächsten Moment entdeckte der Kerl den hochgewachsenen Gardisten. Ein Warnschrei entrang sich der Kehle des Struppigen.

Raimundo Tejero zog den Säbel. Das metallische Geräusch beendete den Schrei des Kerls.

Er fuhr hoch, schleuderte die Decke von sich und brachte ein Entermesser zum Vorschein.

„Jorge!“ brüllte Tejero und drang im selben Atemzug auf den Kerl ein.

Mit zwei blitzschnellen Hieben fegte er dem Galgenstrick das Entermesser aus der Hand, und er tötete den Mann, ohne ihn erst einen Angstschrei ausstoßen zu lassen.

Die anderen erwachten in dieser Sekunde. Knurrende Laute waren zu hören. Einer versuchte, nach den Stiefeln des Gardisten zu greifen und ihn zu Fall zu bringen. Rechtzeitig, mit einem federnden Satz, wich Tejero aus.

Sein Gefährte stürmte den Hang herauf, den Säbel bereits gezogen. Beiden Männern war klar, daß sie einen Schuß und auch möglichst jedes sonstige Geräusch verhindern mußten.

Gnade war nicht angebracht.

Raimundo und Jorge erinnerten sich nur zu gut an das, was sie zu Beginn des Aufruhrs erfahren und mit eigenen Augen gesehen hatten. Die Marodeure waren gegen Bürger, Gardisten und Soldaten mit List und Tücke vorgegangen, hatten sie in Hinterhalte gelockt oder sie mit Schüssen in den Rücken getötet. Maßstäbe von Ritterlichkeit waren hier nicht anzuwenden, sie kosteten nur das eigene Leben.

Einen Kerl mit vom Alkohol geröteten Gesicht brachte Tejero mit einem Fußtritt von den Beinen, als der Bursche gerade aufgesprungen war und erstaunlich schnell ein Tromblon hochriß, das er neben sich liegen gehabt hatte. Tejero tötete ihn, bevor er sich herumwerfen und die Waffe im Liegen in Anschlag bringen konnte.

Jetzt aber waren die übrigen drei hochgeschnellt.

Zwei wandten sich dem heranstürmenden Jorge Vero zu.

Der dritte ging mit einem Säbel auf Raimundo Tejero los.

Den ersten Angriff ließ der Gardist mühelos an seiner Parade abprallen. Hell singend klirrten die Klingen aufeinander. Die Sekunde, in der sein Gegner noch über den Mißerfolg fluchte und knurrte, nutzte Tejero und griff jäh an. Der Marodeur schaffte es nicht mehr rechtzeitig, in die Defensive zu gehen. Tejero setzte ihn außer Gefecht – rechtzeitig genug, um seinem Gefährten noch zu Hilfe zu eilen.

Nur für einen kurzen Moment war Jorge in Bedrängnis geraten. Im Handumdrehen schafften die beiden Männer es nun, die Schnapphähne niederzustrecken. Es war kein einziger Schuß abgefeuert worden.

„Verschwinden wir schleunigst!“ sagte Raimundo Tejero dennoch. „Wer weiß, wieviel von dem Pack noch in der Nähe schnarcht.“

Sie eilten zu den beiden jungen Frauen, und gemeinsam nahmen sie den Weg nach Süden, wobei sie stets den Schutz von Gebüsch und kleinen Waldstücken nutzten. Längst waren sie sich über ihr Ziel einig. In Santiago de Cuba wollten auch Graciela und Cisca ihre glückliche Zukunft finden – an der Seite der beiden Männer, die sie zu schätzen gelernt hatten. Sie zweifelten nicht an ihrem Glück, dessen Grundlage die gelungene Flucht aus den tödlichen Wirren des Aufstandes in Havanna war.

3.

Das graue Licht des beginnenden Tages kroch durch kleine Fenster, deren Scheiben fast blind waren. Der Raum mit den niedrigen Deckenbalken verlor dadurch wenig von seiner Düsternis.

Der Dielenboden hatte dunkle Flecken von dem, was in der Nacht verschüttet worden war – Bier und Wein vor allem. Auf den Tischen lagen umgekippte Trinkbecher zwischen den Köpfen der Schnarchenden. Auch neben die Stühle und Bänke waren Gestalten gesunken und im Vollrausch eingeschlafen. Durchdringender Mief, vermischt mit dem Geruch verschütteter Getränke, erfüllte die Luft.

Die beiden Männer betraten den Schankraum von den Hinterzimmern her und blieben neben dem Tresen stehen. Gonzalo Bastida stemmte die Fäuste in die Hüften, schnaufte und schüttelte mißbilligend den massigen Kopf. Dann stapfte er los, durch den Gang zwischen den Tischreihen, und es kümmerte ihn nicht, wenn er dabei gelegentlich auf Arme und Beine von Schlafenden trat. Bei den Mengen von Alkohol, die sie geschluckt hatten, spürte ohnehin keiner etwas.

Bastida riß die beiden Riegelbalken der Eingangstür hoch und ließ sie achtlos zu Boden poltern. Eine der Gestalten in der Nähe wurde von einem der Balken an der Schulter getroffen, stöhnte kurz auf und versank sofort wieder in tiefen Schlaf. Bastida öffnete die Tür weit, reckte sein Gesicht dem Tageslicht entgegen und pumpte die frische Luft tief in seine Lungen.

Alonzo de Escobedo, der bei der Theke stehengeblieben war, beobachtete den anderen Mann grinsend. Bastida war ein eiskalter, verfetteter Hundesohn. Ihm gehörte diese Kaschemme, und hier ging alles ein und aus, was auch nur in entferntester Weise das Licht des Tages zu scheuen hatte. Schon als Hafenkommandant hatte de Escobedo eine enge Zusammenarbeit mit dem Kaschemmenwirt gepflegt, wie er es gern nannte. Für den Schutz vor polizeilichen Organen, der ihm von de Escobedo zugesichert und in vollem Umfang gewährleistet worden war, hatte Bastida sich in angemessener Weise erkenntlich gezeigt.

Das harte Wort Schmiergeld mochte de Escobedo in diesem Zusammenhang nicht gern anwenden.

Gonzalo Bastida hatte sich jedoch immer auf ihn verlassen können. Es war eine Zusammenarbeit gewesen, die in den sogenannten normalen Zeiten in Havanna stets hervorragend geklappt hatte. Bastida setzte in seinen Hinterzimmern Diebesgüter um. Die „Nebentätigkeit“ als Hehler brachte ihm wesentlich mehr ein als die Kaschemme.

Andererseits war es jedoch eben diese Schenke, die ihm zu den so wichtigen Kontakten verhalf. Im Laufe der Jahre hatte sich Bastida überdies zum Gebieter über eine bemerkenswerte „Truppe“ hochgearbeitet – Taschendiebe, Einbruchsspezialisten, Falschspieler, Schläger und Mörder.

Geradezu unvorstellbar weit waren die „Fachgebiete“ dieser schrägen Vögel, die entweder auf eigene Rechnung arbeiteten oder von Bastida gezielt eingesetzt wurden. Auf sein Kommando hörten sie so oder so.

Wer mit Gonzalo Bastida zusammenarbeitete, der wußte, daß er eine Zuverlässigkeit gepachtet hatte, die sich mit der Unerschütterlichkeit von Bastidas Leibesumfang vergleichen ließ. Buchstäblich nichts brachte diesen Mann aus dem Gleichgewicht. In der Unterwelt von Havanna war er eine Art ungekrönter König.

Bastida wandte sich bei der Tür um und blinzelte in das Halbdunkel. Mit einer ausladenden Handbewegung wies er in den Raum, in dem das Schnarchkonzert unvermindert anhielt.

„Sieh dir das an, Alonzo. Ist es nicht eindrucksvoll?“

De Escobedo zog die Brauen zusammen.

„Mich widert es eher an.“

„In genau dem Sinne meine ich es auch“, entgegnete Bastida und nickte. „Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie sich eine bestimmte Sorte Mensch an ungeschriebene Gesetze hält.“

„So?“ sagte de Escobedo ohne sonderliches Interesse. Manchmal ging ihm der Dicke damit auf die Nerven, wie er die Leute beobachtete und sie messerscharf durchschaute. Das Unangenehme war, daß Bastida eigentlich immer recht hatte mit dem, was er sagte. Er sprang mit seinen Leuten bisweilen um wie ein allgewaltiger Herrscher, und sie gehorchten ihm aufs Wort. Ohne Murren.

„Allerdings“, sagte Bastida bekräftigend. „Du kannst dir jeden einzelnen von diesen blöden Hurensöhnen herauspicken und wirst bei jedem das Gleiche feststellen. Sie könnten in Villen und Palästen übernachten, aber sie tun es nicht. Sie haben fast ganz Havanna auf den Kopf gestellt und könnten sich aufspielen wie die großen Sieger. Trotzdem ziehen sie sich in diese lächerliche, schäbige Kneipe zurück, als ob es der schönste Ort der Welt wäre. Verstehst du das?“

De Escobedo zog die Schultern hoch.

„Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, sagte er brummend. „Das wird es sein.“

Bastida wedelte abwehrend mit der Hand.

„Irrtum, mein Lieber. Das ist es nicht. Die Menschheit teilt sich nach Rangordnungen auf. Es gibt geborene Gewinner und geborene Verlierer.“

Der frühere kommissarische Gouverneur grinste jetzt.

„Dann weiß ich, zu welcher Seite wir beide gehören, Gonzalo.“

„Das will ich meinen.“ Bastida kehrte mit schweren Schritten zur Theke zurück. Kühle Morgenluft breitete sich im Schankraum aus. Bastida lehnte sich mit dem Rücken an und schob die Ellenbogen auf die Theke. „Diese Leute wollen gelenkt werden, Alonzo. Denen würde es überhaupt nicht gefallen, auf eigene Rechnung zu arbeiten. Die brauchen immer jemanden, der ihnen sagt was sie tun sollen, wo sie es tun sollen und wie sie es tun sollen.“

De Escobedo wischte mit der rechten Hand durch die Luft.

„Du brauchst mir nicht zu erzählen, wie man mit Befehlsempfängern umzugehen hat.“

Bastida lächelte kaum merklich.

Er wußte, daß de Escobedo für gewisse Erkenntnisse nicht über genügend geistige Beweglichkeit verfügte. In gewisser Hinsicht war er ein sturer Kerl. Aber das mußte man ihm nicht unbedingt vorwerfen, wenn man mit ihm zusammenarbeiten wollte.

„Du redest von deiner Zeit als Hafen- und Stadtkommandant?“ sagte der Kaschemmenwirt.

„Allerdings.“ De Escobedo warf stolz den Kopf in den Nacken.

„Dann laß dir gesagt sein, daß du es hier nicht mit Soldaten oder Gardisten zu tun hast, mein Freund. Dieses Lumpenpack will anders angepackt werden.“

„Was du nicht sagst“, entgegnete de Escobedo spöttisch. „Es wäre mir wahrscheinlich schwergefallen, das herauszufinden.“

Gonzalo Bastida antwortete nichts darauf. Er wandte sich ab und bedeutete de Escobedo mit einer Kopfbewegung, ihm zu folgen. Sie ließen sich auf den Stühlen im ersten Hinterzimmer nieder, von wo sie durch die offene Tür den Schankraum beobachten konnten.

Die Hausgehilfin des beleibten Kaschemmenwirts hatte ein opulentes Frühstück zusammengestellt. Vom gebratenen Schinken bis zu frischen Früchten fehlte es an nichts. Bastida hatte darauf geachtet, welche Sachen aus der umfangreichen Diebesbeute der vergangenen Nächte für ihn abgezweigt wurden.

Bei de Escobedo hatte er indessen den Eindruck, daß dieser in erster Linie Machtgelüste hegte.

Bastida kannte die Geschichte dieses Mannes von Anfang an, und es bereitete ihm nicht die geringste Anstrengung, ihn bis auf die Knochen zu durchschauen. Nachdem er erst Hafenkommandant, dann Stadtkommandant und schließlich kommissarischer Gouverneur von Kuba gewesen war, hatte sich de Escobedo nun endgültig auf die Seite des Verbrechens geschlagen.

Nur über die ersehnte Macht, das wußte de Escobedo, konnte er auch zu Reichtum gelangen. Bastida erinnerte sich sehr gut, wie er das Gouverneursamt auszunutzen versucht hatte, um sich einen gehörigen Teil an Nebeneinnahmen zu verschaffen.

Die wirklich großen Brocken waren de Escobedo jedoch verwehrt geblieben. Von Bestechungsgeldern und eigenmächtig erhobenen Zöllen wurde man nicht steinreich. Don Antonio de Quintanilla hatte auf diesem Gebiet wesentlich mehr erreicht, wobei Bastida den früheren Gouverneur jedoch auch für zehnmal gerissener hielt als de Escobedo.

Bastida hatte allerdings keine Ahnung von jenem ungeheuren Schatz, den de Quintanilla in den Höhlen von Batabanó versteckt hatte. Diesem Schatz trauerte de Escobedo noch immer nach. Um ein Haar wäre er in den Besitz dieses riesigen Schatzes gelangt.

Das Unrechtmäßige seines wie Don Antonios Tun hatte er bis heute nicht eingesehen. Eine Läuterung hatten bei de Escobedo weder das Scheitern der Schatzbergung noch die schlimmen Tage im Gefängnis von Havanna bewirkt.

Die Zeit, in der er noch Recht und Ordnung vertreten hatte – oder wenigstens glaubte, dies zu tun –, gehörte endgültig der Vergangenheit an. Jene wenigen guten Eigenschaften, die de Escobedo überhaupt jemals gehabt hatte, waren begraben unter einer Lawine von Haß und Rachgier.

Generalkapitän de Campos schied als Zielfigur für diese Gelüste aus. Ihn hatte die gerechte Strafe bereits getroffen, obwohl es de Escobedo lieber gewesen wäre, sich wegen seiner Inhaftierung persönlich an dem verfluchten Kerl zu rächen.

El Lobo del Mar, der berüchtigte Seewolf, gehörte ebenso zu denen, die ihm den großen Reichtum verwehrt hatten, wie Capitán de Mello. Letzterer war vor lauter Ehrenhaftigkeit vermutlich imstande, der spanischen Krone seinen Sold zurückzuzahlen. Warum auch nicht? Offiziere dieses Schlages, so fand de Escobedo, sollten eigentlich ihre Uneigennützigkeit auch in dieser Beziehung unter Beweis stellen.

Im Vordergrund stand aber nicht die Rache.

Nummer eins aller Überlegungen war für Alonzo de Escobedo die Macht über Havanna. Die Gelegenheit war günstiger als je zuvor. Natürlich war der Plan des Gouverneur-Sekretärs Corda von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen – so dankenswert sein Verhalten auch gewesen war. Cámpora, dieser halsstarrige Hundesohn, hatte alles vereitelt – hätte es so oder so vereitelt.

Nichtsdestoweniger verdankte er, de Escobedo, seine Freiheit dem Sekretär. Er beschloß, das in seine Überlegungen einzubeziehen.

Nachdem er vor dem Gefängnistor mit knapper Not entwischt war, hatte er sich auf Umwegen zu Bastidas Kaschemme durchgeschlagen. Inzwischen hatte er die verwinkelte Behausung des Wirts zu seinem Hauptquartier erklärt. Seine ersten taktischen Überlegungen hatte er hier angestellt, und erfolgreich waren nach seinen Plänen die Aktionen gegen die Ordnungskräfte der Stadt durchgeführt worden.

Als erster Erfolg war bereits der Rückzug der Bürger zu werten gewesen. Die ständigen Übergriffe und Plünderungen hatten sie so sehr entnervt, daß sie nicht einmal einen Ansatz von Gegenwehr zustande gebracht hatten. Die wenigen, die aktiven Widerstand geleistet hatten, fielen für de Escobedo und Bastida nicht ins Gewicht. Das Gros der Pfeffersäcke und ihresgleichen hockte jetzt jedenfalls oben in der Residenz und zitterte vor Angst.

Dazu hatte auch die systematische Zermürbungstaktik beigetragen. Eine Patrouille nach der anderen war entweder vollständig aufgerieben oder so weit dezimiert worden, daß die wenigen Überlebenden nur noch ihr Heil in der Flucht gesucht hatten. Zwar war das Pack aus dem Hafengebiet alles andere als eine disziplinierte Truppe. Aber die Gier nach Beute und der Haß auf das reiche Bürgertum glichen dieses Manko aus.

Gemeinsam hatten de Escobedo und Bastida beschlossen, die Stadt Havanna aus den Angeln zu heben.

Den Gedanken hatte de Escobedo entwickelt, nachdem er von Corda erfahren hatte, daß de Campos nicht mehr lebte. Damit herrschte ein führungsloser Zustand in Havanna. Denn die Amtsübernahme Marcelos hatte man beileibe nicht als eine Behebung dieses Zustands betrachten können.

Marcelo als kommissarischer Gouverneur war in de Escobedos Augen nichts weiter als eine Witzfigur gewesen. Bis auf einen lichten Moment hatte der versoffene Hurenbock denn auch nichts zuwege gebracht. Das Ergebnis hatte er jetzt, da er schwerverwundet darniederlag. Die Führungslosigkeit in der Stadt hatte weiter Bestand.

Die beiden Ordnungsgewalten Miliz und Stadtgarde waren – zumindest im Stadtgebiet – zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft. Mittlerweile hatten sie sich zurückgezogen und bei den Bürgern in der Residenz verschanzt. Feige Hundesöhne in de Escobedos Augen.

Er dachte an seine Zeit als Stadtkommandant zurück. Aus jener Zeit rührte seine Einschätzung der Ordnungskräfte. Für hartes und erbarmungsloses Durchgreifen fehlte Soldaten und Gardisten die rechte innere Einstellung. Befehlsempfänger waren sie eben, nichts weiter.

De Escobedo beendete sein Frühstück als erster. Er lehnte sich zurück und beobachtete sein Gegenüber eine Weile. Der Fette ließ sich nicht stören. Er schaufelte abwechselnd gebratenen Schinken, frischen Ziegenkäse und Weintrauben in sich hinein. Dazu schlürfte er innerhalb weniger Minuten drei rohe Eier, nachdem er sie mit Rotwein und Zucker verrührt hatte.

De Escobedo verspürte den Drang, sich zu schütteln, ließ sich aber nichts anmerken.

„Wir haben Erfolg über Erfolg errungen“, sagte er schließlich. „Aber wir sind noch nicht am Ziel. Die Frage ist jetzt, wen oder was nehmen wir uns als nächstes vor?“

Bastida betupfte seine Lippen mit einem blütenweißen Tuch und warf es achtlos auf den Tisch. Er schob sich das Mundstück einer Tonpfeife zwischen die Zähne und setzte den bereits gestopften Tabak in Brand. Der Rauch hatte einen süßlichen Duft. Einen Moment schob Bastida nachdenklich das Kinn vor.

„Was ist mit den beiden Forts am Hafeneingang?“ sagte er dann. „Können die uns noch Ärger bereiten?“

De Escobedo schüttelte entschieden den Kopf.

„Überhaupt nicht. Beide Forts sind hoffnungslos unterbesetzt. Vergiß nicht: Dreiviertel der Fortbesatzungen wurden bei Beginn der Unruhen an Miliz und Stadtgarde abgegeben.“

„Militärische Einzelheiten habe ich mir noch nie merken können“, sagte Bastida mit wegwerfendem Brummen. „Du meinst also nicht, daß sich die Leute in der Residenz aus den Forts Verstärkung holen?“

„Höchst unwahrscheinlich“, entgegnete de Escobedo mit der wissend-herablassenden Miene des Fachmannes, der mit einem ahnungslosen Laien spricht.

„Wenn die Forts unterbesetzt sind“, sagte Bastida nach kurzem Nachdenken, „würden sie uns dann nicht wie reife Äpfel in den Schoß fallen? Ich meine, wir könnten dort mühelos Beute machen.“

„Was denn für Beute?“ entgegnete de Escobedo. „Da gibt es nichts zu holen, außer Waffen. Und die haben wir in Hülle und Fülle – dank der von mir geplanten Aktion gegen das Arsenal.“

„Gib nicht so an“, sagte Bastida grinsend. „Wenn ich dir nicht meine besten Leute herausgesucht hätte, wäre die Sache sehr wahrscheinlich schiefgegangen.“

„Gut, gut“, sagte de Escobedo. „Ich weiß, daß es eine Glanzleistung war. Das habe ich nie bestritten. Oder?“

Der Fette winkte ab.

„Halten wir uns nicht an der Vergangenheit fest. Wir müssen uns einig werden, was jetzt das Naheliegende für uns ist. Die Residenz, meine ich.“

De Escobedo wiegte den Kopf.

„Da ist noch diese deutsche Handelsfaktorei. Dieser Arne von Manteuffel. Er ist der einzige im Hafengebiet, der noch Widerstand leistet. Dieser Señor von Manteuffel ist ein unglaublich harter Kämpfer, das hat er wieder einmal bewiesen. Und seine Leute auch.“

„Meine Leute sind auch harte Kämpfer“, sagte Bastida unwillig.

„Aber beim letzten Angriff auf die Faktorei haben sie sich blutige Nasen geholt“, sagte de Escobedo hämisch. „Oder etwa nicht?“

Der Fette nahm mit einem Ruck die Tonpfeife aus dem Mund.

„Gib mir noch eine Nacht, Alonzo. Dann setze ich die richtigen Burschen auf diesen deutschen Hundesohn. Und ich schwöre dir, wir werden ihn aus dem Bau herausholen. Und seinen Reichtum an Gold und Silber.“

De Escobedo benagte seine Unterlippe.

„Wir würden zu viele Verluste haben, Gonzalo. Man müßte überlegen, ob man den Kerl nicht am besten doch ausräuchert.“

„Nein“, sagte Bastida energisch und klemmte sich das Pfeifenmundstück wieder zwischen die Zähne. „Wir haben uns darauf geeinigt, grundsätzlich kein Feuer legen zu lassen. Bislang hat das gut geklappt. Ich sehe nicht ein, daß wir diesen Grundsatz auf einmal über den Haufen werfen.“

De Escobedo nickte. Es war nicht einfach gewesen, bei der wilden Meute durchzusetzen, daß nicht gezündelt werden durfte. Die einfältigen Gemüter hatten eben ihre größte Freude daran, ein Bürgerhaus in Flammen aufgehen zu sehen. Bastida und de Escobedo hatten den Kerlen aber nachdrücklich erklärt, daß man sich durch Feuer in den eigenen Finger schnitt. Man wollte schließlich Beute und keine Aschenreste. Das hatten sie begriffen. Es geschah also nicht aus Menschenfreundlichkeit oder Erbarmen mit den Pfeffersäcken, wenn man die Häuser vom roten Hahn verschonte.

„Also gut“, sagte de Escobedo, der bei allem nur das eine Ziel vor Augen sah – nämlich als selbsternannter Gouverneur über Havanna und Kuba herrschen zu können. Voraussetzung waren einfach Tatsachen, die man schaffen mußte. „Dann nehmen wir uns also die Residenz vor.“

Bastida nickte.

„Sehr vernünftig. Aber das schaffen wir nicht mit den Leuten, die wir jetzt haben.“

De Escobedo zog die Stirn kraus.

„Wir brauchen Verstärkung, das ist richtig.“ Er grinste breit. „Aber woher nehmen und nicht stehlen?“

Bastida gab schmatzende Sauggeräusche von sich. Er stellte fest, daß der Tabak abgebrannt war, und legte die Pfeife auf den Tisch.

„Was uns fehlt, ist so eine Art Bestandsaufnahme. Wir wissen überhaupt nicht genau, wie viele Leute wir eigentlich haben. Das beste wäre, ich lasse alle zusammentrommeln, die sich als Kämpfer geeignet fühlen.“

De Escobedo stieß verächtlich die Luft durch die Nase.

„Wie lange soll denn so etwas dauern! Zwei Tage, drei Tage? Nein, mein Lieber, deine Halunken in allen Ehren, aber …“ Er unterbrach sich und sah sein Gegenüber minutenlang starr an. Plötzlich erhellte sich seine Miene. „Jetzt weiß ich es! Verdammt, ich weiß, woher wir unsere Verstärkung kriegen!“

„So?“ entgegnete Bastida zweifelnd. „Da bin ich mal gespannt.“

„Aus dem Gefängnis!“ rief de Escobedo, und es hörte sich regelrecht begeistert an. „Da sitzen die richtigen Kerle, die wir jetzt brauchen. Mit denen werden wir noch schlagkräftiger. Die fürchten weder Tod noch Teufel!“

Bastida winkte geringschätzig ab.

„Ein disziplinloser Haufen, sage ich dir. Noch disziplinloser als meine Leute. Ich prophezeie dir, mit denen wirst du Schiffbruch erleiden.“

De Escobedos Haltung versteifte sich.

„Das kann ich besser beurteilen als du. Schließlich hatte ich das Vergnügen, in dem Rattenloch einsitzen zu dürfen. Du vergißt einen entscheidenden Punkt, Gonzalo. Was ist stärker – Disziplinlosigkeit oder die Aussicht auf Freiheit?“

„Wahrscheinlich letzteres“, gab Bastida zu.

„Siehst du“, sagte de Escobedo triumphierend. „Und da sie nichts zu verlieren haben, werden die Kerle draufhauen, daß die Wände wackeln.“

„In Ordnung, meinetwegen. Aber dazu müssen wir sie erstmal aus dem Gefängnis holen. Wie willst du das anstellen?“

„Zu was habe ich deine harten Kämpfer?“ entgegnete de Escobedo grinsend. „Und wenn wir die Residenz erst einmal gestürmt haben, wird uns die Faktorei von Manteuffels wie ein reifer Apfel in den Schoß fallen.“

4.

In seine zerlumpte Verkleidung gehüllt, kehrte Jussuf an diesem Vormittag des 9. Juli 1595 in die Faktorei zurück. Er benutzte dazu den Hintereingang in einem Moment, in dem sich in der Seitengasse keine Menschenseele aufhielt. Überhaupt waren die Gassen und Straßen erstaunlich ruhig.

Bevor er ins Haus ging, stattete er seinen Brieftauben einen Besuch ab und vergewisserte sich, daß es seinen „Kinderchen“ an nichts mangelte – weder an Futter, Wasser oder Zufriedenheit. Gerade der letztere Umstand, das wußte er, war besonders wichtig für die Einsatzbereitschaft seiner gefiederten Nachrichtenübermittler.

Traurige oder verstörte Täubchen waren absolut ungeeignet für wichtige Aufgaben. Seine schnellen Lieblinge, das hatte Jussuf in jahrelanger aufopfernder Betreuung festgestellt, brauchten so etwas wie ein unumstößliches inneres Gleichgewicht. Sie durften keine Futtersorgen haben und auch keinerlei anderen Kummer. Sie mußten nur ihren Partner im Sinn haben, der im Schlag an der Cherokee-Bucht auf sie wartete.

Aischa, die liebe Kleine, war vor drei Stunden an diesem Morgen losgeflogen, mit der Nachricht Arnes an den Seewolf im Federkielröhrchen. An der Cherokee-Bucht würde Mustafa, ihr Auserwählter, sehr bald in Verzückung geraten. Dann nämlich, wenn sie nach dem Flug von Havanna in den Schlag im Stützpunkt einfiel.

Arne von Manteuffel las bereits im Gesicht des türkischen Taubenvaters, daß sein rascher Erkundungsgang durch die nähere Umgebung der Faktorei niederschmetternd gewesen sein mußte.

Arne und Jörgen Bruhn hielten sich im Kontor auf. Sie hatten alle kaufmännischen Unterlagen zusammengetragen, die vernichtet werden mußten, falls der Pöbel die Oberhand gewinnen sollte. In der Küche war Isabella Fuentes mit den Vorbereitungen für das Mittagessen beschäftigt.

„Draußen ist es sehr ruhig geworden“, sagte Arne, noch in einen Folianten vertieft. „Die Ruhe vor dem Sturm, Jussuf?“ Dann hob er den Kopf und stutzte. „Was ist geschehen?“

Auch Jörgen Bruhn bemerkte den düsteren Gesichtsausdruck des Türken sofort.

„Irgend etwas stimmt mit dir nicht, Jussuf“, sagte er trocken. „Was, zum Teufel, hast du gesehen?“

Jussuf zog sich einen Stuhl heran und ließ sich darauf sinken.

„Könnt ihr euch das nicht vorstellen?“ murmelte er finster. „Ich habe die Hölle gesehen – oder besser, das, was die Hölle übriggelassen hat.“ Seine Stimme versagte. Etwas schien ihm die Kehle zuzuschnüren.

Arnes Blick wurde starr.

„Die Familie Herrera?“ flüsterte er tonlos.

Jussuf nickte. Seine Lippen waren zusammengepreßt und schmal wie ein Strich.

„Sie sind alle tot“, sagte er mit bebender Stimme. „Alle! Señora Herrera, die Hausgehilfinnen, die Kinder! Ja, auch die Kinder! Nicht einmal sie hat die Mörderbrut verschont. Und Señor Herrera hat offenbar versucht, sie noch mit seinem eigenen Körper zu schützen. Es hat nichts genutzt.“ Tränen standen in den Augen des Türken, als seine Stimme erneut erstickte.

Minutenlang herrschte völlige Stille im Kontor der Faktorei.

„Felipe Herrera war ein tapferer Mann“, sagte Arne von Manteuffel dumpf. „Die Bürgerschaft dieser Stadt ist mitschuldig an seinem und seiner Familie Tod. Wenn man seine Vorschläge angehört hätte, wäre es wahrscheinlich zu einem gut organisierten Widerstand gegen den Pöbel gekommen.“

„Du hast davon berichtet“, murmelte Jörgen Bruhn. „In dieser famosen Besprechung hielten sie es für angebracht, einen Adligen als Versammlungsleiter zu wählen. Herrera war ihnen nicht gut genug.“

„Dabei war er der tapferste von allen“, fügte Jussuf hinzu.

„Es gab ein paar andere“, sagte Arne und blickte den Türken fragend an. „Regt sich nirgendwo mehr etwas?“

Jussuf schüttelte den Kopf.

„Sie sind alle tot. Alle. Herrera war für mich der schlimmste Anblick. Weil ich ihn kannte, und weil ich mir vorstellen kann, wie er sich selbst im Augenblick des Todes noch vor die Menschen gestellt hat, die ihm etwas bedeuteten.“

Wieder wurde es still im Kontor des Handelshauses von Manteuffel, das in Wahrheit alles andere war, nur eben kein Handelshaus. Die geschäftlichen Tätigkeiten, die Jörgen Bruhn in seinen Folianten aufzeichnete, waren nur fingiert. Deshalb hatten Arne und Jörgen begonnen, die Vernichtung aller gefälschten Geschäftsunterlagen vorzubereiten. Wenn man gezwungen sein sollte, die Faktorei aufzugeben, dann durfte dennoch nicht ans Licht dringen, was sich hier wirklich abgespielt hatte.

Die Brieftauben waren ein wesentlicher Bestandteil der Tätigkeit des vermeintlichen deutschen Handelsherrn von Manteuffel und seiner Mitarbeiter. Jussufs gefiederten Lieblinge hatten stets zuverlässig jene Nachrichten übermittelt, die Arne und seine Freunde für den Bund der Korsaren ausgekundschaftet hatten.

Jetzt, wenn die Faktorei in Gefahr war, mußte Jussuf auch an seine Tauben denken. Würde man Zeit haben, sie fortzuschaffen, ohne daß ihnen etwas geschah? Oder sollte man sie einfach aufsteigen lassen, in der Hoffnung, daß sie allesamt zur Cherokee-Insel fliegen würden?

Zweifellos würde das letztere die beste Lösung sein, und alle Tauben würden auch zu ihren Partnern in den Schlag finden. Dennoch konnten sich Arne und Jörgen vorstellen, welche Gedanken Jussuf angesichts des zerstörten Handelshauses der Compañia Herrera y Castillo durch den Kopf gegangen waren.

„Wir sind also die letzten Überlebenden“, sagte Arne nach einer Weile. „Der Angriff in der vergangenen Nacht hatte wahrscheinlich den Zweck, auch uns den Rest zu geben. Wir müssen uns vor Augen halten, daß wir für die Horden von jetzt an ein Dorn im Auge sind. Ihre Angriffe werden noch heftiger werden.“

„Zur Zeit ist es erstaunlich ruhig“, sagte Jussuf. „In den vergangenen Tagen, als der Pöbel schon mehr und mehr die Oberhand gewonnen hatte, war auch tagsüber immer irgendwo ein Geplänkel im Gange. Jetzt aber rührte sich nichts. Ich habe den Eindruck, als ob sie sich auf etwas Besonderes vorbereiten. Als ob sie zum großen Schlag ausholen.“

Arne rieb sich das Kinn.

„Du könntest recht haben, Jussuf. Ja, es liegt auf der Hand. Die Stadt und den Hafen haben sie praktisch vereinnahmt. Was ihnen noch fehlt, sind in erster Linie die beiden Forts und die Residenz. Die Forts sind uninteressant, weil es da wenig Beute zu holen gibt. Aber die Residenz! Das ist der Punkt.“

„Da finden sie den versammelten Reichtum“, sagte Jörgen Bruhn und nickte. „Nicht nur die Wertgegenstände im Palast, sondern auch die Sachen, die die Bürger bei sich haben.“

„Vor allem die Señoras“, sagte Jussuf.

„Wie dem auch sei“, sagte Arne, „es mag traurig klingen, aber ein Angriff auf die Residenz könnte uns einen unverhofften Aufschub geben.“

Er brauchte nicht auszusprechen, was er damit meinte. Den Freunden war es klar. An diesem Nachmittag würde die Brieftaube Aischa die Cherokee-Bucht erreichen. Es gab keinen Zweifel für Arne und seine Freunde, daß Hasard und die anderen sofort etwas unternehmen würden, um ihnen in Havanna zu helfen.

Drei Tage konnten darüber vergehen.

Über das, was sich beim Bund der Korsaren in der Cherokee-Bucht abspielte, konnten die Männer in der Faktorei nur Mutmaßungen anstellen. Fest stand aber, daß Hasard keinesfalls seinen „Mann in Havanna“ aufgeben würde. Diese Einrichtung, die ein exaktes Ausspähen aller spanischen Schiffsbewegungen ermöglichte, war für den Bund im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert. Man würde also alles tun, um den als Faktorei getarnten Erkundungsposten beizubehalten.

Arne und seine Freunde ahnten nicht, wie schlagkräftig die Unterstützung sein würde, die innerhalb weniger Stunden ankerauf gehen und Kurs auf Havanna nehmen würde. Sie wußten auch nicht, daß Old Donegal Daniel O’Flynn und seine Mannen von der „Empress of Sea“ vorübergehend verschollen waren, so daß Hasard eine Suchaktion mit der Hilfeleistung für Havanna verbinden würde.

Noch am Nachmittag dieses 9. Juli sollten in der Cherokee-Bucht die „Isabella“, die „Le Griffon II.“ und die „Golden Hen“ in See gehen. Und sie sollten auf die „Empress“ stoßen, die sich ihnen mit Kurs auf Havanna anschließen würde.

Es waren dreißig harte Burschen, mit denen Alonzo de Escobedo am frühen Nachmittag loszog. Er hatte sie ausgesucht, nachdem Bastida nicht mehr als vierzig Männer auf die Beine gebracht hatte. Zehn von den Figuren hatte de Escobedo ausgesondert, weil sie schon am Morgen eine Schnapsfahne gehabt hatten, die beileibe nicht von der vergangenen Nacht herrührte.

Waffen und Munition führte de Escobedos kleine Truppe am Mann und auf Handkarren mit. Er wußte, daß das Gefängnis eine harte Nuß werden würde. Schließlich kannte er es gut genug, wenn auch mehr von innen.

Der Gebäudekomplex lag etwa auf halber Entfernung zwischen Hafen und Residenz mitten im Stadtgebiet. Wie es dem Zweck eines Gefängnisses entsprach, war es festungsartig ausgebaut und weder von innen noch von außen so ohne weiteres zu überwinden. Ein massiver Steinbau, mauerumwehrt und mit wuchtigen Türen und Toren versehen.

Als de Escobedo seiner Truppe auf der Straße vor dem Gefängnis das Kommando „Halt“ gab, erschauerte er unwillkürlich.

Unter dem wolkenverhangenen Himmel von Havanna wirkte das Gefängnis düsterer und bedrohlicher, als er gedacht hatte. Ja, für einen Moment zweifelte er, ob er es sich überhaupt richtig überlegt hatte, als er beschloß, diese Festung anzugreifen. Aber er konnte nicht mehr zurück. Vor seinen eigenen Leuten und vor einem Heer von Schaulustigen hätte er das Gesicht verloren.

Überall in den nahen Gasseneinmündungen drängten sich die Galgenvögel und die Hafendirnen, die sich der de-Escobedo-Mannschaft auf dem Marsch zum Gefängnis angeschlossen hatten. Sie wollten etwas sehen und würden in Verzückung geraten, wenn der Bau gestürmt wurde. Wahrscheinlich würden sie sich aber auch verziehen, sobald die ersten Kugeln durch die Luft flogen.

De Escobedo versuchte, sich einen gedanklichen Überblick zu verschaffen und seine Chancen auszurechnen. Wenn er die stoppelbärtigen und verwüsteten Visagen hinter sich sah, hatte er nicht gerade das beste Gefühl, zumal er wußte, daß sie Flaschen mit Schnaps und Wein auf die Handkarren verladen hatten.

Es hätte keinen Sinn gehabt, das zu verhindern. Sie hatten überall und jederzeit Gelegenheit, sich Alkohol zu verschaffen. Das Problem war nur aus der Welt zu schaffen, indem man blitzschnell aufeinanderfolgende Einsätze befahl. Dann hatten sie keine Zeit, zu den Flaschen zu greifen.

Davor stand aber diese Festung, die ein Gefängnis war.

Natürlich hatten alle hochgelegenen Außenfenster massive Gitter. Keiner der Gefangenen hatte jemals ein solches Gitter beseitigen und ausbrechen können – bis auf die holländische Mannschaft von der „Zeehond“ vor fast einem Jahr. Aber darauf waren die Gitter verstärkt worden. Ebenso brauchte man sich auch gar nicht erst mit dem Gedanken zu befassen, durch ein Fenster in den Bau vorzudringen.

Ein weiteres wesentliches Hindernis war Gefängnisdirektor José Cámpora selbst. Alonzo de Escobedo kannte ihn als einen harten Knochen, der im Umgang mit Gesindel aller Art seine Erfahrungen hatte. Zweifellos würde er nicht vor diesem Haufen kapitulieren, der da vor dem Haupttor seiner Gefängnisfestung Aufstellung genommen hatte.

Früher, als de Escobedo ebenfalls noch auf der Seite von Recht und Ordnung gestanden hatte, war Cámpora in seinen Augen ein pflichtgetreuer Mann mit einem gesunden Rechtsempfinden gewesen. Alles andere als ein Folterknecht, dieser Cámpora. Aber dennoch war er nie zimperlich gewesen. Aufsässige Gefangene hatten von ihm gelernt, was Zucht und Ordnung bedeuteten.

Wie erwartet, hielt Cámpora die Stellung.

Keine Frage, daß es unmöglich gewesen wäre, auch die Gefängnisinsassen in die Residenz zu evakuieren. Zum einen war dort die erforderliche Sicherheit nicht gewährleistet, und zum anderen war die Residenz ohnehin bereits überfüllt.

So war der Gefängnisdirektor Cámpora mehr oder weniger gezwungen, in seinem Bau auszuharren. Bei sich hatte er an die fünfzehn Aufseher, die man auch nicht gerade Waschlappen nennen konnte.

Die Zahl der Gefangenen betrug ungefähr fünfzig. De Escobedo kannte sie zur Genüge. Das war die Hefe aus dem Gossenviertel am Hafen – Langfinger, Trunkenbolde, Herumstreuner, Buschklepper bis hin zu zwei Raubmördern. Mit einigen von ihnen hatte de Escobedo seine eigenen unliebsamen Erfahrungen gemacht.

Seit Ende Mai hatte er in dem verfluchten Bau gesessen, und er war schon so weit gewesen, mit seinem Leben abzuschließen. Seine Mitgefangenen hatten ihn gepeinigt und ihm das Leben zur Hölle werden lassen. Deshalb wußte er nur zu gut, welche Sorte von schrägen Vögeln er jetzt für seine Pläne rekrutieren wollte. Aber er war auf sie angewiesen. Er brauchte ihre Rücksichtslosigkeit und ihre Gier nach Beute. Alles andere zählte im Augenblick nicht.

Alonzo de Escobedo verständigte sich durch ein Nicken mit seinen Leuten und ging auf das Gefängnistor zu.

Der Bedeutsamkeit seines Tuns war er sich bewußt. Hunderte von Augenpaaren beobachteten ihn aus den Gassen heraus. Und er war der unerschrockene, hoch aufgerichtet gehende Mann, der sich in größte Gefahr begab, um sein Ziel zu erreichen.

Er, Alonzo de Escobedo, trat mutterseelenallein auf das Gefängnistor mit den beiden flankierenden Türmen zu. Dabei wußte er, daß dort oben auf den Wehrgängen und hinter den Turmzinnen Gefängniswärter mit schußbereiten Waffen in Stellung gegangen waren. Wenn sie wollten, brauchten sie nur abzudrücken, um ihn zu töten.

Es würde sich in Windeseile herumsprechen, was für ein Kerl er war.

Einem zukünftigen Gouverneur stand es gut zu Gesicht, daß man Geschichten über seine Heldentaten erzählte. Später würde es seine Autorität kräftigen.

Breitbeinig und herausfordernd blieb er stehen. Er stemmte die Fäuste in die Hüften und legte den Kopf in den Nacken.

„Cámpora!“ brüllte er. „Gefängnisdirektor Cámpora! Hören Sie mich?“

Hinter den Zinnen des rechten Turms bewegte sich etwas. Gleich darauf erschien die breitschultrige Statur Cámporas. Sein kantiges Gesicht war auf die Entfernung und in dem trüben Tageslicht nur undeutlich zu erkennen.

„Ergeben Sie sich!“ fuhr de Escobedo fort und strengte sich dabei an, seine Stimme donnernd klingen zu lassen. Es mußte seine „Truppe“ und die Neugierigen beeindrucken. „Öffnen Sie das Tor und übergeben Sie das gesamte Gefängnis meiner Gewalt! Ich bin der rechtmäßige kommissarische Gouverneur von Kuba. Wenn Sie sich meiner Anordnung widersetzen, werde ich den Bau stürmen lassen!“

Alonzo de Escobedo blieb stehen und wartete auf die Wirkung seiner Worte. Täuschte er sich, oder bildete sich da ein verächtliches Lächeln in Cámporas harten Gesichtszügen?

De Escobedo spürte, wie die Wut in ihm zu kochen begann.

5.

„Dieser Kerl ist die Unverschämtheit in Person“, sagte Cámpora gepreßt.

Die beiden Aufseher, die geduckt hinter ihm standen, nickten zustimmend. Auch ihnen war klar, was es bedeutete, wenn dieser Verrückte da unten anfing, seine Drohung in die Tat umzusetzen. Denn daß man das Gefängnis nicht kampflos übergeben würde, stand für jeden einzelnen unter José Cámporas Kommando fest.

„Hören Sie, de Escobedo!“ brüllte der Gefängnisdirektor. „Ich denke nicht daran, auf Ihre Unverfrorenheit einzugehen. Sie werden derjenige sein, der sich ergibt. Ich weise darauf hin, daß Sie nach dem Gesetz immer noch Inhaftierter sind. Sie sind ein Verbrecher, de Escobedo! Ich habe das Recht, Sie auf der Stelle zu erschießen, wenn Sie die Flucht ergreifen sollten!“

Der Mann, der mit aller Macht Gouverneur werden wollte, erbleichte. Vor allem mußte er daran denken, daß die vielen Ohren hinter ihm hörten, was dieser Schwachkopf da oben über ihn faselte. Er ein Inhaftierter! Was für einen Eindruck mußte das auf seine Gefolgeleute machen! Jetzt hieß es erst recht, ihnen zu zeigen, wie man diesen Bau vereinnahmte.

„Sie scheinen nicht ganz richtig im Kopf zu sein, Cámpora!“ De Escobedos Stimme war schrill. „In Havanna bestimmt nur noch einer! Ich! Sie haben noch eine Minute Bedenkzeit. Wenn Sie dann nicht parieren, wird gestürmt!“

José Cámpora konnte nur den Kopf schütteln. Doch er wußte, wie verdammt ernst die Lage werden würde.

„Gebt mir eine Muskete!“ flüsterte er, wandte sich halb um und ließ sich eine Langwaffe in die Hand drücken.

Mit einem Ruck brachte er die Waffe in Anschlag.

„Ergeben Sie sich, de Escobedo!“ brüllte er. „Oder ich schieße!“

Der künftige Gouverneur von eigenen Gnaden zuckte zusammen. Plötzlich wußte er, daß dieser elende Bastard von Gefängnisdirektor es ernst meinte.

De Escobedo warf sich herum und rannte wie von Furien gehetzt.

Die Muskete krachte, und er konnte hören, wie die Bleikugel hinter seinen Hacken auf die Steine knallte und sich zu einem mausgrauen Pfannkuchen abplattete.

Panik befiel ihn. Er lief schneller und schlug Haken wie ein Hase. Er sah die Kerle hinter den Handkarren in Deckung. Einige von ihnen korkten verstohlen Flaschen zu. Sie hatten sich also schon Mut angetrunken.

De Escobedo schaffte es, sich ebenfalls in Deckung zu werfen, bevor Cámpora eine zweite Muskete abfeuern konnte. Die Leute in den Gasseneinmündungen hatten das entwürdigende Schauspiel natürlich beobachtet. Aber sie waren auch um ihre eigene Haut besorgt, hatten sich beim Krachen des Schusses eilends zurückgezogen und harrten jetzt vermutlich in sicherer Entfernung aus.

„Angriff!“ brüllte de Escobedo und schnappte sich eine Muskete vom Karren. „Ausschwärmen und angreifen! Bringt die verfluchten Hurensöhne zur Räson!“

Wider Erwarten gehorchten die Kerle aufs Wort. Noch schienen sie von dem Gedanken beseelt zu sein, daß sie den Bau tatsächlich im Handumdrehen stürmen könnten.

Erste Schüsse krachten aus den Reihen der Angreifer, und de Escobedos ausschwärmende Meute stimmte ein wildes Gejohle an. Es sollte dem Gegner auf den Türmen und Wehrgängen den Mut nehmen.

Cámpora und seine Männer gaben sich indessen keinen Illusionen hin. Sie wußten, um was es ging.

Der Gefängnisdirektor und die Aufseher feuerten gezielt.

Das Gejohle und Gebrüll von der Straße pflanzte sich fort. Im Gefängnis wurden röhrende Stimmen laut. Die Gefangenen hatten begriffen, was sich abspielte, und witterten Morgenluft.

Cámpora wies seine Männer mit knappen Handbewegungen an, sich zu verteilen. Jeweils zwei Mann hielten die beiden Türme besetzt, die übrigen hatten ohnehin bereits zu beiden Seiten auf den Wehrgängen Stellung bezogen. Sie verstanden die Gesten des Gefängnisdirektors und gingen auf jeweils drei Schritte Abstand voneinander.

Den ersten Ansturm schlugen José Cámpora und seine Gefängniswächter beinahe mühelos zurück. Wenige gezielte Musketenschüsse genügten. Drei, vier Verwundete gab es in den Reihen der Angreifer. Sie schrien wie am Spieß und waren offenbar schlagartig ernüchtert. In Windeseile zogen sich de Escobedo und seine gesamte Meute – einschließlich der Handkarren – in die Gasseneinmündungen zurück.

Deutlich war zu erkennen gewesen, daß etliche von den Kerlen unter Alkoholeinfluß standen. Entweder waren das noch die Auswirkungen der vergangenen Nacht, oder sie hatten sich bereits am Morgen wieder Rum, Wein oder Bier in die Kehlen geschüttet.

José Cámpora wurde in diesen Minuten klar, was die Situation für ihn bedeutete. Er mußte kämpfen. Unter keinen Umständen durfte er kapitulieren. Wenn es dem schurkischen de Escobedo und seinen wüsten Kumpanen gelang, die Gefangenen zu befreien, dann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Residenz fiel. Was das bedeutete, bedurfte keiner eindringlichen Erläuterungen.

Der Lärm, der aus den Zellen drang, hielt unvermindert an. Die Gefangenen waren praktisch ohne Aufsicht. Schon als ihm das Anrücken der wilden Horde gemeldet worden war, hatte Cámpora alle verfügbaren Wächter auf die Türme und Wehrgänge beordert. Mit seiner Einschätzung der vermutlich entstehenden Lage hatte er sich nicht getäuscht.

Ihm lief ein Schauer über den Rücken, wenn er an die Frauen und Kinder in der Residenz dachte. Um so mehr wurde ihm jedoch die Verantwortung bewußt, die von dieser Stunde an auf seinen Schultern lastete. Wenn die Residenz nicht mehr gehalten werden konnte und der Rest von Miliz und Stadtgarde aufgerieben wurde, dann war die Katastrophe nicht mehr abzuwenden. Dann würde Havanna in einem Meer von Gewalt untergehen.

Cámpora wußte, wie unfähig und unbeholfen Capitán Marcelo gewesen war, wenn er getrunken hatte. Da sich das bei ihm um einen Dauerzustand gehandelt hatte, durfte man wohl keine weitblickenden Entscheidungen erwarten. Nun, da Marcelo nach einem einzigen vernünftigen Einsatz ausgefallen war und auch seine Offiziere anscheinend nicht mehr Herr der Lage waren, konnte man alle Hoffnung aufgeben.

Schon längst, so sagte sich der Gefängnisdirektor, hätten Kuriere entsandt werden müssen, um die entfernter liegenden Stützpunkte der spanischen Landtruppen oder auch der Marine zu verständigen. Jene, die sich in Havanna gegen den revoltierenden Pöbel verteidigten, brauchten Hilfe von außen.

Wie aber sollte es diese Hilfe geben, wenn niemand außerhalb der Stadt von den katastrophalen Zuständen wußte?

Cámpora spielte mit dem Gedanken, selbst einen Melder loszuschicken. Aber er verwarf die Idee sofort wieder. Er konnte keinen einzigen Mann entbehren. Absoluten Vorrang hatte die Verteidigung des Gefängnisses.

José Cámpora wog die Lage der Dinge gegeneinander ab.

Die Mehrzahl der schätzungsweise dreißig Angreifer war betrunken oder zumindest angetrunken. Das war eindeutig als Vorteil für die Verteidiger zu werten. Andererseits verdeutlichte es aber, was passieren würde, wenn diese entfesselten Kerle über die Residenz herfielen. Der Mob, der sich ihnen in einem solchen Fall anschloß, würde zweifellos noch schlimmer wüten.

Nein, es gab kein Deuteln an der Einschätzung der Situation.

Das Gefängnis mußte gehalten werden.

Es war vorerst der einzige Weg, um die Kerle zu binden und von der Residenz abzulenken.

Der erste Ansturm war absolut unüberlegt gewesen. Das mußte sich de Escobedo jetzt eingestehen, nachdem er die Wartezeit in einem Hauseingang an jener Gassenmündung verbracht hatte, die dem Gefängnisportal gegenüberlag.

Er hatte die Hälfte der Kerle losgeschickt, damit sie Leitern und Taue mit Enterhaken beschafften. Die andere Hälfte, die in Eingängen oder Torwegen in Deckung lag, hatte die Verwundeten verbunden und die Waffen nachgeladen.

De Escobedo hatte in kurzen Abständen zum Gefängnis gespäht. Da waren geschäftige Bewegungen hinter den Turmzinnen und auf den Wehrgängen zu erkennen gewesen. Wahrscheinlich hatten sie zusätzliche Waffen herangeschleppt und ihre Munitionsvorräte ergänzt.

De Escobedo bedauerte, daß er als Gefangener nicht in der Lage gewesen war, auszukundschaften, über welche und wie viele Waffen Cámpora verfügte.

Gedämpfte Schritte näherten sich. Gleich darauf huschte eine Gestalt zu de Escobedo in den Hauseingang. Einer seiner kurzfristig ernannten Unterführer, ein Kerl mit wüstem rotem Haarschopf, Vollbart und geröteten blaßblauen Augen. Er nannte sich Vigo. Mehr wußte de Escobedo nicht über ihn.

„Ausrüstung ist vollständig, Señor Gouverneur“, sagte Vigo grinsend und mit einer spöttischen Betonung des letzten Wortes. „Zehn Leitern und ebenso viele Taue mit Enterhaken.“

De Escobedo rümpfte die Nase, da ihm eine Wolke von Alkoholdunst entgegenwehte. Eine scharfe Zurechtweisung lag ihm auf der Zunge, vor allem wegen der Unverschämtheit des Kerls.

Aber er ließ es. Es war sinnlos. Zur Zeit zählte nur der Kampfeswille seiner Leute. Und er durfte sie nicht selbst dadurch demoralisieren, daß er ihnen auseinandersetzte, welchen Ton sie anschlagen durften und welchen nicht.

„Sehr gut“, sagte er daher nur und nickte anerkennend. „Wir gehen in drei Gruppen vor. Ich führe die mittlere, die von dieser Gasse aus angreift. Du übernimmst den rechten Flügel und Gilberto den linken. Vier Leitern für meine Gruppe und je drei für eure beiden.“

„Jawohl, Señor Gouverneur“, sagte Vigo schnarrend, und wieder klang diese widerwärtige Betonung durch.

Alonzo de Escobedo mußte tief durchatmen, um sich zu beherrschen. Seine erzwungene Flucht vor den Musketenkugeln Cámporas hatte seine noch nicht vollends aufgebaute Autorität natürlich erheblich angekratzt. Das spürte man.

Und Kerle wie Vigo hatten eben keinen Respekt, den mußte man ihnen erst noch beibringen. De Escobedo schwor sich, das nachzuholen, sobald erst einmal Ruhe eingekehrt war.

„Dann los“, sagte er energisch. „Und schärft den Männern ein, daß mit hartem Widerstand zu rechnen ist. Cámpora und seine Kerle haben alles Mögliche herangeschleppt.“

Vigo grinste, versuchte ein militärisches Salutieren und rannte dann los.

Fünf Minuten später brüllte de Escobedo den Befehl zum Angriff. Mit einer Muskete bewaffnet, lief er neben zwei Kerlen, die eine Leiter trugen. Aus den Gassen zur Linken und zur Rechten tauchten die Gruppen der beiden Unterführer auf.

Alle dreißig Kerle stimmten ein wildes Gebrüll an. Augenblicklich fingen hinter den Umfassungsmauern die Gefangenen in ihren Zellen an zu grölen. Nachdem sie vorübergehend leiser geworden waren, begriffen sie jetzt, daß ein erneuter Angriff bevorstand.

Die ersten Schüsse krachten aus den Reihen der Angreifer. De Escobedo hatte den Kerlen eingeschärft, daß sie mit ausreichendem zeitlichem Abstand zu feuern hatten, damit die Leiterträger möglichst unbehelligt die Mauer erreichten. Auch er selbst jagte eine Musketenkugel zu den Portaltürmen hinauf.

Tatsächlich gelang es ihnen, die Verteidiger des Gefängnisses in Deckung zu zwingen. So schien es jedenfalls. De Escobedo ließ seine Muskete fallen und zog die Pistole, während er mit seiner Gruppe die letzten Schritte bis zur Mauer unmittelbar beim Tor zurücklegte. Das Gebrüll der wilden Meute steigerte sich zum Triumph, als die ersten Leitern mit harten Lauten an die Mauern geworfen wurden.

Pistolen krachten jetzt. Die ersten Kerle begannen, die Leitern zu erklimmen.

De Escobedo war selber im Begriff, den Aufstieg zu wagen, als es geschah. Er feuerte seine Pistole auf eine schattenhafte Bewegung hinter einer der Turmzinnen ab. Ohne Erfolg. Die Bewegung war zu schnell gewesen. Im nächsten Moment schien die Hölle über die Angreifer hereinzubrechen.

Blitzartig tauchten die Verteidiger hinter den Zinnen am Wehrgang auf.

De Escobedo erschrak bis ins Mark, als er die trichterförmigen Laufmündungen sah. Blunderbusse und Tromblons!

Die breitstreuenden Waffen krachten in rascher Folge.

Markerschütternde Schreie gellten. Das triumphierende Gebrüll war wie abgeschnitten, und auch im Gefängnis wurde es schlagartig still.

Abermals krachten mehrere Schüsse in schneller Abfolge. Die schwirrenden Ladungen gehackten Bleies trieben die Meute auseinander. Gleich darauf blitzten Säbelklingen oberhalb der Mauerkrone. Die wenigen Kerle, die es auf ihren Leitern bis oben geschafft hatten, wurden mit fürchterlichen Hieben zurückgeworfen. Die Schmerzensschreie schienen kein Ende nehmen zu wollen.

De Escobedo sprang von der Leiter.

„Rückzug!“ brüllte er, obwohl es ihn höllische Anstrengung kostete, das Wort über die Lippen zu bringen. Schon wieder ein Fehlschlag, dachte er, als er losrannte. Er mußte an Vigo und seine spöttische Betonung des Wortes Gouverneur denken.

Die Schüsse von den Wehrgängen und Zinnen verklangen.

Keuchend erreichten de Escobedo und seine Horde die Deckungen im Bereich der Gasseneinmündungen. Auch aus den Gefängniszellen war jetzt kein Laut mehr zu hören.

Vigo und Gilberto, ein drahtiger Mann mit aschblondem Haar und pockennarbigem Gesicht, rannten in den Torweg, den sich de Escobedo diesmal ausgesucht hatte.

Vigo blutete aus einer leichten Säbelwunde an der linken Wange.

„Einige hat es schlimmer erwischt“, sagte er bissig.

„Und es hat die ersten Toten gegeben“, fügte Gilberto hinzu. „Warum hast du uns verschwiegen, daß die Hundesöhne Blunderbusse und Tromblons haben, Señor Gouverneur?“

Alonzo de Escobedo biß die Zähne zusammen und ballte die Hände zu Fäusten, ohne daß die beiden Unterführer es sehen konnten. Auch Gilberto machte sich über ihn lustig, indem er ihn als Gouverneur anredete – in haargenau dem gleichen Tonfall, zu dem auch Vigo sich erdreistete.

Es gelang ihm noch einmal, sich zu beherrschen.

„Wie sollte ich das wohl wissen?“ sagte er fauchend. „Der sehr ehrenwerte Gefängnisdirektor Cámpora geruht nicht, seine Zelleninsassen darüber zu informieren, wie es in seiner Waffenkammer aussieht. Klar?“

Vigo und Gilberto wechselten einen Blick.

„Klar“, sagte der Rotbärtige dann. „Da bin ich mal gespannt, mit welchen Überraschungen wir noch zu rechnen haben.“

„Ein Spaziergang ist die ganze Sache jedenfalls schon nicht mehr“, sagte Gilberto erbost.

De Escobedo platzte der Kragen.

„Wer hat gesagt, daß dies ein Spaziergang wird?“ schrie er.

„Bastida“, entgegnete der Aschblonde trocken.

„Und er hat gesagt, daß du es gesagt hättest, Señor Gouverneur“, fügte Vigo mit einem Grinsen hinzu, das seine Säbelwunde auf furchterregende Weise verzerrte.

„Wie kommt er dazu!“ rief de Escobedo empört. „Er hat von militärischer Taktik nicht die leiseste Ahnung und behauptet so einen Blödsinn. Außerdem werde ich ihn mir vorknöpfen. Ich lasse mir nicht solchen Unsinn in den Mund legen. Damit das klar ist: Ich habe nie von einem Spaziergang gesprochen.“

„Schon gut, schon gut“, sagte Gilberto abwinkend. „Reg dich nicht künstlich auf, Señor Gouverneur.“

Vigo nickte beipflichtend.

„Sag uns lieber, wie es jetzt weitergehen soll. Welche militärische Taktik wendet der Fachmann jetzt an?“

De Escobedo schätzte sich glücklich, so ganz nebenbei schon eine Idee geboren zu haben. Daher klang es für die beiden Unterführer so, als brauche er die Einfälle nur aus dem Ärmel zu schütteln.

„Mit einem Angriff auf herkömmliche Weise funktioniert es nicht“, sagte er. „Deshalb müssen wir es anders versuchen. Wir werden das Gefängnistor sprengen.“

Die beiden Unterführer starrten ihn verblüfft an.

„Wie sollen wir denn das anstellen?“ Tief Gilberto. „Bevor wir am Tor sind, haben die uns mit ihren verfluchten gehackten Ladungen längst erledigt.“

„Unmöglich“, sagte Vigo überzeugt.

Diesmal war es de Escobedo, der spöttisch grinste und auch einen entsprechend herablassenden Ton anschlug.

„Keiner von uns wird die Pulverladungen einfach in die Hand nehmen und damit zum Tor marschieren. Ein paar Kleinigkeiten muß man sich schon einfallen lassen.“ Mit kurzen Sätzen schilderte er den beiden Kerlen, wie er sich den Plan dachte, und er genoß es, daß sie immer andächtiger zuhörten.

Ihre Verblüffung schlug in glattes Staunen um.

6.

José Cámpora hatte unterdessen längst bemerkt, daß die Angreifer etwas Neues ausheckten. Und wenig später, als er sah, wie sie einen ihrer Handkarren in der Gasse präparierten, wußte er Bescheid.

Er gab Befehl, die Drehbassen heranzuschaffen. Zehn Mann wurden dafür abkommandiert, während die übrigen auf den Wehrgängen die Stellung hielten.

Jeweils fünf Mann reichten eben aus, um eins der Hinterladergeschütze zu transportieren. Mittels eines Ladebaums wurden zunächst die stativartigen schweren Drehbeine aus Eisen auf die Portaltürme gehievt. Anschließend wurden Rohre und Munition heraufbefördert.

Im Gegensatz zu jenen Drehbassen, die an Bord der Schiffe meist in schwenkbaren Halterungen an den Verschanzungen fixiert wurden, hatten die im Gefängnis verfügbaren Hinterlader ihre besonderen Vorteile dadurch, daß sie an nahezu jeden beliebigen Ort getragen werden konnten. Ihre Gabel für Höhen- und Seitenschwenkung ruhte mit dem Zapfen auf dem Stativ, das gewichtsmäßig so bemessen war, daß es beim Schuß nicht umkippen konnte.

Innerhalb von wenigen Minuten waren beide Geschütze einsatzbereit.

José Cámpora harrte auf seinem ursprünglichen Platz auf dem Turm aus und beobachtete voller Spannung, was sich da in der Gasse gegenüber anbahnte.

Der Karren setzte sich in Bewegung, und schon nach den ersten Schritten der beiden Kerle, die ihn schoben, wurde die Absicht deutlich.

Vorn auf dem Karren befanden sich fünf Pulverfässer mit glimmenden Lunten. Unmittelbar dahinter waren Sandsäcke aufgeschichtet. Damit sollten die Kerle geschützt werden, die den „Kampfwagen“ schoben.

Cámpora setzte ein grimmiges Lächeln auf. Die Drehbassen hatten sich in der Waffenkammer befunden, damit sie notfalls bei einem Gefangenenaufruhr eingesetzt werden konnten. Daß sie sich jetzt für einen völlig anderen Zweck bewähren sollten, hätte er niemals für möglich gehalten.

Er begnügte sich mit der Drehbasse, die auf seinem Turm stand, und ließ es sich nicht nehmen, sie eigenhändig auszurichten.

Er ließ die Kerle mit dem Pulverkarren fünf Schritte zurücklegen. Damit hatten sie noch nicht einmal die Straßenmitte vor dem Gefängnistor erreicht, und sie hatten ebenfalls noch keine Gelegenheit gehabt, überhaupt zu erkennen, was ihnen blühte.

Der Aufbau der Drehbassen war unauffällig genug vonstatten gegangen.

Cámpora stieß die Lunte ins Zündloch. Das Kraut zischte.

Im nächsten Atemzug donnerte der Hinterlader los. Eine yardlange Mündungsflamme leckte aus dem Rohr. Die Ladung aus gehacktem Blei und scharfkantigen Eisenstücken raste gebündelt auf die Pulverfässer zu.

Die beiden Kerle hinter den Sandsäcken brachten nicht einmal mehr einen Entsetzensschrei heraus.

Eine haushohe Stichflamme zuckte senkrecht aus den auseinanderwirbelnden Trümmerteilen der Pulverfässer. Das Brüllen der Detonation hallte wie Donner von der Gefängnismauer wider und pflanzte sich rollend durch die Gassen fort. Fast hatte es den Anschein, als würden die Häuser in unmittelbarer Umgebung erbeben oder gar einstürzen.

Die beiden Karrenschieber waren zu Boden geschleudert worden, hatten es aber einigermaßen heil überstanden. Schreiend rappelten sie sich auf und flohen zurück in die Gasse.

De Escobedo schrie Verwünschungen, hämmerte mit den Fäusten gegen die Hausmauer und wünschte sich ein Loch im Erdboden, in das er versinken konnte.

Im Hinterhof, in den der Torweg mündete, harrten die Kerle aus, die zu seiner Gruppe gehörten. Erstaunt blickten sie herüber, als sie das Wutgeschrei ihres Anführers hörten. Einige grinsten unverhohlen.

De Escobedo bemerkte, daß ihn auch Vigo und Gilberto geringschätzig anstarrten. In ihren Mienen las er jedoch noch etwas anderes. Es war Zorn, Zorn auf ihn.

Er verstummte, denn er begriff, daß sie sich allesamt über ihn mokierten. Diese Meute war eben nicht mit Soldaten oder Gardisten zu vergleichen, die gelernt hatten, was Disziplin war. Hier konnte man nicht einfach aufgrund seines Ranges darauf pochen, daß man mit dem gebotenen Respekt behandelt wurde. Hier mußte man sich jeden Tag, ja, jede Stunde von neuem durchsetzen.

Er stieß sich von der Mauer ab, ließ die beiden Unterführer einfach stehen und ging mit wenigen schnellen Schritten auf die Kerle im Hinterhof zu. Acht Mann. Seine Gruppe war bereits kleiner geworden, mußte er feststellen. Er ließ sich jedoch sein Erschrecken darüber nicht anmerken.

Die Kerle hockten auf dem Boden, einige auf leeren Kisten. In der Mitte ihres lockeren Kreises standen Rumflaschen. Ihre Gesichter veränderten sich und wechselten von Spott und Geringschätzung in ein offenes Fragezeichen über.

Auf der kurzen Distanz prägte er sich jenen Kerl genau ein, der am unverschämtesten gegrinst hatte. Ein untersetzter Bursche mit einem speckigen Barett auf dem Kopf und einem dreckverschmierten Gesicht voller Bartstoppeln.

Breitbeinig blieb de Escobedo stehen. Er verschränkte die Arme vor der Brust und blickte herrisch auf seine Gruppe hinunter.

Ihre Gesichter spiegelten auf einmal Unsicherheit, gemischte Gefühle zumindest. Innerlich grinste er. Natürlich konnten sie sich keinen Vers darauf bilden, was seine plötzliche selbstsichere Anführerpose bedeutete.

Hinter sich hörte er die Schritte von Vigo und Gilberto, die sich langsam näherten.

Durch die Gasse hallten die Schritte der beiden Pulverkarrenschieber, die in panischer Hast in einem der gegenüberliegenden Hauseingänge verschwanden.

„Ich sehe, ihr nutzt die Zeit, um ein bißchen zu trinken“, sagte de Escobedo mit sachlich klingender Stimme. Nicht im geringsten war herauszuhören, ob er die Tatsache mißbilligte, ob sie ihm einerlei war, oder ob er darüber gleich in einen Wutausbruch verfallen würde.

Die Unsicherheit der Kerle wuchs.

„Auf den Schreck brauchten wir einen kleinen Schluck“, sagte einer, ein hagerer Bursche mit strähnig herabhängendem Haar. Sein linkes Auge war geschlossen, was von einer Messernarbe herrührte, die sich von der Stirn schräg über das Auge hinweg bis zum Unterkiefer hinzog.

„Auf welchen Schreck?“ entgegnete de Escobedo scheinbar begriffsstutzig.

Die Kerle runzelten die Stirn.

„Na, darauf, daß sie uns vor der Gefängnismauer fast zusammengeschossen und in Stücke gesäbelt haben“, sagte der mit dem geschlossenen Auge schließlich. Anklagend deutete er auf einen anderen, der ihm gegenübersaß und dessen rechte Schulter von einem dicken Verband umhüllt war. „Sehen Sie sich seine Säbelwunde an, Señor Gouverneur! Und er ist verdammt nicht der einzige.“

„Ach“, sagte de Escobedo sarkastisch, „und das ist ein Grund, sich gleich wieder Schnaps durch den Rachen laufen zu lassen?“

„Einen Grund zum Feiern findet man immer“, sagte eine andere glucksende Stimme.

Es war der Untersetzte mit dem Barett.

De Escobedo bückte sich blitzartig, packte mit krallenartigen Händen zu und riß ihn aus dem renitenten Kreis der Rumtrinker heraus.

Der Mann quiekte wie ein soeben gefangenes Ferkel. Die anderen sahen erschrocken aus, völlig verblüfft.

Es war genau die Wirkung, die de Escobedo beabsichtigt hatte. Er zog den Untersetzten zu sich heran, hielt ihn mit der Linken am Kragen und versetzte ihm zwei Maulschellen, die wie lautes Schmettern klangen. Der Kopf des Kerls flog hin und her. Er wollte die Arme hochreißen, um sich zu schützen.

De Escobedo deutete es absichtlich falsch.

„Was?“ brüllte er. „Du greifst mich auch noch an? Du wagst es, dich einer Maßregelung zu widersetzen?“

Der andere heulte etwas, was aber in den nächsten beiden Ohrfeigen unterging. Das Barett flog davon, und sein fast kahler Schädel erschien.

De Escobedo wußte, daß er gegen den kräftigen Burschen unter normalen Umständen keine Chance gehabt hätte. Aber er mußte das Überraschungsmoment nutzen – und die Tatsache, daß der Strolch doch gewisse Skrupel hatte, sich zur Wehr zu setzen. Alonzo de Escobedo zeigte in diesem Moment, wie er es seinerzeit geschafft hatte, Stadtkommandant zu werden. Tücke, Hinterlist und das Erkennen von Vorteilen – so blitzschnell, daß kein anderer mitkam.

Genau das kriegte der Untersetzte zu spüren. Mit zwei, drei gemeinen Hieben trieb de Escobedo ihn vom Kreis der anderen weg, nach links in den Hinterhof hinein.

Es mußte so schnell gehen, daß sie gar nicht erst zur Besinnung gelangten.

Er stellte es so an, daß keiner der anderen sehen konnte, wohin er schlug. Seine Hiebe erfolgten ohne erkennbaren Bewegungsansatz, und der Untersetzte hatte keine Chance, ihnen auszuweichen, da er bereits ins Wanken geraten war. De Escobedo traf ihn an den empfindlichsten Stellen.

Der Mann schrie immer schmerzerfüllter. Seine Stimme steigerte sich zu einem schrillen Diskant.

„Aufhören!“ brüllte jemand.

Vigo, der Unterführer.

De Escobedo gab dem Schreienden mit einem letzten niederträchtigen Hieb den Rest. Der Untersetzte klappte gurgelnd zusammen, schlug hin, krümmte sich und streckte sich dann, als er das Bewußtsein verlor.

De Escobedo wirbelte herum.

Vigo stand vor ihm. Drohend. Drei Schritte abseits Gilberto. Die Gesichter der Kerle im Kreis waren noch immer starr vor Erschrecken. Ein Grinsen kerbte sich in de Escobedos Mundwinkel, als er sah, daß die Rumflaschen verschwunden waren. Sie befürchteten offenbar, daß er sie ihnen wegnehmen würde. Gut so. Seine Autorität war wieder gewachsen. Er würde sie weiter ausbauen, und zwar mit unnachgiebiger Härte.

„Was soll der Unsinn!“ rief der Rotbärtige scharf. „Einfach einen Mann zusammenschlagen! Wozu?“

De Escobedo antwortete laut und deutlich, so daß vor allem auch die am Boden Hockenden es hörten.

„Der Mann hat soeben eine disziplinarische Strafe erhalten. Er weiß, warum. Er hat sich herausgenommen, einen Vorgesetzten zu verhöhnen.“

„Was für einen Vorgesetzten?“ schrie Vigo begriffsstutzig.

„Mich“, erwiderte de Escobedo knarrend. „Und damit das ein für allemal klar ist! Ich dulde ab sofort keine Unverschämtheiten mehr. Ein Untergebener hat sich über seinen Vorgesetzten nicht lustig zu machen, verstanden? Jeder Verstoß gegen diese Vorschrift wird mit unnachgiebiger Härte geahndet.“

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