Kitabı oku: «Dreizehn. Der Gletscher. Band 4»
Carl Wilckens
13
Der Gletscher
Band 4

Wilckens, Carl : Dreizehn. Der Gletscher. Band 4. Hamburg, acabus Verlag 2020
Originalausgabe
ePub-eBook: ISBN 978-3-86282-778-7
PDF-eBook: ISBN 978-3-86282-777-0
Print: ISBN 978-3-86282-776-3
Lektorat: Laura Künstler, acabus Verlag
Satz: Laura Künstler, acabus Verlag
Cover: © Annelie Lamers, acabus Verlag
Covermotiv: © pixabay.com
Karten: © Carl Wilckens
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Der acabus Verlag ist ein Imprint der Bedey Media GmbH,
Hermannstal 119k, 22119 Hamburg.
_______________________________
© acabus Verlag, Hamburg 2020
Alle Rechte vorbehalten.
http://www.acabus-verlag.de
Inhalt
Cover
Impressum
Widmung
Karte
Dreizehn. Der Gletscher
Personenverzeichnis
Danksagung
Der Autor
Für Oscar

Staub und Stürme
Ganz Dustrien erlebte in dieser Nacht Momente des Schreckens. Hatte die Wissenschaft in den letzten Jahren den Thron der Religion erobert, fielen die Menschen nun auf die Knie und beteten zu Zuris. Vielerorts nicht sichtbar, weil dunkle Wolken den Blick versperrten, weitete sich der Riss im Himmel aus. Er verzweigte, und ein Netz feiner Äderchen schwebte über Dustrien, das sich mondsilbern vor dem Nachthimmel abhob. Schließlich gab ein herausbrechender Splitter preis, was hinter dem Himmel lag: Dunkelheit.
Die Insassen von Zellenblock 13 sahen weder die herabfallenden Splitter, noch das Loch im Himmel. Wohl aber spürten sie das Beben, wenn ein Bruchstück auf die Erde stürzte. Sie sahen den Putz, der von den Decken ihrer Zellen bröckelte, und atmeten den Staub, der von den Himmelssplittern aufgewirbelt wie eine Kavallerie grauer Geister über das Land galoppierte.
Drei Mal weckte sie das Lärmen der herabstürzenden Trümmer. Beim ersten Mal glaubten sie, ein Donnerschlag hätte sie wachgerüttelt. Die meisten begaben sich in eine andere Position und schliefen weiter. Arwin setzte sich auf, allerdings nur, um einen Blick in die Zelle seines Genossen Ronald zu werfen. Die Gestalt des jungen Mitstreiters der Arbeiterrevolution verharrte reglos auf seiner Pritsche. Lediglich Kenan Rutter fuhr aus dem Schlaf, als hätte ihm jemand einen Dolch ins Bein gestoßen, und blickte starr vor Schreck aus dem Fenster in der Zelle seines Gegenübers. Nachdem er einige Zeit lang vergeblich mit Blicken in der nächtlichen Schwärze gewühlt hatte, ließ er sich mit hämmerndem Herzen zurück auf die Pritsche sinken. Es dauerte lange, bis er sich soweit beruhigt hatte, dass er wieder schlafen konnte.
Bald darauf weckte ihn das nächste Donnern. Dieses Mal wurde es von einem Beben begleitet, das nicht länger dem Wetter zugeschrieben werden konnte. Mehrere bange Sekunden lang fürchteten die Insassen in ganz Blackworth, die ehemalige Fabrik würde über ihnen einstürzen und sie unter ihren Trümmern begraben. Als im Anschluss ein Sturm über das Gefängnis hinwegfegte, der die Zellen mit Staub füllte und die Insassen husten ließ, dachten nicht wenige an Ends unheilvolle Prophezeiung, dies sei das Ende der Welt. Als wäre ein Aschesturm aufgekommen, banden sie sich Stoffstreifen vor Münder und Nasen und verhängten die Fenster mit ihren Hemden. So, wie sie anschließend mit offenen Augen auf ihren Pritschen lagen und darauf warteten, dass jemand ausspräche, was alle dachten, ersetzten sie die bislang natürlich nächtliche Stille durch Schweigen. Nach einiger Zeit begleitete ein beklemmendes Gefühl die Insassen zurück in den Schlaf.
Erst als das Land zum dritten Mal erbebte, brach jemand das Schweigen. Ein Stöhnen drang aus einer der Zellen, gefolgt von den Worten: »Wie soll man sich bei diesem Lärm erholen?«
Arwin setzte sich auf und blickte in die Zelle seines Gegenübers. »Ronald? Du lebst!«
Blackworth
Beben. Zum dritten Mal in dieser Nacht erwachten die Insassen von Zellenblock 13.
Ein Stöhnen drang aus Ronalds Zelle. »Wie soll man sich bei diesem Lärm erholen?«
»Ronald?«, rief Arwin erleichtert. »Du lebst!«
»So gerade eben noch«, erwiderte der Junge. Die Insassen atmeten auf und sprachen ihrem jungen Mitstreiter Mut zu.
»Ich habe Durst«, sagte Ronald mit schwacher Stimme und hustete. »Was passiert da draußen? Es ist, als atmete ich mehr Staub als Luft.«
»Geht mir genauso«, erwiderte Baine. Er zog die Nase hoch und spuckte aus. »Mein Rotz sieht aus wie Zement.«
Der Sänger blickte aus dem Fenster von Ends Zelle. Der Morgen musste in greifbarer Nähe sein, waren doch die Umrisse der Saint Aaron Mountains sowie die Wolkenformationen am Himmel zu erkennen. Rutters Einschätzung nach würde es noch einige Stunden dauern, ehe ihnen das Frühstück gebracht würde. Er warf dem Mann in der Zelle gegenüber einen flüchtigen Blick zu: Godric End, der kaltherzige Revoluzzer des Arbeiteraufstandes. Ein Mann, der so viel Mitleid kannte, wie die Barone verdient hatten: keines. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen. Hatte er überhaupt geschlafen? Wann immer der Sänger aufgewacht war, hatte er End in seiner Zelle sitzen oder stehen sehen. Dennoch war sein Blick so wach, als beugte sich selbst die Müdigkeit seinem Willen. Er starrte an die Zellenwand gegenüber, während er mit der Erinnerung ein Gemälde, das nur er sehen konnte, auf den Beton malte.
»Das sind vermutlich Bomben«, brummte Jed in der Zelle neben dem Sänger.
»Bomben?«, wiederholte Baxter mit skeptischem Blick. »Was gibt es hier, das es zu bombardieren lohnte? Stonefort ist nicht in unserer Gewalt.«
»Noch nicht«, knurrte George in der Zelle bei der Tür.
»Vielleicht haben unsere Leute einen Bomber der Königin erobert und greifen Stonefort an«, sagte Arwin hoffnungsvoll. Die anderen Insassen murmelten zustimmend. »Dann wäre es nur eine Frage der Zeit, bis sie uns befreien.«
»Ihr irrt euch.« Der Sänger sprach leise, doch brachten seine Worte den Rest des Zellenblocks zum Schweigen, als hätte er eine Pistole abgefeuert. Sein Blick und der Ends trafen sich. Ends Augen blitzten, als freue er sich darauf, dass Rutter die Hoffnung seiner Genossen zerstören würde. »Ich habe gestern gesehen, was das Beben wirklich verursacht. Der Himmel fällt auseinander. Seine Bruchstücke stürzen auf das Land herab.«
Betretenes Schweigen füllte den Zellenblock, das schließlich von einem lauten Schnauben aus Storms Zelle unterbrochen wurde.
»Das hast zu lange den Spinnereien von End gelauscht«, sagte der Insasse. »Jetzt glaubst du schon, Dinge zu sehen, die überhaupt nicht wahr sind.«
Baine in der Zelle gegenüber sah mit gerunzelter Stirn zu ihm. »Was tust du da?« Allem Anschein nach war Storm dabei, die Gasleuchte auseinanderzunehmen, die der Synaígiesauger tags zuvor hatte fallen lassen.
»Ich werde das Schloss meiner Zellentür knacken«, antwortete der Insasse, während er den Käfig der Lampe verbog, bis eine der Metallstangen herausbrach. Er trat vor seine Tür und begann, von außen im Schloss herumzustochern. Einige Zeit lang war nur das Klappern seiner fruchtlosen Versuche zu hören, während die übrigen Insassen an jenen Menschen im Zellenblock dachten, der sich bestens darauf verstand, Schlösser zu knacken.
»Gib End den Kram«, sagte der Sänger schließlich. »Er wird uns im Nu hier rausbringen.«
Storm lachte freudlos. »Lieber lass ich uns alle hier versauern, als dass ich diesem verlogenen Schwein in die Freiheit verhelfe«, sagte er. »Er ist da, wo er hingehört.«
»Hey!«, rief Arwin empört und trat an die Zellentür. »Du willst uns hier versauern lassen? Da haben wir auch noch ein Wort mitzureden.«
Storm hielt in seinem Versuch, das Schloss der Zellentür zu knacken, inne und sah wütend zu dem Mann in der Zelle schräg gegenüber. »Dann sag mir, Arwin: Willst du wirklich, dass dieser Mann wieder auf freiem Fuß ist? Er ist durch und durch falsch. Er hat Charles Rabotnik getötet. Hat unsere Genossen auf dem Gewissen. Und er hat Ronald dieser Bestie ausgeliefert.«
»Aber es hat funktioniert«, erwiderte Arwin kleinlaut, wenngleich mit unsicherer Miene.
»Was haltet ihr davon«, mischte sich Ronald mit schwacher Stimme ein, »wenn wir End weiterreden lassen. Danach können wir eine Entscheidung treffen.« Storm, davon überzeugt, dass nichts, was End sagen würde, seine Meinung ändern konnte, schwieg. Er konnte den Wunsch seines Genossen, der bereit gewesen war, sich für sie alle zu opfern, um dem Synaígiesauger den Garaus zu machen, nicht ausschlagen.
Der Sänger holte die Tüte mit dem Tabak hervor und winkte End damit. Jetzt schien er aus seinem Tagtraum zu erwachen. Er blickte auf.
»Willst du?«, fragte Rutter. Der Staub hatte die Schleimhäute in seinem Mund und Rachen in rissige Wüstenlandschaften verwandelt. Allein der Gedanke, eine Zigarette zu rauchen, verursachte ihm Übelkeit.
End jedoch nickte. Der Sänger drehte ihm die vierte Zigarette und warf sie durch den Gang in seine Zelle. End sammelte sie ein und steckte sie sich zwischen die Lippen, entzündete ein Streichholz an der Schuhsohle und hielt es an die Zigarette. Mit geschlossenen Augen zog er daran und stieß genussvoll den Rauch aus. Der Sänger wandte den Blick ab.
»Wo waren wir zuletzt?«, fragte End mit einer Stimme, rau vom Schlafmangel und Staub. Er schien genauso wenig Lust zu haben, weiterzuerzählen, wie er die Gelegenheit begrüßte, sich von seinen eigenen düsteren Gedanken abzulenken.
»Nikandros hatte dich in die Welt hinter den Spiegeln verbannt«, half ihm der Sänger auf die Sprünge. »Dort begegnete dir Jasper, und mit Rocíos Hilfe gelang es euch, diesem Ort zu entkommen. Nachdem ihr Nikandros besiegt habt, sind du und Rocío in ihr Versteck unter der Kanalisation hinabgestiegen, um den Spiegel mit dem Durchgang zur anderen Seite zu zerstören.«
»Richtig«, sagte End, stieß den Rauch seines zweiten Zuges aus und holte tief Luft. »Dort unten fand uns Aliona, die Hibridia, die ich das letzte Mal in Gesellschaft von Esper, Tybalt, Nathaniel und Fiur im Keller der Nervenheilanstalt gesehen hatte.«
End
Alionas Erscheinung wirkte surreal im flackernden Licht von Waterstones Gasleuchte. Wie hatte ich sie nicht bemerkt? Selbst im Schlaf blieb meine Intuition wachsam, und das seitlich geschlitzte Kleid, das sie trug, war nicht gerade dazu gemacht, sich leise zu bewegen. Vielleicht war ich schlicht übermüdet.
Ich unterdrückte den Impuls, ihr mit der Machete zu drohen. Ich hatte nicht vergessen, wie Esper mit einer simplen Geste mein Herz vergiftet hatte. Doch Aliona war vielleicht die Einzige, die wusste, wie ich Emily zurückholen konnte. Ich stellte mich besser gut mit ihr.
Rocío sah mich und Aliona abwechselnd an. Wie zufällig fiel ihr das Haar über das lädierte Auge, sodass es die Verätzung verdeckte, die sie sich zugezogen hatte, als ihr tragbares Minilabor, eine braune Umhängetasche, in Flammen aufgegangen war. »Kennst du sie?«
Ich nickte. »Das ist Aliona«, sagte ich und begegnete dem Blick der Hibridia. Obwohl es windstill war, wehte der Mantel aus Schatten um ihre Schultern fast so, als triebe er schwerelos im Wasser. »Ich möchte dich etwas fragen.«
»Du möchtest wissen, wie Esper mich ins Leben zurückholte, um selbiges mit deiner Schwester zu tun«, sagte Aliona zu meiner Überraschung. »Lasst mich euch etwas zeigen.« Mit vielsagendem Lächeln nickte sie zu der Treppe zu ihrer Rechten. Rocío und ich sahen uns an. Nur das Licht von Waterstones Gasleuchte stand zwischen mir und der Dunkelheit. Erlosch es, bräche sie über mich herein. Sie würde den menschlichen Teil meiner Persönlichkeit ersticken und mich in eine mörderische Bestie verwandeln, die in jedem eine potentielle Gefahr sah. Obwohl Waterstone uns garantiert hatte, dass das Gas der Leuchte noch einige Stunden vorhalten würde, waren Rocío und ich stillschweigend übereingekommen, sobald wie möglich an die Oberfläche zurückzukehren.
Die Alchemistin schien zu ahnen, was in mir vorging. Mit einer knappen Geste bat sie Aliona zu warten. Obwohl von ihrem Minilabor nicht mehr viel übrig war, fehlte es ihr nicht an dem, was sie brauchte, um das Feuer unter ihrem Kessel zu entzünden und seinen Inhalt in jenen Trank zu verwandeln, der mir die Runenmatrix zeigen würde. Während ich aus der Kelle trank, spürte ich Alionas neugierigen Blick. Sicherheitshalber füllte Rocío ein Glas mit dem Trank, verkorkte ihn und reichte ihn mir. Schließlich nickte ich ihr zu, und wir folgten der Hibridia die Treppe hinab in einen dunklen Gang. Im Schein von Waterstones Lampe bemerkte ich quadratische Öffnungen in der Decke, durch die Erde und Schutt hereingestürzt waren. Nach und nach blühten Runen in dem unterirdischen Bauwerk auf. Solange mich die goldenen Schriftzeichen begleiteten, würde ich ich selbst bleiben, auch wenn Waterstones Gasleuchte verlosch. Erfahrungsgemäß hielt die Wirkung von Rocíos Trank mehrere Stunden an. Im Flüsterton erzählten mir die Runen die Geschichte dieses Ortes. Der Wunsch, stehen zu bleiben und ihnen zu lauschen, wurde nur von meiner Neugierde darauf übertroffen, wohin Aliona uns bringen mochte.
Wir gelangten bald an eine weitere Treppe, die von dem Gang abzweigte. Nach nur wenigen Stufen begann sie, sich in engen Kurven hinabzuschrauben. Befanden wir uns in einem verschütteten Turm? Während wir der schier endlosen Wendeltreppe folgten, sprach Aliona: »Die Stadt, die ihr Treedsgow nennt, wurde auf den Ruinen von Ad Etupiae errichtet, der wohlhabendsten Metropole des antiken Kontinents. Einst gab es hier den Stern von Ad Etupiae. Mit der Götterdämmerung stürzten die Berge rundherum ein und begruben diesen Ort unter sich.« Ich konnte hören, dass sie lächelte. »Ein Jammer, dass ihr ihn nie zu Gesicht bekommen werdet.«
Der Treppengang mündete schließlich in einen Saal, so weit, dass das Licht von Waterstones Lampe nicht ausreichte, um ihn auszuleuchten. Nur anhand der Runen ließ sich erahnen, wo die Wände links und rechts von uns waren. Vor uns …
»Bei Lotin«, flüsterte Rocío. Auch mir stockte der Atem. Was zunächst ausgesehen hatte wie bizarr geformte Arkadengänge, stellte sich als mehrere Dutzend turmhohe Bücherregale heraus. Das Licht von Waterstones Gasleuchte verlor sich in den Gängen dazwischen. Die Auren der Bücher schienen vor goldenen Runen zu bersten. In der Ferne verschmolzen die Schriftzeichen zu einem einzigen goldenen Licht. Vor jedem Zugang zu den Gängen stand eine Kabine, deren Zweck sich mir nicht erschließen wollte. Dahinter versperrte ein Eisengitter den Weg.
»Die Bibliothek von Ad Etupiae«, verkündete Aliona und breitete in feierlicher Geste die Arme aus. Ihre Stimme hallte von den Wänden wider. »Seit Jahrtausenden schützt eine synaígische Formel diesen Ort vor dem Verfall. Meiner Einschätzung nach gibt es immer noch genug Energie, um ihn weitere tausend Jahre zu konservieren.« Sie wandte sich zu uns um. »Wenn ihr an diesem Ort nicht die Antworten auf eure Fragen findet, dann an keinem.«
»Und?«, fragte ich kühl und sah Aliona herausfordernd an. Sie hatte uns zu einem Heuhaufen geführt und mitgeteilt, dass irgendwo dort die Nadel läge, die wir suchten. »Kannst du uns wenigstens sagen, wo das Buch ist, das wir suchen?«
Alionas Augen blitzten dunkel. »Ich habe dir ein Geschenk gemacht, Godric End«, sagte sie und kam bedrohlich langsam näher. »Ich verstoße bereits gegen das Gebot der Neutralität, und zwar aus reinem Wohlgefallen. Wenn du das nicht zu würdigen weißt, vergeude nicht länger meine Zeit.« Direkt vor mir kam sie zum Stehen. Sie war fast so groß wie ich. Ein Geruch nach Nelken umgab sie, so dezent, dass ich mich fragte, ob es ein Parfüm war oder ihr eigener Körpergeruch. Etwas an der Art, wie sie mich anfunkelte, ließ mich ahnen, dass sie gefährlicher war, als sie wirkte. Sie brauchte keine Drohung aussprechen, um mich wissen zu lassen, dass sie mich wie Esper mit einer knappen Geste töten konnte. Allerdings brauchte es umgekehrt auch nicht viel mehr.
Provokant furchtlos begegnete ich ihrem Blick. »Du lügst«, sagte ich. »Man muss kein Menschenkenner sein, um zu wissen, dass jemand wie du nichts aus Wohlgefallen tut.« Einige Sekunden lang maßen wir uns mit Blicken. Wie bei meiner ersten Begegnung mit Limbania stellte ich fest, dass die Gefahr, die von dieser Frau ausging, mich nicht einschüchterte, sondern anzog.
Alionas Mundwinkel zuckten. »Oh, Godric«, sagte sie, als spräche sie mit einem Jungen. Sie hob eine Hand und berührte die Kerbe in meiner Augenbraue. »Wenn du wüsstest … Du bist nichts weiter als ein Werkzeug einer höheren Macht. Ein äußerst wichtiges, zugegebenermaßen. Esper bereut bis heute, dich nicht getötet zu haben, als er die Gelegenheit dazu hatte.«
»Du könntest das für ihn erledigen«, entgegnete ich. »Oder irre ich mich?«
»Gewiss könnte ich das.« Aliona zeigte ein süßes Lächeln, das nicht zu ihren Worten passen mochte. »Jeder von uns hat das Töten auf seine ganz eigene Weise perfektioniert. Leider ist es bis heute eine unserer nützlichsten Fähigkeiten. Doch das Gesetz der Neutralität verbietet es mir.«
»Es hat Esper nicht davon abgehalten, mich zu vergiften.«
»Du hast ihn mit einer Waffe bedroht«, erwiderte die Hibridia. »Sein Leben war in Gefahr. Damit hattest du mit dem Gesetz gebrochen. Mein Bruder hat lediglich das Gleichgewicht wiederhergestellt. Nein, ich bin nicht hier, um dich zu töten. Ich bin hier, um dir einen kleinen Schubs in die richtige Richtung zu geben.« Ihre Hand ruhte nun auf meiner Brust. Ihr Gesicht hatte einen mütterlichen Ausdruck angenommen. »Unsere Wege werden sich gewiss wieder kreuzen, Godric. Du bist unsereins ähnlicher, als du ahnst. Freiwillig würdest du in keine Schlacht ziehen. Jedoch verfolgst du deine Ziele mit einer solchen Verbissenheit, dass du nicht merkst, wenn du in die Kriege anderer verwickelt wirst.« Die Hibridia wandte sich ab und verließ den Lichtkreis von Waterstones Gasleuchte. Ich blickte ihrer Gestalt nach, die nach nur wenigen Schritten nahtlos mit der Dunkelheit verschmolz, und lauschte ihren leiser werdenden Schritten und deren Echo. War ich wirklich jemandes Werkzeug? Und wenn schon … Was interessierte mich, wenn mich jemand benutzte, solange ich bekam, was ich wollte? Ich sah zu Rocío, die Aliona mit finsterer Miene hinterher sah. Sie bemerkte meinen Blick und bemühte sich um einen gelassenen Gesichtsausdruck.
»Was für eine Hexe«, kommentierte sie.
Ich hob die Brauen. »Hexe?«
»Hast du sie nicht gesehen? Ihr schwarzes Kleid, die schwarzen Handschuhe, der Lippenstift. Sie sieht aus, als wäre sie auf dem Weg zum Blutfest eines Vampirbarons. Warum putzt sie sich so heraus?«
»Was weiß ich«, erwiderte ich desinteressiert und ließ den Blick über die Bücherregale schweifen. Ich war zu müde, um auch nur einen Gedanken an eine solche Banalität zu vergeuden. »Lass uns nach oben zurückkehren. Ich werde alle Hilfe brauchen, die ich auftreiben kann, um hier zu finden, was wir brauchen.« Waterstone würde diesen Ort gewiss mit Begeisterung auskundschaften. Abgesehen davon brauchte ich Schlaf. Es musste schon weit nach Mitternacht sein. In der vergangenen Nacht hatte ich nur wenige Stunden unruhigen Schlafs in der Welt hinter den Spiegeln gefunden. Die Runen in der Dunkelheit um uns herum flüsterten und kreisten in den Auren ihrer jeweiligen Gegenstände, dass mir schwindelig wurde.
»Ich wette, sie gefällt dir«, sagte Rocío, während wir uns auf den Rückweg machten.
»Hm-hm«, machte ich, ohne auch nur den Sinn ihrer Worte zu verstehen.
»Muss die Art sein, wie skrupellos sie bereit ist zu töten«, fuhr die Alchemistin fort. Sie klang bitter. »Ich wette, ihre Aura ist genauso schwarz wie deine.« Erst jetzt, da sie es erwähnte, fiel mir auf, dass Aliona keine Aura gehabt hatte. Wie verbarg die Hibridia sie?
Rocíos Worte fielen auf keinen fruchtbaren Boden. Das Einzige, was sie erntete, war Schweigen, und so verstummte auch sie.
»Wir müsse weiter nach rechts, denke ich«, sagte sie nach einer Weile frostig.
»Ich weiß. Aber dort ist etwas!« Rocío folgte meinem Fingerzeig und bemerkte scheinbar erst jetzt die pulsierende Aura von etwas auf dem Boden: ein Buch. Schlagartig verflog meine Müdigkeit. Hatte Aliona am Ende doch die Nadel für uns gefunden? Wir traten näher. Der Titel auf dem Einband war in Runenschrift verfasst. Durch das dritte Auge betrachtet leuchtete sie und flüsterte mir ihre Bedeutung zu:
Erwachen
Die Memoiren von Norin, dem Unbezwungenen
Gründer der neuen Welt
Teil 1
Das klang nicht nach einem alchemistischen Rezept. Ich schlug das Buch auf und ein zusammengefaltetes Stück Papier fiel heraus. Ich faltete es auseinander und erkannte, dass es sich um eine Karte von Dustrien handelte. Die Städte waren nicht dort, wo sie sein sollten. Auch die Namen, die mir die Runen zuflüsterten, stimmten nicht mit den Karten überein, die ich kannte. Numium, Tabulon, Noviomaridum, Ad Etupiae …
Letzteres war eine Stadt dort, wo Treedsgow ist. Hatte Aliona nicht erwähnt, dass Ad Etupiae die wohlhabendste Metropole des antiken Kontinents gewesen war? Es musste eine Karte des antiken Dustriens sein.
Ich blätterte um und sah, dass der Inhalt des Buches von Hand verfasst worden war. Ich las die ersten beiden Sätze: Das ist das Ende. Das Ende der Welt, so wie wir sie gekannt haben.
Stirnrunzelnd betrachtete ich noch einmal die Titelseite.
Erwachen …
Möglicherweise erwähnte dieser Norin doch irgendwo, wie man jemanden mithilfe der Alchemie ins Leben zurückholte. Ich klemmte mir das Buch unter den Arm und nickte dorthin, wo sich irgendwo der Zugang befinden musste, durch den wir hereingelangt waren.
Eine halbe Stunde später erreichten wir die Oberfläche und kehrten zurück zum Haus von Professor Waterstone. Rocío zog sich wortlos in das Zimmer zurück, das der Professor ihr zugeteilt hatte, und ich betrat den Raum, den ich mir mit Jasper teilte. Nachdem der Izzianer mehrere Viertel lang in der Welt hinter den Spiegeln gefangen gewesen war, schlief er nun zum ersten Mal wieder auf dieser Seite. Er wälzte sich unruhig hin und her, wobei er unablässig murmelte: »Lass mich raus. Lass mich raus!« Ich boxte ihm gegen die Schulter, woraufhin er sich nach Luft schnappend aufsetzte und hektisch umblickte.
»Du bist nicht mehr auf der anderen Seite«, sagte ich. Jasper murmelte einen Fluch in seiner Muttersprache und ließ sich zurück in die Kissen sinken. Ich verstaute Norins Autobiographie in der Schublade meines Nachttisches, zog mich aus und legte mich ins Bett. Hatte ich bis zu diesem Moment geglaubt, dass ich dringend Schlaf nachholen musste, so begriff ich jetzt, dass ich nicht zur Ruhe kommen würde. Das Geflüster der Auren und die goldenen Schriftzeichen, die sich auch dann nicht ausblenden ließen, wenn ich die Lider schloss, hängten sich an mein Bewusstsein wie Auftriebskörper, die verhinderten, dass es im Meer der Träume versank. Ich dachte an Emily. Wie verzweifelt war meine Hoffnung wirklich? Vielleicht stimmte, was Aliona sagte. Womöglich ließ mir jemand Williams Tagebuchseiten zukommen, um mich für seine Zwecke zu benutzen. Bei diesem Gedanken regte sich mein finsterer Kern. Solange mir dieser jemand zu Emily verhalf, war mir egal, dass er mich benutzte. Sollte die Person mir jedoch falsche Hoffnungen machen, dann Gnade ihr Zuris.
Meine Gedanken kehrten zu dem Buch zurück. Hatte Aliona es dorthin gelegt? Oder jener Unbekannte, dessen Werkzeug ich war? Vielleicht enthielt es eine Antwort. Ich musste es lesen. Aber erst brauchte ich Schlaf. Schlaf … Schlaf …
Ich stöhnte genervt, als Jasper im benachbarten Bett wieder anfing zu murmeln. Ich setzte mich auf, holte das Buch aus der Schublade und schlug es auf. Unter gewöhnlichen Umständen hätte ich in der Dunkelheit kein Wort lesen können. Durch das dritte Auge jedoch betrachtet schienen die Schriftzeichen von innen heraus zu leuchten. Sie zu lesen, war, wie einer Lesung zu lauschen.
Ich blendete Jaspers von kurzen panischen Schreien durchzogenes Murmeln aus und tauchte ein in die Geschichte von Norin, dem Unbezwungenen.
Erwachen
Das ist das Ende. Das Ende der Welt, so wie wir sie gekannt haben. Eine ganze Zivilisation ist am heutigen Tage erloschen. Ein Volk verschwand für immer vom Angesicht dieses Planeten. Nicht einmal die Naturgesetze sind noch die, die sie einmal waren.
Um zu verstehen, wie es zu alldem kam, ist meine ganze Geschichte von Bedeutung. Mein Name ist Norin. Geboren wurde ich in einem Fischerdorf an der Küste der Einsamkeit in Normar. Mein Vater verdiente sein Brot – wie hätte es anders sein können – als Fischer. Ich habe nicht viele Erinnerungen an ihn. Ein Sommerabend jedoch, wenige Tage nach Beltane, einem normarischen Festtag, ist mir so klar im Gedächtnis geblieben, als hätte ihn jemand synaígisch konserviert. Ich war sechs Jahre alt. Ich saß am Ende des Stegs, an dem das Boot meines Vaters vertäut war, mit zwei Schüsseln von Mutters Eintopf. Meine Beine baumelten über dem Wasser, während ich wartete. Der verführerische Duft der Mahlzeit stieg mir in die Nase, und mein Magen knurrte, doch ich fing nicht an zu essen. Nicht einmal eine Löffelspitze. Ich wartete, bis ich die knarrenden Schritte meines Vaters auf dem Bootssteg hörte. Mit einem erleichterten Seufzer ließ er sich neben mir nieder, strich mir über das blondgelockte Haar und nahm eine der Schüsseln zur Hand. Schweigend aßen wir, während die Sonne vor uns im Meer versank. Die Luft roch nach Salz und war angenehm mild für normarische Verhältnisse. Die Sonne verwandelte das Kalte Meer in einen See aus Lava. Wo am Firmament das Feuerrot einem kühlen Blau gewichen war, zeigten sich die ersten Sterne, die wie diamantene Perlen in einer nachtblauen Felswand steckten. Seevögel zogen an dem flammend roten Ball vorbei und kreischten verzückt, als genössen auch sie das Schauspiel, das die Natur ihnen bot – allabendlich und doch einzigartig. Bald schon würde der Sonnenuntergang den Nordlichtern weichen.
»Dort«, sagte mein Vater, sobald wir aufgegessen hatten, und deutete auf einen Punkt jenseits der Bucht, »beißen die Fische am besten. Sie kommen in der Nacht – fette Heringe, Dorsche, Makrelen. Máedoc hat es mir verraten.« Máedoc, der Druide, lebte in einer Hütte im Fichtenwald unweit vom Dorf. Die Dorfbewohner munkelten über ihn. Manche fürchteten ihn sogar, und trotzdem suchten sie regelmäßig Rat und Heilung bei ihm. Meine Eltern waren vielleicht die einzigen Menschen im Dorf, die ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm pflegten.
»Es ist gefährlich, so weit hinauszufahren«, fuhr mein Vater fort, »doch nur eine Nacht jenseits der Bucht und ich hätte für das nächste Rund ausgesorgt.«
Noch am selben Abend fuhr er hinaus, wurde von einem Synaígiegewitter überrascht und kehrte nie mehr zurück. Am nächsten Morgen wartete ich am Bootssteg auf meinen Vater mit einem Beutel voll Äpfeln, die ich mit ihm teilen wollte, bis die Sonne erneut hinterm Horizont versank.
Schließlich vernahm ich knarrende Schritte hinter mir, die zu leicht waren, um die meines Vaters zu sein.
»Hier steckst du«, sagte Laya, meine Mutter. »Warst du den ganzen Tag auf diesem Steg?« So unbekümmert ihre Stimme klang, so tief hatte sich die Trauer in ihren Blick gegraben. Ich antwortete nicht. Meine Mutter nahm mir den Beutel mit den Äpfeln ab und sah hinein. »Du hast nichts gegessen?«, fragte sie.
Ich hob den Blick und sprach die letzten Worte der nächsten zwei Tage. »Wann kommt Papa?« Die grünen Augen meiner Mutter glitzerten im Licht der untergehenden Sonne, und eine Träne rann wie flüssiges Feuer ihre Wange hinab. Sie ließ sich neben mir nieder und legte einen Arm um meine Schultern.
»Der Wind hat ihn verweht, mein Kind«, sagte sie leise. »Er ist jetzt weit weg in Origon und kann nicht mehr zurückkehren. Aber er wird uns nie vergessen.« Ihre Stimme war ruhig, doch ihre Worte klangen so erstickt, als müssten sie sich an den Schluchzern vorbeikämpfen, die in ihrer Kehle steckten. »Gehen wir nach Hause.«
Das Haus, in dem wir lebten, war kaum eine Hütte. Ein einziger, runder Raum mit Strohdach. Mein Vater hatte es mit seinen eigenen Händen erbaut. Ich hockte mich in meine Schlafnische und heftete den Blick auf die Tür. Irgendwann schlief ich ein, ohne einen Bissen zu Abend gegessen zu haben.
Auch am nächsten Tag aß ich kaum. Nach einer Stunde guten Zuredens gelang es meiner Mutter, mich dazu zu überreden, einen halben Apfel zu verspeisen. Als ich auch am zweiten Tag nach Vaters Verschwinden nichts zu mir nehmen wollte, brachte sie mich zu Máedoc, dem Druiden.
»Er isst nicht mehr und spricht kein Wort, seit Gabhan verschwunden ist«, sagte sie verzweifelt, kaum dass wir seine Hütte betreten hatten. Die Behausung des Druiden war nicht größer als unser Zuhause, dafür schien sie doppelt so viele Dinge zu enthalten. Ein langer Tisch beanspruchte eine der vier Wände für sich. Er war überladen mit Werkzeugen zur Verarbeitung alchemistischer Zutaten, Schalen und Glasgefäßen und merkwürdigen Apparaturen. Eine Ecke des Raumes wurde von einem Kamin beansprucht. Über glimmenden Scheiten stand ein Kessel auf drei Füßen. In einer anderen Ecke des Raumes wuchs eine Eiche durch ein Loch in der Decke. Grün gefiltertes Tageslicht zwängte sich an seinem Stamm vorbei ins Hütteninnere. Eine Leiter führte an dem Stamm empor. Die grüne Laubwolke, die die Krone des Baumes bildete, hatte von außen nicht erkennen lassen, dass es dort etwas gab. Ein Baumhaus? Vielleicht auch nicht. Vielleicht war es bloß ein Zugang zum Dach. Einige Äste mit sattgrünen Blättern tasteten sich unter der Hüttendecke entlang. Dazwischen hingen Knoblauchzöpfe und Kräuter zum Trocknen. Es roch nach Lavendel und Thymian.
»Bitte«, sagte meine Mutter. »Ich möchte ihn nicht auch noch verlieren.« Máedocs grünbraune Augen schienen aus dem Schatten seiner buschigen Brauen hervorzustechen, während er mich musterte. Sein langes, waldbraunes Haar fiel ihm bis auf die Schultern herab und ging an seinen Schläfen nahtlos in einen ebenso langen, braunen Bart über. Sein Gesicht hatte so viele Runzeln wie eine Schildkröte. Er war soeben aus dem Wald zurückgekehrt und trug noch seinen Umhang aus Bärenfell. Der Schädel des Tiers lag wie eine Kapuze auf seinem Rücken. In dem Pelz wuchsen Moos und Pilze, auf denen vereinzelt Feenwürmchen hockten. Spinnen krabbelten darin herum und verirrten sich in seinen Bart.
Máedoc wandte den Blick ab und stellte seinen knorrigen Stab in eine Ecke des Raumes. Er hatte ihn vermutlich gerade erst von einem Baum gebrochen, grünten an seinem oberen Ende doch noch drei Blätter. Die knorrigen Stränge, die sich zu dem Stab verflochten, wanden sich an einem Ende um einen kugelrunden Bernstein. Der Druide zog den Bärenpelzmantel aus und hängte ihn an die Wand. Sein Oberkörper war nackt und überraschend muskulös. Auf seiner linken Brust war eine Bärentatze über einem normarischen Knotenmuster tätowiert. Er betrachtete mich wieder, als lese er in einem Buch. Ich wich seinem Blick aus und beobachtete eine Spinne, die soeben hinter seinen Bart flüchtete.
Schließlich wandte Máedoc sich ab und trat vor die Feuerstelle. Er griff nach einem der Holzscheite, die daneben aufgeschichtet lagen, und schob ihn unter den Kessel in die Glut. Dann blies er hinein. Wenig später erwachte eine gelbe Flamme zum Leben. Niemand sagte ein Wort, während Máedoc geschäftig durch seine Hütte eilte, von überallher Zutaten zusammenklaubte und sie in den Kessel über dem Feuer warf; unter anderem eine Locke meines blonden Haares. Schließlich stieg goldener Dampf daraus hervor, begleitet von einem Duft, der mich schwindeln ließ. Er schien mir ein Leben ohne Sorgen zu versprechen. Máedoc schöpfte eine Kelle davon in ein Fläschchen und reichte es mir. Es war warm. Ohne dass er mich dazu hätte auffordern müssen, leerte ich den Trank in einem Zug. Wohlige Wärme breitete sich in meinem Innern aus und verdrängte die Trauer, die sich dort eingenistet hatte, als meine Mutter mir gesagt hatte, dass mein Vater vom Winde verweht worden sei. Die Wärme stieg mir in den Kopf und betäubte mein Denken fast so, als hätte Máedoc mir einen starken Schnaps verabreicht. Ich seufzte erleichtert.
»Hast du Hunger?«, fragte Máedoc. Als wäre das sein Stichwort gewesen, fing mein Magen an zu knurren. Ich nickte. Máedoc führte mich nach draußen zu einem flachen Felsen und bedeutete mir, mich auf einem der Steine niederzulassen, die darum herum angeordnet waren. Dann ging er in seine Hütte und kehrte mit Brot, Käse und Milch zurück. Während ich aß, hörte ich ihn und meine Mutter drinnen reden.
»Es ist gewissermaßen meine Schuld, Laya.« Máedoc klang bedrückt. »Ich war es, der Gabhan sagte, dass er nachts weiter draußen mehr Fische fangen könnte. Es ist vielleicht nur ein kleiner Trost, aber ich würde Norin als meinen Lehrling in Betracht ziehen. Wenn du einverstanden bist, behalte ich ihn die Nacht über hier und stelle ihn gleich morgen früh auf die Probe.« Die Antwort meiner Mutter drang nur unverständlich an meine Ohren, doch sie klang eindeutig überrascht.
»Es ist eine große Ehre«, bestätigte Máedoc, »doch dir muss klar sein, dass er sich auf den Pfad der Druiden begibt. Er wird ein Sonderling sein. Gefragt und doch ausgestoßen. Ich lebe nicht ohne Grund abseits von allen.« Meine Mutter schwieg kurz. Als sie schließlich sprach, stand sie im Eingang zu Máedocs Hütte. Ihre Augen ruhten auf mir und ich verstand jedes Wort.
»Wird er glücklich sein?«
»Nicht glücklicher oder unglücklicher, als er es mit jeder anderen Berufung wäre«, erwiderte Máedoc. »Aber er wird erfüllt sein.« Meine Mutter trat zur mir und strich mir über die Haare. Dann ging sie neben mir in die Hocke und fragte: »Norin, würdest du eine Nacht bei Druide Máedoc bleiben?« Ich nickte. Unter gewöhnlichen Umständen wäre ich nicht einverstanden gewesen – erst recht nicht, nachdem mein Vater verschwunden war, klammerte ich mich doch seither an den Rockzipfel meiner Mutter –, doch Máedocs Trank und mein voller Bauch machten mich müde und sorglos.
Meine Mutter küsste mich zum Abschied auf die Stirn. Máedoc führte mich in die Hütte und bedeutete mir, die Leiter am Stamm des Baumes hinaufzuklettern. Nicht einmal meine Neugier konnte meine Lebensgeister wiedererwecken. Gefolgt von dem Druiden stieg ich durch das Loch im Hüttendach ins Freie, tauchte in die Baumkrone der Eiche ein und gelangte in einen Kokon mit einem runden Fenster. Er sah aus, als hätte ihn ein riesiges Eichhörnchen gebaut. Es roch nach Moos und Laub. Eine leichte Brise ließ die Blätter rascheln und mich noch schläfriger werden, obwohl es helllichter Tag war. Die Ziegel des Schornsteins von Máedocs Hütte, der geradewegs durch den Kokon führte, strahlten behagliche Wärme ab. Ich wollte mich schon auf einem Polster aus Moos zusammenrollen, das mich nebst einer Decke neben dem Schornstein erwartete, als Máedoc mich mit einer Hand auf der Schulter zurückhielt.
»Junge«, sagte er mit ernstem Blick. »Dir mag es jetzt gut gehen. Aber die Wirkung meines Trankes wird nicht für immer anhalten. Dann musst du lernen, mit dem Verlust deines Vaters zu leben. Hast du mich verstanden?« Ich nickte unbekümmert. »Du darfst nicht noch einmal von dem Trank trinken. Hast du auch das verstanden?« Wieder nickte ich. Nichts davon wäre ein Problem, dachte ich.
»Dann ruh dich aus«, sagte Máedoc und stieg die Leiter wieder hinab in seine Hütte. Ich rollte mich in die Decke gekuschelt auf dem Polster aus Moos zusammen und ließ mich vom Flüstern der Eiche davontragen.
Als ich erwachte, war es finstere Nacht. Der Kokon war erfüllt von kühler Nachtluft, doch unter meiner Decke war es behaglich warm. Das Laub der Eiche raschelte. In regelmäßigen Abständen hallte der Ruf einer Waldeule durch die Nacht. Er klang so nahe, dass ich mich fragte, ob der Vogel womöglich in Máedocs Eiche saß. Dann glaubte ich, Schritte zu hören. Das weiche Moospolster unter den Fichten dämpfte sie, doch das Knacken des Reisigs konnte es nicht verschlucken. Jemand schlich durch die Dunkelheit um Máedocs Hütte! Das Rascheln des Eichenlaubs klang nunmehr wie eine Warnung. Ich erhob mich von meiner Schlafstelle und schlich, die Decke um meine Schultern geschlungen, zum Fenster. Vorsichtig spähte ich über den Rand nach draußen. Máedocs Hütte und die kleine Lichtung, auf der sie stand, lagen in silbernem Mondlicht. Dahinter eine Wand aus Dunkelheit, verflochten mit den Stämmen der Fichten. Je länger ich hinsah, desto lebendiger wurde sie. Die Schatten bewegten sich. Gestalten huschten von Stamm zu Stamm. Die Silhouetten von Männern, die gesichtslosen Köpfe Máedocs Hütte zugewandt, wurden sichtbar.
Das Kreischen eines Vogels zerriss die nächtliche Stille, und ich zuckte zusammen. Ich wich vom Fenster zurück und kauerte mich unter der Decke auf dem Polster aus Moos zusammen. Plötzlich zitterte ich. Wo war mein Vater? Vom Winde verweht, hallte Mutters Stimme durch meinen Kopf. Vater war fort und würde nie mehr zurückkehren. Heiße Tränen stiegen mir in die Augen. Ich wollte zu Mutter. Sofort! Ich nahm all meinen Mut zusammen und erhob mich abermals von der Schlafstätte. Kletterte die Leiter ein kurzes Stück hinab durch finstere Nacht und gelangte ins sichere Innere von Máedocs Hütte. Das Schnarchen des Druiden wog durch die Dunkelheit. Ich tastete mich zu seiner Schlafnische. Ich würde ihn wecken und bitten, mich nach Hause zu bringen. Ich streckte eine Hand aus, um das dunkle Bündel, das er bildete, an der Schulter zu rütteln, als meine Augen sich an die Finsternis von Máedocs Schlafnische gewöhnten, und ich sein Gesicht sah. Seine Augen standen offen. Einen schrecklichen Moment lang hielt ich ihn für tot.
Dann schnarchte er wieder. Ich atmete auf und nahm erstmals den Geruch wahr, der an mir vorbei zum offenen Fenster hinauszog. Er war erkaltet. Trotzdem rief er die Erinnerungen an ein sorgloses Leben wach. Es war der Trank, den Máedoc mir vor wenigen Stunden verabreicht hatte. Ich trat vor den Kessel und blickte über seinen Rand. Er war bis über die Hälfte mit jener goldgelben Flüssigkeit gefüllt! Im Dunkeln wirkte sie schwarz wie Pech. Ich blickte mich um und entdeckte auf Máedocs Tisch ein Fläschchen. Du musst lernen, mit dem Verlust deines Vaters zu leben, hörte ich die Stimme des Druiden in meinem Kopf. Mit Händen, die zitterten wie die eines Trunksüchtigen auf Entzug, nahm ich das Fläschchen und kehrte damit zum Kessel zurück. Die Kelle hing noch über dem Rand. Ich nahm sie und schöpfte ein wenig von dem Trank ab. Du darfst nicht noch einmal von dem Trank trinken. Hast du das verstanden? Máedocs Schnarchen wogte mahnend durch den Raum. Irgendwie gelang es mir, das Fläschchen zu füllen, ohne viel zu verschütten. Ich setzte es an die Lippen und verharrte. Ich war drauf und dran, Máedocs Rat zu ignorieren. Meine Augen brannten. Eine Träne lief mir aus dem Augenwinkel die Nase hinab, kam zitternd an meiner Nasenspitze zum Halt und fiel in den Trank. Ich schüttete den Inhalt des Fläschchens zurück in Máedocs Kessel und stellte es wieder auf den Tisch. Entschlossen, den Rest der Nacht im Kokon in Máedocs Eiche zu verbringen, und wenn ich kein Auge zutäte und den furchteinflößenden Geräuschen der Nacht lauschen müsste – das Andenken meines Vaters in Ehren! – trat ich vor die Leiter am Stamm des Baumes.
»Norin.« Ich zuckte zusammen. Ich hatte nicht bemerkt, dass Máedoc aufgehört hatte zu schnarchen. »Was hast du hier zu suchen?« Ich wandte mich um und blickte in sein in Schatten gehülltes Gesicht. Ich öffnete den Mund, eine Ausrede auf der Zunge, als ich bemerkte, dass ich im Begriff war, zum ersten Mal seit dem Verschwinden meines Vaters zu sprechen. Die Worte blieben mir im Hals stecken. Máedoc trat vor, und das silberne Licht des Mondes beleuchtete sein Gesicht. Seine grünbraunen Augen durchbohrten mich. Sein Blick verlangte die Wahrheit.
Ich schluckte. »Ich wollte Euren Trank trinken«, murmelte ich und sah auf meine Fußspitzen.
»Hast du?«, fragte Máedoc mit ernster Stimme. Ich schüttelte den Kopf und blickte auf. »Dann geh wieder schlafen. Morgen unterhalten wir uns.«
Den Rest der Nacht lag ich wach und starrte an die Decke des Kokons. Ich hatte es vermasselt! Máedoc hatte gesagt, dass er mich am Morgen auf die Probe stellen wollte. Doch bevor es überhaupt dazu hätte kommen können, hatte ich dem Druiden einen Grund geliefert, mich fortzuschicken.
Beim ersten Tageslicht stieg ich wieder in Máedocs Hütte hinab. Der Druide war schon auf. Er stand vor seinem Kessel, schöpfte ein wenig von dessen Inhalt mit der Kelle und ließ ihn zurückplätschern.
»Guten Morgen, Norin«, sagte er, ohne sich umzudrehen. »Hast du Hunger?«
»Nein«, sagte ich mit dünner Stimme.
»Ich habe mich gestern mit deiner Mutter unterhalten, wie du vielleicht mitbekommen hast«, sagte Máedoc, hing die Kelle über den Rand seines Kessels und wandte sich um. »Ich habe mit dem Gedanken gespielt, dich als meinen Lehrling anzunehmen, und wollte dich heute auf die Probe stellen.« Der Ausdruck in seinem Gesicht wurde ernst. »Nach dem, was heute Nacht passiert ist, wird das nicht mehr nötig sein.« Ich ließ den Kopf hängen. »Wir Druiden verbreiten die Lehre der Alchemie«, fuhr Máedoc fort. »Die einzige annehmbare Form der Magie. Der Trank, den ich dir gestern gab, war nur eines von unzähligen Rausch- und Suchtmitteln, mit denen Alchemisten zu tun haben. Ich kann niemanden als meinen Lehrling aufnehmen, der solchen Mitteln nicht widerstehen kann.« Mein Unterkiefer zitterte. »Den Ahnen von Normar sei Dank hast du widerstanden.« Ich hob den Blick, und erst jetzt sah ich, dass Máedoc lächelte. Seine braungrünen Augen blitzten. »Es ist nur verständlich, dass du nach dem Verlust deines Vaters noch einmal von meinem Trank kosten wolltest. Dass du es nicht getan hast, zeugt von großer Willenskraft. Zieh dich an, Novize Norin. Es ist Zeit für deine erste Lektion.«
Wenig später verließen wir Máedocs Hütte und traten zwischen die Fichten. Es roch nach Kiefernharz. Dichte Nebelschleier hatten sich zwischen den Stämmen verfangen. Der Atem stand mir in weißen Wolken vorm Mund und mir klapperten die Zähne. In Normar gab es nur selten milde Nächte. Manchmal schneite es sogar im Sommer. Máedoc schien die Kälte nicht zu spüren. Er hatte sich den Bärenfellumhang umgelegt, trug aber ansonsten nur eine Hose. Seine Füße waren nackt und auch die Arme schutzlos der kühlen Morgenluft ausgesetzt.
Unweigerlich musste ich an die Geschichte denken, die man sich im Dorf über den Wald erzählte. Gerüchte über ein Ungetüm von einem Bären, der auf den Geschmack von Blut gekommen war. Man erzählte sich, ein Enerphag habe versucht, sich in seinen Kopf zu schleichen, woraufhin der Verstand des Tieres einen Riegel vorgeschoben und den Enerphagen sozusagen zwischen Tür und Angel eingeklemmt habe. Der Geist saß in der Falle, das Tier wurde wahnsinnig. Man hatte ihm sogar einen Namen gegeben: Maturnus. Wann immer ein Tier aus einem Stall verschwand, und sei es bloß ein Huhn, das von einem Marder gerissen worden war, hieß es, Maturnus sei in der Nacht gekommen.
»Es existieren drei kosmische Elemente«, erklärte Máedoc, während wir gingen, und lenkte mich von meinen düsteren Gedanken ab. »Zum ersten gibt es die Synaígie. Sie ist eine einzigartige Form der Energie. Sie ist das Bewusstsein der materiellen Welt und trägt den Namen Idun. Das Synaígiegewitter, das deinen Vater überraschte, war nichts weiter als ein Gedanke von ihr. Sie kann nicht ohne unsere Hilfe gezielt in der materiellen Welt agieren. Obgleich alles, was existiert, zu ihr gehört, hat sie keine Kontrolle darüber.« Máedoc blieb stehen und blickte zu mir zurück. »Verstehst du mich, Norin?« Ich nickte, obwohl ich mir nicht sicher war. Mein Lehrmeister sah es mir an. Er ging auf die Knie, sodass er mit mir auf Augenhöhe war, und legte mir eine Hand auf die Schulter. Sie war so warm, als wäre er soeben einem heißen Bad entstiegen. »Weißt du, wie dein Inneres aussieht?«, fragte er. Ich schüttelte den Kopf. »Hast du Aberlin mal dabei zugesehen, wie er ein Schwein schlachtet? Oder hast du gesehen, wie dein Vater einen Fisch ausweidet? Solche Organe, die sie herausnehmen, gibt es auch in deinem Inneren. Dein Herz zum Beispiel! Du weißt, dass du ein Herz hast?« Ich nickte. »Es ist Teil deines Körpers, aber du hast keine Kontrolle darüber. Du kannst ihm nicht befehlen, mit dem Schlagen aufzuhören.« Máedoc erhob sich, und wir setzten unseren Weg fort. »Genauso verhält es sich mit der Synaígie. Die materielle Welt ist ihr Körper, aber sie hat keine Kontrolle.« Wir gelangten an einen Steilhang und machten uns an den Anstieg. Schon nach kurzer Zeit atmete ich schwer. Zumindest wurde mir jetzt wärmer. Irgendwo im Nebel krächzte eine Krähe. »Das Wort Synaígie setzt sich aus Synergie und Energie zusammen, weil sie nur mit unserer Zusammenarbeit aktiv werden kann. Wir können durch die Runen mit ihr kommunizieren. Können ihr Befehle erteilen, wenn wir die Runenmathematik beherrschen. Aber machst du auch nur einen Fehler, gehörst du ihr. Dann ist der Norin, den wir kennen, tot.« Wir erreichten das Ende des Steilhangs und traten auf eine Lichtung. Dort, am höchsten Punkt des Hügels, stand ein Steinkreis. Fast schien es, als hielten die Bäume respektvoll Abstand zu ihm. Dahinter endete die Welt abrupt an einer Klippe, an der sich die Wellen des Kalten Meeres brachen. Als wir uns dem Steinkreis näherten, trat eine Gestalt hinter einem der sieben Megalithen hervor: eine Frau in einem weißen Kleid. Ihr goldenes Haar leuchtete im Licht der aufgehenden Sonne. Sie winkte, legte die Hände an den Mund und rief: »Könnt ihr mir helfen?« Schon wollte ich zu ihr laufen, als Máedoc eine Hand auf meine Schulter legte.
»Sie ist nicht das, was sie zu sein scheint«, sagte er. Seine Worte klangen überraschend kühl. »Bleib an meiner Seite, Norin. Du wirst gleich verstehen.« Wir gingen weiter, bis wir nur noch wenige Schritte vom Steinkreis entfernt waren.
»Bitte«, sagte die Frau. »Ich brauche eure Hilfe!« Máedoc ignorierte sie.
»Siehst du die Runen, die dort in die Megalithen gemeißelt sind?«, fragte er mich. Nur mit Mühe konnte ich die Augen vom Antlitz der Frau lösen. Ich folgte Máedocs Blick und bemerkte, dass die Megalithen über und über mit Schriftzeichen bedeckt waren. »Es sind die gleichen Schriftzeichen, die wir für unsere Texte verwenden. Nur hat hier jemand vor langer Zeit versucht, sie zu runenmathematischen Formeln zusammenzusetzen, um mit der Synaígie zu kommunizieren. Sie werden daher auch synaígische Runen genannt. Vor langer Zeit hat hier also jemand versucht, einen Zauber zu wirken. Ich weiß nicht, was sie eigentlich vorhatten, aber das ist, was dabei rausgekommen ist.« Er nickte zu der Frau, die uns abwechselnd ansah.
»Hilfe!«, wiederholte sie und klang dabei auf herzzerreißende Art verzweifelt.
»Guten Morgen«, sagte Máedoc zu ihr. »Wie können wir helfen?«
»Bitte«, sagte die Frau und trat an den inneren Rand des Steinkreises. Es sah so aus, als verhindere eine unsichtbare Barriere, dass sie ihn verließ. »Ich brauche dringend Hilfe!«
»Wie ist dein Name?«
»Bitte helft mir!«
»Woher kommst du?«
»Könnt ihr mir helfen?«
Máedoc sah zu mir. »Ich vermute, sie war diejenige, die sich hier an der Runenmathematik versucht hat«, sagte er. »Vielleicht auch nur eine von einer ganzen Gruppe von Menschen. Offenbar ist ihre Formel fehlerhaft, und nun ist sie Teil von Idun.«
»Hilfe!«
»Iduns Macht beschränkt sich auf den Runenkreis«, fuhr Máedoc fort. »Wie du vielleicht gemerkt hast, ist es Idun nicht möglich, sich mit uns durch sie zu unterhalten. Diese Frau ist vielmehr darauf programmiert, hier zu stehen und um Hilfe zu rufen. Vielleicht gibt es den Menschen noch, der sie einst gewesen ist.«
»Können wir sie nicht befreien?«, fragte ich.
»Leider nein«, antwortete Máedoc mit trauriger Miene. »Wenn wir uns ihr nähern, wird sie uns packen und in den Steinkreis ziehen. Und dann werden wir selbst Iduns Sklaven sein. Ich wache schon seit Jahren über diesen Ort. Diese Frau dort wird nicht älter und ihr Kleid wird nie schmutzig. Ihr Haar sieht stets aus, als hätte sie es eben erst mit erlesenen Seifen gewaschen. Die Zeit fügt ihrer Schönheit kein Leid zu.«
»Wer hat die Megalithen hierhergebracht?«, fragte ich.
»Niemand«, sagte Máedoc. »Orte wie diesen gibt es viele auf der Welt. Sie stehen auf den Ley-Linien, den synaígischen Kraftlinien unseres Planeten. Es sind Stätten, an denen sich Iduns Substanz konzentriert.« Er legte mir eine Hand auf die Schulter und zwang mich mit sanfter Gewalt, mich abzuwenden.
End
Ich hob den Blick und betrachtete nachdenklich Jaspers dunkle Gestalt.
»Nein«, murmelte der Izzianer und riss den Kopf hin und her. »Nein, nein, nein.«
Dass dieser Norin von einem Druiden ausgebildet worden war, der sich mit der Alchemie auskannte, war schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Von Normar und der Küste der Einsamkeit hatte ich noch nie gehört. Das Druidentum stammte aus Norsee. Vermutlich hatte das Land in der Antike schlicht anders geheißen.
Ebenfalls sehr interessant war, was Máedoc über jene Orte auf diesen Ley-Linien zu erzählen gewusst hatte. Im Rattensumpf, jenem Komplex aus Gängen unterhalb der Kanalisation, in dem das Etwas lebte, hatte ich einen sonderbaren Ort gefunden: einen Tümpel, an dessen Grund ein Kristallsplitter lag, der silbern leuchtete wie das Mondlicht. Rund herum wuchsen Blumen mit violett biolumineszierenden Blütenblättern und riesige Pilze. Ob es sich auch um einen Ort auf einer solchen Ley-Linie handelte? Es gab zwar keine Megalithen, doch war er definitiv von magischer Natur.
Ein wenig beunruhigend fand ich, was mit der Frau im Steinkreis geschehen war. Nikandros hatte durchblicken lassen, dass es sich bei der Synaígie um entrische Energie handelte. Nachdem Waterstone mir die Segovia-Kapsel ins Herz gepflanzt hatte, war mein Körper mehrmals damit geladen worden. War ich nun ebenfalls in Gefahr, dieser Idun zum Opfer zu fallen?
Ein Gähnen zwängte sich an meiner Beklommenheit vorbei. Ich senkte den Blick und verlor mich wieder zwischen den Zeilen.
Erwachen
Wir verließen die Lichtung auf demselben Wege, auf dem wir gekommen waren. In gleichen Abständen hallten uns die Hilferufe der Frau nach, als wäre sie ein Vogel, der turnusmäßig wieder und wieder denselben Ruf ausstieß. Schweigend gingen wir den Hügel hinab. Inzwischen hatte die aufgehende Sonne den Nebel zum größten Teil aufgelöst. Obwohl ich in dem überall gleich aussehenden Wald nichts fand, an dem ich mich orientieren konnte, merkte ich schnell, dass wir nicht zu Máedocs Hütte zurückkehrten. Das Meer lag stets zu unserer Rechten; so weit entfernt, dass mein Blick auf seinem Weg dorthin vor eine undurchdringliche Wand aus Fichtenstämmen stieß, und doch nah genug, dass wir das Rauschen der Wellen hören konnten. Auf unserem Weg begegneten uns an der Zahl drei Rehe. Die seltenen Male, da ich einem dieser scheuen Tiere begegnet war, waren sie davongeprescht, kaum dass sich unsere Blicke getroffen hatten. Mit Máedoc an meiner Seite jedoch standen sie ruhig da und ließen mich so nahe herankommen, dass ich sie streicheln konnte. Auch Hasen schienen keinen Grund zu kennen, uns zu fürchten. Mehrmals streichelte ich ihnen über die Löffel und musste mich anschließend beeilen, um zu dem Druiden aufzuschließen.
Schließlich erreichten wir den Waldrand und näherten uns dem Dorf. Schutzlos dem Wind ausgesetzt begann ich wieder zu frieren. Das Kreischen von Möwen und vereinzelte Rufe aus dem Dorf wehten zu uns herüber. In der Nähe eines Bootssteges am nördlichen Ende des Hafens stellte Máedoc sich an den Strand und blickte reglos wie eine Statue aufs Meer hinaus. Ich wollte schon fragen, worauf wir warteten, als er wieder zu sprechen begann: »Ich sagte dir vorhin, dass es drei kosmische Elemente gibt. Das erste, die Synaígie, hast du nun kennengelernt. Das Zweite sind die Enerphagen; genaugenommen ihre Substanz, das dunkle Mana. Auch sie erlauben uns, Magie zu wirken, indem wir mit den Norn – einer bestimmten Sorte sehr mächtiger Enerphagen – einen Pakt schließen. Sie erfüllen dir jeden Wunsch, sofern es sich um eine Bösartigkeit handelt. Du kannst sie nicht bitten, jemandes Krankheit zu heilen.«
»Warum nicht?«, fragte ich.
»Es liegt nicht in ihrer Natur«, erklärte Máedoc. »Du kannst jemandes Ernte verderben lassen, ihn eine Woche lang vom Pech verfolgen lassen, ja, du kannst jemandem sogar den Tod wünschen. Aber je größer der Dienst ist, den dir ein Norn erweist, umso teurer wirst du dafür bezahlen. Du stehst ab diesem Moment in seiner Schuld und du kannst dich darauf verlassen, dass er sie einfordern wird.«
»Und wenn ich nicht bezahle?«
Máedoc blickte zu mir herab. »Dann entsenden sie ihre Schergen, die Folklore. Kleine Enerphagen, die sich in jeden Winkel deines Lebens einnisten. Sie machen dich krank und schicken dir Alpträume. Du wirst im wahrsten Sinne des Wortes vom Pech verfolgt.«
»Kann man die Enerphagen nicht irgendwie bekämpfen?«, fragte ich.
»Warum willst du gegen sie kämpfen?«
»Weil sie böse sind«, erwiderte ich überrascht über die Frage. »Sie bringen nur Schlechtes in unsere Welt.«
»Da ist richtig«, stimmte Máedoc zu. »Aber sie tun es auf unseren Wunsch hin. Die Trinität – das ist die Einheit ihrer drei Könige – wacht darüber, dass die Enerphagen sich nur in unsere Welt einmischen, wenn wir es ihnen durch einen Pakt gestatten. Es ist die Niedertracht derer, die sich mit ihnen einlassen, die uns Schlechtes bringt. Wir wissen wenig über diese Wesen und die Welt, aus der sie kommen. Womöglich würden wir einen Krieg gegen sie verlieren.« Máedoc verfiel in Schweigen. Eine Zeit lang, während der ich zusehends unruhig wurde, stand er wieder bloß da und blickte zum Meer hinaus. In seinen Augen spiegelten sich die Wellen.
»Worauf warten wir?«, fragte ich schließlich.
»Hab ein wenig Geduld«, sagte Máedoc. Ich verharrte an seiner Seite, während ich mich unablässig umblickte. Schließlich lief ich dorthin, wo das Meer den Sand glattstrich, und fing an, vor dem heranschießenden Wasser davonzulaufen. Ich entdeckte einen Donnerkeil im Sand, sammelte mehrere Muscheln und interessant aussehende Steine ein und setzte mich an den Strand zum Spielen. Die Sonne stieg höher, der Wind flaute ab und allmählich wurde mir wärmer.
Dann bemerkte ich eine Bewegung auf dem Bootssteg. Ich hob den Kopf und sah Otis, den Trinker. Er war wie immer unrasiert, sein langes Haar schmutzig und verfilzt. Seine Kleidung sah aus, als hätte er sie schon seit mehreren Runden nicht abgelegt, und in der Hand hielt er die obligatorische Flasche Met.
Ich spürte Máedocs Blick auf mir. Ich ließ meine Fundsachen liegen und lief zu ihm.
»Du kennst Otis, nehme ich an«, sagte Máedoc und nickte zu dem Fischer, der soeben das Ende des Stegs erreicht hatte und in sein Boot kletterte. Ich nickte. »Weißt du, wie er zum Trinker geworden ist?«
»Er hat seine Tochter verloren«, sagte ich.
»Weißt du auch, wie er sie verloren hat?«, fragte Máedoc. Ich schüttelte den Kopf. »Er musste sie einem Enerphagen überlassen.« Der Druide seufzte. »Gwaeddan. Ein gutes, unschuldiges Mädchen. Sie wäre jetzt in deinem Alter. Ich habe keine Ahnung, ob sie noch lebt oder nicht.«
»Welchen Pakt hat Otis geschlossen?«
»Er ließ jemanden töten«, sagte Máedoc. »Vor drei Jahren entdeckten er und ein Fischer namens Jennalyn eine Höhle am Fuße der Steilklippe. Darin fanden sie eine mit Juwelen gefüllte Schatulle. Sie wollten den Schatz aufzuteilen – Hälfte, Hälfte. Aber noch in derselben Nacht machte Jennalyn sich mit der Schatulle davon. Otis, blind vor Wut, beschwor einen Norn und verlangte von ihm, dass er Jennalyn tötete und ihm die Juwelen zurückbrachte. Der Norn erfüllte den Auftrag binnen vierundzwanzig Stunden. Wenig später verlangte er seinen Preis. Otis ertrug es nicht lange, sich ihm zu verweigern. Nachdem der Norn seine Tochter mitgenommen hatte, fuhr er weit hinaus – weiter noch als dein Vater – und versenkte die Schatulle im Meer.« Máedocs Worte versetzten mir einen Stich.
»Woher weiß Otis, wie man einen Norn beschwört?«, fragte ich.
»Es ist allgemein bekannt«, antwortete Máedoc. »Du malst ihr Zeichen mit Kohle oder Kreide auf den Boden und sprichst drei Mal ihren Namen. Anders als bei der Runenmathematik hat ein Fehler keine schlimmen Folgen. Ein falsch aufgemaltes Zeichen führt allenfalls dazu, dass der Norn nicht erscheint. Sobald er da ist, kannst du es dir noch anders überlegen. Einmal ausgesprochen, was du von ihm verlangst, ist der Pakt besiegelt. Voraussetzung ist allerdings, dass du jemand bist, der etwas zu verlieren hat. Ein mächtiger Enerphag wird sich nicht mit jemandem abgeben, der nicht mehr als sein Leben zu bieten hat. Besitzt du Reichtum und gibt es Menschen, die du liebst, sieht das schon ganz anders aus.« Máedoc wandte sich um und schickte sich an, den Hafen zu verlassen. Ich warf Otis, der soeben einen tiefen Schluck aus seiner Flasche nahm, einen letzten Blick zu, und folgte dem Druiden zwischen die Häuser des Fischerdorfes. Máedoc ignorierte die Blicke der Dorfbewohner, die ihm auswichen, wenn er näherkam, und ihm folgten, sobald er vorüber war.
»Bevor ich zum dritten und letzten Element komme, lass uns deine Mutter besuchen«, sagte der Druide. »Sie wird wissen wollen, wie es dir geht.«
Rauch stieg aus dem Schornstein der Hütte meiner Eltern. Ich rannte darauf zu und klopfte an die Tür. Meine Mutter öffnete und hieß mich mit einer Umarmung willkommen. Sie roch nach frisch gebackenem Brot. Während ich an ihr vorbei das Hütteninnere betrat, wandte Laya sich an Máedoc.
»Hat er gegessen?«, fragte sie besorgt.
»Nein«, sagte Máedoc und klang belustigt, »aber es sieht ganz danach aus, als würde er jetzt ein ausgiebiges Frühstück nicht ablehnen.« Er nickte zu mir, der ich Posten vorm Herd bezogen hatte.
Meine Mutter deckte den Tisch und ich aß, als wollte ich die ausgelassenen Mahlzeiten der vergangenen Tage wettmachen. Währenddessen berichtete ich von der Frau oben beim Steinkreis und den Tieren, die sich von mir hatten streicheln lassen.
»Also hat er deinen Test bestanden«, schlussfolgerte meine Mutter und sah zu Máedoc.
Der Druide nickte. »Er wird in der nächsten Zeit bei mir bleiben. Keine Sorge, Laya«, fügte er hinzu, als er ihren bekümmerten Gesichtsausdruck bemerkte. »Er kann dich immer besuchen und jede Nacht von Healthhain auf Last bei dir verbringen. Es gibt Vieles, das ich ihm beibringen muss, und dafür brauch ich ihn in meiner Nähe.« Laya nickte und sah zu mir. Ihre Augen glitzerten im Feuerschein des Ofens.
»Ich bin sehr stolz auf dich, mein Kleiner«, sagte sie und strich mir eine meiner Locken hinter die Ohren. »Du siehst deinem Vater mit jedem Tag ähnlicher.« Ihre Worte stimmten mich glücklich und traurig zugleich.
Nach dem Essen verabschiedeten wir uns von meiner Mutter und machten uns auf den Weg zurück zu Máedocs Hütte. Die Vorstellung, eine weitere Nacht im Kokon in Máedocs Eiche zu verbringen, bereitete mir Sorgen. Ich rief mir in Erinnerung, dass morgen schon Healthhain war.
»Das dritte kosmische Element«, setzte Máedoc an, sobald wir das Dorf verlassen hatten, »ist die materielle Welt. Materie ist die Substanz, aus der alles gemacht ist: Wiesen und Bäume, Berge und Meere, Menschen und Tiere. Auch sie birgt Magie. Oft ist sie so alltäglich, dass wir sie nicht mehr als solche wahrnehmen. Der Sonnenaufgang zum Beispiel. Das Nordlicht. Das Leben in seiner Vielfältigkeit. Sieh aufmerksam hin, Norin. Wie viele wundersame Geschöpfe hat die Natur hervorgebracht? Solche, die fliegen oder unter Wasser leben. Manche groß und ungestalt wie die Baumriesen, andere klein und filigran wie ein Schmetterling.« Er hielt die Hand auf, und wie auf Zuruf kam ein Tagpfauenauge herbeigeflogen und ließ sich auf der Handfläche nieder.
»Sind Baumriesen echt?«, fragte ich. Ich hatte noch nie einen gesehen und war mir nicht sicher, ob sie nicht bloß ein Märchen waren wie Nome oder Trolle.
»So echt wie die Bergriesen«, sagte Máedoc, während wir wieder in den Fichtenwald eintraten. Er deutete auf die Stämme, die uns umgaben, und sagte: »Jeder Baum hat das Potential, zu einem Baumriesen zu werden. Viele sind noch zu jung für die Transformation. Manche ziehen das ruhige Leben, das sie jetzt führen, vor. Wieder andere haben schon ein Leben als Baumriese hinter sich. Im hohen Alter schlagen sie wieder Wurzeln, musst du wissen.« Staunend betrachtete ich die Bäume ringsum. Der Gedanke, dass sie denken konnten – auch die Eiche in Máedocs Hütte – hatte etwas ungemein Beruhigendes. »Es gibt aber auch jene Sorte von Magie, die verborgen ist«, fuhr Máedoc fort. »Sie lässt sich nur dann entfesseln, wenn man die Dinge richtig verarbeitet, zum Beispiel in einem Kessel. Genau damit befasst sich die Alchemie. Sie lehrt, wie man sich die Magie der materiellen Welt zunutze macht. Wir Druiden haben uns ihr verschrieben, Norin. Sie ist die einzige Form der Magie, die keine Opfer fordert. Bedienst du dich der Runenmathematik, endest du als Iduns Werkzeug. Gehst du einen Pakt mit einem Enerphagen ein, verkaufst du dich an sie. Es ist eine Sünde, sich dieser Elemente zu bedienen.« Ein Schatten lag über Máedocs Gesicht, als er sich zu mir umwandte und mich eindringlich ansah. »Es sind die ersten beiden Gebote der Druiden: Bediene dich niemals der Synaígie. Schließe niemals einen Pakt mit einem Enerphagen. Verstößt du gegen eines unserer Gebote, Norin, werde ich dich aus dem Kreis der Druiden verbannen. Du wirst niemals wieder mein Lehrling oder der eines anderen Druiden sein können, geschweige denn eines Tages selbst zu unsereins gehören. Hast du verstanden?« Der Ausdruck in seinem Gesicht war so ernst geworden, als hätte ich mich bereits gegen den Kodex der Druiden versündigt. Allein der Gedanke schien eine Wut in ihm zu entfachen, die nur darauf wartete, entfesselt zu werden. Ich schluckte schwer und nickte. Niemals würde ich dem Druiden Anlass geben, von mir enttäuscht zu sein.
Máedocs Lehre begann ebenso faszinierend wie anspruchsvoll. Oft streiften wir durch den Wald, wo der Druide mich die Namen von Pilzen und Kräutern lehrte. Er machte mich auf die Düfte von Blüten und Blättern aufmerksam und riet mir, sie mir gut einzuprägen. Häufig verströmten Tränke solche oder ähnliche Gerüche, die einen Hinweis darauf gaben, ob man auf dem richtigen Weg war. Er lehrte mich, welche Pflanzen heilen konnten, welche giftig waren und welche Zutaten man aus ihnen gewinnen konnte. Ich füllte das Loch, das mein Vater hinterlassen hatte, mit Wissen. Solange mein Kopf beschäftigt war, war dort kein Platz für Trübsal. Es war sicher nicht die beste Art, mit dem Verlust umzugehen. Aber vorerst funktionierte es. Voller gespannter Erwartung, die verborgene Magie aller Dinge kennenzulernen, stürzte ich mich auf alles, was der Druide mir auftrug. Doch der Tag, an dem ich zum ersten Mal einen Trank brauen würde, lag noch in weiter Ferne, so schien es. Ich müsse zunächst einmal die Grundlagen erlernen, erklärte Máedoc am ersten Tag meiner Ausbildung. Dazu gehörte zu meiner Überraschung auch, dass ich lesen und schreiben lernte. Die Normaren gaben ihr Wissen traditionsgemäß mündlich von Generation zu Generation weiter. Doch gab es auch Alchemisten aus anderen Kulturen, wie ich schnell begriff, die ganze Bücher mit ihren Erkenntnissen füllten.
»Wenn du über den Horizont hinaussegeln willst, junger Norin, solltest du unsere Traditionen als Leitfaden erachten, nicht als ein Gesetz«, sagte Máedoc einmal zu mir. »Auch in anderen Teilen der Welt gibt es Alchemisten. Ihre Lehren sind wertvoll, solange sie keines der verbotenen Elemente einbeziehen. Wenn sie sie schriftlich festhalten, so spricht nichts dagegen, dass wir davon profitieren.« Während der ersten Monate verbrachten wir viele Stunden mit Birkenrinden und Schreibrohren. Máedoc lehrte mich sowohl die guntrischen Buchstaben als auch die Runen. Viele alte Texte waren in Runenschrift verfasst und wenngleich die Runenmathematik ein Sakrileg war, so galt ihr Skript als unantastbar.
Obgleich ich selbst nie vorm Kessel stand, so ließ Máedoc mich zumindest dabei zusehen, wann immer er einen Trank braute.
»Der Kessel ist das Herzstück der Alchemie«, erklärte er, während er darin rührte. »Er ist ein Kunstwerk, das nie endet, und genau wie bei einem Gemälde, bei dem jeder Pinselstrich sitzen muss, muss jede Zutat die richtige sein. Mit dem ersten Trank, den du zubereitest, leerst du deinen Kessel nie mehr aus. Du füllst die Menge ab, die du brauchst, und wenn du wieder etwas brauen willst, machst du da weiter, wo du aufgehört hast. Jeder Trank, den du zubereitest, hat Einfluss auf deine nächsten. Je nachdem, welcher dein letzter war und welcher dein nächster sein soll, ist es mehr oder weniger kompliziert, ihn anzurühren. Du kannst nur schwer aus echtem Laudanum ein Gift machen. Aber einen Trank, der dich von einer Krankheit heilt, in einen zu konvertieren, der dich hellwach macht, ist kein Kunststück.«
Als der Winter kam, und mein Schlafplatz in Máedocs Eiche zunehmend kälter wurde, brachte der Druide mir bei, die Wärme in meinem Inneren zu nutzen.
»Solange wir ausreichend Nahrung zu uns nehmen, haben wir genug Energie, um der Kälte die Stirn zu bieten«, sagte er, während er in seinem Kessel rührte. »Doch unser Körper kann nicht damit haushalten. Tiere tun es intuitiv, doch der Mensch hat auf der Suche nach vollkommenem Bewusstsein diesen Pfad verlassen. Er ist nicht mehr fähig, seinen Körperhaushalt intuitiv zu führen.« Er schöpfte eine Kelle seines Trankes ab und schnupperte daran. Dann füllte er ihn in ein Glasfläschchen und reichte ihn mir. »Das ist grian, ein bewusstseinserweiternder Trank«, fuhr er fort. Sein Inhalt glomm tieforange wie erstarrende Eisenschmelze. Weißer, schwerer Dampf stieg von ihm auf und schwappte über den Rand des Glases. Ich sah zu Máedoc, der mir auffordernd zunickte, und trank den Inhalt in einem Zug. Er war warm und schmeckte wie Holunderblütentee. »Bewusstseinserweiternde Tränke sind keine Drogen. Im Gegenteil: Je mehr du davon zu dir nimmst, desto weniger wirst du von ihnen abhängig, bis du sie irgendwann nicht mehr brauchst. Sie wecken Fähigkeiten, derer du dir bislang nicht bewusst warst.«
Zunächst spürte ich gar nichts. Und dann, ganz allmählich, bemerkte ich die Sonne, die in meiner Mitte schien. Ihre Wärme war hell und stark; so stark sogar, dass mein Körper sie abführen musste. Doch anstatt sie über das Blut in meine Gliedmaßen zu transportieren, gab er sie auf direktem Wege an die Umgebung ab. Es war erstaunlich einfach, den Wärmefluss umzulenken. Wenige Minuten später glühten meine Hände regelrecht. Nun verstand ich, wie Máedoc auch bei niedrigen Temperaturen mit nichts weiter als Hose und Mantel bekleidet draußen umherlief, ohne zu frieren.
Wenn ich nicht gerade Buchstaben auf Birkenrinde schrieb, mich im Lesen übte oder Máedoc mir eine Lektion in Sachen Alchemie erteilte, ließ er mich Holz hacken, den Garten hinter seinem Haus bewirten oder Botengänge erledigen. Die meist körperlich anstrengende Arbeit machte meinen Kopf frei. Anschließend stürzte ich mich umso begeisterter auf mehr Texte oder in Máedocs nächste Lektion – oder aber auf mein Lager und in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Ich lernte schnell. Viel schneller, als Máedoc ahnte. Schon nach wenigen Monaten las ich beinahe fließend. Ich verschlang jeden Text, den ich in die Finger bekam. Der Druide besaß eine ganze Sammlung von Gedichten und Kurzgeschichten, die er schon meinen Vorgängern zu geben gepflegt hatte. Viel interessanter aber waren die Bücher, die er in einer Kiste neben seiner Schlafnische aufbewahrte. Máedoc hatte mir nie ausdrücklich verboten, darin zu lesen, und ich hatte auch nicht vor, ihn zu fragen. Er wurde nicht müde, zu erwähnen, dass Alchemie Kunst war. Man könne sie nicht aus Büchern lernen, die lediglich eine hilfreiche Ergänzung seien. Jedoch fiel mir auf, dass ich den alten Druiden nie mit einem Buch sah. Gewiss hätte er versucht, mir das Lesen auszureden, hätte er gewusst, wie gern ich es tat.
Fast immer, wenn Máedoc seine Hütte ohne mich verließ, um den Pflichten als Wächter des Waldes nachzukommen, beendete ich die von ihm aufgetragenen Aufgaben lange, bevor er zurückkehrte. Dann nahm ich eines der Bücher heraus und las. Es waren Übersetzungen alchemistischer Abhandlungen. Ich hatte eine Rezeptsammlung erwartet, doch nach allem, was Máedoc mir über die Alchemie erzählt hatte, machte es Sinn, dass man Tränke nicht nach Anleitung brauen konnte. Jeder Kessel war einzigartig. Und doch gab es gewisse Finessen.
Ich lernte, dass man als Grundlage für den ersten Trank eines jeden Kessels frisches Quellwasser oder mit dem Sekret einer Quellenfee versetztes Regenwasser verwendete. Bis dahin hatte ich nicht geglaubt, dass Wesen wie Quellenfeen überhaupt existierten. Ich las, wie man einfache Tränke braut und wie man einen Trank in einen anderen umwandelt. Oft sind mehrere Umwandlungen nötig, und ich begriff, dass zum Brauen von Tränken gut durchdachte Planung vonnöten ist. Manchmal ist einer der Tränke, die man auf dem Weg zu seinem Ziel durchläuft, eine Zutat, die man zu einem späteren Zeitpunkt benötigt. Später beobachtete ich genau Máedocs Handgriffe, während er am Kessel arbeitete. Ich entwickelte ein Gefühl für die Alchemie, ohne auch nur einmal einen Trank gebraut zu haben.
Eines Tages, kurz nach der Wintersonnenwende und etwa ein halbes Jahr, nachdem meine Lehre bei Máedoc begonnen hatte, brach klirrende Kälte über die Küste der Einsamkeit herein. Es schneite ohne Unterbrechung. Die Äste der Fichten bogen sich unter den Schneemassen durch, und tat man auch nur einen Schritt vor die Tür, so stand man knietief im Schnee. Das hielt Máedoc jedoch nicht davon ab, seine Pflichten zu erfüllen. Auch an diesem Tag war er wieder allein draußen unterwegs. Die Temperaturen mussten weit unter dem Gefrierpunkt liegen, und egal wie viele Holzscheite ich nachlegte, das Feuer im Kamin vermochte die Kälte nicht aus der Hütte zu vertreiben. Zwar verabreichte Máedoc mir regelmäßig grian, doch noch schien ich weit davon entfernt zu sein, meine innere Sonne ohne fremde Hilfe zu kontrollieren.
Ich stellte mich vor den Kamin und drehte mich wie ein Braten am Spieß, den es von allen Seiten zu rösten galt. So ließ sich die Kälte einigermaßen ertragen. Dabei kam ich nicht umhin, immer wieder einen Blick in den Kessel zu werfen, dessen blassgrüner Inhalt über dem Feuer brodelte. Die Flammen konnten dem Trank weder schaden, noch verdunstete er, so viel hatte ich begriffen. Er befand sich im Ruhezustand und konnte erst dann wieder verändert werden, wenn man das Feuer mit dem richtigen Pulver fütterte. Wenn ich mich nicht sehr irrte, waren nur wenige Handgriffe nötig, um ihn in grian zu verwandeln. Genauso leicht ließe er sich in seinen jetzigen Zustand zurückführen. Ich zögerte. Würde Máedoc es merken? Er hatte grian schon unzählige Male hergestellt. Ein weiteres Mal würde am Gesamtbild des Kessels nicht viel verändern. Alles was ich brauchte, war eine Prise pulverisierter Vulkanwurz – davon hatte Máedoc ein ganzes Glas –, ein oder zwei getrocknete Lorbeerblätter, die zu dutzenden von der Decke hingen, und einen Schuss Honigwein. Ich ging zur Tür, öffnete sie einen Spalt breit und spähte hinaus. Ein eisiger Luftzug schnitt mir im Vorbeiwehen ins Gesicht und ließ meine Zähne klappern. Ich sah ohnehin nur weißes Schneegestöber, also schloss ich die Tür wieder. Máedoc war noch nicht lange fort, und für gewöhnlich dauerte es mehrere Stunden, bis er zurückkehrte. Kurzentschlossen holte ich das Glas mit der pulverisierten Vulkanwurz aus dem Regal, nahm eine Prise und streute sie in die Flammen. Sie fauchten wütend, geradezu als wüssten sie, dass ich etwas Verbotenes tat, und züngelten wie die Tentakel eines Seeungeheuers am Rumpf eines Schiffes am Kessel empor. Ich stellte das Glas zurück und nahm den Honigwein vom Tisch, zog den Korken heraus, schnupperte und verzog das Gesicht. Ich gab einen Schuss in den Kessel, woraufhin sein Inhalt schlagartig aufhörte zu sieden. Dann schob ich einen Hocker vor den Kamin, nahm den Rührstab vom Haken und rührte mehrmals im Uhrzeigersinn. Allmählich fing die blassgrüne Flüssigkeit wieder an zu sieden. Wenn ich mich nicht irrte, würde sie gleich eine honiggelbe Farbe annehmen.
Stattdessen wurde sie trüb. In der Mitte des Wirbels, den mein Rühren erzeugte, entstand eine milchige Färbung, die sich allmählich ausbreitete und die bis dahin klare Flüssigkeit weiß färbte. Ich verspürte einen Kloß im Hals und versuchte, Ruhe zu bewahren. Vielleicht, wenn ich ein bisschen weiterrührte …
Als nächstes fing der Trank an zu dampfen. In seinem Zentrum wuchs eine weiße Nebelsäule heran. Ich nahm den Rührstab heraus, stieg vom Hocker und wich zurück. Mit vor Entsetzen weit geöffneten Augen beobachtete ich, wie die Nebelsäule bis unter die Hüttendecke stieg. Was hatte ich getan? Máedoc würde mich verbannen. Ich war so vermessen gewesen, so arrogant, dass ich glaubte, die Alchemie aus Büchern zu beherrschen. Nun hatte ich das Kunstwerk meines Lehrmeisters verdorben.
Die Nebensäule verharrte eine Zeit lang wabernd. Dann begann sie, an der Spitze auseinanderzugehen wie ein Springbrunnen. In meinem von Panik vernebelten Verstand regte sich eine Erinnerung. Etwas, das ich in Máedocs Büchern gelesen hatte. Aber ja! Dieses Phänomen trat typischerweise auf, wenn man einen Trank im Ruhezustand zu schnell und nur kreisförmig rührte. Die Komponenten vermischten sich nicht richtig. Stattdessen wanderten die Schweren zur Kesselwand, die Leichten in die Mitte, wo sie sich verbanden und zu jener springbrunnenartigen Rauchsäule verdampften. Wintergras und eine Prise gemahlenen Eisenerzes im Feuer konnten aushelfen.
Ich kletterte über einen Stuhl auf die Tische. Darauf bedacht, keines der Instrumente umzustoßen, reckte ich mich und pflückte ein paar Wintergrashalme, die dort zum Trocknen hingen. Dann kletterte ich vom Tisch, nahm ein Glas mit gemahlenem Eisenerzpulver aus dem Regal und eilte zum Kessel. Ich warf das Wintergras hinein und gab den Flammen eine Prise des Pulvers. Mit klopfendem Herzen wartete ich.
Langsam schrumpfte die Dampfsäule in sich zusammen. Ich stellte mich wieder auf den Hocker und rührte erneut – dieses Mal langsam und mehrmals durch die Mitte. Stumm flehte ich, dass der Trank nun jene honiggelbe Farbe annähme. Und dann passierte es: Die milchige Verfärbung verblasste. Der Trank wurde klar und sah schließlich aus wie Apfelwein. In triumphaler Geste stieß ich die Fäuste in die Luft. Mein Herz hämmerte immer noch, nun aber hoffnungsvoll. Wieder kletterte ich auf den Tisch, pflückte zwei getrocknete Lorbeerblätter und kehrte zum Kessel zurück. Ich zerbröselte sie darüber, nahm den Rührstab zur Hand und rührte. Einmal im Uhrzeigersinn, einmal durch die Mitte. Nach kurzer Zeit nahm der Trank die für grian typische Farbe erstarrender Schmelze an. Mit zitternden Händen hängte ich den Rührstab wieder an die Wand, nahm die Kelle zur Hand und füllte ein Fläschchen mit dem Trank. Wie Máedoc es mich gelehrt hatte, überprüfte ich Farbe und Geruch. Alles schien zu stimmen. Ich atmete tief ein und wieder aus und trank die Flüssigkeit. Anschließend wartete ich, während ich in mich hineinlauschte. Normalerweise stellte sich die Wirkung des Trankes erst nach wenigen Augenblicken ein. Nun aber schienen die Sekunden zäh wie Baumharz dahinzufließen. Wenn ich einen Fehler gemacht hatte, hatte der Trank bestenfalls keine Wirkung. Schlimmstenfalls würde er mich umbringen.
Und dann spürte ich sie: meine innere Sonne! Ein Lächeln legte sich auf meine Lippen, während ich kurz die Augen schloss und die Wärme in meine Hände und Füße strömen ließ. Ich hatte mich nicht geirrt! Nun galt es, den Trank in den Ruhezustand zurückzuführen. Dazu brauchte ich lediglich etwas frisches Quellwasser, Fichtensamen und Sonnensalz für das Feuer. Die Fichtensamen mengte ich zuerst dem Trank bei, rührte ein paar Male gegen den Uhrzeigersinn und gab anschließend einen Schuss Quellwasser hinzu. Nun war es wichtig, nicht mehr zu rühren. Ich zählte stumm bis hundert und streute schließlich eine Prise Sonnensalz ins Feuer. Die Flammen nahmen ihre normale Farbe an, und als ich mich auf den Hocker stellte, sah ich, dass auch der Trank wieder blassgrün geworden war. Inzwischen hatte mein Herzschlag sich beruhigt. Ich stieg vom Hocker und schob ihn an seinen angestammten Platz, wischte den Rührstab sauber und füllte eine Wanne mit Schnee. Während der Schnee schmolz, stellte ich alle Gläser und Flaschen, die ich den Regalen entnommen hatte, an ihren Platz zurück. Anschließend wusch ich den Rührstab mit dem Schneewasser und leerte die Wanne aus dem Fenster. Nichts deutete noch daraufhin, dass ich mich an Máedocs Kessel vergriffen hatte.
Als der Druide zurückkehrte, hockte ich neben dem Kamin und las eine Kurzgeschichte aus seiner Sammlung. Natürlich war mir nicht kalt, doch wollte ich, dass Máedoc keinen Verdacht schöpfte.
»Wie ist es dir ergangen, Norin?«, fragte er, hängte den Bärenpelzmantel an die Wand und trat vor den Kamin.
»Gut«, sagte ich mit nicht ganz so fester Stimme wie gewollt. Máedoc runzelte die Stirn, die Augen in den Kessel gerichtet. Er nahm den Rührstab vom Haken und fing an, darin zu rühren. Mit klopfendem Herzen wartete ich. Dann sah er zu mir und sagte: »Lass uns das Abendessen zubereiten. Geh und hol noch ein paar Holzscheite.« Er deutete auf den Vorratsstapel, der sich dem Ende neigte. Ich nickte erleichtert und lief zur Tür hinaus. Máedoc hatte nichts bemerkt, aber das Risiko war es definitiv nicht wert gewesen. Ich schwor mir, nie wieder heimlich den Kessel zu benutzen. Ich bemerkte erst, dass ich vergessen hatte, mir eine Jacke überzuziehen, als ich mit einem Stapel Holzscheite auf den Armen in die Hütte zurückkehrte.
»Lass mich deine Hände fühlen, Norin«, sagte Máedoc. Das Herz sank mir in die Hose. Ich legte die Holzscheite auf dem Boden ab und streckte widerwillig die Hände aus, die trotz der klirrenden Kälte draußen glühend warm waren. Máedoc umfasste sie und sah mir ins Gesicht. Ich konnte förmlich hinter seine Stirn blicken, während er eins und eins zusammenzählte. Würde er mir verzeihen können, was ich getan hatte?
Die Mundwinkel des Druiden zuckten, und ein Lächeln legte sich über seine Lippen. »Du hast es also geschafft«, sagte er. Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte, und schwieg. »Du hast die Kontrolle über deine innere Sonne ohne grian erlangt. Glückwunsch, Norin. Nur wenigen gelingt dies nach so kurzer Zeit.« Ich schluckte schwer und meinem schlechten Gewissen zum Trotz versuchte ich mich an einem Lächeln. »Von nun an wird es nicht mehr nötig sein, dass ich dir diesen Trank zubereite. Schaffst du es einmal, schaffst du es wieder. Ich bin stolz auf dich.« Das Herz wurde mir schwer. Wenn er mich je wieder frieren sah, wüsste er, dass ich meine innere Sonne in Wahrheit nicht kontrollierte.
Während der folgenden Monate nutzte ich die Zeitfenster, in denen mein Lehrmeister seinen Pflichten als Wächter des Waldes nachging, um grian zu brauen. Damit der Kesselpegel nicht auffällig sank, füllte ich nie mehr als drei Fläschchen ab. Aus Angst, mein Vorrat könne aufgebraucht sein, wenn ich Máedoc das nächste Mal auf einen seiner Ausflüge begleitete, nahm ich den Trank nur zu mir, wenn sich sonst nicht verbergen ließe, dass ich fror.
Von Rund zu Rund wurde es schwerer, Máedocs Trank in grian und wieder zurück zu verwandeln. Wann immer der Druide seinen Kessel benutzt hatte, stand ich vor einer neuen Herausforderung. Auch wenn er sich im Ruhezustand befand, so musste ich doch berücksichtigen, welche Tränke davor gebraut worden waren. Aufmerksamer denn je verfolgte ich jeden Handgriff des Druiden. Die ständige Angst, erwischt zu werden, begleitete mich überallhin wie ein Folklore, der sich an meinen Rücken klammerte. Die Sorge ließ mich viele Nächte lang schlecht schlafen. An manchen Morgen, nachdem ich stundenlang mit offenen Augen dagelegen hatte, überlegte ich, zu Máedoc zu gehen und ihm zu gestehen.
Dann, eines Tages, als der Wind den Duft des nahenden Frühlings herbeitrug, änderte sich die Lage. Wieder einmal ließ Máedoc mich allein. Während ich hinter der Hütte Holz hackte, wie er es mir aufgetragen hatte, ging ich im Kopf bereits die Schritte durch, die nötig waren, um grian herzustellen. Da spürte ich meine innere Sonne, ganz ohne, dass ich den Trank zu mir genommen hatte. An diesem Tag, mehrere Monate, nachdem Máedoc fälschlicherweise angenommen hatte, dass ich grian nicht mehr brauchte, erlangte ich zum ersten Mal ohne fremde Hilfe die Kontrolle über sie. Ich hielt in meiner Arbeit inne. Von einer Sekunde zur anderen war die Angst fort. Monatelang hatte ich ihr Gewicht mit mir herumgetragen. Sie war so alltäglich geworden, dass ich jetzt, da sie mir vom Rücken gerutscht war, das Gefühl hatte zu schweben. Ich hatte es geschafft! Máedoc hatte nichts bemerkt, und ich konnte meine Lehre ganz normal fortsetzen. Ich atmete aus, wandte das Gesicht mit geschlossenen Augen der Sonne zu und genoss ihre Wärme. Mit einem Lächeln auf den Lippen und dreimal so kräftig wie zuvor setzte ich meine Arbeit fort.
Während des folgenden Monats fand ich etwas über mich heraus, das mich selbst überraschte. Ich langweilte mich. Die ständige Angst, Máedoc könne mich erwischen, war nicht nur eine Belastung gewesen, sondern auch eine Herausforderung. Máedocs Lektionen waren interessant, aber nicht genug, um meinen Wissensdurst zu stillen. Warum erlaubte er mir nicht, Tränke zu brauen? Warum ließ er mich so oft allein in seiner Hütte zurück, wo die Stunden ungenutzt verstrichen? Mehrmals, während ich ihn dabei beobachtete, wie er einen Trank braute, bemerkte ich, dass er Fehler machte. Keine schlimmen Fehler, doch machten sie seine Tränke weniger wirkungsvoll und verschlechterten das Gesamtbild des Kessels. Ich sprach ihn nie darauf an. Welcher Erwachsene würde sich schon von einem siebenjährigen Jungen belehren lassen? Doch der Mythos der Weisheit, der Máedoc umgeben hatte, verblasste. Es juckte mir in den Fingern, einen eigenen Kessel zu beginnen. Eines Tages konnte ich mir nicht verkneifen, etwas zu sagen.
Máedoc arbeitete konzentriert an seinem Kessel. Es handelte sich wohl um einen komplizierten Trank; jedenfalls kompliziert genug, dass er gar nicht erst versuchte, mich einzubeziehen. Ich hielt mich im Hintergrund auf wie ein Schatten. Es dauerte nicht lange, bis ich wusste, woran er sich versuchte: an einem Wärmedünger, der es Pflanzen ermöglichte, auch bei Frost zu gedeihen. Allerdings nahm der Kesselinhalt nicht die sonnengelbe Farbe an, die in Máedocs Büchern beschrieben wurde, und auch der Geruch ähnelte weniger Gold-Lauch als Lavendel. Statt in Sonnenlicht gereiftem Quellwasser hatte Máedoc geschmolzenen Schnee verwendet, was durchaus vertretbar war, wenn man eine Prise Zahnmehl einer giftigen Gelbnatter ins Feuer streute. Auch das hatte Máedoc getan, und dennoch nahm der Kessel nicht den gewünschten Zustand an. Mir brannte auf der Zunge, von dem zu berichten, was ich in einem abgelegenen Winkel von einem seiner Bücher gelesen hatte. Vor etwa drei Runden hatte Máedoc einen Schlaftrunk angerührt und dazu in Mondlicht gereifte Mohnblumenmilch verwendet. Nun machte es aber einen Unterschied, ob man die Mohnblumenmilch in einem Winter- oder einem Sommermond reifen ließ, wie ein Alchemist namens Ivain der Hexer durch eine langjährige Versuchsreihe festgestellt hatte. Dies hatte keinen Einfluss auf den Schlaftrunk gehabt, weshalb Máedoc – sofern er überhaupt von Ivains Forschungsergebnissen wusste – die Versuche des Hexers vermutlich als unbedeutend abgetan hatte. Ich jedoch erinnerte mich an das Gesetz einer anderen Alchemistin: Das Gesetz der Erhaltung wirksamer Substanzen von Nurien, der Gelehrten. Dieses Gesetz besagt, dass eine wirksame Substanz, die keinen Einfluss auf den Trank nimmt, im Kessel verbleibt, bis ein Trank gebraut wird, mit dem sie sich verbinden kann. Mit anderen Worten: Das Wintermondlicht nahm nun Einfluss auf Máedocs Dünger und machte ihn unbrauchbar. Dieser Einfluss konnte neutralisiert werden, wenn man das Zahnmehl der giftigen Gelbnatter mit dem Glühstaub eines Irrlichtes vermischte, bevor man es ins Feuer streute. Vorsichtig schlug ich Máedoc vor, genau dies zu tun.
Der Druide schüttelte den Kopf. »Wie kommst du nur auf solche Ideen, Norin?«, murmelte er, die Stirn in konzentrierte Falten gelegt. »In der Alchemie ist nichts dem Zufall überlassen. Man kann nicht einfach willkürlich irgendwelche Dinge ausprobieren.« Ich war versucht, ihm zu gestehen, dass ich in seinen Büchern gelesen hatte. Der Druide seufzte. »Im letzten Jahr hat es funktioniert, aber ich werde es wohl gut sein lassen müssen.«
Als Máedoc mich das nächste Mal allein ließ, stellte ich den Dünger her, an dem er gescheitert war. Die vielen Monate, während derer ich grian aus den unmöglichsten Ausgangslagen des Kessels hatte brauen müssen, hatten mir das nötige Selbstvertrauen im Umgang mit der Alchemie verliehen. Anschließend führte ich den Kessel in den Ruhezustand zurück und träufelte den Dünger über das Beet hinterm Haus. Falls Máedoc überhaupt auf den Gedanken käme, ich könnte dahinterstecken, würde ich behaupten, dass der Dünger vom letzten Jahr noch wirken musste. Die Erkenntnis, dass Máedoc nicht unfehlbar war, gab mir den Mut zu lügen. Ich schätzte ihn und seine Lehre. Doch ich erkannte bald, worin er sich von den Autoren seiner Bücher, die zu meinen heimlichen Lehrmeistern geworden waren, unterschied. Für ihn war die Alchemie eine Kunst, keine Wissenschaft, und bis zu einem gewissen Maße gab ich ihm Recht. Mit dem, was es zu forschen gab, könnte man vermutlich ganze Bibliotheken füllen. Die schiere Menge an Möglichkeiten machte es ausgeschlossen, die Alchemie systematisch zu erlernen. Und doch konnte es hilfreich sein, sein künstlerisches Verständnis für diese Disziplin mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu ergänzen.
An Beltane, etwa ein Jahr, nachdem meine Lehre begonnen hatte, führte Máedoc mich zu einem weiteren im Wald verborgenen Steinkreis. Die Sonne malte goldene Flecken auf den moosbedeckten Waldboden und versprach, dass es ein warmer Tag werden würde. Vogelgezwitscher und das Trommeln eines Spechts begleiteten uns. Der Morgennebel hatte sich verzogen und der Geruch nach würzigen Tannennadeln hing in der Luft.
»Dieser Steinkreis ist kein synaígischer Ort«, erklärte der Druide und berührte einen der drei Feldsteine mit seinem Stab. »Er wurde von unseren Ahnen errichtet. Siehst du die Knotenmuster?« Auf jeder dem Zentrum zugewandten Fläche der Feldsteine war mit schwarzer Farbe ein normarisches Knotenmuster abgebildet. Jedes war mit einem anderen Symbol kombiniert worden: einer Bärentatze, zwei ausgebreiteten Schwingen und einem heulenden Wolfskopf. »Du hast bereits am eigenen Leib erfahren, dass wir Talente in uns tragen, derer wir uns nur bewusst werden müssen. Magische Orte wie dieser Steinkreis bergen weitere Talente, die wir in uns aufnehmen können. Wähle ein Tier, das dein Begleiter werden soll. Lege deine Hand auf die Tatze, wenn es der Bär sein soll, auf die Schwingen für die Krähe oder auf den Wolf. Die Tiere sind unsere Freunde, Norin.«
»Warum töten und essen wir sie dann?«, fragte ich und musterte der Reihe nach die Knotenmuster.
»Indem wir die Tiere essen«, erklärte Máedoc, »leben sie in uns weiter. Wir nehmen alles in uns auf, das sie je erfahren haben. Das Leben endet nicht ohne Grund, junger Norin. Um zu wachsen, müssen wir leiden. Doch das Leid hinterlässt Narben, macht uns älter. Der Tod am Ende eines langen Lebens ist eine Erlösung. Er befreit uns von all den Narben, die uns das Leben zugefügt hat. Unser Herz hört auf zu schlagen, ja, aber wir verschwinden nicht einfach. Pflanzen und Würmer ernähren sich von unserem Leib, nehmen uns in sich auf. Tiere fressen die Pflanzen, andere Tiere fressen jene, die uns in sich aufgenommen haben. Bald sind wir ein Teil von allem und unser Leid verliert sich in endloser Weite.«
Ich trat ins Innere des Steinkreises und fühlte mich schlagartig leichter. Ein Kraftstrom schien hier dem Boden zu entspringen und der Schwerkraft entgegenzuwirken. Der Wald wurde dunkel. Die Bäume und Máedoc waren nur noch als schwarze Schemen zu erkennen. Die Feldsteine hingegen schienen nun direkt vom Sonnenlicht angestrahlt zu werden. Ich glaubte, ein Flüstern zu hören, als forme das Rascheln von Laub Worte im Wind. Ich drehte mich einmal um die eigene Achse. Bär, Krähe oder Wolf. Wer sollte mein Begleiter sein? Ich sah zu dem Feldstein mit der Bärentatze. Máedoc trug eine Tätowierung von genau diesem Symbol auf der linken Brust. Also hatte er sich für den Bären entschieden? Ich hätte ihn fragen sollen. Nun schien es unmöglich, auch nur ein Wort hervorzubringen. Die Kraft dieses Ortes erfüllte mich, hemmte mein Denken. Ich fühlte, dass ich den Steinkreis nicht verlassen konnte, ehe ich eine Entscheidung getroffen hatte. Ich atmete tief ein und tat einen Schritt auf den Bären zu. Das Flüstern schwoll an, der Wald wurde noch dunkler und der Stein erstrahlte so hell, als käme das Licht nun aus ihm selbst. Keines der drei Tiere war so stark wie der Bär. Ein Wolf könnte ihn allenfalls im Rudel schlagen. Die Krähe aber war zweifellos am schwächsten. Dafür konnte sie fliegen. Sie konnte Dinge sehen, die Wolf und Bär verborgen blieben. Konnte Botschaften und kleine Gegenstände überbringen und einen Gegner aus der Luft überraschen. Ich wandte mich um und blickte zum Feldstein der Krähe. Er war ebenfalls dunkler geworden, doch als ich näher trat wurde er so hell wie zuvor der des Bären. Das Flüstern veränderte sich. Ich ging weiter, bis ich direkt davorstand, und wusste, dass ich mich entschieden hatte. Ich streckte die Hand aus und legte die Handfläche auf das Knotenmuster.
Im selben Moment erwachten brennende Schmerzen wie tausend Nadelstiche auf meiner linken Brust. Ich öffnete den Mund zu einem Schrei, doch der Schmerz und die alles ausfüllende Kraft dieses Ortes erstickten den Laut und mein Bewusstsein.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einem Polster aus Moos nicht weit vom Steinkreis entfernt. Máedoc saß zwischen Farn und Schwefelporlingen auf einem umgestürzten Baumstamm. Dank seines pilzüberwucherten Mantels fügte er sich nahtlos in seine Umgebung. Ich richtete mich auf und zuckte zusammen, als Schmerz in meiner linken Brust aufflammte. War ich verwundet? Ich lüpfte mein Hemd und staunte nicht schlecht, als ich eine Tätowierung ähnlich der Máedocs auf meiner linken Brust entdeckte: ein normarisches Knotenmuster kombiniert mit dunklen Schwingen.
Der Ruf einer Krähe hallte durch den Wald – ein dreifaches Krächzen – und mir war, als hieße sie mich willkommen.
»Du hast dich für die Krähe entschieden«, sagte Máedoc feierlich und erhob sich von dem Baumstamm. »Steh auf, junger Norin.« Darauf bedacht, Arm und Schulter auf der linken Seite nicht zu belasten, erhob ich mich. »Du bist der Berufung eines Druiden soeben einen Schritt nähergekommen. Von nun wirst du alle drei Jahre zu Beltane die Kraft eines anderen Steinkreises kennenlernen. In genau neun Jahren, wenn du dein sechzehntes Lebensjahr vollendet haben wirst, legst du die Prüfung des Druiden ab: Du wirst mit nichts als einem Messer bewaffnet gegen einen ausgewachsenen Bären kämpfen. Nach dieser Prüfung wirst du ein Druide sein oder tot. Wenn unsere Ahnen dir die Kraft geben, den Bären zu besiegen, wirst du dir aus seinem Fell einen Mantel machen, der dich als einen der unsrigen ausweist.« Aus irgendeinem Grund beunruhigten mich diese Aussichten nicht. Vielleicht, weil der Tag der Prüfung noch in ferner Zukunft lag. Mit sechzehn Jahren wäre ich zu einem Mann herangewachsen. Ich hatte viel Zeit, um mich vorzubereiten, und ich vertraute Máedoc, dass er mir ein guter Lehrmeister sein würde. Gewiss würde er bis dahin weitere Talente in mir geweckt haben, und solange ich nicht ausgerechnet gegen Maturnus kämpfen müsste, sollte ich die Prüfung bestehen können.
»Du wirst bei der Prüfung keine Tränke verwenden dürfen«, sagte Máedoc, während wir durch den Wald zurück zu seiner Hütte gingen, »aber dein Begleiter – die Krähe – wird dir helfen.« Ich verzog das Gesicht, und Máedoc schmunzelte. »Ich weiß, was du jetzt denkst. Aber täusche dich nicht. Novizen, die sich für den Bären entscheiden, müssen die Prüfung ohne ihren Begleiter bestehen. Sie können nicht von ihm verlangen, dass er jemanden seinesgleichen tötet.«
»Ihr habt den Bären gewählt, nicht wahr?«, fragte ich mit Blick dorthin, wo die Tätowierung auf Máedocs Brust unter seinem Bärenpelzmantel verborgen lag. Der Druide nickte. »Was bedeutet es, einen Begleiter zu haben?«
»Das Tier, für das du dich entschieden hast, ist dein Verbündeter«, erklärte Máedoc. »Verwechsle es nie mit einem Diener! Ich werde dich lehren, mit ihm zu kommunizieren, aber sei dir im Klaren: Die Krähe wird dich immer nur so gut behandeln wie du sie. Doch genug der ernsten Themen. Heute ist Beltane. Geh zu deiner Mutter und hilf ihr, das Fest vorzubereiten. Und dann iss und trink und steck etwas in Brand, wie es die Tradition verlangt.«
Von diesem Tag an braute Máedoc mir regelmäßig feanna, einen Trank, der mir die Kontrolle über das Talent gab, das mir der Steinkreis verliehen hatte. Auch wenn ich nicht mit den Krähen kommunizieren konnte, so spürte ich doch ihre Anwesenheit; und sie die meine. Ihr Krächzen verstummte, wenn sich die Wirkung von feanna in mir entfaltete, und ich fühlte, wie sie aufmerksam mit den Köpfen ruckten.
Feanna war deutlich komplizierter herzustellen als grian, was mich aber nicht davon abhielt, es zu versuchen. Allerdings ließ ich mir Zeit. Wieder einmal beobachtete ich Máedoc genau. Sobald ich allein war, blätterte ich in seinen Büchern auf der Suche nach Artikeln über feanna. Zwei Monate später braute ich den Trank zum ersten Mal selbst.
Weitere drei Jahre meiner Lehre verstrichen, ohne dass Máedoc mir erlaubte, mich daran zu versuchen, Tränke zu brauen. An Beltane kam etwas in unser Dorf, das viele seiner Bewohner ihrer Lebtage nicht zu sehen bekommen hatten. Der Festtag fiel auf einen Last, was bedeutete, dass ich die Nacht in der Hütte meiner Mutter verbracht hatte. Mehrmals erwachte ich, weil ein heftiges Synaígiegewitter tobte. Am Morgen weckte mich mein aufgeregt pochendes Herz. Heute würden wir endlich zu jenem Steinkreis gehen, der mir das Talent verleihen würde, mit meinem Tierbegleiter zu kommunizieren. Als ich wenig später zu Máedocs Hütte aufbrach, sah ich es: vor unserer Küste ankerte ein Schiff. Es war eine Handelskogge, nichts Besonderes, doch ich für meinen Teil hatte noch nie ein größeres Schiff gesehen. Es hatte ein Rah- und ein Vorsegel, die beide eingeholt waren. Seitlich an seinem hölzernen Rumpf befanden sich drei kleine Schaufelräder, die dem Gefährt Ähnlichkeit mit einem sechsrädrigen Karren verliehen.
»Es ist ein Synaígieschiff aus Numium«, erklärte Morven, einer der Fischer, als ich ihn danach fragte. Er hatte eine finstere Miene aufgesetzt. »Siehst du die Schaufelräder? Sie werden mit synaígischer Energie angetrieben. So können sie fahren, auch wenn es windstill ist. Das Gewitter von gestern Nacht hat sie überrascht, und der Antrieb ist ihnen durchgebrannt.« Entgeistert blickte ich zu dem Schiff. Die Synaígie zu gebrauchen, war eine Sünde, doch die Besatzung des Schiffes machte keinen Hehl daraus, noch schien es Grund zur Sorge zu geben, sie könnten wie die Frau im Steinkreis enden. So wie Morven über die Technologie des Schiffes gesprochen hatte, schien die Synaígie nichts weiter als eine Form von Energie zu sein, nicht das Bewusstsein einer höheren Macht.
»Wie lange werden sie bleiben?«, fragte ich.
Morven zuckte die Achseln. »Nur so lange, bis die ihren Antrieb repariert haben«, sagte er. »Sittenloses Pack! Was haben diese Numiumer erwartet, wenn sie sich mit synaígischer Technologie abgeben? Aber wir können sie wohl kaum an Beltane zurückweisen. Außerdem bezahlen sie gut.«
Sobald ich in Máedocs Hütte angelangt war, berichtete ich ihm von dem Schiff.
»Ich habe schon davon erfahren«, sagte der Druide abweisend. »Gehen wir, Norin. Ein weiterer Steinkreis wartet auf uns.«
Ich zögerte. »Druide Máedoc! Dieses Schiff … es wirkte so … selbstverständlich. So, als ob die Numiumer genau wüssten, was sie tun.«
Máedoc drehte sich zu mir um. »Und?«, fragte er. In diesem einen Wort schwang eine Warnung mit. Ohne dass er es aussprach, wusste ich, dass ich mich auf dünnem Eis bewegte.
»Dieses Schiff fährt ohne Wind und ohne Ruder«, sagte ich gequält, »und scheinbar besteht keine Gefahr für seine Besatzung.«
»Die Synaígie«, setzte Máedoc an und seine Augen blitzten drohend, »ist ein verbotenes Element. Hast du verstanden, Norin?« Ich nickte und senkte beschämt den Kopf. Und dennoch kam ich nicht umhin, mich zu fragen, wieso.
Der Druide ging vor mir in die Hocke, sodass wir uns auf Augenhöhe befanden, und legte mir eine Hand auf die Schulter. »Die Technologie der Numiumer mag dir nützlich erscheinen«, sagte er versöhnlich, »aber vergiss niemals: Die Energie, mit der sie ihr Schiff antreiben, ist ein Bewusstsein. Es lauert darauf, die Kontrolle über alles und jeden zu bekommen, und wann immer wir die Synaígie gebrauchen, gestehen wir ihr ein kleines Bisschen dieser Kontrolle zu.«
Ich schluckte schwer. »Ich verstehe, Druide Máedoc.«
Mein Lehrer nickte zufrieden. »Nun lass uns gehen. Heute ist ein besonderer Tag für dich, Norin, denn heute wirst du dem Kreis der Arboris beitreten.«
»Dem was?« Ich hob den Blick und sah mit Erleichterung, dass der finstere Ausdruck aus Máedocs Augen verschwunden war.
»Du wirst sehen«, sagte er und erhob sich. »Gehen wir.«
An diesem Tag führte Máedoc mich in einen unbekannten Bereich des Waldes. Irgendwann gelangten wir an eine von mächtigen Bäumen umringte Lichtung, in deren Zentrum ein weiterer Steinkreis stand.
»Dies sind die Arboreten«, sagte Máedoc und wies mit weiter Geste auf die Baumriesen rundherum. »Es sind Mammutbäume, eine Sorte, die normalerweise nur in weit entfernten Kontinenten wächst. Es gibt keine Erklärung dafür, wie sie hierhergelangten.« Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte auf zu den Ästen der Baumriesen, die sich wie Tentakel aus ihren mächtigen Stämmen schlängelten.
Wir gingen zu dem Steinkreis im Zentrum der Lichtung, einem Ring aus katzengroßen Steinbrocken, in deren Mitte ein über drei Meter hoher Megalith in den Himmel ragte.
»Muss ich wieder etwas wählen?«, fragte ich, den Blick an die Spitze des Steinblocks geheftet.
»Nein«, sagte Máedoc. »Du musst nur in die Mitte treten und die Hand auf den Stein legen.« Ich atmete tief ein und trat in den Ring aus Steinen. Wie beim letzten Mal verdunkelte sich die Welt um mich herum. Obwohl die Sonne am Himmel stand, und es ein wolkenloser Tag war, lag nun ein dunkler Schatten über der Lichtung. Mit jedem Schritt, den ich auf den Megalith zutat, wurde die Dunkelheit dichter. Die Steine hingegen fingen an zu strahlen, zuletzt hell wie die Sonne. Je näher ich dem Zentrum des Steinkreises kam, desto deutlicher hörte ich das Flüstern des Windes aus den Kronen der Arboreten. Es kam von allen Seiten, überlagerte sich zu einem Chor raschelnder Stimmen. Doch anstatt zu einem weißen Rauschen zu verschmelzen, war jede Stimme ein weiteres Klangbild, das sich wie die Schicht eines bunten Kupferstiches in das Gesamtbild einfügte. Als ich unmittelbar vor dem Megalith stand, verstand ich sie. Sie flüsterten meinen Namen! Norin … Norin … Mein Herz schlug schmerzhaft stark, und ich atmete schwer, als hätte ich soeben einen Sprint zurückgelegt. Ich hob die Hand und während ich mit der Handfläche dem Megalith immer näher kam, wurde das Flüstern der Bäume stetig lauter. Norin … Norin … In dem Moment, da ich die kühle, glatte Oberfläche des Steins berührte, ertönte ein Krachen wie von einem Baum, den ein Blitz der Länge nach spaltete. Ich zuckte zurück. Ein armlanger Ast, der geradewegs aus dem Himmel zu fallen schien, landete im Rund des Steinkreises auf dem weichen Gras.
Von einer Sekunde zur anderen war die Dunkelheit von der Lichtung gewichen. Das Flüstern war verstummt, und die Steine leuchteten nicht mehr. Mein Herzschlag und Atem beruhigten sich. Mein Blick fiel auf den Ast. Er musste von einem der Mammutbäume stammen, auch wenn ich mir nicht erklären konnte, wie er hier, so weit entfernt von den Stämmen, gelandet war. Fast schien es, als habe einer der Bäume ihn hinübergeworfen.
Ich ging zu dem Stück Holz und sammelte es ein. Erst jetzt bemerkte ich, dass es kein gewöhnlicher Ast war. Er war schnurgerade und obwohl er zweifellos von den Mammutbäumen stammte, war seine Oberfläche so glatt und robust wie geschliffenes Fichtenholz. Am Auffälligsten jedoch war ein Bernstein, der aus einem seiner Enden ragte, als wäre das Harz dort ausgetreten und noch zu Lebzeiten des Baumes versteinert. Er verlieh dem Ast das Aussehen einer kürzeren Version von Máedocs Stab. Ich hob ihn auf und sah zu dem Druiden. Mein Lehrmeister nickte mir zu, und ich verließ den Steinkreis.
»Du bist nun ein Arboris«, sagte er feierlich. »Du wirst bald lernen, die Sprache der Bäume zu verstehen, und eines Tages wirst du mit ihrer Hilfe mit deinem Tierbegleiter kommunizieren können. Deinen Stab solltest du von nun an immer bei dir tragen. Beschütze ihn so gut, wie du als Druide die Bäume beschützen wirst. Falls du ihn verlierst oder er zerstört wird, kannst du die Arboreten um eine zweite Chance bitten. Verwehren sie sich dir, wirst du nicht in den Kreis der Druiden aufgenommen.« Ich nickte mit ernster Miene. »Noch ist er nicht zu vielem zu gebrauchen, aber wenn du einem Naturgeist begegnest, wird er in deinen Stein einziehen und dir neue Möglichkeiten eröffnen.«
»Was meinst du damit?«, fragte ich und betrachtete ehrfurchtsvoll den Stab.
»Nun, zum Beispiel bin ich mir sicher, dass bereits ein Sonnengeist in deinem Stein wohnt«, sagte Máedoc. »Streiche mit der Hand durch die Luft darüber und sprich latha.« Ich tat, wie er mir aufgetragen hatte, und der Bernstein erstrahlte in goldenem Licht. »Mit dem Wort stad löschst du ihn wieder. Es gibt weitaus mächtigere Geister an den verborgenen Orten unseres Planeten. Sie sind Teil des dritten Elements, also der materiellen Welt, und wenn du die richtigen findest, kannst du mit ihrer Hilfe wahre Wunder wirken.«
Während wir zu Máedocs Hütte zurückkehrten, ruhte mein Blick fast unablässig auf meinem neuen Besitz. Wenige Zentimeter unterhalb des Bernsteins ragten zwei dünne Zweige aus dem Holz, an dem die Nadeln einer Fichte grünten. Máedocs Stab hingegen stammte ganz eindeutig von einer Eiche, wie seine Blätter verrieten.
»Viele Wege führen zum Ziel, junger Norin«, sagte Máedoc, als ich ihn danach fragte. »Als du dich für die Krähe entschieden hast, hast du einen anderen Weg eingeschlagen als ich damals. Deshalb erhieltest du auch einen anderen Stab von den Arboreten.«
»Werde ich später noch einen bekommen?«, fragte ich.
»Wie kommst du darauf?«
»Meiner ist sehr klein«, erwiderte ich und hielt den Stab empor. »Noch ist er genau richtig, aber wenn ich groß bin, brauche ich einen großen Stab wie du.«
»Der Stab wird mit dir wachsen«, antwortete Máedoc. »Er lebt, junger Norin, und er ist jetzt mit dir verbunden.«
Während wir durch den Wald gingen, glaubte ich, das Flüstern der Arboreten verfolge mich. Erst als wir die Hütte erreichten und ich den Wind hörte, der durch das Laub von Máedocs Eiche strich, wurde mir klar, dass ich es mir nicht nur eingebildet hatte. Das Rascheln klang wie immer, doch verstand ich es nun, als hätte ich binnen eines Vormittags eine fremde Sprache gelernt.
Norin, flüsterte die Eiche. Ich blieb stehen und starrte sie an.
»Stimmt irgendwas nicht?«, fragte Máedoc. Ich sah mit aufgerissenen Augen zu ihm, zu verstört, um den Schalk in seinem Blick blitzen zu sehen.
»Der Baum«, sagte ich. »Er spricht zu mir!« Máedoc nickte, und das Lächeln hinter seinem struppigen Bart verriet mir, dass ich nicht verrückt geworden war.
»Das ist die Gabe der Arboris«, sagte er. »Auch die Tiere besitzen sie. Die Bäume sind die Schnittstelle zwischen ihnen und uns Menschen.« Eine Brise ließ das Laub der Eiche erzittern, und sie verriet mir flüsternd ihren Namen: Eidolon.
Am Abend warf ich, wie es die Tradition verlangte, einen verbrauchten Gegenstand in den brennenden Holzhaufen, den die Dörfler während der vergangenen Runde in der Dorfmitte aufgeschichtet hatten: ein Hemd, aus dem ich herausgewachsen war, zu abgerissen, um es weiter zu verschenken. Anschließend holte ich etwas Hefeteig, wickelte es um das Ende eines langen Stocks und hielt es über die Glut des Feuers. Es war die Aufgabe der Kinder, das Brot über dem Freudenfeuer zu backen, während die Frauen kochten. Zu Beltane bereiteten sie ein Bankett aus köstlichen Speisen zu, das eines Königs würdig gewesen wäre: gebratener Fisch in Honigmarinade, mit fremdländischen Kräutern verfeinerte Butter, Ziegen- und Schafskäse, Schalen gefüllt mit süßen Äpfeln und Birnen, Kuchen, Wein, Bier und Saft und natürlich das Stockbrot der Kinder. Der Geruch der Speisen vermischte sich mit dem Rauch des Feuers. Kinnon, der Sänger, und sein Sohn spielten eine fröhliche Melodie auf ihren Leiern. Trotz allem herrschte keine ganz so ausgelassene Stimmung wie sonst. Die Fremden aus Numium hatten Kisten mit Waren zum Tausch im Hafen abgestellt und obwohl sie versicherten, dass sie in den nächsten Tagen weiterziehen würden, prophezeiten viele düster, dass sie und ihre schändliche Technologie das Dorf vergifteten.
Auch jetzt trug ich den Stab bei mir. Inzwischen wusste jeder, dass ich Máedocs Lehrling war. Mein Lehrmeister hatte mich vorgewarnt, dass das Leben eines Druiden das eines Außenseiters war. Trotzdem hatte ich festgestellt, dass zumindest die Erwachsenen mich nicht als solchen behandelten – insbesondere die Alten. Sie erzählten gerne, und ich mochte es, ihnen zuzuhören. Man lernte bisweilen interessante Dinge. Brent, der Spieler, hatte mir gezeigt, wie man beim Münzspiel betrog. Nicht, dass er es je getan hätte, wie er mir versichert hatte. Doch wenn man einen Betrüger entlarven wollte, musste man wissen, wie er vorging. Una, die Falsche, eine alte Frau, die ich seit Beginn meiner Lehre mit Tränken von Máedoc zur Behandlung ihrer Gicht versorgte, erzählte mir bei jedem Besuch, wie man vorgab, jemand anderes zu sein. Sie sei einst mit einer Gruppe von Spielleuten durch Normar gereist und hätte in der Blüte ihres Lebens oft auf der Bühne gestanden.
Sogar Otis, der Trinker, hatte etwas an mich weitergegeben und mir gezeigt, wie man ein Loch in einem Fischerboot flickte.
Die Kinder jedoch wechselten nur selten ein Wort mit mir. An manchen Tagen waren flüchtige Blicke ihrerseits das einzige Anzeichen dafür, dass sie mich überhaupt wahrnahmen. Aus Angst, zurückgewiesen zu werden, wagte ich nicht, mich zu ihnen zu gesellen.
So auch heute: Während ich das Stockbrot über der Glut drehte, schielte ich zu ihnen hinüber. Die Jungs hatten sich wie immer um ihren Anführer, den großen Pit, versammelt und lachten und rauften und ärgerten die Mädchen. An Tagen wie Beltane störte es mich, der Außenseiter zu sein. Für gewöhnlich war ich froh, meine Zeit nicht mit sinnlosen Streichen zu vergeuden, wie Steine auf Hasen zu werfen oder Klopfmännchen zu spielen. Nun aber fühlte ich mich einsam.
Eines Abends, etwa zwei Runde später, als ich an Healthhain auf dem Weg zur Hütte meiner Mutter den Hafen durchquerte, sah ich ihn und die übliche Schar seiner Nachläufer. Sie standen um eine der mannshohen Kisten herum, die größtenteils wieder an Bord des Schiffes gebracht worden waren.
Ich war schon an ihnen vorbei, als Pit rief: »Sonderling.« Ich blieb stehen und wandte mich um. Aller Blicke ruhten auf mir. »Komm her, Sonderling.« Trotz des Spitznamens wirkten seine Worte einladend. Wenn dies der Preis war, um dazuzugehören, würde ich ihn ohne Weiteres zahlen. Schließlich nannten sie den kleinen Lugh auch Würstchen. Nervös mit dem unteren Ende meines Stabes spielend trat ich näher. Der alte Erin hatte mir einen Ledergurt angefertigt, den ich mir über die Schulter legte, sodass ich den Stab auf dem Rücken tragen konnte.
»Morven meint, die Numiumer reisen morgen ab«, sagte er und nickte zum Schiff. »Wir wollen etwas von ihrem Kram klauen. Bist du dabei?« Ich schwieg entgeistert. In den Gesichtern der anderen spiegelte sich gespannte Erwartung. Sie wollten mich testen. Wollten wissen, ob ich ein Feigling war. Oder eine Petze. Ich schluckte. Stehlen war falsch. Aber vielleicht konnte ich mir mit ein bisschen Mut einen Namen unter den Jungen machen.
Ich nickte.
»Wusste ich doch, dass du ein mieser kleiner Dieb bist«, sagte Pit mit jäh finsterer Miene. Er gab zwei anderen Jungen ein Zeichen, die an mir vorbeigingen und sich hinter mir positionierten. »Was hast du denn da für einen albernen Stab?« In einer schnellen Bewegung grabschte er an meinem Gesicht vorbei nach dem Stab und zog ihn aus der Lederschlaufe.
»Nicht!«, rief ich und wollte vorstürmen. Doch die beiden Jungen hinter mir hielten mich an den Schultern zurück. »Lasst mich los!«
Pit drehte den Stab im Licht der untergehenden Sonne. »Versuchst du diesem Druidenkauz nachzueifern?«, fragte er spöttisch. »Hast du auch schon Spinnen in der Hose?« Die anderen Kinder lachten.
»Hab ich nicht!«, rief ich und kämpfte gegen den Griff der Jungen an. »Gib ihn zurück!« Aber Pit grinste nur. Er ging zu der Kiste und bedeutete einem seiner Freunde, eine Räuberleiter zu formen. Mit einem Fuß in den verschränkten Händen seines Helfers öffnete Pit den Deckel der Kiste und warf meinen Stab hinein.
»Nein!« Mit einem kräftigen Ruck gelang es mir, mich loszueisen. Pit sprang auf den Boden zurück und sah mit belustigter Miene zu mir, während ich auf der Suche nach einer Möglichkeit, in die Kiste zu gelangen, darum herumrannte. Schließlich begann ich unter schallendem Gelächter der Umstehenden an den Eisenbeschlägen emporzuklettern. Bäuchlings rutschte ich über die Kante und fand mich im Innern der Kiste wieder. Sie war bis zur Hälfte mit Spanschachteln unterschiedlicher Größe gefüllt. Ich entdeckte den Stab in einem Spalt zwischen den Stapeln. Draußen johlten die Kinder: »Sonderling, Sonderling, wir werden dir ein Liedchen sing’.« Ich hockte mich hin und streckte meinen Arm in den Spalt. Meine Finger schlossen sich um den Bernstein … »Hast ein Herz für Tiere groß und viele Spinnen in der Hos’.« Ich wurde rot vor Wut und Scham.
»Hee, Kiinder!«, rief plötzlich jemand mit dem unverkennbaren Akzent der Numiumer. »Weg von der Kisteee!« Ich erstarrte. Wenn der Numiumer mich hier drin fand, würde er denken, ich hätte ihn bestehlen wollen. Die Kinder riefen erschrocken, und ein gutes Dutzend Paar Füße rannte trommelnd in alle Richtungen davon. Ich kauerte mich in der Kiste zusammen und gab keinen Ton von mir. Draußen fluchte jemand in einer fremden Sprache. Etwas scharrte. Sollte er den Deckel zuschlagen, würde ich auf mich aufmerksam machen müssen. Noch aber bestand eine kleine Chance, dass ich ungeschoren davonkam.
Eine Zeit lang hörte ich nichts. Auch keine Schritte, die sich entfernten. Waren sie vom Rauschen der Wellen verschluckt worden? Ich kroch zur Kistenwand und spähte durch einen Spalt. Niemand war zu sehen. Vorsichtig lugte ich über den Rand der Kiste. Auch nichts. Sollte ich tatsächlich Glück haben?
Im nächsten Augenblick senkte sich ein Schatten über mich herab. Ich hatte gerade noch Zeit, mich umzudrehen und den Kistendeckel zu sehen, der auf mich zufiel, als er mir auch schon auf den Kopf schlug.
Blackworth
Beben. Die Sonne war bereits aufgegangen, doch die Wolkendecke verhinderte, dass es wirklich hell wurde. Storm, der gerade glaubte, beim Knacken der Zellentür Fortschritte zu machen, fluchte, als sein Werkzeug verrutschte. Arwin sprang von seiner Pritsche auf, den Blick an den Riss geheftet, der sich an der Decke aufgetan hatte. Staub rieselte in seine Zelle. Er ballte die Hände zu Fäusten und blickte wütend aus dem Fenster.
»Das geht nun schon die ganze Nacht so«, knurrte er. »Raysome hätte uns längst evakuieren müssen.«
Baxter lachte freudlos. »Das interessiert ihn doch nicht, ob wir hier drinnen sterben. Wir befinden uns im Krieg.«
»Lebend nutzen wir ihm mehr«, hielt Arwin dagegen. »Abgesehen davon gibt es das sogenannte Kriegsvölkerrecht.«
»Nicht in diesem Krieg«, meldete End sich zu Wort. »Viele Menschen unterliegen dem Einfluss von Folkloren. Inzwischen ist die Barriere so löchrig, als wäre sie von einem entrischen Schnellfeuergewehr durchsiebt worden. Immer mehr Enerphagen finden auf die andere Seite. Ein jeder trägt dazu bei, diese Welt zu einem schlechteren Ort zu machen, und sie sind ohne Zahl. Sie unterdrücken Werte wie Ehre und Mitgefühl.«
»Folklore wie dieser Synaígiesauger?«, fragte der Sänger.
»Nicht nur«, erwiderte End. »Folklore sind im Allgemeinen schwache Enerphagen, deren Dunkle-Mana-Aktivität dennoch groß genug ist, um in unserer Welt überleben zu können. Es gibt viele Abarten.«
»Dunkle-Mana-Aktivität?«, wiederholte Baxter in der Zelle neben End. »Was sollen wir uns denn darunter vorstellen?« End schwieg, den Blick wieder einmal wie hypnotisiert an die Zellenwand geheftet. »Genosse?« End schloss mit mühsam beherrschter Miene die Augen, als hätte Baxter ihn darum gebracht, in dieser Sekunde einzuschlafen.
»Ich stolperte über diesen Begriff, während ich die Bücher aus der Bibliothek von Ad Etupiae auf der Suche nach Informationen darüber wälzte, wie man jemanden mithilfe der Alchemie ins Leben zurückholt«, antwortete er schließlich mechanisch. »Enerphagen senden Strahlen aus, wenn sie das Diesseits betreten, die in Leukipp gemessen werden können.«
»Und ab wann sind Enerphagen dann keine Folklore mehr?«, forschte Baxter nach.
End rieb sich die umschatteten Augen. »Alles über zweihundert bis zweitausend Leukipp sind Alben, menschenähnliche Enerphagen. Überschreiten sie eine Dunkle-Mana-Aktivität von zweitausend Leukipp, werden sie zu einem Norn. Darüber hinaus gibt es Enerphagen, die so mächtig sind, dass sie das Diesseits nicht betreten können.«
»Wenn es bereits so viele von ihnen gibt, wieso sehen wir sie dann nicht?«, mischte sich Jed ein. »Mischen sie sich alle in Menschengestalt unter uns?«
»Einige ja«, antwortete End. »Der Krieg bietet ihnen die Gelegenheit, ihrer Zerstörungslust freien Lauf zu lassen. Es gibt aber auch solche, die auf einer anderen Ebene sichtbar sind und auf dieser auch mit uns kommunizieren. Die sogenannten Hirnmarodeure heften sich an unseren Verstand. Sie können uns nicht kontrollieren, aber sie machen uns zu schlechteren Menschen. Ich könnte wetten, dass Raysome von einem geplagt wird.« End verstummte, als die Tür zum Zellengang aufschwang und zwei Männer mit dem fahrbaren Kessel eintraten.
»Na endlich«, rief George in der Zelle neben der Tür. »Wir haben einen kranken Zellengenossen. Darf man da nicht erwarten, dass ihr pünktlich seid?«
»Tem ist verschwunden«, sagte einer von ihnen und blickte sich nervös um. »Irgendwas scheint immer mit den Essensausgebern dieses Zellenblocks zu passieren. Wundert es euch da, dass keiner diesen Job übernehmen möchte?«
»Wieso werden wir nicht evakuiert?«, fragte Arwin, während die Essensausgeber die Schüsseln füllten. »Das Gebäude könnte beim nächsten Beben einstürzen.«
»Keine Ahnung, Mann. Das haben nicht wir zu entscheiden.«
»Was ist mit dem?«, fragte der andere, als sie vor Adams Zelle angelangten. Schweigen.
»Tot«, meinte George schließlich. »Schafft ihn hier raus. Er fängt schon an zu stinken.« Die beiden Essensausgeber wechselten einen Blick. Im Hinausgehen seufzte der eine und sagte zu seinem Partner: »Ich wusste, es war eine saudumme Entscheidung, uns hierfür zu melden.« Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss.
»Norins Lehrmeister«, sagte der Sänger, während alle aßen. »Dieser Máedoc. Er nannte Norin einen Arboris. Hat Rocío dich nicht ebenfalls so genannt, als du ihr erzähltest, dass du die Bäume flüstern hören kannst?«
»Richtig«, antwortete End. »Ich erkannte hier die erste Parallele zur Gegenwart und kam mehr und mehr zu der Überzeugung, dass ich das Buch nicht zufällig gefunden hatte. Ich spielte mit dem Gedanken, es wegzulegen. Es einfach zu verbrennen, um den Plan desjenigen zu durchkreuzen, der es mir hatte zukommen lassen. Etwas sagte mir, dass er mir nicht wohlgesinnt war. Aber meine Neugier siegte …«
Erwachen
Als ich erwachte, befand ich mich in einer Finsternis so absolut, dass ich mich fragte, ob ich blind geworden war. Mein Kopf schmerzte und mir war schlecht. Ein anhaltendes Summen und Rauschen füllte meine Ohren. Ich versuchte mich aufzurichten, doch die Welt fing an sich zu drehen, der Boden wankte und mein Magen krampfte sich zusammen. Wo war ich? Die Erinnerung kehrte nur zögerlich zu mir zurück. Ich war in die Kiste der Numiumer geklettert … und dann? Ich wusste es nicht mehr. War ich immer noch dort drin? Wieso sah ich dann kein Sonnenlicht durch die Ritzen der Kiste schimmern? Vielleicht war schon die Nacht hereingebrochen. Wenn ich doch nur etwas sehen könnte! Dann erinnerte ich mich, wie Máedoc meinen Stab zum Leuchten gebracht hatte. Ich hatte es seither dutzende Male wiederholt, doch nun fiel es mir schwer, mich an das Wort zu erinnern. Was war nur los mit mir? Hatte ich einen Schlag auf den Schädel bekommen? Ich tastete über meinen Kopf und fand die Antwort auf wenigstens eine meiner Fragen: eine faustgroße Beule. Jetzt erinnerte ich mich! Der Kistendeckel war mir auf den Kopf gekracht. Ich stöhnte und wagte einen zweiten Versuch, mich aufzusetzen. Die Welt drehte sich nicht länger, doch das Gefühl, dass der Boden wankte, blieb. Hoffentlich hatte ich keinen bleibenden Schaden erhalten. Konnte ein Schlag auf den Kopf blind machen?
Ich streckte die Hände aus, bis ich mit den Fingerspitzen den Kistendeckel berührte, und drückte dagegen. Er rührte sich nicht. Dafür erinnerte ich mich plötzlich an das Wort, das meinen Stab leuchten ließ. Ich tastete durch die Dunkelheit, bis ich ihn gefunden hatte, strich mit der Hand über den Bernstein und sprach: »Latha.« Goldenes Licht füllte das Innere der Kiste. Ich atmete auf, doch meine Erleichterung war von kurzer Dauer. Ich war nicht blind, doch scheinbar in dieser Kiste gefangen. Ich kroch zu einem Spalt in der Wand und hielt meinen Stab davor. Das Licht fiel auf eine weitere Kistenwand, die vor meiner stand. Meine Kehle schnürte sich zusammen. Ich glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Ich legte den Stab beiseite, stand auf und stemmte mich so fest ich konnte mit den Schultern gegen den Deckel. Er rührte sich nicht. Ein Bild nahm in meinem Kopf Gestalt an: Ich steckte in einer Kiste, eingepfercht zwischen weiteren Kisten. Der Schweiß brach mir aus und ich fing an zu hyperventilieren. Ich schrie um Hilfe, doch meine Stimme vermochte kaum das allgegenwärtige Rauschen und Summen zu übertönen. Und dann begriff ich. Ein ähnliches Geräusch hatte ich schon einmal gehört, als die Numiumer den reparierten synaígischen Antrieb ausprobiert hatten. Ich steckte im Rumpf ihres Schiffes auf dem Weg ins Nirgendwo! Panisch trommelte ich mit den Fäusten gegen die Kistenwand. Ich schrie und heulte, trat mit den Füßen gegen das Holz, tat, was immer möglich war, um auf mich aufmerksam zu machen, bis die Erschöpfung mich übermannte. Schwer atmend lag ich da und ließ zu, dass die Verzweiflung sich in meinen Verstand fraß. Meine Mutter. Meine arme Mutter, die schon den Verlust ihres Mannes hatte verkraften müssen, fragte sich vermutlich längst, wo ich war. Suchte nach mir, schrie meinen Namen, weinte. Ich musste einen Weg finden, um zu ihr zurückzukehren!
Mein Blick fiel auf einen weiteren Holzspalt in der Kiste. Eine der Latten war gesplittert! Vielleicht, während ich um mich getreten hatte. Ich nahm meinen Stab zur Hand und näherte mich dem Spalt. Das Licht fiel dahinter vor keine Wand, sondern erhellte einen Gang zwischen zwei weiteren mannshohen Kisten – schmal und doch breit genug, dass ich mich hindurchzwängen könnte. Ich legte den Stab aus der Hand, fasste durch den Spalt und zog an der gesplitterten Holzlatte. Sie rührte sich nicht. Ich lehnte mich zurück und trat dagegen. Beim dritten Mal knackte es. Wieder versuchte ich, den Spalt mit den Händen zu erweitern, und jetzt ließ sich die Leiste herausbrechen. Nach einer Weile war das Loch groß genug, dass ich hindurchschlüpfen konnte. Seitlich und mit eingezogenem Bauch bewegte ich mich durch den Gang zwischen den beiden Kisten hindurch und gelangte in einen Freiraum: eine Sackgasse, abgedeckt durch eine weitere Kiste und zu allen Seiten begrenzt durch Kistenwände, aber immerhin hoch genug, dass sie mir ein wenig von meiner Raumangst nahm. Was nun? Mir blieb nur, mich durch die Kisten hindurch vorzuarbeiten. Aber in welche Richtung? Nach oben würde mich irgendwann sicher unter die Decke des Schiffrumpfes führen. Dort musste es irgendwo eine Luke an Deck geben. Aber allein die Vorstellung, dass ich den Boden der Kiste zerstörte, die den Freiraum abdeckte, und ihr Inhalt mich unter sich begrub, ließ mich erneut hyperventilieren. Also durch eine der Seitenwände.
Ich kehrte zurück, woher ich gekommen war, und fing an, die Schachteln nach brauchbarem Werkzeug zu durchsuchen. Die erste, die ich öffnete, war bis zum Rand mit bronzenen Broschen gefüllt. Die zweite beinhaltete Wollstrümpfe, die dritte schmucklose Tonbecher. Schließlich fand ich in einer länglichen Schachtel ein gutes Dutzend Schüreisen. Ich nahm eines heraus, kehrte damit in den Hohlraum zurück und fing an, die erstbeste Kiste zu meiner Linken zu bearbeiten. Das Holz war robuster, als ich erwartet hatte, zumal ich mit dem langen Schüreisen in dem beengten Raum nicht richtig ausholen konnte. Stunden später, so schien es, gelang es mir, einen Teil der Kistenwand herauszubrechen, indem ich mein Werkzeug in einen mühsam erzeugten Spalt zwängte und mit aller Kraft dagegen drückte. Schon zehrten Hunger und Durst an meinen Kräften. Wie viele Kistenwände würde ich durchbrechen müssen, ehe ich an den Rand des Stapels gelangte? Ich wusste ja nicht einmal, ob ich mich in die richtige Richtung vorarbeitete. Ich kämpfte die Tränen nieder und erweiterte das Loch, das ich geschaffen hatte. Zumindest ging es jetzt schneller voran. Sobald die Öffnung groß genug war, begann ich, die Schachteln daraus hervorzuziehen und in dem Hohlraum zu stapeln darauf bedacht, mir den Rückweg nicht zu verbauen. Ich öffnete jede Schachtel in der Hoffnung etwas Nützliches zu finden, und ergänzte mein Werkzeug um ein Jagdmesser. Eine weitere Ewigkeit verging, bis ich einen Gang durch das Innere der Kiste geschaffen und auch die Rückwand durchbrochen hatte. Mit vor Erschöpfung schweren Armen machte ich mich daran, die Wand der nächsten Kiste zu bearbeiten. Der Schweiß rann mir in Strömen über den Rücken. Noch immer plagten mich Kopfschmerzen und Schwindel. Mir war warm, die Luft stickig. Meine Zunge fühlte sich an wie ein mumifiziertes, pelziges Etwas, das in meiner Mundhöhle lag. Ich brauchte dringend Wasser! Irgendwie gelang es mir, auch in die nächste Kistenwand ein Loch zu schlagen. Ich sparte mir, in die Spanschachteln zu blicken. Ich würde ja doch nichts Nützlicheres finden als das Werkzeug, das ich bereits hatte, und es kostete mich genug Zeit und Kraft, die Waren in den rückwärtigen Teil des Ganges zu schleppen. Bei der nächsten Kistenwand angelangt konnte ich nicht mehr. Müdigkeit, Hunger und Durst ließen das Gewicht des Schüreisens und des Jagdmessers, ja sogar das meiner eigenen Arme um ein Zehnfaches schwerer wiegen. Erschöpft rollte ich mich auf dem Boden zusammen, und obwohl meine trockene Kehle lautstark und beharrlich nach Wasser verlangte, fielen mir die Augen zu, und ich schlief ein. In meinen Träumen entdeckte ich einen weiteren Gang zwischen den Kisten, durch den ein Licht schien; nicht gelb und dämmrig wie das meines Stabes, sondern helles weißes Tageslicht. Ich quetschte mich durch den Spalt. Musste die Augen zukneifen, so hell schien es. Als ich hineintrat, erwachte ich, noch bevor sich meine Augen daran gewöhnt hatten. Mein Mund fühlte sich an, als wäre er eine von Rissen durchzogene Wüstenlandschaft. Ich musste Wasser lassen und zog mich dafür so weit in den Gang zurück, wie nur möglich. Erst danach kam mir der Gedanke, dass es vielleicht klüger gewesen wäre, den Urin aufzufangen. Ich setzte meine Bemühungen fort, einen Gang durch die Kisten zu graben, legte das Werkzeug jedoch schon nach kurzer Zeit nieder. Ich sank auf die Knie, zu erschöpft, um zu weinen. Ich legte mich auf den Bauch und starrte an die Wand aus Schachteln, die den Gang säumte, den ich geschaffen hatte. So würde es enden. Sie würden meine vertrocknete und vermutlich rattenzerfressene Leiche wohl erst in einigen Runden finden. Würden den Gang sehen, den ich gegraben hatte, und mein Schicksal bemitleiden.
Mein Blick fiel auf etwas Glänzendes, das durch den Spalt zwischen Deckel und Rand einer Schachtel schimmerte. Ich richtete mich auf. Die Schachtel ließ sich ohne Weiteres hervorholen wie ein loser Stein aus einer Mauer. Aus ihrem Innern drang ein leises Klirren wie von Gläsern, die aneinanderstießen. Ich öffnete sie, und mein Blick fiel auf sechs bauchige Einmachgläser, in denen gelbe Pfirsiche schwammen. Mein Herz schlug schneller, hoffnungsvoll, als versuche es, mir aus der Brust zu springen und in dem Pfirsichsaft zu baden. Ich nahm eines der Gläser heraus und klappte den Bügelverschluss um, setzte das Glas an die aufgeplatzten Lippen und trank. Der kühle, süße Saft rann meine Kehle hinunter wie flüssige, lebensspendende Energie und strömte in mein Inneres. Ich ließ mir nicht die Zeit zum Luftholen zwischen den Schlucken und setzte das Glas erst ab, als meine Lungen anfingen zu protestieren. Anschließend fischte ich einen der Pfirsiche heraus und stopfte ihn mir in den Mund. Innerhalb von kürzester Zeit hatte ich das Glas geleert. Erst dann machte ich mich daran, weitere Schachteln zu durchsuchen. Ich fand mehr Gläser gefüllt mit eingemachten Preiselbeeren, Äpfeln und Quitten, in Essig eingelegte Gurken und Pakete voller Zwieback und Dörrfleisch. Ich hatte mich geradewegs durch eine Kiste mit haltbaren Vorräten gegraben und wäre beinahe neben Schachteln voller trinkbarer Flüssigkeit verdurstet. Wer meine sterblichen Überreste gefunden hätte, hätte mich nicht bemitleidet. Er hätte mich ausgelacht.
Indem ich aß, fütterte ich auch meine Hoffnung. Mit frischer Kraft machte ich mich ans Werk, durchbrach die Wand der nächsten Kiste und erweiterte meinen Gang um zusätzliche eineinhalb Meter. Als ich auch durch die nächste Rückwand eine Öffnung geschlagen hatte, fand ich mich in einem weiteren Freiraum wieder. Ich genehmigte mir eine Pause, aß und trank und schöpfte Atem.
Bald verlor ich jegliches Zeitgefühl. Meine Muskeln wurden mit jeder Kiste, die ich durchbohrte, lahmer und ich kam immer langsamer voran.
Nach einigen weiteren Stunden unruhigen Schlafs musste ich feststellen, dass das Licht meines Bernsteins schwächer geworden war. Mir war nicht klar gewesen, dass es endlich war. Dennoch schalt ich mich für meine Dummheit, ihn nicht wenigstens gelöscht zu haben, während ich geschlafen hatte. Im schwindenden Licht des Steins arbeitete ich weiter, löschte ihn beim Essen oder wenn ich eine Pause einlegte, um Atem zu schöpfen. Während ich die Rückwand der gefühlt zwanzigsten Kiste bearbeitete, bemerkte ich wieder einmal einen Hohlraum dahinter, größer als die beiden bisherigen. Stumm flehte ich, dass sich dort ein Weg nach oben befände. Ich erweiterte das Loch und schlüpfte hindurch, kaum dass es groß genug war. Im schummrigen Licht des Bernsteins sah ich, dass ich den Rand des Frachtraums erreicht hatte. Vor mir begrenzte eine Wand aus massivem Eichenholz den Hohlraum, hinter mir eine Mauer aus Kisten. Eine Luke oder gar sowas wie eine Leiter war nirgends zu sehen. Ich schluckte schwer und wandte mich nach rechts. Vielleicht konnte ich mich seitlich zwischen der Wand des Frachtraums und dem Fort aus Kisten vorbeiquetschen …
Ich erkannte auf den ersten Blick, dass der Spalt zu klein war. Mit aller Kraft zog ich an der schweren Fracht, doch sie rührte sich keinen Millimeter. Auch bei dem Spalt unter der Decke war an ein Durchkommen nicht zu denken. Gerade als ich glaubte, dass es schlimmer nicht kommen konnte, verlosch mein Bernstein und kleidete mich in Finsternis.
Wie oft hatte ich mir vorgestellt, dass es so kommen würde? Dass ich mich durch die Kisten arbeitete, Stunde um Stunde, Tag für Tag, nur um irgendwann festzustellen, dass ich die falsche Richtung eingeschlagen hatte? Ich hatte mir ausgemalt, wie ich schreien und heulen und mit den Fäusten gegen die Kisten trommeln würde. Manchmal hatten allein bei der Vorstellung meine Augen gebrannt, und ich hatte mich zwingen müssen, an etwas anderes zu denken.
Nun jedoch, wo es tatsächlich so gekommen war, tat ich nichts dergleichen. Ich fühlte keine Wut, keine Verzweiflung und fragte mich auch nicht, womit ich das verdient hatte. Ich war nur müde. Der Frachtraum hatte mich besiegt. Selbst wenn ich anfing, mich in die andere Richtung zu graben, und tatsächlich irgendwann einen Weg hinausfände, wäre ich bis dahin doch längst unzählige Meilen von meiner Heimat entfernt. Ich dachte an meine Mutter, und erst jetzt war mir zum Weinen zumute. Ich stellte mir vor, wie ihre Angst um mich und die Ungewissheit, ob ich noch lebte, sie auf Schritt und Tritt begleiteten wie Folklore, die sich in ihrem Herzen eingenistet hatten. Ich sank auf die Knie und obwohl ich mich hier, in einem Schiff aus totem Holz angetrieben von einer gottlosen Technologie, nie weniger verbunden zur Natur und dem Glauben der Normaren gefühlt hatte, fing ich an, zu meinen Ahnen zu beten. Ich flehte sie an, mir zu helfen, nicht um meinetwillen, sondern um den meiner Mutter. Doch sollte jemand meine Gebete erhört haben, dann konnte oder wollte derjenige nicht helfen.
Ich schleppte mich zurück in den Gang, den ich geschaffen hatte, und rollte mich auf dem Boden zusammen. Ich kann unmöglich sagen, wie viel Zeit ich in der absoluten Finsternis des Lagerraums verbrachte. Vielleicht mehrere Runde, vielleicht auch nur ein paar Tage. Ich schlief viel, wenn auch unruhig. Ratten suchten mich heim, angelockt von den Resten meiner Vorräte, vom Geruch meiner Exkremente und meines ungewaschenen Leibes. Zwei Mal versuchte ich, das Licht im Bernstein meines Stabs wiederzubeleben: das erste Mal wenige Stunden, nachdem er verloschen war – er erwachte matt leuchtend, nur um gleich darauf wieder zu verlöschen – das zweite Mal einige Tage später, wobei ich nicht sagen kann, wie viele genau. Sein Licht war heller als beim ersten Versuch, und ich schätzte, dass es etwa eine Stunde lang währen würde. Im mattgoldenen Schein betrachtete ich das Durcheinander aus leeren Einmachgläsern und geöffneten Schachteln. Der Anblick befreite ein wütendes Etwas in meiner Brust. Ich warf den Stab beiseite, packte den Schürhaken und kehrte damit in den ersten Freiraum zurück. Zwischen Türmen aus Schachteln stehend stieß ich wieder und wieder mit dem Eisen gegen die Unterseite der Kiste über mir. Das Holz splitterte. Knackte. Schließlich gab es unter dem Gewicht der in der Kiste befindlichen Waren nach. Ich floh in den Gang und entkam somit knapp der Lawine aus Schachteln, die in den Freiraum donnerte.
Danach wurde es still. Zu still. Es dauerte einige Sekunden, ehe ich begriff, dass das Rauschen und Summen des synaígischen Antriebs verstummt war. War er wieder kaputt? Oder war das Schiff in einen Hafen eingelaufen?
Nun, da der Antrieb nicht mehr lärmte, vernahm ich Stimmen von draußen. Worte in einer fremden Sprache. Ich hörte Gepolter, ganz in der Nähe! Reglos wie ein Tier, das Gefahr witterte, wartete ich. Ein wiederkehrendes, mechanisches Summen erklang, das mit jedem Mal lauter wurde. Dann wurde die Kiste neben der, in deren Boden ich ein Loch geschlagen hatte, angehoben. Grelles Tageslicht fiel in mein Versteck und mein Herz fing an zu hüpfen. Tränen, die nicht nur daher rührten, dass das Licht in meinen Augen brannte, strömten über meine Wangen. Mein Atem ging schneller und ich kämpfte darum, zu begreifen, dass die Qualen ein Ende hatten. Ich formte die Hände zu einem Trichter – wollte um Hilfe rufen –, da besann ich mich eines Besseren. Ich hatte die Kisten und Waren der Numiumer stark beschädigt. Vermutlich würden sie mich massakrieren, wenn sie sahen, was ich angestellt hatte.
Ich sammelte den Stab ein und löschte ihn, kletterte die Schachteln empor, die wie Geröll von einem Erdrutsch in dem Gang lagen, und zog mich durch das Loch ins Innere der Kiste. Wenig später ertönte wieder jenes mechanische Summen. Etwas schlug gegen die Außenwand. Dann spürte ich, wie sie emporgehoben wurde. Das Licht, das durch das Loch im Boden schien, wurde immer greller. Trotzdem sah ich durch zusammengekniffene Augen das Fort aus Kisten nun von oben durch die geöffnete Luke im Deck des Schiffes der Numiumer. Ich schloss die Augen und musste mich zusammenreißen, um nicht frustriert zu heulen. Hätte ich mich in die genau entgegengesetzte Richtung vorgearbeitet, wäre ich schon nach der ersten Kiste an eine Treppe gelangt, die ans Deck des Schiffes führte. Ich spielte mit der Idee, durch das Loch in der Kiste zu springen, um auf dem Deck des Schiffes zerschmettert zu werden.
Ein wütender Ruf vertrieb diesen Gedanken, und ich öffnete die Augen. Durch das blendend helle Licht des Tages sah ich eine Gruppe von Männern, die sich um die kleiner werdende Luke versammelt hatte und auf das Chaos zwischen ihrer Ladung blickte. Einer von ihnen hob den Kopf und deutete auf die Kiste, in der ich mich befand. Zwei Männer winkten jemandem zu, den ich nicht sah, und riefen etwas in einer fremden Sprache; vielleicht um dem Kranführer zu bedeuten, die Kiste wieder abzulassen. Als sie sich weiterhin vom Deck entfernte und nun auch noch herumschwenkte, setzten sich die Männer in Bewegung. Sie wollten vor mir im Hafen sein! Und sie wirkten nicht gerade wohlgefällig. Ich schluckte. Kurz sah ich durch das Loch im Boden der Kiste nur glitzerndes Wasser, so grell, als trieben Splitter der Sonne selbst auf der Wasseroberfläche. Dann erschienen eine Kaimauer und ein gepflasterter Boden. Nachdem ich tagelang nur das Surren des synaígischen Antriebs und das Rauschen des Wassers, das er umwälzte, gehört hatte, war das Meer aus Lärm, in das ich nun eintauchte, geradezu erdrückend. Das mechanische Surren von – wie ich vermutete – synaígisch betriebenen Kränen, das Gebrüll von Hafenarbeitern, Händlern und Fischern, Hammerschläge aus den Werften und das niemals anhaltende glockenhelle Stöhnen von glühendem Rohstahl, wenn ihn der Schmiedehammer küsst, vereinten sich zu einem infernalischen Tumult, der an die Schmerzensgrenze reichte. Wenn es an einem Ort wie diesem überhaupt Vögel oder Bäume gab, dann wäre ihr Zwitschern und Flüstern, das ich so liebte, vermutlich niemals zu hören.
Als nächstes nahm ich den Gestank wahr, der durch das Loch im Boden der Kiste schwappte, durch jede Ritze in den Wänden drang, sich um Mund und Nase legte und mich würgen ließ. Augenblicklich stellte ich das Atmen durch die Nase ein. Doch selbst jetzt, da die verpestete Luft durch den Mund in meine Lungen gelangte, glaubte ich, ihren Gestank zu schmecken. Er legte sich wie ein Pelz über meine Zunge, eine Mischung aus Fäkalien, Ruß und Verwesung. Ich würde nicht lange hierbleiben können, ohne krank zu werden. Was war das für ein Ort, an dem der Duft nach Meersalz, Tannennadeln und nassem Moos diesem todbringenden Dunst gewichen war?
Der Boden unter mir näherte sich in schnellem Tempo und die Kiste setzte unsanft darauf auf. Ich und die darin verbliebenen Schachteln machten einen Satz, der mich von den Beinen riss. Abgesehen von den schmalen Lichtstreifen, die durch die Ritzen in der Kistenwand drangen, war es dunkel. Ich rappelte mich auf und stellte mich auf eine der Schachteln. Die Kiste, in der ich mich befand, war niedriger als die, durch die ich mich in den letzten Tagen gegraben hatte. Ich reichte mühelos an den Deckel und drückte dagegen. Er rührte sich nicht. Ich überlegte, ob ich sie umwerfen konnte, indem ich mich von innen gegen die Wand warf. Trotz ihrer geringen Höhe, war sie sogar noch schmaler, dafür sehr lang.
Dann ertönten durch den allgegenwärtigen Lärm Rufe und Fußgetrappel von draußen. Die Verschlüsse der Kiste klickten und der Deckel wurde angehoben. Instinktiv drehte ich meinen Stab herum und stieß ihn in das Gesicht, das in dem Schlitz grellen Tageslichts erschienen war. Der Mann schrie auf und wich zurück. Der Deckel der Kiste fiel zu. Mit aller Kraft warf ich mich von innen gegen die Wand. Die Kiste kippte, ihr Schwerpunkt balancierte für die Dauer eines Herzschlags über ihrer Kante. Dann fiel sie auf die Seite. Ich befreite mich von den Schachteln, die sich bei dem Aufprall auf mich geworfen hatten, und kletterte durch das Loch ins grellweiße Tageslicht, das sich vor mir auftat. In die Freiheit.
Zunächst sah ich nichts. Nur Licht und Schemen. Blind rannte ich davon auf der Suche nach Schatten wie ein Insekt, dessen Stein, unter dem es sich verkrochen hatte, umgedreht worden war. Eine Hand legte sich um meinen Oberarm. Ich stieß nach ihrem Besitzer mit meinem Stab, und er schrie auf und ließ mich los. Ich rannte weiter, rempelte gegen eine Gestalt, stolperte über einen Korb, der umkippte und eine Vielzahl kleiner, runder Gegenstände über den Boden verschüttete. Beinahe rutschte ich darauf aus. Hinter mir hörte ich Fußgetrappel und wütende Rufe. Ich lief gegen einen Strom aus Menschen an, die mir entgegenkamen. Dann tat sich eine dunkle Wand vor mir auf. Ich saß in der Falle! Doch während ich weiter darauf zu rannte, erkannte ich, dass es keine Wand war, sondern eine Häuserfront dreistöckiger Gebäude. Ich hielt auf eine Gasse zu und als ich in das Dämmerlicht dazwischen abtauchte, hörte ich, dass die Numiumer die Verfolgung aufgaben. Ich rettete mich hinter die nächste Straßenecke und schöpfte Atem. Riskierte einen Blick zurück und sah bestätigt, was meine Ohren mir schon mitgeteilt hatten: Keine Gestalten lösten sich aus dem grellen Tageslicht des Hafens.
Ich hob den Blick und erkannte, wieso das Sonnenlicht hier nicht ungehindert bis zur Straße durchdringen konnte. Brücken spannten sich kreuz und quer zwischen den Gebäuden auf Höhe der zweiten und dritten Stockwerke. Ich sah Menschen, die auf der zweiten Ebene gingen. Auf der Obersten konnte ich sie nur anhand ihrer Schatten und des Stimmengewirrs, das gedämpft zu mir durchsickerte, erahnen. Auch das Lärmen des Hafens schien auf dem Weg zwischen dem ersten Häuserblock hindurch an Kraft zu verlieren. Eine eigentümliche Stille beherrschte den Rand der Stadt.
Von allen Städten Numiums – Ad Etupiae, die größte und wohlhabendste Metropole des Kontinents, Noviomaridum, die Stadt der Akademien – war ich ausgerechnet in Tabulon von Bord gegangen; einer Stadt, in der Kriminalität und Drogenhandel derartige Ausmaße angenommen hatten, dass man aufgegeben hatte, sie zu bekämpfen. Stattdessen hatte man die Häuser um ein Stockwerk erweitert und diese mit Brücken verbunden, um nicht mehr auf die Straße gehen zu müssen. Als es zunehmend schwerer geworden war, das Gesindel auch von der zweiten Ebene fernzuhalten, baute, wer es sich leisten konnte, ein drittes Stockwerk. Die wenigen Zugänge zu dieser Ebene wurden schwer bewacht und standen nur der Oberschicht offen. Die Stadtwache, ausgerüstet mit synaígischen Feuerwaffen, sorgte dort für Ordnung. Auf der zweiten Ebene führten sie einen ständigen Kampf gegen den Drogenhandel, der in der Stadt blühte. Auf der untersten Ebene hingegen hatte das Gesetz keine Stimme mehr. Hier galt das Recht des Stärkeren.
Allmählich beruhigte sich mein Herzschlag, und abermals wurde ich des Gestanks gewahr, der in den Straßen der Stadt offenbar seinen Ursprung hatte. Warum waren die Numiumer mir nicht gefolgt, fragte ich mich. Sie hatten so abrupt aufgegeben, als wäre ich geradewegs in das aufgesperrte Maul eines Drachen gelaufen. Ich folgte der Straße, die parallel zum Hafen verlief und bog dann nach rechts ab tiefer in die Stadt hinein. Ich würde mich eine Weile zwischen den Häusern verstecken, bis man mein Gesicht im Hafen vergessen hatte, und dann nach einer Möglichkeit suchen, nach Normar überzusetzen. Ich glaubte nicht, dass jemand das Dorf kannte, das meine Heimat war. Es hatte ja nicht einmal einen Namen. Aber zumindest wollte ich wieder an einem Ort sein, wo man meine Sprache sprach.
Mein Blick wanderte zwischen den Häuserfronten hin und her. Ich hatte schon von Städten gehört – Ansammlungen imposanter Gebäude, um ein Vielfaches größer als mein Heimatdorf –, aber so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Diese Stadt wirkte wie ein einziges Bauwerk. Gepflasterte Straßen, unter einer zentimeterdicken Schicht aus Unrat fast nicht mehr zu sehen, verbanden die Häuser, von den Brücken ganz zu schweigen. Das einzige bisschen Grün, das es hier gab, war das Moos zwischen den Mauerfugen und vereinzelt auch Grasbüschel, die die wenigen Plätze besetzten, an die täglich mehr als drei Stunden Sonnenlicht gelangte. Außerdem ungewöhnlich viele Mohnblumen. Vor dem Hintergrund, den sie gewählt hatten, leuchteten ihre Blüten schöner als Edelsteine.
Nicht wenige Fenster waren zugenagelt, die Zugänge mancher Häuser rundherum zugemauert. Hinter anderen dunklen Fensteröffnungen brannte Feuer. Je tiefer ich in die Stadt vordrang, desto belebter waren die Straßen. Männer und Frauen mit abgerissener Kleidung und schmutziger, vernarbter Haut musterten mich. Abgemagerte Kinder teilten sich den Unrat, den die Menschen von den oberen Ebenen herabwarfen, mit Hunden und Kakerlaken. Mir entging nicht, wie ein gieriger Ausdruck in die Gesichter der Menschen trat, wenn sie den Bernstein meines Stabes sahen. Für mich mochte er keinen materiellen Wert haben. Er war ein Geschenk meiner Ahnen, ein Teil von mir und ein Stück Heimat zugleich. Doch in den Augen von jemandem, der täglich mit dem Hunger zu kämpfen hatte, war er nichts weiter als die Aussicht auf die nächsten Mahlzeiten.
Ich hatte kaum die Hand über den Stein gelegt, um ihn zu verbergen, als mir jemand den Stab aus der Hand riss. Die Diebin hatte sich von hinten genähert, ohne einen Laut zu verursachen. Als ich herumwirbelte, zu überrascht, um zu reagieren, floh sie schon in eine schmale Gasse und war genauso schnell verschwunden, wie sie gekommen war.
»Halt!«, rief ich und stürmte ihr nach. In der Gasse war es noch dunkler als auf der breiten Straße, der ich bis dahin gefolgt war. Die Diebin – ein Mädchen mit schmutzigem blondem Haar – hatte einen Vorsprung von gut zwanzig Schritt. Auf halber Höhe der Gasse schlüpfte sie unter einem Mauerbogen hindurch. Schlitternd kam ich zum Stehen und wäre beinahe auf dem von Unrat übersäten Untergrund ausgerutscht. Ich folgte ihr, musste jedoch nach nur wenigen Schritten erneut innehalten, als mir eine Bestie von einem Hund aus dem dunklen Innern eines Hauseinganges entgegentrat. Er sah aus wie ein zu groß geratener Wolf. Von Schulter zu Schulter war er breit genug, um die Gasse auszufüllen. Von seinem Schwanz war nur ein Stummel geblieben, sein rechtes Auge war milchig weiß und von Narben gesäumt. Er hatte die Lefzen hochgezogen und entblößte knurrend seine dolchartigen Reißzähne. Über seinen Rücken hinweg sah ich die Diebin dem Verlauf der Gasse nach rechts folgen. Ich schluckte meine Angst hinunter und ging in die Hocke. Es war nur ein Tier! Nicht mein Begleiter, aber ein Freund der Druiden. Máedoc hatte mich während unserer Ausflüge in den Wald ihre Körpersprache gelehrt. Im Blick des Hundes sah ich Hunger und Angst. Nicht um sich selbst, nein, sondern um das Mädchen, das meinen Stab geklaut hatte. Sie hatte vermutlich nicht zum ersten Mal mit seiner Hilfe einen Verfolger abgeschnitten und es dem Tier mit einem Happen vergolten.
Ich wandte den Blick ab, ehe der Hund sich herausgefordert fühlen konnte, und bot ihm die offene Handfläche dar. Zwang mich, nicht daran zu denken, dass der Vorsprung der Diebin mit jeder Sekunde wuchs. Ich musste Ruhe bewahren, um das Vertrauen des Hundes zu gewinnen.
Die Bestie kam näher. Schnüffelte an meiner Handfläche und knurrte wieder.
»Ich werde deiner Freundin nicht wehtun«, sagte ich mit leiser Stimme. »Sie hat etwas genommen, das mir gehört.« Wieder sah ich dem Hund in die Augen und wich seinem Blick nach wenigen Sekunden aus. Streckte meine Hand ein wenig weiter und kraulte ihn unterm Hals. Das Knurren verstummte. Vorsichtig richtete ich mich auf. Der Hund wandte sich um, was ich angesichts seiner Größe nicht für möglich gehalten hätte, und kehrte zurück in das leerstehende Erdgeschoss, das er bewohnte. Langsamen Schrittes, um keinen seiner Jagdinstinkte zu wecken, folgte ich dem Verlauf der Gasse. Aus dem dunklen Hauseingang spürte ich den Blick der Bestie, der mir folgte, bis ich den Knick erreicht hatte. Kaum war ich außer Sichtweite, wollte ich wieder anfangen zu rennen. Da sah ich, dass der Weg in einer Sackgasse endete. Die Diebin hockte vor einem Kellerfenster und werkelte daran herum. Mein Stab lag neben ihr auf dem Boden. Sie hatte mich noch nicht bemerkt; glaubte offenbar, mich abgehängt zu haben.
Das Gitter, das das Fenster versperrt hatte, schwang mit einem leisen Quietschen nach Innen auf. Sie las den Stab auf, verschwand in dem dunklen Eingang und schloss das Gitter wieder hinter sich. Mit klopfendem Herzen trat ich näher. Ich würde ihr in das Versteck folgen und sie dort stellen. Hoffentlich war sie nicht gefährlich. Sie war vielleicht so alt wie ich und sogar noch magerer. Aber wenn meine Augen mich nicht getäuscht hatten, hatten mehrere Messer in ihrem Gürtel gesteckt.
Bevor ich das Gitter aufschieben konnte, hörte ich, wie jemand von innen daran herumhantierte. Ich wich zurück und suchte Deckung in einem Hauseingang im hinteren Teil der Gasse. Das metallische Quietschen der Scharniere ertönte erneut, und die Diebin kletterte ins Freie. Den Stab trug sie nicht mehr bei sich. Sie zog das Gitter zu und hakte ein schweres Vorhängeschloss in den Verschluss des Fensters ein. Ich würde sie jetzt stellen müssen oder warten, bis sie zurückkehrte. Das Schloss konnte ich nicht knacken. Ich wartete auf das Klicken, das für gewöhnlich den Bügel begleitete, wenn man ihn einrasten ließ, doch es blieb aus. Warum schloss sie nicht ab? Vielleicht konnte ich eine direkte Konfrontation vermeiden.
Ich wartete, bis die Diebin die Sackgasse verlassen hatte. Dann schlich ich zum Kellerfenster und untersuchte das Schloss. Der Bügel ließ sich ohne Weiteres drehen. Vielleicht besaß sie keinen Schlüssel dafür und benutzte es als eine Art Attrappe. Ich nahm es aus dem Verschluss, schob das Gitter auf und kletterte in den dunklen Kellerraum.
Meine Augen gewöhnten sich schnell an die Finsternis. Trotzdem sah ich nicht mehr als die Umrisse eines Sammelsuriums nicht identifizierbarer Dinge. Beutestücke, wie ich vermutete. Es könnte lange dauern, bis ich hier meinen Stab fände.
»Latha«, flüsterte ich in einem verzweifelten Versuch. Ich hatte das Wort noch nie ausgesprochen, ohne zugleich über den Stein zu streichen, geschweige denn den Stab in meiner Hand zu halten. Aber es funktionierte. Ein müdes Licht erwachte im Innern des Bernsteins. Es reichte kaum, um den Kellerraum auszuleuchten, wohl aber, um auszumachen, wo der Stab lag. Ich stieg über ein längliches Etwas am Boden hinweg und nahm ihn zur Hand. Im mattgoldenen Licht sah ich, dass die Nadeln an dem Zweig, der unterhalb des Bernsteins aus dem Holz wuchs, welk geworden waren. Sie hatten schon im Rumpf des Schiffes nicht mehr so gesund gewirkt, doch nun waren sie braun und trocken und leblos. Nur das Licht des Bernsteins zeugte noch von dem Leben, das dem Stab innewohnte. Ich schluckte. Mir war klar, was ihm fehlte. Es war das Licht der Sonne und saubere Luft. Es waren die grünen Wälder Normars und das Zwitschern der Vögel. Der Geruch des Regens und das Rauschen eines Meeres, das nicht vor Fäkalien und industriellen Abwässern starrte.
Ich wandte mich um und erst jetzt, als das Licht meines Stabes auf das längliche Etwas am Boden fiel, erkannte ich, dass es kein Etwas war, sondern ein Jemand: ein Junge, vielleicht fünf oder sechs Jahre älter als ich, der unter einem Berg aus Decken schlief. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Ich brauchte nicht erst zu fühlen, um zu wissen, dass er Fieber hatte. Ich ging vor ihm in die Hocke, und der Junge murmelte im Schlaf. Sein Haar war blond, wenngleich ich es erst auf den zweiten Blick bemerkte, war es doch so schmutzig, dass es fast schwarz wirkte. Ob er und die Diebin Geschwister waren?
Die Maßnahmen, die sie gegen das Fieber getroffen hatte, waren stümperhaft. Der Junge zitterte nicht, hatte also keinen Schüttelfrost. Das Gewicht der Decken und die Hitze, die sich darunter sammelte, mussten ihn erdrücken! Ich hatte Máedoc das ein oder andere Mal begleitet, wenn er einen Patienten aus unserem Dorf aufgesucht und behandelt hatte.
Der Junge murmelte etwas im Schlaf. Plötzlich hob der die Lider und blickte zu mir auf. »Gwynnifar!«, sagte er in flehendem Tonfall. Zunächst hielt ich es für ein Wort in der Sprache der Numiumer. Dann kam mir die Idee, dass es ein Name war. Hielt er mich für seine Schwester? Seine Augen glänzten. Eine Erkenntnis traf mich wie ein Schwall Eiswasser über den Kopf.
Er starb!
»Ganz ruhig«, sagte ich und legte meinen Stab neben ihn. Ich befreite ihn von einigen Decken, nahm den Stab wieder auf und blickte mich im Zimmer um. Nach kurzer Zeit fand ich, wonach ich suchte: Lappen. Sie hingen über der Lehne eines alten Stuhls und bestanden vermutlich mehr aus Dreck denn aus Stoff. Aber sie würden ihren Zweck erfüllen. Ich übergoss sie mit Wasser aus einem Eimer – nicht ohne mich zuvor davon zu vergewissern, dass es kein Behälter für die Notdurft war – und wickelte sie anschließend um die Waden des Jungen. Er stöhnte, als der kalte Stoff mit seiner Haut in Berührung kam.
Im Licht des Stabes machte ich mich wieder auf die Suche und kehrte wenig später mit einem Becher voller Wasser zurück. Ich setzte ihn dem Jungen an die Lippen, und er trank wie ein Verdurstender. Anschließend entfernte ich die Wickel. Ich hob den Stab und ließ den Blick schweifen, während ich überlegte, was ich noch tun konnte. Das mattgoldene Licht fiel auf mehrere Flaschen und Schalen, die um eine Pfanne herumstanden. Ich trat näher. Sie beinhalteten Gewürze, Mehl und andere Dinge, die man zum Zubereiten von Speisen verwendet. Das Licht des Bernsteins glitt über ein Tonbehältnis, auf dem eine Kakerlake saß, und brach sich dann im kupferfarbenen Inhalt einer Flasche mit langem Hals. Ich nahm sie und betrachtete sie mit ungläubiger Miene. War es das, was ich glaubte, dass es war? Ich legte den Bügel um, schnupperte daran und meine Vermutung bestätigte sich: Cuprumöl. Gwynnifar und ihr Bruder konnten nicht wissen, wie wertvoll es damals noch war, bevor man anfing, es industriell herzustellen. Ansonsten hätten sie es wohl längst zu Geld gemacht. Auf keinen Fall hätten sie es zum Kochen benutzt. Es gab zahlreiche alchemistische Anwendungen dafür, und hätte ich einen Kessel und einige wenige weitere Zutaten gehabt, ich hätte hier und jetzt einen Trank zusammenbrauen können, der Gwynnifars Bruder binnen weniger Stunden vollständig geheilt hätte. Aber auch unbehandelt konnte das Öl wahre Wunder wirken.
Mit der Flasche in der Hand kehrte ich zu dem Jungen zurück, der inzwischen wieder in einen fiebrigen Schlaf geglitten war und unablässig vor sich hinmurmelte. Ich kniete mich neben ihn und tupfte seine Stirn mit einem Deckenzipfel ab. Dann träufelte ich mir ein wenig von dem Cuprumöl auf die Finger und rieb damit seinen Hals und das Gesicht ein. Die Wirkung des Öls war erstaunlich. Schon nach einer Minute entspannten sich die Züge des Jungen. Sein Murmeln verstummte, seine Atemzüge wurden regelmäßig. Ich verschloss die Flasche und erhob mich. Ich hatte alles in meiner Macht Stehende getan, um dem Jungen zu helfen; mehr als man von mir hätte erwarten dürfen, nachdem das Mädchen mich bestohlen hatte. Nun war es Zeit, dass ich von hier verschwand.
Ich wandte mich um und erstarrte vor Schreck. Vor dem Zwielicht, das durch das Kellerfenster hereinfiel, zeichnete sich undeutlich der Schatten eines Menschen ab. Die Gestalt trat in das Licht meines Stabes, und ich erkannte die Diebin. Entschlossenheit und Wut dominierten die Angst in ihrem Blick. In der ausgestreckten Hand hielt sie ein Messer, das drohend auf meine Brust deutete, und um den Hals – sah ich richtig? – trug sie eine Kette aus schrumpeligen Ohren.
Ich wich zurück und brachte den Jungen zwischen mich und die Diebin. Hob die Hände, die immer noch den Stab und das Cuprumöl hielten. Das Mädchen sagte etwas.
»Ich verstehe nicht«, sagte ich mit zitternder Stimme. Die Diebin trat über ihren Bruder hinweg und drängte mich mit vorgestreckter Klinge zurück, bis ich mit dem Rücken gegen die Wand stieß. Bei meinen Ahnen, sie würde mir die Ohren abschneiden und auf ihre makabre Kette fädeln!
Sie hob das Messer.
»Gwynnifar!«, stieß ich verzweifelt hervor. Das Mädchen hielt inne. Sie starrte mich an, als hätte ich soeben den Kopf einmal um dreihundertsechzig Grad und zurückgedreht. Wieder sagte sie etwas, und obwohl ich kein Wort verstand, glaubte ich zu wissen, dass sie fragte: Woher kennst du meinen Namen?
»Ich habe deinem Bruder geholfen«, sagte ich und deutete mit der Flasche Cuprumöl in der Hand auf die schlafende Gestalt am Boden. Gwynnifar folgte meinem Blick, ohne mich aus den Augen zu lassen. Wieder sagte sie etwas, das viel bedrohlicher klang als ihre Frage zuvor, und hob abermals das Messer.
»Gwynnifar.« Dieses Mal hatte nicht ich den Namen des Mädchens ausgesprochen, sondern ihr Bruder. Seine Stimme war so schwach wie das Licht einer heruntergebrannten Kerze. Er sagte nur zwei kurze Sätze, doch sie genügten, um den Zorn aus der Miene seiner Schwester zu vertreiben. Stattdessen taxierte sie mich mit nachdenklichem Blick. Sie trat zur Seite und nickte zum Ausgang. Mit steifen Schritten stieg ich über ihren Bruder hinweg, stellte das Öl zurück neben die Pfanne und kletterte ins Freie. Zurück im Zwielicht der Stadt löschte ich als erstes das Licht meines Stabes. Dann ließ ich mich mit dem Rücken an einer der Hauswände nieder und vergrub das Gesicht in den Händen. Ich dachte an Mutter und musste mich zwingen, nicht in Tränen auszubrechen. Ich musste stark sein; einen kühlen Kopf bewahren! Nur so konnte ich zu ihr zurückfinden.
Sobald ich wieder ruhig atmen konnte, überlegte ich. Vielleicht war ich an der Grenze zum Hafen, wo es weniger Menschen gab, besser aufgehoben. Ich stand auf, folgte dem Verlauf der Gasse zurück und trat unter dem Mauerbogen hindurch. Anstatt wieder zur Straße zu gehen, folgte ich dem Verlauf der Gasse nach links. Auf Abwegen war ich vermutlich sicherer.
Wie wenig ich über eine Stadt wusste, zeigte sich jetzt, als mir schon nach der ersten Biegung ein Junge mit pickeligem Gesicht entgegentrat. Auch er war mager, dafür um einen Kopf größer als ich. Seine Kleidung war abgewetzt, seine Füße nackt und so schwarz, dass es schien, als trüge er Socken. Energischen Schrittes trat er mir entgegen, den gierigen Blick auf meinen Stab gerichtet. Seine Mundwinkel zuckten. Unweigerlich fühlte ich mich wie im Pelz einer Maus, die einer Katze gegenüberstand, wissend, dass ihr Schicksal nicht damit besiegelt wäre, gefressen zu werden, sondern dass man sie zuvor zu Tode spielen würde.
Ich wandte mich um, musste jedoch feststellen, dass ein weiterer Junge, noch größer als der erste, mir den Rückweg abgeschnitten hatte. Seiner Statur nach zu urteilen, war er das Alphatier unter den Straßenkindern. Hunger schien er keinen zu leiden.
Schon hatte der Pickelige mich erreicht und stieß mir grob in den Rücken. Ich stolperte und stürzte in den Schmutz, nicht ohne mir die Handflächen aufzuschürfen. Beim Versuch, den Sturz abzufangen, fiel mir der Stab aus den Händen, rollte klappernd über den Boden und blieb vor den Füßen des Alphatiers liegen.
Der Junge sagte etwas, wobei sein Mund sich zu einem hässlichen Lächeln verzog, und hob den Stab auf. Mit gieriger Miene betrachtete er den Bernstein. Seine Finger legten sich um das Juwel und versuchten, es aus seiner natürlichen Fassung zu zerren.
»Nicht!«, rief ich und rappelte mich auf. Doch der Pickelige kam mir zuvor. Er hakte seinen Fuß hinter mein Bein, und ich stürzte erneut. Das Alphatier lachte. Es nahm die Enden meines Stabes in je eine Hand, legte ihn übers Knie und brach ihn mit einem Ruck in zwei.
»Nein …« Die Stimme versagte mir. Das durfte nicht sein. Der Stab war zerstört, und mein Traum, ein Druide zu werden, mit ihm.
Das Alphatier warf seinem Kumpan die untere Hälfte des Stabes zu, und die beiden bauten sich über mir auf. Das Letzte, was ich sah, bevor sie mit den Bruchstücken auf mich einprügelten und ich die Augen zusammenkniff und die Arme schützend über dem Kopf hielt, waren ihre zu fiesem Grinsen verzerrten Münder. Ihre Schläge lösten Schmerzexplosionen in mir aus, als befände sich Sprengstoff unter jedem Zentimeter meiner Haut, der detonierte, wenn man ihn traf. Ich flehte zu meinen Ahnen, dass sie aufhören mochten, dass ich doch wenigstens das Bewusstsein verlor. Doch diese Gnade wurde mir nicht zuteil. Meine anfänglichen Schreie verebbten zu einem Wimmern. Als sie schließlich von mir abließen, war die Welt auf das Bündel aus Schmerzen zusammengeschrumpft, zu dem ich geworden war. Jede noch so kleine Bewegung schlug wie die Taste eines Cembalos auf die peinvoll schwingenden Saiten meines Leibes ein. Ein leiser, unkontrollierter Laut drang zwischen meinen aufgeplatzten Lippen hervor. Dass ich keinen Zahn verloren hatte, grenzte an ein Wunder.
In meinem Sichtfeld, das sich an den Rändern trübte, während ich auf der Grenze zur Ohnmacht balancierte, tauchten die Beine meiner Peiniger auf. Durch das Klingeln in meinen Ohren hörte ich, wie sie in der fremden Sprache der Numiumer ein paar Worte wechselten. Dann erschien der Bernstein in meinem Sichtfeld, als das Alphatier das Bruchstück meines Stabes mit der Spitze voran auf dem Boden absetzte. Dumpf nahm ich wahr, dass etwas, das dem Stein bislang innegewohnt hatte, verloren gegangen war; ein Glanz, der nichts mit dem Licht zu tun hatte, in dem der Stein bisweilen erstrahlt war. Es war, als blickte ich in die Augen eines Menschen, in denen der Funke des Lebens verloschen war.
Das Alphatier hob seinen in einem zerfledderten Stiefel steckenden Fuß und ließ ihn mit Wucht knapp unterhalb des Bernsteins auf den Stab krachen. Laut knackend brach die Spitze ab. Neben meinen physischen Schmerzen bohrte sich nun auch Trauer in meine Brust. Meine Augen brannten, und Tränen rannen mir über das Gesicht, ohne dass ich einen meiner geschwollenen Gesichtsmuskeln verzog.
Meine Peiniger warfen die Überreste des Stabes achtlos in den Dreck. Anschließend sammelte das Alphatier den Bernstein ein und entfernte sich, während sein Kumpan mir die Schuhe auszog und meine Taschen durchwühlte. Nachdem er mir alles bis auf die Kleider am Leib genommen hatte, ging auch er. Ließ mich zurück wie eine Kakerlake, auf die er getreten war, dazu verurteilt, qualvoll am Boden zu verenden.
Schließlich sank ich doch in gnädige Besinnungslosigkeit. Ich erwachte, als Unrat von einer der höheren Ebenen auf mich herabregnete. Ich schlug die Augen auf – oder besser gesagt das Auge; das andere fühlte sich an, als habe es jemand aus seiner Höhle gerissen und durch einen faustgroßen Apfel ersetzt – und sah verschwommen die Brücken der zweiten und dritten Ebene, die sich über die Gasse spannten. Meine Glieder waren taub und kalt, obwohl es ein warmer Tag war. Ich stöhnte und versuchte, mich aufzusetzen, was meinen geschundenen Leib augenblicklich dazu veranlasste, Salven des Schmerzens abzufeuern. Eine Ratte, die mich wohl schon für tot gehalten hatte, rannte quiekend davon.
Ich sank zurück und starrte mit trübem Blick nach oben. Meine Gedanken fanden wie schon so oft, seit ich als blinder Passagier in das Schiff der Numiumer geraten war, zu meiner Mutter. Meine Lippen zitterten. Ob sie die Hoffnung schon aufgegeben hatte? Es war ein Glück, dass sie nicht wusste, welches Schicksal ihr Sohn gefunden hatte. Vielleicht stellte sie sich vor, dass auch ich vom Winde verweht worden war. Dass ich nun an der Seite meines Vaters säße, auf einer tropischen Insel vor der Westküste von Origon. Wir lebten in einem Dorf zusammen mit schwarzhäutigen Einheimischen, fingen Fische und aßen die Fürchte des üppigen Dschungels, der einen Großteil der Insel bedeckte.
Mein Tagtraum fand ein abruptes Ende, als eine verschwommene Gestalt in meinem Sichtfeld erschien. Ein Jemand mit schmutzig blondem Haar und einer Kette welker Ohrmuscheln um den Hals hockte sich neben mich und legte zwei Finger an meinen Hals. Dann erhob sie sich, fasste mich bei den Fußknöcheln und schleifte mich durch die Gasse. Das matte Stöhnen, das über meine Lippen kam, wurde meinen Schmerzen nicht einmal ansatzweise gerecht. Zahlreiche bereits verkrustete Wunden rissen auf. Mehrmals stieß ich mir den Kopf an einem hervorstehenden Pflasterstein. Ich sah einen Mauerbogen über mir vorbeiziehen, sah kurz die wolfsähnliche Schnauze eines Hundes, der an mir schnüffelte. Dann wurde es dunkel um mich herum, als ich mit den Füßen voran durch ein Kellerfenster gezerrt wurde. Nur kurz belastete ich die Beine und meine geprellten Knochen schrien auf. Dann wurde ich unter den Armen gefasst und nicht gerade sanft, aber immer noch sanfter, als wenn ich gestürzt wäre, auf dem Boden abgelegt.
Gwynnifars Gesicht erschien über mir. Sie fing an, meine Wunden zu säubern. Ich versuchte, mich von den Schmerzen abzulenken, indem ich mich auf ihr Gesicht konzentrierte. Zwei Linien führten wie die Ufer eines Flussbettes von ihrem Nasenvorhof zum v-förmigen Amorbogen ihrer Lippen. Ihre Oberlippe ähnelte der Silhouette zweier Wale, die einander küssten, und ihre grünen, konzentrierten Augen denen meiner Mutter. Eine Zeit lang gab ich mich der Illusion hin, dass es Laya war, die mich versorgte. Schließlich kam ich nicht umhin zu bemerken, dass Gwynnifars Brauen anders geschwungen waren. Auch ihre Nase war etwas markanter, ihre Züge runder und umrahmt von schmutzig verfilztem Haar.
Schließlich ließ das Mädchen von meinem Gesicht ab, zog mir das Leinenhemd über den Kopf und setzte ihre Arbeit an meinem Oberkörper fort. Nun war da nur noch die dunkle Kellerdecke in meinem Blickfeld. Ich schloss die Augen. Die Verletzungen, die sie gesäubert hatte, fühlten sich bereits besser an, aber dort, wo sie mich mit dem Lappen berührte, schmerzte es. So sehr, dass in meinem Kopf nicht einmal Platz für Scham war, als sie mich schließlich bis auf die Unterwäsche auszog, um auch den Rest der Wunden zu behandeln.
Als sie fertig war, setzte sie einen Becher Wasser an meine Lippen, und ich trank in kleinen Schlucken. Dann fütterte sie mich mit einem Stück trockenen Brotes, von dem ich kaum zwei Bissen hinunter bekam. Mehrere Schläge, die ich auf den Kopf bekommen hatte, schienen vorläufig jegliches Hungergefühl aus meinen Gedanken vertrieben zu haben. Ich glitt in einen unruhigen, nicht lange währenden Schlaf. Als ich erwachte, glaubte ich, in Flammen zu stehen. Ich vernahm gemurmelte Stimmen und Schritte. Versuchte, die Augen zu öffnen, musste aber feststellen, dass eine Kruste meine Lider verklebt hatte. Ich stöhnte matt und wollte mich aufrichten. Allein das Gewicht der Decken hielt mich am Boden fest und machte mir das Atmen schwer.
Flackernder Kerzenschein schien durch meine Lider. Jemand sagte etwas – ein Junge. Im nächsten Moment wurde das Gewicht einiger Decken von meiner Brust entfernt, und ich atmete auf. Jemand tupfte mir mit einem feuchten Lappen über die Stirn, und ich vernahm den unverwechselbaren Geruch des Cuprumöls. Vier Finger fingen an, das Öl in die Haut meines Gesichts einzumassieren mit zarten Berührungen und so umsichtig um meine Verletzungen herum, als wäre ich ein Neugeborenes, das von seiner Mutter gestreichelt wurde. Ich vernahm Gwynnifars Stimme aus einem anderen Winkel des Raumes und schloss daraus, dass es ihr Bruder sein musste, der mich behandelte. Die Diebin klang unwillig, als wäre sie nicht glücklich darüber, dass sie mir meine Hilfe vergolten, indem sie ihr wertvolles Öl für mich vergeudeten. Ihr Bruder antwortete in ruhigem Ton.
Nach einer Weile reduzierte sich die Hitze in meinem Körper zu einer stillen Glut. Ich schlief wieder ein. Begab mich auf eine regelrechte Berg- und Talfahrt, während ich erst tief und traumlos ruhte und mich dann von Fieberträumen und Schmerzen geplagt unter den Decken wand, bis man mir erneut das Gesicht mit Cuprumöl einrieb. Mindestens zwei Nächte verbrachte ich im Versteck des Geschwisterpaars, was ich nur daran erkannte, dass mal Zwielicht durch das Kellerfenster hereinfiel, mal allenfalls das Licht einer Kerze oder eines Feuers das Innere des Raums erhellte. Zumindest gelang es mir, das eine meiner Augen zu öffnen, das es weniger schlimm getroffen hatte.
Als ich am dritten Tag erwachte, fühlte ich mich wie durch eine Walkmühle gepresst. Meine Kehle war ausgetrocknet und doch wusste ich, dass ich das Schlimmste überstanden hatte. Es roch nach Rauch und brutzelndem Öl. Ich brachte mich in eine halbaufrechte Position und wandte mich um. Gwynnifars Bruder hockte vor einem kleinen Feuer neben dem Eingang zu ihrem Versteck und briet etwas. Der Rauch zog mehr schlecht denn recht durch das Fenster ab. Seine Schwester lehnte an der gegenüberliegenden Wand, halb verborgen hinter einem mit wertlosem Zeug beladenen Tisch, und schnitzte an einem Stock. Als sie mich bemerkte, sah sie zu ihrem Bruder und sprach ein Wort: »Runis!« Ob es eine Warnung war? Oder bedeutete es vielleicht so viel wie Sieh mal? Der Junge wandte sich um, und seine Miene hellte sich auf. Er stellte die Pfanne beiseite und erhob sich, kam einen Schritt auf mich zu und fragte etwas. Ich begegnete seinem Blick mit ratloser Miene.
»Ich verstehe euch nicht«, sagte ich.
Der Junge wechselte einen Blick mit Gwynnifar. Dann sah er wieder zu mir, deutete auf seine Brust und sagte: »Runis.« Ich nickte zum Zeichen, dass ich verstanden hatte. Runis war also sein Name. Der Junge deutete auf seine Schwester und sagte: »Gwynnifar.« Dann deutete er auf mich und hob fragend die Brauen.
»Norin«, sagte ich und räusperte mich. »Ich habe Durst.« Ich mimte einen Becher, aus dem ich trank. Runis nickte und ging wieder zur Feuerstelle. Kurz darauf kehrte er mit einem Becher voll Wasser zu mir zurück. Mir entging Gwynnifars finstere Miene nicht. Offenbar war sie gar nicht glücklich darüber, dass ihr Bruder so bereitwillig ihre Ressourcen teilte. Ob Wasser an diesem Ort wertvoll war? In meinem Dorf gab es einen Brunnen, und in den Wäldern meiner Heimat unzählige Quellen.
Ich leerte den Becher in einem Zug und blickte dann verunsichert von Gwynnifar zu Runis. Ohne zu zögern nahm der Junge den Becher und füllte ihn erneut. Gwynnifar verschränkte die Arme vor der Brust. Wieder trank ich. Dann erst bemerkte ich, dass der Junge dieses Mal auch die Flasche mit dem Cuprumöl mitgebracht hatte. Er zeigte sie mir und hob abermals fragend die Brauen.
»Cuprumöl«, sagte ich.
»Cup-rum-ol«, wiederholte Runis. Er stellte die Flasche auf den Boden, griff in seine Hosentasche und brachte eine Hand voll Kupfermünzen zum Vorschein. Damit formte er drei Häufchen, von denen einer größer war als der nächste. Er bewegte die Flasche davor hin und her und sah wieder fragend zu mir. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich begriff, worauf er hinauswollte: Er wollte wissen, ob das Öl wertvoll war. Ich nahm die Flasche und stellte sie vor den größten Haufen. Runis warf einen freudig erregten Blick zu seiner Schwester, und selbst Gwynnifar konnte ihre finstere Miene nicht wahren. Sie löste ihre verschränkten Arme und trat einen Schritt näher. Runis erhob sich und holte ein weiteres Gefäß aus der Kochecke. Er reichte es mir und wartete mit gespannter Miene. Ich hob den Deckel und darunter kam ein weißes Pulver zum Vorschein. Ich roch daran und zerrieb anschließend eine Prise der körnigen Substanz zwischen Daumen und Zeigefinger. Ich ahnte, was es war, und wusste auch, wie ich meine Vermutung bestätigen konnte. Ich behielt wenige Körner zwischen Daumen und Zeigefinger, stellte das Gefäß beiseite und stand auf. Noch immer schmerzte jeder Zentimeter meines Körpers, aber immerhin konnte ich mich bewegen. Mit steifen Schritten ging ich zur Feuerstelle und warf die Körner in die Flammen. Obwohl sie kaum größer als Sandkörner waren, vergingen sie in einem gleißend weißen Blitz, der sich in meine Netzhaut brannte. Ich schluckte. Detomagnesium; genug, um alles und jeden in diesem Raum zu zerfetzen, sollte es mit dem Feuer in Berührung kommen. Wie waren sie in seinen Besitz gelangt? Ich sah zu Gwynnifar und glaubte, irgendwo hinter ihrer bröckelnden finsteren Miene eine Spur von Schuldbewusstsein zu sehen. War sie in das Labor eines Alchemisten eingebrochen?
Ich deutete auf das Pulver. »Nicht neben dem Feuer aufbewahren«, sagte ich. Ich schüttete das Pulver aus einem imaginären Glas ins Feuer und imitierte das Geräusch einer Explosion. Runis nickte, schien aber keinen weiteren Gedanken an die Tatsache zu verschwenden, dass er und seine Schwester seit einiger Zeit ihr Heim mit einer Bombe teilten. Er deutete auf die Münzhaufen. Ich zögerte. Das Cuprumöl hatte ich eindeutig zuordnen können, weil es selten war. Doch im Allgemeinen wusste ich nicht viel über den Wert alchemistischer Zutaten. Máedoc und ich hatten sie meist selbst hergestellt oder gesammelt. Nur bei den seltenen Gelegenheiten, da sich ein reisender Händler in unser Dorf verirrt hatte, hatten wir damit gehandelt. Ich war mir sicher, dass Detomagnesium nicht so wertvoll war wie Cuprumöl. Für Runis und Gwynnifars Verhältnisse jedoch wäre das, was man dafür bekommen konnte, immer noch ein Vermögen. Ich stellte es zu der Cuprumölflasche neben den größten Münzhaufen. Runis jauchzte, und Gwynnifars Miene hellte sich endgültig auf. Eine Zeit lang schienen sie vergessen zu haben, dass ich anwesend war. Sie redeten auf schnellem Numiumisch miteinander. Vielleicht überlegten sie, wo sie die Zutaten am schnellsten zu Geld machen konnten. Schließlich sah Gwynnifar zu mir und sagte etwas in unverkennbar kühlem Tonfall, der mich alles andere als willkommenen Gast konstatierte. Runis folgte ihrem Blick mit gequälter Miene.
»Norin«, sagte Gwynnifar, und es hätte nicht mehr Unbarmherzigkeit in diesem einen Wort liegen können. Sie deutete zuerst auf mich, dann zum Kellerfenster. Ich hatte verstanden. Sie wollte weder ihre Schätze noch ihr Versteck mit mir teilen. Wieso sollte sie auch? Sie kannten mich nicht und hatten ihre Schuld beglichen. Mit hängenden Schultern humpelte ich durch den Raum. Während ich aus dem Fenster kletterte, stellte Runis seiner Schwester eine Frage. Ihre schroffe Antwort erstickte meine Hoffnung im Keim.
»Norin«, hörte ich Runis’ Stimme, kaum war ich draußen in der Gasse. Ich wandte mich um und sah, dass er mir einen Kanten Brot und zwei Münzen hinhielt; eine kupferne und eine messingfarbene. Unter Gwynnifars missbilligendem Blick nahm ich die Geschenke entgegen, und er verabschiedete sich mit einem Kopfnicken. Ich kehrte zunächst zur Straße zurück, ließ mich dort auf einer modernden Kiste nieder und aß die Hälfte des Brotes. Die andere Hälfte steckte ich mir in die Hosentasche und ging dorthin, wo ich überfallen worden war. Eine Hälfte meines Stabes war noch dort. Ich sammelte sie ein und machte mich auf den Weg zum Hafen. Unterdessen überlegte ich, wie ich erklären sollte, dass ich nach Normar wollte, ohne ein Wort Numiumisch zu sprechen. Ich hatte immer noch keine Idee, als ich den Hafen erreichte. Das Summen und Rattern der synaígischen Maschinerie sowie das Tönen der Schiffshörner und Schmieden formten einen so dichten Lärmnebel, dass selbst meine Gedanken darin unterzugehen schienen. Zum ersten Mal sah ich diesen Ort mit Augen, die nicht an die Finsternis eines verschlossenen Frachtraums gewöhnt waren. Unzählige Schiffe ankerten im Hafenbecken. Manche so klein wie das, das mich hergebracht hatte; andere größer, als ich für möglich gehalten hätte. Fast alle hatten Segel, doch bedienten sie sich offenkundig auch der Synaígie. Davon zeugten Schaufelräder und Schiffsschrauben. Staunend starrte ich auf die dreimastige Fregatte, die vor mir am Ende eines Anlegestegs ankerte. Die Segel waren eingeholt und kamen vermutlich nur dann zum Einsatz, wenn der synaígische Motor seinen Dienst versagte und die jeweils fünf Schaufelräder back- und steuerbord nicht mehr antreiben konnte. Noch mehr staunte ich, als ich den Frachter bemerkte. Er war so weit weg, dass ich nur ahnen konnte, wie groß er wirklich war, doch musste er um ein Vielfaches größer als die Fregatte sein. Kleinere Transportschiffe fuhren zwischen ihm und der Kaimauer hin und her und brachten sein Ladegut an Land, das dann in eines von zahllosen Lagerhäusern gebracht wurde. Holzkräne – manche fahrbar gelagert auf Schienen – zerrten Kisten mit Waren aus den Frachträumen der Transporter wie einarmige Raubtiere, die Fleisch aus ihrer Beute rissen. Werfthallen gliederten den Hafen in unterschiedlich lange Segmente. In unmittelbarer Nähe spien Schmieden und Eisenwerke dunklen Rauch in den Himmel. Es war, als konzentrierte sich die gesamte Industrie Tabulons auf den schmalen Streifen zwischen Stadt und Meer. Dazwischen wuchsen Buden wie Pilze aus dem Boden. Ein steter Strom aus Leibern bewegte sich daran vorbei, teilweise so dicht gedrängt, dass den Menschen kaum Zeit blieb, stehen zu bleiben und die Waren zu betrachten. Eine Zeit lang war ich unfähig, mich zu rühren, überwältigt von der Flut aus Sinnesreizen, die auf mich einprasselte wie ein donnernder Wasserfall. Ich tat nur wenige Schritte und wurde vom Strom der Menschen mitgerissen wie von einem rotierenden Ritzel hinein in eine niemals ruhende Maschinerie. Ich sah andere Kinder – der abgewetzten Kleidung und den nackten, schmutzigen Füßen nach zu urteilen Obdachlose. Geschickt flitzten sie zwischen den Beinen der Menschen durch und sammelten alles ein, was auf dem Boden landete. Mehrmals bemerkte ich, wie sie sich am Taschendiebstahl versuchten. Es endete fast auf die immer gleiche Weise: Das Opfer bemerkte sie und vergalt ihnen ihre Dreistigkeit mit einer schallenden Ohrfeige.
Während ich vorwärts gedrängt wurde, sprach ich wahllos Menschen an in der Hoffnung, jemanden zu finden, der Normar verstand. Die wenigsten würdigten mich überhaupt eines Blickes. Mehrmals wurde ich unsanft zurückgestoßen, einmal so heftig, dass ich auf dem Hinterteil landete. Ein anderes Mal warf mir jemand eine Kupfermünze hin, ohne seinen Schritt zu verlangsamen. Ich wurde schon weitergedrängt, während ich noch auf die Münze starrte, als ein Mädchen zwischen den rastlos schreitenden Beinen auftauchte, die Münze aufpickte und genauso schnell verschwand, wie es erschienen war. Ich war für die Menschen hier bloß ein weiteres, bettelndes Kind.
Als mein lädiertes Knie immer heftiger protestierte, und ich mich fragte, ob die Menschen mich einfach zu Tode trampeln würden, sollte ich einknicken, floh ich bei nächster Gelegenheit aus dem Gedränge zwischen den Buden. Ich fand mich in unmittelbarer Nähe der Kaimauer wieder. Nicht weit von mir entfernt ankerte eine Kogge, ähnlich der, die mich hergebracht hatte. Eine Brücke führte vom Deck des Schiffes an Land. Davor waren zwei Männer in ein Gespräch vertieft. In den Händen hielten sie je eine doppelläufige Flinte, die sie auf den Boden abgesetzt hatten: synaígische Feuerwaffen. Nie zuvor hatte ich eine zu Gesicht bekommen. Die Bedrohung, die von diesen Mordwerkzeugen ausging, umgab die Männer wie eine tödliche Aura. Wer sie schnitt, beschleunigte wie von selbst seine Schritte. Ich rang meine Angst nieder und trat geradewegs dazu. Vielleicht hatte ich Glück, und einer von diesen beiden würde mich verstehen.
Ich trat näher. »Bitte entschuldigt«, sagte ich. Das Gespräch der Männer fand ein abruptes Ende und sie wandten die Köpfe. »Spricht einer von euch Normar?« Ich erhielt eine schroffe Antwort, und sie setzten ihr Gespräch fort. Ich tat noch einen Schritt. »Ich verstehe euch nicht …« Wieder verstummten sie und sahen zu mir. Dann hob einer von ihnen die Waffe und richtete den Lauf auf meine Brust. Erschrocken stolperte ich rückwärts und wäre beinahe gestürzt. Ich wandte mich um und humpelte so schnell davon, wie es mein kaputtes Knie erlaubte. Dabei bemerkte ich die erwartungsvollen Gesichter von gleich drei Kindern, die vermutlich darauf hofften, dass ich niedergeschossen wurde, um meine Leiche zu plündern. So allmählich festigte sich ein Bild dieser Stadt. Hier führten die der untersten Ebene täglich einen Kampf ums Überleben.
Zunächst war es mir ein Rätsel, woher all diese Menschen im Hafen kamen, die zwar nicht wohlhabend zu sein schienen, jedoch kein Vergleich zu den abgewetzten Gestalten im Stadtinnern waren. Dann bemerkte ich die Türme, die in regelmäßigen Abständen vor der dreistöckigen Häuserfront aufragten. Breite Brücken führten von der zweiten und dritten Ebene ins Turminnere. Vor allem auf der Brücke der zweiten Ebene strömten einerseits unablässig Menschen in den Turm, andererseits vom Turm zurück hinter die Häuserfront. An einem Portal mit Fallgitter am Fuße des Turms herrschte ein ebensolches Kommen und Gehen. Zwei Aufzüge seitlich am Bauwerk beförderten unablässig Kisten und Fässer hinauf und hinab. Mehrere schwer bewaffnete Wachen hielten das Gesindel auf Abstand, das sich so nahe wie möglich um den Turm versammelt hatte, um die Mittel- und Oberschicht anzubetteln.
Gegen Mittag schmerzte mir vom Lärm und der schlechten Luft der Kopf. Ich ließ mich auf einem Poller nieder und aß den Rest des Brotes, das Runis mir geschenkt hatte. Wieder verspürte ich Durst, und allmählich wurde mir klar, dass ich bald ganz andere Sorgen hätte, als in meine Heimat zurückzukehren. Ich war erst seit wenigen Tagen hier, doch schon hatte diese Stadt mich in ihren gierigen Klauen; zog mich mit jeder Sekunde tiefer in ihr Nest, wo sie mich über Jahre hinweg aussaugen würde, bis ich nur noch eine leblose Hülle wäre.
Mit einem Kloß im Hals holte ich die Münzen hervor, die Runis mir geschenkt hatte, und betrachtete sie im grellen Licht der Sonne. Das Gesicht irgendeines ernst dreinblickenden Lords im Profil war ins Metall der Messingfarbenen geprägt worden. Entlang des Randes stand etwas geschrieben, das ich nicht lesen konnte. Zumindest verwendeten die Numiumer ein Zeichensystem, das ich kannte: guntrische Buchstaben. Auch die andere Seite der Münze wurde entlang des Randes von einem Schriftzug beansprucht sowie in ihrem Zentrum von der Prägung eines Schiffes. Eine Zahl war nicht darauf abgebildet. Auf der Kupfermünze hingegen prangte vorne eine Eins, hinten wieder das Gesicht des Lords.
Aus den Augenwinkeln bemerkte ich eine Bewegung. Ich hob den Kopf und sah einen Jungen von vielleicht sechs oder sieben Jahren, der einen Punkt an der Kaimauer nicht weit von mir entfernt ansteuerte. Er warf mir einen Blick zu; nein, er sah zu den Münzen in meiner Hand! Es hätte wie beiläufig gewirkt, wäre nicht ein unverkennbar gieriger Ausdruck über sein Gesicht gehuscht. Ich ließ das Geld wieder in der Hosentasche verschwinden – jede Münze in eine andere, damit sie beim Gehen nicht klimperten – und griff nach dem Bruchstück meines Stabs. Unsere Blicke trafen sich, und der Junge verzog sich.
Ich erhob mich und während ich durch den Hafen humpelte, darauf bedacht, stark belebte Zonen zu meiden, überlegte ich, etwas zu trinken zu kaufen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich sonst an Wasser kommen sollte, doch sollte ich mit dem bisschen Geld, das ich hatte, sparsam umgehen. Ich wollte zunächst herausfinden, ob es einen Brunnen gab.
Ich durchquerte den Hafen, ließ die Welt von Lärm und Rauch hinter mir und tauchte ein ins Zwielicht unter den Brücken. Ich mied die Gassen und sorgte dafür, dass die Hälfte meines Stabes jederzeit sichtbar war. Mager und humpelnd gab ich vermutlich keine bedrohliche Gestalt ab. Doch zugleich musste allen klar sein, dass es bei mir, wenn überhaupt, nur wenig zu holen gäbe.
Ich folgte einer Straße bis zum Ende und bog dann nach rechts ab. Der Anblick abgerissener Gestalten, die mir aus tiefliegenden Augenhöhlen nachblickten sowie am Boden liegender Männer und Frauen – ich wusste nicht, ob sie schliefen, high oder tot waren – fütterten meine wachsende Verzweiflung. Ich lenkte mich ab, indem ich darüber nachdachte, welcher Plan dem Bau der Stadt zugrunde liegen mochte. Máedoc hatte mir einst von Noviomaridum erzählt und dass es Jahre der Planung gedauert hatte, ehe der erste Stein gesetzt worden war. Nach einiger Zeit kam mir jedoch der Verdacht, dass diese Stadt ohne System hochgezogen worden war. Straßen und Gassen waren willkürlich angeordnet, als ob es sich um ein abstraktes Kunstwerk handelte. Nur der Sonne, kaum sichtbar durch das Netz aus Brücken, verdankte ich, dass ich überhaupt wusste, in welcher Richtung das Meer lag. Nach einigen Stunden ziellosen Umherirrens überlegte ich, zum Hafen zurückzukehren. Der Tag näherte sich dem Ende. Trotz des Cuprumöls forderten die vergangenen Nächte im Fieber nun ihren Tribut, und auch der Durst zehrte an meinen Kräften. Ich bemerkte einen halbwüchsigen Jungen, der einen rostigen Eimer in der Hand hielt. Kurzentschlossen heftete ich mich an seine Fersen. Wenig später traten wir auf einen Platz hinaus, auf dem sich dutzende Gestalten tummelten. Trotz der hereinbrechenden Nacht war es hier vergleichsweise hell. Nur zwei Brücken kreuzten die Fläche, sodass das schwindende Tageslicht bis zum Boden reichte. Der Junge verschwand im Gewühl, doch erblickte ich weitere Eimer, manche leer, andere bis zum Rand gefüllt mit Wasser. Ich arbeitete mich bis zur Mitte des Platzes vor, und da war er: ein Brunnen. Allein der Anblick des Runds gemauerter Steine trieb mir die Tränen in die Augen. Sogleich sah ich mich dem nächsten Problem gegenüber: Ich hatte keinen Eimer. Ich ließ den Blick schweifen und bemerkte nicht weit entfernt eine am Boden liegende Gestalt mit langem, verfilztem Bart. Neben ihrem Kopf stand ein rostiger Eimer. Vorsichtig trat ich näher. Augen und Mund des Mannes standen offen. Mir wurde eiskalt. Er sah aus wie tot, und doch machte niemand mehr Aufsehen darum, als wenn hier eine tote Ratte gelegen hätte. Ich stieß ihm mit einem Ende meiner Stabhälfte vor die Brust. Der Mann grunzte und schlug mit der Hand durch die Luft, wie um eine lästige Fliege zu verscheuchen. Ich atmete auf. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, ging ich um ihn herum und nahm den Behälter. Der Mann reagierte nicht, und ich reihte mich in die Schlange der Durstigen. Eine gefühlte Ewigkeit später hatte ich endlich einen halbvollen Eimer und führte mit den Händen gierig das schmutzige Wasser zum Mund.
Bevor ich den Platz verließ, stellte ich den Behälter zurück neben den scheinbar paralysierten Mann. Noch hatte ich nicht lange genug hier gelebt – hatte nicht den Atem des Todes im Nacken gespürt –, als dass diese Stadt die mir anerzogenen Tugenden schon verdorben hätte. Ich kehrte zurück in die Dunkelheit außerhalb des Platzes. Wieder knurrte mein Magen, doch eine sichere Bleibe für die Nacht zu finden hatte jetzt Vorrang.
Ich hatte kaum zwei Häuserblocks zwischen mich und den Platz mit dem Brunnen gebracht, als Geschrei zu meiner Linken ertönte. In einer Gasse stritten zwei Männer. Es gab dort nur wenige Brücken und das fahle Licht des Mondes beschien die Szenerie. Der eine schien dem anderen aufgelauert zu haben. Schon wurden sie handgreiflich. Ehe ich wusste, wie ich reagieren sollte, hatte der eine den anderen gepackt und seinen Kopf gegen die Mauer gestoßen. Ich zuckte zusammen. Wollte fliehen, doch meine Beine gehorchten mir nicht. Der Mann sackte zusammen. Blut lief aus einer Platzwunde an seinem Hinterkopf. Sein Kontrahent beugte sich über ihn und fing an, dessen Taschen zu durchwühlen. Er brachte etwas zum Vorschein – etwas Weißes, das im Mondlicht glitzerte – und kurz schienen seine Augen zu leuchten. Dann brach er ein Stück davon ab und steckte es sich in den Mund. Eine Zeit lang stand er da und lutschte. Das Mondlicht beschien sein Gesicht, das glückselige Züge annahm. Er lächelte breit und zeigte dabei zwei Reihen blendend weißer Zähne. Ich stutzte. Der Mann war von den Spitzen seiner zerlumpten Schuhe bis hin zu den verfilzten Haaren ein einziges Wrack. Doch seine Zähne waren so makellos, als wären sie im Innern einer Perlmuschel herangewachsen.
Der Rest von dem, wofür er wenige Minuten zuvor noch bereit gewesen war zu töten, ja, womöglich sogar getötet hatte, fiel ihm aus der Hand. Leise summend ließ er sich neben der reglosen Gestalt nieder und legte den Kopf in den Nacken, wie um den Anblick der Sterne zu genießen.
Unschlüssig verharrte ich. Wenn die Menschen sich für dieses weiße Zeug gegenseitig umbrachten, musste es wertvoll sein.
Zögerlich und ohne den unverwandt lächelnden Mann aus den Augen zu lassen, trat ich näher. Ich beugte mich zu dem Reglosen herab und hielt ihm einen Finger unter die Nase. Er atmete. Zum zweiten Mal innerhalb von weniger als einer Stunde fiel mir eine Last vom Herzen. Das blutverklebte Haar des Mannes glänzte im Mondlicht, aber er lebte. Vorsichtig stieg ich über ihn hinweg und sammelte das im Mondlicht leuchtende Ding ein. Es sah aus wie ein wild wuchernder Kristall – offenbar eine Droge. Nur welche? Mir fielen gleich mehrere Rauschmittel ein, deren Beschreibungen aus Máedocs Büchern auf den Kristall zutrafen. Hätte ich in diesem Moment an die blendend weißen Zähne des Mannes gedacht, ich hätte sofort gewusst, dass es sich um Nimbuszucker handelte. Doch hatte dieser Zucker eine einzigartige Wirkung auf die Aura ihrer Konsumenten, die dazu führte, dass der Mann einschließlich seiner Zähne aus dem Rampenlicht meiner Gedanken getreten war. Eine Wolke des Vergessens hüllte ihn ein, sodass ich es nicht einmal bemerkte, wie er fortging. So glaubte ich, dass es nur eine Möglichkeit gäbe, die Droge zu identifizieren …
Ich brach ein Stück von dem Kristall ab – nicht viel; ich wusste, dass meine Kondition nicht mit der eines Erwachsenen zu vergleichen war, schon gar nicht mit einem, der den Konsum der Droge bereits gewöhnt war. Ich steckte mir den Rest des Kristalls in die Tasche und das Stück in den Mund.
Es schmeckte süß. Süßer als alles, was ich je in meinem Leben gekostet hatte. Das Wasser lief mir im Mund zusammen und löste den Kristall binnen Sekunden auf. Ich schluckte. Eine Zeit lang stand ich bloß da und wartete darauf, dass etwas passierte. Vielleicht war das Stück doch zu klein gewesen. Ich stieg über den am Boden liegenden Mann hinweg und verließ die Gasse. Wie von selbst setzte ich einen Fuß vor den anderen, ziellos, und ließ die Gedanken schweifen. Sollte ich noch etwas von dem Kristall schlucken? Warum nicht?
Aber warum doch?
Aus irgendeinem Grund war es mir einerlei. Vielleicht sollte ich mich lieber auf die Suche nach einem sicheren Schlafplatz machen. Aber warum?
Andererseits: Warum nicht?
Nichts war mehr von Bedeutung. Nicht, dass ich mutterseelenallein war, Hunger und kein Geld hatte. Auch nicht, dass mein Körper von Blutergüssen und Knochenprellungen übersät war. Nicht einmal, dass ich viele Meilen von zu Hause und meiner Mutter entfernt war. Nichts. Ich fühlte mich … wunderbar. Leicht. Ein Lächeln kam herbeigeflattert und setzte sich auf meine Lippen.
Auf der Straße lag ein samtweicher Purpurteppich, und als ich an mir herabblickte, stellte ich fest, dass auch ich festlich gekleidet war. Die Fassaden der Häuser, bislang schmutzig und heruntergekommen, waren nun mit fließend weißem Stoff verhangen. Rosen rankten sich daran empor, umschwirrt von zahllosen Feenwürmchen.
Stundenlang, so kam es mir vor, streifte ich durch die Stadt und nahm deren Schönheit in mich auf. Meine Füße trugen mich wie von selbst, ohne dass ich wusste, wohin. Es gab kein Ziel mehr, keine Himmelsrichtungen. Jeden Augenblick mit all meinen Sinnen einzusaugen, war das einzige, was ich wollte.
Irgendwann gelangte ich vor eine Tür mit einem massiven Türblatt aus schlichtem Holz mit einer Dämonenfratze in ihrer Mitte, die einen eisernen Ring in den Fängen hielt. Ich hatte diese Tür nicht gesucht, hatte nicht einmal gewusst, dass sie existierte, und doch war ich hier. Es war, als hätte sie mich gefunden. Ich trat näher, packte den schweren Eisenring und schlug ihn zwei Mal gegen das Holz. Die Tür schwang auf und gab den Blick auf ein Meer aus Finsternis frei. Marmorstufen, so klar sichtbar, als lägen sie im Sonnenlicht, führten hinab ins Nichts. Ohne zu zögern, trat ich über die Schwelle. Kaum berührte meine Fußspitze die erste Stufe, hörte mein Gedächtnis auf, die Erinnerungen an das, was dann passierte, aufzuzeichnen.
Im Reich des Vergessens
Die Tür schloss sich hinter Norin und hüllte ihn in vollkommene Dunkelheit. Unerschrocken setzte der Junge seinen Weg fort, als könnte er die Stufen sehen, die ihn ins Erdreich führten. Er summte sogar ein Lied dabei, eine einfache Melodie, die von den Wänden zurückgeworfen wurde, als ob der Erdboden miteinstimmte.
Die Treppe endete zuletzt in einer weitläufigen, natürlichen Höhle. Sicher bewegte Norin sich durch die von regem Treiben durchsetzte Dunkelheit. Er erspürte seine Umgebung und die dutzenden, abgerissenen Gestalten mit glückseligen Gesichtsausdrücken, die hier arbeiteten, als wären sie Teil von ihm selbst. Sie bildeten eine Kette aus Menschen, die in einen von Balken gestützten Mienenschacht führte. Rhythmische Laute – Stahl, der auf blanken Felsen stieß – verließen den Schacht und sprangen zwischen den Höhlenwänden hin und her. Zu beiden Seiten des Eingangs häufte sich der Schutt. Unablässig reichten Männer, Frauen und Kinder Gesteinsbrocken und mit Steinsplittern und Erde gefüllte Eimer weiter, die der Letzte in der Kette auf einen der Schutthaufen warf.
Norin durchquerte die Höhle, als durchdrängen seine Augen die Dunkelheit wie synaígische Scheinwerfer. Er betrat den Mienenschacht und folgte der menschlichen Kette bis zu dessen Ende, wo weitere Männer und Frauen, ausgerüstet mit Pickeln und Schaufeln, dabei waren, sich tiefer in die Erde zu graben. Man reichte ihm eine Spitzhacke, und er fing an zu arbeiten. Unermüdlich füllte er die Eimer und reichte sie an das erste Glied in der menschlichen Kette weiter. Stunden später legte er das Werkzeug nieder und verließ das Reich des Vergessens auf demselben Wege, auf dem er es betreten hatte.
Erwachen
Als die Maschinerie in meinem Kopf, die für die Aufzeichnung von Erinnerungen zuständig war, wieder ansprang, fand ich mich auf den Straßen von Tabulon wieder. Der Morgen dämmerte bereits. Mein tranceähnlicher Zustand dauerte bis zum späten Vormittag an. Erst dann glaubte ich, aus einem wunderschönen Traum zu erwachen. Ich fühlte mich ausgeschlafen und zugleich hatte ich am ganzen Körper Schmerzen, als hätte ich die Nacht durchgearbeitet. Mein lädiertes Knie stand in Flammen, und bohrender Hunger nagte an meinen Eingeweiden. Die Verlockung war groß, einen weiteren Splitter der Droge zu essen.
Ich schleppte mich in den Hafen und kaufte mir von der Messingmünze ein Stück Brot. Während ich aß, dachte ich über das nach, was ich im Rausch erlebt hatte. Bei der geringen Menge, die ich konsumiert hatte, hatte ich nicht damit gerechnet, dass er länger als ein paar Stunden andauern würde. Immerhin wusste ich jetzt, worum es sich handelte: Nimbuszucker – eine alchimistische Droge, die nicht nur die eigene Wahrnehmung beeinflusste, sondern auch die anderer in Bezug auf den Konsumenten. Man stellt sie aus dem Milchsaft her, den man in den Samenkapseln des Zuckermohns findet, was nichts anderes bedeutete, als dass man mit dem Saft dieser Pflanze hier gutes Geld machen konnte – vielleicht genug, dass die Sorge um die nächste Mahlzeit nicht jeden Winkel meines Lebens ausfüllen würde. Nur so hätte ich die Zeit, nach einer Möglichkeit zu suchen, in meine Heimat zurückzukehren; die Tatsache außen vor gelassen, dass ich wohl kaum erwarten durfte, dass man mich umsonst mitfahren ließ.
Ich dachte an die ungewöhnlich vielen Mohnblumen, die in Tabulon wuchsen, und ich begriff, dass es sich um nichts anderes als Zuckermohn handeln konnte. Anders als die meisten Mohnsorten vertrug diese keine Vollsonne. Die schattige Welt unter den Brücken bot ideale Voraussetzungen für die Pflanze.
Ich rief mir die wundersame Welt in Erinnerung, in die der Zucker mich entführt hatte. War ich wirklich durch die Stadt gelaufen oder hatte ich bloß dagesessen und geträumt? Als die Wirkung nachgelassen hatte, war ich zumindest auf den Beinen gewesen. Aber vielleicht war ich ja die ganze Zeit im Kreis gelaufen. Ich dachte an die Tür – dieses schlichte Türblatt mit der Dämonenfratze. Gab es sie wirklich? Und wenn ja, wieso erinnerte ich mich nicht mehr, wohin die Treppe führte?
Als ich aufgegessen hatte, wurde mir klar, dass das Einzige, was ich noch besaß, die zerfetzte Kleidung an meinem Leib, der Zuckerkristall und die kleine Kupfermünze in meiner Hosentasche waren. Selbst das Bruchstück des Stabes hatte ich im Rausch verloren. Sehnsüchtig erinnerte ich mich an die Sorglosigkeit, die mich erfüllt hatte. Es überraschte mich nicht, dass sich die Menschen im Kampf um die Droge gegenseitig den Schädel einschlugen.
Ich warf einen Blick zu der dreistöckigen Häuserfront und seufzte ergeben. Liebend gern hätte ich mich in die Stadt zurückgezogen. Dort mochte es rauer zugehen als im Hafen und man der ständigen Gefahr ausgesetzt sein, vom Unrat getroffen zu werden, den jemand von der zweiten oder dritten Ebene herabschüttete. Aber immerhin war es ruhiger. Nach nur einer halben Stunde im Hafen schmerzte mir der Kopf bereits wieder. Doch wenn ich nicht verhungern wollte, würde ich mich den anderen obdachlosen Kindern anschließen müssen.
So wenig ich während der ersten Stunden erbeutete, so viel lernte ich über das Leben als Straßenkind. Es gab zwei Möglichkeiten, um im Hafen an Geld zu kommen: Betteln oder Stehlen. Da ich vom Taschendiebstahl nichts verstand und ohnehin nicht in der Lage war zu rennen, versuchte ich Mitleid zu erregen. Nachdem die Sonne den Zenit überschritten hatte, ohne auch nur eine kupferne Münze erbeutet zu haben, brauchte ich den Menschen nichts mehr vorzuspielen: Tränen der Verzweiflung, weil mir vor Hunger schwindelig wurde, rannen mir unkontrolliert über die Wangen.
Ich begriff schnell, dass ich als Kind gegenüber den erwachsenen Bettlern im Vorteil war. Neben einem Kind mit einer fehlenden Gliedmaße hatte ich allerdings überhaupt keine Chance. Das brachte mich auf die Idee, mein Hemd auszuziehen, damit man die zahllosen Blutergüsse sehen konnte. Die pralle Sonne verbrannte mir die Haut auf Brust und Rücken, doch hatte meine Strategie Erfolg. Gegen Nachmittag, als ich mich vor Hunger kaum noch auf den Beinen halten konnte, bekam eine Frau – vermutlich von der obersten Ebene – bei meinem Anblick tatsächlich feuchte Augen und sie reichte mir eine silberne Münze. Eine große Eins war darauf abgebildet sowie das Profil des Lords auf der anderen Seite. So schnell ich konnte, humpelte ich zu einer Bude und kaufte mir von dem Geld eine Fischfrikadelle im Brötchen. Nicht nur der Hunger, sondern auch die Angst, jemand könne mein soeben erbeutetes Geld stehlen, trieben mich an. Ich verschlang die Mahlzeit mit wenigen Bissen, wobei ich wie ein weidendes Reh aufmerksam die Umgebung im Auge behielt. Es wäre nicht das erste Mal, dass jemandem das Essen zwischen zwei Bissen gestohlen wurde – und sei es von einer streunenden Katze.
Sobald ich aufgegessen hatte, lenkte der Durst meine Gedanken auf den Platz mit dem Brunnen. Mehr denn je wünschte ich mir, dem lärmenden Hafen entfliehen zu können. Dann bemerkte ich, dass ein Passagierschiff, das schon vor einer ganzen Weile eingetroffen war, eine Brücke vom Deck zur Kaimauer gelegt hatte. Wann immer ein Schiff anlegte, eilten die Bettelnden aus allen Richtungen herbei, um die von Bord Gehenden in Empfang zu nehmen. Die Reisenden des Passagierschiffes jedoch hatten mehrere Stunden gewartet, bis sich der Trubel gelegt hatte. Bis jetzt hatten nur wenige andere gesehen, was vor sich ging; darunter kein verstümmeltes Kind.
Ich zwang mich, Durst und meinen schmerzenden Kopf noch ein bisschen länger zu ertragen, und bezog neben der Brücke Posten. Argwöhnisch beäugte ich die synaígischen Feuerwaffen der Wachen, die zuerst von Bord gingen. Ich hatte schon einmal erlebt, wie eine Wache in die Luft geschossen hatte, um die Bettelnden zu vertreiben. Sie waren wie aufgeschreckte Vögel nach allen Richtungen geflohen. Jetzt aber schien sich niemand sonst wegen der Waffen zu sorgen. Die Aufmerksamkeit aller galt den Herrschaften, die nun in einer geordneten Reihe von Bord gingen – zweifelsohne auf dem Weg zur obersten Ebene der Stadt. Solange wir nicht auf Armlänge an sie herankämen, würden die Wachen uns gewähren lassen.
Schon nach kurzer Zeit hatten sich uns dutzende weitere obdachlose Kinder und Erwachsene angeschlossen. Ich erbeutete zwei Messingmünzen, ehe mich jemand von meinem privilegierten Platz ganz vorne neben der Brücke wegzerrte und meinen Posten einnahm. Ich zog mich zurück und kaufte mir ein zweites Fischbrötchen. Ich verschlang es, während ich unter einem dunkler werdenden Himmel in die Stadt zurückkehrte. Nach der Nacht im Rausch und den Strapazen des Tages schmerzte jedes meiner Glieder. Ich wollte nur etwas trinken und mich ausruhen. Verzweifelt dachte ich daran, dass ich einen sicheren Schlafplatz würde finden müssen. Mit dem Zuckerkristall und einer weiteren Messingmünze in meinen Taschen wollte ich die Nacht auf keinen Fall auf offener Straße verbringen.
Meine Erschöpfung verhinderte nicht, dass mein Blick wie magisch von den Blüten des Zuckermohns angezogen wurde, wann immer ich an einer solchen Pflanze vorbeiging. Als ich mehrere unreife Samenkapseln sah, blieb ich davor stehen. Mit dem Finger ritzte ich eine davon an und beobachtete, wie ein Tropfen des Milchsaftes austrat. In etwa zwölf Stunden könnte ich hierher zurückkehren und den getrockneten Milchsaft abkratzen. Um aber daraus den Wirkstoff des Nimbuszuckers zu gewinnen, bräuchte ich ein Lösungsmittel wie Holzalkohol, eine Extraktionsapparatur und ausreichend Hirschhornsalz. Roher Zuckermohnsaft war wohl das Glied in der Produktionskette hin zum fertigen Zucker, das am wenigsten Geld einbrächte. Zumal ich wusste, wie man durch einige alchemistische Handgriffe die Reinheit des eingedampften Wirkstoffes auf ein Höchstmaß steigern konnte.
Ich dachte an Gwynnifar und Runis und an das Cuprumöl, das sie zweifellos aus einem Labor gestohlen hatten. Vielleicht konnten sie alles besorgen, was man zum Eindampfen des Milchsaftes brauchte. Ich fühlte mich nicht gerade wohl bei dem Gedanken, sie zum Stehlen zu ermutigen. Aber mit dem Geld, das wir mit dem Verkauf von eingedampftem Zuckermohnsaft machen würden, könnte ich es wiedergutmachen.
Ich schüttelte den Kopf, wie um meine Gedanken abzuschütteln. Ich konnte mich ja nicht einmal daran erinnern, wo das Versteck der beiden war.
Plötzliches Geschrei beendete meine Tagträume. Ich wandte mich um und humpelte zu der Gasse, aus der der Lärm kam. Ein Blick um die Ecke verriet mir, was vor sich ging: Zwei Jungen trieben einen dritten in die Enge; einen Lutin mit rotem Haar und gelben Augen, ein gefundenes Fressen für Straßenräuber. Sie waren klein und flink und schwer zu fassen. Sie waren für ihr diebisches Geschick bekannt, weshalb jeder wusste, dass es bei ihnen etwas zu holen gab.
Als ich genauer hinsah, erkannte ich die beiden Peiniger. Es waren das Alphatier und sein pickeliger Spießgeselle. Bei ihrem Anblick kochte unbändige Wut in mir hoch. In meinem Kopf spielte ich erneut ab, wie das Alphatier meinen Stab über dem Knie zerbrach. Ich ignorierte die leise Stimme, die mir riet, nichts Unüberlegtes zu tun, las einen Stein auf und schleuderte ihn auf die beiden Jungen, die bereits damit begonnen hatten, auf den Lutin einzuprügeln. Das Wurfgeschoss traf den Pickeligen am Hinterkopf. Er stieß einen überraschten Schmerzensschrei aus und wandte sich um. Noch während er mich entgeistert anstarrte, drängte sich das Alphatier an ihm vorbei und kam mit grimmiger Miene auf mich zu. Als er mich erkannte, stahl sich ein gemeines Lächeln auf seine Lippen. Weglaufen hatte keinen Sinn. Erst jetzt begriff ich das Ausmaß meiner Dummheit. Die beiden würden dieses Mal keine halbe Sache machen. Tränen stiegen mir in die Augen. Ich las einen weiteren Stein vom Boden auf und holte aus. Zu meiner Überraschung wurde das Alphatier blass vor Schreck. Es blieb stehen, ja, wich sogar zurück. Ich verharrte, den Stein drohend und zum Wurf bereit erhoben. Traute mich nicht zu werfen aus Angst, mein Gegenüber würde erkennen, wie wenig ich ihm wirklich entgegenzusetzen hatte.
Dann ertönte ein Knurren hinter mir, dass meine Knie weich werden ließ. Ehe ich den Mut finden konnte, mich umzublicken, drängte sich eine Bestie von einem Hund an mir vorbei – derselbe, der mir den Weg versperrt hatte, als ich Gwynnifar verfolgt hatte! – und stürmte auf das Alphatier los. Der Junge ergriff die Flucht. Stieß seinen pickeligen Kumpan beiseite und verschwand um die nächste Biegung. Der Pickelige stolperte rückwärts und hob schützend beide Arme vors Gesicht, als der Hund an ihm hochsprang und nach ihm schnappte. Stolpernd folgte er dem Alphatier, die Bestie dicht auf seinen Fersen.
Sobald ich mich von dem anfänglichen Schrecken erholt hatte, eilte ich zu dem Lutin. Er lag noch immer stöhnend am Boden der Gasse. Die Fäuste seiner Peiniger hatten ihm bereits übel zugesetzt. Er schien noch nicht begriffen zu haben, dass er dem Schlimmsten entgangen war. Hatte vermutlich nicht einmal den Hund gesehen. Er hatte die Hände schützend auf das Gesicht gepresst und gab eine Tirade klagender Worte von sich.
»Sie sind weg«, sagte ich. Der Lutin verstummte. Er spreizte die Finger und zeigte mir ein gelbes Fuchsauge mit schlitzförmiger Pupille. Dann ließ er die Hände sinken und blickte sich in der Gasse um. Er stellte eine Frage und schniefte.
»Ich verstehe dich nicht«, sagte ich. Der Lutin sah mich fragend an. »Normar«, sagte ich überdeutlich.
»Normar?«, wiederholte der Lutin ratlos. Und dann klärte sich seine fragende Miene doch tatsächlich, und er sagte ein Wort, das so ähnlich wie Normar klang. Die Tatsache, dass mich jemand verstanden hatte, entlockte mir ein Lächeln.
»Ja!«, sagte ich aufgeregt und wiederholte die numiumische Übersetzung von Normar. Es war das erste Wort dieser Sprache, das ich lernte. Ich deutete auf mich und sagte: »Norin.«
»Luces«, sagte der Lutin und richtete sich stöhnend auf. Ich half ihm auf die Beine und musterte ihn. Ich schätzte ihn jünger ein als mich, was jedoch daran liegen mochte, dass er so viel kleiner war. Sein feuerrotes Haar war zerzaust. Gesicht, Hände und Füße starrten vor Schmutz. Man sah ihm gleich an, dass er besser an das Leben auf der Straße angepasst war als ich. Er trug mehrere Schichten abgewetzter Kleidung, zwischen denen er vermutlich allerhand Krimskrams versteckte, sodass er sein gesamtes Hab und Gut stets mit sich führen konnte.
Während wir humpelnd aus der Gasse traten, redete der Lutin in klagendem Tonfall weiter. Es schien ihn nicht zu stören, dass ich kein Wort verstand. Zurück auf der Straße bemerkte ich eine Bewegung aus den Augenwinkeln. Ich wandte den Kopf und sah den Wolfshund, der soeben mit erhobenem Bein eine der Hauswände markierte. Luces zuckte zusammen, als die Bestie uns auf die Straße folgte. Sie trabte an uns vorbei, als wären wir für sie unsichtbar. Schnüffelte an einem Haufen Unrat und schnappte nach einer Kakerlake, die darunter zum Vorschein kam. Wenn ich dem Hund folgte, würde er mich vermutlich früher oder später zum Versteck des Geschwisterpaars führen. Ich hatte schon einmal bewiesen, wie gut ich mich mit alchemistischen Zutaten auskannte. Vielleicht konnte ich sie davon überzeugen, mich bei meinem Vorhaben zu unterstützen.
Ich köpfte mehrere Mohnblumen und steckte mir die Samenkapseln in die Taschen. Dann folgte ich dem Hund, Luces im Schlepptau. Seine Worte prasselten auf mich ein wie strömender Regen. Nach einer Weile gelang es mir, den Redefluss einzudämmen, indem ich ihn nach den Namen einiger Gegenstände fragte. So lernte ich, während wir dem Hund auf der Suche nach Fressbarem folgten, weitere Worte der numiumischen Sprache: Dreck, Brücke, Hund, Füße, Du, Ich, Haus, Münze. Dankenswerterweise ähnelten einige Worte sogar denen meiner Muttersprache. Als der Hund schließlich unter dem Mauerbogen hindurchging, der zum Versteck der Geschwister führte, war ich in der Lage, ich bin Norin zu sagen und bis zehn zu zählen. Der Hund verschwand im dunklen Innern des Hauses, das er als Versteck gewählt hatte. Im Vorbeigehen sah ich nur seine Schnauze und die Augen – das unversehrte so lebendig, als schiene das Licht seines Geistes umso heller hindurch, seit das andere erblindet war. Als Luces auf der Höhe des Hauseingangs angelangt war, drang ein drohendes Knurren aus der Dunkelheit. Der Lutin erstarrte mitten im Schritt und wandte langsam den Kopf.
»Ist schon gut«, sagte ich ruhig und das Knurren verstummte. Ich winkte dem Lutin, und er setzte den Weg fort, den Blick wachsam in den dunklen Hauseingang gerichtet. Vor dem vergitterten Kellerfenster blieb ich stehen und rief Runis’ Namen. Keine Antwort. Luces beugte sich herab und spähte neugierig zwischen den Gitterstäben hindurch.
»Norin!«, zischte jemand zornentbrannt hinter mir. Ich wirbelte herum und sah Gwynnifar, als wäre sie geradewegs aus dem Boden gewachsen. Sie hielt ein Messer in Händen und funkelte mich aus grünen Augen heraus an. Offenbar war sie nicht erfreut, mich wiederzusehen. Sie sagte etwas, woraufhin ein neuerlicher Redeschwall aus Luces herausbrach. Allem Anschein nach hatten Gwynnifars Worte ihm Angst gemacht; nur leerte sich statt seiner Blase wohl das Sprachzentrum in seinem Hirn. Ich schluckte meine Angst hinunter und zwang mich, stehen zu bleiben, während das Mädchen mit erhobenem Messer und baumelnder Ohrenkette auf mich zutrat. Sie drückte mir die rostige Klinge an den Hals, kam meinem Gesicht mit dem ihren sehr nahe und zischte etwas, das ich nicht verstehen brauchte, um zu wissen, was es bedeutete: Verpiss dich und lass dich hier nie wieder blicken!
Ich unterdrückte einen Schauder, schluckte erneut und sagte bloß: »Runis!« Das Mädchen wiederholte ihre Worte mit noch größerer Eindringlichkeit, die unmissverständlich klarmachten, dass sie die unausgesprochene Drohung – das Messer an meinem Hals – wahrmachen würde, sollte ich nicht unverzüglich gehen. Ich rührte mich nicht und schloss die Augen. Wollte das Mädchen zwingen, mir zu zeigen, aus welchem Holz sie gemacht war.
»Runis«, wiederholte ich mit, wie ich hoffte, ruhiger Stimme. Ich spürte das kalte Eisen des Messers auf meiner Haut. Das Blut rauschte in meinen Ohren. Luces’ Worte hämmerten schneller denn je auf mich ein.
»Gwynnifar?« Die Stimme des Sprechers, obwohl nur leise gesprochen, ließ die Anspannung aus der Situation weichen wie Luft aus einem prallen Ballon. Die Lippen des Messers, bereit mir einen tödlichen Kuss zu geben, ließen von meinem Hals ab. Ich öffnete die Augen. Hinter dem vergitterten Kellerfenster, im schwindenden Tageslicht kaum sichtbar, sah ich Runis’ Gesicht. Als er mich bemerkte, hellten seine Züge sich auf.
»Norin!«, sagte er. Er öffnete das Gitter und kletterte ins Freie. Gwynnifar sagte etwas, woraufhin Runis keine Antwort gab. Sein Blick fiel auf Luces, und er und der Lutin wechselten ein paar knappe Worte. Dann sah er zu mir und hob fragend die Brauen. Ich holte den Nimbuszuckerkristall hervor und hielt ihn hoch. Runis und Gwynnifar wechselten einen Blick. Ich wusste ihre Mienen nicht so recht einzuschätzen. Waren sie beeindruckt oder beunruhigt? Vermutlich beides. Ich griff abermals in die Hosentasche und zeigte ihnen die Samenkapseln des Zuckermohns. Ich legte den Kristall auf den Boden, die Samenkapseln daneben und zeichnete eine gestrichelte Linie von einem zum anderen. Dann sah ich Runis eindringlich in die Augen und rieb Daumen und Zeigefinger aneinander. Runis’ Gesicht nahm einen nachdenklichen Ausdruck an. Nochmals deutete ich zuerst auf die Samenkapseln, dann auf den Kristall und machte jene unmissverständliche Geste, die Geld verhieß. Runis sagte etwas, ohne den Blick von mir abzuwenden. Zuerst dachte ich, er hätte mit mir gesprochen. Dann antwortete seine Schwester. Runis wandte sich zu ihr um und fing an, auf sie einzureden. Gwynnifar verschränkte die Arme vor der Brust. Bald darauf entbrannte eine hitzige Diskussion. Mein Blick sprang zwischen den beiden hin und her, während sie abwechselnd das Wort an sich rissen. Ich verstand nichts von dem, was sie sagten, und doch hoffte ich, dass Runis diesen Streit gewann. Schließlich machte Gwynnifar eine wütende Geste, und es überraschte mich ob des Messers, das sie immer noch in der Hand hielt, dass Runis nicht einmal mit der Wimper zuckte. Sie sagte etwas, das wie ihr letztes Wort klang. Runis sah sie eine Zeit lang schweigend an. Dann sah er zu mir und nickte zum Kellerfenster. Gwynnifar fluchte und schmiss ihr Messer auf den Boden, dass es schepperte. Ich warf ihr einen unsicheren Blick zu, während ich den Zucker und die Samenkapseln wieder einsammelte. Dann kletterte ich voran in das Versteck des Geschwisterpaars.
Seit ich das letzte Mal hier gewesen war, hatte sich nicht viel verändert, dafür aber meine Sicht der Dinge. Das Sammelsurium aus Habseligkeiten erschien mir nicht länger wertlos. Für die Verhältnisse der untersten Ebenenbewohner war es ein wahrer Hort. Ich konnte verstehen, dass Gwynnifar ihren Reichtum nicht teilen wollte. Vermutlich hielt sie mich für einen Schmarotzer.
Der Duft des Cuprumöls hatte sich verflüchtigt, und nur noch der Geruch nach Rauch mischte sich zu dem allgegenwärtigen Gestank des Unrats. Draußen auf der Straße wechselten Runis und Luces abermals ein paar Worte. Dann kletterte Runis durch das Fenster, gefolgt von dem Lutin. Der kleine, rothaarige Junge durchquerte humpelnd den Raum, wobei seine Fuchsaugen jedes Detail registrierten. Er ließ sich an einer der Wände zu Boden gleiten und verfiel ausnahmsweise in Schweigen. Wenig später folgte auch Gwynnifar. Sie lehnte sich mit verschränkten Armen neben dem Fenster an die Wand, offenbar mit der Absicht, jeden zu filzen, der das Versteck verlassen wollte und nicht ihr Bruder war. Das Messer steckte wieder in ihrem Gürtel.
Runis winkte mich zu sich, und wir ließen uns in der Kochecke nieder. Er folgte meinem Blick zu einem Eimer, in dem sie ihr Wasser bevorrateten, und lud mich ein zu trinken. Dankbar nahm ich an. Anschließend begannen wir mit einer langen Prozedur, während derer ich klarzumachen versuchte, worin genau meine Geschäftsidee bestand, und vor allen Dingen, was wir dafür benötigten. Ich lernte dutzende neue Vokabeln. Als Runis Stunden später zu verstehen gab, dass es Zeit war, sich auszuruhen, brummte mir der Schädel. Mithilfe von Kohlezeichnungen auf der Wand und Pantomime war es uns gerademal gelungen, die Bedeutung von wenigen der wichtigsten Worte zu klären. Dennoch keimte Hoffnung in mir. Ich war nicht mehr allein. Ich lernte Stück für Stück Numiumisch und ich hatte einen Plan, dieser Falle von einer Stadt zu entkommen.
Runis reichte jedem von uns ein paar Decken, Gwynnifar machte es sich unterm Fenster bequem, und ich schlief ein, kaum dass ich die Augen geschlossen hatte.
Am nächsten Morgen weckte Runis mich in aller Frühe. Er legte einen Eifer an den Tag, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Vielleicht witterte auch er die Chance, von hier zu entkommen. Im Licht einer Kerze und mit gedämpften Stimmen setzten wir unseren Austausch fort. Gwynnifar erwachte, schenkte uns einen ihrer finsteren Blicke und drehte sich auf die Seite. In der Ferne hörten wir Hundegebell und ab und an auch das Lärmen einer Rauferei. In einer dunklen Ecke des Raumes murmelte Luces im Schlaf.
Nach einer Weile erhob sich Gwynnifar von ihrer Schlafstätte. Sie durchquerte den Raum, zog eine Kiste unter dem schwer beladenen Tisch hervor und klappte sie auf. Darin bewahrte das Geschwisterpaar offenbar seine Vorräte auf. Sie holte zwei dicke Karotten hervor und reichte eine davon ihrem Bruder, nicht ohne einen schroffen Kommentar von sich zu geben. Runis bedachte sie lediglich mit einem langen Blick, bevor er die Karotte entzweibrach und mir eine Hälfte gab.
Ich lernte, wie man danke und nicht dafür sagte.
Wenig später erwachte auch Luces. Im Zwielicht, das durch das Fenster hereinfiel, sah ich, wie er etwas aus seiner vielschichtigen Kleidung zog und daran knabberte. Mir war nicht ganz klar, warum er eigentlich hier war. Kannten Gwynnifar und Runis ihn? Vielleicht duldeten sie ihn aus reiner Nettigkeit; nur, bis er sich vom Überfall erholt hatte.
Gegen Mittag hatte Runis verstanden, dass wir in ein Labor würden einbrechen müssen. Wieder reichte Gwynnifar ihm seine Ration, serviert auf einem Teller, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Dieses Mal begehrte Runis auf. Er erhob sich und redete auf seine Schwester ein – ruhig, aber bestimmt. Gwynnifars finstere Miene ließ sich nicht erweichen. So allmählich bekam ich den Eindruck, dass dieser Ausdruck mit ihrem Gesicht verwachsen war. Ein Lächeln hätte ihr besser gestanden.
Das Mädchen wich zurück und setzte sich auf die Kiste. Runis trat auf sie zu. Seine Stimme war immer noch ruhig, klang aber mit einem Mal bedrohlich. Gwynnifar erwiderte etwas, woraufhin Runis verstummte und selbst Luces erschrocken den Kopf hob. Sie musste etwas Gemeines gesagt haben.
»Münze!«, sagte ich auf Numiumisch und erhob mich, ehe Runis seine Stimme wiederfand. Er und seine Schwester sahen zu mir. »Ich habe Münze«, fuhr ich fort, griff in meine Hosentasche und zeigte ihnen das silberne Geldstück. Runis und Gwynnifar wechselten einen Blick. Ich trat vor und drückte das Geld in Gwynnifars Hand. Wieder sah sie zu Runis, der ihr auffordernd zunickte. Widerwillig stand sie auf, klappte den Deckel der Kiste hoch und häufte eine knapp bemessene Ration, bestehend aus Brot, etwas Dörrfleisch, Nüssen und Käse, auf einen Teller. Ich teilte sie mir gut ein und knabberte die letzte Nuss erst, als die Sonne unterging. Inzwischen waren Runis und ich zu dem Schluss gekommen, dass ich beim Einbruch in das Labor dabei sein musste. Es war mir unmöglich, ihm zu erklären, was ich brauchte, auch wenn es sich um noch so simple Dinge handelte. Runis verstand so gut wie nichts von Alchemie. Die Gefahr war zu groß, dass er etwas Falsches mitbrachte.
Runis erhob sich und reckte sich. Er sah zu seiner Schwester. Wäre sie nicht so eindeutig erbost gewesen, ich hätte bei ihrem Anblick gelacht: Sie saß in wenigen Schritten Entfernung von Luces an die Wand gelehnt da, während der Lutin auf sie einredete. Dass er etwa neunzig Prozent ihrer Konversation bestritt, schien ihn nicht zu kümmern; ebenso wenig Gwynnifars offenkundiges Desinteresse.
Runis sagte etwas zu seiner Schwester. Sie bedachte ihn einige Zeit lang mit kühlem Blick. Dann gab sie eine knappe Antwort und sah trotzig in eine andere Richtung. Runis seufzte und zuckte die Achseln. Er fing an, zwischen den Sachen auf dem Tisch zu wühlen – wenn ich ihn richtig verstanden hatte, wollte er die Nummer noch heute Nacht durchziehen – und tatsächlich brachte er wenig später eine Garnitur schwarzer Kleidungsstücke zum Vorschein. Er reichte auch mir Hose und Hemd aus schwarzem Stoff. Dann begann er, sich umzuziehen. Ich warf Gwynnifar einen flüchtigen Blick zu, ehe ich dem Beispiel ihres Bruders folgte. Immerhin hatte sie mich schon einmal in Unterwäsche gesehen, auch wenn ich damals vor Schmerzen nicht imstande gewesen war, mich dafür zu schämen.
Meine schmutzige, zerschlissene Kleidung auszuziehen war, als befreite ich mich von einer Schicht längst abgestorbener Haut. Die Kleidungsstücke, die Runis mir gegeben hatte, mochten noch so muffig riechen; sie waren in jeder Hinsicht eine Verbesserung zu den Fetzen, die einst meine Kleider gewesen und mir nur deshalb noch nicht vom Leib gefallen waren, weil sie am Schmutz und Blut haften geblieben waren.
Sobald wir uns umgezogen hatten, fragte Runis noch einmal seine Schwester. Sie sah mit verschränkten Armen stur in eine andere Richtung und antwortete nicht. Runis nickte knapp. Die Enttäuschung in seinem Blick war nicht zu verkennen.
»Norin«, sagte er und sah mich eindringlich an. Er deutete mit zwei Fingern auf seine Augen, dann auf mich. Anschließend machte er eine Geste, als hacke er sich die Hand ab. »Verstehst du?«, fragte er. Ich nickte mit zugeschnürter Kehle. Wenn sie dich erwischen, hacken sie dir die Hand ab.
Runis warf einen letzten Blick auf seine Schwester. Dann verließ er zuerst das Versteck. Als ich ihm folgte, spürte ich Gwynnifars Blick im Rücken so deutlich, als hätte sie ein Messer nach mir geworfen.
Die Sonne war zwar noch nicht untergegangen, doch streckten sich die vielen dunklen Winkel, an denen es in dieser Stadt nicht mangelte, bereits nacheinander aus. Nur noch vereinzelt bellten Hunde. Eine kühle Brise hatte sich unter die Brücken verirrt und milderte den Gestank. Ich glaubte sogar, frisches Gras zu riechen, aber vielleicht war es auch nur die Sehnsucht danach, die mir in die Nase stieg.
Runis führte mich aus der Sackgasse und unter dem Mauerbogen hindurch. Schon nach wenigen Minuten hätte ich den Weg zum Versteck nicht mehr zurückgefunden. Runis hingegen schien sich bestens auszukennen. Obwohl unsere Kleidung Bände sprach, hatte niemand, der uns begegnete, mehr als einen flüchtigen Blick für uns übrig. Als wir unser Ziel erreichten – ein baufälliger Turm, in dem zwei Brücken mündeten – war die Nacht bereits hereingebrochen.
Runis drückte gegen die Tür aus moderndem Holz und sie schwang nach innen auf. Ich folgte ihm ins schwarze Innere des Bauwerks und eine Wendeltreppe hinauf. Es handelte sich offenbar um einen Zugang zur zweiten Ebene. Die Treppe endete vor einer weiteren hölzernen, jedoch deutlich robusteren Tür. Runis hob die Hand und klopfte zwei Mal. Er wartete, dann klopfte er wieder zwei Mal. Wartete und klopfte ein drittes Mal. Ein Code? Ein Schlüssel wurde im Schloss herumgedreht. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit, und das Gesicht eines Mannes erschien. Ich zuckte zusammen. Im silbernen Mondlicht, das hier oben deutlich heller schien, sah ich die glänzenden Manschetten einer Uniform. Er war ein Mitglied der Stadtwache. Als ich im Hafen gebettelt hatte, hatte ich miterlebt, was Männer wie er mit Gesindel taten, das versuchte, sich auf eine der höheren Ebenen zu schleichen.
Ich sah erschrocken zu Runis. Sein im Halbdunkeln liegendes Gesicht zeigte keine Regung. Er griff in die Hosentasche, holte drei Silbermünzen daraus hervor und zeigte sie dem Mann. Ich machte große Augen. Ob er das Geld durch den Verkauf des Cuprumöls gemacht hatte? Runis und der Wachmann wechselten ein paar Worte. Dann schlug der Mann uns ohne Vorwarnung die Tür vor den Nasen zu. Runis atmete tief ein und wieder aus. Dann holte er eine vierte Silbermünze aus der Tasche und klopfte wieder an die Tür. Der Mann öffnete. Sein Blick senkte sich auf die Handfläche. Dann grunzte er missvergnügt, grapschte nach dem Geld und trat zurück. Runis schob die Tür auf, und ich folgte ihm hinaus auf die zweite Ebene. Während wir die Brücke nahe am steinernen Geländer entlang überquerten, warf ich einen Blick hinab auf die dunkle Straße. Die Schatten schienen sich zu bewegen. Ich glaubte, ein helles Gesicht zu sehen, das uns aus einer Gasse heraus anstarrte, und kniff die Augen zusammen, vermochte die Finsternis aber nicht zu durchdringen. Obwohl ich eben noch selbst Teil dieser Dunkelheit gewesen war, fühlte ich mich jetzt, als wimmele es unter mir von hungrigen Wölfen.
Wir erreichten das Ende der Brücke, und Runis bedeutete mir zu warten. Er betrat den Arkadengang eines Hauses, der einen schmalen Streifen des zweiten Stockwerks für sich beanspruchte. Am anderen Ende spähte er nach links und rechts, ehe er mir bedeutete, ihm zu folgen, und wir die nächste Brücke betraten. Nun hörte ich Musik und Gelächter, die von der obersten Ebene herabwehten wie das Echo einer sorglosen Welt. Ich hob den Blick und zum ersten Mal bekam ich einen Eindruck vom Leben auf der dritten Ebene. Ich sah brennende Fackeln und Wächter, die über die Brücken patrouillierten. Die Dächer zweistöckiger Häuser wurden als Plätze für Verkaufsstände genutzt oder waren zu kleinen Parkanlagen umgebaut worden. Der Anblick eines Baumes, der sich schwarz vorm nachtblauen Himmel abhob, trieb mir fast die Tränen in die Augen. Sein Laub zitterte im Wind und beinahe hörte ich ihn flüstern.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.