Kitabı oku: «Globalisierung»

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UTB 3400

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vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich

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Dr. Christoph Scherrer ist Professor für „Globalisierung und Politik“ an der Universität Kassel und Direktor des International Center for Development and Decent Work.

Caren Kunze M.A. war zuletzt tätig als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum Berlin und bereitet ihre Promotion vor.

Mit 14 Schaubildern

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detailliertere bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-8252-3400-3

ISBN 978-3-846-33400-3 (E-Book)

eISBN 978-3-8385-3400-X

© 2011 Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen

Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Oakville, CT, U.S.A.

www.v-r.de

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Hinweis zu § 52a UrhG: Weder das Werk noch seine Teile dürfen ohne vorherige schriftliche Einwilligung des Verlages öffentlich zugänglich gemacht werden. Dies gilt auch bei einer entsprechenden Nutzung für Lehr- und Unterrichtszwecke.

Reihenkonzept und Umschlagentwurf: Alexandra Brand

Umschlagumsetzung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: Ruhrstadt Medien, Castrop-Rauxel

Hinweis zur Zitierfähigkeit

Diese EPUB-Ausgabe ist zitierfähig. Um dies zu erreichen, ist jeweils der Beginn und das Ende jeder Seite gekennzeichnet. Bei Wörtern, die von einer zur nächsten Seite getrennt wurden, kann diese Seitenzahl mitten in einem Wort stehen. Dies sieht etwas ungewohnt aus, sichert aber die Zitierfähigkeit dieses E-Books.

Inhaltsverzeichnis

Titel Über den Autor Impressum Hinweis zur Zitierfähigkeit Was ist Globalisierung? Globalisierung im Profil

1 - Was ist stärker globalisiert: Kultur oder Wirtschaft? 2 - Globalisierung in der Kontinuität des Kolonialismus? 3 - Globalisierung: Neues oder altes Phänomen? 4 - Globalisierung: Zwangsläufig oder gesteuert? 5 - Entmachtet oder stärkt die Globalisierung den Nationalstaat? 6 - Die internationale Arbeitsteilung in der Theorie: Wohlstand für alle? 7 - Vergrößert die Globalisierung die Kluft zwischen Nord und Süd? 8 - Hat die Globalisierung ein Geschlecht? 9 - Eine andere oder keine Globalisierung? 10 - Globalisierung im Lichte der Weltwirtschaftskrise von 2009

Serviceteil - Politische Stationen der Globalisierung nach dem Zweiten Weltkrieg Globalisierung im historischen Vergleich Literatur

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Was ist Globalisierung?

Globalisierung: Selten hat ein Begriff so rasch und nachhaltig Karriere gemacht. Er fasste auf einen Schlag viele Phänomene zusammen, die schon länger beobachtet wurden. Insbesondere gab er der Vorstellung einen Namen, dass das Sozialstaatsniveau und die Lohnhöhe zunehmend globalen Prozessen angepasst werden müssten. Vor allem wirtschaftliche Zusammenhänge werden von der Globalisierung geprägt. Doch spielen nationale Grenzen auch für die so genannten GlobalisierungskritikerInnen immer weniger eine Rolle. Diese treffen sich an den verschiedensten Orten der Welt, sei es in Genua (Italien), Porto Alegre (Brasilien) oder Seattle (USA). Sie kommen dort nicht als Mitglieder nationaler Delegationen, sondern als Mitglieder international operierender Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und basisdemokratisch organisierter politischer Gruppen und Netzwerke zusammen.

In den wohlhabenden Weltregionen nähert sich insbesondere unter jungen Menschen der Geschmack beim Kauf von Kleidung, Nahrungsmitteln und Autos, also der äußere Lebensstil, an. Konnten früher US-AMERIKANISCHE Studierende von deutschen u.a. dadurch unterschieden werden, dass Erstere ihre Lehrbücher locker unterm Arm trugen (zur Not mit einem Gürtel zusammengehalten) und die Letzteren in einer Ledertasche, greift dieses Unterscheidungsmerkmal dadurch nicht mehr, dass der Großteil der Studierenden heute Umhängetaschen der gleichen Hersteller über der Schulter trägt. Ferner ist der Medienkonsum deutlich internationaler geworden, sei es durch die Ausstrahlung vor allem US-AMERIKANISCHER Produktionen durch nationale beziehungsweise lokale Fernsehsender, sei es durch direkten Zugang zu einem ausländischen Sender oder sei es, dass im Internet die Website eines ausländischen „Content Provider“ angesteuert wird.

Die Globalisierung hat natürlich längst die Wissenschaft erreicht. Zum einen wird sie selbst von ihr geprägt: Wer kennt nicht eine/n ProfessorIn, die eine Lehrveranstaltung mit der Begründung einer Konferenzteilnahme in Beijing oder Los Angeles verschiebt? Zum anderen haben viele sozial-und auch kulturwissenschaftliche Fächer die Globalisierung als Studienobjekt entdeckt. In der Politologie, der Soziologie und der Ökonomie werden zudem Stimmen laut, die dafür eintreten, dass die bisherige vorherrschende Analyseeinheit für politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse, nämlich der Nationalstaat, zugunsten einer globalen, weltgesellschaftlichen Perspektive aufgegeben wird.

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Der Streit um die richtige sozialwissenschaftliche Analyseeinheit ist nur eine von vielen Kontroversen, die die Globalisierung ausgelöst hat. Einigen dieser Auseinandersetzungen wollen wir im vorliegenden Buch nachgehen. So wird über grundlegende Fragen der Globalisierung gestritten: Welche gesellschaftlichen Sphären sind überhaupt globalisiert, ist Globalisierung bloß ein neues Wort für ein altes Phänomen. Des Weiteren werden die Ursachen und die Auswirkungen der Globalisierung kontrovers diskutiert: Ist die Globalisierung unausweichlich oder von interessierten Akteuren durchgesetzt worden, entmachtet sie tatsächlich den Nationalstaat oder ist dieser nicht selbst treibende Kraft der Globalisierung? Und wer profitiert eigentlich von der Globalisierung, alle oder nur wenige? Seltener wird nach den Auswirkungen der Globalisierung auf das Verhältnis von Frauen und Männern gefragt. Doch diese seit kurzem gestellte Frage bringt eine überraschende Erkenntnis zu Tage: Die Globalisierung hat ein Geschlecht.

Zur Veranschaulichung der gesellschaftlichen Brisanz, die in der Globalisierung liegt, wollen wir hier gleich zu Beginn die Frage aufwerfen, wie mit ihr umgegangen wird. Das Spektrum ist breit. Es reicht von glühenden BefürworterInnen fortschreitender globaler Vernetzung bis hin zum Plädoyer für kleinräumiges Wirtschaften. Zu den radikalsten Kritikern zählen die Anhänger von al-Qaida, die dem westlichen Lebensstil den Krieg erklärt haben. Für diesen Krieg nutzen sie jedoch Waffen aus globaler Produktion und die zentralen Symbole der Globalisierung: Flugzeuge und das Internet. Sie werden dies alles als Äußerlichkeiten, als unausweichliche Hilfsmittel ihres „heiligen“ Kampfes ansehen, doch gerade der zentrale Bezugspunkt ihrer Identität, der Islam, ist genauso wie das Christentum eine „missionarische“ Religion, die auf Ausbreitung angelegt ist und universale Gültigkeit beansprucht. Wie wir im zweiten Kapitel darstellen werden, hat die Globalisierung ihre Wurzeln auch in der Missionierung.

Das extreme Beispiel von al-Qaida zeigt aber vor allem eins, dass nämlich die entscheidende gesellschaftliche Konfliktlinie nicht die Globalisierung an und für sich ist, sondern die Frage danach, was und wie globalisiert werden soll. Soll das Kapital Zugang zu allen Orten der Welt erhalten oder soll es heißen: „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch“? Soll die Globalisierung sich über anonyme Märkte entfalten oder soll es transkontinentale gesellschaftliche Dialoge geben, in denen die Art und Weise des Austauschs verhandelt wird? Die Frage nach den heutigen Alternativen zur derzeit vorherrschenden neoliberalen Globalisierung, die auf Märkte setzt, werden wir abschließend aufgreifen.

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Globalisierung im Profil

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Was ist stärker globalisiert: Kultur oder Wirtschaft?

Globalisierung wird vor allem als wirtschaftliches Phänomen wahr- genommen, doch ist der Grad der Vernetzung in manchen kulturellen Bereichen sogar höher. Darüber hinaus ist die scharfe Trennung von Kultur und Ware oftmals nicht möglich, denn Kulturgüter sind auch Teil der ökonomischen Globalisierung. Die Politik mag hinter deren Dynamik zurückgefallen sein, doch die Nationalstaaten haben bereits auf zahlreichen Politikfeldern einen Teil ihrer Souveränität an supra-oder internationale Organisationen abgetreten. Alle Bereiche der Globalisierung sind jedoch von Akteuren weniger Staaten dominiert.

Coca-Cola oder Schule: Was ist globaler?

Globalisierung wird zumeist in Verbindung mit der Angst um Arbeitsplätze oder mit weltumspannenden Kapitalmärkten in Verbindung gebracht. Die Assoziation ist nicht zufällig, denn der Begriff „Globalisierung“ stammt aus der Betriebswissenschaft. Doch ist die Ökonomie tatsächlich die am stärksten globalisierte Dimension der menschlichen Existenz? Überall auf der Welt finden sich nicht nur eine Coca-Cola-Büchse oder ein McDonald’s-Restaurant, sondern auch Schulen, Poststationen und Polizisten. Zwar mögen Schulen von Ort zu Ort sehr unterschiedlich ausgestattet sein, doch orientieren sie sich alle an der Idee, dass Kinder getrennt von zu Hause von professionellen Lehrpersonen unterrichtet werden soll.

Die Frage ist, ob diese Vereinheitlichung nur an der Oberfläche aller Weltkulturen aufzufinden ist und ob nicht, wie Eberhard Schmitt meint, die Globalisierung „gerade auch das Gegenteil, nämlich bewusste Regionalisierung,|9◄ ►10| bewusstes Festhalten an kultureller Eigenart“ (Schmitt 2009: 23) fördert.

Begriffsgeschichte: Strategieentwürfe für Unternehmen

Bevor der Begriff „Globalisierung“ zu Beginn der Neunzigerjahre in Mode kam, wurde von Internationalisierung gesprochen. Damit wollte man darauf hinweisen, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten zwischen („inter“) den Nationen zugenommen haben. Die Betonung lag noch auf „Nationen“, da man davon ausging, dass die jeweilige Nation in ihren Grenzen und insbesondere in ihrer Fähigkeit, diesen Grenzen Geltung zu verschaffen, bestehen blieb. Unternehmen, die nicht nur ins Ausland exportierten, sondern dort auch produzierten, wurden multi- bzw. transnationale Konzerne genannt. Doch wirklich „multi“-national, d.h. in mehreren Ländern gleichermaßen heimisch, waren nur die wenigsten Unternehmen. Auch heute noch werden die meisten global agierenden Unternehmen von ihrem ursprünglichen Stammsitz aus von Personen aus dem Land dieses Stammsitzes geführt (Ausnahmen: der schweiz-schwedische Maschinenbaukonzern ABB, der deutsch-französische Chemiekonzern Aventis). Deshalb traf die Bezeichnung „transnationaler“ Konzern eher zu, da sie das über die Grenzen einer Nation Hinausgehende betont.

Die frühen transnationalen Konzerne verhielten sich zumeist auch im Ausland „national“, ihre Produktions- und Verkaufsstrategien waren auf den jeweiligen nationalen Markt gerichtet. Deren ausländische Produktionsstätten hatten vor Ort ihre Zulieferer und bedienten im Wesentlichen den dortigen Markt. In manchen Fällen unterschied sich ihr ausländisches Produkt von ihrem heimischen Produkt ganz erheblich: Ein bei Köln in Deutschland hergestellter Ford Taunus hatte keine Ähnlichkeit mit einem Ford in den USA. Doch war es gerade die Firma Ford, die Ende der Siebzigerjahre diese nationalen Beschränkungen mit einem so genannten „Weltauto“ überwinden wollte. Die einzelnen Teile wie Motoren, Scheinwerfer oder Sitze kamen aus Ford-Werken von (fast) allen Erdteilen und das Auto (ein Escort) wurde dann in wenigen, wiederum um den Globus verteilten Endmontagewerken zusammengebaut und nahezu identisch weltweit vertrieben (für England das Lenkrad auf der rechten Seite, für die USA größere Stoßstangen etc.). Im ersten Anlauf misslang diese Strategie, die Koordinationsprobleme waren zu groß und der Geschmack der Kunden war noch zu national geprägt. Doch das Prinzip war zukunftsweisend und im Laufe der Achtzigerjahre wurde es |10◄ ►11| von vielen ManagementberaterInnen zur Nachahmung empfohlen, allerdings in leicht abgewandelter Form: Nicht für die ganze Welt, sondern jeweils für eines der drei großen Wirtschaftsgebiete (Nordamerika, Westeuropa und Japan, die so genannte Triade) sollte es verwirklicht werden.

Bereits wenige Jahre später, zu Beginn der Neunzigerjahre, entdeckte die betriebswirtschaftliche Literatur die Globalisierung, und „Management-Gurus“ wie Kenichi Ohmae von der Wirtschaftsberatungsfirma McKinsey empfahlen den Firmen, global zu denken. Sie sollten sich nicht nur hinsichtlich ihrer Absatzgebiete und Produktionsstandorte global positionieren, sondern auch hinsichtlich ihrer Eigentümerstrukturen und ihres Führungspersonals. Zugleich plädierte diese Literatur für das vollständige Verschwinden nationaler Grenzen (borderless world). Mit anderen Worten, die Firmen sollten sich zunehmend so verhalten, als gäbe es keine nationalen Grenzen mehr (Ohmae 1990).

Von da an machte der Begriff rasant Karriere. Der Grund dafür ist nicht zuletzt, dass heute fast alle Menschen dieser Welt in die globale Arbeitsteilung einbezogen sind. Warum wird dann aber der Begriff Globalisierung verwendet, der einen Prozess und nicht einen endgültigen Zustand beschreibt? Der Endzustand, Globalität, ist nicht und wird sicherlich auch nicht bald erreicht sein, denn selbst auf wirtschaftlichem Gebiet, auf der Ebene der Politik ohnehin, machen sich staatliche Grenzen noch bemerkbar (→ Kapitel 5).

Globalisierung: Ein Begriff mit Wirkung

Noch eine Anmerkung zum Begriff „Globalisierung“: Dieser wird nicht nur zur Beschreibung des Prozesses des Bedeutungsverlustes nationaler Grenzen für den Austausch von Waren und Zeichen (Geld, Informationen etc.) verwendet, sondern auch zur Begründung von Handlungsanleitungen. Wegen der Globalisierung sollte man auf nationale Technologieförderung verzichten, nur moderate Lohnerhöhungen fordern, eine Welt-Umweltschutzbehörde gründen etc. Mit anderen Worten, unter Verweis auf die Globalisierung werden die unterschiedlichsten wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Positionen vertreten. Globalisierung ist somit auch ein Kampfbegriff, und zwar im doppelten Sinne. Zum einen soll durch seinen Einsatz die jeweils eigene Position gestärkt werden und zum anderen ist sein Bedeutungsinhalt umkämpft: Bietet die Globalisierung Chancen oder stellt sie eine Gefahr dar, ist sie unausweichlich? Diesem Thema wollen wir uns im Kapitel 4 ausführlicher zuwenden.

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Definition

Wir wollen im Folgenden mit einer sehr allgemeinen Definition arbeiten: Mit dem Begriff „Globalisierung“ wird ein Prozess des Bedeutungsschwunds nationaler Grenzen für menschliche Aktivitäten bezeichnet, der mit einem Bedeutungsgewinn für globale Bezugspunkte einhergeht.

Dimensionen der wirtschaftlichen Globalisierung

Der Begriff „Wirtschaft“ umfasst viele unterschiedliche Aktivitäten, die wir wie folgt gruppieren: Handel mit Gütern, Handel mit Dienstleistungen, Organisation der Produktion, kurz- und langfristige Kapitalinvestitionen und Angebot von Arbeitskraft.

Der grenzüberschreitende Handel nahm in den letzten Jahrzehnten rasant zu, und zwar schneller als die wirtschaftlichen Aktivitäten innerhalb der meisten Länder, so dass sich das Gewicht von Im- und Exporten für die einzelnen Volkswirtschaften deutlich erhöht hat. Während der Außenhandel für Deutschland schon immer wichtig war, nahm er beispielsweise in den USA in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts rasant zu, in Indien in diesem Jahrtausend.

Schaubild 1: Entwicklung des grenzüberschreitenden weltweiten Warenhandels von 1950 bis 2007 Index (1950 = 1), in konstanten Preisen, Zuwächse in Prozent


Quelle: World Trade Organization (WTO): International Trade Statistics 2005, 2008; eigene Berechnungen, Lizenz: Creative Commons by-nc-nd/3.0/de, Bundeszentrale für politische Bildung 2009: www.bpb.de

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Dienstleistungen wie Haare schneiden waren lange gerade dadurch definiert worden, dass sie nicht gehandelt werden konnten, da Erbringung und Verbrauch zeitlich zusammenfallen. Dank des Internets können Dienstleistungen auch grenzüberschreitend erbracht werden, z.B. durch Online-Kurse der britischen Open University. Doch bereits zuvor konnten die Kunden der Dienstleister aus dem Ausland kommen, z.B. Touristen, oder die Dienstleister konnten zu den Kunden kommen, z.B. IngenieurInnen bei Staudammbauten. Die treibenden Kräfte, Dienstleistungen global zu erbringen, sind Banken und Versicherungen, die vor Ort Tochtergesellschaften gründen, die dann dort die jeweilige Kundschaft bedienen.

Ein großer Teil des Außenhandels findet zwischen Tochter- und Muttergesellschaften innerhalb von transnationalen Konzernen statt. Die fokalen Unternehmen, z.B. ein Endprodukthersteller, lenken heute nicht nur ihre Tochtergesellschaften, sondern auch rechtlich selbstständige Zulieferunternehmen in einer zunehmend globalen Herstellerkette (Wertschöpfungskette).

Der Aufbau solcher Wertschöpfungsketten, aber auch die Erbringung von Bank- oder Versicherungsdienstleistungen vor Ort bedarf einiger Maßnahmen. Dazu gehören Investitionen in Bauten und/oder Maschinen bzw. die Beteiligung an oder der Kauf von bereits vorhandenen Fabriken oder Bürogebäuden. Diese werden „ausländische Direktinvestitionen“ genannt (üblich ist die englische Abkürzung für Foreign Direct Investments: FDI) und bei ihnen steht die Kontrolle über die Investition im Vordergrund. Bei Portfolioinvestitionen hingegen sind die Kapitalgeber vor allem darin interessiert, die erworbenen Wertpapiere gegebenenfalls rasch verkaufen zu können. Zum Teil werden eher Veräußerungsgewinne angestrebt als Dividenden oder Zinszahlungen.

Globalisierte Menschen

Während die Hürden für grenzüberschreitende wirtschaftliche Transaktionen Schritt für Schritt abgebaut werden (→ Abschnitt politische Dimensionen der Globalisierung), haben viele Länder die Zuwanderung von Arbeitskräften in den letzten Jahrzehnten stark beschränkt. Gleichwohl nahm weltweit die Migration von Menschen nicht nur im Vergleich zu den Sechzigerjahren zu. Zu den Ursachen zählen viele Faktoren, u.a. das riesige Lebensstandardgefälle auf der Welt, die Deindustrialisierung der Länder der ehemaligen Sowjetunion (in der Ukraine stieg die Arbeitslosigkeit unter Frauen auf 80 Prozent an, Sassen 2006: 129), aber auch Kriege. |13◄ ►14| Besonders ausgeprägt ist die Binnenwanderung vom Land in die Slums der großen Metropolen im globalen Süden (z.B. Mumbai) aufgrund des Bevölkerungswachstums und der Verdrängung der wenig effizienten Subsistenzlandwirtschaft, die primär der Eigenversorgung dient. In die entgegengesetzte Richtung zur Arbeitsmigration fließt in vielen kleinen Beträgen Geld in die Ursprungsländer zurück. Diese Rücküberweisungen – z.B. von MigrantInnen an ihre Familien im Heimatland – übersteigen mittlerweile insgesamt die öffentliche Entwicklungshilfe.

Für zwei Kategorien von Grenzüberschreitungen von Menschen bestehen kaum Einschränkungen. Zum einen ist eine wachsende Zahl an höher qualifizierten MitarbeiterInnen von transnationalen Konzernen für kurze oder längere Zeit im Ausland tätig. Zum anderen verbringen insbesondere die Menschen in den kleineren, reichen Ländern zu einem sehr hohen Prozentsatz einen Teil ihres Urlaubs ebenfalls im Ausland. Ungefähr 70 Prozent aller Urlaubsreisen der Deutschen haben das Ausland als Ziel. Für gering qualifizierte Menschen bestehen rigide Einschränkungen ihrer grenzüberschreitenden Mobilität. Dies beeinflusst jedoch nicht zwangsläufig die Entscheidung zu migrieren. Dementsprechend leben zunehmend Menschen als „Illegalisierte“ ohne legalen Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.

Schaubild 2: Trends in der internationalen Migration seit 1960


Quelle: Globale Trends 2010, Frankfurt/M: Fischer Taschenbuch Verlag

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Globalisiert trotz geringer Teilhabe an der Weltwirtschaft?

Obwohl große Teile der Welt nur geringfügig am weltwirtschaftlichen Austausch teilnehmen, was insbesondere auf die meisten Länder Afrikas zutrifft, erfolgt deren geringe Einbindung nicht aus freiem Willen, sondern ist Folge ihrer Schwierigkeiten, sich in der globalen Arbeitsteilung erfolgreich zu behaupten. Der geringe Anteil Afrikas am Welthandel (nur 3% der Weltexporte ging 2008 von afrikanischen Ländern aus), bedeutet jedoch nicht, dass diese Länder vom Weltmarkt abgekoppelt sind:

• Hinter den geringen Exporterlösen versteckt sich auf Grund der geringen Produktivität eine große Zahl an Erwerbstätigen: Knapp ein Viertel der Bauern in Äthiopien (ungefähr ein Achtel der Erwerbsbevölkerung) baut Kaffee für den Export an und spürt somit die Schwankungen des Weltmarktpreises für Kaffee.

• Umgekehrt beeinflusst die Nahrungsmittelhilfe die lokalen Marktpreise in Afrika.

• Die zahlreichen Bürgerkriege werden nicht zuletzt durch den Handel mit Edelsteinen finanziert.

• Ungefähr 40 Prozent des afrikanischen Geldvermögens soll laut Schätzungen außerhalb des Kontinents angelegt sein.

• Aus vielen afrikanischen Ländern ist die akademische Elite ausgewandert.

• Die Mehrzahl der afrikanischen Länder ist überschuldet und muss daher die Auflagen des Internationalen Währungsfonds erfüllen.

Dimensionen der kulturellen Globalisierung

Mitte der Neunzigerjahre forderten MusikerInnen in Deutschland erstmalig die Einführung einer Radioquote. Diese sollte festlegen, dass ein bestimmter Anteil der im Radio gespielten Musik deutschsprachig ist. Damit sollte ein Beitrag zur Erhaltung der kulturellen Vielfalt geleistet werden. Vor einigen Jahren haben sich auch die Bands „2raumwohnung“ und „Mia.“ aus Angst vor dem „Verlust von Identität und geistigem Erbe“ dieser Forderung angeschlossen. Einer solchen Position liegt ein Verständnis von Kultur zugrunde, welches diese als fest abgeschlossene Einheit versteht, die im Zeitalter der Globalisierung gegen andere Einflüsse verteidigt werden müsse. Entgegen einer solchen Sichtweise hat sich in der Wissenschaft die Erkenntnis durchgesetzt, dass Kultur keineswegs |15◄ ►16| einen „Container“ darstellt, der mit den nationalstaatlichen Grenzen in eins fällt. Vielmehr sind die Unterschiede zwischen bestimmten Regionen in einem Land oft größer als zwischen ähnlichen geographischen Regionen unterschiedlicher Länder.

Kultur wird nicht als homogene Einheit und naturgegeben, sondern als in sozialen Prozessen hergestellt und damit als beständig in Veränderung verstanden. Wir werden in Kapitel 2 sehen, dass die Globalisierung keineswegs ein neues Phänomen, sondern ein historisch weit zurückreichender Prozess ist. Dementsprechend wurden Gesellschaften immer von den Einflüssen anderer Kulturen geprägt und sind durch das gegenseitige Aufnehmen und Abgrenzen der jeweiligen Elemente entstanden (Brock 2008: 121). Das Konzept der Hybridität, welches sich großer Aufmerksamkeit in der Diskussion um Globalisierung und Kultur erfreut, macht diese grundlegende „Unreinheit“ bzw. Nicht-Authentizität von Kultur sichtbar.

Da die aktuelle Phase der Globalisierung deutlich geprägt ist von der weltweiten Ausbreitung des Kommunikations- und Mediennetzes, lösen sich jedoch die Bindungen kultureller Praktiken an bestimmte Räume zunehmend und es kommt zu einer weltweiten Verfügbarkeit z.B. von Musik, Filmen, Nachrichten und ästhetischen Formen.

Schaubild 3: InternetnutzerInnen weltweit


Quelle: International Telecommunication Union 2010: http://www.itu.int

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Im Bereich der Kommunikationstechnologien ist eine rasante Verbreitung in allen Regionen der Welt festzustellen, vor allem im Bereich der Festnetz- und Mobilfunkanschlüsse. Letztere stiegen von 11 Millionen im Jahr 1990 auf 4,6 Milliarden im Jahr 2009.

Auch die Zahl der Internetverbindungen wächst beständig. Während es 2006 erst 426 Millionen Internetverbindungen gab, stieg diese Zahl auf etwa 1,8 Milliarden im Jahr 2009.

Laut der International Telecommunication Union – einer Sonderorganisation der UN – verkleinert sich die „Digital Divide“, sprich die Kluft zwischen ökonomisch entwickelten und sich entwickelnden Staaten bzgl. des Zugangs zum Internet und anderen Kommunikationsmedien, zunehmend. Dennoch lassen sich noch immer große Unterschiede zwischen den Entwicklungs- und Industrieländern feststellen.

Die wachsende Verbreitung des Internets führt zur Entwicklung neuer Kommunikationsformen. Soziale Netzwerke wie studiVZ, MySpace, twitter und Facebook stellen solche neuartigen Kommunikationsformen dar. Mehr als 500 Millionen Menschen pflegen im Durchschnitt täglich eine Stunde ihre weltweiten Kontakte mithilfe von Facebook. Ein großer Anteil der Postings verweist auf Musik, Filme und andere Kulturprodukte, die in den jeweiligen lokalen Kontexten konsumiert werden. Per Mausklick machen sich diese Verweise auf den Weg um den Globus.

Auch der Bereich der Fernsehunterhaltung ist zunehmend globalisiert. Zum Beispiel ist das Sendeformat Wer wird Millionär? mittlerwei-le von Fernsehanstalten in über 100 Ländern lizensiert. Dabei ist das Erscheinungsbild der Sendung – Kameraeinstellung, Studiogestaltung, Lichteffekte – mit kleinen Ausnahmen, z.B. bzgl. der Gewinnhöhe, streng geregelt. Global verfügbare Unterhaltungsformate sind ebenso Talentwettbewerbe und Castingshows wie Deutschland sucht den Superstar oder Popstars und Reality-Soaps wie Big Brother.

Schaubild 4: Verbreitung des Sendeformats „Wer wird Millionär“


Quelle: bestätigt durch Sony Pictures Television, Lizenz: Creative Commons by-nc-nd/3.0/ de, Bundeszentrale für politische Bildung 2010: www.bpb.de

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Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die Frage, ob Globalisierung zu einer Vereinheitlichung, einer Vermischung oder gar zu einer Stärkung traditioneller Elemente der jeweiligen Kulturen führt. Die Antworten darauf sind kontrovers: Einige TheoretikerInnen sprechen sich dafür aus, dass die Welt zunehmend unter US-amerikanischen (McDonaldisierung, Amerikanisierung) oder westlichen Einflüssen (Westernization) im Zeichen von Coca-Cola und des Big Macs als Repräsentationen eines westlichen, modernen Lebensstils vereinheitlicht wird. McDonald’s, die größte und bekannteste Fast-Food-Kette, ist mittlerweile mit über 32.000 Filialen in 118 Staaten der Welt vertreten.

„Caffè Latte“ in Pappbechern ist durch die in 44 Ländern vertretene Kette Starbucks ebenso nahezu weltweit zu der Form, Kaffee zu konsumieren, geworden. Hierbei geht es nicht nur um das Produkt an sich, sondern um den damit transportierten urbanen Lebensstil.

Entgegen der These der Amerikanisierung beschränkt sich die Globalisierung der Kultur jedoch nicht auf eine einfache Bewegung, die von den USA oder den westlichen Industriestaaten ausgeht. Vielmehr lassen sich auch in den USA und Europa deutliche Einflüsse der Kulturen anderer Kontinente beobachten. Zum Beispiel haben sich japanische Comics, Mangas, in den USA und Europa als anerkanntes Genre durchgesetzt: Unter den 100 beliebtesten Comic-Bänden in den USA waren 80 Manga-Bände. Manga-Zeichenwettbewerbe, Manga-Preisverleihungen und Manga-Magazine deuten auf die Beliebtheit der Comics in Deutschland hin.

Entgegen der Vereinheitlichungsthese spricht sich der Kulturwissenschaftler Stuart Hall dafür aus, dass die Globalisierung nicht zu einer Homogenisierung von zuvor scheinbar abgeschlossenen Kulturgemeinschaften führt, sondern vielmehr eine Erweiterung dessen darstellt, was als globale Kultur zu verstehen ist (Dürrschmidt 2002). Inwiefern die Angleichung der Bilderwelten und Kulturgüter auf der Produktionsebene auf die Rezeption in den jeweiligen lokalen Kontexten wirkt, ist umstritten. Der These der Erweiterung der Kulturen folgend, können nichtheimische Kulturprodukte in eigener Weise aufgenommen und verändert werden (Stichwort „Bollywood“).

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Diese genannten Aspekte verweisen auf eine weitere zentrale Dimension, die bei der Definition von Kultur eine Rolle spielt: Kultur ist auch eine Ware und die Kulturwirtschaft ist einer der am schnellsten wachsenden Bereiche der Weltwirtschaft. Statistiken der UNESCO zeigen, dass sich im Zeitraum zwischen 1994 und 2002 das Handelsvolumen kultureller Güter fast verdoppelt hat (Glasze/Meyer 2009). Dementsprechend erscheinen Forderungen wie die zu Beginn genannte Radioquote noch in einem anderen Licht, nämlich als Versuche, den eigenen Markt zu schützen (→ Kapitel 4), denn im Musikbereich liegt der Marktanteil US-amerikanischer Produktionen bei 60%. Im Filmbereich sind die USA ebenfalls die absoluten Marktführer. Trotz dieser scheinbaren US-amerikanischen Dominanz ist zu bedenken, dass die These der Amerikanisierung oberflächlich ist, denn „Hollywood ist heute nicht viel mehr als eine Metapher, wo mit japanischem, europäischem und australischem Geld Regisseure aus China, Korea, Deutschland und England Filme drehen“ (Wagner 2002: 16).

Dimensionen der politischen Globalisierung

Der grenzüberschreitende Austausch beschränkt sich nicht nur auf materielle und kulturelle Güter. Im Bereich der Politik wird seit langem der Austausch von Informationen praktiziert. Seit dem zweiten Weltkrieg findet dies zunehmend in institutionalisierter Form in den Foren der Vereinten Nationen, aber auch in vielen anderen internationalen Organisationen statt. Viele „Probleme“ können aufgrund der fortgeschrittenen Vernetzung nicht mehr von Nationalstaaten allein gelöst werden. So müssen zum Beispiel Klimaschutzmaßnahmen international abgestimmt, national durchgesetzt und lokal umgesetzt werden (Behrens 2005). Seit Mitte der 1970er Jahre versuchen sich die Regierungschefs besonders mächtiger Staaten auf regelmäßigen Gipfeltreffen (G7, G8 und derzeit G20) vor allem bezüglich ihrer wirtschaftspolitischen Maßnahmen abzustimmen. Im zunehmenden Maße führen diese Gespräche zu verbindlichen Vereinbarungen über Verhaltensweisen der jeweiligen Staaten, sei es in militärischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Belangen.

Die Aufgabe nationaler Souveränität, sprich die Bereitschaft, die Entscheidungen supra- bzw. internationaler Organisationen im eigenen staatlichen Hoheitsgebiet zu akzeptieren, ist besonders ausgeprägt in den Militärbündnissen. So ging zum Beispiel die Gründung der Nordatlantischen Verteidigungsorganisation (NATO) der Gründung der Europäischen Union voraus. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen kann |19◄ ►20| sogar Staaten ermächtigen, andere Staaten anzugreifen. Regierungen und nationale Gerichte halten sich zudem vermehrt an Entscheidungen der im Ausbau befindlichen internationalen Gerichtsbarkeit. Diese hat ihren Ursprung im 1922 gegründeten Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag (seit 1945 der Internationale Gerichtshof ), dessen Entscheidungen allerdings nicht immer von den Staaten befolgt werden (Beispiel: die militärischen Aktivitäten der USA gegen Nicaragua im Jahr 1984). Seit 2002 besteht ein Internationaler Strafgerichtshof (IStGH) mit Zuständigkeit bei Völkermord und Kriegsverbrechen. China und die USA haben neben einigen anderen Staaten noch nicht die Hoheit dieses Gerichtes anerkannt. Für die EU-Mitgliedsstaaten gewinnt der Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften (EuGH) an Bedeutung.

Schaubild 5: Internationale Gerichtshöfe


Quelle: Le Monde diplomatique (Hrsg., 2003): Atlas der Globalisierung. Berlin: Taz Verlag

Unterhalb der Gerichtsbarkeit entstand ein ausgedehntes Schlichtungswesen. Prominent ist das seit 1995 bestehende Streitbeilegungsverfahren der Welthandelsorganisation (WTO), welches von einem WTO-Mitgliedsland eingeleitet werden kann, wenn es der Meinung ist, dass sich ein anderes Mitgliedsland nicht an die vereinbarten Regeln hält. Feste Fristen für alle Verfahrensschritte sorgen für ein vergleichsweise zügiges Verfahren. Auch mächtige Staaten halten sich weitgehend an die WTO-Schiedssprüche.

Auf zahlreichen Politikfeldern treffen sich die Mitglieder der jeweiligen Ministerialbürokratien zum regelmäßigen fachbezogenen Austausch, auch ohne ein explizites Mandat ihrer Regierungen (sog. Transnational Executive Networks).

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Als mittlerweile fester Bestandteil der globalen politischen Architektur versuchen Nichtregierungsorganisationen (NRO), die Interessen der Zivilgesellschaft in das internationale System einzubringen. Nicht nur ist die Anzahl der NRO seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges beständig gewachsen, viele Nichtregierungsorganisationen sind heute über den Globus vernetzt. Zum Beispiel ist Greenpeace mittlerweile in über 40 Ländern vertreten. Andere NRO vernetzen sich auch untereinander, um ihren Anliegen besser Gehör zu verschaffen. Solche Netzwerke – wie zum Beispiel das im entwicklungspolitischen Bereich tätige Netzwerk „Development Alternatives with Women for a New Era“ (DAWN) – werden als „Transnational Advocacy Networks“ bezeichnet.

Zusammen mit VerbandsvertreterInnen der Wirtschaft, MinisterialbürokratInnen und WissenschaftlerInnen beteiligen sich NRO auch an globalen Netzwerken zu einzelnen Politikfeldern (sog. „Global Public Policy Networks“), z.B. im Landwirtschaftsbereich an der Consultative Group on „International Agricultural Research“ (CGIAR).

Ob auf Regierungs- oder auf NRO-Ebene, die internationale Kooperation ist von Macht durchzogen. Der UN-Sicherheitsrat wird von wenigen ständigen Mitgliedern beherrscht, mit der G8 maßen sich einige reiche kapitalistische Länder an, die Geschicke der Welt zu lenken, im Internationalen Währungsfonds verfügen die USA und die EU über eine Sperrminorität. Nicht alle NROs verfügen über die entsprechenden Ressourcen, die nötig sind, um sich beispielsweise für die Beratungen des Wirtschafts- und Sozialrates der UN akkreditieren zu lassen oder die entsprechenden Flug- und Tagungskosten aufzubringen. Auf diese Weise werden kleinere NROs aus den Gestaltungsprozessen ausgeschlossen.

Weiterführende Literatur

Debiel, Tobias / Messner, Dirk / Nuscheler, Franz / Roth, Michèle / Ulbert, Cornelia (2010): Globale Trends 2010. Frieden. Entwicklung. Umwelt. Frankfurt/M.

Held, David / McGrew, Anthony / Goldblatt, David / Perraton, Jonathan (1999): Global Transformations: Politics, Economics and Culture. Stanford

Le Monde diplomatique (2009; Hrsg.): Atlas der Globalisierung. Sehen und verstehen, was die Welt bewegt. Berlin

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Globalisierung in der Kontinuität des Kolonialismus?

Wenngleich der Begriff Globalisierung erst in den Neunzigerjahren auftrat, weisen WirtschaftshistorikerInnen darauf hin, dass die Globalisierung mit den europäischen Eroberungsfahrten im ausgehenden 15. Jahrhundert begann.

Bis zum Ersten Weltkrieg durchlief die Globalisierung zwar verschiedene Phasen, wies aber eine hohe Kontinuität auf. Schon an der Wiege der globalen Wirtschaftsverflechtung stand Gewalt Pate. Im Industriezeitalter nahm das Ausmaß der gewaltsamen Eroberung der Welt durch Europa noch zu, wobei allerdings die Sklaverei zunehmend durch Lohnarbeit ersetzt wurde.

Von Anfang an bestand ein interkontinentaler Kettentransfer von Waren. Die einträgliche Veredelung der Rohstoffe behielten die Kolonialmächte für sich. Die erkämpfte Entkolonialisierung zog sich bis in die Sechzigerjahre.

Erste Globalisierung – Kolonialismus

Handel, Kommunikation und Wanderungen über weite Entfernungen sind fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte. Bereits vor der „Entdeckung“ Amerikas durch Kolumbus im Jahr 1492 gab es einen regelmäßigen Handel zwischen den dynamischen Wirtschaftszonen in Europa, Nordafrika und Asien. Nicht allein durch das römische Erbe waren nahöstliche Erfindungen wie das Christentum in Europa bekannt. Arabische Präsenz in Sizilien und auf der iberischen Halbinsel, die Kreuzzüge nach Palästina und die rege Handelstätigkeit Venedigs haben in der vorkolumbianischen Zeit Europa vom „Orient“ lernen lassen. Beispielsweise förderten im 12. Jahrhundert die oberitalienischen Städte die Kultivierung von aus Asien stammenden Zitronen auf ihren landwirtschaftlichen Kolonien.

Die Seehafenstädte des westlichen Mittelmeers machte dieser Austausch reich. Jedoch wurde dieser Reichtum im 15. Jahrhundert durch das erstarkende|22◄ ►23| Osmanische Reich bedroht, so dass die Suche nach einem Weg über den Atlantik nach Indien in westlicher und südlicher Richtung begann.

Obwohl die Entdeckung des Genuesen Christoph Kolumbus zumeist als Beginn der globalen Vernetzung angesehen wird, war die fünf Jahre zuvor erfolgte erstmalige Umsegelung der südlichen Spitze Afrikas, des Kaps der Guten Hoffnung, durch den Portugiesen Bartolomeo Dias zunächst wichtiger, denn sie eröffnete den Weg in den Indischen Ozean. 1498 gelang es Vasco da Gama mit einer portugiesischen Flotte erstmalig, auf dem Seewege bis nach Indien zu kommen. Wenige Jahrzehnte später beherrschten portugiesische Karavellen den Handel mit Indien.

Schaubild 6: Wichtigste weltumspannende Handelsrouten 1400-1800


Quelle: André Gunder Frank 1998, ReOrient, S. 65, University of California Press

Es war kein Zufall, dass die globale Vernetzung der Wirtschaftsräume von Europa ausging. Der indisch-chinesische Raum war nicht nur aufgrund günstiger klimatischer Bedingungen für den Anbau von Gewürzen, sondern auch aufgrund einer insgesamt höher entwickelten Wirtschaft viel weniger an westlichen Gütern interessiert. Das Hauptgeschäft der portugiesischen Seefahrtspioniere war dann auch nicht der Fernhandel zwischen Europa und Asien, sondern der innerasiatische Handel im Indischen Ozean; ihre Überlegenheit beschränkte sich auf ihre Seefahrtskunst und nautische Militärtechnik. So wurden Pferde aus Persien nach Südindien und dortige Stoffe zu den Gewürzinseln verschifft. Den Handel zwischen Europa und Asien brachte dann überraschend Amerika in Schwung. Überraschend, weil Amerika zunächst nur als Barriere auf dem Weg nach Indien angesehen wurde. Doch das zunächst der indigenen Bevölkerung gestohlene und später unter unsäglichen Arbeitsbedingungen abgebaute Silber und Gold aus |23◄ ►24| Mittel- und Südamerika verschaffte den Händlern der iberischen Halbinseln die Zahlungsmittel, die auch in Asien begehrt waren.

Der iberische Kronmonopolismus (1492 – 1820)

Die Geschichte von den Anfängen iberischer Kontrolle über Mittel- und Südamerika und des Seehandels mit Asien bis zum Beginn der Entkolonialisierung im 20. Jahrhundert lässt sich in Anlehnung an Reinhard Wendt (2007) in drei Phasen unterteilen: den iberischen Kronmonopolismus, die nordwesteuropäischen Monopolgesellschaften und den industriellen Imperialismus. Diese Phasen unterscheiden sich durch die Zentren der Kolonialisierung, das Verhältnis zwischen Staat und privaten Akteuren und die technische Basis der Dominanz. Einheitlichkeit bestand darin, dass der globale Handel und damit die globale Arbeitsteilung aus Europa organisiert wurden.

Die erste Phase, die Phase des iberischen Kronmonopolismus, dauerte zwar bis zur Befreiung der südamerikanischen Kolonien zu Beginn des 19. Jahrhunderts an, doch war ihre Blütephase bereits Mitte des 17. Jahrhunderts überschritten. Sie war von der Dominanz Portugals und Spaniens geprägt, die mit päpstlichen Segen die neu entdeckte Welt unter sich aufgeteilt hatten (Verträge von Alcáçovas, Tordesillas und Zaragoza). Die jeweiligen Kronen ordneten den Handel und die eroberten Gebiete ganz der Macht- und Reichtumsmehrung unter. Die Schaffung von Monopolen war diesem Ziel besonders förderlich. Sofern den Kronen das Kapital fehlte, bedienten sie sich auch privater Unternehmer, die Lizenzen für ihre jeweiligen Geschäfte erhielten.

Wenngleich das von den iberischen Mächten um die Erde gelegte Netz noch viele Löcher aufwies, wies es die zentralen Merkmale der heutigen Globalisierung auf. Der Handel umfasste bereits Amerika, Afrika, Asien und Europa. Nicht nur wurden die klimatischen und geologischen Unterschiede zwischen den einzelnen Weltregionen gezielt für den Handel ausgenutzt, sondern der Handel selbst wurde monopolisiert und die heimische Produktion gegenüber Produzenten aus den überseeischen Besitzungen bevorzugt. Die einträgliche Veredelung der Rohstoffe behielten die iberischen Staaten für sich. Diese Praxis wurde von den späteren Kolonialmächten übernommen.

Neben dem Bergbau förderten die Kolonialverwaltungen die Plantagenwirtschaft, was zum einen zur transkontinentalen Verbreitung einiger Kulturpflanzen wie dem Zuckerrohr führte und zum anderen den Menschenhandel beförderte. Bekannt ist die Ersetzung indianischer |24◄ ►25| Zwangsarbeiter durch afrikanische Sklaven. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts sollen eine Million Menschen aus Afrika ins spanisch und portugiesisch kontrollierte Amerika versklavt worden sein. Auch im asiatischen Raum wurden Menschen versklavt. Die globale Arbeitsteilung entstand nicht als Folge friedlicher Neugier auf andere Güter, sondern aufgrund gewaltsamer Eroberung und Ausbeutung.

Die Globalisierung umfasste von Anfang an auch kulturelle Dimensionen. Zum einen, weil der Fernhandel selbst ein kulturelles Phänomen war, dem spezifische Einstellungen zur Sicherung der Lebensgrundlagen, zur Natur und zu anderen Menschen zugrunde lagen. Im iberischen Zeitalter kennzeichnete eine Beute-Mentalität das Führungspersonal der Expeditionen (Schmitt 2009: 16).

Zum anderen ging Eroberung mit christlicher Missionierung einher, die von den Päpsten im Gegenzug zur Gewährung der Gebietsmonopole in der Neuen Welt von den iberischen Kronen verlangt wurde. Letztere kamen dieser Aufforderung auch aus eigener Überzeugung nach. Die Missionierung lief zumeist dort gewaltsam ab, wo die europäische Vorherrschaft erdrückend war, also in Amerika, und verlief dort friedlicher, wo sich die Europäer mit den lokalen Mächten arrangieren mussten, also in den asiatischen Küstenregionen.

Die katholischen Missionare trugen wie die Seeleute, Händler und Wissenschaftler zum Wissen über die „neue“ Welt bei. Das spanische Königshaus verlangte explizit nach solchen Berichten. Für die Seefahrer stand geographisches Wissen im Vordergrund, für die Händler die jeweilige Angebots- und Nachfragelage, und die frühen Wissenschaftler interessierten sich vor allem für die Ernährungspotenziale der Pflanzenwelt.

Die nordwesteuropäischen Monopolgesellschaften (1600 – 1857)

Die anderen Europäer waren allerdings nicht gänzlich von diesem Wissen ausgeschlossen. Zum einen hatten sie selbst Wissen zur Atlantiküberquerung beigetragen. Beispielsweise nutzte Kolumbus die astronomischen Karten des in Nürnberg lebenden Regiomontanus. Zum anderen nahmen einzelne Personen als Missionare, Geldgeber, Handwerker und Wissenschaftler an den Fahrten teil. Über den besten Zugang verfügten die Niederländer, da sie lange Teil des spanisch-habsburgischen Reichs waren und in ihrem erfolgreichen Unabhängigkeitskampf (1566 – 1648) gelernt hatten, sich gegen spanische Vorherrschaft zu behaupten. Ihre |25◄ ►26| ersten überseeischen Erfolge gingen jedoch zu Lasten der Portugiesen, deren verstreute Stützpunkte entlang der Küsten Asiens leichter zu erobern waren als die spanischen Kolonien in Amerika. Mitte des 17. Jahrhunderts hatten die Niederländer die Portugiesen im asiatischen Seeverkehr abgelöst.

Zeitgleich versuchten niederländische, englische und französische Abenteurer durch Schmuggel und Piraterie die Monopolansprüche der iberischen Mächte im transatlantischen Seeverkehr zu unterlaufen. Die Piraterie erhielt rechtstheoretischen Beistand durch Hugo Grotius, den Begründer des modernen Völkerrechts. Er plädierte 1608 für die Freiheit der Meere und erklärte das Kapern portugiesischer Karavellen für gerechtfertigt, solange diese anderen den freien Handel untersagten. In England genossen Piraten wie Francis Drake den Schutz der Krone.

Die eigentlichen Träger der kolonialen Expansion der nordwesteuropäischen Staaten waren die privaten Kompanien. Die kolonialistischen Unternehmungen standen in diesen Ländern nicht mehr im Dienste der Krone, sondern gehörten privaten Kaufleuten, die Anteile an diesen Kompanien zeichneten. Die 1600 gegründete East India Company (EIC) und die bald darauf folgende Vereinigte Ostindische Kompanie (VOC) erhielten allerdings vom Staat viele Privilegien, vom Handelsmonopol bis hin zu hoheitsrechtlichen Befugnissen wie der Rechtssprechung. Deshalb kann diese Phase des Kolonialismus als Zeitalter der nordwesteuropäischen Monopolgesellschaften bezeichnet werden. Allein die VOC beschäftigte während des 17. und 18. Jahrhunderts knapp eine Million Menschen in ihrem asiatischen Handelsimperium.

Die Suche der nordwesteuropäischen Länder nach von den iberischen Mächten nicht kontrollierten Indien-Routen führte sie nach Nordamerika. Dort wurden nicht nur Handelsstationen aufgebaut, sondern auch agrarische Siedlungen von europäischen Auswandereren gegründet. Wie bekannt entwickelten sich die nordamerikanischen Kolonien auf dem Rücken der indigenen Bevölkerung rasch. Sie läuteten mit der Unabhängigkeitserklärung von 1776 die erste Entkolonialisierungswelle ein, die in den nächsten Jahrzehnten unter der Führung der dort ansässigen europäischstämmigen Eliten die südamerikanischen Staaten erfasste. Bereits 1822 hatten weder Portugal noch Spanien nennenswerte Kolonien in Amerika.

Die Unabhängigkeit der USA stand den weiteren kolonialen Bestrebungen der europäischen Länder nicht im Wege. Im Laufe der Zeit dehnten die ursprünglichen 13 Ostküstenstaaten der USA ihren Einfluss auf vormalig indianische und spanische Territorien bis zum Pazifik aus. 1898 wurden die USA selbst zur Kolonialmacht auf den Philippinen.

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Der Welthandel wurde zunächst von den niederländischen Kompanien beherrscht, doch stieg Großbritannien gegen Ende des 17. Jahrhunderts zur führenden See- und Seehandelsmacht auf. Seine Kompanien prägten die globale Arbeitsteilung. Zwar waren die Wertschöpfungsketten noch nicht so feingliedrig über den Globus verteilt wie heutzutage, doch kam es zu einem intensiven interkontinentalen Kettentransfer von Waren. Berüchtigt ist das Dreieck zwischen Europa, Afrika und der Karibik, in dem für europäische Waren in Afrika Sklaven erworben wurden, die in der Karibik gegen Rohrzucker oder andere Plantagenprodukte getauscht wurden. Ähnliche Dreieckstauschbeziehungen bestanden auch zwischen anderen Regionen. Die Kompanien förderten die gezielte Produktion für den Export. Im 18. Jahrhundert waren 11% der Beschäftigten in der bengalischen Textilindustrie für die Exportproduktion nach Europa beschäftigt. Doch regte sich in England Widerstand gegen billige Importe aus Übersee. Die Folge war, dass Indien nur noch Rohbaumwolle liefern durfte, während die Veredelung in England stattfand.

Der Sklavenhandel stieg drastisch auf ca. sechs Millionen im 18. Jahrhundert an, wobei noch Millionen AfrikanerInnen hinzugezählt werden müssen, die in die islamische Welt versklavt wurden. Erst um 1800 wurde der überseeische Menschenhandel verboten. SklavInnen arbeiteten hauptsächlich in den Exportindustrien. 1675 waren allein auf Barbados 80.000 SklavInnen mit der Zuckergewinnung für den Export beschäftigt. Schon damals bestand wie heute unter den einzelnen Produktionsstandorten eine scharfe Konkurrenz. Die Zentren der Zuckerrohrplantagen wanderten in der Karibik hin- und her, und zwar abhängig von der Vernutzung der Böden und der Intensität des Widerstandes. Insgesamt verdrängte die Karibik im 18. Jahrhundert die indonesische und brasilianische Zuckerrohrwirtschaft.

Von Zwangsverschleppung waren auch europäische Menschen nicht verschont, z.B. die ca. 16.000 nordhessischen Männer, die der Kasseler Landgraf Friedrich II. als Soldaten an die Engländer im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg „vermietete“, oder die kriminalisierten Armen in England, die nach Australien verschifft wurden. Die freiwillige oder religiös motivierte Auswanderung begann in dieser Phase zahlenmäßig an Bedeutung zu gewinnen.

In Asien erfolgten die ersten Schritte zur Einflussnahme auch auf das Landesinnere. Die East India Company (EIC) nahm zunächst mittels Steuer- und Zollvorschriften auf die Produktion in Bengalen Einfluss. Im Laufe des 18. Jahrhunderts mutierte die EIC von einer Handelskompanie zu einer Landmacht mit Armee sowie Steuereinnahmen insbesondere|27◄ ►28| in den indischen Besitzungen. 1757 besiegten ihre Söldner indische Fürsten und die EIC übernahm die politische Gewalt in Bengalen. Weitere Landnahmen folgten.

Die europäische Eroberung der Welt zeitigte ihre Wirkung in Europa. So änderten sich die Ernährungsgewohnheiten nicht nur der Oberschichten, sondern auch der Bauernschaft (z.B. durch die Kartoffel). Die Rückwirkungen erfassten zudem die Geisteswelt. Europäische Aufklärer wie Leibniz und Voltaire interessierten sich u.a. für den chinesischen Konfuzianismus. Wie bereits für die Spanier, waren die auf den Erkundungsfahrten von Pionieren wie James Cook gesammelten Erkenntnisse für den strategischen Ausbau des sich abzeichnenden British Empire bedeutsam.

Der Industrielle Imperialismus (1858 – 1930)

Die industrielle Revolution begann in England. Sie beinhaltete die Mechanisierung von Handarbeit durch Maschinen (Spinning Jenny: die erste Spinnmaschine, 1767), die mechanische Energieumwandlung (James Watts Dampfmaschine, 1769) und die damit zusammenhängende massenhafte Verwendung mineralischer Grundstoffe, zunächst von Kohle und Eisen. Obgleich sich die industrielle Revolution rasch auf dem europäischen Kontinent und in den USA ausdehnte, konnte England seine wirtschaftliche Führungsposition bis Ende des 19. Jahrhunderts behaupten. Mitte des 19. Jahrhunderts stellte Großbritannien nur 2 % der Weltbevölkerung, doch über 40 % des Industriepotenzials. Militärisch waren die Mitkonkurrenten jedoch zu stark, um von England direkt beherrscht zu werden.

Die industrielle Revolution führte nicht nur zu einer Überlegenheit in der Warenproduktion, sondern auch in der Militärtechnik einschließlich der Kommunikationsnetze (erste dauerhafte Kabelverbindung zwischen Europa und Nordamerika 1866). Die asiatischen Länder waren der industriell gefertigten Militärmaschine der Kolonialmächte nicht mehr gewachsen und mussten große Gebietsverluste hinnehmen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde auch Afrika unter den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt. Insgesamt führte die industrielle Revolution zu einer stärkeren Beherrschung der nicht-europäischen Welt mit Ausnahme von Japan.

Inwiefern die Kolonialbesitzungen den industriellen Aufschwung Europas begünstigten, ist in der Literatur umstritten. Während David Landes (2007) unter Bezug auf Max Weber die protestantische Ethik und die Durchsetzung von privaten Eigentumsrechten als zentrale Ursachen für |28◄ ►29| den Beginn der industriellen Revolution in England benennt, führt Karl Marx die Enteignung des Landvolks von Grund und Boden (ursprüngliche Akkumulation) als wichtigen Grund an (Marx 1867). Die Dependenztheoretiker André Gunder Frank (1998) und Immanuel Wallerstein (1986) betonen, auf Marx zurückgreifend, die Bedeutung des durch den Kolonialbesitz bereits erreichten relativen Wohlstands und den Zugang zu Rohstoffquellen und Absatzmärkten.

Karl Marx zur Herausbildung des „Weltmarktes“: „Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingeborenen Bevölkerung in die Bergwerke, die Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära.“ (Marx 1867: 779)

Ebenfalls kontrovers werden die Motive für den Kolonialbesitz diskutiert, wobei sich ein Konsens herausschält, dass sich der Imperialismus aus unterschiedlichen Quellen speiste: Es ging um Rohstoffquellen und Absatzmärkte, um die Schaffung eines Ventils für die mit der Industrialisierung einhergehenden scharfen gesellschaftlichen Konflikte, um die Stärkung des Staats und darum, gegenüber den europäischen Nachbarländern nicht ins Hintertreffen zu geraten. Entscheidend war aber letztlich, dass die industrielle Revolution einen solch nachhaltigen machtpolitischen Vorteil gewährte, dass die Gegenwehr zu gering ausfiel. Dort wo die Gegenwehr und der Wille sowie die Möglichkeiten, die industrielle Revolution nachzuholen, stark genug ausgeprägt waren, konnte die Kolonialisierung vermieden oder überwunden werden. Japan und die USA stehen für diese Strategie. In der Machtlogik des Zeitalters des Imperialismus strebten diese dann selbst nach Kolonialbesitz.

Trotz Rivalitäten bestand unter den Kolonialmächten zumeist ein Einvernehmen im Umgang mit dem Rest der Welt. Dies zeigte sich beispielsweise bei der Meistbegünstigungsklausel in den Knebelverträgen mit de jure noch souveränen Staaten wie China. Zugeständnisse, die einer Kolonialmacht gewährt wurden, kamen automatisch allen anderen auch zugute. Dieses Prinzip gilt heute noch bei der Liberalisierung des Handels im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO). Ein anderes Beispiel der Kooperation unter den Kolonialmächten war die Kongo-Konferenz in Berlin, auf der die europäischen Mächte im Jahr 1885 die Aufteilung Afrikas vereinbarten.

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Die Macht der Kolonialmächte reichte weit über ihre unmittelbaren Kolonien hinaus. Unter Ausübung oder Androhung von Gewalt konnten den formal souveränen Nationen wie China ungleiche Verträge aufgezwungen werden. Diese beinhalteten das Prinzip der Exterritorialität, was bedeutet, dass die Händler der Kolonialmächte sich nicht der lokalen Gerichtsbarkeit unterstellen mussten. Die Kirchen erhielten die Freiheit zu missionieren. Die Macht der Kolonialmächte speiste sich zudem aus der Kontrolle der Seewege und des Kapitals. Großbritanniens Flotte und ein weltumspannendes Netz an Stützpunkten erlaubte die Kontrolle über die Weltmeere und Handelsströme. Das Frachtgeschäft war fest in der Hand von Unternehmungen aus den Kolonialmächten. Der mittlerweile angehäufte Reichtum war zudem eine wichtige Finanzierungsquelle für den Fernhandel und für die Investitionen in die örtlichen Transportinfrastrukturen. Schuldnern, die nicht zurückzahlen konnten, wurden ebenfalls Knebelverträge aufgezwungen. In einigen Fällen griffen die Gläubiger direkt auf die Steuereinnahmen des verschuldeten Staats zu, z.B. konnten sie 1895 über 14% der Staatseinkünfte des osmanischen Reichs verfügen. Hier sind Parallelen sichtbar zum Verhalten der Gläubigerstaaten seit der Schuldenkrise der Achtzigerjahre (→ Kapitel 7). Wie in heutigen Zeiten verfügten die damaligen Unternehmen über das notwendige Know-how bei der Erschließung von Rohstoffquellen und dem Aufbau einer industriellen Infrastruktur. Dies erleichterte ihnen den Erwerb von Bergbaulizenzen.

Das Verbot der Sklaverei beendete nicht die Nachfrage nach billigen Arbeitskräften. Vornehmlich strömte nun die im Prozess der Industrialisierung verarmte Bevölkerung Europas nach Süd- und Nordamerika. Die Missionierung hörte auch im Zeitalter des industriellen Imperialismus nicht auf; zum Katholizismus gesellte sich der Protestantismus.

Entkolonialisierung

Aus europäischer Sicht gilt der Erste Weltkrieg ( 1914 – 1918 ) als entscheidender Einschnitt in den Globalisierungsprozess. Handel und Kapitalströme zwischen den verfeindeten Nationen brachen stark ein und die vor dem Krieg geltende Weltwirtschaftsordnung konnte nicht wiederbelebt werden. Die Reiche der Habsburger, Zaren und osmanischen Sultane zerfielen in Einzelstaaten und die Migration in die USA kam weitgehend zum Erliegen. Doch da die Kolonien nicht in die Freiheit entlassen wurden, änderte sich für den Rest der Welt deutlich weniger.

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Aus Sicht dieser Länder war die Weltwirtschaftskrise ab 1929 eine erste entscheidende Zäsur, zum einen weil die Kolonialmächte ihre Imperien gegeneinander abschotteten, was für exportorientierte Länder ohne Imperien wie die Staaten Lateinamerikas die Wirtschaftskrise drastisch verschärfte. Zum anderen gewährte England mit dem Westminster-Statut von 1931 seinen „weißen“ Siedlungskolonien Unabhängigkeit, was Kanada als erstes Land in Anspruch nahm.

Die Kolonien mit vornehmlich nicht-europäischer Bevölkerung konnten sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, zumeist nach langen Widerstandskämpfen und als Folge spezifischer weltpolitischer Konstellationen, befreien. Zuerst waren die bevölkerungsreichen Kolonien in Asien erfolgreich, und zwar Indien und Pakistan (1947), Indonesien (1949) und Vietnam (1954). Zum Erfolg trug bei, dass Japan die Kolonien der westlichen Mächte im pazifischen Krieg überrannt und somit deren Aura der Unbesiegbarkeit zerstört hatte. Der Zweite Weltkrieg endete für Großbritannien mit hohen Schulden gegenüber den USA und Indien, die aus unterschiedlichen Gründen am Zerfall des britischen Imperiums Interesse hatten. Wie im Westminister-Statut bereits sichtbar geworden war, bestanden in England selbst erhebliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Kolonialbesitzes und am Nutzen von Kolonien. Die erfolgreiche Revolution in China (1949) war insbesondere für Vietnam bedeutsam, inspirierte aber insgesamt die Befreiungsbewegungen der Welt.

Nach Afrika kam die Freiheit deutlich später. Die Franzosen verließen Afrika erst nach dem blutigen Krieg mit Algerien (1962). Die Befreiung der englischen Kolonien in Afrika erfolgte unblutig und begann in Ghana (1957). Weltpolitisch spielte hier der Ost-West-Konflikt eine Rolle, da die Befreiungsbewegungen auf die Unterstützung der Sowjetunion zählen konnten. Kurz vor Ende des 2. Jahrtausends gewannen mit dem Untergang der Sowjetunion auch die Kolonien des Zarenreichs, die als abhängige Republiken in die Sowjetunion eingegliedert geblieben waren, ihre Freiheit (1991).

Weiterführende Literatur

Frank, André Gunder (1998). ReOrient: Global Economy in the Asian Age. Berkeley, Los Angeles, London

Landes, David S. (1999): Wohlstand und Armut der Nationen. Berlin

Wendt, Reinhard (2007): Vom Kolonialismus zur Globalisierung Europa und die Welt seit 1500. Paderborn

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