Kitabı oku: «Werder im Nationalsozialismus»
Werder im Nationalsozialismus
Lebensgeschichten jüdischer Vereinsmitglieder
von
Lukas Bracht
Fabian Ettrich
Thomas Hafke
Dirk Harms
Carina Knapp-Kluge
Dr. Marcus Meyer
Dr. Sabine Pamperrien

Autorinnen und Autoren sowie der Verlag
danken für die Unterstützung bei der Drucklegung:
SV Werder Bremen Stiftung
Sport-Verein „Werder“ v. 1899 e. V.
Rotary Club Bremen
Deutsch-Israelische Gesellschaft Bremen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Copyright © 2022 Verlag Die Werkstatt GmbH
Siekerwall 21, D-33602 Bielefeld
www.werkstatt-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Gestaltung: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, Göttingen
ISBN 978-3-7307-0623-7
Inhalt
Vorwort
von Hubertus Hess-Grunewald
Der SV Werder von der Gründung bis 1945
von Lukas Bracht
Alfred Ries – Lebenslang grün-weiß
von Fabian Ettrich
Theodor Eggert
von Marcus Meyer
Leo Weinstein
von Lukas Bracht
Die Rosenthals
von Fabian Ettrich
„Hansi Werder vom Sport-Verein Wolff“
von Carina Knapp-Kluge
Hugo Grünberg
von Fabian Ettrich
„Agent“ Alfred Ries
von Sabine Pamperrien
Das „Schicksal der dritten Verfolgung des Alfred L. Ries“
von Dirk Harms
Nachwort
von Thomas Hafke
Autorinnen und Autoren
Dank
Anhang
Für Hilde Ries
und alle anderen Hinterbliebenen der hier vorgestellten Werderaner sowie für all jene Menschen, denen ähnliches Leid, solche oder ähnliche Verbrechen zugefügt wurden.

Vorwort
von Hubertus Hess-Grunewald
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leserinnen und Leser!
Der SV Werder Bremen kann auf mehr als 120 Jahre bewegte Vereinsgeschichte blicken. Sie ist geprägt von einer Vielzahl sportlicher Erfolge, im Fußball und auch in anderen Sportarten, geprägt von beeindruckenden Persönlichkeiten, seien es Sportlerinnen und Sportler oder Funktionäre. Sie ist geprägt von hellen und leuchtenden Zeiten, aber auch von dunklen Jahren. Es war und ist uns stets ein wichtiges Anliegen, alle Menschen, Ereignisse, Episoden und Epochen der Werder-Historie für die Nachwelt zu bewahren und die Erinnerung daran wachzuhalten.
Im Jahr 2004 haben wir unser WUSEUM eröffnet, das Museum des SV Werder Bremen im wohninvest WESERSTADION. Dort werden zwölf Jahrzehnte Vereinsgeschichte lebendig. Und dort war unter anderem im Jahr 2008 die Sonderausstellung „Juden im deutschen Fußball und bei Werder Bremen“ zu sehen – eingebettet in die Wanderausstellung „Kicker, Kämpfer, Legenden – Juden im deutschen Fußball“ der Stiftung Neue Synagoge Berlin, Centrum Judaicum. Es gibt noch zahlreiche weitere Beispiele, die das Engagement des Vereins gegen Rassismus und Gewalt im Sport unterstreichen, womit wir auch unseren Beitrag zur (sport-)politischen Diskussion in Deutschland leisten wollen. Denn uns ist bewusst, dass der Sport eine gesellschaftspolitische Verpflichtung zur Auseinandersetzung mit seiner Geschichte hat.
Wenn es um das Schicksal jüdischer Mitglieder des SV Werder Bremen geht, dann spielt immer wieder Alfred Ries eine zentrale Rolle. Als bedeutende Persönlichkeit, deren Strahlkraft weit über die Grenzen Bremens hinausreichte, nimmt er in unserer Vereinsgeschichte zweifellos einen besonderen Platz ein.
Alfred Ries trat bereits als Kind dem SV Werder bei. 1923 wurde er zum ersten Mal zum Vorsitzenden gewählt. 1931 stellte er sich für dieses Amt nicht mehr zur Wiederwahl, zwei Jahre später verließ er seine Heimatstadt Bremen nicht zuletzt infolge antisemitischer Anfeindungen. Über München und Marienbad gelangte er nach Jugoslawien, wo er die Zeit des Nationalsozialismus überlebte. Später kehrte er nach Bremen zurück, um von 1947 bis 1951 und noch einmal von 1963 bis zu seinem Tod 1967 erneut den SV Werder zu führen. In seine Zeit als Präsident fiel somit neben dem Wiederaufbau des Vereins nach dem Krieg und der Gründung der Fußball-Bundesliga 1963 mit Werder-Beteiligung sowie dem Gewinn des ersten deutschen Meistertitels 1965 auch der Bau des Vorläufers des heutigen wohninvest WESERSTADION.
Mir war es eine besondere Freude, dass wir im August 2018 auf der Westseite des Stadions den Alfred-Ries-Platz eingeweiht haben. Für alle sichtbar wird nun dort nachdrücklich und dauerhaft an sein großartiges Wirken für den SV Werder Bremen erinnert. Alfred Ries hat während seiner Amtszeiten als Präsident und auch darüber hinaus für Vielfalt, Toleranz und Respekt gekämpft. Wir sind dazu angehalten, sein Vermächtnis weiterzuführen. Auch Alfred Ries ist es zu verdanken, dass der SV Werder Bremen heute ein menschlicher und weltoffener Verein ist, der sich deutlich für Toleranz sowie kulturelle Vielfalt und gegen Diskriminierung, Homophobie und Antisemitismus positioniert.
Wir dürfen für uns in Anspruch nehmen, einst als einer der ersten Fußball-Bundesligavereine mit der Aufarbeitung unserer Vergangenheit in der Zeit von 1933 bis 1945 begonnen zu haben. Gleichwohl sind wir dankbar für jeden Beitrag, der sich noch tiefer als bisher geschehen mit der Geschichte des SV Werder Bremen und insbesondere – wie in diesem Buch – mit der Zeit von 1933 bis 1945 befasst und neue, noch detailliertere Forschungsergebnisse zutage bringt. Zu Recht nimmt dabei das Leben und Wirken von Alfred Ries einen großen Raum ein und steht im Mittelpunkt. Doch genauso berechtigt ist es, dass sich die fachkundigen Ausführungen der Autorinnen und Autoren nicht auf ihn beschränken, sondern dass auch die Geschichten weiterer jüdischer Werder-Mitglieder anschaulich erzählt werden.
Hier kommen ausgewiesene Fachleute zu Wort. Dafür sage ich Ihnen im Namen des SV Werder Bremen herzlichen Dank und wünsche allen Leserinnen und Lesern eine spannende und interessante Lektüre dieses Werkes.

Dr. Hubertus Hess-Grunewald
Präsident des Sport-Verein „Werder“ von 1899 e. V. Geschäftsführer Organisation & Sport der SV Werder Bremen GmbH & Co KG aA

Der SV Werder von der Gründung bis 1945
Ein Abriss der Vereinsgeschichte mit Augenmerk auf der Zeit ab 1933
von Lukas Bracht
Einleitung

„Die […] großen politischen Umwälzungen in Deutschland sind von uns besonders freudig begrüßt worden. Der S.V. Werder hat seit seiner Gründung stets den nationalen Gedanken vertreten und nicht erst jetzt nach der Umwälzung sein nationales Herz entdeckt. […] Wir brauchen daher nicht die Fahne nach dem Winde zu drehen, sondern treten aus innerer Überzeugung an die große Aufgabe, die uns durch die neue Regierung auferlegt worden ist. […] Wir erwarten von unseren Mitgliedern, daß sie sich restlos in den Dienst dieser guten Sache stellen. Wir müssen als Werderaner auch hier an der ersten Stelle stehen.“1
Diese Äußerung des damaligen Werder-Vorsitzenden Bernhard Stake aus dem April 1933 sowie ähnliche Aussagen in der seit 1911 herausgegebenen Mitgliederzeitung, den Vereinsnachrichten (VN), erzeugen das Bild eines Vereins, der sich gegenüber den damals neuen nationalsozialistischen Machthabern äußerst anpassungswillig zeigte. Der Historiker Nils Havemann erklärte den SV Werder aus diesem Grund sogar zu einem „NS-Vorzeigeverein“2.
In diesem Beitrag wird die Rolle des Sport-Vereins Werder von 1899 (im Folgenden: SV Werder) vor allem zu Beginn des Dritten Reichs untersucht. Im Speziellen geht es darum, wie schnell sich der Verein an die nationalsozialistischen Machthaber und deren Ideologie angepasst hat und ob diese Anpassung in vorauseilendem Gehorsam oder eher als im Sinne des Vereinserhalts unvermeidbare Reaktion auf die neuen Verhältnisse geschah. Dazu werden verschiedene Bereiche des Vereinslebens wie Versammlungen, Veranstaltungen, die Mitgliederzeitung und die Rolle des „Führerprinzips“ und der „Vereinsführer“ beleuchtet. Zudem wird auf den „Arierparagrafen“ in der Vereinssatzung und den Ausschluss jüdischer Mitglieder bei Werder eingegangen.
Der Text bietet dabei zunächst einen kurzen Abriss der Vereinsgeschichte von Werder zwischen 1899 und 1933. Im Hauptteil wird dann die Anpassung des SV Werder an die politischen Veränderungen nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten anhand von verschiedenen Quellen zur Vereinsgeschichte untersucht. Der Untersuchungszeitraum dieser Arbeit ist dabei auf die Phase zwischen 1933 und 1936 begrenzt. In jenen Jahren genossen Sportvereine im Deutschen Reich noch einen gewissen Spielraum in der Gestaltung des Vereinslebens. Nach den Olympischen Spielen 1936 in Berlin wurde diese Freiheit mehr und mehr eingegrenzt und war spätestens ab 1940 marginalisiert.
Forschungsstand und Quellenlage

Für die Beschäftigung mit der Vereinshistorie Werder Bremens findet man in der Chronik zum 90-jährigen Vereinsjubiläum eine gute Basis vor.3 Darin bieten die Autoren Wallenhorst und Klingebiel sowie Letzterer auch mit seinen weiteren Publikationen4 einen sehr vielschichtigen und durchaus kritischen Einblick. Im WUSEUM ist darüber hinaus eine Darstellung der mittlerweile 120-jährigen Vereinshistorie inklusive einer Dauerausstellung zu jüdischen Sportlern bei Werder Bremen zu besichtigen.
Der vorliegende Aufsatz basiert jedoch weniger auf Sekundärliteratur als vielmehr auf einer Untersuchung verschiedener Quellen zur Geschichte des SV Werder während des Dritten Reichs. Durch die Zerstörung der Geschäftsstelle des Vereins am 18./19. August 1944 ist ein großer Teil der vereinsinternen Akten allerdings leider nicht mehr verfügbar. Protokollbücher, Mitgliederverzeichnisse und Unterlagen zur internen Kommunikation hätten einen Einblick in den Vereinsalltag erleichtert. Die vorliegende Arbeit bedient sich daher im Wesentlichen an staatlichen Standorten gelagerter Akten. Das Vereinsregister (VR) am Amtsgericht Bremen (AGB) beinhaltet die Vereinssatzungen, Protokolle von Mitglieder- und Generalversammlungen sowie die Korrespondenz des Vereins mit dem Amtsgericht. Darüber hinaus liefern die Entnazifizierungsakten von Vereinsfunktionären und die Wiedergutmachungsakten von jüdischen Mitgliedern Informationen rund um verschiedene damalige Vereinsmitglieder. Die bedeutendste Quelle stellen allerdings die Vereinsnachrichten (VN) aus dem Vereinsarchiv des SV Werder Bremen (VAWB) dar, da diese sowohl Einblicke in das Vereinsleben ermöglichen als auch Rückschlüsse auf die Außendarstellung und Mitgliederbindung des Vereins zulassen.
Bei allen untersuchten Quellen (mit Ausnahme der Entnazifizierungs- und Wiedergutmachungsakten) muss bedacht werden, dass es sich hier nicht um interne Dokumente handelte, sondern auch immer mindestens ein beschränkter Kreis an Externen Einblick hatte. Bei den Vereinsnachrichten erscheint dies leicht nachvollziehbar. Doch auch die Protokolle von satzungsändernden Versammlungen mussten an das Amtsgericht geschickt werden, was eine Kontrollmöglichkeit der Vereine durch die Behörden deutlich macht. Es muss in der kritischen Analyse berücksichtigt werden, dass die untersuchten Dokumente in diesem Wissen verfasst wurden. Daher ist immer eine gewisse Vorsicht vor voreiligen Rückschlüssen geboten, denn es kann nicht mit absoluter Sicherheit gesagt werden, ob Versammlungen tatsächlich so abliefen wie in den Protokollen niedergeschrieben und ob der Vereinsalltag tatsächlich in der Art und Weise stattfand, wie es in den Vereinsnachrichten dargestellt wurde.
Neben der Auswertung der Primärquellen und Sekundärliteratur sind zudem die Ergebnisse früherer akademischer Ausarbeitungen des Autors in diese Arbeit eingegangen.5
Werder im Kaiserreich (1899–1918)

Nachdem der Fußball bereits in den 1870er Jahren aus England nach Deutschland gekommen war, begann das Spiel mit dem runden Leder hierzulande vor allem ab ca. der 20. Jahrhundertwende mit einer zunehmenden Zahl an Vereinsgründungen allmählich Fuß zu fassen. Der Durchbruch sollte ihm während des wilhelminischen Kaiserreichs in Deutschland allerdings noch nicht gelingen. Bis in die frühen Jahre der Weimarer Republik mussten die Kicker um Anerkennung kämpfen. Das Turnen der „Turnvater Jahn“-Bewegung war die favorisierte Sportart und Fußball aus ästhetischen Gründen als „Fußlümmelei“ verpönt.6

Ausschnitt aus der ersten schriftlich überlieferten, auf der Generalversammlung am 12. März 1912 genehmigten Satzung mit dem „heiklen“ Gründungsdatum (Quelle: Vereinsregister Amtsgericht Bremen, 173, Nr. 4)
Der „Fußball-Verein Werder“ (im Folgenden: FV Werder) wurde 1899 von Schülern der Realschule C. W. Debbe gegründet, wobei das exakte Datum ein wenig strittig ist: Einige frühere Satzungen (namentlich die von 1912, 1931, 1932 und 1933) nennen den 1. Februar, laut den meisten anderen Quellen inklusive der offiziellen Vereinsdarstellung trug sich das historische Ereignis jedoch erst drei Tage später zu, am 4. Februar.7
Keinen Zweifel indes gibt es daran, dass die Mitgliederzahl bereits bis Sommer 1899 auf vierzig bis fünfzig anwuchs.8 In den ersten Jahren war man vorwiegend mit dem Aufbau von Vereinsstrukturen beschäftigt. Dies schloss bezüglich der Spielstätte mehrmalige Umzüge ein, vom „Kuhhirten“ auf dem Stadtwerder ging es auf das Neuenlander Feld und weiter auf die Huckelriede. 1913 wurde mit dem Bau einer Tribüne an der Huckelriede begonnen, die allerdings im November 1916 durch starken Wind zerstört wurde. Die Werderaner durften daraufhin größere Veranstaltungen vorübergehend auf dem Tribünenplatz ihres Stadtrivalen BSC am Peterswerder durchführen.
Im FV Werder stand neben dem Sport auch die Geselligkeit und Freundschaft der Mitglieder im Vordergrund. In Rückblicken wurde oft an „feuchtfröhliche“9 Bierabende in den Anfangsjahren des Vereins erinnert. In sportlicher Hinsicht war der FV Werder derweil seit seiner Gründung einer der besten Bremer Vereine, auch bedingt durch den Beitritt einiger spielstarker Kicker aus den Niederlanden und aus Großbritannien.10 Die Erfolge bestanden in Bremer Stadtmeisterschaften sowie dem Aufstieg als erster Bremer Verein in die höchste Spielklasse des Norddeutschen Fußball-Verbands (NFV) im Jahr 1913.
Größter Rivale in jenen Jahren war der Bremer Sport-Club (BSC). Die Rivalität dieser beiden Mannschaften wurde in den Bremer Zeitungen mitunter zum Duell „Links der Weser“ (BSC) gegen „Rechts der Weser“ (FV Werder) stilisiert. Dies galt allerdings allenfalls für die jeweiligen Spielstätten, denn die Wohnorte auch der Werderaner lagen in jenen Jahren bereits zu einem erheblichen Teil in Stadtteilen „links der Weser“.11 Die Zahl der Mitglieder im FV Werder stieg bis 1912 moderat auf etwa 200, um dann bis Anfang 1914 auf 310 anzuwachsen.12
So nahm der Verein dann auch nicht von ungefähr bereits frühzeitig für sich in Anspruch, in der Entwicklung des Bremer Fußballs eine Vorreiterrolle eingenommen und zu dessen wachsender Akzeptanz und Beliebtheit in der Hansestadt maßgeblich beigetragen zu haben:
„Seit jenen längst vergangenen Tagen haben wir unter den Bremer Fußball-Vereinen in gesellschaftlicher Beziehung stets den ersten Platz eingenommen, und auch in sportlicher Hinsicht durchweg in dominierender Stellung gestanden. Wir dürfen für uns das Verdienst in Anspruch nehmen, den Fußballsport hier in Bremen in erster Linie gefördert zu haben, und zwar dadurch, daß wir das große Publikum durch häufige Veranstaltung von Wettspielen gegen spielstarke Vereine aus allen Gegenden des Reiches und auch des Auslandes, auf unseren Sport aufmerksam machten, und auf diese Weise dazu beitrugen, den Sportgedanken in die breiten Schichten der bremischen Bevölkerung hineinzutragen.“13
Dass diese forsche Selbsteinschätzung dabei keineswegs übertriebenes Eigenlob war, sah auch der NFV so, der dem Verein mit Blick auf die Förderung des lokalen wie regionalen Fußballs ebenfalls „einen bedeutenden und hervorragenden Anteil“14 attestierte.
Der Erste Weltkrieg wurde dann sowohl finanziell als auch personell eine herausfordernde Zeit für den FV Werder. Im August 1916 waren 158 von 300 Mitgliedern im Kriegsdienst15, darunter auch die jüdischen Mitglieder Alfred Ries sowie Arthur und Herbert Rosenthal. 53 Werderaner fielen im Ersten Weltkrieg.16 Mitgliedsbeiträge fielen ab 1914 zu erheblichen Teilen weg, Einnahmen von inserierenden Unternehmen in den VN sanken und Sportveranstaltungen wie die früher durchgeführten Stiftungsfeste waren während des Krieges keine substanzielle Einnahmequelle mehr. Der Verein finanzierte sich über außerordentliche Spenden und Stiftungen („Kriegsspenden“, „Offiziersspenden“) sowie die Tatkraft seiner Mitglieder. Viele von ihnen sandten auch Grußkarten von ihren Kriegseinsätzen, die in den VN abgedruckt wurden. Auf diesem Wege konnten Mitglieder und Verein sowie die Werderaner untereinander in Kontakt bleiben.
Diese Feldpostbriefe geben heute noch wertvolle Aufschlüsse über das Frontleben – auch in Bezug auf den Fußball: Vor allem die an der Ostfront kämpfenden Werder-Mitglieder berichteten von dortigen Fußballspielen zwischen verschiedenen Regimentern und Bataillonen.17 Nach dem Ersten Weltkrieg sollten von der Front bzw. aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrende Soldaten einen erheblichen Multiplikator-Effekt auf die Verbreitung des Fußballs in Deutschland haben.18
Politische Einordnung des Vereins
Der FV Werder war seit seiner Gründung ein Sportverein im bürgerlichen Milieu. Die erste Vereinssatzung forderte von Neu-Mitgliedern „höhere Schulbildung“19 für einen Beitritt. Mit dieser Klausel hoben sich die Gründer bewusst von einem Großteil der damaligen gesellschaftlichen Schichten ab und schufen die Grundlage für eine bürgerlich-konservative Prägung des Vereins.

Beim SV Werder gab man sich elitär und unterließ es in der Satzung von 1912 dann auch gleich, etwas näher zu erläutern, was zu den „ganz besonderen Fällen“ einer Ausnahme hätte zählen können (Quelle: Vereinsregister Amtsgericht Bremen, 173, Nr. 4)
Dieses Merkmal zeigte sich auch im Vereinsleben: Bierabende wurden als „Kommerse“20 bezeichnet, und Vereinspublikationen aus jener Zeit suggerieren einen Vereinsalltag ähnlich dem einer Studentenverbindung. So wurde das alljährliche Vereinsjubiläum „nicht in Form eines Ball-Abends, wie dieses bei fast sämtlichen hiesigen Fussball-Vereinen üblich ist, sondern durch einen Kommers mit Abendtafel“21 gefeiert. Dies kann als ein Hinweis auf das Selbstverständnis der Vereinsmitglieder als Teil der bürgerlichen Bildungsschicht gedeutet werden. Explizit politische Äußerungen konnten in den VN in den Jahren bis 1918 nicht nachgewiesen werden.
Werder in der Weimarer Republik (1919–1933)

Nach dem Ersten Weltkrieg setzte in Deutschland die Entwicklung des Fußballs zu einem Massenphänomen ein. Die Mitgliederzahlen in den Sportvereinen und die Zuschauerzahlen bei Sportveranstaltungen stiegen ab Beginn der Weimarer Republik rasant an.22 Die Ursachen hierfür lagen unter anderem in der Einführung der für die Arbeiterschaft erstmals ein nennenswertes Reservoir an buchstäblicher „Freizeit“ bringenden 48-Stunden-Woche, der politischen Emanzipation der Frauen, der Etablierung neuer Sportarten und der veränderten Rolle von Sport in der Gesellschaft.
Bei Werder verdoppelte sich die Mitgliederzahl zwischen Mai 1919 und April 1921 nahezu, von 559 auf 1.065. Dazu trug auch die Gründung einer Damenabteilung im Dezember 1919 bei, in die im Verlauf des Jahres 1920 bereits 66 Mitglieder eintraten. Der Verein teilte diesbezüglich mit, dass man mit der Aufnahme von Frauen „einem vielseitigen Wunsche und dem Zuge der Zeit gefolgt“23 sei. Zulauf von Jugendlichen bekamen Sportvereine in Deutschland derweil nicht zuletzt in Folge der sich nach dem Ersten Weltkrieg verändernden Rolle von Sport in der hiesigen Gesellschaft. Nach dem Wegfall der Wehrpflicht aufgrund des Versailler Vertrags wurde die Aufgabe der körperlichen Ertüchtigung der Jugend zunehmend von Sportvereinen in Form von Wehrsport adressiert. Sie entwickelten so ihre Rolle vom reinen Anbieter von Freizeitsport zu einem wesentlichen Bestandteil der körperlichen (Wehr-)Ausbildung in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Allein in den Jahren 1919 und 1920 wuchs Werder auch deshalb um insgesamt 315 jugendliche Mitglieder.
Ein weiterer Faktor für das Wachstum des Vereins war der Ausbau des allgemeinen sportlichen Angebots. Vor 1919 gab es bei Werder lediglich eine Fußballabteilung. Im Laufe der 1920er Jahre kamen immer mehr Abteilungen hinzu: Kegeln und Schach (1919), Tennis, Billard und Cricket (alle 1920) sowie Rugby (1924), Handball und Leichtathletik (ab 1928).24 Sinnbildlich für diese Neuausrichtung war die Umbenennung von „Fußball-Verein ‚Werder‘“ in „Sport-Verein ‚Werder‘“ im Januar 1920.25 Die Fußballabteilung stellte jedoch ungebrochen den Großteil an Mitgliedern. Im Jahr 1921 war mit den genannten 1.065 allerdings auch bereits der Zenit der Mitgliederentwicklung bei Werder vor 1945 erreicht, bis Januar 1932 sollte der Mitgliederstand in wirtschaftlich teils schwierigen Jahren mit Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise auf nur noch 407 sinken.
Derweil stiegen in der Weimarer Republik wie erwähnt die Zuschauerzahlen bei Sportgroßveranstaltungen deutlich an. Zum Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1920 kamen 35.000 Menschen auf den Germania-Platz in Frankfurt am Main, drei Jahre später waren es beim DM-Finale im Berliner Grunewaldstadion schon 64.000 Besucher.26 Auch der SV Werder verbuchte bei Auftritten seiner 1. Mannschaft einen merklichen Zuwachs, selbst wenn die Zahlen geringer waren als beispielsweise in Hamburg.27 Für durchschnittliche Ligaspiele der Grün-Weißen lagen die Angaben zumeist im niedrigen vierstelligen Bereich, zu wichtigen Partien oder Derbys kamen allerdings bereits im Jahr 1920 bisweilen 5.000 oder mehr Zuschauer.28 Um dem steigenden Interesse gerecht zu werden, wurden in den 1920er Jahren in vielen Städten Stadien aus- oder neugebaut, so z. B. das Städtische Stadion in Nürnberg (später Franken-, heute Max-Morlock-Stadion) oder der Sportpark Müngersdorf in Köln. Auch Werder beschäftigte sich mit dem Ausbau seiner Sportstätte, trug letztlich jedoch erst ab 1930 seine Heimspiele im Weserstadion aus (zunächst pachtweise)29, das bereits zu diesem Zeitpunkt 40.000 Menschen Platz bot.
Politische Einordnung des Vereins
Während der Weimarer Republik gab es in ganz Deutschland bürgerliche, konfessionelle und sozio-politische Sportverbände. Der SV Werder war Mitglied im bürgerlichen DFB, dem standen in Bremen der Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATBS), die Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit („Rotsport“) und – allerdings erst nach 1933 – jüdische Vereine wie die Sportgruppe Schild und der JTSV Bar Kochba gegenüber. Dabei waren die Zugehörigkeiten nicht zwingend bzw. unweigerlich exkludierend, sondern – wie die Geschichte von Werder zeigt – beispielsweise jüdische Sportler durchaus auch Mitglieder in bürgerlichen Vereinen. Die Mitgliedschaft in einem bestimmten Sportverein konnte aber dennoch auch betonter Ausdruck sozialer, politischer oder konfessioneller Zugehörigkeit sein.
Laut der Vereinssatzung des SV Werder aus dem Jahr 1932, die zwar aufgrund eines Formfehlers nie Rechtsgültigkeit erlangte, zuvor aber von den Mitgliedern ratifiziert worden war und neben einer nahezu identischen, ebenfalls nicht offiziell in Kraft getretenen Fassung aus dem Jahr 1931 die erste von ihm bekannte aus Weimarer Zeit darstellt, war „jede politische Betätigung innerhalb des Vereins […] verboten“30. Ob dieses Verbot erst mit dieser Satzung eingeführt wurde oder bereits früher in Kraft war, lässt sich anhand der vorliegenden Quellen nicht beantworten. Die Geschehnisse rund um die Bremer Räterepublik im Januar 1919 sind in diesem Kontext jedoch auffallend: So vermeldete der Verein in der VN-Ausgabe vom März 1919, dass „bei der Säuberung Bremens von den Spartakisten […] eine Anzahl unserer Mitglieder im Freikorps Caspari“ beteiligt gewesen und Werder-Mitglied Arthur Rosenthal gar verwundet worden sei31, und in der folgenden VN-Ausgabe wurden die Werder-Mitglieder aufgefordert, sich der Bremer Stadtwehr anzuschließen.32 Hier offenbart sich also eine der wenigen öffentlich präsentierten politischen Aktionen des Vereins zwischen 1919 und 1933.
Darüber hinaus war der SV Werder während der Weimarer Zeit auch Mitglied im Verband bremischer Bürgervereine, einer politisch liberal ausgerichteten Vereinigung.33 Allerdings sind aus den untersuchten Dokumenten ab dem Jahr 1920 keine öffentlichen Eingriffe dieses Verbands ins aktuelle politische Geschehen ersichtlich.

Im Nachklang der Bremer Räterepublik war die später satzungsgemäß vorgeschriebene politische Abstinenz bei Werder noch nicht das Gebot der Stunde (Quelle: Werder-Vereinsarchiv)
Werder in der NS-Zeit (1933–1945)

Seit seiner Gründung war Werder ein Sportverein im bildungsbürgerlichen Milieu und zur Zeit der Weimarer Republik Mitglied im DFB, dem bürgerlichen deutschen Fußballverband. Innerhalb des Spektrums der verschiedenen Sportverbände lässt sich dem Verein daher, ohne viel Widerspruch zu ernten, eine bürgerlich-konservative Ausrichtung unterstellen. Dennoch scheint der politische Diskurs im Vereinsalltag bis 1933 keine allzu große Rolle gespielt zu haben. Umso überraschender erscheint die unmittelbare und eindeutige Positionierung wie Außendarstellung des Vereins in den ersten Jahren des Dritten Reichs.
In diesem Kapitel wird die Anpassung des SV Werder an die neuen politischen Gegebenheiten zwischen 1933 und 1936 untersucht. Zentrale Kriterien dabei sind die Entdemokratisierung von Vereinsstrukturen („Führerprinzip“, „Vereinsführer“), die Politisierung und Ideologisierung des Vereinslebens (Versammlungen, Veranstaltungen, Sprachgebrauch in den VN, Wehr- und Volkssport, „Dietwesen“) und der Ausschluss von jüdischen Mitgliedern aus dem Verein („Arierparagraf“).

Vereinsentwicklung
Der SV Werder erlebte in den Jahren nach der „Machtergreifung“ einen erheblichen sportlichen Aufschwung. Bis 1933 hatte es lediglich zu Siegen auf lokaler bis regionaler Ebene gereicht, nun konnte bereits in der Saison 1933/34 mit der Meisterschaft in der neu gebildeten Gauliga VIII (Niedersachsen) der erste überregionale Titel und damit der bis dahin größte Erfolg der Vereinsgeschichte gefeiert werden. Dadurch waren die Werderaner erstmals auch in der Endrunde um die deutsche Fußballmeisterschaft vertreten, wo man sich in der Vorrunde unter anderem gegen Schalke 04 achtbar schlug, aber letztlich als Gruppendritter vorzeitig die Segel streichen musste. In den folgenden Jahren belegten die Grün-Weißen in der Liga stets einen der vorderen Plätze und sollten letztlich mit insgesamt vier Titeln Rekordmeister der Gauliga VIII werden.34
In finanzieller Hinsicht bewirkte derweil ein substanzieller Schuldenerlass von 75 % im Jahr 193335 eine nachhaltige Entlastung der Vereinskasse, deren Stand während der Weimarer Republik analog zur wirtschaftlichen Lage in starkem Maße Schwankungen unterworfen gewesen war.
Die schlagartig verbesserte finanzielle Situation sowie die ebenso umgehend einsetzenden sportlichen Erfolge legen einen positiven Einfluss der sich zur gleichen Zeit vollziehenden politischen Veränderungen nahe. Als Mitglied des bürgerlichen Sportverbandes DFB brauchte der SV Werder zudem ein Verbot nicht zu fürchten, im Gegensatz zu den Vereinen der Arbeitersportverbände, die bereits mit der „Reichstagsbrandverordnung“ im Februar 1933 aufgelöst wurden, und den kirchlichen Sportverbänden, deren Ende im Rahmen der weiteren Gleichschaltung der Sportorganisationen 1935 kam.36
Trotz der Konkurrenz durch die nationalsozialistischen Jugendorganisationen und entgegen dem allgemeinen Trend in deutschen Turn- und Sportvereinen zu jener Zeit37 stiegen die Mitgliederzahlen bei Werder zwischen Januar 1934 und Dezember 1936 erheblich an, von 391 auf 822. Dies zeugt von einer gewissen Attraktivität des Vereins für bestehende wie für neue Anhänger. Dabei ist Werders gestiegene Mitgliederzahl ab 1933 bis zu einem gewissen Punkt mit Sicherheit den sportlichen Erfolgen der Gauligamannschaft zuzuschreiben. Die positive Entwicklung legt aber zugleich nahe, dass der politische wie gesellschaftliche Kurs des Vereins auch auf Zustimmung in der Mitgliederschaft getroffen und von dieser wenigstens zu einem erheblichen Teil mitgetragen worden sein muss – aus einem Sportverein, dessen Philosophie den eigenen Grundsätzen zuwiderläuft, hätte man schließlich auch damals ohne Weiteres austreten können. Werders betont im Einklang mit der Ideologie der neuen Machthaber stehende Ausrichtung wurde also nicht nur von den maßgebenden Entscheidungsträgern im Verein beeinflusst, sondern wird die Akzeptanz der breiten Basis widergespiegelt haben.
Allerdings: Vor allem bürgerliche Vereine, die finanziell von den politischen Veränderungen profitiert hatten, wollten die angenehmen Begleiterscheinungen durch die neuen Machthaber natürlich nicht missen.38 Es ist somit zugleich davon auszugehen, dass die Vereinsführung von Werder die finanzielle Entlastung unmittelbar nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und den damit einhergehenden sportlichen Aufschwung einfach mit allen Mitteln sichern wollte und sich auch deshalb betont „auf Linie“ präsentierte.

Entdemokratisierung der Vereinsstrukturen
Das wesentlichste Element der Entdemokratisierung der Vereine war deren Selbstgleichschaltung durch die Einführung des „Führerprinzips“ in der inneren Organisation. Die Strukturen, Prozesse und Befugnisse innerhalb der Verwaltung und Leitung eines Vereins wurden damit stark vereinfacht und zentralisiert – zugunsten des neuen „Vereinsführers“ und zuungunsten der Mitgliederversammlung. Der Vereinsführer wurde zwar noch von den Vereinsmitgliedern gewählt, konnte dann jedoch seine Mitarbeiter im Vorstand ernennen und entlassen, ohne dabei auf weitere Zustimmung angewiesen zu sein.39
Die Anwendung des Führerprinzips in den Sportvereinen bündelte somit die zuvor verteilten Befugnisse in der Person eines Einzelnen, womit eine gravierende Einschränkung der Rechte der General- bzw. der Mitgliederversammlungen verbunden war. Der Historiker Klaus Vieweg bezeichnet dann auch die Ersetzung des Mehrheitsprinzips „durch den Führergrundsatz und die Besetzung der Führerposten mit nationalsozialistischen Persönlichkeiten als das vielleicht […] wesentlichste Mittel der Gleichschaltung der Vereine und Verbände“40.
Die Einführung des Führerprinzips bei Werder
Der SV Werder zeigte sich in der Implementierung des Führerprinzips sehr proaktiv, ja geradezu enthusiastisch. Zwar wurde es letztlich erst im Oktober 1933 offiziell in der Vereinssatzung verankert41, doch bereits zuvor waren bis dahin im Verein geltende demokratische Prinzipien abgewickelt und die Meinungsvielfalt unterbunden worden, als im Mai 1933 Bernhard Stake ohne jegliche satzungsgemäße Grundlage zum fortan allein die Geschicke der Grün-Weißen bestimmenden Vereinsführer deklariert wurde und seinen künftigen Mitarbeiterkreis ohne Einbindung der Mitgliederversammlung selbst benannte.42 Mit Inkrafttreten der Satzung vom 9. Oktober 1933 lag die Leitung des SV Werder dann endgültig nahezu ausschließlich in der Verantwortung des (immerhin noch jährlich zu wählenden) jeweiligen Vereinsführers.
Werders Vereinsführer von 1933 bis 1938
Deren erster war besagter Bernhard „Peter“ Stake (Jahrgang 1893), der bereits verschiedene Ämter im Verein bekleidet hatte, bevor er im Januar 1931 zum Nachfolger von Alfred Ries als Vereinsvorsitzender gewählt worden war und schließlich in der Generalversammlung am 14. Mai 1933 spontan und „einstimmig zum neuen Vereinsführer bestellt“43 wurde. Stake, seit 1932 mit einem Malerbetrieb selbstständig und neben dem SV Werder in einigen weiteren Bremer Sportvereinen aktiv (Rugby-Verein, Ruder-Verein), war ab 1933 Mitglied im „Stahlhelm“ und wurde nach dessen Eingliederung in die SA im Jahre 1934 auch dort als Mitglied geführt. Zwar trat er in der ersten Jahreshälfte 1935 „freiwillig“44 aus der SA-Reserve aus, war dafür dann aber ab 1937 NSDAP-Parteimitglied, da ihm „von dem Obmann meines Betriebes der Eintritt in die Partei nahegelegt wurde“45.
In Stakes Entnazifizierungsakte finden sich mehrere Entlastungsschreiben zu seinen Gunsten – unter anderem von den jüdischen Vereinsmitgliedern Theodor Eggert und Alfred Ries. So beschreibt Eggert, wie Stake ihn und seine Familie während der NS-Zeit unterstützt habe, derweil Ries Stake als „anständigen Kerl“ bezeichnet, der „seiner guten Gesinnung charaktervoll treu geblieben [sei], was man in der damaligen Zeit nur von wenigen Menschen beobachten konnte“46. Allzu lange währte Stakes Zeit als Vereinsführer indes nicht: Bereits auf der Mitgliederversammlung am 9. Oktober 1933 stellte er sein Amt wegen „geschäftlicher Inanspruchnahme“47 wieder zur Verfügung.
Auf ihn folgte Willy Stöver (1900–1951), der nun von Oktober 1933 bis Mai 1937 das Amt des Vereinsführers bei Werder bekleidete. Stöver war jahrelang bei der Norddeutschen Lloyd in Bremen angestellt, bevor er 1939 als Verpflegungsoffizier in das Ersatzverpflegungsmagazin Bremen II eingezogen wurde. Mit dem Dienstantritt in der Wehrmacht ruhte fortan seine seit 1933 bestehende Mitgliedschaft im Nationalsozialistischen Fliegerkorps (NSFK) bzw. in dessen Vorgängerorganisationen (seit 1938 als Freiballon- und Obertruppführer) einstweilen ebenso wie die in der Deutschen Arbeitsfront (DAF) sowie in der NSDAP48, wo er 1936 bzw. 1937 eingetreten war.

Willy Stöver (links) zusammen mit Vereinskollege Hermann Werries am 14. Mai 1938 auf der Tribüne des Berliner Olympiastadions beim 3:6 der DFB-Elf im Länderspiel gegen England (Quelle: Werder-Vereinsarchiv)
Nach dem Krieg gab Stöver in seinem Antrag auf Weiterführung seines Berufs zu Protokoll, dass von ihm als langjährigem Mitarbeiter des Landesverkehrsverbandes Unterweser und Jade e. V. nach dessen Übernahme durch den Reichsfremdenverkehrsverband der Eintritt in die Partei gefordert worden sei, und erklärte, er sei der NSDAP beigetreten, „um Weiterungen aus dem Wege zu gehen und keine finanziellen Ausfälle zu haben“49. Bekannte beschrieben Stöver als „guten Kamerad und fairen Sportsmann“50 und attestierten ihm, dass er sich nicht politisch betätigt und „die Judenverfolgung der Nationalsozialisten stets abgelehnt“51 habe. Seine Einstellung gegenüber den damaligen Machthabern sei stets anders gewesen, „als sie hätte als Mitglied der NSDAP sein sollen“52. Stövers Gesuch wurde im August 1946 zwar zunächst abgelehnt, das Entnazifizierungsverfahren gegen ihn im April 1948 aber schließlich eingestellt.
Im SV Werder war Stöver seit 1925 Mitglied und amtierte neben seiner Funktion als Vereinsführer auch noch 1937 als 2. Vorsitzender sowie 1938 als Vorsitzender der Ortsgruppe Bremen des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen (DRL). Als von ihm in der Vereinsarbeit übernommene Aufgaben nannte Stöver in seinem Entnazifizierungsverfahren mit Blick auf den SV Werder „schriftstellerische Betätigung und Ansprachen“. Er habe in den Vereinszeitungen „kleinere sportliche Ausführungen veröffentlicht“ sowie in Versammlungen des Vereins „kleine Reden über Sport und notwendige Erklärungen gehalten“53.
Die Protokolle der Mitglieder- und Generalversammlungen sowie die untersuchten VN-Ausgaben sprechen indes zumindest hinsichtlich Stövers Wirkens beim SV Werder eine andere Sprache. Bereits in seiner 30-minütigen programmatischen Rede anlässlich der erstmaligen Wahl zum Vereinsführer im Oktober 1933 kündigte er mit Bezug auf die weitreichenden Befugnisse seines Amtes an, „von meinem Recht gegebenenfalls rücksichtslos Gebrauch [zu] machen“54, um eine vollständige Unterordnung der Mitglieder unter die Richtlinien der Vereinsführung durchzusetzen. Der SV Werder sei ein Kreis von Menschen mit gleicher Gesinnung. Daher habe man – so hieß es von ihm einige Monate später – „die Pflicht und die Schuldigkeit, in unserer Gemeinschaft mit einheitlichem Willen der nationalsozialistischen Ideenrichtung zu folgen“55. Und zufrieden konstatierte er, dass der Parlamentarismus ein Ende habe: „Die gründliche Reinigung des deutschen Hauses von schweren Fäulniserscheinungen ist […] in unserem Vaterlande durchgeführt. Wir sind jetzt wieder frei und brauchen uns nicht mehr von jenen liberalistischen Kreisen führen lassen, die noch vor einem Jahr glaubten, die Geschicke eines bis dahin in sich zusammengefallenen Deutschland zu lenken.“56
In den Nachkriegsjahren war Willy Stöver weiterhin bei Werder aktiv und amtierte von Oktober 1947 bis April 1949 nochmals als 2. Vorsitzender des Vereins. Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50. Vereinsjubiläum am 24. Mai 1949 wurde er zum Ehrenmitglied des Vereins ernannt, im Ältestenrat und im Altherren-Konvent führte er bis zu seinem Tod am 19. Dezember 1951 den Vorsitz.57
Auf Stöver als Vereinsführer folgte im Mai 1937 Adolf Hecht, der bei Werder zuvor Leiter des Leichtathletikausschusses und Kassenprüfer gewesen war. In seiner Funktion als Vereinsführer baute Hecht auf Stövers Vorarbeit auf, trieb das Einigkeitsdogma im Verein voran und schränkte die Meinungsvielfalt weiter ein („Es muß jetzt Schluss sein mit Nörgeleien und eigenen Meinungen“58), um den Sport dem Wohl der „Volksgemeinschaft“ unterzuordnen.59 Da seit 1935 ein neuer Vereinsführer allerdings einer Bestätigung durch den Reichssportführer bedurfte60, musste Hecht zunächst eine „Gesinnungsprüfung“ durch die Gestapo durchlaufen, bevor er seinen Posten antreten konnte.61 Dass dieses Verfahren dann mehrere Monate dauerte, kann dabei kaum als Indiz einer etwaigen Opposition Hechts gegen die politischen Machthaber gewertet werden. Im Gegenteil: Er war bereits im Februar 1931 in die NSDAP eingetreten und wurde in den VN als „alter Kämpfer der Bewegung“62 bezeichnet. Mehrere Belastungszeugen im Entnazifizierungsverfahren attestierten ihm zudem, ein „ganz gemeiner Nazi“ gewesen zu sein63, wobei sich dies primär auf seine berufliche Tätigkeit im Bremer Arbeitsamt bezog.
Dem gegenüber stand Hechts eigene Darstellung, dass er im Februar 1931 zwar zunächst aus Überzeugung in die NSDAP eingetreten, spätestens mit der Niederschlagung des „Röhm-Putsches“ im Sommer 1934 aber ernüchtert gewesen und nur aus Angst vor Jobverlust nicht aus der Partei ausgetreten sei. Neben mehreren belastenden Zeugnissen erhielt Hecht auch ein unterstützendes Schreiben vom gemäß der nationalsozialistischen Rassenideologie als „Halbjude“ geltenden Werder-Mitglied Hans Wolff: Hecht habe ihn während der NS-Zeit unterstützt und nicht aus dem Verein ausgeschlossen, obwohl er über seine Abstammung Bescheid gewusst habe.64
Der Historiker Arthur Heinrich schreibt, dass das „verbreitete […] Selbstverständnis der designierten Vereinsführer von ihrer Stellung im Verein“65 in der Tendenz zur Anpassung an die neuen politischen Gegebenheiten eine wesentliche Rolle gespielt hat. Diese Beobachtung lässt sich am Beispiel SV Werder bestätigen. Willy Stöver und Adolf Hecht waren beide langjährige Vereinsmitglieder, die bis 1933 bei Werder politisch nicht in Erscheinung getreten waren, sich nach der „Machtergreifung“ aber sehr linientreu äußerten und die Gleichschaltung des Vereins nach nationalsozialistischen Ideen durch ihre Art der Vereinsführung und durch ihre Äußerungen in den VN maßgeblich vorantrieben.

Politisierung und Ideologisierung des Vereinslebens
Nachdem Politik im Vereinsalltag des SV Werder seit seiner Gründung nur am Rande relevant gewesen war, betrieb der Verein ab 1933 eine bewusste, grundlegende Politisierung und Ideologisierung seines Vereinslebens: „So kam es, daß im ersten Viertel dieses Jahres [1933, Anm. d. Autors] auch im Werder die politische Wendung stark in den Vordergrund trat. Die großen Umwälzungen in Deutschland wurden überall freudig begrüßt.“66
In den folgenden Abschnitten wird diese neue bzw. zunehmende politische und ideologische Färbung des Vereinslebens untersucht, die sich vor allem in den Mitgliederversammlungen, in den Rahmenerscheinungen bei Sport- wie sonstigen Vereinsveranstaltungen, im nationalsozialistischen Sprachgebrauch in den VN, im Wehr- und Volkssport und im „Dietwesen“ zeigte.
Mitgliederversammlungen
In den Versammlungsprotokollen ab dem Jahr der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ lässt sich eine deutliche, zuvor nicht vorhandene bzw. qua Satzung ja sogar untersagte politisch-ideologische Prägung des Vereinslebens beim SV Werder erkennen. Bereits die Generalversammlung (GV) im Mai 1933 wurde vom nun als Vereinsführer amtierenden Vorsitzenden Bernhard Stake mit einem „mit großer Begeisterung aufgenommenen dreifachen ‚Sieg Heil‘ auf unseren Volkskanzler Adolf Hitler und unser deutsches Vaterland“67 geschlossen.
Auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung im Oktober 1933, auf der unter anderem das Verbot politischer Betätigung im Verein aus der Vereinssatzung gestrichen wurde, waren dann, wie im Protokoll explizit erwähnt wurde, zwei Vertreter der örtlichen Schutzstaffel (SS) anwesend.68 Diese Politisierung der Versammlungen kann man auch an den Eröffnungsansprachen des nunmehrigen Vereinsführers Willy Stöver erkennen. So gab er in der GV 1935 zu Protokoll, dass ihm bei der Ausübung seiner Tätigkeit im Verein „unser Führer Adolf Hitler als Vorbild [diene], der durch strikte Beibehaltung seines geraden Kurses es fertig gebracht habe, Deutschland wieder da hin zu bringen, wo es heute steht“69.
Mit Blick auf die Generalversammlungen sind zudem einige interessante Entwicklungen zu verzeichnen, so z. B. ein sprunghafter Anstieg der Teilnehmerzahlen: Obwohl der SV Werder am 31. Dezember 1933 mit 391 deutlich weniger Mitglieder aufwies als noch 1931 (765) oder 1932 (407), waren zur GV am 9. Oktober 1933 deren 165 erschienen70 (also etwa 40 % der gesamten Mitgliederschaft), im Gegensatz zu beispielsweise lediglich 65 Anwesenden bei der GV am 27. Januar 1931.
Ein ebenso interessantes Phänomen ist die verkürzte Dauer der Veranstaltungen: Während sich die GV 1931 noch zwei Stunden und 40 Minuten hingezogen hatte und die Versammlung vom 1. Februar 1932 wegen Eintritts der Polizeistunde gegen Ende gar vertagt werden musste, wurden die Versammlungen der folgenden Jahre trotz größerer Teilnehmerzahl durchweg in weniger als zwei Stunden durchgeführt.
Vereinsveranstaltungen
Auch die vom Verein organisierten Veranstaltungen standen ab 1933 voll und ganz im Zeichen der nationalsozialistischen Politik und verfolgten sogar ganz explizit nicht mehr nur ihren Selbstzweck, sondern sollten in erster Linie die Unterordnung des Vereins gegenüber der „Volksgemeinschaft“ veranschaulichen und zur Stärkung des nationalen Bewusstseins beitragen.71
Ganz in diesem Sinne veränderte sich bereits der äußere Rahmen von Sportveranstaltungen, die nun von Fahnengruppen, Aufmärschen und dem obligatorischen Hitlergruß vor einem Spiel begleitet wurden.
Vereinsführer Willy Stöver bezeichnete dies als „neuzeitliche Sport-Propaganda“ und schrieb außerdem begeistert davon, „welch ein Fortschritt […] allein schon die symbolische Handlung [sei], wenn vor einem sportlichen Wettkampf Aktive wie Zuschauer ihre Verbundenheit durch den deutschen Gruß zum Ausdruck bringen“.72 Laut Stöver waren Sportveranstaltungen „wieder mehr als eine bloße Schaustellung, da sie jetzt in erster Linie ihrer nationalen Aufgabe“73 dienten, indem sie vaterländisches Empfinden stärkten und Volksbewusstsein erweckten. Aus Freizeitsportveranstaltungen waren politische Events geworden.

Hakenkreuzfahnen auf den Tribünen des Weserstadions – ab 1933 ein gewohntes Bild bei Werder-Spielen (Quelle: Werder-Vereinsarchiv)
Die in ihrer Bedeutung ebenfalls gestiegenen Gedenkveranstaltungen förderten derweil eine Rückbesinnung auf die Vergangenheit Deutschlands. Dies äußerte sich z. B. in den Vereinsfeierlichkeiten zum Totensonntag, die ab 1933 in größerem Format abgehalten wurden. Stöver führte in seiner Einladung zum Gedenktag 1933 aus, dass man „in unserem neuen Deutschland den Glauben an einen lebendigen Gott wiedergefunden“ habe und „aus diesem Glauben heraus […] auch die Achtung vor unseren gefallenen Kameraden wieder wachgerufen“74 worden sei. Bei der Enthüllung eines Ehrenmals am Weserstadion am 13. August 1934 wies er zudem ganz im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie auf die Bedeutung der „Machtergreifung“ für die Rückbesinnung auf die deutsche Vergangenheit hin:
„Wenn wir an dieser Stätte heute ehrfurchtsvoll der großen Kämpfer gedenken, so tun wir dieses mit einem berechtigten Stolz […]; denn erst nach der nationalsozialistischen Revolution im vorigen Jahr sind wir alle voll davon beseelt, daß unsere Kameraden Wegbereiter für die deutsche Zukunft gewesen sind.“75
Darüber hinaus ließ sich der Verein mit der „Saar-Kundgebung“ am 30. April 1934 auch ganz bewusst und vermutlich sogar maßgeblich auf eigene Initiative hin vor den politischen Karren der Nationalsozialisten spannen. Das „Saargebiet“ war im Versailler Vertrag ab 1920 für 15 Jahre unter das Mandat des Völkerbunds bei gleichzeitiger wirtschaftlicher Abhängigkeit von Frankreich gestellt und für das Jahr 1935 eine Volksabstimmung über seinen künftigen Status festgelegt worden. Laut „Kreis-Propagandaleiter“ Hoffmann waren alle Kreisstellen „vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda verpflichtet […], jede Möglichkeit, für das Saargebiet Propaganda zu machen, wahrzunehmen“76. Unter dem Motto „Deutsch ist die Saar“77 wurde nun also vor einem Freundschaftsspiel gegen die Sportfreunde 05 Saarbrücken im Weserstadion eine Kundgebung abgehalten, an der mit der Hitlerjugend und einer Standarte der Sturmabteilung (SA) auch NS-Organisationen beteiligt waren.78
Die Initiative für diese Veranstaltung und die Beteiligung des Vereins dürfte nicht unwesentlich von Seiten des SV Werder ausgegangen sein.79 In seinem Jahresbericht für das Jahr 1934 nahm Willy Stöver für sich und den Verein jedenfalls in Anspruch, „unseren kleinen Teil dazu beigetragen zu haben, daß unsere deutschen Volksgenossen an der Saar wieder frei von jeglicher Fremdherrschaft sind“80.

Bei der „Saar-Kundgebung“ im Schauspielhaus eröffnete Willy Stöver noch vor Bremens regierendem Bürgermeister Richard Markert den Redeteil des offiziellen Programms (Quelle: Werder-Vereinsarchiv)
Für den Bereich der Vereinsveranstaltungen lässt sich festhalten, dass ab der „Machtergreifung“ eine zunehmende Verbindung von Sport und Politik zu beobachten ist, die auch vonseiten Werders aktiv betrieben wurde. Man begrüßte nicht nur den politischen Rahmen sportlicher Veranstaltungen, sondern ließ sich bewusst und teils auf eigene Initiative hin für nationalsozialistische Propaganda instrumentalisieren.
Vereinsnachrichten
Besonders deutlich wurde die neue politisch-ideologische Prägung des Vereinslebens im nunmehr klar nationalsozialistischen Schreibstil in den Ausgaben der Vereinsnachrichten ab 1933. Die VN dienten nicht mehr ausschließlich als Bindeglied zwischen den Mitgliedern und dem Vorstand bzw. der Verwaltung des Vereins, sondern als Medium zur Proklamation einer ideologischen Programmatik, also auch zur Öffentlichkeitsarbeit.

Die Titelseite der VN-Ausgabe von Mai 1933, in deren „Rundschau“ keine Fragen offengelassen wurden, welcher Wind nun auch bei Werder wehte (Quelle: Werder-Vereinsarchiv)
Die zentrale Forderung an alle Werder-Mitglieder wurde bereits in der „Rundschau“ der VN-Ausgabe vom Mai 1933 deutlich: „Wie in Deutschland sich das ganze Volk zu Adolf Hitler bekennt, so steht in unserer großen grünweißen Schar ein geschlossener Kreis von Menschen, der im völkischen Sinne mit Stolz aufblickend auf seine ruhmreiche Tradition und in steter Dankbarkeit an unsere Helden des großen Weltkrieges alles einsetzen will für unser höchstes Ziel – Deutschland!“81 Von den Mitgliedern wurde nicht nur eine Unterordnung unter die Vereinsinteressen erwartet und Einmütigkeit und Geschlossenheit in den eigenen Reihen gefordert, sondern zudem ihre Einordnung in die deutsche „Volksgemeinschaft“ propagiert. Die Pflichterfüllung „nicht nur auf dem grünen Rasen, sondern als deutschbewusster Volksgenosse […] gegenüber dem Vaterlande“ und der „Wiederaufbau unseres geliebten Vaterlandes“ wurden als fortan dringlich zu leistende Aufgaben der Werder-Mitglieder angemahnt.82

Ein nahezu beliebig ersetzbares Beispiel: Auch in den VN von Januar 1934 konnte sich der Leitartikler einen Mangel an NS-Enthusiasmus nicht vorwerfen lassen (Quelle: Werder-Vereinsarchiv)
Als Konsequenz aus der Betonung der „Volksgemeinschaft“ und einem verstärkten Nationalismus und Patriotismus wurde zugleich Abweichlern gegenüber ein härterer Kurs eingeschlagen. Vereinsführer Stöver unterstrich seine Bereitschaft, Mitglieder, die sich nicht der Vereinsführung unterordneten, aus dem Verein auszuschließen.83 Meinungsvielfalt war dabei schon in den Jugendmannschaften nicht erwünscht. So betonte Jugendführer Henry Schierloh bei der Einweihung des neuen Jugendheims in Borgfeld die Bedeutung der Gemeinschaftspflege in Sportvereinen als Teil der Gemeinschaft im „erwachten Deutschland“84. Damit verband er einen „Zusammenschluss an gleichgesinnten Individuen“ und kündigte an, Mitglieder, die sich nicht bedingungslos dem Gemeinwohl unterordneten, aus der Gemeinschaft auszuschließen: Derjenige, der „sich nicht eingliedern kann, für den ist bei uns kein Platz“85.
Der SV Werder stellte sich durch die ideologische Anpassung und die Politisierung der Artikel in den Vereinsnachrichten also klar in den Dienst der nationalsozialistischen Propaganda und verankerte die NS-Politik über die mediale Vermittlung nicht nur im Alltag und in der Freizeitgestaltung, sondern auch in den Köpfen seiner Mitglieder.
Wehr- und Volkssport
Im April 1933 forderte der DFB seine Mitgliedsvereine auf, durch einen Ausbau der Jugendarbeit „mit allen Kräften an der nationalen Erneuerung mitzuarbeiten“86. Der Sportler müsse seinen Sport primär in dem Sinne betreiben, „den der Nationalsozialismus ‚politisch‘ nennt, d. h. er muß sich bewußt bleiben, daß er seinen Körper stählt, um dem Vaterlande zu dienen, sich für den Fall eines Falles voll einsatzbereit zu machen“87.
Schon zuvor hatten Turn- und Sportvereine, so auch der SV Werder, Wehrsport für jugendliche Mitglieder angeboten. Die Werderaner beanspruchten dabei für sich, sie seien sogar „die ersten [gewesen], die den Wehrsportgedanken offen aufgenommen haben“88. Wie im Abschnitt zur Weimarer Republik angedeutet, wurde bei Werder tatsächlich bereits ab 1919 Wehrsport im Verein praktiziert – dies war seinerzeit allerdings kein Alleinstellungsmerkmal. Nun jedoch wurde seitens des Vereins die Arbeit zur jugendlichen (Wehr-)Ertüchtigung noch einmal deutlich forciert: Bereits im Mai 1933 sprach der damalige Vorsitzende Bernhard Stake von „der großen Aufgabe, unsere Jugend zu wehrtüchtigen deutschen Männern heranzubilden“89. Dabei könne man in den eigenen Reihen auf „viele Jugendliche, die seit Jahren in treuer Pflichterfüllung in der Bewegung der nationalen Revolution stehen“90, bauen.
In der Praxis beinhaltete die Wehrsportausbildung im Verein eine Kombination von Leichtathletik, Gymnastik sowie Geländeübungen und -läufen. Der Jugend- und Wehrsport in den Sportvereinen war dabei seit 1933 massiver Konkurrenz durch die SA und vor allem durch die Hitlerjugend (HJ) ausgesetzt.91 Dennoch konnte der SV Werder allem Anschein nach den Jugendlichen ein attraktives Programm bieten. Ein Indikator hierfür ist der Anstieg der Zahlen an jugendlichen Mitgliedern ab 1933: Im Dezember 1934 verzeichnete der Verein deren 95 – ein Anstieg von mehr als 50 % im Vergleich zum Vorjahr (63). In den Jahren 1936 und 1937 wurden dann sogar 105 bzw. 113 Eintritte von Jugendlichen notiert, und das obwohl ab August 1936 die Jugendabteilungen der 10- bis 14-Jährigen in Sportvereinen gänzlich aufgelöst und der HJ zugeführt wurden.92
Neben dem Wehrsport für Jugendliche bot der SV Werder auf Verfügung der Gauleitung seit Oktober 1933 für seine erwachsenen Sportler den sogenannten Volkssport an.93 Dieser beinhaltete sowohl praktische als auch theoretische Aspekte einer Wehrausbildung. Zum Repertoire gehörten Pistolen- und Gewehrschießen, Geländeübungen und Keulenwerfen genauso wie Kartenlesen, Umgang mit einem Kompass und Vermittlung von Wissen bezüglich der Gliederung und Ausrüstung von Armeen.94
Der Verein fühlte sich also ganz offensichtlich nicht mehr nur der sportlichen Betätigung, sondern verstärkt auch der militärischen (Vor-)Ausbildung seiner Mitglieder verpflichtet. Besonders im Jugendbereich stieß dies auf Resonanz. Laut dem Historiker Horst Weder wurde der Sport durch die Einführung von Wehrsport „mit faschistischer Wehrhaftigkeit gleichgesetzt“95.
Dietwesen
Analog zum Wehrsport, der wie erwähnt bereits in den 1920er Jahren auch in allenfalls bürgerlich-konservativen, aber im Wesentlichen unpolitischen Sportvereinen praktiziert worden war, handelte es sich beim Dietwesen um keine genuin nationalsozialistische Erfindung. Vielmehr ging es zurück auf die völkisch ausgerichtete deutsche Turnbewegung, hatte sich ob der geistigen Nähe jedoch problemlos in die NS-Ideologie integrieren lassen: „Im sog. Dietwesen – ‚Diet‘ bedeutet zugleich ‚Volk‘ und ‚deutsch‘ – ging es um die Pflege des deutschen Volkstums, um die Erhaltung und Wahrung seiner rassisch-bedingten Eigenart.“96 Ganz in diesem Sinne war der „Dietwart“ für die Aufrechterhaltung des völkischen Geistes im Vereinsleben und bei Veranstaltungen sowie für die entsprechende Schulung der Vereinsmitglieder verantwortlich.
Mit der „Dietordnung“ des DRL vom 27. April 1937 wurde es für Vereine verpflichtend, einen Dietwart zu ernennen.97 Der SV Werder indes schuf dieses Amt bereits in der Vereinssatzung von 193598, und spätestens ab dem 6. August 1936 gab es mit Werner von Wienczkowski einen Dietwart im Verein. Dieser dürfte den Anforderungen des Reichssportführers an jenes Amt zur vollsten Zufriedenheit entsprochen haben, schließlich hatte er seine Linientreue schon Jahre zuvor unter Beweis gestellt, so in der VN-Ausgabe vom Mai 1933, für die er als Schriftleiter verantwortlich gewesen war. Ganz im nationalsozialistischen Stil schrieb von Wienczkowski hier von „der Wesensart und der Rasse“ als „einenden Linien aller Deutschen“ und betonte, dass Deutschland erst dann wieder einen Aufstieg erleben könne, „wenn in völkischer Art das ganze deutsche Volk endgültig auf seine abertausend Jahre alte Geschichte und seine große Kultur“ zurückfinde.99
Neben der körperlichen Ausbildung ging es beim SV Werder also augenscheinlich auch um eine geistige Erziehung seiner Mitglieder im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie, und das abermals bereits frühzeitig, wie die Installierung eines Dietwarts noch weit vor der offiziellen Anordnung dazu verdeutlicht.

Ausschluss jüdischer Mitglieder
Auf die individuellen Schicksale einiger spezifischer jüdischer Vereinsmitglieder des SV Werder nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ und die Repressionen, denen sie fortan ausgesetzt waren, wird in den einzelnen Beiträgen dieses Buches ausführlicher eingegangen. Hier kann es daher bei einer kurzen Einführungsdarstellung belassen werden, die neben einem Blick auf die Umsetzung des „Arierparagrafen“ auch eine erste Kurzzusammenfassung der später ausführlich beschriebenen Biografien liefert.
Der „Arierparagraf“
Der DFB gab im April 1933 gemeinsam mit dem Deutschen Sportbund (DSB) eine Mitteilung heraus, wonach fortan „Angehörige der jüdischen Rasse ebenso wie Personen, die sich in der marxistischen Bewegung herausgestellt haben […], in führenden Stellungen der Landesverbände und Vereine für nicht tragbar“ erachtet würden.100 Gleichwohl stand es Sportvereinen im DFB anschließend aber noch bis 1940 frei, in ihren Satzungen eigene Voraussetzungen für eine Vereinsmitgliedschaft zu definieren und somit auch individuelle Regelungen bezüglich des Umgangs mit jüdischen Mitgliedern zu treffen. Erst die Einheitssatzung des Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen (NSRL, Nachfolger des DRL) erzwang die Implementierung eines „Arierparagrafen“, der Juden eine Vereinsmitgliedschaft untersagte.101

Mit §4, Abs. 6 der Satzung vom 29. April 1940 hatte nun auch der SV Werder einen „Arierparagrafen“ (Quelle: Vereinsregister Amtsgericht Bremen, 173, Nr. 231)
Ab diesem Zeitpunkt schloss auch der SV Werder „Personen, die nicht deutschen oder artverwandten Blutes oder solchen gleichgestellt sind“102, qua Satzung kategorisch aus dem Verein aus, nachdem man bereits spätestens ab August 1939 im Anmeldeformular für Neumitglieder auch die „Abstammung“ abgefragt hatte.103 Schon lange zuvor waren derweil manch andere Vereine in Eigeninitiative tätig geworden und hatten sich auf gemeinsame Mitgliedskriterien verständigt, so beispielsweise in der „Stuttgarter Erklärung“ vom 9. April 1933, in der sich 14 Vereine aus dem süddeutschen Raum – darunter der VfB Stuttgart, der 1. FC Nürnberg und der FC Bayern München – zur Implementierung eines „Arierparagrafen“ in der Vereinssatzung verpflichteten.104
Allem Anschein nach gab es eine solche Erklärung im norddeutschen Raum nicht, jedenfalls ist in allen gesichteten Quellen nichts Dementsprechendes zu finden. Viel schwieriger festzustellen ist ohnehin, ob die „Stuttgarter Erklärung“ von den unterzeichnenden Vereinen tatsächlich konsequent umgesetzt wurde. Darüber hinaus ist angesichts der mit der nationalsozialistischen Machtübernahme einsetzenden allgemeinen Entrechtung von gemäß der NS-Ideologie „nicht-arischen“ Menschen natürlich ebenfalls denkbar, dass Vereine jüdische Sportler einfach ohne satzungsgemäße Grundlage aus ihren Reihen ausschlossen. Einen Hinweis darauf, dass dies auch beim SV Werder praktiziert wurde, liefert der weiter unten sowie im entsprechenden Beitrag dieses Buches näher thematisierte Vereinsausschluss des jungen Leo Weinstein. Für weitere Fälle gibt es allerdings keine konkreten Anhaltspunkte.
Jüdische Vereinsmitglieder
Die Central-Verein-Zeitung, das von 1922 bis 1938 erschienene, den Untertitel „Blätter für Deutschtum und Judentum“ tragende Organ des „Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, schrieb im April 1927 in einem Artikel, dass „alle jüdischen Sportler Bremens […] fast ausschließlich im A.B.T.S. (Allgemeiner Bremer Turn- und Sportverein)“ Mitglied seien.105 Dies lässt im Umkehrschluss die Vermutung zu, dass es im SV Werder nur vergleichsweise wenige Mitglieder jüdischer Konfession gab. Eine endgültige Aussage darüber, welchen Anteil jüdische Mitglieder im Verein ausmachten, kann allerdings nicht getroffen werden, da durch die Zerstörung der Geschäftsstelle des SV Werder in der Bahnhofstraße 35 im August 1944 keinerlei Mitgliederlisten aus jener Zeit erhalten geblieben sind. Allerdings lassen sich in den 1910er, 1920er und 1930er Jahren durchaus einzelne jüdische Werder-Mitglieder finden, die auf den weiteren Seiten dieses Buches porträtiert werden.
Zunächst taucht die Familie Rosenthal auf. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg waren Vater Albert sowie die Söhne Arthur, Herbert und Hermann Mitglieder bei Werder.106 Arthur, zeitweise Werbe- und Pressewart des Vereins, wurde bereits weiter oben wegen seiner Beteiligung an der Niederschlagung der Bremer Räterepublik erwähnt. Anscheinend waren jedoch alle vier Rosenthals bereits vor 1933 nicht mehr im Verein aktiv.
Alfred Ries ist eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in Werders Vereinshistorie. Bereits als 26-Jähriger wurde er 1923 zum ersten Mal zum Vereinsvorsitzenden gewählt. 1933 verließ er Bremen und später Deutschland wegen antisemitischer Verfolgung, war allerdings noch bis zu seiner selbst-initiierten Abmeldung im Sommer 1935107 Vereinsmitglied. Der SV Werder organisierte am 7. Januar 1933 eine Verabschiedung für Ries und ernannte ihn bei dieser Gelegenheit zum Ehrenmitglied.108 Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Bremen zurück, wurde erneut Vereinsvorsitzender (1947–51 und 1963–67) und bekleidete zudem wichtige Ämter im DFB und im diplomatischen Dienst der Bundesrepublik Deutschland.109
Ein weiteres jüdisches Mitglied im SV Werder war Theodor Eggert, der nach den Nürnberger Rassengesetzen als „Mischling 1. Grades“ (zwei jüdische Großelternteile) galt. Bereits 1919 als Jugend-Mitglied bei Werder eingetreten, musste Eggert ab 1942 im Arbeitserziehungslager Bremen-Farge bzw. dem dortigen U-Boot-Bunker „Valentin“ Zwangsarbeit leisten. Dass er zu einem bestimmten Zeitpunkt aus dem Verein ausgeschlossen worden wäre, kann nicht belegt werden.
Auch Hans-Egon „Hansi“ Wolff wurde nach den Nürnberger Rassengesetzen als „Mischling“ eingestuft, war aber dennoch zwischen 1933 und 1945 durchgehend Vereinsmitglied und auch als Amtsträger im Verein aktiv. Nach 1945 bekleidete er ebenfalls noch jahrzehntelang unterschiedliche Vereinsämter und war bei den Grün-Weißen eine so prägende Figur, dass mitunter gar von „Hansi Werder im Sport-Verein Wolff“ die Rede war.110
Des Weiteren taucht in Werders Mitgliederlisten der Name Leo Weinstein auf, später Professor für Romanistik an der Stanford University. Lührs und Marßolek berichten, dass es für den damals erst 12-Jährigen ein sehr einschneidendes Erlebnis gewesen sei, „als ihm Anfang 1934 sein Trainer mit sichtlichem Bedauern mitteilen mußte, daß Juden nicht mehr Mitglieder beim SV Werder sein durften“111. Weinstein ist somit der einzige anhand der untersuchten Akten nachvollziehbare Fall des tatsächlichen Ausschlusses eines jüdischen Mitglieds aus dem SV Werder vor 1940.
Mit Hugo Grünberg schließlich trat im Sommer 1920 ein weiteres jüdisches Mitglied bei Werder ein.112 Ein Austritts- oder Ausschlussdatum des ebenfalls in diesem Buch porträtierten, für den Verein vornehmlich als Schiedsrichter aktiven Grünberg ist nicht bekannt – wohl aber, dass er die nationalsozialistische Verfolgung nicht überlebte: Im November 1941 nach Minsk deportiert, wurde er am 28. Juli 1942 im Zuge einer Massenexekution im dortigen jüdischen Ghetto ermordet, ebenso wie Arthur Rosenthal.
Zusammenfassung
Mit Blick auf seitens des Vereins vollzogene direkte Repressions- und/oder Exklusionsmaßnahmen gegenüber seinen jüdischen Mitgliedern lässt sich sagen, dass Leo Weinstein das einzige bekannte Beispiel für einen proaktiven Ausschluss durch den SV Werder vor 1940 ist. Dieser Vorgang wurde allerdings in den VN, die für das Jahr 1934 fast vollständig in Werders Vereinsarchiv vorliegen, nicht dokumentiert. Das deckt sich mit der allgemein auf die Situation in norddeutschen Sportvereinen vor 1940 bezogenen Beobachtung der Sporthistoriker Lorenz Peiffer und Henry Wahlig, dass „sich der Ausschluss jüdischer Mitglieder eher im Verborgenen abspielte“113.
Aus diesem Grund ist es schwierig, eine konsequente Ausschlusspraxis des Vereins gegenüber jüdischen Mitgliedern festzustellen, aber auch, sie vollkommen auszuschließen. Warum Weinstein, nicht jedoch Wolff oder Eggert, aus dem Verein ausgeschlossen wurde, bleibt unklar. Peiffer und Wahlig kommen in ihrer Untersuchung zu dem Schluss, dass der SV Werder lediglich „volljüdische“ Mitglieder ausschloss, während „Halbjuden“ im Verein verbleiben durften.114 Angesichts des kaum existierenden Quellenmaterials und der ohnehin offenbar nur geringen Zahl jüdischer Werder-Mitglieder kann diese Aussage nicht mit letzter Sicherheit unterstützt werden.
Schlussbetrachtung

Eine eindeutige Beurteilung, ob der SV Werder tatsächlich – was seinerzeit im Übrigen auch andere Fußballvereine wie der Hamburger SV115 und der FC Bayern München116 von sich behaupteten – „seit seiner Gründung stets den nationalen Gedanken vertreten hat“ und somit 1933 „die Fahne nicht nach dem Winde“ drehen musste117, ist anhand der gegenwärtigen Aktenlage nicht zulässig. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Werder ein Verein im bürgerlichen Milieu war, doch auf eine völkische oder gar nationalsozialistische Vorprägung deutet in den untersuchten Akten nichts hin.
Nachdem die politische Betätigung im Verein noch 1932 per Satzung verboten war, förderte Werder ab 1933 eine Verbindung von Sport und Politik im Vereinsleben und verankerte dadurch die nationalsozialistische Ideologie auch im Alltag, in der Freizeitgestaltung und in den Köpfen seiner Mitglieder. Dabei passte sich der Verein teils proaktiv, teils reaktiv den Vorstellungen der neuen politischen Machthaber an.
Einige Aspekte sprechen dafür, dass Werder eine eher passive Rolle in der Anpassung eingenommen hat. Man wollte bei den übergeordneten Instanzen nicht in Ungnade fallen, wehrte sich daher nicht gegen die Politisierung der Rahmenbedingungen bei Sportveranstaltungen sowie generell im Vereinsalltag, führte aber erst im Zuge der 1940 verordneten NSRL-Einheitssatzung einen „Arierparagrafen“ ein und verfügte mit Hansi Wolff sogar über einen „halbjüdischen“ Geschäftsstellenmitarbeiter.
Die Eigeninitiative bzw. Bereitwilligkeit, sich für politische Propagandazwecke zur Verfügung zu stellen, spricht dagegen für eine aktive Anpassung des SV Werder an die neuen Gegebenheiten. Dies gilt auch mit Blick auf den frühen Vereinsausschluss von Leo Weinstein. Ein „vorauseilender Gehorsam“ zeigte sich zudem in der frühzeitigen Übernahme des Führerprinzips und der Einsetzung eines Dietwarts. Begleitet wurde dies von einer öffentlichkeitswirksamen und betonten Darstellung des „gleichgeschalteten“ Vereinslebens.
Insgesamt ordnete sich der SV Werder vollständig der nationalsozialistischen Sportauffassung wie Ideologie unter und hat sich speziell im Jahre 1933 über ein hinreichendes Mindestmaß an bloßer Anpassung hinaus mit den neuen Gegebenheiten arrangiert. Durch präventive „Selbst-Gleichschaltung“ wollte man sicherstellen, dass „wir […] als Werderaner auch hier an der ersten Stelle stehen“118. In der Konsequenz spricht dies mehr für ein aktives, mindestens bereitwilliges Handeln des Vereins als für eine von reinem Nutznießer-Gedankengut gelenkte passiv-reaktive Vereinspolitik. Ob das dargestellte Ausmaß des Phänomens der Anpassung den SV Werder nun aber tatsächlich zu einem „NS-Vorzeigeverein“119 macht, kann anhand des untersuchten Materials in dieser Deutlichkeit nicht unterstützt werden.
Ausblick

Nach Kriegsende verbot die Militärregierung in Bremen zunächst den Sportbetrieb in allen vormals dem NSRL angehörenden Sportvereinen – so auch im SV Werder.120 Der im November 1945 neu gegründete „Turn- und Sportverein Werder von 1945“, auf dessen Gründungsversammlung die beiden langjährigen „halbjüdischen“ Vereinsmitglieder Theodor Eggert und Hansi Wolff zu „Obleuten“ gemacht wurden121, musste sich aufgrund der namentlichen Nähe zum Vorgängerverein kurzfristig in „Grün-Weiß von 1899“ umbenennen.122 Von der Wiederzulassung der Sportvereine unter altem Namen durch die Militärregierung machte der Verein dann bereits am 25. März 1946 Gebrauch, zwei Tage nach Veröffentlichung der entsprechenden Anordnung im Weser-Kurier.123
In der Satzung des neu gegründeten Vereins vom April 1946 hieß es dabei in Bezug auf die künftige Rolle der Politik im Vereinsleben: „Die Politik zu Gunsten einer Partei wird abgelehnt. Dagegen wird ausdrücklich anerkannt, dass eine Anti-Nazi-Politik als staatstragendes Mittel gefördert werden soll und jede Handlung auf demokratischer Grundlage zu erfolgen hat.“124
Im Vorstand des SV Werder saß weiterhin Theodor Eggert. Hansi Wolff war ab 1945 dreißig Jahre lang als Geschäftsführer des Vereins engagiert. Alfred Ries kehrte Ende 1946 nach Bremen zurück und übernahm ab Oktober 1947 erneut den Vorsitz des Vereins.125 Gleichzeitig wurde Willy Stöver 2. Vorsitzender126 und sollte dies bis April 1949 bleiben. Auf der Generalversammlung im Februar 1948 wurde ein Festausschuss zur Organisation der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Vereinsjubiläum gebildet: Neben Stöver waren sowohl sein Vorgänger als auch sein Nachfolger im Amt des „Vereinsführers“, Bernhard Stake und Adolf Hecht, Teil dieses Teams.127 Aus Anlass des Jubiläums gab der SV Werder 1949 zudem eine Vereinschronik heraus. Mitherausgeber neben dem Vereinsvorsitzenden Alfred Ries war ebenfalls Stöver, der nun ausgerechnet das Kapitel zur Vereinsgeschichte zwischen 1932 und 1939 beitrug.
Der jüdische Vorsitzende der 1920er Jahre und der linientreue Vereinsführer der frühen NS-Zeit bildeten angesichts ihrer Vorgeschichte ein nicht zu erwartendes Duett. Allerdings schienen die beiden Männer auch während Ries‘ Abwesenheit aus Bremen Verbindung gehalten zu haben. Laut der Aussage von Stövers langjährigem Bekannten August Heyer im Entnazifizierungsverfahren führte Stöver „bis in die jüngste Zeit“ eine „briefliche Verbindung mit dem jüdischen Freund Alfred Ries, Zagreb“128. Dies mag zum Teil erklären, warum die beiden Männer bereits 1949 wieder zusammenarbeiteten. Eine Unbedenklichkeitserklärung von Ries ist in Stövers Entnazifizierungsakte allerdings nicht zu finden.
Dass Alfred Ries überhaupt nach Bremen und zum SV Werder zurückkehrte, war in erster Linie seiner Verbundenheit zu seiner Geburtsstadt und zu seinem Herzensverein sowie in besonderem Maße seinem Willen zur Versöhnung und zum Verzeihen zu verdanken.

Lebenslang grün-weiß
Das bewegte Leben des Alfred Ries
von Fabian Ettrich
Schon als Schüler trat Alfred Ries (1897–1967) dem damaligen „Fußballverein Werder“ bei. Als Pensionär verstarb er, während er das Präsidentenamt „seines“ Vereins innehatte. Etliche Jahre hatte er sich zuvor bei Werder in verschiedenen Funktionen engagiert, unterbrochen stets nur unfreiwillig, von den beiden Weltkriegen und beruflichen Stationen im Ausland.
Alfred Ries engagierte sich beruflich und im Ehrenamt auf vielfältige Weise: Er war Werbeleiter und Prokurist bei der Kaffee-Handels-Aktiengesellschaft (Kaffee HAG), Direktor der berühmten Böttcherstraße, Frontsoldat im Ersten Weltkrieg, in vier verschiedenen Jahrzehnten Werder-Präsident (so auch zur Zeit der ersten Meisterschaft Werders in der Fußball-Bundesliga), dazu Ehrenmitglied und Ehrenvorsitzender des Klubs1, Leiter des Staatlichen Außenhandelskontors in Bremen, ehrenamtlicher Funktionsträger bei Rotary, in der Jüdischen Gemeinde sowie in der Deutschen Olympischen Gesellschaft, Vizepräsident des Deutschen Fußball- und des Deutschen Sportbundes, Diplomat und am Ende seiner beruflichen Laufbahn Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Bundestagskandidat, Unterstützer der deutschen Bewerbung um die olympischen Sommerspiele 1972 sowie Träger des Bundesverdienstkreuzes. Viele Stationen für ein Menschenleben.

Alfred Ries, wie man ihn nicht nur beim SV Werder, sondern weit darüber hinaus kannte und schätzte (Quelle: Nachlass Hilde Ries)
Geprägt wurde Ries dabei von der Gemeinschaft und Offenheit im Sport und in der Kultur, von der liberalen Bremer Kaufmannstradition – und von der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten, vor der er Bremen verließ. Während er mehrere Jahre in Jugoslawien verbrachte – was später immer wieder Gegenstand von Diskussionen war –, verlor er seine Eltern Eduard und Rosa, die im Ghetto Theresienstadt ermordet wurden.
Trotz seiner Leistungen für Sport, Kultur, Wirtschaft und Diplomatie ist Alfred Ries vielen Menschen in Bremen, auch vielen Anhängern des SV Werder, heute unbekannt. Zwar findet er in Veröffentlichungen zur Geschichte des Vereins und zur Situation von Juden im Sport bzw. in Bremen Erwähnung – die Autoren Harald Klingebiel, Hans-Jürgen Wallenhorst, Lorenz Peiffer und Henry Wahlig sowie Barbara Johr vom Projekt Stolpersteine haben hier Pionierarbeit geleistet.2 Allerdings sind diese biografischen Arbeiten bislang nicht von einer breiten (Fan-)Öffentlichkeit beachtet worden. Etwas geändert hat sich daran erst in den letzten Jahren durch verschiedene Beiträge in regionalen und überregionalen Medien, etwa dem Weser-Kurier, Radio Bremen, der Jüdischen Allgemeinen, dem Deutschlandfunk oder der taz.
Das Vereinsmuseum des SV Werder Bremen, das WUSEUM, hat kurze Biografien jüdischer Sportler und Funktionäre in seine Ausstellung aufgenommen. Alfred Ries ist dort außerdem in einer Bildergalerie der ehemaligen Werder-Präsidenten zu sehen – vom Bremer Künstler Jub Mönster in grauem Anzug und grüner Krawatte gemalt. Im Hintergrund sieht der Betrachter das „Selbstbildnis mit Judenpass“, ein 1943 vom Osnabrücker Maler Felix Nussbaum mit Öl auf Leinwand gemaltes Selbstporträt, welches dessen Angst vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten bedrückend eindrucksvoll darstellt. Nussbaum wurde 1944 in Auschwitz ermordet, sein berühmtes Selbstbildnis ist bis heute im Museumsquartier in der Friedensstadt Osnabrück zu sehen. Verfolgung und Holocaust prägten die Leben des Werder-Präsidenten und des Malers in grausamer Weise. Und das nur, weil beide Juden waren.
Während zu Nussbaums Wirken heute ein eigenes Museum existiert, geriet die Lebensleistung von Alfred Ries lange in Vergessenheit. Erst die genannten Veröffentlichungen brachten wieder etwas mehr Beachtung für sein Leben. Seit 2016 dann haben Werder-Fans unter dem Dach des Fanprojektes Bremen e. V. die Geschichte des ehemaligen Vereinspräsidenten noch einmal recherchiert. Es wurden Archivbestände ausgewertet, Publikationen gesichtet, Zeitzeugen befragt und zusätzliche Quellen erschlossen. Daraus entstanden im Dezember 2016 eine Fotoausstellung im Ostkurvensaal des Bremer Weserstadions mit Bildern aus dem Privatbestand der Familie Ries, eine von Fans verfasste und gestaltete Broschüre über das Wirken von Alfred Ries und eine Ehrung anlässlich seines 50. Todestages mit Ansprachen des Landesrabbiners Netanel Teitelbaum sowie des inzwischen leider verstorbenen Präsidenten der Bremer Bürgerschaft, Christian Weber.
Es folgten die Anbringung einer Gedenktafel zu den Lebensstationen von Alfred Ries auf dem jüdischen Friedhof in Bremen-Hastedt, eine Podiumsdiskussion in der Bremer Bürgerschaft im Januar 2018 (unter anderem mit Werders damaligem Aufsichtsratsvorsitzenden Marco Bode und dem Sachbuchautor Dietrich Schulze-Marmeling) sowie die Einweihung des Alfred-Ries-Platzes vor der Westkurve des Weserstadions am „Tag der Fans“, der offiziellen Saisoneröffnung des SV Werder Bremen, am 11. August 2018. Die Platzbenennung blieb besonders in Erinnerung, war sie doch ein Zusammenspiel aus der Projektarbeit von Werder-Fans, dem Sportverein Werder und der Politik, nämlich dem Beirat Östliche Vorstadt, der die „grüne Promenade“ vor der Westkurve am 8. Mai 2018 einstimmig nach Werders langjährigem Präsidenten zu benennen beschlossen hatte. Bremens Senatspräsident und Bürgermeister Carsten Sieling, Werder-Präsident Dr. Hubertus Hess-Grunewald und Daniel de Olano (SPD) vom Beirat Östliche Vorstadt hoben in ihren Reden die Bedeutung von Alfred Ries für Werder und die Hansestadt Bremen hervor.
Im Folgenden soll der Lebensweg von Alfred Ries ausführlich chronologisch dargelegt werden. Dies erscheint insbesondere deshalb sinnvoll, weil es in den letzten Jahren neuere, jedoch nur mit äußerster Vorsicht zu genießende kritische Veröffentlichungen zu seiner Person gab, während gleichzeitig durch die Erschließung und Digitalisierung von Archivbeständen weitere hilfreiche Quellen zugänglich wurden. Diese Informationen erlauben es nun, die Vita von Ries ebenso wie im Rahmen des Wiedergutmachungsverfahrens nach dem Krieg erhobene und in jüngster Zeit wiederholte Zweifel an seiner Integrität besser einzuordnen.
Von den Anfängen bis zum Abschied aus Bremen
Alfred Louis Ries kam am 5. Dezember 1897 – und somit fast genau 14 Monate vor der Gründung des „Fußball-Vereins Werder“ – als deutscher Staatsbürger in Bremen als Sohn von Rosa Frieda und Eduard Ries zur Welt.3 Vater Eduard war am 2. Februar 1860 als Sohn von Levy Ries und Elise Leeser in einer jüdischen Großfamilie in Schwanewede geboren worden4, seine Frau Rosa Ries, gebürtige Stern, am 4. Juli 1868 als Tochter von Mathilde Philippson und Mendel Stern in Bremen.5 Alfred war der dritte von vier Söhnen der Ries: Walter Dagobert hatte bereits am 11. Dezember 1892 das Licht der Welt erblickt, Hugo Bernhard war noch in seinem Geburtsjahr 1895 gestorben und Adolf wurde am 4. März 1899 geboren.6
Bereits als Schüler der Oberrealschule am Doventor – in den Bremer Nachrichten war 1952 die Rede von 1909, Ries berichtete 1947 allerdings vom Jahr 19117 – wurde Alfred Ries Mitglied beim „Fußballverein Werder“, dem am 4. Februar 1899 gegründeten Vorläufer des heutigen SV Werder Bremen. Der Klub hatte damals gerade einmal etwas mehr als 100 Mitglieder, vornehmlich Jugendliche und Männer mit höherer Schulbildung – Frauen wurde die Mitgliedschaft im Verein erst ab 1919 ermöglicht.8 Ries, der damals auch einige Schüler als Mitglieder für Werders Jugendfußballabteilung gewann9, probierte sich in mehreren Sportarten, unter anderem in der Leichtathletik10, im Tennis, im Schwimmen, im Schach, Jahrzehnte später auch im Skifahren – vor allem aber im Fußball.11 Sein „schönstes persönliches Sporterlebnis“ erfuhr er 1914, als er aufgrund des Kriegseinsatzes vieler Fußballer in der 1. Herrenmannschaft von Werder zum Einsatz kam und im Punktspiel gegen den Bremer Ballspiel-Verein das Führungstor für die Grün-Weißen erzielte.12 Zu dieser Zeit übernahm der Schüler Ries auch bereits die Position des 2. Schriftführers seines Vereins.13
Wie sein Vater Eduard, der sein Geld viele Jahre lang als Geschäftsführer der Viehmarktsbank GmbH im Bremer Schlachthof verdiente14, dann kurze Zeit selbstständig und schließlich trotz seines fortgeschrittenen Alters ab 1926 bis zu seiner Deportation als „Vieh-Verkäufer“15 und „Partner bei der Viehkommissionsfirma Anton Köhler & Co., Bremen-Schlachthof“16 tätig war, schlug Alfred Ries eine berufliche Laufbahn als Kaufmann ein. Er begann 1914 eine zweijährige Ausbildung bei der Bremer Import-Export-Firma G. F. Overbeck, die mit Lackrohstoffen, Tees sowie getrockneten Pflanzenteilen für Arzneien und Gewürzen handelte.17 Anschließend wurde er in das Infanterie-Regiment 75 einberufen18, das 1919 (unter Beteiligung der Werderaner Arthur und Herbert Rosenthal) eine wichtige Rolle bei der Niederschlagung der Bremer Räterepublik spielen sollte. Ries stand, wie mehr als die Hälfte der damals rund 300 Werder-Mitglieder, als Soldat im Kriegseinsatz19, war zwischen 1916 und 1918 Vizefeldwebel und Zugführer der Maschinengewehrkompanie im deutschen Asien-Korps an der Palästina-Front.20 Nach dem Krieg beteiligte er sich an einer Sammlung unter den Werder-Mitgliedern für eine Gedenkstein-Spende zu Ehren der gefallenen Vereinsmitglieder21, darunter sieben Spieler der 1. Herren-Fußballmannschaft.22
Beruflich war Alfred Ries von 1919 bis 1920 Abteilungsleiter und erster Korrespondent bei der Deutschen Tabakhandelsgesellschaft in Bremen, eine Tätigkeit, die viele Auslandsreisen erforderte.23 In den Folgejahren arbeitete er dann als Abteilungsleiter und Einkäufer für Südwestafrika bei der Bremer Export-Import-Firma Köper, Docke & Co.24 Im Sport übernahm er Anfang der 1920er Jahre das Amt des Schriftführers beim inzwischen in SV Werder umbenannten Verein sowie im Bremer Bezirk des Norddeutschen Fußballverbandes25, für den er zentral Schulungen der Übungsleiter organisierte.26 Im Verein spielte er für die Liga-Reserve27 und kümmerte sich ehrenamtlich vor allem um die interne, aber auch die externe Kommunikation, fungierte unter anderem 1920 für Werder als Delegierter bei den Bezirksbehörden.28 Die bereits erwähnten, an anderer Stelle in diesem Buch eingehender vorgestellten jüdischen Mitglieder Arthur Rosenthal (als Obmann des Werbe- und Presseausschusses) und dessen Bruder Herbert (als Obmann des Tennis-Ausschusses) waren damals ebenfalls im Vereinsvorstand aktiv.
Die Mitglieder wurden zu jener Zeit regelmäßig auf die Vereinswerte und auf eine erwünschte aktive Teilnahme an Wettkämpfen und Treffen hingewiesen, nicht zuletzt durch die seit 1911 erscheinenden Vereinsnachrichten. Mit hohem moralischem Anspruch wurde darin auch das (Fehl-)Verhalten von aktiven bzw. ehemaligen Mitgliedern angeprangert. Von Alfred Ries beispielsweise sind kritische Worte auf der Weihnachtsfeier 1919 überliefert – etwa zur „nicht so großen Beteiligung“29 der Mitglieder an den Vereinsveranstaltungen – sowie aus dem Mai 1922, als es um den Vereinsausschluss eines wechselwilligen Spielers ging, dem von seinem künftigen Klub Geld angeboten worden sein soll.30 Die verdeckte Bezahlung von Fußballern stand im Gegensatz zum damals hochgehaltenen Amateurstatut, welches in der Praxis allerdings regelmäßig unterlaufen wurde – wohl auch in Bremen. Dabei waren bereits in der Frühzeit des Fußballs in England fußballerisch talentierte Industriearbeiter von anderen Vereinen mit besser bezahlten Arbeitsplätzen abgeworben worden. Dieses Vorgehen war trotz des offiziellen Verbots auch in Deutschland weitverbreitet, ehe das Verbandsregelwerk langsam gelockert und schließlich mit der Einführung des Vertragsspielerstatuts 1949 bzw. der Bundesliga 1963 der Realität im deutschen Fußball angepasst wurde.
Mit nur 25 Jahren wurde Alfred Ries 1923 als Nachfolger von Fritz Schlotte Präsident von Werder Bremen. Im selben Jahr heiratete er im Standesamt an der Tiefer in Bremen seine 23-jährige Freundin Marie Catharine Heuer.31 Zu dieser Zeit engagierte sich Ries auch bereits in der Jüdischen Gemeinde seiner Heimatstadt und übernahm ab 1926 zusätzlich zum Präsidentenamt die Leitung der Fußballabteilung seines Klubs32, der zu Beginn der 1920er Jahre schon über 1.000 Mitglieder gehabt hatte.33 Auch aufgrund interner Streitereien konnte diese Zahl in den weiteren 1920er bis 1930er Jahren zwar nicht gehalten werden – der Verein wies zumeist eine mittlere bis hohe dreistellige Zahl an Mitgliedern auf34 –, doch dafür entwickelte sich Werder in den 1920er Jahren zu einer der besten Fußballmannschaften der Stadt.
Von den Mitgliedern erwartete die Klubführung weiterhin eine aktive Teilnahme am Vereinsleben. So schrieb Alfred Ries in seiner Funktion als Vereinsvorsitzender – er wurde neben 1923 und 1926 auch 1927, 1929 und 1930 in dieser Funktion wiedergewählt35 – in den Vereinsnachrichten zum Weihnachtsfest 1926 an die passiven Mitglieder des Vereins gewandt:
„Zugleich aber richten wir an alle diejenigen, welche bisher abseits von den inneren Geschehnissen des Vereins standen, die ernste Mahnung und die dringende Bitte, im kommenden Jahr fest und treu zum ‚Werder‘ zu stehen. In Einigkeit und ehrlichem Glauben an die Zukunft unseres Volkes muss unsere gesamte Mitgliedschaft mithelfen an der Erstarkung und inneren Kräftigung des Vereins.“36
Dieser Aufruf war vor dem Hintergrund der Vita von Alfred Ries wahrscheinlich eher als Ausdruck der Sorge um die Fortentwicklung einer aktiven Mitgliedschaft und wachen Gesellschaft zu verstehen als Zeichen einer nationalistischen Denkweise.
Nicht nur um die Beteiligung, auch um das Miteinander im Verein war es offenbar nicht gut bestellt. Daher warb Ries im Jahresbericht der Fußballabteilung von 1926 für mehr Ehrlichkeit im Umgang der Vereinsmitglieder untereinander und forderte die Werderaner auf, künftig müsse „jede Gehässigkeit verschwinden“37. Wenige Monate später forderte er mehr Vertrauen der Mitglieder ein und fragte rhetorisch, ob jedes Mitglied seinen Pflichten im Verein tatsächlich vollumfänglich nachkäme. Dies sollte in der nächsten Versammlung gründlich besprochen werden.38
Ein positiver Meilenstein wurde derweil ebenfalls während dieser ersten Präsidentschaft von Alfred Ries gesetzt: Der Verein wechselte Anfang der 1930er Jahre in sein heutiges Domizil, das Weserstadion, nachdem sich der Allgemeine Bremer Turn- und Sportverein von 1860 (ABTS) finanziell mit dem Sportplatz am Osterdeich übernommen hatte.39 Zuvor nutzte Werder – neben dem alten Platz auf dem Kuhhirten und der Huckelriede am Buntentorsteinweg – weitere Sportstätten auf dem Kuhhirten, dem Neuenlander Feld und dem Krähenberg.40
Auch für Ries selbst ging es unterdessen voran. Bereits Mitte der 1920er Jahre lernte er den Bremer Unternehmer und Kunstmäzen Ludwig Roselius kennen41 – aus heutiger Sicht aufgrund dessen politischer Ansichten eine durchaus umstrittene Persönlichkeit. Roselius war als Schirmherr verschiedener Sportveranstaltungen, etwa der „Niederdeutschen Woche“ oder der „Sport-Heimat-Woche“42, auf das Organisationstalent des jungen Ries aufmerksam geworden und holte ihn schließlich zum 1. August 1925 als „Gruppenleiter […] großer Verkaufsbezirke“ in die Kaffee-Handels-Aktien-Gesellschaft – besser bekannt als Kaffee HAG.43 Beim namhaften Produzenten von entkoffeiniertem Kaffee stieg Ries bald zum Werbeleiter und ab 1928 zum Handelsbevollmächtigten auf.44 Dabei arbeitete er „eng und freundschaftlich“45 mit Dr. Alfred Lörner zusammen, der von 1926 bis 1929 bei Kaffee HAG als „Bevollmächtigter und Werbeleiter“46 tätig war. Diese Verbindung sollte später noch sehr wichtig werden.
Die Interessen des Unternehmens vertrat Ries unter anderem im Vorstand des Reklame-Schutzverbandes und des Deutschen Werbe-Fachverbandes.47 Dass zudem der Norddeutsche Sport-Verband (NSV) 1928 bei HAG tagte und das Unternehmen den einstweilen unter diesem Namen firmierenden „Nachfolgeverband“ des Norddeutschen Fußball-Verbands (NFV) finanziell unterstützte48, wird ebenfalls mit der Person Alfred Ries zu tun gehabt haben. Parallel engagierte sich Ries weiter beim SV Werder und organisierte unter anderem auf dem Sportplatz im Bürgerpark ein Spiel seines Vereins gegen die Olympiaauswahl der USA49, die nach ihrem 2:11-Achtelfinal-Aus bei den Sommerspielen 1928 in Amsterdam für einige Tage in Bremen zu Gast war. Rund um die Partie von Werder gegen das US-Team, das am Ende mit 3:2 gewann, gab es für die amerikanischen Gäste ein Festprogramm mit politischer Prominenz und Betriebsbesuchen bei Kaffee HAG und der Schokoladenfabrik „Goldinawerke“ in Sebaldsbrück.50

Alfred Ries (vorderste Reihe, Mitte, Nummer 3) als Mitglied der Verabschiedungsdelegation für Bremens Teilnehmer an den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles (Quelle: Nachlass Hilde Ries)
Ries’ Freund Alfred Lörner hatte Kaffee HAG inzwischen verlassen: Er leitete ab dem 1. August 1929 bis Jahresbeginn 1938 die Außenhandelsstelle des Auswärtigen Amtes für das Weser-Ems-Gebiet, für die er schon zwischen dem 1. Dezember 1922 und dem 31. März 1924 als Attaché tätig gewesen war.51 Trotzdem blieben die beiden in Kontakt und engagierten sich ehrenamtlich in denselben Organisationen, so etwa 1931 bei der Gründung des Bremer Rotary-Chapters:
„Durch Vermittlung des Altpräsidenten Schumacher übernahm Friedrich Roselius, Teilhaber des altangesehenen Bremer Kaffee-Import-Hauses Roselius & Co., die Aufgaben des Gründungsbeauftragten. Als Mitarbeiter stellten sich ihm der Direktor der Böttcherstraße, Alfred Ries, und der Leiter der Außenhandelsstelle für das Weser Ems-Gebiet, Alfred Lörner, zur Verfügung.“52
Die Gründungsversammlung der Bremer Rotarier fand am 27. November 1931 im Bildersaal der Böttcherstraße statt. Die 27 anwesenden Mitglieder wählten dabei Friedrich Roselius, den Bruder des Böttcherstraßen-Mäzens Ludwig Roselius, zu ihrem Präsidenten und Alfred Ries zu ihrem „Clubmeister“. In dieser Funktion war Ries für die Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungsorganisation des Chapters verantwortlich.53
Außerdem waren Lörner und Ries Mitglieder des Gesellschaftsvereins „Der Club zu Bremen“54, der 1931 aus der „Bremer Gesellschaft von 1914 e. V.“55 und der 1783 gegründeten „Gesellschaft Museum“ entstand und noch heute existiert. Dieser Zusammenschluss wiederum kam auf Betreiben von Ludwig Roselius zustande56, dessen Bruder Friedrich 1932 Vorsitzender des „Club zu Bremen“ wurde, 1934 stellvertretender Vorsitzender und danach Beiratsmitglied.57 Alfred Lörner war derweil 1932 Mitglied des Vortragsausschusses und von 1931 bis zu seinem beruflichen Weggang im Jahre 1938 Mitglied des Vorstands bzw. Beirats.58 Treffpunkt des Gesprächskreises wurde ebenfalls die Böttcherstraße: Die Mitglieder kamen im Robinson- und im Atlantishaus zusammen, in Letzterem war auch das Sekretariat der Vereinigung angesiedelt.59
Bereits zu Beginn des Jahres 1931 übertrug Ludwig Roselius Ries zusätzlich zur Position bei HAG die Stelle als Geschäftsführer der Bremer Werkschau GmbH, der Betreibergesellschaft der Böttcherstraße.60 In einem Rundfunkbeitrag aus dem Jahr 1932 stellte der Journalist Alfred Faust seinem Kollegen Julius Jacobi die Galerien, Handwerksbetriebe und Geschäfte dieser bekannten Kunst- und Kulturstraße vor.61 Der ehrenamtlich in der SPD aktive Faust war als „Werbeleiter und Leiter der literarischen Abteilung“62 bei Kaffee HAG wohl auch verantwortlich für die Herausgabe der Zeitschrift Die Böttcherstraße, die extrem aufwendig gemacht und bis zu ihrer Einstellung nach 14 Ausgaben im Jahre 1930 in hoher Auflage erschienen war.63 In dem genannten Rundfunkbeitrag kam in ausgeprägtem „Bremer Schnack“ auch Alfred Ries zu Wort. Das Tondokument vermittelt somit einen guten persönlichen Eindruck von ihm. Für die zwischen Marktplatz und Weser gelegene Böttcherstraße, die noch heute zu den kulturellen Attraktionen Bremens gehört, betrieb Ries intensive Öffentlichkeitsarbeit. So verfasste er unter anderem für die später von den Nationalsozialisten verbotene Zeitschrift Revue des Monats einen Artikel über die „interessanteste Straße der Welt“ und „Hauptsehenswürdigkeit Bremens“64.
Das Verhältnis des Ries-Förderers Ludwig Roselius zu den Nationalsozialisten war eng und trotzdem widersprüchlich. Einerseits richtete Roselius Veranstaltungen wie das „Erste nordische Thing“ aus65, die ideologisch zur Denkweise der Nationalsozialisten passten, er rief seine Mitarbeiter am 28. Oktober 1933 in einem Schreiben zur Wahl der NSDAP bei der Reichstagswahl am 12. November 1933 auf und versuchte mehrmals, Mitglied der Partei zu werden.66 Andererseits pflegte er enge Bindungen zum kommunistischen Künstler Heinrich Vogeler und zum Sozialdemokraten Alfred Faust, den er 1934 sogar aus dem Konzentrationslager Ochtumsand freibekam und ihm einen Arbeitsplatz im firmeneigenen Angelsachsenverlag in Berlin verschaffte.67 Außerdem zu dem Juristen Wilhelm Nolting-Hauff, den er als sogenannten „Halbjuden“ trotz dessen Ausschlusses aus der Bremer Anwaltschaft zum Direktor der HAG-Tochter Seehandel AG ernannte68, sowie zum Juden Alfred Ries, der in der Weimarer Republik Mitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) war69. Die Nationalsozialisten ihrerseits waren auf Roselius und dessen Geld bzw. wirtschaftliche Kontakte angewiesen, zumal er Mitbegründer der für die Kriegswirtschaft wichtigen Focke-Wulf-Flugzeugbau AG war.70
Ähnlich verhielt es sich bei seinem Bruder Friedrich Roselius. Dieser hatte sich nach seiner Zeit als Leiter der Londoner Filiale des väterlichen Unternehmens und deren Umfirmierung in Kaffee HAG bereits 1906 aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen und dessen Leitung Ludwig allein überlassen. Von 1932 bis 1941 stand Friedrich Roselius dem Aufsichtsrat der Focke-Wulf-Flugzeugbau AG vor, an deren Aufbau er mitgewirkt hatte, und wurde trotz seines langjährigen Engagements für den Rotary Club und dessen Ziele 1937 Mitglied der NSDAP.71
Aus den Reihen der Nationalsozialisten gab es zu Beginn durchaus Zustimmung zur Böttcherstraße, ehe sie sich öffentlich mehr und mehr von dem Projekt abwandten. Die Bremer Nationalsozialistische Zeitung kritisierte am 23. Mai 1931 die Kultur der Böttcherstraße scharf, insbesondere das geplante Haus Atlantis als Stätte „kommunistischer Gottlosenpropaganda in Bremen“, und griff Ludwig Roselius an, der als „unüberlegter Mittler von dem Kommunisten Bernhard Hoetger missbraucht“72 worden sei. Der expressionistische Maler und Bildhauer schuf mit seinen Werken in der Böttcherstraße sein wohl bedeutendstes Werk.
Spätestens ab 1932 sah sich auch Böttcherstraßen-Geschäftsführer Alfred Ries nach eigenen Angaben persönlich öffentlichen Angriffen aus dem nationalsozialistischen Lager ausgesetzt73 – in seinem Arbeitszeugnis von Kaffee HAG vom Oktober 1933 sollte von einer „Zuspitzung der politischen Verhältnisse in Bremen“ die Rede sein.74 Bereits Ende 1932 kündigte Ries dann seinen Abschied aus seiner Heimatstadt an75, nach eigenen Aussagen aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen vor Ort. Bei Werder hatte er zuvor nach dem Ende seiner Präsidentschaft durch den überraschenden, aber nicht weiter erklärten Verzicht auf Wiederwahl auf der Generalversammlung am 27. Januar 1931 und einem Jahr ohne Vorstandsfunktion im Frühjahr 1932 für einige Monate noch das Amt eines Beisitzers übernommen.76
In den Vereinsnachrichten vom Dezember 1932 wurden allerdings berufliche und keine politischen Gründe für den Abschied von Alfred Ries angeführt:
„Der bestbewährteste, langjährige Führer unseres ‚Werder‘ muss uns leider zum Januar verlassen, sein Beruf verpflichtet ihn nach München, um dort für die Kaffee HAG tätig zu sein. Wir hatten bis zur letzten Stunde immer noch gewünscht, dass es ihm vergönnt sein möge, bei uns zu bleiben, aber wie so oft, [sic!] mussten wir auch hier die Hoffnung begraben und als Gewissheit hinnehmen, dass an sein Hierbleiben nicht mehr zu denken ist. Der ‚Werder‘ verliert in Alfred Ries einen Menschen, der sich immer, wo es nur sein konnte, für seinen Verein eingesetzt hat. Darüber hinaus hat er sich einen Namen gemacht, der in der Sportgeschichte nicht nur unseres norddeutschen Sportgebietes, sondern auch der gesamten deutschen Sportbewegung nie auszulöschen sein wird. Nur ungern sehen wir ihn von uns scheiden, aber so wie wir ihn nicht vergessen, wird auch er seinen ‚Werder‘ nicht vergessen, und Gott möge es geben, dass die Zeit nicht allzu fern, wo wir ihn wieder in unseren Reihen haben. Am 7. Januar 1933 werden wir unserem Alfred Ries eine würdige Abschiedsfeier geben, [sic!] und werden seine Verdienste an dieser Stelle noch besonders gewürdigt werden. Vorerst, lieber Alfred Ries, ein treues und herzliches Lebewohl.“77

Alfred Ries (rechts) in der Böttcherstraße am 2. Weihnachtstag 1932, wenige Wochen vor seinem Fortgang aus Bremen (Quelle: Nachlass Hilde Ries)
Wenige Wochen vor seinem Fortgang aus Bremen wurde Ries vom Deutschen Fußball-Bund aufgrund seiner Verdienste um den Sport mit der DFB-Ehrennadel ausgezeichnet und zum Ehrenmitglied des Bremer Fußballkreises und des Jade-Weser-Bezirks ernannt.78 Der SV Werder verabschiedete seinen mehrmaligen Vorsitzenden dann wie angekündigt am 7. Januar 1933 mit der Verleihung der Vereinsehrennadel und der Ehrenmitgliedschaft im Goldenen Saal der Böttcherstraße.79 Ries sah diesen Tag rückblickend als das einstweilige Ende seiner Vereinsmitgliedschaft an.80 Wie er nach dem Krieg erklärte, habe die „nationalsozialistische Führung in Bremen“ von seinem Nachfolger als Vereinspräsident, Bernhard Stake, später verlangt, auch seine „Ausmerzung aus dem Verein“ vorzunehmen. Sein „Freund und Kamerad“ Stake habe diesen formalen Ausschluss jedoch „strikt abgelehnt und auch nicht durchgeführt“.81
Mit dem Weggang aus Bremen im Januar 1933 endete auch Alfred Ries‘ Tätigkeit für die Böttcherstraße.82 Im „Club zu Bremen“ wurde er im Jahrbuch vom Oktober 1933 ebenfalls nicht mehr als Mitglied geführt83, und auch den Rotary Club verließ er 1933 mit dem Umzug nach München.84 Vier Jahre darauf lösten sich dann sowohl das Bremer Chapter als auch die deutsche Gruppe von Rotary International auf85, und ein weiteres Jahr später verabschiedete sich der Rotarier Alfred Lörner, aus dessen Haushalt 1937 eine Hannchen Lörner Mitglied bei Werder wurde, ebenfalls aus Bremen. Er erhielt einen Ruf als Konsul in das von deutschen Truppen besetzte Galatz (Galați) im heutigen Rumänien.86
Das Schicksal der Brüder und Eltern zur NS-Zeit
Auch Ries‘ Brüder blieben nicht in Bremen. Der ältere, Walter Dagobert, hatte vor Ort längere Zeit als Schauspieler, Theater- und Konzertdirektor gearbeitet87, etwa im Neuen Operetten-Theater an der Waller Heerstraße oder im Bremer Schauspielhaus, aber auch als „Intendant des Kurtheaters auf Helgoland“88. Danach muss er nach Stuttgart gezogen sein – sein letzter Wohnsitz vor der Auswanderung89 –, ehe es für ihn 1933 „ins Ausland [ging]. Die Schweiz, Elsaß-Lothringen, Luxemburg, Wien, Brüssel, Rom, Monte Carlo und Haifa waren seine Stationen. Als Theaterleiter, Festspielleiter und später als Inhaber einer Konzertdirektion suchte der Vielgewandte neue Wege. Er fand sie und erzielte unter dem Künstlernamen Walter Ries-Eberhard bemerkenswerte Auslandserfolge.“90
Alfreds jüngerer Bruder Adolf soll als „Kursmakler“91 tätig gewesen sein. Am 19. August 1926 hatte er seine Freundin Anna geheiratet, die aus Syke stammte, wo sie am 29. Juli 1898 geboren worden war. Das Paar blieb kinderlos und ließ sich später scheiden.92 Das Jüdische Gemeindeblatt führte Adolf Ries im August 1930 – wohnhaft in Augustusburg – unter Angabe seines Geburtsdatums in der Rubrik „Austritt aus dem Judentum“93 auf. Sein letzter Wohnsitz in Deutschland war Frankfurt am Main94, ehe er sich laut Passagierliste vom 17. November 1937 an Bord des Schiffs „Manhattan“ der amerikanischen Reederei „United States Lines“ befand.95

Adolf Ries 1939 auf einer seinem US-Einbürgerungsformular beigefügten Aufnahme – die Ähnlichkeit zu seinen Brüdern Alfred und Walter Dagobert ist unverkennbar (Quelle: Ancestry.com)

Das am 4. Mai 1939 in New York ausgefüllte Einbürgerungsformular von Adolf Ries, nunmehr offiziell mit „Rowland Adolf Ries“ unterschrieben (Quelle: Ancestry.com)
Ebenfalls wird sein Name am 9. März96 und am 17. November 193897 jeweils auf der Passagierliste der „Manhattan“ bzw. der „Deutschland“ genannt – wiederum auf dem Weg von Hamburg nach New York. Ob er zwischendurch noch zweimal in Deutschland gewesen war oder sich bei den beiden früheren Fahrten letztlich doch nicht an Bord befunden hatte, ist offen. Dauerhaft blieb Adolf Ries jedenfalls seit der Ankunft am 26. November 1938 in den USA. Dort nannte er sich nunmehr Rowland A. Ries. Am 10. August 1942 heiratete er in Chicago seine Freundin Lena, die am 27. Juli 1907 in Greencastle im Bundesstaat Missouri geboren worden war.
Die Eltern wiederum, Eduard und Rosa Ries, blieben nach dem Weggang ihrer drei Söhne in Bremen. Sie engagierten sich in der Jüdischen Gemeinde98 und lebten ab 1939 im „Judenhaus“ in der Legion-Condor-Straße 1 (vor 1939 und auch heute wieder: Schwachhauser Heerstraße 18 / Ecke Parkstraße). In solchen Einrichtungen wurden jüdische Familien ab Ende der 1930er Jahre zwangsweise kollektiv untergebracht. Zuletzt waren die beiden im jüdischen Altersheim in der Gröpelinger Heerstraße 167 gemeldet.99 Zu ihrem Sohn Alfred hatten sie nach dessen Weggang seinen Angaben zufolge zunächst offenbar nur losen und später keinen Kontakt mehr.100

Die Stolpersteine für Rosa und Eduard Ries in der Schwachhauser Heerstraße (Quelle: Fabian Ettrich)
Rosa Ries wurde mehrfach wegen Diebstahls bzw. Unterschlagung verurteilt, am 1. August 1940 dann schließlich wegen des „Versuchs der gewerbsmäßigen Abtreibung in sechs Fällen“ zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren „Zuchthaus“ sowie fünf Jahren „Ehrverlust“.101 Genaue Hintergründe zu den Vorgängen sind nicht bekannt. Allerdings ist es naheliegend, dass Rosa Ries illegal als Hebamme bzw. „Engelmacherin“ gearbeitet hatte. Sie war bis Juli 1942 in der Frauenhaftanstalt Lübeck-Lauerhof inhaftiert.102
Am 23. Juli 1942 wurden Eduard und Rosa Ries – einen Tag vor Werders jüdischem Ex-Vorstandsmitglied Albert Rosenthal und dessen Ehefrau Carolina – über Hannover mit Transport VIII/1 im Zug „Da 75“ in das Ghetto Theresienstadt deportiert.103 Organisiert wurde der Transport, der einen Tag später seinen Zielort erreichte104, von den „Judenreferenten“ der Bremer Gestapo, die im Wiedergutmachungsverfahren von Alfred Ries nach Kriegsende noch eine wichtige Rolle spielen sollten. Eduard und Rosa Ries wurden Ende 1942 in Theresienstadt ermordet: Rosa Ries starb am 26. November105, ihr Mann Eduard am 4. Dezember 1942.106 An sie erinnern heute an der Kreuzung Schwachhauser Heerstraße / Parkstraße, wenige Meter von der Bahnlinie zwischen Bremen und Diepholz bzw. Osnabrück entfernt, zwei Stolpersteine. Vom Zug aus können so jedes zweite Wochenende Tausende Werder-Fans bei der Fahrt zu den Heimspielen ihres Vereins auf den Erinnerungsort für die Eltern von Alfred Ries schauen. Zumindest, wenn ihnen dieser bewusst wäre.
Die Zeit in Jugoslawien: Gegenstand einer Kontroverse
Wahrscheinlich ging Alfred Ries, den das Bremer Adressbuch bei seinem Weggang aus Bremen als wohnhaft in der Böttcherstraße 5, also an seinem bisherigen Dienstsitz, ausgewiesen hatte107, nachdem er zuvor zwei Jahre lang in der Aßmannshauserstraße 16 in der Neustadt gemeldet gewesen war108, nach seiner offiziellen Verabschiedung aus Bremen am 7. Januar 1933 zunächst wie angekündigt direkt in die bayerische Landeshauptstadt.109
Nach Auskunft seines dortigen Arbeitgebers blieb er von Januar bis Oktober 1933 in München, wo er als Generalrepräsentant für Süddeutschland bei der HAG-Niederlassung und der Plantagen-Gesellschaft mbH arbeitete. Warum sich Ries für den Standort München (zu diesem Zeitpunkt eine Hochburg der nationalsozialistischen Bewegung) entschied – ob aufgrund der Empfehlung seines Förderers Roselius als Durchgangsstation in das südosteuropäische Ausland oder aus anderen Beweggründen –, ist nicht bekannt. Zu seinem Weggang aus München schrieb Kaffee HAG in seinem Arbeitszeugnis vom 10. Oktober jenes Jahres jedenfalls: „Am 1. Oktober 1933 musste Herr Ries auf Verlangen der politischen Gauleitung in Bayern den Posten in München wieder aufgeben.“110 Gemeint war hier wohl der damalige Gau München-Oberbayern111.
An anderer Stelle sagte Ries hingegen aus, dass er sich dem Druck Julius Streichers ausgesetzt sah.112 Streicher (1885–1945) war Gauleiter in Mittelfranken bzw. Franken, aber als NSDAP-Reichstagsmitglied, SA-Obergruppenführer und Herausgeber des Hetzblattes Der Stürmer überregional propagandistisch engagiert. Da sich Ries im Sport und auch beruflich bereits einen Namen gemacht hatte und nach Auskunft seines Arbeitgebers von München aus für ganz Bayern zuständig war – somit auch für Mittelfranken –, wäre eine Einflussnahme Streichers zum Nachteil von Ries durchaus denkbar gewesen. Kaffee HAG schrieb dazu am 4. September 1952 im späteren Entschädigungsverfahren an die Bremer Wiedergutmachungsbehörde: „Bekanntlich waren wir gezwungen, Herrn Ries auf Verlangen der politischen Gauleitung in Bayern zum 01.10.1933 zu entlassen.“113 Diesen Hergang der Geschehnisse bestätigten nach dem Krieg auch zwei Zeugen an Eides statt, darunter der ehemalige HAG-Kollege Alfred Faust.114
Von München aus machten sich Alfred Ries und seine Frau Marie Catharine – mit Wissen und Unterstützung von Kaffee-HAG-Inhaber Ludwig Roselius – auf den Weg in die damalige Tschechoslowakei, wo Ries wenige Wochen für die Niederlassung der schweizerischen Kaffee HAG A.G. in Marienbad tätig war.115 Zu Beginn des Jahres 1934 wurde er dann von der „schweizerische[n] HAG A.G.“116 nach Zagreb in das Königreich Jugoslawien versetzt, wo er nun als Direktor mit Prokura der Niederlassung „Kava Hag D.D.“ vorstand.117 Das Unternehmen wurde nach Angaben von Ries neun Monate später liquidiert.118 Es ist allerdings eher plausibel, dass Ries zwar ab 1935 nicht mehr bei HAG beschäftigt war, das Unternehmen aber zumindest formal fortbestand. Jedenfalls wird die Niederlassung in Zagreb in Publikationen zumindest noch bis 1941 genannt, auch wenn das Geschäft inzwischen kriegsbedingt stark eingeschränkt und der Einfluss der Bremer HAG-Konzernmutter reduziert war.119
Obwohl Ries nach seinem Weggang aus Bremen nicht mehr in den Bremer Adressbüchern der Jahre 1934 und 1935 eingetragen war, blieb er nach Angaben des örtlichen Stadt- und Polizeiamtes offiziell noch bis zum 12. Januar 1935 in der Manteuffelstraße 31 gemeldet, wo er dann erneut zwischen dem 2. Februar und dem 15. Oktober 1935 geführt wurde.120 Diese Meldebewegungen des Jahres 1935 hatten laut Ries mit dem erwähnten Ende seiner beruflichen Anstellung bei Kaffee HAG zu tun.121 Erst danach blieb er dauerhaft und nicht nur übergangsweise in Jugoslawien. Eine mehr als bloß sporadische Rückkehr nach Deutschland wäre mit der Zeit auch immer riskanter für ihn und seine Familie geworden. Die zeitweilige Wiederanmeldung in Bremen im Laufe des Jahres 1935 erfolgte offenbar im Zusammenhang mit der erstmaligen Ausstellung einer sogenannten „Gewerbelegitimationskarte für Jugoslawien“122 am 15. Juni 1935, die später noch relevant werden sollte. In der Jahresmitte wurde Ries schließlich auch formal aus der Mitgliederliste des SV Werder Bremen gestrichen.123
Nach seinem Ausscheiden bei HAG ging es für Alfred Ries nun darum, sich in dem für ihn noch relativ fremden Land eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Irgendwann in dieser Umbruchphase trennte er sich zudem von seiner Frau und ging eine Beziehung zu Hilde Baur ein. Beruflich gelang es Ries nach eigenen Angaben, die Generalvertretungen einiger deutscher und ausländischer Firmen für Jugoslawien und Osteuropa zu übernehmen, unter anderem für die Pharmazie- und Oberflächenveredelungsfirma Gehe & Co. AG aus Dresden, die Fritz Schulz jun. AG aus Leipzig, die Moystad, Müller & Co A/S aus Oslo, die Pharma AG aus Zürich und die Trans-Ocean Export-Import Company aus New York.124 Zudem wurde er Direktor und Aufsichtsratsmitglied der neu gegründeten Optima A.G. in Zagreb.125 Diese Vertretungen hatte er wohl bis zum Jahr 1940 inne.126
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab Ries zu seiner beruflichen Situation in jenen Jahren in einem Antrag vom 29. Juni 1950 und in einer eidesstattlichen Erklärung vom 21. Dezember 1951 zunächst an, zwischen 1934 und seiner Inhaftierung 1940 bzw. der Ausreise 1946 kein Einkommen generiert zu haben und auf die Unterstützung durch seinen Bruder – also Rowland A. Ries in den USA – sowie aus der israelitischen Gemeinde in Jugoslawien und von Freunden angewiesen gewesen zu sein.127 Auf diesen – 1952 wiederholten128 – Widerspruch hingewiesen, revidierte Ries am 3. August 1953 seine Erklärung, nachdem sich inzwischen bereits die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hatte. Er gab nun an, dass er 1934 bei HAG in Zagreb etwa 350 Reichsmark im Monat – also deutlich weniger als vorher in Bremen (zuletzt ca. 1.200 RM) und München (ca. 1.500 RM) – und danach bis 1937 monatlich umgerechnet etwa 50 bis 100 Reichsmark an Provisionen durch Gelegenheitsgeschäfte als Vertreter verdient habe.129
Seine Verdienstangaben bei der Bremer Werkschau GmbH und bei HAG stimmen mit den abgefragten Angaben bei den Unternehmen überein.130 Diese unzweifelhaft negative Einkommensentwicklung infolge der Auswanderung spricht ebenfalls gegen einen freiwilligen Wohnortwechsel. Im Oktober 1940 wurde zudem die Berufsfreiheit für Juden in Jugoslawien, wo zu dieser Zeit die wirtschaftliche Situation insgesamt schlecht war, durch den Erlass antijüdischer Verordnungen untersagt.131 Für Ries, der sich nach seiner Zeit bei HAG beruflich neu orientiert hatte, fiel nun sein gesamtes berufliches Einkommen weg, weshalb er fortan in der Tat auf externe Unterstützung angewiesen war.
Ries gab später an, abweichende Angaben hierzu habe er seinerzeit in Eile gemacht, um ein Weihnachtssonderdarlehen zu erhalten, welches ihm aufgrund seiner Ansprüche vermeintlich ohnehin zugestanden hätte.132 Diesen Anspruch sah das Landesamt für Wiedergutmachung indes erst nicht als gegeben an133, gestand aber später zu, dass Ries tatsächlich anspruchsberechtigt gewesen sei und seine Erklärungen „in gutem Glauben“134 abgegeben habe. Auch die Oberstaatsanwaltschaft stellte fest, Ries habe sich damit keinen wirtschaftlichen Vorteil zulasten Dritter verschafft.135 Ein entsprechend eingeleitetes Verfahren wegen falscher Aussage an Eides statt136 wurde im August 1954 eingestellt.137
Wahrscheinlich war Alfred Ries ab Mai 1940 für jeweils knapp sechs Monate in den auf kroatisch-jugoslawischem Gebiet gelegenen Sammellagern Stubica und Lipik interniert138, wo sich die Lokalpolitik 1941 dann auch für eine Verbringung örtlicher Juden in Arbeitslager bzw. die Abschiebung aus dem Land aussprach139. Die Internierung von Ries ist allerdings nicht mit einer zwangsweisen Inhaftierung gleichzusetzen. Zwar hat sich mit Blick auf das damalige Jugoslawien für Orte der Konzentration von Kriegsgefangenen sowie vor und zu Kriegsbeginn insbesondere auch von Juden der Begriff „Lager“ etabliert, doch handelte es sich dabei um ganz unterschiedliche Formen von Lagern, etwa um zentrale Sammelunterkünfte mit freiem Ein- und Ausgang, Arbeitslager, Speziallager oder Konzentrationspunkte für Transporte.140
Die Sammellager schützten die Juden vor einer Abschiebung, isolierten sie aber zugleich auch von der restlichen Bevölkerung und ghettoisierten sie an ausgewiesenen Orten. Die Existenz dieser Lager wurde im Wiedergutmachungsverfahren141 und sogar jüngst erneut infrage gestellt142, obwohl sie inzwischen hinreichend belegt ist.143 So gab es zwischen jugoslawischer Polizei und Gestapo bereits 1938 ein Abkommen über die Beobachtung und Rückführung deutscher Juden in Jugoslawien.144 Anstelle von Ausweisungen wurden Juden in Jugoslawien ab 1939 dann jedoch interniert – unter anderem in Appartements an Kurstandorten, wo Kapazitäten frei und Ausgangsbeschränkungen leichter zu kontrollieren waren.145 Das deckt sich mit den Aussagen von Alfred Ries, denen im Wiedergutmachungsverfahren aber kein Glauben geschenkt wurde.
Ebenso wenig zweifelhaft wie die Existenz der Lager ist die Verfolgung, die Juden auch abseits davon auf dem Gebiet des damaligen Jugoslawiens erlebten, nicht zuletzt dort, wo Alfred Ries sich aufhielt. So ging die bereits 1930 im Wiener Exil gegründete kroatisch-nationalistische Ustaša insbesondere nach dem Einmarsch der Deutschen ab 1941 umfassend und vehement gegen Juden vor, kennzeichnete, entrechtete, enteignete, separierte sie146 und wollte sie aussiedeln.147 Im nunmehrigen Unabhängigen Staat Kroatien (USK) galten Juden fortan als Staatsfeinde.148
Bereits wenige Tage vor der Kapitulation Rest-Jugoslawiens Mitte April 1941 waren auch in den schon besetzten Gebieten alle einheimischen Juden unter Androhung des Erschießens bei Zuwiderhandlung aufgefordert worden, sich bei der örtlichen Schutzpolizei registrieren zu lassen. Allein in Belgrad kamen dieser Aufforderung mehr als 9.000 von 12.000 dort lebenden Juden nach.149 Dabei wurden unter anderem ihre Vermögensverhältnisse dokumentiert, es folgte eine weitere Separierung, etwa beim Einkauf von Lebensmitteln. Außerdem mussten sie einen „Judenstern“ tragen, wurden wenig später durch die „Feldgendarmerie“ systematisch enteignet und fortan zur Zwangsarbeit eingesetzt. Im Herbst 1941 folgten systematische Hinrichtungen.150
Das kroatische Innenministerium sah nach dem Krieg eine Verfolgung von Alfred Ries durch die Ustaša als gegeben an.151 Er selbst berichtete indes von einer „Inhaftierung auf Veranlassung der Gestapo bzw. eine[r] Kooperation von deutschem Geheimdienst und den Jugoslawen“152. Diese Zusammenarbeit ist inzwischen belegt, Sabine Pamperrien stellt sie in ihrem Beitrag zu diesem Buch genauer dar.
Infolge der Wirren rund um den Einmarsch der Wehrmacht in Jugoslawien im April 1941 konnte Ries vermutlich aus dem Lager Lipik entkommen bzw. befreit werden.153 Wenige Wochen später wurde er jedoch erneut inhaftiert und anschließend für dreieinhalb Monate in Belgrad festgehalten.154 Er selbst gab dafür den Zeitraum vom 2. Juni bis 15. September 1941 an.155 Im Antrag auf Haftentschädigung von 1949 ist zwar als Ende der Haftzeit der 15. September 1942 genannt156, doch dieses um genau ein Jahr abweichende Datum deutet auf ein Versehen hin157, zumal kurz darauf in einer eidesstattlichen Versicherung wieder vom 15. September 1941 die Rede ist.158
In dem nach dem Krieg von Ries beantragten Verfahren auf Haftentschädigung, dem sich Dirk Harms in diesem Buch eingehend widmet, wurden zunächst nur jene Haftzeiten berücksichtigt, für die die Wehrmacht direkte Verantwortung trug, also allein die in Belgrad. Als Haftzeitraum wurde dabei vom Bremer Landesamt für Wiedergutmachung zwar der korrekte Haftbeginn, aber ausgerechnet das einmalig von Ries falsch genannte Haftende in Belgrad – nämlich 1942 – verwendet.159 Auf dieser irrtümlichen Berechnungsbasis wurden Ries am 28. Juli 1949 genau 2.595 DM Entschädigung ausbezahlt160, was die Behörde später zu Recht monierte.161
Warum Ries den zu hohen Entschädigungsbetrag nicht direkt deklarierte und erstattete, kann vor allem drei Gründe haben. Erstens: Es ist ihm nicht aufgefallen. Zweitens: Er hat dies in Kauf genommen, da die für zwölf Monate zu viel gezahlte Entschädigung genau dem Haftzeitraum entsprach, für den das Wiedergutmachungsamt aufgrund der Nicht-Verantwortung der Wehrmacht vor April 1941 keine Entschädigung übernehmen wollte. Drittens: Er gab eine vorsätzlich falsche Angabe ab, um alle tatsächlichen Haftzeiten entschädigt zu bekommen. Die Tatsache, dass Ries das Datum des Haftendes in Belgrad sonst durchlaufend richtig angab, wurde ihm 1954 in einem Verfahren wegen falscher Versicherung an Eides statt positiv ausgelegt. Ein Betrugsvorwurf wurde daher verneint.162
Unabhängig von den widersprüchlichen Angaben bezüglich der Haftzeit: Vor und nach der Haft in Belgrad hielt sich Ries „illegal in Serbien, Dalmatien und Kroatien“ auf163, unter anderem unangemeldet in Zagreb164, wie er selbst später angab. Dalmatien wiederum befand sich seinerzeit unter italienischer Kontrolle, nachdem Italien und der Unabhängige Staat Kroatien im September 1941 miteinander gebrochen hatten. Italien kooperierte daher nicht mehr auf dem „Gebiet der Verfolgungspolitik“165, was Juden in Dalmatien vor der Auslieferung in kroatische Lager schützte. In Serbien und im USK hingegen lebten 1942 kaum noch Juden, die nicht interniert waren, und im gesamten Königreich Jugoslawien wurden während der deutschen Besatzung letztlich rund 80 Prozent der 70.000 bis 75.000 jüdischen Bewohner ermordet.166 In dieser Situation der permanenten Unsicherheit, des Schwankens zwischen zeitweiliger relativer, gleichwohl keineswegs verlässlicher Sicherheit und ständiger Furcht vor Inhaftierung und Abschiebung verbrachte Alfred Ries seine Jahre in Jugoslawien ab Ende 1941.
Die Leidenszeit von Ries war aber auch dann noch nicht beendet, als Partisanen unter Marschall Josip Tito das Land ab 1943 zunehmend unter ihren Einfluss brachten: Bereits Ende 1944 wurden nunmehr alle Deutschen in Jugoslawien vom durch Tito-Truppen eroberten Belgrad aus zu „Volksfeinden“ erklärt, denen ihre Rechte und ihr Vermögen aberkannt bzw. entzogen wurden.167 Nach der endgültigen Machtübernahme Titos im Juni 1945 wurde Ries im Stadtviertel Jankomir in Zagreb festgesetzt und kam wiederum für sechs Monate in Haft.168 Er verlor dabei, wie er später angab, sein letztes Hab und Gut, das ihm geblieben war.169
Nachdem sich geklärt hatte, dass Ries kein Mitglied oder Anhänger der Nationalsozialisten war, wurde er „auf Beschluss des kroatischen Innenministeriums“170 vom 20. November 1945 Anfang Dezember aus dem aus einem Lazarett und vier Lagern bzw. Arbeitsbataillonen bestehenden Sammellager Brčko (bzw. „Pretschki“171) freigelassen.172 Die Haftzeiten aller vier genannten Inhaftierungen von Ries – also in Stubica, Lipik, Belgrad und Brčko – wurden 1949 von drei Zagreber Zeugen an Eides statt bestätigt.173
Die Rückkehr nach Deutschland – und der zähe Kampf um Entschädigung
Nach seiner Freilassung aus Brčko gelangte Alfred Ries über Ungarn und Österreich nach Deutschland, wo er am 15. Oktober 1946 in Lindau am Bodensee eintraf174 und anschließend in seine Heimatstadt weiterzog. Dort wohnte er im November 1946 für fast drei Wochen bei seinem Freund (und Werder-Mitglied) Albert „Abbi“ Drewes, ehe er aus unbekannten Gründen vorübergehend nach Baden-Württemberg zurückkehrte und sich für kurze Zeit in Sigmaringen aufhielt. Als er zum Jahreswechsel 1947 wieder in Bremen eintraf, kam er zunächst erneut bei Drewes unter.175 Beim Stadt- und Polizeiamt war Ries dann offiziell ab dem 13. Januar 1947 gemeldet, als registrierter Rückkehrer in einer ihm zugewiesenen, möblierten Wohnung in der Tettenbornstraße 7 in Schwachhausen (in der übrigens zuvor ein inzwischen verstorbener Gestapo-Beamter gewohnt hatte).176

Walter Ries-Eberhard, hier 1950 auf einem Bild, mit dem ein Zeitungsartikel über eine „Wiederbegegnung mit Direktor Walter Ries“ illustriert war (Quelle: Bremer Nachrichten)
Während Alfreds jüngerer Bruder Adolf nach dem Zweiten Weltkrieg als nunmehriger Rowland A. Ries in den USA blieb, kehrte der ältere Bruder Walter ebenfalls nach Bremen zurück. Er arbeitete nach 1945 unter anderem als Konzertagent177, das Bremer Adressbuch wies ihn ab 1951 mit Wohnsitz in der Parkstraße 30, Mitte der 1950er in der Bismarckstraße 52 und von 1956 bis 1958 in der Rückertstraße 9–11 aus.178
In seiner Bremer Zeit war er mit „Berta Ries-Eberhard, verwitwete Kander, geborene Grötzinger“179 verheiratet. Später zog er in die Hirschbergstraße 15 in Marburg/Lahn und schließlich nach Frankfurt am Main, wo er in der Gartenstraße 74 wohnhaft war.180 Für seine eigenen Schäden durch die Herrschaft der Nationalsozialisten erhielt Walter Ries vom Amt für Wiedergutmachung Stuttgart am 9. August 1952 die Summe von 4.000 DM zugesprochen.181 Außerdem hatte er in München Ansprüche geltend gemacht.182
Zu seinem in die USA ausgewanderten Bruder Adolf/Rowland hatte Alfred Ries zumindest bis Ende 1945 keinen Kontakt.183 Dieser hatte dort 1943 einen Antrag auf Einbürgerung gestellt, als Berufsstand war „Verkäufer“ vermerkt.184 Aus dem Geburtsort seiner zweiten Ehefrau Lena Mae Williams Ries in Sullivan County im US-Bundesstaat Missouri ist ein Grabstein mit Rowlands Geburts-, aber ohne sein Sterbedatum bekannt, derweil für seine Frau Lena beide Daten vermerkt sind: Sie starb mit nur 33 Jahren bereits am 16. Mai 1943.185 In den folgenden Jahren reiste Rowland Ries mehrfach nach Europa – gemeinsam mit einer Frau namens Annamaria.186 Er arbeitete nun als Büroangestellter und wohnte Mitte der 1950er Jahre im New Yorker Stadtviertel Elmhurst in Queens.187 Rowland A. Ries verstarb im Gründungsjahr der Bundesliga und wurde am 25. Mai 1963 im Bryn Mawr Park in Westchester im Norden von New York beigesetzt.188
Stellvertretend für seine Brüder machte zunächst Rowland Ries nach dem Krieg Wiedergutmachungsansprüche für das Unrecht geltend, welches seinen Eltern widerfahren war. Für das Tragen des „Judensterns“ und die Haft in Theresienstadt erhielt jeder der drei zu gleichen Teilen erbberechtigten Söhne im Februar 1958 pro Elternteil jeweils 700 DM Entschädigung zugesprochen.189 Für den Schaden im beruflichen Fortkommen des Vaters durch die Deportation erhielten seine Söhne insgesamt 173 DM.190 Entschädigungen für Möbel und sonstiges Eigentum, welches Eduard und Rosa Ries vor dem zwangsweisen Umzug in das Bremer „Judenhaus“ bzw. das jüdische Altenheim sowie vor der Deportation zurücklassen mussten191, gab es nicht. Vielmehr wurde dem später im Wiedergutmachungsverfahren als Antragsteller aktiven Alfred Ries auferlegt, „die Beschlagnahme der Vermögensgegenstände seiner Eltern glaubhaft zu machen“192 – obwohl eine Beschlagnahmung des Eigentums der Bewohner des jüdischen Altenheims durch die Gestapo tatsächlich stattgefunden hatte, „von der Vermögensstelle des Bremer Oberfinanzpräsidenten abgewickelt“193 worden war und die Gegenstände von Bremer Gerichtsvollziehern versteigert wurden.
Da Ries die Eigentumsnachweise nicht vorlegen konnte – er war ja zum Zeitpunkt der erzwungenen Wohnungswechsel bzw. der Deportation seiner Eltern im Ausland gewesen –, zog er den aussichtslosen Antrag auf Entschädigung am 7. April 1951 zurück.194 Als ihm dieser Antrag auf Entschädigung mit einer Auflistung des Inventars der Eltern dann mangels Nachweises der Enteignung als falsche eidesstaatliche Versicherung vorgeworfen wurde, stellte die Oberstaatsanwaltschaft das Verfahren letztlich ein, da Ries seinerzeit bei der Beantragung von Entschädigung das ihm bekannte Inventar der Eltern vor seinem Weggang ins Ausland zugrunde gelegt hatte. Die „Arisierung“ des Besitzes vor dem Umzug in das Altenheim und bei der Deportation ließ sich laut Justiz nicht mehr rekonstruieren, was aber nicht Ries zur Last gelegt werden konnte.195
Juristisch behandelt wurde auch das Wiedergutmachungsverfahren von Alfred Ries selbst. Dabei ging es neben den genannten Haftzeiten und beruflichen Stationen insbesondere um vier sogenannte Gewerbelegitimationskarten, die zwischen 1935 und 1944 in Bremen auf ihn ausgestellt worden waren, die erste davon am 15. Juni 1935 „auf besondere Anordnung des Reg. Rats Dr. (Wedemeyer196) für Geheime Staatspolizei (Frischmuth)“197. Diese Karte zur Erlaubnis gewerblicher Tätigkeiten im Ausland galt zwölf Monate und wurde aufgrund fehlender „Versagensgründe“198 am 18. Juni 1936 verlängert, des Weiteren am 21. Oktober 1942 sowie am 30. April oder (wahrscheinlicher) am 31. Juli 1944199, nunmehr explizit „für alle vertragsschließenden Staaten, insbesondere für Kroatien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Italien“200 geltend. Die neueren Verlängerungen erfolgten, weil sie „im Reichsinteresse erforderlich“201 gewesen seien. Sie erhielten keine Hinweise auf den jüdischen Hintergrund von Ries.202 Juden hätten entsprechende Dokumente nach 1938 auch gar nicht mehr erhalten können.

Alfred Ries auf einem undatierten Foto, das seiner Wiedergutmachungsakte beigefügt war (Quelle: Staatsarchiv Bremen)
Ob Ries 1935 persönlich im Bremer Gewerbeamt war, um die Gewerbelegitimationskarte abzuholen, ist dem damaligen Sachbearbeiter des Stadt- und Polizeiamtes im Verfahren nach dem Krieg nicht mehr in Erinnerung gewesen.203 Ries selbst gab zunächst an, nie im Besitz der ersten sowie der beiden jüngeren Karten gewesen zu sein.204 Nur den Besitz der Karte von 1936, die den Behörden vorlag, bestätigte er direkt. In der Wiedergutmachungsakte findet sich dieses Original der dreisprachigen (deutsch, englisch, französisch) Gewerbelegitimationskarte vom 18. Juni 1936, mit Passfoto und ausgestellt von der Polizeidirektion Bremen auf Alfred Ries, welche offiziell eine Gültigkeit von zwölf Monaten besaß und für „Handelsvertretungen in Bremen“ sowie in allen „vertragsschließenden Staaten insbesondere auch für Jugoslawien“ galt.205 Erst in einer Anhörung am 10. Oktober 1953 widersprach Ries der behördlichen Feststellung nicht mehr, alle vier Gewerbelegitimationskarten erhalten zu haben.206
Die Entgegennahme deren erster in Bremen – gegebenenfalls über Dritte – wäre dabei durchaus plausibel: Erstens war Ries im Ausstellungszeitraum noch einmal in Bremen gemeldet, zweitens wies ihn auch das für das Folgejahr ausgestellte Bremer Adressbuch nun wieder aus – mit Wohnsitz in der Manteuffelstraße 37207 – und drittens berichtete der SV Werder in seinen Vereinsnachrichten vom Juli 1935 von einem Pfingstbesuch seines früheren Präsidenten sowie schließlich von dessen endgültiger Abmeldung nach Jugoslawien.208 Dieser Besuchszeitraum wiederum passt zum Ausstellungsdatum der Gewerbekarte.
Ries selbst erklärte nun gegenüber dem Amt für Wiedergutmachung, er habe die Gewerbelegitimationskarte durch einen Mittelsmann beim Außenhandelskontor erhalten. Die Beamten notierten dazu in einem Aktenvermerk einen „Dr. Döning oder ähnlich“209 als Übermittler der Karten. Gemeint war hiermit zweifelsfrei der mit Ries befreundete Dr. Alfred Lörner, der – 1933 in die NSDAP eingetreten und später im Rahmen der Entnazifizierung auch aufgrund einer Erklärung von Alfred Ries als unbelastet eingestuft210 – vor 1938 nicht nur Leiter der regionalen Außenhandelsstelle des Auswärtigen Amtes, sondern von 1934 bis 1938 auch bei der damaligen Abwehrabteilung in Bremen, also dem militärischen Nachrichtendienst, beschäftigt211 und „im Auftrage des Reichskriegsministeriums“ in „ganz Europa und Russland“ unterwegs war.212 Auch später in Rumänien war er noch für die Abwehr tätig213, ehe er 1944 in russische Kriegsgefangenschaft geriet, aus der er erst 1956 zurückkehrte.214
Eine Einflussnahme von Lörner auf die Ausstellung von Gewerbelegitimationskarten in Bremen ist daher bis 1938 sehr wahrscheinlich, anschließend allerdings eher unwahrscheinlich, wenngleich er zumindest durch Urlaube und den Schulbesuch seines Sohnes in der Hansestadt bis mindestens 1943 weiter Kontakt nach Bremen hielt.215 Ries selbst beschrieb als Zeuge im Entnazifizierungsverfahren gegen Lörner am 21. Dezember 1948 sein Verhältnis zu ihm, äußerte sich dabei durchweg positiv und hob unter anderem hervor, aus Lörners Verhalten ihm gegenüber habe „stets eine wohltuende Gesinnung gesprochen, die ich ihm nie vergessen werde“.216
Für die „I Wi“-Sonderstelle „Bremen“ bzw. „Roland“, also den Geheimen Meldedienst Wirtschaft der für Nachrichtenbeschaffung zuständigen Abwehr-Abteilung I, war wiederum, das belegen Geheimdienstunterlagen aus dem britischen Nationalarchiv, Walter Frischmuth tätig.217 Dieser „Untergruppe Wirtschaft der Abwehr I“218 oblag dabei die Observierung der Rüstungsindustrien anderer Länder. Frischmuth erhielt bei seiner Tätigkeit einen ungewöhnlichen Grad an Freiheiten219 und unterstand mit seinem „umfangreichen Agentennetz“220 direkt der entsprechenden Abteilung der Abwehrzentrale in Berlin.221

Die Stellungnahme von Alfred Ries zu Alfred Lörner in dessen Entnazifizierungsakte (Quelle: Staatsarchiv Bremen)
Im Jahre 1934 hatte Frischmuth im Zuge einer Nachforschung für die Gestapo die Kontakte der „Weser-Aussenhandelsstelle (Foreign Trade Office) directed by one Dr. Lörner“222 zum ersten Mal genutzt und diese Schnittstelle seither strukturell zur Informationsbeschaffung ausgebaut.223 Dabei band er offenbar auch große Im- und Export-Unternehmen im Ausland ein.224 Tatsächlich hat die Abwehrabteilung I, so schrieb es jedenfalls 1977 der ebenso kundige wie streitbare DDR-Propagandist Thomas Bergner unter dem Pseudonym Julius Mader, auch im Ausland lebende Juden und insbesondere jüdische Vertriebsmitarbeiter deutscher Firmen bzw. Kaufleute bevorzugt für V-Mann-Tätigkeiten angeworben.225 Ein Grund dafür war, dass diese bei Tätigkeiten im Ausland weniger verdächtig erschienen.226
Jedenfalls standen Lörner und Frischmuth laufend in Kontakt, Lörner hatte Frischmuth der Berliner Abwehr einst sogar überhaupt erst empfohlen.227 Der Leiter der Außenhandelsstelle war es offenbar auch, der sich bei Frischmuth nach der Möglichkeit der Ausstellung einer Gewerbelegitimationskarte für Alfred Ries erkundigte, obwohl der sich nach Frischmuths Erinnerung zum Zeitpunkt der Anfrage Lörners gar nicht mehr in Bremen befand.228 Frischmuth organisierte schließlich die entsprechende Karte für Ries bei der Bremer Gestapo, da er den zuständigen Mitarbeitern bekannt und ohnehin aufgrund der Struktur der Sicherheitsbehörden grundsätzlich zur Beantragung und Abholung entsprechender Ausweise und Pässe berechtigt war.229 Dabei konnte es sich auch um falsche Dokumente handeln.230 Die Abholung erfolgte im konkreten Fall mit einem Passbild von Ries, welches Frischmuth nach eigener Erinnerung über Lörner erhielt.231 Gut möglich also, dass Lörner die Karte bei der Gestapo abholte oder direkt von Frischmuth entgegennahm und sie Ries nach den Pfingsttagen 1935 bei dessen Heimatbesuch übergab.
Durch britische, US-amerikanische und deutsche Militäraktenbestände ist mittlerweile belegt, dass Juden mithilfe der Abwehr Schutz gewährt wurde, nicht zuletzt durch die Beschäftigung jüdischer V-Männer oder Unterstützung bei der Ausreise.232 Mit offiziell besorgten oder falschen Pässen – teilweise, wie im Fall Ries233, ohne das ab 1938 übliche eingedruckte „J“234 – bzw. Passersatzdokumenten konnten die solcherart Unterstützten noch viele Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten unbehelligt reisen.235 Dafür war die Abwehr wiederum auf Kooperationen mit den örtlichen Polizeiämtern angewiesen.236
Für die Abwehrstelle Bremen ist diese Dokumentenbeschaffung inzwischen nachgewiesen – ohne dass dabei die Papiere letztlich zwingend persönlich von den Empfängern hätten abgeholt werden müssen.237 Die Bremer Abwehr soll außerdem – aus welchen Motiven auch immer – auf den Einsatz jüdischer V-Leute spezialisiert gewesen sein, denen fortan ein gewisser Schutz vor den Nationalsozialisten geboten wurde. Entsprechende Anwerbungen jüdischer oder halbjüdischer Agenten bzw. Mitarbeiter sind belegt238, genauer führt dies auch Sabine Pamperrien in diesem Buch aus. Sogar Rückstellungen von Deportationen konnte die Bremer Abwehr in Einzelfällen erwirken.239 Gleichwohl war die Institution „Amt Ausland/Abwehr“ nun auch kein genereller Hort des Widerstands und nicht per se kritisch gegenüber den Nationalsozialisten eingestellt, sondern blieb insgesamt Teil der NS-Organisationsstruktur und Zuarbeiter für deren politische Ziele.240
Walter Frischmuth jedenfalls kannte Alfred Ries schon aus seiner Zeit als Polizeibeamter in Bremen vor 1933 und gab schließlich bei einer Befragung im Rahmen des Wiedergutmachungsverfahrens von Ries sogar an, ihn 1941 in Jugoslawien aus dem Gefängnis befreit zu haben.241 Die beiden sollen nach Angaben des Zeugen Eduard König, einst Mitarbeiter Frischmuths242, in Briefkontakt gestanden und sich unter anderem über Treffpunkte ausgetauscht, des Weiteren Ries dem Sachbearbeiter des Wiedergutmachungsverfahrens von einer „Freundschaft“ zu Frischmuth berichtet haben.243
Dass Frischmuth, der auch unter den Alias-Namen „Henry Briggemann“, „Alfons Steffens“ und „Walter Freymann“ aktiv war244, tatsächlich bereits im April 1940 nach Jugoslawien reiste, um Agenten zu besuchen und einen Austausch politischer Gefangener umzusetzen, wurde zumindest von einem Zeugen behauptet.245 Nachweislich hat sich Frischmuth in den Jahren 1940 und 1941 jedenfalls mehrfach in Belgrad aufgehalten und geriet dort auch selbst in Haft.246 1941 kam er offenbar als Nachhut beim Einmarsch der Wehrmacht mit der Abwehr nach Jugoslawien, der Balkan soll zu seinen Zuständigkeitsgebieten gehört haben.247 Die Aussage Frischmuths, er habe Ries in Jugoslawien aus dem Gefängnis befreit, ist daher durchaus plausibel.
Ries gab in seinem Entschädigungsverfahren an, Gewerbelegitimationskarten benötigt zu haben, da er „in der Emigration keinerlei Ausweise besessen“248 habe. Wahrscheinlich brauchte er tatsächlich vor allem ein Dokument, das ihn als deutschen Staatsbürger, nicht aber als Juden auswies – im Gegensatz zu einem von ihm 1952 offenbar der Wiedergutmachungsbehörde vorgelegten deutschen Reisepass mit einem „J“. Das Ausstellungsdatum dieses Dokuments ist unbekannt249, entsprechende Ausweise gab es ab 1938. Spätestens mit dem Einmarsch der Deutschen in Jugoslawien wird Ries kein entsprechendes Dokument mehr erhalten haben können. Ein solcher Ausweis könnte also höchstens zuvor vom deutschen Konsulat in Kroatien ausgestellt worden sein.
Tatsächlich verlor Ries erst 1941 seine deutsche Staatsbürgerschaft.250 Zumindest ab diesem Zeitpunkt waren die Gewerbelegitimationskarten daher besonders relevant, denn in der Illegalität hätte er sich angesichts der ständigen Gefahr von Kontrollen kaum ohne Ausweis bzw. mit einem seinen jüdischen Hintergrund offenlegenden Passdokument bewegen können. Der Sachbearbeiter des Bremer Stadt- und Polizeiamtes war sich im Entschädigungsverfahren aber sicher, dass insbesondere die ausgestellten Karten der Jahre 1942 und 1944 „von Beamten der Geheimen Staatspolizei unter Vorlage der Ersuchen beantragt und in Empfang genommen worden“ sein mussten.251 Diese beiden Beamten wiederum, Burkhardt und Heitmann, gaben an, die Karten lediglich zugestellt zu haben.252 Eine persönliche Anwesenheit von Ries sei nicht unbedingt erforderlich gewesen. Möglich ist also, dass Ries die beiden jüngeren Karten ebenfalls über Dritte erhalten hat.
Einer der Sachbearbeiter der Wiedergutmachungsbehörde notierte diesbezüglich in einer Aktennotiz, Frischmuth habe Ries auch die Karte von 1944 besorgt253, und bezog sich auf die eidesstattliche Erklärung des Abwehrmanns, der darin aber gar keine entsprechende Aussage getätigt hatte – er war sich nicht mehr sicher gewesen und hielt es angesichts der politisch zugespitzten Lage nach dem Stauffenberg-Attentat auf Hitler im Juli 1944 eher für unwahrscheinlich: Obwohl sicherlich noch Passbilder hierfür beim Polizeiamt vorgelegen hätten, wäre es auch aufgrund der politischen Situation nicht mehr ohne Weiteres möglich gewesen, entsprechende Gewerbelegitimationskarten zu erhalten, da „jeder einzelne Fall schärfstens überprüft und nur in den dringendsten Fällen ein Ausweis erteilt“ worden sei.254
Und selbst wenn die später aufgeworfene und bis heute unbelegte These zuträfe, Ries habe die Gewerbekarten nicht durch persönliche Beziehungen und zum Schutz seiner Person, sondern aufgrund einer tatsächlichen V-Mann-Tätigkeit für die Gestapo erhalten, so wäre eine Dokumentenbeschaffung nicht erst seit dem Attentat auf Hitler, sondern bereits nach dem 1941 erlassenen Auswanderungsverbot für Juden und der Untersagung des Einsatzes „volljüdischer“ V-Leute im Juli 1943 immer schwieriger bis fast unmöglich geworden.255 Sämtliche bis 1943 als V-Leute eingesetzten Personen mussten schließlich in jenem Jahr an die Abwehrzentrale in Berlin gemeldet werden, wobei es allerdings auch hier in der Praxis Ausnahmen gab.256 Der Sachbearbeiter des Stadt- und Polizeiamtes vertrat nach dem Krieg jedenfalls die Auffassung, dass die Karten von 1942 und 1944 nicht einmal vom zuständigen Abteilungsleiter oder dem Polizeipräsidenten hätten „abgelehnt“ werden können.257
Bei der Bearbeitung dieser komplexen und verworrenen Gesamtthematik durch die Sachbearbeiter der Bremer Wiedergutmachungsbehörde kam diesen angesichts der ihnen vorliegenden Gewerbelegitimationskarte, ihres Wissens um die Existenz der weiteren Karten, der damit verbundenen Unklarheiten hinsichtlich deren Herkunft und Zweck sowie zweier (allerdings tatsächlich höchst fragwürdiger) Zeugenaussagen letztlich der Verdacht, Ries sei „keinesfalls […] wegen seiner Rasse verfolgt worden“, sondern „im Gegenteil sogar für die Gestapo oder wenigstens doch für deutsche Stellen im Ausland tätig gewesen“ bzw. habe „in den Diensten der Wehrmacht-Abwehrstelle Bremen unter Leitung des damaligen Hauptmanns Frischmuth“ gestanden.258 Ries bestritt dies umgehend.259

Der Stein des Anstoßes: die in den Akten der Wiedergutmachungsbehörde erhalten gebliebene Gewerbelegitimationskarte von 1936 (Quelle: Staatsarchiv Bremen)
Die Sachbearbeiter stützten sich mit ihrer Vermutung vornehmlich auf Andeutungen der beiden Bremer Polizeibeamten Bruno Nette und Friedrich Linnemann.260 Diese waren zeitweise als sogenannte Judenreferenten für die Gestapo aktiv gewesen und hatten sich maßgeblich an Deportationen von Juden aus Bremen bzw. Athen in die nationalsozialistischen Konzentrationslager beteiligt.261 Nette, der seit 1937 der NSDAP angehörte und 1940 für ein Jahr für die „Spionageabwehr“ der Gestapo tätig gewesen war262, hatte als „einer der Leiter des Bremer Judenreferats“263 unter anderem sogar just jene Deportation organisiert, der die Eltern von Alfred Ries zum Opfer fielen.264 Auch andere in diesem Buch erwähnte Werderaner und ihre Familien waren unter der Leitung bzw. Begleitung Nettes und Linnemanns aus Bremen weggebracht und enteignet worden.265
Es war strukturell nicht untypisch, dass Nette nach dem Krieg im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens schlussendlich als minderbelastet angesehen wurde und als „Mitläufer“ lediglich eine dreijährige Bewährungsstrafe erhielt.266 Das Urteil muss insbesondere mit Blick auf die belastenden Zeugenaussagen gegen ihn und seine bewusst-naive Darstellung der Deportationen in den Ohren der Opfer der Shoah wie Hohn geklungen haben.267 Sein Kollege Linnemann kam derweil nach 1945 sogar beim Fürsorgeamt unter.268 Dieser Hintergrund der beiden mithin zumindest befangenen „Zeugen“ wurde weder im Wiedergutmachungsverfahren noch in einer Veröffentlichung des Politikwissenschaftlers Arthur Heinrich erwähnt, der sich 2017 in der Zeitschrift SportZeiten genauer mit dem Verfahren auseinandergesetzt und dabei Ries nicht zuletzt basierend auf ihrer beider Aussagen erneut in den Dunstkreis der Kollaboration gerückt hat.269 Diesen Umstand beleuchtet Dirk Harms in seinem Beitrag zum vorliegenden Buch eingehend.
Ausgerechnet der vormalige Judenreferent der Gestapo, Friedrich Linnemann, deutete nun also in seiner Aussage gegenüber der Wiedergutmachungsbehörde an, Ries sei möglicherweise in „Listen der Agenten“ der „Kriegsmarinedienststelle Bremen“270 erwähnt worden. Der damit in die Welt gesetzte Verdacht der verdeckten Arbeit Ries‘ für die deutsche Auslandsspionage und darauf basierende scheinbar „berechtigte Annahmen“ auf „Mitglied[schaft in] der NSDAP ab 1933“ oder einer anderen NS-Organisation271 lassen sich jedoch nach der vorliegenden Quellenlage nicht bestätigen: In den beim Militärarchiv des Bundesarchivs gesammelten „Personalbögen von V-Männern und R-Männern“ der Abwehrnebenstelle bzw. Marinenebenstelle Bremen werden Dutzende V-Leute aufgeführt, auf Hunderten von Seiten sind deren Vitae, Verpflichtungserklärungen sowie teilweise Spionageberichte und Auslagenerstattungen dokumentiert, ebenso Listen von anonymisierten V-Leuten und Berichte über vernichtete Personalbögen272 – der Name Alfred Ries taucht im Aktenbestand des Militärarchivs nicht auf.
Zwar ist der gesamte Aktenbestand nicht vollständig vorhanden, doch wird Ries auch in keiner Liste der Mitarbeiter und Agenten Frischmuths geführt, die dem britischen Geheimdienst vorlag.273 Für eine „Spionage-Tätigkeit“274 – ob auf freiwilliger Basis, für materielle Gegenleistungen oder (und das war offenbar in der Mehrzahl der tatsächlichen Fälle ausschlaggebend275) als Gegenleistung für den Schutz der Betroffenen und ihrer Familien – gibt es im Fall Ries keinerlei Beweise. Ob die Eltern von Alfred Ries vor ihrer Deportation besonderen Schutz vonseiten der Abwehr bzw. seiner dortigen Freunde genossen haben, ist nicht überliefert. Es mag insofern reiner Zufall sein, dass Rosa und Eduard Ries vor ihrem Umzug in die Parkstraße Ende 1937 zunächst in direkte Nachbarschaft von Walter Frischmuth in der Mathildenstraße zogen.276 Ries hatte zu seinen Eltern zuletzt keinen Kontakt mehr277, was aber dem Schutzbedürfnis des Sohnes für die Eltern nicht widersprechen muss.
Die Gewerbekarten hatte Ries offenbar tatsächlich für die genannten Generalvertretungen verschiedener Handelsunternehmen sowie – auch vor dem Hintergrund der späteren Ausbürgerung278 – als Passersatz zum legalen Aufenthalt und zum Reisen auf dem Balkan benötigt. Auffällig dabei ist, dass die Karten, zumindest das bekannte Exemplar von 1936, für Bremer Handelsvertretungen galten. Auch im Antrag von 1942 hieß es: „R. hat hier das Gewerbe gemeldet“ [Hervorhebung vom Autor] und „beabsichtige für seine Handelsvertretungen Waren aufzukaufen und Bestellungen auf Waren zu suchen“279. 1944 war ebenfalls von „Handelsvertretungen in Bremen“280 die Rede. Die in der Personalakte von Alfred Ries beim Auswärtigen Amt aufgeführten Firmen, für die er Generalvertretungen übernommen haben soll, stammen hingegen aus aller Welt – aber keine hatte ihren Sitz in Bremen.281 Möglicherweise unterhielten sie jedoch Geschäftsbeziehungen in die Hansestadt.
Walter Frischmuth selbst gab später an, Ries sei kein Agent gewesen, sondern habe die Gewerbelegitimationskarten nur erhalten, um im Ausland „unbehelligt“ bleiben zu können.282 Vielleicht wurde Ries für die als „geheim“283 deklarierte Beschaffung der Karten sogar intern als V-Mann geführt. Dazu würde die von einem Sachbearbeiter des Wiedergutmachungsverfahrens zitierte Aussage Frischmuths passen, es könne sein, dass der Name Ries in den Akten der Abwehr mit „fremdem Material“284 zur Situation auf dem Balkan auftauche. Dieses bisher nicht aufgefundene Material könnte im Falle seiner tatsächlichen Existenz deshalb angelegt worden sein, um es bei Nachfragen anderer NS-Organisationen als vermeintliche Belege für das angebliche Dienstverhältnis von Ries präsentieren zu können und sich so argumentativ abzusichern.
Der Historiker Winfried Meyer konstatiert zu der Thematik grundsätzlich:
„Einzelne oppositionell eingestellte Abwehroffiziere scheinen ohne Wissen ihrer Vorgesetzten ihre dienstlichen Möglichkeiten genutzt zu haben, um persönlichen Bekannten und Freunden oder Kriegskameraden jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft mit dem Status eines V-Mannes der Abwehr eine gewisse Protektion zu verschaffen, ohne dass die auf diese Weise zumindest einigermaßen und vorübergehend Geschützten tatsächlich für die Abwehr aktiv werden mussten.“285
Frischmuth bestätigte dies für Ries:
„Ich möchte ausdrücklich betonen, dass es für mich vollkommen klar war in diesem Falle, dass es sich nicht um Ausstellung eines echten Agentenausweises handelte, sondern nur um eine Bescheinigung, die es dem Antragsteller ermöglichen sollte, unbehelligt im Ausland verweilen zu können. Ich bemerke hierzu, dass es sich bei dem Antragsteller Ries nicht um den einzigen Fall dieser Art handelte, dass Nicht- oder Halbariern solche Ausweise ausgestellt wurden.“286
Und er ergänzte:
„Ich möchte abschließend mit aller Sicherheit und Bestimmtheit erklären, dass mir,[sic!] sowohl wie dem Antragsteller Ries von Anfang an klar war, dass es sich bei der Erteilung der Legitimationskarte nur um eine Tarnung und Sicherung des Antragsstellers Ries handeln sollte, und dass ein Gebrauchmachen in irgendeiner Weise für die Zwecke der Gestapo nicht in Betracht kam.“287
Diese Aussagen erfuhren allerdings im Laufe des Wiedergutmachungsverfahrens für Ries nur wenig Berücksichtigung. Dabei hatte sich Frischmuth mit ähnlichen Aktionen nachweisbar auch für weitere Juden eingesetzt, so nach eigener Aussage für den (in den Beiträgen von Sabine Pamperrien und Marcus Meyer erwähnten) Kinderarzt Professor Rudolf Hess sowie für Herbert Rosenthal288, dessen Schicksal in diesem Buch eingehend dargestellt wird. Über sein Vorgehen sei sein Vorgesetzter, Admiral Canaris, informiert gewesen und habe es gedeckt. In anderen Fällen habe Canaris ihn sogar direkt beauftragt, Juden über die Grenze zu bringen, wofür Frischmuth beispielhaft die „Namen Cahn und Löwenstein“289 nennt.
Und selbst wenn es doch anders gewesen wäre: Aufgrund der Organisation der Abwehr in Bremen und der Aufgabenbereiche von Alfred Lörner und Walter Frischmuth wäre sogar bei einer tatsächlichen V-Mann-Tätigkeit von Alfred Ries in erster Linie eine Rolle im Bereich der genannten Abteilung I Wi denkbar gewesen290 – also die Zulieferung von Informationen zur (Rüstungs-)Wirtschaft, in diesem Fall aus Jugoslawien.291 Wie betont, fehlen jedoch für diese These, bei deren Zutreffen dann auch die Nebenstellen Belgrad und/oder Zagreb des Amtes Ausland/Abwehr eingebunden gewesen sein müssten292, jegliche Belege. Bereits 1948 wurde Alfred Ries auf Basis der damaligen Erkenntnislage durch den Bremer Senator für politische Befreiung als „unbelastet“293 eingestuft. Und Frischmuth selbst hielt es für ausgeschlossen, dass Ries in solche Aktivitäten eingebunden gewesen sein könnte.294
Im weiteren Verfahren konstatierte dann auch der Mitarbeiter des Wiedergutmachungsamtes Ende 1952, dass es keine Beweise für die These einer Gestapo-Tätigkeit von Alfred Ries gebe.295 Der Vorwurf der Kollaboration oder Mitgliedschaft in NS-Organisationen – welchen das kroatische Innenministerium 1945 und das Berlin Document Center 1952 ebenfalls negierten296 – wurde mit dem durch Vermittlung von SPD-Senator Gerhard van Heukelum forcierten Abschluss des Verfahrens im Januar 1954 fallen gelassen.297 Ries wurde in dem Verfahren übrigens durch den jüdischen Rechtsanwalt Dr. Alexander Lifschütz vertreten. Dieser hatte 1918 zusammen mit Ludwig Roselius den Bremer Ableger der „Deutschen Vaterlandspartei“ gegründet und war später Mitglied der „Deutschen Volkspartei“ geworden. Lifschütz verlor nach der Machtübernahme der NSDAP seine Zulassung als Anwalt, wanderte über die Schweiz in die Niederlande aus und amtierte nach dem Krieg von 1947 bis 1949 als Bremer Senator für politische Befreiung.298 Das Gerichtsverfahren gegen Alfred Ries wegen falscher Angaben im Rahmen seiner Wiedergutmachungsanträge wurde schließlich eingestellt.299
Die Sporthistoriker Peiffer und Wahlig schrieben noch 2012 angesichts der geschilderten Ereignisse und Verfahren über diese Phase zusammenfassend: „Diesem Lebensabschnitt von Alfred Ries haftet etwas sehr Nebulöses an, das durch widersprüchliche Aussagen und Darstellungen noch verstärkt wird.“300 Der Nebel lichtet sich etwas, wenn man den besagten Lebensabschnitt von Ries mit Flucht, Haft und Internierung unter Zuhilfenahme weiterer Quellen und Literatur einmal wirklich detailliert betrachtet, wie es im Vorangegangenen geschehen ist.
Aufbauhelfer für Sport, Wirtschaft und Politik
Bereits unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Jugoslawien wurde Ries im Frühjahr 1947 mit der Einrichtung und Leitung des Staatlichen Außenhandelskontors der Freien Hansestadt Bremen betraut, also jener Institution, die vor dem Krieg der Ries-Vertraute Dr. Alfred Lörner geleitet hatte.301 Auf Wunsch der Alliierten sollte der Außenhandel unter staatlicher Kontrolle wieder aufgebaut werden.302 Vier Jahre später wurde Ries durch Ernennung von Senatspräsident Wilhelm Kaisen (SPD) in das Beamtenverhältnis übernommen und leitete das Kontor nunmehr als Oberregierungsrat.303 In dieser Funktion vertrat er Bremen als Mitglied im Arbeitskreis „Außenhandel“ der Verwaltung für Wirtschaft in der britischen Zone bzw. in der Bizone304, im Länderfachausschuss für Außenhandel und von 1950 bis 1953 im Unterausschuss Außen- und Interzonenhandel des Wirtschaftsausschusses des Bundesrates.305
Einen zentralen Baustein bei der Reaktivierung alter bzw. dem Aufbau neuer Wirtschaftskontakte stellten Messen und Delegationsreisen dar. Bereits am 25. August 1948 nahmen Wirtschaftsvertreter aus allen vier Besatzungszonen an der sechsten St.-Eriks-Messe in Stockholm teil, bei der 1.400 Aussteller aus 20 Ländern den 220.000 Besuchern ihre Produkte vorstellten. Für die Bizone bzw. die Bremer Wirtschaft war Alfred Ries an der Koordinierung der Teilnahme an der bis heute als „Messe Stockholm“ fortbestehenden Veranstaltung beteiligt.306 Durch die Beteiligung an der Messe sollte das Handelsvolumen mit Schweden, welches 1939 noch im dreistelligen Millionenbetrag gelegen hatte und sechs Jahre später drastisch eingebrochen war, reanimiert werden.307
Um Kontakte ins Ausland anzubahnen und dadurch den Aufbau der durch den Krieg darniederliegenden Bremer Wirtschaft zu fördern, brachte das Außenhandelskontor ein Bremer Export-Import-Handbuch in vier Sprachen heraus.308 Alfred Ries beschrieb darin die Vorzüge der Wirtschaftsstandorte Bremen und Bremerhaven, Handelsvolumina, bevorzugte Märkte und einheimische Leitbranchen. Zudem enthielt das Handbuch die Kontaktdaten von Handelskammern, Konsulaten, Wirtschaftsverbänden und im Außenhandel tätigen Unternehmen samt einem Firmenverzeichnis, sortiert nach Wirtschaftszweigen, Warengruppen und Zielmärkten. Die Publikation trug nach Auskunft des Generalkonsuls Gustav Wilhelm Harmssen wesentlich zur Ankurbelung der Bremer Wirtschaftsbeziehungen nach Übersee bei. Auch vonseiten der Bremer Unternehmen wurde das Engagement von Alfred Ries beim Wiederaufbau der Wirtschaft positiv hervorgehoben.309 Inhaltlich stand das Handbuch in der Tradition der Publikation Bremen im Welthandel, die 1926 von der Zweigstelle des Auswärtigen Amtes für Außenhandel Bremen veröffentlicht worden war und 1927 in zweiter Auflage mit 10.000 Exemplaren verlegt wurde.310
Gesellschaftlich brachte sich Ries in Bremen ebenfalls wieder ein: Er wurde erneut Mitglied in der nach der Shoah im Wiederaufbau befindlichen Jüdischen Gemeinde Bremens und Vorsitzender der Bremer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit („Gesellschaft für Brüderlichkeit“ / „World Brotherhood“311). Und auch privat standen für ihn Veränderungen an: Vier Wochen nach der rechtmäßigen Scheidung seiner ersten Ehe heiratete er am 1. August 1949 Hilde Anna Vlajcic (geborene Baur)312, die er während seiner Zeit in Jugoslawien kennengelernt hatte. Seine zweite Ehefrau brachte die am 2. Juni 1940 in Freilassing im Berchtesgadener Land als Kind von Franjo Vlajcic geborene Tochter Anka mit in die Ehe.313 Zu seiner Stieftochter baute Alfred Ries ein sehr enges Verhältnis auf und adoptierte sie schließlich. Seine Frau betätigte sich derweil auch unternehmerisch: Im Jahre 1951 wurde sie Gesellschafterin der „‚Vienna‘ – Feine Strickwarenerzeugungsgesellschaft mit beschränkter Haftung“314. Der geschiedene Mann von Hilde Ries wiederum wollte einige Jahre später als Flüchtling nach Deutschland einreisen und führte hierzu einen Prozess gegen die Bundesrepublik, bei dem er Ries als Zeugen benannte.315
Im Sport machte sich Alfred Ries nach seiner Rückkehr nach Bremen als „Pionier“ um das „Wiederingangkommen des Spielverkehrs und die Schaffung einer der Stellung des Fußballsports gerecht werdenden Organisation“ in „besonders starker Weise“ verdient.316 Schon am 3. Oktober 1947 übernahm er wieder das Präsidentenamt bei Werder Bremen, wobei bemerkenswert ist, dass ihn sein Nachfolger in den 1930er Jahren, Willy Stöver, hierfür vorschlug.317 Der Verein hatte in den Jahren 1945 und 1946 bis zur Freigabe des alten Vereinsnamens durch die Militärregierung übergangsweise die Namen „Sportgemeinschaft Mitte“, „Turn- und Sportverein ‚Werder‘ von 1945“ und „Sport-Verein Grün-Weiß von 1899“ getragen.318 Hintergrund war, dass alle Sportvereine, die vor 1945 im Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen organisiert gewesen waren, nach Kriegsende zunächst verboten wurden und bei Neugründungen den alten Namen nicht nutzen duften.319 Diese strikte Vorgabe wurde in den folgenden Monaten schrittweise gelockert.
Ries sorgte schon 1948 mit der Einladung schwedischer Leichtathleten für einen internationalen Sportwettkampf im Weserstadion320, und auch für Werder ging es rasch bergauf: Der Verein hatte jetzt wieder knapp 1.000 Mitglieder.321 Als Geschäftsführer fungierte der von den Nationalsozialisten im Sinne ihrer Rassenideologie als sogenannter „Halbjude“ eingestufte Hans „Hansi“ Wolff, dem sich Carina Knapp-Kluge in diesem Buch näher widmet.

Vor dem Anstoß eines Werder-Spiels ehrt Alfred Ries die drei Medaillengewinner des Vereins bei den 1949 im Weserstadion ausgetragenen Deutschen Leichtathletikmeisterschaften: Ernst Becker (110 m Hürden, Silber), Karl Kluge (1.500 m, Gold) und Walter Janßen (Diskus, Bronze) (Quelle: Nachlass Hilde Ries)
Im Jahr 1949 erschien die Vereinschronik 50 Jahre Sport-Verein „Werder“, in der – in historischem Abstand schwer verständlich – Alfred Ries als Vorsitzender und Willy Stöver, im Dritten Reich „Vereinsführer“ des SVW, NSDAP-Mitglied322 und Fürsprecher einer „Säuberung in Sport und Gesellschaft“323, die Vereinsgeschichte gemeinsam Revue passieren ließen. Stöver, der laut eigener Aussage in seiner Entnazifizierungsakte nie bekennender Anhänger des Nationalsozialismus, sondern nur Opportunist gewesen sei, um keine Schwierigkeiten mit den Machthabern zu bekommen, schilderte die NS-Zeit nun zwar selektiv und bewusst unpolitisch, aber zumindest weniger euphorisch im Sinne der Ideologie der Nationalsozialisten als noch in der Chronik zehn Jahre zuvor (wo Ries und dessen Wirken übrigens keine Erwähnung gefunden hatten) oder insbesondere in den Vereinsnachrichten von 1934. Darin hatte Stöver die politischen Veränderungen des Jahres 1933 als in Erfüllung gegangenen „Wunschtraum“ beschrieben, die „gründliche Reinigung des deutschen Hauses von schweren Fäulniserscheinungen“ sowie das Ende des parlamentarischen Systems begrüßt und die „Bewunderung“ der Werderaner für Adolf Hitler bekundet.324 Dass Stöver nach dem Krieg wieder im Werder-Vorstand aktiv wurde und den Juden Alfred Ries als neuen Vereinsvorsitzenden vorschlug, erscheint für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar. Allerdings waren die beiden in den 1920er Jahren nicht nur gemeinsam im Werder-Vorstand aktiv gewesen325, es hatte sich darüber hinaus eine Freundschaft entwickelt, die zu einem Briefkontakt führte, selbst als sich Ries bereits in Kroatien aufhielt326. Stöver bezeichnete Ries 1949 als „unseren Freund Alfred“327, auch wurde in der Jubiläumsschrift das Zusammenwirken des Dreigespanns Alfred Ries, Willy Stöver und Albert „Abbi“ Drewes wiederholt genannt, wenn es um Werders Wiederaufbau nach dem Krieg ging328.

Alfred Ries und sein langjähriger Freund und Werder-Mitstreiter „Abbi“ Drewes (rechts) (Quelle: Nachlass Hilde Ries)
Am 8. Oktober 1949 wählte der Verbandstag des fortan für die Durchführung des Spielbetriebs in der Oberliga Nord und die Betreuung bzw. Überwachung des dortigen Vertragsspielerwesens zuständigen Norddeutschen Fußball-Verbandes (NFV) in Bad Harzburg Alfred Ries zu seinem stellvertretenden Vorsitzenden. Nur zwei Jahre danach legte Ries auf dem Verbandstag in Kiel sein Amt beim NFV zugunsten eines verstärkten Engagements auf höherer Ebene allerdings schon wieder nieder: Der 39. Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Hennef hatte bereits im Oktober 1950 mehrheitlich für ihn als „Referent für Presse- und Werbefragen“329 im DFB-Bundesvorstand gestimmt. Ries, der dadurch zugleich als neuer DFB-Vizepräsident auf den Düsseldorfer Hans Körfer folgte, professionalisierte von nun an die Öffentlichkeitsarbeit des Verbands, etwa durch die Einführung neuer Publikationen, um den Informationsfluss zu den Vereinen zu verbessern, durch den verstärkten Einsatz für mehr Rundfunk- und TV-Übertragungen der Nationalmannschafts- und Bundesligaspiele und durch einen regelmäßigen, institutionalisierten Austausch mit Sportjournalisten.330

Der Referent für Presse- und Werbefragen bei einem gemeinsamen Toast mit seinem Vorgesetzten, DFB-Präsident Peco Bauwens (rechts) (Quelle: Nachlass Hilde Ries)
Und auch abseits des Fußballs blieb er umtriebig: Als der Rotary Club Bremen am 25. Januar 1950 wiedergegründet wurde, zählte Ries bei der Auftaktversammlung im Bremer Ratskeller erneut zu den Gründungsmitgliedern331, und zwischen 1950 und 1952 informierte er nebenberuflich als Dozent der Bremer Volkshochschule interessierte Teilnehmer zum Thema Außenhandel.332 Sein ehrenamtliches Hauptengagement galt indes weiter der Funktionärsarbeit: Am 10. Dezember 1950 nahm Ries als Delegierter des DFB an der Gründung des Deutschen Sportbundes (DSB) im Neuen Rathaus in Hannover teil333, und als sich am 27. November 1951 in Bremen die örtliche Gruppe der Deutschen Olympischen Gesellschaft gründete, wählten die Mitglieder ihn zu ihrem Vorsitzenden.334 Ziel der Gründung war die Rückkehr der deutschen und insbesondere der Bremer Athleten auf die internationale Sportbühne.

Am 12. Dezember 1952 gehörte der elf Monate zuvor in München zum DSB-Vizepräsidenten gewählte Ries als Besprechungsteilnehmer neben unter anderem Willi Daume zu den Unterzeichnern des „Berliner Abkommens“ zwischen dem DSB und dem Deutschen Sportausschuss der DDR. Mit dieser Vereinbarung wurden die „Oberweseler Beschlüsse“ vom 21. September 1952335 aufgehoben und die Wiederaufnahme des innerdeutschen Sportverkehrs beschlossen.336 Damit verpflichteten sich die Sportverbände zum Verzicht auf politische Agitation bei Sportveranstaltungen und auf die politische Einflussnahme auf Sportler aus dem jeweils anderen Staat. Außerdem vereinbarten beide Länder eine bessere organisatorische Zusammenarbeit im Sport.

Alfred Ries nach dem DFB-Pokalfinale 1953 zunächst in gespannter Erwartung der Siegerelf und alsdann bei der Übergabe des vormaligen „Tschammer-Pokals“ an RWE-Kapitän August Gottschalk (Quelle jeweils: Vereinsarchiv Rot-Weiss Essen)
In seiner Funktion als Repräsentant des DFB begleitete Alfred Ries dann am 1. Mai 1953 das erste Finale des nach dem Krieg neu geschaffenen DFB-Pokalwettbewerbs.337 Er vertrat dabei Verbandspräsident Peco Bauwens, der nach London gereist war, um am Folgetag im Wembley-Stadion das englische Pokalfinale zwischen Blackpool und den Bolton Wanderers zu besuchen.338 Im DFB-Endspiel im Düsseldorfer Rheinstadion trafen derweil Rot-Weiss Essen und Alemannia Aachen aufeinander. Die beiden Teams hatten sich zuvor in vier K.-o.-Runden aus ursprünglich 32 Mannschaften durchgesetzt, die sich über die regionalen Pokalwettbewerbe für den Vereinspokal qualifiziert hatten – Werder Bremen war übrigens nicht darunter gewesen. Essen, mit Torhüter Fritz Herkenrath und Rechtsaußen Helmut Rahn, dem späteren WM-Torschützen von 1954, gewann an diesem warmen Freitagabend vor 37.000 Zuschauern gegen die Alemannia mit 2:1. Rahn hatte das vorentscheidende 2:0 kurz nach der Pause erzielt, für Aachen reichte der Anschlusstreffer von Josef „Jupp“ Derwall, der von 1978 bis 1984 Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft werden sollte, nicht mehr, um RWE den Pokalsieg noch streitig zu machen.
Die Siegermannschaft aus Essen um Kapitän August Gottschalk wurde nach dem Schlusspfiff von Alfred Ries mit der DFB-Pokaltrophäe geehrt. Dabei handelte es sich allerdings noch nicht um den „Pott“, wie er seit 1964 und bis heute an die jeweilige Siegermannschaft des Pokalendspiels vergeben wird. Vielmehr wurde zwischen 1953 und 1964 noch der sogenannte Tschammer-Pokal überreicht, benannt nach dem einstigen NS-Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten. Dieser silberne Kelch war 1935 eingeführt und trotz des Krieges noch bis zum Jahr 1943 ausgespielt worden, was zu Kuriositäten wie zwei Wiener Vereinen als deutsche Pokalsieger führte. Das in die Trophäe eingravierte Hakenkreuz wurde in den Nachkriegsjahren lediglich durch eine Plakette mit dem DFB-Logo überdeckt. Somit überreichte acht Jahre nach Kriegsende ein Jude in Deutschland eine Sporttrophäe, die ausgerechnet jenem Nationalsozialisten gewidmet war, der als Vorsitzender des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen (DRL) und des Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen (NSRL) das Führerprinzip in den Sportvereinen etabliert und den Ausschluss jüdischer Sportler insbesondere nach den Olympischen Spielen von 1936 maßgeblich vorangetrieben hatte.
Nachdem er 1951 ein Angebot des seinerzeit für Auswärtige Politik zuständigen Kanzleramts bezüglich einer Beförderung auf seiner Bremer Position abgelehnt hatte339, bewarb sich Ries 1953 aktiv beim Auswärtigen Amt in Bonn für eine diplomatische Laufbahn und insbesondere auf eine Stelle an der deutschen Botschaft in Zagreb.340 Im Mai 1953 kündigte er dann tatsächlich seinen Wechsel in den Auswärtigen Dienst an und bat den Bremer Senator für Wirtschaftsfragen und Außenhandel, FDP-Politiker Gustav Wilhelm Harmssen, um seine Beurlaubung.341 Harmssen schrieb im Zeugnis über Ries‘ Tätigkeit beim staatlichen Außenhandelskontor, dieser sei „von allen Kreisen der bremischen Verwaltung und der bremischen Wirtschaft außerordentlich geschätzt“ worden und „mehr als [ein] lauterer Charakter“.342 Ungeachtet solcher ihm vor Ort entgegengebrachter Wertschätzung gaben für Ries die höhere Bezahlung und die besseren Aufstiegsmöglichkeiten den Ausschlag für seine Entscheidung zum Wechsel ins Auswärtige Amt.
Durch seine neue berufliche Tätigkeit war Ries fortan nur noch selten in Deutschland und legte daher seine Ehrenämter im Sport nieder. Werder hatte derweil bereits die Generalversammlung vom 28. April 1952 zum Anlass genommen, Ries zum Ehrenvorsitzenden des Vereins zu machen343, und noch vor seinem Abschied aus der Hansestadt wurde er wieder Mitglied im „Club zu Bremen“, wo 1955 auch Alfred Faust eintrat.344 Ab September 1953 übernahm Ries dann die Leitung der Wirtschaftsabteilung der deutschen Botschaft in Belgrad unter Botschafter Dr. Hans Kroll.345 Dafür wurde er zunächst bis 1955 aus Bremen abgeordnet.346
Für die dauerhafte Übernahme in den Auswärtigen Dienst war allerdings das Ablegen einer Prüfung nötig, vor der Alfred Ries eine „gewisse Scheu“347 hatte und bei der auch das Auswärtige Amt, welches Ries für die Übernahme selbst vorgeschlagen hatte, die Gefahr sah, dass er diese gegebenenfalls nicht bestehen würde, da Ries kein Hochschulstudium vorweisen konnte und die Prüfungsinhalte „sich auch auf gründliche Kenntnisse des bürgerlichen sowie des Staatsrechts und den Bereich der Volkswirtschaft erstreckten“348. Die Behörde machte sich gegenüber dem Bundespersonalausschuss folglich dafür stark, dass Ries – in Bremen bereits seit 1951 Landesbeamter – trotz fehlender akademischer Voraussetzungen direkt zum Gesandtschaftsrat unter dem neuen Botschafter und früheren FDP-Bundestagsabgeordneten Karl Georg Pfleiderer aufsteigen konnte, und begründete dies mit seiner Berufserfahrung als Leiter des Außenhandelskontors in Bremen und seiner bisherigen Tätigkeit an der deutschen Botschaft in Belgrad.349
Zur Förderung von Ries gab es zu dieser Frage einen Austausch zwischen dem Staatsrat Dr. Heinrich Barth, Bevollmächtigter Bremens beim Bund, dem Bremer Außenhandelssenator Ludwig Helmken (FDP) sowie dem Staatsrat in der Senatskanzlei, Dr. Karlheinz Arendt, ob man Ries nicht im Zuge „eine[r] Wiedergutmachung“350 – wie ein Jahr zuvor auch im Rahmen des Wiedergutmachungsverfahrens von Ries thematisiert – von der Prüfung gemäß Bundesbeamtengesetz befreien könnte. Allerdings wurde diese Idee wieder verworfen: Helmken und Barth kamen bei einem Gespräch überein, dass man sich im Fall Ries nicht für eine Ausnahme von der Prüfung einsetzen werde, da man dies für „untunlich“351 halte.

Anlässlich eines Freundschaftsspiels der DFB-Auswahl gegen Jugoslawien im September 1955 begrüßte Alfred Ries den amtierenden Weltmeister nach der Landung in Belgrad und konnte mit Sepp Herberger, Fritz Walter und Co. auch mal wieder über sportliche Dinge fachsimpeln (Quelle jeweils: Nachlass Hilde Ries)
So musste sich Ries also am 13. September 1955 im Alter von 57 Jahren einer Prüfung durch den Unterausschuss des Bundespersonalausschusses unterziehen – der anstandslos seine Eignung für das Bundesbeamtenverhältnis feststellte.352 Am 13. Dezember 1955 berichtete Ries dann in einem Brief aus Belgrad an Bremens Senatspräsident Wilhelm Kaisen, dass er am 3. November des Jahres von Bundespräsident Heuss in das Bundesbeamtenverhältnis berufen worden und nun als Gesandtschaftsrat Erster Klasse tätig sei.353 In dieser Funktion reiste er unter anderem bereits 1955 zu einer Vortragsreise nach Deutschland, um den jugoslawischen Markt vor den Unternehmern verschiedener Industrie- und Handelskammern deutschlandweit zu präsentieren.354
Mit Beginn des Jahres 1958 wurde Ries, der kurz zuvor für sein Engagement für den Sport bereits mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet worden war355, als Handelsattaché und Konsul Erster Klasse die Leitung des Wirtschaftsdienstes am deutschen Generalkonsulat im indischen Kalkutta übertragen.356 Seine diplomatische Laufbahn krönte schließlich ab 1959 die Position des deutschen Botschafters in Liberia, in der er Dr. Richard Bottler folgte und zugleich die Bundesrepublik Deutschland in Guinea vertrat.357 Der deutsche Botschafter in Neu-Delhi, der gebürtige Bremer Dr. Wilhelm Melchers, hatte Ries wegen „hoher beruflicher und gesellschaftlicher Qualifikation“ für diesen Posten empfohlen.358
Als Botschafter in Liberia traf Ries, das zeigen Fotos aus dem Archivbestand seiner Witwe Mathilde „Hilde“ Ries, unter anderem 1961 Jugoslawiens kommunistischen Diktator Josip Broz Tito und Queen Elizabeth II. sowie ein Jahr später den deutschen Bundespräsidenten Heinrich Lübke bei deren Staatsbesuchen in Westafrika.359 Auch zur deutschen Politik hielt er weiter Kontakt: So gratulierte er nach der Bundestagswahl 1961 dem liberalen Bundestagsvizepräsidenten Thomas Dehler zum Wahlausgang. Der persönliche Ton – etwa die Ausrichtung „herzlicher Grüße“ von Ries und seiner Frau an Dehler und dessen „Gattin“ sowie das Gedenken an „unseren gemeinsamen Freund Dr. Pfleiderer“ – und die Antwort Dehlers in ähnlicher Tonalität legen nahe, dass Ries politisch bekannt war.360
Die Zeit als Botschafter endete für Alfred Ries durch das Erreichen der Altersgrenze im Dezember 1962 mit der Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes für seine diplomatische Arbeit361 sowie im Januar 1963 mit einer Audienz bei Liberias Präsident William Tubman. Den Rückzug ins Privatleben bedeutete das jedoch keineswegs: Mit dem Eintritt in den beruflichen Ruhestand widmete er sich nun – nach einem ausgiebigen Urlaub auf den Kanarischen Inseln – wieder stärker seinem ehrenamtlichen Engagement. So übernahm Ries am 30. März 1963, wenige Wochen nach seiner Rückkehr nach Deutschland, erneut das Präsidentenamt des SV Werder Bremen und erlebte in dieser Funktion den Auftakt der neuen eingleisigen Bundesliga, die die Oberligen als höchste Spielklasse ablöste.
Die Premierensaison begann dann am 24. August 1963 gleich mit einer Kuriosität, bei der Werder beteiligt war: Das erste Bundesligator fiel aufgrund des vorgezogenen Anstoßes um kurz vor 17:00 Uhr unbeobachtet von Fernseh- und Fotokameras – im Weserstadion. Friedhelm „Timo“ Konietzka erzielte es für Borussia Dortmund nach nicht einmal einer Minute auf Vorarbeit von Lothar Emmerich. Die Partie gewann Werder letztlich jedoch noch mit 3:2.
Am Ende dieser ersten Bundesliga-Saison wurde der 1. FC Köln mit seinem Mittelfeldlenker Wolfgang Overath souverän Meister und Hamburgs Uwe Seeler mit 30 Toren Torschützenkönig. Werder beendete die Spielzeit unter Trainer Willi „Fischken“ Multhaup auf dem zehnten Tabellenplatz. Die 15 Partien im Weserstadion – seinerzeit gab es nur 16 Bundesligisten und dementsprechend lediglich 30 Spieltage – besuchten im Schnitt nicht einmal 20.000 Zuschauer, was zumindest in dieser Rangliste einen Abstiegsplatz bedeutet hätte. Nur die Spiele des realen ersten Absteigers 1. FC Saarbrücken sahen weniger Zuschauer.

Nur zwei von zahllosen hochrangigen Begegnungen für Alfred Ries im Rahmen seiner diplomatischen Tätigkeit: oben 1958 in Neu-Delhi mit Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, unten 1961 in Monrovia beim Handkuss für Queen Elizabeth II., während Liberias Präsident William Tubman interessiert zuschaut (Quelle jeweils: Nachlass Hilde Ries)

Bewegtes Jahr 1965: Meisterschaft und Bundestagswahl
Auch in die zweite Bundesliga-Spielzeit startete Werder – trotz Neuzugängen wie Horst-Dieter Höttges, Heinz Steinmann und Klaus „Zick-Zack“ Matischak – als Außenseiter. Nach einer Auftaktniederlage gegen den 1. FC Kaiserslautern kamen die Grün-Weißen aber immer besser in Fahrt und übernahmen am 17. Spieltag erstmals die Tabellenführung. Die sportliche Leistung wirkte wie ein Magnet: Der Besucherschnitt stieg in der Rückrunde auf knapp 27.000 pro Heimspiel. In der Zuschauertabelle der Gesamtsaison reichte es damit trotzdem nur für Platz 14.
Als Werders Prunkstück entpuppte sich die Defensive: Offensiv schossen drei Mannschaften mehr Tore, aber mit nur 29 Gegentreffern in 30 Spielen stand in der Abwehr kein Team besser als der SVW. Als am vorletzten Spieltag Borussia Dortmund vor 40.000 Zuschauern im Weserstadion mit 3:0 besiegt wurde, war den Bremern an diesem 8. Mai 1965 durch das parallele Unentschieden des Meisterschaftskonkurrenten 1. FC Köln gegen den 1. FC Nürnberg der erste Meistertitel – die zweite nationale Trophäe nach dem Pokalsieg 1961 (2:0 gegen den 1. Kaiserslautern in der Gelsenkirchener Glückauf-Kampfbahn) – nicht mehr zu nehmen.
Gefeiert wurde nach der Partie zwar auch schon, offiziell allerdings noch nicht. Alfred Ries kommentierte die Situation nach dem Schlusspfiff in der Stadion-Gaststätte so: „Wir haben ein schweres Spiel in Nürnberg auszutragen, und wenn wir das hinter uns gebracht haben, erst dann sind wir berechtigt, vom DFB-Vorstand die Würde der Deutschen Meisterschaft entgegenzunehmen.“362 Der Vereinsvorsitzende ließ es sich aber nicht nehmen, der Mannschaft, dem Trainer, dem Vorstand, Geschäftsführer Hans Wolff und dem Ärzteteam für ihre Leistungen zu danken.
Der schlussendliche 3:2-Sieg am letzten Spieltag in Nürnberg war nicht mehr titelrelevant, zumal der 1. FC Köln parallel wieder nur remis spielte – 2:2 bei Borussia Dortmund. Am Folgetag wurde noch ein bereits lange Zeit vorher vereinbartes Freundschaftsspiel im bayerischen Lichtenfels ausgetragen, ehe das Team sich mit dem Zug gen Bremen aufmachte und dort am Montagabend, dem 17. Mai 1965, auf Gleis 5 des Hauptbahnhofs eintraf, wo Angehörige, Freunde und Fans die Mannschaft empfingen, derweil auf dem Vorplatz Zentausende Menschen warteten.
Die Spieler um Präsident Alfred Ries und Trainer Willi Multhaup wurden anschließend mit Pferdekutschen durch die Stadt bis zum Rathaus gebracht, um mit den Anhängern den Meistertitel der Saison 1964/65 zu bejubeln.363 Dort gingen die Feierlichkeiten bei einem offiziellen Empfang weiter, auf dem Alfred Ries zusagte: „Wir versprechen, dass wir auch in den kommenden Spielen um den Europacup die Bundesrepublik und Bremen würdig vertreten werden.“364 Die Mannschaft, der Trainer und der Vereinsvorsitzende erhielten an diesem Abend von Annemarie Mevissen (SPD), der Bremer Senatorin für Jugendpflege, Wohlfahrt und Sport und späteren Bürgermeisterin, Bremen-Goldmünzen überreicht.365

Das Empfangskomitee in freudiger Erwartung der alsdann euphorisch umjubelten Ankunft des Werder-Meisterzugs auf dem Bremer Hauptbahnhof (Quelle jeweils: Nachlass Hilde Ries)

Am nächsten Tag folgte in der Bremer Stadthalle vor 7.000 Gästen die offizielle Meisterschalen-Übergabe, bei der Werder-Präsident Ries die Anwesenden begrüßte und Senatorin Mevissen bereits zur neuen Saison eine kurzfristige Erweiterung des Weserstadions auf eine Kapazität von 50.000 Plätzen in Aussicht stellte, die durch Errichtung eines Oberrangs für die Kurventribünen möglich werden sollte.366 Durch spätere Umbauten und Modernisierungen nahm das Fassungsvermögen des Weserstadions dann allerdings wieder ab.
Der Meistertitel verhalf Werder einige Monate später dann auch zum Debüt auf der höchsten Ebene des europäischen Vereinsfußballs: In der Vorrunde des Landesmeisterpokals trat man gegen den zypriotischen Meister Apoel Nikosia an. Nach einem 5:0-Auswärtssieg im Hinspiel, das aus finanziellen Gründen im Hamburger Volksparkstadion ausgetragen wurde, entschied Werder auch das Rückspiel in Bremen mit 5:0 für sich. In der anschließenden 1. Runde (man könnte sie angesichts des seinerzeit überschaubaren Teilnehmerfelds auch bereits als Achtelfinale bezeichnen) schied Werder nach einer 0:3-Niederlage bei Partizan Belgrad – also in jener Stadt, in der Alfred Ries einst inhaftiert gewesen war und einige Jahre später als Diplomat gearbeitet hatte – und einem nicht mehr zum Weiterkommen reichenden 1:0-Sieg im Rückspiel aus. Der jugoslawische Meister erreichte später das Endspiel, unterlag im Heysel-Stadion von Brüssel jedoch Real Madrid mit 1:2.

DFB-Präsident Hermann Gösmann überreicht im Beisein von DFB-Generalsekretär Hans Paßlack die Meisterschale an Mannschaftskapitän „Pico“ Schütz, während Alfred Ries den historischen Moment sichtlich beglückt genießt (Quelle: Nachlass Hilde Ries)
Auf der politischen Bühne hieß es derweil: „Für Bremen in den Bundestag“ – unter diesem Plakatslogan kandidierte FDP-Mitglied Alfred Ries zur Bundestagswahl am 19. September 1965 im Wahlkreis Bremen-Ost als Direktkandidat seiner Partei. Insbesondere im Umfeld der Werder-Meisterschaft war er als Vereinspräsident regelmäßig in den Bremer Medien abgebildet oder zitiert worden.367 Eine gewisse Popularität für den „Botschafter a. D.“, wie er in den Zeitungen gern bezeichnet wurde368, war somit vorhanden, als ihn die Bremer FDP Ende Mai 1965 mit 44 von 46 Stimmen zum Wahlkreiskandidaten im Bremer Osten und Spitzenkandidaten des Landes für die Bundestagswahl kürte. Der Jurist Karl Löbe, für die Bremer Liberalen von 1961 bis 1965 im Bundestag, war zu der parteiinternen Abstimmung nicht angetreten.
In seiner Parteitagsrede warb Ries mit seinen außenpolitischen Erfahrungen für sich und nannte die Interessen Bremens als Motivation für seine Kandidatur.369 Um Außen- und Entwicklungshilfepolitik ging es dann auch bei der zentralen Wahlkampfveranstaltung der Bremer Freidemokraten, bei der Walter Scheel, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklungshilfe, zu den Besuchern sprach.370 Dazu passend warb Ries auf einer Diskussion im September 1965 für mehr wirtschaftliche, kulturelle und darauf aufbauend diplomatische Kontakte mit den Ländern Osteuropas und insbesondere mit der Sowjetunion. Der Bundesregierung (pikanterweise seinerzeit von einer CDU/CSU-FDP-Koalition gebildet) warf er in diesem Zusammenhang „schwere Versäumnisse in der Wiedervereinigungspolitik“371 vor. Der ehemalige Diplomat brachte dabei immer wieder Beispiele aus seiner Tätigkeit für das Auswärtige Amt, etwa als enger Mitarbeiter Karl Georg Pfleiderers in der deutschen Botschaft in Belgrad, in seine Argumentation ein.

Auch wenn es am Ende nicht zum Einzug in den Bundestag reichte: An mangelnder Seriosität des FDP-Kandidaten Ries lag das sicher nicht (Quelle: Jüdische Gemeinde Bremen)

Werders Meisterelf am letzten Spieltag 1964/65 vor der Partie beim 1. FC Nürnberg – samt Trainer Willi „Fischken“ Multhaup und Präsident Alfred Ries (Quelle: dpa Picture-Alliance)
Bei der Vorstellung seiner Wahlpositionen in den Bremer Nachrichten nannte Ries neben der Finanz- und Mittelstandspolitik auch die Deutschlandpolitik mit dem „gesamtdeutsche[n] Sportverkehr“372 als Schwerpunkt. Im Mittelpunkt stand aber auch hier die Außen(handels-)politik als wichtige Säule der Volkswirtschaft. Dabei sprach sich Ries für eine Stärkung der Häfen und mehr „Ausfuhrgarantien und Bundesbürgschaften“ aus. Ein funktionierender Außenhandel sei für ihn „erstes Gebot“. Er kandidiere aus „Pflichtgefühl“ und mit „vieljähriger Auslandserfahrung“, da der Bundestag „Fachleute der Wirtschaft und des Außenhandels“ benötige.373
Bei der Wahl am 19. September erreichte Ries dann in seinem Wahlkreis 13,3 Prozent der Erst- und 14,7 Prozent der Zweitstimmen – ein vergleichsweise gutes FDP-Ergebnis in der Geschichte des Wahlkreises Bremen-Ost. Selbst der erste Platz der Bremer FDP-Landesliste reichte für ein Mandat im Deutschen Bundestag jedoch nicht, obwohl die Liberalen im gesamten Bundesland 11,7 Prozent der Zweitstimmen erhielten. Bei den 20 Bundestagswahlen von 1949 bis einschließlich 2021 erreichte die Bremer FDP nur fünfmal ein besseres Resultat.

Der letzte Titelgewinn in der Ära Ries – zwar nur die Amateurmeisterschaft, aber immerhin! (Quelle: Weser-Kurier)
Nach dem verpassten Sprung in den Bundestag kam für Ries in der Saison 1965/66 immerhin als Werder-Präsident noch ein sportlicher Titel dazu: Die Amateurmannschaft der Grün-Weißen errang am 2. Juli 1966 durch einen 5:1-Sieg im Finale vor 10.000 Zuschauern im Ludwig-Jahn-Stadion in Herford gegen ihr Pendant von Hannover 96 den Titel des Deutschen Amateurmeisters. In Abgrenzung zu den „Vertragsspielern“ war dieser Wettbewerb 1950 eingeführt worden und richtete sich an die landesbesten Teams der Bundesländer unterhalb der obersten, (halb-)professionellen Ebene.374 Mit der seinerzeit vorgenommenen Aufteilung in Amateure und Leistungssport – als Zwischenschritt zum Vollprofitum und zur Einführung der Bundesliga – war nach Jahrzehnten illegaler Zahlungen das bezahlte Fußballspielen in Deutschland endlich grundsätzlich und offiziell erlaubt worden. Die 1966 überreichte Carl-Riegel-Trophäe kann heute im Deutschen Fußball-Museum in Dortmund besichtigt werden. Den Titel des Deutschen Amateurmeisters konnte Werder nach der Ära von Präsident Ries derweil noch zwei weitere Mal erringen, 1985 und 1991.
Internationaler Sportaustausch: Ries‘ Beitrag zur Olympia-Bewerbung Münchens
In seinen letzten Lebensjahren unterstützte Alfred Ries mit großem Einsatz die deutsche Bewerbung um die Ausrichtung der olympischen Sommerspiele 1972.375 Durch seine Zeit als Botschafter in Liberia war er auf dem afrikanischen Kontinent gut vernetzt und leitete nun unter anderem im Sommer 1965 gemeinsam mit dem Generalsekretär des deutschen Nationalen Olympischen Komitees, Walther Tröger, die deutsche Ehrendelegation zu den Panafrikanischen Spielen in der kongolesischen Hauptstadt Brazzaville, die von Staatspräsident Alphonse Massemba-Débat empfangen wurde.376 Deutschland sagte bei dieser Gelegenheit mehreren afrikanischen Ländern Unterstützung des Sports durch die Entsendung von Trainern oder Hilfe beim Bau von Sportstätten zu. Am 26. April 1966 war Ries dann auch als Teil der deutschen Delegation in Rom dabei, als das Internationale Olympische Komitee die Vergabe der Sommerspiele 1972 nach München beschloss. Sein Einsatz beim Werben um afrikanische Stimmen für die Münchner Bewerbung war auch vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR registriert worden.377
Die Ausrichtung der Spiele von 1972 erlebte Alfred Ries nicht mehr. Er starb nach schwerer Krankheit am 25. August 1967 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Bremen-Hastedt, ganz in der Nähe des Weserstadions, beigesetzt. Seine Frau Hilde und seine Tochter Anka blieben nach seinem Tod noch viele Jahre am letzten Wohnsitz des Botschafters a. D. an der Contrescarpe 65378 gemeldet, ehe beide die Stadt verließen. Hilde Ries, die bis 1979 einen Antiquitätenhandel am Dobbenweg 2 betrieb379, lebte zuletzt in Wiesbaden, ehe sie am 11. Dezember 2020 starb. Sie verfolgte bis zum Schluss die Diskussion um das Lebenswerk ihres Mannes. Ihre Tochter Anka hat zumindest zeitweise in der ungarischen Hauptstadt Budapest gewohnt.

Parteifreunde unter sich – Alfred Ries und Theodor Heuss, von 1949 bis 1959 erster Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland (Quelle: Nachlass Hilde Ries)
Nachfolger von Alfred Ries als Werder-Präsident wurde Fritz Düring, der bereits 1946 kurz dem Verein vorgestanden und dessen Vater Fritz Düring senior von 1906 bis 1908 sowie von 1916 bis 1918 als Werder-Präsident amtiert hatte (und dabei zumindest in seiner zweiten Amtszeit auch mit Alfred Ries in Kontakt stand380).
Fazit: „Wer Versöhnung will, muss sie praktizieren“ – Diplomatie als roter Faden
Ein ausgeprägtes Interesse an Kunst, Kultur und Sport, der empathische Umgang mit Menschen jedweder Herkunft, viele (kriegsbedingte und berufliche) Stationen im Ausland, großer Einsatz für Versöhnung und internationale Begegnungen sowie ein kontinuierliches ehrenamtliches Engagement – all das charakterisierte Alfred Ries und sein Wertegerüst, von ersten Schriftführertätigkeiten als Schüler bis zur Bundestagskandidatur und schließlich dem Werben um olympische Sommerspiele in Deutschland, als er bereits im Ruhestand war.

Lebenslang grün-weiß – Alfred Ries knapp zwei Jahre vor seinem Tod (Quelle: IMAGO / Schumann)
Ries verstand es, persönliche Netzwerke aufzubauen und zu pflegen. Kaffee HAG bzw. die Bremer Werkschau GmbH attestierten ihm „Tüchtigkeit und Vielseitigkeit“, hoben „sein sympathisches und ausgleichendes Wesen“ hervor und konstatierten, er sei unter Kollegen und Kunden „sehr beliebt“ gewesen.381 Ähnlich hatte ihn der Bremer Wirtschaftssenator beschrieben, als Ries das Außenhandelskontor der Hansestadt leitete. Diese umgängliche und gewinnende Art, seine internationalen Erfahrungen, seine kaufmännische Ausbildung, seine Vertriebserfahrungen und seine Kenntnisse in der Öffentlichkeitsarbeit sowie im Marketing kamen ihm als Sportfunktionär und im beruflichen Leben zugute.
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