Kitabı oku: «Seewölfe Paket 27»

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Impressum

© 1976/2019 Pabel-Moewig Verlag KG,

Pabel ebook, Rastatt.

eISBN: 978-3-95439-995-6

Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de

Inhalt

Nr. 521

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 522

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 523

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 524

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 525

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 526

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 527

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Nr. 528

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 529

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 530

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 531

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 532

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 533

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 534

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 535

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 536

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 537

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 538

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 539

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 540

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10


1.

Ihre vorläufige Rettung hatten die Seewölfe nur der Tatsache zu verdanken, daß ganz überraschend ein Vulkan ausgebrochen war. Sie hatten die Verwirrung der spanischen Bewacher genutzt, die voller Panik hin und her rannten, und waren geflüchtet.

Das Schiff, das sie den Spaniern nach kurzem Kampf abgenommen hatten, hieß „Santa Barbara“ und war eine dreimastige Galeone, bestückt mit je sechs Culverinen an Backbord und Steuerbord und zwei Drehbassen vorn und achtern.

Das war auch so ziemlich alles, was sie bis jetzt über das Schiff wußten. Bisher hatten sie es bei ihrer Gefangennahme durch die Spanier meist nur aus der Ferne gesehen. Ob die Galeone ein gutes oder schlechtes Schiff war, ließ sich jetzt noch nicht beurteilen. Das mußte sie erst noch unter Beweis stellen. Aber sie lief jetzt ganz gut, und das zählte im Augenblick, in dem alles in Panik und Aufruhr war und die Hölle entfesselt tobte.

Ein Großteil der Seewölfe hatte sich auf dem Achterdeck der „Santa Barbara“ versammelt. Dort stand Pete Ballie am Ruder, klein, aber ungemein stämmig und mit Fäusten so groß wie Ankerklüsen. Pete war der Gefechtsrudergänger für extreme Situationen, auf die er sich hervorragend verstand. Auch jetzt war er nicht aus der Ruhe zu bringen, als der Krach immer lauter und wilder wurde. Eine gewaltige Explosion löste die andere ab.

Das spanische Fort mit dem Gefangenenlager war nicht mehr zu erkennen. Möglicherweise existierte es nicht mehr.

Aus dem Landesinneren stiegen krachend Feuersäulen in den Himmel. Sie waren von schwarzgrauer Asche begleitet, die pilzförmig aufwallte, immer höher stieg und sich in alle Richtungen verteilte.

Gleichzeitig wurde der Himmel immer finsterer, als die schwarze Asche höher hinaufgeschleudert wurde.

Wo der überraschende und gewaltige Vulkanausbruch stattfand, war nicht genau festzustellen. Die zerplatzenden Feuersäulen deuteten jedoch darauf hin, daß die glühende Magma weiter aus dem Landesinneren hochgeschleudert wurde.

Der Küstenstrich verfärbte sich immer mehr. Weißlichgelb war der Lavastrom, dann wurde er glühend rot und senkte sich wie Millionen bunter Farbtupfer langsam nach unten. Es sah aus, als seien dort Hunderttausende von chinesischen Brandsätzen gleichzeitig gezündet worden.

Die Seewölfe hatten nach ihrer überstürzten Flucht nur das retten können, was sie am Leib trugen. Das waren Hemd, Hose, Stiefel und Gürtel. Auf den ersten Blick war das nicht viel, aber die Gürtel, denen die Spanier keine Beachtung geschenkt hatten, waren mehr als wertvoll. In sie hatte der alte Segelmacher Will Thorne Goldstücke und Perlen eingenäht, sozusagen als „eiserne Reserve“ für die Reise ins Land des Großen Chan, zu dem sie segeln wollten.

So war es geplant gewesen, doch jetzt sah alles ganz anders aus. Sie befanden sich auf der Flucht vor einem immer gewaltiger werdenden Vulkanausbruch. Ob sie den mit heiler Haut überstehen würden, war eine Frage, die augenblicklich jeden einzelnen stark beschäftigte.

„Himmel, Arsch und Vulkanausbruch“, fluchte der Profos auf dem Achterdeck. „Warum segelt dieser quergebraßte Windbeutel nicht schneller? Jetzt kriegt das Tantchen schon mächtig Feuer unter das Röckchen, und trotzdem läuft sie wie ein krummbeiniger Schellfisch durchs Wasser. Nicht mehr lange, und uns fliegen die Lavabrocken auf den Schädel.“

Niemand gab eine Antwort. Carberrys Worte, obwohl laut gebrüllt, gingen in der dröhnenden Kanonade fast unter. Die anderen wünschten sich ebenfalls sehnlichst, daß das „Tantchen“ schneller segeln möge, obwohl sie ihr Bestes gab. Sie rannte fast durch die See, aber angesichts der feurigen Bedrohung erschien das allen sehr langsam.

Achteraus wurde der Himmel pechschwarz. Über dem Land lag tiefste Finsternis, die nur durch das rote und immer wieder aufflackernde Glühen erhellt wurde. Nach jedem Ausbruch war ein entsetzlich lautes Donnern und Krachen zu hören.

Auch das Meer geriet immer stärker in Aufruhr. Das Wasser brodelte und zischte und übertrug die Vibration auf den Schiffsrumpf, der immer härter erzitterte. Das in der Luft liegende Rumoren nahm kein Ende mehr.

Vor ihnen lag die offene See, das Meer, das die Rettung versprach, während hinter ihnen alles in Schutt und Asche, Feuer und Rauch verging.

Es war ein schaurig-schönes Naturschauspiel, sofern man nicht selbst davon betroffen war. Aber für das Schauspiel hatten sie keinen Blick übrig. Sie sahen nur die rettende Weite vor sich.

Die ersten Brecher donnerten am Bug hoch und überzogen Back und Kuhl mit salziger Gischt. Die anrollenden Wellen wurden größer und höher und walzten hart heran.

Jetzt, nachdem sie den Golf von Tehuantepec hinter sich hatten, ließ Hasard die „Santa Barbara“ auf Westkurs gehen. Das hatte den Vorteil, daß sie raumschots segeln konnten. Der Dreiviertelwind fiel schräg von achtern ein. Dadurch wurde das Tantchen etwas schneller.

Alle Augenblicke drehte sich jemand um und sah nach achtern. Solch ein Blick wurde jedesmal von einem harten Schlucken begleitet. Dabei vergingen selbst dem Profos seine Sprüche. Er zuckte zusammen und stieß Ben Brighton an.

„Jetzt geht es erst richtig los“, sagte er beklommen.

Eine riesige Feuersäule stieg senkrecht nach oben. Noch bevor sie den Scheitelpunkt in der qualmenden Schwärze erreichte, begann das wilde Brüllen und Grollen, als würde die Erde zerrissen und in ihre Bestandteile zerfallen. Diesmal wurden die glühenden Brocken extrem hoch und weit geschleudert. Tausende von Tonnen rotglutenden Gesteins fielen aus großer Höhe ins Meer. Wenn die Brocken aufschlugen, stiegen gigantische Wassersäulen auf, die dampfend und brodelnd nach oben strebten. Gleichzeitig legte sich über den Golf ein endlos langer Vorhang aus dichtem Nebel. Das Farbenschauspiel wurde immer schauriger, als die Natur sich in wilder Wut austobte.

Meilenweit regneten kleinere Brocken ab. Mit häßlichem Sirren zischten sie durch die Luft – Feuerbälle, die Kanonenkugeln ähnelten, aber viel schneller und von größerer Durchschlagskraft waren.

Jetzt heulten und pfiffen sie heran, beobachtet von Männern, denen das Grauen in den Gesichtern stand, denn sie waren dem höllischen Bombardement absolut hilflos ausgeliefert.

Ein paar hundert Yards entfernt von der „Santa Barbara“ heulte ein glühender Lavabrocken ins Meer. Dampf zischte hoch, hinter dem eine gewaltige Wassersäule aufwuchs. Dann entstanden wie hingezaubert immer mehr Wassersäulen in der See.

Die Seewölfe zogen die Köpfe ein. Mac Pellew verschwand mit einem wilden Satz unter einem Niedergang und duckte sich.

Hasard hielt sekundenlang die Luft an, als sich der Feuerregen bis auf knapp zwei Kabellängen näherte. Wie gewaltige Kanonenkugeln rauschten die Brocken ins Wasser.

Jeden Augenblick konnte das Schiff getroffen werden. Was dann geschah, mochte sich Hasard erst gar nicht ausmalen. Er hoffte nur inbrünstig, daß sie davon verschont blieben. Bei der wildbewegten See hätten sie nicht einmal das Boot aussetzen können, ohne daß es auf der Stelle gekentert wäre, ganz davon abgesehen, daß sie auch dann noch lange nicht in Sicherheit waren.

Achteraus schlug es ebenfalls noch ein paar Male unter lautem Tosen ein. Ein Dutzend weiterer Wassersäulen stieg an Backbord aus dem Meer. Aber das waren nur noch kleinere Brocken.

Als die „Santa Barbara“ wie durch ein Wunder vorerst verschont blieb, atmeten alle erleichtert auf.

„Die ‚Santa Barbara‘ macht ihrem Namen alle Ehre“, sagte der Kutscher zufrieden. „Immerhin ist sie ja die Schutzheilige der Artillerie. Vielleicht haben wir deshalb den Feuerzauber so gut überstanden. Zudem ist sie noch die Schutzpatronin der Bergleute, der Gefangenen und der Glöckner.“

„Der Glöckner auch?“ fragte Carberry. „Dann paßt ja alles bestens zusammen. Wir haben ja auch keins auf die Glocke gekriegt, und als Gefangene hat sie uns auch gut beschützt. Immerhin sind wir den Dons entkommen. Sie scheint ein braves Mädchen zu sein.“

Er grinste schon wieder ein bißchen, der Profos, wenn es auch noch reichlich schief aussah.

Das Meer rauchte immer noch an jenen Stellen, wo die glühenden Steine hineingeflogen waren. An manchen Stellen waren Nebelgespinste entstanden. Wie winzige kleine Inseln sahen sie aus.

Der nächste Ausbruch erfolgte eine halbe Stunde später. Die Rauchsäule über der Ausbruchstelle war etliche Meilen hoch. Ganz oben war der Himmel von schwefelgelber Farbe, die sich jetzt auch auf das Meer auszuwirken begann. Es war nicht mehr tintenblau, es war grün und gelblich und an einigen Stellen tiefschwarz. Die immer höher steigende Aschewolke begann das Sonnenlicht zu verdrängen, bis ein diffus wirkendes Dämmerlicht entstand. Auch die paar Wolken hatten sich verfärbt und zogen unheilschwanger dahin.

Nach dem Ausbruch hüllte sich der achteraus liegende Küstenbereich in undurchdringlichen Nebel. Lautes Zischen war zu hören, wenn das glühende Gestein im Meer verdampfte.

Wieder sahen sie zum Himmel, wo es Feuer nach allen Seiten regnete. In die See schlug ein pausenloser Hagel kleinerer Trümmer. Es wirkte, als würden tausend Drehbassen gleichzeitig ihr gehacktes Blei und Eisen ins Wasser feuern.

Als das Brüllen und Donnern verklang, war nur noch ein dumpfes Grollen zu hören.

„Ich glaube, wir sind aus dem Gröbsten heraus“, sagte der Seewolf. „Die Glutbrocken werden uns nicht mehr erreichen. Wir bleiben vorerst auf Westkurs, um den Wind besser auszunutzen. Möglicherweise steht ja noch ein größerer Ausbruch bevor. Ich weiß es nicht, die Natur ist unberechenbar.“

Pete Ballie blickte stirnrunzelnd auf den Kompaß. Dann kratzte er sich mit der linken Hand verblüfft den Schädel.

„Das Ding spielt verrückt“, sagte er kopfschüttelnd. „Die Kompaßnadel benimmt sich wie damals vor Bornholm. Ob hier das gleiche Phänomen herrscht?“

Hasard beugte sich ebenfalls über den Kompaß und beobachtete die Nadel, die in wilden Kreisen hin- und zurückschwang.

„Vermutlich hängt das mit dem Ausbruch zusammen“, meinte er. „Das wird sich nach einer Weile sicher wieder legen.“

Der Kompaß befand sich in einem hölzernen Gehäusekasten dicht vor dem Ruder, das wiederum fast unmittelbar vor dem Besanmast stand. Der Kompaß selbst war reich verziert und mit vielen Schnörkeln versehen. Es war noch ein älteres Modell und wirkte auf den ersten Blick sinnverwirrend.

„Wenn wir uns auf der ‚Santa Barbara‘ erst einmal richtig umgesehen haben, dann werden wir den Kompaß umbauen und besser sichern“, meinte Hasard. „Die Dons sind mit diesem wichtigen Instrument viel zu sorglos umgegangen. Nicht einmal eine Abdeckung ist da. Vorerst aber haben wir andere Sorgen.“

Die See ging immer noch hoch. Brausend rasten Wellen heran, die schräg von achtern aufliefen und über die Kuhl tobten, seit sie den Kurs geändert hatten.

Nach zwei weiteren Stunden war das Land nicht mehr zu sehen. Nur eine unheimliche und riesige Rauchwolke stand über der Küste, ein gigantischer Pilz, der sich weiter und weiter ausdehnte.

Am Nachmittag hatte sich das Meer wieder beruhigt. Aus den Wellen wurde eine langrollende Dünung. Aber das ferne Grollen war noch zu hören als Zeichen, daß die Erde bebte.

Die Sonne war hinter einem Schleier aus graugelbem Dunst verschwunden. Sie glich einem verzerrten Ball. Ihre Strahlen waren nicht in der Lage, das diffuse Halbdämmer zu durchdringen.

Sie segelten auf Westkurs weiter. Die Kompaßnadel hatte sich inzwischen beruhigt und pendelte nur noch leicht. Sie wollten soviel Abstand wie nur möglich zur Küste gewinnen, um nicht wieder in Gefahr zu geraten.

Der Seewolf spielte auch mit dem Gedanken, auf diesem Kurs gleich weiter nach China zu segeln, denn aus diesem Grund waren sie ja mit der „Isabella“ und „Eiliger Drache“ aus dem Stützpunkt ausgelaufen.

Allerdings hatte sich in der Zwischenzeit einiges geändert, was nicht einkalkuliert war.

Zuerst aber mußten sie weg, denn da war der gewaltige Ausbruch, und da waren auch die Spanier, denen sie nicht wieder in die Hände fallen wollten.

Aber dann kam doch alles wieder einmal ganz anders, als sie sich das vorgestellt hatten.

2.

Das Verhängnis begann bei ruhiger See mit einer harmlos erscheinenden Fumarole, einer Gas und Dampf aushauchenden unterseeischen Blase, die an der Oberfläche zerplatzte.

Die „Santa Barbara“ bewegte sich nur noch langsam durchs Wasser. Aus der Backstagsbrise war inzwischen ein laues Lüftchen geworden. Der Himmel war immer noch von diffuser Farbe, der Stand der Sonne ließ sich nur annähernd vermuten.

„Geisterdämmerung“, sagte Old O’Flynn, der unbehaglich die Schultern hochzog und sich mißtrauisch nach allen vier Himmelsrichtungen umblickte. „Ich sage euch, da ist was im Gange. Vor ein paar Stunden noch ging fast die Welt unter, und jetzt ist es so unheimlich ruhig geworden. Das gefällt mir überhaupt nicht. Außerdem knistert mein Holzbein. Das hat es auch noch nie getan.“

„Vielleicht wird es sich bewurzeln und neu ausschlagen“, meinte der Profos. „Du mußt es von jetzt an immer kräftig gießen.“

Der Alte, kürzlich Vater eines strammen Söhnchens geworden, fand das gar nicht lustig, was Carberry wieder behauptete. Er fühlte sich in seiner Haut plötzlich nicht mehr wohl. Aber statt auf dem Stützpunkt zurückzubleiben, hatte er die Reise nach China um jeden Preis mitmachen müssen.

„Du redest nur Stuß“, brummte er, „aber ich meine das ernst.“

„War auch nicht so gemeint“, lenkte Edwin Carberry ein. „Wollte nach dem Erdbeben nur die Stimmung ein bißchen auflockern. Aber du hast recht mit der eigenartigen Stimmung.“

Jeder an Bord spürte es. Diese unheimliche Ruhe, der weiter abflauende Wind, das geisterhafte Tageslicht, das alles wirkte bedrückend. Hinzu kam noch ein eigenartiger Geruch, der in der Luft hing und sich nicht definieren ließ.

„Riecht so, als wäre der Satan persönlich erschienen“, sagte Old O’Flynn schnuppernd. „Oder stinkt diese Galeone so?“

Der Kutscher beruhigte die besorgten Gemüter jedoch gleich.

„Das ist ein typischer Schwefelgeruch, weiter nichts. Bei Vulkanausbrüchen riecht es oft nach dem Zeug. Es steigt hoch in die Luft, verbreitet sich und senkt sich wieder mit der Asche. Das kann noch ein paar Tage dauern.“

Die meisten hatten sich jetzt zum Palavern auf der Kuhl versammelt. Zwar sollte erst die „Santa Barbara“ von vorn bis achtern und von oben bis unten inspiziert werden, doch die Stimmung drückte auf die Gemüter, und so schoben sie die Inspektion noch ein Weilchen hinaus.

Fast unvermittelt erhob sich Steuerbord voraus eine Blase aus dem Wasser. Sie wurde so groß wie ein Faß. Dann zerplatzte sie mit einem schmatzenden Geräusch, und eine zehn bis zwölf Yards hohe Fontäne sprudelte hoch. Nach einigen Sekunden sank der Wasserstrahl ins Meer zurück. An seiner Stelle hatte sich Dampf gebildet, der sich ebenfalls rasch verflüchtigte.

„Gibt’s hier Wale?“ fragte der Decksälteste Smoky erstaunt.

„Das war nicht der Spout eines Wales“, sagte Ferris Tucker. „Die blasen ganz anders und hinterlassen auch keine Nebelwolken. Wir haben ja selbst schon Wale gejagt.“

„Was war es dann?“

Darauf wußte im ersten Augenblick selbst der Kutscher keine Antwort. Sehr nachdenklich starrte er zu der Stelle, wo es gleich darauf noch einmal zu blubbern begann. Wieder stieg ganz feiner Nebel aus dem Meer, aber ohne die Begleiterscheinung einer sprudelnden Fontäne.

Der Kutscher spürte, wie es ihm kühl über den Rücken lief. Er sah in Gesichter, die mißtrauisch die See absuchten und immer wieder jene Stelle betrachteten, wo das Meer Blasen warf.

Auf dem Achterdeck der „Santa Barbara“ war dieses Phänomen ebenfalls längst beobachtet worden. Dort hielten sich jetzt außer Hasard noch Ben Brighton, Dan O’Flynn, Don Juan und Big Old Shane auf.

„Das gefällt mir ganz und gar nicht“, sagte Hasard leise. „Diese Stimmung ist nichts weiter als eine trügerische Ruhe. Entweder steht uns ein höllischer Sturm bevor, oder es passiert etwas anderes.“

„Ich kann mir denken, was das sein könnte“, sagte Don Juan ruhig. „Es sieht nach einem Seebeben oder einer Flutwelle aus.“

Als Hasard nickte, meldete sich Roger Brighton aus dem Ausguck.

„Treibender Gegenstand Steuerbord voraus!“

Das „Ding“, das gleich darauf von allen gesichtet wurde, war ziemlich lang und von weißlichgrauer Farbe. Es wirkte schmutzig, und es trieb nur sehr langsam näher heran.

„Ein Hai“, sagte Dan O’Flynn. „Das ist ein toter Hai. Anscheinend haben andere Fische ihn angefressen.“

Dan O’Flynn hatte sich jedoch geirrt, wie sie gleich darauf alle deutlich sehen konnten.

Der Hai war zwar tot, aber keinesfalls zur Beute anderer Fische geworden, wenn ihm auch die Haut in Fetzen herabhing. Es zeigten sich auch keine anderen Fische in seiner Nähe. Er war stellenweise buchstäblich gekocht worden, als sei er in einen riesigen Kessel mit heißem Wasser geraten.

„Das gibt es doch nicht“, sagte Smoky heiser. „Das Biest sieht ja aus wie gekocht. Aber was hat ihn so zerfetzt?“

„Heißes Wasser“, erwiderte der Kutscher lakonisch. „Paßt alles sehr gut zusammen. Irgendwo tief unter uns blubbert eine heiße Quelle, und ein kochender Ausläufer hat den Hai überraschend erwischt.“

„Meinst du wirklich?“ Smoky sah den Kutscher ungläubig an.

Der Profos wollte es genau wissen. Er nahm eine Pütz und schöpfte Seewasser an Bord. Erst warf er einen mißtrauischen Blick auf das Wasser, dann steckte er vorsichtig die Hand hinein.

„Verdammt warm, die Brühe“, murmelte er betroffen. „So höllisch warmes Wasser habe ich im Meer noch nie erlebt.“

Die anderen taten es ihm nach und gelangten zu der gleichen Feststellung. Das Wasser war ungewöhnlich warm. Dann starrten sie wieder zu dem Hai, der langsam vorbeitrieb. An manchen Stellen des schlanken Körpers hingen nur noch Hautlappen. Die Augen waren blind und unheimlich weiß.

„Offenbar hängt das mit dem Vulkanausbruch zusammen“, sagte Smoky.

Ein mächtiger Knall ließ sie herumfahren. Die Galeone wurde im selben Augenblick einmal kurz durchgeschüttelt.

Das Meer tanzte plötzlich Reigen. In einer Entfernung von einer guten halben Meile wuchsen in langer Kette schaumige Säulen aus dem Wasser. Hallender Donner begleitete das seltsame Schauspiel. Zischen und Brodeln war zu hören. Neben den immer höher wachsenden Säulen bildeten sich große Wirbel. Sie begannen immer stärker um die Säulen aus Wasser und Dampf zu rotieren.

„Jetzt wird es aber Zeit, daß wir verschwinden“, sagte Blacky. „Wenn die Säulen unter das Schiff wandern, fliegen uns die Planken um die Ohren.“

„Möchte wissen, wohin du verschwinden willst“, brummte Carberry. „Das müssen wir durchstehen – so oder so.“

Sie taten ihr möglichstes, um aus dem Bereich der aufsteigenden Wassersäulen zu gelangen. Es ging nicht, der Wind spielte nicht mit. Er wehte so schwach, daß die Segel kaum noch gebläht waren.

Hilflos mußten sie mitansehen, wie das Meer zu kochen begann und sich immer höhere Säulen auftürmten. Unter lautem Zischen regneten sie ins Wasser zurück. Aber jetzt wurden die Erscheinungen immer häufiger von donnerartigem Knall begleitet. Auch die Heftigkeit der unterseeischen Eruptionen nahm zu.

Einige der Säulen wanderten in Richtung Norden weiter und verloren sich dort. Nur die See blubberte noch.

Eine Viertelstunde lang ging das so, bis die Eruptionen allmählich schwächer wurden und ganz ausblieben.

Der Kutscher stieß hart die Luft aus.

„Noch einmal gutgegangen. Das war unsere dritte Glückssträhne.“

Erleichterung breitete sich aus, doch sie währte nicht lange. Tief unter ihnen gärte es. Es braute sich etwas zusammen, das ihnen noch lange unangenehm in Erinnerung bleiben sollte.

Diesmal geschah es ohne weitere Vorankündigung.

Im Osten stieg ein greller Blitz hoch. Die Luft wurde so stark erschüttert, daß ihnen die Ohren schmerzten und sekundenlang die Luft wegblieb. Wasser, Dreck und grelles Feuer stiegen immer höher in die Luft. Das Meer zitterte und bebte. Anfangs kleine, dann immer größer werdende Wellen bewegten sich ringförmig von dem Pilz weg.

Ein zweiter Donnerschlag erschütterte die Welt. Schlackenbrocken von ungeheuren Ausmaßen wurden emporgeschleudert. Gleichzeitig nahm die Feuersäule an Umfang zu. Ihre Gewalt zerhieb das Meer, teilte es an jener Stelle und breitete sich noch weiter aus.

Die See spie Magma in erschreckender Masse aus, immer höher, immer dichter, bis die Säule aus Glut und Dreck unwahrscheinliche Ausmaße annahm. Sie war jetzt von dunkelbrauner schmutziger Farbe. Oben breitete sich ein Pilz aus, der giftige Gase in die Luft stieß.

Neben dem ersten wuchs ein zweiter Kegel aus dem Meer. Millionen Tonnen Schießpulver schienen dort zu explodieren. Jetzt wurden auch Qualm und Rauch immer dichter und sorgten dafür, daß das diffuse Dämmerlicht noch unheimlicher wurde.

Die ersten Ausläufer einer unterseeischen Stoßwelle rollten fast gespenstisch lautlos heran und erreichten die Galeone.

Die „Santa Barbara“ wurde angehoben, ein Sog erfaßte sie und trieb sie mit unheimlicher Gewalt fort. Die zweite Stoßwelle ließ sie hart überkrängen. Im Schiffsrumpf war ein Kreischen zu hören. Irgendwo begannen Gegenstände zu rollen. Die „Santa Barbara“ krängte wieder in Normallage zurück, erhielt aber sofort den nächsten Stoß, der sie noch härter traf. Diesmal verschwand ihr Bug übergangslos in der See.

Wilde und gefährliche Kreuzseen entstanden. Die Strömung riß und zerrte an der Galeone, der Sog schob sie rasch nach Südwesten.

Jeder suchte krampfhaft nach einem Halt, um nicht unversehens über Bord zu gehen.

Mittlerweile war es fast dunkel geworden. Immer noch brüllten gewaltige Feuersäulen donnernd ihr vernichtendes Lied.

Noch unheimlicher wurde es, als die Masten zu zittern begannen, der Rumpf ächzte und das Tauwerk mit den Blöcken knarrte. In den Planken knackte es immer wieder.

Im Meer wurde eine Insel geboren, und die Natur gab sich alle Mühe, dieses Ereignis auch entsprechend mit Feuer und Donner zu verkünden.

Die mächtige Magmasäule schickte einen Luftzug nach allen Seiten, der sich aus weiter Ferne wie ein dumpfes Singen anhörte, dann aber zu einem scharfen Pfeifen und Zischen wurde.

In wildem Rhythmus hob und senkte sich die Galeone, oder sie wurde von einer Seite zur anderen geworfen.

Als das brüllende Monstrum eine Höhe von mehr als einer Meile erreicht hatte und immer noch nicht abzusehen war, wann es aufhören würde, so fürchterlich zu wachsen, explodierte die erste Säule in sich selbst.

Sie zerbarst in einem Feuerregen, den ein wild emporschießender glühender Gasball blitzschnell weiter nach oben trieb.

Am Himmel schienen plötzlich Sterne zu funkeln.

„Unter Deck!“ brüllte der Seewolf. „Alle Mann unter Deck!“

Das Ding ähnelte jetzt einem feurigen Kometen, der auf das Meer zuraste und dabei Millionen kleiner Glutbrocken verschleuderte. Der eigentliche Glutkern zerbarst unter Donnergetöse noch einmal und verzierte die Himmelschwärze mit dunklem Rot.

Jetzt fauchte der Segen aus allen Richtungen heran.

Beim Anblick dieser unvermeidlich auf die Galeone auftreffenden Brocken wurde auch den abgebrühten Seewölfen mehr als mulmig zumute. Einen Gegner hätten sie nicht gefürchtet und sich zum Kampf gestellt.

Aber das hier war kein Gegner, es war ein Naturereignis, und dagegen gab es keinen Kampf.

„Das gilt auch für dich Pete!“ brüllte Hasard Pete Ballie zu, der immer noch am Ruder stand.

Jetzt aber, als die ersten Brocken in einer langgezogenen Kurve ins Meer rasten, verschwand auch Pete Ballie vom Achterdeck. Es wäre Wahnsinn gewesen, sich an Deck diesem himmlischen Bombardement auszusetzen. Da war ihnen die trügerische Sicherheit unter den hölzernen Planken doch lieber.

Torkelnd, fallend und stolpernd erreichten sie die unteren Räume. Immer noch wurde die Galeone von einer Seite zur anderen geworfen, auf hohe Wellenkämme getragen oder in tiefe Abgründe geschleudert. Niemand konnte sich mehr richtig auf den Beinen halten.

Hasard hatte das Gefühl, als sei das Schiff in einen riesigen Sog geraten, der es ständig um seine Achse wirbelte und auf Tiefe zu ziehen versuchte.

Die „Santa Barbara“ trieb steuerlos in einer kochenden, brüllenden und aufgewühlten See, die sich durch die pausenlosen Eruptionen immer stärker aufheizte.

Kaum unten angelangt, erschütterte auch schon ein harter Schlag die Galeone. Holz krachte und knirschte, grelles Zischen war zu hören, dann ein Knistern, das von weiteren Donnerschlägen überlagert wurde.

„Treffer“, sagte Dan mit zusammengepreßten Lippen. Er duckte sich unwillkürlich, als gleich mehrere Schläge das Schiff erschütterten.

Der Profos wollte an Deck, um nachzusehen, was die Donnerschläge bewirkt hatten. Hasard hielt ihn zurück.

„Ich sehe selbst nach. Bleibt hier.“

„Es ist Wahnsinn, jetzt an Deck zu gehen, Sir“, rief Smoky ihm nach.

Das Schott flog krachend zu. Ein einziger schneller Blick genügte jedoch, um zu erkennen, daß es an Deck hell war. Irgendwo war auch dichter Qualm zu sehen.

Gleich darauf erklang Hasards Stimme. Er mußte laut brüllen, um durch das Donnern verstanden zu werden.

„Feuer an Bord!“

Diese Hiobsbotschaft riß augenblicklich alle hoch. Der Profos drückte es wieder mal drastisch aus.

„’raus mit euch! Jetzt sind wir sowieso im Arsch. Entweder verbrennen wir, oder wir werden an Deck erschlagen. Vielleicht haben wir aber noch eine Chance.“

Die ganze Meute drängte nach, als der Profos das Schott öffnete und an Deck sprang.

Zuerst blieben sie einen Lidschlag lang wie erstarrt stehen. Fast alles hatte sich in der kurzen Zeit verändert.

Der Himmel war dunkel, als sei Nacht. Nur die gewaltige rote Säule stand lodernd und immer wieder explodierend mitten in der See und schleuderte Brocken hoch. Diese Brocken pfiffen ihnen mit einem häßlichen Heulen um die Ohren, und wer von ihnen getroffen wurde, der war so gut wie erledigt, denn sie zischten mit unheimlicher Geschwindigkeit und zerstörerischer Wucht heran.

Die „Santa Barbara“ tanzte und schlingerte immer noch steuerlos in dieser Hölle – und sie brannte an einigen Stellen, wo das flüssige Gestein sie getroffen hatte.

In der Takelage qualmte es. Auf dem Achterdeck flackerte es auf den Planken, und von der Nagelbank am Fockmast loderten ebenfalls kleine Flammen, die nach dem Segel leckten.

Den einen aufflackernden Brand löschte die See, als ein Brecher über das Vorschiff tobte.

Ferris Tucker, Batuti, der Profos und Gary Andrews schnappten sich die Pützen und gingen fast über Bord, als sie Wasser schöpften. Immer wieder wurden ihnen die Beine weggerissen.

Hasard, Dan, Don Juan und Shane waren nach achtern gestürmt und schlugen die Flammen mit allem aus, was sie in die Hände kriegten.

Ein rotglühender Brocken raste auf das Achterschiff zu. Er streifte den Besanmast und zerplatzte in kleine Funken, die über die gesamte Galeone regneten.

Da brüllte Bill los, da fluchte Mac Pellew, und da stieß der bärtige Shane einen erschrockenen Schrei aus, als es in seinem grauen Bart zu knistern begann.

Tausende glühender und messerscharfer Nadeln stachen ihnen in Gesichter, Beine und Arme. Sie bohrten sich wie Feuerameisen in die Haut und hinterließen kleine Brandflecken, die bestialisch schmerzten.

Sie befanden sich mitten im Inferno, und es schien, als hätten sich alle Elemente gegen sie verschworen. Die Luft war zum Atmen zu heiß. Außerdem trug sie schwarzbraune heiße Asche heran, die sich in Augen, Ohren, Nase und Mund festsetzte. Dazwischen brüllte das Meer wie eine Horde hungriger Teufel, und zu allem Überfluß flogen immer noch glühende Brocken heran.

Es wurde ein Kampf auf Leben und Tod in einer Hölle, die nur noch aus kochenden Urgewalten bestand.

Etwas später sahen sie selbst wie wilde rußgeschwärzte Teufel aus. Hemden und Hosen waren versengt. Der Schweiß lief ihnen in Strömen über die Gesichter. Selbst das Wasser, das sich donnernd und brausend über sie ergoß, war keine Erfrischung. Es war mitunter so heiß, daß sie sich wie unter einem Hieb krümmten.

Es war kaum noch etwas zu sehen, außer dem glühenden Licht weit in der See und den immer noch aufflackernden Flammen, die wie aus dem Nichts auf den Planken entstanden.

Hasard hatte winzige Brandwunden im Gesicht. Der Profos war von einem glühenden Brocken am Arm gestreift worden und blutete. Es gab kaum noch einen, der keine Blessuren hatte. Aber bisher war noch keiner ernsthaft getroffen worden oder ausgefallen.

Für die Behandlung der Blessuren war jetzt ebenfalls keine Zeit. Das Wichtigste war, das Feuer zu bekämpfen. Brach ein nicht zu löschender Brand aus, dann waren sie hoffnungslos verloren. Es gab dann keine Rettung mehr in dem flammenden Inferno. Niemand hätte es geschafft, schwimmend die Küste zu erreichen, von der man noch nicht einmal mehr wußte, wo sie sich befand.

Zwei Segel waren aus dem Liek gerissen und wurden geborgen. Besan- und Großmarssegel waren von unzähligen schwarzen Punkten durchlöchert, durch die der heiße Wind pfiff.

Alles Tuch wurde unter lautem Gebrüll weggenommen. Sie brüllten alle und schlugen immer wieder mit den Händen nach den roten Feuersternen, die sich in ihre Haut brannten.

Es sah auch nicht so aus, als würde sich der jetzige Zustand bald ändern oder bessern. Eher wurde es noch schlimmer.

Sie lenzten jetzt als hilfloser Spielball der Elemente vor Topp und Takel. Die See hämmerte unermüdlich auf die Galeone ein, so daß sie in allen Verbänden knackte und krachte.

Hasard versuchte, sich anhand der Magmasäule zu orientieren, doch das erwies sich als unmöglich, denn das Monstrum, das eine neue Insel gebar, wanderte unaufhörlich weiter. Den Kompaß konnte er ebenfalls nicht ablesen, dazu war es zu dunkel.

Irgendwann einmal spürten sie, daß die „Santa Barbara“ immer schneller wurde. Ein gewaltiger Sog bewegte sie rasend schnell fort. Eine riesige Welle tat ein übriges, auf der sie stundenlang mitritten. Dann gab es wiederum nur noch Dunkelheit, heiße Luft und Feuer.

3.

Es war weder Tag noch Nacht. Es war ein Zustand, der sich kaum beschreiben ließ. Niemand wußte, wieviel Zeit inzwischen vergangen war.

Aber sie schöpften wieder neue Hoffnung.

Himmel und Meer waren eins. Es gab keinen sichtbaren Übergang. Auch die Sonne schien nicht.

Der Himmel war von tiefer dunkler Farbe, vermischt mit einem schmutzigen fahlen Gelb in der Mitte. Das Wasser hatte die gleiche Färbung. Die Sicht betrug bestenfalls eine halbe Meile. Von da an verwischte alles zu einem konturlosen Gespinst. Sie befanden sich in einer Art Dunstglocke, deren Umfang nicht abzuschätzen war.

Die Decks waren dunkelgrau von herabgeregneter Asche, die mit dem überkommenden Seewasser eine dicke Schmiere gebildet hatte.

Dazwischen gab es überall schwarze Brandflecken.

Immer noch trieb die „Santa Barbara“ auf einer Dünung, die sie eilig durch die See schob.

Nach der harten Schufterei hatten sie abwechselnd jeder ein, zwei Stunden vor Erschöpfung geschlafen.

Jetzt waren sie wieder wach – verdreckt, verrußt, immer noch abgeschlafft und mit kleinen Brandwunden übersät. Die blauen Flecken zählten sie erst gar nicht mit, die sie sich geholt hatten, als die Galeone verrückt spielte.

Der Tag begann mit einer Entdeckung, die niederschmetternd war, als sich Hasard auf dem Achterdeck umschaute. Überall sah er Brandlöcher im Holz, aber das war es nicht, was ihn so entsetzte. Das Schiff war übersät mit den Dingern.

Ungläubig starrte er auf das Kompaßhäuschen. Das war nur noch ein kleiner Trümmerhaufen und bestand aus ein paar Brettern, die auf die Planken genagelt waren.

Der Kompaß war zerschmettert und absolut unbrauchbar. Ein kleiner Magmabrocken mußte ihn getroffen und zerstört haben.

„Was ist, Sir?“ fragte Dan, als er Hasards betroffenes Gesicht sah.

„Der Kompaß ist zerstört worden. Es sind nur noch ein paar Glasscherben übrig.“

Dan O’Flynn schluckte hart. Er sah ebenfalls auf die Trümmer.

„Tatsächlich“, murmelte er mit zuckenden Lippen. „Damit können wir wirklich nichts mehr anfangen. Und was jetzt?“

Die Nachricht von dem zerschmetterten Kompaß sprach sich schnell herum. Einer nach dem anderen erschien auf dem Achterdeck, um sich den Schaden anzusehen.

„Ausgerechnet der Kompaß“, stöhnte Ben Brighton. „Ohne den sind wir hilflos wie ein Neugeborenes.“

Don Juan, der hochgewachsene Spanier mit den schmalen Hüften, den breiten Schultern und dem kühn geschnittenen Gesicht, sah das als nicht ganz so schlimm an.

„Keine Sorge“, meinte er. „Auf den spanischen Schiffen ist es üblich, daß nicht nur ein Kompaß an Bord ist. Auf der ‚Isabella‘ haben wir ja auch mehrere Exemplare für den Notfall. Wir werden in irgendeiner Last schon einen anderen finden. Wenn nicht, befindet er sich in der Kapitänskammer. Außerdem dürfte im Beiboot noch ein kleiner Kompaß sein.“

„Dann sehen wir lieber gleich nach“, riet Hasard. „Ein Schiff ohne Kompaß ist wie – äh …“

„Eine Kneipe ohne Bier“, half der Profos aus.

„Ja, du hast es wieder mal genau getroffen.“

Es gab zwei Jollen an Bord, die kieloben lagen und festgezurrt waren. Schon das gab Hasard zu denken, denn die Jollen waren ganz sicher nicht so gut ausgerüstet wie die der „Isabella“.

Die Zurrings wurden gelöst, und die erste Jolle umgedreht.

„Leer“, sagte Ferris Tucker überflüssigerweise. „Nicht mal einen kleinen Notkasten haben die Dons in die Jolle gebaut.“

Vor der zweiten, etwas größeren Jolle, standen sie dann ebenfalls mit ratlosen Gesichtern herum. Auch in ihr befand sich nichts, nicht einmal die Riemen, die man gut hätte anbringen können.

„Sehr enttäuschend“, meinte der Seewolf. „Weiß der Teufel, wie lange die Galeone schon im Hafen lag. Vermutlich sehr lange, sonst hätte man die Ausrüstung in den Jollen gelassen.“

Don Juan ging nach einem kurzen Blick weiter nach achtern.

„Noch ist nichts verloren“, meinte er über die Schulter hinweg. „Wir werden schon noch einen Kompaß auftreiben.“

„Optimismus hat er ja“, sagte Shane, „aber ob seine Landsleute auch so gedacht haben?“ Er strich sich mit der Hand mißmutig durch den grauen Bart und befühlte besonders intensiv jene Stellen, wo die Funken seiner Manneszier so übel mitgespielt hatten. Da war doch, verdammt noch mal, einiges versengt.

Hasard folgte Don Juan. Dan marschierte ebenfalls hinterher.

„Seht inzwischen mal in den anderen Räumen nach“, sagte Hasard. „Dabei lernen wir auch gleichzeitig das Schiff etwas näher kennen. Im Augenblick haben wir Zeit dazu.“

Nachdem sie das Schott der Kapitänskammer geöffnet hatten, blieben sie mitten in dem Raum stehen und sahen sich um.

Es gab die üblichen eingebauten Schapps, eine breite Koje mit Vorhang, ein ausladendes Schreibpult und zwei Teppiche, die auf den Boden genagelt waren, damit sie nicht verrutschten.

„Schon lange nicht mehr gelüftet worden“, stellte der Seewolf fest. „Fast scheint mir, als sei die Kammer mal vor langer Zeit bewohnt gewesen. Die Kapitäne haben wahrscheinlich an Land übernachtet.“

Sie öffneten jedes Schapp, blickten unter die Koje in das Schapp, aber darunter befanden sich nur ein paar modrige Flaggen.

Sie trieben noch zwei spanische Uniformen auf, ein paar Hemden und Hosen sowie ein paar Schriftstücke, mit denen sich nicht viel anfangen ließ.

„Auch kein Ersatzkompaß“, sagte Hasard enttäuscht.

„Und nur wenige Karten“, fügte Dan O’Flynn hinzu. „Im Pult sind ein paar alte und ungenaue Dinger von der Westküste Yucatáns. Da sitzen wir ganz schön in der Klemme, wenn wir nicht noch woanders fündig werden.“

Die drei Männer sahen sich enttäuscht an.

„Na ja, den Himmel auf Erden haben wir auch nicht erwarten können bei unserer überstürzten Abreise“, meinte Hasard. „Klar, daß da nicht ein vollausgerüstetes Schiff mit allen Schikanen vor unserer Nase lag. Das wäre auch zu einfach gewesen. Ich bin gespannt, was die anderen Räume hergeben.“

Damit begann die eigentliche Inspektion der „Santa Barbara“, die sich über Stunden hinzog.

„Bis auf ein paar leichte Schäden scheint sie gut in Schuß und sehr seetüchtig zu sein“, meldete der Schiffszimmermann Ferris Tucker. „Wie das Holz allerdings von unten aussieht, kann ich noch nicht beurteilen. Das müssen wir später einmal feststellen.“

Sie trieben immer noch in diesem diesigen tristen Grau ohne erkennbaren Horizont. Hin und wieder war auch einmal ein fernes Grollen zu hören. Es klang aber sehr weit entfernt, und es flogen auch keine glühenden Brocken mehr durch die Luft.

Der Kutscher und Mac Pellew inspizierten verständlicherweise zuerst einmal Kombüse und Vorratslast, um den Bestand zu kontrollieren.

„Sieht ganz gesund aus“, meinte Mac nach einem Rundblick. „Die haben sich ganz gut eingedeckt, die Dons. Für zwei bis drei Wochen dürften die Vorräte ganz sicher reichen.“

„Ist doch bestens“, sagte der Kutscher. „Deshalb brauchst du nicht so ein grämliches Gesicht zu ziehen. Wenigstens werden wir so schnell nicht verhungern.“

„Wein ist auch da, aber ziemlich saurer Scheiß“, nölte Mac herum. „Wenn wir Rohzucker finden, können wir ihn trinken, sonst nehmen wir ihn als Essig.“

Verdrießlich wie ein alter Marabu stolzierte er durch die Kombüse, befühlte dies und jenes und hatte an allem was zu meckern.

„Der Koch war eine regelrechte Sau“, stellte er abschließend unzufrieden und sauertöpfisch fest. „Der hat die Töpfe immer nur mit einem nassen Lappen ausgerieben, aber nie mit Sand gescheuert.“

„Dann hast du ja eine Menge nachzuholen“, erwiderte der Kutscher. „Wir werden den Laden gemeinsam auf Trab bringen.“

„Ohgottchen, da haben wir ja mehr Arbeit als alle anderen zusammen.“

Die Proviantlast gab auch ziemlich viel her, obwohl ihr ein merkwürdiger Geruch entströmte. Wahrscheinlich lag es an dem eingepökelten Fleisch in den Fässern, daß es hier so roch.

Was die anderen Besatzungsmitglieder betraf, so fanden sich auch noch einige, die sich anfangs schamhaft versteckt hielten.

Es gab eine ganze Menge tiefäugiger Kakerlaken, und es gab auch einige Ratten an Bord.

„Ich habe sie pfeifen hören“, sagte Mac.

Der Kutscher blickte gerade mit gerunzelter Stirn einer Kakerlake nach, die in einer Ritze unter der Wand verschwand.

„Kakerlaken pfeifen nicht“, sagte er nachdenklich.

„Ich habe auch Ratten gemeint.“

„Ja, die pfeifen schon mal. Aber das werden wir ihnen schon noch austreiben. Wir werden Fallen aufstellen.“

„Kakerlaken gehen nicht in Fallen“, sagte Mac griesgrämig. „Die finden genug zu fressen und sind viel zu klein für Fallen.“

„Himmel noch mal! Wir quatschen dauernd aneinander vorbei!“ brauste der Kutscher auf. „Ich meine doch Fallen für die Ratten.“

„Ratten gehen in Fallen“, sagte Mac, worüber sich der Kutscher schon wieder aufregte. Der Kerl pennte heute offenbar im Stehen und kapierte überhaupt nichts.

Zur Probe öffnete der Kutscher ein paar Fässer. Er fand Schmalz, Zwieback, Oliven und gedörrtes Obst. In einem anderen Faß waren getrocknete Kastanien eingelagert.

„O je“, nölte Mac weiter. „Kastanien und Oliven! Das ist vielleicht was und so. Bestimmt haben die noch Hundefett und Seegurken an Bord.“

„Für dich ganz sicher gebratene Gänsebrüstchen und geräucherte Heringe. Du mußt nur genau suchen.“

Der Kutscher ließ den verbiesterten Mac Pellew stehen und ging nach oben an Deck. Mac hatte heute seinen schlechten Tag, aber nach dem, was sie hinter sich hatten, war das kein Wunder. Er nahm ihm seine Nörgelei jedenfalls nicht weiter übel.

Auf der Kuhl traf er auf einen Seewolf, der ein sorgenvolles Gesicht hatte und wie abwesend in den undurchsichtigen Dunst starrte, der sie von allen Seiten umgab. Neben ihm standen Don Juan, Dan, der Profos, Ben und noch ein paar andere. Und alle sahen betreten drein.

Der Kutscher räusperte sich verhalten.

„Proviant haben wir für mindestens vierzehn Tage“, berichtete er. „Er wird aber länger reichen. Das ist nur eine erste und oberflächliche Schätzung. Kann sein, daß wir vier Wochen damit langen. Wie es mit Trinkwasser aussieht, weiß ich noch nicht, Sir.“

„Da steht genügend in Fässern in der Vorpiek“, sagte Hasard. „Das sieht soweit ganz gut aus, bis auf den Kompaß.“

„Keinen gefunden, Sir?“

„Nein, obwohl wir alles durchsucht haben. Es ist wie verhext: Auf diesem Schiff befand sich nur ein einziger Kompaß, und ausgerechnet der mußte zertrümmert werden.“

„Dann müssen wir uns nach der Sonne richten“, sagte der Kutscher kleinlaut.

„Dann laß sie doch mal scheinen“, blaffte ihn der Profos an. „Oder siehst du sie etwa?“

„Wenn sie einmal nicht scheint, dann bedeutet das ja auch nicht, daß sie bis in die nächste Ewigkeit verschwunden ist“, knurrte der Kutscher zurück. „Aber das geht ja wieder mal nicht in deinen hirnverbeulten Transack hinein, den du über den Augen hast.“

„Hört auf, verdammt noch mal“, fuhr Hasard dazwischen. „Wir haben eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen. Ihr könnt euren Disput später fortsetzen. Jetzt reden wir über etwas anderes, und zwar darüber, ob wir die Reise ins Ungewisse fortsetzen oder nicht.“

Langes Schweigen herrschte nach seinen Worten.

„Wir wollen doch nach China“, sagte Ben ruhig. „Wie es den Anschein hat, sind wir auf dem Weg dorthin. Natürlich geschah das alles reichlich überstürzt, aber das brachten die Umstände mit sich. Jetzt haben wir ein Schiff und auch genügend Proviant und Wasser.“

„Aber keinen Kompaß“, warf Dan ein. „Weißt du, was das heißt, ohne Kompaß quer durch den Pazifischen Ozean zu segeln?“

Ben Brighton, sonst eher bedächtig und immer lange überlegend, war diesmal voller Eifer und Tatendrang.

„Wir waren schon einmal hier“, entgegnete er. „Dabei sind wir auf so viele Inseln gestoßen, daß wir auch diesmal wieder welche finden werden und unsere Vorräte ergänzen können. Was die Kursbestimmung betrifft, gebe ich dem Kutscher recht. Wir orientieren uns tagsüber nach der Sonne und nachts nach den Sternen, wie es schon viele vor uns getan haben. Wenn wir zurücksegeln, sind wir jedenfalls nicht besser dran, im Gegenteil, dann haben wir die Dons auf dem Hals, und das ganze Theater beginnt von vorn.“

„Klar“, sagte Carberry. „Ben hat recht. Wenn wir zurückkehren, erreichen wir nichts. In Panama können wir uns nicht blicken lassen, und der andere Rückweg ist ebenfalls versperrt. Wir würden mitten in das Chaos segeln. Außerdem wüßte ich wirklich nicht, was wir den anderen im Stützpunkt erzählen sollen. Die würden uns für nicht mehr normal halten.“

Hasard hörte schweigend zu und ließ sie eine Weile diskutieren, bis sie sich wieder einmal die Köpfe heiß geredet hatten.

Er stellte jedoch fest, daß niemand dabei war, der ernsthaft eine Rückkehr erwog. Bei vielen mochte das an der Abenteuerlust liegen, wieder in andere Länder zu segeln. Auch seine beiden Söhne, Hasard und Philip, hatte wieder einmal das Fernweh gepackt. Der fehlende Kompaß war für sie dabei das kleinere Übel.

Er selbst überdachte die Lage jetzt ganz nüchtern. Vor ihnen lag ein endlos langer und völlig ungewisser Törn durch ein riesiges und unberechenbares Meer. Sie hatten zwar ein paar Seekarten, aber keinen Kompaß. Es war ohne weiteres möglich, daß sie aufgrund fehlender Navigationsinstrumente eine der zahlreichen Inseln verfehlten. Sie brauchten nur ein paar Meilen daran vorbeizusegeln. Fazit: Sie landeten im Nichts, verdursteten oder verhungerten. Kein Mensch würde jemals erfahren, was aus ihnen geworden war.

Das war die eine Seite. Die andere war von Ben und Edwin Carberry bereits angesprochen worden.

„Wir werden diese Entscheidung gemeinsam treffen, weil sie von sehr schwerwiegender Bedeutung ist“, sagte der Seewolf. „Dabei halten wir es so, daß jeder einen Teil der Verantwortung trägt, indem wir abstimmen. Ihr kennt das Für und Wider dieser Reise. Sollten wir in einen leeren Teil des Pazifiks vorstoßen und die Inseln verpassen, dann wird die ‚Santa Barbara‘ irgendwann einmal vielleicht aufgefunden werden, und an Bord werden dann nur Skelette sein. Was vorher allerdings passieren wird, mag sich jeder selbst ausmalen, denn auch diese Seite gilt es zu berücksichtigen.“

„Hm, Knochenmänner“, sagte Carberry unbehaglich. „Bisher haben wir es immer geschafft. Hast du so große Bedenken, Sir?“

„Ich stelle das nur zur Diskussion und zur Abstimmung, Ed. Jeder mag selbst entscheiden. Wir sollten nur nicht vor möglichen unangenehmen Tatsachen die Augen verschließen und so tun, als sei das alles ein unbedeutender Klacks.“

„Es kann aber auch alles gut ausgehen, oder?“ fragte Carberry.

„Selbstverständlich.“

Hasard sah, wie es hinter den Stirnen arbeitete. Die meisten blickten aufs Meer hinaus, obwohl sie dort nichts sahen als dieses unselige Dämmerlicht, in dem sie auf einem unbekannten Kurs drifteten.

„Gut, dann sollten wir abstimmen“, meinte Don Juan.

Die Abstimmung brachte genau das Ergebnis, das der Seewolf auch erwartet hatte.

„Wer ist dafür, daß wir die Reise fortsetzen?“ fragte er. „Wer zustimmt, der möge bitte die Hand heben.“

Alle Hände hoben sich wie auf ein Kommando. Auch Mac Pellew, der wieder an Deck erschienen war, hob die Hand. Allerdings zog er dabei ein Gesicht, als stimme er seiner eigenen Beerdigung zu.

„Gut, dann ist das also entschieden“, sagte Hasard. „Die Gegenprobe erübrigt sich, ich habe keine Hand unten gesehen. Wir segeln nach China, aber wir lassen uns vorläufig treiben, bis dieses Halbdämmer verschwunden ist. In der Zwischenzeit klaren wir dieses Schiffchen von vorn bis achtern auf und kümmern uns auch um die Geschütze. In der Segellast liegen zum Glück genügend Ersatzsegel. Wir werden die alten und morschen Dinger austauschen.“

Will Thorne, der alte und immer bescheiden im Hintergrund bleibende Segelmacher, versprach, sich zusammen mit Roger Brighton, dem Takelmeister, darum zu kümmern. Will hatte sich erstaunlich schnell von seiner Fieberkrankheit erholt.

Die anderen teilte der Profos zum Aufklaren ein. Es gab auf der „Santa Barbara“ noch etliches zu tun.

An dem herrschenden Zustand änderte sich auch vorläufig nichts. Der Wind und die Drift schoben sie weiter ins Unbekannte. Es war ein eigenartiges Gefühl, nicht zu wissen, was vor ihnen lag. Sie waren wie Blinde, die das Licht suchen, um sich anhand eines winzigen Helligkeitsunterschiedes zu orientieren. Aber vorerst gab es dieses Licht noch nicht, das sie so eifrig suchten. Die Welt blieb auch weiterhin wie in Watte verpackt.

Dennoch gingen sie unverdrossen an die Arbeit.

4.

Nach ein paar Stunden Arbeit sah die „Santa Barbara“ wieder manierlich und sauber aus. Die Decks waren von der schmierigen Asche gesäubert worden, aber feine Staubreste hingen immer noch in der Luft und sorgten für neuen Dreck.

„Jetzt werden wir uns mal um die Blessuren kümmern“, sagte der Kutscher. „Wir haben ja alle ziemlich viel abgekriegt.“

Sie hatten Wasser in die Waschbalje geschöpft und sich Ruß, Schmiere und Dreck abgewaschen. Jetzt fühlten sie sich bedeutend besser, wenn auch die Körper noch von den höllischen Funken brannten.

Der Kutscher besah sich mit langem Gesicht das, was die Dons unter dem Begriff „Medizinkiste“ verstanden. Die Kiste enthielt einen weiteren kleinen Kasten mit ärztlichem Besteck. Als der Kutscher einen Blick in den Kasten warf, wurde sein Gesicht noch länger. Mac Pellew blickte gottergeben drein.

„Ich sag’s ja, ich sag’s ja“, klagte er. „Diese Lausekerle lassen alles verkommen und vergammeln. Ihre Degen sind immer blitzblank und rosten nicht, aber hier ist alles verrostet. Da können wir jahrelang putzen, bis wir das wieder sauber haben.“

„Jahrelang ist zwar ein bißchen übertrieben, aber im Prinzip hast du recht. Mit dem Besteck ist wirklich nicht viel los. Die haben nicht einmal eine Salbe gegen Brandverletzungen. Jetzt stehen wir aber schön da.“

„Nehmen wir eben Olivenöl“, schlug Mac grämlich vor. „Das Zeug tut’s ja schließlich auch und so.“

„Schön, nehmen wir Olivenöl. Davon haben wir eine ganze Menge an Bord. Dann füll mal was ab.“

„Das Zeug stinkt“, stellte Mac beim Abfüllen in einen kleinen irdenen Topf fest. „Das ist so alt wie Seine Allerkatholischste Majestät, der König von Spanien. Ranzig ist der Mist.“

Dem Kutscher platzte fast der Kragen.

„Himmel, Arsch und Olivenöl!“ brüllte er den zusammenzuckenden Mac Pellew an. „Seit wir auf diesem Eimer sind, hast du ständig was zu meckern und stinkst den ganzen Tag lang herum. Wir haben nun mal nichts anderes, also behelfen wir uns mit ranzig riechendem Öl. Hättest ja die Dons fragen können, ob sie für uns nicht ein besser ausgerüstetes Schiff hätten!“

Der Kutscher fummelte weiter in der Kiste herum. Sie enthielt Verbandszeug, Pülverchen in kleinen Tüten mit spanischen Bemerkungen und zwei kleinen Fläschchen, die irgendeine übelriechende Tinktur enthielten. Zu was das Zeug gut war, wußte nicht einmal der Kutscher. Viel mehr war in der Kiste nicht zu entdecken. Alles sah vergammelt und verwahrlost aus.

Der Kutscher kehrte mit dem kleinen Öltopf an Deck zurück und tupfte den ersten Männern das Olivenöl auf die Brandwunden.

Als Carberry an der Reihe war, begann er mißtrauisch zu schnüffeln. Dann blickte er Mac Pellew an, der ein Gesicht zog, als bestehe die ganze Welt nur noch aus Leid und Elend.

„Na, Mister Seltenfroh“, knurrte er, „was ist denn das für ein stinkendes Dreckzeug? Glaubst du, ich will hier wie ein Stinktier durch die Gegend laufen?“

„Erstens kann hier niemand durch die Gegend laufen, weil’s gar keine Gegend gibt“, wurde er von Mac belehrt. „Und zweitens ist das das Beste vom Allerbesten, was die Dons gegen Brandwunden haben. Und drittens will ich das mit dem Mister Seltenfroh überhört haben, sonst stech ich dir ein Loch in die Pelle.“

„Hast wohl heute dein starkes Hemd an, was, wie? Ist das Zeug denn wirklich so gut?“

„Sag ich doch – das Beste, was wir an Bord haben. Und wenn es stinkt, dann ist es ganz besonders gut.“

„Riecht aber nach ranzigem Öl“, stellte Carberry fest.

„Ist auch ranziges Öl“, erwiderte Mac trocken. „Wir haben einfach ein Faß altes Olivenöl geöffnet.“

Der Profos lachte kurz, während Mac weiter an ihm herumtupfte.

„Du mit deinen Witzen“, sagte er. „Das mußt du schon einem Dümmeren verklaren.“

„Da werde ich aber lange suchen müssen.“

Der Profos dachte noch über die letzte Bemerkung nach und wie sie aufzufassen war, doch war Mac schon bei Smoky und grinste auf eine Art, als hätte man ihm alle Zähne gezogen und Seewasser zum Nachspülen gegeben.

„Weiß der Satan“, brummte der Profos. „Wenn ich diesen Mister Seltenfroh nicht so gut kennen würde, dann möchte ich wetten, daß er wahrhaftig ranziges Stinköl genommen hat.“

„Riecht jedenfalls komisch“, stimmte Smoky zu. „Der verpestet hier das ganze Schiff von vorn bis achtern.“

Mac Pellew ließ sich jedoch durch die Bemerkungen nicht weiter aus der Reserve locken. Er und der Kutscher gingen von einem zum anderen und tupften Olivenöl auf die Brandwunden, bis auch der letzte Mann behandelt war.

Danach roch es allerdings wirklich merkwürdig auf der „Santa Barbara.“

„Was ist das für ein Zeug?“ erkundigte sich selbst Hasard interessiert. „Es riecht so eigenartig.“

„Olivenöl, Sir, etwas alt schon, aber es erfüllt dennoch seinen Zweck. Für Brandwunden ist es gut geeignet.“

„Ich verstehe. Es ist also nichts anderes da. Du mußt improvisieren, Kutscher?“

„So ist es. Große Medizinmänner waren hier ganz sicher nicht an Bord. Alles ist vernachlässigt worden.“

„Nicht nur, was die Medizin betrifft – das meiste andere auch. Ferris hat mir gerade gemeldet, daß der Kahn ein wenig suppt. Es ist kein großes Leck, nur eine angeknackste Planke. Der Schaden wird bald behoben sein.“

„Wie weit mögen wir jetzt von der Küste entfernt sein?“ wollte der Kutscher wissen.

Hasard mußte seit langem mit einer Antwort passen. Auch Dan O’Flynn, der sich zu ihnen gesellt hatte, zuckte mit den Schultern.

„Wir können es nicht einmal annähernd abschätzen, weil wir keinerlei Orientierungspunkte haben. Aber einen Jakobsstab haben wir gefunden, mit dem wir die Gestirnshöhe messen können.“

„Dazu müßten wir erst einmal die Sonne sehen“, sagte der Kutscher gedankenverloren.

Hasard blickte aufs Meer, dann zum Himmel.

Es schien alles immer noch unwirklich zu sein. Es gab nicht mehr das Blau des Himmels und des Meeres, das sich bis zur Kimm erstreckte.

Düsteres Grau umgab sie jetzt, mit einem schmutzigen Fahlgelb. Selbst das Meer hatte seine Farbe genau dem Himmel angepaßt. Es ähnelte giftigem Schwefel, und so roch es auch noch immer. Die Sicht betrug im Augenblick bestenfalls, eine Kabellänge. Von da ab wurde alles undefinierbar und unübersichtlich wie in einer Waschküche.

„Die Farben haben sich verändert“, sagte Dan. „Es scheint, als würde die Suppe immer dichter und dicker.“

„Richtiger Nebel wäre mir lieber“, meinte Hasard. „Da weiß man, daß man in einer Nebelbank steckt und auch wieder hinausgelangt. Hier sieht das absolut trostlos aus, und es zeichnet sich immer noch kein Ende ab.“

Die See plätscherte lustlos an die Planken. Das Wasser dünte ganz schwach. Tauwerk und Blöcke knarrten und ächzten. Und doch hatten sie immer noch das Gefühl, als würden sie durch das Wasser geschoben. Hasard ging von einem Deck zum anderen. Überall sah er winzige kleine Löcher von schwärzlicher Farbe in den Planken – die Narben des feurigen Bombardements.

Als er an der Kombüse vorbeiging, hörte er Mac Pellew meckern. Er sprach zu sich selbst und stieß hin und wieder eine leise Verwünschung aus.

Einen Augenblick lauschte der Seewolf lächelnd.

„… mistiges Ratten- und Kakerlaken-Schiff. Aber euch ziehe ich noch das Fell über die Ohren, das könnt ihr laut singen.“

„Der liebe Mac hat heute seinen schlechten Tag“, sagte der Kutscher entschuldigend. „Es paßt ihm überhaupt nichts. Er meckert ständig an allem herum.“

„Das legt sich wieder. Sind viele Ratten an Bord?“

„Ein paar schon. Plymmie wird sie schon aufstöbern. Nur scheint sie keine Lust zu haben.“

Er zeigte auf die Wolfshündin. Sie hatte es sich neben der Kuhlgräting bequem gemacht und döste vor sich hin. Der Kopf lag auf den Vorderpfoten, die Zunge hing ein Stück heraus.

Der Kutscher sah – nach dem Schimpansen, der ebenso lustlos und unbeteiligt war. Arwenack hockte auf einer Webeleine des Großmastes und starrte gelangweilt an Deck. Auch Carberrys Liebling, der Aracanga-Papagei Sir John, rührte sich nicht. Er hatte ein Bein angezogen und den Schnabel auf die Brust gesenkt. Vorher hatten sie die Tiere unter Deck gebracht, damit sie nicht in Panik gerieten.

Die Stimmung der drei Tiere übertrug sich auch auf die Männer. Sie warteten, blickten aufs Meer oder in den Himmel. Nur Ferris Tucker und Big Old Shane waren damit beschäftigt, das kleine Leck abzudichten, aus dem es in den Laderaum suppte.

„Fängt ja gut an die Reise“, hörten sie Mac Pellew wieder aus der Kombüse tönen. „Erst latscht man den lausigen Dons in die Quere, dann kriegt man glühende Steine auf die Rübe, und jetzt hängen wir irgendwo zwischen Himmel und Erde ’rum. Hätten doch lieber im Stützpunkt bleiben sollen. Au, verflucht noch mal, jetzt habe ich mich geschnitten. Auf diesem Lauseeimer läuft aber auch alles verkehrt.“

Die Männer an Deck grinsten über den alten Griesgram, der seine einsamen Monologe führte und ständig am Schimpfen war.

Dann war es ganz still in der Kombüse. Offenbar hätschelte Mac jetzt seine Schnittwunde.

Doch das erwies sich als Irrtum. Die Schnittwunde war so unbedeutend, daß man sie gar nicht sah. Mac stand auf der Lauer, und in der Hand hielt er eine, schmierige Pfanne.

Die Männer zückten zusammen, als ein hallender Schlag erklang. In der Stille wirkte er beunruhigend. Er klang wie ein riesiger Gong, den jemand in großer Wut geschlagen hatte.

Aus der Kombüse kam etwas geflogen. Carberry und Jack Finnegan rissen instinktiv die Arme hoch, als das Ding an ihnen vorbeiflog. Es knallte an das Schanzkleid und blieb auf den Planken liegen. Dazu erklang Mac Pellews Stimme, sauer und verärgert.

„… sind hier doch nicht auf der Arche Noah, verdammt, wo wir alles an Viechern mitschleppen müssen!“

Carberry und Jack starrten verdattert auf eine Ratte, die auf den Planken lag.

„He!“ brüllte der Profos. „Wenn du hier schon mit toten Ratten schmeißt, dann wirf sie auch gefälligst über Bord und nicht auf die Planken, du versauerter Prielwurm.“

„Wirf sie selbst über Bord“, knurrte Mac, „ich habe zu tun. Sei froh, daß ich die Biester erledige.“

„Mit dem ist heute wirklich nicht gut Kirschen essen“, meinte Jack. „Der hat einen ausgesprochen üblen Tag.“

Mit dem Fuß schob er die tote Ratte durch das Speigatt, bis sie aufklatschend im Wasser landete.

Mac erschien mit Leichenbittermiene an Deck, ignorierte den strengen Blick des Profos’ und leerte den Abfallkübel über Bord. Er hatte inzwischen tüchtig in der Kombüse aufgeklart. Obwohl es jetzt einigermaßen manierlich darin aussah, war Mac noch lange nicht zufrieden.

„Rattenkahn“, brummte er. „Kakerlakeneimer. Mistviecher eklige. Soviel Viehzeug haben wir noch nie an Bord gehabt. Das gab es nicht mal auf der Arche.“

„Der Herr liebt alle seine Schafe“, sagte der Profos salbungsvoll und grinsend. „Auch die dämlichen und sauertöpfischen.“

„Wenn du mich damit meinst“, giftete Mac, „dann laß dir gesagt sein, daß du heute vom Essen ausgeschlossen wirst. Ich koch doch nicht für einen, der dauernd mit mir ’rumstänkert und so.“

Immer wenn an Bord das Wörtchen „Essen“ fiel, erschien wie aus den Planken gewachsen Jack Finnegans Freund, der dickliche und verfressene Paddy Rogers. Er war ein guter Kerl und ein hervorragender Seemann, der es auch prächtig verstand, mit den Fäusten umzugehen. Aber mit seiner sprichwörtlichen Verfressenheit ging er vielen auf den Geist – Mac Pellew ganz besonders.

„Gibt’s denn schon was zu essen?“ erkundigte er sich erwartungsvoll. „Vielleicht etwas mit viel Fleisch?“

Mac musterte ihn von oben bis unten. Dann sagte er: „Hättest du etwas dagegen, Mister Rogers, wenn ich mich dazu herabließe, dich einen unverschämten Freßsack zu nennen? Wenn du Fleisch haben willst, dann fisch dir die Ratte aus dem Bach.“

„Wie – wie hat er das gemeint?“ erkundigte sich Paddy, der beim intensiven Nachdenken immer mit leichten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. „Der quasselte ja so geschraubt.“

„Seine hochmögende Lordschaft belieben heute etwas stark angesäuert zu sein“, sagte Carberry. „Wenn Seine Durchjauchzt so weitermacht, dann wird er sich noch was am Scheitel einhandeln. Kapiert, Paddy?“

„Wie – äh – was? Was ist los?“

„Das erkläre ich dir mal, wenn die Sonne wieder scheint“, versprach Carberry. „Aber das wird noch eine Weile dauern.“

„Das Essen?“

„Das auch.“

„Und dabei hab’ ich einen Mordshunger. Schade, daß die Ratte kein Ochse war, sonst hätten wir genug gehabt.“

„Ja, wirklich schade“, sagte der Profos mitfühlend, „obwohl wir natürlich auch ein paar Ochsen an Bord haben.“

Paddy kratzte sich nachdenklich den Schädel und sah dem Profos nach, der grinsend aufs Vordeck ging. So ganz blickte er noch nicht durch, wie das alles aufzufassen war, denn manchmal ließ der Profos schon eigenartige und merkwürdige Sprüche ab.

Er lehnte sich ans Schanzkleid und starrte in die trübe Brühe, die sie von allen Seiten umgab. Es hat ganz den Anschein, überlegte er dabei, als würde sich das eigenartige Wetter nie mehr ändern.

5.

Inzwischen waren drei Tage vergangen.

Die „Santa Barbara“ dümpelte in einer bleigrauen Zwielichtzone auf nur ganz schwach bewegter See.

Will Thorne hatte die kleinen Brandlöcher in den Segeln geflickt. Neue Segel, die sich in der Segellast befanden, waren angeschlagen worden. Sie hingen schlaff von den Rahen und bewegten sich kaum.

Von der Sonne war noch immer nichts zu sehen. Wenn es Nacht wurde, verdunkelte sich das Zwielicht. Wurde es Tag, dann sahen sie es nur daran, daß sie das Wasser dicht am Schiff erkennen konnten. Das diffuse Halblicht ließ immer noch keine Standortbestimmung zu.

„Wo mögen wir uns nur befinden?“

Ben Brighton stellte die Frage mehr an sich selbst, denn er erwartete keine Antwort darauf. Aber die Frage drückte seine ganze Hilflosigkeit aus.

„Ich kann es nur grob schätzen“, sagte Hasard. „Wir bewegen uns irgendwo in der Nähe des Äquators, vermutlich in westliche Richtung. Ich glaube deutlich zu spüren, daß uns eine Strömung westwärts treibt. Zudem haben wir umlaufenden Wind, wenn man das überhaupt als Wind bezeichnen kann. Aber ich werde das Gefühl nicht los, daß wir geschoben werden. Am Äquator gibt es ja Gegenströme und andere, die weiter in den Pazifik führen.“

„Es kann aber auch umgekehrt sein“, sagte Ben.

„Dann wären wir wieder auf Land gestoßen, was nicht der Fall ist. Zumindest wären wir näher in den Bereich der Ausbrüche gelangt. Aber wir entfernen uns von ihnen.“

„Ja, das stimmt.“

Alle Männer blickten hoch, als ein schwacher Windstoß in die Segel fuhr und sie leicht killen ließ. Neue Hoffnung keimte in ihnen auf, daß dieses blinde Treiben bald ein Ende haben würde.

„Ich habe vorhin am Fockmast gekratzt“, behauptete Old O’Flynn. „Und Smoky hat eine Münze über Bord geworfen. Bekanntlich gibt das ja Wind, den man dadurch provoziert. Jetzt ist er da.“

„Das hättet ihr schon vor drei Tagen tun sollen“, sagte Dan grinsend. „Dann wären wir jetzt ’ne Ecke weiter.“

„Das ist zwecklos“, meinte der Alte. „Man kann nicht gleich am ersten Tag den Wind herbeipfeifen. Man muß schon ein bißchen Geduld haben und den richtigen Zeitpunkt abwarten.“

Die anderen grinsten ebenfalls mehr oder weniger versteckt. Sie waren nicht so ganz davon überzeugt – im Gegensatz zu Old Donegal, der fest daran glaubte.

Zu ihrer Verwunderung füllte jedoch gleich darauf ein neuer Windstoß die Segel. Old O’Flynn grinste bis über beide Ohren. In seinem Granitgesicht erschienen tausend kleine Fältchen.

„Ihr glaubt ja nicht mal daran, daß es Seewasser gibt“, erklärte er. „Euch muß man alles erst tausendmal beweisen.“

Stolzgeschwellt, als hätte er den Wind erfunden, ging er davon.

„Es brist tatsächlich auf“, sagte der Seewolf verwundert. „Dann dürfte auch bald die Sicht besser werden.“

Pete Ballie ging ans Ruder und spuckte erfreut in die Hände.

„Endlich geht es wieder los. Welchen Kurs, Sir?“

„Such dir einen aus“, empfahl der Seewolf lächelnd. „Nimm am besten den Kurs platt vorm Laken, der bringt uns am schnellsten voran.“

„Aye, aye, Sir. Platt vor dem Laken.“

„Und ihr anderen Faulenzer verholt euch mal ganz schnell an Schoten und Brassen!“ rief der Profos. „Jetzt läßt Äolus endlich mal Dampf ab, und da steht ihr dämlich grinsend herum. Oder sind euch die Affenärsche eingefroren, was, wie?“

„Affenärsche anbrassen!“ krakeelte eine Stimme von der Großmarsrah, wo Sir John hockte. Er war wieder putzmunter und watschelte o-beinig hoch oben herum. Auch die Bordhündin war jetzt hellwach. Sie drehte sich um und schnüffelte in den Wind. Arwenack begann zu turnen. Die Tiere wirkten, als seien sie aus einem Schlaf erwacht.

Als die Schoten durchgeholt waren und die Segel unter leichtem Druck standen, begann auch die Bugwelle wieder aufzuschäumen. An den Bordwänden gluckerte das Wasser. Die Seewölfe fühlten sich wie neugeboren, als erstmals wieder Kielwasser zu sehen war und eine kleine schaumige und blasenwerfende Bahn achteraus blieb.

Durch die aufgekommene Brise verschwand auch die drückende Schwüle, die über allen Decks gelastet hatte. Nur die Sicht war noch auf bestenfalls zwei Kabellängen begrenzt, und der Himmel hatte seine Farbe kaum verändert.

„Wir segeln wie in einer riesigen Dunstglocke“, sagte Dan, „aber wir segeln wieder, und das allein ist wichtig.“

Der hochgewachsene Spanier neben ihm nickte zustimmend. Don Juan begann erleichtert zu lächeln.

„Herrlich, diese Brise, erfrischend. Lassen wir deinen Vater bei dem Glauben, daß er sie herbeigerufen hat, Dan.“

„Du wirst ihn auch kaum vom Gegenteil überzeugen können. In der Beziehung versteht er keinen Spaß.“

Am Nachmittag kam Ferris Tucker nach achtern. Er hielt ein kleines Brettchen in der Hand, das er Hasard überreichte.

„Vielleicht können wir uns damit provisorisch behelfen, Sir“, meinte er. „Ich hoffe jedenfalls, daß es einigermaßen funktioniert.“

Auf dem Brettchen befand sich eine kleine zitternde Nadel, die unruhig hin und her tänzelte.

„Wo hast du das her?“ fragte Hasard erstaunt.

„Das habe ich aus dem Überrest des Kompasses gebastelt. Ich habe einen kleinen Kupfernagel zugefeilt und die Kompaßnadel, die leider stark beschädigt war, darauf gesetzt. Leider ist das Ding sehr empfindlich.“

Der gute alte Ferris, dachte Hasard gerührt. Er war immer am Tüfteln und Überlegen, und jetzt hatte er aus dem zerschlagenen Rest die Kompaßnadel zurechtgefummelt, damit sie sich wenigstens einigermaßen auf ihrer langen Reise orientieren konnten.

„Prachtvoll“, sagte Hasard und legte dem Schiffszimmermann die Hand auf die Schulter. „Eine Orientierungshilfe ist es ganz sicher. Das hast du hervorragend gemacht, Ferris.“

Ferris Tucker wandte sich verlegen ab.

Hasard nahm das Brettchen und stellte es in der Nähe des Ruders auf die Planken. Die Nadel zitterte stark und tanzte. Aber offensichtlich wies sie doch ungefähr auf Nord.

„Ich dachte, der Kompaß sei total zertrümmert worden“, sagte Hasard.

„War er auch. Die Nadel war kaputt und verbogen. Ich habe sie zwischen den Holztrümmern gefunden.“

Hasard ließ den Kurs ändern und beobachtete die Orientierungsstriche, die Ferris angebracht hatte. Die Kompaßnadel spielte mit. Sie wies immer noch nach Nord, als sich das Schiff um vier Strich nach Backbord drehte.

„Das haut hin!“ rief Dan begeistert. „Sobald wir die Sonne besser im Visier haben, können wir Vergleiche anstellen. Wir müßten den Kompaß nur noch besser schützen.“

„Wir haben leider kein Glas an Bord“, sagte Ferris. „Daran habe ich natürlich auch schon gedacht.“

„Wie wär’s denn mit einer der kleinen Scheiben aus der Kapitänskammer?“ fragte der Seewolf. „Damit hätten wir eine wetterbeständige Absicherung. Über das fehlende Fensterchen können wir ja ein Holzbrett nageln.“

So geschah es dann auch. Ferris ging gleich an die Arbeit, entnahm der teilweise verglasten Heckgalerie eine der kleinen Bleiglasscheiben und fertigte daraus ein kleines Kompaßgehäuse. Das Fenster schloß er mit einem dünnen Brett.

„Wenn der Kompaß stimmt, liegen wir auf Westkurs, wie ich vermutet habe“, sagte Hasard am Abend, als wieder das Zwielicht herrschte, das immer mehr in dunkles Grau überging. „Nur diese Pestwolke zieht noch mit uns, als wollte sie uns über den ganzen Pazifik begleiten. Sie wird sich mit dem Wind jedoch hoffentlich langsam verlieren.“

Am nächsten Morgen wehte der Wind immer noch beständig, und sie liefen weiter auf Westkurs platt vorm Laken.

Die Sonne war zwar noch nicht zu erkennen, doch an der Kimm stand ein schwach glosendes Nebelgespinst im Osten, das jedoch noch keine Kraft hatte, den Dunst zu durchdringen. Immerhin betrug die Sichtweite jetzt mehr als eine Meile. Himmel und Erde schienen weiter auseinandergezogen zu sein.

Nach weiteren zwei Tagen hatte sich etliches verändert. An der Kimm stand wabernder Dunst, die Sonne erschien in einem riesigen Schleier dreimal so groß wie unter normalen Umständen.

Die Kompaßnadel zeigte eine kleine Mißweisung an, erwies sich aber trotzdem als gute Orientierungshilfe in der Weite des Meeres.

Sie waren allein inmitten eines riesigen Ozeans. Kein Schiff zeigte sich, weit und breit war kein Land zu sehen.

An diesem Tag erschien der Kutscher mit besorgtem Gesicht bei Hasard.

„Mit dem Trinkwasser ist es schlecht bestellt, Sir“, meldete er.

„Es sind doch genügend Fässer da“, sagte Hasard. „Im Laderaum stehen auch noch einige.“

„Das stimmt, wir haben auch noch genug Wasser an Bord. Aber da gibt es ein kleines Problem. Die Dons haben zwar viel Wasser an Bord genommen, aber sie haben die Fässer nicht richtig ausgeschwefelt, daher verdirbt das Wasser zusehends. Es fault und beginnt zu stinken, um das mal ganz kraß auszudrücken. In zwei Fässern sind bereits lange grüne Fäden drin.“

„Das hat uns gerade noch gefehlt. Weit und breit kein Land in Sicht, und dann fauliges Wasser. Was können wir tun, Kutscher?“

„Einige Fässer ausschwefeln und umfüllen, aber wir haben leider auch keinen Schwefel an Bord.“

„Wir hatten nicht mal eine Besatzung an Bord“, meinte Hasard sarkastisch, „deshalb mußten wir uns selbst mitbringen. Aber wie steht es mit Rum? Den haben wir doch noch.“

„Es sind ein paar kleine Fäßchen da.“

„Dann schlage ich vor, du kochst das Wasser ab und vermengst es anschließend mit Rum, damit es haltbarer bleibt.“

Der Vorschlag Carberrys, das Wasser verfaulen zu lassen und ausschließlich Rum zu trinken, stieß auf wenig Beachtung. Zur Zeit wurde dafür nur wenig Verständnis aufgebracht.

„Wie sieht es mit dem Proviant aus?“ forschte Hasard weiter.

„Die Vorräte reichen noch knapp zwölf bis vierzehn Tage, dann müssen wir rationieren, falls wir nicht auf Land stoßen.“

„Darauf verlassen wir uns vorerst lieber nicht. Wir werden uns also einschränken müssen. Vorerst ist jedoch das Wasser am wichtigsten.“

„Ich werde mich sofort darum kümmern, Sir.“

Hasard sah dem Kutscher nachdenklich hinterher, als er wieder nach vorn zur Kombüse ging.

Die ersten kleinen Probleme tauchen bereits auf, dachte er. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie mußten durch und konnten nur hoffen, bald auf eine Insel zu stoßen. Die Reise stand nicht gerade unter einem günstigen Stern. Aber sie waren ja auch völlig unvorbereitet aufgebrochen.

In der Kombüse begann der Kutscher unverzüglich damit, in einem großen eisernen Kessel das Wasser abzukochen. Faulte es weiter, dann war es nicht nur ungenießbar, sondern auch gefährlich für die Männer. So weit durfte es erst gar nicht kommen.

Luke, Stenmark, Batuti und Sam Roskill brachten die Wasserfässer vom Laderaum zur Kombüse und überprüften sie. Zwei Fässer waren mit langen grünlichen Schlieren und Algen so durchsetzt, daß der Kutscher sich angeekelt schüttelte, als er an dem Zeug roch.

Mac Pellew mußte natürlich ebenfalls an dem Zeug riechen. Er fuhr zurück, als hätte ihn eine giftige Natter gebissen. Sein Gesicht wurde noch galliger.

„Das ist doch niemals Wasser gewesen“, behauptete er. „Das ist stinkende Jauche.“

„Das war Wasser“, sagte der Kutscher. „Es wird nur wesentlich länger herumgestanden haben als das andere. Wenn wir jetzt nicht schleunigst etwas unternehmen, sieht das andere Wasser auch bald so aus und wird ungenießbar. Was das angesichts des großen Meeres bedeutet, brauche ich wohl nicht extra zu betonen.“

„Werft das Zeug über Bord“, sagte Carberry naserümpfend. „Den Geruch kriegen wir niemals mehr aus den Fässern heraus.“

Er packte selbst mit an und hievte eins der Fässer auf das Schanzkleid. Aus dem Spundloch gluckerte grünlicher zäher Schleim heraus. Ganze Klumpen von Algen hatten sich im Faß gebildet.

Luke Morgan mußte schluckend an sich halten, als er das schmierige Zeug ins Wasser laufen sah. Er gab dem Faß einen Stoß, daß es ins Wasser fiel und an der Bordwand vorbeitrieb.

Später behauptete er, das Kielwasser sei stundenlang giftgrün gewesen.

Auch das zweite Faß wurde über Bord geworfen und versank. Der Inhalt roch noch fauliger als der des anderen Fasses.

„Torfkahn!“ schimpfte Mac wieder. „Überhaupt nichts ist in Ordnung. Jeden Tag entdecken wir etwas anderes, nur nie was Gutes. Wird uns noch unterm Hintern zusammenbrechen, der Schlorren.“

„Mal bloß den Teufel nicht an die Wand!“ fauchte Stenmark. „Du siehst sowieso immer nur die schlechten Seiten.“

„Sind ja auch nur schlechte Seiten“, nörgelte Mac, „oder hast du vielleicht schon ein paar gute entdeckt?“

„Immerhin sind wir vorerst in Sicherheit. Ohne dieses Schiff wären wir vermutlich nicht mehr am Leben und ein Opfer des Vulkanausbruches geworden. Oder die Dons hätten uns noch im letzten Augenblick alle umgelegt.“

„Ich seh das trotzdem mit anderen Augen.“

Mit Mac war nicht zu reden. Er wußte alles besser als die anderen, beschwerte sich, nörgelte, nölte und meckerte an allem herum.

Inzwischen war einer der großen Kessel gefüllt worden und stand jetzt auf dem Herd. Darunter bullerte ein Holzkohlenfeuer. Da hatte Mac schon wieder was zu knurren.

„Immer Wasser kochen, Wasser, Wasser und nochmals Wasser. Ich bin doch schließlich kein Wasserkoch. Wo gibt’s denn so was, daß auf einem Schiff immer und ewig nur Wasser gekocht wird?“

„Hier gibt’s das schon“, sagte der Kutscher biestig, dem Mac allmählich immer mehr auf die Nerven ging. „Hier wird jetzt Wasser gekocht, damit wir überleben können. Und wenn dir das nicht paßt, dann lernst du mich einmal von meiner üblen Seite kennen, Mister Pellew. Ich kann deinen dämlichen Scheiß nämlich nicht mehr hören. Kapiert, oder brauchst du erst was aufs Maul?“

Mac Pellew wich fassungslos zurück, als der Kutscher ihn wild anblickte und offenbar tatsächlich entschlossen war, ihm „was aufs Maul“ zu hauen. Perplex starrte er den hageren Mann an.

„So, so – äh – so hast du noch nie mit mir gesprochen“, hauchte er.

„Dann wird es jetzt höchste Zeit, mein Lieber. Ich will, verflucht noch mal, kein Gemecker mehr hören.“

„Ist ja schon gut“, murmelte Mac erschrocken. Er ging vorsichtig weiter rückwärts, weil der Kutscher immer noch so ein wildes Gesicht zog. Als er nach dem Handlauf des schmalen Niedergangs griff, zuckte er erschreckt zusammen, nahm die Hand weg und besah sie sich.

Aus seinem Handballen ragte ein Holzsplitter, den er sich beim Zugreifen eingezogen hatte.

Der Kutscher sah diesen Holzsplitter auch – und ebenfalls das bestürzte Gesicht von Mac. Der wollte gerade wieder lauthals losfluchen.

„Sag bloß noch, daß es etwas Ähnliches auf der ‚Isabella‘ nie gegeben hätte“, erklärte der Kutscher gefährlich leise. „Darauf warte ich jetzt nur noch. Wenn du das jetzt sagst, dann tue ich mit dir das, was ich vor langen Jahren schon einmal mit einem getan habe.“

„Ich hab’ nichts gesagt, überhaupt nichts“, versicherte Mac. „Klar, auf der ‚Isabella‘ habe ich mir auch schon mal einen Holzsplitter eingehandelt. Ist ja auch nicht weiter schlimm, nicht?“

Das Gesicht des Kutschers blieb völlig ausdruckslos. Er sah zu, wie Mac sich den Splitter aus der Hand zog. Mac Pellew wirkte in diesem Augenblick total eingeschüchtert.

„Äh, was hast du damals eigentlich mit dem Kerl getan?“ fragte er.

„Ich hab ihn ignoriert, einfach ignoriert“, erwiderte der Kutscher. „Das hat mächtig weh getan.“

„Kann ich mir vorstellen“, sagte Mac beeindruckt. „Der konnte wohl tagelang nicht mehr richtig laufen, was?“

„Was hat das damit zu tun?“

„Na, ich meine, wenn du ihn so richtig – äh – na eben so richtig mit der Bratpfanne und so, dann hat es ihm auch weh getan.“

„Ah ja, natürlich“, sagte der Kutscher abwinkend. Soll Mac bei diesem Glauben bleiben, dachte er, der kapiert heute überhaupt nichts und hat seinen begriffsstutzigen Tag.

Nach einer Weile nahmen sie den Wasserkessel vom Herd, damit er abkühlen konnte. Später sollte dann Rum dazugegossen werden. Während sie den nächsten Kessel aufsetzten, reinigten die anderen an Deck die Wasserfässer und säuberten sie, so gut es eben ging.

„Trotz allem werden wir bald rationieren müssen“, prophezeite der Kutscher düster. „Es sei denn, es regnet kräftig. Doch damit ist wohl vorerst nicht zu rechnen.“

Mit einem gewissen Unbehagen blickten die Seewölfe der nächsten Zeit entgegen. Sie sah keineswegs rosig aus. Sie hatten immer noch das Gefühl, mutterseelenallein auf der Weite des Pazifiks zu sein.

Noch immer war kein einziger Vogel zu sehen.

6.

Die Zeit lief dahin, ein Tag nach dem anderen verging, ohne daß eine Änderung eintrat.

Sie hatten einen mittelprächtigen Sturm abgeritten, gut überstanden und eine zwei Tage währende Flaute hinter sich.

Auf den Decks waren Sonnensegel gespannt worden. Sie sollten auch gleichzeitig dazu dienen, Regenwasser einzufangen, das jetzt immer dringender gebraucht wurde.

Ihren genauen Standort konnten sie immer noch nicht bestimmen, denn der provisorische Kompaß hatte die unangenehme Eigenschaft, immer nervös zu tänzeln. Hin und wieder schlug er auch wie verrückt aus, oder die Nadel drehte sich.

Der Seewolf hatte alle drei Ausgucks besetzen lassen. Dan O’Flynn leistete dabei den Großteil freiwillig, denn wenn wirklich eine Insel irgendwo auftauchte, dann stand mit Sicherheit fest, daß er sie sah.

Sie brauchten nur ein paar lächerliche Meilen an der Sichtweite von Land vorbeizusegeln, dann liefen sie wieder ins Leere, und das konnte tödlich werden.

Jeder an Bord wußte das, und so wurde mit scharfen Augen und wachen Sinnen pausenlos die Kimm abgesucht.

Die Hoffnung, Land zu entdecken, schien jedoch seltsamerweise immer aussichtsloser zu werden, je weiter sie in den Pazifik vorstießen.

Es war wie verhext, und es wirkte bedrückend, keinen einzigen Seevogel oder mal einen Landstrich zu sehen.

An diesem Tag segelten sie sozusagen in eine neue Flaute.

Noch am Morgen hatte sie der Wind kräftig geschoben, und sie waren mit Steuerbordhalsen, über Backbordbug liegend, gesegelt. Doch dann war Äolus es leid geworden, das kleine Schiffchen weiter über das Meer zu blasen. Vielleicht dachte er auch, daß sich das gar nicht lohne.

Der Atem des Windgottes wurde schwächer und schwächer, bis es nur noch ein leises Seufzen war.

Smoky hockte mit ein paar anderen unter einem Sonnensegel. Zu tun gab es so gut wie nichts, das Schiffchen war in Ordnung und – von außen her gesehen – in einem guten Zustand.

Langeweile kam auf – ein Zustand, den die Seewölfe kaum kannten. Doch hier gab es nichts zu tun. So hatten sie sich die Zeit mit Spielen oder Würfeln vertrieben, doch auch das brachte jetzt keinen richtigen Spaß mehr.

Man sann auf Abwechslung, und die hatte Mac Pellew gebracht, weil der sich über die Kakerlaken geärgert hatte. Da seien ganz besonders bösartige und triefäugige dabei, hatte er versichert. Boshafte Viecher, die es ausschließlich darauf anlegten, nur ihn und keinen anderen zu ärgern.

Natürlich hatte wieder einmal Edwin Carberry die Sache persönlich in die Hand genommen und kurzerhand ein paar der Biester eingefangen, weil Mac sie nicht anfassen mochte.

Jetzt hatten sie drei Kakerlaken „gezähmt“ und ihnen auch noch Namen verpaßt. Eine gehörte dem Decksältesten Smoky, der sie auf den Namen Jonny getauft hatte. Die zweite gehörte Gary Andrews und wurde Benny gerufen. Der Profos hatte seiner Cucaracha den sinnvollen Namen Mac verpaßt, eine boshafte Anzüglichkeit gegenüber dem Zweitkoch. Aber Carberry behauptete unerschütterlich, daß Mac immer einen ganz besonders traurigen Gesichtsausdruck habe, was wohl auf verwandtschaftliche Verhältnisse zurückzuführen sei.

Die drei Kakerlaken hockten auf den warmen Planken unter dem Sonnensegel und warteten ergeben ab. Sie flüchteten auch nicht, wenn sich Hände nach ihnen ausstreckten. Außerdem waren sie satt und vollgefressen von den Abfällen. Sie waren von dunkelbrauner Farbe und hatten verkürzte Flügel. Schön sahen sie nicht gerade aus, aber sie halfen mit, die Langeweile an Bord ein wenig zu vertreiben.

Mac, Jonny und Benny hockten, tiefäugig blickend, auf den Planken und sahen zu, wie der Profos Seewasser in die Waschbalje putzte. Ob sie das überhaupt mitkriegten, wußte der Profos nicht, aber sie mußten mitspielen, weil sie schließlich ebenfalls zur See fuhren und damit dem Kommando Edwin Carberrys unterstanden. Er hatte sich selbst dazu ernannt, weil Hasard und Ben großzügig darauf verzichtet hatten.

Unter dem allgemeinen Gegrinse der Kerle wurde Carberry somit feierlich zum Kakerlaken-Oberbefehlshaber zur See ernannt.

Nachdem der Profos zwei Daumenbreiten Wasser in die Balje geputzt hatte, erklärte er noch einmal die Spielregeln.

„Das Spiel nennt sich Sturmfahrt über den Pazifik“, sagte er. Dann holte er grinsend drei kleine Federn aus der Hosentasche und verteilte sie. Die Federn stammten von Sir John und waren bei der täglichen Reinigung verlorengegangen.

Die Zwillinge Hasard und Philip waren dazu ausersehen, den Kakerlaken die „Segel“ zu setzen und Vierkant zu brassen, was sie auch mit großer Hingabe taten.

Zuerst wurde Benny das Sturmsegel auf den schmalen Rücken geklebt. Er ließ es widerstandslos über sich ergehen, als ihm die Feder auf den Rücken gepappt wurde. Da die Feder knallrot war, unterschied er sich jetzt ganz beträchtlich von seinen Genossen. Außerdem, fand Gary, sah Benny jetzt richtig verwegen aus, fast wie ein kleiner Pirat.

Dann war Jonny an der Reihe und kriegte eine grüne, etwas gekrümmte Feder verpaßt, was seinen Besitzer Smoky mit sichtlichem Stolz erfüllte. Die beiden Kakerlaken wurden wieder auf die Planken gesetzt und glotzten sich erstaunt an.

Der Profos reichte Mac an die Zwillinge weiter. Die klebten ihm eine gekrümmte gelbleuchtende Feder auf den Rücken. Mac ließ das mit traurigen Blicken über sich ergehen. Offenbar mißfiel ihm Gelb.

„Na, die sehen doch prächtig aus“, meinte Carberry. „Natürlich müßt ihr sie als eine Art Galeeren betrachten, denn die Burschen werden kräftig mit ihren Beinen rudern. Hier vorn“, er deutete auf das Ende der Waschbalje, „ist China. Achteraus befindet sich das Festland, von dem sie absegeln werden. Verhältnisse also wie bei uns an Bord. Wer von den drei Piraten zuerst China erreicht, der hat gewonnen. Kursabweichungen können durch leichtes Pusten korrigiert werden. Habt ihr das alle kapiert?“

„Klar!“ rief Smoky. „Und um was geht es? Schließlich können wir die Strapazen nicht umsonst auf uns nehmen.“

Inzwischen hatten sich fast alle Arwenacks um die seltsame Prozession versammelt und hieben sich vor Lachen auf die Schenkel, als sie die drei prächtig gekleideten „Piraten“ auf den Planken sahen. Ein bißchen verstört wirkten die Burschen schon, ganz besonders die Kakerlake Mac, deren Mimik fast betroffen war.

„Die hat tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit Mac“, sagte Sam Roskill erstaunt. „Kaum zu glauben, aber das ist eine Tatsache.“

Mac Pellew stand im Hintergrund und hörte finster zu. Im Geiste versprach er dem dämlich grinsenden Sam Roskill die Hölle auf Erden.

„Sicher, deshalb habe ich sie auch Mac genannt“, erklärte Carberry. „Solche Ähnlichkeiten muß man ausnutzen. Ach ja, um was geht es bei der Sturmfahrt eigentlich? Hm, um ein Goldstück. Oder es werden Wetten abgeschlossen, wer Erster wird.“

„Das halte ich für noch besser!“ rief Smoky. „Grünjonny scheint ein guter Segler zu sein. Dann soll jeder setzen, einverstanden?“

„Die Chancen von Rotbenny dürften noch besser sein“, meinte Gary voller Stolz.

„Gelbmac wird Erster“, widersprach der Profos. „Der untersteht meinem ganz persönlichen Kommando. Dem werde ich Wind in die Segel blasen, bis er backbrassen muß, damit er in China nicht an Land läuft.“

Die Heiterkeit kannte jetzt keine Grenzen mehr. Das, was sich der Profos da ausgedacht hatte, war mal eine feine und abwechslungsreiche Sache. Dabei kam keine Langeweile auf.

Dann wurde gewettet und jeder setzte auf eine der drei federbewehrten Kakerlaken ein paar Münzen.

Auf dem Achterdeck waren Hasard und Ben zwar ebenfalls entzückt von dem tollen Einfall des Profos’, aber da war noch etwas anderes, was sie wesentlich weniger begeisterte. Die Männer auf der Kuhl waren abgelenkt und merkten noch nichts. Hasard ließ sie daher ihr Spielchen auch weiterhin treiben. Es war ja doch nichts zu ändern.

Der Seewolf blickte besorgt in die Takelage. Die Segel standen nicht mehr voll und bei. Ein paar zeigten „Ermüdungserscheinungen“.

Sie blähten sich nicht, killten aber auch noch nicht, sondern fielen fast unmerklich in sich zusammen.

„Sieht wieder mal nach einer Flaute aus“, meinte Hasard. „In ein oder zwei Stunden liegen wir bewegungslos auf dem Wasser.“

„Ja, das sieht wirklich so aus“, bestätigte Ben. „Der Wind wird immer schwächer. Aber gerade eine langanhaltende Flaute können wir uns nicht leisten.“

Hasard lachte kurz und trocken auf.

„Das hast du gut gesagt, Ben. Wir können uns wahrhaftig keine langandauernde Flaute leisten, schon was Trinkwasser und Lebensmittel betrifft. Da sieht es immer schlechter aus. Aber leider fragt uns niemand, ob wir uns das leisten können oder nicht.“

„Wir müssen die Verdrießlichkeiten dieser Reise eben in Kauf nehmen, wir haben nun einmal so entschieden. Noch befinden wir uns in keiner ausgesprochen kritischen Situation. Möglicherweise stoßen wir in den nächsten Tagen doch noch auf eine Insel.“

„Falls die Flaute nicht dazwischenkommt und uns längere Zeit aufhält. Eine Kalmenzone kann unseren sicheren Tod bedeuten.“

„Ich weiß“, sagte Ben gepreßt. „Ich denke leider auch immer allzuoft daran.“

Während sie sich auf dem Achterdeck besorgt unterhielten, ging auf der Kuhl das lustige Spielchen weiter.

Die drei „Segler“ waren in Position gebracht und befanden sich an der Ziellinie, die das südamerikanische Land markierte. Ihre Federn sahen wie geblähte kleine Segel aus.

Carberry setzte Mac vorsichtig auf das Wasser und tauchte dann die Hand ein, damit sich Yellowmac an die fremde Umgebung gewöhnen konnte.

Aber Yellowmac wollte nicht so richtig. Er sah zwar kühn und verwegen aus, doch das Wasser gefiel ihm nicht. Er wollte auch nicht vierkant über den Pazifik segeln. Schnell machte er sich aus dem Staub und kroch am Arm seines Oberbefehlshabers nach oben.

„Ähäh“, sagte der Profos, „das gilt nicht. Du triefäugige Wanze wirst jetzt absegeln, sonst wickel ich dich zwölf mal ums Bratspill.“

Smoky verfuhr mit Jonny auf die gleiche Weise, ebenso Gary Andrews.

„Das sind vielleicht ein paar undankbare Elchwanzen“, wetterte Smoky. „Oder sind denen noch keine Seebeine gewachsen? Die haben einfach keine Lust, die Lausekerle.“

„Vielleicht können sie gar nicht schwimmen“, meinte Matt Davies besorgt. „Dann ist ihre Angst erklärlich.“

„Ach was, das ist reine Faulheit“, erklärte Carberry. „Die müssen einfach, sonst können sie sich den richtigen Pazifik von außen ansehen.“

Der Versuch wurde wiederholt, und diesmal gehorchten die drei. Aber Angst vor dem Wasser hatten sie doch.

Erst als der Profos lautstark drohte, ihnen die Affenärsche zu kalfatern, ging es besser.

Yellowmac paddelte los, Benny folgte, und dann bequemte sich auch Jonny, das Wagnis der großen Reise einzugehen. Gleich darauf flitzten sie nach drei Seiten auseinander. Yellowmac versuchte, so schnell wie möglich die Backbordseite der Waschbalje zu erreichen.

„Jetzt ist es zu spät“, sagte Carberry grinsend. „Wenn man erst mal den Hafen verlassen hat, dann muß man auch auf See. So, und jetzt werdet ihr mit einer frischen Backstagsbrise losklüsen.“

Er blies die Wangen auf und spielte Windgott, wobei er gebückt an der Waschbalje entlangschlich und Yellowmac genau im Auge behielt.

Smoky blies ebenfalls auf die Feder, und Gary ging fast die Luft aus, so sehr strengte er sich an.

Alle drei segelten jetzt unter vollem Preß. Ihre Füße paddelten im Wasser wie die Riemen von einer Galeere. Bei der nächsten Flaute wären sie fraglos abgesoffen, denn Schwimmen war überhaupt nicht ihre Stärke. So aber hielt ihr Tempo sie über Wasser, und sie hatten immer achterlichen und frischen Wind, wenn der auch verdächtig nach Rum und Dünnbier roch.

Die Kerle bliesen, was sie konnten. Und je mehr sie bliesen, um so mehr nahmen die drei farbenprächtigen Segler Fahrt auf und schossen nur so über das Wasser dahin. Durch das Pusten war das Wasser jetzt auch gekräuselt, und damit die Reise nicht so glatt ging, rührten die Zwillinge mit den Händen in der Balje, bis eine hochgehende Dünung entstand.

Da kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr. Die Kakerlaken tanzten und hüpften auf den Wellen und wurden immer wieder durch lautstarkes Gebrüll der Arwenacks angefeuert.

„So ganz einfach dürfen die das aber nicht haben“, meinte Jeff Bowie. „Kurz vor China schralt nämlich der Wind, dann springt er um, und die Armada muß auf Kreuzkurs gehen.“

„Das war nicht vereinbart!“ brüllte Carberry, aber dann mußte er ganz schnell wieder blasen, denn Yellowmac luvte zu hart an und gierte hart aus dem Kurs.

„Wieder mal der Rudergänger besoffen, was, wie?“ fluchte Ed. Schnell brachte er den verstörten Yellowmac wieder auf Kurs. Aber der hing jetzt im spärlichen Kielwasser von Grünjonny eine Mini-Kabellänge achteraus und mußte erst aufholen.

Smokys Gesicht war knallrot angelaufen. Er registrierte mit Mißbehagen, daß Grünjonny zwar verteufelt gut segelte, aber mittlerweile am chinesischen Festland drei Kerle aufgekreuzt waren, die für mächtigen Gegenwind sorgten. Und Grünjonny, diese Landratte, breitete auch hoch die kurzen Stummelflügel aus, um seine rasende Fahrt abzubremsen.

„Der hat die Beisegel gesetzt, oder er säuft ab“, meinte Stenmark kritisch. „Der gerät in Seenot, Smoky. Ich an deiner Stelle würde ihn aus dem Bach fischen.“

„Mich fischt auch keiner aus dem Bach“, empörte sich Smoky. „Ich muß so und so über den Pazifik – und Jonny auch. Der segelt weiter, und wenn ihm die Rahen um die Ohren fliegen.“

Rotbenny geriet für kurze Zeit ebenfalls in Seenot. Er lag zwar noch vorn und hatte die halbe Strecke fast hinter sich, doch der Waschbaljen-Pazifik hatte seine Tücken. Bob Grey blies ihn von der Seite her an, was auch nicht vereinbart war, und so driftete er ab und kollidierte mit Yellowmac, der mächtig aufgeholt hatte. Yellowmac wurde mit dem Klüver auf der Backbordseite gerammt, schoß in den Wind und geriet auf einen gefährlichen Kurs, weil der Profos jetzt blies und pustete, was seine mächtigen Lungen hergaben.

In der Waschbalje war wildbewegte Kreuzsee. Die Kerle nahmen ihr Spielchen verteufelt ernst und benahmen sich so, als gäbe es im Augenblick nichts Wichtigeres auf der Welt als die Sturmfahrt über den Pazifik.

Da wurde Empörung laut, da wurde mal eine Faust geschüttelt, oder da fluchte einer wie wild, wenn die Lage bedrohlicher wurde.

Yellowmac lag nunmehr vorn. Der Profos wollte grinsen, aber er konnte nicht, sonst fehlte der Wind, und den brauchte der Kleine jetzt, als er sich dem chinesischen Festland näherte.

Dort hatte sich mittlerweile der Himmel in Gestalt dreier grinsender Kerle verfinstert, die unbedingt verhindern wollten, daß die drei farbenprächtigen Flibustier landeten und Unheil über das Land brachten.

Ein feines Spielchen war das, so fanden sie alle, und es bereitete eine Menge Spaß, weil immer wieder etwas passierte, was nicht einkalkuliert war.

Grünjonny hatte heute seinen miesen Tag. Der Decksälteste scheuchte und beschwor ihn, fluchte oder bat oder verwünschte ihn lautstark. Aber der Kleine war fix und fertig und konnte nicht mehr, als er in den harten Gegenwind geriet. Er tauchte voll mit dem Bug unter, kam wieder hoch und krängte stark nach Backbord, was Smoky zum Anlaß nahm, einen entsetzten Schrei auszustoßen. Aber da war es um Grünjonny bereits geschehen. Er kenterte, sein Großsegel wurde von einer überkommenden See unter Wasser gedrückt, und damit war es aus. Grünjonny blieb kieloben und ging langsam auf Tiefe.

Dabei zappelte er, als würden auf einer absaufenden Galeere die Riemen immer noch in vollem Takt geschlagen.

„Der kriegt eine würdevolle See-Bestattung“, versprach Pete Ballie.

„Kriegt er nicht“, sagte Smoky sauer. „Der wird ausgepeitscht wegen Unfähigkeit vor dem Feind.“

Er langte in die Waschbalje und holte Grünjonny heraus. Dann setzte er ihn vorsichtig auf die Planken. Grünjonny hatte die Sturmfahrt verloren und war todunglücklich. Um ihn her breitete sich eine Wasserlache aus. Im allerletzten Augenblick war er aus Seenot gerettet und abgeborgen worden.

Blieben noch Yellowmac und Rotbenny im Rennen, um die sich jetzt Gary und der Profos lebhaft bemühten. Als sie in den starken Gegenwind gerieten, wurde der Profos ganz fuchtig. Verbissen versuchte er, Yellowmac an Land zu bringen, doch da blies ein ablandiger Taifun aus drei kräftigen Hälsen.

Yellowmac war total verbiestert und verzweifelt, das glaubte der Profos ganz deutlich an seiner Mimik zu erkennen, denn der Kleine übertraf in seiner Traurigkeit Mac Pellew bei weitem.

Rotbenny driftete ebenfalls ab, doch dann fehlte Luke Morgan die Puste, und auch Jack Finnegan mußte verschnaufen.

Rotbenny nutzte die Gunst der Stunde und segelte total abgeschlafft an Land. Sein rotes Segel sah wie ein winziger zerfranster Pinsel aus.

Gary Andrews riß die Arme hoch und brüllte los.

„Geschafft! Ich bin Sieger! Ar-we-nack!“

Carberry ärgerte sich grün und blau, als Yellowmacs Segel wie ein nasser Lappen zusammenfiel. Es killte noch einmal, dann ging Yellowmac übergangslos auf Tiefe, als hätte ihn eine Breitseite erwischt.

Edwin Carberry hieb voller Ärger mit der Faust in die Waschbalje. Das aktivierte Yellowmac noch einmal. Mit dem Tempo einer Kanonenkugel flog er aus dem Wasser, segelte über den Rand der Balje und landete auf den Planken.

„Ha!“ rief Carberry. „Der Sieger bin ich! Yellowmac ist wesentlich weiter ins Landesinnere vorgedrungen als Rotbenny.“

„Das gilt nicht“, sagte Gary. „Du hast ihm geholfen.“

„Hättest du ja auch tun können. In den Spielregeln ist es nicht ausdrücklich verboten.“

„Aber abgesprochen war es nicht.“

„Meiner ist jedenfalls weiter gesegelt, oder willst du das abstreiten?“

„Der ist nicht gesegelt, der ist geflogen.“

Fast hätte es noch Streit über den Sieger gegeben, aber dann beruhigten sich die Gemüter, als Carberry vorschlug, man werde sich den Sieg eben teilen.

Smoky ging diesmal leer aus und ärgerte sich über Grünjonny, der verbiestert auf den Planken hockte und langsam trocknete. Dann sammelte er die drei heldenhaften Kakerlaken ein und brachte sie in einer kleinen Holzschachtel unter, damit sie ihre Angst vor der Helligkeit verloren.

„Das war wirklich ein feines Spielchen“, sagte der Profos. „Wir werden das in den nächsten Tagen natürlich noch verfeinern und ausbauen. Wir könnten eine ganze Armada durch die Waschbalje scheuchen. Ich stelle mir etliche als Zweimaster, Karavellen, Karacken oder ein paar größere auch als Galeonen vor. Man muß ihnen eben nur ein paar größere Federn auf den Rücken kleben.“

„Dann will ich aber auch meine eigene Karavelle!“ rief Blacky, der von dem neuen Spiel begeistert war. Die anderen wollten natürlich ebenfalls, und so wurde beschlossen, sich noch ein paar besonders kräftige Exemplare zu „besorgen“, die auch als Galeonen oder Kriegsschiffe geeignet waren.

Der einzige, der nicht mitspielte, war Mac Pellew.

„Eine Sauerei ist das“, schimpfte er, „diese mistigen Triefaugen durch die Waschbalje segeln zu lassen! Vielleicht füttert ihr die Mistviecher auch noch.“

„Die fressen sowieso nur Abfälle“, beruhigte ihn der Profos. „An den Proviant lassen wir sie nicht mehr heran. Aber richtige Seeleute müssen auch gut im Futter stehen, sonst sind sie saft- und kraftlos, Mister Seltenfroh.“

„Ich spiel da jedenfalls nicht mit. Das ist mir zu dämlich, Mister Großmaul. Wenn ihr an den Kakerlaken keinen Spaß mehr habt, fangt ihr noch mit Ratten an, was?“

„Du bringst mich da auf eine verdammt gute Idee“, sagte Carberry anerkennend. „Das ist auch mal was anderes.“

Sie waren so in ihre Unterhaltung vertieft, daß sie gar nicht merkten, als der Seewolf plötzlich hinter ihnen stand.

„Ist euch Kakerlaken-Seglern eigentlich schon aufgefallen, daß wir keinen Wind mehr haben?“ fragte er sanft.

7.

Köpfe führen erstaunt herum. Auf einigen Gesichtern lag verblüfftes Staunen. Smoky starrte entgeistert zu den Segeln, die schlaff und faltig von den Rahen hingen.

Die anderen sahen sich ebenfalls um. Die See war ruhig, fast spiegelglatt. Nur hin und wieder bewegte sich das Wasser ganz leicht. Es gab kein Kielwasser mehr, keine Bugwelle schäumte. Der Himmel war samtig-blau, und die Sonne stand wie ein Riesenrad über ihnen. Es war erdrückend schwül und still.

Das Spiel hatte alle in ihren Bann geschlagen, und darüber hatten sie Gott und die Welt vergessen.

„Himmel, Arsch und Flaute“, murmelte der Profos. „Seit wann sind wir denn bekalmt? Ist mir aufrichtig peinlich, Sir, aber ich habe das nicht bemerkt.“

„Seit einer guten halben Stunde rührt sich nichts mehr“, erwiderte Hasard. „Aber das braucht dir nicht peinlich zu sein. Wir haben um uns her nur die Weite der See, und da kann nichts passieren. Immerhin sind die Ausgucks alle besetzt.“

„Hm, daß man sich so in ein Spiel vertiefen kann“, murmelte Carberry.

„War offenbar sehr interessant, das Wettsegeln“, meinte Hasard lächelnd. „Wer hat denn gewonnen?“

„Gary und ich. Was sollen wir jetzt tun, Sir?“

„Warten, bis der Wind wieder bläst. Und beten, daß er es möglichst bald tut, sonst wird es sehr eng werden.“

Das Flammenrad der Sonne hatte seinen höchsten Punkt überschritten und neigte sich jetzt seiner westlichen Bahn entgegen. Meer und Himmel unterschieden sich an der Kimm nur durch eine feine gekrümmte Linie. Die Hitze nahm noch zu, und nach einer weiteren halben Stunde rührte sich kein Lüftchen mehr.

Sie waren in einem Meer der Ruhe und Stille gefangen, das scheinbar keinen Anfang und kein Ende hatte. Sie fühlten sich wie auf dem Boden einer riesigen gläsernen Kugel eingeschlossen.

Der Zustand war bedrückend, zumal das Gesicht des Kutschers immer besorgter und länger wurde. Er dachte an den Proviant und das Trinkwasser. Beides begann knapp zu werden. Wenn diese Flaute noch längere Zeit anhielt, dann …

Er mochte den Gedanken nicht zu Ende denken, denn er war sehr beunruhigend.

Alle halbe Stunde wechselten die Ausgucks. Doch sie sahen immer und ewig das gleiche Bild. Eine spiegelglatte See und einen zeitlosen Himmel, der sich über ihnen wölbte. In diesem Himmel war die Sonne der einzige Punkt, der sich bewegte. Gnadenlos herabbrennend, zog dieser helle Punkt seine Bahn und bewegte sich auf die Kimm zu.

Die Sonne ging unter. Nicht in einem farbenprächtigen Schauspiel wie sonst, sondern lichtarm und unauffällig. Als sie hinter der Kimm versank, brach die Dunkelheit herein. Am Himmel funkelten Sterne, und etwas später stand der Mond als Sichel über dem Pazifik.

In den Räumen war es heiß, stickig, brühwarm und drückend. Die Luft legte sich beklemmend auf die Lungen, das Atmen fiel schwer.

Daher zogen es alle vor, an Deck zu schlafen.

Am folgenden Morgen begann die Langeweile erneut. Im Osten erschien aus dem Meer ein tastender Lichtstrahl, grellen Fingern gleich, die sich nach dem Himmel streckten. Dann tauchte der obere Rand einer hellen Scheibe auf, und gleich darauf wurde es wieder schwül-warm.

Der Stille Ozean peinigte sie mit einem neuen Tag voller einschläfernder Monotonie.

Da half es auch nicht, daß Old O’Flynn sämtliche Meermänner, Geister und Götter beschwor, und auch die Schutzheiligen ließen nichts von sich hören.

So langsam breitete sich Niedergeschlagenheit aus. Sie waren hilflos und konnten nichts tun als warten und nochmals warten. Doch das ewige Warten war nicht ihre Sache.

Ein paar Arwenacks wanderten ruhelos über die Decks. Andere hockten unter den überall gespannten Sonnensegeln und dösten.

Der Tag verging, ohne daß etwas geschah.

Am darauffolgenden Tag, der genauso wie der andere verlief, ließ Hasard die Rationen für Trinkwasser kürzen.

„Ein Entschluß, der mir schwerfällt“, sagte er. „Aber wir müssen uns von nun an einschränken. Ich weiß, daß ihr die Entscheidung akzeptieren werdet.“

Sie akzeptierten sie, hockten unter den Sonnensegeln und starrten trübsinnig auf die Planken, die unter der Gluthitze einer erbarmungslosen Sonne immer mehr austrockneten.

Die Beschäftigungstherapie bestand darin, daß Rumpf und Planken ständig mit Seewasser übergossen wurden.

Hin und wieder war ein trockenes Knacken im Holz zu hören, oder ein Block knarrte. Das waren – abgesehen von ihren eigenen Stimmen – die einzigen Laute weit und breit.

Die Stille in der unendlichen Weite des Pazifiks war körperlich spürbar, seit die vertrauten Geräusche verschwunden waren. Da war nicht einmal mehr das Gluckern von Wasser zu hören – oder der Wind, wenn er durch die Takelage pfiff. Auch das Raunen der See war verschwunden und der entsetzlichen Stille gewichen.

Die Kalme hielt an, und die See blieb glatt wie ein Spiegel. Sobald sich einmal das Wasser auch nur leicht kräuselte, sprangen sie hoch und starrten sich die Augen aus. Aber das war kein Wind, vielleicht hing es nur mit einer unterseeischen Strömung zusammen.

Als auch der Proviant gekürzt wurde, murrte zwar niemand, dafür waren sie viel zu einsichtig und diszipliniert, aber die Stimmung wurde noch schlechter.

Ständig wechselten die Ausgucks, und so manch hoffnungsvoller Blick richtete sich auf die Kimm. Doch jedesmal wurde eine Enttäuschung daraus.

Sie befanden sich irgendwo in der trostlosen Weite des riesigen Meeres und kannten nicht einmal genau ihren Standort.

Trinkwasser gab es jetzt nur noch zweimal am Tag. Einmal morgens, dann erst wieder am späten Nachmittag. Das Frühstück fiel ebenfalls sehr sparsam aus, aber zum Glück hatten sie bei der wilden Hitze sowieso keinen großen Hunger. Der Durst war schlimmer.

Die Kalme hielt jetzt bereits dreieinhalb Tage an, und immer noch war kein Ende abzusehen. Der Wind, den sie herbeisehnten, der über Leben oder Tod entschied, blieb weiterhin aus.

„Regnen müßte es“, sagte der Kutscher, „wenigstens ein paar Stunden lang. Dann wäre das Trinkwasserproblem für eine Weile gelöst.“

„Und das Hungerproblem?“ fragte Matt Davies, „wie lösen wir das?“

„Verdursten ist schlimmer. Bevor wir verhungern, sind wir längst verdurstet.“

„Sehr beruhigend.“

„Ja, das ist das einzige, was wir mit Sicherheit annehmen können. Aber wie wäre es, wenn wir es mal mit Angeln versuchen würden?“

„Daran habe ich auch schon gedacht“, sagte Ben Brighton. „Aber zum Angeln brauchen wir Köder, und woher nehmen wir die?“

„Salzfleisch vielleicht“, murmelte der Kutscher. „Immerhin können wir es versuchen.“

Nach einer Stunde waren die ersten Angelleinen ausgeworfen und mit Salzfleisch bestückt. Anfangs waren sie noch mit Feuereifer bei der Sache, doch als sich nach zwei, drei Stunden immer noch nichts rührte, verloren einige langsam die Geduld.

Der Kutscher schlug vor, die Leinen zu verlängern. Das wurde getan, aber es brachte keinen Erfolg. Kein einziger Fisch biß an.

„Die haben ja recht, die Außenbordkameraden“, motzte der Profos, „ich an ihrer Stelle würde auch kein ungenießbares und steinhartes Salzfleisch fressen, wenn in der Tiefe bessere Brocken lauern. Die haben doch ihren Tisch gedeckt, die Burschen.“

Sie ließen die Angelleinen auch über Nacht hängen. Am anderen Morgen hingen die Köder unberührt dran. Die Pazifik-Bewohner hatten offenbar einen besseren Geschmack.

Von nun an ging es bergab. Jeden Morgen erwartete sie ein strahlend blauer Himmel, an dem nicht die Andeutung einer Wolke zu sehen war. Das glatte Meer regte sie auf. Wenn sie Durst hatten, dann mußten sie warten, bis ihnen die Zungen zum Hals heraushingen, und wenn sie Hunger hatten, mußten sie ebenfalls warten, bis der Kutscher und Mac ihnen die spärlich bemessenen Rationen zuteilten.

Eines Mittags war plötzlich ein ungewohntes Geräusch in der entsetzlichen Stille zu hören. Wie elektrisiert stürzten die Arwenacks an das Schanzkleid.

Sie sahen einem Schauspiel zu, das sie schon mehr als einmal erlebt hatten.

Tief unter ihnen glitzerte das Wasser wie Silber. Riesige Schwärme kleinerer Fische flitzten aufgeregt dahin. Sie veränderten blitzschnell ihre Richtung, gingen tiefer oder stießen näher zur Oberfläche hoch.

Ganze silbrig blinkende Fischschwärme flüchteten in wilder Panik. Einige gerieten der Oberfläche dabei so nahe, daß man sie mit der Hand hätte fangen können.

„Räuber sind hinter ihnen her“, sagte Mac Pellew. Er zuckte zusammen, als ein paar silbrige Leiber blitzschnell aus dem Wasser sprangen. Sie sprangen mehrere Fuß hoch und fielen dann wieder zurück.

„Los, in die Jolle“, sagte Carberry eifrig, „vielleicht fangen wir ein paar der Burschen.“

Die Jolle hing schon seit zwei Tagen außenbords. Sie benutzten sie zum Zeitvertreib, pullten ein wenig um das Schiff oder schwammen in dem kühlenden Wasser.

Die Aussicht, den mageren Speisezettel aufzufrischen und gebackenen Fisch zu essen, beflügelte sie. Sie waren ganz versessen darauf, und ihnen lief schon das Wasser im Mund zusammen.

Ferris, Ed, Smoky und Bill enterten in die Jolle und pullten zu jener Stelle, wo immer wieder mal ein paar Fische aus dem Wasser sprangen. Sie starrten ihnen mit hungrigen Augen nach.

Unter ihnen spielte sich ein Drama in der See ab. Unsichtbare Räuber fuhren wie verrückt in den Schwarm. Sie sahen es daran, wenn winzige Fetzen an die Oberfläche trieben. Die Räuber selbst waren jedoch nicht zu entdecken. Ferris Tucker tippte auf Barracudas, gierige und räuberische Pfeilhechte, die mit ihren scharfen Zähnen Brocken aus den Fischen rissen, dann umkehrten und sie verschluckten.

Dicht neben dem Boot kochte und brodelte das Wasser.

Smoky zuckte zurück, als etwas vor ihm ins Wasser fuhr. Er sah den Pfeil nicht einmal, den Batuti mit seinem Bogen abgefeuert hatte. Er hörte ihn nur ins Meer zischen. An dem Pfeil hing eine dünne Leine aus Kabelgarn. Der Riese aus Gambia hatte auf gut Glück mitten in den quirligen Fischschwarm geschossen.

Als er jetzt die Leine einholte, zappelten am Pfeil zwei mehr als handgroße Fische, was ein lautstarkes „Hurra“ bei den Arwenacks auslöste. Der nächste Schuß brachte ein weiteres Exemplar an Bord, zwei weitere sprangen in ihrer Angst vor den Räubern ins Boot.

An Deck wurde jetzt vor Begeisterung gejohlt, doch dann war der Spuk zu Ende. Er verschwand so schnell, wie er begonnen hatte.

Nur in weiter Ferne zeigte sich noch einmal ein Fisch, dann war alles vorbei.

„Fünf Fische“, sagte der Kutscher, „immerhin fünf Fische. Aber leider werden davon nicht einmal zwei Männer satt.“ Er sah bedeutungsvoll in die Runde und erkannte den Hunger in den Gesichtern. Sie hatten wahrhaftig nicht mehr viel zu essen als das ekelhafte und immer schmieriger werdende Pökelfleisch, ein paar Kastanien und Mais. An den Schiffszwieback mochte er schon gar nicht denken. Der war nur bei Dunkelheit einigermaßen genießbar. Dann sah man die schwarzköpfigen Maden nicht, die sich darin tummelten.

„Na sicher sind es fünf Fische“, sagte Ferris Tucker, „fünf kleine, lausige Fische. Zu mehr hat es nicht gereicht, leider. Aber sollen wir sie wieder ins Meer zurückwerfen, nur, weil keiner davon satt wird?“

Der Kutscher schüttelte den Kopf und sah bedrückt auf die Fische.

„In gewisser Weise ja, Ferris. Wir sollten sie als Köder benutzen, um damit größere Burschen zu fangen. Mit diesen Fischen haben wir einen wirklich guten Köder, das hat die Jagd eben bewiesen.“

„Ein salomonischer Gedanke“, sagte Hasard. „So werden wir es auch halten. Wir nehmen sie als Köder, oder hat jemand Einwände?“

Niemand hatte Einwände, aber angesichts dieser zappelnden Fische glaubte jeder, seinen Magen überlaut knurren zu hören. Sie alle stellten sie sich gebraten oder gebacken vor.

„Also dann – auf zum Angeln!“ sagte Hasard.

Der Profos grinste ein bißchen schief.

„Wir könnten es mal so versuchen wie bei der Bergpredigt“, meinte er.

„Ich glaube jedenfalls, daß es da war, wie Pater David mal gesagt hatte. Da wurden auch viele Leute von ein paar Fischlein satt. Äh – ich meine nur so, Sir, man kann ja nie wissen.“

Der Seewolf sah seinen Profos lange an, der gottergeben und mit frommen Blicken in den wolkenlosen Himmel schaute.

„Ich glaube, wir haben niemanden, der so überzeugend reden kann, daß die anderen ihren Hunger vergessen“, meinte er. „Oder würden deine Argumente eine ganze Crew sättigen?“

„Wahrscheinlich nicht“, gab Carberry zu. „Obwohl ich immer ein sehr frommer Pilger war.“

„Deine Frömmigkeit wird dir sicher später einmal hoch angerechnet werden, wenn das Himmelreich nahe ist, mein Sohn. Und nun geh und wandele und bete zum Herrn, auf daß diese fünf Fischlein in einen sehr großen verwandelt würden. Das ist dann sehr überzeugend.“

Der Profos grinste bis an die Ohren. Er verstand sich wieder einmal prächtig mit seinem Kapitän.

Erneut wurden die Leinen ausgeworfen, diesmal mit einem Köder bestückt, bei dem die Hoffnung bestand, daß er nicht mit Verachtung gestraft wurde.

An diesem Tag schien der Herr wahrhaftig ein Einsehen zu haben, denn am späten Nachmittag fingen sie einen Brocken, den sie nur mit Hilfe von fünf starken Männern bändigen konnten. Der Fisch war groß und schwer und tobte wie besessen herum. Er zog und zerrte, bis die „Santa Barbara“ ganz langsam in Fahrt geriet.

Aber dann hatten sie ihn endlich geschafft. Batuti gab ihm den Rest, als er an der Oberfläche erschien. Er schoß ihm einen Pfeil in den Schädel, und dann hievten sie ihn an Bord.

Der Jubel über diesen unerwarteten Fang war groß. Mit Feuereifer wurde der riesige Fisch zerlegt und in handliche Portionen geschnitten.

„Das wird ein Festessen“, versprach der Kutscher freudestrahlend. „An diesen Tag werden wir uns noch lange mit Dankbarkeit erinnern.“

Seit langer Zeit konnten sie endlich wieder mal richtig zulangen, und das taten sie ausgiebig, denn niemand wußte, wann ihnen wieder so ein Glücksfall beschieden war.

8.

Am folgenden Morgen dachten sie an den Tag, aber keinesfalls mit Dankbarkeit, denn da waren fast alle krank.

Das kleinste Übel waren Magenschmerzen, über die etliche Männer klagten. Aber das war nur der Anfang.

Al Conroy litt unter Sehstörungen, ebenso Piet Straaten und Pete Ballie, die die Welt nicht mehr begriffen.

Sam Roskill, Jack Finnegan, Big Old Shane und Stenmark liefen mit leichenblassen Gesichtern herum und hängten sich über das Schanzkleid. Dabei wurden sie von heftigen Krämpfen geschüttelt.

Wieder andere hatten Koliken oder einen dumpfen Druck im Schädel, der mit anfallartigen Schmerzen verbunden war.

Selbst Hasard blieb nicht verschont. Immer wenn er seinen Blick auf einen Punkt konzentrierte, sah er grüne Sterne oder grelles Flimmern, bis alles vor seinen Blicken verwischte.

„Du lieber Himmel“, sagte der Kutscher mühsam, der unter ständigem Erbrechen litt. „Wir haben uns mit dem Fleisch des Fisches vergiftet. Und wir haben nicht mal ein Mittel dagegen.“

Hasard stand auf der Kuhl. Mal sah er den Kutscher doppelt, dann dreifach, dann zerfloß er zu einem breiten Schemen.

„Was jetzt, Kutscher?“ fragte er mühsam. „Was können wir tun?“

Der Kutscher dachte mühsam nach. Er spürte, wie sich sein Magen umkrempelte und alles nach oben kam. Wortlos stürzte er ans Schanzkleid und würgte.

Die Angst ging um auf der „Santa Barbara“, denn niemand wußte, wie gefährlich diese Vergiftung war und welche Folgen sie hatte. Da wackelten selbst so harten Kerlen wie Carberry oder Ferris die Knie.

Der Kutscher kehrte wieder zurück. Sein Gesicht war schweißüberströmt, und er rang nach Luft.

„Essig trinken, bis alles erbrochen ist“, flüsterte er, „die Mägen müssen leer werden. Aber das meiste ist wohl schon ins Blut gegangen.“

Hasard sah den Kutscher auf und nieder tanzen. Die Gestalt des Kutschers schien aus sich selbst herauszutreten wie ein Geist. Zwei Kutscher standen ihm plötzlich gegenüber, dann drei, und dann vier, die alle nacheinander wieder zusammenwuchsen. Der Seewolf schloß krampfhaft die Augen, um den Alptraum loszuwerden.

Mac Pellew hing ebenfalls über das Schanzkleid gebeugt. Er rülpste und jammerte, und wenn er zwischendurch Luft kriegte, dann verfluchte er das Schiff und alle Fische dieser Welt.

Hasard und der Kutscher holten Essig und gaben ihn den Männern zu trinken.

Später tönte Carberry herum, so eine große Kotzerei hätte es noch auf keinem Schiff der Welt gegeben, und er selbst habe sich dabei sehr geschämt.

Alle opferten der See mit leichenblassen Gesichtern, bis sie total abgeschlafft und erschöpft auf den Planken hockten.

Danach konfrontierte sie der Kutscher mit einer weiteren Medizin. Er gab ihnen Holzkohle, jede Menge, die er in einem Mörser zu Pulver zerstoßen hatte.

„Holzkohle habe ich noch nie in meinem Leben gefressen“, sagte Carberry erschöpft. „Ich hab’ mir die Seele aus dem Leib gereihert, jetzt langt es.“

„Du friß die Holzkohle“, sagte der Kutscher barsch. „Und wenn ich sie dir mit der Culverine ins Maul schießen muß.“

„Muß ich dann wieder kotzen?“ fragte Carberry kläglich.

„Nein – im Gegenteil“, sagte der Kutscher trocken. Er sah zu, wie der Profos das Zeug schluckte und würgte, bis er blau anlief. Dann wollte er es wieder ausspucken.

„Was passiert, wenn ich das Zeug nicht esse?“

„Dann kriegst du die Trockenstarre und siehst hinterher aus wie ein Stockfisch an der Leine. Dein Körper wird trocken und starr, und wir werden dich als Trockenmumie über Bord geben.“

Das half, denn vor dem Wissen des Kutschers hatte der Profos immer noch einen Heidenrespekt. Er wollte auch nicht als Trockenmumie an Bord herumliegen. Also schluckte er weiter.

Es dauerte einen weiteren Tag, bis die Halluzinationen und die Übelkeit langsam abklangen. Aber es hatte keine Ausfälle gegeben. Die Arwenacks waren wieder auf der Höhe, aber ihre Körper waren noch ausgelaugt und geschwächt.

„Dieser verdammte Fisch“, sagte der Kutscher. „Hinterher ist man immer schlauer. Ich werde jedenfalls kein Vieh mehr anrühren, das ich nicht genau kenne. Wir hätten uns den Tod holen können.“

„Ja, das hätte der Fall sein können“, gab Hasard zu. „Aber dank deiner Mittelchen haben wir es überstanden. Hat noch jemand Beschwerden irgendwelcher Art?“

Ernstliche Beschwerden hatte zum Glück keiner mehr. Da war nur noch eine gewisse Mattigkeit und Unlust, ein Erschöpfungszustand, der sich allmählich legte.

„Kräftiges Essen würde die Kerle jetzt wieder auf die Beine bringen“, sagte der Kutscher zum Seewolf leise, „aber das haben wir nicht. Wir müssen wohl noch einmal durch die Hölle.“

Der Seewolf nickte. Auch er sorgte sich immer mehr, denn noch hielt sie die entsetzliche Kalme gefangen. Mit jedem Tag wurden die Vorräte und das Wasser weniger. Es stand ihnen noch eine verdammt harte Zeit bevor.

Wieder verging ein Tag langsam und qualvoll. Es sah immer noch nicht so aus, als würde sich in den nächsten Tagen etwas ändern. Im Geiste sahen sie sich schon als Skelette an Bord liegen, wenn das letzte Trinkwasser verbraucht war.

„Wir werden das Schiff morgen schleppen“, sagte Hasard. „Wenn wir Glück haben, bringen wir es an den Wind. Wenn wir hier warten, werden wir nicht mehr sehr alt.“

Was das bedeutete, war jedem klar. Knochenarbeit, Schinderei und Plackerei, bei kräftezehrender Hitze und immer kleiner werdenden Rationen. Das würde auch ihre letzten Kräfte aufzehren. Aber es mußte sein, denn diese Flaute bedeutete ihren sicheren Tod. Lieber wollten sie vor Erschöpfung zugrunde gehen, als tatenlos herumzusitzen. Vielleicht wehte ja einige Meilen weiter ein Lüftchen, das all ihre Probleme lösen würde.

An diesem Tag ruhten sie noch aus und verdünnten das bißchen Wasser, das sich noch in den Fässern befand mit ein wenig Seewasser, um es zu strecken.

Am nächsten Morgen wurden beide Jollen vorgespannt, und damit begann ein höllischer Törn, als die „Santa Barbara“ aus der Kalmenzone geschleppt wurde.

Hasard ließ weiter nach Norden trecken, wo er Wind erhoffte. Er mußte sich dabei auf sein Gespür verlassen. Wenn das versagte, dann waren sie erledigt. Aber sie hatten abgestimmt, wie immer in derartigen Situationen, und jetzt pullten sie die Galeone nordwärts.

Jeweils eine Stunde wurde gepullt, dann lösten sie sich ab.

Der Schweiß rann ihnen in Strömen über die Körper, als sie das schwere Schiff durch die glatte See schleppten. Die „Santa Barbara“ ging mit hängenden Segeln auf Nordkurs. Unendlich langsam bewegte sie sich im Takt der Riemen durch die See.

Den ganzen Tag über wurde gepullt. Immer wenn die Ruderer wechselten, legten sich die anderen erschöpft und ausgelaugt hin und schliefen wie Tote.

Sie hatten keinen Blick mehr für das Wasser. Mit gesenkten Köpfen pullten und pullten sie, bis die Körper schmerzten, bis es vor ihren Augen flimmerte und die Muskeln sich verkrampften.

Der Große Pazifik spielte sein tödliches Spiel mit ihnen. Er ließ sie in der bangen Ungewißheit, ob sie es schaffen würden oder nicht, ob sie sich die Seelen aus dem Leib pullten, oder ob sie endgültig auf der Strecke blieben.

Die Sonne schickte sich an, hinter der Kimm zu verschwinden. Hasard wollte das Zeichen zum Aufhören geben, doch die Männer wehrten ab.

„Noch ein paar Stunden“, sagte Carberry müde. „Wir pullen, bis wir nicht mehr können. Es ist vielleicht auch besser, wenn wir künftig nur noch nachts pullen. Dann entgehen wir der Hitze.“

„Eine gute Idee“, sagte Hasard, der selbst in der Jolle saß und die Riemen durchs Wasser zog.

Noch einmal legten sie sich in die Riemen, bis die Sonne nur noch ein winziger Strich auf der Wasserfläche war.

Da ließ sie ein Schrei zusammenfahren.

Dan O’Flynn richtete sich in der Jolle auf und zeigte voraus.

„Da vorn kräuselt sich das Wasser!“ brüllte er. „Noch eine knappe Meile, dann haben wir eine schwache Brise.“

Müde Augen richteten sich auf jene Stelle.

„Wahrhaftig“, sagte Hasard, „die See bewegt sich. Es hat den Anschein, als würde sich da tatsächlich etwas tun.“

Die verkrampften Gesichter entspannten sich. Schmerzgebeugte Rücken wurden gestreckt. Der Profos spuckte in die riesigen Fäuste.

„Auf“, sagte er heiser, „jetzt wollen wir es wissen. Entweder kriegen wir jetzt Wind, oder uns holt der Teufel. Langt noch mal kräftig ’rein, Männer.“

Die letzten Reserven wurden mobilisiert. Schwielige Fäuste packten zu, und dann brüllten sie ein dreifaches Hurra auf den Seewolf und dessen gutes Gespür.

Das Wasser um sie her kräuselte sich schwach. Über ihre schwitzenden Körper rann sekundenlang ein kühler Schauer. Das Geschenk des Himmels war da, aber es war hart erkämpft worden – bis an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit.

Die Schleppleinen hingen immer mehr durch, während die Sonne ihre letzten kupferfarbenen Strahlen über das Wasser sandte.

„Zurück an Bord!“ rief Hasard. „Und dann Schleppleinen los! Wir haben es geschafft.“

Jetzt war alle Müdigkeit wie weggeblasen. Die Augen leuchteten wieder, und die Hoffnung gab ihnen neuen Mut und Zuversicht.

In aller Eile wurde an Bord gepullt, die Jollen wurden auf gehievt.

Die Brise war deutlich spürbar, frisch und versprach neues Leben. In den Segeln war wieder Bewegung. Äolus blies hinein und straffte sie.

„Weiter auf Nordkurs“, sagte Hasard. „Wir brauchen noch mehr Wind, damit wir segeln können.“

„Und Land brauchen wir noch, damit wir leben können“, murmelte der Kutscher. „Aber das eine hängt vom anderen ab.“

Etwas später glitt die „Santa Barbara“ mit halbgefüllten Segeln in die Nacht. Die Arwenacks standen grinsend und erleichtert an Deck und genossen das Fäßchen Rum, das Hasard zur Feier des Tages spendiert hatte.

Zwei Tage nach der Flaute änderte sich ihr Leben und nahm eine neue Wende.

Gleich am frühen Morgen stellten die Ausgucks fest, daß sich voraus an der Kimm offenbar an einigen Stellen Nebel zu bilden begann. An drei Stellen waren Punkte zu sehen, die wie feine Gespinste wirkten, die auf der See zu schweben schienen.

Dan O’Flynn griff nach dem Kieker, Hasard ebenfalls. Sie hatten nur diese beiden Spektive an Bord.

„Eigenartig“, sagte der Seewolf, „direkt merkwürdig. Die Nebel wachsen buchstäblich zusammen. Hoffentlich steht uns da nicht eine neue Flaute bevor. Ich kann das Wort Windstille schon nicht mehr hören.“

Alle starrten gebannt nach vorn, wo jetzt nur noch ein merkwürdig anzusehendes Nebelgespinst auf dem Wasser schwebte. Mal war der weißliche Schleier kompakt, dann zerfaserte er wieder und streckte sich, als verberge sich dahinter etwas.

„Sollen wir darauf zuhalten?“ fragte Pete Ballie.

Hasard zögerte die Antwort hinaus. Schließlich nickte er widerwillig.

„Mal sehen, was es damit auf sich hat. Kann auch eine Untiefe sein, wo das Wasser wärmer ist. Kurs darauf, Pete. Kurz vorher drehen wir ab, falls es eine Nebelbank ist.“

Das seltsame Gespinst zerfaserte wieder. Eine gute Stunde lang segelten sie darauf zu, die Blicke pausenlos nach vorn gerichtet.

Dann brüllte aus dem Großmars die Stimme Blackys los. Er ruderte mit beiden Armen und fiel vor Freude und Begeisterung fast aus dem Mars.

„Land! Land voraus! Oh, verflucht, Mann, wir haben Land.“

Da hielt es niemanden mehr. Sie wußten, daß sie sich auf die Meldung verlassen konnten, aber sie wollten es mit eigenen Augen sehen, daß da tatsächlich Land war – Land, das sie solange entbehrt hatten, so daß sie bereits geglaubt hatten, es gäbe überhaupt kein Land mehr.

Sie flitzten nur so in die Wanten, und dann sahen sie es. Ungläubig blickten sie zu einem langgestreckten weißen Strand. Eine Brandungswelle war zu sehen, die an den Strand anrannte, aber von einem Riff gebremst wurde. An dem Korallenriff schäumte und brodelte das Wasser. Die Welle stürzte mit Donnergetöse darauf zu, brandete wild und schäumend auf und stob als gewaltige Gischtwolke auseinander.

Das Donnern war jetzt schon als leises Brausen zu hören und wiederholte sich in regelmäßigen Abständen.

Der Strand selbst wurde von langen Reihen Kokospalmen gesäumt, die ihre Wedel im frischen Wind bewegten.

„Eine Insel, die unbewohnt zu sein scheint“, meinte Dan zufrieden. Sie konnten sich an dem Anblick nicht satt genug sehen. Vor dem Korallenriff zerstob immer wieder der anfangs so mysteriös erscheinende Nebel und bildete sich an anderer Stelle neu.

Jetzt waren sie alle von freudiger Erwartung erfüllt, denn allein der Anblick der zahlreichen Kokospalmen versprach schon die Rettung aus der großen Misere. Kokosnüsse bedeuteten Leben, denn sie trugen die nahrhafte Milch in sich und das frische Fruchtfleisch, das sie wieder auf die Beine bringen würde.

Unter vollem Preß jagte die „Santa Barbara“ der Insel entgegen, die jetzt immer deutlicher und klarer zu erkennen war.

„Vielleicht bedeutet das auch gleichzeitig frisches, köstliches und kaltes Trinkwasser“, schwärmte der Profos. „Das wäre eine Wohltat, nachdem wir lange Zeit nur brackige und grüne Jauche geschluckt haben.“

Bei dem Gedanken an frisches Quellwasser lief ein erwartungsfroher Schauer über ihre Rücken. Fast andächtig sahen sie zu dem Land hinüber.

Eine malerisch gelegene Bucht war zu erkennen, ein Märchenstrand mit Palmen, eine donnernde Brandung.

Mit der „Santa Barbara“ konnten sie durch die Brandung nicht hindurch, aber mit der Jolle würde es klappen.

Hasard hatte erst vor, einen Teil der Insel zu runden, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen, doch er unterließ es, als er den wilden Hunger in den Gesichtern seiner Männer sah. Sie waren ganz versessen darauf, an Land zu gehen, um wieder einmal festen Boden unter den Füßen zu haben, Kokosnüsse zu pflücken und Trinkwasser zu suchen.

Wie die Insel hieß, der sie sich näherten, wußte allerdings niemand. Sie kannten sie nicht. Aber das war vorerst auch unwichtig. Diese Insel bedeutete Leben.

„Wir gehen vor der Korallenbank vor Anker“, sagte der Seewolf. „Und dann sehen wir uns genau um.“

Die Segel wurden aufgegeit, Carberry und drei andere lauerten schon darauf, den Anker zu setzen. Sie alle hatten es furchtbar eilig. Aber das war nach der langen Reise auch kein Wunder. Von der Insel erhofften sich alle das Paradies.

Als der Anker Grund faßte, war es für alle wie eine Erlösung.

Die große und die kleine Jolle wurden abgefiert. Den Arwenacks kribbelte es in den Fingern, wenn sie das nahe Land sahen.

„Wer darf denn alles an Land?“ erkundigte sich der Profos eifrig.

„Jeder, der will. Zwei oder drei Männer werden allerdings zurückbleiben. Sie können dann später an Land gehen und sich umsehen.“

Ben Brighton, Will Thorne und Old O’Flynn blieben freiwillig zurück. Die anderen enterten mit freudigem Gebrüll in die Jollen ab.

„Vorsicht bei der Brandung“, warnte Dan O’Flynn. „Wenn ihr nicht genau die richtigen Wellen abpaßt, landet ihr im Bach.“

Aber solche läppischen Kleinigkeiten störten sie nicht. Carberry, Ferris Tucker, Matt Davies und Luke Morgan knüppelten die Jolle durch das Wasser und konnten die Landung kaum noch erwarten. Es dauerte ihnen auch viel zu lange, die richtige Welle abzupassen, denn in der Brandung gab es einen gewissen Rhythmus, der das Hindurchgleiten ermöglichte.

Vor ihnen rauschte und donnerte es laut. Gerade brach sich die Welle mit Getöse. Alles verschwand sekundenlang in einer riesigen Wolke aus hochstiebender Gischt.

„Ha, die setzt uns genau am Strand ab“, prophezeite der Profos, als das nächste schaumige Ungetüm herandonnerte.

Er hatte sich jedoch verrechnet, der Profos. Das erwartungsvolle Grinsen verging ihm von einem Augenblick zum anderen.

Die donnernde Walze erfaßte die Jolle, hob sie hoch und trieb sie brüllend und schäumend vor sich her. Die Arwenacks hielten die Luft an und warteten gottergeben, denn das war das einzige, was sie jetzt noch tun konnten. Zwei, drei Sekunden lang hofften sie noch, das brüllende Monstrum würde sie in rasender Fahrt weiterschieben. Dann erkannten sie ihren Irrtum.

Urplötzlich kippte die Welle um. Ein riesiges Gebirge türmte sich auf, donnerte, brüllte und zischte wie ein rasender Höllenhund.

Der Profos brüllte mit. Er brüllte, die anderen sollten sich festhalten, doch seine Brüllerei wurde mühelos von dem gewaltigen Brausen übertönt. Sie hielten sich sowieso ganz automatisch fest und ließen erst los, als die Jolle unter Wasser gedrückt wurde.

Dann wurde es ziemlich eng für sie. Ferris schoß wie ein Hai durchs Wasser, wurde hin und hergedreht und fand sich Augenblicke später dicht vor dem Strand wieder. Der Profos stieß wie ein angesengter Hammerhai aus dem Wasser, schnappte empört nach Luft und griff haltsuchend um sich. Aber da gab es keinen Halt, nur Schaum und brodelnde See. Edwin Carberry ging wieder fluchend auf Tiefe. Danach rollte er wie eine Kugel auf den Strand zu. Als er sich erhob, warf ihn die folgende kleinere Welle noch einmal um.

„Ei, ei, das war aber knapp“, brummte er. „Wo ist denn die Jolle geblieben?“

Die Jolle trieb kieloben in der See. Kräftige Fäuste packten zu, drehten sie um und schoben sie zum Strand.

Die andere Jolle war noch unterwegs, hatte die Brandung geschafft und näherte sich ihnen. Carberry tönte schon wieder herum.

„Da sieht man mal, was richtige Schlagmänner sind. Wir waren jedenfalls zuerst am Strand, was, wie?“

„Und was habt ihr davon?“ fragte Dan O’Flynn trocken.

„Ja, was haben wir davon?“ murmelte der Profos und wischte sich das Salzwasser aus dem Gesicht. „Immerhin haben wir den Besitzanspruch auf diese Insel, die wir als erste betreten haben.“

Darüber freuten sie sich alle, weil sie jetzt eine neue Insel hatten. Daß die aber schon besetzt war, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch keiner.

„Ist es dann gestattet, euer Land betreten zu dürfen?“ erkundigte sich Dan ironisch.

Der Profos gestattete es huldvoll. Dann setzte er zu einem schnellen Spurt auf die Kokospalme an.

Da hingen sie, die Dinger, verheißungsvoll mit ihrer frischen Milch und dem saftigen Fruchtfleisch. Ed, Ferris, Matt und Big Old Shane begannen, an dem kräftigen Stamm zu rütteln. Sie taten das mit einer Kraft, als wollten sie die Palme aus dem Boden rupfen. Hoch über ihnen im Wipfel rauschte es dumpf, dann begann es zu regnen, schöne schwere Kokosnüsse.

Boing! Der Profos hörte etwas krachen und sprang zur Seite. Leider war er nicht schnell genug. Er sah auch noch einen rötlichen Nebel und wackelte taumelnd herum. Sein Blick war etwas durcheinandergeraten, und so stolperte er von einem zum anderen.

„Der Büffel muß doch immer alles mit Gewalt angehen“, hörte er eine tadelnde Stimme. „Und dann wundert er sich, wenn ihm was auf die Glocke fällt.“

Wie durch einen Schleier hindurch sah er die Kerle grinsen und feixen. Wahrhaftig, da war ihm tatsächlich eine Kokosnuß auf den Dachstuhl gefallen.

„Mann, hab’ ich heute ein Pech“, murmelte er erschüttert. Aber dann griff er hastig zu, als ihm Matt Davies eine Nuß reichte, die er gerade aufgeschlagen hatte.

Schlürfend standen rund dreißig Kerle am Strand und labten sich voller Behagen. Eine Nuß nach der anderen wurde geköpft und leergetrunken. Die zurückgebliebenen Männer auf der „Santa Barbara“ wunderten sich lediglich darüber, daß die Kerle die Schalen nicht gleich mitfraßen. Die Schlürferei war bis an Bord zu hören.

Hasard und der Kutscher ließen sofort weitere Nüsse zusammentragen und zu einem Haufen aufschichten. Dann pullten vier Mann mit der kleinen Jolle zurück an Bord und luden die Kostbarkeiten ab, damit die anderen nicht so lange warten mußten.

Dann wurde die erste Exkursion vorgenommen. Trinkwasser sollte gesucht werden.

„Die Insel verspricht einiges“, sagte Hasard. „Sie ist bergig, und es wird meiner Ansicht nach tiefeingeschnittene Täler geben. Dort werden wir ganz sicher auch Trinkwasser finden.“

Einer der Gipfel war von hier aus schon zu sehen. Seine Spitze war in feinen Nebel gehüllt, er war mindestens tausend Yards hoch, wie allgemein geschätzt wurde.

Der Kutscher blieb nach einigen Schritten stehen und deutete voraus.

„Brotfrüchte“, sagte er heiser. „Brotfruchtbäume mit Früchten. Die haben wir schon einmal auf einer Insel im Pazifik gefunden. Allein damit löst sich eins unserer größten Probleme.“

„Jetzt fehlt nur noch Fleisch“, sagte Paddy Rogers, aber da warf ihm der Kutscher einen so strafenden Blick zu, daß Paddy seine Freßsucht vergaß und krampfhaft schluckte.

Sie besahen sich die Brotfruchtbäume aus der Nähe und waren dankbar für diese Gabe der Natur. Ohne diese Insel hätten sie nicht mehr sehr lange durchgehalten.

Als sie weitergingen, stießen sie immer wieder auf neue Überraschungen und konnten sich kaum sattsehen. An einer Stelle fanden sie einen kleinen Wald voller Brotfruchtbäume, jeder etwa fünfzehn Yards hoch und mit schweren Früchten behangen. Aber auf der Insel wuchsen auch Papayas, Bananen, Mangos und Taro, wie sie voller Freude zur Kenntnis nahmen.

Der ganze Trupp hielt jetzt in Richtung auf den Berg zu. Das hier war die Luvseite der Insel, wo jetzt in den ausladenden Tälern dichter Regenwald stand. Etwas weiter voraus wallten immer wieder Nebelschwaden hoch.

„Da rauscht was“, sagte der Kutscher plötzlich erregt. Und dann lief er auch schon los.

Zehn Minuten später hatten sie das heiß ersehnte Trinkwasser endlich gefunden. Es drang als Quelle aus den Bergen und floß in einem Tal zusammen. Dort bildete das Quellwasser einen Bach, der über bemooste Platten stürzte, einen winzigen See bildete und später wieder unterirdisch verschwand.

Jetzt hatte sogar der Seewolf leuchtende Augen.

Der Zustand der Ergriffenheit hielt allerdings nicht lange an – dazu war der Durst zu übermächtig. Jetzt, folgte das, was sie später als „Wasserschlacht“ bezeichneten. Voller Freude und mit lautem Gebrüll stürzten sich alle Mann der Länge nach in den Bach, dessen Wasser kalt, herrlich, köstlich und frisch war. Die wüste Planscherei dauerte eine gute halbe Stunde. Dann hatten sie alle ansehnliche Bäuche und konnten kaum noch laufen.

Hasard schickte eine Gruppe zu dem Schiff zurück. Sie sollten gleich mit dem Einsammeln von Früchten beginnen und Wasserfässer an Land schaffen.

„Wir werden ein paar Tage hierbleiben, Wasser fassen, Früchte sammeln, fischen und die Insel erkunden“, sagte Hasard. „Nach den Strapazen dieser Reise haben wir es verdient.“

Die Arwenacks stimmten erfreut zu. Es war wirklich ein langer Törn durch den Pazifik gewesen. Ein paar Tage Ruhe und Erholung würden allen guttun, denn diese Insel bot alles, was sie zum Leben brauchten.

Jetzt noch weiter in die Täler und Regenwälder vorzudringen, hielt Hasard für wenig sinnvoll. Sie hatten alles das fast auf Anhieb gefunden, was sie so sehr entbehrt hatten. Die Exkursion in Richtung der Berge würde sich auch recht schwierig gestalten und kaum neue Erkenntnisse bringen.

„Wir sehen uns mal weiter unten am Wasser um“, schlug Hasard vor. „Da wir ohnehin Zeit genug haben, können wir später immer noch zu einer kleinen Erkundung ins Innere aufbrechen. Möglicherweise ist diese Insel sogar bewohnt.“

Als sie umkehrten, kam ihnen schon der andere Trupp entgegen. Sie hatten Wasserfässer und Jutesäcke dabei. Einige waren mit dem Einsammeln von Früchten beschäftigt, die anderen füllten frisches Wasser in die mitgebrachten Fässer.

„Wir gehen etwa eine Meile weiter“, sagte Hasard zu Shane. „Danach kehren wir zurück und wechseln die Mannschaften, damit sich jeder in Ruhe umsehen kann.“

Big Old Shane nickte. Auch er sah sich immer wieder staunend um.

„Ben, Will und Donegal waren mächtig überrascht, als wir gleich wieder aufkreuzten. Sie konnten es kaum glauben, daß wir offenbar das Paradies gefunden haben“, berichtete Shane.

„Sie können nachher ja auch an Land und sich alles ansehen.“

Sie zogen weiter, winkten den Zurückgebliebenen zu und marschierten am Strand entlang.

Bis auf das Donnern der Brandung war es auffallend still und ruhig. Sie sahen auch keine Seevögel. Der Strand lag vor ihnen, als sei er noch nie von einem Menschen betreten worden.

Dennoch sahen sie sich immer wieder nach allen Seiten um und blickten auch in die Wildnis, die gleich hinter den Palmen begann. Das Rauschen der Brandung wurde leiser, je weiter sie sich entfernten. Hinter einer Landzunge war es nur noch als leises Murmeln zu hören. Offenbar war es das einzige Riff weit und breit.

Wieder bot sich ihren Blicken ein einzigartiges Bild von tropischer Schönheit.

Ein weißer, unberührter und jungfräulicher Strand lag vor ihnen, der etwa achtzig Yards breit war. Kokospalmen, in deren Gipfeln leise der Wind raunte, standen dicht an dicht. Dahinter begann fast übergangslos Wildnis und Regenwald, der von dem hohen, nebelumhüllten Berg überragt wurde.

„Das ist die reinste Erholung“, meinte der Kutscher. „Das habe ich mir wochenlang vorgestellt und gewünscht.“

Er lief ans Wasser hinunter und sah hinein. Dann schlug er verzückt die Hände zusammen.

„Seht mal her!“ rief er, ins seichte Wasser deutend. „Da tummelt sich alles, was Abwechslung in unseren Speisezettel bringt!“

Sie sahen ins Wasser, auf dem sich die Sonne spiegelte.

In einer Tiefe von nicht mehr als einem Yard tummelten sich riesige Langusten und Krebse, bei deren Anblick den Arwenacks das Wasser im Munde zusammenlief.

„Und Seegurken gibt es!“ schrie der Kutscher freudig. Soviel Glück auf einmal konnte er gar nicht fassen.

Der Profos warf einen Blick auf die Seegurken und rümpfte die Nase.

„Was willst du denn damit?“ fragte er mißtrauisch. „Soll einer den Kram vielleicht essen? Aber ohne mich! Da sind mir die Langusten und Krebse viel lieber.“

„Was der Bauernlümmel nicht kennt und so weiter“, sagte der Kutscher tadelnd. „Von den Seegurken nehmen wir mit, was wir erwischen können. Das wird unser Notproviant.“

„Willst du die vielleicht in Essig einlegen und uns später verklaren, daß es richtige Gurken seien?“ fragte Carberry. „Das kannst du mir aber nicht unterjubeln. Außerdem sehen die Dinger aus wie der reinste Alptraum.“

Der Kutscher, immer um das Wohl der Mannschaft besorgt und ein Mann, der improvisieren konnte, schüttelte den Kopf. Etwas vorwurfsvoll sah er den Profos an.

„Diese Seegurken werden an der Luft getrocknet, in dicke Scheiben geschnitten und dann geräuchert. Auf diese Weise halten sie sich sehr lange und schmecken auch gut. Wenn wir auf dem weiteren Törn mal nichts mehr zu beißen haben, greifen wir auf die Notreserve zurück und müssen nicht verhungern.“

„Dann verhungere ich lieber“, sagte Carberry prompt.

„Eine sehr gute Idee, Kutscher“, meinte Hasard. „Du läßt dir wirklich immer wieder etwas Neues einfallen. Ich stelle mir vor, daß sie ganz gut schmecken. Vor allem garantiert uns ein derartiger Notproviant das Überleben in einer ausweglosen Situation. Oder denkst du darüber anders, Mister Carberry?“

„Ich, Sir?“ Der Profos gab sich sehr erstaunt. „Aber ich doch nicht. Seegurken sind was Feines – äh – geräuchert natürlich. Davon kann man gar nicht genug kriegen. Sie sehen zwar ein bißchen komisch aus – so wie ’ne Nudelrolle mit Borsten, aber sonst sind sie gut. Nur roh mag ich sie nicht.“

„Brauchst du auch nicht“, tröstete ihn der Kutscher. „Und weil du sagtest, davon könne man gar nicht genug kriegen, werden wir für dich noch ein paar mehr mitnehmen. Vielleicht magst du auch lieber Seegurken in Himbeersoße oder mit Apfelmus.“

Aber mit Himbeersoße und Apfelmus mochte sie der Profos auch nicht, wie er glaubhaft versicherte. Dann lieber doch geräuchert.

Eine halbe Stunde lang gingen sie weiter, und dann entdeckten sie auch die ersten Seevögel, die hoch über dem Wasser ihre Runden drehten.

Hasard blieb stehen und deutete voraus, wo eine dicht mit Palmen bewachsene Landzunge ins Meer ragte.

„Bis dorthin gehen wir noch, dann kehren wir um. Später können wir mit dem Schiff die Insel erkunden oder zumindest einen Teil, denn sie scheint wesentlich größer zu sein, als ich angenommen hatte. Hinter der Landzunge werden wir vermutlich auf eine weitere Bucht stoßen, die so ähnlich aussieht wie diese hier.“

Sie gingen weiter, immer noch mit der nötigen Vorsicht, denn die Insel konnte bewohnt sein, auch wenn sie keine Hütten sahen. Auf vielen Inseln hatten sich Eingeborene ins Landesinnere verzogen.

Aber etwas später fanden sie etwas anderes.

9.

Sie erreichten den Punkt, wo sie umkehren wollten. Die Palmen wuchsen bis dicht ans Wasser, und vor ihnen lag die dichtbewachsene Landzunge, die einen Halbkreis bildete.

Aber da war die Neugier des Profos’, und die war so ausgeprägt, daß er es sich nicht verkneifen konnte, wenigstens einen kurzen Blick auf den anderen Strand zu werfen. Möglicherweise wäre ihm sonst noch etwas entgangen.

Als Hasard stehenblieb, stiefelte Carberry zwischen den Palmen der Landzunge hindurch und schob sich durch das Gestrüpp.

„Wir kehren um“, sagte Hasard. „Den weiteren Abschnitt können wir uns später ansehen.“

„Aye, aye, Sir, aber ich will nur noch einen Blick tun. Das ist so eine Angewohnheit von mir, damit ich weiß, wie es weitergeht.“

„Deine Angewohnheiten kenne ich, aber meinetwegen.“

Ed tat also einen Blick, und als er sich durch den Verhau gekämpft hatte, da traf ihn fast der Schlag.

Er schluckte, stierte, blies dann die Wangen auf und stemmte beide Arme in die Hüften. Er glotzte wie ein Mondkalb.

„Ich glaub’, ich seh’ nicht richtig“, sagte er ächzend.

„Was ist denn mit dem los?“ fragte Dan O’Flynn. „Der wird doch nicht ein Faß Rum entdeckt haben.“

„Er glaubt, er sieht nicht richtig“, meinte Hasard.

Sie sahen den Profos nur von der Seite, aber wie er so dastand und Löcher durch die Luft stierte, erinnerte er an eine Salzsäule.

„Wieder so ein Trick von ihm, die Neugier der anderen zu wecken“, meinte der Kutscher, „damit er weiterlatschen kann. Vielleicht sieht er ’ne Ameise mit Krampfadern.“

Die anderen grinsten erst einmal und stellten sich das bildlich vor.

Aber als der Profos immer noch stierte, wurde Hasard ungeduldig.

„Was ist los, Ed?“ rief er.

Carberry erwachte aus seiner Erstarrung. Er drehte sich um, winkelte den riesigen Daumen ab und deutete auf das, was er sah.

„Da liegt ein Wrack“, sagte er tonlos. „Da liegt wahrhaftig ein alter Eimer am Strand.“

Einen Augenblick lang sahen sich die Mannen verdutzt an.

„Ein Wrack – hier?“ fragte Hasard ungläubig.

Der Kutscher flitzte nur so durch den Verhau. Die anderen folgten in auffallender Eile. Als sie auf der anderen Seite der Landzunge standen, bot sich ihnen ein ganz anderes Bild.

Der Strand war noch breiter. Wie ein weißer Halbkreis zierte er eine malerische Bucht. Auch hier standen überall Kokospalmen.

Fast in der Mitte der Bucht lag ein Wrack. Ein zersplitterter Mast stand noch, die beiden anderen fehlten. Da waren nur noch pinselartige Gebilde zu sehen.

Einsam und verlassen lag das Wrack in der Mittagshitze auf dem Strand. Niemand war zu sehen. Die Entfernung betrug von der Landzunge aus etwa drei Kabellängen.

Eine ganze Weile starrten sie zu dem Schiff. Außer der „Santa Barbara“ hatten sie lange kein Schiff mehr gesehen, und jetzt waren sie auf ein einsames Wrack an einem ebenso einsamen Strand gestoßen. Eine Überraschung war das schon.

„Eine spanische Galeone“, flüsterte Dan O’Flynn, als könne ihn jemand anderer hören.

„Ja, der Bauart nach eine spanische“, erwiderte Hasard, der ebenfalls den Blick aufmerksam auf das Wrack gerichtet hatte.

„Meine Neugier“, sagte der Profos stolz. „Ohne mich wäre das heute ein langweiliger Tag geworden.“

„Jaja, du bist eben der wahre Entdecker“, sagte der Kutscher. „Sehen wir uns das einmal aus der Nähe an?“

Die Zwillinge, Hasard und Philip begannen ebenfalls zu drängen. Das geheimnisvolle Wrack zog sie magisch an, und sie wären am liebsten gleich losgerannt, um es zu erkunden. Aber Vater Hasard hielt die beiden noch zurück.

„Natürlich sehen wir es uns an“, sagte er, „aber zuerst beobachten wir das Umfeld. Wenn hier ein Schiff gestrandet ist, dann gibt es vermutlich auch Überlebende, und die könnten vielleicht ganz versessen darauf sein, uns zu überrumpeln, unser Schiffchen zu kassieren und damit zu verschwinden. Seht euch also aufmerksam nach allen Seiten um und achtet auf mögliche Fußspuren. Wenn uns Gefahr droht, dann nur aus dem Dickicht.“

Sie gingen langsam weiter, dicht am Wasser entlang, und näherten sich dem Wrack, das auf dem Trockenen lag und etwas zur Backbordseite geneigt war.

Besonders genau musterten sie dabei den Regenwald. Aber wenn sich dort jemand versteckt hatte, dann war er so gut getarnt, daß sie ihn doch nicht gesehen hätten.

Es war ein unbehagliches Gefühl, nicht zu wissen, was in den nächsten Minuten geschah. Aber sie befanden sich so dicht am Wasser, daß jeder mögliche Gegner erst den breiten Strand überwinden mußte, wenn er sie überrennen wollte – vorausgesetzt, dieser Gegner feuerte nicht aus dem Hinterhalt.

„Keine Fußspuren zu sehen“, sagte Dan. „Von dieser Seite aus jedenfalls nicht. Wie es dahinter aussieht, kann ich nicht erkennen. Aber Fußspuren kann man ja auch verwischen.“

„Allerdings“, räumte Hasard ein, wobei er wieder zu dem dunklen Teil des Regenwaldes blickte.

Einmal war da ein Knacken zu hören. Sofort blieben sie stehen und richteten die Pistolen auf jene Stelle, wo das Geräusch zu hören war. Es wiederholte sich jedoch nicht, trotzdem hatten sie ständig das unangenehme Gefühl, von unsichtbaren Augen belauert zu werden.

„Wir hätten Plymmie mitnehmen sollen“, sagte Philip, „aber es ging alles so schnell, weil jeder an Land wollte, und so ist sie eben an Bord geblieben.“

„Ja, die Hündin hätte nur einmal geschnüffelt, und dann wüßten wir genau, wie wir dran wären“, sagte der Kutscher.

Sie blickten immer noch zu der Stelle, wo das Knacken zu hören gewesen war. Da rührte sich nichts.

„Kann auch ein Ast gewesen sein“, meinte Carberry achselzuckend. „Wenn uns wirklich jemand an den Hals will, dann hätte er es längst getan.“

„Oder er wartet unsere Neugier ab und nutzt die Gelegenheit, wenn wir uns das Wrack ansehen“, sagte Hasard junior.

Sie hatten sich dem Schiff jetzt bis auf knapp hundert Yards genähert. Immer noch rührte sich nichts. Das Wrack schien schon seit undenklichen Zeiten hier am Strand zu liegen.

„Der Rumpf ist an einigen Stellen aufgerissen“, stellte Dan fest. „Vielleicht hat es mit dem Riff Bekanntschaft geschlossen, vor dem wir liegen, und ist später abgetrieben. Sonst sind eigentlich keine nennenswerten Schäden zu erkennen, bis auf die beiden fehlenden Masten. Und der Kahn ist ziemlich brüchig.“

Der Seewolf hatte seinen Radschloßdrehling in der Hand und ging weiter. Dabei spähte er immer noch aufmerksam zum Regenwald.

„Das Wrack liegt schon lange hier“, sagte er, „das beweist schon der Zustand der Decks und der verrotteten Takelage. Es gibt kein einziges Segel mehr, aber die kann man abgenommen und anderweitig verwendet haben.“

Auch der Kutscher dachte über das Wrack nach.

„Ich nehme an, daß es auch keine Überlebenden mehr gibt“, sagte er nach einer Weile.

„Woraus willst du das schließen?“

„Eben an dem Zustand“, sagte der Kutscher grinsend. „Was hätten wir denn getan, wenn wir Schiffbruch erlitten hätten und auf dieser Insel gestrandet wären?“

Hasard zog die Augenbrauen hoch und warf dem Kutscher einen Blick zu.

„Eine gute Überlegung. Wir hätten es zuerst mit einer gründlichen Reparatur versucht, und wenn das nicht ging, dann hätten wir uns aus dem Holz Flöße gebaut, falls die Jollen zertrümmert wären. Aus dem restlichen Holz hätten wir Hütten gebaut.“

„Eben. Aber das haben sie nicht getan. Wie ich sehe, hängt da nur ein morsches und kaputtes Beiboot herum.“

„Vielleicht hatten sie zwei“, meinte Carberry. „Die meisten Dons haben zwei Jollen an Bord.“

„Wir werden es gleich genauer wissen“, sagte Dan.

Das Wrack war jetzt nur noch ein paar Schritte entfernt. So sehr Dan auch den Sand ringsum absuchte, es fanden sich keine Fußspuren. Schon seit langer Zeit schien niemand hiergewesen zu sein. Es gab auch keine Andeutung von Schleifspuren, wie sie beim Verwischen von anderen Spuren meist entstehen.

Wie ein geducktes Ungetüm lag das Schiff auf dem weißen Sand. Es verströmte einen seltsamen Geruch, eine Mischung aus Seetang, Holz, Teer und Salzwasser. Gleichzeitig strahlte Hitze von dem Wrack nach allen Seiten ab.

Dort, wo das Wrack lag, war der Strand fast hundert Yards breit. Dann stand an seinem Ende eine Palmengruppe, hinter der dichter, urwaldähnlicher Wald begann. Auch von hier aus war wieder der Berg sowie ein kurzer Einschnitt in ein buntblühendes Tal zu sehen.

Sie gingen erst einmal um das Wrack herum, das die See so hoch auf den Strand geschoben hatte.

Der Anstrich aus Teer und Harpüse war abgeblättert, das Holz an vielen Stellen ausgebleicht und gerissen. Manche Risse waren so breit, daß man den Finger durchschieben konnte.

„Kein Name, kein Heimathafen, nichts mehr zu erkennen“, sagte Hasard. „Aber es muß eine spanische Galeone sein, die hier vor langer Zeit strandete oder auf ein Riff lief. Vielleicht gibt uns das Innere etwas mehr Aufschluß.“

Es rührte sich immer noch nichts. Sie hatten wieder einmal das Gefühl, ganz allein auf der Welt zu sein. Es war warm, die Wellen plätscherten leise an den Strand, und über ihnen wölbte sich ein blauer Himmel.

Von der Backbordseite hingen zwei Tampen herab, direkt einladend, wie der Profos feststellte.

„Na, dann wollen wir mal“, sagte er, griff nach dem Tampen und wollte an Bord hangeln.

Der Tampen war aber schon sehr alt, sehr morsch und sehr brüchig. Einen Koloß wie den Profos hielt er nicht mehr aus. Als er hochschwingen wollte, brach der Tampen. Carberry landete fluchend im Sand.

„Lausiger Torfkahn!“ schimpfte er. „Bei den Dons ist aber auch wirklich alles vergammelt.“

Hasard lachte leise und half Carberry wieder auf die Beine.

„Mit der Zeit vergammelt eben alles. Versuch du es mal, Philip“, wandte er sich dann an seinen Sohn.

Philip angelte nach dem anderen Tampen. Der Profos half ein bißchen nach, und gleich darauf befand sich der Junior an Bord.

„Vorsicht an Deck“, warnte Hasard, „die Planken sind morsch. Paß auf, daß du nicht durchbrichst.“

„Die sind noch ganz in Ordnung!“ rief Philip. „Einen Augenblick, ich sehe da ein paar Taue liegen.“

Hasard junior, der es ebenfalls nicht mehr erwarten konnte, enterte bereits mit Hilfestellung auf.

Dann warfen sie Tauzeug über Bord und befestigten es. Auch dieses Tauwerk war brüchig und zu lange der Sonne ausgesetzt gewesen. Erst als sie es doppelt nahmen, konnten auch die anderen vorsichtig aufentern.

Etwas später standen sie alle an Deck und sahen sich neugierig um.

Der Geruch nach Holz und Teer wurde noch intensiver. Das brüchige Deck warf die Hitze zurück. Zwischen den Planken gab es daumendicke Risse, aber sie hielten.

Wo die beiden Masten geblieben waren, ließ sich nicht mehr feststellen. Wahrscheinlich hatte sie die See geschluckt und an einer anderen Stelle angetrieben.

Ein Beiboot befand sich an Bord, eine Jolle mit angeknacksten und geborstenen Planken. Sie war noch verzurrt, hing aber so schief wie das Wrack selbst.

Die Schotten hingen gleichfalls schief in den Scharnieren. Jeder leise Luftzug bewegte sie, und dann gab es ein leises knarrendes Geräusch, das den Profos ruckartig herumfahren ließ.

Das Schanzkleid an der Steuerbordseite war eingedrückt, vermutlich durch die über Bord gegangenen Masten. Überall hatte die Sonne das Holz gebleicht.

Auf irgendeine geheimnisvolle Weise schien das Wrack von Leben erfüllt zu sein, denn jetzt aus allernächster Nähe waren von überall her leise Laute zu vernehmen. Mal war da ein leises Ächzen, dann knarzte ein Schott, oder es knackte in einer Planke.

„Fangen wir vorn an“, sagte Hasard. Er stand auf dem schräggeneigten Deck und warf wieder einen prüfenden Blick zu den Palmen hinüber.

„Ich glaube nicht, daß uns noch irgendeine Gefahr droht. Aber haltet trotzdem die Augen offen und laßt euch nicht ablenken.“

Sie gingen nach vorn. Unter ihren Schritten drückten sich mitunter ganz leicht die Planken durch. Manche knarrten auch bei der leisesten Berührung entsetzlich.

Das Schott vom Mannschaftslogis war aus den Scharnieren gebrochen und lag neben dem Eingang.

Als Hasard vorangehen wollte, hielt er noch einmal inne und sah über die sonnenüberfluteten Decks.

„Der Don hat nur zwei kleine Kanonen“, sagte er. „Folglich war es ein Handelsfahrer – oder ein Schiff, das die Dons zur Erkundung und Entdeckung ausgeschickt hatten.“

Den anderen fiel das auch erst jetzt auf. Da standen auf dem Quarterdeck tatsächlich nur zwei armselige und vergammelte Kanönchen.

„Die langen bestenfalls zum Spatzenschießen“, meinte Carberry. „Damit konnten sie wirklich nicht viel ausrichten.“

Hasard war inzwischen schon die morschen Stufen hinuntergestiegen, die in einen dunklen und fensterlosen Raum führten.

Sie gewöhnten sich jedoch sehr schnell an das Halbdunkel und sahen sich um.

In dem Raum waren eingebaute Kojen, flache Mulden, die blankgescheuert waren. Sonst gab es nichts.

„Keinerlei Klamotten, kein Geschirr, absolut nichts“, staunte der Kutscher. „Das ist ja nicht sehr ergiebig.“

„Sehr eigenartig“, meinte auch Hasard. „Das sieht so aus, als sei das ganz bewußt alles ausgeräumt worden.“

Der Profos, der im Geist schon wieder Knochenmänner vermutet hatte, war’s zufrieden, denn Totenschiffe waren ihm unheimlich, und für Knochenmänner hatte er noch nie was übrig gehabt.

Sehr erleichtert stieg er wieder nach oben.

Als nächstes nahmen sie sich die Kombüse vor, deren Schott ebenfalls nur angelehnt war. Der gemauerte Herd stand noch drin, sonst war da nur gähnende Leere.

Diesmal kratzte sich der Kutscher verblüfft den Schädel.

„Absolut nichts“, sagte er wieder. „Nicht mal ein lausiger Topf oder eine schmierige Pfanne.“

Er riß ein Schapp auf und starrte hinein. Zwei vertrocknete Kakerlaken hatten darin ihr Leben ausgehaucht. Das war alles.

Die Verblüffung der Arwenacks wuchs immer mehr.

„Vielleicht haben sie alles in die Laderäume geschafft“, sagte Dan. „Die sind noch verschalkt und geschlossen.“

Die Zwillinge dachten wieder an Schätze, die sie irgendwo an Bord vermuteten, doch auch sie wurden enttäuscht.

„Wozu sollten sie das getan haben?“ fragte Hasard. „Außerdem würde das beweisen, daß sie dann noch am Leben waren.“

„Ein anderes Schiff kann sie gefunden und mitgenommen haben. Das wäre auch noch eine Möglichkeit. Dann hat man den ganzen Kram eben umgeladen.“

Aber auch mit der Theorie konnte sich der Seewolf nicht so recht befreunden. Irgend etwas Mysteriöses lag über diesem Wrack. Die Verschalkung des Laderaumes war zwar noch intakt, doch an einer Stelle, dicht bei dem zerfetzten Mast, war er geöffnet worden. Dort fehlten ein paar Bohlen.

Carberry war wieder mal als erster Mann vor Ort. Neugierig spähte er in den Laderaum, erwartungsvoll grinsend, weil vermutlich wieder eine Entdeckung bevorstand.

Er entdeckte auch etwas, dann begann er zu schielen und wurde ganz biestig im Gesicht. Mit einem wilden Satz sprang er zurück.

„Knochenmänner!“ ächzte er.

Hasard trat an den offenen Teil und blickte nach unten. Was er sah, ließ auch ihn für einen Augenblick erschauern.

Im Laderaum des Schiffes lagen, hockten oder saßen in verrenkten Stellungen menschliche Gerippe. Manche hatten keinen Schädel mehr, aber der lag dann meist in unmittelbarer Nähe. Einige Skelette trugen noch Fetzen modriger und faulender Kleidung und Uniformen. Fast der gesamte Laderaum war mit Gebeinen übersät.

Dem Profos stand immer noch der Schrecken im Gesicht. Er fühlte sich in seiner Haut nicht mehr wohl, und auf diesem Wrack erst recht nicht, weil er die Knochenmänner nahe wußte.

„Offenbar sind die armen Kerle ertrunken“, sagte der Kutscher. „Oder sie haben es nicht mehr rechtzeitig geschafft, nach oben zu gelangen.“

Hasard schüttelte ernst den Kopf.

„Ich weiß nicht, was sich hier abgespielt hat, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß die Männer im Laderaum ertrunken sind. Was hat eine ganze Mannschaft ausgerechnet im Laderaum zu suchen? Nein, Kutscher, daran glaube ich nicht. Das paßt nicht zusammen.“

„Hast du eine andere Erklärung, Sir?“

„Leider nicht. Ich weiß nur, daß dies eine geheimnisvolle und reichlich mysteriöse Angelegenheit ist. Ich bin mir auch nicht sicher, ob wir das Rätsel lösen werden. Ich habe gezählt und bin dabei auf fast zwanzig Totenschädel gekommen, folglich zwanzig Männer.“

„Es kann sich um Gefangene gehandelt haben“, erwiderte der Kutscher.

„Das wäre möglich, obgleich es auch dafür keine Anzeichen gibt. Wenn man zwanzig Gefangene an Bord hat, dann schließt man sie in Ketten, wie die Dons das grundsätzlich tun, um kein Risiko einzugehen. Aber da unten liegen keine Ketten, da liegen nur die Gerippe.“

„Dann weiß ich nicht mehr weiter.“

Er blickte noch einmal hinunter und sah auf die Gebeine. Dann trat er kopfschüttelnd zurück.

„Sehr, sehr merkwürdig“, hörten sie ihn murmeln.

Hasard ging weiter nach achtern und grübelte über die Toten nach. Aber auf alle seine Fragen fand er keine vernünftige Antwort.

Sie öffneten ein weiteres Schott und blickten in den Raum. Es gab keinerlei Einrichtungsgegenstände, keinen Fetzen Kleidung, keine leeren Flaschen, nichts. Alles schien sorgfältig ausgeräumt worden zu sein. Dazu brauchte man aber wiederum Zeit, und die hatten sie bei einem plötzlichen Schiffbruch ganz sicher nicht gehabt.

Die anderen Kammern waren ebenfalls leer und total ausgeräumt bis auf die eingebauten Schapps.

Die Kapitänskammer hatte sich der Seewolf bis zum Schluß aufgehoben, in der Hoffnung, daß sich hier ein Hinweis finden würde.

Carberry ging nicht mit hinein. Ihn plagte die Vorstellung, daß der Kapitän als Skelett und in einer vermoderten Uniform auf der Koje liegen würde, und so hielt er sich lieber neben dem Schott auf.

Hasard erlebte allerdings gleich wieder eine Enttäuschung.

In der Kapitänskammer waren die Bleiglasfenster zerbrochen. Auf den Dielen lag feiner Sand, den der Wind hereingetrieben hatte. Es gab noch ein in den Boden verankertes Schreibpult, eine Koje und zwei eingebaute ebenfalls leere Schapps.

Auch hier fand sich absolut nichts – weder der Fetzen einer Seekarte noch eine Flagge oder irgendein anderer Hinweis.

Kopfschüttelnd sahen die Männer sich an. Hasard zuckte mit den Schultern.

„Auch nichts, keinerlei Hinweise. Es kann aber sein, daß diese Insel bewohnt ist und Eingeborene alles ausgeräumt haben. Die Mannschaft hat man umgebracht und in den Laderaum geworfen. Das ist die einzige Erklärung, die ich habe. Seitdem haben sich die Eingeborenen nicht mehr um das Wrack mit den Leichen gekümmert.“

„Das ist durchaus annehmbar“, stimmte der Kutscher zu. „Das bedeutet für uns also größte Vorsicht. Kann ja sein, daß diese Leutchen in den fruchtbaren Seitentälern des Berges hausen und besonders aggressiv sind.“

„Ja, mit der Möglichkeit müssen wir rechnen. Möglicherweise hat man uns längst entdeckt und wartet auf eine günstige Gelegenheit.“

Dan O’Flynn ging noch einmal nach oben auf das Achterdeck. Dann schlug er sich auf die Schenkel, daß der Profos verstört herumfuhr.

„Was ist los?“

„Ein Kompaß, ich habe einen Kompaß gefunden“, sagte Dan. „Was sagt ihr dazu?“

Der Seewolf war mit einem Satz auf dem Achterdeck.

Dort stand ein Kompaßgehäuse samt funkelndem Inhalt. Es war mit Nägeln in den Planken befestigt und mit Kupferblech verkleidet.

„Das ist besser als jeder Schatz“, sagte Hasard. „Und er funktioniert prächtig. Damit haben die Kerle wohl nichts anfangen können.“

Er rüttelte an dem Gehäuse, erst schwach, dann stärker. Als Dan und der Profos auch noch mithalfen, konnten sie das Kompaßgehäuse aus den lockeren Planken reißen.

„Dann haben wir doch noch einen Schatz gefunden“, sagte Hasard.

„Den nehmen wir gleich mit.“

„Haben wir alles meiner Neugier zu verdanken“, erklärte Carberry stolz.

„Er nun wieder“, sagte der Kutscher, „aber es stimmt.“

Der „Schatz“ wurde vorsichtig über die Decks gebracht und mit einem Tampen nach unten gefiert. Der Kompaß funktionierte tatsächlich, und damit waren sie eine weitere Sorge los, denn jetzt hatten sie mit der Navigation keine Probleme mehr.

„Die anderen werden staunen, wenn sie das hören“, sagte der Kutscher. „Aber vielleicht glauben sie es gar nicht.“

„Der Kompaß ist Beweis genug. Kehren wir wieder zurück.“

Carberry lud sich das Monstrum auf den Rücken, warf noch einen schaudernden Blick auf das Wrack mit den Knochenmännern und marschierte los. Er hatte es ziemlich eilig.

Die anderen folgten und suchten wieder die Waldzone ab. Aber sie gelangten unbehelligt weiter und sahen niemanden.

Hasard vermutete, daß es in der Nähe noch weitere Inseln gab. Es bestand ja auch die Möglichkeit, daß Eingeborene von einer anderen Insel gelandet waren und das Schiff entdeckt hatten. Dann hatten sie die Mannschaft umgebracht und das Schiff geplündert.

„Das kann schon ein Jahr oder noch länger her sein“, sagte er. „Aber wir werden uns trotzdem vorsehen und doppelte Wachen aufstellen, um nicht nachts überrascht zu werden. Wir bleiben noch ein oder zwei Tage, versorgen uns mit Proviant und segeln dann weiter. Wenn die Insel nicht zu groß ist, können wir sie vielleicht noch runden.“

Nach einer knappen Stunde Fußmarsch waren sie wieder zurück. Die anderen staunten sehr, als sie den Profos sahen, und ihre Augen wurden noch größer, als sich das Gebilde als Kompaß entpuppte.

Jetzt stand der Weiterfahrt ins Land des Großen Chans nichts mehr entgegen. Sie hatten fast alles, was sie brauchten …

ENDE


1.

Philip Hasard Killigrew war mit dem jetzigen Stand der Dinge ganz zufrieden. Nach wochenlanger Irrfahrt über den Pazifik hatten sie endlich eine paradiesische Insel gefunden, die sie mit Trinkwasser und frischen Früchten versorgte.

Sie hatten auch das Wrack einer spanischen Galeone entdeckt, mit fast zwanzig Skeletten, die sich im Laderaum befunden und ihnen etliche Rätsel aufgegeben hatten. Die Krönung der Entdeckung war jedoch ein Kompaß gewesen, der jetzt als wichtigstes Navigationsinstrument auf dem Achterdeck der „Santa Barbara“ von Ferris Tucker eingebaut wurde. Dieser Kompaß war für die Arwenacks mehr wert als alle Schätze der Welt.

Sehr besorgt sahen sie zu, wie der rothaarige Schiffszimmermann das Kompaßgehäuse auf dem Achterdeck installierte. Da dieser Kompaß fast ein Heiligtum war, wurde auch nicht mit guten und besorgten Ratschlägen gespart. Anfangs ließ Ferris Tucker sie noch geduldig über sich ergehen, aber so langsam gingen ihm die Kerle mit ihren gottverdammten Ratschlägen auf den Geist.

„Vorsichtig, vorsichtig“, sagte Mac Pellew besorgt, als Ferris den Hammer zur Hand nahm. „Nicht so hart schlagen.“

Ferris verschluckte fast die Kupfernägel, die er zwischen den Zähnen hielt, um beide Hände frei zu haben. Sein Blick wurde finster und unheilverkündend.

„Paß auf, daß du das Gehäuse nicht zerschlägst“, tönte der Profos. „So schnell finden wir keinen neuen Kompaß mehr.“

Auf Ferris Stirn schwoll jetzt eine Zornesader an.

„Nicht so schräg halten, das Ding“, warnte Smoky. „Sonst kippt es vielleicht noch um.“

„Ich weiß“, knurrte Ferris. Die Worte, kamen tief aus der Kehle und klangen wie das Brummen eines gereizten Bären. „Ich habe schon mal mit Holz gearbeitet.“

Der Profos, der seinen Freund genau kannte, hielt sich jetzt ein wenig auf Distanz, denn es gab einen Punkt, an dem der ruhige Ferris unberechenbar werden konnte. Er wollte auch den übereifrigen Mac Pellew noch warnen, doch dann unterließ er es. Vielleicht war es ganz gut, wenn der Sauertopf mal kurz bei Ferris in die Lehre ging.

Wieder beugte sich Mac Pellew vor. Er zeigte auf eine Stelle.

„Da müssen auch noch zwei Nägel rein. Aber hau nicht so hart zu, das verträgt der Kompaß nicht.“

„Doch, ich schlage immer hart zu“, sagte Ferris, hob den Hammer und knallte ihn Mac Pellew auf die rechte Stiefelspitze.

„Uuuuh – uuuuh!“ jaulte Mac los. Er sprang in die Höhe, fast senkrecht, und dabei jaulte er noch lauter. Dann hüpfte er einbeinig herum und hielt mit beiden Händen seinen rechten Fuß.

„Ohgottchen“, jammerte er, „mein Fuß ist gebrochen!“ Stöhnend setzte er sich auf die Planken.

„Tut’s weh?“ erkundigte sich der Profos scheinheilig. „Du siehst plötzlich so blaß aus.“

„Mein Bein, mein Bein“, jaulte Mac wieder los.

„Na, besser deins als meins“, sagte Carberry. „Ich spüre überhaupt nichts. Sollen wir das Bein vorsichtshalber abschnippeln? Den Stiefel kriegst du sowieso nicht mehr ausgezogen.“

„Mir schnippelt keiner was ab!“ schrie Mac mit Tränen in den Augen. „Aber das werde ich dem Lümmel heimzahlen!“

„Hättest ja dein Maul halten können. Ferris quatscht dir ja auch nicht dauernd in die Suppe, die du kochst, oder?“

„Aber er hat absichtlich auf mich gezielt.“

„Deine Quanten halten schon noch was aus“, beruhigte ihn der Profos. „Nun stell dich mal nicht so an. Sei fröhlich und guter Dinge.“

Aber davon war Mac Pellew noch sehr weit entfernt. Zu allem Unglück versammelten sich auch noch die anderen Kerle um ihn und bedauerten ihn heuchlerisch. Sie hatten es vorgezogen, lieber bei Mac zu sein, als Ferris gute Ratschläge zu erteilen. Wohin das führte, hatten sie ja gerade erlebt.

Jetzt konnte Ferris in aller Ruhe weiterarbeiten und auf gute Ratschläge verzichten. Die Arbeit ging ihm nun auch leichter von der Hand, und noch am frühen Vormittag stand das Kompaßgehäuse fest verankert auf dem Achterdeck.

Inzwischen waren die Zwillinge Hasard und Philip damit beschäftigt, im seichten Wasser vor dem Riff Langusten und Fische zu fangen. Mit dabei waren noch Roger Brighton, Matt Davies, Bob Grey, Luke Morgan, Batuti und Bill.

Was sich da im Wasser alles tummelte, war erstaunlich. Sie hatten mehr als drei Dutzend große Langusten, Hummer, Krabben und Fische in erstaunlich kurzer Zeit gefangen, und es wurden immer mehr. Das gab eine phantastische Abwechslung für die hungrigen Mägen.

Die Langusten krebsten auf dem Grund herum, waren in dem kristallklaren Wasser gut zu erkennen und konnten mit der Hand gefangen werden.

Die Fische angelten sie vom Beiboot aus, aber nach den Erfahrungen der letzten Wochen nahmen sie nur noch solche, die sie kannten.

Gegen Mittag, als die Sonne hoch im Zenit stand, gab es dann ein köstliches Mahl. Der Kutscher hatte das Krabben- und Langustenfleisch kräftig mit Knoblauch, Pfeffer und Salz gewürzt. An Knoblauchvorräten herrschte auf der „Santa Barbara“ kein Mangel. Die Dons hatten die scharfen Zwiebeln gleich zentnerweise eingelagert. Der Kutscher hatte dafür gesorgt, daß sie nicht verdarben und sie in Essig, Salz und Olivenöl eingelegt und dadurch haltbar gemacht.

Jetzt hockten sie alle an Deck und fielen hungrig über die Leckerbissen her.

Hasard blickte zwischen zwei Bissen immer wieder zum weißen Inselstrand hinüber. Er wußte nicht, ob die Insel bewohnt war, aber einiges ließ darauf schließen, daß es Überlebende gegeben hatte, obwohl sich niemand zeigte. Möglicherweise bewohnten auch Eingeborene das Innere dieser Insel mit ihren fruchtbaren Tälern und Schluchten.

Auch der Ausguck war ständig besetzt, damit es keine unliebsamen Überraschungen gab.

Hasard wandte den Blick ab und konzentrierte sich auf das köstliche Mahl. Er wußte, daß er sich auf den Ausguck verlassen konnte, sollte wirklich etwas geschehen oder jemand auftauchen.

„Nach dem Essen setzen wir die Segel und werden ein Stück dieser Insel erkunden“, sagte er. „Wir wissen immer noch nichts über ihre Größe. Falls wir nichts Interessantes entdecken, segeln wir weiter auf unserem Kurs. Jetzt können wir zum Glück ja auch unsere Position genau bestimmen.“

„Mir gibt dieses mysteriöse Wrack immer noch Rätsel auf“, meinte Dan O’Flynn. „Wer hat es so total ausgeräumt, und wie sind die Leichen in den Laderaum gelangt?“

Der Seewolf zuckte mit den Schultern. Er hatte den Kopf halb zur Seite gedreht und blickte zu dem offenbar einzigen Riff der Insel, vor dem sie ankerten. Die Brandungswelle erhob sich in regelmäßigen Abständen, stieg donnernd und brüllend hoch und brach sich dann. Jedesmal stob eine riesige Gischtwolke auf.

„Ich weiß es leider nicht, Dan. Wenn wir das Rätsel nicht lösen, ist es auch nicht schlimm. Es sieht jedenfalls nicht danach aus, als würden wir eine Erklärung finden. Ein zweiter Gang zu dem Wrack erübrigt sich ebenfalls, denn er würde uns keine neuen Erkenntnisse bringen.“

„Na ja, wir haben ja den Kompaß“, murmelte Dan. „Das ist verteufelt viel wert.“

Der Kutscher und Mac räumten die Kummen ab und warfen die Schalen der Krustentiere über Bord. Die Zwillinge halfen. Danach überprüfte der Kutscher noch einmal die Vorräte, die sie auf dieser unbekannten Insel gefunden und an Bord gebracht hatten.

Sie hatten jetzt frisches Quellwasser, eine riesige Masse an Kokosnüssen, Brotfrucht, Papaya, Yamswurzeln und anderen Köstlichkeiten. In der Waschbalje tummelten sich Langusten, Hummer und Krebse. Für einige Zeit würden die Vorräte reichen. Aber solange sie sich hier noch aufhielten, würden sie alles mitnehmen, was zu kriegen war, denn niemand wußte, wann sie wieder auf eine Insel stießen. Das an Bord befindliche Kartenmaterial war nicht ergiebig genug. Zudem hatten es die Dons nicht gerade pfleglich behandelt.

Nachdem alles aufgeklart war, setzten sie die Segel und hievten den Anker. Das Beiboot wurde achteraus gehängt und vorläufig in Schlepp genommen.

Dan O’Flynn begann sofort damit, ihre augenblickliche Position festzustellen. Jetzt, da sie über einen Kompaß verfügten und die Sonne wieder schien, war das kein Problem.

„Ein bißchen grob über den Daumen gepeilt“, sagte er zu Hasard, „befinden wir uns zwischen dem achten und elften Grad südlicher Breite. Auf westlicher Länge liegen wir zwischen einhundertachtunddreißig und einhunderteinundvierzig Grad.“

„Dann haben wir inzwischen eine beachtliche Strecke zurückgelegt“, sagte Hasard. „Trotz Flauten und mitunter schlechten Wind. Wir werden wieder Koppelnavigation betreiben und eine provisorische Karte anfertigen, mit der wir uns besser orientieren können.“

Don Juan, der neben Hasard auf dem Achterdeck stand, hörte der Unterhaltung schweigend zu. Sein Blick war auf den Strand gerichtet, der immer noch einsam und verlassen dalag. Sie segelten jedoch so dicht unter Land, daß man mit bloßem Auge die Fußspuren erkennen konnte, die die Gruppe hinterlassen hatte.

„Hinter der Landzunge liegt das Wrack, Juan.“

Der Seewolf deutete voraus und wollte noch etwas hinzufügen, doch in diesem Augenblick meldete sich Batuti aus dem Ausguck.

„Genau voraus ist Land zu sehen – als schmaler feiner Strich.“

An der Kimm war wirklich nur ein kaum sichtbarer Strich zu erkennen, wenn man ganz scharf hinblickte. Aber zweifellos war es Land. Ob Insel oder Festland, das ließ sich nicht erkennen.

„Festland gibt es auf dieser Strecke nicht“, sagte Hasard, als Don Juan darauf anspielte. „Allerdings sind etliche Inselgruppen so groß, daß man sich leicht irren kann.“

Sie segelten weiter, bis sie die Landzunge erreichten, von der aus Edwin Carberry das Wrack entdeckt hatte. Alle Augen waren jetzt auf den Strand gerichtet.

Dann tauchte das Wrack auf. Unverändert lag es auf dem Strand, ein von der Hitze ausgetrocknetes, uralt scheinendes Schiff mit seinem grausigen Inhalt.

„Mich würde interessieren, durch welche Umstände es hier auf den Strand gelaufen ist“, sagte Don Juan nachdenklich.

„Darüber haben wir auch schon nachgedacht. Vermutlich ist es bei Sturm oder Nebel auf das Riff geraten und weitergedriftet, bis es auf dem Sand landete. Es kann aber natürlich auch unter ganz anderen Umständen hier gestrandet sein. Wir haben jedenfalls keinerlei Hinweise gefunden, die uns weiterhalfen.“

Das still auf dem Strand liegende Wrack verbreitete Unbehagen. Es wirkte wie eine Monstrosität aus einer anderen Welt.

Weit und breit zeigte sich keine Menschenseele.

Hasard war jedoch noch immer im Zweifel, ob die Insel nun bewohnt war oder nicht. Nach dem, was sie erlebt hatten, mußte es irgendwo Menschen geben. Schließlich war alles an Bord verschwunden, was nicht niet- und nagelfest war.

Ganz langsam verschwand das Wrack achteraus und wurde kleiner, bis es nicht mehr zu sehen war, denn jetzt rundeten sie wieder eine weit ins Meer ragende und dicht bewaldete Landzunge.

Hier ging es anscheinend von einer Bucht in die andere. Jetzt tat sich wieder ein Halbkreis aus Strand, Palmen und Dickicht auf. Auch der hohe Berg war deutlich mit seinem nebelumhüllten Haupt zu erkennen.

Die „Santa Barbara“ segelte weiterhin dicht unter Land. Das Wasser war so klar, daß man mühelos den Grund erkennen konnte. Die Tiefe mochte etwa sieben bis acht Yards betragen. Zum Auflaufen bestand also keine Gefahr. Sie näherten sich der Bucht aus östlicher Richtung und drehten dann, dem Buchtverlauf folgend, nach Süden ab.

Hasard blickte durch das Spektiv zu dem anderen Landstrich, doch der hatte sich noch nicht vergrößert. Es war nur eine schmale, etwas im Dunst liegende Linie über dem Wasser.

Als er das Spektiv auf den Strand voraus richtete und ihn absuchte, holte er plötzlich tief Luft.

„Gibt es etwas?“ fragte Don Juan.

„Ja, ich sehe eine Flagge. Sie ist an einem Flaggenstock im Sand befestigt.“

2.

Einige Augenblicke sahen sich alle erstaunt an. Schweigen herrschte. Die ganze Insel schien plötzlich den Atem anzuhalten. Dann kam wieder Leben in die wie erstarrt dastehenden Gestalten.

Hasard gab den Kieker kommentarlos an Dan weiter, weil der nun einmal die schärfsten Augen von allen hatte.

„Kannst du erkennen, was es für eine Flagge ist?“ fragte der Seewolf.

„Offenbar eine spanische. Die Farben sind verblaßt, das Tuch ist ausgebleicht und verwittert. Ich halte es für eine spanische Flagge.“

„Also gibt es doch Überlebende“, sagte Hasard. „Wie sonst sollte sie hier wohl im Sand stecken?“

Er blickte Al Conroy an, den Waffen- und Stückmeister, der mit aufgestützten Armen auf dem Handlauf des Schanzkleids auf dem Quarterdeck lehnte und den Anblick des Strandes genoß.

Al Conroy nickte beruhigend.

„Wir sind für alle Fälle feuerbereit, Sir. Aber es sind keine Boote zu sehen – und auch keine Menschen. Eine Hütte kann ich ebenfalls nirgends entdecken.“

„Schon gut. Vorsicht ist immer angebracht. Haltet die Augen offen.“

Kurz darauf stand fest, daß es sich tatsächlich um eine spanische Flagge handelte. Ausgefranst und zerschlissen wehte sie an dem eingerammten Flaggenstock im Sand. Sie befand sich vor einer Gruppe von Kokospalmen. Wie lange sie dort schon wehte, ließ sich nicht einmal erahnen.

Sehr sorgfältig suchte Dan O’Flynn die Umgebung ab. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf.

„Kein Mensch, keine Behausung zu sehen. Vielleicht haben die Dons bei ihrer unfreiwilligen Landung die Flagge aufgestellt und sind dann nach und nach umgekommen.“

„So weit von dem Wrack entfernt?“ entgegnete Hasard.

Darauf wußte Dan O’Flynn auch keine Antwort.

„Gut, nehmen wir an, es gibt ein paar Überlebende“, sagte Hasard. „Dann haben sie das Schiff ausgeräumt und sich irgendwo an Land häuslich eingerichtet. Das Wrack kann früher auch hier gelegen haben. Wind und Wellen haben es wieder mitgenommen und an anderer Stelle abgesetzt. Das ist ganz natürlich. Diese paar Überlebenden haben aber allerdings keine Kanonen, keine Drehbassen, denn die befanden sich noch auf dem Wrack, wie wir sahen.“

„Was also heißt, daß sie uns auch nicht gefährlich werden können“, meinte Dan. „Und woraus weiter folgert, daß wir dort in der Nähe bei dem Flaggenstock vor Anker gehen.“

„Du bist schon fast so ein Hellseher wie dein Vater.“

Dan O’Flynn schüttelte grinsend den Kopf.

„Ich überlege nur logisch, während Väterchen ja wohl richtig hinter die Kimm blicken kann.“

„Auf dieser Reise hat er es noch nicht bewiesen. Aber lassen wir das. Wir gehen dort wirklich vor Anker und sehen uns einmal um. Mit der gebotenen Vorsicht natürlich.“

Die ersten Segel wurden lose ins Gei gehängt. Die „Santa Barbara“ driftete auf ihrem Kurs parallel zur Küste dahin und folgte dem Verlauf des Strandes. Das Wasser war kristallklar. Bunte Fische schwammen ungeniert und furchtlos neben dem Schiff her. Eine Schildkröte war zu sehen, die neugierig den Kopf hob und das vorbeitreibende Ungeheuer musterte.

Als der Anker gesetzt war, stieg Hasard mit ein paar Männern in die Jolle und pullte zum Strand.

Hier gab es kein Riff und keine Brandung. Daher war es hier auch noch stiller als am anderen Liegeplatz. Die Ruhe wirkte fast beängstigend. Es war nur das leise Murmeln des Wassers zu vernehmen sowie die Geräusche, die sie selbst verursachten.

Wie gebannt starrte Hasard zu dem Flaggenstock. Es war ein von jeglicher Farbe längst abgeblätterter Holzpfahl, die Farben der Flagge waren aus der Nähe unverkennbar. Die Flagge mußte zu dem Wrack gehören.

Wo aber waren die Überlebenden?

Die Jolle lief auf den Sand und wurde hochgezogen. Sechs Mann standen da und blickten in die Büsche, das Dickicht, den Verhau, der hinter den Palmen begann.

Als Hasard näher an den Flaggenstock herantrat, stutzte er. Er hielt den Radschloßdrehling locker in der Hand und musterte die Umgebung aus schmalen Augen. Er hatte das untrügliche Gefühl, als befänden sich in unmittelbarer Nähe Menschen, die jede ihrer Bewegungen belauerten.

In der Nähe des Flaggenstockes befanden sich Fußspuren. Sie rührten zweifellos von spanischen Stiefeln, her.

„Sie können noch nicht sehr alt sein“, sagte Don Juan in die lastende Stille hinein. „Beim Wrack gab es keine, hier sind sie ganz deutlich zu erkennen. Offenbar tauchen hier regelmäßig Leute auf, die nach der Flagge sehen.“

„Sie sind wirklich nicht alt“, gab Hasard zu, „sonst hätten Zeit und Wetter sie längst verwischt. Aber die Überlebenden legen besonderen Wert auf diese Flagge. Warum wohl?“

Don Juans Grinsen wirkte ein bißchen schief.

„Das hier ist spanisches Territorium, Sir. Die Überlebenden haben es annektiert und zum Zeichen der Besitznahme die spanische Flagge gehißt. Wir befinden uns also auf spanischem Boden.“

„Hm, das hat ganz den Anschein. Sehen wir uns doch einmal ein wenig in der näheren Umgebung um. Irgendwo werden die Spanier ja stecken und uns Eindringlinge bemerken.“

„Kaum stranden diese Kerle auf einer Insel, schon gehört sie ihnen“, empörte sich der Profos. „Statt froh zu sein, überlebt zu haben, hissen sie gleich ihren Lappen und halten das Land für spanisches Territorium. Die Rübenschweine sollen mir nur mal über den Weg laufen, denen werde ich schon verklaren, was hier los ist.“

„Reg dich wieder ab, Ed“, riet Hasard. „Noch wissen wir überhaupt nichts.“

In unmittelbarer Nähe der Kokospalmen waren ebenfalls Fußspuren zu sehen.

Als Hasard ihnen ein Stück folgte, hörten sie abrupt auf, als seien sie absichtlich verwischt worden.

Er blickte in das Gebüsch. Es war nur ein kurzer Verhau. Dahinter begann eine Grasfläche, die zu kleinen Hügeln führte. Bunte, leuchtende Blumen hatten ihre Blüten geöffnet und säumten die Hügel.

„Weiter links hinüber“, sagte Hasard. „Dort scheint es ebenfalls Wasser zu geben.“

Er zeigte auf den feuchten Boden und das Gras. Aus den Hügel lief irgendwo Wasser hinunter.

Als sie die Hügel von links umgingen, befanden sie sich übergangslos in einem schmalen fruchtbaren Tal. Der Eingang zu diesem Tal war links und rechts von Büschen und Wald umgeben. Ein silbriges Rinnsal schlängelte sich durch das Tal und versickerte irgendwo.

Wie vom Blitz getroffen blieben sie stehen.

„Ich habe es geahnt“, sagte Hasard. „Hierhin haben sich die Überlebenden also verzogen. Sehr viel können es aber nicht sein.“

„Sicher nicht mehr als ein Dutzend“, raunte Don Juan.

In dem stillen Seitental stand neben dem silbrigen Bach eine Hütte. Sie war aus Holzresten eines Schiffes erbaut worden und mit Palmenwedeln gedeckt.

Dicht dahinter stand eine weitere Hütte, aber die war so klein, daß Carberry sie als Hundehütte bezeichnete, obwohl weit und breit auch von einem Hund nichts zu sehen oder zu hören war.

Sie blickten sich nach allen Seiten um, aber so aufmerksam sie auch alles absuchten, sie konnten niemanden entdecken.

„Sehr merkwürdig“, sagte Don Juan.

Die Stille lastete wieder über der Insel. Der hohe Berg verhüllte erneut sein Haupt in einem riesigen Dunstschleier von Nebel.

Dann wurden sie trotz aller Vorsicht überrumpelt, und zwar so schnell, wie sie das nur selten erlebt hatten.

Aus den Büschen rechts und links sprangen zwei Männer hervor. Sie trugen die Uniform der spanischen Soldaten, aber keine Helme.

Sie trugen Stiefel, Kürbishosen und Rüschenhemden, die in dieser Umgebung völlig deplaciert wirkten. Und sie hielten langläufige Tromblons in den Fäusten. Die trichterförmigen Mündungen waren auf die Seewölfe gerichtet.

„Hände hoch!“ brüllte der eine auf Spanisch.

Hasard wußte, daß die Bleiladung in den Tromblons für mehrere Männer gleichzeitig tödlich war. Die Waffen hatten eine breite Streuung. Er musterte die beiden so überraschend aufgetauchten Kerle.

Der eine hatte einen langen schwarzen und reichlich verwilderten Bart. Daran zerrte er nervös mit einer Hand, während die andere die Waffe hielt.

„Ah!“ tönte Carberry. „Der hat sein eigenes Gestrüpp mitgebracht, um sich dahinter zu verstecken. Kein Wunder, daß wir das eine Rübenschwein nicht gesehen haben.“

„Ruhe, Hände hoch!“ brüllte der andere. Er hatte ein etwas eingefallenes Gesicht mit scharfen, unruhig blickenden Augen. Sein Bart war zwar gestutzt, aber die nächste Schur war bald fällig.

Hasard unterzog die beiden Kerle einer noch genaueren Musterung. Dabei fiel ihm auf, daß sie ihre Nervosität nur sehr mühsam verbargen und ziemlich verunsichert waren. Sie schienen auch Angst zu haben.

„Ihr befindet euch auf spanischem Gebiet!“ brüllte der Kerl mit dem eingefallenen Gesicht. „Ihr geht jetzt dort hinüber und wagt keine Bewegung, sonst schießen wir!“

Hasard hatte seine Musterung beendet und lächelte spöttisch.

„Womit wollt ihr armseligen Helden denn schießen?“ fragte er. „Etwa mit den Tromblons? Na, dann versucht es doch mal. Die verrosteten Dinger werden euch um die eigenen Ohren fliegen.“

„Ruhe!“ kreischte der andere. „Soll ich feuern, Señor Generalkapitän?“

Hasard stutzte wieder. Ein Generalkapitän befand sich hier auf dieser Insel? Das war wirklich bemerkenswert.

„Noch nicht, Corporal“, sagte der Generalkapitän hochnäsig und arrogant. „Dieser Pöbel ist uns erst noch eine Erklärung schuldig, bevor ich mich zur Vollstreckung entschließe.“

Der mit Corporal angesprochene Kerl nickte devot, verbeugte sich sogar noch und hatte wieder dieses Zucken in den Augen.

„Die beiden scheinen mir ein bißchen bescheuert zu sein“, meinte der Profos. „Jedenfalls haben sie was am Scheitel. Ganz sauber sind die Burschen nicht.“

Hasard und Don Juan wurden noch nicht so ganz schlau aus diesen beiden eigenartigen Helden, die hier in voller Montur standen und Tromblons in den Händen hielten, die so alt wie die Welt waren.

„Welche Erklärung sind wir euch denn schuldig?“ fragte Hasard ironisch.

Der Generalkapitän lief rot an und schnappte fast über.

„Maul halten, Engländer! Ihr seid Spione, die man aus England hier eingeschleust hat, um uns zu überrumpeln. Aber diese Inselgruppe ist bereits im Besitz der spanischen Krone. Ihr habt kein Recht, hier einzudringen, und ihr habt das Hoheitszeichen dieser Insel, die spanische Flagge, mißachtet. Ich bin Generalkapitän Don Ricardo de la Marcarena. Das dort drüben ist Corporal Virgil Aldegonde. Englisches Pack, verdammtes! Ich werde euch alle hinrichten lassen und das Schiff vor dem Hafen requirieren.“

„Ah ja“, sagte Hasard. „Vor dem Hafen, was? Euch hat wohl die Sonne ein bißchen das Gehirn ausgetrocknet. Generalkapitän und Corporal – daß ich nicht lache! Und nun steckt eure Bleispritzen wieder ein, sonst steht es schlecht für euch.“

„Falls ihr das nicht tut“, fügte der Profos grollend hinzu, „dann werde ich euch die Haut von euren edlen Affenärschen abziehen und zum Trocknen vor eure Hütten hängen, ihr Rübenschweinzüchter.“

„Corporal“, sagte Don Ricardo fassungslos. „Lassen Sie augenblicklich diesen schwarzhaarigen Teufel festnehmen. Und füsilieren Sie endlich diesen narbigen Bastard, der mich beleidigt hat.“

Der Corporal war ebenfalls mächtig verunsichert und schwitzte Blut und Wasser. Mal sah er hilflos auf seine vergammelte Waffe, dann wieder starrte er seinen „Vorgesetzten“ an, und dabei zuckten ständig seine Augen.

„Sehr wohl, Señor Generalkapitän“, brüllte er. Dann nahm er Haltung an, grüßte zackig und richtete das Tromblon auf Carberry.

Der Profos hatte einen Blick drauf, wie Hasard ihn lange nicht mehr an ihm gesehen hatte. Da war Belustigung drin, Unglauben und alles mögliche. Jedenfalls schien Ed sich sehr zu amüsieren. Er stand nur da und starrte in den trichterförmigen Lauf. Sein Grinsen wurde immer breiter.

Hasard taten die beiden Spanier fast leid. Er hatte auf Anhieb erkannt, was mit den beiden los war. Es waren zwei dümmliche Dons, die offenbar an ihrer Einsamkeit verzweifelt und dabei wunderlich geworden waren. Sie hatten eine Rangordnung eingeführt und spielten Chef und Untergebener. In diese Rolle waren sie im Laufe der Jahre regelrecht hineingewachsen und kamen nicht mehr von ihr los. Sie waren tatsächlich überspannt, um nicht zu sagen, bescheuert.

Kein Wunder, dachte Hasard. Wenn die beiden nur sich selbst hatten, ging das auf die Dauer nicht gut.

Als er aus den Augenwinkeln zu den Hütten sah, wurde ihm auch der Standesunterschied klar. Der „Generalkapitän“ bewohnte die große Hütte, und der „Corporal“ mußte mit der kleinen vorlieb nehmen, damit der Standesunterschied auch genügend zur Geltung kam.

Die anderen sahen in aller Ruhe und sehr gelassen zu, wie der Profos auf den „Corporal“ zuging, ihm ein Grinsen schenkte, das ihn bis in die Seele erschauern ließ, und ihm dann die Waffe abnahm.

„Die schießt doch nicht mehr, Kleiner“, sagte er. „Vielleicht ist sie nicht mal geladen.“

Hasard nahm sich inzwischen den Don Ricardo vor, der mit hochrotem Gesicht vor ihm zurückwich und die Waffe immer höher hielt.

„Ich schieße!“ kreischte er. „Ich werde die Miliz rufen! Oder die Kriegsschiffe! Man wird euch versenken!“

„Jaja, suchen Sie sich was aus“, sagte Hasard. „Aber fuchteln Sie nicht dauernd mit dem Ding herum. Vielleicht können wir uns auch mal vernünftig unterhalten.“

„Es lebe Seine Allerkatholischste Majestät, der König von Spanien!“ rief Don Ricardo. „Ich werde bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, und wenn ich sterbe“, setzte er pathetisch hinzu.

„Hat noch keine Eile“, sagte Hasard gelassen, „auch wenn es sich sehr heroisch anhört. Aber der König von Spanien ist weit und wird Ihnen das kaum danken.“

Aldegonde zerrte aufgeregt an seinem Bart, den Carberry als Gestrüpp bezeichnet hatte. Er sah Don Ricardo erwartungsvoll und aufgeregt an und hatte auch keine Einwände, als Hasard ihm die Waffe abnahm und ins Gras warf. Jetzt war auch der Generalkapitän sozusagen entblößt in Feindeshand gefallen, was ihn mächtig aufregte.

Ein paarmal noch rief er nach der Miliz, und als die partout nicht anrückte, befahl er dem Corporal, sofort ein Schreiben aufzusetzen, um den König von Spanien um Entsendung weiterer Kriegsschiffe zu bitten, am besten gleich eine ganze Armada.

Die anderen hörten dem Stuß grinsend zu. Der Geist der beiden Dons war reichlich in Verwirrung geraten. Sobald jemand hustete oder sich auch nur räusperte, zuckte Aldegonde jedesmal heftig zusammen.

Der Kutscher beruhigte die beiden Männer, klopfte ihnen auf die Schultern und erklärte, daß sie keinesfalls die Absicht hätten, den ehrenwerten Dons auch nur ein Haar zu krümmen.

Seine Worte wirkten beruhigend, so daß sich der Generalkapitän schließlich zu der Frage entschloß, warum denn ausgerechnet die Engländer auf dieser Insel gelandet seien. Das könne wirklich kein Zufall sein, dahinter stecke doch Verrat.

„Wir durchsegeln den Pazifik“, erklärte der Kutscher geduldig. „Und da wir kaum noch Trinkwasser und Proviant hatten, suchten wir nach einer Insel, bis wir schließlich auch eine fanden. Jetzt wollten wir weitersegeln, aber da sahen wir die Flagge und wurden neugierig. Das ist doch verständlich.“

Alle beide nickten vorsichtig, waren aber noch immer von leichtem Mißtrauen erfüllt.

Schließlich nickte Don Ricardo.

„Gehen wir ins Arsenal“, sagte er würdevoll. „Dort ist Schatten, da ist es besser. Corporal, Sie folgen mir mit den anderen Gefangenen. Lassen Sie alle zum Befehlsstand bringen.“

„Sehr wohl, Señor Generalkapitän!“ brüllte der Bärtige. „Alle Gefangenen zum Befehlsstand! Soll ich sie fesseln?“

Don Ricardo überlegte lange. Dann entschloß er sich, darauf zu verzichten, die Gefangenen fesseln zu lassen.

„Mein Gott“, sagte Hasard entsagungsvoll. „Bis die beiden wieder im Lot sind, wird noch eine Weile vergehen.“

Dann marschierten sie grinsend hinter den beiden Dons her.

3.

„Das sind vielleicht zwei seltsame Wald- und Wiesenzausel“, raunte der Profos dem Seewolf zu, während sie zu den Hütten marschierten. „Rennen hier im Jubel-Kaftan herum und spielen Steinschleuder-Kompanie. Hoffentlich müssen wir die beiden nicht noch als Ballast mitnehmen.“

„Wie meinst du das?“

„Vielleicht wollen sie von dieser Insel weg, und dann haben wir sie am Hals.“

„Das werde ich ihnen mit Sicherheit ausreden. Aber warten wir doch erst einmal ab.“

Die Hütte war sehr geräumig. Als sie eintraten, glaubten sie ihren Augen nicht zu trauen. Hier befand sich alles das an Einrichtungsgegenständen, was auf dem Wrack fehlte. Also hatten die beiden Dons das Wrack ausgeschlachtet. Nur den Kompaß hatten sie zurückgelassen, weil sie damit nichts anfangen konnten.

Don Ricardo nahm hinter einem Schreibpult Platz. Die ganze Einrichtung erinnerte an die Kapitänskammer einer Galeone.

Die „Gefangenen“ durften auf Kissen am Boden Platz nehmen. Dann winkte Don Ricardo den Corporal mit gekrümmtem Finger heran.

„Schicken Sie die Ordonnanz herein, Corporal“, sagte er. „Man möge den englischen Gesandten den besten Rotwein bringen.“

Die Arwenacks konnten sich das Grinsen nicht verkneifen. Jetzt waren sie schon Gesandte. Aber immerhin gab es Rotwein. Der Profos leckte sich genüßlich die Lippen.

Aldegonde grüßte zackig und verschwand.

Hasard sah ihm nachdenklich hinterher. Er war gespannt auf den dritten Mann, die Ordonnanz, den sie bisher noch nicht gesehen hatten. Wahrscheinlich hielt sich der Kerl in der anderen Hütte verborgen.

Nach einer Weile, in der Don Ricardo ungeduldig mit den Fingern auf der Platte herumtrommelte und die „Gesandten“ musterte, erschien die Ordonnanz.

Der Mann hatte einen langen schwarzen Bart, der reichlich verwildert wirkte. Seine Augen zwinkerten ständig nervös. Dieses Mal trug er keinen Jubel-Kaftan, wie Carberry die spanischen Uniformen respektlos bezeichnete. Er war in ein farbenprächtiges Wams gekleidet und trug weiche Stulpenstiefel. Auch einen Degen hatte er sich umgehängt, einen kleinen Zierdegen, der geradezu lächerlich wirkte.

In der Hand hielt er einen großen Krug. Dann begann er damit, kleine Zinnbecher zu verteilen, die er einem Schapp entnahm.

Der Kerl war kein anderer als Aldegonde, der jetzt als Ordonnanz auftrat. Hasard fragte sich, wie viele Rollen der Mann hier eigentlich noch spielen mußte.

Dann goß er „besten spanischen Rotwein“ ein, der sich allerdings als reines Quellwasser entpuppte. Dem Profos blieb gleich der erste Schluck im Hals stecken. Sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

„Da könnte man glatt auf dem Kielschwein davonreiten“, stöhnte er.

Fünf Minuten sah Hasard dem Theater noch gelassen und amüsiert zu. Dann hatte er genug und stand auf.

Er donnerte die Faust auf das Pult, daß Don Ricardo fast vom Hocker fiel, so wuchtig fiel der Schlag aus. Aldegonde ließ vor Schreck den Krug fallen, zuckte heftig zusammen und salutierte.

Als Hasards Stimme dann wie Donnergrollen aufklang, wurden die beiden Helden immer kleiner und schüchterner.

„Schluß mit diesem lächerlichen Affenzirkus!“ dröhnte er. „Wir werden jetzt vernünftig miteinander reden, und zwar an Bord meines Schiffes. Und wenn ihr Kerle nicht bald zur Besinnung gelangt, dann lasse ich euch an der Rah hochziehen. Habt ihr das verstanden?“

Und ob sie das verstanden hatten! Don Ricardo wurde ganz bleich, Aldegonde malträtierte wieder sein Gestrüpp und zwinkerte.

„Wir – wir sollen mit an Bord?“ fragte er unbehaglich.

„Ja, es passiert euch nichts, mein Wort darauf. Aber unterlaßt dieses dämliche Theater. Es mag zwar sein, daß euch die Einsamkeit ein bißchen verwirrt hat, aber jetzt steht ihr Tatsachen gegenüber, und die solltet ihr endlich, verdammt noch mal, akzeptieren. Ich bin der Kapitän der ‚Santa Barbara‘, Philip Hasard Killigrew.“

„Unsere Namen stimmen“, sagte Don Ricardo zögernd. „Nur unsere Ränge nicht. Wir spielen nur so Theater, um nicht durchzudrehen.“

„Verstehe. Ich respektiere sogar, daß die Insel spanischer Besitz ist. Aber viel werdet ihr damit nicht anfangen können. Gehen wir, ich glaube, ihr habt eine Menge zu erzählen.“

Die beiden Dons schlichen geknickt hinter ihnen her. Immer wieder blickten sie sich verstohlen um.

Als sie an der Flagge vorbeigingen, blieb Ricardo stehen.

„Das ist unsere Insel“, sagte er eigensinnig. „Spanischer Besitz. Die Flagge und unsere Anwesenheit beweisen es.“

„Ja, schon gut. Wir wollen die Insel gar nicht.“

„Ihr dürft sie behalten“, sagte der Profos großzügig. „Und das Meer um die Insel schenken wir euch auch noch.“

Er grinste immer noch über die beiden wunderlichen Vögel, die jetzt in die Jolle stiegen und auf der Ducht Platz nahmen. Mit gemischten Gefühlen sahen sie zu der „Santa Barbara“.

Dort standen staunend die anderen Seewölfe am Schanzkleid und blickten ihnen neugierig entgegen.

Verlegen und schüchtern standen die Dons etwas später auf der Kuhl.

„Da sind unsere Überlebenden“, sagte Hasard. „Bring ihnen einen Schluck Rotwein, Mac.“

Die Dons nahmen auf der Kuhlgräting Platz und wurden von den anderen umringt. Als Mac den Rotwein brachte, wurden sie ganz kribbelig und griffen gierig zu. Sie hatten seit Jahren keinen Schluck Rotwein mehr getrunken.

„Nun mal schön der Reihe nach“, sagte der Seewolf. „Ihr habt nichts zu befürchten. Was hat es mit dieser Insel und dem Wrack auf sich? Was ist hier geschehen?“

Während er das fragte, wurde auf dem Achterdeck geglast. Die Reaktion Aldegondes war erstaunlich. Kaum hörte er den Glockenton, schon sprang er auf, als hätte ihn eine Hornisse gestochen. Dann salutierte er zackig, blickte heroisch zum Achterdeck und setzte sich wieder auf die Gräting.

Das große Grinsen ging unmerklich um. Der Bärtige hatte zweifellos einen noch größeren Tick als der andere. Sein merkwürdiges Gebaren wiederholte sich zum großen und heimlichen Vergnügen der anderen alle halbe Stunde. Bei jedem Glasen sprang er wie ein Kastenteufel auf und salutierte. Der Teufel mochte wissen, was das zu bedeuten hatte.

„Diese Inseln sind spanischer Besitz“, sagte Ricardo. „Das ist eine amtliche Tatsache, Señor Capitán.“

Hasard wollte gerade abwinken, doch Ricardo sprach schon weiter, und diesmal wurde es interessanter.

„Sie befinden sich auf den Islas Marquesas des Mendoza“, sagte Ricardo stolz.

„Ein schöner Name“, lobte Hasard. „Haben Sie ihn sich selbst ausgedacht?“

„Nein. Die Inseln wurden im Jahre fünfzehnhundertsiebenundsechzig von unserem Landsmann Alvaro Mendana de Neyra entdeckt. Er benannte sie nach der Frau seines vizeköniglichen Auftraggebers, der Marquesa de Mendoza. Wir waren bei der damaligen Expedition als Schiffsjungen dabei, durften aber nicht an Land.“

Hasard war verblüfft. Den vizeköniglichen Auftraggeber de Mendoza gab es tatsächlich. Er hatte von ihm gehört, und auch Don Juan kannte die Marquesa vom Namen her.

„Das kann tatsächlich stimmen“, sagte er verwundert. „Wie viele Inseln gibt es denn?“

„Elf größere und noch ein paar kleine. Damals wurden nicht alle erforscht. De Neyra wollte zurückkehren, aber wir haben ihn nie mehr gesehen. Vermutlich ist er inzwischen gestorben.“

„Wie lange sind Sie auf dieser Insel?“ erkundigte sich Hasard.

„Vielleicht seit sieben oder acht Jahren. So genau weiß ich das nicht mehr.“

Die Verblüffung bei den Arwenacks wurde noch größer.

„Erstaunlich“, murmelte Hasard beeindruckt. „Das hätte ich nie geglaubt.“

„Aber es ist eine Tatsache, Señor Capitán.“

Der Seewolf nickte zustimmend. Die Geschichte klang echt und konnte durchaus stimmen.

„Und Sie sind ganz allein auf der Insel – oder gibt es noch Eingeborene?“

„Auf dieser Insel nicht. Wir sind die einzigen Bewohner.“

„Und das Wrack?“ fragte Hasard kopfschüttelnd.

„Es war unser Schiff, die Galeone ‚Exploración‘, ein Forschungsschiff im vizeköniglichen Auftrag. Wir waren wieder dabei. Die Insel sollte nach und nach ausgebaut werden, aber dazu kam es nicht mehr. Wir liefen nachts auf einer der Marquesas-Inseln im Sturm auf ein Riff. Die Galeone kenterte, nur sechs Mann überlebten.“

„Aber das Wrack liegt doch hier“, wandte Hasard ein, „und nicht auf einer der anderen Inseln.“

„Das stimmt. Der Sturm hob es später vom Riff und jagte es über das Meer. Später ist es hier gestrandet.“

„Dann befanden Sie sich also auf der anderen Insel?“

„Auf der, die man von hier als schmalen Strich erkennen kann.“

Alle zuckten zusammen, als wieder geglast wurde und Aldegonde wie ein Wilder aufsprang und salutierte. Als sei nichts geschehen, nahm er anschließend wieder Platz.

Mac Pellew, der mit offenem Mund zuhörte, schenkte den beiden wundersamen Dons Rotwein nach. Er hatte ihn ein bißchen mit Wasser gestreckt, denn die Kerle lebten jahrelang in Abstinenz und vertrugen nicht viel.

„Wie gelangten Sie denn auf diese Insel?“

„Mit Hilfe von ein paar Trümmerstücken, aus denen wir ein Floß bauten“, erklärte Ricardo. „Wir sind geflohen, weil es auf der anderen Insel Menschenfresser gibt. Sie haben einen von uns gefangen, getötet und dann …“

Der Spanier schüttelte sich, als er daran dachte. Aldegonde preßte beide Hände auf den Magen und wurde käsig. Das Erlebnis hatte einen tiefen Eindruck bei ihnen hinterlassen.

„Wir hatten noch zwei Pistolen, und es gelang uns, ein paar von den Menschenfressern zu erschießen. Sie hatten noch nie Weiße gesehen und – auch noch nie einen Knall aus einer Waffe gehört. Das hielt sie uns ein paar Tage vom Leib, bis wir fliehen konnten.“

„Kannibalen“, sagte Ferris Tucker schaudernd. „Nicht zu fassen, daß es die auf den friedlich scheinenden Inseln gibt.“

„Wie ging es weiter?“ wollte Don Juan wissen.

„Wie gesagt, wir konnten fliehen. Aber einen von uns haben die Haie geholt, als das Floß kenterte. Da waren wir nur noch vier Mann. Als wir diese Insel erreichten, starb nach ein paar Tagen unser Rudergänger Miguel am Fieber, und später erwischte es den Koch. Nur wir beide haben überlebt.“

Hasard sah wieder das Wrack vor sich und die vielen Skelette darin.

„Da gibt es noch ein paar Ungereimtheiten“, sagte er. „Wenn ihr auf ein Riff gelaufen seid, wobei die meisten ertranken, weshalb liegen dann die Skelette der Seeleute in dem Laderaum? Das paßt doch überhaupt nicht zusammen.“

Ricardo nickte betrübt. Der andere blickte ergeben auf die Planken.

„Das sieht nur so aus“, erwiderte er. „Als wir auf das Riff liefen, lebten die meisten anderen noch. Wir sind über Bord gegangen bei dem Sturm. Dann war die Galeone plötzlich verschwunden – und mit ihr ein Teil der Besatzung. Sie ertranken unterwegs. Der Sturm muß das Schiff ein paarmal unter Wasser gedrückt und wieder aufgerichtet haben. Etliche haben versucht, schwimmend den Strand zu erreichen. Wir fanden fast jeden Tag angeschwemmte Leichen, aber wir hatten nicht den Mut und die Kraft, sie zu beerdigen. Wir haben die Toten an Bord gehievt und sie in den Laderaum geworfen, wo sie noch heute ruhen.“

„Eine seltsame Art der Bestattung“, meinte Hasard, „und nicht gerade eine christliche. Aber das geht uns nichts an.“

„Wir hätten sie auf dieser Insel nicht beerdigen können“, sagte Aldegonde. „Dann wären ihre Seelen umgegangen und hätten uns in Angst und Schrecken versetzt.“

Old O’Flynn wurde hellhörig. Das war genau sein Thema. Sein Granitgesicht verhärtete sich, er nickte zustimmend.

„Ganz recht“, murmelte er dumpf. „Die Seelen wären rastlos über die Insel gewandert. So aber sind sie im Rumpf des Schiffes gefangen und können ihn nicht verlassen.“

„So ist es“, bestätigte Ricardo. „Genau das war der Grund. Jetzt sind sie für immer und ewig gebannt. Deshalb sind wir auch so weit von dem Wrack weggezogen. Wir haben alles mitgenommen, was sich noch an Bord befand, wirklich alles. Deshalb haben wir auch heute noch Uniformen, Helme und alles, was wir brauchen.“

Hasard dachte sich seinen Teil über die beiden abergläubischen Kerle, die in ihrer Ansicht noch von Old O’Flynn bestärkt wurden. Die beiden Dons waren mehr als abergläubisch, deshalb hatten sie das Wrack auch gemieden.

„Wir haben den Kompaß aus dem Wrack ausgebaut“, sagte Hasard. „Das war das einzige, was wir noch vorfanden.“

„Den konnten wir nicht brauchen. Sie können ihn gern behalten.“

„Vielen Dank“, sagte Hasard ironisch. Er hatte auch nicht vor, ihn wieder herauszugeben. „Wann sind Sie denn das letzte Mal bei dem Wrack gewesen?“

„Nie mehr“, versicherte Ricardo. „Nachdem wir alles ausgeräumt hatten, schlugen wir immer einen großen Bogen um das Wrack, denn dort wimmelt es nur so von Geistern. Haben Sie denn nichts bemerkt?“

„Ich persönlich habe noch nie einen Geist gesehen, und mich hat ebenfalls noch nie eine Seele erschreckt.“

„Aber mich“, sagte Old O’Flynn im Brustton der Überzeugung. „Das war mal bei …“

„Später, Donegal! Das müssen wir jetzt nicht unbedingt ausführlich behandeln. Haben Sie diese Insel denn im Verlauf der vielen Jahre wenigstens gründlich erforscht?“

Die beiden bestätigten das mit einem Kopfnicken.

„Bis auf die Umgebung von dem Wrack. Wir waren auch schon auf dem Berg, sogar ganz oben. Aber die andere Ecke haben wir immer gemieden. Es gibt außer uns niemanden auf der Insel. Wir haben uns auch Gärten weiter hinten im Tal angelegt. Früchte und Wasser gibt es im Überfluß. Aber nur ganz selten mal Fleisch, wenn wir einen Vogel fangen. Sonst leben wir von Fisch, Früchten und Gemüse.“

„Wie haben Sie sich Ihr weiteres Leben auf dieser Insel vorgestellt? Sie können doch nicht ewig hierbleiben.“

„Warum nicht?“ fragte der Bärtige erstaunt. „Uns geht es doch gut. Wir warten ab.“

„Auf was warten Sie?“

„Irgendwann wird Señor Alvaro Mendana de Neyra hierher zurückkehren, falls er nicht gestorben ist. Dann nimmt er uns mit.“

„Oder ich werde Gouverneur oder Vizekönig von den Inseln“, warf Ricardo hastig ein. „Seine Allerkatholischste Majestät wird uns unsere Treue und unser Ausharren sicherlich hoch belohnen.“

„Das wird er ganz sicher“, pflichtete Hasard bei. Die beiden schienen eine recht hohe Meinung von Seiner Allerkatholischsten Majestät zu haben.

Hasard wollte ihnen diesen Glauben auch nicht zerstören. Sie hatten sich jahrelang damit beschäftigt und lebten in der Erwartung, die vermutlich eine große Enttäuschung werden würde.

Jetzt ist auch endlich das Rätsel um das Wrack gelöst, dachte Hasard. Eine einfache und simple Erklärung. Es steckte kein Geheimnis dahinter.

„Diesen Kannibalen sollte man mal einen Besuch abstatten“, meinte der Profos. „An mir werden sich die Burschen glatt die Zähne ausbeißen und sich die Kiefer verrenken. Haben die sich denn auf dieser Insel schon mal blicken lassen?“

„Nein, hier waren sie noch nicht.“

„Schade“, sagte der Profos bedauernd, „ich habe schon lange keine Menschenfresser mehr so richtig verprügelt. Segeln wir dort mal hinüber, Sir?“

Hasard schüttelte ablehnend den Kopf.

„Was interessieren uns die Kannibalen! Wir haben andere Sorgen, als Menschenfresser zu verprügeln. Zu was auch? Wir segeln weiter, und zwar morgen bei Tagesanbruch.“

Hasard wandte sich wieder an die beiden Dons.

„Können wir Ihnen irgendwie behilflich sein? Möchten Sie vielleicht zu einer anderen Insel?“

Die beiden wehrten hastig ab.

„Vielen Dank, Señor Capitán. Wir bleiben lieber hier, denn hier wissen wir genau, was wir haben.“

„Fehlt es Ihnen an Werkzeugen oder anderen Utensilien?“

Auch daran herrschte kein Mangel, denn beide schüttelten die Köpfe.

„Wir haben für den Rest unseres Lebens Werkzeuge aller Art. Das einzige, äh – entschuldigen Sie, vielleicht könnten Sie uns etwas Wein überlassen. Dann könnten wir mal wieder so richtig feiern.“

Hasard stimmte lächelnd zu. Im Geist stellte er sich die Feier der beiden einsamen Dons vor. Die Burschen würden sich mit aller Gewalt besaufen und drei Tage lang einen Kater haben. Dann würden sie auch wieder Generalkapitän, Corporal und Ordonnanz spielen. Oder Gouverneur und Vizekönig. Aber das war ihre Sache.

Mac Pellew brachte ein kleines Fäßchen Rotwein und ein Fäßchen mit Rum an Deck, nachdem Hasard zustimmend genickt hatte. Die Freude der beiden merkwürdigen Gestalten kannte keine Grenzen.

„Ed und Ferris können es an Land bringen“, sagte Hasard.

Nach einer Weile verabschiedeten sich die Dons artig, höflich und sehr zuvorkommend. Dann baten sie Ed und Ferris, ein paar Säcke oder Körbe mitnehmen zu dürfen, leere natürlich.

Danach wurden die Dons an Land gepullt, und die beiden Seewölfe begleiteten sie zu ihrer Hütte.

Hasard sah ihnen lange nach.

„Eigenartige Leute“, sagte er, „aber das bringt wohl die Einsamkeit mit sich. Ich möchte nicht jahrelang auf einer relativ kleinen Insel sitzen.“

Ed und Ferris waren noch keine hundert Yards gegangen, als das seltsame Spielchen der beiden erneut seinen Anfang nahm. Ricardo war wieder Generalkapitän und ließ Aldegonde das auch spüren, indem er ihn herumkommandierte.

Der Profos war am Feixen. Ferris verbiß sich nur mühsam das Lachen, als das Ritual mit vollem Ernst weiterging.

„Holen Sie den Quarter- oder Proviantmeister, Corporal“, schnarrte Don Ricardo. „Er soll die beiden Gesandten und mich zu den Feldern begleiten.“

„Ich fürchte, er hat gerade Freiwache, Señor Generalkapitän“, wagte Aldegonde zu widersprechen.

„Holen Sie ihn, ob Freiwache oder nicht. Ein Proviantmeister hat nie Freiwache zu haben.“

Aldegonde verschwand in der kleinen Hütte, und nach ein paar Minuten hatte er den Proviantmeister aufgetrieben.

Er hatte sich umgezogen. Ein funkelnder Helm bedeckte seinen Schädel, und um den wilden Bart hatte er ein Stück Band geschlungen und ihn so in Fasson gebracht. Der Bart sah jetzt wie ein borstiger, schlecht zurechtgedrehter Pinsel aus und stand Aldegonde fast waagerecht vom Kinn ab. Das ließ ihn ungemein lächerlich erscheinen.

„Solche Bärte hatten die eingemachten Mumien am Nil“, raunte der Profos. Er fuhr sich mit der Hand dreimal unters Kinn und streckte sie dann nach vorn, um anzudeuten, wie weit dem Kerl der Bart vom Gesicht abstand.

Ferris grinste jetzt auch bis an die Ohren.

Der „Proviantmeister“ schritt fröhlich voraus. Es ging etwa zweihundert Yards in das Tal hinein bis zu einem Knick.

Dahinter lagen Felder, bei deren Anblick den beiden buchstäblich die Sprache wegblieb.

Sie hatten Süßkartoffeln angebaut, Rüben, Bohnen, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und noch vieles mehr.

„Donnerwetter“, sagte Carberry. „Das ist aber ein Ding. Die haben ja mächtig gerackert, die Kerlchen.“

Die beiden Dons begannen zu ernten, indem sie wahllos alles aus dem Boden rupften, was ihnen gerade in die Hände geriet. Die Säcke füllten sich mit Gemüse aller Art.

Danach begann der Rückmarsch. Jetzt schleppten sie das Zeug zu viert und brachen unter der Last fast zusammen. Als alles im Boot verstaut war, wollten die beiden Arwenacks sich bedanken, aber der Generalkapitän wehrte ab.

„Nur kein Aufsehen, meine Herren“, sagte er. „Sie sind uns dafür nur eine kleine Gefälligkeit schuldig. Falls Sie nach Spanien segeln, gehen Sie bitte höchstpersönlich zu Seiner Allerkatholischsten Majestät, und überreichen Sie ihm dieses Schreiben, verbunden mit ein paar herzlichen Worten.“

Aus dem Ärmel seiner Uniformjacke zog Don Ricardo einen Umschlag und überreichte ihn feierlich Ferris Tucker.

„Da steht alles drin. Geben Sie ihn aber nur persönlich ab.“

„Ja, natürlich“, sagte Ferris erschüttert. „Nur persönlich, falls wir den König von Spanien sehen.“

Don Ricardo klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter, reichte dem verdatterten Profos die Hand und entließ die beiden Männer dann mit huldvollem Kopfnicken. Aldegonde riß die Hacken zusammen und salutierte. Gleich darauf salutierte er nochmals, als die Schiffsglocke erklang.

Sehr würdevoll drehten die beiden Spanier sich um und verschwanden hinter den Kokospalmen.

Der Profos kratzte sich den Schädel.

„Hm, wenn ich das nicht selbst erlebt hätte, würde ich es nicht glauben. Na ja, pullen wir zurück. Ich muß das alles noch einmal genau überdenken.“

An Bord war das Erstaunen allerdings groß, als die Säcke nach oben gehievt wurden und das Gemüse zum Vorschein kam. Der Kutscher hüpfte vor Freude auf der Kuhl herum, als er die Köstlichkeiten sah.

Ferris gab Hasard inzwischen den Umschlag und grinste.

„Vom Generalkapitän. Aber nur persönlich dem König von Spanien zu übergeben, falls wir dorthin segeln. Merkwürdig, mitunter sind die Kerle ganz vernünftig, aber dann fangen sie wieder an zu spinnen. Was tun wir mit dem Schrieb?“

„Wir werden ihn später öffnen, denn es ist ziemlich unwahrscheinlich, daß wir nach Spanien segeln und noch unwahrscheinlicher, daß wir dem lieben Philipp begegnen. Lassen wir die Dons also bei ihrem verwirrten Glauben. Sie bringen Wunschdenken, Wirklichkeit und Vorstellungen völlig durcheinander. Vielleicht steht auch in dem Brief überhaupt nichts drin.“

„Ja, vermutlich sind sie dem König böse und reden nicht mehr mit ihm. Deshalb kriegt er nur noch leere Seiten geschickt.“

An diesem Tag wurden noch einmal Langusten, Krebse und Fische gefangen, bis es dunkel wurde.

Da zeigte sich noch einmal am Strand Don Ricardo mit seinem bärtigen Corporal.

In feierlicher Prozession marschierten sie zu dem eingerammten Flaggenstock. Don Ricardo brüllte den Corporal an, und der stand vor dem Flaggenmast und salutierte ein ums andere Mal. Danach wurde er vom Generalkapitän wortreich zusammengestaucht und mußte die Flagge einholen. Sie wurde erst in der Frühe des nächsten Morgens wieder gehißt.

Der „Santa Barbara“ schenkten die beiden wunderlichen Knaben bei der Prozession keinen einzigen Blick.

Als die Flagge eingeholt war, klemmte sie sich Aldegonde unter den Arm. Dann mußte er vor Don Ricardo hermarschieren, der lautstark den Tritt angab.

Die Seewölfe sahen ihnen grinsend nach.

4.

Als am anderen Morgen die Sonne aufging und leuchtende Finger über das Wasser tasteten, waren die Mannen zum Weitersegeln bereit.

Die ersten Segel wurden gesetzt, dann der Anker gehievt.

Als die „Santa Barbara“ Kurs aufs offene Meer nahm, erschienen die beiden Helden vom Vortag.

Aldegonde trug wieder die Flagge und mußte sie hissen. Das Ritual war genau abgezirkelt und einstudiert. Dann salutierten beide, und schließlich wandten sie sich der absegelnden Galeone zu.

Die Seewölfe sahen den beiden Kerlen staunend zu. Sie hatten sich fein herausgeputzt, trugen glänzende Kupferhelme und hatten sich in ihren besten „Jubel-Kaftan“ gehüllt. Auch einen Zierdegen trug jeder.

Dann standen sie am Strand und salutierten. Danach rissen sie die Arme hoch und brüllten aus voller Lunge: „Bum – bum – bum!“

Sie schossen „Salut“ in Ermangelung von Kanonen.

In die ausbrechende Heiterkeit hinein sagte Hasard: „Vielleicht erwarten sie von uns auch einen Salut. Laß mal ein Geschütz abfeuern, Al.“

Der Stückmeister grinste und ging davon.

Am Strand ging das „bum-bum“ mittlerweile weiter. Die Dons feuerten insgesamt einundzwanzig „Schüsse“ ab.

Dann erfolgte die Antwort. Die eine Culverine spie einen langen Blitz aus, dem ein berstendes Krachen und Donnern folgte. Als sie auf der Lafette rumpelnd zurückfuhr, begannen die beiden Dons wie vom Affen gebissen loszurennen und verschwanden blitzartig in dem Tal.

„Oh, das hat sie wohl erschreckt“, meinte Hasard. „So einen Krach haben sie schon jahrelang nicht mehr gehört.“

„Das sind vielleicht zwei seltsame Molche“, sagte der Profos. „Die verstehen doch die Welt nicht mehr.“

„Kein Wunder bei dem Einsiedlerleben, das sie führen.“

Die beiden wunderlichen Kerle ließen sich nicht mehr blicken. Der gewaltige Donner hatte sie wohl verstört. Am Strand blieb nur die einsame Flagge zurück.

Als die Insel achteraus immer kleiner wurde, stand die Sonne als riesiger Ball über dem Wasser. Sogleich begann es heiß zu werden. Auch der Wind war warm, der die „Santa Barbara“ über das Wasser schob.

Hasard hielt auf die andere Insel zu, auf der jetzt ebenfalls die Spitze eines Berges zu erkennen war. Beim näheren Heransegeln sahen sie einsame helle Strände und Scharen von Vögeln, die sich erhoben und in den klaren Himmel stiegen. Alles war unheimlich still und ruhig, als die Vögel aufgestiegen waren.

Hasard musterte durch den Kieker das Land und ließ dann abdrehen.

„Das soll die Kannibalen-Insel sein“, sagte er. „Auf den ersten Blick scheint sie unbewohnt zu sein.“

„Vielleicht war das nur ein Ammenmärchen von den beiden“, meinte Ben Brighton. „Wer weiß, was die gesehen haben.“

In einer halben Meile Abstand wurde die Insel passiert. Nirgendwo ließ sich eine Menschenseele blicken.

Eine weitere Insel entdeckten sie schließlich im Süden. Nach ein paar Stunden wurde abermals ein dunstiger Strich im Süden entdeckt – ebenfalls Land, das zu den Marquesas gehörte.

Hasard entsann sich wieder des Schreibens, das er noch bei sich trug. Er nahm das Kuvert heraus und betrachtete es.

„Sollen wir es öffnen?“ fragte Don Juan augenzwinkernd.

„Uns wird wohl nichts anderes übrigbleiben. Ich sehe jedenfalls keine Möglichkeit, es dem König von Spanien persönlich zu übergeben. Und du selbst dürftest auch nicht scharf darauf sein.“

„Nicht unbedingt.“

„Nun, dann öffnen wir es.“

Hasard öffnete den Umschlag und zog einen gefalteten Bogen hervor. Krakelige Schriftzeichen wurden sichtbar. Die Buchstaben sahen aus, als sei ein lahmer Hahn über das Papier gelaufen. Das Blatt war mit königsblauer Tinte beschrieben, die mit Sand abgelöscht war.

Hasard las halblaut vor.

„Euer Majestät. Wie Euer Majestät sicherlich wissen, befinde ich mich mit Señor Aldegonde immer noch auf den Islas de Marquesas, die wir für die spanische Krone in Besitz genommen haben und wo wir unerschütterlich ausharren. Die zum Teil unbewohnten Inseln brauchen allerdringlichst einen Vizekönig, zumindest aber einen Gouverneur. Ich bin bereit, die Bürde dieses schweren Amtes auf mich zu nehmen, und bitte untertänigst um ein Anerkennungsschreiben. Gleichwohl fordere ich als künftiger Gouverneur auch eine vergoldete Badewanne an. In der Hoffnung, bald eine spanische Kriegsgaleone am Horizont auftauchen zu sehen, verbleibe ich alleruntertänigst Euer Don Ricardo de la Marcarena, vorläufig selbsternannter Gouverneur der Islas de Marquesas.

Nachschrift: Weiterhin schlage ich vor, Señor Aldegonde noch nicht in den Adelsstand zu erheben. Er soll mir weiterhin als Ordonnanz zur Verfügung stehen.“

Die Nachschrift war in winzig kleinen Buchstaben gehalten. Hasard hatte alle Mühe, sie zu entziffern.

Dann ließ er das Schreiben sinken und begann zu lachen. Die umstehenden Männer grinsten bis zu den Ohren und kriegten sich nicht mehr ein.

„Das sind vielleicht zwei armselige Irre“, sagte Dan lachend. „Der Geist dieses Don Ricardo scheint wirklich durcheinandergeraten zu sein. Am meisten amüsiert mich die vergoldete Badewanne, die der Kerl als künftiger Gouverneur anfordert.“

„Und dann erwartet er, am Horizont möglichst bald eine spanische Kriegsgaleone auftauchen zu sehen“, sagte Shane lachend.

Hasard betrachtete den Schrieb noch einmal kopfschüttelnd und steckte ihn dann wieder in den Umschlag zurück.

„Zwei völlig weltfremde Typen“, meinte er. „Die werden bis an ihr Lebensende auf der Insel bleiben und vergeblich darauf warten, daß ein Schiff auftaucht. Dann ist der Traum von der vergoldeten Badewanne ebenfalls ausgeträumt.“

Sie lachten immer noch, und der Profos stellte sich vor, wie der Kerl in seiner vergoldeten Badewanne am Strand hockte und sich von seiner Ordonnanz den Rücken schrubben ließ. Er sah den Seewolf an und grinste auf seine eigentümliche Art. Offenbar hatte er mal wieder eine seiner Ideen.

„Vermutlich segeln wir auf dem Rückweg hier doch wieder vorbei“, sagte er. „Oder irre ich mich da?“

„Durchaus möglich, daß wir hier vorbeisegeln“, gab Hasard zu.

„Hm, dann könnten wir doch das Kerlchen einfach zum Vizekönig oder Gouverneur befördern“, schlug Ed mit einem hinterhältigen Grinsen vor.

„Wie stellst du dir das vor?“

„Die beiden Spinner haben doch längst vergessen, daß wir mal hier waren. In der Zwischenzeit sind sie sicher noch wunderlicher geworden. Wir ankern ziemlich weit draußen und schicken dann eine königliche Abordnung an Land, die natürlich als Spanier auftreten, ganz feierlich und so. Dann überreichen wir das selbstverfaßte Empfehlungsschreiben und befördern die beiden Molche. Old Donegal könnte sich vielleicht als Seine Allerkatholischste Majestät verkleiden und den Kerl dann zum Vizekönig in einer feierlichen Prozession ernennen.“

„Du hast wirklich eigenartige Ideen“, sagte Hasard. Er konnte sich das Lachen nicht mehr verbeißen, als er sich Old O’Flynn in der Rolle des Königs von Spanien vorstellte. „Aber Old Donegal hat ein Holzbein, und der spanische König nicht“, wandte Hasard unter dem Gelächter der Kerle ein.

„Dann hat er eben mittlerweile eins“, sagte Carberry. „Das wissen die beiden Kerle in ihrer Weltabgeschiedenheit sowieso nicht.“

„Und zu was soll das alles gut sein?“

„Jeder hat seinen Spaß dabei, und den beiden ruhmsüchtigen Burschen ist geholfen. Die freuen sich bis an ihr Lebensende.“

„Wo nimmst du die vergoldete Badewanne her?“ Hasard begann sich mit der Idee bereits anzufreunden. Humor bringt schließlich immer etwas Schwung ins Leben.

„Hm“, der Profos überlegte lange. „Das weiß ich noch nicht so genau. Aber eine vergoldete Waschbalje tut’s schließlich auch. Die werden wir schon irgendwo auftreiben.“

„Na, meinetwegen. Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Aber ich befürchte, daß man unsere Gesichter erkennen wird. Vielleicht fallen die Burschen gar nicht darauf rein.“

„Oh, die haben sie längst wieder vergessen“, behauptete der Profos unerschütterlich. „Außerdem tragen wir Uniformen, und alle Gesichter haben sich die beiden ganz sicher nicht gemerkt.“

Also wurde beschlossen, die beiden einsamen Dons auf dem Rückweg kräftig zu veräppeln, wie der Profos sagte. Damit war das Thema dann vorläufig vom Tisch, jedenfalls für Hasard.

Für den Profos noch lange nicht, denn der spann seine Idee weiter und schmückte sie aus, weil die Sache so ganz nach seinem Geschmack war. Blumig schilderte er den feixenden Zuhörern, wie Old O’Flynn als König von Spanien auftreten würde. Er selbst würde sich dann als Zeremonienmeister verkleiden. Die Badewanne oder Waschbalje würden sie schön mit Goldfarbe anstreichen, damit alles seine Ordnung habe.

Old O’Flynn wurde natürlich gleich eingeweiht, und er versprach, die Rolle Seiner Allerkatholischsten Majestät auch zu übernehmen. Dabei grinste er über sein ganzes Granitgesicht.

„An den Auftritt werden sich die beiden Sonderlinge ihr ganzes Leben lang erinnern“, versprach er. „Aber das muß natürlich ganz genau geplant werden.“

„Selbstverständlich“, tönte Ed. „Ich werde mir das gut überlegen, und zwar mit allen Schikanen.“

Als schließlich auch der letzte Landstrich hinter der Kimm verschwunden war, begann wieder die Eintönigkeit.

Vor und hinter ihnen lag die riesige Fläche des Pazifischen Ozeans, die scheinbar kein Ende und keinen Anfang hatte.

Dan O’Flynn, der fleißig seine Koppel-Navigation betrieb, verkündete, daß sie sich jetzt genau südlich der Insel der sieben Augen befänden, wo sie vor langer Zeit schon einmal gewesen waren. Dort hatte ein rasender Tsunami ganze Landstriche verwüstet.

Anfangs hatten sie genügend zu essen, aber bald nahmen auch die Lebensmittelvorräte wieder ab, und das Trinkwasser hatte einen faden und üblen Geschmack.

„Ihr Kerle freßt einfach zuviel“, sagte der Kutscher. „Ganz besonders Paddy – den werden wir wohl bald auf halbe Rationen setzen müssen. Oder wir müssen bald wieder auf eine Insel stoßen.“

„Es gibt doch hier genug“, sagte Mac Pellew. „Aber wir haben auf dieser Reise immer das Pech, daran vorbeizusegeln. Dabei wimmelt es hier nur so von Inseln.“

„Wir werden schon eine finden“, tröstete ihn der Kutscher.

Sechs Tage später stießen sie tatsächlich auf eine Inselkette, die aus vielen winzigen Inseln bestand. Wie Perlen an der Schnur waren sie im türkisblauen Wasser aufgereiht.

Die Freude war wieder einmal riesengroß, als sie Palmen entdeckten, die Fruchtfleisch und köstliche Milch versprachen.

Noch während sie auf eine der kleinen Inseln zuhielten, ging ein Regenguß nieder, ein kurzer Schauer nur, aber er reichte aus, um das zur Neige gehende Trinkwasser aufzufüllen.

„Gott sei Dank“, sagte der Kutscher inbrünstig, als das Wasser in großen Leinentücher aufgefangen war. „Die Inselchen sehen nicht danach aus, als gäbe es dort Quellwasser.“

Die Jolle wurde abgefiert, als die „Santa Barbara“ vor Anker lag, und ein paar Arwenacks pullten zu dem ersten Inselchen hinüber.

Es war so klein, daß man es in zehn Minuten zu Fuß umgehen konnte. Die Insel bestand fast nur aus einem dichten Palmenwald. Trinkwasser gab es – wie erwartet – nicht.

„Wenigstens etwas“, sagte Ferris Tucker, als sie mit dem Sammeln der großen Nüsse begannen. „Fische und Langusten gibt es ebenfalls in rauhen Mengen. Damit sind fürs erste unsere Sorgen los.“

Die Jolle kehrte zurück, voll mit Kokosnüssen beladen. Ein paar weitere Männer enterten in das Beiboot, um von der Insel aus Langusten zu jagen.

Als das Boot ablegte, brüllten zwei Schüsse auf. Der Knall kam so überraschend, daß Smoky fast über Bord gekippt wäre. Er blickte verständnislos vom Boot aus auf zwei feine Rauchwölkchen. Dann sah er Blacky und Bob Grey grinsen. Sie lehnten gerade ihre Musketen ans Schanzkleid und starrten dann ins Wasser.

„Was ist denn los?“ fragte Smoky verdattert.

„Wir angeln“, erklärte Bob trocken. „Diesmal haben wir einen Prachtburschen erwischt, der einiges hergibt. Seht euch mal auf der Backbordseite genauer um.“

Sie pullten zur Backbordseite hinüber und blickten ins Wasser, das sich hellrot gefärbt hatte. Im Wasser zappelte etwas wie wild, schoß hin und her und legte sich schließlich auf die Seite.

Oben standen grinsende Kerle an Deck.

„Ein Hai“, sagte Carberry, „die haben wahrhaftig einen Hai abgeknallt, die Burschen.“

„Ihr braucht ihn nur noch anzuleinen, dann hieven wir ihn hoch!“ rief Blacky.

Tampen und Leinen flogen ihnen entgegen, aber der Profos war vorsichtig. Mit Haien hatten sie schon recht üble Erfahrungen gesammelt.

Er pullte näher heran und vergewisserte sich, daß der Hai wirklich tot war und sich auch nicht mehr bewegte. Er war etwa drei Yards lang.

„Beeilt euch“, rief Blacky ungeduldig, „sonst geht der Bursche auf Tiefe und verschwindet!“

Das Boot wurde noch näher herangepullt. Carberry nahm einen langen Tampen und ließ die Schlinge ins Wasser gleiten. Eine zweite Leine wurde am Schwanz des Haies befestigt und straff gezogen.

Oben begannen sie mit aller Kraft, den Burschen aufzuhieven. Sie mußten kräftig zulangen, bis sie ihn an Deck hatten.

„Noch ein Hai!“ brüllte der Ire Higgy. „Da, nicht weit von euch entfernt!“

Anscheinend von dem Zappeln und dem Blutgeruch angelockt, näherte sich ein zweiter Hai der Blutwolke im Wasser. Er war etwa gleich lang wie der andere. Er raste in die Wolke hinein, begann dann wie wild darin zu kreisen und wurde immer aufgeregter und aggressiver.

Am Schanzkleid standen sie wieder mit Musketen in den Fäusten und zielten ins Wasser. Aber der Hai tobte völlig unberechenbar herum und war vorerst nicht zu treffen.

Der Profos pullte mit seinen Mannen vorsichtshalber außerhalb der Reichweite des tobenden Fisches, der fast das Boot rammte in seiner grenzenlosen Freßgier.

Etwas später knallten mehrere Schüsse hintereinander. Diesmal wurde der Hai erwischt, und als Batuti ihm einen Pulverpfeil in den Schädel schoß, riß es dem Hai fast den halben Schädel weg.

Kurz danach befand auch er sich an Deck, wo die Arwenacks jetzt mit Entermessern bereit standen.

Der Kutscher und Mac Pellew waren ebenfalls eifrig bei der Sache, als die Haie in Stücke zerlegt wurden.

„Das reicht für eine Weile“, stellte der Kutscher zufrieden fest. „Das Fleisch wird auch nicht verderben. Wir trocknen es einfach nach Art des Kabeljaus. Wir müssen es nur in dünnere Streifen schneiden.“

„Und einen Teil legen wir in Salz ein“, sagte Mac. „Dann haben wir auf der Reise immer einen Notvorrat.“

„Wir könnten auch ein paar Stücke räuchern“, schlug Big Old Shane vor. „Was bei Heringen geht, müßte auch bei Haien möglich sein. Auf diese Art haben wir wenigstens Abwechslung.“

„Versuchen sollten wir es jedenfalls“, meinte der Kutscher.

Nach knapp zwei Stunden, während das Beiboot hin und her fuhr, um Kokosnüsse an Bord zu bringen, waren die Haie restlos zerlegt. Ein Teil des Fleisches war in faustgroße Stücke geschnitten worden.

Jetzt waren sie dabei, einiges von dem Fleisch in Fässern einzulegen. Die anderen schnitten Fischfleisch in hauchdünne Streifen.

Der Abfall wurde über Bord geworfen. Gleich darauf war wieder die Hölle los.

Im relativ flachen Wasser erschienen weitere Haie, und es gab einen verbissenen Kampf um die blutigen Überreste.

Inzwischen sah es auf der „Santa Barbara“ lustig aus. Die Galeone hatte sich verwandelt. An allen nur möglichen Plätzen und Stellen hatten sie Kabelgarn gespannt und daran dünne Fleischscheiben gehängt, die sich bei jedem Luftzug bewegten.

Sie hatten über die Toppen geflaggt, wie Carberry das ausdrückte.

An diesem Tag erlegten sie insgesamt fünf Haie, nahmen sie aus und schnitten sie in handliche Portionen. Unter der anfallenden Arbeit begannen alle zu schwitzen.

Außenbords hingen mittlerweile zwei größere Netze, in denen es wimmelte und krabbelte. Darin befanden sich Krebse, Langusten und ein paar Seegurken – Notreserve, die im Wasser lange Zeit frisch blieb.

Am Abend wurde dann kräftig zugelangt. Der Kutscher, Mac und die Zwillinge hatten stundenlang in der Kombüse geschuftet, aber was jetzt auf die Back kam, ließ allen das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Stark gewürzte Haifischsteaks gab es mit den Resten vom Gemüse und eingekochter Tomatensoße. Kokosnüsse wurden aufgeschlagen, die Milch in Humpen gegossen.

„So’n Hai hat doch auch was Gutes“, meinte der Profos mampfend. „Er schmeckt vorzüglich. Außerdem ist es viel gesünder, wenn wir über ihn herfallen, statt umgekehrt. Obwohl wir ihm natürlich auch gut schmecken würden.“

Zur Krönung des Tages gab es wieder Rum für alle, aber für jeden nur eine Muck voll, denn auch der Rum nahm langsam ab.

Am Morgen darauf wurden noch weitere der Inselchen besucht und erneut Unmengen an Kokosnüssen herangeschafft und in den Laderaum verfrachtet.

„Damit können wir in China lebhaften Handel treiben“, sagte Batuti. „Das reicht aus, um das ganze Land zu versorgen.“

„Abwarten“, meinte der Kutscher. „Die sind schneller verputzt als wir uns vorstellen. Wir können gar nicht genug davon haben.“

Auch die eine Jolle wurde zweckentfremdet. Sie war an Deck festgezurrt und halb mit Wasser gefüllt worden. Darin tummelten sich große Langusten und ein paar Hummer. Allerdings passierte es in der nächsten Nacht, daß die Viecher über die Planken krochen und die Männer unsanft zwackten, die an Deck schliefen.

Ferris Tucker spannte kurzerhand ein Netz über die Jolle, und von da an herrschte Ruhe.

Nach zwei Tagen nahm die „Santa Barbara“ erneut Kurs auf das Land des Großen Chan. Vor ihnen lag noch eine sehr weite Strecke.

5.

Wasser, Wasser, Wasser, soweit das Auge blickte.

Sie segelten, hart über Steuerbordbug liegend, mit Backbordhalsen. Der Wind stand nicht mehr so günstig wie noch vor ein paar Tagen, aber sie liefen trotzdem gute Fahrt.

An Backbord wurde Tage später wieder ein feiner Landstrich gesichtet aber da sie noch alles hatten, was sie brauchten, ließ Hasard auf demselben Kurs weitersegeln. Er rechnete damit, noch auf viele andere Inseln zu stoßen, aber die Rechnung ging nicht so glatt auf, wie er gehofft hatte.

Ein Tag nach dem anderen verging, ohne daß sie erneut Land sichteten. Auch Schiffe waren ihnen nicht begegnet.

Die „Santa Barbara“ bewegte sich auf westnordwestlichem Kurs nördlich des Äquators. Das war gleichzeitig der Generalkurs, der sie ins Reich der Mitte bringen sollte. Auf dieser Route, so hoffte Hasard, würden sie auch auf weitere Inseln stoßen.

„Zeit wird es ja wieder mal“, meinte der Kutscher. „Wir haben zwar noch eine Menge Kokosnüsse und das eingelegte und teilweise geräucherte Fischfleisch, aber die leidigste Angelegenheit ist und bleibt nun mal das Trinkwasser. Es regnet hier einfach zu wenig.“

„Das wird sich bald ändern“, versprach der Seewolf. „Wir geraten in die Zonen des Nordostpassates. Dort ist das Klima milder und nicht mehr so heiß. Es regnet dort auch öfter. Außerdem werden wir da auf einige Inselgruppen stoßen.“

Schon ein paar Tage später trat das ein, was Hasard gesagt hatte. Das Klima wurde unmerklich milder, und der Nordostpassat begann sanft zu wehen.

Mitte Juli 1596 ertönte die erlösende Meldung aus dem Großmars.

„Nebelbänke voraus! Vermutlich ein kleiner Landstrich!“

Im Nu war alles auf den Beinen.

„Wie vor ein paar Wochen“, sagte Matt Davies. „Das sieht fast genauso aus, als wir die Marquesas erreichten.“

Sie blickten zu einem in noch weiter Ferne wabernden Gebilde, das wie Watte an der Kimm hing. Was es war, ließ sich noch nicht einwandfrei erkennen.

„Möglich, daß sich dahinter Land verbirgt“, meinte der Seewolf. „Wir halten Kurs darauf.“

Dan O’Flynn beschäftigte sich ausgiebig mit der Beobachtung durch das Spektiv. Er hatte es auf den Handlauf der Balustrade aufgelegt, damit das Bild nicht verwackelte, und blickte lange hindurch.

„Da ist tatsächlich Land zu erkennen“, meldete er. „Es befindet sich an Backbord von dem Nebel. Vor dem Nebel scheint sich auch etwas zu bewegen, doch das kann ich nicht genau erkennen.“

Auf seinem Gesicht lag ein nachdenklicher Zug, als er für Augenblicke das Spektiv absetzte.

„Du siehst so nachdenklich aus“, meinte Hasard.

„Sieht irgendwie merkwürdig aus, das Land oder die Insel. Ich habe so etwas noch nie gesehen.“

„Was soll denn an einer Insel merkwürdig sein?“

Dan O’Flynn reichte dem Seewolf schweigend den Kieker.

Als Hasard ihn absetzte, war sein Gesicht genauso nachdenklich. Die anderen blickten ihn neugierig an.

„Die Insel sieht tatsächlich sehr eigenartig aus“, gab er zu. „Wie ein, nun – ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll. Wir lassen uns überraschen. Konzentriere dich bitte mal auf den winzigen schwarzen Punkt etwas genauer, Dan.“

„Du meinst den, der vor dem Nebel liegt?“

„Ja, er läßt sich nur schwer erkennen, scheint sich aber ganz langsam zu bewegen.“

Eine merkwürdige Spannung lag plötzlich in der Luft. Ein paar der Arwenacks enterten auf, um aus luftiger Höhe einen besseren Überblick zu haben.

Aber erst nach einer weiteren halben Stunde ließ sich Näheres erkennen. Fasziniert starrten sie hinüber. Dan O’Flynn konzentrierte sich immer noch auf den schwarzen Punkt.

„Das ist ein Auslegerboot“, sagte er. „Ein Auslegerboot mit einem kleinen Segel. Es hält genau auf die Nebelbank zu und wird gleich darin verschwinden. Soviel ich erkennen kann, sitzen zwei Männer in dem Boot.“

„Also eine bewohnte Insel“, sagte Hasard. „Wir laufen sie an und sehen sie uns einmal aus der Nähe an. Immerhin sind es die ersten Eingeborenen, auf die wir seit unserer Abfahrt treffen.“

Das Auslegerboot war immer deutlicher zu erkennen. Es hielt immer noch mitten in den wabernden Nebel hinein. Die Eingeborenen mußten das große Schiff zweifelsfrei ebenfalls gesehen haben, aber sie kümmerten sich nicht darum, oder sie hatten mit großen Schiffen schlechte Erfahrungen hinter sich und wollten von den Fremden nichts wissen.

„Die hauen ab“, verkündete der Profos, „aber sonderliche Eile haben sie keine, obwohl sie uns gesehen haben. Vielleicht wollen sie aber auch nur zum Fischen rausfahren.“

„Mitten in den Nebel?“ fragte Luke Morgan. „Das glaubst du doch wohl selbst nicht.“

Das kleine Boot mit den beiden Männern hatte jetzt die Nebelzone erreicht und verschwand darin. Die Eingeborenen hatten sich nur ein einziges Mal nach der „Santa Barbara“ umgedreht, als seien Schiffe dieser Größe ganz alltäglich.

Der Nebel schluckte das Boot. Es verschwand übergangslos darin und tauchte auch nicht mehr auf. Was hinter der Nebelwand lag, ließ sich nicht einmal erahnen.

Hasard warf einen schnellen Blick über das Deck und konzentrierte sein Augenmerk erneut auf die Insel. Auch sie war jetzt immer deutlicher zu erkennen.

Die Luvseite der Insel war von üppig wachsendem tropischen Mangrovendickicht überzogen. Das Dickicht schien absolut undurchdringlich zu sein. Erst ein paar hundert Yards weiter hörte es auf. Aber dort sah alles auch gleich ganz anders aus.

Sie starrten sich fast die Augen aus, denn eine solche Insel hatten sie wirklich noch nicht gesehen.

Gleichzeitig wurden aber noch weitere winzige Inseln gesichtet. Auch sie wirkten ganz anders als die normalen Eilande der Südsee.

Künstliche Inseln, wollte Hasard fast sagen, unterließ es dann aber, weil ihm diese Vorstellung reichlich weithergeholt schien. Warum sollte man künstliche Inseln anlegen, wenn es im Pazifik doch Tausende anderer Inseln gab!

Das Wasser wurde immer flacher, je näher sie der Insel kamen. Als die Tiefe noch vier Yards betrug, ließ der Seewolf Anker werfen. Die Segel wurden aufgegeit, dann lag die „Santa Barbara“ fast bewegungslos vor der Insel.

„Das ist nicht nur eine Insel“, sagte Hasard staunend, „das ist ein ganzes Labyrinth von Inseln, das von Kanälen durchzogen, aber offenbar miteinander verbunden ist. Das dort vorn wirkt wie ein riesiger Wellenbrecher und weiter dahinten …“

Er sprach nicht weiter, starrte nur auf das Wunder, das sich seinen Blicken bot.

Links von ihnen wuchs undurchdringliches Dickicht. Dort standen die Mangroven so dicht, daß man nicht hindurchkonnte. Es war das Stück einer Halbinsel, das sich nahtlos an größeres Gelände anschloß. Direkt vor ihnen befand sich eine quadratische Insel. An ihr führte ein schmaler Kanal weiter. In einer verlockend breiten Einfahrt lagen weitere kleine Inseln, Zwei davon hatten wieder quadratische Formen und waren durch einen wie künstlich geschaffenen Kanal voneinander getrennt. Rechts ragte eine weite Landzunge ins Meer, die ebenfalls dicht mit Regenwald bewachsen war.

Das Wasser war so kristallklar, daß auf dem Grund jede Bewegung zu erkennen war. Vor kleinen grottenähnlichen Höhlen tummelten sich farbenprächtige Fische. Sie waren von rötlicher Farbe, weißgestreift und hatten armlange weiße Stacheln, die vom Körper weit abstanden.

Staunend hielten die Mannen Ausschau nach Eingeborenen. Nirgendwo war eine Hütte zu sehen, nicht die Andeutung einer Behausung. Zudem lag eine eigentümliche Stille über diesem Insellabyrinth.

„Diese Insel muß doch bewohnt sein“, sagte Ben Brighton. „Das Auslegerboot hat von hier aus Kurs auf die Nebelbank genommen. Aber wo sind dann die Hütten?“

„Möglicherweise auf der anderen Seite“, erwiderte Hasard. „Wir sehen nur einen Teil der Insel. Wer weiß, wie es auf den anderen Seiten aussieht.“

Die Insel schlug alle in ihren Bann. Eine seltsame Faszination ging von ihr aus, der sich niemand entziehen konnte. Gleichzeitig wirkte alles wie eine gigantische und bedrohliche Kulisse.

Hasard lauschte angestrengt. Die Stille, die über allem lag, war nur scheinbar. Da war aber leises Flüstern und Raunen zu hören, wenn der Wind leise durch die Mangroven harfte. Hin und wieder war auch ein leises Knacken zu hören, als würden Zweige unter leichten Tritten brechen. Einmal glaubte Hasard auch ganz deutlich ein Stöhnen oder Wehklagen zu hören.

Auf dieser Insel gab es auch keine Strände. Sie war aus Gestein und wies zahlreiche Hügel auf. Immer wieder gab es schmale Durchfahrten, Passagen oder Kanäle, von denen aus man ein Inselchen nach dem anderen erreichen konnte.

„Das muß ich mir mal aus der Höhe ansehen“, sagte Hasard beeindruckt. Ohne ein weiteres Wort enterte er auf. Etliche andere folgten ihm sofort neugierig.

Vom Großmars aus hatte er einen Überblick über die Insel. Der Seewolf hielt überrascht die Luft an. Was er sah, war einfach atemberaubend. Seinen Mannen, die wie riesige Spinnen in den Webeleinen hingen, erging es ebenso. Auch sie blickten lange Zeit sprachlos über das gewaltige Labyrinth.

„Offener Basalt“, sagte Hasard und wies mit der Hand auf ein Bollwerk, das aus riesigen, hochaufragenden dunklen Säulen bestand. Eine Ringmauer war zu erkennen, ein weiterer Zyklopenwall aus riesigen Basaltsäulen hob sich in den Himmel. Das alles erinnerte an eine gigantische Festung, die von zahlreichen Kanälen durchzogen war. Hinter den Ringmauern gab es offenbar einen großen Innenhof, aber alles Weitere war durch Wildnis den Blicken verborgen.

Hasard schätzte die Ringmauern auf etwa hundert Yards Länge, die Höhe der fünf- und sechskantigen Basaltsäulen auf fast zehn Yards. Die Breite mochte etwa drei Yards betragen.

Auf der nördlichen Seite war ein hafenähnliches Becken zu erkennen.

Keine Menschenseele zeigte sich. Hasard enterte wieder ab und blieb nachdenklich auf der Kuhl stehen.

„Das sieht wahrhaftig aus, als sei es künstlich angelegt“, sagte er. „Vermutlich dient es heute den Eingeborenen als Kultstätte, die sie in regelmäßigen Abständen aufsuchen.“

„Kann sein, daß diese Insel wirklich ein Heiligtum darstellt“, meinte Don Juan. „Dann ist sie allerdings tabu, und wir begehen einen Frevel, wenn wir sie betreten.“

„Die Möglichkeit besteht durchaus. Dennoch werden wir die Insel einmal runden und uns die Nordseite ansehen. Ich möchte gern herausfinden, was es damit auf sich hat.“

Die anderen waren ebenfalls, dafür, und sie plagte ganz beträchtlich die Neugier. Also wurde beschlossen, die Insel einmal zu runden, um sich einen genaueren Überblick zu verschaffen.

An dem porösen Korallenschutt, der zwischen aufgetürmte Basaltsäulen gefüllt war, erkannte Hasard den Tidenunterschied. Augenblicklich herrschte Ebbe, aber bei Flut waren die Kanäle sicher gut mit dem Beiboot zu durchfahren.

Unmerklich ging das Wasser zurück. Seichte Priele waren zu sehen, in denen sich quaddelige Seegurken tummelten. Kleine Fische flitzten hin und her und versuchten, tieferes Wasser zu erreichen.

„Das sieht wie eine sehr alte Verteidigungsanlage aus“, meinte Dan O’Flynn. „Aber wer oder was sollte hier mitten im Meer verteidigt werden? War es vielleicht mal ein Häuptling, ein Stammesfürst oder ein Papalagi, der hier hauste?“

Er war der Lösung des Rätsels ziemlich nahe. Doch das erfuhren sie erst viel später. Fest stand lediglich, daß diese Insel einstmals künstlich angelegt worden war und ihre Erbauer mit unglaublicher Präzision gearbeitet haben mußten, um dieses Labyrinth zu erschaffen. Der Ursprung dieser Insel mochte sich im Laufe der Jahrhunderte irgendwo im mythischen Nebel verloren haben.

Sie zuckten unmerklich zusammen, als ein seltsam klagender Ton zu hören war. Es hörte sich an, als würde auf einer Muscheltrompete geblasen, ein leises fernes Klagen, das sich sofort darauf verlor.

„Geister“, sagte Old O’Flynn prompt, denn derartige Klänge waren für ihn der Beweis, daß sie von Geistern stammten. „Wir sind in einer Geisterstadt gelandet und werden verflucht sein.“

„Hör bloß mit deinen Geistern auf!“ fuhr Hasard ihn an. „Noch sind wir in keiner Geisterstadt gelandet und auch noch nicht verflucht. Es gibt für alles eine natürliche Erklärung.“

„Für alles nicht“, behauptete Donegal störrisch. „Es gibt auch Dinge, die unerklärbar sind. Da stecken dann immer irgendwelche überirdischen Mächte …“

„Jaja, schon gut“, wehrte Hasard ab. Er konnte sich den seltsam klagenden Ton auch nicht erklären, aber deshalb mußte er noch lange nicht von „irgendwelchen Geistern“ stammen, oder von „überirdischen Mächten“, die auch zum Lieblingsthema des Alten gehörten.

Das Wasser ging noch weiter zurück.

„Wir müssen weiter aufs Meer verholen“, sagte Hasard, „sonst sitzen wir fest.“

Er blickte zum Meer hin. Nicht weit von dieser großen Insel gab es noch weitere, die aber alle kleiner waren. Auch sie schienen künstlich aus Korallenschutt und Basaltsäulen angelegt worden sein. Man hatte sie auf den natürlichen Untiefen des Meeres gebaut.

In den zahlreichen Kanälen wurde das Wasser immer seichter. Der Hauptkanal war jetzt nur noch mit einem flachen Boot zu befahren. Seine Breite betrug hier etwa sechs Yards.

Hasard fielen wieder die beiden Eingeborenen ein, die sich so betont unauffällig von der Insel entfernt hatten. Was mochten sie hier getan haben? Warum hatten sie von der Galeone keine Notiz genommen und sie einfach ignoriert?

Achselzuckend kehrte er aufs Achterdeck zurück. Etwas an diesem Insellabyrinth beunruhigte ihn, ohne daß er zu sagen wußte, was es war. Wahrscheinlich das Geheimnisvolle, daß es eine künstliche Insel im Pazifik gab, die offensichtlich schon vor Jahrhunderten angelegt worden war und einstmals mächtigen Königen als Herrschersitz gedient haben mochte.

„Hievt den Anker“, sagte er, „wir umrunden die Insel und sehen sie uns genauer an.“

6.

Nan Madol, so hieß die geheimnisvolle Insel, gehört zu Ponape und bedeutet soviel wie „Ort der Zwischenräume“. Der Sage nach befand sich hier einst das mit Schätzen überladene Grabgewölbe der Saudeleur, der einstigen Herrscher über Ponape.

Die Eingeborenen sprachen von einem großen Mann namens Olosopha, der in einem Kanu hier landete und sich selbst zum Herrscher von Nan Madol ernannte. Er war ein kriegerischer Mann, der die Insel in drei Distrikte aufteilte und die Festung Nan Dowas bauen ließ.

Weiter besagt die Gründungssage, daß früher Zwerge auf Ponape hausten, deren Sprache wie das Schnarren von Fledermäusen klang, und die auf geheimnisvolle Weise verschwanden, als zwei Weitere Riesen, Li-ot und Konat, die Insel betraten. Die beiden plattnasigen Riesen riefen Flugechsen und Drachen herbei, die mit ihrem wilden und feurigen Schnauben die Kanäle aushoben.

So wurde Nan Madol zur Festung ausgebaut und bestand jahrhundertelang unter der Saudeleur-Dynastie. Der letzte König namens Saudemwohi wurde von dem aus Kosrae kommenden Isokelekel getötet, der die neue Herrscher-Dynastie der Nahnmwarki begründete. Nach seinem Tod wurde Ponape in fünf Reiche zergliedert.

Von all dem wußten die Arwenacks nichts, als sie die Insel rundeten.

Das Wasser war noch weiter zurückgegangen und hatte jetzt seinen tiefsten Punkt erreicht. Sie mußten höllisch aufpassen, um nicht auf Untiefen zu geraten.

An der Nordseite gingen sie vor Anker und fierten das Boot ab.

Hasard blickte zum Himmel. Die Sonne neigte sich im Westen dem Meer zu und würde in einer halben Stunde untergehen. Dann herrschte Dunkelheit, und jede Exkursion war zum Scheitern verurteilt.

„Morgen, in aller Frühe“, sagte der Seewolf, „dürfte das Wasser wieder seinen höchsten Stand erreicht haben. Dann ist die Zeit günstig, um ins Innere der Insel vorzustoßen. Die Tiden folgen etwa im Rhythmus von sechs Stunden.“

Er unterbrach sich, als ein lautes Klatschen zu hören war. Es hörte sich an, als sei ein großer Stein ins Wasser gefallen. Das allgemeine Augenmerk wandte sich sofort in die Richtung, wo jetzt leises Rauschen zu hören war.

„Krokodile“, sagte Batuti. „Salzwasserkrokodile, die ganz großen Echsen. Dort vorn schwimmt es.“

In einem acht Yards breiten Kanal ging gerade ein Salzwasserkrokodil auf Tiefe. Sie sahen nur noch die Schnauze aus dem Wasser ragen, hörten das Rauschen und blickten genauer hin. Aber da war die Riesenechse bereits verschwunden.

„Vor denen müssen wir uns morgen vorsehen“, warnte Hasard. „Das sind wahre Teufelsbiester und sehr angriffslustig.“

Er blickte zu der Stelle hin, doch das Krokodil war nicht mehr zu sehen. Nur das Wasser kräuselte sich noch an jener Stelle.

Die Sonne ging in einem farbenprächtigen Schauspiel unter und versank im Meer. Schon lange vorher war der Mond zu sehen, doch jetzt bei der Dunkelheit schien er immer größer und aufgeblähter zu werden.

Sein geheimnisvolles Licht strahlte auf die Ruinenstadt Nan Madol, die auf unheimliche Weise zum Leben erwachte.

Stumm saßen oder standen die Arwenacks an Deck und lauschten den Tönen. Old O’Flynn zog ein sehr bedenkliches Gesicht. Diese Insel war ihm von Anfang an nicht geheuer. Hier schienen wahrhaftig nächtliche Geister ihr Unwesen zu treiben.

Hinter den Basaltblöcken und mächtigen Säulen bewegte sich etwas, darauf hätte er geschworen. Und die Töne ließen sich auch nicht wegleugnen, denn jeder konnte sie hören.

Da war wieder jener Klang, der sich wie Äolsharfen anhörte, durch die leise der Wind streicht. Die Harfen wimmerten und klagten, oder sie stöhnten verhalten. Dazwischen blies mit seltsamer Eindringlichkeit die Muscheltrompete. Nach wenigen Sekunden brach der Ton ab und erklang dafür an anderer Stelle neu.

Smoky, der Profos und Old Donegal sahen sich unbehaglich an. Ihre Gesichter waren im bleichen Mondlicht blaß, wie ausdruckslose helle Scheiben ohne Leben.

Der Alte starrte erbittert vor sich hin. Die Töne gingen ihm mächtig auf den Geist, und er war deshalb erbittert, weil die Geister taten, was sie wollten und er keinerlei Einfluß darauf hatte.

Immer wieder zuckte er zusammen, wenn die Muscheltrompete mit ihrem durchdringenden Ton erklang. Er drang jedesmal von einer anderen Stelle der verwunschenen Insel zu ihnen.

„Kannst du mir vielleicht mal sagen, was das ist?“ erkundigte er sich brummig bei Hasard. „Seehunde ganz bestimmt nicht, die heulen ganz anders. Also sind es doch Inselgeister, die uns mit ihrer Tröte wahnsinnig machen wollen.“

„Weshalb sollten sie das tun, Donegal?“

„Damit wir hier verschwinden und sie in Ruhe lassen. Sie wollen uns einschüchtern.“

„Da haben Geister aber viel bessere Mittel“, meinte Hasard lächelnd. „Jedenfalls nehme ich das an.“

„Aber den Ton kannst du mir nicht erklären.“

„Er ist natürlichen Ursprungs, da bin ich ganz sicher. Der Wind streicht über Löcher im Gestein, als wenn du über den Hals einer leeren Flasche bläst. Genauso hört sich das dann an.“

„Ich blase niemals über leere Flaschenhälse“, motzte Old Donegal. „Nur über volle. Außerdem ruft man dadurch nur die Geister herbei.“

„Hoffentlich nagen sie dann nicht dein Holzbein an.“

Old O’Flynn war eingeschnappt. Die Geister riefen immer noch, und außer ihm, Smoky und dem Profos wollte das keiner wahrhaben.

„Ich schlafe heute nacht jedenfalls nicht an Deck“, verkündete er bockig. „Die Geister dieser Insel …“

„… die ärgern jeden Einfaltspinsel“, sagte Ferris Tucker grinsend.

Aber damit kam er bei dem Alten schlecht an. Der wurde jetzt regelrecht grantig, als er sich veräppelt fühlte. Er stand auf und ging wortlos nach unten. Erst am Niedergang drehte er sich noch einmal um.

„Die Geister dieser Inseln, die lassen dich noch winseln“, reimte er und blickte dabei den Schiffszimmermann an. „Morgen früh wirst du dein blaues Wunder erlebt haben.“

„Wir werden’s überstehen“, sagte Ferris gelassen. „Wir haben schon so viel überstanden, da werden uns die Inselgeister auch nicht mehr schaffen.“

Die anderen blieben noch ein paar Stunden an Deck. Aber die Unterhaltung versandete allmählich, denn immer wieder erklangen diese Töne geheimnisvoll aus dem Nichte. Etwas später war auch ein leises und fernes Brausen zu hören, das ständig anschwoll und lauter wurde.

„Die Flut“, sagte Hasard lakonisch, als die Mannen lauschten. „Das Wasser wird durch die Kanäle hereingedrückt oder schießt in das poröse Gestein. Oder sind das auch Geister?“

In dieser Nacht wurden zwei Wachen aufgestellt, ein Mann im Großmars, der den größten Teil der Insel überblicken konnte, und einer an Deck.

Aber sie hörten nichts als geheimnisvolles Raunen, Gurgeln und immer wieder die seltsamen Töne der Muscheltrompete, auf der ein Unsichtbarer blies.

Am anderen Morgen hatte die Flut fast ihren höchsten Punkt erreicht. Es herrschten jetzt die günstigsten Voraussetzungen für eine Erkundung der Insel.

„Juan, Ed, Ferris, Dan und ich werden als erste an Land gehen“, verkündete Hasard. „Wir bilden sozusagen den Voraustrupp. Ein paar andere können dann folgen.“

Auf Musketen verzichtete Hasard. Sie waren unhandlich und schwer. Daher nahmen sie Pistolen mit, die bequem im Hosenbund verstaut werden konnten.

Als sie im Boot saßen und zur Insel hinüberpullten, deutete Hasard mit dem Finger voraus.

„Wir werden uns das Zentrum der Insel ansehen. Das wird uns ohnehin noch genügend Rätsel aufgeben.“

Die anderen blickten schweigend auf das merkwürdig geformte Inselland, das so ganz anders aussah, als sie es gewohnt waren.

Am Ufer, zwischen aufgetürmten kantigen Basaltsäulen, waren dämonische Fratzen zu erkennen. Der Basaltstapel stellte offenbar einen Altar dar, den die dämonischen Fratzen bewachten. Sie sahen fürchterlich aus mit ihren langen hervorstehenden Zähnen, den breiten Mäulern und den flammenden Blicken.

Sie bewegten sich weiter auf dem breiten Kanal, der ein Stück um die Insel herumführte. Salzwasserkrokodile waren keine zu sehen, obwohl sie scharf aufpaßten.

„Da ist wieder das klagende Signal zu hören“, sagte Don Juan. „Woher mag es nur stammen? Das sind keine Löcher, über die der Wind bläst. Das muß etwas anderes sein.“

„Man hört die Töne aus allen möglichen Ecken“, erwiderte Hasard. „Mal sind sie weit entfernt, dann wieder ziemlich nah. Vermutlich ist es doch der Wind, und der streicht über mehrere Löcher im Felsgestein. Ich habe keine andere Erklärung.“

Immer wenn sie angestrengt lauschten, verstummte der klagende Ton. Hasard fand das sehr eigenartig. Aber vielleicht war es nur ein Zufall. Dennoch ließ ihn der Reiz dieser Töne nicht mehr los. Immer wieder lauschte er, bis er sie wieder vernahm. Jetzt erklangen sie wieder von einer ganz anderen, weiter entfernten Stelle.

Der Kanal wurde um ein gutes Yard schmaler. Weiter vorn ragte eine terrassenartig angelegte Treppe ins Wasser. Rechts und links flanierten sie zwei steinerne Figuren mit bösartigen Gesichtern. Sie starrten die Eindringlinge wild an.

Hasard blieb davon unbeeindruckt. Dämonenfratzen hatten ihn noch nie erschüttert. Sie sollten abschrecken, und in vielen Fällen taten sie das auch.

Die steinernen Dämonen hatten die Größe von Zwergen, von bösartigen Zwergen. Carberry wurde das Gefühl nicht los, als würden sie sich sofort auf ihn stürzen, sobald er sich nur umdrehte.

Sie vertäuten das Boot an dem steinernen Steg und gingen ein paar Basaltstufen hinauf. Verwundert blieben sie stehen.

„Donnerwetter“, sagte Hasard. „Das ist ja eine mächtige Festung. Sie ist fast unangreifbar.“

Staunend sahen sie sich um.

Die Festung ragte hoch aus dem Meer und sah aus wie ein großes, steinernes Schiff. Als Masten dienten die Kokospalmen, die in der Nähe wuchsen.

Die steinerne Festung bestand aus gewaltigen Wänden und Wällen, wobei die Wände etwa zehn Yards hoch waren und drei Yards dick. Sie waren ausschließlich aus grauen Basaltpfeilern aufgeschichtet und etliche Jahrhunderte alt.

Nachdem sie die Basaltpfeiler gebührend bestaunt hatten, gingen sie weiter in einen Vorhof, der quadratisch angelegt war. Hier befanden sich die gewaltigen Ringmauern von fast hundert Yards Länge. Der riesige Zyklopenwall war noch gut erhalten. Nur an vereinzelten Stellen hatten sich Brotfruchtbäume festgesetzt und am Mauerwerk genagt. Ein Teil der Wälle war von Kletterpflanzen überzogen. Dadurch wirkten sie noch gewaltiger.

Hasard drehte sich um und sah vom Innenhof hinaus.

„Von diesen Baumeistern können wir eine Menge lernen. Was sie hier geleistet haben, grenzt fast an Zauberei.“

Don Juan nickte beeindruckt. Sein Blick war auf eine Steinfigur gerichtet, die drohend den rechten Arm hochhielt, als wollte sie die Eindringlinge am weiteren Betreten hindern.

„Wirklich phantastisch. Diese Festung hat nur eine einzige Öffnung von der Seeseite her. Kein großes Schiff gelangt in diesen Kanal. Nicht einmal beim höchsten Stand der Flut. Eindringlinge oder Angreifer mit Booten haben ebenfalls keine Chance, weiter vorzudringen. Sie liegen wie auf dem Präsentierteller, wenn sie hier hereinfahren.“

„Und das alles ist aus kantigen Basaltsäulen gebaut“, sagte Dan staunend. „Die haben nicht einmal Bindemittel gebraucht, und trotzdem ist alles so wasserdurchlässig, daß es keinen großen Widerstand bietet.“

Ein zweites Bollwerk, das den Innenbezirk zusätzlich schützte und absicherte, tauchte vor ihnen auf, als sie langsam weitergingen. Hier waren riesige Säulen aus Basalt wie Holzstöße aufgetürmt, ähnlich den Balken eines großen Blockhauses. In die wenigen Hohlräume hatte man porösen durchlässigen Korallenschutt gefüllt.

Nach der zweiten Mauer gelangten sie in einen weiteren Innenhof, der zur Mitte hin leicht anstieg. Ihre Blicke fielen auf einen gigantischen Basaltträger, der auf steinernen Stützen ruhte. Ein aus Korallenschutt bestehender Pfad führte direkt dorthin. Unter dem gewaltigen Träger befand sich der Eingang zu einem Gewölbe. Dahinter war es pechschwarz, nur auf den Eingang fiel etwas Licht. Auch hier hatten Schlingpflanzen teilweise alles überwuchert.

„Sieht fast nach einem Grabgewölbe aus“, sagte Ferris Tucker. „Wer weiß, wie weit der Eingang ins Inselinnere führen mag.“

Hasard bückte sich und sah sich nach Fußspuren um. Er mußte kopfschüttelnd aufgeben, denn der harte Boden hinterließ keine Spuren.

„Was mag die beiden Eingeborenen hierhergeführt haben?“ fragte er. „Was können sie hier gesucht haben? Es besteht doch kein Zweifel daran, daß sie hier waren.“

„Vielleicht ist das ein Schatzversteck“, meinte der Profos. „Sie haben etwas hergebracht, was andere nicht finden sollen.“

„Das glaube ich kaum. Jeder kann die Insel betreten, und das gilt auch für diesen Eingang dort vorn. Es wäre dann allerdings kein sehr gutes Versteck.“

„Dann haben sie etwas geholt.“

„Ich weiß es nicht.“

Vor dem Eingang blieben sie stehen. Sie mußten sich bücken, wenn sie die im Dunkel liegende Kammer betreten wollten. Aber noch wollten sie nicht, denn der Profos deutete unbehaglich auf zwei unregelmäßig geformte Steine.

„Da sind bestimmt Knochenmänner drin“, sagte er. „Oder das hier ist so eine Art Kultstätte. Kann ja sein, daß die Eingeborenen nur hier herkamen, um ihre Götter anzubeten oder so. Wenn wir die Kammer betreten, fällt uns die Decke auf den Kopf.“

„Bisher hat sie ziemlich lange gehalten“, entgegnete Hasard. „Aber du könntest trotzdem recht haben mit der Kultstätte.“

Er ging zwei Schritte weiter und beugte sich etwas hinab. Die beiden unregelmäßig geformten Steine konnten durchaus Grabsteine sein. Sie waren mit Inschriften bedeckt, die in den Stein gemeißelt waren.

Niemand war in der Lage, sie zu entziffern. Ziemlich ratlos standen sie davor, da hörten sie bereits die zweite Gruppe, die sich näherte. Ein paar weitere Arwenacks befanden sich jetzt an Land.

Hasard ging gebeugt ein paar kleine Schritte in den Schacht, bis sein Körper mit der Dunkelheit fast verschmolz.

Der Gang war nicht mal eineinhalb Yards hoch, aber auf ihm lastete ein ungeheurer Druck von mächtigen Basaltsäulen. Auf dem Boden lag Muschelkalk. Viel mehr konnte er nicht erkennen.

„Da müßte man schon eine Fackel haben“, sagte er, als er wieder ins Licht trat. „Der Gang scheint ziemlich tief ins Inselinnere zu führen. Ich konnte leider nicht mehr erkennen.“

Da Hasard keine Knochenmänner entdeckt hatte, die dem Profos immer ein heimlicher Greuel waren, zögerte Ed jetzt nicht länger, auch mal einen Blick in den künstlich angelegten Gang zu werfen, sonst hätte ihm seine Neugier keine Ruhe mehr gelassen. Sehr vorsichtig und noch mißtrauischer bewegte er sich in das dunkle Verlies.

Er gelangte nur zwei Schritte weit. Dann flitzte er mit allen Anzeichen des Entsetzens wieder hinaus und schluckte schwer.

Der Klang des Muschelhorns oder der Muscheltrompete war wieder erklungen, und zwar in unmittelbarer Nähe.

„Direkt vor mir“, sagte er unbehaglich, „als wenn mir einer ins Gesicht geblasen hätte. Jetzt ist es wieder weg.“

Die anderen hatten die Töne auch gehört. Aber jeder glaubte sie aus einer anderen Richtung zu vernehmen.

„Das kam nicht aus dem Schacht“, behauptete Don Juan. „Es kam von der inneren Ringmauer.“

„Nein, von dort, wo die Palmen stehen, die an Schiffsmasten erinnern“, sagte Ferris Tucker.

Auch Hasard schwor darauf, es aus einer anderen Ecke gehört zu haben.

„Das war in dem Gang, direkt vor mir“, sagte Carberry. „Da hockt irgendein Kerl und bläst auf einer Tröte.“

„Ah ja“, sagte Hasard lächelnd, „ein Trötenmann also, der nichts anderes zu tun hat, als ausgerechnet dich zu erschrecken.“

Noch einmal erklang der Ton, diesmal aber so leise, daß seine ungefähre Richtung nicht bestimmt werden konnte. Dann brach er abrupt ab.

Inzwischen näherten sich auch die anderen. Der Kutscher führte den Trupp an, zu dem fünf weitere Arwenacks gehörten, die überall stehenblieben und sich staunend umsahen. In weiser Voraussicht hatte der weitblickende Kutscher auch zwei Fackeln mitgebracht – für alle Fälle, wie er versicherte.

„Die können wir gebrauchen“, sagte Hasard. „Dort vorn gibt es einen Schacht ins Inselinnere.“

„Hier gibt es noch mehr Schächte!“ rief Dan O’Flynn, der sich von der Gruppe ein paar Yards abgesetzt hatte und eine weitere Ringmauer bestaunte, einen mächtigen Zyklopenwall. Oben auf der Ringmauer führte ein Weg weiter, eine schräg geneigte Ebene, nicht sehr breit, aber ebenfalls von Gestrüpp und Rankpflanzen überwuchert. Links und rechts war die Ebene von hohen Wällen abgegrenzt, die ebenfalls aus Basaltgestein bestanden.

Als sich die anderen neugierig näherten, zeigte Ferris auf drei steingefaßte, mehr als mannshohe Schächte, die senkrecht in den Boden getrieben waren.

„Brunnen“, schätzte Ferris. „Sie führen ein Stück senkrecht nach unten, aber anscheinend geht dann eine Art Tunnel waagerecht weiter, damit sich dort das Regenwasser sammeln konnte.“

„Das Regenwasser hat sich eher hier oben auf der schräggeneigten Ebene gesammelt und wurde dann hier aufgefangen“, widersprach der Kutscher.

„Genau, und zwar in diesen Brunnen. Die liefen dann voll, und dann hatten die Leute immer eine frische Reserve.“

„Glaube ich nicht“, sagte der Kutscher. „Das sieht mir ganz und gar nicht nach Brunnen aus. Schau doch mal genau hin: In den Schächten würde das Wasser sofort versickern, weil es winzig kleine Hohlräume gibt. Das hier ist etwas anderes.“

„Hm, aber was?“

„Das werden wir herausfinden“, sagte Hasard, „aber für Brunnen halte ich das auch nicht. Wahrscheinlich bezogen sie ihr Trinkwasser auf eine ganz andere Art und Weise.“

„Das ist auch nicht von unbedingt weltweiter Bedeutung“, meinte der Kutscher. „Sehen wir uns doch einmal den Schacht im anderen Hof an, der einem Grabgewölbe ähnelt.“

Er reichte Hasard eine der beiden Fackeln und wollte die andere dem Profos geben, aber der wehrte ab.

„Ich bin kein Freund von alten Gräbern und so. Und auf Schätze bin ich auch nicht sonderlich wild. Außerdem ist das Grab viel zu eng für so viele Leute. Wenn du nichts dagegen hast, Sir, sehe ich mir mal die geneigte Ebene an. Mich würde brennend interessieren, wohin sie führt.“

„Keine Einwände, aber sei trotzdem vorsichtig, auch wenn die Insel nicht bewohnt ist.“

Dan und Ferris Tucker warfen sich einen Blick zu.

„Wir gehen mit Ed“, entschied Dan, „die Kammer können wir uns später immer noch ansehen.“

Ferris nickte, denn auch ihn interessierte dieser schräge Aufstieg, dessen Ende sich irgendwo in wildwuchernden Büschen verlor.

Die anderen wiederum interessierte mehr die künstlich angelegte Höhle, Grabkammer, oder was immer es auch sein mochte, und so blieben sie zurück.

Sie mußten einen Teil des Ringwalles übersteigen und nahmen eine Stelle, wo starke Brotfruchtbäume einen Teil der Gigantenmauer teilweise gesprengt hatten. Dort lag überall Basaltschutt herum.

Kurz darauf befanden sie sich in einer Art Rinne und waren von hohen Basaltwällen umgeben. Rechts und links konnten sie nicht ausweichen. Der Weg führte schräg bergauf. In der Rinne standen kleine Büsche und bunte Blumen. Ein paar Steinbrocken lagen herum. Der Aufstieg war zwar nicht gefährlich, aber mühsam und unbequem. Trotz des milden Nordostpassats herrschte in der Rinne eine mörderische Hitze. Die Basaltwälle fingen sie auf und strahlten sie wieder zurück.

Einmal rutschte Ferris aus und geriet ins Straucheln. Carberry griff zu und hievte seinen Freund wieder hoch.

Mit jedem Yard aufwärts nahm die Hitze zu. Bald rann ihnen der Schweiß in Bächen über die Gesichter.

„Schlimmer als im Backofen“, stöhnte Dan, „dabei haben wir noch nicht einmal die Hälfte der Strecke zurückgelegt.“

Die Steigung war größer, als sie zuvor angenommen hatten. Es ging auch nur noch mühsam vorwärts, weil die Glut der Sonne ihnen buchstäblich die Luft nahm.

Sie blieben stehen, um zu verschnaufen. Von fast halber Höhe sahen sie die anderen, die um die Kammer im Halbkreis standen. Der Kutscher bemühte sich gerade, die Inschrift auf den Steintafeln zu entziffern. Die Kameraden wirkten klein wie Spielzeug.

Dan O’Flynn deutete auf eine rotleuchtende, mehr als handtellergroße Blume, die in der Rinne wuchs. Sie hatte fünf strahlenförmig angeordnete Blüten mit gelben Schäften. Aber die Blume war zur Hälfte zertreten worden, das war deutlich zu erkennen.

„Das ist doch eigenartig“, meinte er. „Sieht so aus, als sei gerade kürzlich jemand hiergewesen, der seitlich auf die Blume getreten ist. Ob das die Männer waren, die mit dem Boot verschwunden sind?“

„Wer sonst!“ sagte Carberry. „Ich frage mich nur, was die in dieser brühheißen Pißrinne gesucht haben.“

„Das wissen wir vorläufig noch nicht. Möglicherweise hängt das mit irgendwelchen uralten Ritualen und Gebräuchen zusammen. Gehen wir nun weiter, oder schlagen wir hier Wurzeln? Schließlich wollen wir ja erfahren, wohin diese Rinne führt.“

Sie gingen ein Stück weiter. Die Sonne sengte so heiß, daß es kaum noch zum Aushalten war. Zudem gab es glatte Stellen in der Rinne, in denen sie immer wieder abrutschten.

Dann entdeckten sie ganz plötzlich vor sich ein dünnes Tau. Es war aus Kokosfasern zusammengedreht und lag zwischen Gräsern, Blumen und kleinen Büschen.

„Na, das ist aber fein“, sagte Carberry. „Das erleichtert uns die verdammte Kletterei. Die lieben Kerlchen haben es oben irgendwo befestigt und entern dann gemütlich auf, damit sie nicht abrutschen.“

„Gute Idee“, lobte Dan. „Sie hätten das Tau ruhig verlängern können, aber das ist hier wirklich die schwierigste Strecke.“

Der Profos sah das Tau als sehr willkommen an. Er grinste erfreut, bückte sich und hob es auf. Dann zog er daran, um zu prüfen, ob es auch hielt.

Er hätte es lieber nicht tun sollen, denn die „lieben Kerlchen“ hatten keinesfalls die Absicht, den Arwenacks das Klettern zu erleichtern, so menschenfreundlich waren sie gar nicht.

Als der Profos mit seinem Gewicht an dem Tau hing, nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Eine primitive Maschine erwachte zum Leben und schickte sich an, mit tödlicher Präzision zu funktionieren.

7.

Zuerst war da ein leises feines Knistern zu hören. Es ertönte von weiter oben, war aber noch nicht zu definieren. Es hörte sich an, als würden Büsche niedergewalzt.

Aus dem Knistern wurde ein Knacken, ein leises Krachen und schließlich ein Rumpeln.

Der Profos, der immer noch das dünne Seil in der Hand hielt, blickte nach oben. Auch Dan und Ferris sahen hoch, neugierig anfangs, doch dann tödlich entsetzt.

Von oben rollte ein etwa tonnenschweres Monstrum durch die Rinne. Es war eine riesige Walze aus Holz, die die Rinne bis zu den Seitenwällen ausfüllte. Die große Walze war mit mehr als armlangen hölzernen Stacheln gespickt. Sie wirkte wie ein riesiger Seeigel. Spitz und ungemein scharf sahen die Stacheln aus, auf denen sich das hölzerne Monstrum fortbewegte. Dem Gesetz der Schwerkraft folgend, bewegte es sich talwärts durch die Rinne, wobei es immer schneller wurde.

Das Rumpeln wurde lauter und bedrohlicher. Gleichzeitig erklang auch wieder der nervtötende Ton der Muscheltrompete als höllische Musik zu dem rollenden Stachelkörper.

Berührte das Monstrum Büsche oder Pflanzen, dann wurden sie erbarmungslos niedergewalzt und von den spitzen Stacheln durchbohrt.

Und das Ding rollte und rollte, rumpelnd und alles zermalmend rückte es unaufhörlich näher.

„Mein Gott“, sagte der Profos entsetzt. Mit großen Augen starrte er auf das monströse Stachelding. In kürzester Frist würde es sie alle drei überrollen.

Gehetzt sahen sie sich nach einem Fluchtweg um, doch es gab keinen. An den Stacheln gelangten sie nicht vorbei, das war unmöglich, denn die Walze füllte die Rinne restlos aus und ließ keine Zwischenräume übrig.

Nach rechts oder links konnten sie ebenfalls nicht ausweichen. Da gab es nur hohe glatte Wälle aus Basaltgestein, die nicht zu erklimmen waren.

Und das Ding aufhalten? Das war ebenfalls ausgeschlossen. Das Gewicht des rumpelnden Ungeheuers war zu schwer, und da waren die scharfen Stacheln, mehr als hundert an der Zahl, mit denen der Körper über und über gespickt war.

Gehetzt sahen sie sich um. Es war nicht leicht angesichts der tödlichen Bedrohung die Nerven zu behalten.

„Eine wahrhaft teuflische Falle“, sagte Dan. Die gesunde Bräune seines Gesichtes war einer fahlen Blässe gewichen.

„Zurück!“ schrie er. „Zurück nach unten! Schnell, beeilt euch!“

Lange Zeit zum Überlegen blieb nicht mehr, zumal der schwere Körper mit jedem Yard schneller wurde. Er begann jetzt schon zu hüpfen und nahm dadurch an Geschwindigkeit zu.

Carberry sah sich im Geist bereits von diesem Ding überrollt. Sie konnten rennen, wie sie wollten, die Walze würde schneller sein, sie aufspießen, mit sich schleppen, wobei sich die hölzernen Dornen bei jeder Umdrehung fester in ihre Körper bohren würden. Bis die Walze unten anlangte, waren sie nur noch rohe Fleischklumpen.

Im Innenhof der Festung hatte man das Rumpeln ebenfalls vernommen und dann die Walze gesehen, die sich wie ein monströses Ungeheuer immer schneller durch die Rinne bewegte.

Niemand konnte den drei Arwenacks helfen.

Hasard erkannte, daß sie wie gelähmt dastanden und nicht wußten, wie sie der Gefahr entrinnen sollten. Dann hörte er Dan O’Flynns wilden Schrei.

„Hinunter mit euch!“ brüllte Hasard, so laut er konnte. „Verdammt, bleibt nicht stehen! Lauft um euer Leben!“

Fassungslos und entsetzt sahen die anderen, wie Leben in die drei Gestalten kam. Carberry löste sich aus seiner Erstarrung. Ferris Tucker drehte sich um und raste los. Auch Dan O’Flynn setzte sich in Bewegung.

Es ging buchstäblich um Sekunden, in denen die Männer um ihr Leben liefen. Hinter ihnen bewegte sich mit nervtötendem Krach der riesige Seeigel. Er hüpfte auf und nieder, wenn die Stacheln über Unebenheiten polterten. Der Krach der rollenden Walze wurde fast unerträglich.

Der Profos schwitzte Blut und Wasser. Er vergaß vor Angst sogar das Fluchen. Auch er hatte sich umgedreht und das Genick eingezogen. Sein Gesicht war verzerrt. Schweißbäche rannen ihm in die Augen.

Er lief und lief und bewegte sich mit abenteuerlichem und halsbrecherischem Tempo durch die Rinne nach unten.

Ferris Tucker glitt aus und überschlug sich. Die anderen sandten ein Stoßgebet nach dem anderen zum Himmel, als das Ding direkt hinter Carberry herrollte.

Ferris überschlug sich noch ein paarmal. Er spürte die Schmerzen nicht, er versuchte nur, wieder auf die Beine zu kommen, was ihm auch gelang. Dan O’Flynn war dicht neben ihm. Auch ihm rann der Schweiß in die Augen. Seine Lungen japsten nach Luft, er war völlig ausgepumpt und erschöpft.

Kurz darauf geriet der Profos ins Straucheln. Er konnte sein wahnsinniges Tempo nicht mehr abbremsen, überschlug sich ebenfalls und schlitterte durch die Rinne. Die hüpfende und tanzende Todeswalze befand sich höchstens noch zehn Yards hinter ihm. Sie tat einen mächtigen Satz. Es krachte und bebte, als die Rinne erschüttert wurde. Einer der spitzen Dorne brach berstend ab und flog wie ein Pfeil an die Mauer.

Hasard spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Er war zur absoluten Hilflosigkeit verdammt und konnte keinen Finger rühren.

Als Carberry liegenblieb, schloß er krampfhaft die Augen, um nicht mitansehen zu müssen, wie der Profos von der primitiven Maschine getötet wurde.

Carberry wollte gerade wieder hochschnellen, da war das Monstrum heran. Er konnte nichts mehr tun, gar nichts. Er warf sich platt auf den Boden, verkrallte die Hände im Gestein und riß den Mund auf, als sich die Stacheln auf ihn zubewegten. Er sah sie als riesengroße Speere, als eine einzige Masse scharfgeschliffener Speerspitzen, die ihn hundertfach durchbohren würden.

Da gab der Profos auf – zum ersten Male in seinem Leben. Er konnte nichts mehr tun, nicht mehr seinen Gegner packen, er konnte nur noch auf seinen Tod warten – und der würde fürchterlich sein.

Hart stieß er die Luft aus und wünschte sich, daß er in den Boden kriechen und sich verstecken könnte.

Die Dornenwalze geriet wieder über eine Unebenheit. Ihr Tempo war jetzt so schnell geworden, daß wieder einige Stacheln abbrachen. In diesem Augenblick war sie über dem Profos.

Carberry spürte einen wilden grellen Schmerz in der linken Schulter. Über ihm war ein Geräusch, als ginge die ganze Welt in Bersten und Krachen unter. Kreischend bewegte sich das Ungeheuer weiter und tat den nächsten Satz, der es fast yardhoch in die Luft hob. Unaufhaltsam rollte die tödliche Lawine weiter.

Als Carberry – mit den Nerven total am Ende – aufblickte, sah er das Monstrum weiterrollen. Es jagte jetzt Ferris und Dan, die in wilden Sprüngen durch die Rinne hetzten.

Von unten hörte er den Seewolf etwas rufen, aber er nahm es nicht wahr. Er verstand nicht, daß er noch lebte, daß ihn das Ding nicht durchbohrt und mitgeschleift hatte. Dann sah er, daß ihm von der linken Schulter Blut bis auf die linke Hand lief.

Erst da begriff er vage, daß ihm der kurze Satz der Walze das Leben gerettet hatte. Nur einer der Stacheln hatte ihn erwischt.

Er erhob sich in sitzende Stellung und sah wie durch einen dichten Schleier Gestalten rennen und brüllen. Unter ihm hatten sich die Arwenacks in einem dichten Halbkreis versammelt, und er hörte immer wieder Hasards Stimme, die jetzt deutlicher klang.

„Springt durch die Luft, sobald ihr den Rand erreicht!“

Er erhob sich taumelnd und sah zu, was weiter geschah. Er merkte nicht einmal, daß er am ganzen Körper zitterte. Er spürte auch den anfangs brennenden Schmerz nicht mehr. Er betete nur noch mit zuckenden Lippen, daß Dan und Ferris es schafften. Es waren nur noch ein paar lausige Yards, ein paar verdammte Schritte, die über Leben und Tod entschieden. Wenn jetzt einer von ihnen strauchelte …

Dann sah er mit großer Erleichterung, daß Dan mit einem wilden Satz über den Rand der Rampe sprang. Er breitete die Arme aus und segelte ins Nichts, jedenfalls schien das so.

Auch Ferris sprang in blinder Panik mit ausgebreiteten Armen. Er sauste wie eine Kanonenkugel durch die Luft.

Die beiden Männer rasten mitten in ihre Kameraden hinein, die sie auffingen, zur Seite stießen und dann nach allen Seiten davonstoben. Wie brüllende und tobende Derwische flitzten sie nach links und rechts davon und warfen sich in Deckung.

Die Stachelwalze donnerte mit mörderischer Wucht an den aufragenden und nach innen gewölbten Rand der Rampe. Dort wurde sie abrupt aufgehalten.

Ein Stoß erfolgte, der das ganze Insellabyrinth schwanken und beben ließ. Dann flogen die Stacheln nach allen Seiten davon. Die Arwenacks wurden mit einem Schauer aus Holzteilchen überregnet. Es knirschte noch einmal heftig, ein letzter Ruck ging durch die Walze, die jetzt mit zerborstenen Stacheln am Rand lag.

Danach herrschte eine unwirkliche geisterhafte Stille. Hasards Mannen wirkten wie erstarrt.

Als der Profos unten anlangte, herrschte immer noch Schweigen. Sie sahen ihn an wie einen, der von den Toten auferstanden war, und sie konnten es immer noch nicht glauben.

„Verdammter Scheiß“, keuchte Carberry. „Das war mal ein feines Spielchen. Wirklich aufregend und abwechslungsreich.“ Er stand da und pumpte Luft in seine Lungen, während der Kutscher sich ihm näherte und seine Schulter betrachtete. Auch ihm stand das blanke Entsetzen noch im Gesicht.

Hasard schloß sekundenlang die Augen, um das höllische Bild zu verdrängen. Dann holte er tief Luft.

„Mein Gott, haben wir ein Glück gehabt“, flüsterte er.

In die Arwenacks kam langsam wieder Leben. Sie hatten den Schreck einigermaßen überwunden.

„Das muß sich der Satan selbst ausgedacht haben“, sagte Dan. „Ein teuflisches Ding. Da lag so verlockend ein Tau, und es hatte den Anschein, als sei es zur Erleichterung angebracht. Aber als Ed daran zog, erschien der Teufel persönlich.“

„Vielleicht hab ich den Satan am Schwanz gepackt“, knurrte Carberry. „Wenn ich das Rübenschwein jemals erwische, das die unfreundliche Seegurke da oben angebracht hat, weiß Gott, dem drehe ich den Hals um, daß er für den Rest seines Lebens rückwärts läuft.“

„Du hast mehr als Glück gehabt“, sagte der Kutscher. „Das ist zwar eine hundsgemeine Verletzung, aber nur eine Fleischwunde. Ich lege dir jetzt einen Hemdstreifen darüber und binde ihn fest. Nachher werde ich die Wunde säubern und richtig verbinden.“

„Pah“, sagte Carberry abwinkend. „Das juckt mich überhaupt nicht. Das ist nicht der Rede wert.“ Er schob den Kutscher lässig beiseite.

„Kann ja sein, daß die Holzstacheln vergiftet sind“, sagte der Kutscher sehr höflich, weil der Profos alles bagatellisierte. Er glaubte zwar nicht daran, denn die Stacheln allein reichten aus, um zu töten.

„Oh, dann juckt es mich vielleicht doch“, sagte Carberry kleinlaut.

„Wir kehren an Bord zurück“, entschied Hasard. „Uns allen ist der Schreck mächtig in die Knochen gefahren. Wir können ein wenig ausruhen und bei der nächsten Flut noch einmal nachsehen.“

Doch die Überraschung war damit noch nicht beendet. Die Muscheltrompete erklang wieder, und dann glaubten sie auch eine Stimme zu hören, ein Stimmchen eher, das zart und klagend klang. Es schien direkt unter ihren Füßen zu sein.

8.

Sie sahen sich ungläubig an, als das zarte Rufen wieder erklang.

„Es muß in diesem Schacht sein.“ Der Kutscher deutete nach unten, wo sich im Boden die steingefaßten Schächte befanden.

Dan und Ferris standen da und hatten die Hände ins Kreuz gepreßt. Der Aufprall in der Rinne und das mehrmalige Überschlagen hatten Hautabschürfungen hinterlassen. Alle Knochen taten ihnen weh.

„Ich sehe einmal nach“, sagte Hasard entschlossen.

Er ließ sich die Fackel geben und zwängte sich mühsam in den engen Schacht, bis er festen Grund verspürte. Von oben waren jetzt nur noch seine schwarzen Haare mit den silberfarbenen Schläfen zu sehen.

Der Seewolf bückte sich und hielt die Fackel vor sich. Sie versengte ihm fast das Gesicht, so eng war es.

Vor ihm befand sich ein waagerechter Gang aus Basalt, der etwa zehn Yards weit in das Gestein getrieben worden war. Der Gang war zwei Yards breit, aber so niedrig, daß er nur auf den Knien weiterrutschen konnte. Von oben hörte er die Stimmen verzerrt klingen. Dann war unmittelbar der Ton der Muscheltrompete zu hören. Er war viel lauter als vorhin und erklang aus der Richtung, wo eine schwere Steinplatte den Gang jählings abschloß. Dahinter schien es einen winzigen Raum oder ein Gewölbe zu geben.

„Hören Sie mich?“ vernahm er zu seinem Erstaunen eine Stimme, die Spanisch mit starkem Akzent sprach. „Ich befinde mich hinter diesem Felsblock, aber ich kann ihn nicht bewegen.“

Hasard schluckte, als er die Frauenstimme hörte. Daß sie Spanisch sprach, fiel ihm im ersten Moment gar nicht auf.

„Ja, ich höre Sie“, antwortete er verblüfft. „Warten Sie, ich werde versuchen, den Stein zu bewegen.“

Er war immer noch völlig überrascht und fand keine Erklärung für die Anwesenheit einer Frau. Dafür hörte er die Stimme wispern.

„Ich bin Raia“, sagte die Unbekannte. „Ich wollte Sie warnen vor dem Fluch der Geister von Nan Madol.“

Hasards Verblüffung wuchs immer mehr. Er wollte jetzt aber keine weiteren Fragen stellen. Das konnte alles bei Tageslicht geklärt werden. Aber was hieß hier: der Fluch der Geister von Nan Madol?

Kopfschüttelnd ging er daran, die schwere Platte beiseite zu schieben. Die Fackel hatte er auf den Boden gelegt und arbeitete verbissen daran, den Stein aus dem Weg zu räumen.

„Mit wem redest du da, Sir?“ hörte er die besorgte Stimme des Kutschers wie aus unendlich weiter Ferne.

Hasard lächelte knapp. Seine Verblüffung hatte er immer noch nicht ganz überwunden.

„Mit einer Frau, Kutscher!“ rief er gelassen zurück, als sei das die natürlichste Sache der Welt.

Den Arwenacks zog es nach dieser Antwort fast die Stiefel aus. Der Kutscher starrte in den Schacht und fragte sich selbst, ob er wohl noch alle beisammen hätte.

„Ja, mit wem soll er sonst sprechen“, sagte der Profos. „Ist doch ganz natürlich, daß er mit einer Frau redet. Hier wimmelt es doch nur so von lieblichen Weiberchen.“

Der Kutscher schluckte betreten. Er kratzte sich hinterm Ohr und wußte keine Antwort. Aber er hörte Hasards Stimme erneut.

„Schickt noch einen Mann herunter, aber nur einen!“ rief er. Seine Stimme klang wie aus einem Grabgewölbe, und sie schien von allen Seiten gleichzeitig auf die Männer einzudringen.

„Sind denn da noch mehr Weiberchen?“ fragte der Profos anzüglich. „Dann stelle ich mich sofort zur Verfügung.“

„Du bist verletzt!“ fuhr ihn der Kutscher an.

„Du zum Glück nicht“, erwiderte Carberry trocken. Er schwang sich in den Schacht und war Augenblicke später verschwunden.

„Der ist nicht kleinzukriegen, der Lümmel“, knirschte der Kutscher. „Als ob er nicht endlich genug hätte.“

Inzwischen erreichte der Profos den Seewolf und hörte erstaunt und verblüfft, daß Hasard etwas sagte und aus der Wand ein dünnes zartes Stimmchen antwortete. Und das Stimmchen sprach auch noch Spanisch!

„Hier hält man eine Frau gefangen“, sagte Hasard. „Hilf mir mal, die Platte zur Seite zu wuchten.“

„Ja“, sagte Carberry tonlos. Mehr fiel ihm augenblicklich nicht ein.

Er drückte und zerrte an der Platte und schluckte aufgeregt. Dabei wurde er immer fuchtiger.

Dann hatten sie es endlich mit vereinten Kräften geschafft. Sie hievten die schwere Steinplatte zur Seite. Hasard leuchtete mit der Fackel in eine Art Höhle, die quadratische Form hatte. Auch sie war aus Basaltgestein. Ein Dutzend Leute hätten bequem darin Platz gehabt, ohne sich gegenseitig zu stoßen.

Das flackernde Licht fiel auf eine schwarzhaarige, anmutige und grazile Schönheit mit dunklen Augen, langen schwarzen Haaren, einer zierlichen Nase und einem lieblich geschwungenen Mund. Die Lady war in ein buntfarbiges Gewand gekleidet und wirkte zerbrechlich. Ihre Haut war fast bronzefarben, die schwarzen Augen blickten die beiden verblüfften Männer dankbar an.

Sie wirkte auch keineswegs befangen oder eingeschüchtert.

Der Profos glotzte, bis ihm fast die Augen aus dem Kopf fielen und er sich von Hasard einen leichten Rippenstoß einhandelte. Erst dann räusperte er sich. Offenbar hatte er einen Seeigel verschluckt.

„Ich danke euch“, sagte die kleine Lady schlicht. „Ich habe eure Stimmen und eure Schritte schon lange gehört und immer wieder versucht, eure Aufmerksamkeit zu erregen. Hiermit habe ich gesungen“, erklärte sie lächelnd.

Auf ihrer Handfläche hielt sie Hasard eine Muscheltrompete entgegen.

„Wer seid ihr?“ wollte sie dann wissen. „Ihr seid keine Spanier, aber ihr sprecht trotzdem Spanisch.“

„Mir kommt langsam alles spanisch vor“, murmelte der Profos halblaut. Wieder rieb er sich verdattert das mächtige Kinn.

„Wir sind Engländer“, sagte Hasard und nannte ihre Namen. „Aber jetzt gehen wir erst mal nach oben. Erschrecken Sie nicht, Raia, wenn Sie gleich viele Männer sehen werden.“

„Ganz bestimmt nicht“, versicherte die Schöne selbstbewußt.

Als sie dann endlich oben war, schloß sie die Augen, als das grelle Sonnenlicht sie blendete.

Hasard führte sie abseits in den hohen Schatten der Ringmauer. Er mußte grinsen, als er die Gesichter seiner Mannen sah. So selten dämlich hatten sie kaum geguckt wie jetzt. Aber das war nur verständlich. Schließlich begegnete ihnen auf einer abgeschiedenen Insel so gut wie nie eine Frau – und eine wunderhübsche noch dazu.

Hasard wartete, bis sich Raia, wie sie sich nannte, wieder an die Helligkeit gewöhnt hatte. Das war in erstaunlich kurzer Zeit der Fall.

Ihr Blick fiel zuerst auf das Mordinstrument, das mit zersplitterten Stacheln dicht vor der Rampe lag. Dann musterte sie die Männer, die schweigend und etwas verlegen herumstanden.

„Haben die Geister einen von euch getötet?“ fragte sie.

„Nein, zum Glück nicht, aber fast wäre es geschehen.“

„Es ist der Fluch der Geister, der über Nan Madol liegt“, erklärte Raia. „Er trifft jeden Fremden, der in die Festung Nan Dowas eindringt, wo die Gebeine der Nahnmwarki ruhen.“

„Diese Insel heißt Nan Madol?“ vergewisserte sich Hasard. „Dann ist das hier eine Grabkammer?“ Er wies mit der Hand auf den dunklen Schacht, über dem die Basaltsäulen aufgetürmt waren.

„Ja. Niemand darf ihre Ruhe stören, sonst trifft ihn der Fluch.“

Hasard versuchte, sich ganz langsam einen Überblick zu verschaffen. Zuviel stürmte von einer Minute zur anderen auf sie ein.

„Wir haben diese Insel durch Zufall entdeckt und sind an Land gegangen“, sagte er. „Aber dieser Geisterfluch scheint doch wohl sehr realistisch von Menschen konstruiert worden zu sein.“

Sie nickte mehrmals mit ernstem Gesicht.

„Es gibt Leute, die wollen nicht, daß ein Fremder die Festung betritt. Er würde die Ruhe der Nahnmwarki stören. Der Fluch besteht darin, daß die große Walze sich löst und alle tötet. Es heißt dann, die Geister seien es gewesen.“

„Eine Art Kultstätte also.“

Sie nickte wieder sehr anmutig.

„Wer die große Walze wieder hochzieht und sie mit Stacheln versieht, weiß ich nicht. Es sind Männer von den anderen Inseln.“

„Die Männer haben Sie hierher gebracht. Wir sahen sie gestern, als sie die Insel verließen. Stimmt das?“

„Ich bin entführt worden“, erwiderte Raia. „Schon zum zweiten, Male. Man hat mich immer nach Nan Madol gebracht, weil dieser Ort gefürchtet wird und niemand ihn betritt.“

„Warum hat man Sie entführt?“

Ihr Lächeln wirkte ernst. Sie neigte den Kopf und sah Hasard in die eisblauen Augen.

„Solche Augenfarbe habe ich noch nie gesehen“, sagte sie lächelnd, aber immer noch mit unverkennbarem Ernst. Dann seufzte sie leise.

„Mein Vater, der große Papalagi und Häuptling Malahiwi, liegt seit Jahren in Fehde mit einem anderen Stamm. Sie wollen, daß der Große Häuptling die Gefangenen herausgibt. Aber er weigert sich, denn die Gefangenen sind Mörder. Deshalb hat man mich entführt, um ihn zu erpressen.“

„Dann – dann sind Sie eine Häuptlingstochter“, sagte Hasard verblüfft.

„Eine princesa, so sagen die Spanier. Meinen Vater nannten sie einen rey, und sie hatten Respekt vor ihm.“

„Ein König also“, sagte Hasard, „und eine Prinzessin. Aber was haben die Spanier damit zu tun?“

„Sie lebten bei uns lange Zeit, als ein Schiff vor den Inseln strandete. Es gab nur wenige Überlebende. Die meisten starben am Fieber.“

Jetzt war Hasard endlich klar, woher die Prinzessin die spanische Sprache kannte und beherrschte. Auf der Insel waren Dons gestrandet und von den Eingeborenen freundlich aufgenommen worden. Die Lösung des Rätsels war wiederum verblüffend einfach.

Er wußte jetzt auch, warum die Eingeborenen in ihrem Auslegerboot keine sonderliche Eile hatten, zu verschwinden. Sie waren sich ganz sicher, daß der Fluch von Nan Madol sie treffen würde, denn jeder Fremde war neugierig und würde die Rinne erkunden wollen. Wer das tat, dessen Schicksal war besiegelt. Die anderen würden schleunigst von der Insel verschwinden, aus Angst, daß weitere tödliche Fallen installiert waren.

„Das ist ja ein Ding“, sagte der Kutscher. „Jetzt haben wir eine Prinzessin befreit. Aber woher kommt sie?“

Raia drehte sich zu dem staunenden Kutscher um.

„Von der Insel Ponape“, sagte sie. „Sie ist nicht weit von hier entfernt. Man erreicht sie in einem guten halben Tag mit dem Schiff. Aber mein Vater weiß nicht, daß ich hier bin. Er hat auch damals nicht glauben wollen, daß man mich nach Nan Madol brachte.“

„Die Kerle hätten Sie verhungern und verdursten lassen“, meinte Hasard. „Das hätte zweifellos zum Krieg zwischen den Insulanern geführt.“

„Ja, ganz sicher. Der andere Häuptling heißt Kumuhala und ist ein gefährlicher Mann. Er ist ein erbitterter Feind meines Vaters.“

„Kennen Sie den Weg nach Ponape?“ fragte der Seewolf.

Wieder nickte sie, dann begann sie zu lächeln.

„Ja, ich kenne ihn. Würden Sie noch einmal in der Sprache sprechen, in der ihr euch vorhin unterhalten habt?“

Hasard begriff zuerst nicht und sah sie ratlos an. Dann fiel es ihm ein, und er nickte. Als er ein paar Worte in Englisch sprach, klatschte sie in die Hände und lachte.

„Das hört sich lustig an, das habe ich noch nie gehört. Wo liegt dieses Englisch?“

„Das Land heißt England. Es ist sehr weit entfernt und liegt noch höher im Norden als das spanische Land.“

Die liebliche Prinzessin dachte angestrengt nach, aber das waren für sie nur abstrakte Begriffe. Die gestrandeten Spanier hatten sich vermutlich auch nicht näher darüber ausgelassen.

Raia war sehr unbefangen und kannte keine Scheu. Sie war ein Kind der Südsee, und sie paßte sich auch sofort der neuen Situation an, obwohl sie eben noch in einem dunklen Verlies geschmachtet hatte. Für sie war das jetzt vorbei, und das fand sie weder verwunderlich noch erstaunlich. Es war eine Tatsache, die sie gelassen hinnahm.

„Wir werden Sie nach Ponape bringen“, versprach Hasard. „Und zwar so schnell wie möglich, damit Ihr Vater sich nicht zu sorgen braucht.“

„Der große Papalagi wird euch belohnen. Er wird sich freuen, mich wiederzusehen, und ihr werdet alle seine Gäste sein.“

„Wir wollen keine Belohnung“, wehrte Hasard ab. „Wenn uns der große Papalagi Trinkwasser und ein wenig Proviant überläßt, würden wir uns sehr freuen.“

„Es wird ein großes Fest werden“, schwärmte sie mit verträumten Blicken. „Alle werden daran teilhaben. Das ganze Dorf wird große Schweine bringen und sie in Bananenblättern backen. Ich freue mich auf das Fest.“

Sie war wirklich kein Kind von Traurigkeit, wie die Mannen staunend zur Kenntnis nahmen.

Hasard blickte zu der Grabkammer hinüber, hinter der die Gebeine der Herrscher aus dem Geschlecht der Nahnmwarki ruhten. Sein Blick blieb auf den Steintafeln hängen.

„Eine sehr merkwürdige Insel“, sagte er. „Man hat sie vermutlich künstlich auf einer Untiefe erbaut.“

„Die Insel der Chauteleurs“, erklärte sie. „Sie ist schon sehr alt, und es gibt viele Geschichten und Sagen über sie. Auf dem großen Wall da drüben befindet sich das Grab des Riesen Konat. Sein Körper ruht auf dem Land, aber seine Beine erstrecken sich bis zu den kleinen Inseln Laiap und Kapara, so groß ist er.“

Sie stand auf und deutete auf die Schächte im Boden.

„Das waren die Gefängnisse von Nan Dowas. Hier unten sperrte man früher die Gefangenen ein. Drüben, auf den Nachbarinseln Pahndauwas und Dowas Poh waren die Wachen stationiert. Auf der dritten Insel, die man Nan Molusei nennt, sieht man noch heute uralte Feuerstellen und schwarze Steine. Die Insel heißt auch Platz der Aschenhaufen.“

Hasard hörte staunend zu. So erfuhren die verdutzten Arwenacks immer mehr über diese seltsame Insel, die einstmals vor langer Zeit militärischen Zwecken gedient hatte.

„Was bedeutet die Inschrift auf den Grabplatten?“ fragte Hasard.

Auch darauf erhielten sie eine Antwort, die sie kaum mehr verblüffte.

Sie kannte die Inschrift auswendig und überletzte sie.

„Wer die heilige Ruhe der Herrscher aus dem Geschlecht der Nahnmwarki stört, den wird der Fluch der Geister von Nan Madol treffen, so sieht es dort geschrieben.“

„Das haben jene ausgenutzt, die Nan Madol als Kultstätte verehren“, sagte der Kutscher. „Und damit der Fluch auch recht wirksam wird, hat man eben ein bißchen nachgeholfen. Die Geister schicken die Stachelwalze los, und schon geht alles in Erfüllung.“

„So wird es wohl sein.“

„Dort drüben liegt noch eine Insel im Nebel“, erklärte Raia. „Es ist Konterek, wo man einst die Toten bestattet hat. Konterek ist tabu, und niemand darf die Insel betreten. Seit Jahrhunderten liegt ein unheimlicher Zauber auf ihr. Jeder, der auch nur einen Fuß an Land setzt, muß eines qualvollen Todes sterben.“

Hasard nickte verstehend. Wahrscheinlich gab es dort drüben ebenso teuflische Fallen wie hier.

Hasard verzichtete auch darauf, sich die Gruft der Nahnmwarki einmal genauer anzusehen. Nicht aus Angst, daß ein weiterer Fluch sie treffen würde, aber er wollte niemanden verletzen, schon gar nicht die Inselprinzessin, die das wohl mit einigem Unbehagen zur Kenntnis nehmen würde. Das wäre einer Entweihung gleichgekommen, und es wäre ohnehin nicht sehr ergiebig gewesen.

„Vor zwölf Monaten waren schon einmal Spanier hier“, berichtete Raia. „Sie kamen mit einem großen Schiff nach Ponape und segelten dann nach Nan Madol. Aber der spanische Kapitän, Señor Pedro Fernández de Quirós, verließ fluchtartig die Insel und kehrte nicht mehr zurück, denn es hatte ein paar Tote gegeben. Ihre Gebeine waren über Nacht plötzlich verschwunden.“

„Den Namen de Quirós habe ich schon einmal gehört“, sagte Don Juan, der sehr interessiert zugehört hatte. „Auch er war im Auftrag des Vizekönigs unterwegs. Demnach ist das nur ein Jahr her, seit er hier gelandet ist.“

„Dann sind wir also nicht die ersten“, meinte Hasard. „Aber das ist auch gleichgültig. Ich denke, wir brechen jetzt auf und segeln nach Ponape, wenn die Prinzessin den Kurs kennt.“

„Ich kenne ihn sehr genau“, versicherte die Schöne.

Kurz danach saßen sie wieder in den Booten.

9.

Während der Fahrt durch den Hauptkanal erklärte sie alles. Mit ihrer zierlichen Hand deutete sie voraus.

„Das ist die Straße der Krokodile. Sie wurde von feurigen Drachen und großen Flugechsen geschaffen. So berichtet die Überlieferung.“

„Ein Krokodil haben wir gesehen“, stimmte Hasard zu.

„Es gibt hier sehr viele. Sie sind auch auf den Palau-Inseln zu finden und sehr hungrig. Sie greifen alles an. Manchmal holen sie sich auch ausgewachsene Büffel.“

Von der „Straße der Krokodile“, wie sie treffend genannt wurde, zweigten kleinere und schmalere Wasserrinnen nach allen Seiten ab. Etliche waren sumpfig. Mangrovengürtel waren entstanden und säumten die künstlichen Inseln, deren Ränder steingefaßt waren. Etliche der Basalteinfassungen waren im Laufe der Jahre heruntergebrochen.

„Was hat es mit diesen einzelnen Inseln auf sich?“ wollte Hasard wissen. „Sie hatten doch sicher eine ganz bestimmte Funktion.“

Auch darüber wußte sie Bescheid. Sie schien alles über Nan Madol und die Nachbarinseln zu wissen.

„Das dort drüben“, sie deutete auf ein kleineres Inselchen, „ist Pahn Kadira, wo die Reste des Tempels stehen. Es war eine verbotene Stadt, der Herrschersitz der Saudeleurs und gleichzeitig das Verwaltungszentrum. Hier feierten die Priester einmal im Jahr das Fest Arbungelap, um die neuen Boote zu weihen.“

Sie blickten alle hinüber. Auf der Insel standen Kokospalmen, unter deren schattigen Wedeln die Reste eines vormals stolzen Tempels zu sehen waren. Jetzt war die Pracht und Herrlichkeit der Herrscher vorbei. Geblieben waren nur die kümmerlichen Überreste von Ruinen.

Weiter ging es durch den Kanal bis zur nächsten künstlichen Insel.

Dort wuchsen Farne, und dort standen schattenspendende große Hibiskusbüsche mit ihren prachtvollen roten Blüten. Ein paar überwucherte Fundamente waren noch zu erkennen. Auch hier war die Pracht längst vergangen.

„Der Palast der Saudeleurs“, sagte sie ehrfurchtsvoll. „Hier residierten die damaligen Herrscher.“

„Sehr erstaunlich“, bemerkte Hasard. „Was mir auffällt, ist, daß es auf Nan Madol kein Trinkwasser gibt. Wie haben die Herrscher ohne Wasser gelebt? Oder waren sie auf Regen angewiesen?“

Ihr Blick war immer noch verträumt auf die Überreste des ehemaligen Palastes gerichtet.

„Nein, sie hatten keine Probleme mit dem Wasser. Sehen Sie die Einfassungen mit den breiten grauen Steinen?“

„Ja, es sieht aus wie ein größeres Becken, obwohl sich das kaum noch erkennen läßt.“

„Es waren auch künstlich angelegte Becken. Sie dienten nur dazu, sie mit Trinkwasser zu füllen.“

„Und wo nahm man das her?“

„Es wurde mit Booten von den anderen Inseln herangeschafft. Unzählige Menschen hatten nichts anderes zu tun, als die Wasserbecken immer wieder aufzufüllen. Haben Sie diese Insel betreten?“

Hasard verneinte das. Er wunderte sich darüber, wie gut dieses kleine Persönchen Bescheid wußte. Die Arwenacks waren immer wieder erstaunt, denn Raia hatte auf jede Frage eine Antwort.

„Dann ist es gut“, sagte sie erleichtert. „Wenn ihr die Insel betreten hättet, dürfte ich nicht in eure Nähe. Sie ist das größte Heiligtum weit und breit und wird nie betreten. Es heißt, daß man augenblicklich stirbt, wenn man die Herrscherinsel bei Nacht betritt.“

Das konnten sich die Arwenacks allerdings nicht vorstellen, aber Hasard ging nicht näher darauf ein. Es gehörte eben zu ihrer Religion, und sie glaubten daran. Dieser Aberglaube hielt alle davon ab, jemals einen Fuß auf die Insel zu setzen.

Die Fahrt durch dieses von unzähligen Kanälen durchzogene Insellabyrinth war abwechslungsreich und interessant. Noch nie in ihrem Leben hatten die Seewölfe etwas Ähnliches gesehen.

„Wie alt könnte die Ruinenstadt sein?“ fragte der Kutscher.

„Man spricht von achthundert Jahren und mehr. Aber sie ist in Wirklichkeit wohl noch älter.“

„Kaum zu glauben“, murmelte der Kutscher beeindruckt.

Eine weitere kleine und ebenfalls quadratisch angelegte Insel tauchte vor ihren Blicken auf. Hier gab es auch ein paar Seevögel, die dort offenbar nisteten. Ein ganzer Schwarm erhob sich und flatterte auf, als sie vorbeipullten.

„Das ist Kelepwel“, sagte sie unvermittelt. „Hier wohnten einst die königlichen Diener. Sie produzierten Kokosöl und lagerten es hier als Vorrat ein. Die nächste Insel heißt Toron. Jede Insel hat einen eigenen Namen. Toron hat sogar einen See.“

Das Staunen nahm kein Ende. Nan Madol steckte voller Überraschungen, und die wurden ihnen gleich massenweise geboten.

Es gab tatsächlich einen eingefaßten kreisrunden See, dessen Wasser spiegelglatt war.

„Da haben die Herrscher gebadet“, meinte Smoky, „damit sie von den Krokodilen verschont blieben.“

Die Südseeprinzessin schüttelte lächelnd den Kopf.

„In dem See wurden Venusmuscheln gezüchtet wie jene, die ich in dem Verlies fand. Diese Insel ist auch die Zeremonien-Insel. Hier wurde sehr aufwendig gefeiert, wie die Legende beschreibt. Aber der See hat noch ein weiteres Geheimnis.“

„Wenn man ihn nach Belieben leeren oder vollaufen lassen konnte“, meinte Hasard, „dann muß Nan Madol über ein System von Schleusen verfügt haben.“

„Was sind Schleusen?“

„Künstliche Kammern zur Wasserregulierung.“

„Ja, das hatten sie, das ist bekannt. Es waren große Steinkammern, die man an manchen Stellen sieht, wenn das Wasser sehr niedrig ist. Aber in dem See gibt es einen unterirdischen Tunnel. Er ist hundertmal länger als das spanische Schiff, das vor Ponape strandete.“

„Erstaunlich“, murmelte Hasard. „Warum hat man denn einen Tunnel in einem See gebaut?“

„Die Saudeleurs haben alles gut durchdacht und geplant. Der Tunnel führt zu einer Stelle außerhalb des Saumriffs. Von dort sind die Riff-Fische besonders gern bis in das Zentrum von Nan Madol geschwommen. Man brauchte nur das Wasser zu … ich weiß nicht, wie das heißt.“

„Regulieren“, half Hasard nach.

„Ja, wenn man das tat, hatte man die herrlichsten und besten Fische mitten im Zentrum.“

Ihr Spanisch hatte einen eigenartigen samtigen Klang, und manchmal stockte sie, wenn ihr ein Begriff nicht einfiel. Aber sie hatte von den gestrandeten Dons eine Menge gelernt. Auch der Häuptling Malahiwi könne sich in der „Sprache der Fremden“ einwandfrei verständigen, wie sie erklärte.

Dieses erstaunliche Geschöpf war mitunter von kindlicher Naivität, dann wieder sehr ernst, oder sie freute sich über irgendeine unbedeutende Kleinigkeit. Dann wieder erklärte sie mit großem Eifer alles, was die Arwenacks wissen wollten.

Nan Madol jedenfalls hatte es ihr angetan – und den Seewölfen auch, denn es war etwas Besonderes und Einmaliges, wie es das in der gesamten Südsee nicht mehr gab.

Es schien die Prinzessin auch nicht mehr im geringsten zu berühren, daß sie in Nan Madol fast ihr Leben verloren hätte. Sie verdrängte derartige bedrückende Gedanken ganz einfach und verbannte sie aus ihrem Gedächtnis.

Der Kutscher, der ein ganz besonderes Faible für Ruinenstätten oder alte Heiligtümer hatte, schüttelte immer wieder den Kopf und fand alles „unglaublich“.

„Das erinnert mich von der Präzision her fast an die alten Baumeister Ägyptens“, sagte er zu Hasard. „Die haben höher und wuchtiger, aber auch unglaublich exakt und kunstvoll gebaut. Hier ist es fast so ähnlich. Alles ist wohldurchdacht und hervorragend geplant … Es muß hier Handelsstationen, Versorgungseinrichtungen und Arbeitsplätze für Tausende von Menschen gegeben haben. Ein Jammer, daß das alles im Laufe der Jahrhunderte zugrunde gegangen ist. Ich wäre zu gern einmal durch diese Stadt gegangen.“

„Da hätten sie dir aber die Haut in Streifen von deinem – äh …“

Der Profos verschluckte seine letzten Worte, denn ihm fiel gerade noch rechtzeitig ein, daß er in Gegenwart der Prinzessin nicht von Affenärschen und dergleichen reden durfte. So lief er knallrot an und lächelte verlegen.

Raia lächelte, obwohl sie nicht begriff, was der Mann mit dem narbigen Gesicht und dem gewaltigen Kinn sagen wollte. Er wirkte zwar erschreckend, aber sie erkannte auch, daß er ein guter Mann war, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte.

„Das hätte ich auch zu gern gesehen“, sagte Hasard. „Es muß ein phantastischer Anblick gewesen sein.“

Das Boot bewegte sich weiter an der nächsten Insel vorbei, die Pehikapw genannt wurde. Auch hier war vieles überwuchert. Die Mangroven schoben sich immer weiter vor, bis sie eines Tages alles bedeckten und unter ihren atmenden Luftwurzeln erstickten. Es war wirklich ein Jammer um die paradiesische Insel.

Was den Seewölfen zuerst auffiel, waren Überreste von steinernen Bassins, die noch einwandfrei zu erkennen waren. Vor der Insel ragten aus dem Wasser schräg zwei eigenartig geformte Steine. Sie erinnerten entfernt an grobe menschliche Gestalten.

Zu aller Erstaunen erhob sich die Prinzessin anmutig von der Ducht, blickte zu den Steinen und verneigte sich ehrfurchtsvoll mit über der Brust gefalteten Händen. Das tat sie dreimal hintereinander, ehe sie wieder Platz nahm.

„Es sind zwei Frauen“, erklärte sie. „Oder anders gesagt, diese Steine waren vor langer, langer Zeit einmal zwei lebendige Frauen, wie die Sage erzählt. Der mächtige Gott Lepengo verwandelte sie in seinem Zorn in zwei Steine, weil sie vergaßen, ihm das fällige Speiseopfer zu bringen. Man nennt sie Tikitik-en-ani, es sind die beseelten Bilder hier anwesender Geister. Man muß ihnen stets mit Ehrfurcht begegnen, um vom Gott Lepengo nicht gestraft zu werden.“

Hasard war heilfroh, daß Old O’Flynn nicht dabei war, sondern verdrossen an Bord hockte. Er hatte die ganze Zeit von Geistern gefaselt. Das hier hätte seine üppig wuchernde Phantasie noch mehr angeregt. Er hätte sie noch wochenlang damit genervt.

Aber zum Glück hatte der alte Bursche nicht mitgewollt, weil es ihn insgeheim vor dieser Insel grauste.

„Da gibt es auch wieder Überreste von Wasserbecken für Trinkwasser“, sagte Hasard, auf die lückenhaften Basaltränder deutend.

Er mußte sich eines Besseren belehren lassen.

„In diesen Becken wurden einst Schildkröten von den Priestern für religiöse Feiern und Rituale gezüchtet. Auch der Bezirk ist heilig.“

Die üppig wuchernde Vegetation deckte auch hier mit Farnen, Büschen und einem Blütenmeer langsam aber sicher alles zu.

Hin und wieder, so berichtete die Prinzessin, wurden besondere Leute ausgewählt, die tagelang auf Nan Madol dafür sorgten, daß der Dschungel nicht alles überwucherte. Aber in manchen Bezirken durften sie sich nicht aufhalten, und so blieb die Natur immer wieder Sieger.

Der Dschungel sog die tote Stadt immer mehr in sich auf. Wie in einem Rausch umschlang er kleine Paläste, Tempel, Häuser und Wasserbecken. Ein Teil von Nan Madol befand sich bereits unter Wasser und war nur noch hin und wieder zu sehen. Die steinernen Schleusentore, die das Kanalsystem regulierten, waren die ersten Opfer gewesen. Mit ihrer Hilfe konnten die Saudeleurs das Straßennetz nach Belieben öffnen oder sperren und waren von Ebbe und Flut unabhängig.

Hasard warf einen langen Blick zurück auf der „Straße der Krokodile“ und bewunderte die genialen Baumeister, die Nan Madol zu einer uneinnehmbaren Festung ausgebaut hatten.

Die Boote verließen früher die Stadt in südwestlicher Richtung durch eine enge Passage im Kanalsystem. Sie war nicht so stark ausgebaut und gesichert wie Nan Dowas im Osten, wo hohe Wälle aus Basaltblöcken die Lagune zu dieser Seite hin schützten. Der Wall bildete auch gleichzeitig den Rand der Insel Pahnwi, wo sie vorbeigekommen waren.

Er drehte sich langsam um und blickte nachdenklich voraus.

„Hinter Nan Dowas gibt es noch einen kleinen Hafen“, sagte Raia, die seinen Blicken gefolgt war. „Er ist von riesigen Stein- und Korallenbrocken sorgsam abgeschirmt. Dort schwächt sich die Brandung ab, die beim Außenriff auf die erste Barriere stößt. Am Rand der Insel Pahnwi gibt es auch noch weitere Grabkammern der Saudeleurs und der Nahnmwarki. Aber das Land ist tabu und wird gemieden.“

„Wegen der Grabkammern?“

Sie nickte nachdrücklich.

„Sie lebten hier offenbar mit allem nur erdenklichen Komfort“, meinte Hasard. „Die Leute hatten einen ungewöhnlich hohen Lebensstandard. Es ist bedauerlich, daß es sie nicht mehr gibt.“

„Es gibt sie nur noch als Sagen und Legenden, aber sie werden in unserer Erinnerung ewig weiterleben.“

Auf dem Grund waren überall sorgsam behauene Basaltsäulen zu sehen. Das verwunderte hauptsächlich den Kutscher, der sich darüber Gedanken machte. Die Basaltsäulen hatten fünf- oder sechskantige Profile und waren unglaublich glatt geschliffen.

Als er die Prinzessin danach fragte, erhielt er eine erstaunliche Antwort.

„Man hat sie nicht bearbeitet. Die Kräfte der Natur haben die Säulen wie Balken zugeschnitten und gebündelt. Die Arbeiter mußten sie nur noch herauslösen. Auf Ponape gibt es diese Säulen auch heute noch in riesigen Bündeln.“

„Und womit wurden sie weiter bearbeitet?“

„Man benutzte dazu die harten Schalen der Tridacna-Muschel, das ist eine sehr riesige Muschel, mit deren Schalen die Rohlinge geglättet wurden. Nach der Bearbeitung rollte man die Blöcke auf einer schrägen Ebene aus glattgeschälten und eingeölten Baumstämmen ans Meer.“

„Wirklich erstaunlich“, murmelte der Kutscher. „Vor allem muß doch der Transport übers Meer Schwierigkeiten bereitet haben.“

„Es wurde alles von Ponape herübergeschafft“, sagte sie. „Mein Vater hat es mir erzählt, und der hatte es wieder von seinem Vater und so fort. Die Steine wurden auf Bambusflößen zur Ostküste von Nan Madol gebracht. Das ging nur bei ruhigem Wetter, trotzdem sind immer wieder Flöße gekentert, und ihre Last ist ins Meer gerutscht. Dort liegen die Säulen noch heute.“

Raia blickte ins Wasser, wo auf dem Grund ganz deutlich Langusten und Seegurken zu sehen waren.

„Hier könnte man herrlich baden“, schwärmte Don Juan. „Das Wasser ist unglaublich klar und rein. Aber da sind die Salzwasserechsen, und vor denen habe ich großen Respekt.“

Die Prinzessin sah ihn fast entsetzt an.

„Baden?“ fragte sie mit großen erstaunten Augen. „Hier darf man nicht baden, nicht bei Nan Madol. Die heiligen Wächter streifen pausenlos um die Inseln.“

„Wer sind die heiligen Wächter?“

„Seeschlangen, graugelbe Schlangen, die größer sind als ein Mann. Sie sind so giftig, daß das Opfer nach dem Biß schon stirbt, noch bevor es einmal tief Luft geholt hat. Es gibt kein Mittel gegen diese tödlichen Schlangenbisse.“

„Das sind die Schattenseiten des Paradieses“, meinte Hasard.

Er sah, daß die Ebbe einsetzte, und beugte sich über das Dollbord, um einen letzten Blick der Unterwasserwelt zu erhaschen.

Der Meeresgrund gab erstaunlich viel her. Fasziniert betrachteten sie die Wunder der Unterwasserwelt.

Unter ihnen befanden sich große Grasmatten, dazwischen ragten Reste von Basaltsäulen hervor. Pilzkorallen standen da wie kleine Wälder. Sie wechselten ab mit einer Kolonie dunkler Blattkorallen. Polypen leuchteten grellgelb wie Hunderte von Blumenblüten, Algen mit verkalkten Knospen blitzten wie Feuerwerk auf. Seeigel, Langusten, Schnecken und farbige Seesterne tummelten sich zwischen der Pracht, die kein Ende nahm.

Da ragten farbige Fangarme aus den Korallen, und farbenprächtige Fische patrouillierten in den Wundergärten der Natur. Auch ein kleiner Hai durchstreifte das Revier der Korallen.

Dann war da plötzlich ein fast zwei Yards langer graugelber Schatten, der sich zuckend durchs Wasser wand. Er verschwand mit seitlichen Wellenbewegungen in einer riesigen Koralle.

„Das ist einer der Wächter“, erklärte Raia. „Sie sind überall, und sie sind auch sehr angriffslustig. Sie bewachen die Unterwasserfriedhöfe der Könige von Nan Madol. Man hat sie allerdings nie gefunden, aber die Sage berichtet davon, daß es unter der Wasseroberfläche Friedhöfe gibt.“

Immer mehr Erstaunliches vernahmen sie über diese geheimnisvolle Inselstadt, und sie hörten schweigend zu, wenn die Prinzessin von den alten Sagen und Legenden berichtete.

„Sobald wir an Bord sind, gehen wir in See und segeln nach Ponape hinüber“, sagte Hasard. „Der Häuptling wird sich um seine Tochter sorgen, daher wollen wir keine Zeit verlieren.“

„Er wird sich freuen, wenn ich wieder zurück bin“, sagte Raia. „Er ist immer sehr besorgt um mich, denn ich bin seine einzige Tochter.“

Als sie die „Straße der Krokodile“ verließen, war schon die „Santa Barbara“ zu sehen. Die an Bord gebliebenen Arwenacks starrten zu ihnen herüber und begriffen die Welt nicht mehr, als sie die schwarzhaarige Schönheit erblickten.

10.

An Bord war die Überraschung groß, als die Prinzessin erschien, und es gab ein endloses Frage- und Antwortspiel. Aber auch Empörung wurde laut, daß man eine junge Frau aussetzte und dem Tod preisgab.

Raia erklärte Hasard den Kurs nach Ponape, als die Segel gesetzt und der Anker gehievt war.

Langsam wurde die geheimnisvolle Insel kleiner. Dafür tauchten andere Eilande auf, unbewohnt, verlassene Paradiese in einer endlosen Weite.

Später wurde voraus eine Insel gesichtet. Bei Ebbe waren breite Sandstrände zu erkennen, dahinter ein paar Eingeborenenhütten, die in dichtem Buschwerk versteckt waren.

„Das ist die Insel von Häuptling Kumuhala, mit dem wir seit langem in Fehde liegen“, sagte Raia. „Sie müssen sich jetzt sehr vorsehen, denn Kumuhala greift alle Schiffe an, die sich der Insel nähern.“

„Da wird er bei uns nicht viel Erfolg haben“, versprach Hasard. „Der Papalagi wird sich eine blutige Nase holen, wenn er versucht, uns anzugreifen.“

Die Warnung der Prinzessin bestand zu Recht. Sie befanden sich etwa eine halbe Meile von der Insel entfernt, als sich hinter einer Landzunge drei Langboote unter Segeln lösten.

Als Hasard durch das Spektiv blickte, erkannte er braunhäutige Männer, die die Langboote zusätzlich mit Riemen bewegten. Ihre Oberkörper waren nackt, die Gesichter mit weißer Farbe bemalt. Ihre Bewaffnung bestand aus langen Bogen und Speeren. Es mochten ungefähr vier Dutzend Krieger sein, die grimmig zu der Galeone blickten.

„Besetzt die Drehbassen“, sagte Hasard ruhig. „Feuert aber erst dann, wenn wir angegriffen werden und wartet meinen Befehl ab.“

„Es sind wilde Krieger“, erklärte Raia. „Kumuhala überfällt auch größere Schiffe mit vielen Kanonen.“

„Aus welchem Grund?“

„Er raubt sie aus, um eiserne Werkzeuge zu erhalten, aber auch, um den anderen zu zeigen, daß er viel Macht hat und ein großer unbesiegbarer Häuptling ist.“

Die Boote hielten auf die „Santa Barbara“ zu. Unter vollem Zeug pullten und segelten sie im spitzen Winkel auf die Galeone zu.

An den vorderen Drehbassen standen Al Conroy und der Profos. Die schwenkbaren Drehbassen waren mit grobem Bleischrot und Eisenstücken geladen. Der Kutscher hatte zwei glimmende Lunten nach oben gebracht, die die beiden Männer in den Händen hielten.

„Erstaunlich, daß diese Kerle keine Angst haben“, meinte der Waffen- und Stückmeister. „Sie pullen so sorglos heran, als fürchteten sie weder Tod noch Teufel.“

„Vielleicht wissen sie nicht, was ihnen blüht.“

„Dann werden sie gleich um eine Erfahrung reicher sein.“

Der Profos schwenkte die Drehbasse ein wenig nach Backbord und visierte die Boote an.

Daß die Eingeborenen kriegerisch waren, erkannten sie wenige Augenblicke später, als ein kurzer Zuruf über das Wasser hallte.

Ein bronzehäutiger Mann mit vielen Tätowierungen erhob sich und rief aufgeregt ein paar Worte.

„Der Papalagi selbst“, flüsterte Raia. „Er hat befohlen, sie sollen sofort angreifen.“

Kumuhala mußte die Frau auf dem Achterdeck entdeckt haben, denn seine Stimme wurde wild und schrill. Sein tätowiertes Gesicht war zu einer Fratze des Hasses verzogen.

Die Entfernung zu den drei Langbooten betrug jetzt noch eine knappe Kabellänge, aber die Stimmen waren deutlich zu hören.

Jetzt standen alle Krieger in einer einzigen fließenden Bewegung auf und griffen nach ihren Bogen.

Einen Lidschlag später flog ein Pfeilhagel heran und spickte die Bordwand der „Santa Barbara“, die unbeirrbar auf ihrem Kurs blieb.

„Rufen Sie den Kerlen zu, daß wir feuern, wenn sie nicht augenblicklich verschwinden“, sagte Hasard. „Noch liegt es bei ihnen selbst, ein Blutbad zu verhindern.“

Die Prinzessin nickte und rief in ihrer Sprache etwas mit heller und klarer Stimme in Richtung der Langboote.

Die Antwort bestand aus einem heiseren Wutgebrüll. Erneut wurden Pfeile aufgelegt und abgeschossen.

Diesmal flogen sie an Deck und blieben nicht in der Bordwand stecken.

Einer zischte haarscharf an Matt Davies vorbei, ein anderer bohrte sich neben Al Conroy ins Holz, ein dritter erreichte das Achterdeck, wo er zitternd in den Planken steckenblieb.

„Nun gut, sie wollen es nicht anders“, sagte Hasard grimmig. „Aber ich habe keine Lust, dem Papalagi als lebende Zielscheibe zu dienen. Feuer frei für die Drehbassen.“

Al Conroy und der Profos zündeten die Drehbassen, nachdem sie sie auf ihr Ziel eingeschwenkt hatten.

In diesem Augenblick wollten die Kerle wieder feuern.

Da blitzte es am Bug der Galeone zweimal hintereinander grell auf.

Zwei Stichflammen zuckten aus den Läufen, Rauch wölkte auf. Dann knallte es laut. Der Blei- und Eisenhagel raste über das Meer.

Die Wirkung war verheerend.

Die Krieger wurden aus ihren Langbooten gerissen, warfen die Arme hoch und kippten schreiend ins Wasser.

Eins der Langboote kenterte, als das Gleichgewicht nicht mehr stimmte und die Krieger brüllend und schreiend um sich hieben. Das zweite wurde buchstäblich in Stücke gehackt und ging auf Tiefe.

Auf dem dritten herrschte Chaos. Da heulten die Kerle vor Wut, Enttäuschung und Schmerz.

Hasard sah, wie sich der tätowierte Häuptling an die Brust griff, sich noch einmal aufzurichten versuchte, dann aber das Gleichgewicht verlor und über Bord stürzte.

Er verschwand und tauchte auch nicht mehr auf.

Die überlebenden Krieger schwammen in aller Eile zum Land zurück, wo zwei weitere Langboote hinter der Landzunge auftauchten.

„Drehbassen nachladen!“ rief Hasard. „Es scheint, als hätten die Kerle noch nicht genug.“

Die Drehbassen wurden nachgeladen.

Raia hielt sich noch die Ohren zu und sah entsetzt zu den beiden Geschützen, die ihr tödliches Blei ausgespien hatten. Sie hatte Angst vor dem Krachen.

Die Langboote kamen jedoch nicht näher. Unentschlossen blieben die Krieger in ihren Booten fast reglos sitzen. Entsetzt sahen sie zu, wie ihre Stammesbrüder an Land schwammen. Und noch entsetzter sahen sie, daß der Papalagi nicht mehr bei den anderen war.

Die „Santa Barbara“ segelte weiter. Die Arwenacks ließen die im Wasser paddelnden Eingeborenen unbehelligt, denn ohne ihre Waffen waren sie machtlos. Der Schock saß ihnen mächtig in den Knochen, denn zwei Blitze und ein zweimaliges Donnern und Krachen hatten sie fast um die Hälfte dezimiert.

„Das hätten sie sich ersparen können“, sagte Hasard. „Am meisten wird sie der Tod ihres Häuptlings treffen. Sie sind wie gelähmt.“

„Wenn Kumuhala nicht mehr lebt“, sagte Raia, „dann herrscht vielleicht endlich wieder Ruhe auf den Inseln.“

Hasard suchte mit dem Spektiv die See ab. Er konnte den Häuptling nirgendwo entdecken, auch nicht unter den Toten, die noch in der See trieben.

„Er lebt offenbar nicht mehr“, sagte er. „Jedenfalls ist keine Spur von ihm zu sehen.“

Die Prinzessin wirkte erleichtert. Aber sie sah sich immer wieder um, als würde der Papalagi doch noch auftauchen. Dann gab sie mit zitternder Stimme Hasard den Kurs nach Ponape an.

Als die „Santa Barbara“ vor Ponape vor Anker ging, liefen Scharen von Eingeborenen am Strand zusammen. Kleine Kinder rannten aufgeregt über den Strand ins seichte Wasser.

Man hatte die Prinzessin erkannt, und jetzt kannte die Freude keine Grenzen mehr.

Fünf, sechs Boote hielten auf sie zu. Männlein und Weiblein kletterten an Bord und stimmten ein lautes Hallo an.

Die Arwenacks wurden wie langerwartete Götter begrüßt.

„Das wird ein Fest geben“, prophezeite Carberry. „Hoffentlich hat der liebe Papalagi für den durstigen Ed auch einen guten Schluck zur Stärkung.“

Häuptling Malahiwi erschien mit prunkvollem Gefolge feierlich an Bord und schloß seine Tochter gerührt in die Arme. Er war ein großer hagerer Mann, der ein holperiges Spanisch sprach und die meisten Endsilben verschluckte.

Er ließ sich seine Rührung nicht anmerken, das stand einem großen Häuptling nicht zu, aber Hasard erkannte an seinem Gesicht trotzdem, wie bewegt und innerlich aufgewühlt er war.

Dem Trauerkloß vom Dienst, Mac Pellew, hatte eine Inselschöne ein Blumengebinde um den mageren Hals gehängt, und damit stolzierte Mac wie ein Pfau auf dem Schiff herum. Er grinste sogar, aber dieses Grinsen fiel wie immer in der üblichen Art aus. Seine Augen verschwanden hinter kleinen Falten, und er sah aus, als hätte man ihm zwei faule Zitronen in den Hals gesteckt.

Am späten Nachmittag hielt der Papalagi eine Rede am Strand und dankte den Mannen für die Rettung seiner Tochter.

Inzwischen wurde alles für das Fest hergerichtet, bis den Arwenacks das Wasser im Mund zusammenlief.

Malahiwi erwies sich als großzügiger Gastgeber, der den Seewölfen vor Freude am liebsten die ganze Insel geschenkt hätte. Nur seine Dankesrede dauerte länger als eine Stunde, und die mußten die Mannen eben geduldig über sich ergehen lassen.

Sie waren alle am Strand bei den Hütten versammelt. An Bord der Galeone befand sich nur Old O’Flynn, der freiwillig die Ankerwache übernommen hatte. Später sollte er von einem anderen abgelöst werden, damit die Eingeborenen sein Holzbein bewundern konnten, wie der Profos grinsend sagte.

Auf dem freien Platz zwischen den Hütten wurden Schweine in Bananenblättern in breiten Gruben gedämpft. Eine riesige Tafel war gedeckt worden, die unter der Last von Früchten, gebackenen Hühnern und Gemüse fast zusammenbrach. In Schalen standen Getränke, um die der Profos grinsend herumstrich.

Er kam voll und ganz auf seine Kosten, und er brauchte sich auch nicht selbst zu bedienen, denn alles wurde ihm gereicht oder freundlich zugeschoben.

„Hier kann man es schon ein paar Jahre aushalten“, meinte er mit Kennerblicken. „All die lieblichen Weiberchen, die köstlichen Getränke und das herrliche Essen. Das ist doch was Feines, was, wie?“

Paddy Rogers, der neben ihm stand, bestätigte das eifrig.

„Ganz besonders das Essen“, meinte er. „Ich habe schon regelrechte Bauchkrämpfe vor Hunger. Ich könnte so ein gebackenes Schweinchen ganz allein verschlingen.“

Das Fest war üppig, und seit langer Zeit gab es mal wieder frisches Fleisch. Die Eingeborenen tanzten und waren ausgelassen und fröhlich wie kleine Kinder.

Bis in den frühen Morgen dauerte das Fest, aber es war noch nicht zu Ende, wie der Papalagi versicherte. Derartige Feste wurden immer mindestens drei Tage und drei Nächte lang gefeiert, und vorher konnten sie nicht weg, wenn sie den Gastgeber nicht beleidigen wollten.

Aber den freundlichen Häuptling wollte natürlich keiner beleidigen.

Sie blieben insgesamt fünf Tage auf Ponape, dann erst brachen sie auf, um die Reise nach China fortzusetzen.

Am letzten Tag wurden die Geschenke überreicht. Hasard ließ Werkzeuge zurück, was mit großer Freude begrüßt wurde.

Der Häuptling revanchierte sich mit einer ganzen Ladung Früchte und Gemüse, mit acht noch lebenden Schweinen, Brotfrüchten und allem, was die Insel hergab.

Das schönste Geschenk aber – das war jedenfalls die Ansicht Edwin Carberrys – waren zwanzig hübsche Hühnerchen, die fleißig Eier produzierten. Und damit sie auch einen Häuptling hatten, gab der Papalagi noch einen stolzen Hahn dazu, der besonders lautstark und durchdringend zu krähen verstand.

Von da an träumte der Profos wieder von Eiern mit Speck. Er half auch eifrig mit, an dem Verschlag für die Hühner zu bauen.

Am nächsten Morgen verließ die „Santa Barbara“ die Insel Ponape, um weiter ins Land des Großen Chan zu segeln …

ENDE


1.

Von guter Laune an Bord der „Santa Barbara“ zu sprechen, wäre stark geprahlt gewesen.

Philip Hasard Killigrew ärgerte sich über den verdammten Kompaß, den er erheblicher Mißweisungen verdächtigte. Und das Kartenmaterial an Bord dieser ehemals spanischen Galeone entsprach auch nicht den Idealvorstellungen eines verantwortlichen Lotsen, der sein Schiff sicher ans Ziel bringen möchte.

Dan O’Flynn, zuständig für die Navigation, bezeichnete die paar Seekarten schlicht als „Sauerei“, dies um so mehr, weil sie sich in einem ruinösen Zustand befanden.

Vermutlich waren sie von dem früheren Lotsen oder dem Kapitän zweckentfremdet worden – zum Beispiel als Tischdecke. Zu den zahlreichen Fettflecken gesellten sich rötliche Kringel, die darauf hindeuteten, daß die Señores dem Rotwein gehuldigt hatten. Der Durchmesser dieser Kringel entsprach dem Fuß eines Rotweinglases.

Da war ferner auf der jetzt maßgeblichen Karte die Inselgruppe der Karolinen. Nur hatte man sie ertränkt. Dan tippte auf Suppe, die über den Inseln ausgelaufen war. Die Insel Ponape war noch sichtbar, aber deren Standort brauchten sie nicht mehr, weil sie bereits hinter ihnen im Osten lag.

Mit den Palau-Inseln weiter im Westen zwischen dem 130. und 140. Längengrad war das auch so ein Kreuz. Dort prangte nämlich ein Loch, genauer gesagt, ein Brandloch, was darauf schließen ließ, daß Lotse oder Kapitän oder beide dem Genuß des Tabakrauchens gefrönt hatten.

Dieser Verdacht bestätigte sich, als Dan in einem der Schapps Tonpfeifen und Tabak entdeckte. Da mußten also bei der Arbeit an der Karte glühende Tabakteilchen auf die Palau-Inseln gefallen sein und hatten sie gewissermaßen ausgebrannt.

Einziger Lichtpunkt auf dieser trostlosen Karte waren die Philippinen am westlichen Kartenrand zwischen 116 und 127 Grad östlicher Länge. Sie waren erhalten geblieben und keinem Brand, keiner Suppe, keinem Fettfleck oder Rotwein zum Opfer gefallen.

Den Kutscher und Mac Pellew plagten andere Sorgen, die mit einer rapiden Abnahme des Trinkwassers zusammenhingen. Allerdings konnten sie etwas aufatmen, als die „Santa Barbara“ jetzt, Anfang August des Jahres 1596, den 140. Längengrad hinter sich ließ und in ein Gebiet geriet, über das der Himmel seine Schleusen öffnete.

Bei Old O’Flynn hatte eh seit mehr als dreizehn Stunden das Holzbein gezwackt und damit verkündet, daß was im Anmarsch sei.

„Ein kleiner Taifun oder so“, hatte er gesagt.

Natürlich – die Verniedlichung und das „oder so“ hatten dann wieder den Profos auf die Palme gebracht, der stets prompt reagierte, wenn der alte Zausel großklotzige Sprüche klopfte und so tat, als seien Stürme von Orkanstärke für ihn nichts weiter als laue Frühlingswinde.

Sie hatten sich beide angestänkert und allerlei Freundlichkeiten gesagt, aber es war nicht zu verkennen gewesen, daß sie dabei so richtig bissig wurden. Klar, Old Donegal war gereizt, weil ihn die Schmerzen im Beinstumpf plagten. Und der Profos hatte schlechte Laune, weil sie seit Verlassen von Ponape den Wind gegenan hatten und nach Westen aufkreuzen mußten.

Sie hatten alle das Gefühl, nicht vom Fleck zu kommen. Dazu trug bei, daß sie an manchen Tagen bekalmt wurden.

Die beiden Streithammel hatte Hasard ziemlich hart anfahren müssen, um sie zur Räson zu bringen.

Aber was Old Donegal mit „oder so“ gemeint hatte, traf nun ein, nämlich ein wolkenbruchartiger Regen. Es schüttete in Kübeln vom Himmel, und die Arwenacks flitzten nur so, um Fässer an Deck aufzustellen und den Regen über ausgespreiztes Segeltuch in die Fässer zu leiten.

Anschließend fand eine Badeorgie statt – mit gleichzeitiger Wäsche der schmutzigen Plünnen. Das war alles möglich, weil es so herrlich goß, aber gleichzeitig flappten die Segel, weil der Wind mal wieder geruhte, eine Schlaf pause einzulegen.

Da sich die riesigen Seegebiete östlich der Philippinen in den Sommermonaten „bis zur Weißglut“ aufheizen, waren die Regenmassen jetzt zwar eine herrliche und willkommene Erfrischung, dafür aber dampfte die „Santa Barbara“ wie ein überkochender Wasserkessel, als der Regen nach etwa drei Stunden abrupt aufhörte.

Der Wind schlief weiter.

„Schöne Scheiße“, lautete der Kommentar Edwin Carberrys.

Es war nicht genau zu ergründen, was er damit meinte. Er wrang gerade ein Hemd aus, das er zu einer Riesennudel zusammendrillte – und da ratschte es. Zweifellos war der Stoff mürbe – oder der Profos hatte mit seiner urigen Kraft des Guten zuviel getan.

Als er die Riesennudel von Hemd ausschüttelte, war das Ergebnis zu sehen: der rechte Hemdsärmel hing nur noch an ein paar Fäden, und übers Kreuz zog sich von der rechten Schulter zur linken Hüfte ein prachtvoller Riß.

Noch während der Profos dieses Ergebnis seines Auswringens stirnrunzelnd betrachtete, begann Mac Pellew, dieser Sauertopf, den Ziegenbock zu spielen.

Er meckerte. Er meckerte so richtig aus Herzenslust und Schadenfreude.

„Hä-hä-hä!“ schallte es über die Kuhl. „Hö-hö-hö! Da sieht man’s mal wieder! Kann vor Kraft kaum laufen, dieser Profos, aber daß man zum Auswringen von Hemden auch Köpfchen braucht, ist bei ihm nicht drin. Der muß erst alles zerreißen, dieser Wüterich, bis auch sein letztes Hemd nur noch zum Putzlappen taugt. Hä-hä! Die mieseste Waschfrau von Plymouth kann’s besser, aber die hat ja auch Grips im Kopf – und Gefühl in den Händen!“

„Ach ja?“ Carberry hatte den tückischen Blick drauf. „Erzähl mir noch mehr über die Waschfrauen von Plymouth, die Grips im Kopf und Gefühl in den Händen haben. Haben sie dich mal gekitzelt, diese Waschfrauen?“

„Gekitzelt? Wieso?“

„Weil du von Gefühl in den Händen sprichst, mein guter Mac. Denn davon müssen sie wirklich eine Menge haben, um bei dir herumzugrabbeln, damit du das lustig findest. Ich meine, die müssen dich schon mächtig unter den Fußsohlen kitzeln, damit bei dir der Nieselregen aufhört. Und was flötest du dann? Du flötest: Huch – nein! Was seid ihr heute stürmisch, aber euer lieber Mac mag’s gern noch stürmischer! Und nicht nur an den Fußsohlen! Und darum müssen die Waschfrauen mit Grips im Kopf und Gefühl in den Händen soviel Zeit aufbringen – und wenn sie das tun, dann fängst du erst zwei Tage später an zu kichern. Aber da sind auch den Waschfrauen die Gefühle längst vergangen.“

„Bei mir noch nie!“ empörte sich Mac Pellew. „Noch nie! Das kann ich beschwören!“

„Aha!“ Der Profos nickte zufrieden. „Daraus ist zu schließen, wo du dich rumtreibst, wenn du in Plymouth an Land schießt! Du raubst ehrbaren Waschfrauen die Unschuld! Das ist es! Schämen solltest du dich!“ Und der Profos hob die Stimme: „Ein Waschfrauenverführer bist du! Jetzt wissen wir es! Du – du Waschfrauentröster! Du Waschschürzenjäger, du lotteriger!“

Es war mal wieder hanebüchen, wie der Profos die Dinge auf den Kopf stellte und vom Thema ablenkte. Außerdem hatte er die Lacher auf seiner Seite – dies um so mehr, weil Mac Pellew den Fehler beging, auf den Unsinn einzugehen.

Erbost schrie er: „Du bist ja nur neidisch, weil du bei den Waschfrauen nicht landen kannst! Die laufen ja schon weg, wenn sie dich nur von weitem sehen!“

Der Profos winkte erhaben ab und entgegnete unverfroren: „Ich pflege keinen Umgang mit Waschfrauen, mein Guter. Ich verkehre in besseren Kreisen, wie sich das für einen Profos ziemt. Waschfrauen sind mir zu vulgär. Bei dir ist das etwas anderes, du paßt zu ihnen. Gleich und gleich gesellt sich gern, nicht wahr?“

Mac Pellew war außer sich und mußte nach Luft schnappen. Als er sie wieder hatte, schrie er: „Jedenfalls sind sie sauberer als deine Schlampen!“

Der Profos rümpfte die Nase. „Sauberer? Sie stinken nach Schmierseife, das ist alles. Außerdem sind sie so dick wie ihre Waschzuber und sehen selbst so aus, als würden sie den ganzen Tag gekocht. Nein, nein, für einen Mann von Welt, wie ich einer bin, ist das nichts. Ich habe eben gehobene Ansprüche und liebe eine gepflegte Unterhaltung, die natürlich weit über dem Niveau eines Waschbottichs liegt. Kannst du mir noch folgen, mein lieber Mac?“

Mac stieß ein hysterisches Gelächter aus.

„Mann von Welt!“ stammelte er. „Gehobene Ansprüche! Gepflegte Unterhaltung! So gepflegt wie die ordinären Sprüche, die du deiner Plärrkrähe beibringst, hä?“

Wo war denn das Vieh? Mac spähte zum Rigg hoch. Richtig, Sir John trippelte längs der Großrah, plusterte sich auf, fühlte sich angesprochen und krakeelte: „Hosianna-hallerhollerluja!“

Der Profos nickte fromm, blickte bieder drein und kommentierte: „Von wegen ordinäre Sprüche! Bei mir doch nicht! Bei mir lernt Sir Jöhnchen nur Worte der Erbauung, Andacht und Demut, die dem Seelenheil förderlich sind.“

„Gloria-Kruzifix-Marsbrassenkabelgatt!“ plärrte Sir John. Es klang wie das Geknatter von Pistolenschüssen.

Mac Pellew war restlos geschafft. Er gurgelte etwas Unverständliches, warf sich herum und verschwand in der Kombüse. Mit einem fürchterlichen Krach donnerte er das Schott hinter sich zu.

Bei dem Donnerschlag flatterte Sir John erschreckt auf, erboste sich, vergaß die „Worte der Erbauung, Andacht, und Demut“, und schrie: „Saufsack-verdammter-hol’s-der-Teufel-fier-weg-die-Scheiße!“

Aber das hörte Mac Pellew nicht mehr. Und er sah auch nicht, daß der Profos bis zu den Ohrläppchen grinste.

Indessen sagte der Kutscher so ein bißchen tiefsinnig: „Jaja, bei einem mit Gewalt zerrissenen Hemd hat’s angefangen, und geendet hat’s bei ‚fier-weg-die-Scheiße‘, ganz abgesehen von verschiedenen Exkursionen über die Waschfrauen im allgemeinen und besonderen, die laut Aussage eines gewissen Mister Carberry einerseits ehrbar und unschuldig, andererseits jedoch vulgär und für gepflegte Unterhaltungen ungeeignet sein sollen. Wie das unter einen Hut paßt, weiß wohl nur ein Märchenerzähler, der aber natürlich ein Mann von Welt sein muß, einer, der in den besseren Kreisen verkehrt und gehobenere Ansprüche hat.“ Und der Kutscher lächelte freundlich.

„Kutscher“, sagte der Profos mit leisem Grollen in der Stimme, „Kutscher, halt dich da ja raus und bleibe verdammt noch mal sachlich. Diese Essiggurke von Mister Pellew hat die Behauptung aufgestellt, zum Auswringen von Hemden brauche man Köpfchen und Gefühl – wie die mieseste Waschfrau. Ich hingegen behaupte, daß auch die beste Waschfrau dieses Hemd beim Auswringen zum Putzlumpen verarbeitet hätte. Es ist nämlich mürbe – bitte sehr!“ Und der Profos nahm einen Hemdzipfel zwischen Daumen und Zeigefinger beider Hände, hob ihn hoch und bewegte die Hände entgegengesetzt.

Ratsch!

„Leinen!“ sagte der Profos. „Gutes englisches Leinen, aber wohl nicht so gut wie das deutsche. Gleichviel, es ist mein ältestes Hemd, gut sechs Jahre alt und hunderte Male gewaschen und ausgewrungen, gebleicht und getrocknet im Seewind, in der Sonne, versalzen, was weiß ich! Wir werden ja auch älter, nicht wahr? Und eines Tages sind wir nicht mehr zu gebrauchen – oder so morsch wie dieses verdammte Hemd. Wenn dann dieser Griesgram daherkommt und mich dumm anlabert, da habe ich wohl das Recht, ihm passend zu antworten. Ist das klar, Kutscher?“

Der Kutscher hatte mit Erstaunen zugehört. Schau einer an, dachte er, dieser Poltermann von Profos stellt Vergleiche an, die fast philosophisch zu nennen sind. Außerdem stimmen sie. Ob Mensch oder Materie, alles ist vergänglich.

So sagte er: „Entschuldige, Ed, schon klar, was du meinst. Es war verkehrt von Mac, dich auf diese Weise anzugehen.“

„Na also“, brummte der Profos. „Bleibt nur festzustellen, daß ich das Hemd umsonst gewaschen habe. Braucht ihr einen Lappen in der Kombüse?“

Statt des Kutschers antwortete Mac Pellew – er hatte wohl am Schott gelauscht. Wie ein Kastenteufel fuhr er aus der Kombüse und schrie: „Schmierige Profos-Lappen haben in meiner Kombüse nichts zu suchen …“

Er wollte noch mehr herausposaunen, aber da hatte Carberry längst reagiert. Sein noch feuchtes Hemd flog zielgenau in Macs griesgrämiges Gesicht und blieb dort hängen, wobei sich die Ärmel um seinen mageren Hals schlangen. Unterm Hemd schimpfte Mac zwar weiter, aber das war nur als Blubbern zu hören. Das Hemd war so um Macs Kopf drapiert, daß er wie ein Butzemann aussah.

Die Wirkung war entsprechend, und Lachsalven dröhnten über das immer noch dampfende Deck der „Santa Barbara“. Sie steigerten sich, als Mac wild – und blind – zu fuchteln begann, um seinen Kopf von dem Hemd zu befreien. Prompt rammte er den rechten Ellbogen gegen die Schottkante. Der sehr heftige Stoß traf jene Stelle, die mit Mäuschen oder Musikantenknochen bezeichnet wird.

Da hatte der gute Mac Grund zum Jubilieren. Das heißt, er jaulte den Himmel an, was wiederum Sir Jöhnchen verstörte und ihn veranlaßte, in den Spektakel voll einzusteigen. Vom lieblichen Nachtigallengesang war Carberrys Liebling weit entfernt. Seine Stimme war schrill, zeternd und das reinste Höllengelächter.

Arwenack erregte sich an dem hüpfenden Butzemann und führte seinerseits auf der Kuhl einen Affentanz auf, wobei er schnalzende und keckernde Laute ausstieß und seinen Bauch betrommelte. Und auch Plymmie hielt sich nicht zurück und ließ ihr „Wuff-wuff“ hören.

Zirkus Killigrew!

Zum Glück war die See einsam. In der Flaute konnte eh keine Begegnung mit einem anderen Schiff stattfinden. Aber hätte jetzt ein anderes Schiff die „Santa Barbara“ passiert, dann wäre aus der Begegnung schleunigst Flucht geworden. Schließlich will man mit Verrückten nichts zu tun haben, weder an Land noch auf einem Schiff, da erst recht nicht, weil dann auch das Schiff verrückt sein muß.

„Mein Gott!“ stöhnte Philip Hasard Killigrew und hielt sich die Ohren zu.

Carberry sah es und fand wie sein Kapitän, daß der Krach nicht mehr zum Aushalten war.

Und so donnerte er: „Ruhe an Bord, verdammt noch mal! Sir John, halt deine Kotterschnauze, oder ich polier dir den Affenarsch …“

Mac schrie dazwischen – jetzt hatte er sich befreit. Das Hemd war nun endlich total in Fetzen, nur die Ärmel hingen ihm noch um den Hals. Es sah aus, als habe er einen feuchten Umschlag wegen Mumps umgelegt.

„Papageien haben keinen Affenarsch!“ schrie er.

„Das ist mir völlig Wurscht!“ brüllte Carberry zurück. „Außerdem hast du eben mit Gewalt mein Hemd zerrissen …“

„Herrschaften, jetzt ist Schluß“, donnerte Philip. Hasard Killigrew und markierte ein wildes Gesicht, obwohl er Mühe hatte, ernst zu bleiben. „Mac, du hast Ed provoziert und warst dabei unsachlich – und du, Ed, brauchst gar nicht zu grinsen, du warst genauso unsachlich. Auffallend ist dabei, mit welchem Geschick ihr die Tatsachen auf den Kopf stellt, um dem anderen was am Zeug flicken zu können. Außerdem fällt auf, daß immer ihr beiden es seid, die sich in die Haare geraten. Jedenfalls seid ihr in der Crew die beiden Streithammel vom Dienst. Vertragt euch, oder ihr bekommt mit mir Krach. Ist das klar?“

„Aber Sir!“ ereiferte sich der Profos. Und er sah so fromm aus, als gelte es, jetzt einen Choral anzustimmen. „Du irrst dich ganz sicher, Sir. Mac und ich sind keine Streithammel vom Dienst, überhaupt nicht. Mac ist mein Freund, seit wir uns kennen. Nicht, Mac, stimmt doch?“

„So isses!“ bestätigte Mac und hatte auch ein Choralsängergesicht, allerdings mehr mit Tendenz zum Klagelied. „Seit langen Zeiten sind Ed und ich einander in unverbrüchlicher Freundschaft zugetan. Durch dick und dünn gehen wir, einer ist der Schild des anderen – und seien der Feinde noch so viele!“

„Jawohl“, sagte der Profos und war ganz gerührt, weil Mac so schön und so gesalbt gesprochen hatte.

„Mir kommen gleich die Tränen“, sagte Philip Hasard Killigrew. „Aber glaubt bloß nicht, mir was vorschwindeln zu können, ihr scheinheiligen Schlitzohren. Es bleibt dabei – beim nächsten Krach bin ich der Knüppel aus dem Sack, und ich schätze, da wird auch der Schild des anderen wenig Deckung geben.“

„Sir“, versicherte der Profos mit seiner bekannten Treuherzigkeit, „es gibt keinen Krach zwischen Mac und mir – es hat nie einen gegeben, ehrlich!“

„Und was war das eben, mein lieber Ed?“

„Eben? Oh, das war eine Unterhaltung, weißt du? Wir unterhalten uns viel, Mac und ich, weil das für uns beide so anregend ist. Nicht, Mac?“

Auch das bestätigte Mac, und er fügte hinzu: „Es ist nicht nur anregend, Sir, wir tauschen auch Erfahrungen aus, wie sich das für gute Freunde gehört.“

Hasard nickte. „Über Waschfrauen, nicht? Über Schlampen und Ladys aus den besseren Kreisen. Ich erinnere mich, daß du bei eurer Unterhaltung, die dem Erfahrungsaustausch galt, viel geschrien hast, Mac.“

„Ich?“ Mac Pellew wirkte etwas durcheinander. Hilfesuchend blickte er zu Carberry.

Klar, daß der seinem „Freund“ beisprang, wiederum mit einem ziemlich faulen Ei.

„Sir!“ dröhnte er. „Mein Freund Mac muß ab und zu bei unserer anregenden Unterhaltung etwas schreien, weil ich zeitweise Störungen beim Zuhören habe.“

Der Kutscher räusperte sich, hatte einen düsteren Blick drauf und sagte: „Typischer Fall von Verstopfung des meatus auditorius externus mit cerumen auris.“ Er nickte dazu und runzelte die Stirn.

„Was, wie?“ schnappte Carberry. „Was hast du gesagt, Himmel-Ar… Äh, Arche Noah! Mußt du immer so kariert daherreden?“

„Ich sprach“, sagte der Kutscher gemessen, „von einer Verstopfung des äußeren Gehörgangs mit Ohrenschmalz – cerumen auris –, welchselbiges vermutlich in reichlicher Anhäufung, verdickt und verklumpt vorhanden ist und zumeist zu Schwerhörigkeit, Ohrensausen, Kopfschmerzen und Schwindel führt. Klar, daß mit einem solchen Leiden behaftete Menschen sehr leicht von der Rah fallen, ganz abgesehen davon, daß sie bei temporärer Taubheit möglicherweise wichtige Befehle überhören.“ Der Kutscher blickte zu Hasard. „Ein sehr ernster Fall, Sir!“

„Das ist mir klar geworden“, sagte Hasard, grinste innerlich, weil er sehr genau wußte, daß der Kutscher den schlitzohrigen Profos nageln wollte, und hieb in die gleiche Kerbe: „Du denkst an einen operativen Eingriff zur Heilung dieses Leidens, nicht wahr?“

„So ist es, Sir. Ich kann es in meiner Eigenschaft als Feldscher hier an Bord nicht verantworten, wenn ein Mann der Crew mit einem Ohrenleiden dahinsiecht oder sich womöglich das Genick bricht …“

„Ich habe kein Ohrenleiden!“ brüllte der Profos, dem längst schwante, daß es ihm jetzt an den Kragen ging. Das fehlte noch, daß ihm dieser Knochenflicker im Ohr herumfummelte und nach angeblich vorhandenen Dingsbums-Schmalz pulte.

„Was brüllst du denn so, Mister Carberry?“ fragte der Kutscher freundlich. „Ich bin nicht schwerhörig.“ Er betonte das „Ich“. Und er fügte hinzu: „Du sagtest eben selbst, du habest zeitweise Störungen beim Zuhören. Hast du sie nun, oder hast du sie nicht?“

Damit schnappte die Falle zu, eine Falle, die der Profos selber aufgebaut hatte. Und nun zappelte er und schwitzte Blut und Wasser. Was sollte er jetzt antworten? Dem dusseligen Mac Pellew fiel auch nichts ein, der schielte auf seine Latschen, die er mit den Spitzen nach innen gestellt hatte. Der stand da, als habe er sich in die Hosen gemacht. Der Profos knurrte.

„Ja?“ fragte der Kutscher aufmerksam. „Wolltest du etwas sagen – oder hast du meine Frage nicht verstanden? Hm-hm, offenbar ist der Fall noch ernster, als ich dachte. Vermutlich sind beide Gehörgänge verklumpt.“ Er trat ein paar Schritte zurück und flüsterte: „Kannst du mich hören, Mister Carberry?“

„Ja.“ Das klang ziemlich gequetscht.

„Hm. Drehe mir mal das rechte Ohr zu. Welche Zahl nenne ich jetzt?“ Und er flüsterte: „Sechs!“

„Sechs!“

„Jetzt bitte das linke Ohr. Welche Zahl?“ Eine geflüsterte „Acht“ folgte.

„Acht!“ sagte der Profos wütend.

„Wenn es sich um temporäre Störungen handelt“, sagte der Kutscher, „dann hast du zur Zeit eine Phase des Scharfhörens, Mister Carberry. Trotzdem muß ich deine Gehörgänge untersuchen und eine Sonde einführen.“

„Sonde?“

„Richtig. Du hörst im Moment wirklich sehr gut. Ja, eine Sonde. Das ist ein dünnes, rundes und sehr langes Stäbchen aus Silber oder Fischbein, das den Arzt in die Lage versetzt, tiefere Wunden und Eitergänge sowie Kanäle und Höhlen des Körpers zu untersuchen. Es dient auch als Leitungsinstrument für Skalpelle, falls geschnitten werden muß.“

„Bei mir wird weder eingeführt noch geschnippelt“, entschied der Profos.

„Das wird sich nicht umgehen lassen“, entgegnete der Kutscher kühl. „Mac, hol die Sonde! Ich werde den Eingriff gleich hier an Deck vornehmen – wegen des besseren Lichtes, das mir in der Krankenkammer nicht gut genug ist. Könnte sonst passieren, daß ich mit der Sonde das Trommelfell durchstoße und bis ins Gehirn vordringe.“ Der Kutscher räusperte sich. „Das nennt man dann einen Kunstfehler, wie er immer mal passieren kann.“

Mac Pellew und der Profos wechselten stumme Blicke.

Na, wie war das jetzt? Wenn Mac losschlurfte, um die verdammte Sonde zu holen, die „bis ins Gehirn“ vordringen konnte, dann war’s Essig mit der „unverbrüchlichen Freundschaft durch dick und dünn.“

Mac straffte sich und sagte pampig: „Ich geh nicht! Hol doch selbst die Sonde, Mister Kutscher. Ich will nicht schuld sein, wenn dir bei meinem Freund Ed ein Kunstfehler passiert. Ich nicht! Wer bin ich denn? Außerdem ist das alles ein Scheiß! Jawohl, ein Scheiß! Ich“, Mac tippte sich auf die Brust, „ich habe nur geschrien, weil ich dachte, mein Freund Ed sei schwerhörig. Ich dachte das, aber beim Denken kann man sich ja mal irren oder so. Nicht? Und nun hab ich mich geirrt, was noch lange kein Grund ist, meinem Freund Ed ’ne Sonde ins Gehirn zu rammen.“

Da schritt der Profos mit ausgebreiteten Armen auf seinen lieben Freund Mac zu, quetschte ihn an seinen mächtigen Brustkasten und dröhnte: „Du bist mein Blutsbruder, Mackileinchen, du gehst durch dünn und weniger dick mit mir – und seien der Feinde unzählige, wir treten sie in den Boden wie unzüchtiges Gewürm!“

„Geschmeiß!“ gurgelte Mac an der breiten Brust des Profos.

„Natterngezücht!“ tönte der Profos und strahlte wie die Posaune von Jericho, blankgeputzt, versteht sich.

In die Stille nach dem Lachsturm klang Hasards Stimme. Er sagte: „Fürwahr, meine Bemerkung über unsere beiden Streithammel vom Dienst muß ich wohl revidieren, dafür erlaube ich mir, hiermit festzustellen, daß sich die beiden größten Lügenbolde in unserer Crew gesucht und gefunden haben. Und es ist als ein Wunder zu bezeichnen, daß das Kielschwein vor Empörung noch nicht gehustet hat. Bleibt nur festzustellen, ob sich die Decksbalken gebogen haben, wie das ja passiert, wenn Lügendrescher am Werk sind und uns erzählen, daß Kühe Eier legen und Hühner Milch geben können!“

„Das, Sir, würde ich nie zu behaupten wagen“, versicherte der Profos mit treuherziger Miene. „Das wäre wirklich ein dicker Hund.“

„Richtig, ein so dicker Hund wie deine Schwerhörigkeit, mein lieber Ed“, sagte Hasard.

Da hielt der Profos doch lieber das Maul.

2.

Dank des Regens war also die Trinkwasserversorgung an Bord der „Santa Barbara“ sichergestellt. Alle Fässer hatten gefüllt werden können. Nur – an diesem schönen Regentag und auch am nächsten Tag blieb der Wind mal wieder aus, oder er dröselte so ein bißchen herum, als lege er’s darauf an, die Arwenacks raten zu lassen, aus welcher Richtung er endgültig zu wehen geruhe.

Scheißspiel, lautete der Kommentar Edwin Carberrys.

Indessen bahnte sich etwas anderes an, und das hing mit den Hühnern an Bord der „Santa Barbara“ zusammen. Diese Hühner befanden sich seit der Abfahrt von Ponape auf der „Santa Barbara“ – zwanzig Eierleger und ein Hahn, untergebracht in einem Verschlag, den Ferris Tucker gezimmert hatte.

Daß diese Gackerer und Eierleger an Bord waren, das hatten die Arwenacks der Vor- und Fürsorge des Kutschers zu verdanken, der sich für das leibliche Wohl der Mannen verantwortlich fühlte, vor allem seit der Durst- und Hungerstrecke nach Verlassen des Golfes von Tehuantepec.

Einerseits waren die Eier, gebraten oder gekocht oder als Rührei zubereitet, nun wirklich eine paradiesische Speisezugabe im täglichen Bordverzehr. Andererseits jedoch fühlten sich einige Arwenacks genervt, weil ihnen das übliche Palaver der Eierleger auf den Geist ging. Dazu gehörte insbesondere der morgendliche Hahnschrei, mit dem Don Philipp seinen Harem zu begrüßen pflegte, wenn die Sonne kurz unter der Kimm stand.

Don Philipp war sinnigerweise der Hahn von den Arwenacks getauft worden, weil sie meinten, er spreize sich genauso wie die Allerkatholischste Majestät. Es war schon merkwürdig, wie die Mannen des Seewolfs ihr Bordgetier manchmal vermenschlichten.

Aber weiter im Text.

Wenn Don Philipp mit Flügelschlagen und gerecktem Hals den neuen Morgen bekräht hatte – ihm war eine kräftige Stimme eigen –, dann folgte als nächstes prompt und zuverlässig eine geharnischte Schimpfkanonade Sir Johns, und wenn der losplärrte, dann wurde auch der letzte Schläfer aus der Koje gescheucht. Er war dann keineswegs fröhlich, mitnichten, er hatte Mordgelüste. Und er schwor zumeist, entweder Don Philipp oder Sir John oder beiden den Hals umzudrehen. Doch der mörderische Vorsatz war vergessen, sobald sich der herrliche Duft von gebratenen Eiern mit Speck aus der Kombüse über die Decks verteilte.

Übrigens versorgte Mac Pellew das Hühnervolk. Na klar doch, hatte er doch einst beim Hühnervolk der „Golden Hen“ tatsächlich goldene Eier aus dem Gelege geangelt, von denen er bis heute nicht wußte, daß sie ihm „sein lieber Freund“ Carberry untergejubelt hatte.

Mac Pellew gehörte auch nicht jener Gruppe an, denen das Palaver des Hühnervolks oder das Gekrähe Don Philipps auf den Geist ging. Und auch der Profos fühlte sich nicht genervt – konnte er gar nicht, weil sein „Sir Jöhnchen“ der andere Nervtöter vom Dienst an Bord der „Santa Barbara“ war. Außerdem war der Profos viel zu versessen auf Eier – vor allem auf gebratene –, um über das Hühnervolk samt Hahn zu motzen. So waren denn Mac Pellew und der Profos traut vereint im Kampf gegen jene, die dem Hühnervolk an die Federn wollten.

Speerspitze der genervten Gruppe war Smoky, der Decksälteste. Dies war nicht weiter verwunderlich: Ein unverbrieftes Gesetz auf den Segelschiffen aller seefahrenden Länder besagte, der Decksälteste als König über das Vorschiffsvolk habe das Recht, auch fünf bis zehn Minuten nach dem Wecken noch der Ruhe in der Koje zu pflegen.

Von gepflegter Ruhe für Smoky nach dem Hahnschrei Don Philipps und dem Gekreische Sir Johns konnte überhaupt keine Rede mehr sein. Außerdem schien bei ihm irgendein Nerv, vielleicht bei einem Backenzahn, bloßzulegen, weil er bereits zusammenzuckte und den Kopf einzog, sobald nur eins der Hühner tagsüber ein bißchen anfing, herumzupalavern.

Sicher doch, solche Laute vom Federvieh klingen tranig oder nölig oder auch aufreizend – je nach Empfindlichkeit des menschlichen Gehörs.

So ein anderes „Sensibelchen“ war außerdem Old Donegal Daniel O’Flynn, was bei dem jedoch auch nicht weiter verwunderlich war, denn der reagierte ja bereits, sobald eine Kakerlake hustete oder Schluckauf hatte.

Wenn sich Smoky lediglich über das Glucken, Glucksen oder Kollern aufregte – alles Laute des Wohlbehagens beim Federvieh –, dann deutete Old Donegal solche Äußerungen der Eierleger bereits als Vorboten drohenden Unheils.

Was Don Philipp betraf, da verkündete Old Donegal an diesem Morgen nach dem Regentag, der habe anders gekräht als sonst.

„Wie anders?“ erkundigte sich der Profos.

Old Donegal hatte seinen sinnentrückten Blick drauf – den düsteren – und murmelte: „Es klang, als schwane ihm was!“

„Mein lieber Schwan“, sagte der Profos grinsend.

Aber Old Donegal ignorierte diese unpassende Bemerkung. Er hatte jetzt die Augen zusammengekniffen, den Kopf vorgereckt und lauschte zum Hühnerverschlag.

„Sie gackern auch anders“, sagte er mit dumpfer Stimme, „anders als sonst.“

„Dann haben sie ebenfalls Schwanungen“, sagte der Profos.

Old Donegal drehte den Kopf zum Profos und wirkte irritiert. „Was haben die?“

„Schwanungen.“

„Was soll das denn sein?“

„Schwanung“, erklärte der Profos mit belehrendem Ton, „ist das Hauptwort von schwanen. Wenn einem was schwant, dann hat er Schwanungen. Ist doch ganz klar, was, wie?“

„So ein Quatsch!“ schnappte Old Donegal. „Das Wort gibt’s überhaupt nicht. Einer, der träumt, hat auch keine Träumungen.“

„Nein, der hat Träume, da fällt das ‚Ungen‘ weg“, sagte der Profos ungerührt, „aber einer, bei dem sich was bläht, der hat Blähungen.“

„Kolossal geistreich!“ fauchte Old Donegal.

„Bin ich immer“, sagte der Profos freundlich.

In diesem Moment stimmte Don Philipp einen weiteren Weckruf an, und da lauschte nun auch der Profos ein wenig verwundert, denn das klang wie eine zornige Kampfansage.

Old Donegal frohlockte. „Hast du’s jetzt gehört?“

„Bin ja nun wirklich nicht taub“, brummte der Profos und bestätigte damit, daß er gestern kaltblütig geflunkert hatte. Das fiel ihm in diesem Augenblick auch ein, aber Old Donegal griff diesen Faden gottlob nicht auf, der war viel zu versessen auf seinen schwanenden Don Philipp.

Bevor Old Donegal nunmehr ein Orakel verkünden konnte, schoß Smoky aus dem Vordeck wie ein angesengter Affe und brüllte: „Ich schwör’s – ich erwürg das Vieh, das verdammte! Kaum hat man sich mal schlafen gelegt, da muß dieser dusselige Gockel schon wieder loskrakeelen. Ich halt das nicht mehr aus!“

„Smoky“, sagte der Profos und dehnte die breite Brust, so daß das neue Hemd spannte, „Smoky, das will ich überhört haben – von wegen, du hättest dich kaum schlafen gelegt! Du hattest keine Wache und hast von gestern abend acht Uhr an bis heute morgen durchgepennt und geschnarcht, daß ich’s bis in meine Kammer gehört habe.“

„Ich schnarche überhaupt nicht!“ empörte sich Smoky.

„Und ob du schnarchst, du schnarchst wie ein Wildeber in der Suhle“, verkündete der Profos.

„Stimmt!“ sagte Mac Pellew, der die Kombüse verlassen hatte und mit einer Holzschüssel unter dem Arm den Hühnerschlag ansteuerte, um wie jeden Morgen die gelegten Eier einzusammeln. „Stimmt genau, Ed“, bekräftigte er, „dieser Mister Smoky schnarcht wie ein Wildeber in der Suhle oder wie’n Bulle, der von der Kuh verführt wird.“

Mac nickte grämlich zu seinen eigenen Worten, doch dann geschah das, was Smoky schon befürchtete, weil’s ihn gleichfalls nervte: Macs Gesicht nahm einen Ausdruck an, den Smoky bereits mehrere Male mit „bescheuert“ bezeichnet hatte, und er setzte zur morgendlichen Begrüßung des Federviehs an.

Das spielte sich wie folgt ab: Mac begann zu glucksen und zu kollern und ruckte auch den Kopf vor und zurück wie ein Huhn.

„Gack-gack-gack!“ tönte er. „Ei-ei, wo sind denn meine Gackileins – gluck-gluck-gluck? Haben sie feine Eierchen gelegt – gicks-gicks-gicks? Und gut geschlafen – girre-gurre-garre? Und Don Philippchen – tuck-tuck-tuck – krä-krä-krä …“

„Uaahh!“ röhrte Smoky. „Dieser Blödmann! Jetzt geht das wieder los, dieses Gelaber! Kriech doch gleich selber in den Verschlag und spiel Hahn und Henne, du beknackter Transack!“

Old Donegal kicherte. „Der bringt’s glatt fertig und legt Eier, ei-ei-ei-gicks-gacks-gucks!“

Schon wollte Carberry loslegen, um seinen Freund Mac zu verteidigen, doch er zögerte, denn Mac starrte so merkwürdig in den Verschlag. Und jetzt drehte er sich um und sagte leise: „Ed!“

„Ja? Was ist los?“

„Komm mal! Schau dir das an!“ Mac deutete in den Verschlag.

Kein Zweifel, Hahn und Hühnervolk waren irgendwie unruhig. Und warum das?

Carberry fluchte, als er entdeckte, was Mac meinte.

Da lag ein totes Huhn am Boden des Verschlags. Die Kehle war blutig und sah zerfetzt aus. Das war aber noch nicht alles: überall lagen zerborstene Eier herum, zum Teil ausgelaufen, zum Teil aber auch geradezu säuberlich abgeputzt.

Auch Old Donegal und Smoky starrten.

Und schon legte Old Donegal los: „Ich hab’s geahnt, ich hab’s gewußt! Das Unheil nimmt seinen Lauf, wehe-wehe!“ Und er deklamierte mit erhobenem Zeigefinger, den er wie einen Taktstock bewegte: „Wo des Morgens laut die Hähne schrei’n, da wird Gevatter Tod zur Stelle sein!“

„Hoffentlich holt er dich als ersten!“ fuhr ihn Carberry an, bekam plötzlich schmale Augen und fragte gefährlich leise: „Steckt ihr etwa dahinter?“

„Hinter was?“ Smoky fragte das.

„Hinter dieser Sauerei hier.“

„Du meinst, Old Donegal und ich hätten diese Gackerschnepfe abgemurkst und die Eier zertöppert?“ fragte Smoky.

„Liegt doch nahe, oder? Vor allem bei dir. Wer sauste denn eben wie ein Verrückter an Deck und verkündete – er schwor’s sogar –, Don Philipp zu erwürgen, he? Warst du das nicht, Mister Smoky?“

Smoky wurde frech. „Na und? Ist der Gockel erwürgt? Ist er nicht. Außerdem habe ich geschlafen – du hast mich sogar schnarchen hören.“

„Vielleicht hast du einen von den Kerlen bestochen, das Huhn abzumurksen“, sagte Carberry lauernd. „Wie wär’s denn mit Luke Morgan, der plustert sich doch auch dauernd über das Gegacker auf, sobald du nur das Maul aufreißt, na?“

„Du hast ja Bollen im Schädel!“ erklärte Smoky wild.

Carberrys Rechte zuckte vor, verkrallte sich in Smokys Hemd und drehte ihm den Kragen zu. Das ging sehr schnell, und im Nu hatte Smoky einen roten Kopf und dicke Augen. Und er begann in dem mörderischen Griff Carberrys zu zappeln.

„Halt mal, Ed!“ rief Mac Pellew. „Ich hab was entdeckt! Ein Loch! In der Rückwand!“

Carberry stieß Smoky von sich, so daß der rückwärts törnte und gegen die Nagelbank vom Großmast prallte, wo er sich das Kreuz verbog. Ed wandte sich wieder dem Verschlag zu.

Mac hatte recht. Dort war ein Loch, wie gefräst sah das aus, fast kreisrund. Gestern war es noch nicht dagewesen.

Mac und Carberry blickten sich an.

„Was meinst du, Mac?“ fragte Carberry.

„Ratten“, erwiderte Mac zwischen zusammengebissenen Zähnen. Er zischte es heraus wie Gift und Galle. „Wir hatten heute nacht alle Luken und Schotts auf, um das Schiff durchzulüften. Da müssen die Biester an Deck gehuscht und beigegangen sein, den Verschlag durchzunagen. Scheiße, verdammte!“

Carberry nickte, drehte sich langsam zu Smoky um, der sich das Kreuz rieb und noch an der Nagelbank stand, und sagte: „Wer hatte heute nacht Wache?“

„Wieso?“

„Frag nicht so dämlich!“ brüllte Carberry. „Ich will wissen, wer heute nacht Wache hatte, verdammt noch mal!“ Der Profos war in Braß, und wie er in Braß war!

Smoky legte die Ohren an und sagte: „Von acht bis zwölf hatte Gary Andrews Wache, von zwölf bis vier Paddy Rogers und von vier bis acht Sam Roskill.“

„Hol sie her, alle drei!“ Und als Smoky dumm glotzte, brüllte der Profos: „Wird’s bald, Mister Deckältester?“

Smoky sauste ab. Jetzt war wirklich Gefahr im Verzug. Dieses Monstrum von Profos hatte noch mehr als nur voll aufgebraßt. Eine Minute später bauten sich die drei Arwenacks vor ihrem Profos auf der Kuhl auf, Sam Roskill noch verschlafen, aber er hatte ja auch bis acht Uhr die Morgenwache gehabt und nur eine halbe Stunde auf dem Ohr gelegen.

„In die Achterwand des Hühnerverschlags“, begann Carberry mit grollender Stimme, „haben heute nacht Ratten ein Loch genagt, sind über die Eier hergefallen und haben einem Huhn die Kehle durchgebissen.“ Der Profos musterte die drei Kerle, als habe er die Absicht, ihnen ebenfalls die Kehlen durchzubeißen. „Einer von euch“, sagte er lauernd, „muß auf seiner Wache Klüsen und Lauscher dichtgeklappt und verdammt getorft haben. Wer wohl?“

Die drei Arwenacks starrten verdutzt.

Dann sagte Gary Andrews: „Bei mir nicht, Profos. Ich war hier auf der Kuhl. In diesen vier Stunden hat sich im Hühnerverschlag nichts getan, gar nichts.“

„Bei mir auch nicht“, sagte Sam Roskill. „Bei den Hühnern war alles ruhig.“ Er grinste. „Allerdings hielt ich es nicht für nötig, zu kontrollieren, ob sie schlafen. Also habe ich auch nicht hineingeschaut.“

Paddy Rogers war dran, Paddy, der so gerne aß – auch Spiegeleier wie der Profos –, jedoch meist hinterherhinkte, wenn schnelles Denken gefordert wurde. Wie jetzt. O Gott, was war da passiert? Kehle durchgebissen?

Paddy starrte den Profos unglücklich an, kratzte sich hinter dem linken Ohr, zupfte an der Nase, schielte dann zum Verschlag und druckste herum.

„Ja“, murmelte er, „ja doch.“ Jetzt begann er, seine Finger langzuziehen. Als es knackte, zuckte auch der Profos zusammen, Smoky sowieso, aber bei ihm lagen ja schon seit einigen Tagen die Nerven bloß.

„Laß das!“ fuhr der Profos den guten Paddy an.

Paddy versteckte hastig seine Hände hinter dem Rücken und sah noch unglücklicher aus.

Der Profos wurde ungeduldig.

„Wenn du ’ne Maulsperre hast, kann ich dir die Luke ja mal mit ’nem Kuhfuß aufhebeln“, sagte er ruppig.

Jack Finnegan, Paddys Freund, tauchte auf. Er hatte gehört, was der Profos gerade gesagt hatte. Außerdem hatte sich sehr schnell herumgesprochen, was passiert war. Die Mannen versammelten sich auf der Kuhl. Es lag ja sonst nichts an, allenfalls das morgendliche Reinschiff. Zu segeln gab’s nichts, die Segel flappten, die „Santa Barbara“ wurde bekalmt.

Auf dem Achterdeck erschien Philip Hasard Killigrew.

Jack Finnegan sagte: „Mister Profos, wenn du Paddy an die Wäsche gehst, dann hast du’s mit zwei Kerlen zu tun – der zweite bin ich, damit du klar siehst.“

Der Profos schnappte verblüfft nach Luft.

Jack Finnegan beachtete ihn nicht weiter, wandte sich seinem Freund Paddy zu und sagte: „Erzähl mal, Paddy. Hast du während deiner Wache was bemerkt?“

Paddy nickte eifrig. „Jaja, da war mal was.“

„Und was?“

„Ich hörte was im Verschlag. Nach den zwei Glasen um ein Uhr war das. Aber was Genaues hab ich nicht gehört, weil – weil der Mister Smoky so laut schnarchte. Waren ja alle Luken auf, nicht? Und ich stand auf der Back. Ja, und dann …“ Paddy verstummte.

„Ja? Dann?“ fragte Jack freundlich.

Paddy knautschte an seinem Ohr herum, dieses Mal am rechten.

„Ja, dann rappelte es noch mal im Verschlag“, sagte Paddy. „Diese dummen Hühner, dachte ich, vielleicht war da eins im Schlaf von der Stange gefallen, nicht? Und das hat die anderen geärgert, weil sie aufgeweckt wurden, nicht? Ich ärgere mich auch immer, wenn ich aus dem tiefsten Schlaf gescheucht werde. Das weißt du doch, Jack, nicht?“

„Ja, das weiß ich“, sagte Jack sanft. „Und weiter?“

„Weiter? Ach so, ja, da hab ich von der Back aus mal kurz aufs Dach vom Verschlag gehämmert, mit ’ner Spillspake – bumm-bumm-bumm! Und von da an war Ruhe. Mehr weiß ich auch nicht.“

Jack Finnegan nickte, drehte sich langsam zu Carberry um und sagte: „Das war’s wohl, Mister Profos. Damit dürfte wohl klar sein, daß Paddy auf Wache nicht geschlafen hat.“

„Das nicht“, grollte der Profos, „aber er hat sich dämlich verhalten – klopft mit ’ner Spillspake aufs Dach von dem Kasten! So ein Käse!“

„Ach ja?“ sagte Jack Finnegan so ein bißchen ironisch. „Was hättest du denn getan, Mister Profos? Den Hühnerchen ein Schlaflied gesungen oder was?“

„Werd’ nicht kiebig, Mister Finnegan“, sagte der Profos scharf. „Ich hätte zumindest nachgeschaut, was da los ist.“

„Es war ja nichts mehr los. Nach dem Pochen von Paddy herrschte Ruhe“, entgegnete Jack Finnegan. „Na schön, du hättest also nachgeschaut – und festgestellt, was passiert ist. Und dann? Hättest du noch etwas ändern können? Wärst du noch in der Nacht auf Rattenjagd gegangen? Doch wohl kaum. Jetzt nimm mal einen anderen Fall an. Nimm an, irgendwelche Kerle wollen die ‚Santa Barbara‘ entern, aber der Posten auf der Back stört sie. Was tun sie? Sie locken ihn mittels irgendwelcher Geräusche auf die Kuhl. Und da hauen sie dir einen Knüppel über den Schädel!“

„Wieso mir?“

„Du mußtest ja unbedingt nachschauen, nicht?“

Der Profos schnappte ein zweites Mal nach Luft. „Mann, das ist doch an den Haaren herbeigezogen!“

„Finde ich nicht!“ Philip Hasard Killigrew stieg über den Niedergang vom Achterdeck zur Kuhl hinunter. Er hatte bisher schweigend zugehört, informiert war er inzwischen. „Es empfiehlt sich immer, vor allem nachts auf Wache, unüblichen oder außergewöhnlichen Geräuschen gegenüber mißtrauisch zu sein. Zu schnelle Neugier kann sich tödlich auswirken – das ist es, was Jack mit seinem Beispiel sagen wollte. Die Verhaltensweise von Paddy, mein lieber Ed, war keineswegs verkehrt. Er hat von der Back aus mit der Spillspake für Ruhe gesorgt. In Ordnung. Ich glaube, daß er damit die Ratten verjagt hat. Aber daß es Ratten waren, das hätte wohl keiner von uns für möglich gehalten. Ich schätze, daß sie’s auf die Eier abgesehen hatten. Vermutlich hockte die Henne, die getötet wurde, noch auf ihrem Gelege und wurde wild. Gleichviel, wir können es nicht mehr ändern. Aber wir werden erstens das Loch wieder abdichten, zweitens die untere Umwandung verstärken und drittens zur Jagd blasen. Alles klar, Ed?“

„Aye, Sir, alles klar!“ schmetterte der Profos und rieb sich die mächtigen Pranken, als könne er’s kaum erwarten, den Ratten zum Tänzchen aufzuspielen.

„Nach dem Frühstück, Ed“, sagte Hasard. „Bei der Flaute haben wir mal wieder viel Zeit.“

„Heute gibt’s keine Eier zum Frühstück“, maulte Mac Pellew und starrte düster in den Verschlag. „Da könnt ihr euch bei den verdammten Ratten beschweren, Leute.“

Es war gut, daß Mac darauf hinwies. Das heizte die Jagdstimmung an. Sie schauten alle ziemlich grimmig drein, die Arwenacks.

Das änderte sich auch nicht, als der Kutscher erklärte, diese Eierfresserei sei sowieso ungesund, jedenfalls auf Dauer, das habe auch Doc Freemont immer gesagt.

„Und was gibt’s zum Frühstück?“ erkundigte sich Paddy Rogers. Er sah fast so grämlich aus wie Mac. Und das wollte viel heißen.

Mac musterte ihn von oben bis unten und zurück und erwiderte: „Ich geb dir Zucker, Mister Rogers, den kannst du mit der Eierpampe hier im Verschlag verrühren, dann hast du leckeres Zuckerei. Das stärkt die Manneskraft, und du erfüllst einen guten Zweck.“

„Guten Zweck?“ fragte Paddy.

„Richtig, dann wird nämlich gleich der Verschlag gereinigt, und anschließend darfst du das tote Hühnchen rupfen, das der Kutscher und ich heute mittag zu ’ner chinesischen Hühnersuppe verarbeiten werden. Won Ton heißt die.“

Mit einem Räuspern sagte der Kutscher: „Ich schlage Mulligatawny-soup vor, Mac, nicht Won Ton. Die Mulligatawny-soup gibt mehr her. Die Zutaten haben wir – Rüben, Zwiebel, Sellerie, Curry und so weiter und so weiter.“

„Du meinst die indische Geflügel-Creme-Suppe?“ fragte Mac.

„Genau die.“

Paddy Rogers blickte lüstern. „Ist dieses Mulli-Dings scharf?“

„Scharf wie Nachbars Wau-wau!“ sagte Mac Pellew. „Und Nachbars Wau-wau ist noch jedem Schnapphähnchen an die Hose gegangen.“

Da war Paddy endlich beruhigt – und daß die anderen grinsten, berührte ihn nicht. Er reinigte den Verschlag. Und wenn Paddy etwas anpackte, dann tat er das gründlich und gewissenhaft. Außerdem war er ein feiner Kerl, nur eben ein bißchen verfressen und etwas hintenan, wenn schwere Denkarbeit gefordert wurde. Allerdings hatte er die Arwenacks schon einmal mit seinen Rechenkünsten in Erstaunen versetzt.

Im übrigen gab’s zum Frühstück gebratene Speckscheiben und dazu geröstete Bataten. Natürlich futterte Paddy kein „leckeres Zuckerei“, von lecker konnte bei den ausgelaufenen Eiern am Boden des Verschlags auch keine Rede sein. Schließlich pflegten Hühner wie jegliches Getier zu verdauen, und das Verdaute konnte Paddy schlecht mit Zucker, Eigelb und Eiweiß verquirlen. Eine schöne Eierspeise wäre das geworden! Pfui Teufel, Paddy kippte das ganze Zeug außenbords.

3.

Nach dem Frühstück lösten die Mannen die Taue, mit denen der Hühnerverschlag vor der Rückwand der Back auf der Kuhl fest verzurrt war und schoben ihn mehr nach mittschiffs, damit Ferris Tucker vor allen Seiten herankonnte. Er hatte auf der „Santa Barbara“ in einer Last im Vorschiff Kupferblech gefunden, ein ideales Material, um den Unterbau des Verschlags zu verkleiden. Mit Big Old Shane schnitt er passende Stücke zurecht.

Indessen wurde Plymmie von den Junioren auf die Spur gesetzt – von der Stelle aus, wo am Fuß der Back die Reste der Holzsplitter lagen, die von den Ratten herausgenagt worden waren. Plymmie schnürte, die schnüffelnde Schnauze auf den Planken, kreuz und quer über die Kuhl und schien einzelne Spuren zu verfolgen. Aber alle Spuren führten einerseits letztlich dorthin, wo das Loch in der Rückwand des Verschlags genagt worden war, und andererseits zur Luke mittschiffs vorm Großmast, und zwar zu einer Stelle, wo sich am achteren Süllrand der Luke unter Deck ein Stützbalken befand.

„Na?“ fragte Vater Hasard seine Söhne.

„Die Biester“, sagte Philip junior, „sind vom Laderaum mittschiffs an dem Stützbalken hochgeklettert und um das achtere Lukensül herum auf die Kuhl gelangt.“

„Stimmt“, sagte Hasard junior, „die Lukengräting samt Persenning war ja die Nacht über entfernt worden, um die Unterdecksräume zu durchlüften. Durch die Gräting können sie normalerweise nicht, weil die Zwischenräume zu eng sind. Da passen nur Mäuse durch. Wenn wir Gräting und Persenning nicht abgenommen hätten, wäre das alles nicht passiert.“

Carberry schnaufte. „Wenn – wenn! Wenn ich Flügel hätte, wäre ich ’n Engelein!“

„Wohl eher ’n Drache!“ motzte Smoky, der vom Aufprall gegen die Nagelbank Schmerzen im Kreuz hatte und zur Zeit dem Profos ziemlich gram war.

Old Donegal stieg gleich voll mit ein, um Smoky zu unterstützen.

„Oder ’n Geier!“ sagte er.

Wenn sie gehofft hatten, der Profos würde reagieren und in die Luft gehen, dann hatten sie Pech gehabt. Carberry spuckte gelangweilt über Bord und übertönte die beiden Vergleiche.

Statt dessen sagte er: „Dann sollte Plymmie jetzt im mittleren Laderaum weiterschnüffeln, was, wie?“

So geschah’s auch. Eine Viertelstunde später hatte Plymmie den „Standort“ der Ratten geortet, nachdem sie Zwischendeck und die Räume des Unterdecks abgeschnüffelt hatte. Die Biester hockten zwischen den mittleren Bodenwrangen in der Bilge, an die kein Mensch herankonnte, es sei denn, man nahm das ganze Kielschwein bis zum Kiel auseinander, was ein Unding war.

Aber man konnte die Ratten aus ihrem Unterschlupf vertreiben, und das packten die Mannen an: Sie setzten die Bilge unter Wasser. Das geschah, indem sie eimerweise Wasser in die drei Pumpenschächte kippten – zwei Lenzpumpen befanden sich an Backbord und Steuerbord hinter dem Großmast, eine stand in Höhe des Besanmastes im Zwischendeck. Klar, das Wasser würden sie später wieder außenbords pumpen müssen, aber das mußte in Kauf genommen werden.

Als die Bilge überschwappte, ging der Rummel los.

Die Eierräuber und Huhntöter flitzten aus allen möglichen Ecken. Plymmie war die erste, die eine Ratte schnappte, ihr das Genick brach, sie im Fang hin und her schleuderte und dann losließ. Sinnigerweise flog sie Smoky an den Hals, der darob ein wüstes Gebrüll anstimmte.

Aber gebrüllt wurde eh – und zugedroschen. Die Mannen hatten sich mit Spillspaken bewaffnet. Bob Grey allerdings nagelte eine Ratte mit einem Messerwurf auf den Bodenplanken fest, während Matt Davies und Jeff Bowie ihre Prothesenhaken einsetzten und Mac Pellew mit einem Schürhaken zuschlug.

Auf der ersten Strecke blieben fünf Ratten. Der nächste Gang würde an Oberdeck stattfinden. Denn jetzt sollten Unterdeck und Zwischendeck unter Rauch gesetzt werden. Klar, daß die Mehrzahl der Biester zwischen Kisten, Fässer und in sonstige Verstecke geflüchtet war, wo man sie auf Anhieb nicht erwischen konnte.

Die Mannen verteilten Kohlebecken in den Unterdecksräumen. Über die glühende Holzkohle – leider hatten sie kein Schwefel an Bord – wollten sie Schießpulver streuen, das einen beizenden Gestank entwickeln würde. Das war Al Conroys Idee gewesen, und Hasard hatte zugestimmt. In den Becken würde das Pulver nur hochpuffen. Es war ungefährlich.

Hasard kontrollierte die Aufstellung der Becken. Außerdem wurden wieder Pützen mit Wasser gefüllt, um sie sofort zur Hand zu haben, sollte sich irgendwo unvorhergesehen ein Feuerchen entwickeln.

Auf einer Pütz hockte Old O’Flynn, als sei er am Eierlegen.

„Ich brauche die Pütz!“ knurrte ihn Carberry an.

„Geht nicht“, erklärte der Alte.

„Dann bleib auf deinem Affenarsch sitzen und laß dich räuchern!“ fauchte Carberry. „Oder hast du noch nicht kapiert, was jetzt läuft?“

„Doch, das schon“, sagte Old Donegal verbissen, „aber ich hab ’ne Ratte gefangen – mit der Pütz. Und damit sie samt der Pütz nicht abhaut, hab ich mich draufgesetzt. Ich hab ihr sogar den Schwanz eingeklemmt. Hier – schau mal!“

Carberry bekam Stielaugen. Zwischen den Beinen von Old Donegal ragte unter dem Pützrand ein Rattenschwanz hervor – nackt und eklig.

Carberry schluckte. Dann ächzte er. Dieser Old Man fing Ratten mit der Pütz, und dann setzte er sich drauf. Nicht zu fassen!

Ein paar Mannen wurden aufmerksam und versammelten sich um den hockenden Old Donegal und Carberry.

„Was is’n los?“ erkundigte sich Mac Pellew.

„Der sitzt mit seinem Hühnerarsch auf ’ner Ratte“, erklärte Carberry.

„Hä?“ Und dann kriegte Mac ebenfalls stiere Augen, als er den Rattenschwanz entdeckte. Aber er faßte sich schnell, grinste wild und lästerte: „Laß ihn draufsitzen, Ed! Vielleicht knabbert das Vieh auch ein Löchlein in den Boden der Pütz – und dann ist was los!“

Und Mac stimmte sein Ziegengemecker an, weil er sich vorstellte, was dann los sein würde.

Carberry schaute verdutzt, dann begann er zu grinsen.

Aber auch Old Donegal hatte bestimmte Vorstellungen über das, was Mac Pellew eben angedeutet hatte. Da wurde er etwas blaß um die Nase.

Und er lüftete den Hintern an, um nachzuschauen, ob schon ein Loch im Pützboden sei.

Schwapp! Weg war der Schwanz. Die Druckentlastung hatte der Ratte genügt, den Schwanz einzuziehen.

„Schlagt das Vieh sofort tot!“ zeterte Old Donegal.

„Wie denn?“ höhnte der Profos. „Wenn du auf der Pütz am Brüten bist!“

Indessen rappelte es in der Pütz. Die Ratte, frei von der Beklemmung, karriolte in dem Hohlraum umeinander, als spiele sie Haschen.

Old Donegal geriet außer sich und brüllte, als hinge ihm das Biest bereits am Achterschinken und knabbere ihn an. Dazwischen dröhnte das Gelächter der Mannen, Macs Ziegengemecker, und auch Plymmie bellte wie verrückt. Sie hatte gespitzt, was sich in der Pütz befand, und raste um Old Donegal herum, so daß der noch rammdösiger wurde.

Der Zirkus Killigrew war ein zweites Mal in Gange, in diesem Fall mit Old Donegal im Mittelpunkt. Doch das verwunderte niemanden.

Wenn einer von seiner Ehehälfte eine Bratpfanne auf den Schädel bekam, mit siebzig Jahren noch einen Sohn zeugte, bei einer Rutschfahrt eine Tropfsteinhöhle entdeckte, mit seiner „Empress“ Korallenriffs auf die Hörner nahm, sich mehrere Male das Holzbein und zur Abwechslung auch einmal das gesunde Bein brach – weil er noch als alter Kerl in den Wanten herumgeturnt war – dann konnte es sich bei einem solchen Lebenskünstler nur um Old Donegal Daniel O’Flynn handeln.

Dem alten Zausel passierten die haarsträubendsten Geschichten, die er entweder selbst provozierte, oder er schlitterte voll hinein, weil er sich mal wieder was in den Kopf gesetzt hatte.

Der andere alte Mann an Bord war Will Thorne, der Segelmacher. Aber was für ein Unterschied zwischen den beiden! Will Thorne war gelassen, bescheiden, unauffällig, ein eher bedächtiger, stiller Mann mit der Würde des Alters. Dagegen machte sich Old Donegal allzu häufig selbst zum Narren – so auch jetzt.

Will Thorne wäre nie mit einer Pütz auf Rattenjagd gegangen, geschweige denn, er hätte sich als Wächter draufgesetzt, so ihm ein Fang mit der Pütz gelungen wäre.

Das Ganze war also mal wieder typisch Old O’Flynn, und so grotesk wie die meisten Ereignisse, in die er verwickelt war.

Dabei hatte er sich selbst in die Klemme gebracht, denn bei aller Komik konnte die Sache sogar gefährlich werden. Die in der Pütz gefangene Ratte war im wahrsten Sinne des Wortes in die Enge getrieben – und wie Ratten da reagierten, war allen bekannt, auch Old Donegal.

Mit Rattenbissen wäre nicht zu spaßen, hatte der Kutscher einmal verkündet. Bei einer Blutvergiftung könnten sie sogar tödliche Folgen haben.

Wenn Old Donegal jetzt aufsprang – was mit dem Holzbein sowieso nicht schnell genug ging –, dann konnte es tatsächlich passieren, daß die tobende Ratte die Pütz umkippte, ihn möglicherweise in ihrer Todesangst attackierte und sich in ihn verbiß.

Dan O’Flynn hatte Erbarmen mit seinem Alten, obwohl er sich darüber ärgerte, was der sich wieder eingebrockt hatte. Aber Familie hält eben zusammen, nicht wahr?

Er stellte hinter Old Donegal den Fuß auf die Pütz, tippte ihm auf die Schulter und sagte: „Du kannst jetzt aufstehen, es passiert nichts.“

„Wird auch Zeit, daß du mir hilfst!“ fauchte der Alte wütend. „Eine Schande, wenn ein Sohn den Vater solange in Lebensgefahr schweben läßt und dazu auch noch dämlich grinst!“

„Ich halte es eher für eine Schande, daß du dich mal wieder wie ein kompletter Narr aufführst“, entgegnete Dan. „Denn nur ein Narr oder Idiot setzt sich auf eine Pütz, unter der eine Ratte gefangen ist. Ich schätze, in einer Stunde hätte sie sich durch das Holz genagt. An so was denkt man vorher, nicht erst, wenn andere darüber ihre Witze reißen.“

Der alte Zausel stemmte sich fluchend hoch, drehte sich dann um, funkelte seinen Sohn an und blaffte: „Wie sprichst du denn über deinen Vater, du Lümmel? Sofort entschuldigst du dich bei mir!“

O Gott, dachte Dan O’Flynn, jetzt geht diese Leier wieder los. Gleich droht er mir, mich mit seinem verdammten Holzbein zu verdreschen …

„Oder du kriegst es mit dem Holzbein!“ polterte Old Donegal.

Philip Hasard Killigrew hörte still und stumm zu, um seine Autorität nicht zu strapazieren. Außerdem wußte er, wer jetzt Old Donegal aufs Dach steigen würde. Der Profos!

Der röhrte auch schon los: „Jetzt halt aber die Luft an, Mister O’Flynn! Wenn ich dein Sohn wäre, hätte ich dich auf dem Töpfchen sitzen lassen, bis du grün und blau gewesen wärst, du – du Rattenbrüter! Und es wäre dir recht geschehen, wenn die Ratte ordentlich was von deinen Hinterbacken gefrühstückt hätte, obwohl ich bezweifle, daß sie davon satt geworden wäre, denn viel hast du mit deinem Hühnerarsch ja nicht zu bieten. Aber deinen Sohn auch noch anzustänkern, nachdem er dir geholfen hat, das ist wirklich das Letzte vom Letzten!“

„Ich verbitte mir jegliche Einmischung in meine Familienangelegenheiten!“ bollerte Old Donegal und stampfte mit dem Holzbein auf.

„Familienangelegenheit?“ Der Profos schob den Kopf vor, als habe er sich verhört. „Was hat das denn mit ’ner Familienangelegenheit zu tun, wenn du so dusselig bist, dich auf ’ne Pütz zu setzen, unter der ’ne Ratte herumkaspert, he? Gehört das Biest zu deiner Familie? Vielleicht sollte Dan mal das Töpfchen lüften, damit du die Ratte familienfreundlich begrüßen kannst!“

„Untersteh dich!“ Das galt dem „Lümmel“, aber vorsichtshalber zog sich Old Donegal hinter einen Stützbalken zurück.

Dan hatte immer noch den rechten Fuß auf der Pütz, unter der die Ratte weiterhin herumtobte. Tatsächlich mußte er kräftig mit dem Fuß drücken, um zu verhindern, daß die Ratte sie fortbewegte oder umkippte. Plymmie wetzte vor der Pütz hin und her, knurrte sie an und war mächtig in Rage.

„Immer wenn’s mulmig wird“, dröhnte Carberry, „geht der Admiral in Deckung!“

„Ich laß mich doch nicht von ’ner Ratte beißen!“ schrie Old Donegal. „Bin ich blöd?“

„Blöd genug, um dich auf eine solche zu setzen!“ lästerte der Profos. „Was meinst du, was die auf dich scharf ist, weil du ihr den Schwanz eingeklemmt hast! Die geht dir glatt an die Hose, saust hoch und beißt dir ein Ohrläppchen ab!“ Er spähte zu Dan. „Wie packen wir’s jetzt an, ohne daß sie türmt?“

„Ich schätze, Plymmie erwischt sie, wenn ich die Pütz etwas ankippte“, erwiderte Dan.

„Ich hau mit dem Schürhaken drauf“, sagte Mac Pellew, vom Jagdfieber gepackt. „Oder soll ich ’ne Bratpfanne holen?“

Da wurde der Kutscher energisch. „Einspruch! In der Bratpfanne pflege ich Spiegeleier und Speckscheiben zu braten!“

„Ich schlag ja mit der Rückseite zu“, maulte Mac Pellew.

„Die Bratpfanne wird nicht dazu benutzt“, erklärte der Kutscher kategorisch. „Ratten sind Krankheitsüberträger. Damit ist überhaupt nicht zu spaßen.“

„Was übertragen die denn?“ erkundigte sich Old Donegal hinter dem Stützbalken hervor.

Carberry dröhnte: „’n kalten Arsch mit Schneegestöber – bei einem, der mit dem Hintern auf ’ner Ratte gesessen hat!“

„Da war eine Pütz dazwischen!“ schrie Old Donegal.

„Ach ja?“ fragte Carberry katzenfreundlich, linste zum Kutscher und erklärte, als sei er Experte in solchen Fragen: „Aber der Pütz ist das völlig Wurscht, ob sie Krankheiten überträgt. Die tut das einfach, genauso, wie das eine Bratpfanne tut – wie wir eben gehört haben.“

„Alles Quatsch“, erklärte Old Donegal.

„Kein Quatsch“, sagte der Kutscher, hüstelte und fügte hinzu: „Ich muß natürlich berichtigen, daß Ratten nicht in der Lage sind, einen – äh – ein Gesäß mit Schneegestöber in einen kalten Zustand zu versetzen, weil die Erzeugung von Kälte anderen physikalischen Gesetzen unterliegt. Dennoch hat die ärztliche Wissenschaft herausgefunden – und das meinte wohl Mister Carberry –, daß Ratten gewisse Seuchen verbreiten, die kaum aufzuhalten sind, schon gar nicht von Pützen oder Bratpfannen. Im Gegenteil – es ist zu vermuten, daß von Ratten berührte oder verunreinigte Gegenstände dem Menschen schädlich sind. Darum empfehle ich auch, diese Pütz, in der die Ratte noch gefangen ist, später außenbords zu werfen – genauso, wie ich empfehle, keine Ratte anzufassen.“

„Und was ist mit Plymmie?“ fragte Hasard junior scharf. „Sie hat bereits eine Ratte getötet – hat sie also berührt.“

„Gute Frage, Söhnchen“, erwiderte der Kutscher gelassen, „aber du kannst Plymmie bei diesem Problem ausklammern. Es gibt Tiere, die sind gegen Krankheiten gefeit, von denen Menschen befallen werden. Sie sind dagegen resistent, also widerstandsfähig. Frag mich nicht, warum das so ist. Ich weiß es nicht, aber die Wissenschaft wird es eines Tages herausfinden. Jedenfalls brauchst du dich um Plymmie nicht zu sorgen. In Ordnung?“

„Danke, Sir“, sagte Hasard junior. „Dann sollten wir bei dieser Ratte unserer Plymmie den Vortritt lassen. Sie erledigt das besser als wir.“

„Einverstanden.“ Das sagte Vater Hasard, nickte seinem Söhnchen zu, blickte zu Dan O’Flynn und fragte: „Scheust du dich, die Pütz etwas anzukippen, Dan?“

„Nein“, erwiderte Dan lächelnd. Und dann sagte er scharf: „Plymmie, paß auf! Pack sie!“

Er zog den Fuß zurück und drückte auf die Kante, die ihm zugewandt war. Plymmie lauerte geduckt, jetzt ein Standbild. Sie hatte genau begriffen, was jetzt passieren würde. Ihre bernsteinfarbenen Augen waren auf die Pütz gerichtet, die Ohren aufgestellt. Ihr Fang war geschlossen. Trotzdem sah es aus, als grinse sie.

Die Dan abgewandte Seite der Pütz kippte etwas hoch. Die Ratte schoß heraus wie ein Blitz, für die Augen der Mannen nur ein huschendes Etwas, das Mac Pellew weder mit Schürhaken noch mit Pfanne erwischt hätte. Er wäre zu langsam gewesen.

Anders Plymmie. Sie war noch schneller als die Ratte. Ein Zuschnappen, ein heftiges Schütteln, und auf der Strecke blieb die sechste Ratte. Ihre Gnadenfrist unter der Pütz war abgelaufen.

Mac Pellew packte sie mit dem Schürhaken in die Pütz zurück, henkelte die Pütz an den Haken und trug sie samt der Ratte nach oben, wo er sie außenbords schleuderte.

„Jetzt kann die Ratte Bötchen fahren“, murmelte er, „obwohl sie das nicht verdient hat.“ Tatsächlich schaukelte die Pütz aufrecht im Wasser und trieb gemächlich davon.

Paddy Rogers warf die andere Jagdbeute über Bord, die er mit einem Kehrblech eingesammelt hatte.

„Wenn die Ratten von Bord gehen, sinkt das Schiff“, sagte er tiefsinnig und hatte schwere Denkerfalten auf der Stirn. „Das hat eben Old Donegal verkündet.“

„Der redet heute sowieso nur Stuß“, entgegnete Mac kopfschüttelnd. „Außerdem gehen die Ratten nicht von Bord, sondern werden gegangen, wobei sie mausetot sind.“

„Dann sinkt unser Schiff nicht?“ fragte Paddy hoffnungsfreudig.

Mac sagte überhaupt nichts. Er verdrehte nur die Augen über soviel Einfalt und stieg wieder nach unten.

„Was der nur hat“, murmelte Paddy.

Fünf Minuten später hatten sich alle Mann an Oberdeck verteilt und standen auf der Lauer. Im Unterdeck und im Zwischendeck qualmten die Kohlebecken. Aus Grätings und Luken stieg Rauch auf. Es stank, als befände sich die „Santa Barbara“ in einem schweren Gefecht. Arwenack hatte sich schimpfend auf den Vormars verzogen, Sir John saß im Topp des Hauptmastes und, äugte mißtrauisch zum Deck hinunter.

Don Philipp schmetterte seinen Hahnschrei, und es klang, als krähe er zum Halali. Er war ziemlich erregt und schlug mit den Flügeln.

Die erste Ratte raste aus dem Vordeck. Hinter ihr sauste eine Spillspake nieder, kraftvoll von Pete Ballie geführt. Sie traf noch den Schwanz der Ratte und plättete ihn auf hauchdünnes Format. Das Biest überschlug sich mit einem schrillen Quietschen und fegte durch ein Speigatt außenbords.

„Die Ratten gehen von Bord!“ brüllte Old Donegal.

„Dann solltest du gleich hinterherspringen!“ donnerte der Profos.

Aber etwas anderes passierte. Die Ratte kehrte wieder um und schwamm zur Bordwand zurück. Sie hatte also nicht die Absicht, „von Bord zu gehen“, überhaupt nicht, das Schiff schien ihr sicherer als das Wasser.

Damit war Old Donegal widerlegt, was ihm keineswegs paßte. Schließlich ging es um seinen guten Ruf als „Hinter-die-Kimm-Späher“.

„Diese Ratten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren“, erklärte er großspurig. „Verweichlicht sind die, zu faul, um an Land zu schwimmen. Das ist es. Na ja, sind ja auch spanische Ratten, keine englischen …“ Er verstummte – bis auf das Ächzen, das er noch hören ließ.

Die Ratte mit dem geplätteten Schwanz war auf dem Schanzkleid an Steuerbord aufgetaucht, wassertriefend, und schien zu überlegen, wohin sie sich wenden sollte.

Ein Heumacher mit der Spillspake – dieses Mal schlug Jack Finnegan zu – schmetterte sie außenbords, für immer und ohne Rückkehr.

„Donegal“, ließ sich Hasard vernehmen, „spar dir deine Sprüche über verweichlichte oder spanische oder englische Ratten. Das ist blanker Unsinn, und wir sind alle nicht dumm genug, einen solchen Unsinn für bare Münze zu nehmen.“

Old Donegal setzte zu einer Erwiderung an, aber zu diesem Zeitpunkt flitzten gleich sechs Ratten übers Deck, und die Mannen wurden mächtig aktiv, Plymmie ebenfalls.

Eine Ratte turnte in den Backbordgroßwanten hoch, wurde aber von Plymmie im Sprung noch am Schwanz erwischt und über Bord befördert. Eine andere huschte über den Bugspriet und stürzte sich gleich freiwillig ins Wasser – oder sie übersah mit ihren vom Qualm getrübten Augen, daß dort „Ende der Fahnenstange“ war.

„Aufpassen, daß die Biester nicht an Bord zurückklettern!“ rief Hasard.

Plymmie beutelte schon wieder eine Ratte, und als sie losließ, flog das Biest Old Donegal zwischen die Beine.

„Hilfe!“ brüllte der Alte.

„Hab dich nicht so!“ fuhr ihn Carberry an. „Das ist sowieso ’ne spanische Ratte, die zu faul ist, dich zu beißen!“

Neben ihnen drosch Smoky die Spillspake wie eine Baumaxt auf ein huschendes Etwas, schlug aber daneben. Dafür ging die Spillspake in die Binsen und zerbarst.

Grund genug für Carberry, Smoky anzublöken, nicht gleich das ganze Schiff zu demolieren. Als Smoky Minuten später mit einer neuen Spillspake fast den Hühnerverschlag zertrümmerte, über dessen Dach eine Ratte sauste, sah Carberry rot, weil er dem Decksältesten unterstellte, er hätte es gar nicht auf die Ratte abgesehen, sondern Don Philipp den Kopf einschlagen wollen. Außerdem lag er mit Smoky ja schon seit dem Morgen im Clinch, und daß der Hundesohn ihn als „Drache“ bezeichnet hatte, war auch noch nicht vergessen.

So ließ denn der Profos seinen „Hammer“ fliegen, dieses fürchterliche Ding, das noch keiner weggesteckt hatte, als wär’s nur ein Wattepuster gewesen. Die meisten traten für eine Weile von dieser Welt ab. Und wenn sie in diese Welt wieder zurückkehrten, dann geschah das voller Schmerzen und keineswegs voller Glück, die Sonne strahlen zu sehen.

Smoky wurde voll getroffen, am Kinn. Er segelte ab und wickelte sich um den Großmast, den er kraftlos umarmte, bis er dann abrutschte und schließlich über der Nagelbank wie ein nasses Hemd hängenblieb.

„Ed, Ed“, sagte Hasard mit leisem Tadel und auch etwas Besorgnis. „Mußte das sein? Und was ist, wenn du ihm die Kinnlade verschoben hast?“

„Die schieb ich ihm wieder gerade“, versicherte der Profos. „Und das mußte sein, weil der Kerl absichtlich danebengehauen hat, um das Dach vom Verschlag zu zerlegen und auf Don Philipp ein Attentat zu verüben.“

„Absichtlich? Na, ich weiß nicht“, meinte Hasard.

„Wenn er’s nicht absichtlich getan hat“, erklärte der Profos, „dann ist das noch schlimmer, Sir. Dann ist er zu dämlich, um mit ’ner Spillspake umzugehen, die er womöglich einem von uns auf den Kopf drischt. Das ist gemeingefährlich, Sir. Der bringt es fertig und räumt unsere ganze Crew ab. Aber die Ratten läßt er sausen. So einer ist das!“

Sekunden später zeigte der Profos ein unheimliches Reaktionsvermögen – und Treffsicherheit. Da fegte eine ziemlich große Ratte im Zickzack quer über die Kuhl und dann am Steuerbordschanzkleid entlang nach achtern. Aber noch vor dem Niedergang zum Achterdeck flog ihr ein Belegnagel ins Kreuz und zerbrach ihr das Rückgrat.

Carberry hatte sich den Belegnagel gegriffen und hinter der Ratte hergeschleudert.

„Donnerwetter“, sagte Hasard, „ein exzellenter Wurf, Ed. Oder war das ein Zufallstreffer?“

Das ließ sich der Profos nicht zweimal fragen. Wortlos warf er den nächsten Belegnagel. Der räumte eine Ratte ab, die auf der Back auf dem Steuerbordpolier hockte und Männchen baute, als prüfe sie, ob jetzt die Luft besser sei. Das war sie zweifellos, aber diese Erkenntnis nutzte der Ratte nichts mehr.

„Respekt, Respekt“, sagte Hasard. Und der Profos strahlte.

Auf der Strecke blieben dreizehn Ratten.

Im Zwischendeck fanden die Mannen nochmals zwei, nachdem sie gelüftet hatten. Offenbar waren die Biester in dem Qualm erstickt. Ob in der Bilge welche ersoffen waren, konnte nicht festgestellt werden. Aber die Jagd mußte sich gelohnt haben, denn fürderhin blieb der Hühnerverschlag ungeschoren.

Bleibt noch zu erwähnen, daß Smoky in den nächsten Tagen mit einem farbigen und verschwollenen Kinn herumlief und dem Profos aus dem Wege ging. Und er regte sich auch nicht mehr auf, wenn Don Philipp lauthals krähte oder das Hühnervolk am Gackern war.

4.

Mitte August war vorbei, als Gary Andrews – an diesem Vormittag Ausguck im Hauptmars – Land voraus meldete. Bei dem miserablen Kartenmaterial und dem Kompaß, der seine Mucken hatte, waren sich Hasard und Dan O’Flynn gar nicht mal so sicher, ob die Philippinen vor ihnen lagen.

Aber sie mußten es sein, denn bei der Annäherung erkannten sie mehr und mehr, wie weit sich die Küste vor ihnen nach Norden erstreckte. Und da ragten Berge in den Himmel, deren Spitzen zwischen Wolken lagen.

Dan O’Flynn tippte auf die Philippinen-Insel Mindanao im Süden des Archipels, der zweitgrößten Insel unter den über siebentausend anderen Inseln.

Ferdinand Magellan, ein portugiesischer Seefahrer im Dienst Spaniens, hatte die Inseln 1521 entdeckt und sie – natürlich – sofort als spanischen Besitz beansprucht. Es blieb sein letzter Anspruch, den er dummerweise gleich mit einer Strafexpedition gegen die Eingeborenen der Insel Mactan durchsetzen wollte, um die spanische Macht zu demonstrieren. Die Demonstration mißlang, der Ärmste wurde kurzerhand erschlagen.

„Könnte sein“, sagte Hasard etwas nachdenklich über den Hinweis seines Lotsen Dan O’Flynn. „Fragt sich nur, welche Ecke von Mindanao wir ansteuern.“ Er rieb sich die Nase. „So klein ist die Insel nämlich gar nicht.“

Dan O’Flynn grinste. „Ein bißchen kleiner als England, Sir, und nur etwa dreihundert Meilen lang.“

„Aha“, murmelte Hasard, „sehr beruhigend, daß es nur dreihundert Meilen sind. Luftlinie, nicht wahr?“

„Ja, Luftlinie“, bestätigte Dan, „mit dem Zirkel auf der Karte abgegriffen, und zwar in Nord-Süd-Richtung. Natürlich ist die Küstenlinie länger, wenn wir Buchten und Golfe mitrechnen.“

Er breitete jene Karte auf dem Achterdeck aus, die von Brandlöchern, Suppen-, Fett- oder Rotweinflecken auf ihrer westlichen Seite ungeschoren geblieben war, deutete auf eine bestimmte Stelle und sagte: „Meine Navigation bei diesem verrückten Kompaß ist noch mieser als eine Daumenpeilung, aber ich vermute, daß wir auf Cape San Augustin zusegeln, die Spitze jener Halbinsel, die den Golf von Davao im Osten abgrenzt.“

Hasard betrachtete den Golf von Davao, wie er auf der Karte dargestellt war.

„Hm, hm“, murmelte er, „vielleicht hast du recht. Dann sollten wir mal um das Kap in den Golf segeln und Davao anlaufen, um Frischproviant zu übernehmen und unsere Trinkwasservorräte zu ergänzen. Der Kutscher mault nämlich schon wieder.“

„Davao ist ein spanischer Stützpunkt.“

„Na und? Die ‚Santa Barbara‘ ist ein spanisches Schiff, demnach sind wir ebenfalls Spanier. Oder etwa nicht?“

„Ach so.“ Jetzt grinste Dan wieder. „Und wie geruhen sich der Señor Capitán zu nennen?“

„Schlag mal was vor.“

„Wäre Don Miguel Lopez de Villacorta angenehm?“

„Ein sehr schöner Name.“ Und somit verkündete Hasard seinen Mannen, daß ihn der Lotse „Don Donegallo de Flynnosa“ soeben umgetauft habe. „Mein neuer Name lautet jetzt Don Miguel Lopez de Villacorta, was ich zu berücksichtigen bitte, denn wir laufen – so unsere Navigation stimmt – den spanischen Stützpunkt Davao im gleichnamigen Golf an, was wiederum bedeutet, daß wir uns unserer ‚Señora Santa Barbara‘ anzupassen und als spanische Señores zu betrachten haben. Richtet euch darauf ein, Freunde, und paßt auf, daß ihr nicht plötzlich auf englisch flucht, nicht wahr, Ed?“

„Aye, Sir – äh – si, Señor Capitán. Ich werde Sir John ermahnen.“

„Den meinte ich eigentlich nicht, Ed“, sagte Hasard, „denn er kann uns ja zugeflogen sein, so daß wir für seinen sehr vielfältigen Sprachschatz nicht verantwortlich sind.“

„Aye – si, Señor Capitán“, sagte der Profos unbehaglich. „Darf man fragen, wen du dann meintest?“

„Man darf. Ich meinte jenen Señor, der sich Sir Johns sehr liebevoll angenommen hat, was nicht ausschließt, ihm sehr deftige Ausdrücke beizubringen. Ich erinnere nur an das Wörtchen ‚Affenarsch‘.“

„Ah!“ Der Profos grinste bieder. „Das habe ich früher mal benutzt, das stimmt. Aber inzwischen hat sich das hier so eingebürgert, daß jeder der Kerle den anderen dauernd einen ‚Affenarsch‘ nennt.“ Er drehte sich zu den Mannen um, die auf der Kuhl versammelt waren, stemmte die Pranken in die Hüften und donnerte: „Herhören – Order des Señor Capitán! Ab sofort heißt es nicht mehr ‚Affenarsch‘, sondern ‚Pavianbacke‘! Alles klar?“

„Alles klar!“ donnerten die Mannen zurück. Und sie feixten.

„Ich weiß, was sich auf Pavianbacke reimt!“ rief Luke Morgan grinsend.

„Ich auch“, sagte Carberry trocken. „Hicke-hacke, zicke-zacke!“

„Hühnerkacke!“ tönte Luke Morgan.

Unter Carberrys drohendem Blick schrumpfte er zusammen. Der Profos drehte sich wieder zu Hasard um. „Du hast es gehört, Sir – Señor Capitán. Nicht ich sprach dieses ordinäre Wort aus, sondern dieser Señor Morgan, diese miese Hälfte einer Pavianbacke, die in ausschweifender Phantasie sofort darüber nachdenkt, was sich auf üble Weise mit Backe reimt. Er gehört zu jenen, die heimlich und in böser Absicht meinem Sir Jöhnchen die schlimmsten Ausdrücke beibringen und dann unverfroren erklären, er habe sie von mir gelernt.“

Hasard seufzte und sagte: „Wenn ihr euch alle bemühen würdet, auf Flüche, Kraftausdrücke und Schimpfworte zu verzichten, dann kann sie Sir John auch nicht aufschnappen – und vielleicht vergißt er sie dann. Bringt ihm von mir aus ein ‚Ave Maria‘ bei – oder Worte der Zärtlichkeit. Da wird euch ja auch eine Menge einfallen, nicht wahr?“

„Herzallerliebstes Schnuckelchen!“ schlug der Profos strahlend vor und fügte mit einem schnellen Blick zu Old Donegal hinzu: „Oder Schnuckelmäuschen!“

O Gott! dachte Hasard. Dieser Profos! Jetzt habe ich dem auch noch das Stichwort gegeben. Wo das wieder hinführt!

Zur Zeit herrschte Gelächter. Nur Old Donegal schaute finster drein. Natürlich, war doch sein ihm angetrautes Weib eine geborene Snugglemouse. Und er selbst hatte von ihr häufig genug als dem „Schnuckelchen“ gesprochen.

Noch bevor Old Donegal explodieren konnte, hob Hasard beide Hände und rief: „Ich möchte darum bitten, bei dem neuen Sprachunterricht mit Sir John jedes Wort und jeden Namen zu vermeiden, die sich auf uns bekannte oder befreundete Personen und Menschen beziehen!“

„Da wird’s doch erst spannend, Sir!“ erklärte der Profos und grinste bis zu den Ohren.

„Ich weiß nicht, ob du es noch spannend findest, wenn dich dein Sir Jöhnchen mit ‚Edwinchen, du kleines Lügenmäulchen, du Hemdenzerreißerchen und Ladykillerchen‘ anpalavert“, entgegnete Hasard. „Und ich schwöre dir, ich bringe ihm noch mehr bei, daß es dir über den Einfallsreichtum und die Phantasie von Sir Jöhnchen die Sprache verschlagen wird. Wie wär’s denn mit ‚Kinnladenverschieberchen‘ oder ‚Spiegeleifresserchen‘?“

Der Profos verlor sichtlich an Begeisterung. Dafür fühlte sich Smoky im Aufwind – endlich!

„Wahr gesprochen, Sir!“ rief er.

„Das heißt ‚Señor Capitán‘, du Büffel!“ raunzte ihn Carberry an – und verbesserte sich hastig: „Du herziges Enkelchen eines Büffelgroßväterchens!“

Und da brandete wieder Gelächter auf.

Na gut, dachte Hasard, besser als Trübsinn und maulende Kerle. Und der Profos würde wieder ein Weilchen auf Samtpfötchen wandern, allerdings aber auch die Lehre beherzigen, und seinem Sir Jöhnchen milde Flötentöne lehren. Was da wohl herauskommen mochte!

„Señores!“ rief Hasard. „Es bleibt also dabei! Wir sind spanische Handelsfahrer, Heimathafen Sevilla, erstmals in diesen Gewässern unterwegs, um im Auftrag eines Konsortiums von Kaufleuten aus Sevilla Gewürze einzukaufen. Bei einem möglichen Landgang bitte ich mir äußerste Zurückhaltung aus – keinen Streit, Señor Carberry! Und wenn man dir hundertmal auf die Zehen tritt, verstanden?“

„Verstanden, Señor Capitán“, versicherte der Profos. „Ich erhöhe freiwillig auf hundertzwanzigmal, aber dann kriegt der Zehentreter eine geschmiert, weil ich ein Spanier bin, der sich nicht alles gefallen lassen darf und für seine Ehre einstehen muß.“

„Vielleicht lasse ich dich besser an Bord“, sagte Hasard.

„Dann paßt keiner auf diese Bande auf, Señor Capitán“, erklärte der Profos, und – wie gehabt – hatte er den frommen Blick drauf.

„Wir werden sehen“, erwiderte Hasard etwas orakelhaft.

Es kam alles ganz anders.

Am Nachmittag törnte die „Santa Barbara“ bei leichtem Wind aus Westen auf den kleinen spanischen Stützpunkt Davao an der oberen Westseite des Golfes zu. Nur bei starken Winden oder Sturm aus Süden bis Südost würde der Golf zu einer Falle werden, wenn sich dort eine ruppige See aufbaute und ein Segler Gefahr lief, auf Legerwall zu geraten – so er sich nicht freikreuzen konnte.

Dan O’Flynns Navigation war trotz des mißweisenden Kompasses exakt gewesen. Zufall, sagte er selbst bescheiden, freute sich aber dennoch, als sie nach dem Passieren des Kaps dann beim weiteren Hineinsegeln in den Golf oben im Norden die beiden Inseln entdeckten, eine größere und westlich von ihr eine kleine – Samal Island und Talikud Island. Diese beiden Inseln lagen nach der Darstellung auf der Karte dicht vor Davao und schirmten den Hafen zusätzlich ab.

Der Golf war keineswegs unbelebt. Da waren Auslegerboote, besetzt mit halbnackten braunen Gestalten, die mit Netzen – zum Teil auch mit Speeren – fischten. Doch als sie die fremde Galeone entdeckten, flüchteten sie zur Küste, wo die Mannen Pfahlbauhütten am Ufer erspähten.

Hasard runzelte die Stirn. „Kein gutes Zeichen. Sie scheinen mit Menschen unserer Hautfarbe schlechte Erfahrungen gesammelt zu haben.“

Don Juan de Alcazar, neben Hasard am Schanzkleid stehend, nickte und sagte etwas verbissen: „Vermutlich mit meinen Landsleuten, was ja nichts Neues wäre.“

Hasard streifte das Gesicht des Mannes, der ihm längst zum Freund geworden war, mit einem Seitenblick und schüttelte den Kopf.

Er sagte: „Genausogut können sie an Portugiesen geraten sein. Oder an Engländer – mir ist bekannt, daß Drake bei seiner Weltumsegelung Mindanao berührt hat. Schließlich sind hier auch bereits die Holländer aufgekreuzt, und das nicht gerade zurückhaltend.“

„Du nimmst die Spanier in Schutz?“ fragte Don Juan erstaunt.

„Ich bin doch jetzt selbst Spanier.“

Don Juan lachte schallend.

Hasard blieb völlig ernst und sagte mit Würde: „Señor, Sie scheinen vergessen zu haben, daß ich der Sohn einer spanischen Edeldame bin, nicht wahr?“

„Oh, Entschuldigung! Das hatte ich wirklich vergessen, Señor de Villacorta.“ Don Juan verbeugte sich, lächelte und fragte: „Sag mal, als was fühlst du dich eigentlich – als Engländer, Deutscher oder Spanier?“

„Als weder noch, mein Freund“, erwiderte Hasard, „und das ist gut so, weil es mir Distanz verschafft, eine Art Neutralität, verstehst du? Da gibt es das französische Wort Chauvinismus, aber es gilt für die meisten europäischen Länder. Es meint Intoleranz, Unduldsamkeit, Fanatismus gegenüber anderen Ländern und seinen Bewohnern, wobei man selbst natürlich mit seinem Land in erhabener Größe weit darübersteht. Man selbst ist gut, die anderen sind schlecht, und weil die anderen schlecht sind, bekriegt und bekämpft man sie, unterdrückt sie, rottet sie aus. Kriege erklärt man sogar für heilig. Magellan rammte ein Kreuz in den Sand der Philippinen-Insel Homonhon im Golf von Leyte. Wenig später wurde er erschlagen. Was interessierte die Eingeborenen das Kreuz der Christen! Die sahen nicht das Kreuz, sondern das Schwert der Fremden – ein Kriegswerkzeug, wie sie sehr richtig erkannten. Und schon gibt es Mord und Totschlag. Für mich ist Magellan ein Chauvinist. Also, was bin ich? Ich möchte keiner sein. Das ist alles. Aber mir steigt schon die Galle hoch, wenn Menschen mir davonrennen, obwohl sie mich gar nicht kennen und folglich nicht wissen können, ob ich in friedlicher oder böser Absicht komme. Dieses große Segelschiff mit den drei Masten signalisiert ihnen Gefahr. Jetzt lautet die Frage, was sie unternehmen werden? Werden sie aggressiv, oder warten sie ab und bleiben defensiv? Oder ziehen sie sich ins Land zurück?“

„Glaube ich nicht, es sind Fischer, also Küstenbewohner“, sagte Don Juan nachdenklich und starrte hinter den Auslegerbooten her. „Sie gehen geschickt mit ihren Booten um. Vermutlich sind sie auch gute Seeleute.“ Er setzte den Kieker ans Auge und spähte zu den Pfahlbauhütten. Überrascht sagte er: „Da liegen auch größere Auslegerboote, die mittschiffs überdacht sind – sieht aus wie schwimmende Häuser.“

„Du meinst, sie wohnen auf diesen Fahrzeugen?“ Hasard blickte ebenfalls durch den Kieker.

„Warum nicht? Bei Gefahr im Verzug können sie sich absetzen und haben gleich ein Dach über dem Kopf. Auf ihre Pfahlbauten sind sie nicht unbedingt angewiesen. Vielleicht sind sie so eine Art Nomaden zur See.“

Don Juan wußte nicht, daß er den Nagel auf den Kopf traf. Bei den Eingeborenen, die zu den Pfahlbauten geflüchtet waren, handelt es sich um Angehörige des Völkchens der Badjao, deren Lebensraum sich von den Gewässern an der Ostküste Palawans – der westlichen Philippinen-Insel – bis zum Nordende der indonesischen Insel Celebes erstreckt, eingeschlossen die südlichen Gewässer um Mindanao, die über vierhundert Inseln des Sulu-Archipels sowie Sabah, den Nordteil Borneos. Man nannte diese Menschen später „Seezigeuner“ oder „Seenomaden“ und tatsächlich spielte sich ihr Leben mehr auf dem Wasser als auf dem Land ab.

Und Don Juan und Hasard wären noch erstaunter gewesen, hätten sie ein paar jener Badjao gesehen, deren Haare blond waren – eine Folge der ständigen Einwirkung von Sonne und Salzwasser, wie man heute weiß.

„Nomaden zur See“, murmelte Hasard. „Sind wir das nicht auch?“

„Nur zur Zeit.“

„Na ja“, meinte Hasard, „aber ich schätze, die Arwenacks und ich haben mehr Zeit auf See verbracht als an Land, und es war, alles in allem, kein schlechtes Leben bisher.“ Er lächelte verhalten. „Zumindest ein Leben in Freiheit und niemandem untertan.“

„Doch, nämlich der See und ihren Gesetzen.“

Hasard schüttelte den Kopf. „Diesen Gesetzen sind wir nicht untertan, sondern beugen uns ihnen freiwillig und haben vor ihnen Respekt. Das ist ein Unterschied.“

„Hab’s verstanden – und allmählich begriffen, warum ihr so seid, wie ihr seid“, sagte Don Juan. Und er war einmal ausgezogen, um den Seewolf auf Befehl Seiner Majestät des Königs von Spanien zur Strecke zu bringen.

„Und wie sind wir?“ fragte Hasard.

„Na, zumindest ziemlich kompromißlos, wenn euch jemand auf die Füße steigt, aber Freiheit gibt es eben nicht umsonst.“

Hasard nickte, aber er hatte wieder den Kieker vor dem Auge und auf das Ufer an Backbord gerichtet. Die Pfahlbauten und Hausboote blieben Backbord achteraus zurück.

„Merkwürdig“, murmelte er, setzte den Kieker ab und schaute zu Gary Andrews im Großmars hoch. Der hatte auch den Kieker am Auge und spähte zur westlichen Küste hinüber. „Na, Gary?“ rief er hinauf. „Keine Meldung oder so?“

„Backbord an Land gefällte Bäume!“ brüllte Gary, mit roten Ohren und fügte etwas leiser hinzu: „Dachte, das sei nicht weiter wichtig.“

„Was wichtig ist, weiß man vorher nie!“ rief Hasard zurück. „Ist das klar?“

„Aye, Sir – äh – Señor Capitán!“

„Was soll mit den Bäumen sein?“ fragte Don Juan verwundert, nachdem er sie ebenfalls durch den Kieker betrachtet hatte. „Die hat irgendein Sturm umgelegt.“

„Ein feiner Sturm“, sagte Hasard etwas ironisch, „der Mangroven, Kokospalmen und andere Gewächse umgeht oder stehenläßt und nur ganz bestimmte Bäume umreißt, die noch dazu deutlich Axtkerben aufweisen. Trotzdem werde ich daraus auch nicht schlau. Das sieht aus, als habe dort jemand gewütet. Oder?“

Don Juan spähte wieder durch den Kieker. „Hm, die liegen kreuz und quer durcheinander, deswegen tippte ich auf einen Sturm. Aber die Axtkerben hatte ich nicht beachtet. Du hast recht, die Bäume sind gefällt worden, einwandfrei. Entästet hat man sie nicht. Was sind das für Bäume?“

Hasard ließ den Kutscher rufen. Er selbst wußte es nicht. Und warum hatte man schließlich den Kutscher an Bord, der seinen Namen beharrlich verschwieg, aber ein Kerlchen war, das über ein erstaunliches Wissen verfügte – von der ägyptischen Mumie bis zur Ratte, die Krankheiten übertrug. Von der Kunst, Knochenbrüche zu richten und Schußwunden zu heilen, ganz zu schweigen.

Der Kutscher starrte durch das Spektiv, das Hasard ihm übergeben hatte. Er schaute lange hindurch. Dann setzte er es ab und sagte: „Myristica fragrans.“

„Ah so, Myristica fragrans“, wiederholte Hasard. „Und was, bitte, ist darunter zu verstehen?“

„Das ist der Muskatnußbaum“, erwiderte der Kutscher, „so genannt nach seinem Samen, der als Muskatnuß im Handel ist und als Gewürz benutzt wird. Als ‚Semen Myristecae‘ dienen die Muskatnüsse in Pulver- oder Pillenform zur Anregung der – äh – Darmtätigkeit sowie zur Bereitung des Muskatnußöls. Als Gewürz ist Muskat sehr sparsam zu benutzen. Ich pflege es Gemüsen, Reis- und Fischgerichten beizugeben, wovon allerdings an Bord der von uns besegelten Schiffe noch nie Notiz genommen worden ist, weil alles nur schaufelt und schaufelt, statt zu kosten und zu schmecken und zu genießen – ähem! Ich habe mir im übrigen sagen lassen, daß unzüchtige Frauenzimmer die Muskatnuß ihren Liebhabern zu verabreichen pflegen, in der – äh – buhlerischen Absicht, deren Sinnenlüste zu steigern – ähem!“

Schweigen herrschte darauf, sowohl auf dem Achterdeck als auch auf der Kuhl. Dort stand Mac Pellew vor der Kombüse, und er hatte mit langem Hals und großen Ohren der Rede des Kutschers gelauscht. Carberry auch, und ebenso Old O’Flynn, Luke Morgan, Bob Grey, Sam Roskill – fast alle der ganzen Crew.

„Ogottchen!“ stammelte Mac Pellew erregt. „Das wußte ich ja noch gar nicht!“

„Reg dich ab, Mackilein“, sagte der Profos freundlich, eingedenk der Tatsache, daß sie vor kurzer Zeit ihre unauslöschliche Freundschaft beschworen hatten und durch dick und dünn gehen wollten. „Gegen die Räucherheringe deiner Svanhild aus Bornholm sind diese Muskatnüsse weiter nichts als Mäuseknödel. Und Mäuseknödel sind völlig ungeeignet, die Manneskraft zu steigern. Im Gegenteil, sie bewirken Schlafzustände mit gesteigerter Schnarchlust.“

„Ja?“

„Bestimmt, Mackilein“, versicherte der Profos. „Svanhild Räucherheringe stehen haushoch über diesen Mäuseknödeln, haushoch, sage ich. Und du kannst mir vertrauen. Der Kutscher redet mal wieder wie der Blinde von der Farbe. Er hat sich das sagen lassen, was bedeutet, daß er es selbst noch gar nicht ausprobiert hat.“

„Sehr richtig, Señor Carberry“, sagte der Kutscher sehr spitz und vom Achterdeck herunter. „Ich pflege ja auch keinen Umgang mit unzüchtigen Frauenzimmern – wie gewisse andere Señores, nicht wahr – ähem! Ich habe hier lediglich über das gesprochen, was die Muskatnuß und ihre Verwendung betrifft, dem ich hinzufügen möchte, daß man Muskatnüsse sogar als Beigaben in den Gräbern ägyptischer Pharaonen gefunden hat, was wiederum Rückschlüsse auf die weltweite Verbreitung dieses beliebten und teuren Gewürzes zuläßt. Aber vermutlich interessiert dich das nicht.“

„Oh, da gehst du aber fehl, mein liebes Kutscherlein!“ tönte der Profos. „Ich bin ein sehr interessierter Mensch. Meinst du, ob Sir Jöhnchen gern Muskatnüßchen frißt? Das würde mich wirklich interessieren.“

„Wieso das?“

„Es interessiert mich eben.“

Der Kutscher kniff die Augen zusammen. „Ich kenne dich doch, alter Freund. Du peilst mit deiner Frage was ganz Bestimmtes an, und ich schätze, ich weiß auch, was das ist. Du willst die Wirkung der Muskatnuß bei Sir John ausprobieren, um festzustellen, ob ihn das anregt, einen Harem zu gründen! Genau das ist es, was dich interessiert!“

„Ts-ts!“ äußerte der Profos und tat, als könne er kein Wässerchen trüben. „Ich muß mich doch sehr wundern. Du hast wirklich eine ausschweifende Phantasie, Kutscherlein. Aber das muß ja nicht gleich ein ganzer Harem sein, nicht? Das ist eine ganz üble Unterstellung, zumal jeder hier an Bord weiß, wie anspruchslos das kleine Sir Jöhnchen ist, jawohl, anspruchslos und bescheiden, ein Eremit in klösterlicher Abgeschiedenheit, fern von den Verlockungen buhlerischer Papageien-Frauenzimmer …“

„Jetzt hör aber auf!“ fauchte der Kutscher und war richtig wütend. „Wer hat denn diesen Schreihals an Bord geschleppt – ich vielleicht? Dann entlaß ihn doch an Land, wenn du seine klösterliche Abgeschiedenheit bejammerst! Was meinst du, was wir aufatmen, nicht mehr den ganzen Tag das Geplärre dieses anspruchslosen und bescheidenen Eremiten hören zu müssen! Gib ihm von mir aus einen ganzen Sack voller Muskatnüsse zu fressen, damit er sich im Dschungel amüsieren kann, verdammt noch mal!“

Der Profos stand völlig perplex da, weil sich der Kutscher so aufregte.

Dafür schrie Smoky: „Um Himmels willen, wenn der Geier ’nen ganzen Sack voller Muskatnüsse frißt, dann schleppt der uns ein Riesengeschwader dieser Schreitanten an Bord! Aber dann steige ich aus – wir sind ein Schiff, kein Dschungelrevier für liebestolles Papageienvolk!“

„Richtig, Smoky!“ Auch Old Donegal wollte es dem Profos heimzahlen und ihm Zunder geben. „Die versauen das ganze Schiff und bekacken es von oben bis unten! Bei jedem Schritt tritt man in die Haufen und muß noch befürchten, auszurutschen …“

Hasard donnerte die Faust auf den Handlauf der Achterdecksbalustrade. Es wurde Zeit, den Disput zu beenden.

„Ruhe jetzt!“ sagte er scharf. „Wir haben noch etwas anderes zu tun, als über die Muskatnuß als Liebesmittel zu diskutieren und herumzupalavern – ihr quasselt in letzter Zeit überhaupt ein bißchen viel und meistens ziemlichen Unsinn. Vielleicht sind die Señores so freundlich, die Leinen zum Vertäuen allmählich klarzumachen und Großmars- und Großsegel zu bergen. Ich schätze, daß wir in einer knappen halben Stunde den Hafen von Davao erreichen.“

Damit war das Muskatnußthema zunächst einmal „vom Tisch“ – meinte Hasard. Doch das erwies sich als Irrtum, allerdings in einem anderen Zusammenhang, der nichts mit „unzüchtigen Frauenzimmern“ oder „buhlerischen Absichten“ zu tun hatte. Die Wirklichkeit war viel realer und handfester.

Im übrigen entdeckten die Mannen auf dem Achterdeck durchs Spektiv noch mehr Stellen am westlichen Ufer des Golfes, wo Muskatnußbäume gefällt worden waren. Dieses Fällen schien Methode zu haben, obwohl es vorerst keinen Sinn ergab.

5.

Der Kommandant des kleinen spanischen Stützpunktes Davao am gleichnamigen Golf im Südosten von Mindanao hieß Don Alonso de Figuiera, und Hasard atmete ein bißchen auf, als er ihn kennenlernte. Nein, das war keiner von den knarschen Typen, den Wichtigtuern, die sich für Gott hielten und deren Aufgeblasenheit zumeist im krassen Mißverhältnis zu ihren sonstigen Fähigkeiten stand.

Don Alonso bekleidete den Rang eines Capitáns, wobei er zugleich Polizeichef und Bürgermeister von Davao war, was er selbst jedoch bezüglich seiner drei Ämter als Witz empfand. Seine „Truppe“ bestand aus ganzen zehn Mann, als „Hafenflotte“ verfügte er über zwei Einmast-Schaluppen, im „Gefängnis“, einem fensterlosen Zimmerchen in der Kommandantur, hatte noch nie jemand eingesessen, was sich daraus ergab, daß der Ort lediglich sieben ehrbare Familien beherbergte, und somit entfiel auch die Bürokratie einer Stadtverwaltung, denn bei sieben Häusern, einer Kommandantur mit Wohnbaracke für die „Truppe“ und einigen Lagerschuppen gab es nichts zu verwalten.

Eine Holzpier, in T-Form gebaut, bildete den Hafen von Davao. Dort auch stand der Capitán, Polizeichef und Bürgermeister – empfangsbereit, nachdem ihm die Annäherung einer spanischen Galeone gemeldet worden war. Er selbst winkte die „Santa Barbara“ sogar ein, am Kopf des T’s längsseits zu gehen – auf der Gegenseite des T’s waren nämlich innen die beiden Schaluppen vertäut. Und er beorderte auch ein paar Mannen, die Leinen der „Santa Barbara“ wahrzunehmen.

Er strahlte sogar – trotz des etwas traurigen Dackelgesichts, das Hasard sofort auffiel. Ein kleines Schmerbäuchlein hatte er, freundliche Augen und eine Knubbelnase.

Hasard ließ die Stelling ausbringen, ging an Land, stellte sich dem Señor vor und bedankte sich artig für das Wahrnehmen der Leinen.

„Endlich!“ sagte der Capitán, nachdem er sich gleichfalls vorgestellt hatte. „Endlich sind Sie da!“

„Wie meinen?“ fragte Hasard etwas verdutzt.

„Kommen Sie nicht aus Manila, um die Gewürzladungen zu übernehmen?“ fragte Don Alonso, gleichfalls etwas verdutzt.

„Aber nein, Señor Capitán“, erwiderte Hasard liebenswürdig. „In Manila bin ich mit der ‚Santa Barbara‘ noch nie gewesen. Wir sind im letzten Jahr aus Sevilla, beziehungsweise Cadiz, abgesegelt, haben Kap Hoorn gerundet und Lima angelaufen, wo wir unsere Ladung aus Spanien – Werkzeuge, Ackergeräte, Stoffballen und so weiter – auftragsgemäß abgegeben haben. Die ‚Santa Barbara‘ untersteht einer Reedergemeinschaft und einem Konsortium von Kaufleuten in Sevilla und hat den Auftrag, nach Entladung in Lima zu den Philippinen weiterzusegeln, um Gewürze einzukaufen und über den Indischen Ozean und das Kap der Guten Hoffnung wieder nach Sevilla zurückzukehren. Mindanao habe ich angelaufen, um Frischproviant und Trinkwasser zu übernehmen – wir sind damit etwas knapp geworden, nach der langen Reise über den Pazifik.“

„Oh, oh“, sagte Don Alonso betrübt. „Und ich hatte so sehr gehofft, daß Sie aus Manila kämen, Señor de Villacorta. Seit drei Monaten war kein Schiff da. Dabei platzen meine Lagerschuppen aus allen Fugen.“

„Wie das?“ fragte Hasard interessiert.

Don Alonso seufzte sehr tief und ausgiebig, und nun wurde sein Dackelgesicht noch trauriger. Fast hätte er neben Mac Pellew bestehen und in Konkurrenz treten können.

„Dort lagern Gewürzballen, Señor Capitán“, sagte er betrübt und deutete zu den Schuppen. „Bis unter die Decke! Pfeffer, Nelken, Zimt, Muskat von unseren Ansiedlungen auf den Molukken. Die Gewürzladungen werden monatlich zu uns heraufverschifft, hier ausgeladen und gelagert, bis eine Frachtgaleone aus Manila eintrifft und alles übernimmt und nach Manila bringt, von wo die Ladungen dann in der Monsunzeit bei günstigen Westwinden zusammen mit chinesischem Porzellan, Seidenstoffen und Elfenbein in Konvois nach Mexiko verbracht werden. Ja, und jetzt hocke ich auf den Gewürzladungen, und diese Bastarde in Manila scheint es einen Dreck zu kümmern, ob diese kostbaren Güter verkommen …“ Er stoppte seinen Redefluß und sagte erschrocken: „Mein Gott, ich rede und rede – und Sie sind nach langer Fahrt gerade eingelaufen und brauchen Proviant und Trinkwasser! Entschuldigen Sie bitte, Señor Capitán. Natürlich können wir Sie mit allem versorgen. Man muß sich doch gegenseitig helfen.“

„Nur keine Eile, Señor de Figuiera“, sagte Hasard lächelnd. „Ich finde das alles sehr interessant und aufschlußreich. Ich muß mich entschuldigen, daß ich Sie noch nicht zu einem kleinen Begrüßungstrunk eingeladen habe. Wie wär’s? Wir stehen hier auf der Pier herum, dabei ist es in meiner Kapitänskammer viel gemütlicher!“

„Nein, ich lade Sie ein, Señor Capitán! Wie sich das gehört! Ich muß wirklich schon ziemlich durchgedreht sein, wenn ich die einfachsten Höflichkeitsformen derart mißachte. Schauderhaft, wie man nur an sich selbst denkt und dabei vergißt, was ein Kapitän und seine Mannschaft hinter sich haben, wenn sie von Sevilla über Kap Hoorn bis hierher gesegelt sind! Mein Gott, was für eine Reise! Darüber müssen Sie mir erzählen!“ Plötzlich kniff der Señor Comandante die Äuglein zusammen. „Sie müssen ein guter Kapitän sein, Señor de Villacorta, ein guter Kapitän mit einer guten Mannschaft und einem guten Schiff. Ich habe mir sagen lassen, daß es von zehn Schiffen allenfalls zwei schaffen, Kap Hoorn zu runden oder durch die Magellan-Straße und den Pazifik bis hierher zu segeln.“

„Nun ja“, meinte Hasard, „vielleicht haben wir Glück gehabt.“

„Das Glück der Tüchtigen …“

Eine krakeelende Stimme fuhr dazwischen. Auch Hasard zuckte zusammen und wappnete sich sofort für die passende Erklärung – daß ihnen nämlich dieses plärrende Vogelvieh zugeflogen sei, offenbar von einem englischen Schiff.

„Zicke-zacke – Pavianbacke – hosianna – Kruzifix – halleluja!“ schrie Sir Jöhnchen und schickte ein Gelächter hinterher. Er turnte auf der Fockrah herum und stieß den Kopf ruckend auf und ab.

Hasard hatte den Kopf zum Schiff gewandt und erdolchte Carberry mit dem eisigen Blau seiner Augen. Klar, der Profos hätte seinen Krakeeler vor dem Einlaufen unter Deck bringen müssen, um allen Scherereien aus dem Wege zu gehen. Und was tat der Kerl jetzt? Er plierte in die entgegengesetzte Richtung in die Luft, als sei er für Sir John nicht zuständig.

Na warte, dachte Hasard. Aber immerhin hatte Sir Jöhnchen darauf verzichtet, etwas aus seinem weniger feinen Sprachschatz zum besten zu geben, womit nicht gesagt war, daß er es nicht doch noch tun würde. Das wußte man bei ihm nie so genau. Und daß „Pavianbacke“ eine neue Version von „Affenarsch“ war, konnte Don Alonso ja nicht ahnen.

Doch der Capitán freute sich. Nach seiner ersten Verblüffung lachte er sehr herzlich und meinte, daß dieser sprachbegabte hübsche Papageienvogel bei der Eintönigkeit langer Seereisen doch sicherlich sehr unterhaltsam sei und für Abwechslung sorge.

Das konnte Hasard bestätigen, und er dachte: Wenn du wüßtest, was wir mit diesem lieben Tierchen schon alles erlebt haben – noch vor einer halben Stunde ging es um das Thema, ob die Muskatnuß geeignet sei, dem Sir John zu einem Harem zu verhelfen und sein Liebesleben zu aktivieren. Aber das konnte er dem Capitán ja schlecht erzählen.

Er sagte nur – um vorzubeugen: „Wir haben den Papagei erst sei Lima an Bord und vermuten, daß er vorher auf einem englischen Schiff gewesen ist, denn er kennt sehr viele englische Ausdrücke und Wörter, die“ – er spähte zu Carberry und hob die Stimme – „die nicht gerade salonfähig sind, ganz im Gegenteil, man muß sich schämen, wenn man die hört. Aber diese englischen Seeleute sollen ja dafür bekannt sein, daß sie nur Unflätigkeiten von sich geben. Allerdings – der Kerl, von dem dieser Papagei die ordinäre Sprache gelernt hat, muß wohl über einen ganz besonderen Sprachschatz dieser Art verfügt haben. Anders kann ich mir das nicht erklären.“ Und Hasard sah mit Genugtuung, daß der Profos einen ziemlich roten Kopf hatte. Recht so, dachte er, schäm dich nur, mein lieber Ed. Und solltest du dich ärgern, dann kratzt mich das auch nicht weiter.

Und der Capitán Don Miguel Lopez de Villacorta alias Philip Hasard Killigrew grinste hintergründig.

Eine Viertelstunde später saß er mit Ben Brighton, Don Juan und Dan O’Flynn, die er dem Capitán als seine „Offiziere“ vorgestellt hatte, in der Kommandantur Don Alonsos. Man trank einen süffigen Rotwein, und Don Alonso merkte nicht, daß er von dem Kapitän der „Santa Barbara“ geschickt ausgehorcht wurde.

Jedenfalls atmete Hasard auf, als er hörte, daß es mit der Präsenz spanischer Kriegsschiffe in Manila nicht weit her sei – ein nicht unwichtiger Faktor für die Arwenacks, wenn sie nach Übernahme des Proviants und Trinkwassers nordwärts an den Ostküsten der Philippinen entlang nach China segeln. Man weiß ja immer gern schon vorher, mit was man möglicherweise rechnen muß.

Und dann horchen Hasard und seine drei „Offiziere“ auf, als Don Alonso fast erzürnt fortfährt: „Das ist es doch gerade, warum ich die Galeone aus Manila so dringend erwarte. Ich habe Hilfe angefordert, weil ich hier auf verlorenem Posten stehe. Mit zwei Schaluppen und zehn Mann kann ich mich nicht wehren. Wir sind ja keine Selbstmörder, nicht wahr? Aber Manila denkt gar nicht daran, diesen Stützpunkt zu verstärken. Entweder hat man uns bereits abgeschrieben und sagt, der kleine Capitán de Figuiera soll doch zusehen, wie er klarkommt, oder es stehen tatsächlich keine Schiffe nebst Mannschaften und Seesoldaten zur Verfügung.“ Der Capitán schnaufte empört. „Wenn die Kerle auch noch Davao angreifen, dann kann ich nur kapitulieren!“

„Welche Kerle?“ fragte Hasard.

„Die Holländer!“

„Die Holländer?“ Hasard schüttelte den Kopf. „Das verstehe ich nicht, Señor Capitán. Wieso die Holländer?“

„Sie haben sich auf den Molukken festgesetzt, diese Brüder“, erwiderte Don Alonso. „Und es sieht ganz danach aus, als seien sie scharf darauf, das Gewürzmonopol an sich zu reißen. Sie gehen mit teuflischer Schläue vor. Dort, wo spanische oder portugiesische Gewürzbesitzungen sind, fallen sie über die Plantagen her und zerstören Pflanzen und Ernte. Damit nicht genug, sie überfallen auch unsere kleineren Handelsfrachter, die Gewürzladungen von den Molukken hierher nach Davao bringen, verprügeln Kapitäne und Mannschaften oder töten sie, wenn sie sich wehren, oder verschleppen sie auf ihre Plantagen, wo sie Frondienste leisten müssen.“ Don Alonso hob sein Rotweinglas und trank.

Hasard dachte: Na so was! Fast hätte er gelacht, und er sah, daß es zumindest Ben und Dan nicht anders erging. Sie hatten Mühe, ihre Heiterkeit zu verbergen. Nur Don Juan runzelte die Stirn.

Nun ja, welchen Nichtspanier erheiterte es nicht, wenn er hörte, Spanier müßten „Frondienste“ leisten. Gemeinhin war es ja umgekehrt, nicht wahr? Wenn Hasard an die Hölle von Juchitán dachte, wo seine Mannen und er, an Ketten gefesselt, Zwangsarbeit hatten leisten müssen – und unter was für Bedingungen! –, dann war verständlich, daß sie jetzt fast so etwas wie Schadenfreude empfanden.

Und doch – und doch! Etwas störte Hasard und ihm wurde im ersten Moment nicht bewußt, was es war.

Don Alonso setzte sein Glas ab und sagte erbittert: „Auch bei uns schlagen sie zu – im wahrsten Sinne des Wortes: Sie schlagen mit der Axt zu! Sie fällen die Muskatnußbäume an der Westküste unseres Golfes, Muskatnußbäume, die wir bisher abernten konnten. Wissen Sie, Señores, daß diese Bäume an die neun bis zehn Jahre brauchen, um zu wachsen und dann die kostbare Muskatnuß als Frucht hervorzubringen? Neun bis zehn Jahre! Können sie ermessen, was es bedeutet, wenn solche Bäume brutal gefällt werden?“

„Ah!“ sagte Hasard gedehnt. „Ich beginne zu verstehen. Die spanische oder portugiesische Konkurrenz im Gewürzhandel, speziell der Handel mit den Muskatnüssen, wird auf diese Weise abgewürgt – mit einem Schaden, der neun bis zehn Jahre braucht, um ihn zu beseitigen.“

„Genauso ist es“, sagte Don Alonso dumpf. „Sie wollen den europäischen Markt beherrschen, diese Mijnheers, und sie schrecken nicht davor zurück, mit den Äxten einen Kahlschlag zu betreiben. Sie vergreifen sich an dem, was Gott hat wachsen lassen. Sie begnügen sich nicht mit dem, was sie auf ihren Plantagen erwirtschaften, sondern legen auch Hand an das an, was wir ernten wollen – damit sie die Preise in Europa bestimmen können.“

„Warum stellen Sie keine Wachen bei den Muskatnußbäumen an der Küste auf, Señor Capitán?“ fragte Don Juan.

„Ich sagte doch, daß ich hier nur über einen Trupp von zehn Mann verfüge“, erwiderte Don Alonso gepreßt. „Soll ich den vielleicht verheizen? Und soll ich den Angehörigen in Spanien dann schreiben, ihr Vater, Bruder oder Sohn fiel in treuer Pflichterfüllung, weil er einen Muskatnußbaum verteidigte? Es sind an die vierzig, fünfzig Kerle, die mit schnellen, wendigen Schaluppen an der Küste landen und über die Bäume herfallen. Sie kommen nachts. Aber meine zehn Männer können nicht Nacht für Nacht an der Küste Wache schieben, das geht über ihre Kräfte. Sicher, ich könnte auf die männlichen Zivilisten zurückgreifen, aber das sind Tischler, Schuster, Schneider – eben Handwerker, aber keine Soldaten.“

Hasard starrte in sein Rotweinglas. Einiges ging ihm durch den Kopf. Merkwürdig war nur, daß seine Schadenfreude verflogen war. Irgend etwas stieß ihm gallebitter auf. Plötzlich sah er wieder die gefällten Bäume vor seinem geistigen Auge. Bäume, die neun bis zehn Jahre brauchten, um Früchte zu tragen. Gott hat sie wachsen lassen, hatte der Capitán gesagt. Jetzt lagen sie dort, kreuz und quer durcheinander wie Soldaten auf einem Schlachtfeld – Gefallene. Nie mehr würden sie Frucht tragen.

Was maßen sich diese Holländer an? dachte Hasard. Und er dachte an gewisse Feudalherren, die es spaßig fanden, durch die Felder der Bauern, zu reiten und das Korn niederzutrampeln. Und der Bauer, der sich empörte, weil man das vernichtete, was durch seine Hände Arbeit entstanden war, diesen Bauern züchtigte man mit der Peitsche, hohnlachend und die Macht des Zwingherren auskostend. Er konnte sich ja nicht wehren, dieser miese Winzling von Schollenbrecher, dieser Rübenbauer, dieser Hungerleider – hahaha!

Hasard hob die Augen und begegnete dem Blick Ben Brightons. Es war ein sehr nachdenklicher Blick. Eine stille Frage lag darin. Oh, dieser Ben Brighton! Der schien mal wieder sehr genau zu wissen, was seinen Kapitän beschäftigte.

Seine stille Frage lautete: Packen wir’s an, Sir?

Und was antwortete Hasard stumm? Mann, mach mich nicht wild! Geht uns das was an, wenn die Mijnheers den Dons den Muskatnußhandel abwürgen? Sollten wir nicht froh sein, daß sie’s tun? Die kämpfen eben auf ihre Art gegen die Spanier, von denen sie ja auch lange genug gezwiebelt worden waren. Denk mal an den Herzog von Alba, mein lieber Ben, an diesen Tyrannen, der Hunderte von Niederländern dem Schafott ausgeliefert hat!

Und Ben fragte stumm: Würden wir Muskatnußbäume bei unserem Kampf gegen die Spanier umlegen, Sir?

„Nein, verdammt noch mal!“ sagte Hasard laut und wütend.

Nur Ben lächelte. Don Juan, Dan und der Capitán schauten Hasard verwundert an.

„Wie bitte?“ fragte Don Alonso.

„Ach, nichts“, murmelte Hasard, „mir ist das so herausgefahren.“

Ben Brighton, dieser Schurke, sagte mit undurchdringlichem Gesicht: „Mein Kapitän ärgert sich über die gefällten Muskatnußbäume, Señor de Figuiera, und da bin ich ganz seiner Meinung. Wir haben die Zerstörungen an der Küste übrigens gesehen, als wir Davao ansteuerten. Ein übles Bild. Dort ist meiner Meinung nach etwas Sinnloses geschehen. Mir ging eben durch den Kopf, was wohl wäre, wenn man nicht Muskatnußbäume vernichtete, sondern – nun – Tiere, die man abschlachtet, weil man nicht will, daß sie einem Land Gewinn bringen, den man aber selbst kassieren möchte.“ Ben räusperte sich. „Zum Beispiel Schafe, von denen wir Fleisch und Milch erhalten, aber ganz besonders Wolle. Das wäre dann Tiermord, nicht wahr? Aber ich kann das noch überspitzen und das, was ich meine, auch auf den Menschen selbst beziehen. Das wäre dann Völkermord. Was ich damit sagen will: verwerflich, ja verbrecherisch ist alles Tun, das aus niederen Motiven heraus etwas Lebendes abtötet oder vernichtet. Wir hatten allerdings Ratten an Bord, denen wir versuchten, den Garaus zu bereiten, weil sie die Eier unserer Bordhühner gefressen und ein Huhn totgebissen hatten.“

„Na, na, na“, sagte Dan O’Flynn, „das geschah bei uns aber nicht aus niederen Motiven oder um Gewinn zu erzielen. Wir haben damit auch niemanden geschädigt, aber damit rechnen müssen, daß die Ratten weiterhin Eier vertilgen oder gar an die Hühner herangehen. Ich schätze, das ist ein ziemlicher Unterschied zu den zitierten Beispielen Muskatnußbaum, Schaf und Mensch.“

Ben Brighton lächelte still vor sich hin. Dann sagte er: „Ich wollte nur andeuten, daß wir uns verdammt hüten sollten, anmaßend zu sein – als Menschen – und darüber zu befinden, was leben und was nicht leben darf. Wer sind wir denn? Etwa die Herren über diese Welt, die nicht wir, sondern ein Schöpfer geschaffen hat? Trotzdem nehmen wir uns heraus, über Tod und Leben zu entscheiden oder alles auszubeuten, was uns nützlich erscheint. Dabei steckt in der Nützlichkeitserwägung unter anderem der hemmungslose Wunsch, sich auch zu bereichern. Das trifft nun keinesfalls auf unseren Feldzug gegen die Ratten zu. Aber was die Holländer mit der Vernichtung der Muskatnußbäume betreiben, das ist Mord an der Natur aus eigensüchtigen Motiven.“

„Wollen Sie mir gegen die Kerle helfen?“ fragte Don Alonso aufgeregt.

Ben Brighton war ein Fuchs. Er erwiderte: „Das müssen Sie meinen Kapitän fragen, Señor de Figuiera.“

Eine paradoxe Situation! Da verlangte dieser schlitzohrige Ben Brighton – schlitzohrig, jawohl! – nicht mehr und nicht weniger, als daß sich die Arwenacks auf die Seite der Dons stellten und den Holländern ans Leder gingen, statt diese als Bundesgenossen im Kampf gegen Spanien zu empfinden. So was Verrücktes!

Hasard drehte den Spieß um. „Was meinen denn mein Zweiter und Dritter Offizier dazu, he?“ Und er blickte erst Don Juan und dann Dan O’Flynn an – als Zweiter und Dritter hatte er sie dem Capitán vorgestellt.

„Ich bin dafür, Capitán de Figuiera zu helfen“, sagte Don Juan gemessen.

„Ich auch“, erklärte Dan O’Flynn, ein Funkeln in den hellen scharfen Augen.

„Señores!“ sagte Hasard streng zu seinen drei „Offizieren“. „Sie scheinen zu vergessen, daß wir friedliche Handelsfahrer und mitnichten Soldaten sind. Außerdem bin ich den Eignern in Sevilla gegenüber für die ‚Santa Barbara‘ verantwortlich. Ich darf sie nicht in einem Gefecht gegen die Holländer aufs Spiel setzen.“

„Das brauchen Sie gar nicht, Señor Capitán“, sagte Don Alonso eifrig und mit glänzenden Augen. „Ich stelle Ihnen meine beiden Schaluppen zur Verfügung – bitte, helfen Sie mir. Ich weiß, daß Sie ein tüchtiger Mann sind – wer eine Galeone von Spanien bis hierher segelt, muß ein tüchtiger Mann sein. Und ich habe mir Ihre Männer angesehen, Don Miguel! Ich glaube, die können ziemlich kräftig zulangen. Das war jedenfalls mein Eindruck.“

Und wie die zulangen können, mein guter Don Alonso, dachte Hasard fast belustigt, vor allem, wenn sie euch Spaniern auf die Zehen treten dürfen!

Er sagte: „Haben Sie eine Ahnung, aus welcher Ecke diese Axtschwinger aufkreuzen, Don Alonso? Ich meine, haben die Kerle hier irgendwo ein Versteck, einen Stützpunkt, einen Hafen? Wenn sie Schaluppen benutzen, dann deutet das darauf hin, daß sie nicht von weither kommen, nicht wahr?“

Don Alonso schüttelte betrübt den Kopf. „Das haben wir bisher noch nicht ergründen können – nicht bei der Vielzahl der Inseln und Inselchen dieses Archipels. Für eine Spähertätigkeit kann ich auch keinen meiner Soldaten entbehren. Wir wissen nur, daß die Kerle immer von Süden herauf segeln.“

„Warum setzen Sie nicht Eingeborene als Späher ein?“ fragte Hasard. „Wir sahen einige Filipinos mit Auslegerbooten und außerdem an der Westküste ein paar Pfahlbauten und Hausboote.“

„Das sind die Orang Laut oder Badjao, die ‚Meerleute‘ oder ‚Seemenschen‘“, erwiderte Don Alonso. „Sie sind nicht seßhaft, sondern leben mehr oder weniger auf ihren Wasserfahrzeugen und vagabundieren durch die Gebiete der Sulu-See und der Mindanao-See. Sie haben eine Scheu vor uns und wollen mit uns nichts zu tun haben, ganz abgesehen davon, daß sie selbst auch von den Holländern überfallen wurden. Diese Badjao haben sehr hübsche Frauen – begehrte Lustobjekte für diese Kerle, von denen sie schlichtweg geraubt werden, wobei sie die Leutchen allerdings auch ausplündern, weil sie wissen, daß viele Badjao die Perltaucherei betreiben.“ Don Alonso seufzte. „Ich hätte die Badjao gern als Bundesgenossen, aber sie lehnen nach diesen üblen Erfahrungen alle Weißen ab, was ich ihnen nicht verdenken kann. Im übrigen sind sie ausgesprochen friedfertig. Wären sie es nicht, hätten sich die Mijnheers schon blutige Köpfe geholt.“

„Muskatnußbäume vernichten, Handelsfahrer überfallen, die Besatzungen zum Frondienst pressen, Perlen stehlen und Frauen rauben – eine saubere Liste ziemlich übler Taten“, meinte Ben Brighton. „Nicht wahr, Señor Capitán?“ Er blickte Hasard an.

Hasard nickte. „So ist es, verehrter Primero. Da kann einem mal wieder die Galle hochsteigen.“ Er wandte sich an Don Alonso. „Was ich brauche, das ist eine gute Seekarte mit den Küstengebieten um Mindanao. Haben Sie so etwas? Vielleicht sogar eine Spezialkarte des Golfes von Davao?“

„Haben wir“, sagte Don Alonso eifrig, stand auf, ging in einen Nebenraum und kehrte mit einer großen, mit Schweinshaut überzogenen Mappe zurück. Als er sie vor Hasard auf den Tisch legte, mußte er die Arme ausbreiten, um sie aufzuklappen. „Alles Karten von den Inseln der Philippinen und natürlich auch speziell von Mindanao, die obenauf liegen. Hier auf der ersten habe ich sogar angekreuzt, welche Stellen an der Golfwestküste von den Kerlen bereits heimgesucht wurden. Hier in der Bucht von Digos haben sie begonnen und arbeiten sich nach Süden vor. Sie fangen immer dort an, wo sie zuletzt aufgehört haben.“

„Methodische Leute“, murmelte Hasard und beugte sich zusammen mit Ben, Don Juan und Dan über die Karte, die exakt den Küstenverlauf darstellte. „Da brauchen wir die Brüder ja nicht lange zu suchen, sondern können uns dort auf die Lauer legen, wo sie ihren nächsten Kahlschlag vornehmen werden. Wie ist das, tauchen sie in regelmäßigen Zeitabständen auf, Don Alonso?“

„Alle drei bis vier Tage.“

„Und wann erwarten Sie den nächsten Besuch?“

„Die Kerle müßten übermorgen nacht erscheinen“, erwiderte Don Alonso und fügte gallig hinzu: „Bisher waren sie leider immer pünktlich.“

„Leider?“ Hasard pochte mit den Handknöcheln auf den Tisch. „Die Kerle sollen mich kennenlernen, wenn sie unpünktlich sind! Bei einer solchen Sache darf man doch wohl Pünktlichkeit erwarten. Sonst soll sie der Teufel holen!“

Da lachten die Männer.

6.

Am nächsten Tag übernahmen die Arwenacks die beiden Schaluppen, und da war einiges zu tun, denn der gute Don Alonso hatte sich als Nicht-Seemann kaum um die beiden Schiffchen gekümmert und gestand auch, er habe keinerlei seemännische Praxis. Gleiches galt auch für seine „Truppe“ von zehn Mann.

Manila hatte dem kleinen Stützpunkt die beiden Schaluppen zwar als „Hafenflottille“ zur Verfügung gestellt, aber nicht dafür gesorgt, daß sie auch eine entsprechende Besatzung erhielten. In diesem Fall hatte Don Alonso ebenfalls die „Verwaltungshengste“ – wie er sich ausdrückte – in Manila angeschrieben und darum gebeten, ihm mindestens einen Bootsmann und fünf Seeleute je Schaluppe zu schicken. Aber auf diese Bitte hatte man noch nicht reagiert.

Hasard und seine Mannen dachten sich ihren Teil. In Manila schien ein feiner Schlendrian zu herrschen. Andererseits befanden sich die Philippinen weitab vom Mutterland Spanien, und Manila wiederum, Haupthafen und Hauptstadt auf der nördlichen Philippineninsel Luzon, lag an die sechshundert Meilen Luftlinie von Davao entfernt.

Carberry, enttäuscht darüber, daß Davao noch nicht einmal über eine Kneipe verfügte, meinte, dieses Kaff läge „am Arsch der Welt“. Damit hatte er zweifellos recht, obwohl ihn der Kutscher belehrte, das käme doch, bitte sehr, immer auf den Blickwinkel an. Genausogut könne man, wenn man jetzt Davao als Standort nähme, behaupten, Plymouth läge am „Dingsda der Welt“ – ähem!

Für einen Kaffer wie dich bestimmt! hatte der Profos gehöhnt und sich strikt geweigert, einen anderen Blickwinkel anzuerkennen. Außerdem irritierte ihn der riesige Vulkangipfel des Sandáwa, den man später Mount Apo nannte. Dieser Feuerberg, obwohl er längst erloschen war, beunruhigte ihn. Dieses Bergmonster ragte westlich von Davao über dem Regenwald in den Himmel und wirkte ziemlich unheimlich.

Der Profos spähte ungern hin. Da war er eigen. Und endlich einmal war er sich in diesem Fall einig mit Old O’Flynn und Smoky, die gleich ihm von Mißtrauen erfüllt waren, der Berg könne zu spucken anfangen. Denn vielleicht hatten die Dons gelogen, als sie behaupteten, der Vulkan sei erloschen. Dorthin aufgestiegen waren sie nämlich auch noch nicht. Wie wollten sie dann wissen, was da oben los war!

Leider gab Old Donegal keine „Schwanungen“ von sich, sondern begnügte sich mit einem düsteren Gesicht und zeitweiligem Kopfschütteln. Aber das beruhte darauf, daß er gemerkt hatte, wie Hasard nur darauf lauerte, ob er mit seinem „Sprücheklopfen“ loslegte. Und der alte Zausel hatte sich vorgenommen, seinen Schwiegersohn und Kapitän nicht unnötig zu reizen.

Hasard hatte die Arwenacks informiert, um was es ging. Und sie standen zu ihm: den Mijnheers gehört was auf die Finger geklopft, und das nicht zu knapp. Außerdem war der knubbelnasige Capitán mit dem Schmerbäuchlein ein feiner Kerl, hatte er doch der „tüchtigen“ Crew der „Santa Barbara“ ein Fäßchen Rum und fünf Fässer sehr guten spanischen Rotweins spendiert.

Und gestern abend hatten appetitliche Töchterchen der sieben ehrbaren Familien von Davao den Mannen noch appetitlichere Spanferkelchen serviert, was sogar der Kutscher und Mac Pellew mit Anerkennung vermerkt hatten – Mac mehr vom Anblick der „Töchterchen“ animiert war.

Mit einer sehr gut geformten und sehr glutäugigen und sehr jungen Señorita, Tochter des Schneiders, hätte er gern geschäkert, nur ein bißchen, aber da war ihm ausgerechnet sein „Blutsbruder“ Edwin Carberry auf die Zehen gestiegen und hatte ihm zugeraunt, der Kapitän hätte sich „amouröse Gegenleistungen“ deutlich und energisch verbeten, und das gelte für alle, denn es sei zu befürchten, daß der eine oder andere im Eifer des Gefechts vielleicht doch seine englische Identität verrate, was tunlichst zu vermeiden sei. Punktum!

Mac war heute noch sauer, was den Profos aber nicht weiter bekümmerte, weil er auf den beiden Schaluppen zugange war, um die „auf Vordermann“ zu bringen.

Hasard hatte auf Mithilfe der Dons verzichtet – in diesem Fall der zehn Soldaten –, die auch gar nicht gewußt hätten, wo anzupacken war. Und er hatte dem Capitán auch gesagt, er werde den Coup gegen die Axtschwinger mit seinen Männern unternehmen, die seien aufeinander eingespielt, vor allem was Aktionen auf See beträfe, und genau diese habe er unter anderem vor.

Das war ganz im Sinne der Arwenacks. Sie brauchten die Dons nicht als Mitstreiter – Gott bewahre! Die wären nur hinderlich gewesen – oder hätten die Ohren gespitzt, wenn man mal auf englisch fluchte.

„Da sind wir Betschwestern lieber unter uns“, hatte Carberry gesagt.

Roger Brighton, Takelmeister der Arwenacks und Bruder Ben Brightons, hatte eine Menge zu tun, um vergammeltes oder verrottetes Tauwerk auszuwechseln und neue Fallen und Schoten zu scheren. Und Will Thorne flickte oder ersetzte Segel, wo sich das als notwendig erwies. Al Conroy, Stück- und Waffenmeister der Arwenacks, kümmerte sich um die Armierung, vor allem um die Drehbasen, mit denen die Schaluppen bestückt waren. Und Ferris Tucker überprüfte die beiden Schiffchen von außen und innen, wobei er etwas verblüfft feststellte, daß sie aus einem eisenharten Holz gebaut waren, das er nicht kannte.

Oder sollte es das Holz sein, aus dem Thorfin Njals Viermaster „Eiliger Drache über den Wassern“, gezimmert worden war? Mein lieber Mann! Dann hatten die Dons hier zwei Schiffchen, von deren Güte sie nicht das geringste ahnten! Diese Planken waren immun gegen Drehbassenkugeln, wenn nicht gar gegen schwerere Kaliber. Außerdem fingen sie schwer Feuer. Schiffe aus diesem Holz waren kaum totzukriegen, und merkwürdigerweise mied sie auch der Schiffsbohrwurm.

Er würde das später mal ergründen müssen, meinte Ferris Tucker, als er Hasard über den Zustand der beiden Schaluppen Bericht erstattete und auf das Holz verwies, das vermutlich in diesem Bereich der Welt zu finden sei. Da könne es sich lohnen, sich mal umzuschauen und eine Ladung dieser Hölzer bei der Heimreise mitzunehmen.

Gegen Mittag dieses ersten Tages in Davao waren die beiden Schaluppen überholt. Hasard entschloß sich, mit ihnen auszulaufen und bei der Trimmfahrt gleichzeitig jene Küste zu erkunden, wo die Holländer ihre Kahlschläge betrieben.

Er übernahm selbst eine Schaluppe. Die andere führte Don Juan. Je fünf Arwenacks bildeten die Crew. Das reichte vollauf zur Bedienung des Riggs, denn diese Einmaster hatten nur Großsegel und Fock. Es waren handige Schiffchen, wie sich herausstellte. Sie liefen am Wind eine gute Höhe und entwickelten raumschots eine beachtliche Geschwindigkeit. Da sie vorn und achtern eingedeckt und auf beiden Seiten mit Schanzkleidern versehen waren, würde man nicht gleich den Schwanz einzuziehen brauchen, wenn es etwas stürmisch wurde.

Sehr gut geeignet für die Küstenfahrt, urteilte Hasard, und bei guter Seemannschaft auch für die See steif genug. Don Juan war der gleichen Ansicht, als sie später ihre Erfahrungen austauschten und erwogen, solche Einmaster auch beim Bund der Korsaren einzusetzen, und zwar als Wachschiffe und Avisos.

Während der Fahrt südwärts an der Westküste des Golfes entlang überprüfte Dan O’Flynn an Bord von Hasards Schaluppe die Genauigkeit der mitgenommenen Karte, auf der Don Alonso die Kahlschläge markiert hatte.

Wer auch immer diese Karte gezeichnet hatte, er mußte ein guter Kartograph mit einem geschulten Auge gewesen sein. Gewissenhaft und genau waren Korallenriffs und Untiefen eingezeichnet und vermerkt, ebenso markante Punkte an Land, welche die Kreuzpeilungen erleichterten.

Etwas nördlich des letzten Kahlschlags war auf der Karte eine kleine Bucht dargestellt, die von einer palmenbestandenen Landzunge abgeschirmt wurde. Die Landzunge schob sich wie ein gekrümmter Finger von Süden her vor die Bucht und verdeckte mehr als die Hälfte von ihr.

Diese Bucht steuerten beide Schaluppen an. Hasard hatte sie anhand der Karte ausgewählt. Sie bot sich als Versteck und Ausgangspunkt beim Unternehmen gegen die Holländer in idealer Weise an. Sie gab Schutz gegen Sicht von der Wasserseite her, sie lag in der Nähe der zu erwartenden nächsten Holzfälleraktion, und sie war für die Holländer uninteressant, weil in ihrer Umgebung bereits alle Muskatnußbäume umgeschlagen worden waren. Die Kerle würden mit ihren Schaluppen vermutlich eine Stelle anlaufen, die eine knappe Meile südlich der Bucht lag.

Die Karte hatte nicht getrogen. Die Bucht erwies sich tatsächlich als ideales Versteck, als sie die Einfahrt nördlich der Landzunge passierten, voran Hasards Schaluppe, dahinter Don Juan. Sie hatten die Segel bereits weggenommen und glitten mit Riemenantrieb in die Bucht. Im Schanzkleid der beiden Schaluppen waren dafür Riemenpforten vorgesehen – ein nicht zu verachtender Vorteil dieser Einmaster bei Flaute oder besonderen Manövern wie in diesem Fall. Denn die Bucht war nicht groß genug, um unter Segeln in ihr zu manövrieren.

Sie brauchten nicht zu ankern. Das Wasser – es war von grünlicher kristallener Klarheit – hatte genügend Tiefe, so daß sie die beiden Schiffchen bis unmittelbar ans Ufer pullen und dort an Baumstämmen vertäuen konnten.

Dann sahen sie sich an Land um und drangen durch das Mangrovendickicht nach Süden zu jenem Bereich vor, wo die Holländer zuletzt gewütet hatten.

Aus der unmittelbaren Nähe wirkten die gefällten Muskatnußbäume noch beklagenswerter, zumal die Blüten und Blätter bereits welkten. Ein trostloser Anblick war das, darüber half auch der aromatische Duft nicht hinweg, der über dieser Stätte lag. Die gefällten Bäume bildeten mit ihren astreichen Kronen einen regelrechten Verhau.

Wer die reifen Früchte mit ihrem karminroten Mantel abernten wollte, hätte halsbrecherische Kletterpartien durch das Astgewirr unternehmen müssen, und doch wäre er an einen großen Teil erst gar nicht herangelangt, es sei denn, er würde Axt und Säge ansetzen, um sich vorzuarbeiten.

„Sieht so aus“, meinte Don Juan, „als hätten die Kerle dieses Durcheinander absichtlich geschaffen, um zu verhindern, daß auch nur eine Muskatnuß geerntet wird.“

Hasard nickte stumm und blickte dann zu den hohen schlanken Bäumen hinüber, die das nächste Opfer dieser Wüteriche werden sollten. Diesmal nicht, dachte er. Wir werden euch die Suppe gründlich versalzen, darauf könnt ihr euch verlassen.

Für einen blitzartigen Überfall war das Gelände wie geschaffen. Unterholz und Buschwerk boten gute Deckungsmöglichkeiten. Ja, blitzartig würden sie zuschlagen müssen, denn die Kerle waren vermutlich in der Überzahl. Aber wenn man sie gleichzeitig von allen Seiten packte, dann sollte die Überraschung klappen. Bisher waren sie bei ihrer miesen Tätigkeit ungeschoren geblieben und fühlten sich vermutlich sicher. Das war ihre Schwachstelle.

Oder sollte man sie schon abfangen, bevor sie überhaupt mit ihren Schaluppen landeten?

Don Juan schien ähnliche Überlegungen anzustellen, denn er fragte: „Was meinst du, wie wir’s anpacken?“

Hasard grinste. „Schlag du was vor!“

„Ich?“

„Ja. Du hast doch sicher schon eine Idee. Oder nicht?“

Don Juan wiegte den Kopf. „Ich dachte nur daran, man müßte die Kerle derart verprügeln, daß ihnen der weitere Appetit auf das Umlegen von Muskatnußbäumen ein für allemal vergeht.“

„So schnell vergeht der nicht“, sagte Hasard, „auch wenn sie Dresche beziehen. Diese Mijnheers können ganz schön stur sein. Denk mal an den Kampf gegen euch, der geführt wird, seit Philipps Vater Karl meinte, den Niederländern die Ketzerei austreiben zu müssen, was bisher weder dem Vater noch dem Sohn gelungen ist. Die Mijnheers haben euch ganz schön die Zähne gezeigt.“ Hasard stutzte. „He! Sag mal, hast du einen besonderen Pik auf die Niederländer?“

„Nein.“

„Was dann?“ bohrte Hasard.

„Mann, ich habe etwas gegen diesen Wahnsinn, daß diese Kerle Bäume umlegen, nur um in einem anderen Teil der Welt, Tausende von Meilen von hier entfernt, einen Profit zu erzielen. Ich begreife das nicht! Ich will es auch gar, nicht begreifen. Wegen Gold schlagen sich die Menschen die Köpfe ein. Jetzt ist es eine Muskatnuß! Was denn noch alles, verdammt noch mal?“

„Oh!“ sagte Hasard gelassen. „Perlen, Silber, Edelsteine und – wie wir hörten, – Pfeffer, Zimt, Nelken. Ich schätze, das läßt sich beliebig erweitern. Da braucht nur ein Schlauer irgend etwas X-Beliebiges für wertvoll zu erklären, woran man sich bereichern kann, und schon geht der Rummel los. Und wenn man dann dieses X-Beliebige dort vernichtet, wo ein anderer darüber verfügt oder es ausbeutet, dann kann man die Preise diktieren. Genial, nicht?“

„Zum Kotzen!“ fauchte Don Juan.

„Das auch“, sagte Hasard.

Er hatte kaum ausgesprochen, da stieß Dan O’Flynn einen scharfen Pfiff aus und rief: „Schaluppen! Unten im Süßen!“

Hasard fuhr herum.

Tatsächlich segelten Schaluppen längs der Küste nach Norden hoch. Einmaster. Vier zählte Hasard.

„Zurück zur Bucht!“ zischte er. „Aber hinter dem Buschgürtel, damit uns die Kerle nicht sehen!“

Der Buschgürtel zog sich vor der Zone der Muskatnußbäume bis zu dem Mangrovenfilz an der Bucht hin und bot gute Deckung, wenn man sich gebückt fortbewegte. Hasard ging davon aus, daß man sie noch nicht entdeckt hatte, es sei denn, einer der Kerle auf den Schaluppen hatte die scharfen Augen Dan O’Flynns. Die Schiffe waren noch an die acht Meilen entfernt. Sie hoben sich deutlich auf dem Wasser ab. Aber von ihnen aus Köpfe und Schultern zwischen dem Grün des Uferdickichts zu erkennen, war kaum möglich.

Sie verschwanden wie ein Spuk und erreichten die Bucht.

„Macht die Drehbassen gefechtsklar“, befahl Hasard, „ebenso die anderen Schußwaffen.“

„Du willst angreifen?“ fragte Dan O’Flynn.

„Sollen wir vielleicht Däumchen drehen und zuschauen, wenn sie die Äxte schwingen?“ fragte Hasard zurück.

„Vielleicht sind es gar nicht die Mijnheers“, sagte Dan.

„Das wird sich ja herausstellen“, entgegnete Hasard. „Und jetzt quassel nicht soviel, sondern kümmere dich um unser Schiffchen, Señor O’Flynn!“

„Si, si, Señor Capitán“, sagte Dan und feixte.

Don Juan blieb bei Hasard in der Deckung der Mangroven, um zu beobachten, was sich bei den Schaluppen tat. An Bord seiner Schaluppe kümmerte sich Al Conroy um die Waffen. Außer dem Stückmeister der Arwenacks befanden sich dort noch Gary Andrews, Pete Ballie, Mac O’Higgins, genannt „Higgy“, sowie Bob Grey. Bei Hasard waren außer Dan O’Flynn noch Carberry, Stenmark und die beiden Zwillinge an Bord.

„Pech gehabt“, sagte Hasard etwas verbissen und setzte den Kieker ab, durch den er zu den Schaluppen gespäht hatte.

„Wieso das?“ fragte Don Juan.

„Auf jeder Schaluppe sind an die zehn Kerle – mithin also vierzig. Wir sind zehn, beziehungsweise zwölf. Ein bißchen wenig, um große Töne spucken zu können. Aber konnte jemand ahnen, daß diese Burschen die Frechheit aufbringen, am hellichten Tag aufzukreuzen?“

„Sind es denn Holländer?“

„Schau sie dir an.“ Hasard reichte Don Juan das Spektiv.

Der spähte hindurch und schwenkte die Schaluppen ab. Dann nickte er und murmelte: „Ziemlich wüste Gesellen, wie?“

„Mönche auf einer Pilgerfahrt wären mir lieber“, erwiderte Hasard gallig. „Außerdem ärgert mich, daß wir auf unsere nächtliche Überraschung verzichten müssen. Da hätten wir ausgezeichnete Chancen gehabt, die Kerle das Fürchten zu lehren. Aber jetzt? Mit zwölf Mann hoch? Und dann noch bei Tage?“

„Einer von uns könnte Verstärkung heranholen“, schlug Don Juan vor.

„Und in der Zwischenzeit legen die Kerle vierzig oder fünfzig Bäume um, was?“ schnappte Hasard. „Ich könnte das nicht mitansehen. Schon beim ersten Axthieb würde bei mir das passieren, was du mit Kotzen bezeichnet hattest.“

„Da hast du recht. Scheiße, verdammte!“

„Kein Widerspruch. Du sagst es.“

Hinter ihnen schwang sich Dan O’Flynn wieder an Land und meldete: „Schiffchen gefechtsklar, Señor Capitán!“

Und von Bord der anderen Schaluppe meldete Al Conroy: „Wir ebenfalls!“

Hasard und Don Juan zeigten klar und widmeten sich wieder den heransegelnden vier Schaluppen. Sie liefen in schräg versetzter Kiellinie. Auf den Schanzkleidern waren Drehbassen montiert. Die Kerle an Bord, die Don Juan als „ziemlich wüste Gesellen“ bezeichnet hatte, wirkten tatsächlich so, als ließen sie sich nicht die Butter vom Brot klauen. Das waren ruppige, bärtige Gestalten, und es war ihnen anzusehen, daß sie es verstanden, wie die sprichwörtliche Axt im Walde zu hausen.

Hasard machte sich nichts vor. Das waren harte Gegner, die als gefährliche Schnapphähne auch in die Karibik gepaßt hätten. Daß sie ihr seemännisches Handwerk verstanden, lag auf der Hand. Wer mit der einen Hälfte seiner Grenze Nordsee-Anlieger war, dem wuchsen die Seebeine von kleinauf. Und die Nordsee war weiß Gott kein Ententeich.

„Wir können nur eins tun“, sagte Hasard, „und zwar, ihnen den Spaß an der Holzhackerei zu vermasseln. Wenn sie damit anfangen, sind sie abgelenkt. Das ist der Moment, zuzuschlagen. Der Wind ist ablandig. Wir segeln an ihrer Landestelle vorbei und decken ihre Schaluppen mit unseren Drehbassen ein. Es müßte zu schaffen sein, wenigstens zwei Schaluppen so anzuschlagen, daß sie zumindest gefechtsuntauglich sind. Dann haben wir es noch mit den beiden anderen Schaluppen zu tun, die uns wahrscheinlich verfolgen werden. Da können wir es darauf ankommen lassen, ob wir den Kampf annehmen. Wir müssen nicht. Wir können ein bißchen die Hacken zeigen, also ausreißen, und abwarten, was sie tun. Wenn sie uns nicht weiter verfolgen, kehren wir wieder um und bieten uns an.“

„Du willst sie ärgern, wie?“ fragte Don Juan.

„Klar will ich das. Ärgern und ablenken. Wir müssen sie zwingen, daß sie sich mit uns beschäftigen – statt mit den Muskatnußbäumen. Oder hast du einen besseren Vorschlag?“

Don Juan schüttelte den Kopf. „Nein, deine Taktik ist gut, sie ist das Bestmögliche in unserer Situation.“

Eine halbe Stunde später ließen die Holländer ihre vier Schaluppen auf den Strand auflaufen, der dort seicht verlief. Es war genau jene Stelle, wo landeinwärts der Kahlschlag aufhörte und die ungefällten Bäume begannen.

Die Kerle sprangen in das flache Wasser und zogen die Schaluppen höher auf den Sand, so daß sie wie zu einer Parade nebeneinander aufgereiht waren, und zwar ziemlich dicht, was die Trefferquote der Drehbassenschüsse erhöhen würde, wie Hasard zufrieden feststellte.

Die Kerle lärmten und lachten und führten sich ganz so auf, als gehöre ihnen dieser Küstenstrich. Sie schienen sich völlig sicher zu fühlen.

Die Schaluppen wurden ausgeräumt. An einer Stelle sammelten sich langstielige Äxte und Eisenkeile an. An einer anderen Stelle wurde ein Faß aufgebockt. Daneben bereiteten ein paar Kerle eine Feuerstelle vor.

Und dann staunten die drei Beobachter doch, als die Mijnheers anfingen, Zelte zu errichten.

„Die wollen sich hier offenbar häuslich niederlassen“, sagte Don Juan verbiestert. „Das ist ja wohl der Gipfel der Unverschämtheit.“

„Ist doch praktischer“, sagte Hasard. „Da brauchen sie nicht immer hin und her zu segeln, sparen Zeit und können die Bestände an Muskatnußbäumen hier in einem Aufwasch aus der Welt schaffen. Das nenne ich nützliches Wirtschaften.“ Er hob die Hand, als Don Juan aufbrausen wollte. „Nun reg dich nicht gleich auf, alter Freund. Man muß das doch ganz sachlich sehen. Außerdem läßt es Rückschlüsse zu – zum Beispiel den, daß die Kerle einen guten Planer haben müssen, einen, der nüchtern nachgedacht und sich gesagt hat, wenn die Spanier seit soundso vielen Monaten noch nicht auf unsere Kahlschläge reagiert haben, dann sollten wir jetzt davon abgehen, unsere Unternehmungen nachts durchzuführen. Wenn wir bei Tageslicht mit der Axt arbeiten, schaffen wir die Kahlschläge in kürzerer Zeit als nachts. Ist doch klar. Oder etwa nicht?“

„Du gehst mir auf den Nerv mit deiner Sachlichkeit“, knurrte Don Juan.

Hasard und Dan O’Flynn grinsten sich an. Der gute Don Juan war wohl doch noch etwas empfindlich, wenn es um eine spanische Sache ging, die wie in diesem Fall seitens seiner Landsleute absolut sauber und nicht leicht zu beanstanden war. Denn gegen das Abernten von Muskatnüssen zum Zwecke der Geschmacksbereicherung von Speisen war nichts einzuwenden. Nein, hier waren ausnahmsweise einmal nicht die Spanier die Sünder und Bösewichte, sondern die Holländer, und denen wäre Don Juan am liebsten gleich an die Gurgel gesprungen, ohne lange zu fackeln.

„Man muß“, sagte Hasard, „einen Gegner immer kühl analysieren, sonst unterlaufen einem Fehler. Wenn es ein letzter Fehler war, folgt nur noch die Himmelfahrt.“

„Jaja“, maulte Don Juan. Er war wirklich gereizt.

Hasard runzelte die Stirn, sagte aber dennoch freundlich: „Juan, wenn wir nachher kämpfen, dann denke bitte daran, daß du die Verantwortung für ein Schiff und eine Mannschaft hast.“

„Weiß ich.“

„Dann ist es ja gut“, sagte Hasard. „Aber wenn du nachher den wilden Stier spielst, nur um deine Aggressionen loszuwerden, dann ziehe ich dir die Ohren lang – so wir uns wiedersehen. Hast du verstanden?“

Don Juan biß sich auf die Lippen und erwiderte: „Aye, aye, Sir, verstanden. Ich bin ein Hitzkopf, wie?“

„Das hast du gesagt. Aber richtig, wir brauchen einen kühlen Kopf, wenn wir uns mit den Kerlen einlassen.“

„Du sprachst eben von dem ‚guten Planer‘“, sagte Don Juan. „Aber so gut ist der gar nicht.“

„Wieso nicht?“

„Für die Holländer wäre es ein Spaziergang, Davao zu überfallen und die kleine Stützpunktbesatzung in die Hölle zu jagen. Sie könnten sich dort festsetzen und brauchten die Muskatnußbäume nicht mehr zu fällen, sondern nur noch abzuernten.“

„Ein guter Einwand“, sagte Hasard. „Aber vermutlich wissen die Mijnheers nicht, wie schwach der Stützpunkt besetzt ist.“

„Entschuldige bitte, Hasard“, sagte Don Juan, „aber daraus kann ich nur den Schluß ziehen, daß die Käsefresser weder einen guten Planer haben noch nüchtern nachdenken. Wer den einzigen Stützpunkt des Gegners im weiten Umkreis nicht erkundet, handelt einfach dumm. Für mich sind das Hornochsen.“

„Mag sein, daß es stimmt, was du sagst“, meinte Hasard, „aber auch Hornochsen würde ich nicht unterschätzen. Sind wir uns in diesem Punkt einig?“

„Einverstanden.“

Inzwischen hatten die „Mijnheers“ weiter ausgepackt, auch Kisten und Säcke, in denen sie offenbar Lebensmittel hatten. Es sah ganz so aus, als hätten sie die Absicht, sich erst einmal zu stärken, bevor sie die Äxte schwangen. Auf der Kochstelle wurde ein Feuerchen entfacht. Allerdings waren ein paar, andere Burschen damit beschäftigt, die Äxte zu schärfen. Vielleicht futterten sie schichtweise.

Bei dem ganzen Haufen gab ein stiernackiger, rotgesichtiger Kerl den Ton an, ein Kerl wie ein Hackklotz bis hin zum Kinn, auf dem man Holz spalten konnte. Unter dem knappen, vorn weit offenen Hemd, das eine blondbehaarte Brust freigab, wölbten sich Muskelberge. Mit den langen Affenarmen konnte er sich in den Kniekehlen kratzen.

Einmal war er verärgert und langte einem der Kerle ein Ding an die Ohren. Das Klatschen war bis zu den Mangroven zu hören. Dan O’Flynn war es, der dabei ein bißchen zusammenzuckte. Der Kerl überkugelte sich in einer Sandwolke. Und als er sich wieder aufgerappelt hatte, törnte er wacklig ins Wasser, weil ihm wohl der Durchblick fehlte oder abhanden gekommen war. Die anderen Holzhacker lachten sich halbtot.

Das hätte Carberry sehen müssen, dachte Hasard.

Indessen palaverte der Hackklotz bereits mit einem anderen Waldschrat herum, deutete nach Norden und schien ihm Anweisungen zu erteilen.

7.

So war es. Der Waldschrat, bärtig und trotz der Hitze mit einer Pelzmütze auf dem massigen Schädel, nickte mehrere Male, schulterte dann eine Muskete und marschierte los – nordwärts, auf das Mangrovendickicht zu.

Ob der Kerl auf die Jagd geschickt worden war oder nach Norden hin Ausguck halten sollte, war unerheblich. Aber wenn er die Bucht erreichte, würde er die beiden Schaluppen entdecken.

Hasard zog die Pistole aus dem Gürtel, Don Juan und Dan ebenfalls. Hasard nickte ihnen stumm zu und drang mit ihnen etwas nach Süden vor, dorthin, wo der Kerl vermutlich das Mangrovendickicht erreichen würde. Sie verteilten sich und gingen zwischen den Stelzenwurzeln der Mangroven in Deckung.

Der Waldschrat brach wie ein massiger Elch in das Dickicht ein und bolzte sich eine Schneise. Wo er sich nicht hindurchdrängen konnte, setzte er einen Schiffshauer ein, daß die Fetzen flogen.

Er passierte die Deckung Don Juans.

Der glitt hinter ihm hoch und donnerte ihm den Pistolengriff auf die Pelzmütze. Aus dem Ding stieg eine Staubwolke auf. Der Waldschrat grunzte, drehte sich um und starrte den schlanken großen Spanier an, als sei der selbst ein Schrat, einer mit Ochsenhörnern und funkenschnaubenden Nasenlöchern. Den Hieb mit der Pistole hatte er weggesteckt, als sei das ein freundlicher Stups gewesen.

„Chottverdomme“, murmelte er, ließ den Schiffshauer fallen, packte die Muskete mit beiden Händen unten am Lauf, schwang sie zurück und setzte zu einem Hieb an wie mit der Axt.

Da hatten inzwischen Hasard und Dan O’Flynn Zeit genug gehabt, ihrerseits zu reagieren. Dan O’Flynn befand sich hinter dem Kerl rechts in unmittelbarer Nähe der herumschwingenden Muskete. Er packte den Kolben und entriß dem Waldschrat die Waffe.

Hasard war links hinter dem Kerl aufgetaucht, der ihm in dem Moment den breiten Rücken zudrehte, als sich Dan die Muskete bereits geschnappt hatte.

Der Seewolf klopfte dem Waldschrat den Pistolengriff nicht auf die Pelzmütze, sondern an die Schläfe. Sekunden später hieb er ihm den Pistolenlauf ins Genick.

Der Waldschrat stand still, sagte „Uaahh!“, hatte plötzlich glasige Augen und sackte in sich zusammen.

Carberry und Al Conroy tauchten auf. Don Juan wischte sich den Schweiß von der Stirn und schob die Pistole wieder unter den Gurt.

„Mann“, murmelte er, „ist das ein Brocken. Der muß einen Schädel aus Eisen haben.“

„Du hättest die Pelzmütze einkalkulieren müssen“, sagte Hasard. „Wahrscheinlich ist die doppelt und dreifach abgefüttert.“

Carberry hatte sich die Pelzmütze schon gegriffen und betrachtete sie grinsend.

„Die wär was für unseren Polaraffen, den Wikinger“, sagte er. „Ob wir sie ihm als Geschenk mitbringen? Ich meine, als Ersatz für seinen verdammten Helm. Dann hätten es seine Polarläuse darunter auch wärmer.“

„Rede keinen Unsinn, Ed“, sagte Hasard streng. „Hier wird nichts geklaut. Setz ihm das Ding wieder auf, vielleicht sind tatsächlich Läuse oder Flöhe drin. Fesselt und knebelt den Kerl. Wir nehmen ihn mit an Bord.“

Carberry knallte dem Waldschrat den Pelzhut wieder auf den Schädel, und eine zweite Staubwolke stieg auf. Der Profos hustete und wedelte mit der Hand.

„Die sollte mal gewaschen werden“, murmelte er.

Sie mußten den Waldschrat zu viert an Bord schleppen, wo sie ihn mittschiffs an Deck packten und zusätzlich mit Leinen an Klampen vertäuten. Sicher war sicher, denn der Kerl mußte über die Kraft mehrerer Ochsen verfügen, wie der gebaut war.

Hasard spähte noch einmal zum Lagerplatz der Mijnheers. Dort war nichts bemerkt worden. Sie errichteten gerade ein viertes Zelt. Über der Feuerstelle hing an einem Dreibeingestell ein mächtiger Eisenkessel. Weiteres Feuerholz wurde gehackt. Alle Kerle befanden sich an Land. Der stiernackige Kerl mit dem Hackklotzkinn war mit zehn Axtmännern zu den Muskatnußbäumen gestiefelt und tönte dort herum.

Hasard kehrte an Bord zurück und gab knapp seine Anweisungen. Es war soweit. Bei dem ablandigen Wind konnten sie noch in der Bucht die Segel setzen und hintereinander auslaufen. An Backbord und Steuerbord der beiden Schaluppen waren jeweils drei Drehbassen auf den Schanzkleidern montiert. Auf beiden Seiten waren sie feuerbereit. Ferner stand auf beiden Schaluppen noch einmal je eine Drehbasse vorn und achtern, ebenfalls bereits geladen und klar zum Schuß.

Als die beiden Schaluppen auf Kurs lagen, südwärts, Abstand zur Küste etwa vierzig Yards, waren nur ihre beiden Rudergänger und jeweils ein Mann zur Bedienung der Schoten zu sehen – auf der vorderen Schaluppe Hasard und Carberry, auf der folgenden Schaluppe Don Juan und Al Conroy. Es wirkte, als seien auf jeder Schaluppe nur zwei Mann an Bord, denn die anderen Mannen lagen in der Deckung des Schanzkleides auf der Steuerbordseite.

Die Segel waren auf halben Wind getrimmt, die beiden Einmaster liefen gute Fahrt über Backbordbug und näherten sich rasch ihrem Ziel.

Tatsächlich wurden sie ziemlich spät gesichtet. Verwunderte Rufe ertönten an Land – zunächst keineswegs alarmierend, denn da segelten ja „nur“ zwei Schiffchen heran, besetzt mit je zwei Kerlen, die dumm zu glotzen schienen, offenbar überrascht von dem, was sich ihren Blicken darbot.

Doch das änderte sich jäh, als der schwarzhaarige Riese an der Pinne der vorderen Schaluppe einen knappen Befehl rief. Plötzlich fuhren am Steuerbordschanzkleid vier Gestalten noch – dort, wo die Drehbassen in den Halterungen steckten. Und schon schwenkten sie die Läufe, zielten kurz, es krachte, und drei weißrote Blitze rasten aus den Mündungen.

Die Mijnheers standen starr und stumm.

Die Ladungen der drei Drehbassen hieben krachend und berstend in die auf den Strand geschobenen Schaluppen. Holzfetzen wirbelten durch die Luft. Bei einer Schaluppe waren Heck und Ruder zertrümmert. Zwei Kerle brüllten und wankten, getroffen von irgendwelchen herumfliegenden Holzsplittern.

Jetzt brüllten sie alle wie die Stiere. Einige hatten sich zu Boden geworfen. Der stiernackige Kerl mit dem Hackklotzkinn stürmte axtschwingend von den Muskatnußbäumen zum Strand, die anderen zehn Kerle hinter ihm her.

Als sie die Feuerstelle mit dem Kessel passierten, wurde die achtere Drehbasse der vorderen Schaluppe abgefeuert. An ihr stand ein fürchterlicher Kerl mit zernarbtem wilden Gesicht, jener, der vorher die Schoten bedient hatte. Sein Schuß hieb mit seltsamem Laut in den brodelnden Kessel, schmetterte ihn vom Dreibein und verteilte heiße Suppe. Da wurde gejault. Qualm stieg von der Feuerstelle auf.

Der Hackklotzkerl hüpfte auf einem Bein herum und hielt sich das andere mit beiden Pranken fest – kochende Suppe kann ganz schön schmerzhaft sein. Er jaulte ebenfalls. Seine Axt war einem anderen Kerl auf die Zehen geflogen. Der tanzte auch herum und heulte den Himmel an.

Mit der Suppe war’s vorerst Essig. Außerdem hatte der Kessel zwei mächtige Löcher, wüst gezackt und kaum reparierbar. Da würde der Kesselflicker kaum noch Spaß dran haben und das Ding als Schrott bezeichnen.

Indessen stand jetzt die achtere Schaluppe querab vom Schauplatz. Und auf ihr wurden die Drehbassen in dem Moment abgefeuert, als sich ein paar der Kerle berappelt und zu den Musketen gegriffen hatten, um auf die Frechlinge zu schießen.

Bei den vier Schüssen war eine gehackte Ladung dabei – rostige Nägel und Splinte. Abgebrochene Feilen und sonstige Metallstücke. Diese Ladung streute und erfaßte jene Gruppe, die mit den Musketen hantierte. Da war Holland in Not.

Und bei den vier Schaluppen flogen erneut die Holzfetzen. Ein Mast neigte sich splitternd und knirschend, stürzte auf die Zelte und schlug sie platt. Kein ganz plattes, aber ein krummes Kreuz hatte einer der Kerle, der sich fluchend aus den Zelttrümmern wühlte. Wenn er dort ein Nickerchen gehalten hatte, dann war ihm das gründlich vermiest. Er taumelte gramgebeugt und krumm, sich das Kreuz reibend, über den Sand, prallte gegen den immer noch hüpfenden Häuptling, und der verbat sich das, indem er das Hüpfen einstellte und ihm das Hüpfbein in den Hintern trat.

Mit dem Kopf voran sauste der Gramgebeugte gegen den durchlöcherten Kessel, daß es nur so schepperte. Der auf diese Weise fortgekickte Kessel rollte ins Wasser. Dem Gramgebeugten blutete der Kopf, weil er mit dem gegen die zerfransten Zacken des Ausschußloches gestoßen war. Da herrschte keine Freude.

Nein, da war alles durcheinander, sozusagen chaotisch. Die Suppe war zum Teufel, der Kessel ebenso. Der Suppeninhalt samt Fleischbatzen verschmorte stinkend auf der Feuerglut, die Zelte bildeten samt Mast einen Wirrwarr von Stangen, Segeltuch und Spannleinen, und zumindest zwei. Schaluppen – die mastlose und jene, die kein Heck und Ruder mehr hatte – waren derart ruiniert, daß sie nicht benutzt werden konnten. Und es gab jede Menge Verletzte, solche mit Brandblasen und solche, die Splittern oder der gehackten Drehbassenladung im Wege gestanden hatten.

Das alles fand sich zusammen in einem wüsten Gebrüll von Wut, Zorn, Schmerz und Rachegelüsten, aber den letzteren konnte nicht genügt werden, weil zu spät reagiert wurde. Die beiden Schaluppen befanden sich bereits außerhalb der Musketenschußweite, und die Drehbassen an Bord der eigenen Schaluppen waren im Moment nicht einsatzbereit, kein Wunder bei der Wuhling.

Hasard drehte sich grinsend zu Don Juan auf der achteren Schaluppe um und reckte die Faust mit ausgestrecktem Daumen hoch. Don Juan zeigte die gleiche Gebärde. In seinem braungebrannten Gesicht blitzten die weißen Zähne. Jawohl, das war ein Hammer gewesen, und sein Schlag hatte voll gesessen. So schnell würden die Mijnheers nicht daran denken, Muskatnußbäume zu fällen. Sie hatten zur Zeit genug mit sich selbst zu tun. Die Frage lautete, wie schnell sie Gegenmaßnahmen ergriffen.

Für einen kurzen Moment erwog Hasard, auf Gegenkurs zu gehen und den Drehbassenbeschuß zu wiederholen. Aber da würden die Kerle bestimmt mit Musketen antworten, aus irgendwelchen Deckungen heraus, und da wurde es dann riskant für die Arwenacks. Nein, es war besser, bei der festgelegten Taktik zu bleiben und erst einmal abzuwarten, ob ihnen die Kerle folgten.

Er ließ halsen und segelte wieder nach Norden hoch, um bei einer Verfolgung über dem Gegner zu liegen. Don Juan hängte sich an.

Bei den Mijnheers herrschte Betrieb. Sie waren mit ihren vier Schaluppen beschäftigt, offenbar um festzustellen, welche noch einsatzfähig waren. An Bord der Arwenacks waren die Drehbassen bereits wieder nachgeladen und feuerbereit.

„Gut gemacht, Freunde!“ lobte Hasard. „Und wem ist der Schuß ins Heck der einen Schaluppe gelungen? Das müßte mit Rum belohnt werden.“

Die beiden Jung-Killigrews grinsten bis zu den Ohren.

„Philip und mir!“ tönte Jung-Hasard und wischte sich eine Haarsträhne aus den Augen, schielte zum Profos und fügte hinzu: „Aber der Schuß in den Suppenkessel war ganz große Klasse und müßte genauso belohnt werden, Señor Capitán.“

Da strahlte der Profos, dem es immer ganz warm ums Herz wurde, wenn es gerecht zuging, und er rechnete es den beiden Bürschchen hoch an, sehr sehr hoch, daß sie den Kapitän auf seinen Treffer verwiesen. Tatsächlich hatte er den Mijnheers die Suppe verhageln wollen und auf den Kessel gezielt. Ja, und außerdem wußten diese beiden ausgekochten Jung-Wölfe sehr genau, wie gern ihr Profos einen kleinen Rum gluckerte, der aber ruhig nicht so klein zu sein brauchte, daß er bereits im Mund verdunstete.

„Äähh“, sagte Vater Hasard, ein bißchen überrumpelt, faßte sich aber schnell und sagte: „Ihr habt alle gut geschossen, also gibt’s auch Rum für alle. Haben wir welchen an Bord, Ed?“

„Haben wir, Sir, haben wir!“ Und schon sauste der Profos in die kleine Pantry.

Daß er dort schon einen zur Brust nehmen würde, um zu „prüfen“, ob die Buddel auch keine „Kuhjauche“ oder Schlimmeres enthielt, das war Hasard klar. Aber er täuschte sich. Denn der Profos schoß mit der gleichen Geschwindigkeit aus der Pantry, die Buddel in der Rechten, und in dieser Buddel fehlte keine Fingerbreite. Sie war randvoll bis zum Korken.

Sehr wohl hatte der Profos die Überraschung seines Kapitäns und dessen prüfenden Blick auf die Buddel bemerkt und gedeutet.

Und so dröhnte er denn: „Sir, dir gebührt der erste Schluck der Prüfung, ob dieser Rum auch keine Kuhjauche ist, von Kakerlakenpisse ganz abgesehen!“

Da hatte der Profos seinen Kapitän ganz schön durchschaut und seinen diesbezüglichen Gedankengang nachvollzogen, sogar bis auf den Ausdruck „Kuhjauche“!

Oh, dieses Schlitzohr von Profos! Und wie er grinste. Aber dieses Grinsen gefror, und da wandte auch Hasard den Blick zu jener Stelle, zu der Carberry starrte.

Ach ja! Der Waldschrat!

Der war wieder in die Gegenwart zurückgekehrt, hatte einen Blick drauf, der glühender Holzkohle nicht unähnlich war, und bäumte sich auf.

Knacks!

Mit einem häßlichen Laut brachen die Klampen aus dem Deck, als seien sie dort nicht verankert gewesen, sondern nur mit Spucke festgeklebt worden.

Und schon schnellte der Waldschrat hoch und stand auf den Planken, allerdings noch die Pranken vor dem Körper gefesselt. Diese Fesseln waren jetzt fällig, um gesprengt zu werden.

Aber da war Carberry an ihm dran. Die Rumbuddel hatte Hasard blitzschnell auffangen müssen. Und der Profos nahm Maß, ein wildes Grinsen auf dem vernarbten Gesicht, schwang die Rechte zurück, sagte „Uuhh!“, so daß ihn der Waldschrat verdutzt anstierte – und schon flog der Profoshammer von rechts unten hoch. Das war ein Huftritt. Die Faust aus Eisen traf die besondere Stelle am Kinn.

Bei dem Waldschrat mit dem granitharten Schädel war diese Stelle aus Glas. Er brach zusammen, als habe ihn eine der Äxte getroffen, mit denen sie die Muskatnußbäume umlegten. Das heißt, ihm flog der Kopf ins Genick, und so verharrte er Sekunden mit zitternden Schenkeln, bevor er zusammensackte.

„Schlage vor, Sir“, sagte Carberry und massierte sich die Handknöchel der Rechten, „wir binden diesen pelzbemützten Affenarsch mit Trossen an den Mast, damit Ruhe ist.“

„Und wenn er den Mast aus dem Kielschwein rupft?“ fragte Hasard, denn fast stand zu erwarten, daß dieser unheimliche Kraftmensch auch das fertigbrachte.

Carberry winkte ab. „Keine Sorge, Sir, der hat ein schwaches Kinn. Sobald er wieder blinkert und unleidig wird, haue ich ihm was auf dieselbe Stelle. Mit der Zeit merkt er dann, daß ihm Blinkern und Unleidigsein nichts einbringen, sondern nur wehtun. Dafür verbürge ich mich.“

„Dein Wort in das Ohr des Herrn“, sagte Hasard. „Du hast den ersten Schluck, Ed!“ Und er reichte dem Profos die Buddel.

Da sagte keiner was, als der Profos den Inhalt um ein ganzes Viertel verkürzte. Hatte er sich das nicht verdient? Dann ging die Buddel reihum. Und auch drüben auf der anderen Schaluppe befeuchteten Don Juan und seine Mannen die Kehlen.

An die zehn Kabellängen lagen jetzt die beiden Schaluppen nordöstlich des Landeplatzes der Holländer im Wind und warteten ab, was sich tat.

Carberry, Dan O’Flynn und Stenmark schleppten den Waldschrat zum Mast, wuchteten ihn hoch, und dann wurde der schwere Brocken verzurrt – mit kräftigen Ankerleinen, die sie um ihn und den Mast wickelten.

Im vergrößerten Maßstab glich das Ganze einem Talking, wie man ihn mit Kabelgarn auf ein Tauende setzte, damit es nicht aufdröselte. Carberry meinte in seiner sinnigen Art, jetzt gleiche der Kerl „’ner eingewickelten Mumie“, ein Vergleich, der gar nicht so verkehrt war. Jedenfalls steckte der Waldschrat nunmehr in einer Art Tauhülle und verschmolz auf innige Weise mit dem Mast.

Am Landeplatz der Mijnheers wurden zwei Schaluppen ins Wasser geschoben und von etwa je zehn Kerlen bemannt. Sie setzten Großsegel und Fock und hantierten an den Drehbassen. Die anderen Kerle an Land – zum Teil trugen sie Verbände – waren damit beschäftigt, aufzuräumen und die Zelte wieder aufzubauen.

Hasard nickte grimmig: die gaben noch nicht auf, und sie gingen zum Gegenangriff über, klarer Fall, sie waren spitz darauf, es den Burschen auf den beiden Einmastern heimzuzahlen. Und da stand ja schon mal fest, daß sie denen zahlenmäßig überlegen waren.

Hasard winkte Don Juan zu, die vereinbarte Position einzunehmen – etwas achterlicher als dwars an Steuerbord von Hasards Schaluppe. Beide Schiffe bildeten also eine Staffel, das heißt, sie liefen in schräger Linie hintereinander – eine Gefechtsformation, die es ihnen unter Umständen erlaubte, den Gegner in die Zange zu nehmen. Dieser Gegner segelte ihnen zur Zeit in Kiellinie hinterher.

Auf allen vier Schaluppen standen die Segel bei nördlichem Kurs und halbem Wind voll und bei und waren so getrimmt, daß sie bei diesem Kurs ihre schnellstmögliche Geschwindigkeit liefen.

Hasard gewann den Eindruck, daß die Gegner nicht aufholten, sondern im Gegenteil etwas zurückfielen. Sollten die beiden Einmaster der Mijnheers tatsächlich langsamer sein, dann war das für die Arwenacks ein Vorteil, der ihre zahlenmäßige Unterlegenheit wieder aufhob, ja, es lag bei ihnen, den Handlungsablauf zu bestimmen. Das war wirklich ein entscheidender Vorteil.

Die Aktivitäten an Bord seiner Schaluppe hatte Hasard darauf abgestimmt, daß Carberry, Stenmark und Dan O’Flynn für die Arbeit an den Drehbassen zuständig waren, während die beiden Junioren Großschot und Fockschot bedienten und somit für die Segelmanöver zur Verfügung stehen mußten.

Er schaute zu Don Juan hinüber und hob dämpfend die Hand, um anzudeuten, daß die Fahrt verlangsamt werden solle.

Drüben bei Don Juan trat Al Conroy an die achtere Drehbasse und richtete sie ein. Auch das war vereinbart. Der Waffen- und Stückmeister der Arwenacks sollte – wann und wie immer auch möglich – den Gegner mit Weitschüssen nerven. Wenn er Treffer erzielte, um so besser.

Noch befanden sich die beiden Gegner-Schaluppen außerhalb der Kernschußweite von Drehbassen. Aber Hasard wußte, daß Al Conroy die Pulvermenge in der herausnehmbaren Kammer des Hinterladers höher bemessen hatte als sonst üblich. Das war riskant, aber Al Conroy war nicht der Mann, der des Guten zuviel tat. Er bemaß die Pulvermenge so, daß nicht die Gefahr eines Auseinanderfliegens der Kammer oder des Verschlußstücks bestand.

Al Conroy peilte zur vorderen Gegner-Schaluppe, visierte, kippte den Lauf an und führte die Lunte ans Zündloch der Pulverkammer.

Bumm!

Man konnte mit bloßem Augen die gekrümmte Flugbahn der Kugel verfolgen. Sie stieg leicht an bis zu ihrem Scheitelpunkt und senkte sich wieder, einen feinen Rauchschweif hinter sich herziehend. Die Mijnheers stierten. Dem Rudergänger auf der vorderen Schaluppe war das heransausende Ding nicht geheuer. Er fiel aber nicht nach Steuerbord ab, um die schmale Silhouette zu bieten, sondern luvte nach Backbord an und präsentierte damit die Steuerbordseite.

Sein Kapitän – es war der stiernackige Hackklotzmensch – brüllte ihm etwas zu, was man durchaus mit „Idiot!“ übersetzen konnte.

Die Kugel krachte unterhalb des Schanzkleides etwa in Höhe des Mastes in die Bordwand der Steuerbordseite. Dort verschwand sie im Schiffsinneren, und man hörte es rumpeln, als sei etwas umgestoßen worden.

Die Kerle fluchten wie die Fuhrknechte. Der Kapitän sprang selbst ans Ruder und zeigte einmal mehr, daß er zur Gilde der Wüteriche gehörte, die immer gleich handgreiflich wurden. Der Rudergänger wurde mit einem Schlag abgeräumt und segelte über Deck, wo er einen zweiten Kerl umriß, bevor er selbst die Planken küßte.

Fürwahr, es herrschten rauhe Sitten bei den Mijnheers.

Zur Zeit war das Loch in der Bordwand nicht unbedingt lebensgefährlich, da es an die drei Handbreiten über der Wasserlinie lag. Aber wenn die Schaluppe stark nach Steuerbord krängte, würde die Sache schon anders aussehen, es sei denn, man schlug einen entsprechenden Rundkeil in das Loch und besserte so den Schaden aus.

Aber der Treffer hatte eine moralische Wirkung. Die Wut der Mijnheers stieg auf Siedehitze. Bisher hatten sie ständig Dresche bezogen und noch kein einziges Mal zurückgezahlt. Der Schuß des Gegners animierte sie, gleiches zu versuchen. Und auch ihnen war bekannt, daß man die gewöhnliche Schußweite mit mehr Pulver vergrößern kann.

Wut macht blind, sagt man. Und mit dieser Blindheit verloren sie das Maß für eine noch vertretbare Pulvermenge. Es handelte sich um die Bugdrehbasse der vorderen Schaluppe.

Ihre Pulverkammer explodierte mit einem infernalischen Krach, als sie von einem der Kerle gezündet wurde. Der ganze schwenkbare Hinterlader flog auseinander und schleuderte seine verschiedenen Teile nach allen Seiten. Wohlgemerkt, das waren Teile aus Eisen, nicht aus Watte. Dementsprechend war die Wirkung, nämlich verheerend. Sie hatten auch ziemlich gedrängt da vorne gestanden. Fünf Kerle riß es von den Füßen, zwei taumelten nach achtern.

Einer kippte außenbords, wurde jedoch von der hinterhersegelnden Schaluppe wieder aus dem Wasser gefischt. Das Großsegel hatte einen Riß, der sich Sekunden später ratschend erweiterte.

In die Wuhling hinein setzte Al Conroy seinen nächsten Schuß, und der schlug haargenau in die Wasserlinie auf der Steuerbordseite. Sicher, das war nun wirklich ein Zufallstreffer, aber wenn Al Conroy selbst bescheiden bemerkte, auch ein blindes Huhn finde manchmal ein Korn, dann war das stark untertrieben. Schließlich war auch sein erster Schuß ein Treffer gewesen.

Fast augenblicklich begann die Schaluppe Schlagseite nach Steuerbord zu zeigen. Und da acht Kerle nahezu auf Anhieb ausgefallen waren – zwei waren tot, die anderen mehr oder weniger verletzt –, geschah in der Panik überhaupt nichts, um den Wassereinbruch noch abzudämmen. Es herrschte Zustand, und als drei Kerle einfach außenbords sprangen und zu der anderen Schaluppe schwammen, gab’s kein Halten mehr, auch wenn sich der Kapitän die Kehle heiser brüllte. Die Mijnheers meldeten sich von Bord, aber nicht vorschriftsmäßig: sie drehten ihrem Kapitän lediglich die Kehrseite zu, bevor sie hüpften.

Nun ja, das Zudrehen der Kehrseite bedeutete bildlich gesprochen: Du kannst mich mal!

Der Hackklotz schüttelte drohend die Faust, aber das konnte auch dem Gegner gelten. Dann folgte er seinen Mannen, denn er hatte nicht die heldische Absicht, mit seinem Schiff unterzugehen.

Hasard und Don Juan lagen mit ihren Schaluppen längst wieder im Wind, um den Gang der Ereignisse abzuwarten. Sie konnten sehr gelassen abwarten, denn auch diese Runde war an sie gegangen.

Sie wahrten das fair play und griffen nicht an, während die Schiffbrüchigen aus dem Wasser geborgen wurden. Mit seiner Ritterlichkeit warf Philip Hasard Killigrew Perlen vor die Säue, aber er konnte nicht aus seiner Haut.

8.

Der Waldschrat war aus dem Traumland zurück und glotzte. Da er mit dem Rücken zum Bug an den Mast gefesselt war, hatte er freie Aussicht auf den Achteraussektor, wo sich die eine Schaluppe schlicht auf die Steuerbordseite legte und abblubberte, während triefende Gestalten bei der anderen Schaluppe an Bord gehievt wurden. Da bekam er wieder seine glühenden Augen.

Nun hatte ihm der menschenfreundliche Carberry den Knebel abgenommen, um ihm ein besseres Atmen zu ermöglichen, denn sicher war der Kerl mächtig verschnupft. Er dankte es dem Profos mit einem Urschrei, der die Planken erzittern ließ, und einer rasselnden Folge holländischer Flüche, die gewiß nicht der Reinlichkeit heimatlicher Stuben entsprachen.

Vielleicht hatten die Mijnheers schon bei der Verfolgung der beiden Gegner festgestellt, wen die da eingefangen und an den Mast gebunden hatten. Aber jetzt brüllten sie gleichfalls auf der einen Schaluppe und schüttelten die Fäuste. Doch diese Drohgebärde galt wohl eher dem Gegner, der ihnen bisher so höllisch eingeheizt hatte.

Das war ganz klar keine Dankesbezeigung dafür, daß dieser Gegner keine Metzelei veranstaltet hatte, solange das Bergen der Schiffbrüchigen vonstatten ging.

Hasard nahm es gelassen hin.

Indessen tigerte der Profos zu dem Waldschrat und verklarte ihm, daß er das Maul zu halten habe, widrigenfalls sah er sich gezwungen, es ihm zu stopfen. Und er zeigte dem Waldschrat den Profoshammer, dieses Ding aus Eisen, das so spielerisch leicht durch die Luft fliegen konnte, aber beim Aufprall von zertrümmernder Gewalt und Wucht war.

Er hielt dem Waldschrat dieses Ding vor die Nase. Und was tat dieser Lümmel? Er spuckte drauf.

Carberry wischte die Spucke freundlich grinsend in den Pelzhut, streifte die Faust noch einmal am Hosenbein des Waldschrats ab, tunkte sie in eine Wasserpütz, um auch sicher zu sein, daß ihr keine Spucke mehr anhaftete, und dann war’s wieder mal soweit.

Es bumste zweimal. Beim ersten Mal, als Hammer und Kinn aufeinandertrafen, und das zweite Mal – einen Lidschlag später –, als der Schädel des Waldschrats an den Mast krachte.

Der Waldschrat schaute überkreuz, dann wurden seine Augen wieder glasig, und er nippelte ab – dies stehenden Fußes, da er ja fest an den Mast gewickelt war. Nur der Kopf sackte ihm nach vorn, wobei der Pelzhut auf die Planken fiel. Der Profos beförderte ihn mit einem Fußstoß, der wieder einmal eine Staubwolke erzeugte, außenbords.

„Schade“, sagte Hasard. „Ich hätte mich gern mit ihm verständigt, daß er seinen Leuten verklaren soll, hier ein für allemal abzuziehen.“

„Sir“, entgegnete der Profos, „dieser Mistkerl hätte dir was gehustet – oder er hätte dich auch angespuckt. Wetten?“

„Lieber nicht.“

Auf der Gegner-Schaluppe kletterte der letzte Schiffbrüchige an Bord – der Hackklotz. Das Bad hatte ihn keineswegs abgekühlt. Er brüllte deren Kapitän an, als sei der schuld, daß auf der Führer-Schaluppe die Drehbasse auseinandergeflogen war.

„Wir greifen an!“ rief Hasard zu Don Juan hinüber. „Aber von zwei Seiten! Ich gehe nach Westen!“

Don Juan zeigte verstanden, ließ die Fock bakhalten und fiel auf Südkurs ab. Hasard kreuzte nach Westen auf und ging dann ebenfalls auf Südkurs. Auch die Schaluppe segelte diesen Kurs. Die Kerle hatten wohl eingesehen, daß ihre Chancen, dem Gegner einzuheizen, mit dem Verlust einer Schaluppe erheblich vermindert waren. Die Situation hatte sich gewandelt. Jetzt waren sie nicht mehr Jäger, sondern Gejagte.

Hasard und Don Juan holten mit ihren Schaluppen auf, Hasard westwärts des Gegners, Don Juan ostwärts. Aber es war ein Rennen gegen den sinkenden Tag. Die Sonne stand über dem westlichen Horizont, in diesem Fall der Bergkette, die sich tiefer im Land von Süden nach Norden hinzog und bis nach oben zur Nordküste von Mindanao reichte.

Hasard erkannte, daß es ein totes Rennen werden würde. Sie würden erst auf Schußweite heran sein, wenn die Dunkelheit anbrach. Und dann wurde die Situation unübersichtlich. Er ging auf Südostkurs, kreuzte das Kielwasser der Gegner-Schaluppe und ließ Carberry einen Musketenschuß in die Luft abfeuern.

Don Juan wandte den Kopf, und Hasard stieß den Arm nach Osten, um anzudeuten, daß sie sich dort treffen sollten. Don Juan verstand und fiel vor den Wind ab.

Die Kerle grölten, und dieses Grölen drückte Erleichterung aus. Sie hatten schon mächtig geschwitzt.

Don Juan wartete, bis Hasard zu ihm aufgeschlossen hatte und längsseits glitt. Die Dämmerung lag jetzt über dem Golf von Davao. Die Bergkette im Westen schimmerte noch rot.

„Na?“ fragte Don Juan lächelnd. „Hatte keinen Zweck mehr, wie?“

Hasard nickte. „Ich wollte ein Nachtgefecht vermeiden und schlage folgendes vor: einer von uns bleibt hier und hält die Kerle ein bißchen in Trab – mit der gebotenen Vorsicht, versteht sich, aber so, daß sie keinen Spaß an der Nachtruhe und noch weniger am Bäumefällen haben. Der andere segelt nach Davao, alarmiert die Arwenacks und lotst die ‚Santa Barbara‘ hierher, das heißt, an einen Punkt nördlich des Lagers, wo der größte Teil der Mannen an Land gesetzt wird, um das Lager aufzurollen und den Kerlen Manieren beizubringen.“

„Einverstanden. Wer bleibt hier, wer segelt nach Davao?“

„Du hast unseren Scharfschützen an Bord“, erwiderte Hasard grinsend, „und sonst bist du ja auch ziemlich scharf.“

„Das heißt, ich bleibe hier?“

„Du mußt nicht, bewahre! Ich übernehme das genauso gern, mein Guter!“

„Nein, nein!“ sagte Don Juan hastig.

„Na also. Braucht ihr noch was? Essen oder was zum Gluckern? Munition?“

Al Conroy meldete sich: „Drehbassenkugeln und Pulver, Sir!“

„Geht klar.“

Und so wurde Hasards Schaluppe um das Gewünschte geleichtert, und Carberry reichte Al Conroy eine Buddel „Zielwasser“ übers Schanzkleid, da kannte er nichts, da war er heroisch.

„Sag mal, Ed“, fragte Hasard, „wie viele Rumbuddeln hast du hier eigentlich an Bord geschleppt?“

„Ich?“ Der Profos tat sehr erstaunt. „Das war Mac Pellew, Sir, mein Freund und Blutsbruder.“

„Wie viele?“ bohrte Hasard.

„Äh!“ Der Profos kratzte sich im Genick. „Ich glaube, es sind sechs für jeden von uns eine, nicht? Und jetzt verzichte ich auf meine und hab sie Al gegeben, damit er sich etwas Gutes antun kann, und weil die Nächte immer so lausig sind, nicht?“

Hasard seufzte nur. Carberry war das Salz dieser Erde – und zugleich der letzte Sargnagel. Sechs Flaschen Rum für eine nachmittägliche Trimm- und Spähfahrt! Na ja, jetzt ging es in die Nacht.

„Habe ich nicht gut vorgesorgt, Sir?“ tönte prompt der Profos. „Denn wir werden uns ja auch die Nacht um die Ohren schlagen müssen, was, wie?“

„Das konntest du aber vorher nicht wissen, Ed“, sagte Hasard sanft. „Oder trittst du jetzt in Konkurrenz zu Old Donegal?“

„Das bestimmt nicht, Sir“, versicherte der Profos. „Aber schau mal, der Mister Tucker braucht immer leere Flaschen für seine Flaschenbomben, nicht? Und er hat mich gebeten, ihm zuzuarbeiten, was bedeutet, ihm leere Flaschen zu besorgen. Und ich ersehe es als meine Pflicht, seine Bitte getreulich zu erfüllen, woraus folgert, daß ich mich um das Leeren von Flaschen kümmern muß. Je schneller wir sie austrinken, desto früher kann Mister Tucker einen Vorrat an Flaschenbomben anlegen. Ist doch logisch, nicht?“

Da seufzte Hasard ein zweites Mal.

Carberry faßte das als Zustimmung auf, strahlte und sagte: „Siehst du, Sir, es hat alles seine Richtigkeit. Und was mein Zuarbeiten für Mister Tucker betrifft, da kannst du dich voll und ganz auf mich verlassen.“

„Das glaube ich“, sagte Hasard aus tiefster Überzeugung und mit dem gewissen Ton, den auch Carberry kannte, nämlich als Warnung, seinen Kapitän nicht für dumm zu verkaufen.

So wurde dieses Thema nicht weiter ausgesponnen. Die Dunkelheit war da, es wurde Zeit, sich zu trennen. Von der Küste drüben im Westen war nichts mehr zu sehen – nur ein roter Lichtpunkt, der andeutete, daß dort wieder ein Feuerchen brannte. Aber die Kerle würden nicht merken, daß eine Schaluppe nordwärts segelte und die andere zunächst weiter im Wind liegen blieb.

Hasard und Don Juan sprachen sich noch kurz ab, dann löste sich Hasards Schaluppe von der anderen und ging auf Nordkurs. Minuten später wurde ihr Schatten von der Dunkelheit verschluckt.

Don Juan war sich sicher, daß die Kerle nach allem, was bisher passiert war, scharf aufpassen und ihr Lager nach allen Seiten abschirmen würden, also auch zur See hin. Es gehörte nicht viel Scharfsinn dazu, davon auszugehen, daß sie ihr besonderes Augenmerk nach Norden richten würden, wo Davao lag und von wo die beiden Gegner-Schaluppen herangesegelt waren.

Daher ging er jetzt auf Südkurs in der Absicht, sich dann auch von Süden her an das Lager heranzupirschen und von Land her die Lage zu peilen, bevor er – nach einer Formulierung des Siri-Tong-Steuermanns Barba – „die Kuh fliegen ließ“. Er mußte wissen, ob sich südlich des Lagers ein Posten befand.

Als Gary Andrews vom Bug der Schaluppe aus weit voraus an Backbord den roten Lichtpunkt des Feuers sah und meldete, drehte Don Juan auf Land zu und ließ die Schaluppe in einer kleinen geschützten Bucht auf den Sand laufen. Sie warteten ab und lauerten. Der Küstendschungel wirkte wie eine dunkle schweigende Wand. Nur vom Lagerplatz her ertönten gedämpfte Geräusche – Männerstimmen, Klopfen und Hämmern. Es konnte sein, daß die Kerle den Mast der am Heck beschädigten Schaluppe auf die andere Schaluppe ummontierten und dort aufriggten. In unmittelbarer Nähe der kleinen Bucht tat sich nichts. Nur auf dem schmalen Sandstrand krabbelten hurtig ein paar Krebse mit rundem Rückenschild herum und verschwanden in winzigen Löchern.

Don Juan nickte Gary Andrews zu. Über den Bug stiegen sie an Land und schlichen nordwärts, wobei sie dicht am Strandbuschwerk blieben, das ihnen jederzeit Deckung bot, aber auch mit seinem Schlagschatten abschirmte. Sie gelangten lautlos voran, denn der Sand schluckte ihre Schritte. Dennoch verhielten sie immer wieder, lauschend und spähend.

Als sie sich bis auf etwa fünfhundert Schritte dem Lager genähert hatten, entdeckten sie den Kerl. Er saß auf einer vom Sturm entwurzelten Kokospalme, die schräg zum Strandverlauf lag. Er spielte Sitzdenkmal – bis auf den Kopf, der ihm ständig nach vorn fiel. Wenn ihn der Hackklotz kontrollierte, würde es Mord und Totschlag geben. Sich auf Wache hinzusetzen, war eine Einladung fürs Sandmännchen, aktiv zu werden.

Die Muskete hatte der Kerl neben sich an den Stamm gelehnt. Er saß so, daß er einen Überblick über den Sektor von Osten nach Süden hatte. Ohne seinen Kampf mit dem Sandmännchen hätte er die heransegelnde Schaluppe möglicherweise entdecken können, ganz bestimmt aber hätte er sie gesichtet, wenn sie an ihm vorbeigesegelt wäre – vorausgesetzt, er paßte auf.

Don Juan hatte richtig getippt. Die Kerle schirmten ihr Lager ab. Im vorliegenden Fall allerdings mit einer ziemlich trüben Tasse. Zwischenzeitlich schnarchte der Kerl sogar und erschreckte sich vor seiner eigenen Schnarche, wie an seinem Zusammenzucken zu bemerken war. Vom Lager her konnte er nicht gesehen werden. Da stand Buschwerk dazwischen.

Ein trautes Plätzchen hatte er sich ausgesucht.

Don Juan und Gary Andrews umgingen ihn und nahmen ihn von hinten an. Gary angelte sich die Muskete, Don Juan klopfte ihm den Pistolengriff aufs Haupt. Es war nicht pelzbemützt und so eisern wie beim Waldschrat. Der Kerl schnaufte nur schwach und kippte nach vorn in den Sand.

Gary und Don Juan flankten über den Stamm. Kurz darauf war der Kerl gefesselt und geknebelt. Die Fesseln brachten sie so an, daß er mit dem Stamm verbunden war und nicht wegkriechen konnte, es sei denn, er schleppte die Palme mit. Aber das brachte allenfalls der Waldschrat fertig.

Don Juan und Gary Andrews schlichen noch weiter auf das Lager zu und gingen unter einem Busch in Deckung. Überrascht stellten sie fest, daß nur die entmastete Schaluppe am Strand lag sowie jene, deren Heck zertrümmert war. Und deren Mast wurde tatsächlich der entmasteten Schaluppe verpaßt.

Die dritte Schaluppe fehlte. Und damit war klar, daß man sie als Vorpostenboot eingesetzt hatte. Wahrscheinlich hatte sie den Auftrag, das Lager von der Seeseite her nach Norden abzusichern.

Die Zelte waren inzwischen wieder aufgerichtet worden. Über dem Feuer, aber jetzt auf Astgabeln, hing ein anderer Kessel, kleiner als der durchgeschossene.

Was Gary und Don Juan jedoch mit Grimm konstatierten, das war die Tatsache, daß die Kerle ihre Lust auf das Roden von Muskatnußbäumen noch lange nicht verloren hatten. Denn gerade setzte sich ein Trupp mit Fackeln und geschulterten Äxten zu den Bäumen hin in Marsch. Der Hackklotz war dabei.

Gary und Don Juan hatten genug gesehen. Sie traten den Rückweg an, überprüften noch einmal den gefesselten und geknebelten Kerl und eilten zu ihrer Bucht zurück.

Nach kurzer Beratung beschlossen sie, zuerst dem Lager einen eisernen Gruß zu entbieten, speziell jener Schaluppe, die neu bemastet wurde. Das war Al Conroys Aufgabe, mit gehackten Ladungen sollten die Baumfäller bedacht werden. Bei der Streuung dieser Ladungen waren Treffer nicht auszuschließen.

Danach würde man sich der Vorposten-Schaluppe widmen. Da hieß es aber, scharf aufzupassen und sich keine Blöße zu geben. Notfalls würde man ausreißen, um eine günstigere Situation herbeizuführen. Daß ihre Schaluppe schneller segelte als die der Mijnheers, hatten auch Don Juan und seine Mannen erkannt. Und diesen Vorteil würden sie zu nutzen wissen.

Sie schoben die Schaluppe zurück ins Wasser, enterten auf und verließen die Bucht. Pete Ballie stand am Ruder. Bei halbem Wind über Steuerbordbug lief der Einmaster wieder gute Fahrt. Pete steuerte die Schaluppe so weit an den Strand heran, daß sie noch im Windbereich blieb und die Segel nicht abgedeckt wurden. Die unsichtbare Grenze zwischen Abdeckung und Windzone lag etwa fünfundzwanzig Yards vom Ufer entfernt. Diese Entfernung reichte zur Zielerkennung.

An der Bugdrehbasse stand Al Conroy. Die drei anderen Waffen bedienten Gary Andrews, Bob Grey und Don Juan. Mac O’Higgins – „Higgy“ – war für die Schoten zuständig. Notfalls konnte er an die achtere Drehbasse springen, die wie alle anderen Waffen feuerbereit war.

Sie passierten die Stelle, wo die entwurzelte Kokospalme lag. Der Kerl war kaum zu erkennen, zumal ihn Don Juan und Gary fast unter den Stamm geschoben hatten. Aber er war noch da und rührte sich nicht. Jetzt hätte er seine Horde alarmieren müssen.

Bei den Kerlen, die den Mast setzten, brannten ebenfalls Fackeln sowie Schiffslaternen. Somit war der Schauplatz illuminiert – ein nützlicher Effekt für die Arbeit, aber auch für die sich anpirschenden Wölfe, dies um so mehr, weil für die Mijnheers außerhalb des Lichtkreises nichts weiter als Schwärze war. Was das betraf, waren sie blind.

Von den Muskatnußbäumen drangen Axtschläge herüber. Sie hatten ihr schändliches Werk begonnen. Don Juan biß die Zähne zusammen. Gehackte Ladungen waren genau die richtige Antwort auf das, was diese Hundesöhne betrieben.

Pete Ballie ließ Higgy etwas die Schoten schricken, um die Fahrt zu verlangsamen und den Mannen an den Drehbassen das Zielen und Schießen zu erleichtern.

Von der Vorposten-Schaluppe war nichts zu sehen.

Don Juan gab keinen Feuerbefehl – jeder sollte nach eigenem Ermessen feuern, wenn er sein Ziel erfaßt hatte.

Al Conroy zündete. Der Lauf seiner Drehbasse hatte eine nahezu waagerechte Position – Kernschußweite! Die anderen Läufe mußten angekippt werden.

Don Juan schloß die Augen, um sich von dem Schußblitz nicht blenden zu lassen.

Ein schmetternder Krach – und unmittelbar darauf die Geräusche der Zerstörung, jener typische Laut des Aufpralls von Eisen auf Holz, Bersten, Brechen, Splittern, Zerreißen.

Aus schmalen Augen spähte Don Juan hinüber. Ja, Treffer, das Heck war zertrümmert! Don Juan atmete auf und nickte Al Conroy lachend zu.

Wutgebrüll an Land.

Gary Andrews zündete, dann Bob Grey. Zwei Feuerblitze, die gehackten Ladungen jaulten davon und rasten zwischen die Stämme der Muskatnußbäume. Es prasselte, als fege ein Hagelschauer durchs Gehölz. Die gellenden Schreie verrieten, daß Kerle getroffen worden waren. Einige taumelten zum Strand. Dann folgte Don Juans Schuß, der das Inferno verstärkte.

Pete Ballie fiel ab.

Al Conroy sprang nach achtern, richtete die Drehbasse auf die Zelte und feuerte. Die leichten Behausungen flogen davon, als habe sie ein Sturmwind gepackt. Die Aststützen brachen weg, der Kessel kippte ins Feuer.

Die Schaluppe Don Juans lief nach Osten ab und wurde von der Dunkelheit geschluckt. Aber auch an Land wurde es duster, denn dort löschten sie Fackeln und Laternen. Don Juan ging wieder auf Südkurs und steuerte erneut die kleine Bucht an, um von dort aus abzuwarten, ob die Vorposten-Schaluppe aufkreuzte. Denn die Kerle auf ihr mußten die Drehbassenschüsse gehört haben. Möglicherweise hatten sie auch die Schußblitze gesehen.

Don Juan und Gary Andrews tigerten wieder an Land, um nach den Mijnheers zu spähen und auch den Schnarcher zu besuchen. Der lag immer noch an derselben Stelle und war bewußtlos. Daß der Kerl als Ausguckposten versagt hatte, mußte dem Hackklotz eigentlich klar sein. Aber offenbar hatte er noch nichts unternommen, um ihn ablösen zu lassen und zur Rede zu stellen – wie das so seine Art war.

Doch etwas anderes passierte, und da begriff Don Juan, warum man sich um den Posten noch nicht gekümmert hatte.

Die Kerle waren alle in Deckung gegangen – und lauerten auf den nächsten Überfall der Gegner-Schaluppe. Sie hatten sogar Drehbassen ausgebaut und die Zapfen des Gabelgestells in umgelegte Baumstämme gerammt.

Außerdem waren sie wieder blind vor Wut, und so nahm ein weiteres Verhängnis seinen Lauf, das absurd genug war.

Als der Schatten einer Schaluppe aus Nordosten auf den Lagerplatz zuglitt, brüllte der Hackklotz einen Feuerbefehl, und schlagartig war die Hölle los. Die Kerle feuerten aus allen Läufen mit Musketen und Drehbassen. Ein Bleihagel raste der Schaluppe entgegen, deckte sie ein und takelte sie ab, daß es nur so splitterte, krachte und barst.

Die Kerle versenkten ihre letzte Schaluppe!

Sie soff auf ebenem Kiel ab, nur ihre Aufbauten ragten noch aus dem Wasser – und ein halber Mast.

Was sich dann abspielte, war eine Schau aus dem Irrenhaus. Denn als die Kerle erkannten, was sie sich da geleistet hatten, sprangen sie auf und hüpften kreischend, zeternd und fluchend herum und führten eine Art Veitstanz auf, als seien sie alle vom wilden Affen gebissen.

„Du meine Güte“, murmelte Don Juan. „Ist das noch zu fassen?“

Gary Andrews grinste und sagte: „Jetzt sitzen sie hier fest und können nicht vor und zurück. Sie müssen aufgeben.“

Doch das Spektakel setzte sich fort. Es war noch nicht zu Ende. Von Bord des Wracks sprangen Gestalten und wateten an Land. Sie glichen kampfwütigen Stieren, obwohl einige verletzt waren, aber das kümmerte sie nicht. Sie barsten vor Wut, und sie schwangen, was sie sich gerade hatten schnappen können oder greifbar gewesen war: Spaken, Riemen oder Bruchstücke von Planken.

Mit diesen Prügeln fielen sie über ihre Kumpane her, die auf sie geschossen hatten. Gleich, drei droschen den Hackklotz zusammen, der den Irrsinnsbefehl zum Feuern gegeben hatte, ohne abzuwarten, ob es sich um die eigene Schaluppe handelte.

Und dann blitzten Äxte, Messer und Degen.

Der Wahnsinn nahm erst sein Ende, als zwei Todesschreie über den Strand gellten und zwei Kerle röchelnd zusammensackten. Da brach die Ernüchterung über sie herein. Sie ließen voneinander ab und senkten die Waffen. Und sie stierten sich an, als seien sie Fremde, die sich noch nie gesehen hatten.

Einige setzten sich hin und ließen den Kopf hängen. Andere wateten ins Wasser und wuschen sich Schweiß, Blut und Dreck ab. Wieder andere gingen mit schleppenden Schritten zu den Kisten, wo ihre Vorräte lagerten, griffen sich Flaschen, schlugen die Hälse ab und soffen.

Zur Zeit waren sie nichts weiter als eine marode, verkommene und verluderte Horde, die sich selbst zerfleischt hatte. Wenn es überhaupt in ihren dumpfen Hirnen dämmerte, dann mußten sie erkennen, daß sie sich wie Irre aufgeführt und auch so gehandelt hatten.

Einer der Kerle bei den Kisten hatte seine Flasche ausgesoffen, schleuderte sie gegen einen Baum, wo sie zersplitterte, warf den Kopf in den Nacken – und lachte. Er lachte wie einer, dem gerade ein Witz eingefallen ist, ein zotiger, ordinärer Witz. Er fand das, was passiert war, unerhört witzig. Und er schüttete sich aus vor Lachen.

Es wirkte wie ein Funke. Plötzlich begannen auch die anderen zu lachen. Sie schlugen sich auf die Schenkel oder dem nächsten auf die Schulter. Sie wieherten und lachten, lachten, lachten.

Nur die beiden Toten konnten nicht lachen.

Gut drei Stunden nach Mitternacht kreuzte Don Juans Schaluppe etwa sieben Meilen nördlich des Lagers den Kurs der nach Süden segelnden „Santa Barbara“ und der anderen Schaluppe aus Davao, die jetzt Dan O’Flynn führte.

Hasard auf der „Santa Barbara“ ließ die Segel aufgeien und in den Wind gehen. Die beiden Schaluppen schoren längsseits und vertäuten an der „Santa Barbara“. Don Juan und Dan enterten an Bord. Don Juan berichtete, was sich ereignet hatte.

Sie hörten alle schweigend zu. Und als Don Juan endete, standen sie staunend da und konnten nur die Köpfe schütteln.

„Mein lieber Mann“, sagte Hasard und war nun doch erschüttert. „Soviel Irrsinn hätte ich den Kerlen weiß Gott nicht zugetraut. Die müssen von allen guten Geistern verlassen gewesen sein.“

„Von allen guten Geistern?“ fragte Don Juan. „Hatten sie die je?“

„Du hast recht“, meinte Hasard. „Wer so handelt wie die Mijnheers, dem fehlen die guten Geister. Was taten sie bei Abbruch eurer Beobachtungen?“

„Sie soffen.“

„Wein oder Schnaps?“

„Schnaps. Der Inhalt der Flaschen war hell.“

„Meinst du, daß sie sich solange besaufen, bis sie umfallen?“

Don Juan wiegte den Kopf. „Könnte sein, könnte aber auch nicht sein. Diese Kerle passen in kein Schema – wie Verrückte, deren Verhaltensweisen nicht abzuschätzen sind. Ich meine, wir sollten noch vorsichtiger als sonst sein. Du willst sie doch schnappen, oder?“

„Das habe ich vor“, sagte Hasard grimmig.

Kurz darauf gingen sie wieder auf Südkurs …

ENDE

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