Kitabı oku: «Black Tales of Rock»
Intro
Track 1
Track 2
Track 3
Track 4
Track 5
Track 6
Track 7
Track 8
Track 9
Track 10
Track 11
Track 12
Track 13
Outro
Impressum
Intro

ls ich im Jahr 2012 gerade meinen ersten Roman bei Amazon hochgeladen hatte, wurde ich, ganz durch Zufall, aufmerksam auf eine besondere Art von Autorenwettbewerb. Bei diesem vom »Return of Rock Radio« aus Schwelm (http://www.return-of-rock-radio.de) ausgelobten Wettbewerb namens »Black Tales of Rock« sollte es darum gehen, eine düstere Kurzgeschichte zu erfinden, die möglichst sogar noch einen Bezug zu Rockmusik hätte. Dem Gewinner winkte unter anderem die Möglichkeit, sein Werk, von einer Redakteurin des Senders eingelesen und mit passender Musik unterlegt, live im Radio hören zu können.
Das war eine Chance, die ich mir nicht entgehen lassen wollte. Also zermarterte ich mir das Hirn auf der Suche nach einer Idee, die mir möglichst den Platz ganz oben auf dem Treppchen einbringen würde.
Sie kam, als ich es am wenigsten erwartete. Ich war gerade dabei, mich im Bett hin und her zu drehen und auf den Sandmann zu warten, als mir die Stimme eines Kindes, begleitet von seinem Vater, beim Aufsagen eines Nachtgebets, durch den Kopf ging.
Das ist aus dem Song, der im gerade von mir veröffentlichten Roman eine Rolle spielt. In dem ist doch auch von Dingen die Rede, die im dunklen Schrank hausen oder unter dem Bett. Dinge, die kratzen und beißen. Was wäre denn, wenn ...
Und schon war da diese Idee von einem Menschen, der andere dazu bringt, ihre Träume bei vollem Bewusstsein erleben zu müssen. Eine Idee, die tatsächlich dafür gesorgt hat, dass ich den Autorenwettbewerb gewann. Vielen Dank noch einmal an das Team vom Radio.
***
All die Jahre über hat mich das, wie ich finde, grandiose Konzept der »Black Tales of Rock« nicht losgelassen. Zusammen mit einigen LeserInnen habe ich dreizehn düstere Ideen in Kurzgeschichten verwandelt und sie, zusammen mit einem Rocksong, der als Inspiration dafür diente, betitelt. So ist das Buch gleichzeitig eine Tracklist, die einen wilden Ritt durch verschiedene Unterkategorien der Rockmusik darstellt.
Hier kommen sie nun. Teilweise haben sie durchaus fantastische Elemente, teilweise können sie auch direkt in der Nachbarschaft geschehen sein. Allen voran steht die Geschichte, die Ursprung aller anderen Ideen ist.

Track 1

allo … träumen Sie? Haben Sie mir zugehört?«, schallte es aus Tims Headset.
Tim fuhr zusammen.
Verdammt.
Es war schon wieder passiert.
Er hatte gehofft, dass er sich endlich wieder unter Kontrolle bekommen hätte – hatte sich so gewünscht, dass die Diagnose, die ihm vor zwei Monaten gestellt worden war, nicht zuträfe oder dass er es durch gesunde Ernährung und einen ordentlichen Schlafrhythmus ausgleichen könnte, damit es ihn wenigstens nicht bei der Arbeit beeinträchtigte. Inzwischen ließ es sich kaum noch leugnen: Er hatte Narkolepsie, eine neurologische Erkrankung, die dazu führen konnte, dass er mitten am Tag plötzlich in einen REM-Schlaf verfiel. Tim hoffte, dass es sich diesmal nur um eine kurze Zeitspanne gehandelt hatte.
»Oh nein, natürlich nicht Herr …«, ein hektischer Blick auf seinen Monitor, »Schneider«, sagte er in einem möglichst unbekümmert klingenden Tonfall. »Ich musste mich nur gerade vergewissern, dass Ihr Vertrag tatsächlich dafür qualifiziert ist, den Nachlass zu erhalten, den wir für …«, ein weiterer hektischer Blick – ein Glück, das Datum passte, »langjährige Kunden reserviert haben.«
»Ach, deshalb habe ich doch gar nicht … aber … danke«, erklang die Stimme eines überraschten Herrn Schneider.
Shit, dachte Tim. Doch länger, als ich vermutet hatte.
Nach außen setzte er wieder seine Call-Center-Stimme auf: »Freut mich, dass ich Ihnen behilflich sein konnte. Gibt es noch etwas, das ich für Sie tun kann?«
»Eigentlich … aber ist auch egal ... danke noch mal«, kam es von Herrn Schneider zurück.
»Ich habe zu danken«, flötete Tim in sein Mikro und atmete innerlich auf.
Das hat wohl doch noch hingehauen.
Jetzt musste nur noch das leise »Blip« ausbleiben und alles war in Butter.
Aber das »Blip« war doch zu hören, kurz bevor er die Auflegen-Taste an seiner Telefonanlage drückte.
Tim schloss kurz die Augen.
Natürlich, es wäre auch wirklich zu viel verlangt gewesen, wenn seine Aktion vollkommen unbemerkt geblieben wäre. Also hatte Gabler, sein Supervisor, zumindest einen Teil des Gespräches mitgehört. Tim zuckte für sich mit den Schultern und nahm den nächsten Anruf an, bevor seine Erreichbarkeitsquote Anlass zu Klagen geben würde.
***
Im weiteren Verlauf des Vormittags gab es glücklicherweise keine ähnlichen Zwischenfälle, und so hakte Tim den morgendlichen Vorfall innerlich ab. Es war kurz vor der Mittagszeit, als auf seinem Display plötzlich das Wort »Supervisor« angezeigt wurde. Sofort lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Er widerstand dem Impuls, sich zu der Kabine umzudrehen, in der Gabler jetzt gerade saß. Das würde nur schuldbewusst aussehen.
»Hallo, Herr Gabler«, meldete Tim sich betont entspannt. »Was kann ich für Sie tun?«
»Tag Herr Somnifer. Kommen Sie doch bitte im Anschluss an Ihre Pause mal zu mir ins Büro. Danke.«
»Gut, das mach …«, setzte Tim an, doch die Leitung war schon wieder getrennt.
Als es Zeit für die Pause war, ging Tim stattdessen direkt in das Büro des Supervisors.
»Mensch Somnifer, Pause schon zu Ende?«, fragte Gabler.
»Ich brauch’ nicht so viel Pause«, sagte Tim und winkte ab. »Ich habe mir gedacht, dass es besser ist, wenn ich gleich zu Ihnen komme, weil die Quote sonst in den Keller geht, wenn ich nicht am Platz bin.«
Gabler blickte Tim mit einem Lächeln im Gesicht an, das sich nicht auf seine Augen erstreckte.
»Guter Teamgeist, Somnifer. Setzen Sie sich doch.«
Tim tat wie ihm geheißen.
Aber bevor er richtig saß, legte Gabler auch schon los: »Tja, und da sind wir auch gleich beim Thema. Ihre Zahlen sind ganz ordentlich, auch von den Kollegen höre ich kein böses Wort über Sie, aber ich habe da vorhin ein Gespräch mitbekommen, das mich zu der Frage bringt, ob Ihr Wert für unser Unternehmen sich eventuell in ganz anderen Zahlen ausdrückt.«
Tim starrte ihn wortlos an.
»Erinnern sie sich noch an das Gespräch mit Herrn … Schneider von heute Morgen? Ich habe mich zu spät aufgeschaltet, um es komplett mitzubekommen, aber insgesamt hat sich mir die Vermutung aufgedrängt, dass Sie nicht ganz bei der Sache waren und dies dadurch zu kaschieren versuchten, dass Sie den Kunden durch einen Rabatt abgelenkt haben.«
Tim versuchte weiterhin, ein Pokerface zu bewahren.
Also weiß Gabler tatsächlich nicht, wie lange genau die Pause in diesem Gespräch gedauert hat.
Das war gut. Jetzt musste er nur noch sein Geschick in Verhandlungsgesprächen dazu benutzen, um die Kuh wieder vom Eis zu bekommen.
Er setzte zu einer eloquenten Antwort an, aber in diesem Moment bemerkte er zu seinem Entsetzen, dass sich die im Normalfall kaum wahrnehmbaren Anzeichen eines Anfalls um ihn herum zu verdichten begannen.
Reiß dich zusammen und schlaf jetzt bloß nicht ein!, brüllte er sich von Panik erfüllt innerlich selbst an. Hol dir die Kraft, um das Gespräch hier durchzustehen.
Unendlich mühsam konzentrierte Tim sich auf Gabler und darauf, jetzt nicht in der Dunkelheit zu versinken, die bereits tastende Finger nach ihm ausstreckte. Er zwang sich dazu, den Mund zu öffnen, um zu sprechen, als die sirupähnliche Konsistenz seiner Umgebung sich plötzlich auflöste und er einen Strom frischer Kraft in sich hineinfließen fühlte.
Begeistert davon, den Anfall überwunden zu haben, wollte Tim sich endlich rechtfertigen, aber in diesem Moment sackte Gabler in seinem Sessel zusammen. Mit einem Satz hechtete Tim um den Schreibtisch herum und beugte sich über den Supervisor.
Schnell stellte sich heraus, dass Gabler noch lebte. Allerdings fühlte sich sein Körper unnatürlich schlaff an. Man hätte denken können, dass er ohnmächtig wäre. Nur die angstvollen Blicke, die er aus seinen weit aufgerissenen Augen sandte, ließen erkennen, dass er alles mitbekam, was um ihn herum vorging.
Tim schnappte sich den Telefonhörer und rief den Notarzt.
***
Gabler wurde abgeholt und in das nächste Krankenhaus gebracht. Fassungslos sah Tim der Trage hinterher, auf der sein Chef zum Lift getragen wurde.
Er ließ sich auf den Sessel sinken, ohne darauf zu achten, wo er sich befand. Dabei streifte seine Hand die direkt an der Schreibtischkante liegende Computermaus, und der Monitor erwachte aus dem Standby-Modus. Erstaunt stellte Tim fest, dass sich nicht etwa der Sperrbildschirm öffnete, sondern direkt zwei geöffnete Schriftstücke zu sehen waren.
Kopfschüttelnd darüber, wie sträflich Gabler mit dem Thema Sicherheit umging, wollte er aufstehen und zu seinem Terminal gehen, aber in diesem Moment erkannte Tim, dass es sich bei einem Schriftstück um eine interne Belobigung und bei dem anderen um eine Abmahnung handelte, in denen nur noch ein Name fehlte.
Zwei Minuten später setzte er sich mit einem zufriedenen Lächeln wieder an seinen Platz.
***
In dieser Nacht schlief Tim so tief und fest, wie er es seit langer Zeit nicht mehr gekonnt hatte. Am Morgen war er sogar noch vor dem Wecker wach und ausgeruht. Daher beschloss er, gleich zur Arbeit zu gehen, um vielleicht schon etwas über Gablers Gesundheitszustand zu erfahren. Auf eine seltsame Art und Weise fühlte Tim sich für ihn verantwortlich.
Gabler selbst war natürlich nicht da, aber er erfuhr von der Direktionssekretärin, dass es ihm den Umständen entsprechend gut gehe. Also machte Tim sich beruhigt an die vom vorigen Tag liegen gebliebene Arbeit. Er war noch nicht ganz damit fertig, als sein Telefon einen internen Anruf anzeigte.
»Somnifer?«, meldete er sich mit klopfendem Herzen.
»Tach, Krause hier vom Personal. Hamse mal kurz Zeit?«
»Ähm, klar. Wo soll ich hinkommen?«
»Nee, ick komm’ vorbei. Wir treffen uns im Supervisor-Büro.«
»Okay«, bestätigte Tim und legte mit noch stärker klopfendem Herzen auf.
***
Krause erschien wenig später und machte die Bürotür hinter sich zu. Tim blickte ihn beklommen an.
»Nu’ mal keene Angst Junge«, beschwichtigte Krause. »Sie wissen ja, dass Gabler jetz’ erst mal ne Weile ausfällt. Und da brauchen wa nen Vertreter. Sie warn ja jestern bei ihm, als er zusammenjeklappt is’ und weil er Sie wohl sowieso n’bisschen pushen wollte, ham wa uns jedacht, det könn’ och Sie machen.«
»Okay?«, sagte Tim mit einem Kloß im Hals. »Hat er das so gesagt?«
»Nee, jesagt hatter det nich, aber Sie warn ja bei ihm, und er hatte noch so’n Schreiben für Belobigungen offen, als er weg jebracht worden is’. Da liegt det ja wohl auf der Hand.«
»Oh. Ach so. Wenn das so ist, dann freue ich mich, dass Sie mir das anbieten. Versuchen will ich’s gern.«
»Na prima«, freute sich Krause. »Dann gehnse mal zu Krüger von Team 2 in der dritten Etage. Der kann Ihnen bestimmt sagen wat so zu tun is’. Ick sage den Leuten hier Bescheid.«
Damit wuselte er aus dem Büro und ließ Tim darin stehen.
***
Der Rest des Tages verlief für Tim wie im Rausch. Er wurde von Herrn Krüger empfangen, der ihm einen Überblick darüber verschaffte, was er als Supervisor zu tun hätte. Das war in Tims Augen erstaunlich wenig, denn er war an die Tretmühle des Call-Center-Ablaufs gewöhnt. Während des Gesprächs hatte Tim einmal das Gefühl, dass sich wieder ein Anfall anbahnte und er verfuhr so, wie er es am Vortag erfolgreich getan hatte. Diesmal musste er sich nicht so sehr anstrengen, und auch der Kraftstrom war nicht so immens, aber immerhin genügte es, um weiterhin wach zu bleiben.
Wieder zurück in seiner Abteilung, machte er zunächst eine kurze Runde durch die Räumlichkeiten und wurde insgesamt recht warm empfangen. Vermutlich hofften die Kollegen, dass Tim sich nicht als ein solcher Schinder herausstellen würde, wie Gabler es war. Dann begab er sich in »sein« Büro und ging die Unterlagen durch, die er von Krüger bekommen hatte. Als es Zeit für den Feierabend war, fühlte Tim sich großartig und hatte zu seiner eigenen Überraschung bereits ein paar Ideen entwickelt, wie man das Arbeitsklima und vielleicht auch die Effektivität erhöhen könnte. Eine davon war ein gemeinsamer After-Work-Treff in einer Kneipe um die Ecke gewesen und sie war von den meisten Kollegen begeistert angenommen worden.
***
Ein neuer Tag dämmerte heran, und Tim konnte es kaum fassen, dass er sich noch besser fühlte, als tags zuvor. Voller Elan begab er sich zur Arbeit und teilte dort den Kollegen mit, dass die Reservierung für den Abend geklärt wäre.
Als er dann in der Kneipe auf das Eintreffen der Kollegen wartete, fühlte Tim sich ein wenig so, wie bei einem Blind Date – er wollte, dass alles perfekt war.
Und es wurde perfekt.
Den ganzen Abend über feierten sie ausgelassen, da der folgende Tag ein Samstag war. Schließlich war es fast Mitternacht und nur noch wenige Kollegen waren übrig geblieben. Tim hielt seine Pflichten als Gastgeber für beendet und ging zur Bar, um seine Getränke zu bezahlen.
»Herzlichen Dank für den schönen Abend, Herr … wie heißt du eigentlich? Oder soll ich jetzt ‘Sie’ sagen?«, sagte plötzlich eine dunkle Stimme in sein Ohr.
Tim drehte sich überrascht um und sah in das Gesicht einer Kollegin.
Martha.
Sie hatte zwar bisher immer die Box direkt neben seiner gehabt, aber zu einem privaten Wortwechsel war es trotzdem nie gekommen.
»Oh, bitte, nein, ähm …«, stotterte Tim. »Okay. Jetzt noch mal: Bitte, gern geschehen wegen des Abends. Und nein, du musst mich nicht siezen. Aber ich heiße Somnifer.«
Martha lächelte und sah ihm noch einmal in die Augen.
»Interessanter Name – Som-ni-fer«, sagte sie gedehnt. »Hat der was zu bedeuten?«
»Keine Ahnung«, antwortete Tim achselzuckend.
»Ach, ist ja auch egal«, kam es von Martha zurück. »Hast du jetzt noch was vor?«
»Ähm, na ja, schlafen gehen denke ich.«
»Allein?«, fragte Martha.
Tim wurde abwechselnd heiß und kalt. Die Kinnlade klappte ihm herunter, und er sah die Frau, die vor ihm stand, verdattert an. Sie war zweifellos eine Schönheit, mit einer schwarzen Lockenmähne, einem leicht dunklen Teint und den großen wasserblauen Augen.
Wenn du jetzt ‘Ja’ sagst, dann tret’ ich dir in den Hintern, sagte eine Stimme in seinem Hinterkopf, und wie als Antwort darauf schüttelte Tim stumm den Kopf.
»Fein«, sagte Martha fröhlich und hakte sich bei ihm unter, als wäre damit etwas abgemacht.
***
Die Fahrt nach Hause bekam Tim eigentlich gar nicht mit. Er stellte nur irgendwann fest, dass sie vor seiner Wohnungstür standen. Dann ging alles ziemlich schnell.
Kaum, dass sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, sprang Martha ihn an und hielt sich mit beiden Beinen an Tims Hüften fest, während sie ihm die Arme um den Hals schlang und sein Gesicht mit Küssen bedeckte.
»Ich … hab’ dich … schon länger … im Auge«, keuchte sie zwischen den Küssen. »Aber du … warst immer so … abwesend. Aber … jetzt … bist du … irgendwie … da.«
Tim sagte nichts, sondern gab sich nur den Umarmungen und Liebkosungen hin. Zusammen schafften sie es bis ins Schlafzimmer, wo sie sich gegenseitig die Kleider vom Leib rissen und dann eng umschlungen aufs Bett sanken. Schließlich kam Martha auf ihm zu sitzen und gab mit ihrem Becken einen Takt vor, der sie beide binnen kürzester Zeit zur Ekstase bringen würde.
***
Und genau in diesem Moment bemerkte Tim es wieder.
Das inzwischen altbekannte Gefühl, dass er jeden Moment einschlafen würde.
Er riss die Augen auf und konzentrierte sich mit aller Macht auf Martha.
Es darf nicht sein, dass der beste Sex meines Lebens damit endet, dass ich einschlafe, noch bevor ich ihn überhaupt auskosten kann.
Es funktionierte.
Genau in dem Moment des gemeinsamen Höhepunkts hatte Tim das Gefühl, dass er mit Martha auf mehr als nur der körperlichen Ebene verbunden wäre und zwischen ihnen ein gewaltiger Energiefluss stattfände.
Danach lagen sie beide noch eine Weile schwer atmend nebeneinander, bis sie zufrieden einschliefen.
***
Das Zwitschern der Vögel draußen vor seinem Fenster weckte Tim auf, als die ersten Sonnenstrahlen sein Schlafzimmer mit Helligkeit zu füllen begannen.
Zufrieden lächelnd drehte er sich zu Martha um und prallte zurück.
Mit einem panischen Aufschrei stieß er sich rückwärts, fiel vom Bett und blieb an der nächsten Wand liegen, die Augen immer noch auf das gerichtet, was eben noch neben ihm im Bett gelegen hatte.
Die Gestalt hatte noch entfernte Ähnlichkeit mit Martha, glich aber ansonsten eher dem Bild »Der Schrei« von Edvard Munch. Mit weit aufgerissenen Augen und Mund lag dort eine totenblasse Person, die beide Hände in das schlohweiße Haar krallte, das ihr wirr um den Kopf stand.
Als hätte Tims Aufschrei sie geweckt, bewegte die Figur nun leicht ihren Kopf und fixierte ihn mit trüben, rotgeäderten Augen.
Dann begann sie krächzend zu sprechen: »Was hast du mit mir gemacht? Ich konnte nicht schlafen, aber die Träume kamen trotzdem. Kannst du dir vorstellen, wie das ist? Alles ist … anders … Und da sind Dinge … Da im Schrank und unter dem Bett … Dinge die kratzen … und beißen …«
Wimmernd presste Tim sich an die Wand und hauchte dann: »Martha?«
»NEIIIIIN«, kreischte sie. »Sie kommen wieder … Ich kann nicht mehr.« Und dabei krallte sie ihre Finger ins Gesicht, bis Blut dazwischen hervorquoll.
***
Zitternd und weinend hockte Tim in seinem Bad.
Vor einer Weile hatte das Kreischen von Martha aufgehört. Auch ihr Stöhnen und Röcheln war verstummt, aber er traute sich nicht, das Zimmer wieder zu betreten.
Tim wusste inzwischen, dass es seine Schuld gewesen war.
Gabler, Martha und wer weiß sonst noch.
Und er wusste, dass es sein Blick gewesen sein musste, der dies bewirkt hatte.
Dann spürte er wieder die verräterischen Anzeichen – er hatte hier auf sie gewartet.
Als es kaum noch auszuhalten war, stand er auf, öffnete seine Lider und blickte sich im Spiegel fest in die Augen.

Track 2

ür Adam begann der Tag wie immer damit, dass er zum Briefkasten ging, um die Post und seine Tageszeitung daraus hervorzuholen. Ein Morgen ohne Kaffee wäre zwar schwierig, aber zu überleben. Ein Morgen ohne Zeitung hingegen war undenkbar. Er öffnete die hintere Klappe des Kastens und staunte nicht schlecht. Der Briefträger schien es an diesem Tag besonders gut mit ihm gemeint zu haben, denn er war so voll, dass sowohl die Zeitung als auch einige Briefe direkt daraus hervorquollen. Man hätte fast glauben mögen, dass sie mit dem restlichen Inhalt des Briefkastens nichts zu tun haben wollten.
Dieser Inhalt bestand nur aus einem einzigen Briefumschlag, der eigentlich zu groß wirkte, um überhaupt durch den Einwurfschlitz zu passen. Aber trotzdem war der Brief dort und er wirkte auch in keiner Weise zerknickt oder sonst irgendwie beschädigt.
Adam klaubte zuerst die auf den Boden gefallenen Schriftstücke auf und nahm sich dann das sonderbare Kuvert, bevor er die Klappe wieder schloss und pfeifend zurück zum Haus ging. Im Vorbeigehen warf er sämtliche Briefe im Arbeitszimmer auf den Schreibtisch und schlenderte mit der Zeitung in der Hand in die Küche. Dort stopfte er zwei Toastscheiben in den Toaster und warf ein Ei in das Wasser, das bereits auf dem Herd kochte. Prompt platzte es auf und verteilte Schlieren geronnenen Eiweißes im gesamten Topf.
Och nöö, das kann ich direkt wieder lassen, dachte er angeekelt.
Es gab beim Frühstück kaum etwas, das er weniger mochte, als ausgelaufene Eier. Aber ein Blick in den Kühlschrank zeigte, dass es das letzte seiner Art gewesen war.
Bevor Adam sich jedoch Gedanken darüber machen konnte, wies ihn sein Geruchssinn auf ein weiteres Problem hin. Schnell sprang er zum Toaster, aus dem sich bereits erste Rauchwölkchen zu kringeln begannen.
»Na, das passt ja perfekt«, grummelte er vor sich hin, während er die zwei angekohlten Brotscheiben betrachtete, die ebenfalls zum Letzten gehörten, was seine Speisekammer nach dem Wochenende hergab.
***
Zehn Minuten später hatte Adam die traurigen Überreste seiner Bemühungen auf dem Esstisch zusammengetragen und mümmelte lustlos an dem Toast herum, der wenigstens mit großzügig darauf verteilter Butter halbwegs genießbar war. Das steinhart gekochte Ei half nicht, seine Stimmung zu heben und als er einen Schluck Milch nahm, musste er alles zusammen direkt wieder ausspucken.
Sie war sauer. Natürlich.
Selbst die Zeitung schien heute einen schlechten Tag zu haben. Sie wirkte pergamenten, geradezu ausgetrocknet, und die Seiten ließen sich kaum umblättern, ohne einzureißen.
Entnervt gab er auf und tappte ins Arbeitszimmer.
Wenn der Tag schon so losgeht, wie soll der dann bloß enden?, ging es ihm durch den Kopf, als er sich auf seinem Stuhl niederließ.
Adam nahm sich den Stapel Briefe vor, die alle ein ähnliches Schicksal ereilt zu haben schien, wie die Zeitung. Alle wirkten sie, als ob sie am liebsten direkt zu Staub zerfallen würden.
Alle, bis auf diesen anderen Umschlag.
Adam drehte ihn in den Händen.
Er hatte ein ungewöhnliches Format und auch das Material war ihm gänzlich unbekannt. Die Außenseite war fest wie Karton, hatte aber doch eine weiche Oberfläche, die gar nicht dazu zu passen schien. Außer seinem Namen und der Adresse waren nur noch Briefmarken darauf - eine weitere Seltsamkeit, denn wer hatte schon jemals davon gehört, dass man für einen Brief vier 90 Cent-Marken, zwei 58 Cent-Marken und je eine 45 Cent- und 1,45 Euro-Marke benötigen würde. Sechs Euro Sechsundsechzig. So weit entfernt konnte doch wohl kein Ort auf der Welt sein – vor allem, wenn man dort mit Euros bezahlte – obwohl sich Adam seit der letzten EU-Erweiterung doch nicht so sicher war.
Er suchte nach einer Möglichkeit, mit Finger oder Brieföffner hineinzufahren, aber es gab keine. Stattdessen gab es eine Lasche, an der Adam beherzt zog.
In diesem Moment gab es einen Knall in der Küche und er fuhr zusammen.
Adam stand auf und ging nachschauen.
Es war der Joghurt, den er aus dem Kühlschrank genommen hatte, damit er sich etwas aufwärmen konnte. Der gesamte Becher war explodiert und hatte seinen Inhalt auf Wänden und Boden verteilt.
Adam stöhnte und blickte zur Decke, wie, um ein höheres Wesen um Beistand zu bitten. Dann machte er sich daran, die Schweinerei zu beseitigen.
***
Wieder zurück im Arbeitszimmer, nahm er das geöffnete Kuvert in die Hand und schüttelte den Inhalt heraus.
Weiße Blätter.
Verwirrt schaute Adam zuerst auf das vollkommen leere Papier und dann noch einmal in den Umschlag hinein.
Die Innenseite war noch eigenartiger, denn sie hatte einen metallischen Glanz. Und kräuselte sich von drinnen nicht sogar etwas wie eine Rauchfahne heraus?
Quatsch. Was du schon wieder siehst. Jetzt male mal nicht den Teufel an die Wand.
Mit gerunzelter Stirn betrachtete Adam erneut den Stapel weißer Blätter, der auf seinem Schreibtisch lag. Er drehte das Kuvert in seinen Händen hin und her und versuchte, darauf irgendeinen Anhaltspunkt dafür zu erkennen, wer ihm diesen Brief geschickt haben könnte und warum.
Wie er den Umschlag so betrachtete, da hatte es den Anschein, als wäre der Inhalt luftdicht verschlossen gewesen. Das würde den Öffnungsmechanismus erklären. Und vielleicht auch den Rauch, der dann wohl eher Dampf gewesen war.
Nun nahm er noch einmal die Aufschrift genau in Augenschein. Die Buchstaben waren gleichmäßig und ohne jegliche Abweichung in der Linienführung, obwohl es sich eindeutig um eine Handschrift handelte. Niemand würde sich die Arbeit machen, derart kompliziert verschlungene Buchstaben als Zeichensatz für einen Computer zu erstellen. Von ganz nah betrachtet, sah die Schrift sogar so aus, als wäre sie nicht auf das Kuvert geschrieben, sondern hineingebrannt worden.
Na immer noch besser als mit Blut geschrieben, sagte Adam zu sich selbst und legte es lächelnd beiseite.
Er wollte auch die leeren Blätter dazulegen, hielt dann aber inne, weil ihm auffiel, dass eines der Blätter anders war, als die anderen. Adam zog es zwischen den zwei normalen Blättern hervor und stutzte, als ihm ein Gedanke aus seinen Kindertagen kam.
Konnte das sein?
Gab es so etwas überhaupt noch?
Er hob das Blatt an seine Nase und roch vorsichtig daran. Sofort breitete sich ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht aus, als er das altbekannte Aroma wahrnahm.
Esspapier. Wie hatte er es als kleines Kind geliebt, auch wenn damals niemand seine Leidenschaft teilte.
Bevor er es sich versah, hatte er die Hälfte des Blattes in kleinen Stücken in den Mund geschoben und kaute zufrieden darauf herum. Der Geschmack war sogar noch besser als er es in Erinnerung hatte. Auch die zweite Hälfte des Blattes fand kurz darauf den Weg in seinen Magen.
Zufrieden vor sich hin pfeifend machte Adam sich einen Kaffee und begab sich damit zurück in sein Arbeitszimmer. Er hatte heute einen anstrengenden Tag vor sich, vor dem er sich eigentlich gefürchtet hatte, aber nach dem unerwarteten Frühstücksersatz fühlte er sich beschwingt und voller Tatendrang.
Tatsächlich ging ihm die Arbeit leicht von der Hand, und er konnte mehr als doppelt so viele Telefonate erledigen wie sonst. Wie immer kritzelte er dabei mit seinem Stift auf allem herum, was sich gerade in seiner Reichweite befand. Als Adam bemerkte, dass er auch auf eines der beiden Blätter aus dem geheimnisvollen Umschlag etwas gemalt hatte, bekam er zunächst einen Schreck.
Aber dann sagte er sich: Sei nicht albern. Wen soll es denn stören, dass du auf ein leeres Blatt, das dir irgend so ein Spaßvogel geschickt hat, was draufmalst?
Ein Blick auf das Papier ließ Adam schmunzeln und entgegen seiner sonstigen Angewohnheit, das Gekritzel in den Papierkorb zu werfen, hob er das Blatt auf, um es später seiner Frau zu zeigen. Sie kannte diesen niederträchtigen Hausverwalter, mit dem er gerade telefoniert hatte, und der Teufel, den er nebenbei samt einer flammenden Peitsche und Bocksbeinen gedankenverloren aufgemalt hatte, traf ihn wirklich gut.
***
Nach dem Mittagessen gönnte Adam sich einen kurzen Spaziergang an der frischen Luft, denn obwohl es erst April war, und sich das Wetter dementsprechend unbeständig und kühl zeigte, hatte er doch eine innere Hitze, die er dringend abkühlen wollte.
Da er alle anstehenden Telefonate bereits am Vormittag erledigt hatte, konnte Adam nach der Pause das Radio anschalten, um sich bei der Erledigung des Schreibkrams etwas abzulenken, denn er hasste es, in völliger Stille zu arbeiten. Dieses Mal probierte er einen neuen Sender aus, der ihm von einem Bekannten empfohlen worden war. Dieser spielte angeblich – anders als die meisten Sender – wirklich abwechslungsreiche Musik, die von Schlagern aus den 70er Jahren, über Pop bis hin zu Rock und Electro reichen sollte.
Und wirklich: Nach einem Song von Daliah Lavi, den Adam noch von seinen Eltern kannte, kam fast direkt einer seiner eigenen Lieblingssongs von Richard Marx. Entsprechend leicht ging ihm auch das Schreiben seiner Berichte von der Hand – selbst wenn er sich hin und wieder dabei ertappte, dass er in die Luft starrte und sich nicht wirklich daran erinnern konnte, was er in den letzten Minuten getan hatte. Dann jedoch kam ein Klassiker von den Stones, und Adam sang begeistert mit, während seine Hand den Stift führte.
***
Als sich der Tag langsam dem Ende zuneigte, hatte er einen riesigen Berg Arbeit erledigt und fühlte sich gut. Trotzdem machte sich wieder eine innere Hitze in ihm breit, sodass er sich sagte, dass er es für heute besser sein lassen sollte. Vielleicht hatte er sich ja auf dem Spaziergang heute Mittag eine Erkältung geholt.
Adam wollte gerade das Radio abschalten, als dort sein aktueller Favorit von Marteria gespielt wurde. Sofort setzte er sich wieder hin und starrte das Radio an, während sich in ihm ein undeutbares Gefühl aufbaute. Als der erste Refrain ertönte, bemerkte Adam, dass seine rechte Hand dabei war, etwas zu schreiben.
Mit immer stärker werdendem Entsetzen blickte er auf das letzte ehemals leere Blatt und las, was in immer undeutlicher werdender Schrift quer darauf geschrieben stand:
oh-oh-oh-oh wann kommst du?
whatever it takes or how my heart breaks I will be right here waiting for you
just as every cop is a criminal and all the sinners saints as heads is tails just call me lucifer cause i’m in need of some restraint
ich will, dass alle lichter angehn
das licht in deiner hand sehn
auch alle die am rand stehn
lasst uns zusamm zähln
4
3
2
1
FEUER

Track 3

eon schritt der Gruppe von eifrig miteinander schwatzenden Studenten hinterher, während sie alle zusammen den steilen Pfad hinaufstiegen, der sie zu ihrem ersten Rastpunkt führen würde. Zum wiederholten Mal fragte er sich, warum er am Vorabend das Angebot angenommen hatte, sie zu diesem ominösen Fluss zu begleiten.
Natürlich hatte er gerade nichts Besseres zu tun gehabt. Seine Kommilitonen waren bereits auf dem Rückweg nach Deutschland. Nur er hatte in dem völlig überfüllten Bus keinen Platz mehr bekommen, sodass er noch drei weitere Tage in diesem Nest irgendwo in Peru verbringen musste, bevor der nächste Bus ging. Da war ihm die Möglichkeit, nicht einfach nur in irgendwelchen Bars herumsitzen zu müssen, ganz gelegen gekommen.
Und dann war da ja auch noch Dani.
Das kesse kleine Energiebündel mit den erdbeerblonden Haaren, Sommersprossen und der Stupsnase hatte es ihm sofort angetan, als er sie in dem Restaurant zum ersten Mal gesehen hatte. Als sie ihn dann sogar angesprochen hatte, war er sich vorgekommen, als hätte er in einer Lotterie den Hauptgewinn gezogen. Zwar stellte sich im Laufe des Gesprächs heraus, dass sie hauptsächlich nach einem Ersatzteilnehmer für ihre Exkursion gesucht hatte, weil in ihrer Reisegruppe jemand krank geworden war und der Ausflug eine Mindest-Teilnehmerzahl hatte. Aber er wusste inzwischen, dass sie zwar mit der Gruppe, aber trotzdem allein hier war. Da konnte sich ja noch etwas entwickeln.
Die anderen waren ihm im Grunde genommen egal. Tom und Tina schienen ein frisches Pärchen zu sein, denn sie wirkten wie zusammengeschweißt. Man sah sie immer nur im Doppelpack. Ralf und Hannes waren ebenfalls ein Paar, aber sie wirkten, als wären sie schon ewig zusammen. Sie waren ganz in Ordnung, hatten aber keinerlei Interessen, die Leon geteilt hätte, sodass er bisher kaum ein Wort mit ihnen gewechselt hatte. Die Letzte im Bunde war Henriette, eine total verpeilte Kunststudentin, mit einer Frisur wie ein aufgeplatztes Sofakissen und einem Esoterikfimmel.
Sie alle verband nur die Tatsache, dass sie an einer Last-Minute Mystery Tour für Abenteuerlustige teilnahmen, die sie bis in dieses Nest in einem Ausläufer der Anden geführt hatte. Und sie hatten dort von diesem seltsamen Fluss gehört, in dem türkisfarbenes Wasser fließen sollte und der an manchen Stellen angeblich sogar bergauf floss.
Leon hielt zwar ein Großteil der Geschichten, die ihm, vor allem von Henriette, erzählt worden waren, für blanken Schwachsinn, aber trotzdem hatte er sich dazu überreden lassen, mit der Gruppe aufzubrechen. Die ersten paar Kilometer waren in Ordnung gewesen. Eine nette Wanderung in grandioser Umgebung bei schönem Wetter. Aber dann war ihr Führer von dem recht komfortablen Wanderweg abgebogen und sie mussten fast zwei Stunden lang einen felsigen Pfad hinaufkraxeln.
Was hast du dir denn gedacht, Idiot? Hier geht es doch früher oder später immer einen Berg hoch, schalt er sich selbst. Und jetzt hab dich nicht so. Selbst wenn der Fluss letztendlich ne Pleite ist, dann kannst du immer noch mit Dani was starten.
Immerhin waren die Signale, die sie ihm mit Blicken von Zeit zu Zeit sandte, ermutigend. Er atmete auf und beeilte sich, um nicht den Anschluss zur Gruppe zu verlieren.
***
Nach einer weiteren halben Stunde kamen sie an einem Punkt an, von dem eine Hängebrücke, die nur aus Seilen und Planken bestand, über eine tiefe Schlucht zu einer noch etwas höher gelegenen Klippe führte. Von dort aus mussten sie nur noch etwas hochklettern, das wie eine für Riesen konzipierte Treppe wirkte. Dann bedeutete ihnen der Führer, dass sie ihre Zelte auf dem kleinen Plateau, das sie nun erreicht hatten, aufschlagen sollten.
Leon ließ seinen Blick umherschweifen. Zu allen Seiten waren nur Berge und Himmel zu sehen. Alles wirkte so unendlich weit, dass er das Gefühl bekam, auf dem Dach der Welt zu stehen. Zu seiner Linken senkte sich der gelbe Sonnenball langsam in Richtung Horizont und verwandelte das tiefe Blau des Himmels mehr und mehr in Orange.
Okay, selbst wenn das mit Dani doch nix wird, war der Ausblick schon mal die Anstrengung wert.
Mit neu erwachtem Elan machte er sich daran, sein Zelt aufzustellen und sah dabei zu, es möglichst nah zu dem seiner Angebeteten zu platzieren. Die anderen verteilten ihre Behausungen auf der Fläche des Plateaus. Tom und Tina gingen sogar so weit, ihres hinter einer Felsnase zu positionieren, die die Ebene in zwei Bereiche aufteilte. Dort befand sich, ein wenig tiefer gelegen, ein Bereich, der an zwei Seiten von Fels umschlossen war. Daneben führte ein Pfad weg vom Plateau und in die Tiefe.
»Ach, das ist ja allerliebst«, rief Hannes, als er die beiden entdeckte. »Ein Traumschloss in den Wolken für das junge Glück.«
»Stimmt«, bemerkte Leon, der, durch den Ausruf aufmerksam geworden, dazugetreten war. »Das sieht ja wirklich fast so aus, als würde es in den Wolken stehen.«
»Krass«, kam es von Ralf, der neben seinem Freund stand. »Eben war noch viel mehr von dem Weg zu sehen.«
Fasziniert standen die fünf vor dem Zelt und beobachteten die weißen Schwaden dabei, wie sie langsam über den Pfad und auf sie zu krochen, bis dieser komplett vom wabernden Weiß verschluckt wurde und es, wie die Wellen eines Nebelmeers, an einer Stufe, direkt neben dem aufgebauten Zelt leckte.
»Kommt mal her. Das müsst ihr euch anschauen. Ist das zauberhaft.«
Dieser Ausruf kam von Henriette, die weiter oben auf der eigentlichen Hochebene stand.
Als die anderen zu ihr getreten waren, wurde ihnen klar, was sie meinte.
Um die gesamte Ebene herum quollen dichte Wolken aus der Tiefe hinauf und verwandelten sie in kurzer Zeit in eine Insel mitten im Himmel.
»Ähm, sagt mal, fällt euch was auf?«, unterbrach Danis Stimme das atemlose Schweigen, das sie alle ergriffen hatte.
»Was denn?«, fragten sie alle im Chor und mussten kichern.
»Wo ist denn eigentlich … wie heißt er noch?«
»Yurak«, beeilte sich Tina zu antworten. »Das ist Quechua und bedeutet ‘weiß’.«
»Na, wie auch immer«, sagte Dani ungerührt. »Aber wo ist er denn nun?«
Alle schauten sich um. Sie teilten sich auf und sahen in jedem Winkel des Plateaus nach, jedoch ohne Erfolg. Schließlich standen sie sich mit ratlosen Gesichtern wieder gegenüber.
»Wer war denn der Letzte, der den Typen gesehen hat?«
»Ich hab fast das Gefühl, dass ich das war«, warf Leon ein. »Nachdem wir diese komische Treppe hoch sind, ist der, glaub ich, am Zugang zum Plateau stehen geblieben und hat uns aufbauen lassen. Vielleicht ist er abgehauen, während wir beschäftigt waren.«
»Warum sollte er denn das machen?«, fragte Henriette mit großen Augen.
»Ist doch egal, er ist weg«, kam es von Tom. »Vielleicht wollte er von der anderen Seite der Brücke noch was holen und ist von den Wolken überrascht worden.«
Die eine Hälfte der Gruppe nickte, die andere schien nicht überzeugt.
»Was soll’s«, fasste Leon die Situation zusammen. »Durch die Wolken will bestimmt keiner von uns wieder nach unten steigen. Hier oben ist es eigentlich ganz schön und auch trocken. Machen wir einfach das Beste draus und übernachten hier. Morgen wird er schon wieder auftauchen.«
Er genoss die grundsätzlich zufrieden wirkenden Blicke der anderen, besonders den von Dani, die ihm sogar zuzwinkerte.
***
Während die Sonne in einem atemberaubenden Farbspiel hinter den Kuppen der Berge in der Ferne versank, suchten sie sich alle Utensilien für das Abendessen zusammen. Dann saßen sie zusammen um den Spirituskocher herum, über dem der ehemalige Inhalt einiger Dosen in einem Topf köchelte. Nachdem sie alle satt waren, unterhielten sie sich noch eine Weile über das, was sie am folgenden Tag zu erleben hofften.
Tom und Tina waren die Ersten, die sich in ihr Zelt zurückzogen. Hannes warf seinem Freund einen glühenden Blick zu, dann verschwanden auch sie in Richtung ihres Zelts. Leon blieb sitzen, denn er hoffte, dass auch Henriette bald den Drang verspüren würde, in ihren Schlafsack zu kriechen.
Aber dann war es doch Dani, der die Augen im Sitzen zufielen, während Henriette noch in einer Tour plapperte. Leon versuchte, an ihren Blicken abzulesen, ob eine Einladung erfolgen würde, sie später in ihrer Behausung besuchen zu kommen. Aber die sonst so energiegeladene Studentin wirkte so müde, dass ihm klar wurde, dass er heute niemanden haben würde, um für zusätzliche Wärme im Schlafsack zu sorgen. Schließlich unterbrach auch die unermüdliche Kunststudentin ihren Redefluss und teilte Leon mit, dass sie sich nun zur Ruhe begeben würde. Also räumte er noch ein wenig auf, bevor er sich ebenfalls hinlegte.
***
Er musste sein Zelt wohl unbewusst nach der Sonne ausgerichtet haben, denn Leon wurde durch einen hartnäckigen Lichtstrahl geweckt, den der sich über den Horizont erhebende gelbe Ball durch die halb geöffnete Klappe seines Zelts direkt in sein Gesicht schickte. Er wollte sich umdrehen, merkte dabei aber, dass sich seine Blase meldete.
»Hilft ja nix«, grummelte er und schälte sich aus dem Schlafsack. Dann tappte er verschlafen aus dem Zelt und sah sich um. Im Westen war der Himmel noch tiefdunkelblau und teilweise von Sternen gesprenkelt. Im Osten brannte der Himmel geradezu. Und rundherum war immer noch alles in die wattige Schicht aus Wolken gehüllt.
Leon ging in Richtung der Treppe, wo keines der Zelte stand, und erleichterte sich. Als er wieder zu seinem Schlafplatz zurückging, war ihm, als ob er leise Geräusche hörte. Intensiv lauschend schlich er in die Richtung, aus der sie zu kommen schienen. Schließlich war er an der Felsnase angekommen. Noch bevor er seinen Kopf um sie herum streckte, war ihm bereits klar, was er dort hörte. Es war Tina, die leise gurrte und stöhnte, begleitet von Rascheln und Quietschen.
Schmunzelnd wollte Leon sich umdrehen, um sich wieder hinzulegen, aber die Töne, die Tina in ihrer Lust von sich gab, hatten auch ihn genügend in Wallung gebracht, dass er nicht mehr so einfach in den Schlaf finden würde.
Ob ich einfach mal schaue? Merkt ja keiner. Die anderen pennen und die beiden sind genug beschäftigt.
Mit einem diebischen Grinsen schlich Leon um den Felsen herum und legte sich dann so auf den Boden, dass er durch das Netz der Entlüftungsöffnung hindurchspähen konnte.
Innen drin ging es ordentlich zur Sache. Tom und Tina hatten offensichtlich bereits genug Reibungswärme erzeugt, dass sie, fast unbekleidet, auf den geöffneten Schlafsäcken lagen und sich einander hingaben. Tina lag unten und hatte ihre Beine weit gespreizt, zwischen denen ihr Freund unermüdlich daran arbeitete, sie beide zum Höhepunkt zu bringen.
Leon beobachtete sie schweigend. Bald musste es so weit sein. Und wenn sie fertig waren, dann würden sie vielleicht auch wieder etwas von dem mitbekommen, was um sie herum vorging. Er wollte nicht als Spanner entlarvt werden und war drauf und dran, sich vorsichtig zurückzuziehen, als er mit einem Mal etwas erblickte, das überhaupt nichts mit dem Pärchen zu tun hatte.
Durch einen schmalen Spalt in der Zeltklappe schien sich eine Schlange zu winden.
Leon schüttelte ungläubig den Kopf und riss die Augen weit auf.
Nein, es war keine Schlange. Aber das war noch viel unglaublicher.
Es schien ein Wolkenfetzen zu sein, der sich wie ein langer dünner Finger immer weiter ins Zeltinnere schob. Ehe Leon es sich versah, berührte das weiße nebulöse Etwas den großen Zeh von Tinas nacktem Fuß.
Als dies geschah, fing der Fuß leicht an zu zucken. Von dort aus breitete sich das Zucken durch ihren ganzen Körper aus.
Tom schien das alles nicht zu bemerken. Er arbeitete weiter fleißig an ihrer beider Ekstase.
Dann begann Tina zu kichern.
Erst kaum merklich.
Dann immer lauter, bis sogar der unermüdliche Tom es bemerkte und den Kopf, den er in Tinas Haaren vergraben hatte, hob, um in ihr Gesicht zu sehen.
Das, was er dort erblickte, veranlasste Tom dazu, ein angsterfülltes Quieken von sich zu geben und sich von Tina wegzuschieben.
Aber er kam nicht von seiner immer irrer kichernden Freundin los, so sehr er sich auch bemühte.
Leon sah all dies mit wachsender Verwirrung an, ohne sich jedoch von dem Anblick lösen zu können.
Plötzlich fingen die beiden an, sich zu bewegen.
Sie standen nicht etwa auf. Sie glitten liegend über den Boden.
Leon blinzelte und sah erneut hin.
Sie bewegten sich nicht von selbst. Sie wurden gezogen. Das weiße Ding, das mit seinem Fühler Tinas Fuß berührt hatte, hatte sich nun um ihren Knöchel gewickelt und zog Tina und den sich verzweifelt wehrenden Tom auf den Zelteingang zu. Der junge Mann blickte sich hektisch um. Sein Blick traf den von Leon und er versuchte, ihm etwas zuzurufen.
Da wickelte sich ein armdicker weißer Strang um seinen Hals und alles, was Tom herausbrachte, war ein ersticktes Gurgeln, bevor er zusammen mit der immer noch hysterisch kichernden Tina aus dem Zelt ins wabernde Wolkenmeer gezogen wurde, das sich bis zum Zelt ausgebreitet hatte.
In diesem Moment löste sich die Paralyse, die Leon befallen hatte. Er stolperte zurück. Dann richtete er sich auf und starrte ungläubig in die flauschig weiß und friedlich wirkende Wolkenmasse, aus der man noch gedämpftes Kichern hören konnte, das sich immer weiter entfernte.
»Scheiße«, entfuhr es seiner Kehle in einer Lautstärke, von der er meinte, dass sie seine eigenen Trommelfelle zum Platzen bringen müsste. Dann rannte er und schrie immer weiter unartikulierte Laute, bis er an den Zelten der anderen angelangt war.
Diese krochen verschlafen heraus und sahen Leon verdutzt und ein wenig ärgerlich an.
»Wenn das ein Scherz sein soll, dann ist er echt gelungen. Haha, ich lach mich tot«, grunzte Ralf mit saurer Miene.
»Nein, nein«, rief Leon mit sich überschlagender Stimme. »Ihr versteht nicht. Tom und Tina. Sie sind … sind … weg.«
»Hat den kleinen Schlingeln ihr einsames Wolkenschloss nicht gereicht? Ist doch egal. Die kommen schon wieder.«
»Kommen?«, krächzte Leon heiser. »Nein, die kommen nicht mehr wieder. Da war was in den Wolken. Das hat sie aus dem Zelt gezerrt.«
»Du hast die in ihrem Zelt beobachtet?«, gluckste Hannes. »Hey, da haben wir also nen kleinen Spanner, wie?«
Röte schoss Leon in die Wangen.
»Du hast echt zugesehen?«, kam es von Dani. »Und? Wie hat er sich so gemacht? War’s heiß?«
Wenigstens klang sie nicht angeekelt, sondern eher interessiert.
Das bringt mich nicht weiter. Verdammt, sie müssen doch verstehen, schoss es Leon durch den Kopf.
»Kommt mit. Ich zeig’s euch«, rief er, drehte sich um und lief zurück zum Zelt des Pärchens. Dort angekommen, legte er sich wieder in die Position, die er vor Kurzem eingenommen hatte. »Ich bin aufgewacht und als ich draußen vorm Zelt war, hör ich Geräusche. Denen bin ich hinterher und hab dann kurz hier reingeschaut. Na ja, ich geb ja zu, dass ich mal schauen wollte, was da abgeht. Aber plötzlich wickelt sich etwas Weißes, das wie ein Teil der Wolken wirkt und durch die Klappe reingekrochen war, um ihren Fuß und zieht die beiden in die Wolken rein.«
Ralf bedeutete Leon, zur Seite zu rutschen, und legte sich selbst an seinen Platz.
»Joa, von hier aus hattest du sicher nen prima Blick auf die beiden.«
Damit drehte er seinen Kopf zu Leon herum und bedachte ihn mit einem dreckigen Grinsen.
»Wenn ich gewusst hätte, dass du so tolle Schauergeschichten erzählen kannst, dann hätte ich dich gestern Abend schon drum gebeten«, bemerkte Henriette begeistert. »Aber nun ist es langsam gut. Und auch Tom und Tina können jetzt wieder rauskommen.«
Sie hüpfte eine der Stufen hinunter. Direkt bis an den Rand der wogenden weißen Masse.
»Tu das nicht«, schrie Leon. »Nicht in die Wolken!«
»Ach, komm schon«, gab sie zurück. »Was soll schon passieren?«
Mit einer übertrieben vorsichtigen Miene tauchte sie ihren rechten Zeh in das Weiß. Dann sah sie triumphierend in die Runde.
Die anderen blickten Leon, der mit schreckgeweiteten Augen aufgesprungen war, belustigt an.
»Siehst du«, sagte Henriette und breitete beide Arme aus, mit ihrem Fuß immer wieder in die Wolke fahrend.
»Komm da schnell wieder …«, begann Leon und ging mit zitternden Schritten auf die Kunststudentin zu.
In diesem Moment begann sie zu kichern.
Leon sprang vor, aber zu spät.
Mit einem Ruck wurde Henriette das rechte Bein unter dem Körper weggezogen. Sie kippte um und knallte mit dem Gesicht auf den Fels zu seinen Füßen. Ein hässliches Knirschen war zu hören, als ihre Nase auf dem harten Untergrund brach.
Die Umstehenden stießen erschrockene Schreie aus und machten ebenfalls Schritte auf die am Boden Liegende zu.
Dann hob Henriette den Kopf und sah sie an, mit Augen, die nur noch aus Weiß zu bestehen schienen. Dabei kicherte sie weiter, während ihr Blut aus der Nase über das Gesicht lief.
Leon krabbelte hektisch ein Stück von ihr weg. Dann wurde die junge Frau in die Wolken gezerrt, während ihr lautes Kichern langsam verhallte.
»Scheiße«, schrie nun auch Dani und raufte sich die Haare.
»Ich hab’s euch doch gesagt«, keuchte Leon mit versteinerter Miene, über die Tränen flossen, ohne dass er es bemerkte.
***
Die Sonne stand hoch am Himmel. Weite Teile des Gebirges rings um das Plateau herum lagen unter einem wolkenlosen Himmel da. Nur das Plateau selbst wurde immer noch von einer undurchdringlichen watteweißen Schicht umringt, von der kleine Ausläufer an manchen Stellen immer wieder über die Felseinfassung der Ebene leckten.
Die vier Verbliebenen saßen mitten auf der Fläche im Kreis um den Spirituskocher herum, zwischen den Zelten, die sie so weit wie möglich von der Kante entfernt neu aufgestellt hatten. Sie starrten mit leerem Blick auf den Wasserkessel, der schon seit mehreren Minuten Dampfwolken ausstoßend vor sich hin pfiff.
»Wir müssen doch irgendwas tun können«, murmelte Hannes tonlos.
Niemand antwortete ihm.
»Verdammter Mist«, schrie er und gab dem Kocher einen Tritt, sodass alles mehrere Meter weit durch die Luft flog und am Rand des Plateaus zum Liegen kam, nur Zentimeter von den so fürchterlich normal wirkenden Wolkenmassen entfernt.
»Bist du bekloppt?«, schrie Ralf zurück. »Erst triffst du mich fast mit dem heißen Kessel und jetzt liegt er auch noch fast in dem … Zeug. Sieh zu, dass du den zurückholst, bevor …«
»Bevor was?«, gab Hannes zurück. »Denkst du, der große weiße Riese kommt plötzlich und schnappt sich unseren Tee? Ach nee. Es ist ja bloß Wasser, weil du nur rumgesessen hast, mit den Teebeuteln in der Hand, anstatt sie ins Wasser zu packen. Hol den Dreck doch selbst.«
Er drehte sich um und verschwand in dem Zelt der beiden.
»Boah, jetzt hab dich doch nicht so«, grummelte Ralf und hievte sich hoch. Er wollte seinem Freund ins Zelt folgen, blieb dann aber vor dem Eingang stehen. Unschlüssig schaute er hin und her. Schließlich stieß er heftig die Luft aus, drehte sich wieder um und stapfte in Richtung des Kessels, der ungefähr dort lag, wo sie alle zum ersten Mal dieses Plateau betreten hatten.
»Vorsicht«, flüsterte Leon, obwohl er immer noch nicht den Blick von der Stelle hob, wo vor kurzem noch der Kessel gestanden hatte. Er erntete dafür von Ralf nur ein Grunzen.
Dieser ging kurz vor dem mit der Tülle nach oben auf der Seite liegenden Kessel in die Hocke und beugte sich ganz vorsichtig vor. Mit einer Hand auf dem Boden abgestützt, versuchte er mit der anderen nach dem Kessel zu angeln. Zuerst erwischte er zwar die Tülle mit dem Pfeifenaufsatz, bewirkte damit aber nur, dass dieser zur Seite rollte und nun sogar ein Stück über die Felskante hinausragte. Instinktiv beugte er sich ein Stück weiter vor.
Leon, der die sinnlose Betrachtung des leeren Platzes vor ihm zugunsten der Beobachtung von Ralfs Aktivitäten aufgegeben hatte, durchzuckte es wie ein Stromschlag. Mit einem Satz war er auf den Beinen und wollte einen Warnruf ausstoßen, aber bei dem, was er erblickte, blieb ihm dieser im Hals stecken.
Ralf, der selbst zusammengezuckt war, als er bemerkt hatte, was er tat, beugte sich plötzlich noch viel weiter vor und spähte über den Rand des Plateaus. Danach ließ er sich zurücksinken und drehte seinen Kopf in Richtung der Zelte.
»Hannes«, krächzte er. »Leute … kommt her. Kommt schnell. Das müsst ihr euch ansehen.« Seine Stimme wurde immer lauter und drängender, während er sprach.
»Was ist denn los?«, kam es von Hannes, der seinen Kopf aus dem Zelt herausstreckte.
»Im Ernst. Ihr müsst sofort kommen. Hier ist alles frei. Die Treppe nach unten. Wir können hier weg. Wir können weg. Weg. Weg. W…«
Mit einem Mal erstarb seine Stimme, weil sich eine Wolke wie ein weißer Sack über seinen Kopf gestülpt hatte und ihn nach hinten zog.
»Raaaalf!«
Mit sich überschlagender Stimme warf sich Hannes, der interessiert in seine Richtung getappt war, in einem übermächtigen Satz auf seinen Freund und krallte sich an seinen Beinen fest. Verzweifelt versuchte er, ihn wieder aus der erbarmungslosen Umklammerung freizubekommen.
Es schien zu funktionieren.
Das unaufhaltsame Rutschen des zappelnden Körpers von Ralf, kam zum Erliegen.
Mit lautem Triumphgeheul arbeitete sich Hannes an Ralfs Körper hinauf und machte sich daran, die diffusen Schwaden, die seinen Kopf umschlossen, auseinanderzureißen. Leon und Dani, die zuerst nur perplex zugesehen hatten, liefen auf die beiden zu, um Hannes zu helfen.
Sie waren noch zwei Schritte entfernt, als die weiße Masse mit einem gewaltigen Ruck zurückgezogen wurde. Ralfs Körper verschwand in einem Sekundenbruchteil in der wabernden Flut.
Hannes hatte den Körper seines Freundes geistesgegenwärtig losgelassen.
Aber es war zu spät gewesen.
Der Ruck hatte auch seinen Körper bereits zwei Meter über die Felskante hinausbefördert. Mit rudernden Armen und einem überraschten Ausdruck auf dem Gesicht verschwand er durch den tatsächlich vollkommen freien Bereich um die Steintreppe nach unten. Wenig später war ein Schrei zu hören, der nach einem klatschenden Geräusch verstummte.
Dani sah Leon mit kalkweißem Gesicht an und hauchte: »Da waren’s nur noch zwei.«
***
Die Sonne ging unter.
Zum dritten Mal, seit die Gruppe diese Hochebene betreten hatte, verwandelte der feurige Ball den Himmel und die umliegenden Berggipfel in ein prachtvolles Spiel aus Rot- und Blauschattierungen.
Aber Leon hatte keinen Blick für die Schönheit, die sich ihm präsentierte.
Eins, eins, eins, ging es ihm fortwährend durch den Kopf.
Seit es auch Dani erwischt hatte, war aus der Zwei die einsamste aller Zahlen geworden. Wer hätte denn auch ahnen können, dass dieses Ding sich sogar durch eine millimeterschmale Felsspalte schieben konnte. Mitten auf dem Plateau stehend, war sie plötzlich ganz steif geworden.
Dann begann das Kichern.
Eine ganze Stunde lang waren diese Töne aus ihrer Kehle gedrungen, während sie einfach nur dastand, wie zur Salzsäule erstarrt und mit Nebel in den Augen.
Und er hatte nichts weiter tun können, als sich mit zugehaltenen Ohren an der Felsnase zusammenzukauern und darauf zu warten, dass es aufhören würde. Schließlich war auch ihr Körper quälend langsam auf die Felskante zu gezogen worden, um dann in den Schwaden zu verschwinden.
Seitdem war er allein.
Das Essen war inzwischen fast aufgebraucht. Wasser gab es auch nicht mehr. Und an Schlaf war nicht zu denken. Die Bilder, die er dann sah, waren einfach zu fürchterlich.
Kurz bevor die Sonne den Horizont berührte, straffte er seinen Körper und schob sich an der Felsnase, die für eine Weile zu seinem Refugium geworden war, nach oben, bis er stand. Dann stieß Leon sich ab und begann zu rennen.
»Jetzt wollen wir doch mal sehen, was zur Hölle da so gottverdammt lustig ist«, schrie er und sprang.
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