Kitabı oku: «Seewölfe Paket 9», sayfa 18

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8.

Als von der St.-Andrewskirche zwölf Glockenschläge über Plymouth hallten, steuerte Hasard die Jolle mit derselben Bootscrew wie am Morgen in den Plymouth Sound hinaus. Auch dieses Mal verzichtete er darauf, das Segel zu setzen, es lohnte nicht bei der kurzen Entfernung zur St.-Nicholas-Insel, vor der die „Revenge“ immer noch vor Anker lag.

Merkwürdigerweise war das Beiboot achtern am Heck der „Revenge“ verschwunden. Aber vielleicht lag es auf der Backbordseite, die Hasard nicht einsehen konnte. Er schenkte dem nicht weiter Beachtung. Warum auch? Eine halbe Stunde später dachte er anders darüber. Manchmal sind es eben doch die Details, die wichtig sein können.

Dieses Mal geruhte der sehr ehrenwerte Admiral nicht mehr zu schlafen. Hasard wußte ja nicht, was inzwischen vorgefallen war, ja, er wußte nicht einmal, ob sich seine drei Männer tatsächlich an Bord der „Revenge“ befanden.

Jedenfalls stand Admiral Drake, die Hände auf dem Rücken, am Steuerbordschanzkleid des Achterdecks und blickte der Jolle mit satter Genugtuung entgegen.

Eine Jacobsleiter war auf der Steuerbordseite nicht ausgebracht, was bereits darauf deutete, daß Drake wohl nicht die Absicht hatte, Hasard an Bord zu empfangen.

Das waren schlechte Vorzeichen, aber Hasard war sich selbst gegenüber ehrlich genug, um sich einzugestehen, daß der Admiral weiß Gott keinen Grund hatte, ihn mit einem Ehrensalut zu empfangen. Schließlich hatte ihn Hasard ja ziemlich ruppig von Bord der „Isabella“ befördert.

Mehr als zuvor zweifelte Hasard am Erfolg dieser Mission. Aber es ging um seine drei Männer, und da hatte er nach jedem Strohhalm zu greifen, der sich ihm bot. Da hatte er seinen Stolz herunterzuschlucken und sein Temperament zu zügeln, auch wenn ihm maßlose Unverschämtheiten geboten wurden – wie es Parsons am Morgen bereits exerziert hatte.

Wieder steuerte Hasard die Jolle auf Rufweite an die „Revenge“ heran.

Er grüßte zu dem Admiral hoch und rief: „Hätten Sie die Güte, mich an Bord zu empfangen, Sir?“

Drakes Miene war voller Hohn. „Warum sollte ich? Bastarde haben auf meinem Schiff nichts zu suchen!“

Es ging also schon wieder los.

„Dieser Lumpenhund“, murmelte Big Old Shane, „ich könnte ihm den Hals umdrehen.“

Hasard rief: „Zu gütig, Sir! Das war eine klare Antwort. Würden Sie dann so freundlich sein, mir eine andere Frage zu beantworten? Ich vermisse drei meiner Männer, von denen zwei bereits früher bei Ihnen gefahren sind – auf der ‚Marygold‘. Es handelt sich um Matt Davies und Stenmark. Der andere Mann ist Sam Roscill. Sind diese drei Männer bei Ihnen an Bord?“

„Ich beherberge kein Piratengesindel!“ schrie Drake. „Da suchen Sie besser in den Hurenhäusern und Kaschemmen von Plymouth, wo sich der Abschaum herumtreibt und Sie und Ihresgleichen hingehören!“

Hasard knirschte mit den Zähnen und beherrschte sich mühsam.

„Sir!“ rief er zu Drake hoch. „Ich habe Sie höflich um eine Auskunft gebeten und darf wohl erwarten, daß Sie mir auch höflich antworten. Ich frage Sie noch einmal, ob sich diese drei Männer bei ihnen an Bord befinden?“

„Nein, nein, nein!“ brüllte der Admiral. „Sind Sie schwerhörig? Ich sagte doch, wo die sich herumtreiben. Die Gosse habe ich noch vergessen, dort suhlen sich doch immer Ihre Kerle, wenn sie …“

Er gelangte nicht weiter.

Aus dem Vorschiff drang abgehackter Kampfgesang. Die Männer in der Jolle zuckten herum und starrten zum Vorschiff der „Revenge“.

Es klang dumpf, war aber deutlich zu hören.

„Ar-we-nack! Ar-we-nack! Ar-we-nack!“

Das Kampfgeschrei der Seewölfe.

Hasard hätte die „Revenge“ mit der blanken Faust angreifen können, so schüttelte ihn die Wut. Seinen Männern erging es nicht anders.

Der Admiral tanzte hohnlachend auf dem Achterdeck herum. Er wirkte wie ein verrücktgewordener Giftzwerg.

Hasards Stimme donnerte gegen das Flaggschiff: „Männer der ‚Revenge‘! Ihr habt gehört, was zwischen dem Admiral und mir gesagt wurde. Dieser Offizier der Royal Navy im Range eines Admirals scheut sich in Gegenwart seiner Besatzung nicht, einen englischen Kapitän, der von Ihrer Majestät der Königin zum Ritter geschlagen wurde, anzulügen und tapfere Männer, die für England gekämpft und geblutet haben, in einer Weise zu verhöhnen und zu beschimpfen, als stamme er selbst aus der Gosse. Wer von euch noch einen Funken Ehre und Anstand im Leibe hat, der möge mir helfen, meine drei Männer herauszuholen, die auf Befehl dieses Wahnsinnigen …“

„Feuer frei!“ brüllte der Admiral. „Auf die Jolle! Ich will diese Kerle lebend, vor allem den Bastard Killigrew!“

Sie hatten geduckt hinter dem Schanzkleid gelauert. Jetzt standen sie plötzlich da – zwölf Seesoldaten, mit Musketen bewaffnet.

Hasard reckte sich auf.

„Wir sind unbewaffnet!“ brüllte er zu den Seesoldaten hoch. „Seit wann schießen Engländer auf unbewaffnete Engländer? Seid ihr wahnsinnig? Wollt ihr zu Mördern werden?“

„Feuer!“ schrie Drake mit überkippender Stimme.

„Ruder an!“ fauchte Hasard. „Pullt, wie ihr noch nie gepullt habt! Es ist unsere einzige Chance, diesem Verrückten noch zu entwischen! Hool weg – hool weg – hool weg!“

Die Jolle schoß vorwärts, von peitschenden Riemenschlägen getrieben. Vor ihrem Bug schäumte das Wasser, Gischt flog von den Riemenblättern, wenn sie nach dem Durchholen aus dem Wasser gerissen wurden.

Hasard spähte über die Schulter zurück. Die Seesoldaten hatten die Musketen angehoben. Hasard legte Ruder und steuerte die Jolle hart nach Backbord und kurz darauf wieder nach Steuerbord.

Genau dazwischen krachte die Salve von Bord der „Revenge“. Hasard biß die Zähne zusammen.

Die Kugeln klatschten ins Wasser, zwei aber durchbrachen die Bordwand Backbord achtern. Zwei Wasserstrahlen zischten ins Boot unterhalb der Gräting.

Big Old Shane fluchte, riß sich das Hemd vom Oberkörper, fetzte zwei Stükke ab, lüftete die Gräting an, warf sie außenbords und rammte die beiden Stoffe wie Pfropfen in die Löcher. Fürs erste reichte das, wenn auch das Wasser nachsickerte.

Hasard steuerte im Zickzack. Die Männer brauchten keine Anfeuerung. Sie wußten, um was es ging. Hier zählte jeder Yard, den sie sich von der „Revenge“ entfernten. Ihre Mienen waren verbissen. Es war das erste Mal, daß Arwenacks die Flucht ergriffen, aber in der Flucht lag ihre einzige Rettung. Waffen hatten sie nicht, also blieb nur der Rückzug.

Aber sie würden es Drake und den Männern der „Revenge“ heimzahlen. Das Maß war voll. Blieb nur die Frage, ob sie noch jemals die Chance haben würden, die Waffen sprechen zu lassen.

Die zweite Salve krachte – sie traf besser.

Sechs neue Löcher sprangen auf, wie gestanzt, jetzt auf der Steuerbordseite. Big Old Shane rammte sie mit Stoffetzen dicht. Wasser schwappte im Boot. Hasard begann mit der Holzkelle zu schöpfen.

Auf dem Achterdeck der „Revenge“ tobte der Admiral. Noch mehr Seesoldaten tauchten am Steuerbordschanzkleid auf.

Die dritte Salve zerhieb den Spiegel der Jolle. Es war ein Wunder, daß Hasards und Big Old Shanes Beine unverletzt blieben. Das Boot sackte achtern tiefer. Das Wasser schoß nur so herein.

Es war zwecklos. Sie schafften es nicht mit dem Boot. Es würde ihnen binnen zwei Minuten regelrecht unter dem Hintern wegsacken.

Hasard grinste schief.

„Auf Riemen“, sagte er. „Alle Mann von Bord, wie es so schön heißt! Wir müssen schwimmen, aber auch das ist zu schaffen.“ Er blickte zur „Revenge“ zurück und zuckte zusammen.

Das Beiboot!

Es mußte auf der Backbordseite der „Revenge“ gelauert haben. Jetzt wurde es hinter dem Heck vorbeigepullt. Parsons stand achtern und brüllte seine Rudergasten an. Das Boot nahm Kurs auf die absaufende Jolle.

„Los – rein ins Wasser!“ schrie Hasard. „Nicht zusammenbleiben – auseinander! Und tauchen, wenn das Boot an einem dran ist! Haltet durch, ihr schafft es! Viel Glück!“

Sie hechteten ins Wasser, weg von der sinkenden Jolle.

Vom Achterdeck der „Revenge“ her ertönte Drakes Wutgebrüll. Es lief wohl nicht so, wie er sich das gedacht hatte. Er hämmerte die Fäuste auf das Schanzkleid und pöbelte Parsons und dessen Bootsgäste an.

Die Seewölfe schwammen wie Fische – dahin, dorthin, tauchend über lange Strecken, wiederauftauchend, um Luft zu schnappen – und weg waren sie.

Drake schrie sich die Kehle heiser.

Parsons wußte nicht, wo er zuerst hinsteuern sollte. Es war wie verhext. Die Kerle schienen ihn auch noch zu verhöhnen.

„Hu-hu!“ schrie einer, der gerade aufgetaucht war. Der Frechling winkte ihm sogar zu. Das war dieser Bursche von der O’Flynn-Sippe. „Hasch mich doch, du Blödmann!“

Fluchend legte Parsons Ruder und steuerte auf den Kopf zu. Der verschwand, ganz kurz waren die Beine zu sehen – dann nichts mehr, nur noch ein paar Luftblasen. Parsons reckte sich den Hals aus und stand auf Zehenspitzen. Wo war der Kerl?

Da schoß Backbord querab ein Körper aus dem Wasser – der Nigger! Er bäumte sich hoch, als wolle er nach dem Himmel greifen – und da flog was auf Parsons zu.

Ein Stiefel!

Parsons reagierte zu langsam. Der Stiefel war ein Treffer. Parsons kriegte ihn an den Schädel, taumelte und wäre außenbords gekippt, wenn ihn der Bootssteurer nicht abgefangen hätte.

Damit war der Riementakt dahin. Die Riemen krebsten durcheinander. Die Bootsgasten wußten nicht, ob sie fluchen oder lachen sollten – wegen des Stiefels und der Beule am Kopf des ersten Offiziers.

Der kriegte sich bald nicht mehr ein.

Batuti, der treffliche Schütze, war bereits wieder abgetaucht.

Und weit Steuerbord voraus schrie der Bursche von der O’Flynn-Sippe schon wieder: „Hu-hu! Hu-hu! Könnt ihr nicht mehr, ihr müden Säcke?“

Parsons zerrte seine Pistole aus dem Gürtel, legte auf Dan O’Flynn an und zog durch.

Klick!

Der Flinstein war naß geworden. Vor Wut feuerte Parsons die Pistole ins Wasser.

Es ging mit dem Teufel zu. Dort, wo die Pistole versunken war, schwang ein drahtiger Körper aus dem Wasser – und die Pistole flog zurück. Sie wirbelte wie ein Messer durch die Luft, und der sie geschleudert hatte, war auch ein Meister im Messerwurf: Bob Grey, flink, blond, braunäugig.

Der Bootssteurer griff sich ächzend an den Kopf und sackte zusammen.

Dieses letztere Geschehen war reiner Zufall gewesen, aber das wurde den Bootsgasten keineswegs klar, im Gegenteil. Hier war etwas im Spiel, etwas Ungeheuerliches, etwas ungeheuerlich Teuflisches. Das mußten Dämonen sein, diese Seewölfe. Oder Übermenschen. Oder Wassertrolle, Seegeister! Und wie die schwammen und tauchten! Und dann warfen sie und trafen auch noch!

Sie wußten nicht mehr, was sie tun sollten. Und Parsons wußte es auch nicht. Der war schon längst total überfordert. Das wuchs ihm alles über den Kopf – eine Niederlage nach der anderen.

Und an Bord der „Revenge“ war der sehr ehrenwerte Admiral Sir Francis Drake, der so kühn die Welt umsegelt und reiche Beute nach England gebracht hatte, reif, um ins Wasser zu springen.

Denn aus der Mill Bay schoß die zweite Jolle der „Isabella“ – gefechtsklar, was die zwei Kerle im Bug betraf. Die fackelten nicht lange. Sie standen aufrecht, Musketen an den Schultern, feuerten, legten die Musketen nieder, nahmen zwei neue auf, feuerten wieder, und schon hatte das Beiboot der „Revenge“ vier saubere Löcher in der Wasserlinie. Noch zwei Löcher folgten, und noch zwei. Die schossen wie auf dem Scheibenstand, diese beiden Kerle.

Die Bootsgasten saßen still und stumm, geduckt und wie gelähmt, kein Riemen rührte sich. Wozu auch? Das Wasser stand bereits an ihren Waden und kroch sichtbar höher. Auch diese Jolle der „Revenge“ würde ihren Weg in die Tiefe antreten. Die Gewässer vor Plymouth wurden gewissermaßen mit Beibooten der „Revenge“ gesättigt. Da würde der Admiral wieder Himmel und Hölle in Bewegung setzen müssen – zwecks Beibootbeschaffung. Und er würde noch saurer als ohnehin sein.

Überall auf der Stätte des Geschehens tauchten nasse Köpfe auf, schnappten Luft, wandten sich um und betrachteten grinsend das Drama der sanft abblubbernden „Revenge“-Jolle. Es war ein Bild, wie es selten geboten wurde, denn – eigentümlich genug – diese Bootscrew verhielt sich wie gelähmt. Auf den Duchten sitzend ergab sie sich ihrem Schicksal, das heißt, gemäß der tiefersackenden Jolle kroch das Wasser an den stummen Gestalten hoch.

Mit dem Hintern saßen sie bereits im nassen Element, dann reichte ihnen der Wasserspiegel sehr schnell bis zum Bauch, zur Brust und schon bis zum Hals. Und immer noch hielten sie ihre Sitzformation inne – vier Mann hintereinander auf der Backbord- und vier Mann hintereinander auf der Steuerbordseite, aber die beiden Bordseiten waren längst unsichtbar und schwebten der Tiefe entgegen. Und achtern „saßen“ Mister Parsons sowie der Bootssteurer im Wasser, beide mit Beulen an den Köpfen.

Es war fürwahr ein ergötzliches Bild – bis die Starre überwunden war. Fast gleichzeitig planschten diese zehn Gestalten los, Richtung „Revenge“, und sie waren sichtlich des Schwimmens unkundig, denn sie paddelten wie junge Hunde, die sich zum ersten Male im Wasser tummeln und noch nicht so recht wissen, ob dieses merkwürdige Element Wasser sie auch trägt.

„Feuer!“ brüllte der Admiral und zerschlug sich die Handknöchel auf dem hölzernen Umlauf des Schanzkleides.

Kein Schuß fiel.

Drake fuhr herum und starrte zu den Seesoldaten auf der Kuhl. Die standen wie versteinert. Die Läufe ihrer Musketen zeigten sonstwohin, aber nicht auf die Jolle der „Isabella“, von der aus bereits die Schwimmer der anderen „Isabella“-Jolle geborgen wurden.

„Ich befahl Feuer!“ schrie Drake zu den Seesoldaten hinunter. „Seid ihr schwerhörig?“

Keiner schaute zu ihm hoch.

Drake keuchte. „Was ist das? Meuterei? Ich lasse euch alle füsilieren!“

Der Hauptmann der Seesoldaten, ein harter Brocken, der schon in den Niederlanden gegen die Spanier gekämpft und in Irland einige Aufstände niedergeschlagen hatte, wandte sich zu ihm um und sagte: „Bei allem Respekt, Sir, aber wenn wir schießen, gefährden wir unsere eigenen Leute im Wasser. Das kann ich nicht verantworten.“

„Aber ich verantworte es, Mister Meadows!“ schrie Drake. „Oder geben Sie jetzt hier die Kommandos?“

„Bitte um Verzeihung, Sir“, sagte Meadows, „die Seesoldaten unterstehen meinem Befehl, wie es in der Dienst- und Gefechtsvorschrift der Royal Navy, Abschnitt zwei, römisch vier eindeutig festgelegt wurde. An diese Vorschrift bin ich gebunden. Dort wird gesagt: Der für die Abteilung Seesoldaten an Bord eines Schiffes der Royal Navy verantwortliche Offizier hat …“

„Interessiert mich nicht!“ brüllte der Admiral. „Halten Sie mir hier keine Vorträge, Mann! Gehorchen Sie, oder ich lasse Sie in Ketten legen!“

Den Hauptmann erschütterte das keineswegs, dazu war er viel zu hartgesotten – und er wußte das Recht auf seiner Seite.

„Sir“, sagte er, „die Dienst- und Gefechtsvorschrift der Royal Navy bleibt nach wie vor gültig, auch wenn Sie mich in Ketten legen. Ich bin gern bereit, vor einem Militärgericht meinen Standpunkt zu vertreten, wobei ich bereits jetzt darauf hinweisen möchte, daß Ihr erster Befehl, auf die Jolle Kapitän Killigrews das Feuer zu eröffnen, höchst bedenklich war. Es lag seitens dieses Kapitäns kein aggressiver Akt vor. Im übrigen waren er und seine Männer unbewaffnet …“ Weiter gelangte er nicht.

„Profos!“ gellte Drakes Stimme.

„Sir?“ Der vierschrötige Profos trat an den Niedergang zum Achterdeck.

„Mister Meadows ist in seine Kammer zu führen. Er steht unter Kammerarrest. Lassen Sie die Kammer unter Bewachung stellen. Widerstand oder ein eventueller Fluchtversuch ist unter Waffeneinsatz zu verhindern.“

„Aye, aye, Sir.“ Der Profos zog seine Pistole und richtete sie auf den Hauptmann. „Vorwärts, Mister Meadows. Sie haben gehört, was der Admiral befohlen hat.“

Der Hauptmann zuckte mit den Schultern und lächelte kalt. Widerstandslos ließ er sich abführen.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich die zweite Jolle der „Isabella“ bereits außer Schußweite der Musketen und wurde zur Mill Bay gepullt. Hasard und seine Männer von der ersten Jolle waren an Bord – unverletzt.

9.

Der Wurm steckte im Detail. Hasard hatte das Verschwinden des Beiboots der „Revenge“ zwar bemerkt, aber keine Schlüsse daraus gezogen, als er mit seinen Männern zu dem Flaggschiff gepullt war. Drakes so listenreich aufgebaute Falle war ein Fiasko geworden. Er hatte den verhaßten Gegner demütigen und im Wasser schwimmen sehen wollen. Dort hatte die Jolle ihn und seine Kerle herausfischen sollen. Jetzt waren sie alle entwischt. Dabei wäre der einfachste Weg der gewesen, Philip Hasard Killigrew – wie er es gewünscht hatte – an Bord kommen zu lassen und festzuhalten. Mit dem Kapitän hätte Drake die gesamte Mannschaft gehabt. Aber die Chance war vertan.

Hasard hatte zwar einen Fehler begangen, ihn aber mit viel Glück noch korrigieren können. Und Ben Brighton hatte rechtzeitig die zweite Jolle losgejagt, um den Schwimmern zu helfen.

Jetzt beging der Admiral wiederum einen Fehler – nein, er hatte ihn bereits begangen. Denn er hatte der Hakenprothese des einarmigen Matt Davies keine Beachtung geschenkt – er nicht und kein Mann seiner Besatzung. Dabei hatte jeder sehen können, wie scharfgeschliffen dieses Ding war, das Matt Davies die rechte Hand ersetzte, und zwar voll ersetzte.

Die drei Seewölfe waren nach ihrem Ausbruchsversuch gefesselt worden – Hände auf den Rücken. Dann hatten sie Wiedersehn mit dem Vorpiekloch gefeiert und zunächst einmal verschnauft. Einen Schimmer von Licht hatten sie, da man die Stelle, wo die Ankerflunke durchs Schott gekracht war, noch nicht repariert hatte. Zwar waren zwei Posten vor dem Schott aufgezogen, aber wenn die durch die Bruchstelle vom Hellen ins Dunkle linsten, konnten sie so gut wie gar nichts erkennen.

So vergingen nur zehn Minuten, und die drei Seewölfe hätten erneut randalieren können. Denn in dieser Zeit hatten sie die Fesseln an Matts scharfem Prothesenhaken bereits durchgesäbelt und waren frei. Dazu hatte sich Stenmark nur Rücken an Rücken mit Matt Davies zu setzen und ein bißchen zu fummeln brauchen. Alles weitere war geradezu simpel.

Einmal mehr konnten sie über Matts Prothesenhaken des Lobes voll sein. Auch Jeff Bowie trug ja so ein Ding, allerdings links. Und Jeff hatte von Matt gelernt, wie man mit dem Haken umzugehen hatte. Beide fühlten sich keineswegs den anderen gegenüber, die ihre gesunden Hände hatten, benachteiligt, ganz abgesehen davon, daß sie mit diesen Haken zu gefährlichen Kämpfern geworden waren.

Ferris Tucker, der trick- und geniereiche Schiffszimmermann der „Isabella“, hatte ihnen für diese Prothesen zusammen mit Will Thorne, dem Segelmacher, Ledermanschetten konstruiert, die über die Unterarmstümpfe gezogen wurden und absolut festsaßen – auch bei gestrecktem Arm –, weil sie von Riemen unter der Achsel hindurch und über die Schulter gesichert wurden. Um die Prothese zu verlieren, hätte man den beiden schon die Schulter abreißen müssen.

Die drei Seewölfe wollten, wenn es die Situation erforderte, Handlungsfreiheit haben. Und die hatte man nur, wenn man nicht gefesselt war. Aber um den Gegner irrezuführen, mußte man gefesselt sein.

Also hatten sie sich die Fesseln gegenseitig wieder angelegt, aber so, daß jeder selbst in der Lage war, sie im geeigneten Moment zu sprengen Seeleute, die sie waren, barg das keine Probleme. Sie setzten ein paar Knoten auf Slip, und damit war auch dieser Fall geregelt.

Im übrigen hatten sie, wenn auch karg, gefrühstückt, denn Sam Roscill hatte beim Sturmlauf durchs Mannschaftslogis einige Kanten Brot und sogar Speck mitgehen lassen.

Gegen Mittag hatten sie dann wieder Hasards Stimme gehört und prompt ihren Schlachtruf geschmettert, um zu melden: Wir sind hier! Vor den Musketen der beiden Posten waren sie dann verstummt.

Dann war geschossen worden. Seitdem zergrübelten sie sich die Köpfe, was passiert war. Sie hatten nur Drake toben hören, aber der tobte in der letzten Zeit ja ständig.

Eine Stunde später, da war längst wieder Ruhe eingekehrt, erschien der Admiral persönlich am Schott der Vorpiek, um sich vom Nochvorhandensein seiner drei Gefangenen zu überzeugen.

Ein bißchen irre mußte er sein, als er höhnisch erklärte, sie seien das Mittel, des verdammten Piraten Killigrew habhaft zu werden.

Dann sagte er: „Aufstehen!“

Sie standen auf, wenn auch recht mühsam mit den auf den Rücken „gefesselten“ Händen.

Er sagte: „Setzen!“

Sie setzten sich wieder.

Er sagte: „Aufstehen!“

Und Matt Davies sagte: „Leck mich doch am Arsch, du Idiot!“ Und für einen kurzen Moment überlegte er, den Admiral anzuspringen und als Geisel zu nehmen. Aber die beiden Posten hatten ihre Musketen schußklar, und das war zu riskant.

„Das wirst du mir büßen, du ‚Isabella‘-Abschaum!“ zischte Drake. „Mit dem Leben!“

„Bitte sehr“, sagte Matt Davies, „wie’s beliebt.“ Nach der Nacht mit den Haien, deren Angriffe er auf einer Planke liegend abgewehrt hatte und in der seine Haare grau geworden waren, konnte ihn kaum noch etwas erschüttern. Er war durch zu viele Höllen gegangen.

Drake, der seine Gefangenen hatte demütigen wollen, begriff, daß alles an diesen Kerlen abprallte. Die waren nicht weichzukriegen. Selbst die Todesdrohung schreckte sie nicht. Furchtlos blickten sie zu ihm hoch, eisige Verachtung in den Gesichtern. Es war läppisch, sie aufstehen und hinsetzen zu lassen. Sie würden nicht mehr reagieren, auch wenn er sie durchpeitschen ließ.

Vielleicht war alles zwecklos.

Abrupt drehte sich der Admiral um und verließ das Vorschiff. Das Schott krachte wieder zu, wurde abgeriegelt und mit den Leckbalken gesichert.

„Der hat eine wüste Sauerei vor“, sagte Stenmark.

„Abwarten“, sagte Matt Davies.

Vier Tage verstrichen, ohne daß seitens der „Revenge“ etwas passierte. Sie beobachteten nur, daß das Flaggschiff mehrere Male ankerauf ging, vor der Mill Bay je nach Wind hin und her kreuzte, daß an den Geschützen exerziert wurde und diverse Segelmanöver gefahren wurden, aber jeweils am Abend ankerte die „Revenge“ wieder vor der St.-Nicholas-Insel.

Und die ganze Zeit grübelte Hasard über eine Lösung nach, wie er seine drei Männer befreien könne. Es gab keine Lösung, es sei denn die des direkten Angriffs. Er schied aber aus, weil er, wie auch ein Überfall, die drei Männer gefährden würde. Die „Revenge“ war unangreifbar für einen Mann, der Gewissensbisse hatte und das Leben seiner Männer nicht aufs Spiel setzen wollte. Aber irgendwann würde er den Stier doch bei den Hörnern packen müssen.

Tag für Tag lauerte Hasard auf die Meldung des jeweiligen Ausgucks, daß sich ein Boot der „Revenge“ der „Isabella“ nähere. Dieses Boot, auch das war beobachtet worden, hatte der Admiral nach alter Piratenmanier einfach von einem auslaufenden Frachtsegler requiriert, nachdem er den mit ein paar Schüssen vor den Bug gestoppt hatte.

Ja, dieses Boot erwartete Hasard, und es würde Drakes Forderung überbringen, er, Hasard, habe sich zu stellen, sonst würden zu einer bestimmten Frist seine drei Männer exekutiert oder an der Rahnock sichtbar aufgebaumelt.

Diese Befürchtung hatte Hasard, aber er würde bereit sein, der Erpressung Drakes nachzugeben.

Aber kein Boot erschien.

Genoß Drake diesen Zustand? Wollte er Kapitän und Mannschaft der „Isabella“ in einem Nervenkrieg zermürben?

Hasard bemerkte bereits, wie seine Männer immer gereizter wurden. Das konnte nicht ausbleiben. Eine Spannung legte sich über die „Isabella“, die nicht gut war.

Da tauchten diese „Wenns“ auf.

Wenn Blackys Fuß nicht gebrochen worden wäre …

Wenn Smoky und die anderen Landgänger nicht in die „Bloody Mary“ gezogen wären …

Wenn sie alle beieinander geblieben wären …

Wenn ihr jetzt zappelig werdet, fuhr Hasard dazwischen, dann hat Drake das Spiel schon halb gewonnen. Nehmt euch zusammen, Kerls! Mir sitzt die Wut genauso in den Knochen wie euch, nichts täte ich lieber, als diese verdammte „Revenge“ mit Admiral und Mann und Maus in die Luft zu sprengen. Aber ich habe mich, verdammt noch mal, zusammenzureißen – und ihr auch!

Am fünften Tage untersuchte Doc Freemont Blackys Fuß sehr lange und gründlich. Hasard, Ben Brighton und der Kutscher waren mit in der Kammer und mußten sich einmal mehr mit Geduld wappnen.

Die fürchterliche Knöchelschwellung war zurückgegangen, nirgends zeigten sich gerötete Stellen, die auf eine Entzündung hindeuteten. Doc Freemont tastete den Fuß von allen Seiten ab, vor allem im Bereich des Knöchels. Er drückte da, er drückte dort. Blacky verzog keine Miene.

„Tut nirgends was weh?“ fragte Doc Freemont.

„Nirgends“, sagte Blacky. „Heiß ist mir auch nicht.“

„Kein Pochen oder Klopfen irgendwo?“

„Nein, nichts, Doc.“

„Hm.“ Doc Freemont, der auf der Koje saß, drehte sich zu Hasard um. „Ich schätze, wir haben’s geschafft. Meines Erachtens besteht keine Gefahr mehr, daß sich etwas entzündet, weil ein Knochenteilchen herauseitert. Der Knöchel sieht, den Umständen entsprechend, gut aus. Ich packe Fuß und Unterschenkel jetzt in Lehm, damit der Fuß ruhig liegt und der Bruch zusammenwachsen kann.“

Blacky riß die Augen auf. „Können Knochen denn noch wachsen, Doc?“

Doc Freemont lächelte und wandte sich ihm wieder zu. „Das nicht, mein Junge, aber an Bruchstellen bildet sich eine knochenartige Masse und fügt den Bruch wieder zusammen. Das dauert so drei, vier Wochen. In dieser Zeit müssen Fuß und Unterschenkel einen rechten Winkel bilden. Das erreiche ich dadurch, daß ich dir diese Lehmpackung verpasse. Wenn sie hart geworden ist, hält sie deinen Fuß in der erforderlichen Winkelstellung. Ich empfehle dir, in der ersten Woche nicht zu versuchen, den Fuß zu bewegen, auch wenn du möchtest. Später kannst du die Zehen ein bißchen spielen lassen. In drei, vier Wochen kann der Kutscher den Lehm entfernen. Aber aufgetreten wird noch nicht, das habe ich dir ja bereits erklärt. Ein bißchen massieren ist gut, ebenso Kreisen des Fußes sowie Anziehen und Beugen. Alles das aber vorsichtig, verstanden?“

„Verstanden, Doc.“ Blacky grinste von einem Ohr zum anderen.

Er erhielt seine Lehmpackung, die den Fuß fixierte, und der Kutscher empfing Doc Freemonts Anweisungen für die Weiterbehandlung.

Dann mußte auf Wunsch Blackys Bill geholt werden. Blacky flüsterte ihm was ins Ohr, Bill nickte und flitzte davon.

„Moment noch, Doc“, sagte Blacky geheimnisvoll.

Hasard, Ben Brighton und der Kutscher schauten sich verwundert an.

Minuten später kehrte Bill zurück – mit einem kleinen, hölzernen Kasten, den er Blacky gab.

Blacky nahm ihn entgegen und überreichte ihn Doc Freemont.

„Für Sie, Doc“, sagte er. Jetzt war er fast verlegen. „Hoffentlich gefällt es Ihnen.“

Doc Freemont zeigte sein feines Lächeln und klappte vorsichtig den Deckel auf. Hasard, Ben Brighton und der Kutscher reckten die Hälse.

In dem Kasten ruhte ein kleines, naturgetreues, holzgeschnitztes Modell der „Isabella“, voll aufgeriggt, mit dem laufenden und stehenden Gut, winzigen Blöcken und Taljen, kleinen Culverinen, den Drehbassen, dem Ruderhaus, und da stand unverkennbar ein Männlein: Pete Ballie. Und neben ihm, ebenfalls unverkennbar, ein schwarzhaariger Mann – Philip Hasard Killigrew.

„Ist das schön“, murmelte Doc Freemont andächtig.

„Als Erinnerung“, sagte Blacky und hatte einen roten Kopf. „Und weil Sie mein Bein geflickt haben, Sir.“

„Danke, mein Junge“, sagte Doc Freemont bewegt, „dieses Geschenk wiegt schwerer als ein Sack Gold. Es ist ein Kunstwerk – ein schöneres Kunstwerk als das Richten eines Knöchelbruchs.“

„Es gefällt Ihnen wirklich, Sir?“

„Die ‚Isabella‘ erhält einen Ehrenplatz in meinem Haus“, erwiderte Doc Freemont. „Und immer wenn ich sie betrachte, werde ich an euch alle denken und hoffen, daß ihr eines Tages gesund heimkehrt – ohne Knöchelbrüche oder ähnliche Blessuren.“

Am Nachmittag löste die „Isabella“ die Leinen, voll gefechtsklar. Jetzt würde Admiral Drake Farbe bekennen müssen. Es war die einzige Möglichkeit, eine Entscheidung herbeizuzwingen. Hasards einziger Trumpf in diesem tückischen Spiel war der, auszulaufen und sich blitzschnell auf jedwede nur mögliche Reaktion Drakes einzustellen.

Denn irgend etwas würde passieren, das war so sicher wie das Amen in der Kirche.

Wenn jemals die Seewölfe bereit gewesen waren, eine Sache durchzuschlagen, dann jetzt. Da bedurfte es keiner Aufmunterung. Eine kalte Entschlossenheit hatte sie gepackt. Das Warten war vorbei.

Bei Westenwind lief die „Isabella“ unter vollen Segeln aus der Mill Bay und auf die „Revenge“ zu.

Dort herrschte hektische Aktivität, wie unschwer zu erkennen war. Sie gingen ankerauf. Die Segel wurden gesetzt, die Kanonenpforten geöffnet.

Gut so, dachte Hasard grimmig. Damit wäre auch das klar: der Admiral wollte den Kampf. Und eigentümlich: irgend etwas in Hasard, das ihn wegen seiner drei Männer hoffen ließ.

Doch diese Hoffnung wurde furchtbar zerstört.

Sie alle sahen es, und ein Schrei der Wut und Empörung gellte zur „Revenge“ hinüber.

Drei Männer wurden aus dem Vorschiff gezerrt und zum Schanzkleid auf der Steuerbordseite geschleppt. Sie konnten sich nicht wehren, denn ihre Hände waren auf den Rücken gefesselt. Aber sie schienen auch gar nicht die Absicht zu haben, sich zu wehren. Fast gelassen stellten sie sich ans Schanzkleid.

Aber hinter ihnen reihten sich zehn Seesoldaten auf – mit Musketen.

Mit steinernem Gesicht hob Hasard das Spektiv und schaute hindurch. Er zuckte etwas zusammen, als die Gesichter von Matt Davies, Stenmark und Sam Roscill in dem Okular auftauchten. Er kniff das Auge zusammen, öffnete es wieder und betrachtete die drei Gesichter noch einmal.

Kein Zweifel – die grinsten! Die grinsten, als sei heute ein besonders fröhlicher Tag. Oder als gelte es, gleich bei „Plymmy“ die Puppen tanzen zu lassen. Oder ein bißchen mit seinen Ladys zu schäkern.