Kitabı oku: «Kann Mahler Monroe lieben?»

Yazı tipi:

C.-A. Rebaf

Kann Mahler Monroe lieben?

Gerstenmayers erster Fall - Ein erotischer Roman

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Titelbild

Titel

Impressum

Widmung

Unterwegs mit Erdfrüchten

Der rote Paco-Paco

Wien, St. Marx

Eine Lovestory danach

Über die Donau

Grinder spielt Orgel

Ein Brief von Marietta

Schauspielern müsste man können!

Mariahilf

Opus 1

Kuhmist und Mozartkugeln

Im gelben Sandstein

Wieder über die Donau

Wo ist der Prof.?

d-Moll und F-Dur im Fieberwahn

Marietta im Bunker

Composer

Donau-Paco-Paco-Schifffahrt

B’suffa!

Grinder ist plötzlich Vater

,Mulde 1'

Marlene

An der Schweizer Grenze

Zwei Genies

Baum taucht wieder auf

Grinder und Blondie

Eine schwangere Leiche

Spielchen

Gerstenmayer als ,Der Alte'

Die Klon-Story

Trauer um Blondie

Marietta und Hannes in Wien

Alarm!

Das SM-Paar zieht los

Wanted: Marlene

Verdacht

Wandel einer Beziehung

Gerstenmayer kombiniert messerscharf

Der Tod und das Mädchen

Marlenes wenige Reste

Musikexperten unter sich

High Noon in Wien

Italienische Konzertreise

Zerstrittene Genies

Gerstenmayer löst den Fall

Epilog

Danksagung

Weitere Titel

Impressum neobooks

Titelbild


Titel

C.-A. Rebaf Kann Mahler Monroe lieben? Gerstenmayers erster Fall Erotischer Roman wespen-kontor

Impressum

Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

Alle namentlich genannten Personen sind frei erfunden. Enthält deutliche Beschreibungen sexueller Handlungen und ist nur fürErwachsene geschrieben. Text und Buchumschlag: Alle Rechte bei C.-A. Rebaf 2017 - 2019 1. Auflage ,Leipziger (Gen-)Allerlei' mit Lektorat Christiane Lober, Halle 4. Auflage Lektorat Ralf Rabemann, Böblingen ISBN 978-3-7427-3365-8

Widmung

Für Sabeth in sehr tiefer Liebe.

Unterwegs mit Erdfrüchten

An einem warmen Spätsommertag wollte ich mich gerade zur nahe gelegenen Stadt begeben. Der Weg, der früher einmal eine asphaltierte Landstraße gewesen war, stellte heute nur noch eine Ansammlung von Schlaglöchern dar. Ich verließ soeben mein Dorf und passierte die letzte Hausruine an der Straße. Dann kamen die Felder, von denen nur einige bestellt waren. Dazwischen wuchs auffallend hohes Gebüsch, aus dem die neuen Baumriesen hervorragten. Der radioaktive Fall-out nach der Katastrophe soll deren Wachstum verursacht haben. Als diese Mutationen die ersten Male aufgetreten waren, hatte man sich noch gewundert. Heute, später, gehörten sie bereits zur normalen Landschaft: Bäume wie tropische Urwaldriesen standen jetzt hier in Oberbayern. In Hiroshima sollen nach dem Bombenabwurf auch überdimensional große Blumen geblüht haben. Aber das war ja lange, lange vor der Katastrophe gewesen, die nur wenige Menschen überlebt hatten. Die meisten waren allerdings an ihren Folgen, nicht am Ereignis selbst gestorben. Heute in der Zeit danach leiden wir immer noch sehr unter den Auswirkungen, sagten einige. Aber die meisten hatten sich wie ich arrangiert. Meine Eltern hatten die Katastrophe überlebt. Denn sie gehörten zu denen, die zunächst eine natürliche Toleranz gegenüber radioaktiver Strahlung aufwiesen. Nur solche Menschen überlebten. Aber auch meine Eltern sind inzwischen an den Spätfolgen gestorben. Ich hingegen war noch sehr klein gewesen, als es geschehen war, und habe ihre Resistenz-Gene wohl geerbt.

Da blitzte mir in der Mittagssonne etwas Golden-Metallisches neben meinem Weg vom Feld her entgegen. Ein harter, scharfer Lichtstrahl, eine Reflexion blitzte dort kurz auf. Da hielt ich inne und ging auf das Feld: Das obere Ende eines Zylinders ragte dort aus der Erde. Offensichtlich war der Gegenstand durch das letzte Umpflügen an die Oberfläche geworfen, aber nicht beachtet worden. Eilig begann ich mit bloßen Händen zu graben und hielt kurz darauf einen knapp ein Meter langen Zylinder in der Hand. Er war aus Bronze oder Kupfer, und Grünspan bedeckte fast die gesamte Oberfläche. Warum blieb eine kleine Fläche des Metalls an der Oberseite frei, sodass ich die Lichterscheinung sehen konnte? Der Zylinder war in zwei Hälften geteilt; und seine Mitte war so gearbeitet, dass man sie aufschrauben können sollte. Das versuchte ich, aber es gelang mir nicht. Kurzerhand steckte ich das Ding in den Rucksack und ging meines Weges. Was mochte sich darin wohl befinden? Gold? Diamanten? Papiere?

Von Ferne ragte ein ausgebrannter Kirchturm aus einer Ansammlung von Mauerresten. Das war sie, die nahe Kleinstadt oder – besser – war sie früher einmal gewesen. Nur wenige Häuser waren bewohnt. Wir brauchten die anderen Ruinen nicht mehr. Es lebte heute, nach der Katastrophe, vielleicht noch ein Prozent der Menschen, vielleicht auch weniger. Niemand wusste das so genau. Wir befanden uns wieder im Mittelalter, wohnen in kleinen Gruppen, fast ohne jegliche Vernetzung untereinander. Meine Eltern hatten mir einmal etwas von Reisen erzählt. Schon dieses Wort kannten wir eigentlich nicht mehr, denn man konnte nicht mehr reisen. Es gab keine Transportmittel und keine Straßen mehr. Früher sollte es möglich gewesen sein, sich wie ein Vogel auch durch die Lüfte fort zu bewegen. Das vermochte ich mir überhaupt nicht mehr vorzustellen. Wir pflegten nur noch zu Fuß zu gehen und legten auf diese Weise Entfernungen zurück, die wir in ein, maximal zwei Stunden schafften. Länger sollte man sich auch nicht an einem Stück draußen aufhalten.

Es war ruhig hier auf meinem Fußmarsch, und so konnte ich mich ganz meinen Gedanken hingeben. Nur die Vögel zwitscherten. Ganz von ferne hinter mir hörte ich einen meiner Nachbarn mit seinem Paco-Paco ein Feld abernten. Ich kannte das Motorengeräusch. Nach der Katastrophe hat ein überlebender Südamerikaner diese Art Vehikel aus alten Schrottautos gebaut und ihm den Namen seiner Heimatsprache gegeben. ‚Paco-Paco‘ gab so wunderbar lautmalerisch das Geräusch des Diesels wieder. Diese Ungetüme bestanden aus einem alten Motor, der von einem Holzvergaser angetrieben wurde. Holz wuchs nach der Katastrophe in Hülle und Fülle hier. Wir brauchten es zum Heizen und für das wenige Licht am Abend. Normalerweise standen wir mit der Sonne auf, und wenn sie unterging, verlangsamte sich das Leben deutlich und wenig später gingen wir schlafen.

Immer noch spürte ich in meinem Rucksack etwas – in diesem Fall unangenehm Hartes – an meine Rippen drücken. „Ach ja, da ist ja noch der verwunschene Metallzylinder!“, fiel es mir wieder ein.

Nur unser Nachbar im Dorf besaß seinen Paco bei uns hier. Früher soll einmal jede Familie ein eigenes Auto besessen haben. Unglaublich! Sie hatten Treibstoff dafür an Tankstellen verkauft. Das kann ich mir nicht vorstellen. Woher kam gleich nochmal dieses Teufelszeug, das die Autos antrieb?

Ich trug Kartoffeln auf dem Rücken, die ich in der Stadt eintauschen wollte. Dort gab es Händler, die in der Gegend umherstreiften und aus früheren Zeiten Nützliches aufspürten: einen Kochtopf, ein Ofenrohr, einen Ofen. Dieses Zeug lag in verlassenen Häuserruinen. Die Krämer sammelten alles ein und boten es auf dem Markt zum Tausch an.

Herr Mayr, der Händler in der Nachbarstadt, zu dem ich jetzt gerade gehen wollte, hatte sich kürzlich auch einen Paco gekauft. Seine Geschäfte schienen gut zu laufen – sogar bis nach München. Aber das war auch gefährlich, weil es gerade dort immer noch außerordentlich hoch verstrahlt war. Doch diesen Umstand musste er in Kauf nehmen – Berufsrisiko. Außerdem war es sehr beschwerlich, auf diesen Straßen mit einem Paco vorwärts zu kommen. Mehr als Schritttempo war da sowieso nicht drin.


So trödelte ich gedankenverloren vor mich hin und kam gerade an der ersten Hausruine der Stadt vorbei. Die meisten Häuser waren bis auf die Grundmauern abgebrannt. Früher hatte hier das sogenannte ‚italienische Viertel‘ von Weilheim gestanden. Heute sah es aus wie das ausgegrabene Pompeji. Nur einzelne Steinwände ragten mit hohlen Fensterlöchern wie übergroße Skelette ins ‚Stadtbild‘. Große Riesen, Holunderbüsche mit schweren Fruchtdolden, hatten die geschwärzten Wände begrünt.

Mir fiel wieder der Metallzylinder ein. Was sich wohl darin befinden mochte? Doch ich musste mich noch gedulden.

In meinem Rucksack hatte ich Kartoffeln, die in meinem Garten gewachsen waren. Die wollte ich bei Herrn Mayr gegen einen Ofen eintauschen. Nur ein paar Kilo als Qualitätsprobe trug ich jetzt zu ihm. Mayr sollte dann mit seinem Paco kommen, den Ofen bringen und die drei Säcke mitnehmen. Ich besaß ein großes Kartoffelfeld und brauchte für mich und meinen kleinen Jungen nur wenige Erdfrüchte den Winter über, sodass wir einen Überschuss hatten. Ein zweiter Ofen für unser Schlafzimmer wäre allerdings für die kalte Jahreszeit eine große Erleichterung gewesen. Das war mein Vorhaben.

Ich träumte in der himmlischen Ruhe vor mich hin, als mich plötzlich ein ungewohntes Knattern aufschreckte: Ein mir unbekannter roter Paco-Paco mit einer Karosserie aus Sperrholz um den Fahrgastraum bahnte sich mühsam den Weg aus der Stadt in Richtung meines Dorfes und kam mir entgegen. Als er gerade an mir vorüber fuhr, sah ich einen Fahrer im Fond und einen unbekannten Mann auf dem Rücksitz.

Sofort schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich dieses Gesicht schon einmal gesehen hätte. Aber wo nur? Der Fremde nickte mir ebenfalls gedankenverloren zum Gruß zu, und schon war das Gefährt an mir vorbei mit dem vorne offenen Zweizylinderdieselmotor, auf dem die Buchstaben M.A.N. noch deutlich zu sehen waren. Hinten auf einer Art Ladefläche befanden sich Holzscheite sowie das Ungetüm von Kessel, unter dem das Feuer brannte, eben der typische Holzvergaser. Gab es etwa einen Reisenden hier? Hier im Pfaffenwinkel? Was wollte hier jemand?

Viele Fragen! Ich wanderte meines Weges und überlegte angestrengt, woher mir dieses Gesicht mit einer runden Nickelbrille und einer hohen Stirn so bekannt vorkam – doch ohne Ergebnis.

Herrn Mayr – ein freundlicher Oberbayer, den man im bayrischen Dialekt als ‚g’wampert‘ bezeichnet hätte – hatte ich noch nie unfreundlich erlebt. Sein sonniges Gemüt wurde durch seine tägliche halbe bis ganze Maß ständig erhellt. Aber trotz allen Optimismus und aller Lebenslust war er nicht leicht zu übervorteilen. Er war eben auch einer von der Sorte ‚Bier ist Bier und Schnaps ist Schnaps‘! Gründlich begutachtete er meine mitgebrachten Kartoffeln und wartete ab, welchen Tausch ich ihm anbieten würde.

„Davon habe ich noch drei Zentner eingelagert, die ich gerne gegen einen stabilen Ofen eintauschen würde.“

„A was!“, war seine knappe Antwort, mir weiterhin immer listig die Rede überlassend. Ich wollte schließlich etwas von ihm, also überließ er mir zunächst die Gesprächsführung.

„Haben Sie denn schon ausreichend Vorräte?“, versuchte ich, ihn aus der Reserve zu locken. „Mit Kartoffeln kann man sicher gute Geschäfte machen!“

„Wie maanenS’?“, kam es aus ihm heraus, und er tat plötzlich sehr geistesabwesend.


Aber auch ich verspürte kaum Lust, weiter in ihn zu dringen, da mir plötzlich der Fremde und der Metallzylinder wieder einfielen. Der Unbekannte, der mir mit seinem Fahrer in dem roten Paco entgegengekommen war: Was wollte der? Ein Reisender auf dem Weg nach Polling? Ich starrte vor mich hin ins Leere, und das Gespräch stockte ganz plötzlich. Mayr wurde es auf einmal sichtbar ungemütlich, da ich mich weigerte, weiter zureden.

„Scheesanns’, Ihre Kartoffeln.“ Ich war sehr überrascht, seine Stimme so klar und deutlich zu hören. Sie riss mich geradezu aus meiner Grübelei.

„Gelt?“, strahlte ich ihn an und versuchte, ihn mit meinem verführerischsten Schlafzimmerblick von der Seite anzuschauen! Hatte ich ihn jetzt?

„Ja, an was für’n Offa hätt’n S’ dann gedacht, gnäd’ge Frau?“ Aha, mein Blick zeigte Wirkung! Es funktionierte doch immer wieder, das schöne Spiel zwischen den Geschlechtern!

„Na, einen aus Eisen für unser Schlafzimmer. Da ist es im Winter immer so kalt. Holz zum Heizen haben wir ja genug.“

„Ich hätt’ da schon was füa Eana. Aber drei Zentna sann ned fuil! Und der Offa is’ no’ an oiled Qualidäd!“

War doch nicht tief genug, mein Blick, und mir war klar, nachzulegen nützte jetzt wenig; jetzt musste ich mich bewegen.

„Ich hab leider nicht mehr an Kartoffeln. Die restlichen brauchen wir selbst.“

„Na, Gnäd’ge, mehr Klöß’ ess i über d’ Winder au ned. Aber s´nächst Joahr wär’n Reiberdatschi a ned bläd! Und ’s Joahr druff au ned.“

„Nächstes Jahr!“, stieß ich überrascht hervor und schluckte. „Weiß ich, wie die Ernte dann ausfällt? Das kann ich Ihnen doch guten Gewissens nicht zusagen.“ Jetzt war ein weiteres verführerisches Lächeln angesagt, und ich schenkte es ihm. Dankbar nahm er es auf.

„Also guad. Sechs Zentna in de nächst’ Joahr! Da kimm i Eana weid entgegn!“ Aha, jetzt begann das Feilschen!

„Aber, Herr Mayr“, ich himmelte ihn geradezu an, „Sie wollen mich doch nicht übers Ohr hauen, oder?“ Und ich erhob schelmisch meinen warnenden Zeigefinger. In Mayrs Gesicht erkannte ich, dass es ihm doch jetzt peinlich wurde. Gut, ich war meinem Ziel einen deutlichen Schritt näher gekommen und hatte wieder einen Punkt für mich gewonnen.

„Ich schlage vor, Sie zeigen mir erst einmal den Ofen, und dann reden wir weiter“, versuchte ich, den Handel wieder auf eine sachliche Ebene zu heben, was Mayr sehr dankend annahm, traten denn auch schon kleine Schweißperlen auf seine Stirn.

„Gnäd’ge Frau, das is’ a goada Vorschlag.“ Schon ging er voraus in sein Lager, das auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes gelegen war. Er holte sein riesiges blau-weißes Karo-Sacktuch aus der Krachledernen, tupfte aufgeregt die Stirn ab und wischte sich über den Stiernacken.

Das Anwesen war wohl ein sehr alter Bauernhof mit Wohnhaus, Stall und Scheune, die um den quadratischen Hof angeordnet und mit einer hohen Mauer eingezäunt waren. Durch die Katastrophe war es völlig ausgebrannt und mit Zeltplanen, Blechen, Strommasten als Stahlträgern und allerlei weiterem improvisierten Material wieder notdürftig aufgebaut. In der Scheune befand sich sein Lager, im Stall rechts daneben standen wieder Tiere, es roch nach Schweinen, Schafen, Ziegen und Hasen.

Sein riesiger Paco-Paco, ein Dreiachser mit einem Dreizylinder-Dieselmotor und großer Ladefläche, stand im Hof. Der Holzvergaser nahm bei diesem Gefährt die Stelle des Beifahrersitzes ein und konnte so vom Fahrer auch während der Fahrt leicht beheizt werden.

Trotz seiner kurzen Beine war Mayr flink, so dass ich Mühe hatte, ihm zu folgen. Als wir an dem Fahrzeug vorbei kamen, ließ ich eher beifällig fallen: „Dürfte ich Sie bitten, auch den Transport des Ofens zu übernehmen? Bei der Rückfahrt könnten Sie ja gleich die Kartoffeln mitnehmen.“ Er tat, als ob er es überhört hätte, aber ich wusste, er hatte es sehr wohl auf geschnappt.

Wir stöberten kreuz und quer durch sein Lager. Mayr kam noch mehr ins Schwitzen, denn er fand den Ofen nicht auf Anhieb und musste ständig Dinge aus dem Weg räumen, da er dachte, er würde den Ofen dahinter finden. So wertvoll, wie er tat, schien das angepriesene Stück also nicht zu sein! Endlich hatte er ihn gefunden.

„Na, Gnäd’ge, hoab ich z‘vuil vasproacha?“

Der Ofen war ziemlich verrostet, aber mit alten gusseisernen Platten und Verzierungen versehen. Wenn wir den reinigen würden, wäre er schon richtig. Ich fuhr mit der Hand über seine Oberfläche, und Staub wirbelte auf. Übertrieben spielte ich in dieser Szene die Rolle der Naserümpfenden und brachte sogar einen einigermaßen glaubhaften Niesanfall zustande. Verächtlich wendete ich meinen Blick von dem guten Stück ab und drehte mich entrüstet meinem Begleiter zu: „Nein, Herr Mayr, diese Dreckstück bieten Sie mir für meine wunder-schöne Kartoffeln an?“

Mayr zuckte etwas zusammen.

„Und Sie wollen dafür sogar sechs Zentner Kartoffeln verlangen?“ Ich schaute ein wenig mütterlich-tadelnd von oben auf ihn herab. Dieser Rollenwechsel von der zuvor Verführenden zur jetzt strengen Mutter war strategisch sehr wirkungsvoll.

Ich tat so, als wollte ich mich gerade abwenden, als er mir in die Augen schaute und leise sagte: „Fünf Zentna.“ Jetzt hatte ich ihn soweit!

„Vier“, kam es scharf aus meinem Mund.

Er tat, als ob er einen Schlag erhalten hätte, und sagte seine Standardformel auf: „Gnäd’ge, Se ruiniere ma!“

Ich wusste, dass das sein Okay war, und setzte noch drauf: „Aber ich erhalte noch einen Rest hitzebeständige Eisenfarbe, damit wir das gute Stück nach der Bearbeitung auch ins Schlafzimmer stellen können.“

Er war einverstanden und fügte hinzu: „I bring Eana des Ding nächst’ Woch’.“

Wir verabschiedeten uns voneinander, und ich freute mich innerlich, doch einen guten Handel abgeschlossen zu haben.

Es war doch kein Fehler von meinem Vater als Heranwachsende einiges gelernt zu haben. Darunter war neben einem großen Wissen um die klassische Musik auch das Feilschen: Er brachte mir alle Tricks bei, die Männer so beim Aushandeln von ‚Deals‘ drauf haben, um sich dabei gegenseitig über‘s Ohr zu hauen. Meine Mutter sagte damals zu ihm nicht nur einmal: „Mein Gott, sie ist doch ein Mädchen, Du erziehst sie wie einen Jungen!“

Jetzt wurde es schon langsam dunkel, und ich begab mich schnell und zufrieden auf den Rückweg in mein Dorf.

Zu Hause fand ich den Metallzylinder in meinem Rucksack wieder und betupfte die Fuge des Schraubverschluss mit etwas Essig. Es zischte, nach ein paar Tropfen Öl und mit etwas Geduld, konnte ich ihn endlich drehend öffnen.

Darin befand sich ein Kinoplakat aus Zeiten vor der Katastrophe. Es war eine blonde Frau mit einem großen Busen in einem weißen Neckholder-Kleid zu sehen. Sie stand auf einem Gitterschacht, aus dem wohl ein Luftzug nach oben wehte und ihren weiten leichten Rock in die Höhe hob. Das Gesicht der Frau zeigte, dass sie zwar erschrocken versuchte, aus Scham ihren Rock nach unten zu ziehen, die schelmische Komponente ihres Lächelns signalisierte dem Betrachter jedoch deutlich, dass sie dem Windhauch aus dem Schacht eher dankbar war, dass er die Entblößung ihrer wunderschönen Beine vorgenommen hatte, um ihre perfekten Konturen und Reize ihrem Begleiter oder einem anderen Mann zu zeigen, dem sie gerade auffiel. Auf diese Weise blieb sie einerseits eine schamhafte junge Frau, und nur der böse Wind war schuld an ihrer Verruchtheit! ‚Die Verführungskunst der Frauen bestehen darin, diesen Spagat zwischen Scham und Raffinesse perfekt zu beherrschen. Die Heilige und die Hure!‘, fiel meinem männlichen Teil in mir dazu ein. Meine weibliche Seite hatte nur ein verachtendes Wort dafür: ‚Flittchen!‘. Auf dem Plakat war neben der Frau eine schwungvolle Unterschrift zu lesen.

Ich fand eine leere Wand und hängte das Plakat auf. Nicht, dass ich es besonders schön gefunden hätte. Aber die kahle Wand mit dem Plakat gefiel mir besser als ohne.

Der rote Paco-Paco

Es war schon beinahe dunkel und ich konnte fast nichts mehr erkennen, als ich leichtfüßig durch das ehemalige Klosterdorf schritt. In den Ruinen des Klosterhofes erkannte ich dennoch den roten Paco mit der erlöschenden Glut unter dem Holzvergaser. War der Fremde etwa hier geblieben? Irgendwie hatte ich plötzlich Angst, und meine Genugtuung über den guten Handel mit Herrn Mayr war fast vergessen.

Zu Hause angekommen, wartete Golie schon auf mich. Er hatte den Abendbrottisch gedeckt und lachte, als er mich sah. Wir aßen zusammen, und ich brachte ihn anschließend ins Bett. Draußen war es bereits dunkel geworden. Ich legte in unserer Wohnküche noch einmal Holz in den Herd und schaute durch die Herdritzen verträumt in die Glut.


Ich hatte Gottlieb, wie er eigentlich hieß, als kleines Findelkind in München gefunden gehabt. Er hatte nur ein Schild um den Hals mit der Aufschrift getragen: ‚Ich heiße Gottlieb, erbarmt Euch meiner!‘ So etwas war seit der Katastrophe an der Tagesordnung. Seine Eltern waren wohl an den Spätfolgen gestorben. Da ganze Familien ausgelöscht wurden, gab es immer wieder den Fall, dass eine Hilfe innerhalb der gewohnten Umgebung nicht mehr möglich war, und so wurden Kinder von ihren sterbenden Eltern einfach ausgesetzt. Was sollten sie auch unternehmen in einer Situation, in der jegliche medizinische Versorgung völlig zusammen-gebrochen war?

Er war ein putziges Kleinkind mit hellbraunen Haaren und einem ewigen Lächeln auf den Lippen gewesen. Ich fühlte mich selbst gerade sehr verloren und hilflos. Eine spontane Zuneigung entstand. Ich beschloss, der Aufforderung auf dem Schild Folge zu leisten und mich seiner zu erbarmen. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen, und ich habe es nie bereut, ihn mit zu meiner kleinen Wohnung genommen zu haben.

Anfangs war es für mich sehr ungewohnt, aber mit der Zeit wuchs ich schnell in meine Rolle als Mutter hinein, zumal ich mich mit meinem alten, dreirädrigen Kinderwagen nahtlos in das Stadtbild einfügte, den ich dank meiner guten Verhandlungskünste auf dem Markt hatte ergattern können.

Irgendwann beschloss ich dann, die Stadt zu verlassen und hinaus aufs Land zu ziehen. Eine gute Bekannte schwärmte mir von einem alten Roman vor und wollte mich begleiten. Bücher waren sehr, sehr rar, und nur solche, die die Brände der Katastrophe überstanden hatten, wurden auf den Märkten angeboten.

In ihrem zerfledderten Buch, der Autor war wohl ein gewisser Thomas Mann gewesen und der Titel nicht mehr entzifferbar, las sie von einem Ort mit Namen Pfeiffering südlich von München, der in den schönsten Farben geschildert wurde. Jemand hatte in der alten rororo-Taschenbuchausgabe meiner Freundin mit blauem Kugelschreiber an den Rand die Bemerkung:


Pfeiffering = Polling? und Waldshut = Weilheim?


geschrieben. Im Buch wurde des öfteren der Name ‚Doktor Faustus‘ erwähnt.

Irgendwann beschlossen wir, der Sache auf den Grund zu gehen und uns diese Gegend einmal anzusehen, wo die Orte sowohl einen realen als auch einen literarischen Namen trugen. Wir marschierten in einer schönen Sommerwoche immer an den zerstörten Gleisen der alten Eisenbahnstrecke nach Garmisch entlang und gelangten tatsächlich dorthin. Es war gefährlich, aber wir waren jung, unvernünftig und setzten uns der Strahlung aus. Am Abend schliefen wir in Kellern. Der See, den wir in Starnberg erreichten, lockte uns zwar sehr zu einem Bade, aber dieses Strahlenrisiko wollten wir dann doch nicht auf uns nehmen, und so genossen wir die Aussicht auf das Wasser mit den weißen Berggipfeln der Alpen im Hintergrund und marschierten am Ufer weiter. Meine Freundin hatte alle Stellen, die für unseren Ausflug touristisch wichtig waren, unter-strichen und missbrauchte diesen Roman über einen avantgardistischen Komponisten, mit Namen Adrian Leverkühn, als Reiseführer à la Baedecker.

Schließlich kamen wir in Weilheim an und sahen zu unserer Enttäuschung das Gleiche, was wir von überall her kannten: Ruinen, verbrannte Kultur und wenige Menschen, die, wie verscheuchte Ratten dort hausten und von einem Loch ins nächste huschten. Es war so trostlos, dass wir schnell an einem Flüsschen weiter nach Süden marschierten, dieses dann verließen und uns an einem kleinen Bach orientierten, um immer weiter in Richtung Berge zu gelangen. Bald darauf erreichten wir eine riesige Ruinenanlage, die wohl das alte Kloster gewesen sein musste. Ein herausragender, höherer Schutthaufen, den wir die ganze Zeit schon von Weitem gesehen hatten, musste wohl der alte Turm gewesen sein. Die alte Barockfassade mit dem runden Rosettenfenster, das völlig zerbrochen war und uns wie das Auge Polyphems anstarrte, war überraschenderweise noch erhalten. Zum ehemaligen Kirchenschiff hin überspannte ein Balken mit ein Zeltdach einen weiten Raum.

Spielte da jemand Orgel? Sollte diese etwa noch intakt sein? Wir standen gleichsam angewurzelt, und der kleine Golie, den ich über die weite Strecke auf meinem Rücken getragen hatte, vollführte dort einen merkwürdigen Tanz, als ob die Musik in ihm etwas ganz Besonderes entfachte. So konnte ich ihn nicht mehr lange halten und ließ ihn auf den Boden gleiten. Sofort robbte er auf dem Rücken dem schmalen, freigelegten Eingang zu, aus dem die Musik heraus schallte.

Meine Freundin und ich verstanden gar nichts mehr.

Im Inneren unter dem provisorischen Zeltdach blieb er erstarrt liegen, lauschte und war von uns nicht mehr von der Stelle zu bewegen, bis die Musik abbrach und der Organist, ein Mann um die vierzig, dem nur wenige blonde Haare um eine Halbglatze wehten, über eine Holzleiter vom Rest der Orgelempore kletterte. Hinter ihm folgte ein Junge, der – wie von ihm befreit – davon rannte.

Der einmal wohl recht stattliche Blonde sprach uns freundlich an, schließlich verirrten sich selten Fremde hierher. Seine netten Worte taten uns zusammen mit der schönen Musik zuvor gut, munterten uns wieder auf und hoben unsere Stimmung. Ja, Golie flippte ganz und gar aus, fuchtelte mit den Armen wie ein drolliger kleiner Tanzbär, sodass der Blonde mit uns in schallendes Gelächter verfiel.

Er war bester Laune. Ich hatte ihn so noch nie erlebt. Trotz seines zarten Alters zeigte er mir mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, dass es ihm hier gut ging und dass er gerne bleiben wollte.

Wir sahen uns dann im Dorf um, fanden wenige Menschen und viele zum Teil gut erhaltene und leere Wohnräume, die mir erheblich besser gefielen als meine Unterkunft in München zuvor. In mir reifte der Entschluss, hier zu bleiben, was meine Freundin nicht verstand. Ich hatte sowieso alles, was mir wirklich wertvoll war, dabei und quartierte mich im ehemaligen Klosterdorf ein. In den nächsten Tagen half mir der Organist, der mir durchaus nicht unsympathisch war, führte uns beide bei den wenigen Menschen im Dorf ein. Golies sonniges Wesen half dabei sehr. Sie alle waren sehr freundlich und empfahlen mir sogar eine besondere Ruine, die an ein großes Feld angrenzte, auf dem man gut Ackerbau betreiben könne, um das Leben zu fristen. Ich nahm den Rat an, und so waren wir hier im Gut Schweigestill bei Pfeiffering gelandet, wie es im Roman meiner Freundin genannt wurde. Das lag jetzt schon einige Zeit zurück.


Hatte ich das alles geträumt? War ich in der Stube eingeschlafen? Meine Glieder waren ganz steif, und ich legte mich nach nebenan zu Golie ins Bett unseres Schlafzimmers. Mehr als die beiden Räume bewohnten wir nicht. Meistens waren wir draußen, wenn das Wetter es einiger-maßen zuließ. Es mochte zwar gefährlich sein, aber wir beide schienen ausreichenden Resistenzschutz gegenüber der Strahlung zu besitzen, da wir jetzt schon gut vier Jahre so lebten und uns glänzender Gesundheit erfreuten.


Am nächsten Morgen erwachte ich und war ganz benommen. Ich hatte einem Traum, einer der-jenigen, die so realistisch abzulaufen pflegten, dass ich nicht zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden konnte. Daher benötigte ich einige Zeit, um meine Gedanken zu sortieren:

Mein Vater hatte die Hauptrolle in meinem nächtlichen Schauspiel gespielt und erzählte mir als kleinem Mädchen von einem Musiklehrer. Dieser sei von seinem Lieblingskomponisten so besessen gewesen, dass er sein Äußeres verändert habe, um diesem ganz ähnlich zu sein: Er habe eine Brille getragen, obwohl er eigentlich keine benötigt hätte, und sich sein Haar mit leichten Grausträhnen versehen lassen und streng nach hinten gekämmt, sodass seine hohe Stirn sein Gesicht betont habe und er somit einer der wenigen Fotografien seines Idols doch sehr nahe gekommen sei. Dann wurde die Geschichte dramatisch, denn der Lehrer und mein Vater als dessen junger Schüler hätten um die Gunst derselben Frau gebuhlt, einer Klassenkameradin meines Vaters. Der Lehrer und der Mitschüler, beide hatten sich unsterblich verliebt. Das begehrte Mädchen war dann nach dem Abitur vor beiden in eine weit entfernte Wüste geflohen. Schon damals lange vor der Katastrophe standen dort überall Schilder mit dem Radioaktivitätssymbol. Es war ein Ort, der besser nie gegründet worden wäre, denn er war der eigentliche Grund aller unserer heutigen Missstände: Los Alamos.


An dieser Stelle riss der Traum ab.


Hatte mir mein Vater nicht einmal unter Tränen erzählt, dass er die erste Liebe seines Lebens tragisch verloren habe?


So sehr ich mir auch Mühe gab, ich konnte mich nicht an den Namen erinnern, weder an den des imitierenden Lehrers, noch an den des Komponisten. Lediglich das war mir jetzt klar: Die Person, die mein Vater geschildert hatte, erinnerte mich an den fremden Reisenden im roten Paco gestern. Kam er mir von daher bekannt vor?


Golie schlug die Augen auf und rutschte unter meine Decke zu unserem morgendlichen Kuschelritual. Wir löffelten, und er fragte mich begeistert, ob er heute wieder zum Organisten gehen dürfe. Seit einiger Zeit verbrachte der Vierjährige viel Zeit mit dem freundlich, ruhigen Mann. Mit Steffen, so hieß er, hatten wir uns beide angefreundet. Ich setzte volles Vertrauen in ihn, da er mir ja auch nicht unsympathisch war. Allerdings hatte er alle meine schüchternen Annäherungsversuche abgeblockt. Er schien mir nur mit der Musik oder besser mit seiner Orgel liiert zu sein, oder besser mit dem, was davon noch übrig war.

Da es seit der Katastrophe keine Elektrizitätsversorgung mehr gab, brauchte Steffen immer einen Helfer, der den riesigen Orgelbalg treten konnte. Er hatte mir auch voller Stolz berichtet, dass er in mühsamer Kleinarbeit alle elektrischen Mechanismen zur Steuerung der Register wieder in eine ursprüngliche Mechanik zurück gebaut habe. Nur deswegen funktionierte das königliche Instrument wieder.

Es vergingen Jahre, in denen ich lernte, immer schönere Kartoffeln anzubauen, um sie Herrn Mayr für Tauschgeschäfte anbieten zu können. Steffen hatte hingegen Golie beigebracht, den Balg zu treten, was dem kleinen Knirps anfänglich sichtlich schwergefallen war, aber jetzt schien es gut zu klappen, denn er pustete fast täglich stundenlang die Luft in die Pfeifen. Was hatte der Junge bloß für Gene, dass er so ausdauernd war? Oder war es Steffen, der ihn anspornte? Suchte er einen Ersatzvater? War es lediglich die Musik?

Mir jedenfalls war es recht, denn Kindergärten gab es ohnehin nicht mehr, und ich hatte so genügend Zeit, mich um meine Land- und die kleine Hauswirtschaft zu kümmern. Dies war am Anfang beschwerlich genug, als ich mir Rat und Tat sowie notwendiges Saatgut und Gerätschaften von den Nachbarn holen bzw. ausleihen musste. Aber dank Herrn Mayr und unser beider Verhandlungsgeschick hatte ich jetzt alles zur Hand, was ich benötigte; und unser Mann mit dem Paco im Dorf, sozusagen der designierte Dorf-Chef, pflügte mir im Frühjahr sogar mein Feld, was mir das Leben sehr erleichterte. Wir waren inzwischen sogar soweit, dass wir für unsere Milchversorgung eine eigene Ziege, unsere Selma, hatten, die nachts im Stall und am Tage in den Gräben und Hecken um unser Dorf herum graste.

Golie und ich erwachten und ich bereitete unser Frühstück, das aus Getreidebrei und -kaffee jeweils aus eigenem Anbau mit Ziegenmilch und Quark bestand. Golie plapperte lustig auf mich ein und zeigte mir eines Tages eine Notenzeile, auf die er eine Melodie gekritzelt hatte. Ich war ziemlich erstaunt, und er erläuterte mir dazu, dass Steffen dies gestern auf der Orgel gespielt habe. Ich konnte zwar die Noten lesen, das hatte mir mein Vater noch beigebracht, ich konnte aber nicht perfekt vom Blatt singen, sodass ich nur im Ansatz erkennen konnte, dass dies wohl eine d-Moll-Melodie war, er hatte genau ein ‚b‘ am Anfang notiert.

„Hast du das alles alleine geschrieben?“, fragte ich ungläubig. „Das glaube ich nicht! Der Steffen hat dir geholfen, oder er hat es dir aufgeschrieben.“

„Aber Mama, ich belüge dich doch nicht!“, gab er beleidigt zurück.

Ich überlegte. In der Tat musste ich in diesem Punkt Golie recht geben; er war immer sehr darauf bedacht, ehrlich und aufrichtig zu sein.

Mir fiel plötzlich ein, dass mir Steffen letztes Frühjahr eine Weidenflöte geschenkt hatte, die ich achtlos im Schrank aufbewahrte. Ich kramte sie hervor. Golie machte große Augen!

„Aber Mama, kannst du Flöte spielen?“ fragte er mich aufgeregt.

„Nur ein wenig“, antwortete ich. „Mein Papa hatte es mir einmal gezeigt, aber ich war damals noch sehr klein gewesen.“

„Wie alt warst du da?“, fragte er interessiert.

„Na, so vier etwa. Ha! genauso alt wie du jetzt! So ein Zufall!“, erwiderte ich und war selbst überrascht. „Lass mal sehen, ob ich das noch hinbekomme.“

Ich versuchte es, aber schon am Anfang mit dem Pralltriller auf dem ‚a‘ scheiterte ich, bei der folgenden schnell abfallenden d-Moll-Sequenz versagten meine Finger.

„Aber Mama, du kannst doch bei Steffen vielleicht fragen… Er kann Flöte spielen… und bringt es dir sicher bei“, rief er begeistert aus und schüttete beinahe seine Milch aus.

„Aber ich habe doch gar keine Zeit dafür! Ich muss doch das Feld bestellen!“, entgegnete ich ihm halbherzig.

„Schade.“ Er war sehr enttäuscht!

„Aber weißt du was? Wenn du so schöne Noten schreiben kannst, warum willst du es nicht selbst lernen? Ich schenke dir die Flöte! Steffen wird das schon verstehen!“

Golie blieb der Mund offen stehen vor freudigem Schreck.

„Du… Du schenkst mir deine Flöte? Im Ernst?“ Dann sprang er vom Stuhl, kletterte auf meinen Schoß und umarmte mich herzlich. Ich war überrascht von seiner heftigen Reaktion. Er nahm die Flöte, und ich zeigte ihm, dass der tiefste Ton dann herauskam, wenn man mit den Fingern alle Löcher zuhielt. Auch er brachte dies nach einigem Probieren zustande. Dann verzog er sich nach draußen.

Ich räumte den Frühstückstisch ab und freute mich sehr, ihm eine so große Freude gemacht zu haben. Nach einer Weile, ich wollte gerade die Harke holen, um die letzten Kartoffeln zu ernten, tauchte Steffen mit dem Fremden von gestern auf.

„Hallo, Mary Lou!“, begrüßt er mich. „Wo ist Golie?“

Ich tat etwas befremdlich wegen seiner Unhöflichkeit, mir nicht den Fremden vorzustellen, was er tatsächlich auch dann sofort bemerkte. Steffen war manchmal etwas ungehobelt, aber glich es dann immer wieder mit spontaner Herzlichkeit aus.

„Ach ja, das ist Mr Grinder. Er kam gestern Abend mit seinem Fahrer in dem roten Paco. Er ist ein junger Musiker und hatte gehört, dass hier bei uns noch eine Orgel funktioniert. Wir wollten jetzt zusammen spielen und wollten Golie bitten, den Blasebalg zu treten. Wo ist er?“

Steffen war wieder einmal viel zu schnell, aber auch Mr Grinder war ebenso wenig feinfühlig.

Nachdem er mich wiedererkannt hatte, schlug der graue Fremde sich mit seinem Reitstock in die andere Hand und warf mir einen tiefen Blick in die Augen zu, ohne ein Wort zu sagen. War das sein spezielles ‚Accessoire‘? Trug er diesen Stock immer? War das eine Geste der Verlegenheit, der Dominanz, einer Zuneigung?

Ich fühlte mich plötzlich unterlegen, wie eine echte, unterwürfige Frau, die gerade dabei war, in eine unglückliche Liebe mit einem unbekannten Mann zu verfallen. Mein Gefühl war nicht negativ. Die Aura des Fremden kehrte es ins Positive um und sogar weit mehr, ich fühlte mich erstaunlich gut dabei. Allerdings brauchte ich etwas Zeit, um mir Klarheit darüber zu schaffen.

„Ich habe Golie heute morgen die Flöte gegeben, die du mir letztes Frühjahr geschenkt hattest, Steffen. Ich hoffe, das ist okay für dich. Jetzt ist er damit allerdings auf und davon. Ich weiß nicht, wo er steckt.“ Und mit einem stolzen Hinweis auf das Papier mit der Notenzeile ergänzte ich: „Das hat er mir heute gezeigt und behauptet, er habe das geschrieben.“

Der Fremde warf einen flüchtigen Blick darauf und krächzte mit einer rauen Stimme: „Das ist von Bach, das Thema der d-Moll-Toccata.“

„…die hatte ich gestern auf der Orgel geübt“, räumte Steffen schnell ein. „Sollte der Bengel das Notensystem so schnell begriffen haben? Er hatte mir Löcher in den Bauch gefragt, die ganze Zeit schon, wegen der fünf Linien und der Punkte mit Fähnchen daran. Das wäre ja phänomenal!“

„Ein zweiter Mozart“, schnarrte Mr Grinder lachend hinterher.

Warum Steffen mir den Fremden als „Mr Grinder“ vorstellte war mir unklar. Stammte der Fremde etwa aus England oder gar aus den USA? Wie war sein Vorname? Ich wollte jetzt nicht neugierig, danach fragen. Nicht jetzt...

Plötzlich sah Grinder mein Poster mit dem vollbusigen Blondschopf. Er war fasziniert, konnte seine Augen nicht abwenden, und blieb an dem Plakat kleben, wie eine Fliege an einer Leimrute. Ich sah, dass er den Namen der Unterschrift las.

Es war wie eine Liebe auf den ersten Blick! Ich war so eifersüchtig! Ich hasste sie!

Dennoch bemühte ich mich, zunächst ganz ruhig zu bleiben und machte einige Bemerkungen über das Wetter.

Die beiden Männer verabschiedeten sich und verließen meine Wohnung. Als ich sah, wie sie um die Ecke bogen, ließ ich meinen Gefühlen freien Lauf und schrie gegen das Plakat: "Du Schlampe, du Fotze!" und noch ein paar weitere hässliche Worte.

Schließlich riss ich das Plakat von der Wand und verbrannte es in meinem Ofen.

Wien, St. Marx

Herbert Gerstenmayer war sauer. Er war heute besonders früh aufgestanden, um zu der für 8.00 Uhr angesetzte Besprechung mit seinem Chef rechtzeitig im Laborbunker zu sein. Es war ein weiter Weg dorthin vom siebten Bezirk, wo er in der Myrthengasse in einer alten Hausruine wohnte. Da es nach der Katastrophe auch hier in der österreichischen Hauptstadt keinen Nah-verkehr mehr gab, war es jeden Morgen mühsam, zu Fuß zum Ring zu laufen und sich dann in Richtung Rennweg durch die Ruinen diese seltsame Abkürzung zu nehmen. Aber er hatte es heute rechtzeitig geschafft, und nun war es der Boss, der fehlte! Seine Assistentin Christiane war von diesen Besprechungen befreit, in denen alle vierzehn Tage die neuen Projektschritte festgelegt wurden. Herbert musste diese dann in konkrete Tagesarbeitseinheiten für sie umsetzen.

Es war gespenstisch in dem menschenleeren molekularbiologischen Labor tief unter der Erde, das noch kurz vor der Katastrophe in einen zehn Stockwerk tiefen, atombombensicheren Bunker umgezogen war. Die oberirdischen Neubauten des alten Biozentrums hatten es nicht überstanden und waren völlig zusammen-gestürzt. Aber der Wissenschaftsbetrieb unter der Erde, der noch kurz vorher durch enge Zusammenarbeit der Universität Wien mit einigen amerikanischen Großinvestoren große Fortschritte erzielt hatte, konnte auch nach der Katastrophe aufrechterhalten werden. Die Investoren sahen eine besonders strategische Lage der alten k. u. k. Hauptstadt als Tor zu Osteuropa und pumpten deswegen Milliarden von Dollars in ethisch nicht unumstrittene Klonierungsprojekte. Zum Schutz vor dem Widerstand von Gruppen wie Greenpeace, die militant-aggressiv ganze Forschungseinrichtungen lahmlegten, entschloss man sich deswegen, die Forschung nach unten, in die Erde, in einen Bunker, zu verlegen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit heimlich weiterzuarbeiten, während in dem überirdischen Biozentrum zur Tarnung auf harmlose, ja sogar von allen Umweltschutzgruppen geförderte grüne Biotechnologie umgestellt wurde. Diese Art von Geheimhaltung funktionierte vorzüglich.

Niemand hatte damals ahnen können, dass die Atomforschung einiger Schwellenstaaten schon so weit fortgeschritten gewesen war, dass es dann zu einer solchen Katastrophe kommen konnte. Aber auf diese Weise hatte die Biotechnologie in Wien überlebt, und die Forschung hatte auch danach weiter floriert.

Unwirsch holte Herbert sein Laborbuch hervor und schaute sich seine neuesten Ergebnisse an, die er in seiner exakten Naturwissenschaftlerschrift aufgezeichnet hatte. Früher hatte er alles mit dem Computer geschrieben, aber heute war eh die wertvoll gewordene Rechnerkapazität streng reglementiert. Das schwache elektrische Licht, das das Labor beleuchtete, war schon Luxus genug in diesen Zeiten danach. Nur dem außerordentlichen Engagement Prof. Baums, Herberts Chef, war es zu verdanken, dass das Notstromaggregat mit mehreren Holzvergasern gekoppelt wurde und so die notwendige Energie für den Betrieb der Rechner und der Laborgeräte im Bunker erzeugt werden konnte. Eine ganze Mannschaft von Heizern arbeitete dort, um Holz in die Öfen zu schaufeln. Dennoch hatte gerade in der Übergangszeit ein großer Engpass geherrscht, und einige Projekte hatten eingestellt werden müssen.

„Warum kommt der Alte heute nicht?“, fragte sich Herbert, als frisch mit einem Lied auf den Lippen Christiane, seine Assistentin, ins Labor rauschte. Es war bereits 9.30 Uhr, und sie wunderte sich, dass Herbert nicht – wie immer am Montag – mit dem Alten die Köpfe zusam-mensteckte .

„Was ist los?“, fragte sie überrascht und band ihre brünette Lockenpracht mit einem Haargummi zusammen, den sie zwischen den Zähnen hielt, weshalb die Worte etwas zerquetscht und verzerrt aus ihrem rot geschminkten Mund herauskamen und Herbert sie nicht verstand.

„Was meintest du?“, fragte er nach.

„Wo ist der Alte heute?“, formuliert sie erneut und zog ihren sauberen gelben Laborkittel an.

„Keine Ahnung“, erwiderte Herbert. „Ich bin stinksauer, weil ich heute ausnahmsweise einmal pünktlich war. Ausgerechnet jetzt scheint sich der Alte zu verspäten.“

„Verspäten?“, spottete sie. „Wann wart ihr denn verabredet?“

„Um 8.00 Uhr, wie immer“, antwortete Herbert, und aus seiner Antwort klang schon leichte Besorgnis.

„Dann ist das keine Verspätung mehr“, schob sie nach.

„Ich weiß, aber was sollen wir machen?“

„Früher konnte man in diesen Fällen anrufen, mit einem Handy sogar! Aber heute besteht das Leben nur noch aus ‚Warten‘ und ‚Rennen‘“, versuchte sie einen Scherz.

„Na, vom ‚Warten‘ habe ich jetzt genug, ich werde mich dann also aufs ‚Rennen‘ stürzen.“, konterte er.

„Weißt du denn, wo der Alte wohnt?“

„Nicht genau, aber irgendwo draußen in Richtung zur Donauinsel, glaube ich. Vielleicht sollten wir doch noch warten. Er ist doch immer so zuverlässig und wird sicher gleich aufkreuzen.“

„Du kannst mir gerne beim Füttern der neuen Stammzellen helfen. Letzte Woche habt ihr mir ja einen riesigen Versuchsansatz aufgebrummt, den schaffe ich fast nicht; und wenn ich die Zellen nicht rechtzeitig verdünne, gehen sie hops, das weißt du auch. Was habt ihr denn wieder für tolle Genome ausgegraben, dass wir gleich so viele Zellen brauchen?“

„Du weißt, das sagt mir der Alte auch nicht! Aber bevor ich nach ihm schaue, helfe ich dir besser. Vielleicht kommt er ja dann auch.“

Herbert zog sich seinen gelben Kittel an und warf die beiden Sterilbänke an. Das sind Tische mit einem vorne offenen Plastikkastenaufsatz, bei denen ständig von hinten sterile Luft geblasen wird. Für das Züchten von Zellen in sterilen Kulturgefäßen sind diese Geräte, auch ‚Flows' im Laborchargon genannt, zwingend notwendig, damit die Zellkultur beim Öffnen der Gefäße nicht durch die vielen kleinen Lebewesen die immer in der Luft herumschwirren, in die Gefäße gelangen können. Die Sterilität der Tische müssen regelmäßig mit einem Wischtest über-prüft werden, den Gerstenmayer gerade durchführte, um die hoffentlich nicht vorhandene Verkeimung zu messen, während Christiane aus den Brutschränken die Behälter mit den embryonalen Stammzellen auf einen wärme isolierten Wagen stellte und auf die beiden Flows zu schob. Herbert holte die Flaschen mit den frischen Nährmedien, und beide Wissenschaftler begannen mit der Arbeit. Es war schon erstaunlich, dass eine solche Forschung ‚danach‘ – also nach der Katastrophe – noch möglich war. Leider kam es oft zu Engpässen bei Reagenzien oder Verbrauchsartikeln, und alle mussten improvisieren. Aber unter dem Strich waren sie wohl recht erfolgreich, inzwischen auch unter kommerziellen Aspekten.

Die alten Investoren, hätten sie die Katastrophe überlebt, hätten sich vor Freude die Hände gerieben und an der Börse, die nicht mehr existierte, sicher riesige Gewinne eingefahren. Nur dunkel erahnten die beiden, was ihr Boss mit den befruchteten Humanzellen in Zeiten an-stellte, da Kinder wirklich nicht mehr natürlich geboren werden konnten. Jeder Fachmann wusste, als wie heikel der menschliche Zeugungsakt unter rein biochemischen Aspekten einzustufen war und wie empfindlich er auf Radioaktivität reagierte, von zwischen-menschlichen Komplikationen einmal ganz abgesehen. Fast täglich wurden die fertigen Zellen abgeholt und mit einem Spezial-Paco weggefahren. Der hatte sogar eine Art Tiefkühltruhe auf der Ladefläche, um die Zellen möglichst lange zu erhalten.

Gegen Mittag – sie waren gerade fertig mit dem Füttern der Zellen – kam ein Anruf über das hauseigene Telefonnetz, das auch noch funktionierte. Christiane und Herbert dachten erst, jetzt melde sich der Alte zurück, aber er war es nicht, sondern einer der Pförtner, der Herbert darüber informierte, dass ein unbekannter Herr den Prof. Baum sprechen wolle.

„Prof. Baum ist nicht hier. Wir vermissen ihn. Er wollte schon gegen 8.00 Uhr heute Morgen dabei sein, aber war hier nicht da. Das ist sehr ungewöhnlich! Was will der Herr von ihm?“

„Das sagt er mir nicht. Vielleicht kommen Sie besser zu mir und reden selbst mit dem Fremden.“, antwortete der Pförtner.

„Ich gehe schnell an die Pforte Christiane,“ meldete Herbert sich bei ihr ab, zog den Kittel aus und ging zum Treppenhaus, nicht ohne sich noch einmal heimlich Christiane genau anzuschauen. Denn ihm gefiel, was er an ihr sah: ihr vollschlanker, fast barocker Körper und ihre vollen Brüste, die sich auch im taillierten, hochgeschlossenen Laborkittel deutlich abzeichneten. Er konnte es sich nicht rational eingestehen, was er für seine Kollegin empfand, aber im Bauch registrierte er oft Schmetterlinge bei ihrem Anblick, und dieses Anzeichen waren eigentlich eine klare Äußerung seines Unterbewusstseins, die er auch deswegen ignorierte, weil er nicht das Gefühl hatte, bei der Kollegin wirklich landen zu können.

Sie war, ungeachtet dessen, vor allem in letzter Zeit etwas abweisend und roch zuweilen seltsam ‚fischig‘, wenn sie am Morgen heran rauschte und sie sich beim gemeinsamen Tragen der schweren Behälter sehr nahe kamen. Er hatte dann immer die Fantasie, dass sie morgens keine Zeit zum Duschen hatte oder diesen Geruch als Erinnerung an die vergangene Nacht nicht verlieren wollte. Eigentlich wusste er gar nichts von ihr, außer dass sie eine zuverlässige und kreative Mitarbeiterin war. So malte er sich ihr aufregendes Privatleben mit den wildesten Orgien in ihrer Freizeit aus und ließ sich selbst in seiner Phantasie daran teilhaben. So sind sie eben die Männer!

Oben angelangt, stand ein Mann in einem dunklen, langen Ledermantel und schwarzem Hut im Eingang und schlenderte angespannt auf und ab. Gerstenmayer sprach ihn an, aber der Fremde verhielt sich äußerst distanziert und fast schon unhöflich. Seinen Namen nannte er nicht und wollte sofort den Professor sprechen. Es sei sehr wichtig, ja sogar lebenswichtig, drängelte er ungehalten. Er sprach mit britischem Akzent. Als Gerstenmayer ihm zu verdeutlichen versuchte, dass der Chef heute noch nicht im Labor erschienen sei, ja sogar einen vereinbarten Termin habe sausen lassen, wurde der Fremde kreidebleich und versuchte jetzt schnell, Gerstenmayer loszuwerden, um abzuhauen.

„Wenn er auftaucht, versuchen Sie mich bitte so schnell wie möglich zu benachrichtigen. Geben Sie bitte in der Kneipe Café Servus gegenüber dem Haydn-Denkmal nahe der ehemaligen Maria-Hilf-Kirche Bescheid, und sagen Sie lediglich, dass Sie eine Nachricht hätten, und geben an, wo der Prof. zu treffen sei.“ Dann schlug er den Mantel vorne zusammen und ließ Gerstenmayer wie einen begossenen Pudel stehen.

„Unfreundlicher Zeitgenosse“, knurrte dieser. Anstatt wieder hinunter ins Labor zu gehen, bat er den Pförtner um das Telefon und informierte Christiane, dass er jetzt in die Stadt gehen und nach Baum schauen wolle. Allmählich machte er sich Sorgen. Es gab eigentlich nur eine Erklärung, die das Verhalten seines Chefs erklärte, außer derjenigen, die Katastrophe hätte schon wieder ein Spätopfer gefordert. Er aber wollte sicher-gehen und begab sich auf den Weg zu Baums Wohnung in der Nähe der ehemaligen UNO-City.

Eine Lovestory danach

Marietta und Hannes hatten zunächst in einer recht gut erhaltenen Hausruine in Maua bei Jena gewohnt. Früher ist da einmal die Autobahn A4 verlaufen und hat hier das Leben durch den ständigen Verkehrslärm unerträglich gemacht. Zu dem tiefen, regelmäßigen Brummen der Lkws hatte sich ab und zu ein getunter Porsche oder gar ein Ferrari gesellt, und das alles war vom hohen Schnurren einer Ducati oder einer Kawa überlagert worden. Aber diese Zeiten waren vorbei! Die riesige doppelte Saalebrücke, deren einer Teil aus gelbem Saale-Sandstein noch aus Hitlers Zeiten stammte, während der andere nur wenige Jahre nach der Jahrtausendwende dazu gebaut worden war, um einen sechsspurigen Ausbau zu ermöglichen. Eben diese lange Talbrücke war völlig zerstört. Im Hintergrund waren riesige längliche Schutthaufen zu sehen: Die alten DDR-Plattenbauten aus Lobeda hatten die Katastrophe nicht überlebt und waren dank ihrer schon immer mangelhaften Bausubstanz wie Kartenhäuser zusammengefallen.

Die beiden waren keine Thüringer, sondern hatten aus geheimer Quelle erfahren, dass die Strahlenbelastung in Thüringen besonders gering sein solle. Das war für sie der Grund gewesen, sich dort anzusiedeln.

Das Paar kam ursprünglich aus Oberbayern, und nachdem Hannes als internationaler Manager einer weltbekannten bayerischen Automarke nicht mehr in die Werke nach Spartanburg in USA oder nach Oxford in England hatte jetten können, um dort sein Wissen aus der Münchner Zentrale an Briten und Amerikaner weiterzugeben, nach der Auflösung des Konzerns also, als plötzlich der Anbau alles Essbaren wichtiger geworden war, da hatten sie beschlossen, Bayern zu verlassen.

Sie waren ein Traumpaar: er männlich muskulös, von normaler Größe und mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, ein Freihandkletterer, der sich durch ständige Übung in Form hielt; Marietta dagegen das weibliche Gegenstück mit langen mittelblonden, kräftigen Haaren und vielen Naturlocken. Ihr Gesicht war breit mit vollen Lippen und starken Wangenknochen, die ihrem Gesicht eine slawische Note gaben. Ihre Augen wirkten katzenartig und erinnerten an Madame Chauchats Augen, wie sie im ‚Zauberberg‘ von Thomas Mann beschrieben wurden. Ihr Wesen war zwar dominant, aber sie hatte es im Gegensatz zur lungenkranken Russin im Roman nicht nötig, Türen laut zu zuwerfen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie betrat einen Raum und erfüllte diesen mit ihrer Person sofort. Ihre schöne Gestalt lenkte alle Blicke auf sich. Wenn ihre tiefe, etwas rauchige Stimme dann noch mit einem Gruß nach half, nahm sie jeden sofort für sich ein.

Sie war meine engste Freundin in Polling gewesen, und ich hatte ihr lange nach getrauert, als sie zusammen mit ihrem Hannes weggegangen war und unser Traumpaar die Gemeinde verlassen hatte. Marietta hatte mir als ihrer besten Freundin anvertraut, dass sie beide gerne ein Kind hätten. Aber wie bei fast allen Paaren hatte die Katastrophe jegliche Hoffnung auf Fortpflanzung genommen. Marietta selbst war Heilpraktikerin und kannte sich in medizinischen Dingen gut aus. Ihr war klar, dass die komplexen Prozesse einer menschlichen Fortpflanzung durch die radioaktive Strahlung an vielen Stellen gestört wurden. Schon die turnusmäßige Einnistung eines Eies in die Gebärmutter war bei ihr wie bei fast allen jungen Frauen ge-stört, sodass von regelmäßigen Zyklen gar keine Rede mehr sein konnte. Falls aber tatsächlich einmal der Zufall half und ein männliches Spermium ein befruchtungsfähiges Ei antraf, dann war die Rate an verschmelzungsfähigen Spermien so gering, dass es so gut wie nie zu einer Befruchtung kommen konnte.

Es war allen Frauen klar, dass eine Fortpflanzung in dieser Umgebung nicht mehr möglich war. Viele Frauen stürzte dies in eine tiefe Depression, da sie mit ihrer ureigenen Rolle nichts mehr anzufangen wussten.

Für mich war es ein Segen, meinen Golie als Findelkind gefunden zu haben und auf diese Weise meiner Bestimmung als Frau gerecht werden zu können – obwohl ich immer wieder rechnete und mich ständig fragte, wie dieses kerngesunde Kind überhaupt auf die Welt hatte kommen können. Es war mir schon immer ein Rätsel, ein Mysterium, und oder vielleicht gerade deswegen hing ich so sehr an diesem Bengel.

In den vielen Gesprächen mit Marietta am Abend hörte ich deutlich ihre Klage, dass sie – sogar noch mit dem Luxus, sich auf einen verlässlichen Partner stützen zu können – auch gerne ein Kind hätte. Ihr Kummer, dass es nicht mehr so einfach ging, ein Kind zu zeugen wie vor dem Zeitpunkt null, machte sie sehr verzweifelt, und ich stand ihr immer ganz hilflos gegenüber, nahm sie in die Arme und wusste keinen echten Trost.

Eines Tages jedoch kam Hannes mit einer Nachricht von einer Wanderung aus München zurück, die fast zu unglaublich klang, um wahr sein zu dürfen. Es solle irgendwo in Thüringen bei Jena eine Art Klinik geben. Gesunde junge Frauen könnten sich dort einer künstlichen Befruchtung unterziehen. Dies finde in einem großen, alten Bunkersystem statt, wo die Radioaktivität wegen der Tiefe des Berges auf einen Schwellenwert abgesenkt sei, wie er vor der Katastrophe normal gewesen sei. Falls die Eizellen angenommen worden seien, verbrachten die Frauen ihre Schwangerschaft dann dort im Berg. Es klang alles wie im Märchen. Am Abend kam Marietta gleich zu mir gerannt und erzählte mir mit großer Begeisterung davon. Ich wusste sofort, dass ich bald eine sehr gute Freundin verlieren würde, denn ich sah meine abenteuerlustige Freundin schon in den nächsten Tagen neben ihrem Hannes marschierend das Dorf verlassen.

So war es dann auch schnell gekommen. Golie und ich hatten die beiden lange umarmt und ihnen nach gewinkt. Im Stillen hatte ich den beiden gegönnt, auch ein Kind zu haben. Was sind sie doch für ein schönes Paar gewesen!

Über die Donau

In Wien durchkämmte Gerstenmayer mühsam die Ruinen des Rennwegs in Richtung Nordost. Es war ein kalter Herbsttag. Zum Glück regnete es nicht, obwohl der Himmel voller grauer Wolken hing. Bei Regen war es besonders gefährlich, sich im Freien zu bewegen. Je nachdem, ob die Wolken aus Westen vom Atlantik, noch halbwegs unbelastet, oder eher aus Süden vom stark verseuchten Mittelmeer kamen, brachten Niederschläge gewaltige neue Radioaktivitätsmengen. An den darauf folgenden Tagen hatten die Leichengräber wieder viel Arbeit, denn nach dem neuerlichen Fall-out starben vor allem ältere Menschen wie die Fliegen.

„In den vorangegangenen Tagen war es viel wärmer; der begleitende Dauerregen muss wohl von Süden gekommen sein“, spekulierte Gerstenmayer so vor sich hin.

Früher hatte es ja stündliche Wetterprognosen gegeben, aber das war einmal. Jetzt mussten sie ihre Prognosen aus einigen eigenen Beobachtungen selbst machen!

Warum musste dieser Nahost-Konflikt dermaßen eskalieren und ausgerechnet das Mittelmeer so hoch verstrahlen? Je mehr sich Gerstenmayer diese Fakten zusammenreimte, desto wütender wurde er.

Hatte es jetzt auch den Boss erwischt? Was würde aus ihren Jobs werden, wenn er nicht mehr da sein sollte? Er war der alleinige Wissens-träger! Er, der sie bisher so erfolgreich durch diese miese Zeit geführt hatte. Wie oft hatte er der Belegschaft erlaubt, im Keller zu bleiben, ja sogar tagelang zu übernachten, wenn ein tödlicher Dauerregen her niederging, den der warme Südostwind brachte? Erst wenn der Wind drehte und aus Westen kam und der noch wenig belastete Atlantikregen den radioaktiven Dreck wieder in die Gullys gespült hatte, gingen sie wieder ins Freie. Auch wenn ihre Behausungen dann geplündert waren, weil sie sie am Abend nicht hatten bewachen können. Aber immerhin sie hatten doch wieder ein Stück Leben gewonnen.

Gerstenmayer erwachte aus einem Tagtraum, als er an die Donau kam. Die große, schwere Brücke, die einmal die U-Bahn und die Autobahn über den Fluss geleitet hatte, war zerstört, hing an zwei Stellen in das Wasser hinunter und war auch für geübte Kletterer unpassierbar. Stattdessen lagen kleine Kähne am Ufer, die man gegen etwas Essbares mieten konnte. Das Fährgeschäft war ausschließlich in der Hand der Chinesen, denn eine Art chinesische Mafia beherrschte die Szene. Immer wieder hörte man von Schutzgelderpressungen und ermordeten schlitzäugigen Fährmännern, wobei nicht klar war, ob das eine unnatürliche Folge dessen war, dass Unbeugsame von der Organisation gezwungen wurden, verstrahltes Wasser als Vergeltungsmaßnahme zu trinken, oder ob es der normale Fall-out nach einem dieser warmen Südregen war. Wer konnte das heute unterscheiden? Eine zuständige Polizei in einer menschenleeren Großstadt wie Wien gab es zwar auf dem Papier, aber die labortechnischen Hoch-Zeiten der Forensik waren mit der Katastrophe untergegangen.

Schreiende, kleine Chinesen mit langen, zerzausten Bärten stürmten auf Gerstenmayer ein und wollten ihm ihre Fährdienste anbieten. Gott sei Dank, dass er sein Frühstücksbrot heute nicht gegessen hatte! So reichten eine Hälfte und ein halber Apfel für das erste Übersetzen. Den Rest brauchte er für den zweiten Fährmann hinter der Donauinsel und den Rückweg. Der kleine, alte Fährmann schlang das Essen aus Hunger sofort in sich hinein, dann nahm Gerstenmayer Platz und wurde hinüber gestakt. So hatte er sich ‚Vasudeva‘, den Fährmann aus der indischen Welt von Hermann Hesse, dem Erfinder des Glas-perlenspiels, immer vorgestellt, von dem er einmal gelesen hatte. Dieser hier war aber definitiv kein Inder, denn er hatte Schlitzaugen. Würde ihm dieser verstrahlte Fluss auch etwas vom Leben erzählen, wie es im Roman von Hesse so poetisch geschildert wird? Oder können aus dem Plätschern des Wassers nur verrauschte Durchsagen der Radioaktivitäts-Pegel zu verste-hen sein? Für andere Mitteilungen gab es in dieser Gegenwart keine Zeit.

Konnte man diesem ‚Vasudeva‘ trauen? Das Übersetzen war immer ein Risiko, denn es gab wohl auch Fälle, bei denen unredliche Fährmänner ihre Passagiere in der Mitte des Flusses ausraubten und über Bord warfen, was den sicheren Strahlentod bedeutete angesichts der bestehenden Belastung des Donauwassers. Einige Fähren waren mit Blei verkleidet, so auch der Kahn, den Gerstenmayer gewählt hatte. Dies bot den Fahrgästen, aber auch den Fährleuten einigen Schutz vor der radioaktiven Strahlung. Ansonsten war die Lebenserwartung der Flusschinesen nicht sehr hoch.

Gerstenmayer war dennoch froh, das andere Ufer zügig und heil erreicht zu haben. Drüben erwarteten ihn die hohen Schuttmulden der ehemaligen UNO-City in der Wagramer Straße. Die hohen Wolkenkratzer waren durch die Katastrophe alle besonders in Mitleidenschaft gezogen worden, zumal arabische Selbstmord-Terror-Kommandos schon vorher mit einer kleinen Neutronenbombe das IAEA-Headquarter, den Sitz der Atomkontrollkommission, in die Luft gejagt hatten. Deshalb sah es hier in dieser Gegend so besonders verheerend aus. Gerstenmayer folgte den schmalen Wegen durch die Ruinen und war jetzt nahe der Stelle, wo er die Wohnung Prof. Baums vermutete. Die musste doch irgendwo zwischen der Bernstein-Straße und dem Bruno-Kreisky-Platz gewesen sein? Es war schon lange her, dass Baum ihn gebeten hatte, mit nach Hause zu kommen, um ihm einen Artikel auszuhändigen.

Die Gegend dort war menschenleer. Gerstenmayer wollte jemanden dort fragen, aber er fand niemanden. Weiter weg schaute ein Mann mit einem schwarzen Ledermantel zu ihm herüber. „Hatte ich den nicht schon einmal gesehen?“, fragte er sich selbst und ging auf ihn zu. Aber im nächsten Augenblick war der Mann um eine Litfaßsäule herum gegangen, als wollte er unsichtbar bleiben. Dort angekommen, trat Gerstenmayer hinter die Säule, sah aber nie-manden mehr. „Habe ich geträumt?“, fragt er sich und setzte dann die Suche nach Prof. Baums Wohnung fort, an die er sich kaum noch erinnern konnte.

Die erste Türe, an die er klopfte, wurde nicht geöffnet und niemand antwortete. Die Tür war nicht verschlossen. Er drückte sie auf und ein Schwall Leichengeruch kam ihm entgegen. Auf einer Art Sofa lagen zwei alte Menschen und hielten sich einander die Hände. Die Ratten hatten mit der Wiederverwertung der Körperteile schon begonnen. Es waren besonders große Exemplare mit glattem, glänzendem Fell! Gerstenmayer zwang sich, den Mann näher zu betrachten. Konnte der Mann, der da saß Prof. Baum sein? Er scannte den toten Körper visuell ab, aber er fand keine positiven Übereinstimmungen. Angeekelt drückte er die Tür wieder zu und hielt den Atem an, um dem Gestank zu entgehen. Die nächste Wohnung, die er öffnete. war zu seinem Erstaunen vollständig durchwühlt. Überall waren beschriebene Blätter verstreut. Schränke und Schubladen gab es in der Wohnung nicht, aber sehr viele Kartons, die zuvor ordentlich und sicher einmal mit einer durchdachten Systematik aufgestapelt worden waren. Doch jetzt lagen alle kreuz und quer, als hätte hier jemand etwas gesucht. Gerstenmayer konnte sich nicht vorstellen, dass sein Boss in einem solchen Chaos wohnen sollte. Offensichtlich war Baum schon lange nicht mehr hier in seiner Wohnung gewesen. Wo war er? Um der Beantwortung dieser Frage etwas näher zu kommen, legte Gerstenmayer Mantel und Schal ab und schaute sich die herumliegenden Papiere genau-er an. Vielleicht fand er hier einen Anhaltspunkt. Aber es viel ihm zunächst nichts Verdächtiges auf. Plötzlich jedoch stieß er auf eine Kopie eines Schreibens, das ihm die Sprache verschlug. Er setzte sich, las noch einmal langsam. Plötzlich ging ihm ein Licht auf. Konnte das wirklich wahr sein? Er war von seiner Entdeckung so fasziniert, dass er gar den verschwundenen Prof. Baum völlig vergaß und nur noch seiner Entdeckung nachging.

Allmählich wurde es dunkel, und Gerstenmayer fiel das Lesen in der düsteren Wohnung schwer. Er schaute auf die Uhr und erschrak. „Ich sollte mich auf den Heimweg machen. Bei Dunkelheit sollte man die Fährchinesen meiden“, dachte er sich, raffte einige der wichtigsten Papiere zusammen, zog seine Kleider an und ging – immer noch verblüfft wegen seiner außerordentlichen Entdeckung – zurück.

Grinder spielt Orgel

„Go – o – o – o – olie, Go – o – o – o – olie! Golie, wo bist du?“, rief ich in Richtung Dorf.

Nichts rührte sich. Es wurde schon dunkel, und ich begann mir Sorgen zu machen. „Er wird wohl wieder bei Steffen sein“, beruhigte ich mich. Da aber der Föhn gerade am Zusammenbrechen war und danach wieder mit hoch belastetem Regen aus dem Süden zu rechnen war, zog ich schon einmal mein dichtes Regencape über und rannte in Richtung Klosterruine, um ihn zu suchen und noch vor dem Fall-out nach Hause zu holen.

Schon von weitem hörte ich die Orgel. Es war eine völlig andere Art von Musik, als ich sie bisher von Steffen kannte. Offensichtlich spielte heute jemand anderes und da musste ich mich nicht wundern, dass Golie nicht rechtzeitig nach Hause kam. Die Musik war wunderschön, ich hatte so etwas noch nicht gehört und ich war alles andere als ein Laie auf diesem Gebiet. Mein Vater hatte mich zur klassischen Musik herangeführt. Vielleicht war aber auch alles eine Frage der Gene. Er hatte meine Anlagen früh erkannt und mir gezeigt, wie schön gerade einfache Melodien sind und wie raffiniert sie zu Harmonien verwoben werden konnten, um sie dann in verschiedenen Tonarten zum Tanzen zu bringen. In jüngster Zeit, seit Golie sich dieser Kunst mit rasenden Schritten anzunähern versuchte, sah ich mich plötzlich auch in der Rolle der Lehrerin vor allem auch in dem Sinne, dass ich analytisch sein Potential auslotete und versuchte, ihn zusätzlich möglichst optimal zu fördern.

Mein Vater hatte eine große Musiksammlung besessen: Schallplatten, CDs und sogar noch ein paar alte Tonbänder. Ich erinnere mich, dass er vor dem Super-GAU, als es noch Strom aus der Steckdose gegeben hatte, sich am Feierabend gerne mit einem Glas Rotwein immer in den gleichen Sessel gesetzt hatte. Von dort aus hat er dann eines seiner alten Bänder umständlich in seine TEAC-Maschine eingefädelt, um sich dann vollständig der Musik hinzugeben. Was die Bänder anbelangte, hatte er dann nicht nur im Reich der Klänge, sondern auch im Reich seiner Erinnerungen geschwebt, weil er alle Aufnahmen irgendwann einmal persönlich aus dem Radio aufgenommen hatte. Während seines Studiums hatte er mit dem Musiksammeln begonnen, jetzt waren einige Raritäten für ihn dabei gewesen: Salzburger oder Bayreuther Festspiele, die einige Jahrzehnte zurückgelegen hatten.

War es diese neue Musik, die mich jetzt an jene alte Zeiten erinnerte und mich so tagträumen ließ? Hatte mein Vater gar dieses Stück, das jemand hier auf der Orgel spielte, damals auch gehört? Ich konnte es nicht ausschließen, aber auch nicht bejahen. Denn damals war ich noch zu klein gewesen. Es klang eigentlich nicht wie ein Orgelstück – es war mehr wie eine Symphonie, die jemand notgedrungen auf der Orgel spielte, weil es keine Orchester mehr gab.

Ich trat in die Kirchenruine unter die Zeltplane ein, schaute nach oben und erkannte am Orgelpult den Fremden mit der hohen Stirn; Steffen stand daneben.

Sein Anblick versetzte mir einen Stich und mein Herz begann heftiger zu schlagen. Krampfhaft versuchte ich meinen Verstand wieder zu gewinnen.

„Sicher tritt Golie den Blasebalg“, dachte ich bei mir. Dann fiel mir auf, dass keinerlei Noten auf dem Spielpult lagen. Der Fremde schien die vielen Noten wohl alle auswendig zu kennen? ‚Welch ein Genie!‘, dachte ich mir und erinnerte mich gleichzeitig auch daran, wie schnell Golie doch inzwischen Melodien aufnehmen und mit seiner kleinen Weidenflöte wiedergeben konnte. Aber was war eine einstimmige Melodie gegen fünf Orgelmanuale, die Fußpedale mit eingerechnet? Die Akustik unter der Zeltplane war schon eigenartig: gedämpft wie in einem trockenen Studio. Der Resonanzkasten der Orgel, den der herrliche barocke Kirchenraum einst dargestellt hatte, fehlte jetzt und wurde durch die Plane ersetzt, die wie ein schallschluckendes Element wirkte. Die Orgeltöne verpufften im Nichts. Dennoch war diese Musik nicht ohne Reiz.

Dann erklomm ich die Leiter auf die Empore. Als mich Steffen sah, da deutete er mir unwirsch mit seinem Zeigefinger auf dem Mund, dass ich mucksmäuschenstill sein sollte. Leise lief ich um das Spielpult herum, schaute durch die offene Orgeltüre. Gleichzeitig konnte mein Blick nicht von Grinder lassen, der genau spürte, wie ich ihn mit Blicken verzehrte, aber sich nichts anmerken ließ. Auf dem Orgelpult lag seine schwarze Reitgerte.

Golie trat verzückt von der Musik den Blasebalg und bemerkte meinen Blick überhaupt nicht. Ich wiederum war neben Grinder von seiner Andacht fasziniert. So blieben wir jeder an seiner unseren Position stehen, verharrten still und hörten dem Fremden zu, der eine neue Musik zu spielen schien.

Plötzlich krachte es draußen. Ein Gewitter schien aufzuziehen. Ein Blitz erhellte grell die Szenerie, und wieder krachte es laut. Dann prasselte der radioaktive Regen aus dem Süden herunter. Der Fremde beendete sein Spiel und schaute skeptisch auf die Dachkonstruktion.

„Das ist schon dicht hier, dafür habe ich gesorgt“, kam Steffen dem Fremden zuvor. „Ach, übrigens, wir haben Besuch bekommen. Darf ich vorstellen? Das ist Maria-Luise. Wir nennen sie hier ‚Mary Lou‘. Wir hatten uns schon einmal kurz gesehen. Sie ist die Mutter des kleinen Golie und hat sich sicher schon Sorgen gemacht, warum er heute noch nicht nach Hause gekommen ist.“

Mir blieb das Herz stehen, als mich sein Blick traf und er instinktiv, die Reitgerte in die Hand nahm. Machte ich ihn etwa auch nervös?

„Ach, meine Mutter hat sicher Verständnis“, fiel plötzlich Golie ein, der hinten aus dem Orgelkasten hervor gekommen war, als die Musik aufgehört hatte. Er strahlte über das ganze Gesicht. Steffen stellte mir den Fremden vor: „Das ist Herr Grinder. Stell dir vor, er ist aus Wien zu uns hierher gekommen. Diese weite Strecke – und das nur wegen der Orgel. Es hat sich in der Musikszene schon herumgesprochen, dass wir hier in unserem kleinen Polling noch eine oder besser gesagt: wieder eine funktionierende Orgel haben. Howard Grinder ist Musiker.“

Der Fremde kam mir dominant entgegen und schüttelte mir edel die Hand.

"Schön, dich kennenzulernen", sagte er ziemlich frech gleich mit einem ‚Du‘. Aber für mich klang es völlig vertraut und so verführerisch.

„Sie haben eben wunderbar gespielt. Kann es sein, dass mir mein Vater diese Musik vor der Katastrophe schon einmal vorgespielt hatte?“

Ich merkte, dass ich, wie ein Backfisch, ver-suchte, bei ihm Eindruck zu schinden und mit meinen Musikkenntnissen bei ihm punkten zu wollen.

Er sah mir tief in die Augen als er wie beiläufig antwortete: „Ach, ich habe nur etwas improvisiert, bin aber so, froh hier zu sein. Diese Orgel ist wunderbar.“ Er strich mit der Reitgerte über das Orgelpult.

War es sein Blick, der meiner Erinnerung ganz plötzlich auf die Sprünge half? Denn da fiel es mir wieder ein, woher ich diese Musik kannte. Es war Mahlers 8. Symphonie, das Lieblingsstück meines Vaters, die ‚Symphonie der Tausend‘. Für mich gerade eher die Symphonie der Tausend Schmetterlinge!

In mir stiegen die alten Zeiten zu hause wie aus einem Nebel ins Bewusstsein. Allerdings mit einigen Unterschieden! Denn jetzt spielte ‚er‘ für mich diese Musik auf einer Orgel hier.

Er? Für mich? Ja, was für ein faszinierender Mann!

Aber ich wollte mit meiner Musikkenntnis nicht weiter angeben und schwieg zunächst. Will ich mich plötzlich unter ihm fügen?

Niemand führte das Gespräch fort und es wurde mir peinlich.

„Wollen Sie längere Zeit hier bleiben?“, fragte ich, nur um die Konversation nicht abreißen zu lassen. Ich spürte sehr ambivalente Gefühle dem Fremden gegenüber: Heiß und kalt!

„Wenn es sich einrichten ließe, würde ich bei diesem herrlichen Instrument schon gerne etwas bleiben. Soweit ich weiß, gibt es zwischen Wien und München kein besseres.“

Ich sah Steffen stolz lächeln und seine Gestalt schien etwas größer zu werden. Es war schließlich nur sein Verdienst, dass er, der auch vor der Katastrophe schon mit Orgeln, vor allem dem Stimmen dieser Instrumente, zu tun gehabt hatte, die Gelegenheit genutzt hatte, ihre volle Klangfülle wiederherzustellen.

„Wo sind Sie untergekommen?“, fragte ich in logischer Sequenz.

„Mein Fahrer, den ich nur mit seinem Paco gemietet hatte, ist heute nach München und dann weiter in Richtung Wien gefahren. Einstweilen bin ich bei Steffen untergekommen, aber sein Bett für uns beide… Das war schon eine beschwerliche Nacht! Mein Kreuz ist auch nicht das beste. Sie sind mir wegen meiner Offenheit bitte nicht böse, Steffen?“

Er kam von ‚Wolke sieben‘ seiner Musik langsam wieder herunter. War es nur die Musik? Was bildete ich mir ein?

„Kannst du uns nicht wegen einer bequemeren Unterkunft für ihn behilflich sein?“, flüchtete sich Steffen aus der Verlegenheit.

„Das ist schwierig hier im Dorf. Ich kann mich aber gerne einmal umhören. In welcher Form könnten Sie denn kompensieren?“, fragte ich.

Kompensieren, früher hatte man dazu ‚bezahlen‘ gesagt. Das war damals alles einfach gewesen: Man gab seine Kreditkarte oder hatte eine Summe Geldes bar, die als Gegenwert für Leistungen von allen akzeptiert wurde, vor allem, wenn das Geld aus den USA oder aus Europa kam. Aber heute, wo das Geld keinen Wert mehr hatte, verließen sich die Menschen lieber auf reale Sachwerte.

Der Fremde errötete plötzlich: „Ja, ich kann schon kompensieren, aber meine Möglichkeiten sind…“, er zögerte und hüstelte, „… sagen wir fürs Erste:…heikel! Aber vorhanden. Ich kann Ihnen morgen vielleicht mehr darüber erzählen. Wir sollten jetzt aber alle nach Hause gehen.“

„Nach Hause? Sie sind lustig! Meinen Sie wirklich, wir sollten uns dem gerade niedergehenden Fall-out aussetzen? Das ist ein halbes Todesurteil! Ich fürchte, wir müssen schon eine Weile hier zusammen bleiben, bis wir uns wieder nach draußen wagen können. Spielen Sie doch bitte noch etwas!“, bat ich den Fremden, und Golie fiel mir sofort ins Wort: „Au ja, Herr Grinder, das wäre sehr schön. Ihre Musik war so schön!“

Wie froh war ich plötzlich über die Radioaktivität, die mich in seiner Umgebung bleiben ließ.

Der Fremde tat überrascht, sah aber ein, dass wir jetzt besser nicht nach draußen gehen sollten. Steffen versuchte, die Situation zu retten, und wandte sich einem Notenstapel zu.

„Hier, Herr Grinder, da habe ich etwas, was wir vielleicht gemeinsam spielen könnten. Ich habe hier noch eine Ausgabe des ‚Jeunehomme-Konzert‘ von Mozart. Probieren wir es doch zusammen. Ich habe den Klavierpart geübt, versuchen Sie doch auf den übrigen Manualen den Orchesterpart zu spielen.“

Die beiden Musiker machten es sich auf der engen Orgelbank so bequem wie möglich, legten die Noten auf das Pult und schauten sich an.

Golie war inzwischen schon eifrig zum Blasebalg in den Orgelkasten gekrabbelt und trat kräftig auf. Ich folgte ihm unauffällig und beobachtete ihn. Seine Reaktionen auf Musik und vor allem auch im Zusammenhang mit Herrn Grinder interessierten mich brennend. Golie wirkte ganz verzaubert. Das konnte nicht nur die Musik sein, es war noch mehr dahinter; das spürte ich.

Nur gedämpft kam der durch ein Orgeltutti angedeutete einleitende Orchesterschlag bei mir an. Steffen in seinem Klavierpart antwortete ihm deutlich leiser, aber fast burschikos. Da wo ich stand, kam mir die Musik auch wegen der akustischen Verschiebungen, alles wie von einem anderen Stern oder aus einer Parallelwelt vor. Golie hörte auch aufmerksam zu, aber erst als die beiden Musiker den zweiten Satz anstimmten, der mit der langen, geheimnisvollen Orchestereinleitung in abgründigem c-Moll begann, verwandelte sich Golies Gesicht auf eine Art und Weise, die mir regelrecht Angst einflößte. Es schien mir, als ob er die irdische Sphäre verlassen wolle und sich jetzt traumwandlerisch, aber wie selbstverständlich, nach einer neuen, vergeistigten Ebene umschauen wird.

Grinder war diesen Satz getragen, langsam angegangen, und Steffen folgte ihm jetzt sphärisch mit dem Klavierpart. Sie hatten die Stimmung des Klavierkonzertes auf der Orgel durch eine geheimnisvolle Registrierung zu imitieren versucht, was ihnen durchaus gelungen war.

Plötzlich riss die Musik jäh ab. Golie war von der Musik so ergriffen, dass er vor Rührung weinend aufhörte zu treten, und als er mich sah, stürmte er auf mich zu und verbarg seine Tränen in meiner Schürze. Ich nahm ihn in die Arme, versuchte, ihn zu trösten indem ich ihn fragte, was mit ihm sei. Offensichtlich fielen ihm keine geeigneten Worte für die Beschreibung seines Zustandes ein. Er stammelte nur fast unverständlich: „Es ist so traurig!“ Dann verstand ich noch das Wort ‚genial‘ aus seinem Schluchzen heraus.

Ich nahm auf einmal ganz nüchtern und klar im Kopf wahr, welch ein besonders empfindsamer Junge er war und wie von den Emotionen der Musik so überwältigt werden konnte, dass er seiner Stimmung nachgeben und seine Gefühle in einem Tränenausbruch entladen musste.

Da kam Steffen gerade von vorne in den Orgelkasten gekrochen, um zu sehen, was los sei. Er schien die Situation ganz gut nachvollziehen zu können, nachdem ich einen Erklärungsversuch gestartet hatte, den Golie mit Kopfnicken oder Kopfschütteln kommentierte. Seine Augen hatte er immer mit den Händen verdeckt.

Plötzlich sagte Grinder: "Ich würde gerne speziell für dich spielen!" und wieder haben seine Augen mich völlig aus der Fassung gebracht. Ich war so zerrüttet: als Mutter, als Liebhaberin von einer herrlichen Musik, als plötzlich so Hals über Kopf verliebte Frau. War ich das wirklich noch selbst?

Ein Brief von Marietta

Ab und zu kam es vor, dass Kommunikation wie im Mittelalter über Briefe oder, besser gesagt, eine Art Flaschenpost statt fand. In jeder größeren Stadt gab es ein Briefzentrum, wo die wenigen Fremden, die sich auf beschwerliche Reisen gemacht hatten, Nachrichten mitbrachten und hinterließen oder welche mitnahmen. So war auch auf dem Marienplatz in Weilheim eine Ruine, die nachträglich mit einem schiefen Wetterschutz ausgerüstet worden war, als Möglichkeit Nachrichten zu versenden. Jeder, der zufällig in der Nähe war, schaute ab und an dort nach, ob es etwas für sich oder seine Nachbarn dort gebe. Jeder, der auf eine Reise ging, nahm mit, was in seine Richtung wies.

So war ich eines Tages sehr erstaunt, dass mir ein netter Nachbar – eben jener mit dem Traktor-Paco – aus der Stadt einen Brief mitbrachte. Ich öffnete den braunen Pappdeckel: Marietta hatte ihn unterschrieben. Ich setzte mich ans Fenster, da es jetzt allmählich dunkel in der Stube wurde, und während ich im Geiste Mariettas tiefe Stimme zu mir sprechen hörte:

Liebe Mary Lou,

ich hoffe nur, dass Dich mein Brief erreicht. Hier ist alles so anders und doch ähnlich wie bei Euch in Polling. Die Strahlenschäden sind ganz genau-so. Wir haben einen Unterschlupf im Nebengelass einer alten Schule in einem wunder-schönen Tal gefunden, durch das ein Flüsschen mit Namen ‚Orla‘ fließt. Diese ist etwa so tief wie unser Tiefenbach und fließt in Orlamünde in die Saale, so wie unser Bach dann in die Ammer. Die Schule steht auf einer Anhöhe, und man kann von dort über das ganze Tal blicken. Vor der Katastrophe war das einmal ein schönes Anwesen gewesen, und Langenorla war bestimmt nicht weniger verschlafen als unser Polling. Aber die Zerstörungen sind durch einen Bombeneinschlag in Jena ähnlich wie bei Euch um München herum, denn Jena liegt nur etwa 30 km nördlich von uns. Der Weg hierher war in vielen Etappen sehr beschwerlich gewesen. Überall die gleiche Elende, Not und das allgemeine Leiden und Sterben. Die Einschläge in Ingolstadt, Nürnberg und Bamberg mussten wir weiträumig um wandern, weil wir ausdrücklich vor der tödlichen Strahlendosis in diesen Zentren gewarnt wurden. Über den Thüringer Wald war es dann etwas einfacher. Die tiefen Täler schirmen die Strahlung etwas ab. Deshalb haben sich hierher mehr Menschen als anders wohin geflüchtet. Ich glaube, ‚überbevölkert‘ ist inzwischen schon der richtige Ausdruck dafür, und die Kriminalitätsrate übersteigt das eh schon angestiegene Maß um ein Vielfaches. Prompt hat man uns ausgeraubt und entführt. Obwohl sich Hannes tapfer gewehrt hatte, haben sie uns alles abgenommen, was wir noch an Wertvollem besessen hatten. Dann sind wir hier in unserem lieblichen Tal halb verhungert und auch sonst ziemlich abgerissen angekommen. Es ist zwar nahe an Jena, aber eben auch nahe an Rothenstein, wo diese Geburtsklinik liegt, die es doch tatsächlich gibt! Es war also kein Gerücht, sondern eine Tatsache, und ich bin froh, dass wir trotz allen Hindernissen und Entbehrungen hier-her gekommen sind. Die Strapazen sind jetzt schon fast vergessen, denn Hannes kann beim Nachbarn gegen Essen arbeiten, und ich hatte bereits eine erste Untersuchung im ‚Berg‘, wie wir die Klinik nennen. Der Arzt dort war sehr nett und meinte, dass ich bald ein Kind empfangen könne, sobald sie einen freien Platz hätten. Stell Dir vor, ich stehe auf der Warteliste schon auf Platz 49! In den nächsten Monaten wäre ich dann an der Reihe. Ich freue mich schon wahnsinnig, obwohl es mir auch davor graut, neun Monate lang dort in den Katakomben leben zu müssen, ohne Sonne und mit nur wenig Licht. Aber das muss wohl so sein, um den Embryonen genug Schutz vor der Strahlung zu bieten.

Leider hat die Sache noch einen Haken: Hannes kann wohl nicht der Vater sein! Ich wurde belehrt, dass wohl überwiegend alle Männer inzwischen unfruchtbar sind. Nur künstlich befruchtete Embryonen haben überhaupt eine Chance, gesund heran zuwachsen.

Die Ärzte sagen, dass diese eine besondere Strahlenresistenz aufweisen würden und eine natürliche Empfängnis habe nur eine viel zu geringe Chance, ein gesundes Kind zu zeugen. Deshalb verweigern sich die Ärzte, ein solches Risiko einzugehen und sagen, dass es ansonsten Vergeudung von Ressourcen wäre.

Hannes war stinksauer, als er davon hörte. Du weißt ja, dass er schnell jähzornig werden kann, und ich habe ihn mit vielen sanften Tönen davon abhalten können, hier im Berg eine größere Randale zu veranstalten. Jetzt gehe ich vorsichtshalber immer allein dahin und sage ihm auch nicht immer Bescheid. So läuft es – glaube ich zumindest – jetzt am besten.

Ich denke so oft an Dich und daran, was Du für ein Glück hattest, ein gesundes und begabtes Kind zu finden. Dieser Gedanke gibt mir Kraft, denn ich denke, selbst wenn ich jetzt ein Kind gebären sollte, ist es dennoch so ähnlich wie mit Dir und Deinem Golie. Damit habe ich mich abgefunden, und auch Hannes steht letztendlich dahinter. Was soll er auch anderes tun? Das ist wohl die Tragik unserer Zeit. Dass tut schon weh! Aber es ist eben so!

Jetzt habe ich einfach so in den Tag geplappert und weiß gar nicht, ob Dich der Brief erreicht und Du diese Zeilen jemals lesen kannst, ganz zu schweigen davon, ob Du das alles verstehst, was in mir vorgeht. Aber Du bist und bleibst meine beste Freundin, und ich weiß, dass Du mit mir mitfühlst, wenn dich dieser Brief je erreicht. Mit diesem Wissen geht es mir schon besser!

Versuche doch auch, mir zu schreiben. Ich würde gerne mit Dir in Kontakt bleiben, vor allem, wenn ich jetzt so lange im Berg bin!

Außerdem will ich, dass wir uns natürlich auch einmal wiedersehen, egal wo und wann, Hauptsache überhaupt!

Es grüßt und küsst Dich Deine

Marietta

Das Papier am Ende wellte sich an einigen Stellen, als ob jemand Tränen darauf vergossen hätte. Aber das alles lag jetzt auch schon einige Zeit zurück. Mag auch sein, dass der Brief monatelang unterwegs gewesen war und wo anders Nässe abbekommen hatte.

Trotzdem waren auch mir beim Lesen die Augen über gequollen. Ich blieb lange still sitzen. Statt einer Antwort nahm ich nur mein inzwischen großes ‚Baby‘ in die Arme und drückte Golie fest an mich. „Wie schön, dass ich Dich habe“, war alles was ich jetzt noch schluchzend sagen konnte.

Obwohl ich Innerlich völlig aufgewühlt war, setzte ich mich dennoch an meinen Tisch und versuchte eine angemessene Antwort zu formulieren:

Liebe Marietta,

ich habe hier auch niemanden, dem ich meinen Herz ausschütten könnte. Aber ich kann meine angestauten, zwiespältigen Gefühle nicht mehr zurückhalten!

Du wirst nicht glauben, was in diesem kleinen Polling vor sich geht!

Ein Fremder kam, um Steffens Orgel zu spielen, und ich habe Angst, mich ihm völlig auszuliefern! Du kennst mich in unserer gemeinsamen Zeit als selbstbestimmte starke Frau. Aber das ist weg! Ich bin jetzt seine Sklavin! Es ist mir unmöglich, unabhängig und frei zu denken. Ich bin total zerrissen zwischen dem Mutter-Sein und der Rolle, seine liebende Frau, ja sogar seine Sklavin zu werden.

Wo ist mein Ausweg?

Stell dir vor, er spielte auf der Orgel und ich trat für ihn den Blasebalg, nackt, gefesselt, mit verbundenen Augen.

Er spielt Chopin und ich spürte, nicht mehr auf der Erde zu sein. Ich vergaß alles, Golie, die Katastrophe und in Gedanken sah ich nur ihn, ob-wohl ich im Orgelkasten weit weg war.

Zuvor neckte ich ihn und spielte die Unerreichbare. Er hat mich dann brutal mit seiner Reitpeitsche gezwungen, die er immer mit sich herum trägt. Aber vor allem mit seinen Augen, die wirkungsvoller als seine Gerte waren, hat er mich regelrecht nieder gerungen, willenlos werden lassen, so das ich mich vor ihm nackt auszog. In der Kälte genoss ich auch noch das Brennen auf meiner bloßen Haut! Er fesselte mich, verband mir die Augen und dann nach einer unendlich langen Zeit, hörte ich plötzlich seine Musik…

Sie untermalte diese schönen Schmerzen von ihm!

Ich weiß, ich bin verrückt! ...

Ich konnte nicht weiter schreiben. Meine Beschreibung des intensivsten Moments in meinem ganzen Leben hatte mich noch einmal überwältigt.

Ich zerknüllte das Papier und warf es in meinen Ofen.

Schauspielern müsste man können!

Gerstenmayer fühlte sich sehr unwohl und sah sich ständig um. Aber es folgte ihm wohl niemand, als er aus Baums zerwühlter Wohnung hin-austrat, zumindest niemand, der ihm aufgefallen wäre. Dennoch fühlte er sich beobachtet. Blicke trafen und durch stachen ihn von hinten – so kam es ihm vor. Zu allem Übel wurde es auch noch schwarz am Himmel und ein Regenguss kündigte sich an. Gerstenmayer überlegte, was er jetzt unternehmen sollte. Einen öffentlichen Schutzraum aufsuchen und warten, bis der Regen aufhörte? Gerade kürzlich hatte ihm Christiane, seine Assistentin, von einem Doppelmord in dieser Gegend erzählt. Dann fiel ihm ein, dass der U-Bahn-Schacht gerade wieder freigelegt worden war und man sich dort unten gut zu Fuß fortbewegen konnte, wenn man einmal die Donau überquert hatte. Denn der Teil des Schachtes unter dem Fluss stand seit der Katastrophe bis zur Decke unter Wasser. Er schaute er zum Himmel, es wurde schwarz und noch schwärzer – er musste sich beeilen.

Bei diesen Überlegungen hatte er das brisante Papier ganz vergessen, das er in der Innentasche seiner Jacke trug.

„Warum haben diejenigen, die etwas beim Baum gesucht haben, dieses Papier nicht mitgenommen? Oder kannten sie den Inhalt schon? Haben sie noch etwas anderes gesucht?“ Gerstenmayer grummelte die Sätze vor sich hin. Das machte er gerne, weil er sich einbildete, mit solcher akustischen Unterstützung, konzentrierter denken zu können. Deshalb las er sich auch im Labor die schwierigen Vorschriften erst einmal laut und deutlich vor, manchmal ein, zwei, ja sogar drei Mal, bevor er sie wirklich verstanden hatte. Christiane lachte ihn dabei gerne aus, wenn sie ihn wieder einmal bei solchen ‚Selbstvorträgen‘ ertappte.

„Vielleicht haben sie den Inhalt auch nicht verstanden“, kam ihm eine wichtige Erleuchtung, die ihm lauter als zuvor aus dem Munde kam.

„Warum? Verstehst du’s denn?“, vernahm er plötzlich deutlich und überraschend nah eine Stimme neben sich. Woher war dieser Mann in seinem schwarzen Mantel, mit einem altmodischen Bowler auf dem Kopf und britischem Akzent in der Stimme, plötzlich aufgetaucht? Gerstenmayer erschrak zu Tode und blieb wie versteinert stehen.

„Mein Herr, wa-a-s meinen Sie denn? Ich verstehe Ihre Frage nicht. Oder können Sie etwa Gedanken lesen?“

„Das nicht gerade, aber ich habe gute Ohren, und du hast eben vor dich hin gequasselt, dass ‚die‘ den Inhalt nicht verstanden hätten. Also kombiniere ich messerscharf, dass du es geschnallt hast. Meine Auftraggeber und mich interessiert der Inhalt dieses Schreibens in deiner Jacke sehr, und du wirst es mir sicher genau erläutern können. Es soll auch nicht zu deinem Nachteil sein. Ansonsten ….“, jetzt wurde das vulgäre, aber bis dato noch freundliche Gesicht des Fremden steinhart. Dazu grinste er gemein und schielte auf einen verdeckten Gegenstand in seiner Hosentasche.

Gerstenmayer erschrak sichtlich. „Seit wann duzen wir uns?“ fragte er, um etwas Zeit zu gewinnen, und setzte dann hinzu: „Wie käme ich dazu, einem Wildfremden Laborgeheimnisse anzuvertrauen?“ Etwas Besseres war ihm in der Kürze der Zeit nicht eingefallen.

„Aha, in einem Labor arbeitest du also? Gibt es so was überhaupt noch? Und wenn ja, wo? Etwa hier in Wien? Du wirst ja immer interessanter! Da habe ich ja einen Volltreffer gelandet!“ Der Fremde war plötzlich wieder höflich und freundlich.

Gerstenmayer merkte, dass er wohl einen großen Fehler begangen hatte. War der Fremde neben ihm nicht kürzlich am Laboreingang gestanden und hatte nach dem Chef gefragt? Sollte dieser wirklich nicht gewusst haben, dass er vor dem Eingang eines unterirdischen Labors stand? Ja sicher! Schließlich gab es keinerlei Hinweisschilder an der Pforte.

War er dem rätselhaften Fremden auf den Leim gegangen? Jetzt konnte er es nicht mehr ändern! Plötzlich schoss ihm ein Gedanke in den Kopf, und er plante, der Schauspielerei seines Gegenübers mit einer gelungen eigenen Aufführung zu entgegnen.

Er ließ sich plötzlich fallen und gab mit gestenreichen Schmerzverzerrungen im Gesicht und Aufschreien vor, über eine über den Weg ragen-de Baustahlstange gefallen zu sein und sich dabei verletzt zu haben. Blitzschnell befeuchtete er seine Hand mit Speichel und schmierte sich den rotbraunen Rost des Eisens das Bein entlang. In der einbrechenden Dunkelheit sah es wirklich etwas wie Blut aus, und der Fremde reagierte zunächst verblüfft, zog aber sofort die Waffe aus der Tasche und bedrohte seinen Gefangenen, den so fühlte sich Gerstenmayer jetzt. Immerhin nahm ihm der Fremde seine Filmreife Szene ohne Verdacht ab. Dieser bog ihm den Arm auf den Rücken und hielt ihm mit der anderen Hand den Mund zu, um das klägliche Schreien zu unter-drücken. Sie waren inzwischen schon am Ufer der Donau, und die chinesischen Vasudevas waren durch den gut gespielten Schmerzensschrei auf die beiden aufmerksam geworden und rannten ihnen entgegen. Der Fremde war sich einen Moment lang unsicher, wie er sich jetzt verhalten sollte, schätzte aber seine Chancen, gegen so eine Übermacht anzukommen, trotz seiner Waffe als sehr schlecht ein, deshalb ließ er Gerstenmayer ruckartig los und türmte mit einem ärgerlichen Zischen zwischen seinen Lippen: „Freundchen, wir sehen uns wieder!“ Sein letzter Blick traf Gerstenmayers Gesicht. Der Fremde war wütend, die erleichterten, triumphierenden Züge seines entglittenen Opfers gerade noch erkennen zu können.

Kaum war der erste Chinese bei ihm, verschwand der unangenehme Fremde schon in einer nahen Ruine. „Das war knapp, aber gut gemacht“, lobte sich Gerstenmayer deutlich hörbar selbst.

Die Fährleute halfen ihm auf, erkannten aber in der Dämmerung nicht, aus welcher Gefahr sie ihren Kunden gerettet hatten, auf den sie jetzt werbend jetzt einstürmten. Dieser heuerte gleich beim Erstbesten an und gab ihm alles, was er bei sich hatte. Der Mann war sehr verwundert und dachte, er solle sich im Gegenzug sehr beeilen, weil der Regen gleich losbrechen würde. Sie eilten zum Boot, und der Ruderer legte sich gleich hoch motiviert in die Riemen.

Gerstenmayer versuchte, die Sprache des Ausländers anzunehmen, und fragte: „Tunnel, wo? Tunnel, U-Bahn?“

Der Chinese schaute ihn so an, als ob er nur Bahnhof und Abfahrt verstehen würde. Gerstenmayer versuchte es noch einmal etwas lauter: „Wo Tunnel?“

Diesmal erläuterte er den Suchbegriff mit einer pantomimischen Einlage, die die Erdoberfläche und wuselnde Finger darunter andeutete. Zum Abschluss ließ Gerstenmayer es noch mit den Fingern regnen, und sein besorgter Blick ging gen Himmel. Jetzt strahlte das Gesicht des Ruderers wie eine unter Strom gesetzte Glühbirne, und er deutete auf die Reste eines Stahlskelettes, dessen Verglasung zum größten Teil verschmolzen aussah. Gerstenmayer hoffte, das dies ein-mal ein Aufzug zur U-Bahn gewesen sein könnte. Am anderen Ufer rannte er zu dem skurrilen Ruinenkunstwerk, denn die ersten Tropfen fielen bereits vom Himmel. Zum Glück stand er vor den U-Bahn-Schienen. Er war doppelt gerettet! Aber wo war Prof. Baum? In welche kriminellen Machenschaften war dieser verwickelt? … und schon nahmen seine Gedanken die kurz verlassene Spur wieder auf.

Mariahilf

Am nächsten Tag machte sich Gerstenmayer auf den Weg zum Café neben dem Haydn-Denkmal vor der Mariahilfkirche, bevor er sich in den Laborbunker begab. Dabei leitete ihn nur ein undeutliches Bauchgefühl und ihm war nicht klar, was er dort eigentlich wirklich wollte. Irgendwie glaubte er, an der einzigen Adresse, die er in diesem Zusammenhang kannte, einen Hinweis für Baums Verschwinden zu finden. Er ging vor seinem Haus die Myrthengasse nach Süden bergauf und schwenkte in die Burggasse. Von dort musste er sich nicht an das alte Straßenmuster halten, sondern konnte durch die Ruinen queren und gelangte dann über die Neubaugasse in die Kirchengasse.

Dort auf dem Platz vor der Kirche war, wie ein Wunder, der ‚Papa Haydn‘ stehen geblieben, aber er war wie eine Tropfkerze zusammengeschmolzen. Lediglich sein markanter Kopf stand aufrecht ohne Körper auf seinem Podest. Niemand scherte sich darum.

Von den beiden Doppeltürmen der alten Wallfahrtskirche stand nur noch der Stumpf des hinteren, und auch der alte, hohe Kirchenraum war zusammengestürzt, sodass der Blick auf den alten Bunker am Esterhazy-Park frei war. Dieser hatte dank seiner massiven Bauweise aus dem ‚Tausendjährigen Reich‘ seiner ursprünglichen Bestimmung gemäß auch diese Katastrophe überlebt, wobei freilich seine zwischenzeitliche Nutzung als Aquarium schon lange aufgegeben worden war. Nur noch wenige Leute erinnerten sich daran, dass Aufnahmen von großen Fischen in einem englischen 007-Super-Agenten-Film dort drinnen gedreht worden waren. Der Titel hatte etwas mit ‚Pussy‘ zu tun, ‚Octopussy‘ oder so ähnlich? Das wusste er noch wegen der Anzüglichkeit, aber dann verließ ihn sein Gedächtnis.

Die an die Straßenecke angepasste runde Fassa-de des ‚Hotels Haydn‘ mit dem schwungvollen, optimistisch nach oben geschriebenen Schriftzug ‚Servus‘ stand noch wie eine Potemkin’sche Kulisse. Dahinter hatte man mit Zeltplanen einen Raum überdacht und den Betrieb des alten Cafés wieder aufgenommen.

Verschlafen kam Herbert Gerstenmayer an dem Platz vor der Kirche an, wo schon auffallend viele Menschen unterwegs waren. Die Mariahilfstraße war sogar wieder soweit von Trümmern geräumt, dass Pacos fahren konnten.

Tatsächlich musste Gerstenmayer einem Miet-Paco ausweichen, der ihn beinahe gerammt hätte. Er war noch nicht richtig wach. Das änderte sich schlagartig, als er in das Innere des Wagens blickte und einen ihm wohlbekannten, müden Blick aufschnappte. Es ging alles rasend schnell, Gerstenmayer sprang zur Seite, und das Auto war vorbei. Herbert ruckte mit dem Kopf in die Höhe, um richtig wach zu werden: War das nicht Prof. Baum und daneben der ihm bekannte Mann mit Bowler im Heck?

Er versuchte zu verfolgen, welchen Weg das Taxi nahm und sah gerade noch, dass es in Richtung Burgring, also in die Innenstadt, fuhr. Jetzt war Gerstenmayer hellwach und änderte schnell seine Pläne. Er rannte durch die Barnabitgasse, um sich ebenfalls in Richtung Laborbunker auf zumachen. Vergebens suchte er einen Miet-Paco; seine Bemühungen blieben erfolglos, und das war auch gut so, weil er sich so etwas sowieso nicht leisten konnte. So ließ er den ‚Aquarium-Bunker‘ zu Fuß hinter sich und rannte weiter in Richtung Südost. Immer noch fand er kein Taxi. Gerstenmayer war nicht sehr sportlich, zu viel Zeit hatte er sitzend im Labor verbracht. Eigentlich müsste er sich viel mehr bewegen, aber nach der Katastrophe und wegen all der Vorsicht, mit der man jetzt selbst einfachen Regenwolken begegnen musste, wurde er sehr bequem. Das rächte sich jetzt bitter, denn er kam schnell außer Atem und bekam heftiges Seitenstechen, sodass er innehalten musste. Als er gerade den Ring überblicken konnte, bildete er sich ein, den Miet-Paco von eben noch einmal gesehen zu haben, aber er war sich nicht sicher. Ihm fiel gerade noch auf, dass ein weißer Zettel aus dem Fenster des Vehikels herausflog, aber dann war er verschwunden. Ein weißer Zettel? Er überlegte, was das zu bedeuten hatte. Hatte er das überhaupt richtig beobachtet, oder war nur der Wunsch Vater seiner Sinnes eindrücke?

„Hat mich Baum auch gesehen und will mir verzweifelt eine Nachricht zukommen lassen?“, brummelte Gerstenmayer in seiner üblichen Manier laut vor sich hin und feuerte sich damit in seinen logischen Gedankenfolgen an.

Er holte mehrmals tief Luft und versuchte, in den Bauch und in die kurzen Rippen zu atmen. Das hatte er einmal auf geschnappt als Sofortmaßnahme gegen Seitenstechen. Er fühlte in sich, konzentrierte sich, um seinen schmerzen-den Seiten mentale Heilung zukommen zu lassen. Plötzlich merkte er, dass seine zunächst hilflos erscheinenden Aktionen tatsächlich halfen.

„Mag sein, ich bilde mir alles nur ein, aber ich merke fast nichts mehr“, hörte er sich befriedigt sagen.

Dann ging er weiter, erst langsam, dann wieder schneller werdend, immer vorsichtig auf seinen Atem achtend. Am Ring schaute er sich nach dem Zettel um. Die Suche einer Stecknadel im Heuhaufen war einfacher, denn da gab es zumindest eine Gewissheit: Eine Stecknadel war sprichwörtlich tatsächlich im Heuhaufen zu finden. In seiner jetzigen Situation war nicht einmal diese Gewissheit vorhanden, und er zweifelte inzwischen schon, ob es denn überhaupt einen Zettel gegeben hatte.

„Soll ich jetzt in Ruhe weiter suchen oder lieber ins Labor zurückgehen?“, fragte er diese leise zu sich selbst sprechend.

Einen irrsinnigen Wust an Gedankenfetzen reihte er aneinander und versuchte, eine logische Baumstruktur daraus zu formen. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass er einfach weiter suchen sollte, weil auch dieser Unbekannte mit dem Bowler ihn sicher wiedererkannt hatte und der wohl wenig Interesse haben konnte, Baum einfach so wieder im Labor auftauchen zu lassen. Es sah doch alles wie eine Entführung aus. Dazu passte auch der Zettel – womöglich eine geheime Botschaft, die er doch besser finden sollte. Gerstenmayer zwang sich nach dieser Entscheidung, systematisch zu suchen. Er durchkämmte einen gewissen Bereich am Ring und ging in Form eines klassischen Mäanders immer auf und ab.

So verging der Vormittag. Er wollte gerade aufgeben, als der Wind ihm einen kleinen Zettel entgegenblies. Gerstenmayer schaute neugierig darauf und erkannte eine unendliche Reihe von großen Buchstaben: AGGTTCGA… Die Vorder- und die Rückseite eines DIN-A4-Blattes war damit gefüllt, andere Zeichen waren nicht zu sehen. Für den Biochemiker war daraus sofort ersichtlich, dass dies ein genetischer Code war. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies der Zettel ist, den Prof. Baum aus dem Paco geworfen hatte, war nicht gering, und deshalb steckte Gerstenmayer ihn ein und beschloss, die Suche abzubrechen und ins Labor zu gehen, um diesen Code in die Suchmaschine seines Computers einzugeben. Viel-leicht gab es ja Analogien zu bekannten Sequenzen, die weitere Hinweise auf den Professor ergaben.

Gegen Mittag war er endlich in der Bohrgasse im Laborbunker, und Christiane, die Assistentin, war stocksauer auf ihn. Sie hatte den ganzen Morgen damit Mühe gehabt, ihre Zellen am Leben zu erhalten. Es war diesmal eine so große Charge, dass sie es allein gar nicht mehr rechtzeitig schaffen konnte. Baum war weg und jetzt auch noch Gerstenmayer!

Dieser hatte sie nur kurz begrüßt und sah ein, dass er ihr mit erster Priorität dringlich helfen musste. Schließlich kam morgen früh wieder der Transport-Paco, der die herangezüchteten Zellen zum richtigen Zeitpunkt abhole wollte. Falls das Timing nicht stimmte, setzte die Zelldifferenzierung ein, und die Zellen wären wertlos. Auch wenn Baum nicht da war, musste der Betrieb dennoch aufrechterhalten werden. Als sie es mit vereinten Kräften doch gerade noch geschafft hatten, setzten sie sich mit einem frischen Kaffee zusammen, und Herbert berichtete Christiane, was er am Morgen unter den Augen des zerschmolzenen Haydn-Denkmals erlebt hatte. Als er auf den Zettel zu sprechen kam, zog er ihn aus der Tasche, steckte ihn in den Scanner und ließ die Schrifterkennungs-Software darüber laufen. Da in der Mitte ein dicker, dunkler Fettfleck war, musste er einige Buchstaben manuell nach korrigieren. Dann ließ er in den ihm zur Verfügung stehenden Datenbanken nach der Sequenz suchen. Wie üblich dauerte eine solche Suche einige Stunden, und Gerstenmayer machte sich mit Christiane an die Arbeit, die Zellen für den nächsten Morgen transportfertig zu machen.

Am Abend, als er gerade heimgehen wollte, spuckte der Computer eine Analogie aus: ‚The Mozart Gene'. So war eine wissenschaftliche Publikation überschrieben, die eben genau diese Sequenz beschrieb. Die Publikation war schon über 20 Jahre alt. Herbert war sprachlos. Davon hatten sie beide noch nie etwas gehört! Das Paper hatte im Acknowledgement einen aufschlussreichen Hinweis: ‚We thank Prof. Baum (Vienna) for his kind support.'

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