Kitabı oku: «Teufel Alkohol»
Carl Betze
Teufel Alkohol
(k)ein Plädoyer für das Trinken
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Teufel Alkohol
Vorwort
01 – Hoch die Tassen - Alkohol in der Gesellschaft
02 - Alkohol in Fakten und Zahlen
03 – was passiert, wenn wir Alkohol trinken?
04 – warum trinken wir Alkohol?
05 – Sucht und Alkoholismus
06 - Die Phantomsucht
07 - Sein statt Haben – die Alkoholkrankheit
08 - Selbstreflektion schlägt Selbsttest – bin ich Alkoholiker?
09 - Vorbilder und tragische Helden
10 - Die Enttarnung der Trinkfestigkeit
11 – Gesundheit und … weitere Gründe, den Alkoholkonsum zu reduzieren
12 – Ansätze zur Reduktion des Alkoholkonsums
13 - Die Macht des Unterbewusstseins
14 – Der Prozess der Veränderung innerer Überzeugungen
15 - Der Placebo-Effekt des Alkohols
16 – Her mit dem Zeug: Das Suchtgedächtnis
17 – Oh, wie wohl ist mir am Morgen – das Abstinenzgedächtnis
18 – Wer rastet, den dürstet's
19 – Laufen statt saufen
20 „Teetotal hunting“ - Abstinenz als Sport?
21 – GGT, GOT, GPT – alles ok?
22 - Rote Bete & Co. machen die Leber froh
23 - Leber-Jogging
24 - „Fastenzeit“
25 - Bier und Wein – auch 'ohne' fein?
26 – Ersatzdrogen
27 - Neue Homöopathie – Heilende Zeichen gegen den Alkohol
28 - Schluckspecht aus der Zwischenwelt
29 - Die Gesellschaft als Gegenpol
30 - Social drinking
31 – Ein weiterer Trinkertyp - der bewusste Vieltrinker
32 - Glück kann man nicht trinken – die Story hinter der Story
33 - Gesucht: Das Gleichgewicht hinter dem Alkohol
34 Trinkregeln und abstinent gelebte Tage - Selbstkasteiung für inneres Wachstum
35 – Wenn Sie Probleme bekommen – begleitende Maßnahmen
36 – Trivial aber effektiv: Ein paar praktische Ratschläge „to go“
37 - HoHoHo – nur leicht besäuselt sind wir froh
38 - Deutschland im Corona-Rausch
39 – Absacker
40 - Brief an „Freund Alkohol“
41 - Bitte lesen!
Quellenverzeichnis
Impressum neobooks
Teufel Alkohol
(k)ein Plädoyer für das Trinken
von Carl Betze
Ausgabe 01, 2020
© / Copyright 2020 Carl Betze
Umschlaggestaltung, Illustration: Carl Betze
ISBN Paperback
Carl Betze
Poller Damm 26
51105 Köln
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung oder Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar
Inhaltsverzeichnis
Dieses Buch schreibe ich primär für mich selbst, zudem für einen meiner besten Freunde, der sicher weiß, dass er gemeint ist...und für all' die Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden.
Ich saach mir: „Nie mehr Alkohol“
(Ich sage mir: „Nie mehr Alkohol“)
Hey, wat häss du bloß met mir jemaat?
(Hey, was hast Du bloß mit mir gemacht?)
Mich hätt dä Düvvel anjelaach
(Mich hat der Teufel angelacht)
Ich han de Nas von dir jetz voll
(Ich habe die Nase von Dir jetzt voll)
Ich dunn et nie mieh widder - bes zom nächste Mol
(Ich tue es nie mehr wieder – bis zum nächsten Mal)
„Nie mehr Alkohol“
Sessionshit der Kölner Mundartgruppe
„Paveier“ aus dem Jahr 2019
Vorwort
„Wenn Sie mit dem Trinken aufhören wollen, ist die erste Voraussetzung, dass Sie aus voller Überzeugung sagen: Ich will keinen Alkohol mehr trinken“.
In nahezu jedem Fernsehbericht, jedem Ratgeber, jedem Zeitungsartikel über den übermäßigen Konsum von Alkohol ist das der Satz, an dem ich zumindest stocke, oft sogar die das TV-Programm oder die Lektüre beende.
Denn DAS würde ich nie sagen, zumindest würde ich, und das ist das Wesentliche, niemals so empfinden.
Auf den Alkohol, das heißt in meinem Fall auf mein heiß und innig geliebtes Bier, zudem auf ein Gläschen Wein ab und an, für den Rest meines Lebens verzichten – undenkbar. Weder auf den Geschmack noch auf die euphorisierende Wirkung, die ich in Grenzen immer genossen habe.
Viele Menschen neigen dazu, ihre Trinkgewohnheiten und die daraus resultierenden Probleme zu verharmlosen.
Dabei gehen Alkoholprobleme durch alle sozialen Schichten.
Der Arbeiter in der Fabrik kann genau so betroffen sein wie der Richter oder der Unternehmer, der Arzt und der Pilot, der Millionär und der Obdachlose, die Hausfrau oder die Chefsekretärin.
Denken Sie kurz an Ihr Umfeld, an Verwandte, Freunde, Bekannte, Kollegen, ...sich selbst?
Wie lange brauchen Sie, bis Ihnen jemand einfällt, der auffällig viel trinkt, der womöglich ein Alkoholproblem hat?
Alkohol entspannt, er hilft beim Einschlafen, er macht gelöster, optimistischer, euphorischer,…glücklicher.
Nur: da ist ja noch ein anderer Aspekt, die viel zitierte Kehrseite der Medaille.
Alkohol, in den Mengen, in den ich ihn konsumiere, ist, ohne Wenn und Aber, gerade der Vieltrinker neigt dazu, diesen Aspekt immer wieder zu verharmlosen, erwiesenermaßen extrem gesundheitsschädlich und kann zu gravierenden körperlichen Beeinträchtigungen führen.
Menschen wie mir, in der gängigen Literatur oft als „Vieltrinker“ und damit auch als „alkoholgefährdet“ bezeichnet, würde sicherlich beinahe jeder Arzt und noch mehr jeder Suchttherapeut unmissverständlich nahelegen, auf alkoholische Getränke konsequent zu verzichten.
Da es mir kaum möglich erscheint, Bier und Wein ein für alle Mal abzuschwören, ich mich jedoch ebenso wenig ganz meinem Gusto entsprechend und ohne Selbstbeschränkung dem Alkohol hingeben darf, muss es einen anderen Weg geben – und zwar den, nicht auf den Konsum von Alkohol zu verzichten, sondern mit ihm, im schlechtesten Fall im Grenzbereich zwischen „gerade noch vertretbar“ und „gesundheitsschädlich“, gesundheitsverträglich umgehen zu können.
Diesen will ich im Folgenden beschreiben.
„Teufel Alkohol – (k)ein Plädoyer für das Trinken“ richtet sich an all' diejenigen Alkoholkonsumenten, die wie ich irgendwo in der Mitte zwischen Vieltrinken und drohender Abhängigkeit stehen.
An Menschen, die nicht aufhören können, zu trinken, und an jene, die nicht mit dem Trinken aufhören wollen.
Die sich ein Leben ohne Alkohol gar nicht vorstellen möchten, aber abgesehen vom überhöhten Alkoholkonsum alles dafür zu tun bereit sind, ihre Leidenschaft für, Bier, Wein & Co. gesundheitlich unbeschadet zu überstehen.
Das Buch soll aufzeigen, wie mit einfachen, leicht verständlichen und doch wirkungsvollen Mitteln und Denkanstößen ein Weg gefunden werden kann, mit dem Alkohol womöglich gesundheitsverträglich umzugehen, ohne völlig auf ihn verzichten zu müssen.
Es beinhaltet eine Kombination aus theoretisch-wissenschaftlichem Hintergrund zum Thema Alkohol, Episoden aus der Alkoholkarriere des Autors und dem daraus entwickelten möglichen Ausweg in Richtung eines gesundheitsverträglichen Trinkens.
Oft werden Menschen, die wie ich in anhaltender Regelmäßigkeit größere Mengen Alkohol zu sich nehmen, als Alkoholiker bezeichnet.
Eine eindeutige Definition dieses Begriffes erscheint schwer möglich, an anderer Stelle gehe ich ausführlich auf dieses Thema ein.
Fakt ist: selbst mit meinen nunmehr gemäßigten Trinkgewohnheiten gehöre ich nach wie vor zum stark suchtgefährdeten Personenkreis, für den gesundheitliche Beeinträchtigungen infolge des Alkoholkonsums nicht auszuschließen sind. Dessen bin ich mir vollends bewusst.
Für Menschen wie mich jedoch, die schon Phasen erlebt haben, in denen sie wesentlich öfter und deutlich mehr getrunken haben, stellt die mit dem in diesem Buch dargestellten Ansatz erreichbare Situation unzweifelhaft einen großen Fortschritt dar, mit dem die Trinkmengen deutlich reduziert werden können und eine Kontrolle über den Alkoholkonsum in Form eines womöglich noch gesundheitsverträglichen Trinkens erreicht werden kann.
Zudem kann das von mir im Folgenden beschriebene Trinkkonzept auch als Zwischenschritt auf dem Weg zur Erreichung der weiteren Reduzierung der Trinkmengen oder auch des Totalverzichts auf alkoholische Getränke genutzt werden.
Sie werden feststellen, dass, sobald eine Stabilisierung der Trinkgewohnheiten erst einmal erreicht ist, der Weg hin zu weiter sinkenden Trinkmengen durchaus möglich und darüber weniger steinig als angenommen erscheint.
Manch' ein Leser mag es für unverantwortlich halten, kontinuierlichen Alkoholkonsum zu befürworten, manch' einer wird mir vorwerfen, dass ich mir und meinen Lesern mit meinem Buch einen Freifahrtschein zum Alkoholkonsum ausstelle - dies ist mitnichten meine Intention.
Ich rate jedem Betroffenen, wenn möglich komplett auf den Alkohol zu verzichten oder aber den Genuss von Bier, Wein und Schnaps auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.
Ich plädiere keinesfalls für das Trinken als solches, sondern stelle mit meinem Ansatz lediglich eine „second-best-Lösung“ für diejenigen suchtgefährdeten Menschen vor, die nicht völlig auf den Konsum alkoholischer Getränke verzichten können oder wollen.
Eine Lösung, die immer noch besser ist als tagtäglich unkontrolliert Alkohol zu trinken und darüber hinaus die Rahmenbedingungen für ein mit der Gesundheit kompatibles Trinken zu vernachlässigen.
Mir ist dabei durchaus bewusst, dass mein Konzept zum gesundheitsverträglichen Trinken funktionieren kann, aber keinesfalls muss!
Ich habe mich nach langem Hin und Her dafür entschieden, dieses Werk unter einem Pseudonym zu veröffentlichen.
Weil die intimen Details, die ich an manchen Stellen über mein Trinkverhalten preisgebe, den ein' oder anderen lieben Menschen in meinem Umfeld höchst irritieren würden.
Und weil auch das Kontrollierte Vieltrinken immer noch ein Tabuthema ist, in der Gesellschaft eher missbilligt als akzeptiert. Es wäre schön, wenn mein Werk daran etwas ändern könnte.
Für mich ist dieses Buch das Ergebnis meiner erfolgreichen Selbsttherapie.
Denn die umfangreiche Recherche zum Thema Alkohol und die Entwicklung meiner Verhaltensregeln im Umgang mit der Droge haben es mir ermöglicht, auch weiterhin gemäßigt und das in bisher gesundheitsverträglicher Form Alkohol zu trinken.
Ich will MIT Alkohol leben – und das möglich lange.
Ich wünsche meinen Lesern, dass Ihnen dies auch gelingen möge!
Köln, im März 2020
Peter Wolff
01 – Hoch die Tassen - Alkohol in der Gesellschaft
„Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, betrinken wir uns einfach“
Der Genuss von Alkohol hat in vielen Kulturen einen festen Platz. Kein Wunder, war doch der Umgang mit Alkohol bereits in früheren Zeiten etwas völlig Normales. Eine Art Ur-Bier soll es zum Beispiel schon vor mehr als 8.000 Jahren gegeben haben, als Nebenprodukt des Getreideanbaus. Vermischt man Getreide nämlich mit Wasser, beginnt die Flüssigkeit schon kurze Zeit später zu gären und erreicht bis zu 2% Alkoholgehalt.
Auch der Weinbau wird bereits seit mehreren Tausend Jahren betrieben. Das antike Griechenland und das Römische Reich waren Weinkulturen. Hochprozentiges gibt es wahrscheinlich seit etwa 1.000 Jahren. Wegen der komplizierten Herstellung war es aber lange Zeit den Reichen vorbehalten. Die Ursprünge der heute bekannten Spirituosen liegen im Europa des 16. Jahrhunderts.
Die berauschende Wirkung des Alkohols konnten auch die ersten Konsumenten erleben. Wie und warum Alkohol wirkt, wussten sie nicht. So gab es viele Mythen rund um Alkohol und ihm wurden sowohl positive als auch negative Eigenschaften zugeschrieben.
Negative gesundheitliche Folgen waren dabei allerdings lange kein Thema. Biersuppe galt im Mittelalter als gesund und Hochprozentiges wurde gegen die Pest eingesetzt. Bis ins letzte Jahrhundert waren sich Ärzte und Wissenschaftler uneinig darüber, ob Alkohol eher hilft oder doch schadet. Einerseits vermutete man eine stärkende, sogar heilende Wirkung und andererseits beobachtete man die Folgeschäden. Und noch heute trinken wir auf unsere Gesundheit, obwohl wir die Risiken längst kennen.
Den Menschen in der Antike und im Mittelalter hat Alkohol sicher genauso geschadet wie uns, und zu jeder Zeit gab es Alkoholgegner. Ab dem 16. Jahrhundert entwickelte sich aber die Mäßigkeits- und Abstinenzbewegung. Übermäßiger Alkoholkonsum wurde in den folgenden Jahrhunderten immer mehr als Gefahr für die Gesellschaft wahrgenommen. Teilweise wurden Alkoholiker zu Verbrechern erklärt und in Zuchthäusern weggesperrt.
Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert verbreitete sich der sogenannte „Elendsalkoholismus“, der große Teile der armen Bevölkerung betraf. Der Umgang mit Alkohol wurde zu einem massiven Problem. Berauscht waren die die langen und anstrengenden Arbeitstage in der Fabrik für viele besser zu ertragen. Die meisten Arbeitgeber erlaubten nicht nur Alkohol am Arbeitsplatz, sondern gaben sogar einen Teil des Lohns in Form von Hochprozentigem aus. Die Gewerkschaften erkannten die Gefahr für die Arbeiterschaft und entwarfen bald Beschlüsse gegen den Verkauf von Alkohol am Arbeitsplatz.
Inzwischen hatte man auch die gesundheitlichen Folgeschäden andauernden Alkoholkonsums entdeckt. Unter Medizinern reifte die Auffassung, dass Alkoholismus eine Krankheit ist. Offiziell ist er das in Deutschland allerdings erst seit einem Beschluss des Bundessozialgerichts im Jahr 1968. Seitdem werden die Kosten für eine Behandlung von der Kranken- oder Rentenversicherung getragen.
Der gesellschaftliche Umgang mit Alkohol hat sich in den vergangenen Jahrhunderten und wahrscheinlich Jahrtausenden immer wieder geändert. Das Thema wurde ignoriert, erforscht, alkoholkranke Menschen wurden als Sünder oder Verbrecher abgestempelt und immer wieder wurde postuliert, dass weniger Alkohol uns guttun würde (01).
Trotzdem sind viele gesellschaftliche Rituale bis heute eng mit dem Konsum alkoholischer Getränke verbunden: Geburtstage, Hochzeiten, sportliche Siege und berufliche Erfolge – wo gefeiert wird, gehört Alkohol oft selbstverständlich dazu.
Alkohol steht für Lebensfreude – auch, wenn sein Konsum noch so viele Gefahren birgt.
Auch die zunehmende Aufklärung der Bevölkerung über Risiken und mögliche Folgen eines regelmäßigen Alkoholkonsums tut der Begeisterung für alkoholische Getränke in der Gesellschaft kaum einen Abbruch.
„Man gönnt sich ja sonst nichts“ - in Maßen genossen, ist gegen den Genuss alkoholischer Getränke nichts einzuwenden.
Leider jedoch ist das Maßhalten in puncto Alkohol nicht des Deutschen liebstes Kind, wie wir bei der Betrachtung von Zahlen und Fakten rund um den Alkoholkonsum in diesem unserem Lande im nächsten Kapitel unschwer feststellen werden.
02 - Alkohol in Fakten und Zahlen
„Alkohol trinke ich nur an Tagen, die mit -g aufhören. Und mittwochs“
Im Jahr 2016 trank ein Drittel der Weltbevölkerung gelegentlich oder regelmäßig Alkohol, der Anteil bei den Frauen betrug 25 Prozent, bei den Männern 39 Prozent.
Am weitesten verbreitet ist der Alkoholkonsum in Dänemark mit 97 Prozent bei Männern und 95 Prozent unter Frauen. Dagegen sind erwartungsgemäß in islamischen Ländern die allermeisten Menschen abstinent.
Deutschland belegt mit einer Prävalenz von 94 Prozent (Männer) und 90 Prozent (Frauen) jeweils den vierten und dritten Platz.
Am höchsten ist der Konsum unter Männern in Rumänien mit 82 Gramm am Tag gefolgt von Portugal (72 g/d), Luxemburg, Litauen, Ukraine, Bosnien, Weißrussland, Estland, Spanien und Ungarn (siehe nachfolgende Grafik).
Frauen trinken am meisten in der Ukraine mit 42 g pro Tag, auf den weiteren Plätzen folgen Andorra, Luxemburg, Weißrussland, Schweden, Dänemark, Irland und Großbritannien.
Hierzulande trinken Männer im Schnitt 40 g Alkohol pro Tag, also umgerechnet zwei Flaschen Bier. Damit schaffen sie es nicht mehr unter die Top-Ten beim weltweiten Konsum. Frauen hierzulande belegen mit einer durchschnittlichen Menge von 29 g weltweit Platz 9 (02).
Trotzdem ist Deutschland nach wie vor ein sogenanntes Hochkonsumland.
Im internationalen Vergleich bewegen wir uns im oberen Drittel, konsumieren wir doch jährlich 105,9 Liter Bier, 20,5 Liter Wein, 5,4 Liter Spirituosen und 3,7 Liter Sekt.
Der Pro-Kopf-Konsum an alkoholischen Getränken in der Bundesrepublik betrug im Jahr 2016 133,8 Liter. Eine Badewanne voll alkoholischer Getränke...
Das entspricht 9,5 Liter reinem Alkohol.
Stolze 96,4 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 64 Jahren trinken Alkohol.
Etwas älter als 16 Jahre sind Jugendliche in Deutschland, wenn sie ihren ersten Alkoholrausch erleben, der Schnitt ist in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gestiegen. Den ersten Alkohol gibt es durchschnittlich etwa ein Jahr früher.
Statistiken zeigen dabei deutlich: Männer trinken mehr und riskanter Alkohol als Frauen.
Der riskantere Umgang von Männern mit Alkohol lässt sich unter anderem mit gesellschaftlichen Rollenbildern erklären: Die Verknüpfung zwischen hohem Alkoholkonsum und Männlichkeit ist tief in unserer Kultur verwurzelt. Der Konsum von Spirituosen war beispielsweise lange Zeit Männern vorbehalten.
Der alte Spruch „Ein richtiger Mann muss schon ein paar Gläser vertragen können“ hält sich beharrlich, allen warnenden Zeigefingern zum Trotz. „Trinkfest“ zu sein gilt bei vielen immer noch als Statussymbol. Wenig oder keinen Alkohol zu trinken wird dagegen oft als „unmännlich“ bewertet.
Alkohol hat in Männergruppen oft die Funktion, eine Gemeinsamkeit zu schaffen: Es werden die gleichen Getränke bestellt und gemeinsam bis zum Rausch getrunken. Männer neigen stärker als Frauen im Rausch dazu, „Macht“ zu demonstrieren, zum Beispiel indem sie sich mit anderen in Trinkspielen und Mutproben messen oder gegen Regeln verstoßen. Das ist auch eine Erklärung dafür, dass Männer häufiger unter Alkoholeinfluss Unfälle verursachen oder Schlägereien anzetteln.
Auch in der Werbung werden häufig männliche Rollenbilder aufgegriffen, attraktiv in Szene gesetzt und mit dem Produkt Alkohol verknüpft. Ein gewaltiges Werbebudget sorgt hier dafür, dass die gedankliche Verbindung zwischen Männern und Alkohol gestärkt wird. Eine Studie über Alkoholwerbung im deutschen Fernsehen ergab, dass ein Großteil der Darsteller in der Werbung für alkoholische Getränke männlich ist. Vor allem in der Bierwerbung setzt die Industrie auf Männer.
Alkohol reduziert Hemmungen, dämpft Ängste und erhöht die Risikobereitschaft – kein Wunder also, dass manche sich stärker fühlen, wenn sie etwas getrunken haben. Auch das gemeinsame Trinken in der Gruppe trägt zu diesem „Machtgefühl“ bei.
Frauen trinken anders als Männer, auch wenn sich Männer und Frauen in vielen gesellschaftlichen Bereichen einander angenähert haben. Statistiken zeigen, dass Frauen seltener zu alkoholischen Getränken greifen und auch geringere Mengen konsumieren.
Dass Frauen beim Thema Alkohol zurückhaltender sind als Männer, hat auch etwas mit gesellschaftlichen Rollenbildern zu tun. Lange war es vor allem in der Öffentlichkeit verpönt, als Frau Alkohol zu trinken. Auch Spirituosen tranken früher fast ausschließlich Männer. Frauen konsumierten hochprozentigen Alkohol vor allem in Form von „Hausmitteln“ („Kräuterschnaps“), denen eine medizinische Wirkung zugeschrieben wurde.
Während hohe Trinkmengen bei Männern oft männlich und damit positiv bewertet werden oder weniger auffallen, gelten viel trinkende Frauen schnell als „unweiblich“ oder „billig“. Daher ist es verständlich, dass sich viele Frauen beim Alkohol stärker kontrollieren als Männer.
Für Frauen gibt es gute Gründe dafür, sich beim Alkoholkonsum nicht am Verhalten von Männern zu orientieren, denn die gleiche Menge Alkohol lässt bei Frauen den Promillewert stärker ansteigen als bei Männern. Denn Frauen sind im Allgemeinen leichter und ihr
Körperflüssigkeitsanteil ist niedriger.
Außerdem bauen Frauen Alkohol langsamer ab. Deshalb sind Frauen schneller und wegen des verlangsamten Abbaus auch länger in einem für sie riskanten Bereich.
Viele wissenschaftliche Studien haben zudem ergeben, dass Frauen sensibler auf das Zellgift Alkohol reagieren. Deshalb liegen bei ihnen die Grenzen für risikoarmen Alkoholkonsum niedriger als bei Männern (03).
Alkohol ist ein prosperierender Wirtschaftsfaktor.
Im Jahr 2016 betrugen die staatlichen Einnahmen aus Bier-, Schaumwein- und Spirituosensteuer 3,165 Milliarden Euro. Auf Wein wird in Deutschland keine Steuer erhoben.
Die Werbeaufwendungen für alkoholische Getränke in TV, Rundfunk, Plakatwerbung und Zeitungen/Zeitschriften betrugen 2016 rund 557 Millionen Euro.
Es wird immer günstiger, sich in einen Rauschzustand zu versetzen: Innerhalb der letzten 40 Jahre sind alkoholische Getränke im Vergleich zur sonstigen Lebenshaltung um 30 Prozent billiger geworden. Dabei sanken die Verbraucherpreise für Wein um 38 Prozent, für Spirituosen um 33 Prozent und für Bier um 26 Prozent.
Über 90% der deutschen Bevölkerung trinken Alkohol (04).
Jeder siebte Erwachsene trinkt dabei des Guten zu viel (05).
Die Folgen des hohen Alkoholkonsums in der deutschen Bevölkerung schlagen sich dabei leider auch in Statistiken nieder, die man gern vernachlässigt, wenn man über Alkohol spricht.
Jährliche Schätzungen für Deutschland belaufen sich auf etwa 74.000 Todesfälle, die durch riskanten Alkoholkonsum oder durch den kombinierten Konsum von Alkohol und Tabak verursacht werden.
Rund 1,77 Millionen Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren sind alkoholabhängig.
Beinahe ebenso viele, nämlich 1,61 Millionen Männer und Frauen in derselben Altersgruppe trinken missbräuchlich Alkohol und stehen damit oft kurz vor der Abhängigkeit.
Die direkten und indirekten Kosten alkoholbedingter Krankheiten werden pro Jahr auf 40 Milliarden Euro geschätzt.
Die WHO bringt rund 200 Krankheiten mit Alkoholkonsum in Verbindung, darunter Leberzirrhose und einige Krebsarten. In dem 500-seitigen Bericht heißt es zudem, Alkoholkonsum mache Menschen anfälliger für Krankheiten wie Tuberkulose, HIV und Lungenentzündungen (06).
Überhöhter Alkoholkonsum wirkt sich zudem auch auf andere Statistiken negativ aus.
So ereigneten sich in 2016 insgesamt 13.403 Alkoholunfälle mit Personenschaden in Deutschland. Bei diesen Unfällen starben 225 Menschen, 16.770 Personen wurden verletzt.
Und die Kriminalstatistik sagt aus, dass anno 2016 insgesamt 242.494 Tatverdächtige ihre Tat unter Alkoholeinfluss begangen. Das sind stolze 10,3 Prozent aller Tatverdächtigen (07).
Laut WHO trinken 2,3 Milliarden Menschen weltweit Alkohol – in Amerika, Europa und im Westpazifik sind es mehr als die Hälfte der Einwohner. Europa weist die höchste Zahl der Alkoholkonsumenten auf.
Mit Blick auf den weltweiten Alkoholkonsum rechnet die WHO mit einem Anstieg in den kommenden zehn Jahren, insbesondere in Südostasien, im Westpazifik und auf dem amerikanischen Kontinent.
Damit einhergehen werde vermutlich auch ein Anstieg der alkoholbedingten Krankheiten und Todesfälle (08).
03 – was passiert, wenn wir Alkohol trinken?
„Als ich von den schlimmen Folgen des Trinkens las, gab ich es sofort auf – das Lesen“
Der Mensch als solcher ist ein hochgradig komplexes, vielschichtiges System.
Greift man in dieses ein, indem man dem Körper man die Droge Alkohol zuführt, bewirkt dies unweigerlich eine ganze Reihe von Reaktionen.
Wenn von Alkohol gesprochen wird, ist meist Ethanol (oder veraltet „Äthylalkohol“) gemeint. Es gibt auch andere Alkohole, wie Methanol oder Glykol, diese sind jedoch hochgiftig und nicht trinkbar.
Alkohol entsteht durch Gären von Fruchtzucker oder anderen zuckerhaltigen Rohstoffen, wie Kartoffeln, Getreide oder Mais (09).
Die Droge Alkohol, also die einfach strukturierte chemische Substand Ethanol mit der Summenformel C2H5OH ist eine farblose Flüssigkeit. Der Ethanolgehalt alkoholischer Getränke schwankt zwischen 2-3% (Leichtbiere) und 80% (manche Rumsorten). Als alkoholfrei gelten Getränke mit weniger als 0,5% Vol. Ethanol-Gehalt.
Alkohol wird von den Schleimhäuten schnell resorbiert. Die geringsten Mengen werden über die Mundschleimhaut aufgenommen, mehr im Magen, die Hauptmenge im Dünndarm. Geringe Mengen Alkohol können schon zehn Minuten nach dem Trinken resorbiert sein. Höher konzentrierte Alkoholika werden dabei schneller aufgenommen als solche mit geringem Ethanolgehalt. Dreißig bis sechzig Minuten nach dem Trinken ist der höchste Blutalkoholspiegel erreicht, sechzig bis neunzig Minuten nach dem letzten Schluck ist die Verteilung des Alkohols im Körper abgeschlossen.
Alkohol kann im Körper nicht gespeichert werden, er wird durch Oxidation abgebaut. Endprodukte des Alkohols sind Kohlendioxid (CO2) und Wasser. Die Hauptmenge wird in der Leber abgebaut, meist eine Anzahl von speziellen Isoenzymen (10).
Auch, wenn der Körper Alkohol nicht speichern kann – bereits das kurze Verweilen der Substanz im menschlichen Organismus kann gravierende Auswirkungen haben.
In Maßen genossen – ein Getränk pro Tag für Frauen und zwei für Männer – hat Alkohol dabei ein paar überraschende gesundheitliche Vorteile.
Viele Studien haben gezeigt, dass der moderate Alkoholgenuss sowohl Männer als auch Frauen zu 25-40% vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen kann. Das gilt natürlich nicht, wenn Sie bereits an einer Herzerkrankung leiden.
Laut Harvards School of Public Health erhöhen moderate Alkoholmengen den Anteil von high-density lipoprotein oder Lipoprotein hoher Dichte (HDL) – auch „gutes“ Cholesterin genannt – und hohe HDL-Werte stehen im Zusammenhang mit einem besseren Schutz vor Herzerkrankungen. Wer hätte das gedacht?
Gemäß einer niederländischen Studie kann ein moderater Alkoholgenuss das Risiko für Diabetes Typ 2 um 30% senken.
Abstinenzler und Komasäufer haben dagegen ein höheres Risiko als diejenigen, die in Maßen trinken.
Vielleicht sollten Sie auch mal in der Kneipe vorbeischauen, wenn eine Erkältung im Anzug ist.
Wenn Sie Bier oder Wein in Maßen trinken – diese alkoholischen Getränke enthalten viele Polyphenole – stärken Sie das Immunsystem und können so weniger anfällig für Infektionen sein. So Erkenntnisse des Department of Metabolism and Nutrition in Madrid für diese Erkenntnisse. Leider kann man mit Alkohol keine Erkältung kurieren, aber er kann sehr wohl die Symptome abschwächen (11).
Genug Gründe, um regelmäßig zu bechern, könnte man meinen. Nur: es gibt leider auch negative Begleiterscheinungen des Alkoholkonsums, und derer sind da mehr als genug.
Fangen wir oben – im Kopf - an. Und hier wird es bereits dramatisch: Alkohol zerstört Gehirnzellen.
Bei jedem Besäufnis sterben Millionen von Gehirnzellen unwiederbringlich ab. Bei starken Trinkern können Pathologen deutlich erkennen, wie stark das Gehirn geschrumpft ist.
Selbst der Genuss eines Bieres tötet bereits bis zu 100.000 Gehirnzellen, da der Alkohol die Zelltotprogrammierung manipuliert. Was dazu führt das der Prozess des Zelltods immens beschleunigt wird. Nach einem Vollrausch können sogar 10.000.000 Gehirnzellen absterben. Vor allem die Bereiche im Gehirn die sich um das soziale Verhalten und das Verantwortungsbewusstsein kümmern, sind stark vom Alkohol betroffen.
Alkohol verbreitet sich dank seiner Wasser- und Fettlöslichkeit schnell im Hirngewebe und führt zu einer akuten Veränderung der Hirndurchblutung. So beeinflusst der Alkohol biochemische Prozesse
im Gehirn in verschiedenen Bereichen (12).
Alkohol wirkt auf das Nervensystem ein, insbesondere
über die Neurotransmitter. Diese sind Botenstoffe, welche auf chemischem Wege die Reizübertragung zwischen den Nervenzellen vermitteln, die Nervenzellen somit erregen oder hemmen. Im weitesten Sinne gehören die Neurotransmitter zu den Hormonen (13).
Alkohol besitzt die Fähigkeit, die chemische Zusammensetzung von Neurotransmittern zu imitieren. Die Rezeptoren halten ihn für einen Neurotransmitter und schütten deshalb Dopamin aus, eine Substanz, die eine Vorstufe von Adrenalin und Noradrenalin ist.
Haarfeine Blutgefäße verteilen die Alkoholmoleküle über das gesamte Gewebe. Treffen Alkoholmoleküle auf einzelne Nervenzellen, setzen sie sich begierig auf deren Fetthülle. Der Alkohol entfaltet seine Fettlösekraft und verursacht eine biochemische Kettenreaktion. Die angegriffenen Zellen schütten das euphorisierende Hormon Dopamin aus. Benachbarte Zellen im Gehirn nehmen das Dopamin über spezielle Rezeptoren auf. Das ist der Startschuss für ein wahres Feuerwerk an Glücksgefühlen: Weitere Botenstoffe werden ausgeschüttet – für das zentrale Nervensystem ein rauschhafter Zustand (14).
Dopamin verstärkt Gefühle von Wohlbefinden, Glück, Freude und Zuversicht und signalisiert, dass wir unserem Körper etwas gutes tun. Auch Nikotin, ein leckeres Essen oder guter Sex lösen solch' eine Dopaminausschüttung aus.
Diese Ausschüttung führt im Gehirn vorübergehend zu einer Stressminderung, der Betroffene fühlt sich wohl, ist entspannt, manchmal sogar regelrecht glücklich.
Der Verzehr auch relativ kleiner Mengen alkoholischer Getränke zeigt schon nach recht kurzer Zeit Wirkungen, Schon ab einem Blutalkoholspiegel von etwa 0,5% wird die Stimmung euphorisch, Euphorie und Optimismus machen sich breit, Ängste lassen nach.
Habe ich die ersten zwei Flaschen Bier geleert, fühle ich mich einfach besser, ausgeglichener, optimistischer,...glücklicher.
Ich freue mich NOCH mehr auf bevorstehende Ereignisse wie einen Urlaub, meine Wohnung erscheint mir NOCH gemütlicher, das Spielen mit meinem 4beinigen Freund bereitet mir NOCH mehr Freude, die Beziehung zu meiner bezaubernden Ehefrau wirkt auf mich NOCH erfüllender.
Schon geringe Mengen Alkohol bewirken zudem, dass der Trinkende aktiver wird, es kommt zu verstärktem Rededrang und eventuell zu überschießenden motorischen Reaktionen, da der Trinkende zunehmend rücksichtslos wird und sich überschätzt.
Die Stimmung geht dann oft in Gereiztheit, Aggressivität und Enthemmtheit über, bisweilen auch in Depressivität.
Wer kennt nicht aus eigener Erfahrung oder vom Hörensagen Geschichten über wüste Kneipenschlägereien, wenn im Rahmen eines heftigen Zechgelages ein Wort das andere ergibt und, oft, weil man der Worte nicht mehr fähig ist, eine körperliche Auseinandersetzung die Folge ist.
Auch in den heimischen vier Wänden geht ein oft durch Belanglosigkeiten entstandener Streit vielfach mit dem Konsum von Alkohol einher.
Für Menschen mit depressiver Veranlagung verstärkt sich durch den Einfluss des Alkohols, subjektiv betrachtet, dass Problem, das man mit gerade eben diesem doch eigentlich hatte bekämpfen oder betäuben wollen.
Trinkt man relativ geringe Mengen Alkohol, hält der dadurch bewirkte Rauschzustand nur kurze Zeit an, der Abfall der Dopaminkonzentration führt zu einem Zustand der Verstimmung.
Dann werden nicht mehr Glücksgefühle vermittelt, sondern das Gegenteil und so wird von neuem Alkohol getrunken, so dass es wieder zu einer Dopaminausschüttung kommt (15).
Vom Rauschstadium spricht man ab einem Blutalkoholwert von etwa 1 bis 2‰. Funktionen wie die Reaktionsfähigkeit und das Gleichgewicht sind bereits stark beeinträchtigt, Emotionen und Verhalten verändern sich. Man wird zunehmend verwirrt und verliert die Orientierung. Es setzen Stimmungsschwankungen und Schläfrigkeit ein. Größere Mengen Alkohol führen zu Übelkeit und Erbrechen.
Wird zu viel getrunken, schlägt der positive Effekt, verbunden mit geringen Trinkmengen, ins Gegenteil um, aller Zauber ist verflogen, die Wirklichkeit nur noch ein Zerrspiegel. Und das passiert im Gehirn: Die Nervenzellen fahren ihre Andockstellen für das Dopamin ein und der „Glücksstoff“ prallt von den Zellwänden ab (16). Der Betroffene beschleicht zunehmend Müdigkeit, er kann seine Bewegungen nicht mehr kontrollieren und wird bisweilen unzurechnungsfähig.
Die biochemische Wirkung des Alkohols ist demnach biphasisch: zunächst bzw. in kleinen Dosen wirkt er eher aktivierend, später hemmend.
Die Wirkung des Alkohols ist dabei individuell unterschiedlich, was wahrscheinlich genetisch bedingt ist. Außerdem beeinflussen Stimmungslage, Erwartungshaltung und andere psychologische Bedingungen die Wirkung des Alkohols (17).
Im Betäubungsstadium mit etwa 2 bis 3‰ sind die Störungen der allgemeinen Funktionen sehr ausgeprägt. Ein Reaktionsvermögen zum Beispiel ist kaum noch vorhanden.
Ab einem Blutalkoholwert von 3‰ kann eine Alkoholvergiftung eintreten, eine erwachsene Person bewusstlos werden und ins Koma fallen. Die Körpertemperatur ist dann bereits deutlich gesunken, die Atmung schwach, und es kann zu Atemnot bis hin zu Atemlähmung kommen, was tödliche Folgen haben kann (18).
Alkohol beeinflusst den Organismus durch eine Veränderung des Stoffwechsels. Es kommt zu einer erhöhten Energiezufuhr, da der Alkohol eine nicht unerhebliche Anzahl an Kalorien aufweist. Langfristig ist deshalb oft eine Gewichtszunahme des Trinkenden die Folge.
In den kurzen Phasen meines Lebens, in denen ich regelmäßig von morgens bis abends Alkohol getrunken habe, musste ich feststellen, dass auch bei regelmäßiger sportlicher Betätigung und einer vorwiegend durchaus gesunden und ausgewogenen Ernährung nach einem gewissen Zeitraum des Trinkens das optische Erscheinungsbild den starken Alkoholkonsum durchaus erahnen lässt. Glasige Augen, ein fülliges Gesicht, deutlicher Ansatz eines Bierbauchs.
Eine Flasche Bier (0,5l) hat nun einmal ca. 250kcal, die sich auf Dauer nicht verleugnen lassen.
Auch die Aufnahme von Nährstoffen wird durch den Alkohol beeinflusst, er hat Einfluss auf den Eiweiß-, Fett-, Vitamin- und Mineralstoffwechsel sowie auf die Bildung von Stoffwechselprodukten wie zum Beispiel Acetaldehyd.
So wird die Aufnahme von Vitaminen und Mineralstoffen durch den Verzehr alkoholhaltiger Getränke negativ beeinflusst, was zu Mangelerscheinungen führen kann (19).
Zudem führt die regelmäßige und überhöhte Aufnahme von Alkohol zu Veränderungen von physiologischen Funktionen des Organismus: Die Durchblutung verändert sich, der Blutdruck steigt, der Blutzuckerspiegel erhöht sich (20).
Ferner fördert Alkohol die Harnausscheidung, heißt, er entzieht dem Körper Wasser, was zur unangenehmen Folgeerscheinung des „Katers“, also durch übermäßigen Genuss von Alkohol bedingter Kopfschmerzen, führt (21).
Die Aufnahme von Alkohol hat starken Einfluss auf die menschlichen Sinne, die sensorischen Funktionen: Das Seh- und Hörvermögen wird beeinträchtigt, was im Straßenverkehr oft dramatische Auswirkungen hat und zu alkoholbedingten Unfällen führen kann (22).
Die intellektuellen Leistungen und die Kreativität verschlechtern sich, ebenso das logische Denken und die Gedächtnisleistung.
Bisweilen kommt es zum „Filmriss“, man kann sich an bestimmte Vorfälle oder sogar längere Zeitabschnitte nicht mehr erinnern (23).
Soviel zu den kurzfristigen Auswirkungen des übermäßigen Alkoholkonsums.
Darüber hinaus existieren eine Vielzahl eher langfristig auftretender klinischer Folgewirkungen.
Die Spätfolgen des Dauerkonsums alkoholischer Getränke sind am ganzen Körper ablesbar. Alkohol wird über die Leber abgebaut, bei übermäßigem Konsum ist diese der Aufgabe nicht mehr gewachsen und erkrankt. Schon bei 40-60 Gramm reinen Alkohols täglich ( 4-6 Gläser 0,1l Wein oder Gläser 0,25l Bier) ist das Risiko für eine Leberzirrhose sechsmal höher als bei einem Abstinenzler, bei der doppelten Trinkmenge steigt es schon auf das vierzehnfache. Das sind die Werte für Männer, bei Frauen treten diese Folgen schon bei der Hälfte der konsumierten Menge ein.
Oft ist auch der Magen-/Darmtrakt betroffen. Die Schleimhäute in Magen und Dünndarm entzünden sich durch den Alkohol und werden durch diesen geradezu perforiert. Das Risiko für eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse steigt schon bei einem Konsum von 20 Gramm reinen Alkohols täglich (24).
Langfristiger Alkoholkonsum kann zu einer verminderten Leistungsfähigkeit des Herzens führen und somit Herzkrankheiten verursachen. Mehrjähriger chronischer Alkoholmissbrauch führt zudem zu einem Abbau der Hirnsubstanz, was die intellektuellen Leistungen und die Feinmotorik beeinflussen kann (25).
Auch auf dem Weg vom Mund in den Magen hinterlässt der Alkohol Spuren: Forscher haben ausgerechnet, dass das Risiko für Mundhöhlen- und Kehlkopfkrebs bei einem Konsum von 75-100g täglich auf das 13fache ansteigt.
Nerven und Muskeln nehmen erheblichen Schaden und auch die Zeugungsfähigkeit lässt nach: Schon bei 40 Gramm am Tag wird die Spermienproduktion reduziert, bei höheren Dosen wird sie komplett eingestellt und die Hoden schrumpfen.
Diese Liste ließe sich fast endlos fortsetzen – es gibt kaum ein Organ, das durch den übermäßigen Alkoholgenuss nicht geschädigt wird (26).
Alkohol hat wie andere Drogen auch, ein Abhängigkeits-potenzial. Das entscheidende Charakteristikum ist hierbei die psychische Abhängigkeit: Das unstillbare Verlangen, den Alkoholkonsum fortzusetzen, obwohl dem Betreffenden die negativen Konsequenzen des erneuten Trinkens bewusst sind (27).
Auf physischer Ebene manifestiert sich infolge des Vieltrinkens über einen längeren Zeitraum das Problem des Alkoholentzugs, sofern der Alkoholkonsum unterbrochen wird: Es kommt zu Brechreiz, Kreislauf- und Schlafstörungen, Zittern, bisweilen sogar zu regelrechter Angst sowie zu Depressionen (28).
Führt man sich die negativen gesundheitlichen Effekte des Trinkens von Alkohol vor Augen, so wundert es nicht, dass jeder 20. Todesfall auf Alkohol zurückgeht. Laut einem Bericht der Welt-gesundheits-Organisation (WHO) sterben jedes Jahr rund drei Millionen Menschen weltweit durch Alkoholkonsum – das sind mehr als durch Aids, Gewalt und Verkehrsunfälle zusammen. Am stärksten betroffen sind Männer – sie machen drei Viertel der alkoholbedingten Todesfälle aus.
Die drei Millionen durch Alkohol verursachten Todesfälle, die 2016 registriert wurden, entsprechen 5,3 Prozent aller Todesfälle des Jahres. Im selben Zeitraum wurden 2,5 Prozent der weltweiten Todesfälle durch Verkehrsunfälle verursacht, 1,8 Prozent durch Aids und 0,8 Prozent durch Gewalt (29).
Nach einer Auswertung der Studie "Global Burden of Disease" (GBD) zu den Trinkgewohnheiten in 195 Ländern und den alkoholbedingten Schäden steht der Alkoholkonsum an siebter Stelle sowohl der häufigsten Todesursachen als auch der Faktoren, die zu gesundheitlichen Einschränkungen führen. Hauptursachen sind vermehrte Tuberkuloseinfekte, Tumorerkrankungen, Verkehrsunfälle sowie Suizide unter Alkoholeinfluss (30).
Alkohol ist ein kolossales globales Gesundheitsproblem. Ein geringer Nutzen von moderatem Alkoholkonsum kann die alkoholbezogenen körperlichen, psychischen und sozialen Gesundheitsrisiken bei weitem nicht ausgleichen.
Leider wird die Bevölkerung nicht klar und verlässlich über die mit dem Alkoholkonsum verbundenen Risiken aufgeklärt. Das ist wenig verwunderlich. Die Alkoholindustrie ist sehr mächtig und hat Unsummen an Geld zur Verfügung. Und was ist deren Daseinszweck? Richtig, der Verkauf von Alkohol. So werden Forschungsergebnisse, die die Risiken des Alkoholkonsums zu Tage fördern in den sozialen Medien unmittelbar durch widersprechende neue Erkenntnisse, die
aus von der Alkoholindustrie gesponserten Studien stammen, gekontert.
Es handelt sich um eine gewaltigen Tatsachen-Verdrehung, verursacht durch kollektive Verdrängung. Die Medien wollen diese Dinge nicht publik machen, die Leser wollen sie nicht wissen (31).
Um all' das wissend stellt sich die Frage: Warum trinken wir denn überhaupt so viel Alkohol?
04 – warum trinken wir Alkohol?
„Edles Bier, du tust mir gut.Gibst mir Zuversicht und Mut“
Der Konsum alkoholischer Getränke initiiert also einen biochemischen Prozess, im Rahmen dessen durch den ausgeschütteten Botenstoff Dopamin beim Trinkenden Wohlbefinden und Glücksgefühle entstehen.
Unser Gehirn speichert, dass Alkohol glücklich macht. Und will mehr davon...
Die Reduktion negativer Gefühle, verursacht durch die Stimulation inhibitiver Neurotransmitterrezeptoren, ist eine der verführerischsten Konsequenzen des Trinkens.
Indes auch eine der gefährlichsten.
Alkohol ist einer der besten Wirkstoffe gegen Ängste, Sorgen, Probleme, trübe Gedanken und erlittene Verletzungen.
Er unterstützt uns dabei, den Film im Kopf so zurechtzuschneiden, dass er für das Ego wieder erträglich wird. Alkohol ist einer der besten Tranquilizer auf dem Markt. Es gibt kein effektiveres Mittel gegen Stress. Keinen kürzeren Weg zu einem angenehmen Befinden. Was man auch macht, wo man sich auch aufhält – mit einem Drink in der Hand wird das Leben für viele Menschen gleich ein wenig rosaroter und erträglicher.
Alkohol wird missbraucht, um eigene Gefühle regulieren zu können. Dies ist notwendig, wenn wir nicht gelernt haben, unsere Gefühle als normale psychische und körperliche Reaktionen wahrzunehmen und zu akzeptieren (32).
Die Kehrseite der Medaille sind die vielschichtigen physischen wie psychischen Auswirkungen, die regelmäßiges Trinken auf den menschlichen Organismus hat.
Trotzdem trinken wir Alkohol. Ist es also letztendlich die Sehnsucht nach Glück, das Streben nach dem Gefühl des Seelig-seins, was uns in die Sucht treibt?
Bestimmt auch, aber übermäßiger Alkoholkonsum kommt oft nicht von ungefähr.
Meist gibt es einen subjektiven, oft höchst individuellen Grund, warum der Betroffene immer häufiger zum Glas, beziehungsweise zur Flasche, greift.
Und doch gibt es Gemeinsamkeiten, sind es immer wieder bestimmte, ganz konkrete Lebenssituationen, in denen sich der Alkohol ganz hervorragend eignet, um der eigenen Gemütsverfassung ein wenig auf die Sprünge zu helfen.
Am Tag der Deutschen Einheit anno 2018 stehe ich frühmorgens in der Küche und bin dabei, das Frühstück für meine Frau Ewa und mich zuzubereiten, als das Telefon klingelt. Wer kann das sein, so früh am Morgen? Bestimmt jemand aus Ewas großer Familie oder eine ihrer besten Freundinnen – meine Frau telefoniert gerne, viel und zu allen Tageszeiten. Ewa hebt den Hörer ab, legt kurze Zeit später wieder auf, gesprochen hat sie mit dem Anrufer offenbar nicht. Sie kommt zu mir in die Küche, Tränen laufen ihr über die Wangen.
„Dein Papa ist gestorben“. Der Anruf kam aus dem Pflegeheim, in dem meine Eltern seit knapp anderthalb Jahren leben.
Mein Vater ist in den Morgenstunden, zwar im stolzen Alter von fast 97 Jahren, trotzdem aber plötzlich und völlig unerwartet, verstorben.
Unmittelbar lege ich das Brotmesser zur Seite, öffne den Kühlschrank, greife mir wortlos eine Flasche Bier und gehe die Kellertreppe hinab, dann in den Garten. Dort stehe ich, vor Schock am ganzen Leib zitternd und keines klaren Gedankens fähig, und trinke mein Bier – um 08:00 morgens.
Auf dem Weg zurück in den Wohnbereich unseres Hauses nehme ich mir aus dem Zweitkühlschrank, der im Keller steht, eine zweite Flasche mit nach oben.
„Wir müssen ins Heim, auch wegen Deiner Mutter“, sagt Ewa.
„Ich kann nicht“ antworte ich. Die zweite Flasche Bier ist beinahe schon geleert.
„Aber wir müssen dahin. Sie weiß noch nichts, ich denke, DU solltest es ihr sagen“.
Ewa hat Recht. Die Autofahrt zum Pflegeheim dauert keine fünf Minuten, das muss reichen für die dritte Flasche Bier. Im Heim angekommen, zeigt der Alkohol erste Wirkung: Ich bin in der Lage meiner Mutter die Todesnachricht zu überbringen. Ewa wartet vor ihrer Zimmertür.
„Gehen wir zu ihm rein?“ fragt sie.
„Das kann ich nicht“ entgegne ich auch jetzt.
Ewa geht allein ins Sterbezimmer meines Vaters. Auch er hat dem Alkohol zeitlebens regelmäßig zugesprochen und so befindet sich in seinem Zimmer ein kleiner Kühlschrank, der lediglich dazu dient, Bier zu kühlen. Dessen bewusst, betrete ich das Zimmer, gehe schnurstracks zum Kühlschrank, entnehme diesem eine Flasche Bier, nehme einen kräftigen Schluck und wende mich meinem toten Vater zu.
„Ein letztes Prost, Papa“.
Anderer Anlass – gleiche Reaktion.
In meiner Zeit als Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens holt mich die Vergangenheit der Firma ein.
Mein Vorgänger hatte sich bei einem Prüfverfahren nicht an die Recht gebende Verordnung gehalten, ich bin persönlich haftender Geschäftsführer, habe mit den Verfehlungen aus der Vergangenheit zwar nichts zu tun, bin aber trotzdem kurz davor, wegen eben diesen verklagt zu werden.
In diesen Wochen wird es zur Gewohnheit, abends die Unterstützung von drei oder vier Flaschen Bier zu suchen, um ein wenig abzuschalten, um Entspannung zu finden und die Gedanken in meinem Kopf zur Ruhe zu bringen.
Auf der Arbeit wird der Stress zunehmend größer, die Stimmung unter den Kollegen immer angespannter, steht und fällt doch die Existenz der Firma mit einer drohenden Anklage und dem damit einhergehendem vorübergehenden Berufsverbot.
Wie wünsche ich mir das wohlige Gefühl vom Vorabend zurück, als mir die beruflichen Probleme weitaus belangloser erschienen.
Ich schaffe es kaum mehr, mich morgens ins Auto zu setzen, um ins Büro zu fahren und mein Tageswerk zu verrichten. Und so kommt es, wie es kommen muss: ich beginne, bereits auf der circa fünfundvierzig Minuten dauernden Fahrt zum Arbeitsplatz die ersten zwei Flaschen Bier zu trinken.
Zwei weitere (diese habe ich Zuhause zuvor ins Eisfach gelegt, warmes Bier trinkt sich schlecht und im Firmenkühlschrank kann ich den geliebten Gerstensaft kaum deponieren...) trinke ich bis zur Mittagspause heimlich und vor allem hektisch – ich habe zwar ein Büro für mich alleine, aber es kann ja jederzeit jemand hereinkommen- an meinem Schreibtisch.
In der Mittagspause gehe ich in Kneipen, in denen ich mir ziemlich sicher bin, dass dort niemals ein Kollege auftauchen wird, um neben dem Mittagsessen auch das ein' oder andere Bier zu trinken. Auf dem Rückweg ins Büro eile ich noch schnell in den Supermarkt, um mir weitere zwei Dosen Bier zu kaufen, die dann bis zum Feierabend reichen müssen. Dass diese lauwarm sind, ist mir mittlerweile egal.
So überstehe ich einige Wochen den Arbeitstag, um dann am Feierabend, schließlich muss ich ja die Gedanken an den nächsten Arbeitstag verdrängen, weiter zu trinken.
Der Tod eines nahestehenden Menschen sowie Leistungsdruck und Stress auf der Arbeit sind nur zwei von vielen möglichen Anlässen, zu Glas oder Flasche zu greifen.
Beziehungsprobleme, schlimmstenfalls das Scheitern einer Ehe, eine schwere Krankheit – es gibt genug Probleme, denen sich der Mensch im Laufe seines Lebens ausgesetzt sieht und Probleme kann man – kurzfristig - „weg-trinken“.
In all' diesen Situationen kann der Alkohol Linderung verschaffen, kann er entspannen, beruhigen – und gerade das macht die Droge so gefährlich.
Der amerikanische Physiologe und Erforscher der Alkoholkrankheit Elvin Morton Jellinek hat eine Alkoholikertypologie entwickelt, in der er Trinker in fünf sogenannte „Trinkertypen“ einteilt.
Alpha – Trinker, auch Konflikt – oder Problemtrinker genannt, trinken Alkohol, um sich zu entspannen, um Angst und Verstimmungen zu beseitigen oder um Ärger herunterzuspülen.
Mit der eintretenden Beruhigung kommt auch die Kreativität für Problemlösungen zurück: man schreibt einen ergreifenden Liebesbrief, man hat eine berufliche Inspiration, man entscheidet sich für ein alternatives Behandlungsverfahren.
Die steigende Kreativität durch Alkoholkonsum bezieht sich übrigens nicht nur auf Problemlösungen, auch in alltäglichen Situationen tut der Alkohol seinen inspirierenden Dienst: Sitze ich im Sommer abends absichtslos im Garten („ich möchte einfach nur hier sitzen“, Loriot-Zitat aus dem Sketch „Szenen einer Ehe“), stehe ich spätestens nach der zweiten Flasche Bier auf, um dieses und jenes Gartenwerk zu verrichten. Ich gieße, schneide, pflanze um und zupfe Unkraut und merke dabei gar nicht, wie die Zeit vergeht, während ich mir noch ein Bier genehmige. Am nächsten Morgen wundere ich mich dann manchmal über das Werk vom Vorabend...
Im Winter muss das Haus dran glauben: die Deko wird gewechselt, der Kleiderschrank aufgeräumt, im ganzen Haus nach etwaigem Sperrmüll gesucht oder der Kellerbereich gesaugt.
Zurück zu den Problemtrinkern: Diese haben durchaus eine seelische Abhängigkeit zum Alkohol, aber sie haben auch noch die Freiheit, mit dem Trinken aufzuhören.
Das Problemtrinken ist einer der häufigsten Gründe, warum Menschen in Deutschland zur Flasche greifen. Und warum sie an der Flasche bleiben. Häufig verhält es sich nämlich so, dass die positive Erfahrung „mir geht es besser“, die mit dem Genuss alkoholischer Getränke verbunden ist, dazu führt, dass die Anlässe, warum man trinkt, immer nichtiger und damit immer häufiger werden. War es anfangs noch der Tod eines Angehörigen oder der Verlust des Jobs, reicht später bereits eine kleine Meinungsverschiedenheit mit dem Partner aus – Hauptsache, es gibt einen angenommenen Grund zu Trinken. Auch, wenn objektiv kaum ein Grund existiert. Das Problem Alkohol hat sich verselbstständigt. Man trinkt um des Trinkens willen und sollte sich dessen schleunigst bewusstwerden, solange man noch in der Lage, gegenzusteuern, um einer drohenden Abhängigkeit zu entgehen.
Die Freiheit, mit dem Trinken aufzuhören, hat ein weiterer Trinkertyp, der Beta – Trinker, auch Gelegenheitstrinker genannt, auch. Sein Trinkverhalten wird oft vom sozialen Umfeld mitbestimmt und auch Geselligkeitstrinken genannt.
In der heutigen Konsum- und Überflussgesellschaft geht beinahe jedwede Feier zwingend einher mit dem Genuss von Alkohol.
Sogar am Arbeitsplatz ist es zur Gewohnheit geworden, bereits am frühen Morgen mit Sekt auf Geburtstage anzustoßen.
Auch das „Abfeiern“ oder das gediegene „Essen-gehen“ am Wochenende ist meist gleichbedeutend damit, sich einen hinter die Binde zu kippen.
Anlässe für den Beta-Trinker, Alkohol zu konsumieren, sind Geburtstage, Familienfeiern ebenso wie Arbeitsjubiläen oder Verabredungen in Gaststätten. Mag einem auch nicht immer nach Bier, Wein und Schnaps sein – der Konsum alkoholischer Getränke gehört einfach zum Anlass dazu und wird deshalb auch kaum in Frage gestellt.
Das Trinken kann auf diese Weise zur Gewohnheit werden (33).
In kaum einem anderen Land finden sich so viele BETA-Trinker wie in Japan. Hier braucht man keinen Anlass für feuchtfröhliche Runden. In Japan gehört Alkohol einfach zu einem gelungenen Abend dazu. Auch bei einer Reise im Flugzeug, in der Bahn oder im Bus genehmigen sich Japaner schon in der Früh gern ein Bier oder auch zwei. Studenten treffen sich regelmäßig zu „Nomikai“, zu Trinkanlässen. Besonders ausgeprägt ist die Zecherei nach Dienstschluss: Das Feierabendbier ist in vielen Unternehmen fast schon ein Ritual. Ein guter Schluck hilft, mehr als nur den Arbeitsstress abzubauen: Beschwipst fällt das Plaudern leichter. Bei Bier, Wein oder Sake fallen mit den Hemmungen auch strikte soziale und hierarchische Schranken. Es gibt auch ein Wort für diese Art des geselligen Zusammenseins. Japaner umschreiben ihre regelmäßigen Trinkgelage mit „Nomunication“, das sich aus dem Begriffen „nomu“ (japanisch: trinken) sowie dem internationalen „Communication“ zusammensetzt und tatsächlich der innerbetrieblichen Kommunikation dient. Im mildernden Umstand der Trunkenheit erfahren die Chefs, was ihre Untergebenen am Führungsstil oder an Entscheidungen kritisieren. Bei alkoholisierten Scherzen können sie Fehler erkennen und auch zugeben, ohne ihre Autorität aufs Spiel zu setzen. Niemand wird sie irgendwann nüchtern darauf ansprechen. Es ist ein ungeschriebenes, aber bindendes Gesetz, am nächsten Tag zu „vergessen“, was alkoholumnebelt am Vorabend gesagt wurde.
Kaum irgendwo auf der Welt ist die Toleranz für Alkohol so groß: Wer über den Durst trinkt, vom Barhocker fällt oder auf der Tatami-Matte umkippt und einschläft, wird nicht getadelt. Kein Japaner nimmt Anstoß daran, wenn im Zug oder auf der Straße ein Angestellter im dunklen Anzug sturzbetrunken torkelt oder einfach herumliegt. Man setzt den Fremden einfach in ein Taxi oder geleitet ihn zur S-Bahn. Eine Umfrage des Forschungsinstituts Pew Global bestätigt diese legere Haltung auch statistisch.
Demnach sind Japaner spitze in Sachen Toleranz. Für 66% der Interviewten ist Alkoholkonsum „moralisch akzeptabel“, nur 6% sind entgegengesetzter Meinung. Mit großen Abständen folgen Tschechen, Deutsche und Briten: Bei den Tschechen finden es 47% okay, Alkohol zu trinken, bei den Deutschen 41% und den Briten 38%. „Japan ist ein Paradies für Trinker“, so „Japantoday“.
Ärzte verlangen seit Jahren mehr Aufklärung über die Folgen, über Sucht, Missbrauch und Behandlungen. Aber die Politik weigert sich, Alkoholismus als Krankheit anzuerkennen. Das Problem: Viele führende Politiker halten es wie ihre Landsleute, sie trinken gern, regeln bei einem Gläschen wichtige Deals und würdigen jene, die besonders viel vertragen. So wurde ein ehemaliger Präsident des Unternehmerverbandes auf seinem Grabstein mit der Inschrift „geehrt“: „Er war ein begnadeter Trinker“ (34).
Gelegenheitstrinker bekommen nicht selten Organschädigungen. Sie sind weder körperlich noch seelisch vom Alkohol abhängig, aber gefährdet.
Praktiziert man das Gelegenheitstrinken über einen längeren Zeitraum besteht die Gefahr, zum Gamma- oder Delta-Alkoholiker zu werden.
Gamma – Alkoholiker sind suchtkrank und können ihren Alkoholkonsum nicht mehr steuern. Sie erleiden einen Kontrollverlust, das eigentliche Merkmal der Alkoholkrankheit, sie können ihren Alkoholkonsum nicht mehr kontrollieren, ihn mengenmäßig nicht mehr steuern. Gamma-Trinker müssen trinken, weil ihr Körper den Alkohol verlangt. Zwischendurch haben sie bisweilen völlig alkoholfreie Perioden, manchmal sogar über längere Zeiten bis zu mehreren Monaten.
Insbesondere vormalige „Problemtrinker“ neigen dazu, sich zu Gamma-Alkoholikern zu entwickeln.
Delta – Alkoholiker werden auch Spiegeltrinker genannt, weil sie einen andauernden, ständigen Blutalkoholspiegel aufrechterhalten müssen. So wird aus einem angedachten „Frühschoppen“ oft ein „Tagesschoppen“. Das Bier schmeckt schon lange nicht mehr, der Bauch bläht und der stetige Harndrang treibt einen wieder und wieder auf die Toilette – trotzdem ist ein „Schluss-für-heute“ vor dem Zubettgehen keine Option. Einmal Alkohol im Blut ist das Verlangen, diesen Zustand aufrecht zu erhalten, einfach zu groß.
Fehlt die Zufuhr von Alkohol, kommt es bisweilen zu starken Entzugserscheinungen. Die Spiegeltrinker sind nicht abstinenzfähig, die Entzugserscheinungen sorgen für ein ständiges Weitertrinken.
Auch, weil Spiegeltrinker oftmals eine sogenannte Alkoholtoleranz entwickeln. Das bedeutet, dass sie, um die gleiche Wirkung zu erzielen, mehr Alkohol trinken müssen (35).
Spiegeltrinker entwickeln sich oft aus Beta-Trinkern, aus Gelegenheitstrinkern. Sie sind krank.
Epsilon – Alkoholiker schließlich werden im Volksmund auch schlicht und einfach „Quartalsäufer“ genannt. Sie verspüren in zeitlichen Abständen einen unwiderstehlichen Drang nach Alkohol, der sich oft Tage zuvor durch Ruhelosigkeit und Reizbarkeit ankündigt. Sie veranstalten dann regelrechte Sauf – Exzesse, die einige Zeit andauern können, und leben dann oft tagelang in einem Rauschzustand.
Während dieser Trinkphase haben sie den Kontrollverlust. Sie trinken hemmungslos und haben Erinnerungslücken („Filmrisse“).
Zwischen den einzelnen Trinkphasen leben die Kranken oft wochenlang ohne Alkohol und haben nicht einmal das Bedürfnis, Alkohol zu trinken, bis wieder eine Rauschphase beginnt. Die Epsilon- Alkoholiker sind im Sinne der Reichsversicherungsordnung (RVO) ebenfalls krank (36).
Soweit die Trinkertypologie nach Jellinek. Ich möchte diese im Folgenden gern noch um vier weitere Trinkertypen erweitern, die ich für wesentlich im Hinblick auf die Frage „warum trinken wir Alkohol?“ halte, den „Selbstwerttrinker“, den „Schöntrinker“, den „Belohnungstrinker“ und den „Gewohnheitstrinker“.
Beginnen wir mit dem „Belohnungstrinker“.
Anfangen kann der Weg in die Sucht oft mit „harmlosem“ Belohnungstrinken.
Der Belohnungstrinker konsumiert alkoholische Getränke immer dann, wenn er glaubt, etwas Besonderes erreicht, etwas geschafft zu haben. Beruflicher Erfolg, die Bewältigung einer unangenehmen Situation im Privatleben, eine sportliche Höchstleistung – und schon heißt es „darauf trinke ich mir einen“.
In der Werbung findet der Belohnungstrinker vielfach die Bestätigung seines Verhaltens.
"das habe ich mir verdient“, „man gönnt sich ja sonst nichts“, „wenn einem so viel Gutes widerfährt, dann ist das einen … wert“, „darauf einen...“. - pfiffige Marketingspezialisten sprechen dem Alkohol eine Erlöserqualität zu, die er nicht hat.
Eine amerikanische Studie zeigt, dass der Alkoholgenuss auch stark vom Belohnungszentrum im Gehirn abhängt. Forscher gehen schon lange davon aus, dass Alkohol Endorphine im Gehirn freisetzt und so angenehme Gefühle hervorgerufen werden. Vermutlich verhält es sich so, dass bei Belohnungstrinkern das Belohnungszentrum im Gehirn besonders stark auf die Zufuhr von Alkohol reagiert.
„Offenbar ist ihr Gehirn irgendwie verändert, sodass sie im Gegensatz zu Normaltrinkern Alkoholkonsum als angenehmer empfinden und mehr wollen – und zwar unabhängig von der Menge der Endorphinfreisetzung oder -bindung“, glaubt Studienleiterin Jennifer Mitchell von der University of California (37).
Ein weiterer Trinkertyp ist der „Selbstwerttrinker“. Er konsumiert Alkohol, um auf diesem Wege sein Ego aufzupolieren, wohl wissend, dass die enthemmende, bisweilen gar euphorisierende Wirkung alkoholischer Getränke oft mit einer Steigerung des Selbstbewusstseins einhergeht.
Der Genuss von Alkohol zur Steigerung des Selbstbewusstseins oder, anders ausgedrückt, Trinken um „gut drauf zu sein“, ist weit verbreitet.
Ich erinnere mich an zwei Ereignisse im Kreise unserer Clique, damals alle Anfang 30.
Eine gute Freundin hat angekündigt, eine Bekannte auf ein Straßenfest mitzubringen. Ich hatte diese schon Wochen zuvor auf einem Geburtstag kennen gelernt und war zu der Ansicht gelangt, dass sie gut zu einem meiner besten Freunde, damals glücklich geschieden, passen würde. Wir sitzen in einem kleinen Zelt auf einer Biertischbank, mein Freund signalisiert mir unauffällig, dass er durchaus interessiert an dem Überraschungsgast ist. Nur sitzt er stocksteif auf der Bank, traut sich kaum einmal in Richtung des Objektes der Begierde zu schauen, vom Anbahnen einer Unterhaltung ganz zu schweigen.
Nach einer Weile steht mein Freund auf und verabschiedet sich, um „nur kurz eine Kleinigkeit essen“ zu gehen. Als er sich nach circa dreißig Minuten wieder zu uns gesellt, bietet sich uns ein ganz anderes Bild: breit grinsend, den von der Band zu Gehör gebrachten Musiktitel mitsingend, stolpert er fast über die Holzbank und quetscht sich geradezu in die kaum vorhandene Lücke zwischen meiner Freundin und derer Bekannter, um unmittelbar das Gespräch mit beiden aufzunehmen.
Die Vermutung liegt nahe, dass er statt einer „Kleinigkeit essen“ am nächsten Tresen verweilt und eher flüssige Nahrung zu sich genommen hat.
Dass der Versuch, die Auserwählte an diesem Abend nachhaltig zu beeindrucken, kläglich scheitert, bedarf nicht der Erwähnung...
Frisch verliebt nehme ich eines Abends meine neue Herzdame zu einer Geburtstagsparty mit, man trifft sich in einem bekannten Kölner Stimmungslokal.
Als wir in dem Lokal feiern, verändert sich die Stimmung meiner Begleiterin schlagartig: Sie redet kaum, schaut mehrmals betreten auf den Boden und sieht einfach nur unglücklich aus. In diesem Lokal, bei dieser Musik und unter völlig unbekannten Menschen fühlt sie sich offenbar nicht wohl.
„Ich bin mal 'ne halbe Stunde weg“, sagt sie auf einmal, ich denke mir nichts dabei. Vielleicht ein wenig frische Luft schnappen, vielleicht ein wichtiges Telefonat. Um die fünfundvierzig Minuten später steht ein anderer Mensch vor uns: hoch erhobenen Hauptes, dabei lächelnd und sich rhythmisch zur Musik bewegend scheint meine neue Freundin den Abend auf einmal zu genießen. Auch das Gespräch zu meinen Freunden sucht sie nunmehr.
„Ich war kurz draußen am Kiosk, nüchtern kann ich diesen Laden nicht ertragen“ flüstert sie mir ins Ohr.
Das Selbstwerttrinken mag in manchen Situationen durchaus ein probates Mittel sein, um sich selbstbewusster zu fühlen, sicherer aufzutreten, „cooler“ zu wirken.
Selbstwerttrinker neigen jedoch manchmal dazu, immer mehr Situationen auszumachen, in denen sie sich selbstsicherer fühlen möchten.
Das birgt die Gefahr, dass sich der Selbstwerttrinker langsam, aber sicher in Richtung Gewohnheitstrinker entwickelt.
Bei dem Begriff „Schöntrinken“ denkt man unweigerlich an Karneval, an Ballermann und andere Lokalitäten, die mit „Bagger-Image“ versehen sind, also im Ruf stehen, aufgrund Ihres Ambientes die Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht zu fördern.
Der platte Männerspruch „die sauf' ich mir schön“, wenn es darum geht, der wahrgenommenen Attraktivität einer Vertreterin des anderen Geschlechts mit Alkohol auf die Sprünge zu helfen, ist allseits bekannt.
Das sprichwörtliche Schöntrinken gibt es nach Erkenntnissen britischer Wissenschaftler tatsächlich – und zwar nicht nur in Bezug auf die Attraktivität des jeweils anderen Geschlechts. Nach ein paar Gläschen fanden heterosexuelle Männer bei einer Versuchsreihe der Universität von Bristol sowohl Frauen als auch Vertreter des eigenen Geschlechts hübscher als vorher. Auch in den Augen von Frauen wurden Vertreter beider Geschlechter attraktiver (38).
Der Schöntrinker beeinflusst mittels Alkoholes dabei keinesfalls nur seine Wahrnehmung vom weiblichen Gegenüber, er merkt schnell, dass sein Prozedere auch in andern Lebenssituationen Erfolg verheißt und er sich vieles
schöntrinken kann, wenn nur der Pegel stimmt.
Eine Visite der nicht unbedingt heiß und innig geliebten Verwandtschaft wird infolge von Begrüßungssekt, Tischwein zum Essen und dem Schnäpschen danach durchaus erträglich.
Den Besuch einer Travestieshow, an der mich nun wirklich überhaupt nichts reizt, finde ich beinahe amüsant.
Sie sollten sich einmal nüchtern in die entsprechenden Situationen begeben. Ich habe es versucht. Nach dem Besuch der Verwandtschaft habe ich davon abgesehen, mich nüchtern dem heiteren Spott der Travestiekünstler auszuliefern...
Erst ohne den Einfluss von Alkohol erkennt man, was einem wirklich Freude bereitet und was eben nicht.
Ist der regelmäßige Alkoholkonsum zur Gewohnheit geworden, ist oftmals allein das schon Grund genug, weiter zu trinken, der Betroffene wird zum Gewohnheitstrinker.
Denn die Wirkung des Alkohols, in Maßen genossen, ist ja auch ohne die Probleme, die man mit selbigem bekämpfen will, eher angenehm als das sie uns stört. Und so vermisst man nach einer Zeit regelmäßigen Trinkens das wohlige Gefühl der Leichtigkeit des Seins, welches sich bereits nach recht geringen Mengen Alkohol einstellt.
Außerdem verbindet man gewisse Situationen des Alltags, beispielsweise das Abendessen oder das abendliche Fernsehen, unweigerlich mit dem Genuss von alkoholischen Getränken - oft fällt es schwer, diesen Gewohnheitszusammenhang aufzulösen.
Dazu kommt, dass manch' einer sich gar nicht bewusst ist, dass er viel beziehungsweise zu viel trinkt und dieser Gewohnheit weiter nachgeht, ohne überhaupt in irgendeiner Form darüber
nachzudenken.
Gerade Menschen, die ein durch Arbeit, Familie und Freizeitgestaltung ausgefülltes Leben führen, nehmen sich oft nicht die Zeit zur Selbstreflektion, sondern leben einfach in ihrem gewohnten Rhythmus weiter. Ist der Genuss alkoholischer Getränke erst einmal Bestandteil desselben, wird er, wie andere Bestandteile des täglichen Lebens auch, weiter fortgesetzt.
Das Einteilen alkoholgefährdeter Menschen in „Trinkertypen“
kann wertvolle Unterstützung bieten, wenn es darum geht, den Ursachen für einen übermäßigen Alkoholkonsum auf den Grund zu gehen.
Basierend auf diesem Wissen ist es dann möglich, entsprechende Ansatzpunkte zur Bekämpfung der möglichen Alkoholsucht des Betroffenen zu erhalten.
Doch was ist das eigentlich genau – Sucht? Und wie kommt sie zustande? Damit befassen wir uns im nächsten Kapitel.
05 – Sucht und Alkoholismus
„Wer je den Durst mit Bier gelöscht, wird wieder danach streben“
Man könnte annehmen, dass das Wort „Sucht“ etymologisch mit dem Begriff „suchen“ zu tun hat – weit gefehlt. Es hat seinen Ursprung im Wort „siechen“, also an einer Krankheit leiden.
„Sucht ist ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung der Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen des Individuums.", so Klaus Wanke, mittlerweile verstorbener, früherer Sprecher des Wissenschaftlichen Kuratoriums der Deutschen Hauptstelle zur Abwehr der Suchtgefahren (39).
Süchtiges Verhalten kann ein jeder von uns entwickeln, denn jeder wiederholt gern, was ihm Wohlgefallen bereitet. Substanzen wie Tabak, Coffein, bestimmte Beruhigungs- und Schlafmittel wie Benzodiazepine oder Barbiturate, flüchtige Lösungsmittel und illegale Drogen wie Cannabis, Ecstasy, LSD, Kokain und Heroin (Opioide), und eben auch Alkohol besitzen allesamt ein Suchtpotenzial. Das bedeutet, dass möglicherweise bereits ihr einmaliger, in jedem Fall aber ihr mehrmaliger Konsum der erste Schritt in eine Abhängigkeit sein kann.
Aber warum wird man nach diesen Substanzen süchtig?
Kurzfristig wird mit dem Konsum eines Suchtmittels eine positive Wirkung erzielt, die oft als unbefriedigend empfundene Ausgangssituation wird scheinbar gebessert. Die anschließende „Ernüchterung" lässt einen Teufelskreis entstehen, der Wunsch nach einem erneuten Rausch rückt für den Betroffenen immer mehr in den Lebensmittelpunkt.
Eine Suchterkrankung basiert auf einer Fehlsteuerung des Belohnungssystems im Gehirn. Suchtmittel aktivieren verschiedene Botenstoffe, die zum Beispiel Wohlbefinden oder Euphorie auslösen. Dadurch lernt das Gehirn relativ schnell, ein bestimmtes Suchtmittel als positiven Reiz wahrzunehmen. Fehlt dieser Reiz, empfindet es eine Art Belohnungsdefizit – mit der Folge, dass der unkontrollierte Wunsch nach dem Suchtmittel entsteht.
Fast jede Sucht entwickelt sich über die psychischen Prozesse Erfahrung und Wiederholung an die sich der physiologische Prozess der Gewöhnung oder biologischen Toleranz anschließt. Unter biologischer Toleranz versteht man die Abnahme der Drogenwirkung bei wiederholter Einnahme. Sucht-Patienten kompensieren diesen Wirkungsverlust mit immer höheren Dosen. Ein weiterer Aspekt bei Süchten ist das Eintreten einer Gewohnheit: Der Substanz-Konsum gewinnt immer mehr Bedeutung und Funktion in verschiedenen Lebenslagen und Gemütszuständen. Sucht ist also keine Charakterschwäche, sondern eine Krankheit, die im Gehirn nachgewiesen werden kann.
Neben den erwähnten stoff-gebundenen Süchten existieren auch „Nicht-stoffgebundene Abhängigkeiten" wie Glücksspiel, Computerspiel- oder Internetsucht, aber auch Arbeitssucht oder Sexsucht. Krankhaftes Stehlen (Kleptomanie) oder Brandstiften (Pyromanie) werden medizinisch nicht zu den Suchterkrankungen gezählt. Diese Verhaltensauffälligkeiten werden als Störungen der Impulskontrolle zusammengefasst, der Patient kann seine Handlungen nicht bewusst steuern. Körperliche Abhängigkeitsanzeichen treten im Gegensatz zu den meisten Suchterkrankungen hier nicht auf (40).
Soviel zu Sucht und Abhängigkeit als solchen. Wie steht es aber nun um den Alkoholismus, eine spezielle Form der Sucht?
Alkoholsucht, also die Abhängigkeit von der psychotropen Substanz Ethanol, gilt weltweit als eine behandlungs-bedürftige Krankheit, weil der Abhängige sich meist nicht selbst aus der Abhängigkeit befreien kann (41).
Nach der Definition im ICD-10, das von der Weltgesund-heitsorganisation (WHO) herausgegebenen wird, sollte die Diagnose Abhängigkeit, gleichbedeutend mit Sucht, nur gestellt werden, wenn mindestens drei der folgenden Kriterien während des letzten Jahres vorhanden waren:
Starkes oder zwanghaftes Verlangen, Alkohol zu konsumieren (Fachterminus: Craving)
Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich der Menge, des Beginns oder Ende des Konsums. Es wird regelmäßig mehr oder über einen längeren Zeitraum konsumiert als geplant oder es bestehen der anhaltende Wunsch und Versuche, den Alkoholkonsum zu verringern oder zu kontrollieren, ohne dass dies nachhaltig gelingt.
Körperliche Entzugserscheinungen bei Konsumstopp oder
Konsumreduktion
Nachweis einer Toleranz, um die gewünschte Wirkung hervorzurufen, sind zunehmend größere Mengen an Alkohol erforderlich
Einengung des Denkens auf Alkohol, eine Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Alkoholkonsums
Anhaltender Substanzkonsum trotz gesundheitlicher und sozialer Folgeschäden für den Konsumenten, obwohl der Betroffene sich über die Art und das Ausmaß des Schadens bewusst ist oder bewusst sein könnte. Beispiele hierfür sind Leberkrankheiten wie Leberzirrhose, eine Verschlechterung der kognitiven Funktionen, der Verlust des Führerscheins oder Arbeitsplatzes, die Trennung des Lebenspartners oder der Rückzug des Bekannten- und Freundeskreises (42).
Von psychischer Abhängigkeit spricht man, wenn der Alkohol vom Betroffenen zur Steigerung des seelischen Wohlbefindens eingesetzt wird. Er fungiert gezielt als Problemlöser. Es geht nicht mehr um das Genießen eines Gläschens Wein in geselliger Runde, sondern um die Wirkung des Getränks auf den Körper (43).
Die psychische Abhängigkeit birgt die Gefahr, dass der Betroffene es sich zur Gewohnheit macht, immer häufiger zur Flasche zu greifen, dass er immer mehr Anlässe findet, die es, seiner subjektiven Empfindung entsprechend, wert sind, mit Alkohol bekämpft zu werden.
Auf die psychische Abhängigkeit folgt meist die körperliche.
Nimmt man eine chemische Substanz wie den Alkohol über längere Zeit hinweg zu sich, gewöhnt sich der Körper daran, es kommt zur Toleranzerhöhung: Um die gleiche Wirkung im Körper zu spüren, muss mehr Alkohol getrunken werden (44).
Wird die Alkoholmenge stetig gesteigert, kommt irgendwann der Punkt, an dem der Körper den Alkohol nicht mehr abbauen kann. Fortan behandelt er ihn so, als wäre er eine körpereigene Substanz und baut ihn in seine chemischen Prozesse ein. Ein Absinken des Alkoholspiegels im Körper führt nun dazu, dass die chemischen Prozesse des Körpers aus dem Gleichgewicht geraten, eine Störung, die der Alkoholabhängige als intensives Verlangen nach Alkohol erlebt. Er spürt Entzugserscheinungen wie innere Unruhe, Ängste und Schweißausbrüche und bekämpft diese erneut mit dem Konsum von Alkohol (45).
So ist aus einem nur psychisch abhängigen Problemtrinker ein nun auch körperlich abhängiger Alkoholabhängiger geworden.
Wie schnell die Entwicklung von der einen zur anderen Abhängigkeit voranschreitet, ist individuell verschieden und die Übergänge sind meist fließend (46).
Alkohol trinken, um Stress abzubauen, sich glücklich zu fühlen oder Sorgen zu verjagen – manche Menschen sind anfällig dafür, manche eher nicht.
Die Anlagen zur Sucht sind nach aktuellem Stand der Wissenschaft abhängig von den Genen, der Sozialisation und der Psyche (47).
Zunächst zu den Genen: Es gibt kein 'Abhängigkeitsgen'. Aber Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Alkoholismus zum Teil genetisch bedingt ist und vererbt wird. Menschen mit bestimmten Genveränderungen trinken mehr und häufiger, berichteten Wissenschaftler des Nationalen Genomforschungsnetzes (NGFN). Sie entschlüsselten zwei Gen-Varianten, durch die Trinkgewohnheiten beeinflusst werden. Betroffene betränken sich im Schnitt doppelt so häufig wie andere Menschen und tränken bei jedem Anlass im Schnitt auch wesentlich mehr. Beide jetzt entschlüsselten Varianten im CRHR1-Gen sind nach Angaben der Forscher in der Bevölkerung weit verbreitet. Etwa jeder Fünfte beziehungsweise jeder Zehnte weise diese Veränderung im Erbgut auf.
Neben den CHHR1-Varianten gibt es noch viele weitere Gene, die, zusammen mit äußeren Faktoren, das Trinkverhalten beeinflussen.
Alkoholsucht wird zu 50-60% vererbt. Das zeigten auch Untersuchungen an Kindern, deren leibliche Eltern Alkoholiker waren, die aber in Pflegefamilien ohne Alkoholmissbrauch aufgewachsen sind. „Das Risiko, dass diese Kinder Alkoholiker werden, ist drei- bis viermal erhöht“, so Prof. Gunter Schumann, der am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim tätig ist (48).
In anderen Studien hat man herausgefunden, dass das Gen, welches für die Dopamin-Rezeptoren verantwortlich ist, bei Vieltrinkern aus der Reihe tanzt. Menschen mit in Unordnung geratenem Dopaminhaushalt sind kontinuierlich unterbelohnt. Was sie auch leisten, wie erfolgreich sie auch sind, das adäquate Wohlgefühl bleibt mäßig. Mit Alkohol hoffen Sie, eben diesem auf die Sprünge helfen zu können.
Neben den Genen ist auch die Sozialisation maßgeblich für eine Veranlagung zur Sucht. Von klein auf beobachtet man wie die Familie, wie das Umfeld, wie Menschen auf der Straße trinken und wie sich all' diese Menschen durch den Alkohol verändern.
Wird der Papa nach Bier und Schnaps kuschelig oder aggressiv? Sind die angetrunkenen 'Jecken' im Karneval lustig oder laut?
Findet man die beobachtete Wirkung erstrebenswert, steigt die Gefahr, dass Trinkverhalten nachzuahmen. Wirkt das, was man registriert hat, eher abschreckend, wird man eher Vorsicht um Umgang mit dem Alkohol walten lassen.
Nicht zuletzt kann auch die Psyche eine Veranlagung zur Sucht determinieren. Die häufigsten psychischen Merkmale bei Trinkern lassen sich dabei in drei Typen untergliedern.
Typ 1 ist zu schwach und feige, seine Interessen zu vertreten. Er ist ängstlich und verlogen. Manchmal platzt er nach innen (Depression) oder außen (Aggression), dabei will er eigentlich nur Ruhe&Frieden.
Immer schlecht behandelt fühlt sich Typ 2. Er sieht sich zu klein und zu machtlos, um das zu werden, was er gerne wäre. Trinkt er, ist er groß und stark.
„Ich bin super, aber keiner honoriert es“ rumort es in Typ 3. Er weiß, wo es langgeht, aber immer stellt sich ihm etwas oder jemand in den Weg (49).
Eine weitere wesentliche Determinante, die in die Abhängigkeit führt, ist das gewohnheitsmäßige Trinken.
„Alc as usual“ verändert die Nervenzellen im Lust- und Erfahrungszentrum des Gehirns so nachhaltig, dass das zentrale Nervensystem die Alkoholzufuhr nach einer gewissen Zeit zum Funktionieren braucht. Im Fachjargon bezeichnet man diesen Umstand als Neuroadaption.
Wie leicht man einer Droge verfällt, variiert von Substanz zu Substanz. Zigaretten haben mit 31,9% der gelegentlichen Raucher von allen Drogen die höchste Abhängigkeitsrate, gelegentliche Trinker werden zu 15,4% abhängig.
Alkohol zeigt dabei allerdings die mit Abstand größten negativen Folgen, angefangen von gesundheitlichen Problemen über psychologische Erkrankungen bis hin zu sozialen und ökonomischen Konsequenzen (50).
Aus medizinischer Sicht ist Alkoholabhängigkeit nicht heilbar, sie kann allenfalls erfolgreich behandelt und zum Stillstand gebracht werden (51).
Alkohol muss konsequent gemieden werden, bei erneutem Verzehr – auch nach jahrelanger Abstinenz- bricht die Abhängigkeit wieder aus. Alkoholkranke müssen zudem darauf achten, keinen versteckten Alkohol -zum Beispiel in Lebensmitteln wie Desserts und Pralinen, in Arzneimitteln, aber auch in Kosmetika- zu sich zu nehmen.
Auch alkoholfreies Bier und Malzbier enthalten Restmengen von Alkohol, zudem kann der Geschmack das Verlangen nach Alkohol wieder auslösen (52).
Das Suchtgedächtnis in den Hirnzellen kann auch nach langer Zeit der Abstinenz durch geringe Mengen Alkohol wieder aktiviert werden. Ein Schluck, das kann schon der Rotwein in der Soße sein oder sogar nur der Duft des Alkohols, und der Alkoholabhängige trinkt wieder.
Ein Abhängiger wird nie wieder zum normalen Umgang mit Alkohol zurückfinden, er kann das zweite Glas nicht stehen lassen. Das ändert sich auch mit langer Abstinenz nicht, es gibt Fälle, in denen Abhängige nach über vielen Jahren Trockenheit wieder angefangen haben, zu trinken (53).
Das Gehirn eines Trinkers lernt, dass Alkohol die Lösung ist. Immer. Wenn Sie Angst haben, frustriert sind oder gestresst - das Gehirn signalisiert Ihnen „Alkohol ist die Lösung“, schließlich hat das ja in der Vergangenheit meist bestens funktioniert. Wiederholt man dieses Spielchen jahrelang, so brennt sich das 'Allheilmittel' tief ins Bewusstsein ein. Das Gehirn greift folgerichtig automatisch wieder auf diese Lösung zurück, wenn ein Negativgefühl auftaucht. Es versucht damit schlicht und ergreifend, das Problem seines Menschen zu lösen.
Sucht ist somit womöglich nur eine 'kognitive Adaptation', eine Anpassung an die Umwelt. Was nichts daran ändert, dass sie eine in unseren Neuronen verankerte Wirklichkeit ist. Alkohol ist vor allem deshalb so suchterregend, weil er das Gehirn beeinflusst, ja, förmlich abrichtet und zu seinem Gefolgsmann macht (54).
Der Alkoholabhängige kann mit seiner Sucht zufrieden abstinent oder auch diszipliniert trinkend leben, aber er wird sie nie los.
Allein der Gedanke an eine lebenslängliche Abstinenz jagt vielen Vieltrinkern -mir auch!!!- einen riesengroßen Schrecken ein. Dies kann dazu führen, dass sie vor lauter Verlustangst beschließen, ihr Alkoholproblem zu negieren oder kleinzureden.
Um diese drohende Selbsttäuschung zu vermeiden, ist es geboten, rechtzeitig nach einer Strategie zu suchen, um den Alkoholkonsum zu disziplinieren.
Der alkoholgefährdete Vieltrinker hat nur zwei Möglichkeiten: Er kann aufhören, also sein Leben lang komplett auf den Alkohol verzichten, oder aber, solange er noch nicht abhängig ist, lernen, bewusst und womöglich gesundheitsverträglich mit dem Alkohol umzugehen.
Einen möglichen Weg, dies zu erreichen, möchte ich in meinem Buch aufzeigen.
06 - Die Phantomsucht
„Ich sage zum Alkohol immer nein. Aber er will mir einfach nicht zuhören“
Als Tabu bezeichnet man ein Thema, über das nicht gesprochen wird, über das nicht gesprochen werden darf. Ein heikles Sujet, bei dem man Gefahr läuft, sich den Mund zu verbrennen, wenn man es verbalisiert.
Tummelfeld solcher Tabus sind die Gesellschaft oder auch das praktische Leben selbst, der Alltag.
Die Selbsterkenntnis, ein Problem mit dem Konsum von Alkohol zu haben, ist in diesem unserem Lande einer der letzten Tabus. Darüber spricht man nicht, allerhöchstens tuschelt man ein wenig.
Und so ist die Alkoholsucht als solche ein Mysterium, eine Fata Morgana, eine Schimäre, ein Phantom.
Man kriegt sie nicht gepackt, man kriegt sie nicht zu fassen. Sie versteckt sich, sie tarnt sich, sie gibt Rätsel auf, sich anfangs allenfalls undeutlich zu erkennen und sie kann oft nicht eindeutig identifiziert oder definiert werden.
Ein 'Outing' in diesem Bereich gibt es immer noch nur in Einzelfällen. Die überwiegende Mehrheit trinkt weiter – und schweigt.
Übermäßiger Alkoholkonsum wird gerne verharmlost und oft totgeschwiegen. Selbst den engsten Vertrauten gegenüber. Ich habe mich während meines ersten und einzigen mehrwöchigen Totalabsturzes im Jahr 2003 weder meinen Eltern noch den engsten Freunden gegenüber offenbart.
Lediglich eine gute Freundin wusste Bescheid, ich weiß nicht mehr, wie es dazu gekommen ist. Ich glaube, sie hatte mich damals spontan besucht und so von meinem bemitleidenswerten Zustand erfahren.
Offensichtlich ist es so, dass unterschiedliche Süchte in unserer Gesellschaft auch unterschiedlich bewertet werden. Weil sie mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen und Bildern verknüpft sind.
Bekennt jemand, dass er computerspielsüchtig ist, wird dies sogar bisweilen mit einem Lächeln abgetan und kaum ernst genommen
Über den überfüllten Aschenbecher im Büro sieht man hinweg, über den Kollegen, der unablässig Schokolade in sich hineinstopft und ob dessen kaum mehr in seinen Bürostahl passt auch, sogar der Bekannte, der einen am Ende des Monats um Geld bittet, weil er sein Salär für diesen Monat bereits am Automaten verspielt hat, wird mit Wohlwollen bedacht– nur, wer ein offensichtliches Alkoholproblem hat, wird geächtet.
Diese Ungleichbehandlung setzt sich auch dann fort, wenn der Suchtkranke versucht, seiner Sucht Herr zu werden.
Während Menschen, die ihre Nikotinsucht besiegt haben, Menschen, die ihrer Fresssucht Herr geworden sind und einen Zentner abgenommen haben, Menschen, die sich nicht länger die Nächte in Spielhallen um die Ohren schlagen bewundert werden, rümpft die Gesellschaft bei Menschen, die aufhören zu trinken oder ihren Alkoholkonsum reduzieren, die Nase.
Selbst der Konsum harter Drogen wird komfortabler behandelt als der Alkoholkonsum.
Kommt jemand von Koks oder Heroin weg wird er gefeiert, beim Alkohol sieht man die Bemühungen, den Konsum einzuschränken, eher kritisch.
Der Alkohol ist das einzige Suchtmittel, bei dem dies so ist. Nur, wer dem Alkohol verfallen ist, hat einen Makel und erntet Missbilligung von all' denen, die dieses Schicksal nicht, in vielen Fällen noch nicht, ereilt hat. Und auch von denen, die sich in der gleichen Situation befinden, sich dies aber noch nicht eingestehen wollen oder können.
Warum ist das so?
Warum löst der Satz „Ich trinke zu viel und versuche, es zu reduzieren“ Betroffenheit aus, und nicht etwa aufrichtige Bewunderung wie der ambitionierte Kampf gegen eine andere Sucht?
Warum geht man zu Menschen mit einem Alkoholproblem auf Distanz?
Vielleicht, weil das Wenige, was von einer Alkoholabhängigkeit sichtbar zu Tage tritt, eher abstoßend und unheimlich wirkt. Weil die Folgen des Trinkens oftmals offensichtlicher sind, als die anderer Süchte.
Der Clochard auf der Straße, der durch Alkohol bewirkte Kontrollverlust von Menschen im Umfeld, besoffene Eskapaden von Prominenten, die in den Medien breitgetreten werden.
So entsteht ein Image von Vieltrinkern, von dem sich die Gesellschaft abwendet.
Darüber hinaus glauben viele Menschen nach wie vor, dass ein problematischer Umgang mit dem Alkohol ein Ausdruck von Charakter- oder Willensschwäche, von mangelnder Disziplin oder Verwahrlosung ist. So wird gern ein Selbstverschulden unterstellt. „Wenn man wirklich will, dann kann man auch 'normal' trinken“.
Dabei ist der Alkohol vielleicht jenes Suchmittel, von dem die Entwöhnung am schwersten fällt.
Ich kann es nicht beurteilen, habe ich mit anderen Süchten doch nie zu tun gehabt, aber durchaus möglich, dass es so ist.
Die offen zur Schau gestellte Ablehnung erschwert den Umgang mit dem Alkoholproblem für den Vieltrinker immens und ist einer der Hauptgründe, warum es vielen Betroffenen so schwerfällt, sich und vor allen Dingen anderen gegenüber die Krankheit einzugestehen.
Der negative Nimbus der Alkoholsucht legt das Bagatellisieren derselben, legt ihr Negieren nah.
Auch, weil das Leugnen bei unsichtbaren Krankheiten leichter ist.
Genau deswegen gibt es anonyme Alkoholiker – meines Wissens existieren weder die „Inkognito-Kettenraucher“ noch die „nicht namentlich genannten Spielsüchtigen“.
07 - Sein statt Haben – die Alkoholkrankheit
„Alkohol ist das Schmerzmittel der Gebrochenen“
„...ein Trainer ist nicht ein Idiot! Ein Trainer sehen was passieren in Platz. In diese Spiel es waren zwei, drei oder vier Spieler, die waren schwach wie eine Flasche leer!
Und, zum Ende hin ...“Ich bin müde jetzt Vater diese Spieler, eh, verteidige immer diese Spieler! Ich habe immer die Schulde über diese Spieler. Einer ist Mario, einer, ein anderer ist Mehmet! Strunz dagegen egal, hat nur gespielt 25 Prozent diese Spiel! Ich habe fertig!“ (55).
Herrlich, einfach nur herrlich! Nicht ich bin, nein, ich HABE fertig! Kann man über den verbalen Meilenstein der Sportgeschichte des ehemaligen Bayern-Trainers Giovanni Trappattoni auch immer wieder lachen, die Verwendung der unregelmäßigen Verben „Haben“ und „Sein“ ist ein elementares Element der deutschen Sprache.
Der Begriff „Haben“ bezeichnet das Besitzen, das sein eigen nennen, die Möglichkeit, über etwas verfügen zu können. Dies sowohl im materiellen („ich habe ein Auto“), als auch im emotionalen Bereich („ich habe Angst“). Das „Haben“ kann dabei auch vorübergehender Natur sein.
„Sein“ hingegen bedeutet bestehen, existieren, stammen aus und drückt dabei die Identität dessen, der „ist“, aus. Es handelt sich also um eher längerfristig oder gar unabänderlich auf ewig existierende Zustände.
Im vorangegangenen Kapitel haben wir gelernt, dass die Alkoholsucht im Gegensatz zu anderen Süchten nicht gesellschaftlich akzeptiert ist. Betrachtet man die Alkoholabhängigkeit im Kontext zu anderen Krankheiten, kommt man zum gleichen Ergebnis.
Trotz der wissenschaftlichen verbrieften Erkenntnis, dass es sich um eine Krankheit handelt. Die 'Alkoholkrankheit' wurde 1968 in den offiziellen Krankheitskatalog aufgenommen. Dadurch wurde dokumentiert, dass der problematische Umgang mit dem Alkohol keinesfalls als Charakterschwäche anzusehen ist, der allein mit Willenskraft begegnet werden kann.
Zu einem Umdenken geführt hat dies in der großen Schar der erhobenen Zeigefinger jedoch nicht.
Auffallend ist bereits, dass, im Gegensatz zu den meisten anderen Krankheiten („Ich habe Husten“, „Ich habe ein Magengeschwür“, „Ich habe AIDS“) zur Verbalisierung eines Alkoholmissbrauchs das unregelmäßige Verb „Sein“ zu Rate gezogen wird.
„Ich bin alkoholgefährdet“, „Du bist Alkoholiker“.
Die Krankheit und das Selbst werden dadurch schon sprachlich gleichgesetzt. Man HAT keine Abhängigkeit. Man IST abhängig.
Dem Genuss von Alkohol und seinen Folgen wird durch die Verwendung von bin, bist & Co. etwas Endgültiges, etwas Unabänderliches zugesprochen, er wird quasi als eine EIGENSCHAFT, ein PERSÖNLICHKEITSMERKMAL des Betroffenen angesehen.
Ich bin – empathisch, optimistisch, humorvoll und – alkoholgefährdet.
'Ich bin' ist gleichbedeutend mit zeitlebens, mit 'ich werde es immer bleiben'.
Das mag zwar in der Sache richtig sein, sagt man doch, wer einmal alkoholabhängig ist, der bleibt dies bis ans Ende seiner Tage. Allerdings kann eine Alkoholkrankheit, auch wenn sie nach heutigem Wissensstand nicht geheilt werden kann, durchaus zum Stillstand gebracht werden.
Die gängige Meinung jedoch ist eine andere: Ein Problem mit dem Alkohol ist ein unabänderliches Persönlichkeitsmerkmal.
Und so wird der Trinkende oft auch behandelt. Viele Menschen wenden sich ab, sind distanziert demjenigen gegenüber, der eingesteht, (zu) viel zu trinken.
Weil die Alkoholkrankheit nach wie vor als persönlicher Makel, als charakterliches Defizit, als individuelle Schwäche ausgelegt wird. Unterschwellig wird sogar ein eigenes Verschulden suggeriert, schließlich hat der Betroffene sich die Alkoholika selbst beschafft oder bestellt und nicht zuletzt auch einverleibt.
Mit Menschen, die sich von einem Suchtmittel beherrschen lassen und nicht ausreichend Kraft und Moral besitzen, sich dessen Einflusses zu entziehen, will man nichts zu tun haben. Man vertraut Ihnen nicht. Und geht davon aus, dass jeder Versuch, der Alkoholabhängigkeit Herr zu werden, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.
Schließlich IST man ja Alkoholiker – und bleibt es bis ans Ende seiner Tage.
Dies führt im Umkehrschluss unweigerlich dazu, dass Menschen, die eine Schwäche für den Alkohol haben, dazu neigen, diese anderen gegenüber nicht einzugestehen.
Denn die gesellschaftliche Akzeptanz für eine Alkoholabhängigkeit ist in unserem Land der Viel- und Zuvieltrinker nur marginal ausgeprägt.
Dies liegt wahrscheinlich darin begründet, dass Alkoholabhängigkeit eine eher latente Krankheit ist. Sie tritt in weitaus geringerem Maße offensichtlich zu Tage als andere Krankheiten und ist damit weniger spektakulär.
Einen Psychiater, einen Nervenarzt oder einen Vertreter der Traditionellen Chinesischen Medizin aufzusuchen, ist durchaus hoffähig.
Anders als dem Trinker wird dem „Bekloppten“, dem „Neurotischen“ oder dem „Weggeflogenen“ nämlich kein Eigenverschulden unterstellt.
Wenn Sie sich mit einem Gipsbein, einem Kopfverband oder einer dicken Narbe unter die Leute wagen, sind sie die Attraktion auf jeder Party. Schließlich haben sie etwas zu erzählen, zudem zeugen deutlich sichtbare Zeichen davon, was sie durchmachen mussten.
„Schien- und Wadenbein sind gebrochen“ „die mussten mir den Kopf aufmachen“, „die OP hat sechs Stunden gedauert“.
Manifeste Krankheiten sind spektakulär und erzielen meist einen hohen Mitleidseffekt.
Latente Krankheiten wie die Alkoholabhängigkeit jedoch segregieren. Auch, weil der Schmerz, der hinter der Krankheit steckt, der Suchtdruck, von Nicht-Betroffenen nicht nachempfunden werden kann. So bewirkt Alkohol-abhängigkeit kaum einmal Mitleid, sondern führt eher zur Abkehr.
Andere latente Krankheiten kommen da deutlich besser weg.
Als meinen engsten Freundeskreis sehe ich sechs bis acht Personen samt deren Partnern an - möglicherweise bleibt mir ja nach der Veröffentlichung dieses Buches nur noch einer erhalten – jener, den ich in einer ähnlichen Situation wie der meinen weiß.
08 - Selbstreflektion schlägt Selbsttest – bin ich Alkoholiker?
„Haben Sie ein Problem mit dem Alkohol?“
„Nur, wenn gerade keiner in der Nähe ist“
Vor allem bei alten Menschen gehört es zur Legende. Das regelmäßige Gläschen Wein wird gern als das Geheimnis für langes Leben zitiert. Die englische Königsmutter wurde 101 Jahre alt – vielleicht gerade, weil sie gern einen oder auch mehrere Gins am Tag gebechert hat? Tatsächlich zeigen Statistiken, dass Menschen, die mäßig Alkohol konsumieren, eine höhere Lebenserwartung haben als jene, die gar keinen Alkohol trinken.
Und schon in den 20er Jahren war Pathologen aufgefallen, dass die Blutgefäße von starken Trinkern, die an Leberzirrhose gestorben waren, auffallend saubere Innenwände aufwiesen. Ein Indiz dafür, dass Alkohol das Blut besser fließen lässt.
Somit kann Alkohol, in Maßen genossen, einem Herzinfarkt vorbeugen (56).
Was aber bedeutet Maßhalten in Bezug auf den Alkoholkonsum konkret?
Experten sind sich nicht einig, welche Alkoholmenge denn als mäßig, als risikoarm gelten soll.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO nennt eine Obergrenze von 30g täglich für Männer und 20g täglich für Frauen, die Deutsche Hauptstelle für Suchfragen hält diese Menge für zu hoch. Hier werden 20-24g (Männer) beziehungsweise 10-12g (Frauen) als Obergrenze angesehen.
Zehn Gramm Alkohol befinden sich in 0,125l Wein oder aber 0,25l Bier. Zudem sollten zusätzlich zwei alkoholfreie Tage pro Woche eingelegt werden (57).
DER anerkannte Richtwert für die Tagesration Alkohol, die allerhöchstens getrunken werden sollte, existiert nicht.
Von großer Bedeutung sind zudem auch genetische Faktoren. Es gibt Menschen, die ihr Leben lang übermäßig viel Alkohol trinken und trotzdem ein hohes Alter in guter gesundheitlicher Verfassung erreichen. Die Großmutter eines guten Freundes zum Beispiel war starke Alkoholikerin, doch als sie im hohen Alter starb und obduziert wurde, stellte der Pathologe fest, dass man ihre Leber bedenkenlos zur Transplantation hätte freigeben können – der jahrzehntelange Alkoholmissbrauch hatte ihr nichts anhaben können. Solche Fälle sind jedoch wohl eher zu den Ausnahmen zu zählen; jene, in denen der Alkohol beträchtliche Folgeschäden bis hin zum Tod zur Folge hatte, sind wesentlich häufiger.
Gefährdet oder bereits abhängig? Trinkt ein Mensch auffallend regelmäßig und viel Alkohol, kommen er oder seine Vertrauten irgendwann an den Punkt, sich zu fragen, ob das Trinkverhalten des Betroffenen noch „normal“ ist, oder ob er bereits ein Problem mit dem Alkoholkonsum hat.
Um diese Frage zu beantworten, gibt es im Internet zahlreiche „Alkohol-Selbsttests“.
Ein Testverfahren, welches häufig zur Bestimmung der Abhängigkeit von Vieltrinkern herangezogen wird, ist der vom Psychotherapeuten Dr. Rolf Merkle für den PAL-Verlag entwickelten „Alkohol-Sucht-Test“ (58).
Anhand von 54 Fragen, die der Trinkende beantwortet, wird sein Abhängigkeitsstatus bestimmt.
Wichtig ist natürlich, ehrlich und ohne jeglichen Selbstbetrug zu antworten, sich nichts schön zu reden, auch, wenn es bisweilen schwerfallen mag, sich gewisse Aspekte selbst einzugestehen.
Sie haben sich entschlossen, dieses Buch zu lesen, also wollen Sie eine ehrliche Antwort auf die Frage, wie es um Ihre Alkoholabhängigkeit steht. Diese erhalten Sie jedoch nur dann, wenn Sie den Test wahrheitsgemäß und nach bestem Gewissen absolvieren.
Die Fragen 1 bis 54 beziehen sich auf die vier Phasen einer Abhängigkeitsentwicklung:
Alkohol ist für mich die beste Medizin
Wenn ich Alkohol trinke, fühle ich mich stark und leiste mehr
Wenn ich Alkohol trinke, bin ich zufrieden und fühle
mich erleichtert
Ich trinke auch, weil ich mich dadurch selbstsicherer
fühle
In Gesellschaft fühle ich mich unbefangener und wohler, wenn ich einige Gläser getrunken habe
Ich kann mit Alkohol viel besser aus mir herausgehen
Ich trinke, um Ärger und Schwierigkeiten vergessen zu
können
Wenn ich getrunken habe, fällt mir alles viel leichter
Wenn ich Hemmungen habe oder angespannt bin, dann geht es mir mit Alkohol viel besser
Wenn ich traurig bin, trinke ich Alkohol und fühle mich dann besser
Ich trinke, um mit schwierigen Angelegenheiten besser
fertig zu werden
Alkohol hilft mir, Ärger oder eine schlechte Laune zu beheben
Wenn ich getrunken habe fühle ich mich innerlich ruhig und kann schlafen
Damit die anderen nicht schlecht von mir denken, trinke ich oft heimlich
Ich denke unter Tag ziemlich oft an Alkohol
Vor einem Besuch oder einem Fest hebe ich erst mal
schnell einen, um in Stimmung zu kommen
In Gesellschaft trinke ich schon mal in der Küche, auf dem Gang, auf der Toilette oder woanders, damit die anderen nicht merken, wie viel ich trinke
Manchmal habe ich Schuldgefühle, weil ich so viel trinke
Wenn andere über Alkohol sprechen, ist mir das unangenehm
Mir ist aufgefallen, dass andere Leute anders trinken als ich
Ich habe mich schon gefragt, ob andere wegen meines Trinkens nichts mehr von mir wissen wollen
Wenn ich viel getrunken habe, weiß ich häufig danach nichts mehr oder kann mich nur noch schlecht erinnern
Ich verstecke alkoholische Getränke
Wenn ich die ersten Gläser getrunken habe, muss ich weitertrinken
Meist kann ich nicht mehr kontrollieren, wie viel ich trinke
Ich trinke heute mehr als früher, obwohl ich es gar nicht will
Wenn ich heute trinke, lösen sich meine Anspannungen nicht mehr. Früher war das anders
Wenn ich auf mein Trinken angesprochen werde, benutze ich Ausreden und Entschuldigungen, weshalb ich so viel trinke
Meine Familie und Freunde machen mir Vorhaltungen wegen meiner Trinkerei
Meinem Chef und den Arbeitskollegen ist mein Trinken aufgefallen
Wenn jemand versucht, mich vom Trinken abzuhalten, dann werde ich wütend
Häufig mache ich mir selbst die größten Vorwürfe wegen meiner Trinkerei
Zeitweise habe ich schon versucht, völlig ohne Alkohol zu leben
Ich nehme mir vor, nur zu bestimmten Zeiten und
Gelegenheiten zu trinken
Mein Lebensstil und meine Arbeit richten sich nach dem Trinken.
Ich denke immer mehr an den Alkohol
Ich trinke lieber heimlich und alleine, weil die anderen mich ja doch nicht verstehen
Ich habe schon mehrmals infolge meiner Alkoholprobleme die Stelle gewechselt
Mein Trinken hat sich schon auf das Familienleben
ausgewirkt (zB. getrennte Wohnung, getrennte Schlafzimmer)
Ich muss immer einen Vorrat an Alkohol haben
Mein Partner hat wegen meiner Alkoholprobleme von
Scheidung gesprochen / die Scheidung eingereicht
Morgens -vor dem ersten Schluck- zittere ich
Morgens trinke ich regelmäßig
Ich war schon oft unter Tage betrunken
Ich habe schon einige Tage hintereinander getrunken und konnte nichts mehr anderes tun
Ich brauche ständig Alkohol, egal, was passiert
Manchmal kann ich nicht mehr richtig denken, da ich vom Alkohol benebelt bin
Ich habe schon mit Leuten getrunken, mit denen ich mich früher nicht an einen Tisch gesetzt hätte
Wenn ich nichts anderes habe trinke ich auch mal Fusel, Hauptsache Alkohol
In letzter Zeit vertrage ich Alkohol nicht mehr richtig.
Ich kann nicht mehr aus einer Tasse trinken oder mich rasieren, ohne etwas getrunken zu haben
Mein Trinken ist zwanghaft
Wenn ich nichts trinke, hört das Zittern überhaupt nicht mehr auf
Ich hatte schon mal ein Delirium
Es gibt nach diesem Ansatz vier Phasen der Alkoholabhängigkeit.
1.Phase: Erleichterungs- oder Problemtrinken (Frage 1-13)
2.Phase: Stadium, das der Abhängigkeit vorausgeht (14-24)
3.Phase: Verlust der Selbstkontrolle (25-44)
4.Phase: Chronische Phase (45-54)
Können Sie zwei oder mehr Feststellungen in einer Phase bejahen, dann ist das schon ein Anzeichen dafür, dass Sie sich in dieser Phase befinden könnten.
Es ist möglich, dass Sie sich gemäß der Auswertung gleichzeitig in zwei Phasen aufhalten. In diesem Fall befinden Sie sich in der höheren von beiden Phasen.
Auch, wenn das Ergebnis des Tests besagt, dass Sie „nur“ gefährdet sind, also keine der Fragen 25 bis 78 mit ja beantwortet haben, sollten Sie das Ergebnis nicht auf die leichte Schulter nehmen. Die Entwicklung einer Abhängigkeit ist ein schleichender und lautloser Prozess.
Die körperliche Abhängigkeit kündigt sich nicht an. Sie klopft nicht eines Tages an Ihre Tür und verkündet Ihnen, dass Sie am nächsten Tag körperlich abhängig sein werden, wenn Sie heute nicht mit dem Trinken aufhören.
Wenn Sie sich in Phase 3 oder 4 befinden, empfiehlt der PAL-Verlag, sich an eine Suchtberatungsstelle zu wenden oder zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker zu gehen.
Der Selbsttest des PAL-Verlages mag ein geeignetes Instrument sein, um herauszufinden, wie es um den eigenen Alkoholkonsum oder die eigene Alkoholabhängigkeit aktuell bestellt ist.
Er umfasst verschiedene Aspekte des Trinkverhaltens und berücksichtigt viele Einflussfaktoren.
Ein weiterer Alkohol-Selbsttest wurde vom Psychiater Paul McLaren von der Londoner Beratungsstelle Priory’s Fenchurch Street Wellbeing Centre entwickelt.
Der Vieltrinker sollte sich laut McLaren zunächst folgende Fragen stellen:
Ist mir Alkohol wichtig?
Gehe ich lieber einen trinken, als etwas anderes zu
unternehmen?
Beeinflusst es meinen restlichen Tagesablauf, wenn ich etwas trinken gehe?
Hängt die Wahl meiner Verkehrsmittel von meinem
Alkoholkonsum ab?
Beeinflusst mein Alkoholkonsum meine Freizeitaktivitäten und meine Liebsten?
Mache ich meine Reiseziele davon abhängig, ob ich an
diesen Orten Alkohol trinken kann?
Bin ich eher bereit, für Alkohol Geld auszugeben, als für andere Dinge?
Weiß ich bereits vor dem Trinken, dass ich danach einen Kater haben werde?
Wer die meisten Fragen mit "Ja" beantworten kann, sollte tiefer ins Detail gehen, indem er weitere dreizehn Fragen, die auf einen zu hohen Alkoholkonsum hinweisen können, beantwortet.
Ohne Alkohol fällt es Ihnen schwerer, Spaß zu haben oder sich zu entspannen.
Sie konsumieren regelmäßig mehr als 14 Alkoholeinheiten pro Woche. Das sind eineinhalb Flaschen Wein mit niedrigem Alkoholgehalt (elf Volumenprozent), eine Dreiviertel-Flasche Wein mit hohem Alkoholgehalt (14 Volumenprozent) oder sechs bis acht Dosen Bier (abhängig vom jeweiligen Alkoholgehalt)
Sie fragen sich, wo Sie den nächsten Drink herbekommen könnten und machen Unternehmungen mit Freunden, der Familie oder mit Arbeitskollegen davon abhängig, ob Sie dabei Alkohol trinken können.
Sie trinken aus Gewohnheit und wenn Sie einmal angefangen haben, können Sie nur schwer aufhören.
Wenn Sie nach einer durchzechten Nacht aufwachen, möchten Sie am liebsten gleich weiter trinken
Sie wachen regelmäßig mit Filmrissen auf, weil Sie sich am Abend zuvor maßlos betrunken haben.
Ihr Alkoholkonsum löst Ängste, alkoholbedingte Depressionen und Selbstmordgedanken in Ihnen aus.
Sie leiden unter körperlichen Entzugssymptomen wie Schwitzen, Zittern oder Übelkeit und Sie können diese Symptome nur durch den Konsum von Alkohol abstellen.
Einige Ihrer Angehörigen haben bereits Bedenken zu Ihrem Alkoholkonsum geäußert.
Sie erzählen Ihren Angehörigen nicht, wie viel Sie wirklich trinken.
Sie gehen Risiken ein - und fahren beispielsweise betrunken oder leicht angetrunken Auto.
Sie trinken in der Mittagspause Alkohol und arbeiten danach weiter.
Sie versuchen, Ihre Alkoholfahne durch Kaugummi oder Mundsprays zu verbergen.
Wer die meisten Fragen mit "Ja" beantworten kann, sollte sich schleunigst Gedanken über seinen Alkoholkonsum machen, so McLaren.
Doch was tun, wenn die Anzeichen auf mich zutreffen?
Ist man noch nicht so tief im Suchtstrudel gefangen ist, sollte man sich als nächstes als Ziel setzen, die Alkoholeinheiten zu reduzieren – oder besser ganz mit dem Trinken aufzuhören (59).
Im Test vom PAL-Verlag muss ich stolze 25 von 54 Fragen mit „Ja“ beantworten, beim Test von Paul McLaren sind es 7 von 13. Bin ich somit alkoholabhängig? Womöglich.
Alkohol-Selbsttests sind zwangsläufig recht allgemein gehalten und nicht in der Lage, die individuelle Situation, in der der Trinkende sich befindet, realitätsgetreu abzubilden. Problematisch ist zudem, dass man oft sein „jein“ ankreuzen müsste, wenn man ehrlich zu antworten gedenkt.
Sie sind für den Vieltrinker ein hilfreiches Instrument, gerade dann, wenn er beginnt, sich ernsthaft mit der drohenden Gefahr der Alkoholabhängigkeit auseinanderzusetzen und das Stadium der Entwicklung hin zum Alkoholiker, in welchem er sich befindet, ausfindig zu machen.
Zielführender noch, als Selbsttests wie die oben beschriebenen zur Frage der Alkoholabhängigkeit zu Rate zu ziehen, ist es, das eigene Verhalten in Verbindung mit Alkohol akribisch zu beobachten und zu analysieren.
Es gehört bei mir seit jeher zur Gewohnheit, im Urlaubsdomizil angekommen, zuerst einmal ans Meer und danach in einer urigen einheimischen Lokalität 2,3 Bier trinken zu gehen. So halte ich es auch in Marokko. So will ich es halten, denn: an meinem Urlaubsort wird außerhalb der Hotels kein Alkohol ausgeschenkt.
Der Islam ist auch in Marokko nicht nur Religion, sondern Gesellschaftsordnung und Wirtschaftsfaktor gleichermaßen und spielt deshalb auch im Geschäftsleben eine Rolle.
Ich sitze also in einem Lokal am Strand von Marrakesch mit wunderschönem Blick auf das Meer, nur: genießen kann ich diesen kaum. Ich bin unruhig, möchte mich nicht mit einem Kaffee zufriedengeben, meine Gedanken kehren immer wieder zu dem einem Thema zurück: Gibt es vielleicht irgendwo eine Art Kiosk, einen kleinen Supermarkt, eine Tankstelle, gibt es irgendeinen Ort in der Nähe des Strandes, an dem es möglich ist, Bier zu kaufen?
Ich frage vorbei flanierende Touristen – Fehlanzeige. So unangenehm es mir auch ist, nun muss der Kellner dran glauben – keine Chance, nur in den Hotels.
So sehr ich Strand und Meer auch genieße, ich sehne mich nach dem Moment, an dem ich mir, an der Hotelbar sitzend, mein erstes „Urlaubsbier“ gönne. Ist dieses Verhalten, dieses Denkmuster noch „normal“? Kaum, eher wohl ein Hinweis auf eine, zumindest drohende, Abhängigkeit.
Zumal sich die beschriebene Situation nicht nur auf den Strandurlaub beschränkt. Denn diesen „Biernotstand“, dieses Gefühl, welches beinahe Panik gleichkommt, wenn ich in eine Situation gerate, in der kein Bier greifbar ist, empfinde ich durchaus auch in anderen Situationen.
Da ist die Geburtstagsfeier in einem Kreis von Menschen, die nicht unbedingt meine Wellenlänge sind. Man trifft sich in ländlicher Atmosphäre, schon bei der Anfahrt fühle ich mich unwohl und checke die Umgebung ab: keine Kneipe, in die ich „flüchten“ könnte, kein Supermarkt, kein Kiosk – nichts. In der Gaststätte sitzt man gediegen am Tisch, ich kann kaum alle zwanzig Minuten ein Bier bestellen. Keine Lösung in Sicht. Unwohlsein überkommt mich.
Oder der Besuch von kulturellen Events, mit denen ich absolut nichts anzufangen weiß. Mit einer meiner Lebensgefährtin hatte ich in der Phase des ersten 'Verliebtseins', in der ich noch glaubte, kaum einen Moment ohne meine neue Herzdame auskommen zu können, folgenden Kompromiss geschlossen: sie begleitet mich, ungeachtet der Tatsache, dass sie mit Fußball nichts am Hut hat, am Samstagnachmittag auf den Betzenberg zum Heimspiel meines Herzensvereins, ich revanchiere mich, indem wir am gleichen Abend ihrem Hobby frönen und gemeinsam eine Travestieshow besuchen. Männer in Frauenkleidung, die in ziemlich überdrehter Art und Weise Frauenrollen verkörpern – damit kann ich -zumindest nüchtern- wenig anfangen. Und so trinke ich zum 'Vorglühen' schon einmal zwei Flaschen Bier vor dem Betreten des Theaters. Dem adäquaten Pegel für ein solches Event werde ich an der Bar des Etablissements bevor die Show beginnt weiter auf die Sprünge helfen. Die sprichwörtliche Ernüchterung trifft mich, als ich der dort ausliegenden Getränkekarte gewahr werde: Nur Prickelbrause (Sekt) und Flips (Cocktails). In diesem Fall weicht die aufkommende Panik schnell einem Gefühl der Erleichterung. Selbstverständlich habe ich auf dem Weg von der Bahnhaltestelle zum Theater registriert, dass sich in unmittelbarer Nähe desselben zwei Kioske befinden. „Ich muss mal“ oder „... + telefonieren“ - spätestens in der Pause werde ich kurz vor die Tür gehen.
Situationen, in denen ich mich einfach wohler fühle, wenn ich einen gleichbleibenden Alkoholspiegel im Blut habe und wenn ich vor allem WEISS, dass ich, sollte die Situation es erfordern, umgehend auf Alkohol zurückgreifen kann.
Und Situationen, die mir klar machen, dass Bier und Wein eine zu bedeutende Rolle in meinem Leben zukommen.
Eines der bedeutendsten Kriterien zur Einschätzung der Alkoholabhängigkeit eines Trinkenden ist meines Erachtens der Gebrauch von „Wenn-dann-Konstruktionen“.
WENN
jemand nahestehendes stirbt
ich Probleme auf der Arbeit habe
meine Partnerin mich verlässt
ich ernsthaft erkranke
ich finanzielle Probleme habe.
DANN, ja dann trinke ich Alkohol.
Allein die Tatsache, dass es gewisse, in unregelmäßigen zeitlichen Abschnitten wiederkehrende Situationen gibt, auf die man unweigerlich und postwendend mit dem Konsum alkoholischer Getränke reagiert, beschreibt eindeutig eine Abhängigkeit.
Ich tue mich schwer damit, mich als Alkoholiker zu bezeichnen, weil ich damit eigentlich das tägliche Trinken von früh morgens bis spät abends, und vor allem das „besoffen sein“, verbinde.
Das alles will ich gar nicht, mir geht es nie um das Betrunken-Sein, sondern nur um dieses wohlige Gefühl, das sich einstellt, wenn ich ein gewisses Maß an Alkohol im Blut habe.
Trotzdem muss ich mir infolge der immer wiederkehrenden „Wenn-dann-Situationen“ eingestehen, dass ich zumindest partiell abhängig vom Alkohol und damit alkoholgefährdet bin.
Wenn-dann-Konstruktionen gefährden auch den gefassten Vorsatz, den Alkoholkonsum zu reduzieren und gesundheitsverträglich zu gestalten, wenn man sie nicht nur in Krisensituationen einsetzt, sondern auch im Hinblick auf alltägliche Trinkentscheidungen zu Rate zieht.
Ein Beispiel gefällig?
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