Kitabı oku: «Luramos - Der letzte Drache»

Yazı tipi:


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Luramos

Der letzte Drache

Carina Zacharias


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Impressum

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2. überarbeitete Auflage 2020 Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten. Erstauflage erschienen 2010. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Herstellung + Lektorat: CAT creativ - cat-creativ.at

Cover gestaltet von © Mariam Keinashvili

ISBN: 978-3-96074-375-0 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-376-7 - E-Book

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Inhalt

Impressum

Prolog

Die Versammlung

Die Reise beginnt

Beobachtet

Gefährten

Waldgeflüster

Vollmond

Salzige Tränen

Ketaris

Die Elfen

Audienz bei der Königin

Das Fest

Aufbruch

Getrennte Wege

Luramos

Zu spät

Unter vier Augen

Ein neues Ziel

Botschafter aus dem Wald

Das Gesicht eines Kriegers

Wanderung

Das Zeltlager

Von Pfeilen und Schneeflocken

Umkehr

Die Schlacht

15 Jahre später

Die Autorin

Buchtipp

*

Für Lina,

die beste Erstleserin, Kritikerin und Freundin,

die man sich nur wünschen kann.

Und für meine Familie,

die mich immer unterstützt.

*

Prolog

Noch einmal kräuselte sich das Wasser, dann zerflossen die Farben und das Bild verschwamm, bis die Wasseroberfläche wieder schwarz und spiegelglatt dalag. Der Magier nahm die Hände von der steinernen Wasserschale und blickte auf. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das tanzende Licht der Fackeln an den kahlen Wänden seines Gemachs. Und noch langsamer sickerte die Erkenntnis in sein Bewusstsein: Es war so weit! Das Warten hatte ein Ende. Sein Pulsschlag beschleunigte sich und ein Kribbeln durchlief seinen Körper vom Scheitel bis zu den Fußsohlen. Es war so weit! Fast hatte er schon nicht mehr daran geglaubt. Endlich löste er sich aus seiner Starre und ging raschen Schrittes aus dem Raum, vor dessen Eingang zwei Gnome postiert waren, die teilnahmslos an die Wand starrten.

„Was steht ihr hier herum?“, herrschte er sie an, obwohl ihm klar war, dass genau das die Aufgabe war, die er ihnen zugeteilt hatte. „Bringt mir Raklin! Und zwar schnell! Ich erwarte ihn in der großen Halle.“

Hastig ließen sich die zwei Gnome auf alle viere nieder und liefen den langen Flur entlang. Die scharfen Krallen an ihren Füßen und Händen kratzten dabei über den glatten Stein. Der Magier aber wandte sich in die entgegengesetzte Richtung, sein schwerer, dunkelblauer Umhang schleifte hinter ihm her über den Boden.

Es war so weit! All seine Gedanken drehten sich um diesen einen Satz, er wiederholte ihn im Kopf wieder und wieder, bis er sich mit dem Klang seiner Schritte auf dem Fußboden und seinem eigenen Herzschlag zu einem endlosen Rhythmus verband.

Am Ende des von Fackeln gesäumten Flurs lag die große Halle. Ihr Eingang wurde von einer schweren Holztür verschlossen und von einem Gnom bewacht, der sich nun beeilte die Tür zu öffnen und eine ungeschickte Verbeugung machte, als der Magier an ihm vorbei schritt.

Die Wände der Halle waren von großen Glasfenstern durchbrochen, hinter denen nun nichts als die Schwärze der Nacht zu sehen war. Die Halle war leer und kahl wie der Rest des Schlosses, bis auf einen imposanten steinernen Thron, der auf einer Thronempore direkt gegenüber der Eingangstür stand. Der Magier stieg die wenigen Treppenstufen hinauf zu seinem Thron und ließ sich eben darauf nieder, als ein hechelnder Gnom in die Halle hastete. In der Mitte des Raumes besann er sich zu einem würdigeren Gang auf zwei Beinen und ging gemessenen Schrittes auf den Fuß der Treppe zu, wo er sich respektvoll verneigte. „Ihr habt nach mir gerufen, Meissster?“, fragte er, wobei er das S zischelnd in die Länge zog.

Kurz musterte der Magier den Gnom vor sich, der ihm aufrecht stehend gerade bis zur Hüfte reichte. Mit seinem schmächtigen, sehnigen Körper, der grauen Haut, den kleinen Ohren und gelben Augen unterschied er sich zunächst nicht von all den anderen Gnomen. Erst auf den zweiten Blick fiel der Halbmond an seiner rechten Schläfe auf. Das Brandmal, mit dem die treuesten Gefolgsleute des Magiers gekennzeichnet waren.

„Ja, das habe ich.“ Der Magier umschloss mit den Händen die Lehnen seines Throns und beugte sich vor, ehe er mit lauter Stimme sprach: „Die Zeit ist gekommen. Du weißt, was du zu tun hast.“

Einen Herzschlag lang starrte Raklin seinen Meister mit großen Augen an, dann verzog sich sein lippenloser Mund zu einem fratzenhaften Lächeln, das zwei Reihen rasiermesserscharfer Zähne entblößte. „Ja, Meister.“

„Sammle deine Gefährten um dich. Ihr werdet noch diese Nacht aufbrechen!“

„Ja, Meister!“ Noch einmal verbeugte sich der Gnom demütig, dann ließ er sich wieder auf alle viere nieder und hastete aus der Halle.

Der Magier lauschte dem Kratzen seiner Krallen, bis sie nicht mehr zu hören waren. Dann erhob er sich langsam und ging auf eine Glastür an der linken Wand der Halle zu, die auf einen kleinen Balkon führte. Gierig sog er die kühle Nachtluft ein, als er hinaus und an das steinerne Geländer trat. Der Mond stand am Himmel und sein silbernes Licht fiel auf das mächtige Schloss und die kahlen Berge ringsherum. Und auf eine kleine Schar von Gnomen, die weit unter ihm aus dem Schloss lief und hinter einer Kurve dem Blick des Magiers entschwand.

Eine Weile stand der Magier nur ganz still da und schaute in die Nacht hinaus. Dann krallten sich seine Finger in das Geländer und ein glucksendes Kichern drang aus seiner Kehle, das bald in einem unkontrollierbaren Lachanfall endete. Er warf seinen Kopf in den Nacken und lachte. Er lachte sein wahnsinniges Lachen ohne jeden Frohsinn und er war unfähig, damit wieder aufzuhören. Der Wind trug sein Lachen noch weit über die schneebedeckten Berge, bis endlich die Dämmerung aufzog und mit den ersten Sonnenstrahlen auch wieder Ruhe einkehrte.

*

Die Versammlung

Ralea drückte sich mit dem Rücken so eng wie möglich an eine Hauswand. Am liebsten wäre sie darin verschwunden. Mit offenem Mund beobachtete sie das Treiben vor sich auf der Straße. Sie hatte noch nie so viele Menschen gesehen! Es wurde gedrängelt, geschubst und geflucht, während sich diese riesige Menschenmasse Richtung Marktplatz schob.

„Ralea!“ Ein Mädchen schälte sich aus den eng zusammengedrängten Leibern und kam auf sie zu.

„Lora!“, rief Ralea erleichtert. Die Freundinnen umarmten sich, gaben sich gegenseitig Halt und Zuversicht durch diese kurze Berührung, ehe sie sich wieder voneinander lösten.

„Komm, lass uns zum Marktplatz gehen. Vielleicht können wir noch einen halbwegs guten Platz ergattern.“

Widerwillig nickte Ralea und ließ es geschehen, dass Lora sie an der Hand fasste und hinter sich herzog, während sie sich durch die Menschenmasse drängelte.

Ihr Dorf war für die Versammlung ausgewählt worden, da es das größte der Menschendörfer war. Doch … doch nun waren fast alle Menschen, die nicht weiter als eine Tagesreise entfernt wohnten, hierher geströmt, um dabei sein zu können ... und solch einem Ansturm war es allem Anschein nach nicht gewachsen.

Mittlerweile hatten sie den Marktplatz erreicht. Ralea stellte sich auf die Zehenspitzen, um über die Köpfe der Leute hinweg schauen zu können, und erhaschte einen Blick auf ein behelfsmäßiges Podium, das in der Mitte des Platzes aufgebaut worden war und auf dem nun die acht Dorfobersten auf einfachen Stühlen Platz genommen hatten – je ein Repräsentant für jedes der Menschendörfer, die umgeben von dichtem Wald im Süden Romaniens lagen.

„Komm“, sagte Lora. „Wir schlagen uns weiter nach vorne durch.“

Eigentlich hatte Ralea wenig Lust dazu, am liebsten wäre sie gleich umgekehrt und nach Hause gerannt. Ihr war das alles viel zu eng, von allen Seiten wurde sie angerempelt und geschubst und selbst das Atmen fiel ihr schwer. Doch Lora hatte schon wieder ihre Hand ergriffen und Ralea seufzte resigniert, während sie hinter der Freundin herlief. Es war schon immer so gewesen, dass Lora die Forschere und Selbstbewusstere von ihnen gewesen war, während Ralea als ruhig und besonnen galt. „Gegensätze ziehen sich nun mal an“, so hatten die alten Frauen ihre innige Freundschaft stets kommentiert. Und das galt nicht nur für ihren Charakter, sondern auch für ihr Aussehen. Lora zog mit ihrem seidigen blonden Haar und ihren tiefblauen Augen seit einiger Zeit die Blicke der Dorfjungen auf sich. Ralea empfand sich selbst nicht als schön. Ihre braunen Haare waren ihr viel zu widerspenstig, ihre Lippen nicht voll genug und ihre Augen waren zwar von einem schönen Braun, doch ihre Wimpern viel zu kurz.

Einige Rempler, wüste Beschimpfungen und Fußtritte später standen die Mädchen so weit vorne, dass sie einen guten Blick auf das Holzpodium hatten. Ein paar Reihen weiter vor ihnen verlief eine niedrige Mauer aus aufeinandergeschichteten Strohballen. Dahinter standen die wackeren jungen Männer, die sich freiwillig zur Wahl gestellt hatten, mit hoch erhobenem Haupte und schauten zu dem Podium vor ihnen auf oder auf die Menschenmasse hinter ihnen. Überrascht bemerkte Ralea auch einige Frauen und ältere Männer unter ihnen. Auch Loras ältester Bruder Limon gehörte zu den mutigen Abenteurern. Lora schien ihn entdeckt zu haben und rief immer wieder seinen Namen, bis er sich umdrehte und ihnen zuwinkte. Ralea winkte lächelnd zurück. Dann drehte sie sich um und ließ ihren Blick über die vielen Köpfe hinter sich schweifen, in dem vergeblichen Versuch ihre Eltern zu entdecken.

Dabei stellte sie erleichtert fest, dass die nachrückenden Menschen nicht mehr versuchten sich noch mit auf den Markt zu drängeln, sondern stattdessen anfingen, auf die Dächer der umliegenden Häuser zu klettern. Auch wenn es vielleicht albern war, hatte Ralea unterbewusst die Angst gehegt, an einer Hauswand zerquetscht zu werden.

„RUHE!“

Ralea fuhr herum. Der Dorfoberste ihres Dorfes war aufgestanden und hatte sich in die Mitte des Podiums gestellt. Neben ihm stand ein leerer Stuhl, doch machte er keine Anstalten, sich darauf zu setzen. Noch zwei weitere Male musste er brüllen, ehe wirklich Ruhe einkehrte. Es war geradezu unheimlich, so viele Menschen um sich zu wissen, die alle schwiegen und ihre Aufmerksamkeit einem einzigen Mann schenkten. Die Spannung in der Luft war zum Greifen.

„Ist das aufregend!“, flüsterte Lora.

Ralea nickte nur.

„Meine Damen und Herren!“, begann der Dorfoberste etwas unbeholfen und nestelte an seinem Hemd herum, das sich über einem stattlichen Bauch wölbte. „Ihr alle wisst, warum wir uns hier versammelt haben. Heute ist ein ganz besonderer Tag, über den noch in vielen Jahrhunderten berichtet werden wird. Seid euch eures Glücks bewusst, in solch einer bedeutsamen Zeit leben zu können und dies miterleben zu dürfen!“ Er wandte sich um und wies zum Fuß der Treppe, die zum Podium hoch führte. „Ich übergebe nun das Wort an Morgana, die Geschichtenerzählerin unseres Dorfes!“

Ralea stieß einen überraschten Laut aus und auch Lora neben ihr riss erstaunt die Augen auf, als der Dorfoberste sich zurückzog und stattdessen eine zierliche alte Frau in bunt zusammengewürfelten Kleidern und Tüchern und mit einem Gehstock in der rechten Hand mühsam die wenigen Stufen hochstieg. Sie nahm wie selbstverständlich auf dem Stuhl in der Mitte des Podiums Platz. Lora und Ralea kannten Morgana gut. Als sie noch jünger gewesen waren, hatten sie jeden Tag so lange gebettelt und gefleht, bis die alte Frau ihnen eine Geschichte erzählt hatte. Oft hatte die Ärmste zunächst geflucht, die Kinder zum Teufel gewünscht und gesagt, sie habe Besseres zu tun, doch am Ende hatte sie sich immer erweichen lassen, und wenn sie erst einmal angefangen hatte, verlor sie sich meist selbst in ihren fantasievollen Geschichten. Diese handelten von mutigen Helden und Abenteuern, sodass manchmal Stunden verstrichen, ohne dass sie oder eines der Kinder es bemerkten.

Ralea schmunzelte. Sie dachte gerne an diese Zeit zurück. Manchmal hatten bis zu zwanzig Kinder in einem Kreis um Morgana herum gesessen und ihr ehrfurchtsvoll mit großen Augen gelauscht. Inzwischen war Ralea klar, dass all diese Erzählungen erfunden waren, doch als Kinder hatten sie jedes Wort für wahr gehalten und später die schönsten Geschichten haargenau nachgespielt. Allerdings nie, ohne sich vorher um die besten Rollen zu streiten! Auch wenn Ralea es natürlich nie zugegeben hätte, sehnte sie sich manchmal in diese Zeit zurück und hätte am liebsten wieder Morganas Geschichten gelauscht, bis sie alles um sich herum vergessen hätte und in einer anderen Welt versunken wäre.

Morganas Stimme holte Ralea nun wieder zurück in die Gegenwart. Sofort spürte sie die Überraschung der Menschen rings um sich herum – niemand, der sie nicht kannte, hatte dem alten Mütterchen mit dem faltigen Gesicht und den grauen Haaren solch eine volltönende Stimme zugetraut.

„Ihr alle kennt die Geschichte, die ich euch nun erzählen werde.“

Ralea konnte sich denken, von welcher Geschichte Morgana sprach. Sie hatte sie den Kindern früher schon oft genug erzählt. Morgana machte eine Pause und sah hinab auf ihre Füße, um sich zu sammeln. Fast hätte Ralea laut aufgelacht, so vertraut war ihr diese Angewohnheit, doch sie unterdrückte den Impuls, da ihr die gespannte Stille auf einmal noch deutlicher bewusst wurde. Nicht das leiseste Räuspern oder Husten war zu hören. Alle sahen gebannt zu Morgana. Diese schaute nun auf, ließ ihren Blick kurz über die Menschen schweifen und begann zu erzählen:

„Diese Geschichte spielt lange vor unserer Zeit in einem Romanien, das mit dem heutigen Romanien, das wir kennen, nur noch wenig gemein hat. Zwar lebten Menschen und Baumlinge von jeher in den Wäldern, doch in der Gegend, die heute als Drachentod-Wüste bekannt ist, gab es saftige grüne Täler und Hügel, die sich von Horizont zu Horizont erstreckten. Dort lebten die Elfen, die sich heute mit sehr viel weniger Platz begnügen müssen, zusammen mit geheimnisvollen und sagenumwobenen Wesen: den Drachen! Diese zwei völlig unterschiedlichen Völker lebten in Harmonie mit einem gegenseitigen Respekt und Verständnis zusammen, wie es uns heute leider nahezu fremd geworden ist. Die Elfen bauten sich kleine runde Lehm- und Holzhütten und ließen den Drachen den nötigen Freiraum und Abstand. Sie feierten für ihr Leben gerne Feste mit Tanz, Musik und köstlichen Speisen. Sie galten als fröhliche Wesen, deren glockenhelles Lachen einem das Herz erwärmen konnte. Dieses Lachen war lange Zeit nicht zu hören. Bis heute ertönt es lange nicht so oft wie früher. Die Elfen mussten viel von ihrer Heiterkeit und unbeschwerten Gelassenheit einbüßen – doch dazu kommen wir noch.

Ich könnte euch noch lange über die Bräuche, Sitten und Eigenschaften der Elfen erzählen, doch obwohl sie eine große Rolle in dieser Geschichte spielen, sind sie nicht die Hauptdarsteller. Nein, eine viel größere Rolle spielen ihre mysteriösen Brüder und Schwestern: die Drachen. Wie gerne würde ich euch genau so detailliert über sie berichten, wie ich es bei den Elfen vermag – doch das kann ich nicht. Es ist so schrecklich wenig über diese Wesen bekannt. Wer oder was waren sie genau? Keiner weiß, wie Drachen denken – oder ob sie überhaupt denken konnten. Sollte man sie zu den Tieren zählen? Oder war ihre Intelligenz mit unserer gleichzusetzen? Vielleicht sind sie uns ja sogar überlegen? Es ist noch nicht einmal bekannt, ob Drachen sich untereinander mit Sprache oder etwas Ähnlichem verständigen konnten.

Anderes jedoch, beispielsweise über ihr Aussehen und ihre Lebensweise, kann ich euch mit Sicherheit sagen: Drachen lebten in großen Familienverbänden – sogenannten Clans – zusammen. So gut wie nie sah man einen von ihnen allein. Sie ernährten sich ausschließlich von Tieren, die durch die Täler des Graslandes zogen. Gelegentlich gab es Uneinigkeiten zwischen den Clans, doch endeten diese selten im Kampf. Und falls doch, so traten nur die jeweiligen Anführer gegeneinander an. Nur wenige solcher Kämpfe wurden beobachtet und wohl noch weniger wahrheitsgetreu überliefert, doch muss es ein unglaubliches und eindrucksvolles Erlebnis gewesen sein. Ausgewachsene Drachen wurden samt Schwanz um die zwanzig Meter lang und ihre Flügelspannweite stand dem in nichts nach. Wahrscheinlich liegt es an ihrer Größe und ihrem Furcht einflößenden Äußeren, dass Drachen heutzutage oft als blutrünstige Monster bekannt sind. Doch das ist Unsinn. Die früheren Elfen wussten zu berichten, dass Drachen sanfte und gutmütige Kreaturen waren. Alte Überlieferungen sprechen oft darüber, wie wunderschön die Drachen doch waren, wenn man nur offen dafür ist, ihre Art der Schönheit zu erkennen. Sie beschreiben ihren Körper als kräftig und elegant, ihren geschwungenen Hals als anmutig und schwärmen immer wieder von ihren Schuppenpanzern. Diese waren wohl wahrscheinlich nicht nur Schutz, sondern auch Erkennungsmerkmal eines Drachen: Nie gab es die gleiche Farbe zweimal, kein Drache glich dem anderen.

Doch es sollte die Zeit kommen, in der das friedliche Zusammenleben zwischen Elfen und Drachen zerstört und vernichtet wurde. Es war, als hätte Romanien lange Zeit geschlafen und süß geträumt, bis schließlich der unsanfte Weckruf in Form einer kleinen Schar von Magiern über das Meer kam. Es waren nur etwa ein Dutzend. Sie alle trugen dunkle Umhänge und schlugen sich von der Küste her durch das Land. Angeführt wurden sie von einem Mann namens Argaron und seinem Sohn, einem Jungen namens Ketaris, der nie von seiner Seite wich. Als sie auf die ersten Elfen trafen, sprachen sie einen Zauber, der es ihnen erlaubte, trotz der unterschiedlichen Sprachen miteinander zu kommunizieren, und fragten sie nach dem Herrscher ihres Volkes.

Gutgläubig und naiv, wie die Elfen waren, führten sie die Magier zu der Lehmhütte des Elfenkönigs im Herzen ihres Reiches. Auch dieser empfing die Gäste, denen ihr Ruf weit vorausgeeilt war, gastfreundlich mit einem Festessen unter freiem Himmel. Er hielt sie wohl für Menschen aus einem fernen Land, und vielleicht waren sie das ja tatsächlich, und erkundigte sich nach ihrer Reise und ihrem Befinden, wunderte sich zwar, dass sie so wortkarg waren, doch machte er sich darüber keine weiteren Gedanken. Als schließlich die Nacht heranbrach und alle satt waren, wurde die Tafel leer geräumt und ein paar Elfen stimmten auf langen Flöten ein fröhliches Lied an. Gerade wollte der Elfenkönig die Magier in einem unverfänglichen Ton nach dem Grund ihres Besuchs fragen, als Argaron von selbst darauf zu sprechen kam – er gab dem König unmissverständlich zu verstehen, dass sie nur aus einem Grund über das Meer gekommen waren: Um die Herrschaft dieses Landes an sich zu reißen und jeden niederzumachen, der sich ihnen in den Weg stellte. Sofort verstummte die Musik und die Elfen, die damit beschäftigt waren, die leeren Teller und Tabletts von der Festtafel zu räumen, stoppten erschrocken in ihren Bewegungen. Der König selbst starrte einen Moment lang ungläubig in das ernste Gesicht des Magiers.

Noch ehe er sich fassen konnte, sprach dieser auch schon weiter: Wir geben Euch großzügigerweise die Möglichkeit, mir den Thron friedlich zu überlassen. Dann wird niemandem ein Leid geschehen. Solltet Ihr Euch jedoch wehren ... Das Ende seines Satzes blieb unausgesprochen, da das dröhnende Lachen des Elfenkönigs ihn unterbrach.

Es ist also nicht genug, dass ihr mit dieser unverfrorenen Forderung meine Gastfreundschaft und meinen Stolz mit Füßen tretet – nun droht Ihr mir auch noch!, rief er mehr amüsiert als zornig. Aber anscheinend seid ihr nicht nur unhöflich, sondern auch noch dumm. Ihr seid elf Männer und dazu ein Jüngling, der seinen dreizehnten Sommer höchstwahrscheinlich noch nicht gesehen hat. Wir aber sind Tausende! Was wollt ihr gegen uns ausrichten? Seid lieber froh, dass ich Euch nicht die Zunge herausschneiden lasse, und verzieht euch schnell wieder dahin, wo ihr hergekommen seid!

Kaum hatte der König zu Ende gesprochen, brachen alle Elfen, die um sie herum gestanden und mucksmäuschenstill ihrem Gespräch gelauscht hatten, ohne einen Laut zusammen, als hätte man sie mit unsichtbaren Pfeilen durchbohrt. Dumpf schlugen ihre Körper und das Geschirr in ihren Händen auf dem Gras auf. Erschrocken sprang der König auf und starrte in die Gesichter seiner Gefolgsleute, deren tote Augen blind in den Sternenhimmel über ihnen blickten.

Eure Entscheidung ist gefallen. Argarons Stimme war leise und schicksalsschwer. In seinen kalten Augen war nichts als Grausamkeit zu lesen. Er und seine Gefolgsleute erhoben sich und ließen den Elfenkönig schreckensstarr neben seinen toten Untertanen stehen. Dies sollte aber nur der Anfang eines schrecklichen, ungleichen Kampfes sein. Der König rief alle Elfen zusammen, doch gegen die Macht der Magier konnten sie nichts ausrichten. Die größte Gefahr stellte ihr Anführer dar: Schon ein Fingerzeig Argarons reichte und die Elfen fielen scharenweise tot zu Boden. Zwar gab es auch unter den Elfen einige wenige, die der Magie mächtig waren, doch waren sie der Schwarzen Magie der fremdländischen Magier bei Weitem unterlegen. Tag für Tag starben Hunderte Elfen wie die Fliegen und die Drachen verzogen sich immer weiter an den Rand der Berge.

Der König der Elfen versank mehr und mehr in Verzweiflung. Sollte er sein Volk retten und sich den Magiern ergeben? Doch war ein Leben unter solch einem Herrschen wirklich wünschenswerter als der Tod? Nach fünf Tagen, als er schon mit dem Gedanken spielte, die Baumlinge und Menschen um Hilfe zu bitten, obwohl sich sonst alle drei Völker stets gemieden und ignoriert hatten, kam ihm die Erleuchtung. Seit dem Anbeginn der Zeit gaben die Könige und Königinnen der Elfen an ihren Nachfolger einen magischen Stein weiter, bekannt als der Elfenstein. Dieser einzigartige Stein, von dem es wohl keinen zweiten gibt, hat die Eigenschaft, dass er alle gute Magie aus der Umgebung in sich aufnimmt und speichert. Nie war er benutzt worden, doch stets hatten die Mächtigen das Wissen um seinen Gebrauch bewahrt. Nun war der Zeitpunkt gekommen, seine Magie zu bündeln und gegen die Feinde der Elfen zu schicken. Der König schöpfte neue Hoffnung.

Als Argaron am Ende des fünften Tages einen schwer verletzten Elfen mit der Botschaft, er werde in der Nähe der Küste von ihm erwartet, zu ihm schickte, war von der alten Verzweiflung des Königs nichts geblieben. Er verbreitete seine frohe Botschaft noch nicht unter den Elfen, deren Mehrzahl den Elfenstein für eine alte Legende hielt, aber er sprach ihnen gut zu und brach noch am selben Abend mit einem großen Heer Richtung Meer auf. Sie wanderten die ganze Nacht hindurch, und als die Sonne wieder hoch am Himmel stand, kam schließlich die kleine Gruppe Magier in Sicht.

Als sie in Hörweite waren und man am Horizont schon das Blau des Meeres ausmachen konnte, ließ der König sein Heer anhalten. Für einen kurzen Moment stieg erneut die alte Hilflosigkeit in ihm hoch, als ihm sein riesiges Heer bewusst wurde, das vor so einer kleinen Schar Menschen stand und doch völlig machtlos war. Schnell verdrängte er diese Gedanken und schloss seine Hand um den Elfenstein, den er in einem Lederbeutel um seinen Hals trug. Dies war die Stunde der Rache! Ich gebe dir noch eine letzte Chance! Die Stimme Argarons schallte laut zu ihnen herüber. Ergib dich oder ich werde dich und dein lächerliches Völkchen dem Erdboden gleichmachen!

Sehr ritterlich von dir, schrie der König ironisch zurück. Er holte den Elfenstein hervor und hielt ihn hoch über seinen Kopf, sodass er im Sonnenlicht glitzerte. Doch ich werde dir diese Chance nicht gewähren. Damit entließ er die Magie des Elfensteins, die sich über Jahrtausende angesammelt hatte, und sandte sie auf Argaron und seine Magier. Ein gewaltiger Lichtblitz war zu sehen und ein überraschter Aufschrei ging durch das geblendete Heer der Elfen. Instinktiv hatten sie sich geduckt. Als der Lichtblitz erloschen war, richteten sie sich benommen wieder auf und sahen verständnislos um sich. Dort, wo eben noch ihre Gegner gestanden hatten, war nur noch kahler schwarzer Erdboden zu sehen. Ungläubige Erleichterung breitete sich auf den Gesichtern der Elfen aus, doch auch die Verwirrung war ihnen anzusehen.

Ihr König blickte auf den blauen Stein in seiner Hand. Das Licht, das von ihm ausgegangen war, war nun verloschen. Seine Magie war aufgebraucht, doch würde sie sich im Laufe der Jahre wieder aufladen. Er hielt ihn hoch über seinen Kopf und blickte seinem Heer entgegen, während er rief: Elfen, seht mich an! Der Feind ist besiegt! Hier in meiner Hand halte ich den Elfenstein, dessen Magie das Volk der Elfen vor dem Untergang bewahrt hat. So wie es seit dem Anbeginn der Zeit vorherbestimmt war! Jubel schwoll an und wollte gar nicht wieder verstummen. Nie hatten sich die Elfen so verbunden mit ihrem König gefühlt – doch ein König war bisher auch noch nie so gebraucht worden. Doch dieses glückliche Gefühl der Verbundenheit sollte nicht lange andauern ...

Erst später, als sich die Elfen schon auf den Heimweg machen wollten, wurde ihnen bewusst, was geschehen war: Nicht nur an der Stelle, an der die Magier gestanden hatten, war das Gras versengt worden. Überall um sie herum war nur noch kahler, harter Boden zu sehen! Allein da, wo das Heer gewesen war, stand noch etwas zertrampeltes Gras. Genau so schnell, wie sie gekommen war, verschwand die Freude wieder und Schrecken breitete sich unter den Elfen aus. Sie marschierten noch bis weit in die Nacht hinein, doch die Sicht änderte sich nicht. Von Horizont zu Horizont erstreckte sich nur noch verbrannte, schwarze Erde. Auch, als sie schon längst die ersten vereinzelten Elfenhütten hätten erreichen müssten, blieb die Umgebung kahl und trostlos.

Verwirrt und verängstigt errichteten die Elfen schließlich ein Lager für die Nacht und fielen fast augenblicklich in einen erschöpften Schlaf. Nur der König, der die Nacht in einem Zelt verbrachte, kämpfte gegen die Müdigkeit an. Er nahm die düstere Stimmung seines Volkes in der nächtlichen Stille besonders wahr, hatte er sich doch schon auf eine glorreiche Siegesfeier gefreut. Zweifel und Gewissensbisse nagten an ihm. Was hatte er falsch gemacht? Hatte er die Macht des Elfensteins nicht gezielt genug auf die Magier geschickt? Aber warum waren die Elfen verschont worden? Sollte er sie am Ende vor dem Feind beschützt haben, um ihnen im Gegenzug die Heimat zu rauben? Der König erinnerte sich, dass auch einige Elfen unter seinem Heer waren, die behaupteten, der Magie mächtig zu sein. Er schickte einen Boten durch das Lager, der ihm einen solchen Elf bringen sollte. Dieser kam nach einiger Zeit wieder, gefolgt von einer jungen Elfe, die sich verneigte und als Erilla vorstellte.

Noch ehe der König eine der vielen Fragen, die ihm im Kopf herumgeisterten, ausgesprochen hatte, sagte sie: Mein König, verzeiht mir, aber was Ihr getan habt, war unüberlegt. Ihr hättet vorher mit einem Elfen, der der Magie kundig ist, über Euer Vorhaben sprechen müssen. Was erlaubte sie sich? Der König wollte sie zornig auf eine demütigere Wortwahl hinweisen, doch als er in ihre klugen, dunklen Augen blickte, fühlte er sich nur noch schäbig und schuldig. Er schluckte die Worte, die ihm auf der Zunge lagen, hinunter und schwieg.

Die Elfe fuhr ungerührt fort: Bei jedem anderen Gegner wäre es eine gute Entscheidung gewesen, den Elfenstein zu gebrauchen, und ihr habt seine Magie auch tatsächlich richtig gesteuert, doch konntet ihr die Folgen nicht vorhersehen. Ich selbst habe den ganzen Tag darüber gegrübelt. Zuerst glaubte ich, dass einfach eine zu gewaltige Menge an Magie sich in dem Stein angesammelt hätte und diese, als sie freigesetzt wurde, alles Leben zerstörte. Doch das ergibt aus zweierlei Gründen keinen Sinn: Zum einen speicherte der Elfenstein nur gute Magie – Elfenmagie – und hätte nie unser Land zerstört. Und zweitens: Warum verschonte die Magie dann uns Elfen? Nein, es muss einen anderen Grund geben, und ich meine, ihn gefunden zu haben.

Der König hielt dem eindringlichen Blick der Elfe tapfer stand, während sie erklärte: Als die Magie des Elfensteins Argaron und seine Anhänger zerstörte, wurde mit ihrem Tod ihre gesamte Schwarze Magie freigesetzt und in die Umgebung geschleudert. Der Elfenstein muss selbstständig einen Teil seiner übrigen Energie darauf gewandt haben, uns zu beschützen. So zerstörte die Schwarze Magie der fremden Magier alles um uns her und nur wir konnten überleben. Wir sind die letzten Überlebenden Romaniens.

Später bestätigten viele andere Elfenmagier Erillas Worte. Nur am Schluss hatte sie sich geirrt: Die Magie der Magier war nicht bis in die Wälder gedrungen, außerdem hatte sie die Berge nicht erklimmen können und auch im Westen Romaniens war noch Graslandschaft geblieben: das heutige Reich der Elfen. Die frühere Heimat der Elfen jedoch war vollständig zerstört worden und eine Zeit lang dachten die wenigen Hundert überlebenden Elfen tatsächlich, sie wären die letzten lebenden Wesen in Romanien, und verfielen in eine tiefe Depression. Ihr König beging noch in der Nacht nach seinem folgenschweren Sieg Selbstmord und viele andere folgten ihm – bis ein junger Elf mit dem Namen Koras als neuer König gekrönt wurde und wieder Ordnung in die Reihen der Elfen brachte. Er machte ihnen wieder Mut und Hoffnung und schickte Boten in alle Himmelsrichtungen aus, um festzustellen, wie viel Land tatsächlich zerstört worden war. Eine kluge Entscheidung, denn es brachten doch die meisten gute Nachrichten vom Überleben der Wälder und all ihren Bewohnern mit. Allerdings kamen nicht alle mit frohen Botschaften wieder. Fast wären die Elfen erneut in Unmut und Verzweiflung verfallen, als sie erkennen mussten, dass ihre Brüder und Schwestern, die Drachen, verschwunden waren und nicht einmal ein Häufchen Asche von ihnen zurückgeblieben war. Sie waren alle gestorben.

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9783960743767
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