Kitabı oku: «Leichenstille»
Bisher von der Autorin bei KBV erschienen:
Novembernebel Das Fenster zum Zoo Tot und begraben Auszeit Schwarze Schafe Wildflug Mord im Eifel-Express Spiel mir das Lied vom Wind Tote gehen nicht den Eifelsteig Die Eifel sehen und sterben Nirgendwo in der Eifel Sechs in der Eifel Atemnot Eifelmädchen Eifelmadonna Wenn die Eifel brennt
Seit 1998 schreibt Carola Clasen Kriminalromane, die in der Eifel spielen. Leichenstille ist ihr zwölfter Roman mit der eigenwilligen Kommissarin Sonja Senger. Auch mit ihren Kurzgeschichten und Lesungen hat Carola Clasen sich einen Namen in der Region gemacht. Die »Queen of Eifel-Crime« lebt und arbeitet in Köln.
Carola Clasen
Leichenstille

Originalausgabe
© 2020 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim
www.kbv-verlag.de E-Mail: info@kbv-verlag.de Telefon: 0 65 93 - 998 96-0 Fax: 0 65 93 - 998 96-20 Umschlaggestaltung: Ralf Kramp unter Verwendung von © Martin Debus - stock.adobe.com Lektorat: Volker Maria Neumann, Köln Print-ISBN 978-3-95441-520-5 E-Book-ISBN 978-3-95441-531-1
Für meine Enkel
Fritz und Lutz
»Erzähle nicht die Wahrheit, solange dir etwas Interessanteres einfällt.« Karl May
Inhalt
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
Prolog
Er steht wieder da.
Breitbeinig. Schemenhaft. Unbeweglich wie eine Skulptur. Zur Hälfte hinter einem Baum verborgen. Das Sonnenlicht in seinem Rücken wirft einen langen Schatten auf den Weg. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen. Das ist es nie.
Sie bleibt im Eingang stehen und überlegt. Soll sie warten, bis ein Kollege das Gebäude verlässt oder ein Besucher, damit sie in seinem Schutz das Gelände durchqueren und zur Bushaltestelle gelangen kann? Vielleicht nimmt sie jemand im Auto mit. Sie kann auch zurück ins Foyer gehen und den Hintereingang nehmen oder im Laufschritt und mit Tunnelblick an ihm vorbeimarschieren, als hätte sie ihn nicht gesehen.
Denn er wartet ja nur.
Stets nimmt sie nach Feierabend einen anderen Weg nach Hause. Mal nimmt sie die Kurgartenstraße, mal den Nachtigallenweg, manchmal läuft sie auch über den neuen, breiten Fußweg der Dürener Straße hinunter nach Gemünd. Sie geht auch nicht jeden Tag zur gleichen Zeit, ein Vorteil der Schichtarbeit.
Immer suchen ihre Blicke zuerst ihn, sobald sie durch die Glastür im Empfang getreten ist. Oft sieht sie ihn schon vom Treppenhaus im zweiten Stock.
Er ist nicht immer da. Es gibt Unterbrechungen. Wenn sie glaubt, er habe aufgegeben, steht er wieder da. Er tut nichts. Er spricht sie nicht an. Er kommt nicht auf sie zu. Er folgt ihr nicht. Steht nur da. Zur Hälfte hinter einem Baum verborgen. Schemenhaft. Unbeweglich wie eine Skulptur.
Sie weiß genau, dass er es ist. Er ist nicht groß, er ist nicht schlank. Seine welligen Haare reichen bis zu seinen Schultern. Das alles passt zu ihm. Wer sonst soll auch auf sie warten? Sie führt ein einsames Leben. Er muss es sein.
Sein Erscheinen ist ein einziger Vorwurf. Und das schlechte Gewissen, das sie seit dem 10. August 1999 keinen einzigen Tag mehr in Ruhe gelassen hat, wird jedes Mal neu angefacht und brennt lichterloh in ihrem Inneren – ein Dauerfeuer, das nicht ausgehen kann.
Wie oft sie kurz davor ist, auf ihn zuzugehen, sie kann es nicht mehr zählen. Nah genug an ihn heran, um in seine Augen zu sehen, seine Stimme zu hören, seinen Duft einzuatmen, ihn zu berühren und … ihm alles zu erklären, noch einmal und dieses Mal die Wahrheit zu sagen. Sie kann nicht verlangen, dass er ihr verzeiht. Was damals geschehen ist, das lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Es lässt sich nicht reparieren. Aber er soll ihr eine Chance geben.
1. Kapitel
Es war nicht Nadines Art, so früh am Morgen wach zu werden und gleich voller Tatendrang zu sein. Erst sieben Uhr. Aber die ersten drei Tage in ihrem Malkurs hatten sie beflügelt, Dinge zu tun, die sie vorher nicht gewagt hätte. Und als jetzt das erste Morgenlicht durch die Spitzengardinen in ihr Pensionszimmer fiel, musste sie einfach aufstehen.
Schnell schlüpfte sie in die Kleidung des Vortags, stieg in die Stiefeletten, warf den Wollmantel über, schob eine Schachtel Ölkreidestifte in die Seitentasche und klemmte sich das Skizzenbuch unter ihren Arm. Sonst brauchte sie nichts. Dort, wo sie hingehen wollte, brauchte sie kein Geld, kein Handy, nur ihre Sinne. Frau Schmidt, ihrer Gastgeberin, die im Speiseraum die quadratischen Tische deckte, winkte sie im Vorübergehen zu. »Zum Frühstück bin ich zurück.«
Der Morgen war kühl und frisch, nur wenige Wolken waren unterwegs, und im Ort war noch nicht viel los. Es war nicht weit bis ins Waldgebiet, und Nadine lief fast. Sie konnte es kaum erwarten, ihre Inspiration in die Tat umzusetzen. Sie hatte eine Vision, eine Idee, auf die sie Anna Jordi, die Leiterin des Malkurses, gebracht hatte. Nadine war auf der Suche nach einem Loch im Wolkenspiel, einem Stück blanken, blauen Himmels, auf ihn zudrängende Baumwipfel, aufragende Stämme. An diesem Ort solle sie sich flach auf den Boden legen und hinaufschauen, hatte die Leiterin gesagt, diese Perspektive sei unverstellt und unvergleichbar. Vor Nadines innerem Auge war das Bild längst fertig.
Ihr Weg führte an dem Hinweisschild zu ihrer Malschule Malwestt 300 m vorbei. Wenn sie daran dachte, wie unsicher sie gewesen war, als sie zum ersten Mal vor dem Metalltor in der Klosterstraße gestanden hatte, hinter dem sich die Malwerkstatt befand, musste sie lächeln. Das Tor war zweiflüglig, grau gestrichenen, verbeult und mannshoch. Sie hatte nicht ahnen können, dass sich dahinter eine neue Welt für sie auftat.
Erst drei Tage vorher hatte Nadine die Klinke zu diesem Tor vorsichtig heruntergedrückt. Aber es war verschlossen. Sie sprang hoch und erhaschte einen Blick auf einen gepflasterten Hof und ein niedriges Gebäude dahinter. Keine Staffeleien, keine Farbtöpfe, keine Leinwände. Der Hof war leer und aufgeräumt. Eine Klingel gab es nicht. Ob das angrenzende Fachwerkhaus dazugehörte, wusste sie nicht. Sie hätte dazu die Eingangsstufen hochgehen und auf das Namenschild sehen müssen, das kam ihr aufdringlich vor.
Sie kehrte zurück zur Ahrstraße und überquerte sie, um zum Lühberg zu gelangen, wo sie in der Pension Schmidt ein Zimmer gebucht hatte. Ein gelbes Haus, Geranien, Sprossenfenster, Spitzengardinen, ein Hinterhof als Parkplatz für Gäste, es war nach 15 Uhr und sie wurde erwartet. Frau Schmidt, die Mutter der Malerin, stand in der offenen Eingangstür. Eine freundliche, gepflegte Dame vielleicht Ende sechzig, ohne Brille, mit grauem Kurzhaar. Sie trug keine der berüchtigten, bunten Kittelschürzen, sondern ein schönes Strickkleid, das weich fiel und ihr bis zu den Waden reichte, von einem bemerkenswerten Blau.
Frau Schmidt zeigte ihr, wo sie im Hinterhof parken konnte, und übergab ihr die Schlüssel zu ihrem Zimmer, das über eine steile Treppe zu erreichen war.
Es war wie erwartet in bäuerlicher, geblümter, wollener Gemütlichkeit eingerichtet, vielleicht 15 qm groß, verfügte aber auch über den obligatorischen Flachbildschirm. Das Duschbad war renoviert und vom kleinen Balkon aus konnte man einen Ausschnitt der Burg Blankenheim erspähen. Es war perfekt, wie ein Bild in einem Kunstdruckkalender. Van Goghs Zimmer in Arles, in fahle Märzsonne getaucht. In diesem Raum, in diesem Bett mit seinem dunklen, geschwungenen Holzgestell aus den Dreißigern würde Nadine keine Angstzustände bekommen.
Nadine holte ihren Mini vom Parkplatz am Ortsrand, parkte im Hinterhof und richtete sich in ihrem Zimmer ein. Als alles an Ort und Stelle lag, überlegte sie, wen sie anrufen könnte, um zu sagen, dass sie gut angekommen war. Aber niemand fiel ihr ein, außer Mann und Sohn. Das musste sich ändern, so konnte es nicht weitergehen. Ihr war klar, dass es zum großen Teil an ihr selbst lag, sie musste sich ein wenig Mühe geben und auf Leute zugehen. Dieser Malkurs war wie gemacht dafür.
Es war nach 18 Uhr, als Nadine die Brasserie an der Ahr betrat, wo ein erstes gemeinsames Abendessen zum Kennenlernen stattfinden sollte. Sie durchquerte den Windfang und betrat den Gastraum. Im Hintergrund gab es eine lange Tafel, an der fünf Frauen und ein Mann saßen. Eine der Frauen saß an der Stirnseite, das musste die Kursleiterin sein, Anna Jordi. Sie ähnelte ihrem Foto im Internet. Ein Stuhl am Ende der Tafel war noch frei. Nadine würde mit dem Gesicht zur Wand sitzen müssen und wünschte, sie wäre früher gekommen, aber sie hatte sich zweimal umgezogen. Jetzt würden gleich alle Augen auf ihr ruhen.
Sie bahnte sich einen Weg und wünschte einen Guten Abend, ging von Hand zu Hand. Man stellte sich mit dem Vornamen vor, sie konnte sich – außer Anna, der Kursleiterin – nur den des Mannes merken: Burkhard, ein Rentner oder Pensionär. Die Frauen schienen zwischen vierzig und fünfzig zu sein, wirkten sympathisch und aufgeräumt. Die Speisekarten gingen herum.
Als sie spät am Abend in die Pension Schmidt zurückkehrte, war Nadine mit sich im Reinen. Es war besser gelaufen, als sie dachte. Sie wurde beneidet um die Zeit, die sie hatte, und um die Freiheit, keinen Beruf ausüben zu müssen, ebenso um ihr Atelier im Dachgeschoss mit Nordlicht. Sie alle konnten nicht ahnen, wie sie darum gekämpft hatte. Und wie leer sich ihr Leben trotz allem anfühlte, wie bedrohlich ihr die Jahre vorkamen, die noch vor ihr lagen.
Bis vor einem Jahr hielt diesen begnadeten Raum Elisabeth besetzt, ihre Schwiegermutter, und Nadine hatte im Souterrain ihr kleines Reich gehabt, wo sie begonnen hatte, kleine, zaghafte Bilder zu malen, die sie niemandem zeigte und oft genug in kleine Schnipsel riss und vernichtete, weil sie sie für stümperhaften Schund hielt.
Die chronisch kränkelnde Elisabeth zu versorgen, außerdem Felix, einen vielbeschäftigten Ehemann, der Leiter eines Architekturbüros war, und dazu noch Florian, einen halbwüchsigen Sohn, das war eine tagesfüllende Beschäftigung. Erfüllend war es nicht. Aber Nadine sah sich in der Pflicht.
Florian, genannt Flo, war 16 Jahre alt, groß und schlaksig, hatte ein hageres Gesicht, eine schmale Nase, einen vollen Mund, der immer leicht missmutig verzogen war. Er hatte rötlichblondes, dichtes Haar wie seine Mutter, das er lang bis auf die Schultern trug. Blaue Schatten lagen unter seinen hellen Augen, die nicht strahlten, sondern immer trübe aussahen. Er war anstrengend für seine Umgebung, pendelte ständig zwischen Euphorie und Melancholie. Flo besuchte die zehnte Klasse der Gesamtschule in der Martin-Luther-Straße und schrieb entweder eine Eins oder eine Sechs. Seine einzige Leidenschaft galt seiner Band. Er spielte Saxofon seit seinem zehnten Lebensjahr. Ansonsten schien er nicht viel mit seinem Leben anfangen zu können, hatte keine Ahnung, was er werden wollte, vielleicht nichts, auf jeden Fall nicht so ein Spießer, wie seine Eltern es in seinen Augen waren. Die Mitglieder seiner Band waren seine Freunde, Nadine kannte sie nur, weil sie durchs Haus gingen, um in Florians Zimmer zu verschwinden, um dort zu proben. In letzter Zeit hatte Florian eine Freundin, ein verblüffend unattraktives, schüchternes, pummeliges Mädchen, das ihn anhimmelte. Seiner Mutter gegenüber war er abweisend und verschlossen, als wäre sie nicht von dieser Welt. Seine Freundin fand das cool und tat es ihm gleich. Nadine wusste nicht einmal ihren Namen.
Bekannte meinten, sie solle froh sein, dass ihr Sohn keine Drogen nehme und keine kriminellen Neigungen zeige. Aber konnte Nadine denn sicher sein? Sie wusste doch kaum, wie er seine freie Zeit verbrachte.
Nach Elisabeths Tod vor einem Jahr empfand Nadine nichts als Erleichterung. Während sie ihren Mann tröstete, richtete sie in Gedanken schon das Dachgeschoss ein. Im Namen ihres vor Trauer wie gelähmten Ehemannes Felix organisierte sie die Beerdigung und kümmerte sich um den anstehenden Papierkram. Er erbte einen unerwartet hohen Betrag, der angelegt werden musste. Auch das erledigte Nadine und ließ sich vom Anwalt seiner Firma beraten. Felix musste nur noch unterschreiben. Im Hinterkopf das Atelier, machte es ihr nichts aus, das alles zu tun, als wäre sie seine Sekretärin.
Felix hatte gerade ein Großprojekt übernommen, ein mehrstöckiges Gebäude mit Ladenzeile im Erdgeschoss in Zülpich. Er war der Hauptverantwortliche, und es gab natürlich Probleme. Mit der Statik, dem Wegerecht, der Unteren Wasserbehörde und mit dem Kreis Euskirchen.
Elisabeth war einen Monat unter der Erde, als Nadine begann, mit ihrer Familie darüber zu sprechen, wie man das Haus umräumen könnte. Sie war entsetzt, als Florian erklärte, er wolle unbedingt aus seinem Zimmer im ersten Stock raus und ins Dachgeschoss ziehen. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte doch schon jeden Quadratzentimeter nach ihren Vorstellungen eingerichtet. Sie hatte doch lange genug gewartet. Sie hatte sich das Atelier wirklich verdient.
»Gute Idee«, hörte sie ihren Mann sagen, während ihr fast die Sinne schwanden.
»Nein!«, entfuhr es ihr mit verzweifelter Stimme.
Sie standen im Wohnzimmer. Nadine rannte ans Fenster und blickte hinaus in den Garten, den sie allein bewirtschaftete, bis auf das Rasenmähen, dass sich Felix und Florian teilten. Der Sommer ging dem Ende zu. Wie oft hatten sie zusammen auf der Terrasse gesessen? Nadine konnte die Gelegenheiten an einer Hand abzählen.
Sie wandte sich um. Felix und Florian starrten sie entsetzt an.
»Flo, das Zimmer im Souterrain ist doch ideal für dich. Ich versteh dich nicht. Es ist ideal zum Musikmachen. Es hat einen eigenen Eingang. Auch die Fenster liegen hinter dem Steingarten. Niemand kann dich beobachten. Du kannst da unten machen, was du willst. Wenn du oben wohnst, dann … du bist doch sowieso nie da!«
Florians Blicke irrten zwischen Nadine und Felix hin und her. »Okay«, sagte er schließlich und gab nach. »Wenn dir so viel daran liegt. Das wusste ich nicht. Kein Problem, ich bleibe unten.«
Nach und nach breitete Nadine sich mit ihren Farben, Leinwänden, Bildern, Rahmen, Töpfen, Papierrollen, Keilen, mit Leim und Firnis im Dachgeschoss aus und stellte die Staffelei ins geliebte Nordlicht. Sie war am Ziel ihrer Träume. Sie war angekommen. In ihrem Element. Endlich.
Das Atelier war ein nahezu quadratischer Raum ohne Zwischenwände in den Maßen der Grundfläche des Reihen-Mittelhauses, in dem Nadine seit fünfzehn Jahren mit ihrer Familie wohnte. Die Fensterfront Richtung Süden war mit naturweißen Leinenrollos verhängt, wie Nadine es in den Museen der Welt gesehen hatte. Wenn die Dämmerung einsetzte und allmählich zur Nacht wurde, schaltete sie die abgeblendete Beleuchtung ein und flutete den Raum mit künstlichem Tageslicht, das keinen Schatten warf. Aber am Tag, da hatte das Atelier Nordlicht. Es war das Licht der großen Maler.
Das alles war jetzt sechs Wochen her. Nadine hatte den Ortskern von Blankenheim längst hinter sich gelassen, wich nach wenigen Metern von der breiten Fahrspur ab, die in den Wald führte, stapfte kreuz und quer ins Unterholz hinein, auf der Suche nach einer geeigneten Stelle. Es wurde stiller mit jedem Schritt, da war nur noch hin und wieder ein Knacken und Knistern und ein einzelner warnender Vogelschrei. Es ging bergauf, Nadine begann zu schnaufen und blickte sich um. Den Ort ihrer Vision schien es nicht zu geben.
Aber dann tat sich doch vor ihr ein kleiner, sonniger Platz auf, nicht viel größer als ein Zimmer, oval, umringt von hohen, eng aneinander stehenden, nackten Baumstämmen, die in bewachsene Wipfeln mündeten, dunkle Fichten, die im Wind leise schaukelten. Über ihnen öffnete sich das Wolkenspiel, und ein Stück blanker Himmel zog auf. Lächelnd strich sie über einen Baumstamm. Hier war es.
Sie bückte sich und legte eine Hand auf den feuchten Waldboden. Sie hätte sich besser eine Decke mitgenommen. Ihr Mantel würde später voller Flecken sein, Fichtennadeln und brauner Blätter. Die feuchte Kälte eines Märzmorgens in der Eifel würde ihr in die Knochen und Muskeln kriechen. Sie würde Kopfschmerzen bekommen und sich die Haare waschen müssen, bevor sie zum Frühstück ging. Wenn sie überhaupt wieder hochkam nach der Zeit, die sie brauchte. Wenn sie da nicht schon ein Stück eingefroren war. Es konnte nicht viel wärmer sein als drei oder vier Grad.
Der bemooste Baumstumpf konnte ihr als Kopfstütze dienen. Nadine legte das Skizzenbuch ab und machte eine Liegeprobe. Der Blick nach oben entschädigte sie für alles, alles. Sie öffnete die Schachtel mit den Ölkreidestiften und zog den blauen Stift hervor. Dieser Himmel. Ob sie jemals an dieses unvergleichliche Blau herankam?
Aber während der Stift über das Papier glitt, liefen Nadines Gedanken davon. Welch ein Glück, dass sie hier lag, dass ihr Anna Jordi und deren Malwerkstatt begegnet waren. Es hätte auch anders kommen können.
Als sie begann, sich für eine Malreise zu interessieren, stellte sie fest, wie unübersichtlich riesig der Markt für Kunstreisen war, wie populär, wie hip. Es wurden Reisen in die halbe Welt angeboten: nach Mallorca, Italien, Griechenland oder Österreich, auf deutsche Nordseeinseln. Dort wurde in traumhafter Umgebung auf einfachen Bauernhöfen oder Fincas, aber auch in luxuriösen Hotels alles gelehrt, was das Herz der Kreativen begehrte, eine unglaubliche Auswahl: Bildhauerei, Stein oder Holz, Zeichnen – Freiluft oder Atelier, Malen in Öl, Aquarell oder Acryl, Modellieren, Töpfern, Schmieden, Spinnen, Weben, Filzen … aber nicht nur die bildende Kunst war Ziel der Begierde, auch die Kunst der Meditation, der Kräuterkunde, das Vegane Kochen, Heilfastenwandern …
Aber Nadine, die seit ihrer Hochzeit nicht mehr allein verreist war, wollte lieber in Deutschland und in der Nähe bleiben und landete so bei Pandora-Reisen mit Sitz in Koblenz, dem offensichtlich führenden regionalen Anbieter von Kreativreisen in der Eifel. Das Unternehmen hatte hervorragende Bewertungen im Netz und bot günstige Konditionen. Die Alternativen erschienen blass und bieder dagegen.
Es kostete Nadine Überwindung, ihre beiden Männer für einige Tage sich selbst zu überlassen, in der Gewissheit, sie kämen ohne sie nicht klar, würden nichts zu essen finden, nicht nach der Post sehen und alles sähe aus wie nach einem Einbruch, wenn sie zurückkam.
Sie wählte »Acryl für Anfänger«, der von der Künstlerin Anna Jordi geleitet wurde, der Inhaberin der Malschule Malwestt, weil ihr das Foto und die Vita gefielen. Anna Jordi hatte in Köln Kunst studiert, den Beruf der Lehrerin nur kurz ausgeübt, ehe sie sich selbstständig gemacht hatte. Ganz ähnlich wie Nadine, die nur bis zu Florians Geburt in Köln unterrichtet hatte, nicht Kunst, sondern Deutsch und Geografie in der Oberstufe des Hildegard-von-Bingen-Gymnasiums, sich aber nicht selbstständig gemacht hatte, sondern als Ehefrau und Mutter von der Bildfläche verschwunden war.
Anna Jordi konnte eine Reihe Ausstellungen vorweisen, sogar den Preis einer Stiftung. Ihre Werke waren Großformate, es gab im Internet Ansichten von drei Gemälden. Sie sprachen Nadine an, ja, so wollte sie auch malen können: wild, abstrakt, hell, sonnig, klar und inspirierend, vage genug, um die Gedanken auf unterschiedliche Wege zu bringen.
Der Kurs sollte vom 3. bis zum 9. März stattfinden und war auf mindestens fünf und maximal acht Personen ausgelegt. Mittag- und Abendessen konnte Nadine zusammen mit den anderen Seminarteilnehmern in einem der Restaurants in Blankenheim einnehmen. Der Kurs endete am Nachmittag um 15 Uhr. Dann wurde das Atelier nicht geschlossen, sondern stand den Teilnehmern zum »Freien Malen« bis 22 Uhr zur Verfügung. Malen bis zum Umfallen, dachte Nadine selig, und konnte es kaum erwarten.
Felix sagte sie es am späten Abend, nachdem er das Licht ausgemacht, sich auf den Rücken gelegt und ihr seufzend Gute Nacht gewünscht hatte. Sie hatten kurzen, routinierten Sex gehabt. Sie verschwieg den Malkurs und sprach von einer kleinen Auszeit, die sie dringend brauche. Sie musste einfach einmal ein paar Tage allein sein. Nach allem. Das sagte sie nur für den Fall, dass er auf die absurde Idee kam, sie zu begleiten. Es hörte sich auch nicht an, als wäre die Reise schon gebucht. Felix sollte das letzte Wort haben. Wie erwartet, war er einverstanden. Es schien ihm egal zu sein.
Florian hatte anders reagiert. Er hatte sie ausgefragt und fand es toll, dass sie allein etwas unternahm. Er schien stolz auf seine Mutter zu sein. Es gab keinen Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben. Warum hatte sie es trotzdem?
Am Abreisetag gab es nur die Nachbarin, die alte Frau Gerber, die gegenüber wohnte und die Gardine beiseitegeschoben hatte, um zu sehen, was in dem Haus der Dürkheims vor sich ging, als Nadine hin und her lief, das Auto packte und davonfuhr, und sicher fiel ihr auch auf, dass das Auto am Abend nicht zurückkam, aber …
Nadine wurde das Skizzenbuch mit roher Gewalt aus der Hand gerissen. Sie starrte in den Lauf einer Pistole. Angst übermannte sie wie eine heiße Welle, ihr Herz stolperte und setzte aus, ihr Atem stockte, ihr Nacken erstarrte. Das Gesicht, das wütend auf sie herabblickte, hatte sie mal irgendwo und irgendwann gesehen. Aber wie der Mann hieß, daran konnte sie sich nicht erinnern. Ein Knall und ein nie gekannter Schmerz setzte all ihren Überlegungen ein Ende.
Was folgte, war Stille.
Leichenstille.
2. Kapitel
Telefonklingeln durchbrach die Stille im Forsthaus am Ende der Stromleitung. Sonja Senger schrak aus dem Ohrensessel hoch, das offene Buch rutschte von ihrem Schoß, landete auf dem Fußboden und schlug zu. Kater West starrte von der Fensterbank aus mit einem seiner gelben Augen verwundert auf das Buch.
Wieder klingelte es.
Sonjas Füße glitten vom Hocker, ächzend stemmte sie sich hoch. Es war noch hell draußen, noch lag kein Abendlicht über den Feldern, die Scheiben ihres Autos, das vor dem Haus parkte, waren beschlagen. Sie musste eingeschlafen sein. Sie hatte nach dem Mittagessen ein Viertelstündchen lesen wollen, in Die Giftköchin von diesem finnischen Autor, dessen Name sie sich nicht merken konnte, weil er für hiesige Gewohnheiten unaussprechlich war. Sie stieg über das einsame, rote Holzhaus am Ufer des dunkelblauen Fjords. Ihr rechter Fuß war eingeschlafen.
Wieder Klingeln.
West ließ den Kopf auf die Pfoten sinken und seufzte. Sonja humpelte zum Telefon, das neuerdings öfter stumm in seiner Ladeschale steckte, als ihr lieb war. Alle hatten immer so viel zu tun. Sonja hatte aufgehört, den wenigen Bekannten hinterherzutelefonieren und beschlossen abzuwarten, bis es im Forsthaus klingelte.
Die einzige, die sich regelmäßig meldete, war Frieda. Frieda Stein, ihre Nachfolgerin in der Mordkommission Euskirchen. Auch wenn es nur war, um kurz Hallo zu sagen und auf die Frage: Lebst du noch? die unwirsche Antwort zu bekommen: Nein.
»Frieda?«, rief Sonja ins Telefon.
»Hallo Omilein! Ich bin’s!«
Omilein? Sonja nahm das Telefon vom Ohr und blickte es ungläubig an. Wie bitte? Träumte sie? Im nächsten Moment war sie schlagartig wach, nichts tat mehr weh, nichts war mehr zu mühsam, nichts zu dunkel, nichts mehr öde.
»Omilein!«, plärrte es weinerlich aus dem Lautsprecher.
Unfassbar! Sie hatte schon befürchtet, es träfe sie nie. Aber nun! Selig lächelte sie auf das Display, das eine unbekannte Mobilfunknummer anzeigte. Endlich bekam auch sie einen dieser berüchtigten Anrufe. Schnell presste sie das Telefon wieder an ihr Ohr und kritzelte nebenher mit einem stumpfen Bleistift die Telefonnummer auf den Kölner Stadt-Anzeiger, Ausgabe Eifel, Seite 5, wo ein Trinkgelage in Euskirchen für alle Beteiligten im Krankenhaus endete.
»Wer ist denn da?«
»Rate doch mal!«
»Mein Lieblingsenkel?«, fragte sie prompt, ein Leben lang ledig und kinderlos, aber auf der Höhe und nicht verschlafen.
»Genau, Omi, ich bin’s.«
Wie hießen Kinder heutzutage, überlegte sie fieberhaft. »Warte, ich komm nicht auf deinen Namen. Hab ja lange nichts von dir gehört.« Sie checkte die Telefonnummern gegen, ergänzte die beiden fehlenden Zahlen. »Du bist der … der … der Max, stimmt’s?«
»Ja, genau, dein kleiner Max.«
Sie hätte auch Simon oder David sagen können. Ihr Lieblingsenkel wäre einverstanden gewesen. »Das ist aber schön, Max, dass du dich mal meldest. Wo bist du denn gerade?«
»In … in …«, Max musste nachdenken und zog schluchzend die Nase hoch.
»Bist du erkältet?«
»Nein.« Schluchz. Schnief. »Das ist es nicht.«
»Aber du hörst dich schlimm an.«
»Mir geht es auch echt nicht gut.«
Ob er Geld brauche, wollte Sonja schon fragen, biss sich aber im letzten Moment auf die Lippen. Nichts überstürzen. »Was hast du denn, mein Kleiner? Ärger mit Mama und Papa?«
Schluchz. Schnief. »Woher weißt du das?«
»Na, ich kenn doch meine Tochter«, antwortete Sonja. Sie hätte auch meinen Sohn sagen können, es spielte keine Rolle. Max widersprach nicht. Und sie hatte weder die eine noch den anderen.
»Ich habe ein Problem«, seufzte er. »Ein großes sogar.«
»In der Schule?«
Stille im Telefon. Sonja sah ein klägliches, rotznäsiges Jungengesicht vor sich. »Soll ich mal mit deinen Eltern reden?«
»Nein! Nein«, wehrte er entsetzt ab. »Ich … ich … weiß nicht, ich trau mich gar nicht, dich zu fragen.«
Wie rührend. Sonja wurde langsam ungeduldig. Nun, komm schon, sag es.
»Aber es wäre mega, wenn du mir helfen würdest.«
»Mach ich, mein Junge, aber wie denn nur?«
»Wenn du mir … ein wenig … ein wenig Geld leihen könntest.«
Ha! Sonja triumphierte. Jetzt wurde es interessant.
»Nur ganz kurz und du bekommst es auch garantiert wieder. Ich schwöre es dir.«
»G e l d?«, fragte sie und ließ ihre Stimme geriatrisch zittern. »Wozu denn?«
»Ach, es ist alles so furchtbar. Oskar wurde doch angefahren.«
War Oskar jetzt ihr Sohn oder Schwiegersohn? Keine falschen Fragen. Sonja wartete ab.
»Mein süßer, kleiner Oskar, er ist doch noch ganz jung, hat sich nur losgerissen, weil er spielen wollte und ist auf die Straße gelaufen. Ich hab ihn natürlich sofort zum Tierarzt gebracht. Der hat ihn stundenlang operiert.«
»Ach je«, stöhnte Sonja auf. Das hörte sich nach einem Hund an. »Geht’s ihm denn jetzt wieder gut?«
»Er muss noch mal operiert werden.«
»Aber der Mann, der ihn angefahren hat, muss das doch zahlen. Der war schuld.«
»Das war er auch, aber der ist einfach weitergefahren.«
»Oh nein! Auch das noch. Hast du sein Nummernschild notiert?«
»Nein, ich hab mich nur um meinen Oskar gekümmert. Er war voller Blut und heulte und jammerte und strampelte und schrie wie am Spieß.«
»Das hast du gut gemacht«, lobte Sonja ihn. »Das war Fahrerflucht oder wie man das nennt.«
»Genau, Omilein.«
»Warst du bei der Polizei?« Sonja unterdrückte ein Kichern.
»Nein, ich bin sofort zum Tierarzt. Ich konnte an nichts anderes denken.«
Gut gekontert. »Dann müssen deine Eltern alles zahlen.«
Max heulte los. »Das ist es ja. Aber die wollten ihn einschläfern lassen, stell dir vor.«
»Oh nein! Der arme Oskar! Das ist ihnen wohl zu teuer, was? Ja, meine Tochter war immer ein Geizhals.«
Sonjas Polizistenherz schlug ihr bis zum Hals. Insgeheim begann sie zu ermitteln: Zeugen, Name des Tierarztes … aber dann rief sie sich zur Ordnung, wollte es nicht verderben, die Angelegenheit war delikat.
»Deswegen hab ich Oskar ja auch heimlich operieren lassen. Ich hab mir das Geld geliehen. Aber es reicht nicht. Und jetzt will er das Geld auch noch zurück.
»Wer?«
Schweigen.
»Wer?«, Sonjas Frage klang schärfer.
»Ich dachte, er wäre mein Freund.«
»Bei Geld hört die Freundschaft auf«, betete ihm Sonja vor. »Warum hast du dich nicht eher bei mir gemeldet?«
»Ehrlich gesagt, ich hab mich nicht getraut.«
»Aber ich bin doch deine Oma«, erinnerte Sonja ihn. »Dazu sind Omas doch da. Wie viel brauchst du denn? Ich habe leider nicht viel im Haus.«
»Wie viel hast du denn da?« »Da muss ich erst nachsehen.«
»Ich brauche mindestens …« Max verschluckte die Zahl.
»Wie viel?«
»Tausend.«
»Tausend?«, wiederholte Sonja entsetzt. »Die zweite Operation wird kompliziert.« »Hör zu, Max, das kriegen wir irgendwie hin«, sagte sie. »Mach dir keine Sorgen.«
»Ich muss es aber morgen früh abliefern«, quengelte Max weiter. »Punkt acht Uhr.«
»Wie stellst du dir das vor? Heute ist Sonntag, alle Banken haben zu, was machen wir denn da?«
»Am Automaten kann man doch abheben, oder?« »Ja, aber hier bei mir im Ort gibt es keinen Automaten. Ich müsste nach Gemünd fahren.«
»Hast du kein Auto?« »Doch.«
Jetzt musste Sonja schlucken. Max war dreist, geschult, zielsicher, verhandlungsstark. Und sie war nicht sein erstes Opfer. Er war ein Profi-Trickbetrüger. Beeindruckend. Entsetzlich traurig, fand Sonja. Wie hatte es so weit kommen können?
»Wenn ich nicht zahle, macht der mich fertig.« Max schniefte herzzerreißend. »Und was soll dann aus Oskar werden?«
»Um Himmels willen, Max, wer ist das denn, der dich so fertig macht?«, rief Sonja aufgelöst.
»Das darf ich nicht sagen.«
»Okay. Komm sofort zu mir, mein Junge, hörst du? «
»Ja.« Schluchz. »Omi.« Schluchz.
»Ich fahr in der Zwischenzeit schnell zur Bank und bin in einer halben Stunde zurück.«
»Danke.« Schluchz.
Sonja wollte das Gespräch beenden, als er sagte: »Warte mal, bitte rede mit niemandem darüber. Versprichst du mir das? Vor allem nicht mit Mama und Papa. Sie würden mich …«
»Mach ich nicht.«
»Ehrlich nicht?«
»Versprochen. Ich schweige wie ein Grab.«
»Und noch was.«
»Was denn jetzt noch?«, fragte sie ungeduldig.
»Wundere dich nicht, aber ich kann nicht selbst kommen.«
Sonja brauchte drei Sekunden, ehe ihr einfiel, dass Max wirklich jeden Trick aus der Kiste holte.
»Omilein? Bist du noch dran?«
»Ja klar, bin ich noch dran. Ich finde es nur schade, ich hätte dich so gern noch einmal wiedergesehen. Du musst ganz schön gewachsen sein, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe. Wie alt bist du jetzt?«
»Rate doch mal.«
Schon wieder. »Acht?«
»Genau.«
Der Junge am Telefon war noch nicht im Stimmbruch, aber acht Jahre war er auch nicht mehr. Er konnte nicht wissen, dass Sonja im Laufe ihrer Dienstjahre ein sicheres Gespür für Stimmen entwickelt hatte. Sie schätzte Max auf zehn bis zwölf Jahre. Normalerweise waren Enkeltrickbetrüger deutlich älter. Diese Bande hier musste es irgendwie geschafft haben, einen erstaunlich jungen Gehilfen zu rekrutieren. »Warum kannst du denn nicht selbst kommen?«
»Aber ich bin doch in Wiesbaden.«
»In Wiesbaden?«, tat Sonja entsetzt. »Was machst du denn in Wiesbaden?«
»Ich bin hier in der Tierklinik. Ich kann Oskar keine Sekunde allein lassen. Er braucht mich jetzt, verstehst du?«
»Ich verstehe.«
»Kai kommt zu dir, er wohnt in deiner Nähe.«
»Kai?«, fragte Sonja langsam. »Wer ist denn Kai?«
»Mein bester Freund.«
»Woher weiß ich denn, dass er es ist. Und nicht irgendein … Betrüger?«
Max antwortete ungerührt. »Ich beschreib ihn dir: Ganz einfach, er trägt ein schwarzes Käppi, Jeansjacke und Jeans und Turnschuhe. Er hat hellbraune Haare, ganz kurz. Und als Erkennungszeichen einen roten Fleck über der rechten Augenbraue. Er ist genauso alt wie ich. Und er ruft mich auf seinem Handy an, sobald er bei dir ist und du kannst dann mit mir sprechen, okay? Er heißt Kai.«
»Ich weiß. Und wie kommt das Geld bis morgen früh zu dir nach Wiesbaden?«
»Kai fährt die ganze Nacht durch.«
»Mit dem Zug?«
»Mit dem Auto.«
»Ich denke, er ist so alt wie du.«
Max räusperte sich. Sonja stellte viele Fragen. Zu viele?
»Nein, natürlich nicht, ein Freund fährt ihn.«
Der Freund vom Freund dessen Freund, dachte Sonja. »Hoffentlich klappt das auch alles.«
»Natürlich!«, rief Max im Brustton der Überzeugung. »Danke, Omilein. Du bist die Allerbeste. Das vergesse ich dir nie. Bis gleich. Wir telefonieren. Hab dich lieb.«
Klick.
»Ich sag dir gleich Omilein«, brummte Sonja und schob das Telefon in eine der ausgebeulten Taschen ihrer Strickjacke.
Für den Fall, dass Max und Kai und sein Fahrer sie beobachteten, zögerte die Hauptkommissarin a. D. nicht lange und machte sich auf den Weg zu ihrer Hausbank. Sie verstaute einen Brustbeutel im Dekolleté und steckte ihre Pistole in ihre Handtasche. Eine Walther P6, die sie nach ihrer Pensionierung ordnungsgemäß erworben und die ihren Stammplatz im Nachttisch hatte, während die Munition sich an einem anderen Ort befand, wie es sich gehörte, in einer Box unter dem Bett. Sonja lud die Pistole und kontrollierte die Sicherung. Auch ihr Handy, ein Smartphone, wanderte in die Handtasche.
Zwei Jahre zuvor, als sie einen Tatverdächtigen in einem Mordfall für Frieda Stein ablenkte und in Schach hielt, »überließ« dieser ihr das Smartphone, in Unkenntnis der misslichen Lage, in der er sich befand, und in der Hoffnung, ein gutes Geschäft zu machen. Es hatte ihm nicht genützt. Sie lieferte ihn trotzdem aus.
So vorbereitet stieg Sonja in ihr neues Auto, das im Vorgarten am Ladekabel gehangen hatte.
Nach langen Überlegungen und Nachforschungen und beeindruckt von der Bewegung Fridays for future war sie von ihrem uralten, dieselfressenden Passat auf ein kleines e-Auto umgestiegen. Offizieller Name seiner Farbe: Olympiablau. Zeitgleich war sie zu einem Anbieter von Ökostrom gewechselt, der ihr auch eine Ladestation verkaufte. Hinzu kam der selbst erwirtschaftete Strom ihres Windrades, das ein wenig an die Mühlen des Don Quichotte erinnerte. So ausgestattet hatte Sonja jedes Mal ein sauberes Gefühl und reines Gewissen, wenn sie irgendwo das Licht einschaltete, durch die Weltgeschichte googelte oder auf den Straßen der Eifel unterwegs war.
Während der Fahrt fiel ihr im Rückspiegel kein Auto auf, das auf bedenkliche Art und Weise hinter ihr herzockelte. Sonja Senger war Kundin der Volks- und Raiffeisenbank Nordeifel, die eine Filiale in Gemünd betrieb. Auf dem Parkplatz auf dem Marienplatz waren nur wenige Plätze belegt, in keinem der Autos saß jemand. Sie fröstelte. Als sie die Dreiborner Straße überquerte, vermied sie es, sich umzublicken. Schließlich war sie ein Profi. Auszahlungsautomaten und der Drucker für die Kontoauszüge lagen diskret hinter den Eingangstüren. Tausend Euro war die Höchstsumme, die an einem Tag ausbezahlt wurde. Hatte Max deswegen tausend Euro gefordert? Sonja ließ es bei den Kontoauszügen bewenden und verstaute sie im Brustbeutel.
Sie verwahrte ein wenig Bargeld in der Schublade des Esstisches auf, wo auch Post und Rechnungen darauf warteten, eines Tages geordnet und abgeheftet zu werden. Darunter befand sich ein flaches Fach, ein Geheimfach, wo ein paar hundert Euro in krumpeligen Scheinen als eiserne Reserve lagerten. Morgen kam neues Holz für den grünen Kachelofen, das musste sie bar bezahlen.
Auch die Rückfahrt war unauffällig. Als das Handy in ihrer Handtasche klingelte, bog Sonja gerade am Tönnishäuschen von der B 265 links Richtung Wolfgarten ab. Sie schaffte es bis zum Wanderparkplatz linker Hand. Es war Frieda.
»Ja?«, fragte sie ein wenig atemlos. Eine Sekunde lang überlegte sie, Frieda von ihrem Experiment zu berichten, es brannte ihr auf den Nägeln, aber dann hätte sie sofort die Polizei am Hals.
»Wo bist du?«, fragte Frieda.
»Im Auto. Unterwegs. Ich war in Gemünd, am Bankautomaten.«
»Um diese Uhrzeit?«
»Warum nicht?«, fragte Sonja zurück. »Ich hatte kein Geld mehr im Haus.«
»Alles okay bei dir?«
»Natürlich.«
»Ich wollte heute Abend vorbeikommen.«
»Oh, das geht nicht«, wiegelte Sonja schnell ab. »Heute nicht. Leider. Morgen vielleicht.«
»Was hast du denn vor?«
Frieda übertrieb es mit ihrer Fürsorge, wenn man sie nicht ausbremste. Sonja schwieg, ein sicheres Mittel, um sie darauf aufmerksam machen.
An der Kermeterschänke bog Sonja ab und folgte der einzigen Straße, die durch Wolfgarten verlief, bis zum Ziegenbendgesweg, der in den Feldweg mündete, vorbei am blauen Hühnerwagen, in dem es leise gackerte. Kein Auto stand vor dem Forsthaus.
Die Kontoauszüge verschwanden in der Schublade des Esstisches. Pistole und Handy wanderten zurück in die ausgebeulten Taschen ihrer Strickjacke. Sie war bereit für den Fall ihres Lebens.
Sie stellte sich ans Fenster, legte eine Hand auf den runden Rücken ihres alten, zahnlosen Katers, der auf der Fensterbank döste, und blickte hinaus. Nebel zog heran. In dünnen, weißen Schwaden schwebte er wie vom Winde verweht über die Anhöhe. Der Feldweg, den man gewöhnlich bis ins Dorf verfolgen konnte, verschwand nach wenigen Metern im Dunst. Alles schien die Farbe zu verlieren. Ihr olympiablaues Auto erschien eher gletschergrau. Außer dem Forsthaus schien es auf der Welt rundherum nicht mehr viel zu geben. Und im Forsthaus gab es nur einen uralten, zahnlosen, einäugigen Kater und eine pensionierte Kommissarin, die sich eine Betrügergang als Opfer ausgesucht hatte.
West genoss schnurrend das Streicheln. Nach einem Schlaganfall war er halbseitig eingeschränkt und konnte nur noch das linke seiner beiden gelben Augen öffnen. Er humpelte und verschlief die meiste Zeit des Tages, aber zu einer Schale Senior-Premium-Gold-Select sagte er nicht nein. Er habe keine Schmerzen, hatte der Tierarzt versichert. Sie solle ihn verwöhnen. Als ob Sonja das nicht sein ganzes Leben lang getan hätte.
»Wir bekommen Besuch«, murmelte sie. »Kai kommt.«
Wests linkes Ohr zuckte.
Mit jedem neuen Enkeltrick, der während ihrer Dienstzeit und danach durch die Presse gegangen war, hatte Sonja sich geschworen, sollte sie jemals einen dieser Anrufe erhalten, was Gott nicht verhüten möge, würde sie auf jeden Fall nicht das tun, was im Programm Polizeiliche Kriminalprävention – kurz ProPK – des Landes NRW stand:
[…] Seien Sie vorsichtig, wenn Sie jemand telefonisch um Geld bittet.
Legen Sie einfach den Telefonhörer auf, sobald Ihr Gesprächspartner, häufig ein angeblicher Enkel, Geld von Ihnen fordert.
Vergewissern Sie sich, ob der Anrufer ein Verwandter ist. Rufen Sie ihn zurück.
Übergeben Sie niemals Geld an Ihnen unbekannte Personen.
Informieren Sie sofort die Polizei, wenn Ihnen ein Anrufverdächtig vorkommt: Notrufnummer 110!
Wenden Sie sich auf jeden Fall an die Polizei, wenn Sie Opfer geworden sind, und erstatten Sie eine Anzeige. Bei Fragen helfen Ihnen die im Opferschutz besonders geschulten Beamtinnen und Beamten Ihrer örtlichen Polizei gerne. […]
Diese Ratschläge waren natürlich sinnvoll, und die Bevölkerung sollte sie unbedingt befolgen, wenn ihr Hab und Gut und Leib und Leben lieb waren. Im Falle Sonja Senger lagen die Dinge anders.
Sie war die Polizei. Auch wenn sie inzwischen im Ruhestand war, konnte sie nicht die Finger davon lassen. Ihr Herz gehörte der Mordkommission der Kreispolizeibehörde Euskirchen. Und würde es immer tun. Außerdem wollte sie Max oder Kai nicht loswerden, sondern das Gegenteil: Sie wollte sie anlocken, anfüttern, herausfinden, was sie dazu trieb, alte, arme, einsame Frauen aufzuspüren und um ihre Ersparnisse zu bringen. Sie wollte nicht in die alte Leier einstimmen, dass so etwas früher nicht hätte geschehen können, als die Welt noch in Ordnung war, das Zusammenleben der Generationen noch funktionierte. Sie wollte etwas dagegen unternehmen. Jeder Mensch braucht eine Mission. Sonja hatte diese zu ihrer erkoren. Ihr Bauch knurrte, als wäre sie hungrig. Ihre Hände kribbelten, als wüssten sie nicht, was zuerst tun.
Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie ahnte einen Fall, der anders sein würde als jeder andere. Das war ihre Chance.
Nur in einem verschwindend kleinen Teil ihres Bewusstseins gestand sie sich ein, dass sie auch den Kollegen und der ganzen Welt beweisen wollte, dass sie nicht zum alten Eisen gehörte. Aber das war absolut nachrangig. Letztendlich wollte sie diese vermeintlichen Enkel wieder auf die Spur bringen, damit sie sich nicht den Rest ihres Lebens verdarben. Er war kurz genug.
Aber kein Kai tauchte aus dem Nebel auf. Sonja wandte sich seufzend ab und wanderte in der Wohnküche umher. Sie stellte sich einen Haufen Fragen. Woher hatte Max ihre Telefonnummer? Woher wusste er, wo sie wohnte? Er hatte nicht nach ihrer Adresse gefragt. Wie kam er auf die Idee, dass sie einen leibhaftigen Enkel hatte?
Sonja Senger stand nicht im Telefonbuch. Er musste sie ausspioniert haben. Alte Frau, alleinstehend, Haus, Garten, neues Auto – Beuteschema erfüllt? War er über das Kfz-Kennzeichen an ihren Namen gekommen? War er im Haus gewesen und hatte herumgeschnüffelt? Hatte er Fotos von Frieda Stein gesehen und geglaubt, sie sei Sonjas Tochter? Hatte er die Nachbarkinder gesehen, die Sonja im Sommer manchmal in ihren Garten ließ, und denen sie im Winter Geschichten von bösen Männern erzählte, die sie gefangen hatte? Hatte er sie für ihre Enkel gehalten? Es waren zwei Jungen darunter, die etwa acht Jahre alt waren, die voller Ehrfurcht nach ihrer Pistole fragten.
Hatte er in Wolfgarten herumgefragt? Das konnte nicht sein, man wusste im Ort, dass die Frau im Forsthaus am Ende der Stromleitung Polizistin war.
Nein, es musste für die mit dem Internet aufgewachsene Jugend andere Wege geben, Telefonnummern und die dazugehörigen Adressen herauszubekommen.
Sonja rief die Telefonnummer an, die sie in Eile während des Gesprächs mit Max auf den Kölner Stadt-Anzeiger gekritzelt hatte. Es tutete verheißungsvoll. Aber dann behauptete die blecherne Automatenstimme, dass diese Nummer nicht existiere. Sonja hatte sich nicht verschrieben. Sie hätte darauf wetten können, dass diese Nummer zu einem Prepaid-Handy gehörte, das auch kein Fachmann in der KTU jemals würde orten können. SIM-Karten wurden in gewissen Kreisen häufiger gewechselt als die Socken. Es gab einen Markt dafür, es gab für alles einen Markt.
»Machen wir uns nichts vor, West«, sagte Sonja. »Unser Landrat Rosenke hätte seine helle Freude. Es ist alles wie aus dem ProPK.«
Nur, dass Kai nicht kam.
3. Kapitel
Sie lag auf dem Rücken. Ihr Kopf war zur Seite gefallen. Ihre vollen, ungeschminkten Lippen waren leicht geöffnet, und ein Rinnsal aus Blut hatte eine Spur übers Kinn am Hals bis zum Waldboden hinab hinterlassen. Ihre Hände lagen zu Fäusten geballt schützend übereinander auf ihrer Brust. Am Ringfinger der rechten Hand blitzte ein schmaler Ehering auf. Sie trug ihre rotblonden, langen Haare offen. Schlank war sie, über 1,70 Meter groß, teuer und edel angezogen. Aber sie war tot.
Mit fürsorglichen Gesten schloss Dr. Meiser, die Rechtsmedizinerin, die weit offenstehenden Augen mit den eisblauen, starren Pupillen, legte die Arme neben den Rumpf, und ein schwarz-roter Fleck eine Handbreit unter ihrem Schlüsselbein kam zum Vorschein. Die Handteller waren blutverkrustet. Fast andächtig schob Dr. Meiser auch die Beine und Füße, die verdreht zu beiden Seiten gelegen hatten, ordentlich nebeneinander. Vom rechten Fuß hatte sich die Stiefelette gelöst und lag einige Meter entfernt. Hatte die Frau sie beim Versuch zu fliehen verloren? Stattdessen leuchtete eine Socke in einem grell-bunten Rautenmuster unpassend fröhlich umher. Nicht weit vom Schuh entfernt lag eine geöffnete Schachtel mit Ölkreidestiften. Zehn Stück laut Aufdruck, aber es waren nur noch neun Stifte in unterschiedlichen Größen drin. Ergänzt wurde das Stillleben durch einen aufgeschlagenen Skizzenblock im länglichen Format. Die Seite zeigte die ersten Striche eines Kunstwerkes. Es war mit ungeübtem Auge nicht zu erkennen, was es einmal geworden wäre, wenn die Künstlerin mehr Zeit gehabt hätte. Sie hatte sich für Blau entschieden. Es war der blaue Ölkreidestift, der in der Schachtel fehlte.
Dr. Meiser schnitt den hellgrauen Pullover der Toten auf, die weiße Bluse darunter und auch das Unterhemd. Schwarzrot war das Blut durch alle Schichten gesickert und auf den Fasern verlaufen und zerronnen wie ein Tintenfleck. Im sonnengebräunten Brustkorb klaffte ein Loch, vielleicht ein bis zwei Zentimeter groß.
Vorsichtig, der einsetzenden Leichenstarre entgegen, drehte Dr. Meiser die Tote auf die Seite und schob den Pullover hoch, kein Austrittsloch des Projektils war zu entdecken, aber Totenflecken auf den Schulterblättern, der Wirbelsäule, dem Gesäß. Eine weitere Verletzung war eine längliche Schürfwunde am Hinterkopf. Sicher kamen weitere, auch Prellungen, hinzu, wenn sie die Tote später in den Räumen der Rechtsmedizin untersuchte.
Abschließend ordnete Dr. Meiser die Kleidung der Toten wieder. Als sie endlich von ihr abließ und sich ächzend erhob, gab sie den Blick frei für die fünf Umstehenden: zwei Kriminaltechniker aus Bonn und drei Kommissare aus Euskirchen, Oberkommissarin Frieda Stein und die Hauptkommissare Klaus Brummer und Achim Neugebauer von der Mordkommission, die sich auf den Weg nach Blankenheim gemacht hatten, nachdem die Meldung vom Fund der Toten eingegangen war.
»Eine regelrechte Hinrichtung«, sagte Dr. Meiser, zog die blauen Einmalhandschuhe aus und wandte sich an Frieda Stein. »Ein Schuss aus nächster, aus allernächster Nähe. Ehe Sie fragen, die Tote ist seit mindestens zwei Stunden tot und mit Sicherheit an den Folgen des Schusses gestorben. Das Projektil sitzt noch im Brustraum. Haben Sie irgendetwas gefunden, Papiere?«
»Nein, nichts«, antwortete Frieda. »Nur da drüben die Schachtel mit den Ölkreidestiften und den Skizzenblock.«
»Die habe ich auch gesehen.« Dr. Meiser sammelte ihr Besteck ein und verstaute es in ihrem Koffer.
»Sie ist verheiratet. Am Ringfinger der rechten Hand steckt ein schmaler Ehering.«
Dr. Meiser nickte. »Wer hat die Tote denn entdeckt?«
»Ein Förster.«
Der Zeuge, Thomas Schenk, Revierförster des Forstbetriebes Blankenheim, hatte die Tote bei seiner täglichen Runde gefunden. Um genau 9:10 Uhr. Eigentlich war es sein Hund Artur gewesen, der die Leiche, die abseits eines Trampelpfades lag, erschnüffelt und verbellt hatte. Sonst läge sie vermutlich noch immer unbeachtet im Wald und wäre irgendwann ein gefundenes Fressen für Insekten oder Wildschweine geworden. Artur war dazu ausgebildet, Kaninchen, Füchse oder Rebhühner, verletzt oder tot, aufzuspüren und sein Herrchen an den Fundort zu locken, den er selbst erst verlassen durfte, wenn das kranke oder tote Tier aufgelesen war. Aber er schien keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier zu machen. Er trug ein Halsband mit einem Peilsender, und so war Schenk nicht darauf angewiesen, mit seinem Gehör, das ausgezeichnet war, das ungestüme Gebell zu orten, sondern konnte per GPS den genauen Standort seines Hundes bestimmen.
Nachdem Schenk Artur gelobt hatte, als hätte er den heiligen Gral gefunden, versuchte er, noch an Ort und Stelle die Polizei zu benachrichtigen. Als er keine Verbindung zum Internet aufbauen konnte, befahl er Artur, die Tote zu bewachen, lief hinunter an den Waldrand und stellte sich nach hundert Metern aufs freie Feld.
Von dort nahm die Meldung ihren Weg und landete schließlich beim Chef der Mordkommission der Polizeibehörde Euskirchen, Hans Roggenmeier, der gerade erst im Büro eingetroffen und noch in Mantel und Hut war und auf der Stelle in das Büro seiner drei Mitarbeiter stürmte, wo er nur Frieda antraf. Brummer und Neugebauer waren in Kall, wo sie einer Zeugenaussage beiwohnten.
Roggenmeier bestand darauf, dass sie sofort alles stehen und liegen ließen und in den Einsatz fuhren. Vermutlich wollte er nur von sich selbst ablenken und der Tatsache, dass er für diesen Fall nicht zur Verfügung stand. Aber das wäre Spekulation. Es war sein gut gehütetes Geheimnis, wie er einen Fall anpackte. Nur eines war sonnenklar, er selbst blieb hinter seinem Schreibtisch sitzen und machte von dort aus Druck, indem er sein Unverständnis darüber ausdrückte, warum alles so lange dauerte.
Und so kam es, dass nicht zwei, sondern drei Kommissare im Blankenheimer Wald eintrafen und den Zeugen Förster Thomas Schenk ablösten, nachdem dieser seine Personalien hinterlassen hatten. Artur ging stolz bei Fuß und blickte sich mehrmals um, konnte sich kaum trennen, er hatte bis dato wohl noch keine menschliche Leiche aufgestöbert.
Dr. Meiser musterte Frieda Stein mit skeptischem Blick. »Frieren Sie?«
Frieda fror nicht, weil es kalt war, obwohl es das war, die Kälte kam in ihrem Fall aber eher von innen. Ein Zittern durchlief sie von den Sohlen ihrer Sneaker, an denen nasse, braune Blätter und Zweige klebten, bis zu den schwarzen Haarspitzen, die kurz und wild in alle Richtungen abstanden.
Kein Wunder. Da lag zu ihren Füßen eine tote Frau. Wann würde sie selbst da liegen? Ihr eigener Tod rückte in greifbare Nähe. Eine Frage der Zeit. War es bisher nur dem Glück, dem Zufall oder dem Schicksal zu verdanken, dass es sie noch nicht erwischt hatte?
Sie stand als Polizistin im Brennpunkt. Morddrohungen waren keine Seltenheit. Sie sollten ernst genommen werden, hieß es in der Polizeibehörde, aber nicht verängstigen. Leicht gesagt. Wenn ein Drohbrief in Friedas privatem Briefkasten in der Reinaldstraße lag, war das eine andere Sache, als wenn er im Büro eintrudelte. Danach konnte sie die nächsten Nächte nicht schlafen.
Dr. Meiser, die von kleiner, kompakter Statur war und mit ihrer klassischen Vogelnestfrisur auch nur wenige Zentimeter hinzugewann, musste sich recken, um eine Hand auf Friedas Stirn zu legen. »Haben Sie Fieber?«
»Quatsch!« Frieda schob die Hand ungeduldig weg. »Ich bin okay.« Ihr stand der Schweiß auf der Stirn. Sie hatte sich einen Moment gehen lassen, war ihren Gedanken gefolgt, aber nun war sie wieder da. »Tatort gleich Fundort?«, fragte sie schnell.
Dr. Meiser drapierte ihren langen, bunten Schal neu.
Brummer stieß Frieda in die Seite. »Nach der Obduktion.«
»Gut aufgepasst.«
»Irgendetwas Auffälliges, was Sie uns jetzt schon sagen können?«, wollte Frieda wissen.
»Sie hat Farbe unter den Fingernägeln, an einer Hand und am Unterarm. Blau«, lächelte Dr. Meiser. »Sie hatte wohl gerade ihre blaue Phase.«
»Und der blaue Stift fehlt in der Schachtel«, sagte Neugebauer. »Das habe ich notiert. Vielleicht finden wir ihn noch.«
Dr. Meiser hörte nicht mehr zu. Sie zog ihr Handy hervor und beugte sich über das Display. Sie war immer in Eile, immer auf der Durchreise, von einem Leichenfund zum nächsten. Dass sie ein Privatleben hatte, konnte Frieda sich nicht vorstellen. Mit gesenktem Kopf strebte Dr. Meiser ihrem verstaubten Sportwagen entgegen, den sie am Waldrand hatte stehen lassen, stolperte über den Markierungskeil für eine Reifenspur und konnte sich im letzten Moment am Kotflügel festhalten. Sie stieg ein, warf den Motor unsanft an, klappte die Scheinwerfer auf, ließ sie aufleuchten und fuhr ein gutes Stück schlingernd rückwärts, ehe sie auf der Nebenstraße wenden konnte. Richtung B 51 brauste sie davon.
»Opel GT Baujahr 63«, brummte Brummer anerkennend.
»Wer’s braucht«, kommentierte Neugebauer.
»Da würde ich gar nicht reinpassen.« Brummer bog seinen Brustkorb vor, die Schultern zurück und strich sich über seinen grau gewordenen Schnäuzer. Er war nicht muskulös, er wurde einfach nur dicker mit jedem Lebensjahr, das vorüberstrich.
Neugebauer winkte ab. »Wäre auch zu peinlich, so ein alter Sack im Sportwagen.«
Die Kollegen der KTU hatten inzwischen genügend Fotos von der Toten, dem Fundort und dem Zuweg geschossen. Sie sicherten die Schachtel Ölkreidestifte und den Skizzenblock. Sie sammelten die Stiefelette ein, auf der Sohle standen die Marke und die Größe. Gabor, Größe 39. Der Ehering, den sie der Toten vom Ringfinger gezogen hatten und in den ein Datum und ein Männername eingraviert waren, wanderte in einen kleinen Plastikbeutel. Felix # 1. Juni 2001.
Abschließend zeigte einer der Kollegen Frieda eine Visitenkarte, die in einer der Gesäßtaschen der Edel-Jeans gesteckt hatte. Jeder Mensch ist ein Künstler, stand auf der Vorderseite.
»Joseph Beuys«, sagten Brummer und Neugebauer wie im Chor.
»Was ihr alles wisst!«, rief Frieda erstaunt.
»Das weiß doch jeder«, erklärte der Techniker großspurig. »Beuys meint jedoch die prinzipielle Möglichkeit, Künstler zu sein.
»Aha.« Frieda trat neben ihn, als er die Visitenkarte umdrehte. Zartbunte Seifenblasen oder Luftballons schwebten um die Buchstaben und Zahlen herum.
»Malwestt, Inhaberin Anna Jordi«, las er vor. Telefonnummer, E-Mail-Adresse und Homepage waren ebenfalls vermerkt. Die Anschrift war eine Straße in Blankenheim, vermutlich keine tausend Meter von der Stelle, an der sie standen.
Frieda betrachtete die Karte eingehend. Die Schrift war verschnörkelt. Waren das Name und Anschrift der Toten? »Also, ich trage nicht meine eigene Visitenkarte mit mir herum, wenn ich im Wald spazieren gehe«, sagte Frieda.
»Sie könnte es aber anstelle ihrer Papiere getan haben«, argumentierte Neugebauer. »Sie hatte keine Lust, das ganze dicke Portemonnaie und so weiter mitzunehmen.«
»Ohne Handy geht doch heute niemand mehr vor die Tür?!«, hielt Frieda dagegen. »Wir sollten eher davon ausgehen, dass der Täter alle Identitätsnachweise an sich genommen hat und ihm die Visitenkarte nur entgangen ist.«
»Sehe ich auch so«, gab Brummer zu. »Aber was soll Malwestt sein? Eine Galerie vielleicht?«
»Oder ein Geschäft für Malerbedarf?«, spekulierte Neugebauer. »Farben und Pinsel und so.«
Brummer zückte sein Handy, tippte die Telefonnummer ein, die auf der Visitenkarte stand, und versuchte eine Verbindung zum Internet herzustellen. Fluchend gab er auf. Hatte er etwas anderes in einem Waldgebiet der Eifel erwartet?
Aber wenigstens die Handykamera funktionierte. Brummer kniete nieder und machte Nahaufnahmen vom Gesicht der Toten. Wenn sie Anna Jordi war, mussten sie ihrem Ehemann, Felix, jetzt gleich, in ein paar Minuten, die schreckliche Nachricht überbringen. Wenn die Tote nicht Anna Jordi war, würden sie ihre Identität erst herausfinden müssen. Da konnten ein paar Tage ins Land gehen. Aber am Ende stand auch da die Todesnachricht. Ein Horror-Job.
Hoffentlich, flehte Frieda im Stillen, hatte sie keine Kinder. In Momenten wie diesen wünschte sie, sie wäre nicht in der Mordkommission, sondern in einem anderen Dezernat, vielleicht im Betrugsderzernat.
Als der Leichenwagen heranrollte und sorgsam um die Markierungskeile herumgelenkt wurde, war Frieda dankbar für den kleinen Aufschub. Die Bestatter erledigten ihre Arbeit pietätvoll, routiniert, jeder Handgriff saß. Keine Viertelstunde war vergangen, als der Kofferraumdeckel hinter dem Sarg zuschlug. Die Künstlerin trat ihre letzte Reise an. Still, stumm, leise. Für immer. Die Bestatter grüßten, stiegen ein und chauffierten die Tote wie vereinbart in die Kölner Rechtsmedizin, wo sie irgendwann untersucht werden würde.
Es war mit einer Wartezeit zu rechnen. Die Kühlfächer in Köln waren gut gefüllt. Die Rechtsmedizin Aachen und Bonn war geschlossen worden, für die Region war allein Köln zuständig. Die Planstellen der Rechtsmediziner gekürzt. Tote konnten warten. Es musste eine besondere Schwere der Tat vorliegen, dass eine Leiche der anderen vorgezogen wurde.
Die beiden Kriminaltechniker hatten die nähere Umgebung nach weiteren Fußspuren, umgeknickten Zweigen, Spuren einer Verfolgung oder eines Kampfes und dem blauen Ölkreidestift durchstreift, ohne etwas zu finden. Es blieb bei der Stiefelette, dem Ehering, dem Skizzenbuch und der Schachtel Ölkreidestifte. Als sie den Ort des Geschehens verlassen hatten, blieb nur die Mordkommission Euskirchen zurück.
»Und jetzt?«, fragte Frieda eher rhetorisch und scharrte mit der Spitze ihres Schuhs im Waldboden. Jetzt mussten sie die Todesnachricht überbringen. Sie sah nicht die Blicke, die ihre Kollegen wechselten.
»Du fährst ins Büro, Chef«, sagte Brummer zu ihr.
Sie war nicht ihre Chefin. Nicht im dienstlichen Sinne. Das war und blieb Roggenmeier bis ans Ende aller Tage. Sie war noch nicht Hauptkommissarin. Gerade eben war sie Oberkommissarin geworden. Aber zwei Jahre zuvor hatte sie aus rein organisatorischen Gründen einmal die Leitung einer Soko, der »Soko Campingplatz«, übernommen, seitdem haftete der Titel an ihr.
»Achim und ich fahren zum Ehemann«, erklärte Brummer. »Du kannst in der Zwischenzeit mal den Background dieser Familie Jordi recherchieren.«
»Gute Idee«, versicherte Neugebauer. »Beruf, Werdegang, Umfeld, du weißt ja, wie das geht, oder Chef?«
Frieda blickte zweifelnd von einem zum anderen. Das Angebot klang verlockend. Sie würde auch notfalls das Büro putzen, alles lieber, als in die Gesichter der Angehörigen zu blicken, wenn die Worte heraus waren. Frieda hatte ihr eigenes Auto dabei, Brummer und Neugebauer waren aus Kall gekommen. Nichts sprach dagegen und niemand.
Außer einer inneren Stimme. Rechtsmediziner a. D. und Vater Dr. Helmut Stein, sein verbittertes Gesicht und seine wütende Parole: Man drückt sich nicht vor schwierigen Aufgaben, wenn man aus seinem Leben etwas machen will!
»Nun geh schon«, drängte Neugebauer. »Wir kommen nach. In einer Stunde ist der Spuk vorbei. Wenn wir zu dritt kommen, kriegen die Jordis gleich die totale Panik. Je nachdem, wie es läuft, rufen wir unseren Psycho-Fritzen oder den Seelenfänger dazu. Wir sind schon groß.«
Frieda rückte schließlich die Visitenkarte heraus und reichte sie den Kollegen. »Und wenn es Kinder gibt?«
Neugebauer legte die Hände auf ihre Schultern, drehte sie herum, schob sie zu ihrem Auto und sagte. »Du kannst sie nicht retten, wann lernst du das?
»Tschö, Chef!«, rief Brummer.
Neugebauer und Brummer warteten, bis Friedas Auto außer Sichtweite war. Es war nicht so, dass es ihnen nichts ausmachte, eine Todesnachricht zu überbringen. Aber sie hatten gelernt, ihr Gefühlsleben hinter einem routiniert wirkenden Auftreten zu verbergen. Jedenfalls im Einsatz. Sie hatten zehnmal so viele Dienstjahre auf dem Buckel wie Frieda. Brummer stellte den Kragen seiner speckigen Lederjacke hoch und vergrub die Hände in den Taschen. Neugebauer blinzelte nervös, ließ seinen Trench offenstehen, sodass man das karierte Winterfutter sehen konnte, und ging voraus.
»Packen wir’s an«, sagten sie unisono.
Malwestt war keine Galerie und kein Geschäft, sondern eine Mal-Werkstatt, fanden sie heraus. Sie warb gleich am Ortseingang von Blankenheim auf einem wildbunten Plakat für ihre renommierten Dozenten, ihre Meisterschüler, ihre außergewöhnlichen Seminare und ihre gemütlichen Unterkünfte in der Nähe und führte den Besucher über eine Nebenstraße der Bahnhofstraße unweit des Tiergartentunnels zu einem Haus mit angrenzendem Hof. Das zweiflügelige, leicht verbeulte Tor aus grau lackiertem Blech war verschlossen und über einen Mauervorsprung mit dem danebenliegenden Haus verbunden, einem typischen Fachwerkhaus mit zwei Stockwerken. Eine Treppe führte zu einer schön verzierten Haustür, einem rot blühenden Geranientopf und zwei Klingeln.
Brummer drückte auf die untere Klingel: Anna Jordi. An der oberen Klingel stand nichts. Er legte die Hand über die Augen und spähte an der Hausfassade empor. Bewegten sich Gardinen? Öffnete sich ein Fenster? Nichts. Öffnete sich die Haustür? Nein. Auch im Obergeschoss nicht. Kein Wunder, dachte Brummer, wenn sie doch auf dem Weg zu einem Kühlfach der Rechtsmedizin Köln war.
Brummer wählte die Telefonnummer, die auf der Visitenkarte angegeben war. »Anrufbeantworter«, rief er Neugebauer zu. Er hinterließ keine Nachricht. Für wen auch?
Er beobachtete, wie Neugebauer hochsprang, um einen kurzen Blick über das Tor hinwegzuwerfen, ungeduldig dagegentrat und ihm eine neue Beule versetzte. Der Abdruck seiner Profilsohle war deutlich erkennbar.
Brummer stieg die Treppe hinunter. Der Handlauf war wacklig, die Stufen ausgetreten. Mit einem sägenden Geräusch wurde ein Flügel des Hoftores aufgezogen. Er schabte über den unebenen Boden.
»Ja, bitte?«, fragte eine Frau. Sie trug eine blaue Latzhose, die mit Farben bekleckert war. Ihre Haare hatte sie mit einem bunten Tuch zurückgebunden.
»Frau Anna Jordi?«, fragte Brummer von der vorletzten Stufe.
»Nein, das bin ich nicht. Anna Jordi ist die Leiterin unseres Kurses.«
Brummer zog seinen Ausweis hervor und näherte sich.
»Polizei?« Die Frau runzelte die Stirn. Sie zog das Tor auf und gab den Blick frei auf einen gepflasterten Innenhof, in dem kreuz und quer Staffeleien standen, Stühle, Bänke, ein Tisch, Eimer, Töpfe, eine Wasserstelle, Tücher und Lappen. Ein Teil des Hofes war überdacht und für die kalte Jahreszeit mit Terrassenheizung ausgestattet. Zwei weitere Frauen legten ihre Malwerkzeuge ab und traten neugierig heran.
»Polizei«, rief sie ihnen zu.
»Und wer sind Sie?«, fragte Brummer und blickte von einer zur anderen.
Alle drei Frauen waren, wie sich herausstellte, Teilnehmerinnen des Malkurses »Acryl für Anfänger« und sprachen durcheinander.
Neugebauer wühlte in seiner Jackentasche nach seinem Notizblock und sah aus, als versuchte er, sich derweil ihre Namen zu merken. »Gibt es noch mehr Teilnehmerinnen?«
»Wir sind insgesamt sechs Frauen und ein Mann.«
»Wo sind denn die anderen?«, fragte Brummer.
»In ihren Hotels? Wir fangen um zehn Uhr an. Aber nicht alle sind immer pünktlich.«
»Können Sie uns ihre Namen nennen?«
»Oh ja!« Jede der drei Frauen konnte einen Namen beisteuern.
Neugebauer hatte seinen Notizblock gefunden und schrieb mit einem seiner vielen Mini-Bleistifte von IKEA.
»Unser Quotenmann heißt Burkhard.« An dessen Familiennamen konnte sich keine der Frauen erinnern.
»Warum wollen Sie das alles denn wissen?«, fragte die Frau in der Latzhose.
»Das können wir Ihnen jetzt noch nicht sagen«, winkte Neugebauer ab.
»Laufende Ermittlungen?«
Neugebauer zwinkerte ihr zu. »Sie gucken Tatort?«
»Wir auch«, riefen die beiden anderen Frauen im Chor und fanden einen Augenblick zurück zu ihrer guten Laune.
»Wo finden wir Anna Jordi jetzt?«, antwortete Brummer.
»Bei ihrer Mutter. Sie wohnt auch hier in Blankenheim, Am Lühberg, Pension Schmidt.«
Neugebauer mischte sich ein. »Gibt es ein Foto von Frau Jordi?«
»Ja!«, rief die Dunkelhaarige. »Von ihrer letzten Ausstellung. Warten Sie, hier muss irgendwo ein Flyer herumliegen.« Sie lief davon, verschwand am Ende des Hofes und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Faltblatt zurück. »Hier! Das ist sie.«
Sie war nicht die Tote im Wald. Anna Jordi war nicht mehr jung, sah nicht besonders extravagant aus, sondern wirkte bodenständig, eher wie eine Handwerkerin. Das braune Haar in einem praktischen Kurzhaarschnitt, ein sympathisches, ungeschminktes Gesicht, Holzfällerhemd, hochgekrempelte Ärmel, Jeans.
Brummer zückte sein Handy und öffnete seine Fotogalerie. Sie gab die neuesten Fotos preis: die Fotos der Toten. Er hielt sein Handy so, dass die drei Frauen das Display sehen konnten.
»Das ist ja Nadine!«, schrie die Latzhosenfrau auf und schlug die Hand vor den Mund.
Die anderen nickten blass und erschüttert.
»Nadine …?«
»Nadine Dürkheim«, hauchte sie.
»In welchem Hotel wohnt sie?«
Die Frauen berieten sich kurz. »In der Pension Schmidt, die Annas Mutter gehört, ist sie … ist sie …?«
Neugebauer nickte. So viel durfte er verraten, im Übrigen sprachen die Fotos Bände. Nadine Dürkheim sah nicht sehr lebendig aus. »Was wissen Sie von ihr? Ich meine: privat? Sie ist verheiratet, nicht wahr?«
»Ja, und sie hat einen Sohn im Teenageralter.«
»Sie hat keinen Job, hat sie gesagt. Aber sie sucht auch keinen.«
»Das ist wohl ihre erste Kunstreise.«
Die Frauen blickten sich fragend an. Mehr schien ihnen nicht einzufallen.
»Sie ist …. ich meine, sie war nicht sehr gesprächig.«
Die Kommissare bedankten sich für die Mitarbeit, ließen ihre Karten da und kündigten an, am nächsten Morgen wiederzukommen. Keine von ihnen, baten sie, solle den Kurs verlassen und abreisen, sie würden gebraucht für Zeugenaussagen.
Auch nachdem das graue Hoftor hinter ihnen geschlossen war, hörten Brummer und Neugebauer noch die erregten Frauenstimmen.
»Jetzt ist mir aber die Lust am Malen echt vergangen.«
»Arme Nadine.«
»Ich hab mich schon gefragt, wo sie bleibt, sie ist doch sonst so pünktlich.
Nach einer Weile des ergriffenen Schweigens, Klapperns und Rückens: »Der eine war echt nett, oder?«
Kichern.
»Welcher?«
»Der Linke, starker Typ.«
Kichern.
»Nö, der Rechte, der war cool.«
Kichern.
Auf dem Weg zum Auto stritten Brummer und Neugebauer um die Ehre, entweder ein starker Typ oder cool zu sein, und kamen zu dem Schluss, dass der »Malkurs für Anfänger in Acryl« von ziemlich attraktiven Teilnehmerinnen besucht wurde.
Nach einem Blick auf die Handyfotos bestätigte Anna Jordi, dass es sich bei der Toten um Nadine Dürkheim handele, eine ihrer Kursteilnehmerinnen. Ihre Mutter kramte die Buchungsunterlagen hervor, aus denen die Anschrift der Toten zu entnehmen war. Sie kam aus Weilerswist und hatte einen Kurs vom 3. bis zum 9. März gebucht. Auch eine Mobilfunknummer, unter der sie zu erreichen war, war vermerkt. Neugebauer hielt alle Daten in seinem kleinen, verknickten Notizbuch fest. Brummer blickte sich neugierig um.
»Wollen Sie nicht bei ihr zu Hause anrufen?«, fragte die alte Dame verwundert.
Brummer schüttelte den Kopf und hob den Zeigefinger. »Die Polizei ruft nie an. Wir kommen immer persönlich.«
»Aha«, sagte sie irritiert. »Gut zu wissen.«
»Jaaa«, sagte er gedehnt und dachte an die Anrufer, die sich als Polizisten ausgaben, ein Schreckensszenario entwarfen, um angeblich Schmuck und Geld sicherzustellen. Auf die hatte er einen besonderen Zorn. Mehr noch als auf die Enkeltrickbetrüger. Es war unendlich schwer, ihnen das Handwerk zu legen.
Die Kommissare durften auf Nachfrage das Zimmer sehen, in dem Nadine wohnte, gewohnt hatte, und in dem sie wenig Persönliches vorfanden. Toilettenartikel im Bad, Wäsche in der Kommode, Hosen, Pullover, Blusen. Auf dem Nachttisch lagen Schlüssel, Handy und ein Buch, John Burnside: Über Liebe und Magie. Ein schmales Lesezeichen verriet, dass Nadine nicht viel zum Lesen gekommen war und das Buch gerade erst begonnen hatte. Von Malutensilien war keine Spur.
»Die sind alle in der Malschule«, erklärte Anna Jordi auf Nachfrage. »Auch die Arbeitskleidung lassen wir da, damit wir die Hotels nicht damit schmutzig machen. Wir ziehen uns dort um. Es gibt eine Dusche dort und Schließfächer.«
»Und Sie selbst wohnen direkt neben der Schule?«, fragte Neugebauer, um seine Notizen zu vervollständigen.
»Ja, oben im ersten Stock. Das Erdgeschoss gehört zur Werkstatt. Da können wir uns Kaffee kochen, uns ausruhen und gemütlich unterhalten.«
Neugebauer blickte durch die Gardinen in den Innenhof, in dem ein rotes Auto parkte. »Wem gehört der Mini Cooper da unten?«
»Ihr«, sagte Frau Schmidt beinah ehrfürchtig. »Was passiert nun damit?«
»Keine Sorge«, beruhigte Brummer sie. »Es wird in den nächsten Tagen abgeholt.«
Frau Schmidt wusste zu berichten, dass Nadine Dürkheim am Morgen vor dem Frühstück zu einem Spaziergang aufgebrochen sei, wahrscheinlich um zu malen, denn sie habe einen Skizzenblock bei sich gehabt. Aber sie sei zum Frühstück nicht zurückgewesen. Da habe sie ihre Tochter angerufen, um sich zu vergewissern, ob Frau Dürkheim schon in der Malschule sei und sie das Frühstück abräumen könne.«
»Aber sie war nicht in der Werkstatt«, ergänzte Anna Jordi und strich ihrer Mutter beruhigend über den Arm. »Wir haben uns Sorgen gemacht, deswegen bin ich hier.«
»Verstehe«, sagte Neugebauer und blätterte in seinem Notizbuch zurück. Sein Telefon vibrierte. Es war Frieda Stein, die versuchte, ihn zu erreichen, er nahm das Gespräch nicht an, der Zeitpunkt war denkbar schlecht.
»Frau Dürkheim«, begann Frau Schmidt, »ich meine, ihrem Mann werde ich die Kosten für die Unterkunft natürlich erstatten«, beteuerte Frau Schmidt leise. »Die Arme. So eine freundliche Person.«
Brummer nickte, er mochte es, wenn Frauen bei aller Geschäftstüchtigkeit Anstand und Würde nicht aus den Augen verloren.
»Das würde ich auch gern«, sagte ihre Tochter zögernd. »Aber da müssen wir mit Pandora verhandeln.«
»Pandora?«, fragte Brummer nach, während er zusah, wie Neugebauer den Stenografen machte. »Ich kenne nur die Büchse der guten Frau.«
Anna Jordi lächelte wissend. »Das tun wir wohl alle. Aber Pandora heißt die Allbegabte. Jedenfalls, wir sind bei Pandora unter Vertrag. Das ist ein bekanntes, regionales Unternehmen, das Kunstreisen in der Eifel vermittelt. Wir zahlen eine Vermittlungsgebühr von 20 Prozent, aber nur, wenn ein Vertrag mit einem Kunden zustande kommt. Die Aufnahme in den Katalog ist gratis. Ohne eine Agentur wie Pandora ist es für uns fast unmöglich an Kunden zu kommen. Die Konkurrenz ist groß, wissen Sie.«
»Das kann ich mir denken«, sagte Brummer. »Können wir den Katalog einmal sehen?«
Anna Jordi lächelte. »Pandora-Reisen gibt’s nur online.«
Brummer sah jetzt aus, als fielen ihm keine Fragen mehr ein, Neugebauer schlug seinen Block zu und steckte ihn ein.
Kaum saßen sie im Auto, rief Frieda erneut an. Dieses Mal auf Brummers Handy. Er klickte auf Freisprechen.
»Hey, Leute!«, rief sie. »Ich weiß jetzt alles über Anna Jordi. Sie leitet eine Malschule, Malwestt ist nämlich keine Galerie oder ein Geschäft. Das habt ihr sicher auch rausgefunden. Aber sie ist geschiedene Single. Vielleicht hat sie mit diesem Felix eine Verlobung oder Freundschaft. Ihre Mutter scheint noch zu leben, wenn ich mich nicht irre, wohnt sie auch in Blankenheim, es gibt eine Pension Schmidt, aber Schmidt ist kein superaußergewöhnlicher Name. Jedenfalls gibt es keine Kinder, da bin ich echt froh!« Frieda holte erleichtert Luft.
Neugebauer und Brummer wechselten einen verzweifelten Blick. Brummer öffnete den Mund, um Frieda aufzuklären, aber er kam nicht zu Wort.
»Anna Jordi wohnt in Blankenheim, auf der Klosterstraße, direkt neben der Malschule. Sie hat zwar das eine oder andere Verkehrsdelikt begangen, Falschparken und Geschwindigkeitsüberschreitung, aber ansonsten ist sie nicht auffällig geworden. Wer bringt so eine Frau um? Das wird ein harter Job. Ihr müsst mit der Mutter reden, so wie es aussieht, oder habt ihr schon?«
Schweigen.
»Seid ihr noch da?«, rief Frieda ins Telefon.
»Klar«, brummte Brummer.
»Und?«
»Die Tote ist nicht Anna Jordi.«
Schweigen.
Dann sagte Frieda leise: »Hab ich mir sofort gedacht.«
»Die Tote heißt Nadine Dürkheim und war Teilnehmerin eines Malkurses. Sie wohnt in Weilerswist und hat einen Ehemann namens Felix.«
»Haben sie Kinder?«, rief sie.
»Wir sind auf dem Weg dorthin.«
»Haben sie …?«
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