Kitabı oku: «Der Schatten des Leoparden»
Carola Hansson
Der Schatten des Leoparden
Aus dem Schwedischen von
Christine Holliger
Saga
Der Schatten des Leoparden ÜbersetztChristine Holliger Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1990, 2019 Carola Hansson und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711475195
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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1
Das Geräusch von tausenden von Vögeln durchdrang langsam sein Bewußtsein.
Schneidend, weiß, schmerzhaft.
Sie hatten den Hafen von Puntarenas in der Morgendämmerung verlassen und waren geradewegs auf den dunkelgrauen Horizont zugesteuert, wie Schatten waren ihm die beiden Seeleute im Bug vorgekommen, ihre hellen Jacken und langen, schwarzen Haare. Zunächst einzelne, kaum vernehmbare Gesprächsfetzen in dieser Sprache, von der er bloß Bruchstücke verstand, dann nur noch ein verhüllender, feuchter Nebel und das schnelle, leichte Klopfen des Bootsmotors, wie ein kaum hörbares Herz in der gewaltigen Stille. Erschöpft, nachdem er die ganze Nacht im Hafen umhergestreift war und auf ein Boot gewartet hatte, das ihn nach Montezuma bringen konnte, war er fast sofort von einem schweren Schlaf übermannt worden, gegen ein paar Hummertonnen gelehnt und mit der gefalteten Jacke unter dem Kopf.
Jetzt, da er aufgewacht war, stand die Sonne hoch am Himmel. Er strich sich mit der Hand über die Augen. Auf der Backbordseite sah er Land, den schmalen, weißen Streifen des Strandes und dahinter das dunkle, undurchdringliche Grün des Regenwaldes. Er fühlte sich steif nach seiner unbequemen Schlafstellung, die Lippen waren trocken, und er war sehr durstig.
Dieses gellende, schrille Geräusch von Vogelschreien. Fremdartig, heillos. Wie in einem Traum.
Er erhob sich. Die Luft flimmerte über dem Deck, und der Gestank nach Fisch und Salz und etwas, das ihn an ranziges Fett erinnerte, verursachte ihm Übelkeit. Blendendes Sonnenlicht, die lange, allzu lange Reise, die ihn bis zu eben diesem Moment geführt hatte – wieder das Gefühl völliger Sinnlosigkeit – dann bewegte er sich hastig auf die Reling zu, aber das Boot schlingerte ein wenig, und er mußte vorsichtig über die Deckplanken gehen, die von Fischschleim und Vogeldreck glitschig und fleckig waren. Er lehnte sich so weit als möglich hinaus und tat ein paar tiefe Atemzüge. Vor ihm: nichts als endloses, glitzerndes, blaugrünes Meer, eine Tiefe, die ebenso unermeßlich war wie die Wölbung des blauen Himmels.
Auf einmal wurde ihm klar, woher die Vogelschreie kamen.
Er griff fest um die Stahlseile der Reling: Für einen Augenblick dachte er, es handle sich um eine Luftspiegelung – unmittelbar vor dem Boot ragten steile Klippen auf, eine Felsinsel, hoch und blendend weiß. Dann begriff er, daß dies Cabo Blanco sein mußte. Eine andere Insel, dessen war er sicher, gab es nicht in diesem Küsten gebiet. Aber er hatte die Karte genau angesehen und wußte auch, daß Cabo Blanco, die äußerste Landzunge mit ihrer zwei Kilometer vorgelagerten Insel, ein gutes Stück, vielleicht eine Stunde Fahrt, weiter südlich als Montezuma lag.
Er fragte sich nach dem Grund.
Die beiden Seeleute standen jetzt im Bug. Ihre zuvor verschlossenen, fast abweisenden Gesichter waren aufgeregt, sie flüsterten, sie zeigten und gestikulierten, ihre Haare flatterten auf dem Rücken, ihre hohen Wangenknochen glänzten, und sie schienen lautlos zu lachen.
Ganz langsam glitt das Boot auf die Nordseite der Insel zu. Eine Stelle, wo man hätte anlegen können, sah er dort nicht; so weit das Auge reichte, erhoben sich die Klippen senkrecht aus dem Meer.
Das Gefühl von Unwirklichkeit wurde immer stärker.
Das hatte er sich nicht vorgestellt. Es war nicht nur das blendende Weiß, das ihn überraschte. Nein, noch etwas anderes – es schien, als wäre diese steile Felsinsel aus lebender Materie geschaffen, wie eine gewaltige, lebendige Masse war sie, rauchend und triefend von dem noch frischen Guano, siedend und gärend – und in ständiger Bewegung, ein Geflatter von Flügeln, schrille Schreie. Ja, sogar der weiße Leuchtturm, der auf der höchsten Klippe sicht bar wurde, schien ein Teil des Vogellebens zu sein.
Ein plötzliches und sehr starkes Gefühl durchfuhr ihn, ein Gefühl, das Schrecken und Heiterkeit zugleich war. Etwas Neues und Unerwartetes, fast wie eine Befreiung. Noch vor kurzem war ihm gewesen, als ob er dem Fischer am Steuer zurufen müsse, laut, um das Geräusch der Motoren und den Vogellärm zu übertönen. Um herauszufinden, weshalb sie diesen Umweg machten. Ob sie überhaupt auf dem Weg nach Montezuma waren.
Vielleicht, dachte er, waren sie es gar nie gewesen.
Er verspürte Lust, laut herauszulachen. Da hob sich auf einmal, wie auf ein Zeichen hin, eine Wolke von Vögeln von der Insel. Eine kurze Zeit verharrte diese Vogelwolke reglos, als ob sie auf etwas wartete, so groß und dicht, daß sie die Sonne verdeckte und einen dunklen, kühlen Schatten auf das Boot und das Wasser warf. Dann ein kleines Zittern, wie ein Atemholen, bevor tausend Flügelpaare hinunterstürzten und ein Hagel von Vogelkörpern die Oberfläche berührte – und gleich war der noch eben schattige Wasserspiegel in einen brodelnden Topf von gellenden Vögeln und zappelnden Fischen verwandelt; Schreie, glitzernde Fischleiber und aufgerissene Schlünde.
Dann fiel das Boot ab, das Motorengeräusch verstärkte sich, und bald machten sie gute Fahrt zum Festland zurück. Sie zogen einen weiten Bogen Richtung Norden. Der Vogellärm verstummte allmählich. Zuletzt hörte man nichts mehr, außer dem leichten Klopfen des Motors und dem Rauschen des Wassers am Steven.
Die beiden Mestizen waren verschwunden.
Erneut verspürte er starken Durst.
Nun fuhren sie der Küste entlang. Weit hinter ihnen konnte er die weiße Landzunge von Cabo Blanco erkennen. Es war, als ginge das ganze Weiß von eben diesem Punkt aus, als wären die Strände ohne ihn grau und unsichtbar. Jetzt leuchteten sie ihm entgegen, ein schmaler Streifen, bald Sand, bald große Steine, rund und glatt wie Straußeneier zwischen dem Türkisblau des Meeres und dem schweren, dicht verflochtenen Grün des Regenwaldes.
Aus diesem Grün, wie eine kaum wahrnehmbare Änderung des Lichts, drang etwas wie Stille. Eine fremdartige, lauschende Stille, erfüllt von Geräuschen.
Sehr deutlich fühlte er ihre Verlockung.
Sie fuhren an einer Siedlung vorbei, Cabuya vermutlich – plötzlich eine sonnenüberflutete Lichtung, Holzhäuser einen schmalen Weg entlang – bevor sich das Grün wieder schloß, dicht und kompakt. Eine gute halbe Stunde später drehte das Boot bei und steuerte gegen Land. Sie mußten in Montezuma angelangt sein.
Zunächst sah er nichts, was auf eine bewohnte Gegend schließen ließ. Oberhalb des schmalen Sandstreifens stand der Regenwald, höher und mächtiger, als er ihn sich aus der Entfernung vorgestellt hatte. Erst als sie ganz nahe waren, erkannte er die Umrisse eines giebligen Ziegeldachs im üppigen Grün und bemerkte, daß neben diesem fast unsichtbaren Haus drei Fischerboote an Land gezogen waren. Aus der Größe des Dachs schloß er, daß das Haus geräumiger war als ein gewöhnliches Wohnhaus. Wahrscheinlich, dachte er, war das die Pension, in deren Speisesaal er irgendwann im Laufe des Tages Leonard treffen sollte.
Als das Boot im selben Moment gierte, schien ihm die Sonne direkt in die Augen. Sie blendete ihn – und im weißen Gegenlicht über dem Regenwald sah er plötzlich Marjattas lächelndes Gesicht. Ihr Gesicht, so wie er es von der Fähre her in Erinnerung hatte. Am ersten Tag. Die Sonne auf dem dunklen Haar, die weiche Rundung der rechten, im Schatten liegenden Wange, die blaßblauen Augen, die dieselbe Farbe hatten wie die Augen seiner Mutter – ein verzweifeltes Verlangen ergriff ihn, diesen Augenblick festzuhalten, zurückzugewinnen, was er verloren hatte.
Das Boot legte an. Er bezahlte dem Fischer die zweihundert Colones, die sie vereinbart hatten, zögerte einen Augenblick, ob er nach dem Grund des langen Umwegs zur Insel fragen sollte, zuckte stattdessen die Schultern, bückte sich, hob seine beiden Taschen auf, trug sie über das morsche Brett, das als Laufplanke ausgelegt worden war, und bahnte sich hastig und mit klopfendem Herzen einen Weg durch die Schar johlender Kinder, die aus dem Nichts aufgetaucht waren und sich neugierig um das Boot drängten.
Er ging über den Strand auf das Haus zu. Es war weiter weg, als er gedacht hatte. Die Hitze war drückend, nach kurzer Zeit schon klebten ihm die Kleider am Körper, das Atmen machte ihm Mühe, immer wieder mußte er stehenbleiben, um sich den Schweiß von der Stirn und aus den Augen zu wischen. Die Distanz, die er auf etwa fünfzig Meter geschätzt hatte, schien ihm auf einmal um ein Vielfaches länger zu sein. Er bog vom Strand ab und ging stattdessen dem Waldrand entlang, der Boden war hier von einer dichten Laubschicht bedeckt, fußknöcheltief watete er durch das dürre, braune, ledrige Laub. Es raschelte und knisterte bei jedem Schritt, wiederholt schreckte er zusammen, weil ein unerwartetes Geräusch aus dem Waldesinnern drang.
Er kam an Hütten vorbei, die von verdorrtem Gras, Gerümpel und rostigen Blechfässern umgeben waren, auf einem Hof spielten zwischen Putern und grauen Ferkeln einige nackte Kinder. Endlich lichtete sich das Grün, vor ihm lag ein kleiner, sonnenüberfluteter Platz, fast wie ein Marktplatz. Am anderen Ende stand ein niedriges, hellblaues Holzhaus mit einem staubigen Coca-Cola-Schild über der Tür, dies mußte der Laden sein, den Leonard erwähnt hatte. Auf der gegenüberliegenden Seite lag die Pension, ihr rotes Dach schimmerte dunkel zwischen den sattgrünen Palmwedeln.
Ein leichter Schwindel befiel ihn, und er sehnte sich danach, etwas zu trinken.
Die Pension war auf zwei Stockwerken angelegt. Sie war aus dunklem Holz gebaut, und die Loggia des oberen Stocks, die allem Anschein nach um das ganze Gebäude herumführte, bildete das Dach über der Veranda auf der Vorderseite, wo einige Stühle und Tische aufgestellt worden waren. Er ging auf die Veranda zu, schräg zwischen den Tischen hindurch, stieß die leichte Bambustüre auf und trat ein. Drinnen blieb er eine Weile reglos stehen. Vom starken Sonnenlicht draußen geblendet, konnte er im Halbdunkel zunächst nichts erkennen, obschon ein schwacher Lichtstrahl durch die halbgeschlossenen Fensterläden drang. Langsam gewöhnten sich seine Augen daran, und er sah, daß er sich in einem sehr kleinen Raum befand. Es war offensichtlich das Speisezimmer, einige Tische mit weißen, fleckigen Tischtüchern standen den Wänden entlang. Die Luft war dumpf und stickig, und über den stehengelassenen Tellern und Gläsern schwirrten die Fliegen. Irgendwo bellte ein Hund.
Im ersten Augenblick glaubte er, der Raum sei leer, aber dann sah er durch die Türöffnung am anderen Ende des Zimmers ein Mädchen. Es schien etwa zehn Jahre alt, sein schwarzer Zopf war so lang, daß er ihm bis zu den Hüften reichte, es wandte ihm den Rücken zu und spülte in einer Blechwanne Gläser, lautlos, wie in einer anderen Welt.
Beim Fenster, das auf den offenen Platz hinausging, stand ein abgeräumter Tisch. Dort setzte er sich hin. Er erwartete, das Mädchen würde auf ihn zukommen, um seine Bestellung aufzunehmen, aber es fuhr mit abgewandtem Rücken fort zu spülen, unbeteiligt, als hätte es sein Eintreten nie bemerkt. Nach einer Weile ging er zu ihm hin. Er berührte es leicht am Arm und gab ihm zu verstehen, daß er etwas trinken wolle. Erstaunt sah ihn das Mädchen an. Das Gesicht war auffallend kantig, und die Lippen waren dunkel und hatten schwarze Flecken. Es sah ihn so lange an, daß er zu zweifeln begann, ob es ihn verstanden hatte, aber dann nickte es, verschwand und kehrte gleich darauf mit einer Flasche Bier und einem Glas zurück. Als er die Flasche zum Tisch trug, zitterte seine Hand so sehr, daß das Glas gegen die Flasche klirrte.
Da Bier war lauwarm und zu süß. Dennoch trank er es gierig und mit großen Schlucken, während er die weiße Hitze draußen auf dem Platz in sich aufnahm, den Ochsen, der im Schatten einer Honigpalme döste, das kleine Bambushaus gleich daneben, die Stille. Über dem Bambushaus war eine riesige Baumkrone, voll von großen, roten Blüten, die in einem unsichtbaren Wind sanft hin und her wogten. Als ob sich ein Schwarm roter Vögel im Baum niedergelassen hätte.
Wieder mußte er an das erste Mal denken, als er Marjatta gesehen hatte.
Ein feuchtwarmer Julinachmittag. Er war am Abend zuvor nach Helsingfors gekommen, müde und bedrückt, nachdem er zwei Wochen lang in der Gegend von Kemijärvi herumgewandert war auf der Suche nach einer seltenen Art des Frauenschuhs. Stattdessen hatte er, obwohl bereits zwei Jahre seit dem Rückzug der Deutschen vergangen waren, überall die schlimmsten Spuren der Verheerung angetroffen: verwüstete Dörfer, zerstörte Kirchen und niedergebrannte Häuser. Er war mit fürchterlichen Kopfschmerzen erwacht, und da es Sonntag war, hatte er beschlossen, den Zoologischen Garten auf Högholmen zu besuchen. Auf dem Heimweg war sie ihm aufgefallen. Die Fähre hatte eben den Packhausquai passiert. Sonnenrauch lag über der Bucht, weit draußen, achteraus, die dunkelblauen Silhouetten der Inseln, wie schwere Vögel im Weiß – ein merkwürdig starkes Licht, in dem sich alle Konturen aufzulösen schienen. Das Bild des Leoparden hatte sich auf seiner Netzhaut eingeprägt, es roch nach Salzwasser, Rauch und sonnenwarmem Schiffslack. Auf der ölig grauen Wasseroberfläche die Reste von Gemüse und anderem Abfall. Der heisere Schrei der Möwen.
Sie hatte an der Reling gestanden, im Gegenlicht blinzelnd. Die Sonne war hervorgekommen und hatte auf ihrem dunklen Haar geleuchtet, die rechte, ihm zugewandte Wange hatte im Schatten gelegen. Und als es ihm gleich darauf gelungen war, ihren Blick einzufangen, hatte er sie unablässig betrachtet, das erste, was ihm auffiel, waren die Augen, sie hatten dieselbe blaßblaue Farbe, denselben milden, graublauen Ton, vage und auffordernd zugleich, wie die Augen seiner Mutter. Deshalb hatte es ihn auch nicht gewundert – sie hatten sich kurze Zeit später lachend gegenseitig die Stadt gezeigt: die pastellfarbenen Patrizierhäuser, den leeren Platz, die Domkirche mit ihrer mattglänzenden Kuppel – oder gar beunruhigt, daß ihr Bild von der Stadt, die sich vor ihnen ausbreitete, so anders als das seine war.
In diesem Augenblick hatte ihn die Tatsache, daß er sie nicht kannte, mit Zuversicht erfüllt: Er hatte die Wirbel des aufgewühlten, braunen Meeresgrunds betrachtet, die sich bis zum Steinquai ausdehnten, er hatte wahrgenommen, wie sich der Salzwasserduft mit dem Geruch nach Schlamm vermischte, und sich vorgebeugt und gefragt, ob sie hungrig sei.
Jetzt erhob er sich brüsk und schloß den Fensterladen ganz. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, sank auf den Stuhl zurück und leerte in einem Zug den Rest des Biers. Sah plötzlich, daß ganz hinten im Zimmer, im Dunkeln, halb von einem großen, braunen Schrank verdeckt, ein alter Mann saß, der mit einer Zeitung über dem Gesicht schlief und dessen magere Arme schlaff herunterhingen wie bei einem Toten. Wieder wurde ihm übel. Der süße, fade Geruch des Biers, die erstickende Hitze, das Halbdunkel: widerstandslos gab er nach.
Wie hatte sich seine Angst so steigern können? Seine Furcht, sich aufzulösen und zu verschwinden? So unerträglich, daß er keinen anderen Ausweg sah, als davonzulaufen? Obwohl er nichts mehr fürchtete, als sie zu verlieren. Er stieß das Glas weg und schloß die Augen: Am meisten, dachte er, haßte er vielleicht, daß er von ihr abhängig war. Er haßte diese Abhängigkeit, die – deutlich sah er das Bild vor Augen – sich von etwas Hellem und Starkem in etwas Blindes und Erbärmliches und Widerliches verwandelt hatte, das im Innersten seiner Seele herumkroch, wie die Neugeborenen jener Maus, die sein Vater damals hinter dem Komposthaufen vergraben hatte.
Mußte er sie dann nicht auch hassen?
Er wollte es gerne glauben. Dennoch wußte er, daß es nicht wahr war.
– Es ist deine Entscheidung, hatte sie gesagt.
Sie hatte ein Geschirrtuch und eine blaue Tasse in den Händen gehalten, das blaßgraue Winterlicht fiel nur halb ins Zimmer, es knackte schwach in den Wänden und duftete nach Apfelsinen. Ohne den Kopf zu heben, hatte sie es wiederholt: Sein Entschluß wegzufahren, war eine Entscheidung. Er hatte selbst die Entscheidung getroffen. Um diese Tatsache kam er nicht herum.
Gerade diese Worte, erinnerte er sich, hatten ihn rasend gemacht. Er war von einer unbändigen Lust ergriffen worden, ihr mitten ins Gesicht zu schlagen, die Tasse in ihren Händen zu zerbrechen und sie mit Gewalt zu zwingen, ihre Worte zurückzunehmen.
Stattdessen war er, ohne ein Wort zu sagen, davongelaufen und erst nach zwei Tagen zurückgekehrt.
2
War die Angst im Grunde nicht von Anfang an dagewesen?
Er glaubt sich ganz deutlich zu erinnern.
Sonnenlicht fällt durch die schmuddeligen Spitzengardinen auf Marjattas nackte Schultern, flimmert über der schweißglänzenden Haut wie große, weiße Schneeflocken, weit weg, kaum hörbar, der dumpfe Klang der Glocken vom Dom. Sie hält die Arme über der Brust gekreuzt, schaut hinaus auf den sonntagsstillen Hof, die Finger, die noch eben mit dem schmalen Träger des Unterrockes spielten, verharren reglos in der Luft, wie wenn ihr gerade etwas aufgefallen wäre. Im Halbdunkel hinter ihrem Rücken, ganz hinten im Zimmer, leuchtet das Weiß des Kachelofens, prangen die Messingknäufe des Bettgestells, auf dem Stuhl bei der Türe, achtlos hingeworfen, das blaue Kleid, gleich daneben auf dem Boden die leere Wasserkanne.
Hatte er nicht schon damals Angst verspürt? Wie ein plötzliches Unbehagen: Was sieht sie denn?
Vom Nachbarn dringt Radiogeplärr durch den Fußboden und der Geruch nach gebratenem Fisch, er weiß, daß sie aus diesem sonnenüberfluteten Zimmer fort will, daß sie sich nach dem Tag sehnt, an dem sein Stipendium ausläuft und an dem sie ihm nach Schweden folgen wird, wo sie noch nie gewesen ist.
Draußen das sonnenwarme Kopfsteinpflaster des Hofs, das Teppichgestänge, der Flieder mit seinen verblühten Dolden, der Kehrrichteimer im Bretterverschlag neben dem Holzschuppen.
Seine sich steigernde Sorge: Wenn sie nicht das, sondern etwas ganz anderes vor Augen hat? Etwas aus einer Zeit lang vor dem Sommer da draußen, aus einer Zeit, von der er nichts weiß. Er überlegt, ob er aufstehen soll, sie an der Schulter packen, sie rütteln und zurückfordern soll.
Aber er rührt sich nicht. Betrachtet sie stattdessen mit angehaltenem Atem, während die Aschenspitze zwischen seinen Fingern wächst. Er weiß, ohne hinzusehen, daß der Staub langsam in der Sonne wirbelt, daß der Schatten des Fensterkreuzes jetzt bis zum Bett reicht, einen herabhängenden Zipfel des Lakens und die geblümte Bettdecke streift. Ein plötzliches, lautes Lachen auf dem Hof, das durchdringende Kreischen der Wasserpumpe auf der Straße, ein süßlicher Geruch nach Geißblatt und Pferdeäpfeln – und auf einmal sieht er die beiden kleinen Mädchen vor sich, die mit ihren Puppen Tag für Tag auf der Treppe des gegenüberliegenden Hauses sitzen. Ob sie wohl auch jetzt dort sind: mit mageren, bleichen Armen und Haaren, die ihnen strähnig ins Gesicht fallen, den gelenklosen Körpern der Puppen, an denen sie zerren und die sie zwischen ihren Knien verdrehen, den gestrickten Jacken, den schlotternden Strümpfen und dem leuchtend roten Puppenwagen zu ihren Füßen.
Sind es vielleicht die beiden, die sie mit solcher Aufmerksamkeit betrachtet?
Da dreht sie sich um und begegnet seinem Blick.
Einige Tauben flattern unerwartet hinter ihrem Rücken auf, fliegen mit schweren Flügelschlägen durch die brütende Hitze über dem Schuppendach und verschwinden hinter dem Fensterrahmen. Sie hält die Arme noch immer über der Brust gekreuzt, ihr Gesicht liegt im Schatten, und die Grübchen der Schlüsselbeine sind randvoll gefüllt mit grauem, weichem Licht. Gleich muß sie lachen.
Er läßt sich davon durchströmen: Zärtlichkeit, Verlangen, Freude.
Jetzt, in diesem dunklen, stickigen Speisezimmer, war er sich auf einmal sicher, daß es Monate wirklichen Schreckens gegeben hatte: vor der schwindelerregenden Bedeutung des Augenblicks, vor der Intensität ihrer Liebe, vor dem Anblick ihres weißen Fußes auf den dunklen Blumen der Bettdecke, vor dem Duft nach Meer und Eisen und Hochsommergrün. Daß er sich manchmal auch gefürchtet haben mußte, die Kontrolle über sein Leben werde ihm genommen. Ein Gefühl von Abscheu und Ekel.
Aber auch Momente der Wehmut: inmitten von Lust und Nähe ein plötzliches Gefühl von Trauer. Von etwas bereits Unwiederbringlichem.
3
Er schreckte zusammen.
Das Mädchen stand dicht an seinem Tisch. Es trug eine magere Katze unter dem Arm, und als es lächelte, sah er, daß nicht nur seine Lippen, sondern auch seine Zähne schwarze Flecken hatten. Er glaubte, daß sie von Vernachlässigung herrührten, wußte noch nicht, daß die Indianer aus dem Süden Kokablätter mit einem ätzenden Zusatz von ungelöschtem Kalk kauen, der von gebrannten Schneckenhäusern stammt. Es stellte einen Teller mit Maisbrot und kleinen, grünen Mangos vor ihn hin, und als er es fragend anblickte, lächelte es nochmals, nickte und schob den Teller näher an seine Hand heran. Es ging erst, als er eine der Früchte aufgeschnitten hatte.
Er aß nicht viel. Das Maisbrot triefte vor Fett, und die Mango hatte einen schwachen Beigeschmack nach Terpentin. Er fürchtete, es könnte ihm erneut übel werden. Flüchtig streifte ihn der Gedanke, ob die Sendung mit der Pflanzenpresse und dem Löschpapier tatsächlich vor ihm in Montezuma angekommen war. Die Hitze wurde immer drückender, die Luft war feucht und stickig. Er fragte sich, wie lange er noch würde warten müssen. Irgendwann im Laufe des Tages sollten sie sich treffen, bis dahin konnten noch Stunden vergehen. Er öffnete den Fensterladen wieder, etwas weiter diesmal, und sah, daß ein paar Männer unter dem Baum mit den roten Blüten saßen, drei Männer in schwarzen Hosen, weißen Hemden und mit weißen, weichen Hüten, die sie weit in die Stirn gedrückt trugen. Auf dem versengten Gras zwischen ihnen lagen einige Bierflaschen und eine riesige, grüne Wassermelone.
Vielleicht war er eingenickt. Er hatte das Gefühl, Stimmen gehört zu haben. Daß ihn jemand in seiner eigenen Sprache angeredet hatte. Für einen kurzen Augenblick hatte er auch Agnes gesehen, da auf dem schattigen Weg vor ihm, sie hielt jemanden an der Hand, den er nicht wiedererkannte. Schwach ahnte er, daß es das dunkle Wasser von Brunsviken war, das dort weit vorne glitzerte. Er sah den hellen, zerzausten Haarschopf seiner Tochter, die Träger, die sich auf ihrem Rücken kreuzten, und gerade als ihn der Gedanke durchfuhr, daß sie sich auf eine vollkommene Weise bewegte, drehte sie sich um und lachte ihn an – ihr ganzes Gesicht hell, leuchtend, wie in großer Freude.
Irgendwoher, kaum hörbar: das Geräusch eines Schreies.
Sonne, Hitze, der zum Niesen reizende Geruch nach Staub.
Marjatta geht vor ihm die Treppe der Uspenski-Kathedrale hinunter. Ihr zweiter Tag, und er hat zum ersten Mal ihren Nacken berührt. Das Wasser ist sommerblau, weiß leuchten die Boote, ein kleiner Junge bückt sich am Fuß der Treppe und bindet einen Schnürsenkel. Sie wissen beide, daß dies der Anfang aller Dinge ist, daß noch alles ungesagt ist, ein Geruch nach Fisch weht vom Hafen herüber, und die Mauer neben ihnen ist mit kleinen, spitzen Steinen übersät.
Ein unvermitteltes, greifbares Gefühl von Berührung.
Er fuhr auf und sah sich um. Der Mann in der Ecke schlief immer noch, und das Mädchen war mit seiner Katze verschwunden. Es war ganz still. Draußen rannte ein kleiner Junge barfuß über den Platz, tauchte in den Schatten der Honigpalme ein und kehrte gleich darauf, den Ochsen an einem kurzen Seil führend, zurück. Die freie Hand ruhte klein und dunkel auf der breiten, hellen Stirn zwischen den gewaltigen Hörnern des Tieres. In einer Wolke aus Staub und Sonnendunst verschwanden sie, dem Weg an der hellblauen Holzbaracke entlang, im Grün.
Er strich sich mit der Hand über die Augen und dachte, daß er Marjatta in Wirklichkeit mehr denn je liebte.
In der Nacht, bevor er sie verlassen hatte, war Schnee gefallen.
War es nicht eigenartig, schoß ihm plötzlich durch den Kopf, – ja, unnatürlich – daß er schon als kleiner Junge eine so besinnungslose Angst vor dem Sterben verspürt hatte?
4
Der Abend, an dem sie ihm von ihrer Erscheinung erzählen wird.
Vielleicht das erste Mal, daß er den Wunsch, davonzulaufen verspürt?
Sie sind auf dem Weg zum Hagnästorget, zum Restaurant Alkola.
Sie gehen schweigend nebeneinander her.
Blaue Abenddämmerung, ein schwacher Wind weht vom Meer, ihr helles Kleid leuchtet im Halbdunkel. Eine Straßenbahn rasselt dem Quai entlang, die Schienen glitzern wie Wasser, und hinter einem Holzstapel bei der Brückenverankerung sehen sie zwei bleiche, verkniffene Jungengesichter.
Das Schweigen beunruhigt ihn. Es scheint ihm auf einmal ein Makel zu sein. Ein Mangel an Worten. An Worten oder an Gesprächsstoff, er weiß nicht, welches von beiden.
Er überlegt, ob er ihr von seiner Arbeit erzählen soll. Von der zauberhaften Blüte des Gefleckten Knabenkrautes mit ihrer blaßroten Glocke und der lila Innenseite, wo die purpurroten Nerven ein geheimnisvolles Muster um die rosa, rotgefleckte Lippe bilden. Vom milden, süßlichen Duft des Frauenschuhs in der Dämmerung. Und von den eigenartigen Fliegenblumen, deren Blüten keinen Honig enthalten, aber einer wirklichen Fliege so ähnlich sehen, daß sie die Männchen der Feldwespen für die Bestäubung anlocken können.
Ja, er wird plötzlich von dem unbändigen Drang ergriffen, ihr von etwas zu erzählen, das weit zurückliegt, von etwas Wunderbarem: der schmächtigen Eberesche, die auf einem Weidenbaum wuchs, den ihm sein Vater vom Zugfenster aus gezeigt hatte – nie wird er den Anblick dieses schmarotzenden Baumes vergessen, sein zierliches, leichtes Astwerk gegen den grauen Himmel, darunter die knorrige, schwarze Weide, die Ebene, der graurissige Lehmboden.
Aber während er nach den passenden Worten sucht, befürchtet er plötzlich, daß sie das, was er sagen will, nicht versteht, daß sie alles in einer Weise auffaßt, die sich von seiner Absicht unterscheidet. Da zieht er sie stattdessen an sich und küßt sie.
Lange hält er ihr Gesicht zwischen seinen Händen.
Das Restaurant ist gut besetzt, Familien in Sonntagskleidung und stille, herausgeputzte Kinder. Es ist sehr warm und rauchig. Die Tische sind weiß gedeckt, und auf jedem steht eine Vase mit Birkenlaub und roten Rosen. Auf dem Podium hinten im Saal spielt ein kleines Streichorchester ungarische Walzer. Sie bestellen Schildkrötensuppe, Hackbeefsteak und Rotwein. Marjatta breitet die gestärkte Serviette über die Knie und sagt, daß ihr Bruder hier zu spielen pflegt. Aber nicht oft, fügt sie hinzu, nachdem sie lange und nachdenklich einen kleinen Jungen am Nebentisch betrachtet hat, dessen Haare so kurz geschnitten sind, daß die Kopfhaut weiß unter den schwarzen Stoppeln hervorschimmert – nur wenn er unbedingt Geld braucht.
– Mein Bruder, sagt sie, mag es nicht, wenn jemand falsch spielt.
Er sieht sie an und lacht. Sie erwähnt zum ersten Mal, daß sie einen Bruder hat, und dieses neuerworbene Wissen versetzt ihn in glänzende Laune.
– Spielt er Cello? fragt er. Das Cello ist ein Instrument, das ihm gefällt.
– Er spielt Geige, antwortet sie, im Stadtorchester. Aber nicht im Sommer. Da ist er meistens draußen im Schärengarten. Wir sind in Kimito geboren, mein Bruder und ich, in einem Dorf, das Tjuda heißt und für seine mittelalterliche Feldsteinkirche bekannt ist. Dorthin fährt er, sobald er frei hat, er schläft viel, läßt sich von Mutter bedienen und wildert Seevögel.
Die Schildkrötensuppe ist versalzen, aber sie essen sie dennoch. Sie trinken und streicheln einander heimlich die Knie unter dem Tisch.
Sie sind sehr glücklich.
Später tanzen sie im Gedränge zwischen den anderen Paaren im Erdgeschoß. Hier werden Blues gespielt, und es ist noch wärmer und verrauchter als im Speisesaal. Sie tanzen, bis sie schwitzen, sie lachen und pressen sich eng aneinander.
Dann, in einer Pause zwischen den Tänzen – sie stehen an der Wand und blicken über die leere Tanzfläche – beginnt sie ohne Vorwarnung zu erzählen, etwas, erklärt sie und sieht ihn seltsam an, wovon sie noch niemandem erzählt hat.
Sie war damals gerade dreizehn Jahre alt geworden, und die Erscheinung war das Merkwürdigste und Phantastischste, das sie je erlebt hat.
Sie zögert nicht, sucht nicht nach Worten.
Und während sie redet, ist ihm, als ändere sich das Licht unmerklich, als entdecke er plötzlich an allem eine andere und fremde Seite. Endlich schweigt sie – die Musik hat bereits wieder zu spielen begonnen – , er steht da, mit dem Kopf gegen die Wand gelehnt und betrachtet unter halbgeschlossenen Augenlidern die tanzenden Paare vor ihm auf der Tanzfläche: die dunklen, schweren Körper der Männer, die helleren der Frauen, die Ovale der Gesichter, die sich wie weiße, starre Flecken im Halbdunkel ausnehmen, die nackten Arme und roten Lippen und der plötzlich sehr aufdringliche Geruch nach Schweiß und Parfüm und Sex.
So banal, denkt er angeekelt, so lächerlich und widerlich banal.
Verliebt zu sein ist nichts anderes als das blinde Aufeinandertreffen von Körpern, von zufälligen und auswechselbaren Körpern.
Er könnte heulen vor Ekel.
Und gleichzeitig packt ihn ein heftiger Zorn gegen sie, ist sie nicht irgendwie schuld an der Veränderung, die eingetreten ist?
5
– In jenem Sommer, hatte sie zu erzählen begonnen, arbeitete ich bei einer Familie auf dem Land. Ich besorgte den Haushalt und das Vieh, die Familie hatte zwei Kühe und einige Hühner. Ich war dreizehn Jahre alt und diese Arbeit nicht gewöhnt, aber daß man mir für den Herbst eine Geige versprochen hatte, ließ mich die Tage überstehen.
Es war kein Traum. Ich war zwar nicht wach, aber ich schlief auch nicht. Ich befand mich in jenem überwachen Zustand, wie er manchmal vor dem Schlaf eintritt. Ich saß da und melkte die eine Kuh, meine Hände griffen um die weichen Zitzen, ich spürte die spitzen Hüftknochen und das rauhe Fell an meiner Stirne. Aber hinter meinen geschlossenen Augenlidern existierte jedes Ding aufgrund seines eigenen Lichtes, und es brauchte keine Worte, um sie sichtbar zu machen.
Ich glaubte mich in eine Landschaft versetzt, in der es noch Nacht war, die aber von einem Licht erhellt wurde, in dem sich alles deutlich abzeichnete: das schwarze, sanft hügelige Land, die knorrigen Bäume und der dunkle Himmel. Ich stand da und sah mich um. Ich wußte, daß es eine uralte, verschwundene Landschaft war, aber ich hatte keine Angst. Das Fehlen jeglichen Lebens, die Einsamkeit und die vollkommene Stille erfüllten mich mit einer starken Erwartung.
Nach einer Weile bemerkte ich, daß sich vor mir ein Hügel erhob, der höher war als die anderen. Und ich sah, daß das Licht von der Rückseite dieses Berges kam. Dieses Licht hatte nichts mit der Sonne zu tun, nichts mit dem Tageslicht.
Ich begann am ganzen Körper zu zittern. Ich fühlte, wie ich von Sehnsucht durchströmt wurde, einer großen und schmerzhaften Sehnsucht, wie ich sie als Kind gespürt hatte. Daher wußte ich auch mit Bestimmtheit, daß das Licht, das immer höher über den Berg stieg, gleich innehalten würde: Im nächsten Augenblick würde es umkehren und wieder verschwinden, und nichts würde übrigbleiben als Leere und Dunkel.
Zitternd sah ich zum Berg hinüber. Aber was ich erwartet hatte, traf nicht ein. Stattdessen stieg das Licht immer höher. Ich erinnerte mich, wie ich die Arme über der Brust gekreuzt hatte und fest um meine Schultern griff. Ich fröstelte, hatte Gänsehaut vor Spannung. Und schließlich geschah, was ich nicht für möglich gehalten hätte: Das Licht brach durchs Dunkel.
Eine leuchtende Gestalt erschien auf der Spitze des Berges.
Ohne stehenzubleiben, bewegte sie sich vom Berg weg, geradewegs auf mich zu – und eine Freude durchströmte mich, wie ich sie nie empfunden hatte.
Im nächsten Augenblick bemerkte ich das schwache Abendlicht, das durch das Stallfenster fiel. Ich hörte das Brüllen der Kühe und das Plätschern des Urins gegen den Steinboden, ich sah mich um, betrachtete die Spinnengewebe am Fenster, die Mistgabel bei der Türe und den verbeulten Eimer zwischen meinen Knien.
Und ich wußte, daß nichts je wieder wie vorher sein würde.
6
Er wußte nicht, wie lange er gewartet hatte, als er im Halbschlaf ein Auto zu hören glaubte. Hastig sprang er auf und stieß die Fensterläden zurück, sofort fiel Sonnenlicht ein, die Hitze brannte ihm in der Lunge, und er fühlte sein Herz gegen die Rippen hämmern, suchend blickte er über den offenen Platz zur hellblauen Holzbaracke hinüber und zum Grün, wo der Junge mit seinem weißen Ochsen verschwunden war. Kein Auto war zu sehen, kein Blatt rührte sich am Baum, der schmale Weg lag verlassen da, sogar die Männer unter dem Baum waren verschwunden. Einige magere Hunde schnupperten an der Stelle, wo sie gesessen hatten.
Er dachte, daß er sich geirrt haben mußte. Daß ihm die Hitze und das zunehmende Gefühl von Unwirklichkeit einen Streich gespielt hatten.
Ihm war übel. Als wüchse ihm auf einmal alles über den Kopf, als drohten ihn dieser allzu kleine Raum, die brütende Hitze und der aufdringliche Geruch nach gärender Fäulnis zu ersticken. Angeekelt schob er den Teller mit dem fettigen Maisbrot und den schmierigen Mangos von sich, fiel schwer gegen die Stuhllehne zurück und schloß die Augen.
Alles, nur nicht dieses entsetzliche Gefühl der sich langsam ausbreitenden Panik.
Heute war Karsamstag. Er sagte sich, daß er sich zwingen müsse, vorwärts zu blicken. Anfang April. Daß er an all das denken müsse, was er sich zu tun vorgenommen hatte. Er wurde mehr Pflanzen sammeln in diesem Gebiet als irgend jemand zuvor. Er würde die Wälder erforschen, er würde jeden Baum, der dort wuchs, jede Blume, jeden Strauch und jeden Grashalm kennenlernen. Aber vor allem wollte er sich mit den Epiphyten beschäftigen. Er würde von allem, was er sah, Aufzeichnungen machen, die verschiedenen Epiphytenarten sollten die Grundlage seiner Arbeit bilden. Sie waren sein Spezialgebiet. Mit seiner Sammlung von tausenden, ja zehntausenden von Epiphyten würde er bei seinen Kollegen Bewunderung und Neid wecken.
Es war wichtig, dachte er, daß er so bald als möglich damit anfing.
Bereits morgen würde er mit dem Sammeln beginnen. Konnte er sich nicht auf eine größere Expedition begeben – die Berge im nördlichen Teil von Guanacaste lockten ihn besonders – würde er in der Umgebung der Hazienda sicher eine Menge interessanter Arten finden.
In diesem Augenblick hörte er, wie sich schräg hinter ihm die Türe öffnete, und er wandte sich hastig um.
Leonard stand in der Türöffnung. In dem weißen Hemd und den weißen Hosen schien seine Gestalt im schwachen Licht von der Veranda von selbst zu leuchten, das Gesicht lag im Schatten und war unmöglich zu erkennen. Einen Moment blieb er auf der Türschwelle stehen, abwartend, dann breitete er die Arme aus und eilte durchs Zimmer.
– Viktor, du bist gekommen, wie du versprochen hast.
Sie umarmten einander. Leonard ließ lachend seine Hand auf Viktors Schulter ruhen, Viktor bemerkte den Glanz in seinen Augen und erinnerte sich plötzlich ganz deutlich an den naßgrauen, bleichen Wintermorgen in Helsingfors, unmittelbar bevor sie sich getrennt hatten, an das leichte Schneetreiben und das bestimmte Gefühl, daß sie sich nicht zufällig begegnet waren.
Lange betrachteten sie einander. Dann wandte sich Leonard um und rief dem Mädchen, das gegen den Rahmen der Küchentüre gedrückt stand, auf Spanisch etwas zu. Seine Stimme klang ungeduldig, beinahe herrisch.
Viktor fiel auf, daß Leonard seit ihrer letzten Begegnung schlanker geworden war, merkwürdigerweise auch bleicher. Seine Art, sich zu bewegen, war jedoch unverändert, rasch, mit unvermittelten, unerwarteten Gesten und gleichzeitig sehr kontrolliert. Unverändert auch die auffallend hellen Augen, der seltsame Glanz – und dann das Lachen.
Wenn es wirklich ein Lachen war. Er spürte, daß er auf der Hut sein mußte.
– Daß du gerade heute gekommen bist, sagte Leonard, ist ein gutes Zeichen. Heute vormittag – er warf sich unvermutet gegen die Stuhllehne zurück und begann in den Taschen seines weißen Hemdes zu suchen –, vor wenigen Stunden, ist die erste positive Antwort auf meine jahrelangen Bettelbriefe gekommen.
Das Mädchen kam mit einer Flasche Rum und drei Gläsern. Es trug noch immer die magere Katze unter dem Arm, und erst jetzt bemerkte Viktor, daß ihr Fell gelb und zottig war, wie verdorrtes Gras, und daß ihr rechtes Hinterbein in einer eigenartig verdrehten Stellung gekrümmt war.
Nachdem Leonard genau, überaus genau, dachte Viktor, die beiden Taschen seines Hemdes durchsucht hatte, ging er zu den Hosentaschen über. Alles, was Leonard tat, jede Bewegung und jeder Ausruf, erschien Viktor sorgfältig durchdacht, Teil eines von Anfang an befolgten Plans, und als Leonard schließlich – nachdem er die Hosentaschen umgekrempelt und sich an die Stirn geschlagen hatte, vom Stuhl aufgeschossen und im Zimmer herumgelaufen war – mit den Fingern schnalzte, als wäre ihm eben etwas eingefallen, schien auch diese Geste einem detaillierten Szenario zu entstammen, einem unwirklichen, traumartigen Szenario, das Viktor zunehmend mißmutiger stimmte. Es fiel ihm schwer, dem erwartungsvollen Blick zu begegnen, der ihn von der anderen Seite des Tisches her beobachtete, als Leonard endlich seine Hand nach dem weichen, weißen Stoffhut ausstreckte und wie ein Zauberkünstler etwas aus dessen Innerem hervorholte.
Leonard hielt einen weißen Umschlag hoch, öffnete ihn und nahm einen zerknitterten Schein heraus, den er glättete und zwischen ihnen auf den Tisch legte. Es war ein Zehnpfundschein, so abgenutzt und zerschlissen, daß er sich an den Rändern aufzulösen begann.
Leonard lachte.
– Diesen Schein, sagte er, habe ich heute vormittag von der Ortsgruppe Somerset der «Friends of the Earth» erhalten. Das bedeutet, er lehnte sich über den Tisch und sah Viktor mit seinen hellen Augen an, daß nur noch sechstausend-neunhundertneunzig Dollar fehlen, bevor ich – bevor wir – wenigstens jenes Waldstück kaufen können, das sich auf dem südlichsten Teil der Halbinsel Nicoya befindet.
Viktor hob unsicher die Achseln.
Leonard schenkte nach. Das dritte Glas, erklärte er, sei für Pater Claude. Pater Claude lebe in Montezuma, die Jesuiten hätten schon vor vielen Jahren ein kleines Missionshaus am Rand des Dorfes errichtet. Pater Claude unterrichte, eine andere Schule gebe es meilenweit nicht, und einheimische Lehrer könne man nicht bekommen. Pater Claude sei außerdem der einzige in der Gegend, der ein Auto besitze, einen alten, aber noch durchaus brauchbaren Jeep, den er vom französischen Konsul in San José übernommen habe.
Leonard lehnte sich zurück und zeigte auf das hellblaue Holzgebäude.
– Pater Claude ist gerade im Laden und holt deine Pakete ab, die vor mehr als einer Woche eingetroffen sind.
Viktor war erleichtert. Daß die Presse und das Löschpapier angekommen waren, hob seine Stimmung. Wieder packte ihn die Ungeduld, am liebsten hätte er sich gleich auf den Weg zur Hazienda gemacht. Er brannte vor Neugier, sich die Umgebung anzusehen, bevor die Dunkelheit einbrach. Als dürfe er nicht einen Augenblick verlieren.
In diesem Moment hob Leonard sein Glas und brachte einen Toast auf Viktors Ankunft aus.
7
Viktor und Leonard waren sich vor anderthalb Jahren an einem späten Oktoberabend in Helsingfors zufällig begegnet.
Viktor hatte an einem kleinen Tisch zuhinterst in der Hotelbar gesessen, halbverdeckt von einer Säule, aber mit einer guten Sicht über das Lokal, und Leonard war ihm im selben Augenblick aufgefallen, als er die Bar betrat. Ja, bereits als er vorne an der Theke stand, von wo er sich, noch im Mantel, suchend umgesehen hatte, schien er Viktor etwas Besonderes auszustrahlen. Später konnte er sich nicht mehr erinnern, was der Neuankömmling an sich gehabt hatte, das seine Aufmerksamkeit erregte: ob es an der Haltung oder am Blick lag, oder ob er ganz einfach die Begeisterung und den Schwung spürte – trotz Kälte und Schneeregen hatte Leonard keinen Hut getragen, und sein Mantel stand offen, beinahe, als wäre er gegen seinen Willen an diesen Ort gelangt.
Viktor hatte das bestimmte Gefühl gehabt, daß er nicht der einzige war, dem der Gast auffiel – das Geplauder und Gelächter, sogar der Pianist in seiner Ecke, schienen für einen kurzen Augenblick zu verstummen, als hätten alle aufgeblickt und auf etwas gelauscht. Er selbst hatte schon drei Gläser Cognac getrunken und überlegte eben, ob er sich ein viertes bestellen solle. Trotz des Alkohols und der stickigen Luft war ihm noch kalt.
Er war nach Helsingfors gereist, um im Botanischen Institut einige Hybride aus der Familie der Cephalantera rubra zu untersuchen. Sie konnten ihm möglicherweise einen Anhaltspunkt zur Bestimmung einer unbekannten Orchidee geben, die er im vergangenen Sommer unweit des verwilderten Obstgartens seines Elternhauses im Moor gefunden hatte. Diese Artbestimmung war von größter Wichtigkeit für seine Monographie, an der er nun bereits seit zehn Jahren schrieb, obwohl ihn die Arbeit zunehmend bedrückte. Noch fehlten viele Arten, und das Paradoxe war, je mehr er zweifelte, je mehr man ihn überreden wollte, sich mit dem Material zu begnügen, das er schon gesammelt hatte, und die Untersuchung abzuschließen, desto stärker wuchs seine angstvolle Überzeugung, daß der Wert der Monographie gerade davon abhing, daß sie umfassend und vollständig war.
Da er das Gesuchte nicht gefunden hatte, hätte er im Grunde am selben Tag mit der Abendfähre zurückfahren können. Agnes hatte geweint, als sie in der Türe gestanden und ihm nachgewinkt hatte.
Dennoch war es bereits der fünfte Tag, an dem er sich ziellos in der Stadt herumtrieb, frierend im beißenden Wind, und immer weniger konnte er verbergen, daß er nur die Plätze aufgesucht hatte, die für Marjatta und ihn einmal wichtig gewesen waren.
Er schämte sich, wie über einen Betrug.
In der Nacht hatte er von seinem Elternhaus geträumt: Langsam war er durch die Räume gegangen, jeder Gegenstand hatte ihn mit einem starken, geheimnisvollen Glanz angestrahlt, und ganz plötzlich war er stehengeblieben, weil er begriff, daß alles, was er sah, all das Vertraute und Geliebte, für immer verloren war. Für einen kurzen Augenblick hatte er hinten bei der Terrassentüre Vaters Gesicht gesehen, er war davon aufgewacht, daß er geweint hatte.
Später am Tag hatte sich der Himmel aufgehellt, eine bleiche Sonne hatte durch das schwarze Astwerk der Bäume geglitzert, aufmunternd und beklemmend, und ihm schien, daß der Wind, der kräftig vom Meer her wehte, einen faden und schalen Geschmack von Tod mit sich trug.
Dieses zunehmende Gefühl von Leere und Überdruß.
Jetzt fror er. Nicht einmal der Cognac konnte die Kälte im Körper vertreiben.
Er hatte sich gerade entschlossen, noch ein Glas zu bestellen, als Leonard vor seinem Tisch stand, mit seinem wirren, blonden Haarschopf und Augen, die vor Lebensfreude strahlten. Er hatte Viktor gefragt, ob er sich zu ihm setzen dürfe, ohne eine Antwort abzuwarten, hatte er vom Nebentisch einen Stuhl herangezogen, und als er ihm die Hand entgegenstreckte und sich vorstellte, hatte Viktor ärgerlich erklärt, daß er den Tisch für sich haben könne, da er selbst gerade im Begriff zu zahlen und zu gehen sei.
Stattdessen waren sie die halbe Nacht zusammengesessen. Erst als die Bar in den frühen Morgenstunden schloß, waren sie aufgebrochen. Danach waren sie lange in der menschenleeren Stadt herumgelaufen – die Kälte drang unerbittlich durch ihre dünnen Überzieher, das Dunkel über dem Wasser wandelte sich langsam in einen schweren, feuchten Nebel, da und dort gingen die ersten Lichter hinter den Fenstern der großen Steinhäuser an.
Leonard hatte ununterbrochen und mit großer Anschaulichkeit geredet: von den siebenhundert Abessiniern, die nach dem Attentat auf Graziani an einem Karfreitag vor bald sechzehn Jahren in Addis Abeba schonungslos niedergeschossen worden waren, von der Laute und der siebzehnstufigen Tonleiter in der arabischen Musik, vom lieblichen Sättigungsvermögen des tschechischen Biers und über einen Dichter aus Prag, von dessen Gedichten er zwar nur Bruchstücke verstanden hatte, die ihn aber dennoch tief berührt hätten. Er hatte vom stahlgrauen Wasser und dessen Geruch nach Verwesung und Tränen erzählt, und wie er eines Abends, als er zehn Jahre alt war und sich auf dem Heimweg von einem Klassenkameraden befand, plötzlich das Geheimnisvolle des Sternenhimmels entdeckte, in die Sphäre hinausgeschleudert wurde und das Gefühl hatte, nie wirklich von dort zurückgekehrt zu sein.
Als sie dem Långbrokajen entlang zurück zum Zentrum gingen – die Straßenbeleuchtung war eben erloschen, und leichter Neuschnee wirbelte durch die Luft, der sich in einer dünnen Schicht auf das Kopfsteinpflaster legte und die Stadt in ein bleiches Licht tauchte – hatte Leonard vorgeschlagen, daß sie sich eine Weile auf eine der leeren, schneebedeckten Bänke beim Wasser setzen sollten. Sie hatten lange schweigend dagesessen und über die Bucht hinausgeblickt, bis ihm Leonard mit einer Stimme, als käme dem, was er sagte, eine besondere, versteckte Bedeutung zu, erklärte, dies sei eine der wenigen Stellen in der Stadt, von der aus man den Horizont des Meeres sehen könne.
Dann hatten sie ihre Adressen ausgetauscht und sich getrennt.
Erst viel später, im ersten Brief, hatte Leonard Viktor erzählt, daß er sich bei ihrer Begegnung in Helsingfors nur für einen kurzen Besuch in Finnland aufgehalten habe, um am Begräbnis seines Vaters teilzunehmen, und daß er bereits seit fünf Jahren in Mittelamerika lebe. Er hatte ihm von der Hazienda geschrieben, die er gekauft hatte, von den Regenwäldern auf der Halbinsel Nicoya und von der weißen Landzunge mit ihrem einzigartigen Vogelleben. Zauberhaft sei dieser Ort, ein Paradies auf Erden, die reiche Flora und Fauna einzigartig, und schließlich hatte er fast beiläufig erwähnt, daß sein Entschluß unwiderruflich feststehe, mindestens tausend Hektar jenes Waldes zu kaufen, der auf dem nördlichen Teil der weißen Landzunge wuchs.
Über die Tragweite dieses Unterfangens war sich Viktor nie im klaren gewesen.
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