Kitabı oku: «Jan gewinnt die dritte Runde»
Knud Meister
Carlo Andersen
Jan gewinnt die dritte Runde
Detektivgeschichte
für Buben und Mädchen
Saga
Jan gewinnt die dritte Runde
Aus dem Dänischen von Dr. Karl Hellwig
Originaltitel: Jan vinder 3. omgang © 1953 Carlo Andersen, Knud Meister
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711458327
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
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Erstes Kapitel
Frohe Fahrt
Jan sass mit seinen Freunden Erling und Carl vor dem Klubhaus im Helleruper Segelboothafen. Sie genossen das schöne sonnige Wetter und belustigten sich über die frechen Sperlinge, die ganz ungeniert auf den kleinen Tischen herumhüpften, um Kuchenkrümel aufzupicken.
Die drei Buben tranken ihren Nachmittagskaffee und dösten vor sich hin. Sie hofften, der Wind würde bald etwas auffrischen, denn sie hatten die Absicht, mit ihrem Segelboot «Rex», das im Hafen vertäut lag, während der Ferien eine Kreuzfahrt zu machen.
Erling nahm das letzte Stück Sandtorte in Angriff und wandte sich an Jan: «Lieber Kapitän, es lässt sich gewiss nicht leugnen, dass es sich hier sehr schön sitzt, aber ich hätte doch nichts dagegen, wenn wir bald loskämen ...»
Jan nickte. «Dagegen hätten wir alle drei nichts, Dikker», erwiderte er etwas verdrossen. «Aber hast du schon einmal ein Segelboot gesehen, das bei Windstille segeln kann?»
Vom Klubhaus ertönte plötzlich eine Stimme: «Es wird gegen Abend auffrischen, meine Herrschaften. Ihr braucht also den Kopf nicht hängen zu lassen.»
Diese tröstliche Bemerkung kam von «Proviantmeister» Andersen, der das kleine, aber gemütliche Restaurant des Segelklubs führte. Er kannte Jan und Erling seit dem Tage, als sie in die Jugendmannschaft des Helleruper Segelklubs eingetreten waren. Nach seiner eigenen Aussage hatte er seinen nicht unbeträchtlichen Umsatz im Geschäft in erster Linie Erling Krag zu verdanken. Er behauptete, Erling vertilge ebensoviel Kaffee, Schokolade, Kuchen usw. wie alle übrigen Mitglieder des Klubs zusammen.
Ein kleiner blonder Bub drängte sich in diesem Augenblick an Andersen vorüber, und Erling rief verwundert: «Ich will ein Stockfisch sein, wenn dort nicht unser Freund Krümel in höchsteigener Person auf dem Schauplatz erscheint.»
«Hallo!» grüsste der kleine Jesper vergnügt. «Da sitzt ihr ja und habt es richtig gemütlich!»
«Bis jetzt hatten wir es wirklich gemütlich, Krümel», sagte Erling mit umwölkter Stirn. «Die Gemütlichkeit pflegt aber leider zu verschwinden, sobald du in der Gegend aufkreuzt.»
Da Jesper seinen gutmütigen, dicken Klassenkameraden zur Genüge kannte, nahm er dessen Worte nicht allzu ernst. Er lachte und fragte dann Jan mit etwas überraschendem Eifer: «Du, Jan, kann ich nicht mitkommen?»
Jan betrachtete den Kleinen ein wenig verwundert, ehe er antwortete. «Ich weiss wirklich nicht recht, Krümel ...», sagte er schliesslich. «Ich möchte nicht gern ungastlich sein, aber unser Boot ist ja keine Luxusjacht mit unbegrenzt viel Platz.»
«Ich brauche doch nicht viel Platz», wandte Krümel ein.
Erling nickte freundlich. «Da hast du recht, Krümel. Mein Seesack ist nicht ganz ausgefüllt. Du kannst ganz gut darin schlafen. Vielleicht wird er dann gerade voll. Zu schwer wird er jedenfalls nicht. So ein kleiner Floh wie du wiegt ja nicht viel ...»
«Das ist fein, Dicker», sagte Jesper vergnügt. «Ich kann dir dann ja auch beim Kochen helfen.»
Erling schlug die Hände zusammen und verdrehte die Augen. «Um Gottes willen, Krümel!» rief er in komischer Verzweiflung. «Ich will nicht bestreiten, dass du viele schätzenswerte Eigenschaften hast, aber ein brauchbarer Küchenjunge wirst du nie. Ein richtiger Küchenjunge muss zum Beispiel Weizenmehl von Staubzucker unterscheiden können. Man kann Weissbrot nicht aus Staubzucker backen, und du bist ...»
«Lass es genug sein, Dicker!» unterbrach Jan seinen Freund lächelnd. Dann fragte er Jesper: «Weshalb willst du denn so gern mitkommen, Krümel?»
Jesper wollte nicht recht mit der Sprache heraus. «Das ... das werde ich dir erzählen, wenn ... wenn wir in Vordingborg sind.»
«Weshalb nicht jetzt?»
«Ich ... nein ... lieber nicht ...»
Erling betrachtete ihn misstrauisch. «Eine innere Stimme sagt mir, dass du irgend etwas im Schilde führst, Krümel. Sollte das wirklich der Fall sein, dann werde ich dich über einem schwachen Feuer langsam rösten und dann Carl bitten, dich ordentlich mürbe zu klopfen. Einverstanden, Carl?»
«Abgemacht!» sagte der starke Carl grinsend und liess seine Muskeln spielen.
Der kleine Jesper liess sich aber von dieser fürchterlichen Drohung nicht einschüchtern; denn er kannte nicht nur Erling, sondern auch den gutmütigen Carl, der es kaum fertigbrachte, einer Fliege etwas anzutun, und der von seinen Kräften nur Gebrauch machte, wenn sich seine Freunde in einer misslichen Lage befanden.
Schliesslich wurde beschlossen, Jesper mitzunehmen. Er bedankte sich und rannte davon, um sein Gepäck zu holen. Zwei Stunden später stellte er sich wieder im Segelboothafen ein. Der Wind hatte etwas aufgefrischt, so dass die Stimmung an Bord ausgezeichnet war. Auf dem Dach der kleinen Kajüte lag Jans steter Begleiter, der Polizeihund Boy, und genoss den Sonnenschein. Er war schon öfter an Bord des kleinen Segelboots gewesen und wusste eine Kreuzfahrt zu schätzen. Seekrankheit und andere Leiden, die mit einer Segelfahrt verbunden sein können, waren ihm fremd.
Der Wind kam von Nordwesten. Das Boot machte gute Fahrt. Jan sass am Ruder, als sie an der Küste von Amager entlang strichen. Dann ging es in die Köge-Bucht hinaus. Gegen Sonnenuntergang kam Stevns Klint in Sicht. Die Buben bewunderten den Kreidefelsen, der steil aus dem Meere aufragte und sehr eindrucksvoll aussah. Er ist nicht sehr hoch, aber erstaunlich breit und in zwei Stockwerke gegliedert. Der untere Teil besteht aus hellgelber Kreide, der obere aus Kalkstein, der unter der Einwirkung der Luft eine graue Färbung angenommen hat. Auf der Höhe ragte der Leuchtturm empor und etwas weiter im Süden die halb eingestürzte Kirche von Höjerup.
Die Ruine des uralten Gotteshauses war in den Glanz der untergehenden Sonne getaucht und machte einen märchenhaften Eindruck. Der in der Geschichte sehr beschlagene Erling wusste von ihr zu erzählen:
«Vor vielen hundert Jahren geriet ein Seemann vor Stevns Klint in Seenot. Er betete zu Gott und versprach ihm, eine Kirche zu bauen, wenn er heil an Land käme. Gott erhörte ihn. Aber der Seemann baute die Kirche so nahe am Rande des Felsens, dass das Meer den Untergrund auswusch. Trotzdem blieb sie mindestens ein halbes Jahrtausend heil, weil sie in jeder Weihnachtsnacht einen Schritt landeinwärts wanderte. Doch das Meer war ein hartnäckiger Gegner. Es frass immer mehr von der weichen Kreide weg, und im Jahre 1910 stand die Kirche so nahe am Rande des Felsens, dass sie geschlossen werden musste. Teile des Kirchhofs stürzten zuerst ins Meer. Im Jahre 1928 nahm der Chor der Kirche denselben Weg. Unter furchtbarem Getöse rutschten Mauern, Bäume und alte Särge ins Meer, wo sich eine kleine Halbinsel bildete. Es ist ein merkwürdiger Gedanke, dass man noch vor etwa fünfundvierzig Jahren in der Ruine Gottesdienste abhielt. Die neue Kirche hat man weiter landeinwärts erbaut.»
Eine Stunde nach Sonnenuntergang glitt die «Rex» in den kleinen Hafen von Rödvig und machte fest.
Die Buben unternahmen einen Spaziergang durch den hübschen Badeort. Es waren viele Sommergäste auf der Strasse. Seinerzeit hatte man den Hafen von Rödvig gebaut, um von dort aus die von Stevns Klint stammende Kreide zu verschiffen. Später entdeckten dann die Großstädter die Schönheit des Ortes und machten ihn zu einer beliebten Sommerfrische.
Es fiel Erling schwer, an dem bekannten Wirtshaus «Rödvig Kro» vorüberzugehen. Er verlangsamte merklich den Schritt und zupfte Jan am Ärmel. «Lieber Kapitän, ich spüre plötzlich ein heftiges Verlangen nach einem wirklich guten Apfelkuchen, und ich habe mir erzählen lassen ...»
«Dass er hier ganz besonders gut sein soll», fuhr Jan lächelnd fort. «Nichts zu machen, Dicker! Wenn du erst einmal von dem Apfelkuchen gekostet hast, kommen wir in absehbarer Zeit nicht in die Kojen.»
«Ich lade euch ein!» erklärte Erling mit einer grosszügigen Handbewegung. «Ziert euch nur nicht lange! Kommt!»
Aber Jan war unerbittlich, und eine halbe Stunde später waren die Buben wieder an Bord ihres Bootes versammelt. Das Abendessen bestand aus Tee, Schiffszwieback und Orangenmarmelade. Selbst Erling musste zugeben, dass es sich hier an dem warmen Sommerabend recht gemütlich sass, während die Badegäste ihren letzten Spaziergang nach der Mole machten und von einem kleinen schwedischen Dampfer, der Holz löschte, Handharmonikaspiel zu ihnen herüberdrang.
Carl schien ganz besonders begeistert zu sein; denn plötzlich sprudelte er hervor: «Es ist wirklich sehr nett von euch, dass ihr mich auf eine so wunderschöne Fahrt mitgenommen habt ...»
«Rede keinen Unsinn, Carl!» unterbrach ihn Jan. «Es ist im Gegenteil nett von dir, dass du dich bereit erklärt hast, uns zu begleiten. Man weiss ja nie, was geschehen kann, und du hast schon oft Gelegenheit gehabt, mit deinen festen Fäusten einzugreifen, wenn wir in eine Klemme gerieten.»
«Kommen wir morgen nach Vordingborg?» fragte Jesper gespannt.
Jan nickte. «Ja, gegen Mittag, vorausgesetzt, das Wetter meint es einigermassen gut mit uns.»
«Warum bist du eigentlich so versessen auf Vordingborg, Krümel?» fragte Erling misstrauisch. «Die Sache kommt mir verdächtig vor. Ich fürchte sehr, du hast irgendeinen Streich im Auge. Aber du weisst ja, was Carl und ich dir versprochen haben. Wenn du Dummheiten machst, wird unsere alte, ruhmreiche Schule dich nie wieder zu sehen bekommen ...»
«Das wäre kein grosses Unglück», meinte Jesper.
«Sehr vernünftig gesprochen», antwortete Erling anerkennend. «Du bist nie auf den Mund gefallen – ausgenommen, wenn du in der Klasse aufgerufen wirst. Ich glaube, ich nehme mir noch einen Zwieback ...»
Jan lachte. «Du weisst auch, wozu der Mund da ist, Dicker – wenn du nur irgendwo etwas zum Naschen findest.»
Als es zehn Uhr war, krochen die Buben in ihre Kojen, während Boy an Deck blieb und sich in einem geschützten Winkel zusammenrollte. Wenn er Wache hielt, konnte man sicher sein, dass es keine unangenehmen Überraschungen gab.
Am nächsten Morgen gegen sechs purrte Jan seine drei Kameraden hoch. Wenige Minuten später rannten sie schon über den Strand. Ein kleines Morgenbad machte sie schnell munter, und hernach schmeckte das Frühstück natürlich um so besser. Selbst unter so primitiven Umständen war Erling ein wahrer Meisterkoch, der es verstand, die vortrefflichsten Speisen hervorzuzaubern. Er hatte den kleinen Jesper als Küchenjungen angenommen, rechnete aber nicht damit, dass er ihm von grossem Nutzen sein würde; denn Krümel hatte schon bei einer früheren Gelegenheit bewiesen, dass er vom Kochen nichts verstand. Immerhin konnte man ihn verwenden, wenn es sich darum handelte, Wasser zu holen, Lebensmittel einzukaufen oder Reisig für das Lagerfeuer herbeizuschleppen. Diese Arbeit ersparte sich Erling gern.
Gegen acht Uhr blieb der Hafen von Rödvig hinter der «Rex» zurück. Dann ging es mit südöstlichem Kurs über die Faxe-Bucht auf Möen zu. Der Wind war noch stärker geworden, und das Boot, mit Jan am Ruder, machte gute Fahrt. Bald war die Stege-Bucht erreicht, und nach einer ganz besonders schönen Strecke mit den Inseln auf der einen, herrlichen Wäldern auf der anderen Seite, glitt das kleine Segelboot um die Mittagszeit in den Hafen von Vordingborg.
«Wie du siehst, Krümel, sind wir jetzt in Vordingborg», sagte Erling zu Jesper. «Bekommen wir nun endlich zu hören, was du hier zu tun gedenkst? Heraus damit! Was ist los?»
Jesper schüttelte jedoch den Kopf und antwortete: «Ich muss erst mit meinem Onkel sprechen.»
«Mit deinem Onkel?» wiederholte Erling verwundert.
«Ja. Er besitzt eine Villa am Rande der Stadt. Ich schlage vor, dass wir ihn besuchen. Ich kann dir versprechen, Dicker, dass seine Küche nicht schlecht ist.»
«Das klingt nicht übel», bemerkte Erling anerkennend. «Wenn die Küche deines Onkels wirklich gut ist, sollen dir viele Sünden vergeben sein.»
«Du wirst nicht zu klagen haben», erklärte Jesper eifrig. Mit einem seltsamen Lächeln fügte er hinzu: «Vielleicht liegt mir an deiner Vergebung gerade jetzt viel.»
Jan hatte inzwischen das Boot in den alten, gemütlichen Hafen gesteuert, der wegen der geringen Wassertiefe nur kleineren Fahrzeugen Unterschlupf bot.
Bald trabten die vier Buben, von Boy getreulich begleitet, durch die Stadt. Hoch über die Dächer erhob sich der massive runde Gänseturm. Erling deutete darauf und sagte lächelnd: «Der Turm steht noch immer da, Krümel. Ich hatte schon geglaubt, er sei gestohlen worden, und du wolltest Jan verlocken, den Dieb ausfindig zu machen. Weisst du übrigens, wer hier die erste Burg gebaut hat?»
«Waldemar natürlich», erwiderte Jesper mit überlegener Miene.
«Welcher Waldemar?» fragte Erling.
«Der Vierte», riet Jesper.
Erling schüttelte bekümmert den Kopf: «Du wirst niemals Geschichtsprofessor werden, Krümel. Die erste Burg erbaute Waldemar der Grosse. Zum Schutz gegen die Wenden. Waldemar der Vierte dagegen baute den Gänseturm, der heute zu den am besten erhaltenen Festungstürmen aus dem Mittelalter zählt.»
Jan rief lachend: «Das ist ja sehr interessant, Dicker. Aber noch mehr würde es mich interessieren, von Krümel zu hören, was er hier in Vordingborg eigentlich vorhat. Nun sind wir ja angelangt. Also, heraus damit!»
Jesper warf einen schadenfrohen Blick auf den dicken Erling: «Ich wollte nichts sagen, solange wir nicht hier waren», erklärte er dann. «Erling macht ja immer Schwierigkeiten, sobald ein spannendes Abenteuer auftaucht, das irgendwie nach einem Kriminalfall aussieht. Ich dachte, er würde wieder versuchen, alles zu verderben ...»
«Du elender Floh!» rief Erling drohend. «Willst du damit etwa sagen, dass unsere Ferienreise wieder einmal dahin sein soll?»
Jesper nickte frohlockend. «Ich weiss, dass Jan nicht nein sagen kann, wenn er die Geschichte hört. Sie ist nämlich sehr spannend. Wartet ab, mein Onkel wird euch alles berichten.»
Erling stöhnte vor Verzweiflung laut auf.
Zweites Kapitel
Der Heimfallsfund
Jespers Onkel und Tante wohnten in einer schönen Villa am Rande der Stadt. Die Buben wurden von ihnen mit grosser Freundlichkeit aufgenommen. Man sah auf den ersten Blick, dass Herr Berg sehr wohlhabend war. Aber der Reichtum freute ihn offenbar nicht sehr. Obwohl er grosse Liebenswürdigkeit zeigte, merkte Jan schnell, dass er Mühe hatte, seine Nervosität zu verbergen. Irgend etwas musste ihn bedrücken.
Wie es schien, hatte Jesper seinem Onkel schon allerlei über Jan erzählt; denn während der Tisch zum Mittagessen gedeckt wurde, sagte Herr Berg ohne weitere Umschweife: «Mein Neffe hat mir viel von dir erzählt, Jan. Vielleicht kannst du mir helfen, ein Rätsel zu lösen, das mir sehr zu schaffen macht ...»
Jan hob abwehrend die Hand.
«Keine falsche Bescheidenheit, Jan!» fuhr Herr Berg fort. «Vielleicht kannst du mir helfen, vielleicht auch nicht.»
«Worum handelt es sich denn?» fragte Jan vorsichtig.
Herr Berg überlegte einen Augenblick und schaute die Buben forschend an. «Ich bin sicher», begann er, «dass ich mich auf euch verlassen kann. Ich werde also die Karten offen auf den Tisch legen. Ungefähr fünf Kilometer von der Stadt entfernt beginnt Knudshoved Odde, eine schmale Landzunge, die fünfzehn Kilometer weit ins Meer hinausragt. In der Mitte der Landzunge liegt ein kleiner Wald, und in der Nähe dieses Waldes besitze ich ein Sommerhaus. Als ich eines Tages im Walde spazierenging, stiess mein Fuss gegen einen Gegenstand. Ich bückte mich, um zu sehen, was es war, und da erlebte ich eine grosse Überraschung. Es war ein schwerer Armring mit wunderschönen Verzierungen.»
«Ein Heimfallsfund?» fragte Erling interessiert.
«Ja», bestätigte Herr Berg leicht erstaunt. «Als ich den Ring von der Erde gereinigt hatte, sah ich, dass er aus Gold war, und dass es sich um ein sehr altes Schmuckstück handelte. Es stammt vielleicht aus derselben Zeit wie das berühmte Goldhorn, das in Nord-Schleswig gefunden wurde.» Er wandte sich lächelnd an Erling: «Du scheinst ja etwas von diesen Dingen zu verstehen. Weisst du auch, was das merkwürdige Wort ‚Heimfallsfund‘ bedeutet?»
Erling nickte. «Alle Zeugnisse einer vergangenen Kultur, die man irgendwo in Dänemark findet, fallen dem Staat anheim und müssen daher abgeliefert werden.»
«Richtig!» sagte Herr Berg. «Hast du dich schon näher mit Heimfallsfunden beschäftigt?»
«Nein, das nicht», erwiderte Erling. «Aber ich interessiere mich für die Geschichte unseres Landes, und die Heimfallsfunde sind ja für die Kenntnis der Kultur unserer Vorväter von grosser Bedeutung.»
Herr Berg nickte beifällig. «Ja, das sind sie. In alter Zeit mussten alle derartigen Funde an den König abgeliefert werden. Jetzt gehören sie dem Staat, und man ist verpflichtet, die Behörden zu unterrichten, wenn man etwas dergleichen gefunden hat. Man erhält dann den Goldwert ausbezahlt und ausserdem eine Belohnung, deren Höhe von der archäologischen und ethnographischen Bedeutung des Fundes abhängt. Doch nun kommt etwas sehr Betrübliches ...» Er strich sich über die Stirn und fuhr nach einer kurzen Pause fort: «Am Abend nahm ich den Goldschmuck mit nach Hause. Am nächsten Morgen aber war er verschwunden ...»
«Gestohlen?» fragte Jan gespannt.
«Eine andere Erklärung gibt es leider nicht», antwortete Herr Berg ernst. «Ich muss mir selbst den Vorwurf machen, dass ich wohl etwas leichtsinnig gewesen bin. Da ich gar nicht auf den Gedanken kam, dass ein Dieb ins Haus eindringen könnte, um sich ausgerechnet den Goldring zu holen, hatte ich das Schmuckstück in die unverschlossene Schublade meines Schreibtisches gelegt. Am nächsten Morgen wollte ich die Behörde von meinem Fund unterrichten. Aber ... ich unterliess es. Ich habe weder etwas von meinem Fund noch von dem Diebstahl gemeldet.»
«Weshalb nicht?» erkundigte sich Jan.
Herr Berg stand auf und ging nervös im Zimmer auf und ab. Schliesslich blieb er stehen und sagte: «Also hört zu! Leider habe ich den Verdacht, dass einer von den Hausbewohnern der Dieb ist. Ich bin meiner Sache aber keineswegs sicher und möchte den Verdacht nicht auf einen Unschuldigen lenken.»
«Und wen haben Sie im Verdacht?» fragte Jan, als Herr Berg verstummte.
«Meinen eigenen Sohn», seufzte Herr Berg. «Leider. Als ich am Abend mit dem Schmuck nach Hause kam, zeigte ich ihn meiner Frau und meinem Sohn, und Jörgen war dabei, als ich ihn in die Schublade meines Schreibtisches legte.»
Die Buben machten sehr ernste Gesichter, und Jans Stimme klang etwas unsicher, als er fragte: «Haben Sie früher schon Grund gehabt, an der Ehrlichkeit Ihres Sohnes zu zweifeln, Herr Berg?»
Herr Berg schüttelte den Kopf. «Nein, nie. Jörgen ist ein guter Junge. Er ist unser einziges Kind. Aber ... in der letzten Zeit ist er in schlechte Gesellschaft geraten. Es gibt hier in der Stadt einige sehr leichtsinnige junge Menschen, die viel Geld brauchen und stets auf ihr Vergnügen aus sind. Leider hat Jörgen sich mit der Schwester eines dieser jungen Menschen verlobt ...»
«Ist sie auch nicht viel wert?» fragte Jan.
«Darüber bin ich mir nicht klar», erwiderte Herr Berg. «Ich kenne sie zu wenig. Das klingt vielleicht etwas sonderbar, aber wegen ihres Bruders sehe ich sie nicht gern bei uns im Hause, obwohl die Verlobung mit Jörgen durchaus kein Geheimnis ist.»
Jan schien zu überlegen. Endlich sagte er: «Offen gestanden, Herr Berg, sehe ich nicht, wie wir Ihnen helfen könnten. Ich verstehe natürlich, dass es Ihnen schwerfällt, aber das richtigste wäre doch, Sie machten eine Anzeige bei der Kriminalpolizei.»
«Die Sache liegt nicht so einfach, wie du denkst», entgegnete Herr Berg, den Kopf schüttelnd. «Ich wurde ja nicht bestohlen. Der Goldring war ein Heimfallsfund; er gehörte dem Staat von dem Augenblick an, als ich ihn zufällig entdeckte. In Wahrheit wurde also der Staat bestohlen, und das macht die Sache sehr verwickelt. Deshalb liegt mir unendlich viel daran, den Schmuck wieder herbeizuschaffen, damit ich ihn bei der Behörde abliefern kann.»
«Vielleicht ist er schon eingeschmolzen», wandte Erling ein. «So etwas ist schon vorgekommen.»
«Das ist ziemlich ausgeschlossen», sagte Jan. «Der Dieb selber kann das sicher nicht, und er findet auch nicht so ohne weiteres einen Menschen, der es für ihn besorgt. Vermutlich wartet er auf eine günstige Gelegenheit, um den Schmuck zu verwerten. Aber bringt uns das weiter?»
«Vielleicht doch», meinte Herr Berg. «Jörgen hat seinen Kameraden von dem Fund erzählt. Eines Abends brachte er ein paar von ihnen mit, und der eine – er heisst Georg – wollte durchaus wissen, wo ich den Schmuck gefunden habe. Er wusste nur, dass es in der Nähe des Waldes auf der Landzunge gewesen war, und ich fühlte natürlich keinerlei Veranlassung, ihm nähere Erklärungen zu geben. Nun habe ich gehört, einige junge Leute hätten in den letzten Tagen im Walde herumgestöbert. Es ist nicht schwer zu erraten, was sie dort gesucht haben.»
«Ja, das ist wirklich nicht schwer zu erraten», sagte Erling. «Gewöhnlich besteht so ein alter Schmuck aus mehreren Stücken. Natürlich hoffen sie, die andern Teile zu finden, und wenn sie genau wüssten, wo der Ring gefunden wurde, wäre es wohl denkbar, dass sie mit ihrer Suche Erfolg hätten.»
«Ich weiss wirklich nicht, was ich tun soll», sagte Herr Berg. «Ich denke aber, wenn ihr Buben draussen bei dem Walde eine Weile kampieren würdet, könntet ihr vielleicht diese oder jene Beobachtung machen. Möglicherweise gelingt es uns dann, das Rätsel zu lösen, ohne dass die Kriminalpolizei herangezogen werden muss. Jesper hat mir so viel von dir erzählt, Jan, dass ich glaube, du könntest mir bei dieser peinlichen Sache vielleicht helfen.»
Jan wurde rot. «Es ist sehr nett von Jesper, dass er so von mir gesprochen hat, aber Wunder können wir auch nicht vollbringen.»
«Versucht es wenigstens!» bat Herr Berg. «Ich habe bereits dafür gesorgt, dass ihr euer Lager am Walde aufschlagen dürft. In dem nahe gelegenen Gehöft könnt ihr Milch und Wasser bekommen. Es ist sehr schön dort draussen, und ihr versäumt sicher nichts, wenn ihr euch eine Woche lang auf der Landzunge aufhaltet.»
Schliesslich willigte Jan ein. Für seine Kameraden war es selbstverständlich, dass sie seinen Entschluss billigten. Herr Berg stellte ihnen vier Fahrräder zur Verfügung. Da sich in der Gegend des Waldes keine Anlegebrücke befand, wo sie ihr Segelboot hätten vertäuen können, musste die «Rex» einstweilen im Vordingborger Hafen liegen bleiben.
«Wann kommt Ihr Sohn nach Hause, Herr Berg?» fragte Jan.
«Zwischen vier und fünf; das Büro, in dem er arbeitet, schliesst um vier Uhr. Warum willst du das wissen?»
«Ich würde ihn gern sehen, möchte aber nicht, dass er uns kennenlernt.»
Auch diese Sache wurde geordnet. Es wurde vereinbart, dass sich Jan und Jesper um vier Uhr in der Nähe von Jörgens Büro einfinden sollten.
Nach dem Mittagessen, an dem selbst Erling nicht das geringste auszusetzen hatte, kehrten die Buben nach dem Hafen zurück, wo sie ein paar vergnügte Stunden verbrachten. Sie waren alle in glänzender Stimmung, sogar Erling, der es eigentlich gar nicht schätzte, wenn sich Jan Gelegenheit bot, sich als Detektiv zu betätigen. Seiner Meinung nach kam für sie dabei im allgemeinen nichts anderes heraus, als dass sie um den ungestörten Genuss ihrer Ferien gebracht wurden. Diesmal aber lag die Sache anders. Die Geschichte der nordischen Länder war stets sein Lieblingsfach gewesen, und der Gedanke, dass sie bei dem Versuch, den Diebstahl aufzuklären, vielleicht noch auf andere Zeugnisse einer alten Kultur stossen würden, hatte für ihn viel Verlockendes.
Als die Zeit gekommen war, machten sich Jan und Jesper auf den Weg. Am Ende der langen Hauptstrasse blieb Jesper stehen und sagte: «Mein Vetter arbeitet in dem Haus dort an der Ecke. Wenn er uns nicht sehen soll, ist es das beste, wir warten hier. Aber weisst du, Jan, wenn du meine Meinung hören willst, so traue ich Jörgen nichts Schlechtes zu.»
«Ich auch nicht, Krümel. Jedenfalls nicht, solange seine Schuld nicht erwiesen ist. Wir wollen uns hier im Torweg verstecken.»
Nach ein paar Minuten zupfte Jesper seinen Freund am Ärmel und raunte ihm zu: «Du, Jan, das junge Mädchen da drüben ist Jörgens Braut!»
Jan blickte vorsichtig in die angedeutete Richtung und sah ein blondes junges Mädchen, das ein geblümtes Sommerkleid trug und langsam auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig auf und ab ging. Wahrscheinlich wartete sie auf ihren Verlobten. Jan fand, sie mache einen etwas niedergeschlagenen Eindruck.
Kurz darauf sagte Jesper leise: «Da kommt Jörgen!»
Aus dem Hause an der Ecke trat ein schlanker junger Mann. Er mochte Anfang der Zwanzigerjahre sein und hatte ein sonnverbranntes, scharf geschnittenes Gesicht. Seine Bewegungen waren sichtlich nervös, und er schaute sich unruhig um, bevor er sich dem jungen Mädchen näherte. Sie wechselten einige Worte und gingen dann Seite an Seite die Strasse hinunter. Ihre lebhaften Gesten verrieten, dass sie irgend etwas eifrig besprachen. Sie wandten sich nach den alten Burgruinen am Gänseturm.
Jan stand einen Augenblick unentschlossen und sagte dann schnell: «Krümel, du kehrst jetzt zu den andern zurück. Ich möchte deinem Vetter und seiner Verlobten folgen. Pass aber auf, dass Jörgen dich nicht sieht!»
«Ich schlage einen anderen Weg ein», erklärte Jesper und verschwand.
Jan blieb noch etwas in seinem Versteck, um das Brautpaar einen Vorsprung gewinnen zu lassen. Dann machte er sich an die Verfolgung. Er hatte den Vorteil, dass er nicht besonders vorsichtig zu sein brauchte, da die beiden ihn ja nicht kannten. Wenn sie hin und wieder stehenblieben, folgte er ihrem Beispiel und betrachtete die Auslagen in irgendeinem Schaufenster. Jörgen und seine Verlobte schienen verschiedener Meinung zu sein; denn sie diskutierten eifrig miteinander. Sie hatten jetzt den offenen Platz am Schlossberg erreicht und überquerten ihn. Jan zögerte, weil er als «Verfolger» den offenen Platz scheute. Es blieb ihm aber nichts anderes übrig, als den beiden zu folgen, wobei er nach Möglichkeit Deckung hinter den vielen Autos nahm, die auf dem Schlossplatz parkten.
Jörgen und seine Begleiterin wanderten eine Weile zwischen den Ruinen umher und setzten sich schliesslich auf eine Bank. Jan, der sich ihnen bis auf etwa zwanzig Meter genähert hatte, zog sich schnell hinter einen Mauerrest zurück. Er war ziemlich sicher, dass sie ihn noch nicht entdeckt hatten. Ob er sie wohl belauschen konnte? Gern tat er das nicht; aber in gewissen Fällen konnte man sich doch gezwungen sehen, gegen seine Empfindungen zu handeln.
Lautlos wie ein Indianer schlich Jan, sich hinter verwitterten, moosbewachsenen Mauerresten verbergend, immer näher an die Bank heran. Schliesslich hatte er eine Stelle erreicht, die ihm günstig erschien. Er befand sich jetzt über den Köpfen der beiden.
Das erste, was er hörte, liess ihn sofort aufhorchen. Jörgen sagte zornig: «Du musst, Inge! Vater verdächtigt mich ...»
«Das weisst du doch nicht mit Sicherheit», unterbrach sie ihn. Die Tränen schienen ihr nahe zu sein.
«Doch, ich weiss es. Und ich halte es nicht länger aus. Wenn du mich lieb hast, dann tust du, was ich dir sage.»
Das junge Mädchen begann zu schluchzen.
Da geschah etwas Unerwartetes. Das Mauerwerk, auf dem Jan lag, war mürbe. Ein kleines Stück löste sich und rollte über den Weg. Inge stiess einen leisen Schrei aus: «Was war das, Jörgen?»
Jörgen sprang auf. Aber Jan war schneller. Im Nu glitt er von seinem Horchposten hinunter und brachte sich in Sicherheit.
«Wer zum Teufel lauscht da?» hörte er Jörgens zornige Stimme. Er wartete aber die weitere Entwicklung der Dinge nicht ab, sondern machte sich lautlos davon. Wenig später war er wieder auf dem Schlossplatz angelangt und nahm hinter den parkenden Autos Deckung. Er blickte sich sorgsam um, aber Jörgen war ihm nicht gefolgt. Da kehrte er schnell zu seinen Kameraden an Bord des Segelboots zurück.
«Hast du etwas herausgefunden, Jan?» fragte Jesper neugierig.
«Ich denke wohl», erwiderte Jan. «Aber Näheres kann ich noch nicht sagen. Ich habe meine Vermutungen. Vielleicht sind sie sehr töricht.»
«Was vermutest du denn?»
«Diese Frage möchte ich einstweilen unbeantwortet lassen, Krümel. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass wir allerlei erleben werden, wenn wir unser Zelt auf der Landzunge aufgeschlagen haben.»
«Kann ich etwas tun?» fragte Carl.
«Wir wollen es abwarten», lachte Jan. «Man weiss ja nie, was geschieht. Aber es ist ein beruhigendes Gefühl, dass du bei uns bist.»
«Ich stehe jederzeit zur Verfügung, wenn du mich brauchst», sagte Carl. «Das weisst du ja.»
Drittes Kapitel
Erlebnisse im Walde
Die vier Fahrräder, die Herr Berg den Buben zur Verfügung gestellt hatte, wurden mit allen möglichen Ausrüstungsgegenständen für das Lager beladen. Auch die Zeltstangen, die sich zerlegen liessen, konnten auf den Rädern untergebracht werden.
Boy sprang in freudiger Erwartung um die Buben herum. Der kluge Hund merkte, dass etwas Besonderes los war.
Da Jesper die Ferien schon öfters bei seinem Onkel verlebt hatte, war er ortskundig und übernahm die Führung. Als sie die Stadt hinter sich gelassen hatten, kamen sie bald am Gutshof Rosenfeld vorüber, der früher einmal ein Vorwerk des Schlosses Vordingborg gewesen war. Der Weg führte durch ein Wäldchen, dann durch den schön gelegenen kleinen Ort Knudsby und schliesslich auf die Landzunge hinaus.
Ausnahmsweise einmal war es nicht Erling, sondern Jesper, der den anderen etwas erzählen konnte. In alter Zeit war die fünfzehn Kilometer lange Landzunge ganz bewaldet gewesen. Jetzt aber war der Wald stark gelichtet. Wie in so vielen anderen Gegenden hatten auch hier die Bewohner die Bäume rücksichtslos gefällt. Infolgedessen war die Landzunge jetzt zum grössten Teil mit Gras und Buschwerk bedeckt. Zahlreiche frei weidende Kühe fanden hier ihr Futter. Jesper wusste auch zu erzählen, dass die Landzunge weiter draussen sehr schmal war.
Jesper war mitten im Erzählen, als ein Flugzeug sehr niedrig mit südlichem Kurs über die Landzunge hinwegdonnerte.
«Es ist ein Marineflieger», erklärte Jesper. «Die Marine hat eine grosse Flugbasis drüben auf Avnö ...»
«Wo liegt Avnö?» fragte Jan.
«Weiter nördlich, nur wenige Kilometer von der Stelle entfernt, wo wir unser Lager aufschlagen wollen. Wir können jeden Tag die Marineflieger bei ihren Übungen beobachten. Sie machen ja ziemlichen Lärm, aber es ist auch interessant.»
Bald hatten die Buben den kleinen Wald erreicht. Jesper folgte einem schmalen Weg, der nach der Nordseite der Landzunge führte. Weiter draussen fand sich ein richtiger Sandstrand.
«Hier dürfen wir unser Zelt aufschlagen», erklärte Jesper. «Und wenn wir wollen, dürfen wir am Strand auch Feuer anmachen.»
Jan blickte sich um und fragte: «Wo hat dein Onkel den Goldring gefunden?»
Jesper deutete auf ein paar niedrige Bäume. «Gleich dort oben. Das Sommerhaus meines Onkels liegt nur fünfhundert Meter von hier entfernt. Aber sehen können wir es nicht. Findet ihr nicht auch, dass es hier schön ist?»
«Wundervoll!» stimmte Carl begeistert zu.
Vor ihnen lag die Förde, blank und von der Sonne beschienen; linker Hand zog sich die Küstenlinie der Landzunge in Windungen nach dem offenen Meere hin. Hinter ihnen war der Wald. Die ganze Natur atmete Frieden und Schönheit.
Alle machten sich mit Eifer an die Arbeit. Die Freunde hatten sich im Laufe der Jahre zu tüchtigen Zeltsportlern entwickelt. Für sie war das Zelt keineswegs der einzige Bestandteil eines richtigen Lagers. Sie bauten eine Feuerstelle, errichteten ein Gestell für den Kochtopf, spannten eine Wäscheleine aus und trafen noch andere Vorkehrungen für ihr Freiluftleben.
So waren sie mehrere Stunden emsig beschäftigt. Als sie fertig waren, tummelten sie sich eine Weile im Wasser, und dann wurde es Zeit fürs Mittagessen. Erling war natürlich der Oberkoch. Sein Gehilfe Jesper wurde ausgeschickt, von dem nahen Gehöft Wasser und Milch zu holen. Als sich die Buben eine halbe Stunde später das Essen gut schmecken liessen, fanden sie alle, es sei eine Lust zu leben.
Carl, der sich gerade ein grosses Stück Brot mit Leberpastete einverleibt hatte, nickte anerkennend: «Du verstehst deine Sache, Erling. Das muss man dir lassen.»
Erling winkte bescheiden ab. «Na, um Brot mit Leberpastete zu streichen, braucht man kein grosser Kochkünstler zu sein. Warte mit deinem Urteil bis zum Abendessen. Wenn Krümel nicht alles verdirbt, werde ich euch die erstaunlichsten Speisen hervorzaubern.»
Nach dem Essen faulenzten die Buben eine Weile. Jan hatte die Hände unter dem Nacken verschränkt und starrte in die blaue Luft. Er dachte an die merkwürdige Aufgabe, die Herr Berg ihnen gestellt hatte. Ob sie wohl Glück haben würden? Es war natürlich durchaus möglich, dass Jörgen, Georg und die andern hier in der Gegend auftauchten, um nach verborgenen Schätzen zu suchen. Aber was dann? Man konnte ihnen ja nicht verbieten, im Walde herumzustreifen. Natürlich würde keiner von ihnen eingestehen, was er im Sinne hatte. Im übrigen konnte man als sicher annehmen, dass der Dieb den verschwundenen Goldring noch besass. Doch wer war der Dieb?
Jan stand auf und schlenderte zu der Stelle, wo Herr Berg das Schmuckstück gefunden hatte. Er beschrieb immer grössere Kreise um den Platz und stiess hier und da mit der Schuhspitze in die Erde. Da aber ausser Steinen nichts zum Vorschein kam, kehrte er bald zum Lager zurück. Erling lag im Zelt und schlief den Schlaf des Gerechten. Carl und Jesper plauderten miteinander. Jan setzte sich zu ihnen.
«Ich habe mir die Stelle angesehen, wo dein Onkel den Schmuck gefunden hat, Jesper. Aber ich habe natürlich nichts gefunden.»
«Das dürfte auch nicht leicht sein», meinte Jesper.
«Trotzdem sollten wir unser Heil versuchen. Wenn Erling ausgeschlafen hat, fangen wir gleich an.»
«Und wie denkst du dir das?» fragte Carl.
«Natürlich können wir nicht allzu gründlich vorgehen», erwiderte Jan. «Wir nehmen vier dicke Stöcke, spitzen sie an und stochern hier und da in der Erde. Vielleicht haben wir Glück und finden etwas. Ob Jörgen und seine Kameraden wohl hier in der Gegend auftauchen werden? Was meinst du, Jesper?»
«Mein Onkel glaubt es», antwortete Jesper. «Sie waren ja schon mehrere Male hier draussen, und es dürfte nicht zweifelhaft sein, weshalb sie kommen. Sicher nicht, um Brombeeren zu pflücken.»
«Wie heisst der künftige Schwager deines Vetters?»
«Preben.»
«Wie ist er?»
Jesper zögerte mit der Antwort. Endlich sagte er: «Ich kenne ihn nur flüchtig. Ich glaube, er ist zu Hause sehr verzogen worden. Vielleicht kommt es daher, dass er so mit dem Geld um sich wirft und viel trinkt. Seine Schwester ist viel besser geraten.»
Jan nickte nachdenklich. «Ja, Inge macht einen guten Eindruck. Aber vielleicht ist da doch etwas faul ...»
«Wie meinst du das?» fragte Jesper neugierig.
«Ich möchte mich darüber noch nicht äussern, Krümel. Wir wollen abwarten, wie sich die Dinge entwickeln.»
Während die andern weiter plauderten, blickte Jan gedankenvoll ins Weite. Seine Augen folgten den vielen Flugzeugen, die von Avnö aufstiegen oder dort landeten. Die Marineflieger schienen eine grosse Übung abzuhalten. Hin und wieder nahm eine Maschine Kurs über die Förde und dröhnte über ihre Köpfe hinweg. Einmal waren es sogar fünf Maschinen, die in Dreiecksformation flogen.
Jan stand schliesslich auf und steckte den Kopf durch die Zeltöffnung. «Steh auf, Dicker!» rief er.
Erling brummte etwas Unverständliches und drehte sich auf die andere Seite.
Aber Jan liess sich nicht abschrecken. Er ging ins Zelt hinein und stiess seinen dicken Freund mehrmals mit der Fußspitze in die Seite. «Hast du nicht gehört, Dicker? Aufstehen sollst du!»
Es dauerte einige Zeit, bis Erling munter war. Er setzte sich auf, rieb sich die Augen und gähnte herzhaft. «Du bist es, du Plagegeist?» brummte er. «Weshalb gönnst du mir den Schlaf nicht? Ich habe mich den ganzen Tag abgerackert, und ...»
«Dass ich nicht lache, Dicker!» unterbrach ihn Jan. «Du hast dich nicht mehr abgerackert als wir andern. Wir sind doch nicht hierher gekommen, um die Zeit zu verschlafen. Steh endlich auf!»
Erling schüttelte betrübt den Kopf. «Was soll denn nun wieder geschehen?»
«Wir wollen nach weiteren Schmuckstücken suchen.»
«Nach weiteren Schmuckstücken», wiederholte Erling, dessen Interesse nun erwacht war. «Wo denn?»
«Das werde ich dir zeigen», erwiderte Jan lächelnd. «Komm endlich!»
Mit einem Seufzer stand Erling auf und taumelte aus dem Zelt. Als sein Blick auf Jesper fiel, rief er entrüstet: «Was sitzt du da herum und schlägst die Zeit tot? Weisst du denn nicht, dass du unser Küchenjunge bist?»
«Doch, aber ...»
«Keine Ausrede», unterbrach Erling. «Hast du Wasser für den Nachmittagskaffee geholt?»
«Nein, aber ...»
Erling stöhnte: «Es ist zum Verzweifeln! Keine Hilfe hat man! Alles muss man allein machen!» Er wandte sich an Jan: «Wir wollen jetzt doch erst unseren Nachmittagskaffee trinken, nicht wahr?»
«Kein Gedanke!» antwortete Jan. «Dazu haben wir keine Zeit. Jetzt heisst es arbeiten!»
Erling seufzte tief, musste sich aber in das Unvermeidliche fügen. Die Buben suchten sich ein paar kräftige Äste aus, befreiten sie von den Zweigen und spitzten sie am einen Ende zu. Nun konnte das Stöbern beginnen.
Jan führte sie zum Fundort des Goldrings und wies jedem einen bestimmten Teil des angrenzenden Waldgebiets zu. Es wurde vereinbart, die Nachforschungen sofort einzustellen und nach dem Lager zurückzukehren, sobald andere Leute auftauchten.
Jan hatte etwa eine halbe Stunde lang in der Erde herumgestochert, als er plötzlich Stimmen zu hören glaubte. Er richtete sich auf und spähte in die Runde. Es war aber niemand zu sehen. Eine Weile blieb er unentschlossen stehen, dann schlich er vorsichtig zum Waldrand und blickte nach dem Lager.
Da sah er, dass seine drei Kameraden schon nach dem Zelt unterwegs waren. Sie hatten die Stimmen also auch gehört! Boy, den man als Wächter zurückgelassen hatte, empfing sie mit begeistertem Gebell. Jan musste unwillkürlich lächeln. Der tatenfrohe Polizeihund langweilte sich offenbar.
Jan drang vorsichtig wieder in den Wald ein. Er hütete sich, auf trockene Zweige zu treten, und sorgte dafür, dass er stets in Deckung blieb. Plötzlich glaubte er wieder Stimmen zu hören. Er machte halt. Bewegte sich da nicht etwas zwischen den Baumstämmen?
Ja, er hatte sich nicht getäuscht. Keine zwei Dutzend Meter entfernt stand ein junger Mann in hellgrauem Anzug. Er kehrte Jan den Rücken, so dass sein Gesicht nicht zu sehen war. Jan kroch hinter einen Busch und liess den Mann, der ruhig dastand und zu lauschen schien, nicht aus den Augen. Nach einiger Zeit wandte der Fremde den Kopf. Jan zuckte unwillkürlich zusammen. Es war niemand anders als Jörgen!
Was nun? fragte sich Jan. Ehe er noch zu einem Entschluss gekommen war, sah er Jörgen tiefer in den Wald hineingehen, und bald darauf wurden Stimmen laut. Jetzt konnte sich Jan schneller vorwärtsbewegen, ohne ein Wagnis einzugehen. Er war aber noch keine fünfzig Meter weitergekommen, als er plötzlich stehen blieb und grosse Augen machte. Er sah zwei junge Leute, die wild aufeinander losschlugen. Der eine von ihnen war Jörgen!
Jan wusste wirklich nicht, was er denken sollte. Warum prügelten sich die beiden? Und wer war Jörgens Gegner? Er war kräftig gebaut, hatte breite Schultern und eine schwarze Haarmähne ...
Auf einmal ertönten laute Rufe im Walde. Mehrere andere junge Leute kamen zum Kampfplatz geeilt. Die Prügelei war auf ihrem Höhepunkt angelangt. Von beiden Seiten wurde rücksichtslos zugeschlagen. Jörgens Nase blutete. Aber jetzt griffen die anderen ein. Bald nahm der Kampf ein Ende, und es entspann sich zwischen den jungen Leuten eine hitzige Diskussion. Jan konnte nicht hören, was gesagt wurde. Doch wenigstens konnte er von seinem Versteck aus sehen, wie sich die Dinge entwickelten. Jörgen wollte sich wieder auf seinen Gegner stürzen, aber die andern hielten ihn fest. Der junge Mann mit den breiten Schultern und der schwarzen Haarmähne lachte höhnisch. Nach einer Weile setzten sich alle in Bewegung und entfernten sich. Ihre Stimmen verebbten.
Viertes Kapitel
Seltsame Lichtsignale
Jan richtete sich auf und blickte ihnen nach. Er hätte gern gewusst, weshalb sich die beiden jungen Leute geprügelt hatten. Es musste sich schon um eine ernste Meinungsverschiedenheit gehandelt haben. Allerlei wirre Gedanken schossen ihm durch den Kopf, während er nach dem Lager zurückkehrte. Seine Kameraden empfingen ihn mit vielen neugierigen Fragen. Jan erklärte kurz, was er gesehen hatte. Dann fragte er Jesper: «Wie sieht Inges Bruder aus?»
«Inges Bruder?» wiederholte Jesper etwas verwundert. «Eigentlich recht flott.»
«Hat er schwarze Haare?»
«Noch schwärzer könnten sie kaum sein.»
«Ist er gross? Hat er breite Schultern?»
«Ja, das stimmt.»
«Dann war es sicher Inges Bruder, der sich mit Jörgen geprügelt hat», meinte Jan.
«Das kann ich nicht glauben», entgegnete Jesper. «Soviel ich weiss, sind Jörgen und Preben dicke Freunde.»
Jan zuckte die Schultern. «Ich kann nur sagen, was ich gesehen habe, Krümel. Aber merkwürdig ist die ganze Geschichte. Hat Inge ihren Bruder gern?»
«Sicher! Inge und Preben haben sich immer gut verstanden, soviel ich weiss ...»
Jan schwieg und blickte sinnend vor sich hin. Schliesslich sagte er: «Wir wollen uns nicht nutzlos den Kopf zerbrechen. Gibt es Nachmittagskaffee, Dicker?»
Kein Stichwort wäre Erling lieber gewesen. Er schickte Jesper auf der Stelle nach Wasser und traf die nötigen Vorbereitungen.
Der Rest des Tages verlief friedlich. Erling brachte ein Abendessen zuwege, bei dessen Anblick den andern schon das Wasser im Munde zusammenlief. Als es dunkel wurde, flammte am Strande ein Lagerfeuer auf. Die Buben legten sich im Kreise um die knisternden Flammen und führten teils muntere, teils nachdenkliche Gespräche, bis das Lagerfeuer zu verglimmen begann. Erling unterdrückte mühsam ein Gähnen.
«Liebe Freunde», sagte er. «Ihr müsst mich jetzt entschuldigen. Ich habe viel versäumten Schlaf nachzuholen.»
«Zieh dich nur ruhig zurück, Dicker», lächelte Jan. «Kann sein, dass wir morgen einen sehr geschäftigen Tag haben.»
Erling liess sich das nicht zweimal sagen. Es dauerte nicht lange, so verkündeten tiefe, regelmässige Atemzüge aus dem Innern des Zeltes, dass er Kräfte für den nächsten Tag sammelte.
Bald darauf wurde auch Carl müde. Als er ins Zelt gekrochen war, fragte Jan lächelnd den kleinen Jesper: «Na, Krümel? Willst du nicht auch bald in die Koje?»
Jesper schüttelte den Kopf: «Nein, ich bin nicht müde.»
«Dir geht wohl die Sache mit deinem Vetter nicht aus dem Kopf? Das verstehe ich gut. Hoffentlich gelingt es uns bald, die peinliche Geschichte aufzuklären.»
Eine Weile sassen die beiden Buben schweigend an dem beinahe erloschenen Lagerfeuer. Dann fragte Jan: «Wollen wir etwas am Strand spazierengehen?»
«Ja, gern», stimmte Jesper zu.
Die Dunkelheit war längst hereingebrochen. Hell leuchteten die Sterne am Himmel. Kleine Wellen plätscherten an das Ufer. Sonst herrschte tiefe Stille.
Die beiden Freunde waren ein paar hundert Meter am Rande des Wassers entlanggewandert, als Jan plötzlich stehenblieb und über die weite Fläche starrte. Schliesslich sagte er verwundert: «Das ist doch merkwürdig ...»
«Was ist merkwürdig?» fragte Jesper, der nicht ahnte, was Jan meinte.
Jan deutete über das Wasser. «Siehst du das Blinken dort drüben?»
«Ja. Was ist damit?»
«Da werden Morsezeichen gesendet. Pass einmal genau auf, Krümel! Jetzt: Lang ... kurz ... lang ... kurz ... lang ...»
«Das sind sicher die Marineflieger, die eine Übung abhalten», meinte Jesper. «Das Blinken kommt ja von Avnö.»
Jan schüttelte den Kopf. «Sehr unwahrscheinlich, Jesper. Hast du Papier und Bleistift bei dir?»
«Ja.»
«Dann mach schnell! Schreib auf, was ich dir diktiere! Fertig?»
«Ja.»
«Schreib: Verhindert ... heute ... abend ... punkt ... unerwartet ... dienst ... punkt ... kann ... erst ... dienstag ... senden ... punkt ... dieselbe ... zeit ... punkt ... einverstanden ... fragezeichen ...»
Das Blinken auf Avnö brach ab. Jan sagte schnell: «Jetzt wartet er auf die Antwort von einem, der hier von der Landzunge aus morst. Kannst du auf dieser Seite der Förde Lichtsignale sehen?»
«Nein ...»
«Ich auch nicht. Dann werden wir wohl einige Minuten warten müssen. Nein, da ist der in Avnö schon wieder! Schreib: In ... Ordnung ... punkt ... Dienstag ... dieselbe ... zeit ... schluss.»
Jan wartete noch eine Weile, obwohl er überzeugt war, dass nach dem Schlusszeichen nichts weiter kommen würde. Dann bat er: «Zeig mir, was du geschrieben hast, Krümel!»
«Bei dieser schlechten Beleuchtung wird meine Schrift nicht sehr leserlich sein», meinte Jesper, während er Jan das Blatt Papier reichte.
Jan konnte aber bei dem schwachen Mondlicht ohne grosse Mühe lesen, was Jesper geschrieben hatte: «Verhindert heute abend. Unerwartet Dienst. Kann erst Dienstag senden. Dieselbe Zeit. Einverstanden?» Die nächste Mitteilung war kurz: «In Ordnung. Dienstag dieselbe Zeit.»
«Das ist ja aufregend», sagte Jesper, unwillkürlich die Stimme dämpfend. «Was mag das zu bedeuten haben?»
«Das kann alles mögliche bedeuten», erwiderte Jan nachdenklich. «Drüben auf Avnö ist jemand, der für heute abend eine Verabredung getroffen hat, nun aber verhindert ist, weil er unerwarteterweise Dienst hat. Daraus geht wohl hervor, dass der Betreffende zur Luftwaffe gehört. Ich bin sehr gespannt, was er am Dienstag abend senden wird.»
Jesper war in eine solche Aufregung geraten, dass er kaum die Worte herausbrachte: «Du, Jan ... glaubst du ... glaubst du, es handelt sich um Spionage?»
Jan blickte seinen Freund überrascht an. «Merkwürdig, dass du das sagst, Krümel. Ich hatte genau den gleichen Gedanken. Aber es klingt ziemlich phantastisch. Andererseits handelt es sich sicher nicht um eine dienstliche Meldung. Und man soll nie etwas von vornherein für unmöglich erklären.»
«Was gedenkst du zu tun?»
«Wir müssen bis Dienstag warten.»
«Glaubst du nicht, es wäre das beste, wenn wir ... wenn wir die Kriminalpolizei benachrichtigten?» fragte Jesper bedenklich.
Aber Jan schüttelte den Kopf. «Ich fürchte, man würde uns auslachen, Krümel. Vielleicht handelt es sich um eine einfache Verabredung zwischen zwei Freunden. Vielleicht morsen die beiden nur zu ihrem Vergnügen über die Förde hinüber. Die Sache kann jedenfalls ganz harmlos sein. Wir wollen lieber nichts übereilen.»
Die beiden Buben kehrten zum Lager zurück. Boy sprang sofort auf und blickte Jan fragend an. Sein Herr streichelte ihn und sagte: «Nein, mein Freund, im Augenblick gibt es für dich keine Arbeit. Leg dich nur ruhig wieder hin und pass gut auf!»
Boy gehorchte auf der Stelle. Er tat sich so in der Zeltöffnung nieder, dass nur seine Schnauze ins Freie hinausragte. Das war seine Lieblingsstellung. So leise wie möglich legten sich die beiden Buben neben ihren Kameraden zur Ruhe. Jesper schlief bald ein; Jan aber blieb noch lange wach und starrte in die Dunkelheit. Er musste immer wieder an die Schlägerei im Walde denken und an die geheimnisvollen Lichtsignale von der Marinebasis. Die letzten Stunden waren wirklich spannend gewesen!
Schliesslich fiel auch Jan in Schlaf. Aber er träumte allerlei wirres Zeug von Marinefliegern, die sich im Walde prügelten, und von Dieben mit blinkenden Taschenlampen.
Fünftes Kapitel
Ein alter Feind taucht auf
Der nächste Tag war ein Sonntag. Die meiste Zeit blieben die Buben in ihrem Lager und faulenzten. Jan wollte keine weiteren Untersuchungen im Walde vornehmen, da man an einem Sommersonntag damit rechnen musste, dass Ausflügler von Vordingborg und anderen Orten den Wald durchstreiften. Er wollte es unbedingt vermeiden, ihre Aufmerksamkeit auf die Stelle zu lenken, wo Herr Berg seinen interessanten Fund gemacht hatte.
Nach dem Mittagessen wanderte Jan allein am Strand entlang. Er hatte ja genügend Stoff zum Nachdenken. Als er bei den Häusern von Knudsskov angelangt war, traten zwei Damen aus einem schönen Holzhaus, das etwas abseits lag. Wie es schien, wollten sie einen Spaziergang am Strand unternehmen. Sie kamen geradeswegs auf Jan zu. Als sie noch etwa zwanzig Meter entfernt waren, zuckte er unwillkürlich zusammen. Die eine Dame war Inge!
Er liess sich jedoch nichts anmerken, sondern ging stumm an ihnen vorüber. Es war gut, dass Inge ihn nicht kannte. Was sie hier wohl suchte? Die andere Dame schien ihre Mutter zu sein.
Jan blieb stehen und blickte sich unauffällig nach ihnen um. Die Damen setzten ruhig ihren Weg fort. Er konnte es daher wagen, sich das Holzhaus etwas näher anzusehen. Sicherlich war es das Sommerhaus der Familie. Man musste von dort eine schöne Aussicht über die Bucht haben, denn nirgends versperrten grössere Bäume die Sicht. In dem sehr gepflegten kleinen Vorgarten blühten viele Blumen.
Jan schlenderte langsam an dem Hause vorüber und warf einen verstohlenen Blick in den Garten. In einem bequemen Liegestuhl sass ein Mann, der ein Buch las. Er wandte dem Weg den Rücken zu. Jan hätte sich diesen Mann gern etwas näher angesehen; aber er wagte es nicht, stehenzubleiben oder um den Garten herumzugehen. Er musste also seine Neugier bezwingen. Wer war dieser Mann? Vielleicht war es Inges Vater oder ihr Bruder oder ihr Verlobter, vielleicht auch ein Gast.
Jan folgte dem Pfad, der durch den Wald führte, und langte nach etwa zwanzig Minuten wieder im Lager an. Seine Freunde waren im Wasser gewesen. Jetzt lagen sie in ihren Badehosen im Sande und sonnten sich.
Jan liess sich neben Jesper nieder und sagte: «Stell dir vor, Krümel, Inge ist mir am Strand begegnet. Haben ihre Eltern in der Nähe ein Sommerhaus?»
«Ja», antwortete Jesper. «Es liegt etwas für sich, gehört aber zu den Häusern von Knudsskov.»
«Ein Holzhaus, nicht wahr?»
«Ja, stimmt. Hat Inge dich gesehen?»
«Das liess sich nicht gut vermeiden, da wir ziemlich nahe aneinander vorübergingen. Aber da sie mich nicht kennt, hat das nichts zu bedeuten. Ist dein Vetter sonntags nicht mit seiner Verlobten zusammen?»
«Keine Ahnung», erwiderte Jesper ohne grössere Anteilnahme. «Ich habe mich nie darum gekümmert, was sie tun oder nicht tun. Hast du Jörgen gesehen?»
«Das weiss ich nicht», sagte Jan. «Im Garten des Holzhauses faulenzte ein Mann in einem Liegestuhl. Ich konnte ihn aber nicht genauer betrachten. Liegt das Sommerhaus deines Onkels in der Nähe?»
«Es ist nur etwa einen Kilometer von dem Holzhaus entfernt. Es ist weiss und ziemlich klein. Du musst daran vorübergekommen sein.»
Jan nickte. «Nach deiner Beschreibung habe ich es gesehen. Ob dein Onkel und deine Tante jetzt dort sind?»
«Nein, sicher nicht. Sie erwarten heute abend Gäste.»
Jan blickte eine Weile schweigend vor sich hin. Endlich fragte er: «Hättest du Lust, mit mir zu deinem Onkel zu radeln, Krümel?»
«Ja, natürlich, wenn dir viel daran liegt», antwortete Jesper ohne sonderliche Begeisterung. «Aber was willst du dort?»
«Das erkläre ich dir unterwegs. Also dann zieh dich an!»
Während Jesper ins Zelt kroch, um sich anzuziehen, fragte Erling besorgt: «Was ist denn nun wieder los, teurer Freund? Mein sechster Sinn sagt mir, dass uns allerlei peinliche Überraschungen bevorstehen. Und wir hatten uns doch so auf eine friedliche Kreuzfahrt gefreut!»
«Mach dir nur keine Sorgen auf Vorschuss», wehrte Jan lächelnd ab. «Denk lieber daran, dass wir ein gutes Abendessen vorfinden, wenn wir zurückkommen.»
«Wenn dir daran liegt, solltest du meinen unentbehrlichen Gehilfen nicht entführen», seufzte Erling. «Das Essen wird immer nur gut, wenn Krümel beim Kochen geholfen hat.»
«Du Faulpelz!» lachte Jan. «Du verwendest den armen Krümel doch nur als Laufjungen. Aber schliesslich kannst du auch einmal etwas tun, und wenn Not am Mann ist, kann Carl dir helfen.»
Zehn Minuten später waren Jan und Jesper nach Vordingborg unterwegs. Während der Fahrt befriedigte Jan Krümels Neugier. Als sie bei der Villa des Onkels ankamen, wusste Jesper genau, wie er sich verhalten sollte.
Herr Berg empfing die Buben mit grosser Freundlichkeit. «Nun?» fragte er gespannt, «gibt es etwas Neues?»
«Leider noch nicht, Herr Berg», erwiderte Jan. «Ich möchte Sie bloss gern einiges fragen.»
Herr Berg führte seine Besucher in das Herrenzimmer. Als sie Platz genommen hatten, erkundigte sich Jan: «Ist Ihr Sohn zu Hause, Herr Berg?»
«Ja. Er ist oben in seinem Zimmer. Warum fragst du?»
Nach kurzem Zögern erzählte Jan ihm von der Schlägerei im Walde. Als er geendet hatte, nickte Herr Berg mit düsterer Miene vor sich hin. «Jetzt verstehe ich, weshalb Jörgen heute nicht nach unserem Sommerhaus will. Preben ist im Sommerhaus seiner Eltern geblieben, und Jörgen möchte nicht mit ihm zusammentreffen.»
«Haben Sie eine Ahnung, warum sich Jörgen mit seinem Schwager gerauft haben könnte?»
«Eigentlich nicht», entgegnete Herr Berg. «Jörgen neigt nicht dazu, sich mit andern zu prügeln. Aber Preben ist ein richtiger Raufbold.»
«Treibt sich Preben gern in Kneipen herum?»
«Das kann man wohl sagen», brummte Herr Berg. «Ich möchte wissen, woher er das viele Geld nimmt. Inge ist gewiss ein nettes Mädchen, aber meine Frau und ich sehen es höchst ungern, dass Jörgen in diese Familie hineinheiratet.»
Er schwieg einen Augenblick, und seine Stirn umwölkte sich. Dann fuhr er in ernstem Tone fort: «Vielleicht ist es das beste, wenn ich Jörgen ohne weitere Umschweife vornehme und ihn frage, was er von dem verschwundenen Goldring weiss.»
«Nein, Herr Berg!» unterbrach ihn Jan schnell. «Warten Sie damit lieber! Ich habe das Empfinden, dass es der Sache nicht nützlich wäre. Im Gegenteil.»
«Hast du denn einen bestimmten Plan?» fragte Herr Berg gespannt.
«Nur bis zu einem gewissen Grade», wich Jan aus. «Ich möchte noch nicht darüber reden.»
«Weshalb nicht?»
Jan lächelte: «Weil Sie sonst glauben könnten, ich sei übergeschnappt. Und dann hätten Sie sicher kein Zutrauen mehr zu mir, Herr Berg.»
Als die beiden Freunde eine Viertelstunde später zur Landzunge zurückradelten, fragte Jesper neugierig: «Wie ist es, Jan? Hast du etwas erfahren, das dir wichtig erscheint?»
«O ja», antwortete Jan. «Ich fühle mich in meinem Verdacht ausserordentlich bestärkt.»
«Was ist das für ein Verdacht?»
«Das werde ich dir zur gegebenen Zeit erzählen, Krümel. Ich möchte es nicht darauf ankommen lassen, dass du mich für verrückt hältst. Deshalb möchte ich jetzt noch nicht davon sprechen.»
Die beiden Buben hatten gerade Knudsby hinter sich gelassen, als ein grosser, breitschultriger Mann aus der entgegengesetzten Richtung kam. Er war sportsmässig gekleidet und hatte ein sonnverbranntes Gesicht. Als sie mit ihm auf gleicher Höhe waren, riss er die Augen weit auf und machte Miene, stehenzubleiben. Aber er besann sich eines andern und setzte seinen Weg nach Vordingborg fort.
Jan schien sehr verwirrt zu sein. Er wandte sich um und starrte dem Mann nach. Dann fragte er: «Hast du den Mann eben gesehen, Krümel?»
«Ja, natürlich.»
«Kennst du ihn?»
«Nein. Woher sollte ich ihn kennen? Es ist sicher bloss ein Tourist.»
Jan schüttelte den Kopf. «Nein, das ist kein gewöhnlicher Tourist. Ich habe ihn schon irgendwo gesehen, und ich bin sicher, dass der Mann mich auch wiedererkannt hat. Wo in aller Welt mag ich ihn schon gesehen haben?»
Jan begann zu grübeln, und sie setzten ihre Fahrt schweigend fort. Im Lager angelangt, berichtete er den Freunden kurz, was sich begeben hatte, blieb aber dann sehr wortkarg, denn seine Gedanken kehrten immer wieder zu dem geheimnisvollen Fremden zurück. Wer war er? Und wo war er ihm schon begegnet?
Jan ärgerte sich über sich selbst. Seine Fähigkeit, Gesichter im Gedächtnis zu behalten, war ganz ungewöhnlich. Um so mehr erboste es ihn, dass es ihm nicht gelang, diesen Mann mit einem bestimmten Ort und mit einer bestimmten Begebenheit in Verbindung zu bringen.
Erling hatte für ein ausgezeichnetes Sonntagsessen gesorgt. Es gab Dosenschinken mit grünen Erbsen und zum Nachtisch eingemachte Birnen. Jan aber rührte das leckere Essen kaum an. Er sass mit gerunzelter Stirn da und grübelte ohne Unterlass. Schliesslich sagte Erling mit sanftem Vorwurf: «Teurer Freund, ich habe meine ganze Seele und mein ganzes Können eingesetzt, um dieses vortreffliche Essen zu bereiten. Und nun stocherst du auf deinem Teller herum wie ein Sperling, der Brotkrümel pickt.»
«Ich kann den Mann nicht vergessen», murmelte Jan zerstreut. «Es ist bombensicher, dass ich sein Gesicht schon einmal gesehen habe. Andererseits habe ich es vermutlich nicht gesehen ...»
«Findest du, dass das vernünftig klingt?» bemerkte Erling spöttisch.
Jan schüttelte ärgerlich den Kopf. «Und doch kann es eine recht vernünftige Erklärung sein ...» Er brach unvermittelt ab und sass einen Augenblick wie erstarrt da. Dann rief er laut: «Ist es möglich?! Jetzt weiss ich, wer der Mann war. Wir kennen ihn alle ...»
«Wer ist es denn?» fragten die andern wie aus einem Munde.
«Katz!»
«Katz?»
«Ja, Katz, mit dem wir letztes Jahr in Nordschleswig den schweren Zusammenstoss hatten.»
Carl ballte die Hände und fragte grimmig: «Der Kerl, der dich ins Wasser werfen und auf die Polizei schiessen wollte?»
«Genau der, Carl. Du erinnerst dich wohl, wie du ihn verprügelt und ihm zu einem kalten Bad verholfen hast?»a)
«Aber er kam doch ins Gefängnis.»
Jan nickte. «Ja, Carl. Er wurde sogar zu einer langen Gefängnishaft verurteilt. Aber leider ist er schon wenige Monate später entwischt. Ich weiss das genau, weil Vater es mir erzählte. Ich bin sicher, dass der Mann, dem Jesper und ich begegnet sind, Katz war.»
«Katz müsste doch leicht wiederzuerkennen sein», meinte Erling. «Er hat ja eine grosse Narbe, die übers ganze Gesicht geht.»
«Die hatte er eben nicht», erwiderte Jan. «Daran liegt es, dass ich nicht sofort wusste, wo ich ihn schon einmal gesehen hatte.»
«Wo ist die Narbe denn geblieben?» fragte Carl. «Sie kann doch nicht so ohne weiteres verschwinden.»
«Die sogenannte Schönheitschirurgie bewirkt heute wahre Wunder, Carl. Die Ärzte haben eine kolossale Geschicklichkeit darin erworben, durch kosmetische Operationen hässliche Verunstaltungen zu beheben. Ich zweifle nicht im geringsten, dass Katz eine solche Operation durchgemacht hat, weil er sich von der verräterischen Narbe befreien wollte ...»
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