Kitabı oku: «Perfect Imperfections»

Yazı tipi:

Perfect Imperfections

von Cardeno C.

Aus dem Englischen von Erin Sommer

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2021

http://www.deadsoft.de

© the author

Titel der Originalausgabe: Perfect Imperfections

Übersetzung: Erin Sommer

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Darssaievisk – stock.adobe.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-476-6

ISBN 978-3-96089-477-3 (epub)

Inhalt:

Die Hollywoodgröße Jeremy Jameson lebt ein geschütztes Leben, die Musik ist Jeremys einziger Sinn und Freund. Vor der nächsten internationalen Tour geht er in eine Bar, von der er glaubt, dass ihn dort niemand kennt, und lernt dort den Barkeeper Reg kennen. Reg ist eine Frohnatur und er hat Spaß daran, sich mit „dem“ Jeremy Jameson zu unterhalten und mit ihm zu trinken.

Am Ende kann er einfach nicht Nein sagen, als der vermeintlich heterosexuelle Rockstar ihm das Angebot seines Lebens macht: ihn auf seiner Tour zu begleiten und den Part des schwulen Lovers zu spielen.

Musik zu hören und um die Welt zu touren ist ein Abenteuer. Sich zu verlieben sogar noch besser. Aber um mit Jeremy zusammen zu bleiben, auch wenn die Bühnenlichter aus sind, dazu braucht Reg einiges an Überzeugungskraft.

Widmung

Für J. Moore: Danke, dass du dieses Buch aufgespürt hast. Nichts ehrt mich mehr als dein Vertrauen.

Für Reggie T-S: Liest du das in einem Flugzeug auf dem Weg zu irgendeinem aufregenden Ort?

Kapitel 1

Mit einer abgewetzten Baseballkappe tief im Gesicht, betrat Jeremy Jameson die Bar. Zumindest nahm er an, dass es eine Bar war angesichts des schiefen Schilds, auf dem schlicht Bar in abblätternder, roter Farbe gestanden hatte, und angesichts des Gestanks nach Bier und Zigarettenrauch. Der Innenraum war kein Stück sauberer oder moderner als der Parkplatz. Jeremy versuchte, sich daran zu erinnern, wann er zum letzten Mal in einem Club, einer Bar oder einem Restaurant gewesen war, das sich nicht mit sorgsam angebrachter Beleuchtung oder einem gepflegten Außenbereich gezeigt hatte. Nie. Die Antwort auf diese Frage lautete: nie. Selbst Musiker, die sich von ganz unten hocharbeiteten, wären wahrscheinlich nicht in eine solche Absteige gegangen. Sie war zu klein, zu abgelegen und verfügte über keine Bühne oder einen Raum, um Equipment aufzubauen.

Während er sich innerlich Vorträge darüber hielt, dass er an die Arbeit dachte, während er sich eigentlich Zeit für sich nehmen sollte, zwang er sich, sich nicht mehr auf die Musik, sondern auf Bier zu konzentrieren. Ein Ort wie dieser hatte wahrscheinlich keine Importe oder Biere kleiner Brauereien. Vielleicht fragte er nach was auch immer sie vom Fass hatten und das war’s. So war es einfacher, sich unerkannt unter die Leute zu mischen.

»Was kann ich Ihnen bringen?«, fragte der Barmann mit einer Whiskeystimme, kaum dass Jeremy seinen Hintern auf dem Hocker platziert hatte.

»Ein Pint vom Fass.«

»Kommt sofort.«

Jeremy zog den Hut tiefer, um sicherzustellen, dass seine berühmten grünen Augen im Schatten lagen, und blickte sich um. Es war früh, sieben Uhr an einem Dienstagabend, daher war die Bar leer, abgesehen von einem Tisch, an dem sich ein Paar zu streiten schien. Die Bar könnte jede Nacht so leer sein. Er würde es nie herausfinden, weil er nicht vorhatte, jemals nach Munds Park, Arizona, zurückzukehren. Die Stadt hatte keine Konzertarena und Jeremy konnte sich keinen anderen Grund vorstellen, hier zu sein.

»Bitte schön, Mann.« Der Barkeeper schob ihm das kühle Glas entgegen und wischte sich dann die Hände an dem Tuch ab, das in seiner locker sitzenden Levi’s steckte. »Was führt Sie heute Abend her? Sind Sie auf der Durchreise oder wollen Sie sich vor der Welt verstecken?«

Eigentlich sowohl als auch, und dass der Fremde das ahnte, ließ Jeremys Magen absacken. Er riss den Kopf hoch, was bedeutete, dass der Mann seine Augen sehen konnte, und dann blickte er sich in der Bar um und erwartete ernsthaft, eine Horde Paparazzi zu entdecken, die mit Kameras und Mikrofonen ausgestattet war. Stattdessen sah er immer noch dieselben heruntergekommenen, braunen Wände, zerkratzten Holztische und den klebrigen Betonboden.

»Hey, ich wollte damit auf nichts anspielen«, sagte der Barkeeper gutmütig. Er tätschelte Jeremys Schulter. »Hab Sie nur aufgezogen, wissen Sie?« Er wies ausladend auf die Bar. »Es ist ziemlich wenig los hier.«

Weil seine Überreaktion auf den harmlosen Kommentar offensichtlich war, spürte Jeremy seine Wangen glühen. Sein Versuch, sich normal zu verhalten, hatte bisher weitgehend daraus bestanden, sich an weniger glamourösen Orten als an seinen üblichen zu verstecken und auf dem Fahrersitz einer gemieteten Limousine zu sitzen, anstatt auf der Rückbank eines Luxusautos, Tourbusses oder Privatflugzeugs. Dasselbe Leben, eine andere Szenerie.

Tief einatmend, begegnete er dem Blick des Barkeepers und fragte sich, ob er seinen Versuch, inkognito zu bleiben, bereits vermasselt hatte, oder ob das schwache Licht im Raum, kombiniert mit seinem clever platzierten Hut, genügend Deckung bot, um sein Gesicht zu verbergen. »Tut mir leid. Ich wollte nicht …« Er hatte keine Ahnung, wie er seinen Satz beenden sollte, ohne den Grund für sein seltsames Verhalten preiszugeben.

»Kein Ding, Mann«, sagte der Barkeeper gelassen. Er rieb sich über die kurz geschorenen, braunen Haare und grinste. »Jeder braucht ab und zu mal seine Ruhe.« Er begann, auf das andere Ende der Bar zuzugehen, vermutlich um Jeremy genau diese zu geben. »Sagen Sie Bescheid, wenn Sie bereit für einen weiteren Drink sind.«

Die Stiefel hatten sich nur zwei Schritte von ihm entfernt, als Jeremy unerklärlicherweise sagte: »Beides.«

Seine Augenbrauen hoben sich fragend, der Typ blickte über seine breite Schulter zurück, seine braunen Augen waren auf Jeremy gerichtet.

Normalerweise mochte er es nicht, wenn Leute ihn anstarrten, aber der Barkeeper schien wirklich daran interessiert zu sein, sich mit ihm zu unterhalten. Er wusste nicht, wer Jeremy war, also bedeutete das, dass sein Interesse nicht darin bestand, Informationen an Zeitungen zu verkaufen oder sie zu sammeln wie ein Wissenschaftler, der einen Käfer untersuchen wollte. Er wollte nur reden. Es war erfrischend.

»Sie haben gefragt, ob ich auf der Durchreise bin oder ob ich mich vor der Welt verstecken möchte.« Jeremy senkte seinen Blick, schluckte hart und sagte: »Ich mache beides.«

»Ja?« Der Mann machte kehrt und kam zu ihm zurück. »Cool. Woher kommen Sie?«

Eine einfache Frage. Er entspannte sich angesichts dieses ungewohnten Gefühls und sah dem Kerl wieder ins Gesicht. »Kalifornien.«

»Norden oder Süden?«, fragte der Barkeeper. »Ich war in einer Studentenverbindung auf dem College und wir hatten ein paar Leute aus Kalifornien dabei.« Er zuckte mit den Schultern. »Schätze, die Studiengebühren sind bei uns niedriger als in Ihrem Bundesstaat. Wie auch immer, die Rivalität zwischen Nord und Süd war legendär.«

Jeremy hätte aufs College gehen können, er hätte die Möglichkeit gehabt, obwohl seine Noten in der Highschool nicht so gut gewesen waren, aber er hatte nie den Wunsch gehabt oder einen Sinn darin gesehen. Musik war sein Leben, war es schon immer gewesen, und er hatte gedacht, kein Professor könne ihm so viel darüber beibringen, wie er bereits wusste oder von den Freunden seines Vaters lernen konnte. Vierzehn Jahre Alben aufzunehmen, um die Welt zu reisen und Auszeichnungen zu gewinnen, hatten ihm recht gegeben. Mit einunddreißig stand er an der Spitze seines Business. Kein Abschluss erforderlich.

»Also gut, hören Sie sich das an«, sagte der Barkeeper und ging darüber hinweg, dass Jeremy seine Frage nicht beantwortet hatte. »In diesem einen Semester war der Typ, der für die Neuen verantwortlich war …« Er hielt inne und runzelte konzentriert die Stirn. »Feltus war sein Name, glaube ich. Wie auch immer, er kam aus Palo Alto und es gab ungefähr fünf Typen in der Klasse von OC.« Er kicherte. »Eines Nachts, während der Klausurenwoche, bringt Feltus die Neuen in die Wüste raus, das war in Tempe, ich bin zur ASU gegangen, und er lässt sie Löcher in den Boden graben. Dann sagt er den Jungs aus dem Süden, sie sollen reinsteigen, lässt die anderen Neuen sie bis zum Hals eingraben und alle anderen in ihre Autos steigen und zurück zum Campus fahren.« Der Barkeeper schüttelte den Kopf. »Verdammt verrückte Rivalität, Mann, das sag ich Ihnen.«

Die Leute behaupteten, Rockstars wären wild, aber Jeremy hatte nie mit angesehen, wie jemand lebendig begraben wurde. Merkwürdig fasziniert von der Geschichte, legte er seine Unterarme auf die Bar, beugte sich vor und sagte: »Was ist dann passiert? Wurde jemand verletzt?«

»Nee.« Der Barkeeper schüttelte den Kopf. »Es klingt schlimmer, als es war. Es ist nicht so, als sei die Erde fest geworden oder so. Die Jungs konnten sich befreien und gleich danach fuhren einige der anderen Neuen zurück und holten sie ab.«

»Sie müssen Todesangst gehabt haben«, meinte Jeremy und schüttelte den Kopf.

»Es war Prüfungswoche«, erwiderte er mit einem Schnauben. »Sie waren zu besoffen, um Angst zu haben.«

Jeremy gluckste, trank von seinem Bier, seufzte zufrieden und fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit entspannt. Es war schön, einfach so mit jemandem über irgendetwas zu plaudern.

»Ich bin übrigens Reggie.« Der Barkeeper wischte sich die Hand am Handtuch ab und streckte sie dann über die Bar. »Reggie Moore. Aber jeder nennt mich Reg.«

Nachdem Jeremy seine Handfläche an der grauen Röhrenjeans abgerieben hatte, streckte er die Hand aus und schüttelte Regs. »Schön, dich kennenzulernen, Reg. Ich bin …« Er hielt inne und versuchte, zu entscheiden, ob er einen falschen Namen nennen oder ehrlich sein sollte. Er entschied sich für die goldene Mitte. »Jeremy.«

»Was führt dich an diesem wundervollen Dienstagabend nach Munds Park, Jeremy?« Reg schnappte sich das beinahe leere Glas, hielt es unter den Wasserhahn und füllte es wieder auf. »Bist du auf dem Weg zum Flag?«

»Äh …«

Jeremys verwirrter Gesichtsausdruck schien Reg Antwort genug sein. »In Ordnung, also keine Reise zum Nationalpark.« Er lehnte sich über den Bartresen und musterte Jeremy, oder zumindest so viel von ihm, wie er sehen konnte, obwohl er direkt vor ihm saß, aber die Beleuchtung war beschissen. »Kein Dreck an deinen Klamotten, also kannst du nicht vom Canyon zurück sein …«

»Eigentlich schon«, korrigierte Jeremy ihn.

»Oh, wirklich? Cool. Bist du am Südrand entlanggewandert? Ich begehe diesen Trail ein paarmal im Jahr. Bist du zu den Supai Falls gegangen?«

»Nein, ich war nicht wandern. Hatte keine Zeit. Ich wollte ihn mir nur ansehen. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens im selben Staat verbracht und war noch nie dort.« Jeremy hob die Hand, um sich durchs Haar zu fahren, und traf dabei die Baseballkappe, die ihn daran erinnerte, gegenüber eines Fremden vorsichtig mit zu vielen Informationen zu sein, egal wie unbedeutend sie waren. Die Leute hatten die Angewohnheit, die Dinge zu verdrehen, wenn sie sie an den Höchstbietenden verkaufen wollten auf der Suche nach einer packenden Schlagzeile: Jeremy Jameson springt sturzbetrunken in den Grand Canyon.

»Du siehst aus, als seiest du sportlich, Mann. Das nächste Mal musst du durchwandern«, sagte Reg aufgeregt. »Die Wasserfälle sind unglaublich.«

Nacht für Nacht über die Bühne zu springen, kostete verdammt viel Energie und Ausdauer, was für ihn in seinen Dreißigern nicht mehr so einfach war wie einst in seinen Zwanzigern. In etwas mehr als einer Woche stand eine Konzerttour an, also hatte Jeremy seine übliche Trainingsroutine intensiviert. Scheinbar sah man das Ergebnis seiner Mühen, was ihn stolz machte. »Das werde ich machen«, sagte er, mehr um höflich zu sein, als es so zu meinen. In Wahrheit wusste er nicht, wann er das nächste Mal Freizeit zur Verfügung haben würde, und einen Wandertrip einzuplanen, würde bei seinem Manager wahrscheinlich einen Herzinfarkt auslösen.

»Cool.« Reg strahlte. »Lass mich nach diesen Typen schauen«, er wies mit seinem Kinn in Richtung der einzigen anderen Personen in der Bar, »und dann verrate ich dir den besten Ort zum Campen.«

Aus dem einen Drink wurde ein ganzer, an der Bar verbrachter Abend, wo er mittelmäßiges Bier trank und großartige Gespräche führte. Die Leute kamen und gingen, tranken etwas, jammerten Reg die Ohren über den Stand der Politik voll oder welches Team diese Saison eine Chance hatte oder welches Problem sie mit ihrer Freundin oder Frau hatten. Und zwischen all diesen Gesprächen kehrte Reg immer wieder zu Jeremy zurück, lächelte und plauderte, teilte lustige Geschichten mit ihm und stellte Fragen, die auf nichts anderes abzuzielen schienen, als ihn kennenzulernen. Jeremy konnte sich nicht erinnern, sich je so gut amüsiert zu haben.

Nach einem gemeinsamen Lachanfall über noch eine von Regs Collegegeschichten, bereitete Reg Jeremys Freude ein Ende, indem er sagte: »Hey, Jeremy, Mann, ich will dich nicht hetzen, aber wir schließen unter der Woche normalerweise um Mitternacht, und es ist fast eins.«

»Oh.« Plötzlich fühlte Jeremy sich wieder nüchtern und angespannt. Er rieb sich über die Nase und griff nach seiner Lederjacke, die er Stunden zuvor über den leeren Barhocker neben sich geworfen hatte. »Klar. Ja. Tut mir leid.« Er zog eine Handvoll Scheine aus seinem Geldbeutel und legte sie auf den Bartresen, ohne sie zu zählen. »Behalt den Rest.« Mit dem Autoschlüssel in der Hand, kletterte Jeremy von seinem Hocker in der Absicht, die Bar zu verlassen. Er war überrascht, als Reg sich vorbeugte und ihm die Schlüssel aus der Hand riss.

»Warte mal, Mann. Es ist spät und du bist betrunken. Gibt es jemanden, der dich abholen kann?«

Jeremy schnaubte. »Nein. Ich bin im, äh …« Er versuchte, sich an den Namen der kleinen, unbedeutenden Stadt zu erinnern. »Im Was-auch-immer-Park.« Er verdrehte Augen. »Woher sollte ich hier jemanden kennen?«

»Wow. Ich habe schon erlebt, dass Leute gewalttätige Arschlöcher werden, wenn ich sie rauswerfe, aber die versnobte Diva ist mal was Neues.« Reg schleuderte sein allgegenwärtiges Geschirrtuch in die Spüle der Bar und sperrte die Kasse ab. »Ich wollte dir meine Couch für heute Nacht anbieten, weil es keine Motels in Gehweite gibt, und ich habe besseres Bier, als wir hier auftischen, aber du kannst deinen Rauch auch gern in deinem Auto ausschlafen, Superstar. Ich bringe dir deine Schlüssel morgen früh vorbei.«

»Oh.« Zu hören, dass Reg ihn nicht rauswarf, sondern stattdessen versuchte, ihm zu helfen, linderte Jeremys zurückgekehrte Anspannung. Mit der Erleichterung kam die Erkenntnis, dass er sich genau wie all die Arschlöcher verhalten hatte, die er nicht ausstehen konnte. »Scheiße.« Jeremy verfiel in eine nervöse Angewohnheit aus seiner Kindheit, die er nicht ganz abschütteln konnte, nahm den Kragen seines lachsfarbenen T-Shirts in den Mund und kaute darauf herum. »Ich wollte nicht, ähm …« Er rieb sich mit der Hand über die Augen. »Es tut mir leid, dass ich …« Ein Gedanke traf ihn, ließ ihn zusammenzucken und dann Reg anstarren. »Du hast mich Superstar genannt.«

»Ich habe dich auch eine versnobte Diva genannt.« Reg hob die Augenbrauen. »Bist du bereit dafür, dir einen Platz auf meiner Couch und eine Flasche Kilt Lifter zu verdienen, indem du dich benimmst?«

»Ja, ich, ähm, weiß nicht, warum ich das gesagt habe. Normalerweise bin ich nicht, äh …«

»Mit einem Stock im Arsch unterwegs?« Reg grinste, während er das aussprach, und irgendwie klang es deshalb eher wie freundliches Necken als wie eine derbe Beleidigung. »Ein privilegierter Idiot?« Er trat am Bartresen vorbei zu ihm und lächelte immer noch.

Da beide nun standen, erkannte Jeremy, dass Reg mindestens einen halben Fuß größer war als er.

»Ein weichgespülter Depp?« Er stieß spielerisch mit dem Arm gegen Jeremys Schulter. »Sag jederzeit stopp, Mann. Mir gehen hier gerade die Begriffe aus.«

»Weißt du, wer ich bin?«, fragte Jeremy, während sie Seite an Seite zur Tür gingen.

»Bist du jetzt wieder ein eingebildeter Arsch?«

»Nein, nein.« Jeremy hielt beide Hände protestierend in die Höhe. »Ich meine es ernst. Du nanntest mich …« Er seufzte, nahm seine Kappe ab und rieb sich damit über die Stirn. »Vergiss es.«

»Lila, hm?«, fragte Reg und betrachtete Jeremys Haare. Er schaltete das Licht aus, drückte dann die Tür auf und hielt sie mit dem ausgestreckten Arm fest, sodass Jeremy vorbeikonnte. »Sieht gut aus. Du stehst auf so Zeug, oder? Haare färben und so? Ich erinnere mich an ein Bild, auf dem es noch grün war.«

Jeremy stand in der kühlen Nachtluft und sah dabei zu, wie Reg abschloss. »Du weißt also doch, wer ich bin?«

»Mann, ich lebe nicht hinter dem Mond. Natürlich weiß ich, wer du bist.« Er drehte sich um, ging weiter und schob den Schlüsselring über seinen Finger. »Zuerst habe ich es nicht begriffen, weil es dunkel war, aber wir haben uns unterhalten. Wie lange? Sechs Stunden am Stück?« Er schüttelte den Kopf. »Es ist nicht so, dass ich dein Gesicht nicht sehen kann.«

Jeremy, der ein paar Schritte hinter ihm zurückblieb, verarbeitete nach und nach diesen Kommentar. Die Tatsache, dass Reg ihn erkannt hatte, war keine Überraschung. Tatsächlich wäre das Gegenteil schwer zu glauben gewesen. Aber Reg benahm sich nicht wie die meisten, oder eher alle, wenn sie den Jeremy Jameson trafen. »Warum flippst du nicht aus?«

»Alter.« Reg schüttelte den Kopf und lachte. »Du bist wirklich total eingebildet.«

»Nein, bin ich nicht.« Jeremy eilte voran, um Reg einzuholen. »Es ist nur so, dass Leute normalerweise anders drauf sind, wenn sie mich treffen.«

»Oh.« Reg hielt kurz inne. »Weil du berühmt bist?«

Berühmt. Reich. Mächtig. Attraktiv. Und, wie er gern annahm, extrem talentiert. »Ja.«

»Jepp.« Reg nickte, als würde er verstehen, was jedoch keinen Sinn machte, weil ein Barkeeper aus der Pampa nicht im Geringsten nachvollziehen konnte, wie es war, ein Ausnahmekünstler mit mehreren gewonnenen Platin-Schallplatten und Grammys zu sein. »Menschen sind komisch.«

Na ja, das war etwas, worauf sie beide sich einigen konnten. »Also, ähm, wohnst du in der Nähe?«, fragte Jeremy, während sie den Parkplatz hinter sich zurückließen.

»Mhm. Ich wohne gleich da drüben.« Reg zeigte auf ein winziges Haus. »Ich wohne auf der rechten Seite und mein Vermieter und seine Frau wohnen auf der linken.«

Zuerst machte die Beschreibung keinen Sinn, aber als sie näher kamen, erkannte Jeremy zwei Haustüren und dass das kleine Haus eigentlich ein Doppelhaus war.

»Warum bist du nach dem College wieder hierhergezogen?«, fragte Jeremy in der Hoffnung, dass die Frage nicht wie eine Verurteilung klang, denn er wollte wirklich verstehen, warum jemand, der so charismatisch und sympathisch war wie Reg, beschlossen hatte, sich in einer Stadt mitten im Nirgendwo niederzulassen. »Ich meine, ich weiß, dass du gesagt hast, deine Mutter und dein Bruder seien noch hier, aber Phoenix ist nicht weit weg, oder? Man könnte dort leben und sie jederzeit besuchen.«

»Ja. Aber es ist teurer, dort zu leben, und ich wollte mir was ansparen, also bin ich nach Hause gekommen.« Er schloss seine Tür auf und trat beiseite, um Jeremy zuerst ins Haus zu lassen.

Das Innere sah aus wie das Äußere: alt, heruntergewohnt und nicht weiter erwähnenswert. Reg hatte ihm gesagt, er hätte seinen Abschluss in Buchhaltung gemacht. Das musste mehr einbringen als alles, was er als Barkeeper in dieser Absteige verdiente.

»Aber du könntest doch in deinem Metier wahrscheinlich einen Job finden, wenn du in einer größeren Stadt leben würdest. Dann würdest du mehr verdienen und könntest mehr sparen.«

»Das habe ich versucht.« Reg folgte ihm nach drinnen und trat die Tür zu. »Ich habe nach dem Abschluss in einer der großen Buchhaltungsfirmen gearbeitet.« Er ging zum Kühlschrank, der in die Ecke des Raumes eingeklemmt war, das als Küche diente. »Ich habe dort keine zwei Jahre überstanden.«

»Warum nicht? Du scheinst ziemlich klug zu sein.«

»Summa cum laude«, erwiderte Reg, als er ein paar Bier hervorkramte.

»Wie bitte?«

»Vergiss es.« Kichernd schlug Reg die Bierkappen ab, indem er sie an der Seite der Theke runterhaute, ging dann zu Jeremy und hielt ihm eine Flasche hin. »Ich habe die Buchhaltung verlassen, weil ich kein Morgenmensch bin. Und mich den ganzen Tag in einem Büro einzukerkern, hat mich umgebracht.« Er hielt die Flasche an seine Lippen und nahm einen langen Schluck. »Also kehrte ich zurück nach Hause, mit dem Schwanz zwischen den Beinen, bekam einen Job in der Bar und fing an, zu sparen, damit ich irgendwo Backpacken kann. Das war vor anderthalb Jahren. Ich denke, in ein paar Jahren werde ich genug beisammen haben, um für eine Weile abzuhauen und zu wandern.« Er ließ sich auf seine Couch fallen und die Federn quietschten.

»Wo willst du hin?« Jeremy ließ seinen Blick durch den Raum wandern und ging auf einen braun karierten Sessel gegenüber der Couch zu.

»Ich weiß noch nicht«, antwortete Reg mit einem Schulterzucken. »Alaska vielleicht. Ich habe gehört, es sei cool da, es gebe viele tolle Wanderwege. Ich habe genug Zeit, um es herauszufinden.«

Jeremy sank auf den Sessel und nahm einen Schluck von seinem Bier. »Das klingt gut.«

»Ja. Das Bier dort ist auch genial. Ich habe welches im Kühlschrank, wenn du bereit für eine weitere Flasche bist.«

Er sah sich das Etikett an. »Four Peaks? Noch nie gehört.«

»Die sind regional, außerhalb von Tempe.« Reg fuhr mit dem Daumen über den langen Flaschenhals. »Was ist mit dir?«

»Was soll mit mir sein?«

»Gefällt dir, was du machst?«

»Vieles davon«, erwiderte Jeremy aufrichtig, lehnte sich zurück und streckte die Beine aus. »Der Teil mit der Musik, den liebe ich.«

»Du bist Musiker«, sagte Reg. »Ist nicht alles Teil der Musik?«

»Nee.« Jeremy schüttelte den Kopf. »Ich meine, die Musik kommt an erster Stelle, ja. Aber es gibt auch den ganzen Publicity-Kram. Interviews, Events, Fotografen überall.« Er nahm einen tiefen Atemzug und ließ ihn langsam entweichen. »Es ist echt scheiße.«

»Kein Menschenfreund, was?«, fragte Reg und sein halbes Grinsen fing an, vertraut auszusehen.

Es gab nichts zu leugnen. »Ich bin wirklich, wirklich kein Menschenfreund.«

»Ich habe einen Witz gemacht, Mann.« Reg ließ seinen Kopf gegen die Rückseite der Couch fallen. »Du bist total cool.«

»Cool, ja«, stimmte Jeremy zu. Er hielt den Flaschenhals zwischen Zeigefinger und Daumen, schwang die Flasche von einer Seite zur anderen und beobachtete die restliche Flüssigkeit. »Aber normalerweise pissen mich die Leute an, was wahrscheinlich eine gute Sache ist, denn dann werde ich nicht wütend, wenn sie abhauen.« Whoa. Das war bitterer und ehrlicher geworden, als er beabsichtigt hatte.

»Was meinst du damit?«

»Nichts.«

Reg bohrte nicht weiter nach. Gelassen wirkend, nahm er noch einen Schluck Bier.

Plötzlich war Jeremy danach, sich ihm anzuvertrauen. Es lag wahrscheinlich am ganzen Alkohol, der späten Stunde und der Tatsache, dass Reg eine dieser Barkeeperpersönlichkeiten hatte, die die Menschen dazu brachte, sich ihm zu öffnen. »Was ich meine, ist, dass ich nie lange an einem Ort bin. Ich soll bei allen möglichen Veranstaltungen auftauchen und ich muss mich mit Fotografen, Journalisten und Fernsehleuten treffen. Frauen genießen das für eine Weile, besonders wenn sie auffallen wollen, richtig? Ich meine, wenn sie bei mir sind, denken sie, ihre Bilder werden irgendwo auftauchen und dann werden sie berühmt. Aber dann fällt ihnen auf, dass es nicht wirklich so cool ist. Meistens müssen sie herumstehen und darauf warten, dass ich das erledige, was ich eben tue, und wenn sie nicht bereits berühmt sind, werden sie von den Leuten ignoriert. Oder wenn sie fotografiert werden, dann, wenn sie nicht damit rechnen, und jemand erwischt sie ohne Make-up oder an einem Tag, an dem sie sich fett finden, was auch immer das heißt, und sie flippen aus und geben mir die Schuld.«

»Du solltest mit einer anderen berühmten Person ausgehen«, schlug Reg vor. »An all das wäre die dann schon gewöhnt.«

»Habe ich versucht«, sagte Jeremy. »Mehr als einmal. Ich habe sie nie gesehen. Ich war damit beschäftigt, mein Ding zu machen, und sie waren damit beschäftigt, ihr Ding zu machen.« Er schüttelte den Kopf und trank sein Bier aus. »Es war hoffnungslos.« Er legte sich seinen Unterarm über die Augen und seufzte. »Es ist in Ordnung. Was auch immer. Manchmal wird es nur einsam, das ist alles. Und ich bin kurz davor, auf eine große Tour zu gehen, um das neue Album zu promoten, was das Schlimmste ist. Das wird mehr als sechs Monate dauern.«

»Du magst keine Touren?«, fragte Reg ungläubig. »Wirst du nicht zu einem Haufen neuer Orte gehen und neue Dinge sehen?«

»Ja, ich schätze, schon. Ich meine, das werde ich.« Es war schwer, zu erklären. Für ihn bestanden Touren nicht aus abgewetzten Bussen und billigen Motels. Er blieb an großartigen Orten und flog die meiste Zeit hin und her, vor allem auf internationalen Touren, so wie die, die er vor sich hatte. Und obwohl es nicht viele Verschnaufpausen gab, konnte er vor einer Show oder zwischen den Shows Sehenswürdigkeiten bewundern. Aber was auch immer er tat, er musste es allein tun.

»Du hast Glück«, sagte Reg wehmütig. »Das klingt fantastisch.«

»Du solltest mich begleiten«, scherzte Jeremy. »Ich sage allen, dass ich aufgehört habe, mit It-Girls auszugehen, und du mein Neuer bist.«

»Mann, ich wünschte, das ginge.« Reg stand auf. »Willst du noch ein Bier?«

»Sicher.« Er gab Reg seine leere Flasche. »Es klingt jetzt gut, aber glaub mir, du würdest es hassen.« Jeder, den er mitnehmen wollte, hasste es. Als er das letzte Mal getourt war, hatte seine Freundin, mit der er acht Monate lang zusammen gewesen war und die behauptet hatte, ihn zu lieben, nach nur zwei Monaten mit ihm Schluss gemacht und war mit einem aufstrebenden Schauspieler ausgegangen.

»Auf keinen Fall. Wie könnte es jemand hassen, die Welt zu bereisen?« Reg gab ihm sein Bier und setzte sich wieder.

»Ständig unterwegs zu sein und herumzusitzen, während ich auf der Bühne stehe. Tagsüber gibt es Zeit, etwas Sightseeing zu betreiben, oder was auch immer, und manchmal haben wir ein paar freie Nächte zwischen den Shows, aber die meisten Nächte trete ich auf, und dann bin ich fix und fertig, und alles, was ich dann noch tun will, ist, auf der Couch zu liegen, ein Bier zu trinken und …«

»Dich zu entspannen?«, vermutete Reg. »So wie wir es gerade machen, nur an exotischeren Orten?«

»Ja, aber ich bin normalerweise nicht so unterhaltsam.«

Reg lachte.

»Das stimmt. Ich werde auf Dauer nervig.« Er versuchte, sich an Wörter zu erinnern, die seine Ex-Freundinnen benutzt hatten. »Hilfsbedürftig. Weinerlich. Grummelig.«

»Du bist cool, Mann. Und du bist mit den falschen Mädchen zusammen, wenn sie sich darüber beschweren, mit dir herumhängen zu können und die Welt zu sehen.«

»Ernsthaft? Meinst du, das klingt nach Spaß?«

»Wie ich schon sagte, ich bin dabei.« Reg stand auf, ging rüber zum Fenster und zog es auf. »Tut mir leid, Mann, keine Klimaanlage.« Er griff den Rücken seines Hemds und zog es sich über den Kopf.

Jeremy entdeckte ein wohlgeformtes Sixpack, definierte Arme und ein auffälliges Tattoo, das an seiner linken Schulter begann und bis knapp über sein Handgelenk reichte. Mit dem trainierten Körper, einem schönen Gesicht und dem allgegenwärtigen Lächeln könnte Reg leicht in einer Zeitschrift landen.

»So heiß wird es normalerweise erst im Juni.« Er warf sein Hemd auf die Couch, bevor er mit einem weiteren lauten Quietschen der Sprungfedern darauf sank. »Kaum Mai und es ist schon drückend heiß.«

»Hast du jemals in Betracht gezogen, Model zu werden?«

Reg neigte den Kopf und warf Jeremy einen Blick zu, der deutlich machte, dass die Antwort nein lautete.

»Schau mich nicht so an.« Er wies mit dem Boden seiner Flasche auf Reg. »Du hast den Körper dafür.«

»Ich habe den Körper zum Wandern, Klettern, Spelunking und Verbringen meiner Freizeit im Fitnessstudio.«

Nachdem Jeremy ihn erneut prüfend betrachtet hatte, musste er zustimmen. Reg war nicht schlank wie die Männer, die auf Laufstegen modelten, oder drahtig wie er. Er war breit und muskulös. Jede Art des Modelns, die für ihn infrage kam, würde wahrscheinlich eine minimale Menge an Kleidung bedeuten, wie bei einigen der Bademoden-Models, die Jeremy gedatet hatte. »Es ist keine blöde Idee«, murmelte Jeremy, der Gedanke verfestigte sich.

»Alter, ich will kein Model sein. Lass gut sein.«

»Nein, nicht das.« Jeremy schüttelte den Kopf und richtete sich auf. »Ich rede davon, dich auf die Tour mitzunehmen. Du willst reisen und du hast keine Probleme damit, Smalltalk mit jemandem zu betreiben, auch nicht mit Betrunkenen.« Jeremy hatte es persönlich in der Bar erlebt. »Ich habe es satt, allein auf Tour zu gehen und das Mädchen mitzunehmen, das mein Manager für Premieren zu mir schickt.« Er strahlte. »Es ist perfekt.«

»Warte.« Reg setzte sich auf, seine Augen waren geweitet. »Was willst du damit sagen?«

»Was ich damit sagen will, Reggie Moore: Wirst du mein Freund für die nächsten sieben Monate sein? Ich zahle dir, was auch immer du in dieser Bar verdienst, und Reise, Kost und Logis sind frei. Im Gegenzug musst du nur hübsch lächeln, wenn ich eine öffentliche Veranstaltung habe und mich mit einem Haufen Leuten treffe, die denken, sie seien echt wichtig. Und in unserer Freizeit betrinkst du dich mit mir oder bringst mir bei, wie man klettert oder taucht oder was auch immer du sonst noch für coole Sachen machst. Was sagst du?«

»Du meinst das ernst?«

»Todernst.« Jeremy fühlte sich leicht und glücklich und lächelte breit. »Und ich werde dich nicht mal dazu bringen, meinen Schwanz zu lutschen.«

Kapitel 2

Auch ohne den zusätzlichen Bonus, mit Jeremy schlafen zu dürfen, war das ein Angebot, das Reg unmöglich ablehnen konnte. Er war kaum über Nogales’ Grenzen hinausgekommen. Wenn er mit einem der erfolgreichsten Rockstars aller Zeiten auf Tour ging, würde er mehr von den USA und anderen Ländern sehen. Außerdem könnte er es sofort tun, ohne weitere zwei bis drei Jahre Geld anzusparen. Und Reg war sich sicher, dass Jeremys Reisemethode komfortabler sein würde als sein Plan, zu trampen oder mit dem Bus zu fahren. Fazit: Was Jeremy anbot, war so gut wie ein Lottogewinn, und genau wie ein Gewinn in der Lotterie, dachte Reg nicht, dass so etwas jemals passieren würde.

»Du bist besoffen, Mann.« Er schüttelte den Kopf und grinste, der anfängliche Nervenkitzel der Idee wurde durch Belustigung ersetzt. Wer hätte gedacht, dass Jeremy Jameson so ein alberner Betrunkener sein würde? »Ich dachte, ich habe alles von Leuten gehört, die einen zu viel hatten, aber du gewinnst den Preis für den kreativsten Suff.«

»Ich bin nicht betrunken«, schnaubte Jeremy.

»Alter. Du bist total durch.«

»Bin ich nicht.«

»Gut, dann beweise es«, sagte Reg. Der Umgang mit Leuten, die nicht wussten, dass sie nicht mehr nüchtern waren, war Teil seines Jobs. »Gehen auf einer Linie.«

Jeremys Stirn legte sich in Falten. »Was bedeutet das?«

»Du wurdest nie herausgezogen und musstest den Linientest bestehen?«

»Äh, nein.«

»Okay.« Reg stand auf, wischte seine Hände an der lockeren Jeans ab, hielt Jeremy eine Hand hin und zog ihn auf die Füße. »Siehst du die Linie, in der das Linoleum die Farbe ändert?« Er zeigte auf seine Küche. »Beginne an einem Ende und gehe sie entlang, dann drehst du dich um und gehst so zurück zum Anfang.«

»Pah!« Jeremy winkte ab. »Mein Trainer macht so was ständig mit mir. Ich mache das stundenlang, wenn wir trainieren. Und du willst nur, dass ich durch einen Raum laufe? In Ordnung.« Jeremy schüttelte den Kopf und sagte: »Wir sollten auf etwas wetten, weil ich gewinnen werde.«

»Alles klar.«

Jeremy sah Reg an und hielt einen Fuß über der Linie. Sofort kippte er nach rechts und musste beide Füße auf den Boden stellen und seine Arme zur Seite ausstrecken, um sein Gleichgewicht nicht zu verlieren. »Willst du wetten?«

»Sicher.« Reg hob vergnügt die Augenbrauen. »Warum? Hast du deine Meinung schon geändert?« Er verschränkte die Arme und fing an, wie ein Huhn zu gackern.

»Du machst jetzt gerade keine Hühnergeräusche.«

»Hey, wenn das doch passt.«

»Gut.« Jeremy rollte mit den Augen. »Worum wetten wir?«

»Wenn du die Linie in beide Richtungen gehen kannst, ohne anzuhalten und ohne deine Arme zum Ausgleich zu benutzen, nehme ich dein Angebot an.«

»Und wenn ich es nicht kann?«

»Dann bist du zu betrunken, um zu wissen, was du sagst, und du musst noch einmal fragen, nachdem du deinen Rausch ausgeschlafen hast.«

»Das war’s? Das ist alles, was ich verliere?« Er schnaubte. »Du musst lernen, wie man wettet. Das ist …«

»Es gibt noch mehr«, sagte Reg.

»Oh. Was?«

»Ich will ein Jahr statt sieben Monate.«

Jeremys Gesicht zog sich zusammen und erinnerte Reg an den Ausdruck seines Neffen, wenn er ein Nickerchen machen sollte. »Das würde ich ja gerne, aber ich kann nicht. Die Konzerte sind bereits geplant. Alle Arenen sind gebucht. Heißt das, du machst es nicht?«

Sich davon abzuhalten, die lilanen Haare zu zerstrubbeln, kostete ihn Mühe. In Zeitschriften war Jeremys Schopf immer in einer anderen Farbe zu sehen und stachelig gestylt. Aber nachdem sie die ganze Nacht in einem stickigen Raum von einer Kappe bedeckt gewesen waren, waren die Strähnen steif von Schweiß und verfilzt und verklebt an einigen Stellen, während sie auf unschöne Weise an anderen Stellen abstanden. Der Look passte zu dem Bild des kleinen Jungen und Reg lächelte.

»Ich werde es tun«, sagte er, ballte und entspannte seine Hände, um sich davon abzuhalten, nach dem Mann zu greifen, um diesen enttäuschten Ausdruck zu besänftigen. »Aber wenn die Tour vorbei ist, können wir weiterreisen. Nur wir gehen dann dorthin, wo wir wollen, wann wir wollen. Keine Pläne.«

Jeremy weitete seine Augen und öffnete den Mund. »Ein Abenteuer?« Er keuchte.

Sicher, sie könnten es so nennen. Reg nickte.

»Nur wir beide?« Seine Augen nahmen einen verträumten Ausdruck an und er senkte seine Stimme. »Kein Manager. Keine Groupies. Niemand, der will, dass ich irgendwas tue.«

Nicht sicher, ob Jeremy mit sich selbst redete oder ihm eine Frage stellte, schwieg Reg.

»Deal«, sagte Jeremy. Mit dem Blick auf das Linoleum machte er den ersten Schritt und warf sofort seine Arme zu den Seiten, um sein Gleichgewicht zu halten. Er schwankte nach zwei Schritten hin und her, stolperte nach drei von der Linie, und beim vierten Schritt fiel er direkt auf den Hintern.

Kehlig lachend half Reg Jeremy auf die Füße. »Alter, du bist so verdammt erledigt.«

»Vielleicht.« Jeremy zuckte mit den Schultern und zeigte Reg ein albernes Grinsen. »Aber morgen früh holen wir Kaffee und du willigst ein, für ein Jahr ganz mir zu gehören.«

Nachdem er die meiste Zeit gearbeitet hatte, während Jeremy getrunken hatte, war Reg immer noch sehr nüchtern, sodass er durch den Kommentar hart wurde. Natürlich wusste er: Was Jeremy wollte, war kein fester Freund. Der arme Kerl brauchte einen Kumpel, jemanden, der Zeit mit ihm verbrachte, der keine Hintergedanken hatte oder ständige Forderungen stellte. Es war traurig, dass er das Gefühl hatte, darauf verzichten zu müssen, aber Reg würde sich nicht beschweren. Jeremy war cool, seine Musik war toll und die Welt zu bereisen, war ein Traum, der wahr werden würde. »Ich hoffe es, Mann«, sagte er. »Das wäre großartig.«

»Das wäre es.« Jeremy nickte. »Keine einsamen Nächte mehr. Keine langweiligen Flüge mehr ohne jemanden zum Reden. Keine Mädchen mehr, die sagen, dass sie bei mir sein wollen, obwohl sie mich nicht einmal mögen, denn alles, was sie wirklich wollen, ist ein Sprung auf der Karriereleiter.« Er seufzte. »Nicht mehr.«

Da er nicht wusste, wie er reagieren sollte, drückte Reg Jeremys Schulter.

Jeremy gähnte.

»In Ordnung. Du bist fertig, ich bin fertig. Genug für heute. Ich hole dir ein Kissen. Brauchst du noch was? Eine Decke?«

»Nein.« Jeremy zog sein Shirt über den Kopf und schwankte zur Couch. »Mir geht’s gut.« Er fiel auf den Rücken, knöpfte seine eng geschnittene Jeans auf und schob sie von den Hüften. »Ich stecke fest«, sagte er dramatisch, als sich die Jeans um seine Knöchel verheddert hatte. »Warum geht die nicht runter?« Er trat mit den Füßen und wackelte herum, sah albern, aber liebenswert aus.

»Du bist ein lustiger Betrunkener.« Reg ging zu ihm und schnappte sich seine Füße. »Halt still.«

Jeremy erstarrte.

»Schuhe zuerst, dann die Hose«, neckte Reg ihn, als er Jeremys Turnschuhe auszog.

»Vergessen«, murmelte Jeremy, seine Stimme klang belegt, seine Augen fielen zu. Es schien, als hätten der lange Tag und die Menge an Alkohol ihn eingeholt.

»Halt, Superstar.« Er zerrte Jeremys Jeans runter und sah dessen kleinen schwarzen Slip, der der Fantasie wenig überließ. Wie es aussah, hatte der Typ schöne Eier, groß genug, um in der Hand gehalten zu werden, während man seinen Schwanz lutschte. Nachdem Reg den Gedanken verdrängt hatte, packte er Jeremys Knöchel und schüttelte ihn. »Du musst aufs Klo, bevor du einschläfst.« Als er keine Antwort bekam, schüttelte er wieder sein Bein. »Ernsthaft. Steh auf. Ich brauche nicht noch mehr Pisse auf dieser Couch.«

»Noch mehr Pisse?«, fragte Jeremy und kämpfte sich in eine sitzende Position. »Wer, der dich besucht, ist nicht stubenrein?«

»Meine Nichte und mein Neffe, ihr Hund und jeder, der diese Couch benutzt hat, bevor ich sie gefunden habe.«

»Du hast deine Couch gefunden?« Jeremy schaffte es endlich, aufzustehen, aber er war nicht stabil auf den Füßen. »Wo hast du deine Couch gefunden?«

Als er Jeremy von Kopf bis Fuß musterte, hatte Reg nur einen Gedanken: Gottverdammt, der Junge war heiß. Obwohl er nicht groß war, vielleicht fünf Fuß zehn, hundert Pfund an einem guten Tag, war er drahtig, hatte definierte Muskeln und glatte, weiche Haut. Die Bilder, die Reg in Magazinen gesehen hatte, wurden der Liveversion nicht gerecht. Reg hatte Jeremy Jameson immer für attraktiv gehalten, aber sein Bild kam nicht in Regs Kopf, wenn er nachts allein im Bett war. Zweifellos würde sich das ändern. Nachdem er mit einem kaum bekleideten Jeremy per Du war, wusste Reg, dass sein Kopfkino nun gut aufgestockt war, was inspirierende Bilder betraf.

»Ich habe es am Straßenrand gefunden«, Reg legte seinen Arm um Jeremys Schultern und führte ihn ins Bad, »am Sperrmüllabholtag.«

»Oh.«

»Wird es gehen oder brauchst du Hilfe?«, fragte er, sobald sie vor der Tür standen, die ins Badezimmer führte.

»Ich brauche keine Hilfe beim Pinkeln!«, erwiderte Jeremy und klang verletzt und stieß dann mit dem Gesicht gegen die Badezimmertür. »Au!«

Während er so heftig lachte, dass er nach Luft schnappen musste, sah er Jeremy dabei zu, wie dieser ins Bad taumelte, seine Stirn rieb und murmelte: »Aua.«

»Versuch nicht, auf meinen Boden zu pinkeln, okay, Superstar?«

Die Tür knallte zu. Reg hörte einen Stoß, gefolgt von einem weiteren »Au!«, und dann war er sich ziemlich sicher, dass Jeremy auf den Boden gefallen war. »Mir geht’s gut!« Das Geräusch seines Schlurfens drang durch die dünne Tür. »Alles in Ordnung!«

Wieder lachend, ging Reg in sein Schlafzimmer und stellte sich vor, wie toll es wäre, Nächte wie diese für ein Jahr zu haben. Er hoffte wirklich, dass Jeremy sein Angebot ernst gemeint hatte und es nicht das Bier gewesen war, das aus ihm gesprochen hatte.

»Reg!«

»Ja?« Reg zog seine Stiefel aus.

»Die Toilette spült nicht.«

»Du musst am Griff rütteln.« Er zog seinen Gürtel heraus und schob seine Jeans nach unten.

»Was bedeutet das?«

Okay, also vielleicht nicht genau so. Bessere Toiletten wären gut. »Lass es. Ich kümmere mich in einer Minute darum.« Nachdem er seine Jeans auf seine Kommode geworfen hatte, damit er sie am nächsten Morgen wieder tragen konnte, schnappte er sich ein Kissen vom Bett und ging zurück in den Wohnbereich.

»Okay!« Die Badezimmertür öffnete sich und Jeremy kam heraus. »War nur Pipi.«

Reg hielt inne. »Pipi?«

Jeremy nickte.

»Wie alt bist du?«

»Einunddreißig. Warum? Wie alt bist du?«

»Ich bin sechsundzwanzig und habe vor mehr als zehn Jahren aufgehört, Pipi zu sagen. Merkst du was, Alter?«

»Hä?«

»Vergiss es.« Reg schüttelte den Kopf und schaute Jeremy liebevoll an. »Du bist zu dicht, um dich an dieses Gespräch zu erinnern.« Er schob das Kissen an Jeremys Brust. »Hier. Schlaf gut.«

»Ich bin nicht dicht«, widersprach Jeremy, aber es war halbherzig. Er klang zu müde, um seinen Kommentar richtig infrage zu stellen. Er kehrte zur Couch zurück, legte sich hin und schlief, seiner gleichmäßigen Atmung nach zur urteilen, in Sekunden ein.

»Du bist ein cooler Typ, Jeremy Jameson«, sagte Reg und schaute seinen wunderschönen Gast an. »Du solltest nicht nur so tun müssen, als ob du jemanden in deinem Leben hast, der bei dir sein will.« Mit einem Seufzer drehte er sich um und machte sich bettfertig.

***

Ein paar Bier waren genug, um ihm zu helfen, gut zu schlafen, aber nicht genug, dass er unter einen Felsen kriechen und sterben wollte, anstatt aufzustehen. Da er wusste, dass Jeremy nicht so gut gelaunt sein würde, versuchte Reg am nächsten Morgen, leise zu sein, als er das Bad benutzte, seine Zähne putzte und den Kaffee machte. Er kochte nicht gern, also hatte er nicht viel Essen im Haus, aber er hatte einige Bagels in der Tiefkühltruhe und seinen standardmäßigen Vorrat an Bananen auf der Theke. Er nahm welche für Jeremy und machte sich sein übliches Proteinshake-Frühstück, wobei er die Zutaten im Mixer ließ und ihn nicht einschaltete, um seinen Hausgast nicht zu wecken.

»Urgh.«

Das erbärmliche Stöhnen von seiner Couch ließ ihn herumwirbeln.

»Fühlt sich an, als ob ich von einem Truck überrollt wurde«, wimmerte Jeremy. Oder zumindest dachte Reg, dass es das war, was er gesagt hatte. Es kam in einem fast unverständlichen Murmeln.

»Wurdest du auch.« Er füllte ein Glas mit Wasser und schüttelte ein paar Aspirin aus der Dose, die er neben dem Kaffee aufbewahrte. »Einem Biertruck.« Als er zu Jeremy ging, sagte er: »Setz dich hin.«

»Ich will nicht.« Jeremy griff nach dem Kissen und bedeckte sein Gesicht damit.

Lachend nahm Reg das Kissen und entdeckte ein wunderschönes Gesicht, auch wenn es mit Furchen durch die Couch übersät war. »Trink das.«

»Hngh.«

»Lass mich nicht deinen erbärmlichen Hintern kitzeln, um dich aufzuwecken, Superstar.«

»Wenn du mich kitzelst, pinkle ich.«

»Ich steh nicht auf so was, also setz dich auf und trink dein Wasser wie ein braver, einunddreißigjähriger Junge.«

Damit fing sich Reg einen finsteren Blick ein,

»Oho, sieh mal, wer sauer ist. Du musst deine Gliedmaßen erst mal zum Laufen bringen, wenn du mich hauen willst.« Er zeigte auf die Couch. »Setz dich.«

»Ich bin kein Hund.« Murrend setzte er sich auf und legte dann sofort seine Hand auf die Stirn und stöhnte. »Ich brauche Kaffee.«

»Wasser zuerst.« Reg nahm seine Hand, hielt sie hoch und schob das Glas hinein. »Nimm auch die Aspirin.« Er legte die Tabletten in Jeremys leere Hand. »Ich besorge dir eine Banane und einen Bagel.«

»Und danach kann ich Kaffee trinken?«, fragte Jeremy und sah unglücklich aus.

Unfähig, der schläfrigen, morgendlichen Version des bereits jetzt entzückenden Kerls zu widerstehen, tat Reg, was er seit der letzten Nacht wollte, und zerzauste seine Haare. »Ja, dann kannst du Kaffee trinken.«

Er ließ Jeremy sein Wasser trinken und nahm eine Banane und einen Bagel. Er hatte einen Schritt Richtung Couch gemacht, als Jeremy sagte: »Oh, und wegen letzter Nacht.«

Er gab sich einen innerlichen Klaps auf den Rücken, weil er kaum stammelte. Reg wusste, dass Jeremy sein Angebot zurückziehen würde. »Ja?«

»Wenn ich diesen Kater überlebe, gilt das Angebot noch.« Er rieb sich die Augen. »Was sagst du?«

Reg tauschte das leere Glas gegen die Banane aus und legte den Bagel auf den Tisch. »Du willst der Welt sagen, dass du schwul bist, damit du jemanden hast, der dich auf Tour begleiten kann?«

»Lass es nicht so verzweifelt klingen, ja?« Er schälte die Banane. »Du hast keine Ahnung, wie es ist, dein ganzes Leben von Leuten für ihren Mist benutzt zu werden.« Er seufzte. »Es ist ermüdend.«

Er kniete vor Jeremy nieder, damit sie auf Augenhöhe waren, und wies ihn darauf hin, was er für offensichtlich hielt: »Aber du würdest mich bezahlen, damit ich mitkomme. Ist das nicht dasselbe?«

»Nein.« Jeremy schüttelte den Kopf, dann stöhnte er und ließ die Banane los, um sich an die Schläfen zu fassen.

Mit einem Lachen nahm Reg die Banane und gab sie ihm zurück.

»Danke.« Jeremy räusperte sich, was noch schläfrig klang. Es war sexy. »Sag mir, warum du bereit bist, mit mir auf Tour zu gehen.«

»Äh, wenn ich Musik hören, die Welt sehen, gutes Bier trinken und herumhängen kann …« Reg hielt inne, überlegte, was fehlte, und sagte: »Warum sollte ich nicht mitkommen?«

»Siehst du? Das ist es, was ich meine.« Jeremy nahm einen Bissen von seiner Banane und sprach weiter, während er kaute. »Jeder, mit dem ich ausgegangen bin, sagte, er wolle mit auf Tour kommen, damit er bei mir sein könne. Aber weißt du was? Was sie wollen, ist, die Dinge zu tun, die sie genießen. Das Rote-Teppich-Zeug und dass sie überall sein können, aber der Rest langweilt sie, und mit mir allein zu sein, nervt sie, und dann werden sie angepisst und sauer und ich muss mich nicht damit beschäftigen, während ich arbeite. Es ist schwer genug, Nacht für Nacht auf der Bühne zu sein, okay? Wenn ich das tun muss, was ich hasse, brauche ich jemanden, der mir hilft, nicht jemanden, bei dem ich mich entschuldigen muss oder was auch immer. Und ich brauche Freizeit, wenn ich Freizeit habe.« Er nahm noch einen Bissen. »Weißt du, was ich meine?«

»Mhm.« Reg kaute auf seiner Oberlippe herum. »Ich glaube, schon.«

»Bei dir ist es anders. Du kommst nicht mit, um etwas zu erreichen. Du willst da sein. Außerdem wirst du für die Kameras lächeln, aber du wirst nicht sauer werden, wenn du nicht derjenige bist, auf den sie sich konzentrieren. Du wirst mit den Journalisten Späße machen, die übrigens dein ganzes tätowiertes Muscle-Boy-Ding lieben werden, aber du wirst nicht sauer werden, wenn sie nichts über dich schreiben.« Er grinste, die Banane war auf seinen Zähnen verschmiert. »Es ist perfekt.«

Reg nickte und überlegte, was Jeremy gesagt hatte. »Du weißt, dass ich keine Frau bin, oder?«

Jeremy musterte ihn von oben bis unten, hob die Augenbrauen und sagte: »Äh, ja.«

»Und es ist okay für dich, wenn die Welt denkt, Jeremy Jameson sei schwul, nur damit wir ein paar Bier trinken können und ich mich mit dir vor diesen nervigen Leuten zeige?«

»Sicher. Warum sollte es mich kümmern, was sie darüber denken?«

»Manche Leute kümmern sich um diese Art Zeug.«

»Ich bin Musiker, kein, äh, ich weiß nicht …« Er schnappte sich den Bagel und biss ein großes Stück ab. »Welche Jobs interessieren sich dafür, wen jemand fickt? Politiker? Was auch immer.« Er schüttelte den Kopf. »Du weißt, wer meine Eltern sind. Wenn meine Mutter sich von Mann Nummer sieben scheiden lassen kann, was übrigens noch geheim ist, also behalte es für dich, und mein Vater die meiste Zeit seines Lebens damit verbringen konnte, sich so vollzudröhnen, dass er schließlich in einem Hotelzimmer in einem Bett voller Frauen starb, und wenn meine Stiefmutter trotzdem deprimiert und mit roten Augen auf seiner Beerdigung auftauchen konnte und Beileidsbekundungen bekam, dann kann ich auch schwul sein.«

»Alles klar.« Reg stand auf und ging in die Küche. »Wenn du damit klarkommst, bin ich dabei, Mann. Sag mir, wann wir gehen, und ich packe meine Tasche und bin bereit.« Er nahm seinen Becher mit den wenigsten Macken, füllte ihn mit Kaffee und brachte ihn dann zu Jeremy.

»Die erste Show ist morgen in einer Woche in Minneapolis, aber du solltest wahrscheinlich zuerst nach L.A. kommen, damit wir zusammen gehen können.« Er nahm noch einen Bissen von seinem Bagel und einen großen Schluck Kaffee. »Mmh, der ist gut.« Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und fragte: »Du bist also dabei?«

Eine Woche war nicht viel Zeit, aber das Einzige, was Reg tun musste, war, seine Kleider in eine Tasche zu stopfen, seinem Boss zu sagen, er sollte jemanden finden, der seine Schichten übernahm, und seine Vermieterin, seine Mutter und seinen Bruder wissen lassen, dass er ging. Eine Woche war lange genug, um das zu erledigen. Er hob seine Faust, grinste und sagte: »Ich bin dabei, Mann.«

Jeremy lächelte zurück und stieß mit seiner eigenen Faust dagegen. »Na dann mal los.«

Kapitel 3

»Jeremy, du bist ganz oben in Hollywood. Du kannst nicht schwul sein.«

Da er mit Geschäftsagenten, Öffentlichkeitsarbeitsexperten und Managern aufgewachsen war, überraschte Jeremy nichts mehr. Trotzdem fand er, dieser Kommentar seines Managers war absurder als der Unsinn, den er sonst hörte. »Ergibt das in deinem Kopf Sinn, Bill? Denn laut ausgesprochen, klingt es dämlich.«

»Du hast schon verstanden, was ich gesagt habe«, antwortete Bill und sah frustriert aus.

»Nein, das habe ich nicht.« Jeremy verschränkte die Arme und lehnte seinen Stuhl zurück, sodass er auf zwei Beinen ruhte. Er hatte es bei Reg ein paarmal gesehen und dachte, es wäre einfach, aber es war schwieriger, als es aussah, das Gleichgewicht zu halten. »Erklär es mir.«

Sein missbilligender Blick wanderte vom Stuhl zu Jeremys Gesicht und er seufzte schwer. »Dein Großvater hat drei oscarprämierte Filme gedreht. Deine Mutter hat die gleiche Anzahl goldener Statuen auf ihrem Kaminsims, und mit dreiundfünfzig dreht sie immer noch Filme. Bis heute sagen die Leute, dass dein Vater die größte Rocklegende aller Zeiten sei, und der Jahrestag seiner Überdosis ist praktisch eine landesweite Trauerzeit.« Er hielt inne und schaute Jeremy bedeutungsvoll an. »Du bist der meistgekaufte Musiker der Welt. Du kannst nicht mit Bademoden-Models ausgehen, oder welches Starlet auch immer die Zeitungen diese Woche heiß macht, und dann der Welt erzählen, dass du mit einem Kerl zusammen bist.«

Jeremy kippte mit seinem Stuhl wieder zurück auf alle vier Beine und sagte: »Ich bin der meistgekaufte Musiker der Welt. Ich kann tun, was immer ich will.«

Mit einem Augenrollen und einem weiteren Seufzer erwiderte Bill: »Alles klar. Gut. Jede Presse ist gute Presse, denke ich. Ich überleg mir was.«

Jeremy kippte seinen Stuhl wieder zurück und rollte mit den Augen. Es gab nichts, was man sich ausdenken musste. Sein Privatleben sollte seine Angelegenheit sein und niemandes sonst. Auch wenn es sich aufgrund seiner Karriere nicht so abgespielt hatte: Zu wissen, wen er datete, und ein Mitspracherecht dabei zu haben, waren zwei völlig verschiedene Dinge. Außerdem, sobald sich die Presse Reggie Moore ansah, würde sie sich einnässen. Der Kerl hatte ein Gesicht und einen Körper wie gemacht für Zeitschriften, und das passende Lächeln.

»Ich rufe dich morgen an und lasse dich wissen, welche Interviews anstehen.«

»Interviews?« Jeremy spuckte und der Stuhl knallte zu Boden, als er sein Gleichgewicht verlor.

»Ja, Interviews.« Bill rollte mit den Augen. »Du machst diese ganze ‚Outing-Sache’, oder? Ich wette, ich kann dich bis morgen in die The Tonight Show und Today bringen.«

»Ich gehe nicht ins Fernsehen! Wir haben eine Tour, die in einer Woche startet.«

»Gut.« Bill drehte seinen Stuhl, um seinen Computer anzuschalten, und fing an zu tippen. »Dann ein abgedrucktes Interview. Ich bringe dich aufs Cover der Rolling Stone.«

»Nein.«

»Ich diskutiere nicht mit dir darüber.« Bill hob die Hand und winkte Jeremy weg, ohne seine Augen vom Bildschirm zu nehmen. »Geh Schach spielen, oder was auch immer du mit diesem neuen Freund machst, und lass mich meinen Job machen.«

»Warum sagst du es so?«

»Wie sage ich was?«

»Freund«, ahmte er Bills Tonfall nach. »Du sagst es, als sei es absurd.«

»Weil es absurd ist.«

»Es ist absurd, schwul zu sein?« Jeremys Ton wurde höher, als sein Zorn aufkam.

»Nein.« Bill wandte sich schließlich vom Bildschirm ab und begegnete seinem

Blick. »Es ist absurd für dich, schwul zu sein.«

»Warum? Weil ich Hollywoodkönigsklasse bin? Das ist läch…«

»Weil du einunddreißig bist. Menschen werden nicht mit einunddreißig ganz plötzlich schwul.«

Das war ein guter Punkt, aber Jeremy würde das nicht zugeben. »Vielleicht war ich die ganze Zeit über schwul und habe es verheimlicht?«

»Du? Etwas verheimlichen?« Bill schnaubte und schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Und übrigens wird es auch niemand sonst glauben. Nicht nach der Reihe von Frauen, die in deinem Bett lagen, und nach deinen, nun, Ansichten, die du gern mit oder ohne Kamera mitgeteilt hast.«

Gut, er mochte im Laufe seines Lebens einen Fotografen angeschrien haben, oder zweihundert, aber nur, weil sie ständig in seinem Gesicht waren. »Ich könnte bi sein. Leute sind bi.«

»Du bist bisexuell?«

»Ich könnte es sein.«

»Schau mal, Jeremy.« Bill legte seine Unterarme auf seinem Schreibtisch und lehnte sich nach vorn. »Ich weiß nicht, ob dir langweilig ist oder du versuchst, eine Nummer abzuziehen oder sonst irgendwas, aber wenn du dich nicht zu Männern hingezogen fühlst, bist du nicht schwul und nicht bi.« Er setzte sich auf. »Nicht, dass es mir egal sei. Du machst weiterhin Musik und ich werde dafür sorgen, dass unser Team alles verkauft, was wir über dein Privatleben verkaufen müssen. Es ist in Ordnung.«

»Ich finde, Männer sind attraktiv«, sagte Jeremy defensiv, aber ehrlich. Verdammt, er hielt Reg für wunderschön. Das war eines der Dinge, die er an diesem Mann bemerkt hatte, von dem er wusste, dass er ein guter Kandidat für den Job eines vorgetäuschten Freundes war. Die Kamera würde ihn lieben und die Menschen dahinter würden es auch. Gut aussehend und ein netter Kerl; die perfekte Kombination.

»Du weißt, was ich meine.«

Wie zuvor, wusste Jeremy nicht, was Bill meinte. »Nein, das tue ich nicht.«

Sich wieder vom Computer abwendend, sagte Bill: »Wenn jemand gut aussehend ist, ist es nicht dasselbe, wie sich von ihm angezogen zu fühlen. Homosexuell zu sein, bedeutet, dass du eine emotionale Verbindung zu einem anderen Mann hast, dass du ihn körperlich und geistig willst.« Er hielt inne. »Verstehst du, was ich meine? So fühlst du dich bei Männern nicht, Jeremy. Du bist nicht der größte Frauenheld der Welt, aber du bist auch kein Mönch.«

Jeremy musste ihm darin zustimmen, dass er für keinen Mann je diese emotionale Tiefe empfunden hatte, aber er hatte diese auch nie bei einer Frau gefühlt. Er wollte seine Seele nicht vor seinem Manager entblößen, also versuchte er, das Gespräch umzudrehen. »Du scheinst viel darüber zu wissen, Bill.«

»In der Tat tue ich das.« Er sah Jeremy bedeutungsvoll an.

»Was willst du damit sagen?«, fragte Jeremy. Er war besorgt, dass er die Kontrolle über das Gespräch nun völlig verloren hatte.

Er verschränkte seine Arme und fragte: »Wie lange arbeiten wir schon zusammen?«

»Äh.« Zahlen waren nie Jeremys Stärke gewesen. »Ich weiß es nicht. Seit Roger in den Ruhestand gegangen ist und du seine Mandanten übernommen hast. Wann war das?«

»Vor acht Jahren«, antwortete Bill hilfsbereit. »Also acht Jahre schon. Und in all der Zeit, hast du da jemals meine Frau kennengelernt?«

Jeremys Blick schoss zu seinem nackten Ringfinger und er fragte: »Du bist verheiratet?«

»Nein.«

»Oh.«

»Aber wenn ich je heirate, dann wird es ein Mann sein.«

»Du bist schwul?«

»Ja, ich bin schwul.«

»Wieso wusste ich das nicht?«, erwiderte Jeremy.

»Ich fahre auch gerne Ski und in meiner Freizeit, die sehr begrenzt ist, weil ich sieben Tage die Woche für dich arbeite, bin ich ein ziemlich guter Koch. Du wusstest diese Dinge nicht, weil sie, genau wie die Sache, mit wem ich zusammen bin, nichts mit unserer Arbeit zu tun haben.«

Er fühlte sich schuldig, weil er sich nicht mehr für eine Person interessiert hatte, die er so lange kannte und die so viel für ihn tat. Er öffnete den Mund, um sich zu entschuldigen, aber Bill hielt die Hand hoch und hielt ihn auf.

»Ich bin ein verdammt guter Manager, Jeremy. Ich verstehe, dass du mit familiären Verbindungen und einer großen Portion Talent geboren wurdest, aber du bist nicht die einzige Person, die das hat. Da hinzukommen, wo du bist, geschah nicht von allein, auch wenn man sich vielleicht nicht immer daran erinnert.«

»Das weiß ich. Es gibt immer eine Crew um mich herum, die mir sagt, wie ich mein Leben leben soll. Glaubst du, ich weiß das nicht?« Nun, das war das Gegenteil einer Entschuldigung. Mist. Jeremy atmete tief durch. »Tut mir leid. Ich wollte nicht … «

»Doch, wolltest du, und es ist in Ordnung. Es ist nicht das erste Mal, dass du mich angeschnauzt hast, und es wird nicht das letzte Mal sein. Wenn wir hier fertig sind, verschwinde aus meinem Büro, damit ich herausfinden kann, wie ich das ganze Jeremy-Jameson-ist-schwul-Ding so drehen kann, dass ich es später zu Ende bringen kann, ohne Leute auf beiden Seiten des Zauns zu beleidigen.«

»Was meinst du?«

Bill verlor seine Geduld, seine steife Haltung und verkniffener Gesichtsausdruck machten das deutlich. »Es bedeutet, dass die Homophoben sauer sein werden, dass du schwul bist, und diejenigen von uns, die tatsächlich schwul sind und sich mit allem beschäftigt haben, werden sauer sein, wenn du deine Einstellung darüber änderst, als ob deine sexuelle Orientierung eine Jacke sei, die du aus- und anziehen kannst, wann immer du willst.«

»Das ist nicht das, was ich tue. Ich will kein Statement abgeben. Ich will nur …« Jemanden haben, mit dem er jede Nacht in verschiedenen Städten schlafen konnte, jemanden, der ihm Gesellschaft leistete und ihn zum Lachen brachte, jemanden, der ihn daran erinnerte, dass das, was er tat, Spaß machte, und keine lästige Pflicht war. »Ich will Reg bei mir auf dieser Tour haben.« Jeremy stand auf, fuhr sich durch die Haare und sagte: »Die Presse kann das Label verwenden, das sie will, aber ich ändere meine Meinung nicht. Ende der Geschichte. Sorg dafür, dass es funktioniert.«

Er hatte einen Fuß aus der Tür, als Bill sagte: »Vergiss nicht, dass du deiner Mutter davon erzählen musst, okay? Wir können sie hysterisch nicht gebrauchen, wenn sie von einem anderen vor der Kamera von deinem Freund erfährt.«

Verdammt. Er hasste es, wenn Bill mit etwas recht hatte, was er nicht tun wollte. Und über all das zu reden, vor allem über sein Privatleben mit einer Frau, die ihr Leben mit Wodka und Valium verbrachte, fiel definitiv in diese Kategorie. »Alles klar.« Jeremy ließ die Schultern hängen angesichts des Besuchs, den er hinter sich bringen musste. »Ich kümmere mich darum, Paula Radcliffe Bescheid zu sagen. Du beschäftigst dich mit dem Rest der Welt.«

»Ich habe den leichten Teil bekommen«, neckte Bill ihn. »Ich weiß.«

***

Jeremy stand außerhalb der steilen, geschwungenen Stufen, die zum spanischen Kolonialhaus in Hanglage führten, wo seine Mutter wohnte, und kämpfte damit, sich zur Haustür zu bewegen. Seine Anspannung stieg mit jeder Minute, die er draußen stand, und er starrte auf die akribisch getrimmten Sträucher. Er nahm seinen Hemdkragen in den Mund und dachte darüber nach, wieder in sein Auto zu steigen und das mit einem Telefonanruf zu erledigen oder, besser noch, Bill zu sagen, jemand anderes zu schicken, um mit seiner Mutter zu reden. Als sein Handy klingelte, atmete er erleichtert auf und ging schnell ran.

»Hallo.«

»Hey, Superstar, wie läuft das Leben? Hast du deine Meinung schon geändert?«

Sein Lächeln kam sofort als Reaktion auf Regs tiefe, fröhliche Stimme. »Ich ändere meine Meinung nicht. Wenn du früher herkommen könntest, wäre das großartig.«

»Wie viel früher?«

Jeremy rieb sich über sein Gesicht und blickte wieder zum Haus. »Jetzt?« Er hustete. »Ich scherze. Ich wünschte nur, du könntest hier sein, um mit meiner Mutter zu reden, anstatt mit mir zu reden, oder wenigstens um das Leid zu teilen, damit wir uns gemeinsam erholen können.«

»So schlimm kann es nicht sein. Deine Mutter scheint sehr nett zu sein.«

»Wegen der Interviews?« Er schnaubte. »Meine Mutter ist eine sehr, sehr gute Schauspielerin. Jedes Mal, wenn du sie im Fernsehen gesehen hast, kannst du darauf zählen, dass sie eine Rolle gespielt hat, auch wenn es die Rolle von Paula Radcliffe war. Im wirklichen Leben hat sie einen Nervenzusammenbruch, wenn sie denkt, dass ihre Angestellten reduzierte Diät-Cola anstelle von Vollpreis-Diät-Cola gekauft haben, weil sie sicher ist, dass sie verschieden schmecken.«

»Mann, ihr Reichen seid seltsam.«

»Nicht ich, sondern sie«, sagte Jeremy abwehrend. »Ich bin vollkommen nor…«

»Alter, sie ist deine Mom. Zieh deine Big-Boy-Hose an, betreib Smalltalk und zieh dann ab. Mach aus einer Mücke keinen Elefanten und dreh nicht durch.«

Jeremy verzog frustriert die Lippen über Regs mangelndes Mitgefühl und dennoch völlig vernünftige Einschätzung der Situation und tat den ersten Schritt. »Gut. Aber du musst mich in genau fünfzehn Minuten anrufen, damit ich so tun kann, als gebe es einen Notfall, damit ich fliehen kann.«

»Wann hast du das letzte Mal mit deiner Mom rumgehangen?«

»Rumgehangen?« Er schnaubte. »Leute hängen nicht mit Paula Radcliffe herum.«

»Hör auf, ein eingebildetes Miststück zu sein, und beantworte meine Frage.«

Niemand hatte jemals so mit Jeremy gesprochen. Reg behandelte ihn wie einen Kumpel, einen Gleichgestellten, einen normalen Kerl. Er liebte es. »Ich weiß es nicht.« Er zuckte mit den Schultern, obwohl Reg ihn nicht sehen konnte. »Vor ein paar Monaten wahrscheinlich. Woher soll ich das wissen?«

»Ihr lebt beide in L.A. und habt euch seit Monaten nicht gesehen?« Reg klang entsetzt. »Nicht cool.«

»Du verstehst das nicht.«

»Ich habe auch eine Mutter, Superstar, und ich sehe sie mindestens ein paarmal pro Woche. Kneif die Arschbacken zusammen und benimm dich wie ein anständiger Sohn.«

»Gut.« Mit zusammengepressten Lippen stapfte Jeremy die Treppe hinauf. »Aber du rufst mich in fünfzehn Minuten an, oder?«

»Du hast deine Mutter seit Monaten nicht gesehen. Du hast Glück, wenn ich in einer Stunde anrufe. Hör auf, zu meckern, und mach hinne.«

»Aber …«

»Bis später.« Er legte auf.

Jeremy knurrte. »Verdammt.« Obwohl er sich umdrehen wollte, hatte sein Manager recht: Er musste mit seiner Mutter reden und die Schadensbegrenzung hinter der Kamera betreiben, damit sie ihr charmantes Selbst vor der Kamera präsentieren konnte, statt die besoffene, liebende Mutter. Außerdem würde Reg es ihm übel nehmen, wenn er sich vor dem Besuch drückte. »Auf geht’s«, murmelte er und joggte den Rest des Wegs über die roten Steine bis zur Haustür.

Nachdem er geklingelt hatte, wartete Jeremy, während das Glockenspiel ertönte, und hörte dann das gewohnte Klacken von Schuhen auf Saltillo-Fliesen, bevor die schwere Holztür aufschwang.

»Jeremy, hi. Paula sagte, du würdest vielleicht auf einen Besuch vorbeikommen.«

Jeremy starrte auf den gut gepflegten und etwas vertrauten Mann, der in der Tür seiner Mutter stand, und versuchte, ihn einzuordnen.

»Ich bin Harold West.« Er streckte eine Hand aus.

Jeremy schüttelte ihm die Hand. Der Name war ihm vage bekannt, genau wie sein Gesicht. »Helfen Sie mir bitte auf die Sprünge, woher wir uns kennen«, bat Jeremy, als er ins Haus trat und Harold beiseiteschob, als er die Schwelle überschritt.

»Oh.« Harold klang überrascht. »Ich bin mir nicht sicher, ob wir einander jemals offiziell vorgestellt wurden, aber Sie kennen mich wahrscheinlich von meiner Arbeit.«

Als er über die Schulter blickte und Harold noch an der Tür stehen sah, verengte Jeremy die Augen, runzelte die Stirn und sagte dann: »Nein. Keine Ahnung. Welche Arbeit?«

»Jeremy!« Seine Mutter kam in den Raum wie eine bunte Welle aus Stoff, Make-up und Parfüm. »Natürlich erinnerst du dich an Harold. Ein Film, an dem er arbeitete, wurde vor zwei Jahren beim Sundance Film Festival gezeigt.« Sie breitete die Arme aus und wartete darauf, dass Jeremy näher kam, aber nicht so nahe, dass er ihre Seidenbluse und ihren Pashmina zerknitterte. Sobald er an sie herangetreten war, lehnte sie sich nach vorn und gab ihm nur einen Beinahekuss, denn ein echter hätte ihr Make-up ohne Zweifel verschmiert. »Und er hat diese wunderbare Miniserie gedreht, die sie im Kabelfernsehen gezeigt haben.«

»Oh.« Das war alles an Aufregung, die er wegen des Fremden im Haus seiner Mutter aufbringen konnte. »Wie geht’s dir?«

»Großartig«, sagte sie, dehnte das Wort und warf auf eine Weise lächelnd ihr Haar zurück, die eine Kamera lieben würde, aber gegenüber realen Menschen aufgesetzt und peinlich aussah.

»Paula wird mit mir an einem neuen Film arbeiten«, sagte Harold. »Er wird mit einem großen Studio gedreht. Großes Budget.«

Er warf dem Mann einen weiteren Blick zu. Dieses Mal konzentrierte sich Jeremy ein wenig länger auf ihn. Er war älter, aber nicht viel; wahrscheinlich nahe an der Vierzig. Und er sah auf eine Art gut aus, mit der er nicht aus einer Menge herausstach und mit der man ihm nicht nachschaute, aber wenn er auftauchte und einen zum Essen einlud, dann konnte man schon mitgehen. Man musste ja essen, oder? Nun, da er ihm nähere Aufmerksamkeit schenkte, erkannte Jeremy, warum Harold vertraut aussah: Es waren seine Augen. Sie hatten einen Ausdruck von Hoffnung, vermischt mit Verzweiflung und Entschlossenheit, etwas, das Jeremy in vielen der Starlets gesehen hatte, wenn sie ihm vorgestellt worden waren. Zehn Dollar darauf, dass das der neue Typ war, der das Bett seiner Mutter wärmte, jetzt, wo sein jüngster Stiefvater weg war.

»Stimmt das?«, fragte Jeremy und widmete seine Aufmerksamkeit wieder seiner Mutter. »Harold wird deinen nächsten Film drehen?« Auf keinen Fall würde seine Mutter bei einem Projekt mitmachen, das von einem Unbekannten geleitet wurde. Die Menschen mussten eine ganze Reihe von erfolgreichen Filmen und respektablen Auszeichnungen vorweisen können, bevor Paula Radcliffe sie ihrer Stärke und ihrem Talent für würdig hielt.

»Also, Schatz, sag mir, was ich getan habe, um diesen wunderbaren Besuch zu verdienen.« Seine Mutter hakte sich bei ihm ein und führte ihn durch den weiß getäfelten Eingang, den Flur hinunter, der mit Fotos von ihr während ihrer Karriere überladen war, und in den Wintergarten. Jeremy war sich nie ganz sicher, warum sie ihn so nannte, wenn man bedachte, dass sie die Seidenvorhänge immer geschlossen hielt. »Setz dich doch.« Sie wies anmutig mit dem Arm zu den weißen Sesseln, die in einer Sitzgruppe in der Mitte des Raumes angeordnet waren, und ließ sich dann langsam auf einen der Sessel sinken, wobei sie die Haltung wahrte und ihre Beine an den Knöcheln kreuzte.

»Danke.« Jeremy nahm ihr gegenüber auf einem Sessel Platz und streckte seine Beine von sich.

Harold folgte ihnen, also war er der Letzte, der den Raum betrat.

»Oh, wie unhöflich von mir«, sagte Paula und ihre Augen weiteten sich. »Ich habe vergessen, dir einen Drink anzubieten.«

»Ich brauche keinen …«

»Harold, würdest du mir den Gefallen tun und Jeremy etwas zu trinken bringen? Ich bin mir sicher, er ist ausgetrocknet.« Sie winkte ab. »Es ist wärmer als für die Jahreszeit üblich, nicht wahr, mein Lieber?«

Nach einem Moment des Zögerns, nicht ohne Frustration, da war sich Jeremy sicher, sagte Harold »Klar« und verließ den Raum.

»Ich brauche keinen Drink«, sagte Jeremy. »Ich hatte einen Eiskaffee auf dem Weg hierher.«

»Harold hat nichts dagegen. Außerdem haben wir so Zeit, allein zu reden.« Sie lehnte sich nach vorn, ihr Ausdruck wechselte von ruhig und entspannt zu misstrauisch und wachsam. »Ich glaube nicht, dass du mich je angerufen und gebeten hast, vorbeikommen zu dürfen. Was ist los? Ich weiß, dass du kein Geld brauchst.«

Was stimmte, weil Jeremy einen Treuhandfonds von seinem Großvater besaß, das ganze Anwesen seines Vaters, das immer noch mehr einbrachte, als jeder Mensch im Leben nutzen könnte, und sein eigenes Einkommen, das, wie sein Manager sagte, bald das seines Vaters übertreffen würde. Geld war nichts, was er jemals von seiner Mutter bräuchte. Offenbar war das bei ihren Besuchen eine einzigartige Qualität. Untypische Schuld traf ihn. Reg hatte recht; Jeremy musste sie öfter besuchen. »Nein, ich brauche kein Geld.« Er nahm einen tiefen Atemzug. »Ich möchte dich wissen lassen, dass ich jemanden date.«

»Oh!« Das Gesicht seiner Mutter leuchtete auf. »Das ist wunderbar. Kenne ich sie? Oder fängt sie gerade erst an?«

»Eigentlich ist er nicht im Geschäft.«

Die Aussage hing in der Luft, keiner von ihnen bewegt sich oder sprach.

»Ich habe dir eine Rum-Cola mitgebracht.« Harold betrat den Raum und hielt ihm ein Glas hin. »Ich hoffe, das ist okay.«

Jeremy bewegte seinen Blick nach oben, um dem Mann ins Gesicht zu sehen, schüttelte den Kopf, und sagte: »Ich brauche nichts.« Dann wandte er sich wieder seiner Mutter zu. Er musste ihre Reaktion beurteilen, damit er einschätzen konnte, welche Maßnahmen er ergreifen musste, um damit umzugehen.

Sich scheinbar nicht bewusst, dass eine fast erstickende Spannung in der Luft lag, zuckte Harold mit den Schultern, hob das Glas an die Lippen, neigte es und schluckte die Flüssigkeit herunter. Sobald das Glas leer war, schlurfte er zu einem der Sessel und setzte sich hin. »So.« Er blickte zwischen Jeremy und seiner Mutter hin und her. »Was habe ich verpasst?«

Mit erhobenen Augenbrauen wartete Jeremy darauf, dass seine Mutter reagierte. Er war sich fast sicher, dass sie einen Anfall kriegen und schreien würde, aus welchem Grund auch immer, aber dann überraschte sie ihn, indem sie zufrieden aussah und sagte: »Jeremy fing gerade an, mir von seinem neuen Freund zu erzählen.«

»Jeremy Jameson ist schwul?«, fragte Harold kalt erwischt.

Ohne eine Pause entstehen zu lassen, wandte sich Jeremys Mutter zu ihm und sagte: »Liebling, was ist deine bevorzugte Bezeichnung? Wir wollen sicherstellen, dass wir es richtig ausdrücken, wenn die Presse fragt.« Sie hielt inne und schaute scharf zu Harold. »Nicht wahr, Harold?«

»Äh, ja.« Er nickte. »Richtig.«

»Und, bitte, verrate uns den Namen deines Freundes.«

Erleichtert darüber, dass er die Unterstützung seiner Mutter hatte, so ungewöhnlich das auch war, entspannte sich Jeremy langsam und begann, von Reg zu erzählen. Er war überrascht, immer noch Details mitzuteilen, als Reg eine Stunde später, wie versprochen, anrief. Anscheinend hatte er in der kurzen Zeit, die sie zusammen verbracht hatten, viel mehr über den lässigen Mann erfahren, als er gedacht hatte.

Kapitel 4

»Hey, kleiner Mann!«, sagte Reg lachend, als sein Neffe nackt aus der Tür kam und seine Knie umarmte. »Warum hast du nichts an?«

»Onkel Reg ist hier!«, rief der vierjährige Presley und klammerte sich an sein Bein.

Reg wankte ins Haus.

»Onkel Reg ist hier!«

»Onkel Reg!« Die sechsjährige Danielle kam um die Ecke, hüpfte an sein freies Bein, umwickelte es wie ein Affe und fasste nach seinem Arm.

»Hey, Dani-Girl.« Reg drückte die Tür zu und setzte seinen Marsch durch das Haus fort, wobei er über Spielzeug und Kleidung stieg. »Was habt ihr an den Händen?«

Beide Kinder begannen sofort, zu plappern, also war es unmöglich, zu verstehen, was einer der beiden sagte.

»Jules? Ry?«, rief Reg. »Seid ihr zu Hause?«

»Nein«, rief sein Bruder Ryan aus der Küche. »Wir haben den Häftlingen die Irrenanstalt überlassen und sind zum Abendessen gegangen.«

»Du bist so lustig.« Mit einer Hand auf der Schulter jedes Kindes, damit sie nicht fielen, ging Reg durch das Zimmer. »Warum ist Presley nackt? Und warum ist Dani klebrig?«

Als er schließlich in die Küche kam, sank er auf einen der Stühle um den kleinen runden Tisch, den seine Schwägerin hellblau angemalt hatte. Letzten Monat war er rot gewesen. Davor grün. Reg konnte sich nicht mehr an den gesamten Farbverlauf des Tisches erinnern. Es ließ ihn an Jeremys Haare denken, und der Gedanke an Jeremy brachte ihn zum Lächeln.

»Was meinst du mit ‚klebrig’?«, fragte Jules und trocknete sich die Hände an einem Handtuch ab. »Ich habe ihr vorhin die Hände gewaschen.« Sie drehte den Wasserhahn zu und kam zu ihm. »Es waren große Mengen Seife und fließendes Wasser im Spiel. Wir haben das Alphabet zusammen gesungen und gerubbelt.« Sie schälte das Mädchen von Regs Bein und zuckte zusammen, als sie ihre schmutzige Jeans sah. »Tut mir leid, Reg. Ich schwöre dir, sie erzeugen Chaos von ganz allein.«

»Mach dir keine Sorgen. Ich habe bei der Arbeit die ganze Zeit Sch…, äh, Zeug an mir dran. Der alte Thompson hat mich gestern Abend angekotzt.«

»Wie wundervoll«, kommentierte Jules.

»Er lebt noch?«, fragte Ryan, ohne sich vom Herd abzuwenden, wo er in etwas rührte, das überraschend gut roch.

»Mehr oder weniger.«

»Dani, wie ist es möglich, dass du schon wieder dreckig bist?« Jules seufzte und führte Dani zur Spüle. »Woher kommt das? Wir haben uns die Hände gewaschen, als es an der Tür geklingelt hat, und es gibt nichts Klebriges zwischen hier und da.«

»Selbes Spiel im Bett, das sie komplett einnehmen, obwohl sie weniger als achtzehn Kilo wiegen«, meinte Ryan.

Jules nickte und sagte: »So wahr.«

»Du bleibst zum Abendessen, oder?«, fragte Ryan.

»Sicher. Aber deshalb bin ich nicht hier.« Reg nahm einen tiefen Atemzug. »Der Grund, warum ich vorbeigekommen bin«, Jules wusch Danis Hände ab, Ryan rührte weiter und Presley blieb wie ein Klettverschluss an Regs Bein, »ist, weil ich euch wissen lassen wollte, dass ich umziehe.«

»Was?« Ryan wirbelte herum, den Löffel in der Hand, und schleuderte rote Soße auf die Wand und die Küchentheke.

»Warum?« Jules schaute ihn über ihre Schulter hinweg an, während sie Dani immer noch auf ihrem Knie balancierte und wütend Seife auf ihre Hände und Arme rieb.

»Wo willst du hin, Onkel Reg?«, fragte Presley und blickte mit riesigen Haselnussaugen zu ihm hoch.

»Überallhin.« Er lächelte seinen Neffen an und sah dann seinen Bruder an. »Ich habe einen tollen Typen getroffen. Er reist beruflich und bot mir an, mich mitzunehmen. Du weißt, dass es das ist, was ich schon immer machen wollte.« Er nahm einen weiteren Atemzug und ließ ihn raus. »Ich habe sein Angebot angenommen. Ich gehe nächste Woche.«

»Heilige Schei…«

»Ryan!«, ermahnte Jules ihn.

»Heilige Scheibe«, korrigierte sich Ryan. »Du gehst mit einem Kerl weg, den du gerade erst kennengelernt hast? Woher weißt du, dass er dich nicht in kleine Stücke zerlegt und deinen Körper in Ölfässern auf seinem abgelegenen Grundstück aufbewahrt?«

»Alter!«, erwiderte Reg. »Was zum Teufel? Du solltest so nicht vor den Kindern reden!«

»Ich möchte nicht einmal wissen, wie du auf dieses beunruhigende Szenario gekommen bist«, meinte Jules zu ihrem Mann. »Aber ich muss möglicherweise eine Kindersicherung in den Fernseher einbauen, um sicherzustellen, dass nichts passiert.« Sie wandte sich an Reg. »Ölfässer beiseite, Reg, das ist verrückt. Niemand haut mit jemandem ab, den er gerade erst getroffen hat.«

»Er ist ein guter Kerl und ich werde die Welt sehen. Ich wäre verrückt, nein zu sagen.«

Nachdem er mit Jules Blicke ausgetauscht hatte, sagte Ryan: »Wir werden ihn kennenlernen, bevor du gehst, richtig?«

»Äh, nein. Er ist nicht mehr hier. Er lebt in L.A. und ich treffe ihn dort, bevor wir losfliegen.«

»Ist er total alt oder so?«, wollte Ryan wissen. »Willst du deshalb nicht, dass wir ihn sehen?«

»Nein. Er ist etwas älter als ich. Eigentlich in deinem Alter.«

Jules setzte Dani ab. Bevor sie das Wasser abgestellt hatte, war das Mädchen auch schon durch die Küche gesaust und auf Regs Schoß geklettert.

»Wie ist sein Name?«, fragte Jules, lehnte sich gegen die Theke und trocknete ihre Hände ab. »Ernsthaft, Reg. Irgendein Typ kommt aus dem Nichts und bietet dir an, dich um die Welt zu führen. Wer ist er?«

»Äh.« Reg dachte darüber nach, wie er reagieren sollte. Jeremy meinte, er würde die Rolle eines Freundes vor der Presse spielen. Das bedeutete, dass Reg offen damit umgehen konnte, wer er war. »Jeremy Jameson.«

Ryan ließ den Löffel fallen, Jules ihren Kiefer. Danach gab es viel Gekreische und Chaos, aber wenigstens machte sich seine Familie keine Sorgen mehr um ihn. Er blieb zum Abendessen und für die Gutenachtgeschichten, versprach, viele Bilder zu schicken, und wünschte eine gute Nacht. Für den nächsten Morgen plante er, das gleiche Gespräch mit seiner Mutter zu führen.

***

»Hey, Mann, schön, dich zu sehen«, sagte Reg, als er am Dienstagnachmittag seinen Seesack auf Jeremys Rücksitz warf. Er schloss die Tür, kletterte auf den Beifahrersitz und fügte hinzu: »Sieht aus, als hast du es geschafft, die Abholung vom Flughafen auf die Reihe zu kriegen.«

Als Jeremy ihm gesagt hatte, dass er noch nie jemanden vom Flughafen abgeholt hatte, hatte Reg gelacht und ihm mitgeteilt, dass seine Glückssträhne zu Ende ginge.

»Ja, ja.« Jeremy ordnete sich in den Verkehr ein und verdrehte die Augen. »Wie war dein Flug?«

»Kurz.« Reg hielt inne. »Du hättest mir kein Erste-Klasse-Ticket kaufen müssen. Ich weiß, dass das ein Vermögen gekostet haben muss.«

Jeremy schwenkte seinen Blick zu Reg, lächelte und sagte: »Mach dir keine Sorgen. Ich verdiene ein Vermögen.«

»Ich schätze, das tust du.« Reg stellte seinen Sitz ganz nach hinten, um Platz für seine Beine zu schaffen, und entspannte sich. »Wir fahren morgen nach Minneapolis, richtig?«

»Ja.«

»Was haben wir bis dahin auf dem Plan?«

»Wenn du hungrig bist, können wir uns ein spätes Mittagessen holen. Abgesehen davon will mein Manager dich treffen, und dann sind wir für heute fertig. Wir können Pizza und Gemüse besorgen.« Er hielt inne und sagte dann mit einer angespannten Stimme: »Es sei denn, du möchtest ausgehen oder so.«

»Das Dodgers-Spiel läuft. Pizza, Bier und, wie ich vermute, ein Großbildfernseher. Klingt perfekt.« Er lehnte sich über die Konsole und verpasste Jeremy einen sanften Schlag gegen den Arm. »Und hör auf, etwas zu tun, was du eindeutig nicht tun willst, nur weil du denkst, dass es das ist, was ich tun will. Es ist unwahrscheinlich, dass das passieren wird. Ich denke, wir haben die gleiche Vorstellung von einer guten Zeit. Und außerdem bin ich hier, um dir die Dinge leichter zu machen, erinnerst du dich? Das heißt, wenn wir uns von der Couch erheben, dann weil wir entweder etwas tun, was wir mögen, was wir für deine Arbeit erledigen müssen oder was uns umbringen kann.«

»Äh, du hattest mich bis zum letzten Teil.«

»Bist du jemals beim Bungee-Jumping gewesen?«

»Nein.« Jeremy schüttelte den Kopf.

»Ich habe ein wenig recherchiert, was wir während der Tour-Stopps so machen könnten, wenn wir freie Zeit haben, und rate mal, was wir in der Schweiz machen werden.«

»Bungee-Jumping?«, krächzte Jeremy.

»Ja.« Reg nickte. »Der Verzasca-Staudamm. Nacht-Bungee-Jumping. Das habe ich noch nie gemacht. Das wird total genial.«

»Klingt großartig, aber, äh …« Jeremy schüttelte den Kopf. »Man kann nicht wirklich dabei sterben, oder? Ich meine, ein Unternehmen leitet es und sorgt dafür, dass es sicher ist, oder?«

»Wahrscheinlich.« Reg zuckte mit den Schultern. »So oder so, du schnallst dich an und springst.«

Tief durchatmend, nickte Jeremy. »Okay. Bungee-Jumping in der Schweiz. Was hast du noch für unsere Könnte-uns-umbringen-Exkursionen geplant?«

»Hm, mal sehen. In Italien gehen wir an der Sink of the Mughi Höhlenwandern, was fantastisch sein soll. In Mexiko gehen wir tauchen, aber erst, nachdem die Tour vorbei ist, denn wir müssen dir ein Zertifikat ausstellen lassen.« Er versuchte, sich an alle Ideen zu erinnern, die er aufgeschrieben hatte. »Oh! Deutschland. Autobahn. Sportwagen mieten. Das werden wir so was von machen.« Als Jeremy nicht reagierte, drehte sich Reg um, um ihn anzusehen. »Du bist ein bisschen blass, Alter. Was ist los? Du hast doch keine Angst, oder?«

»Natürlich habe ich Angst!« Jeremy kicherte. »Ich meine, ich werde es tun und ich bin aufgeregt deswegen. Aber Angst? Ja. Absolut.«

Zustimmend nickte Reg. »Das ist es, was es so cool macht.«

»Ich denke, du bist vielleicht etwas unausgeglichen.«

»Könnte sein.«

»Ich mag es.« Jeremy wackelte mit den Augenbrauen.

Lachend gab Reg ihm noch mal einen Schlag gegen den Arm. »In Ordnung. Ich habe eine ernste Frage.«

»Was?« Jeremys Stirn kräuselte sich.

»Was magst du auf deiner Pizza? Denn wenn wir dabei nicht kompatibel sind, können wir auf keinen Fall so tun, als seien wir anderswo kompatibel.«

»Das ist eine Menge Druck.« Jeremy leckte sich über seine Lippen und versuchte, ernst auszusehen. »Was, wenn ich das Falsche sage? Heißt das, wir können dann nicht mehr so tun, als würden wir miteinander ficken?«

»Ja. Was für dich total beschissen wäre, weil ich im Vortäuschen von Orgasmen toll bin. Also lass es mich hören: Lieblings-Pizza-Toppings.«

Als Jeremy den Mund öffnete, um zu antworten, schoss Regs Hand vor und bedeckte ihn.

»Warte!«, sagte er. »Ich habe eine bessere Idee.«

»Eine bessere Idee?«, fragte Jeremy, obwohl es gedämpft durch Regs Hand kam.

»Ja. Warte, bis wir im Büro deines Managers sind, und dann schickst du mir, welche deine Lieblingspizza ist, während ich dir schreibe, welche meine ist. So kann niemand betrügen.« Er sah Jeremy aufgeregt an. »Deal?«

»Ja.« Jeremy nickte. Als Reg seine Hand sinken ließ, kicherte er und sagte: »Du nimmst das mit der Pizza wirklich ernst.«

»Pizza ist das perfekte Essen«, meinte Reg vehement. »Es ist das beste Frühstücks-Mittags-Abend-Vierte-Mahlzeit-Essen, das es gibt.«

Jeremy musterte rasch Regs Körper und sagte: »Du siehst nicht so aus, als würdest du viel Pizza essen.«

»Danke.« Reg straffte ein wenig die Schultern. »Ich strample es ab.« Er kuschelte sich in seinen Sitz. »Sind wir gleich da? Ich will sehen, ob du ein Freak bist, der Zwiebeln und geröstete Paprika auf seiner Pizza isst.«

»Wie hast du das erraten?«, fragte Jeremy mit theatralischer Stimme.

»Ha, ha. Wie lange noch?«

»Es ist L.A. Hier ist nichts in der Nähe und alles dauert ewig, weil der Verkehr stockt.« Er seufzte. »Aber wenn wir Glück haben, könnten wir in eine Autoverfolgungsjagd geraten«, meinte er sarkastisch.

»Ernsthaft?«

»Könnte passieren.«

»Cool.« Reg grinste und sah aufgeregt aus, was Jeremy zum Lachen brachte.

Obwohl die Verfolgungsjagd nicht passierte, machte der Rest der Fahrt Spaß, trotz des stockenden Verkehrs. Als sie auf den Parkplatz von Jeremys Manager fuhren, hatten sie sich auf den neusten Stand gebracht.

»Hast du mir schon gesagt, warum ich deinen Manager treffen muss?«

»Er ist ein Kontrollfreak, wenn es um jede verdammte Sache geht, die ich tue, also muss er dich kennenlernen.« Jeremy stellte den Motor ab und zog die Schlüssel heraus. »Mach dir keine Sorgen. Es ist nur Bill, der Bill ist.«

Er öffnete gerade die Autotür, als Reg sagte: »Warte. Wir müssen die Pizzasache erledigen.«

»Oh, richtig.« Jeremy lächelte breit und liebte es, wie Reg das Alltägliche in etwas Spaßiges verwandelte. Er schnappte sich sein Handy und fing an, zu tippen. »Sag mir, wenn du so weit bist.«

»Jetzt!« Reg starrte auf sein Handy und als der Text ein paar Sekunden später kam, keuchte er. Hei-li-ge Schei-ße.« Er starrte Jeremy an. »Deine Lieblingspizza ist auch mit Pilzen und schwarzen Oliven?« Er schluckte. »Du weißt, was das bedeutet, oder?«

»Ähm, wir werden eine Menge Pizza essen?«, riet Jeremy.

»Ja!« Reg nickte. »Es ist, als würdest du meine Gedanken lesen.« Er hielt kurz inne und dann verschwand sein benommener Ausdruck und er lachte. »Scherz, Mann, aber ernsthaft, mit der Pizza passt alles. Ich hatte Angst, dass du sagen würdest, dass du Ananas mit kanadischem Speck magst, denn jeder weiß, dass Ananas nur auf einer Pizza sein darf, wenn man auch noch …«

»Jalapeños dazutut«, sagten sie gleichzeitig.

»Wow«, äußerte Reg trocken. »Wir sind das beste Paar, das es je gab. Ich denke, wir werden so tun, als ob wir heiraten werden und zwei angebliche Kinder haben, und einen Hund namens Rover.«

»Rover?«

»Auf jeden Fall.«

»Großartig. Wir können Bill Bescheid sagen, damit er es planen kann. Bist du bereit, ihn zu treffen?«

»Sicher. Auf geht’s.«

***

Das Treffen mit Bill dauerte gerade lange genug, um Namen auszutauschen. Dann hatte Bill Jeremy irgendwohin mitgenommen, um ein angeblich großes Problem im Zusammenhang mit der Tour zu besprechen, und ließ Reg mit einem Mann allein, den er als Francis, einer von Jeremys Publizisten, vorgestellt hatte. Ohne Reg anzuschauen, hatte der Publizist seinen Laptop geöffnet und angefangen, Fragen zu stellen.

»Sagen Sie mir, was ich wissen muss«, sagte Francis.

»Sicher.« Reg hielt inne. »Was meinen Sie?«

Er schaute zu Reg und antwortete: »Alles, was in einem Interview auftauchen und Jeremy unvorbereitet treffen oder auf der TMZ oder der Titelseite der People landen könnte.« Er konzentrierte sich wieder auf seinen Computer, die Finger waren bereit. »Im Grunde alles, was die Presse über Ihre Vergangenheit erfahren könnte.«

Seine Vergangenheit bestand daraus, ein anständiger Athlet, ein mehr als anständiger Student, ein gestresster Buchhalter und zuletzt ein ziemlich glücklicher Barkeeper gewesen zu sein. »So interessant bin ich nicht.«

»Daran habe ich keinen Zweifel«, sagte Francis. »Aber das ist nicht das, was ich wissen will.« Er schaute Reg an und begann, Dinge an den Fingern abzuzählen. »Vorstrafen, die bei unserer Hintergrundkontrolle nicht herausgekommen sind?«

»Sie haben einen Backgroundcheck bei mir gemacht?«, fragte Reg ungläubig.

»Das ist keine Amateurstunde. Denken Sie, wir lassen Sie mit unserem größten Kunden auf Tour gehen, ohne einen Backgroundcheck durchzuführen?«

»Nein, ich schätze, nicht. Ich habe keine Vorstrafen.«

»Irgendwas anderes?« Er hielt noch einen Finger hoch. »Schulden Sie Leuten Geld?«

Reg schüttelte den Kopf.

»Irgendeine Ex-Freundin, die aus dem Nichts auftauchen und behaupten könnte, dass Sie ihr Kind gezeugt oder sie verprügelt haben?« Zwei Finger gingen in kurzer Reihenfolge hoch.

»Ex-Freund. Und, verdammt, nein!«

»Freund? Wirklich?«

»Ja. Warum, ist das eine Überraschung?«

Den Blick abwendend, begann Francis, zu tippen. »Ich habe Sie nicht für homosexuell gehalten.«

»Ich sitze hier und werde verhört, weil ich mit Ihrem größten Kunden zusammen bin, erinnern Sie sich? Ihnen ist klar, dass Jeremy Jameson einen Schwanz hat, oder?«

»Sehr lustig«, erwiderte Francis, ohne einen einzigen Hinweis in seinem Ton oder Ausdruck zu liefern, dass er diesen Kommentar oder irgendetwas anderes witzig fand. »Ich sage nur, dass Sie nicht schwul aussehen.«

»Alter, das würden Sie nicht sagen, wenn Sie eine Kamera in meinem Schlafzimmer hätten.«

Das Geräusch von jemandem, der schnaubte, ließ beide die Köpfe in Richtung Bürotür rucken, wo Jeremys Manager stand.

»Warum lachst du, Bill?«

»Weil dein Kommentar dämlich war und Reggie lustig ist.« Er spazierte zu seinem Schreibtisch, fing an, auf seinem Computer herumzutippen, und sagte: »Du kannst gehen, Francis. Ich habe das hier im Griff.«

Ohne Protest oder Abschied stand Francis auf und ging aus dem Büro.

Nach ein paar Sekunden trat Bill zur Tür, schloss und verriegelte sie, lehnte sich dann gegen sie und starrte Reg an. »So.« Bills Ausdruck wurde plötzlich anzüglich. »Reggie.« Von Jeremys Manager angemacht zu werden, war so weit außerhalb von Regs Erwartungen, dass es länger als üblich dauerte, bis er erkannte, dass es passierte. »Ich verstehe, warum Jeremy so von Ihnen eingenommen ist.« Er stolzierte zu Regs Stuhl. »Sogar in diesem Hemd«, er streckte die Hand aus und strich langsam mit dem Finger über Regs Brust, »sind Ihre Muskeln offensichtlich. Groß.« Er sah Reg in die Augen. »Sind Sie überall groß?« Er fiel auf die Knie und umfasste Regs Schwanz durch die Hose. »Ich wette, schon.«

»Alter! Was zum Teufel?« Reg rutschte rückwärts und versuchte, aufzustehen, ohne Bill umzuwerfen.

»Entspannen Sie sich.« Bill lehnte sich herab, sein Mund war Zentimeter von Regs Schwanz entfernt. »Ich will nur ein bisschen Spaß haben.«

»Hören Sie, Mann, ich will Sie nicht verletzen, aber ich bin nicht interessiert. Gehen Sie verdammt noch mal sofort weg oder ich sorge dafür, dass Sie es tun.«

Langsam kam Bill auf die Füße und zeigte auf Regs Leistengegend. »Das da sagt, Sie sind sehr wohl interessiert.«

In der Sekunde, in der er Platz genug hatte, um aufzustehen, sprang Reg auf und trat beiseite. »Das Einzige, was ein harter Schwanz aussagt, ist, dass ich ein Mensch bin. Ein gut aussehender Kerl geht vor mir auf die Knie und nimmt praktisch meinen Schwanz in den Mund. Klar werde ich da hart. Das heißt nicht, dass ich interessiert bin.«

»Warum nicht?«

»Weil ich einen Freund habe!« Reg fing an, zu verstehen, warum Jeremy ihn so verzweifelt in der Nähe haben wollte. Alle anderen Menschen im Leben dieses Mannes waren durchgeknallt.

»Jeremy Jameson ist Ihr Freund?«

»Ja!«

»Interessant.« Bill rieb sich die Nase, trat nonchalant an seinen Schreibtisch, drückte ein paar Tasten auf seiner Tastatur und drehte dann seinen Bildschirm herum.

»Was ist das?«, fragte er, als er ein Video der letzten Augenblicke auf dem Bildschirm sah. »Sie haben uns gefilmt?«

»Ja.«

»Warum haben Sie das gemacht?« Es gab nur einen Grund, der ihm einfiel. »Sie versuchen, mich in eine Falle zu locken.«

»Sie in eine Falle locken. Ihnen eine Lektion erteilen.« Er zuckte mit den Schultern. »Nennen Sie es, wie Sie wollen. Wenn Sie mit Jeremy Jameson zusammen sind, müssen Sie kapieren, dass nichts, absolut nichts, was Sie tun, privat sein wird. Es gibt Leute da draußen, die Jeremy liebend gerne in einer peinlichen Situation erwischen würden, und wenn sie es nicht direkt durch ihn schaffen, werden sie Sie dafür benutzen.«

»Ich werde Jeremy nicht in eine unangenehme Situation bringen.«

»Nicht absichtlich. Da stimme ich Ihnen zu. Sie kommen mir nicht wie einer dieser Typen vor.« Er ging zurück zu dem Stuhl, den Jeremy verlassen hatte. »Aber es kann passieren, dass jemand im Hintergrund plaudert, von dem Sie es nicht erwarten würden. Jeremy ist ein Rockstar. Er kann so viele Leute vögeln, wie er will, und die Welt wird die Augen verdrehen und lachen. Sie sind sein Freund. Wenn Sie ihn betrügen, wird er schlecht dastehen. Es ist Doppelmoral und es ist beschissen, aber wenn Sie mit ihm zusammen sein wollen, müssen Sie damit klarkommen.«

»Ich werde ihn nicht verarschen. Wie ich Ihnen schon gesagt habe, als Sie Ihren Mund an meinem Schwanz hatten, Alter, ich bin nicht interessiert.« Er hielt inne, als Bill wieder in die Hocke ging. Sie standen zu weit auseinander, als dass es noch mal so weit kommen könnte, aber Reg war immer noch angespannt. »Und Jeremy wird mich auch nicht verarschen.«

»Was auch immer Sie mit ihm arrangiert haben, und ich muss nicht wissen, was es ist, es ist unwahrscheinlich, dass er allzu lange ohne Sex auskommen wird, was bedeutet, dass er sein Ding nicht in seiner Hose behalten wird. Ist auch egal.« Er hob ein Handy auf und hielt es hoch. »Sie müssen sich jedenfalls zusammenreißen.« Noch ein Video von Bill, wie er sich an Reg heranmachte, erschien auf dem Bildschirm. »Die Leute werden alles tun, alles sagen, alles aufzeichnen, um sich ihre Viertelstunde Ruhm oder ein paar Dollar zu verdienen. Niemand schert sich um Sie. Wenn Sie es vermasseln, ist Jeremy derjenige, der verletzt wird.«

»Er ist mir wichtig.« Jeremy stand in der Tür mit einem Schlüssel in der Hand. »Und warum schließt du dich mit meinem Freund in dein Büro ein?« Er schaute auf den Monitor und entdeckte offenbar das Filmmaterial. »Was zur Hölle soll das, Bill?«

Reg schüttelte den Kopf und seufzte. »Er tat so, als würde er mich anmachen, um mir eine wertvolle Lektion zu erteilen, damit ich keine totale Schlampe sein und alles mit zwei Beinen vögeln werde.« Er ging zu Jeremy. »Keine Sorge. Ich habe den Test bestanden.« Er rieb sich über den Hinterkopf. »Können wir jetzt nach Hause gehen und uns das Spiel ansehen oder gibt es noch mehr Hindernisse reicher Leute, die ich überwinden muss?«

»Wir sind fertig.« Jeremy funkelte Bill an. »Das musste nicht sein.«

Bill zuckte mit den Schultern, sah völlig gelassen aus und kehrte an seinen Schreibtisch zurück.

Nachdem er Regs Ellbogen umfasst hatte, führte Jeremy ihn aus dem Büro. Sobald sie allein auf dem Parkplatz waren, fragte er: »Also hat Bill dich allen Ernstes angemacht?«

»Ja! Mann, er hat mehr oder weniger angefangen, meinen Schwanz zu lutschen. Was zur Hölle?«

»Und du hast ihn abgewiesen?«

»Natürlich habe ich ihn abgewiesen! Ich verarsche niemanden, mit dem ich ausgehe.«

»Sogar niemanden, bei dem du nur so tust?«, fragte Jeremy leicht lächelnd.

»Vor allem nicht den, bei dem ich nur so tue«, bestätigte Reg. »Weil mein Fakefreund mir Abendessen kaufen und mir während des Baseballspiels die Füße massieren wird.«

»Ich werde dir nicht die Füße massieren.« Jeremy stieß seine Schulter gegen Reg.

»Na ja, es war einen Versuch wert.«

Sie erreichten das Auto, aber bevor sie einstiegen, fragte Jeremy: »Reg?«

»Ja?«

Jeremy schob sich den Hemdkragen in den Mund und ließ ihn dann los. »Danke, dass du, ähm, nicht angenommen hast, was er dir dort angeboten hat. Die meisten Leute hätten es getan.« Er zeigte zwischen ihnen hin und her. »Auch wenn das nicht nur fake wäre.«

»Nein, hätten sie nicht. Es gibt viele gut aussehende Typen, die Blowjobs anbieten. Die meisten Leute würden nicht …«

»Bill Hughes ist der mächtigste Manager im Business, verstehst du? Die meisten Leute, männlich oder weiblich, schwul oder hetero, wären vor ihm auf die Knie gefallen und hätten ihm einen geblasen, nur um gute Kontakte zu bekommen.« Er seufzte. »Glaub mir. Dass du nein zu ihm gesagt hast, ist eine große Sache.«

»Hm.« Reg nickte nachdenklich und rieb sich das Kinn. »Na dann, in diesem Fall klingt es, als solltest du das mit der Fußmassage noch mal überdenken.«

»Träum weiter.« Jeremy stieg ins Auto.

»Gut.« Reg tat es ihm gleich. »Aber dann musst du mir wenigstens Knoblauchbrot kaufen.«

»Deal.«

Kapitel 5

»Du warst großartig!«

»Das war super!«

»Jeder wird über diese Show reden!«

Die Eröffnungsnacht war gut gelaufen. Wirklich gut. Und als Jeremy von der Bühne ging, sah er glückliche Gesichter und bekam über und über positive Rückmeldungen, sodass er wusste, dass die Leute, die an seinem Konzert beteiligt waren, es mitbekommen hatten.

»Du hast da draußen heute Abend wirklich entspannt ausgesehen«, meinte Francis, als er zu Jeremy kam.

Jeremys Manager hatte zu viel zu tun, um nach Minnesota für die Eröffnungsshow hätte fliegen zu können. Deine Karriere läuft nicht von allein, hatte er gesagt und deshalb einen seiner PR-Leute an seiner Stelle geschickt. Weil Jeremy jeden einzelnen dieser Menschen als den ersten Schritt auf dem Weg zu den Dingen betrachtete, die er hasste, machte es für ihn keinen Unterschied, welcher von ihnen da war oder ob keiner von ihnen da war, denn keiner wäre besser.

»Ich fühle mich super«, bestätigte Jeremy, als er in seine Garderobe ging, wo Reg auf ihn warten würde. Er wollte ein Bier, eine Dusche und etwas, auf das er seine müden Füße legen konnte. In dieser Reihenfolge. Alles mit einem lockeren Gespräch mit seinem neuen Freund.

»Nun, das hat man gesehen.« Francis war ungefähr gleich groß, aber aus irgendeinem Grund ging er viel langsamer, weshalb es immer so schien, als ob er neben Jeremy herrennen würde, anstatt Schritt zu halten. »Mach weiter mit dem, was auch immer du getan hast, und …«

»Hey, Superstar. Du hast da draußen gut ausgesehen!« Regs Whiskystimme ertönte laut, kaum dass Jeremy die Tür seiner Umkleide aufgedrückt hatte. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht schritt der große Mann auf ihn zu. Sein langbeiniger, schmaler Gang war schon vertraut geworden. Er hielt Jeremy eine kalte Flasche Bier hin. »Bereit zum Entspannen? Oder gibt es heute noch mehr zu tun?« Er legte seine große Hand auf Jeremys Schulter und drückte sie.

Jeremy nahm das Bier entgegen und sagte: »Danke.« Dann blickte er zu Francis. »Die Antwort auf Regs Frage muss ein Nein sein. Sag mir, dass es ein Nein ist. Es ist Mitternacht und wir haben Pläne.«

Abgelenkt wirkend, blickte Francis zwischen Jeremy und Reg hin und her und blieb schließlich an Regs Hand hängen, die immer noch auf Jeremys Schulter lag. Nach ein paar Augenblicken murmelte er: »Ich denke, das beantwortet meine Frage, was ihr tun wollt, um zu entspannen.«

Reg schnaubte, erwiderte »Touché« und nippte an seinem Bier

»Francis«, schnauzte Jeremy. »Wir sind für heute fertig, oder?«

»Äh, nein.« Francis kramte nach seinem Handy und fing dann an, durchzuscrollen. »Bill sagte, es würde dir nichts ausmachen, nach der Show ein Interview zu geben. Er meinte, du wollest ohnehin nur Schach spielen oder irgendwie so was … Lass mal sehen … Okay, los geht’s. Die Times. Der Reporter und der Fotograf waren im Publikum.« Er blickte zu Jeremy und schien unvorstellbarerweise nicht zu merken, wie überaus unwillkommen diese Neuigkeit war. »Du kannst das Interview hier machen. Ich bringe sie jetzt hoch, okay?«

Knurrend machte Jeremy kehrt, stampfte ins Badezimmer und schlug die Tür zu.

»Netter Wutanfall, Diva!«, rief Reg ihm nach. »Jetzt, wo du’s herausgelassen hast, trink dein Bier, geh pissen und beweg deinen Arsch raus zur Presse.«

»Ich will nicht!«, rief Jeremy, die Arme verschränkt. Diese Haltung brachte die Flasche in die Nähe seiner Nase. Das Bier duftete verlockend, also nahm er einen Schluck.

»Oh, komm schon«, drang Regs amüsierte Stimme durch die Tür. »Alle anderen Rockstars machen es.« Als Jeremy nicht reagierte, fuhr er fort. »Es ist gut für dich.«

Jeremy kicherte widerwillig. Nachdem er den Rest des Biers ausgetrunken hatte, warf er die leere Flasche in den Mülleimer, ging rüber zur Toilette und begann, sein Geschäft zu erledigen.

»Es tut nur am Anfang weh.«

Lachend drückte Jeremy die Klospülung, wusch sich die Hände, spritzte kaltes Wasser in sein Gesicht und kam aus dem Badezimmer. Er ignorierte den schockierten Francis und konzentrierte sich auf Reg. »Sonst noch was?«

»Hm, also …« Regs Augenbrauen zogen sich vor Konzentration zusammen. »Ich werde danach dein bester Freund sein?«

»Oooh, das ist der beste Grund.« Er stieß seine Schulter gegen Regs Arm und grinste ihn an. »Du hast mich überzeugt.« Er wandte seinen Kopf, um Francis anzusehen, ließ das Lächeln verschwinden und sagte: »Hol den verdammten Reporter und den Fotografen rein. Und sag ihnen, sie haben zehn Minuten. Danach bin ich hier raus, ob sie fertig sind oder nicht.«

»So ist es.« Reg legte seinen Arm um Jeremys Schulter. »Ich habe etwas über Schach gehört.« Er senkte sein Kinn und begegnete Jeremys Blick. »Habe ich dir je gesagt, dass ich ein begnadeter Schachspieler bin?«

»Halt die Klappe.«

»Nein. Echt jetzt. Ich bin top.«

»Ich wittere eine Wette.« Jeremy sah eine Bewegung aus dem Augenwinkel und blickte von Reg zu Francis. »Warum bist du noch hier? Die Uhr tickt, und wenn sich diese Leute darüber beschweren, dass sie nicht genug Zeit hatten, mir all ihre Fragen zu stellen, sage ich Bill, dass du zu beschäftigt warst, uns anzustarren, um deinen Job zu erledigen. Er wird dich rauswerfen.«

Ohne ein weiteres Wort eilte Francis aus dem Zimmer.

»Du könntest freundlicher sein, weißt du?«, meinte Reg. »Ich denke, du hast ihm Angst gemacht.«

Jeremy ging schulterzuckend zum Sessel in der Ecke und warf sich darauf. »Was auch immer. Ich bin einer der netten Leute. Du solltest hören, wie andere mit ihren Mitarbeitern sprechen.«

»Red dir das nur weiter ein, Superstar«, erwiderte Reg und schüttelte missbilligend den Kopf.

»Nein. Ernsthaft. Was habe ich getan? Bin ich laut geworden? Habe ich ihm erklärt, wie sicher sein Job ist?« Er schnaubte. »Phil Spector hat Waffen auf Menschen gerichtet und gedroht, sie im Studio abzuknallen.«

»Wahnsinn.« Reg öffnete den Minikühlschrank und nahm sich eine Flasche Wasser. »Ich glaube, du hast gerade aus deinem netten Ich-bin-ein-netter-Kerl-Mantra ein Immerhin-begehe-ich-keine-Körperverletzung-Mantra gemacht.«

»Alles, was ich sage, ist, dass es schlimmer sein könnte. Francis sollte nicht in diesem Business sein, wenn es ihm Angst einjagt, wenn ich ihm sage, dass er seinen Job machen soll.«

»Und das macht dich nett?« Reg drehte den Deckel ab und reichte Jeremy die Flasche.

Mit Reg zusammen zu sein, machte Jeremy bewusst, dass er nicht so immun dagegen war, sich wie eine berühmte Person zu verhalten, wie er gedacht hatte. Da er immer stolz darauf gewesen war, ein normaler Typ zu sein, versetzte ihm die Erkenntnis einen Stich.

»Hör auf, zu schmollen. Es war keine so große Sache«, sagte Reg, seine Stimme war nun sanfter. »Du wirst netter zu ihm sein, wenn er zurückkommt, und dann ist alles gut.« Er drückte die Flasche in Jeremys Hand. »Trink dein Wasser.«

»Du bist Barkeeper. Ich denke, das heißt, du solltest mich mit Alkohol und nicht mit Wasser versorgen.« Jeremy blickte zu Reg hoch.

»Du warst stundenlang auf der Bühne, hast gesungen, getanzt.« Reg verschränkte die Arme, was sein Shirt über der Brust spannen ließ. »Diese Lichter müssen heiß sein und du bist völlig verschwitzt.«

»Ich weiß.« Jeremy blinzelte und hob seinen Blick, um Regs zu begegnen. »Deshalb muss ich mich ausruhen.«

»Zuerst musst du Wasser trinken. Dann musst du dein Interview geben. Danach, wenn du willst, können wir Schach spielen.«

Jeremy runzelte die Stirn und sagte: »Ich habe den Teil des Plans verpasst, bei dem wir trinken.«

»Oh.« Reg wackelte mit den Augenbrauen. »Habe ich nicht erwähnt, dass wir

Shot-Schach spielen werden?«

»Shot-Schach?«

»Ja. Wir benutzen Schnapsgläser statt Schachfiguren. Jedes Mal, wenn du einen meiner Spielsteine erwischst, trinkst du das Glas leer, und andersherum.«

Jeremy setzte sich auf und strahlte. »Das klingt lustig.«

»Ist es.« Reg wies mit dem Kinn auf die volle Wasserflasche. »Trink dein Wasser. Mach dein Interview und dann können wir ins Hotelzimmer gehen und spielen.«

»Deal.«

***

»Ich habe gewonnen«, sagte Reg.

»Ja, das hast du.« Jeremy lag auf dem Boden des Hotelzimmers und starrte an die Decke. »Wie kommt es, dass du gewonnen hast, obwohl du viel mehr Shots getrunken hast?«

»Ähm. Deshalb habe ich gewonnen, Alter.« Reg legte den Kopf zur Seite und senkte seinen schweren Blick zu Jeremy. »Man muss trinken, wenn Spielfiguren rausgekickt werden, erinnerst du dich? Ich habe mehrere deiner Figuren erwischt, und deine Königin und deinen König, und das waren Doppelshots, also habe ich dich total unter den Tisch getrunken.«

Das war viel zu viel Logik für drei Uhr nachts und nach einer Flasche Whisky. »Solltest du nicht betrunken sein? Oder eher: betrunkener? Weniger nüchtern? Nüchterner?« Jeremy hob seine Hand, um sich über die Augen zu reiben, und schlug sich stattdessen gegen die Nase. »Au.«

»Du hast dich geschlagen«, stellte Reg unnötigerweise fest. »Das war lustig.«

»Ha, ha.« Jeremy runzelte die Stirn und schielte zur Decke. »Ich glaube, das ist ein Erdbeben.«

»Nee, nee.«

»Warum bewegt sich dann die Decke?«

Reg richtete seinen Blick nach oben. »Sie bewegt sich nicht.«

»Ich schaue sie gerade an und sie bewegt sich!«, beharrte Jeremy.

»Du bist stockbesoffen.«

»Ja.« Er kicherte. »Es ist wundervoll.«

»Du bist ein niedlicher Betrunkener, weißt du das? Manche Leute verwandeln sich in Riesenarschlöcher, wenn man sie mit Alkohol kombiniert.«

»Ja.« Jeremy nickte feierlich, weitete dann die Augen und zeigte hinauf. »Siehst du das? Sie bewegt sich wieder.«

Er legte sich den Unterarm über die Augen und kicherte leise. »Da oben bewegt sich nichts, JJ. Es sieht nur so aus, weil du total dicht bist, also bewegen sich die Dinge in dir drin.«

»Bist du dir sicher?«, fragte er zweifelnd.

»Ganz sicher.«

»Hast du mich gerade JJ genannt?«

»Hm?«

»Du magst Spitznamen. Superstar. JJ.«

Reg hob den Arm von seinem Gesicht und blickte Jeremy an. »Stört dich das?«

»Nein.« Jeremy bewegte seinen Kopf von einer Seite zur anderen. Da er bemerkte, dass er die Bewegung mochte, machte er weiter.

»Cool«, sagte Reg.

Nach ein paar Minuten Stille, in denen Jeremy den Kopf hin und her rollte und die Halsmuskeln dehnte, fragte er: »Soll ich dir was verraten?«

»Was?«

»Ich hatte noch nie einen Spitznamen.«

»Red keinen Unsinn.« Reg rollte sich auf die Seite und stützte seinen Kopf auf eine Hand.

»Schwöre.« Jeremy verschränkte seine Finger über der Brust, als er das sagte. Nun, er hatte es versucht. Überwiegend stieß er dabei gegen sein Kinn und kitzelte sich selbst.

»Warum nicht?«

»Keine Ahnung.« Jeremy zuckte mit den Schultern. »Ich bin immer«, er hob den Arm und zeigte auf einen Punkt über sich, »der«, er bewegte seine Hand ein paar Zentimeter, »Jeremy«, er bewegte sie noch weiter, »Jameson.« Er ließ den Arm sinken.

»Hm.« Reg runzelte gedankenversunken die Stirn. »Was war davor?«

»Was meinst du damit?«

»Nun, du hast keine Alben aufgenommen, als du ein Kind warst.«

»Nein. Ich hätte es getan, aber mein Vater sagte, ich dürfe nicht.« Jeremy seufzte tief. »Es war die einzige Regel, die er je für mich hatte. Er sagte, Musiker zu sein, sei in Ordnung, aber auf einer Bühne zu stehen, sei nicht gut für ein Kind.«

»Er hatte wahrscheinlich recht. Schau dir all die kaputten, ehemaligen Kinderstars an.«

»Ja. Wahrscheinlich.«

»Was war denn damals? Bevor du angefangen hast, auf der Bühne zu stehen? Ich wette, jemand hatte einen Spitznamen für dich, bevor du berühmt warst.«

Jeremy nahm seinen Shirtkragen in seinen Mund und murmelte: »Es gab niemanden, bevor ich berühmt war, Reg.«

»Was meinst du damit?«

»Ich wurde berühmt geboren.« Jeremy ließ sein Shirt los und seufzte. »Nur weil ich nicht Gitarre und für Menschenmassen gespielt habe, heißt das nicht, dass die Leute nicht wussten, wer ich war. Bevor ich der Jeremy Jameson wurde, war ich Beau Jamesons oder Paula Radcliffes Sohn oder Walter Radcliffes Enkel.«

»Aber du hattest Freunde, hast Freunde. Richtig?«

»Irgendwie schon. Es gibt immer Leute um mich herum, aber ich denke, du musst echt sein, damit dir jemand einen Spitznamen gibt, weißt du?«

»Du bist echt.« Reg sah ihm direkt ins Gesicht.

Als er die Augen schloss, flüsterte Jeremy: »Manchmal fühle ich mich nicht echt.« Er zog sein Shirt wieder hoch und fing an, darauf herumzukauen.

»He.« Er hatte nicht gehört, wie er von der Couch aufgestanden war, aber Reg war plötzlich da, seine Hände waren auf beiden Seiten von Jeremys Gesicht, er hockte über seinen Oberschenkeln und sein Atem strich über sein Gesicht. »Du bist echt, JJ.« Reg zerrte sein Shirt aus dem Mund. »Du bist echt.«

»Das denkst du. Ich kann es spüren.« Er öffnete die Augen und begegnete Regs Blick. »Ich fühle mich echt, wenn ich bei dir bin.« Er grinste. »Ich meine, ich weiß, dass ich besoffen bin, aber ich fühle mich gerade echt.«

»Weil du echt bist.« Reg hielt inne. »Echt schlecht in Schach.«

»Hey!«

»Ein echtes Fliegengewicht, wenn es ums Saufen geht.«

»Ich bin n…«

»Ein echtes Arschloch, wenn du deinen Willen nicht bekommst.«

»Ich haue dir gleich eine runter.«

»Ich würde gerne sehen, wie du das probierst, Superstar.« Reg spannte sich an, bereit, aufzuspringen. »Weil du auch ein echter Pretty Boy bist, und ich würde dich in einem Kampf so was von erledigen.« Er war vom Boden aufgestanden und am anderen Ende des Raumes, bevor Jeremy reagieren konnte.

»Ich bin kein Pretty Boy!«

»Awww, klar bist du das. Schau dir diese zarten Gesichtszüge an: hohe Wangenknochen, volle Lippen, lange Wimpern.«

Jeremy schüttelte den Kopf.

»Total der Pretty Boy.« Mit einem Augenzwinkern ging Reg zum Minikühlschrank und nahm ein paar Flaschen Wasser und eine Tüte mit etwas heraus, das Jeremy nicht erkannte.

»Willst du mich dazu bringen, mehr Wasser zu trinken?«

»Ja.« Reg hob die Hand und sagte: »Fang.« Dann warf er die Flasche.

Obwohl Jeremy das Geschoss verfehlte, landete es auf seiner Brust, deshalb redete er sich ein, er hätte gut gefangen. Leider stimmte Reg dem nicht zu.

»Alter, das war total erbärmlich.«

»Ich war noch nicht bereit.«

Reg hob eine Augenbraue. »Mach es nicht noch schlimmer.« Er drehte den Deckel von seiner eigenen Flasche ab, sagte »Auf ex« und fing an, sie zu leeren.

Jeremy sah immer noch dabei zu, wie er trank, als er die Flasche senkte und sich mit dem Handrücken über den Mund wischte.

»Trink dein Wasser, JJ.« Reg riss die Ecke der Tüte in seiner Hand auf.

»Was ist das?«

»Mandeln. Der perfekte Snack der Natur.« Reg ging zurück zur Couch und setzte sich, seine Knie fielen in der entspannten Haltung auseinander. »Ich teile sie mit dir, wenn du dein Wasser trinkst wie ein braver Junge.«

»Wenn du schläfst, werde ich mit einem Permanentmarker etwas auf dein Gesicht schreiben«, drohte Jeremy und versuchte, wütend zu klingen, aber er war sich ziemlich sicher, dass er es nicht schaffte. Er mochte Reg viel zu sehr, selbst wenn er hin herumkommandierte. Oder vielleicht gerade, weil er es tat.

»Trink.«

Mit einem finsteren Blick schluckte er das kühle Wasser und merkte nach der Hälfte, wie durstig er war. Bevor er den nächsten mentalen Schritt machen und sich eine weitere Flasche holen konnte, war Reg von der Couch aufgestanden und brachte ihm eine. »Danke.« Er blinzelte zu dem großen Mann auf und bemerkte, dass Regs Gesichtszüge alles andere als weich waren. Seine Kieferlinie war hart, seine Nase ausgeprägt, wenn auch nicht groß, und auf seinen Wangen lag ein leichter Bartschatten.

»Gern geschehen.« Reg überreichte Jeremy die Mandeln. »Nimm dir ein paar.«

Obwohl er nicht wusste, warum, hatte Jeremy keine Bedenken, etwas zu tun, wenn Reg ihn dazu aufforderte. Vielleicht weil es sich bei Reg anfühlte, als wäre es fürsorglich gemeint, anstatt in der Absicht, sein eigenes Ansehen zu pushen. Wenn Reg mit ihm sprach, fühlte sich Jeremy, als würde er ihn als Mann ansprechen, nicht den Star. Wie schon gesagt, Reg ließ ihn sich echt fühlen.

Jeremy setzte sich auf und beobachtete Reg, wie er seinen langen Körper über die Couch streckte. »Reg?«

»Hmmm?«

»Hast du Spaß bis jetzt?« Es waren nur ein paar Tage gewesen, also war die Frage wahrscheinlich verfrüht, aber Jeremy wollte es wissen, also fragte er dennoch.

»Total. Mit dir rumzuhängen, ist der Hammer, und die Show heute Abend war fantastisch.«

»Gut.« Jeremy lächelte erleichtert. Er warf sich ein paar Mandeln in den Mund, merkte, dass er hungrig war, und füllte ihn mit einer weiteren Handvoll.

»Was ist mit dir? Abgesehen von dem Interview, das du nicht geben wolltest, fühlst du dich gut?«

»Ja«, sagte Jeremy sofort mit einem Mund voller Mandeln und spuckte dabei auf sein Shirt und den Teppich. Sich mit dem Handrücken über die Lippen wischend, dachte er über die Frage nach und erkannte, dass er sich nicht mehr erinnern konnte, wann er sich das letzte Mal so glücklich gefühlt hatte wie in den letzten Tagen. »Ich fühle mich großartig.«

»Super.«

Jeremy seufzte zufrieden und hob die Wasserflasche an seine Lippen.

»Komm her.« Reg klopfte mit seinem Fuß auf die Couch. »Ich weiß, dass der Teppich weich ist, aber er kann nicht so bequem sein wie diese Couch.«

Als er über Regs großen Körper schaute, schüttelte Jeremy den Kopf und sagte: »Ich glaube nicht, dass du der Typ bist, der eine Couch mit einem anderen Kerl teilt.«

»Oho, das ist nicht wahr. Vertrau mir, Alter, ich habe eine Menge Couches mit Typen geteilt.« Er zog seine Füße hoch und machte damit ein Kissen frei. »Da, bitte. Viel Platz.«

»Okay.« Jeremy kroch auf die Couch.

Sofort streckte Reg seine Beine zurück und legte seine Füße auf Jeremys Schoß. »Siehst du dir das mal an?« Er lächelte gerissen. »Meine Füße sind da, also könntest du mir genauso gut die Massage geben, die du mir versprochen hast.«

»Wenn du mit ‚versprochen’ meinst ‚absolut nicht’, dann klar.« Jeremy leerte sein Wasser und warf die Flasche auf den Couchtisch.

»Das ist also ein Ja, richtig?« Reg stieß seine Füße gegen Jeremys Oberschenkel. »Komm schon, Superstar, lass mich nicht hängen.«

»Willst du wirklich, dass ich dir die Füße massiere?«

Stöhnend sagte Reg: »Klar. Mann, eine gute Fußmassage ist fast so gut wie ein Blowjob.«

»Ich rühre deine Füße nicht an, und ich gebe dir auch keinen Blowjob.«

»Oh, komm schon.« Reg rutschte ein wenig zurück und machte mehr Platz auf der Couch. »Sei ein guter Fakefreund.« Er grinste übertrieben anzüglich. »Ich werde dich massieren, wenn du mich massierst.«

Jeremy verengte seine Augen und schaute von Regs Füßen zu seinem Gesicht.

»Es wird sich lohnen, JJ. Ich gebe eine geniale«, er wackelte mit den Augenbrauen, »Fußmassage.«

»Du massierst mir die Füße?«

»Ja.« Reg streckte seine Beine aus und klopfte auf seinen Schoß. »Streck dich am anderen Ende lang, gib mir deine Zehchen und ich werde dich massieren.«

»Alles klar, okay.« Jeremy schnaubte und verdrehte die Augen, aber er drehte sich, bis er sich gegen die Couchlehne gegenüber von Reg lehnen konnte. Er streckte seine Beine zu Reg und legte sie über seinen Schoß.

»Ich wette, du bist wund nach all deinem Herumgespringe auf der Bühne.« Reg umfasste einen von Jeremys Füßen und rieb seinen Knöchel auf und ab und kreisförmig, sodass Jeremy stöhnte. »Ich weiß, wie es ist, viel Zeit auf den Füßen zu verbringen. Es ist wichtig, sich um sie zu kümmern, wenn du dich nicht irgendwann hinken willst.« Während er sprach, setzte er seine erstaunliche Massage fort, indem er die Daumen in die Sohlen jedes Fußes grub.

»Ja.« Jeremys Augen rollten genüsslich zurück. »Oh Gott.«

»Fühlt es sich gut an?«

Er nickte und drückte seinen Rücken durch, das herrliche Gefühl an seinen Füßen ließ seinen ganzen Körper erbeben.

»Gut.« Regs Stimme klang tiefer. »Entspann dich einfach, JJ. Ich kümmere mich um dich.«

Genau so fühlte es sich an: Als ob Reg sich um ihn kümmerte und das nicht nur mit der Massage, sondern mit allem. Er stellte sicher, dass er genug trank und aß, er machte ihn auf Fehler aufmerksam, wenn er sich nicht wie ein anständiger Mensch benahm, und Reg beobachtete und unterstützte ihn.

»Danke«, seufzte Jeremy. »Du hast nicht gescherzt, als du meintest, das gut zu können.«

»Ich mach es gern.« Reg bewegte seine großen Hände Jeremys Knöchel hinauf und begann, seine Waden zu massieren. »Sag mir Bescheid, wenn ich dir nach deinen Shows helfen soll.«

Jeremy wimmerte.

»Ich kann deinen Rücken und deine Schultern später massieren, wenn sie auch wehtun.«

»Ungh«, stöhnte Jeremy.

Als Reaktion darauf sagte Reg: »Ich nehme das Geräusch als Bestätigung dafür, dass dir die Idee gefällt.« Er hielt inne. »Entweder das oder ich habe dich gerade dazu gebracht, in deiner Hose zu kommen, ohne deinen Schwanz zu berühren.«

»Es wird ziemlich knapp«, scherzte Jeremy. »Berühre mich weiter so und ich gebe dir mehr, als du wolltest.«

»Her damit, Superstar. Her damit.«

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