Kitabı oku: «Die Erzählerin von Arden»
Carola Schierz
Die Erzählerin von Arden
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Böses Erwachen
Neubeginn
Raven
Böses Spiel
Geheime Pfade
Ester
Freunde
Überraschungen
Entdeckt
Überführt
Onkel James
Schachmatt
Einzug ins Paradies
Zerreißprobe
Ein gutes neues Jahr
Abreise
Zurück in der Heimat
Feste mit Folgen
Turbulenzen
Abschied
Die Verpflichtungen einer Dame
Zarte Bande
Hochzeit mit einer Fremden
Ein Traum wird wahr
Epilog
Impressum neobooks
Böses Erwachen
Schritte und leises Klappern drangen an Lillians Ohr, aber sie konnte die Geräusche nicht zuordnen. Vorsichtig öffnete sie ihre Augen und fand sich in einem unbekannten Raum mit fremdartigem Inventar wieder. Unsicher schaute sie in die Richtung, aus der die Geräusche zu kommen schienen. Dort war ein Mann damit beschäftigt, diverse Kräuter in einem Mörser zu zerkleinern, was ihm offenbar größere Mühe bereitete, denn er stieß immer wieder mürrisch grunzende Laute aus. Lillian wollte ihn ansprechen, aber nur ein heiseres Krächzen kam aus ihrer Kehle.
Er schien es trotzdem vernommen zu haben und wandte sich ihr zu. „Oh! Du bist endlich zu dir gekommen! Wir haben uns schon große Sorgen um dich gemacht. Hast mächtig Glück gehabt, Kind“, sagte er ernst. „Aber jetzt ist wohl das Schlimmste überstanden.“ Er kam auf sie zu, lächelte freundlich und legte seine Finger an ihren Hals, um den Puls zu fühlen. Er nickte und strich ihr dann vorsichtig über Stirn und Wange. „Das Fieber ist auch gesunken. Noch ein paar Tage und du springst wieder herum wie ein junges Reh.“
Sie musterte ihn gründlich. Er war nicht mehr der Jüngste - etwa um die sechzig - aber seine Augen funkelten lustig unter den buschigen Brauen hervor. Das graue Haar hatte er nachlässig zu einem Zopf zusammengebunden. Über einem hellen Leinenhemd und einer Kniebundhose, die ihre besten Tage längst hinter sich hatte, trug er eine große braune Schürze.
„Wo bin ich?“ Es strengte sie sehr an, überhaupt ein verständliches Wort über ihre trockenen Lippen zu bringen.
„Du bist auf Schloss Arden. Genauer gesagt im Gesindehaus desselben. Ich bin hier der Heiler und heiße Brian. Brian Goodman. Meine Schwester Emma arbeitet in der Schlossküche. Sie hat dich vor fünf Tagen auf der Landstraße gefunden, als sie von einem Besuch bei ihrer Tochter zurückkehrte. Du hast unter einem toten Mann im Graben gelegen und sie dachte zunächst, du wärst auch hinüber. Doch dann hast du dich bewegt und sie damit fast zu Tode erschreckt, die Arme. Sie hat dich auf ihr Maultier gehievt und zu mir gebracht.“ Er hielt kurz inne und räusperte sich. „Der Mann, der auf dir lag, wollte dich offensichtlich beschützen und hat diese Tat mit dem Leben bezahlt. Der Pfeil einer Armbrust hatte sein Herz durchbohrt und dich ebenfalls verwundet.“ Er machte eine Pause und sah sie mitfühlend an. „Wer war er? Dein Mann?“
In Lillians Kopf begann es zu arbeiten und sie kämpfte sich durch den Nebel. Was war geschehen? Die Erinnerung kam wie ein Fausthieb zurück. David!!! David war ihr Bruder und alles, was ihr von ihrer Familie noch geblieben war. Sie hatten mit den Eltern auf einem kleinen Bauernhof gelebt, ganz in der Nähe von Lorres. Mehr schlecht als recht, aber sie mussten nie hungern. Als sie fünf und David acht waren, wurde ihre Mutter Kathrin abermals schwanger. Alle freuten sich auf den Familienzuwachs. Ihr Vater schreinerte jede freie Minute an der neuen Wiege für das Baby. Lillian und David versuchten der Mutter zur Hand zu gehen, wo immer sie konnten.
Doch das Glück war nicht von Bestand. Das Kind wurde tot geboren und Kathrin verblutete unter den Händen der Hebamme. Der Vater erholte sich nur schwer von diesem Schicksalsschlag, aber sie meisterten ihr Leben so gut sie konnten.
Diese Umstände zwangen die Geschwister dazu, schneller erwachsen zu werden und schweißten sie noch enger zusammen.
Einige Jahre später schlug das Schicksal erneut mit voller Härte zu. Als der Vater von der Feldarbeit nicht zurückkehrte, machten sie sich besorgt auf die Suche. Sie fanden ihn eingeklemmt unter seinem Pferdekarren, dessen Achse gebrochen war. Es kam jede Hilfe zu spät und so mussten sie auch ihn zu Grabe tragen.
Drei Jahre versuchten Lillian und David ihren kleinen Hof allein zu bewirtschaften, doch nach zwei fast gänzlich vernichteten Ernten blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu verkaufen und die geliebte Heimat zu verlassen. Ihre ganze Habe passte auf einen Planwagen, der nun ihr neues Zuhause wurde.
David, ein wahrer Sonnenschein und Bild von einem jungen Mann, wurde von allen geliebt und verdrehte so manchem Mädchen den Kopf. Lillian war immer sehr stolz auf ihn.
Sie fuhren von Stadt zu Stadt und verdienten das nötige Geld zum Überleben, indem beide von ihren Talenten Gebrauch machten. David war ein begnadeter Lautenspieler und brachte so manches Tanzbein zum Schwingen. Lillians Begabung lag in der Kunst des Erzählens. Sie zog die Leute, egal ob groß oder klein, in ihren Bann und erweckte Drachen, Feen, Ritter oder Prinzessinnen zum Leben. Wer ihr zuhörte, hatte das Gefühl direkt dabei zu sein. Es geschah nicht selten, dass das ein oder andere Mädchen an den spannendsten Stellen laut aufschrie, was wiederum dankbar von den anwesenden Burschen aufgenommen wurde. Sie bekamen so eine gute Rechtfertigung, die 'verängstigten' Geschöpfe nach Hause zu geleiten. Alle waren in diesen schweren Zeiten dankbar für ein paar Stunden des Vergessens und so sah man die immer freundlichen Geschwister überall gern.
Letzte Woche, sie wollten in die nächste Stadt reisen und waren kurz davor ein Nachtlager aufzuschlagen, kam ihnen plötzlich ein Trupp Reiter entgegen.
„Klettere in den Wagen und bleibe dort!“, wies David seine Schwester an. Sie gehorchte.
Der Wagen kam zum Stehen. Die Männer blockierten mit ihren Pferden die Straße und hielten ihre Armbrüste auf David gerichtet.
„Was wollt ihr?“, fragte er so ruhig, wie es ihm möglich war. Doch Lillian bemerkte die Furcht in der Stimme ihres Bruders.
„Steig ab und überlasse uns deinen Wagen freiwillig, so wird dir vielleicht nichts geschehen“, sagte der Anführer der Bande in einem Tonfall, der das Schlimmste vermuten ließ.
„Der Wagen ist das Einzige was wir besitzen. Was soll aus uns werden?“, stieß David hervor.
„Was meinst du mit ‚wir‘? Wer befindet sich noch im Wagen?“
Einer der Männer sprang vom Pferd und schlug die Plane beiseite. Lillian blickte in eine widerliche Fratze. Eine dicke Narbe, die wahrscheinlich von einem Schwerthieb herrührte, überzog diagonal sein Gesicht und verzerrte dessen Züge zu einer grinsenden Trollmaske. „Was haben wir denn da für ein süßes Vögelchen?“ Der Mann fuhr sich lüstern mit der Zunge über seine wulstigen Lippen. „Das ist doch mal eine nette Abwechslung für den späteren Abend. Findet ihr nicht auch Männer?“, rief er den anderen zu, ohne den Blick von ihr abzuwenden. „Du musst dich auch für keinen von uns entscheiden, Herzchen, denn wir teilen alles gerecht.“
Er erntete widerliches Gelächter und schickte sich an, Lillian vom Wagen zu zerren. Sie wehrte sich so gut sie konnte, aber sein Griff verstärkte sich nur. Hart prallte sie auf den Boden, ignorierte jedoch die Schmerzen und rappelte sich schnell hoch. Aber der Mann hatte sie schon wieder gepackt und versuchte jetzt, sie zu küssen. Lillian konnte deutlich den fauligen Atem riechen, der aus seinem zahnlosen Mund strömte. Übelkeit stieg in ihr hoch. In diesem Moment sprang David vom Wagen, stürzte auf sie zu und riss den Mann zur Seite. Er stellte sich schützend vor seine Schwester. Fast im selben Moment spürte Lillian einen stechenden Schmerz in ihrer Schulter und wurde von dem Gewicht ihres taumelnden Bruders zu Boden gedrückt. Von da an wusste sie gar nichts mehr. Wahrscheinlich hielten die Angreifer sie für tot und machten sich mitsamt dem Wagen aus dem Staub ...
Sie spürte es, bevor sie es begriff: David war tot! Diese Gewissheit brachte Lillian fast um den Verstand und sie brach in ersticktes Weinen aus. Es war, als würde man ihr den Boden unter den Füßen wegziehen.
Eine Hand legte sich vorsichtig auf die ihre und brachte Lillian ins Gedächtnis zurück, dass Brian der Heiler noch immer neben ihr stand. Er schwieg und wartete, bis sie von allein zu reden begann.
„Er war mein Bruder. David. Und der einzige Mensch, den ich auf dieser Welt noch hatte ... Was soll jetzt nur werden? Warum konnte ich nicht einfach mit ihm sterben?“ Ein heftiges Schluchzen durchzuckte ihren Körper.
„Na, na. Wer wird denn gleich aufgeben?“ Brian strich ihr väterlich übers Haar. „Es tut mir leid um deinen Verlust, aber dein Bruder hat dich beschützt, damit du lebst. Sein Opfer war nicht umsonst, wenn du mit diesem Geschenk sorgsam umgehst. Weißt du, Gottes Wege sind manchmal sehr verschlungen, aber ich bin mir sicher, dass er mit dir noch einiges vorhat.“
Sie wusste, dass er recht hatte, aber das half im Moment nur wenig gegen ihren Kummer.
Brian legte die Schürze ab und zog sich seinen Mantel über. „Wie heißt du eigentlich, mein Kind?“
„Lillian. Lillian Anderson.“
Er lächelte. „Und wie alt bist du, Lillian?“
„Im Herbst werde ich neunzehn.“
„Hör zu! Ich gehe jetzt Emma holen. Sie hat sich große Sorgen um dich gemacht und mir aufgetragen, sie sofort zu informieren, wenn du zu dir kommst. Und mit Emma ist in dieser Beziehung nicht zu spaßen. Sie ist eine Vollblutglucke, welche jeden bemuttert, der es will … oder auch nicht“, fügte er mit leichtem Sarkasmus hinzu. „Seit ihre Jüngste das Nest verlassen hat, muss ich dran glauben. Also tu mir den Gefallen und halt sie mir eine Weile vom Leib. Sie meint es nur gut, aber ein alter Junggeselle wie ich, braucht auch mal seine Ruhe.“
Lillian verkniff sich ein Lächeln und schloss die Augen, sobald er die Tür hinter sich zugezogen hatte. Der erhoffte Schlaf blieb leider aus. Um sich von ihren trüben Gedanken abzulenken, verließ sie ihr Lager, um sich etwas umzusehen. Das Aufstehen fiel ihr nicht leicht. Die verletzte Schulter schmerzte so stark, dass ihr schwarz vor Augen wurde, als sie auf die Beine kam. Nach einer Weile hatte sie sich jedoch im Griff und begann vorsichtig, einen Fuß vor den anderen, den Raum zu erkunden. Ihr Lager, das aus einem Strohsack und ein paar einfachen Laken bestand, nahm die hintere Wand fast gänzlich ein. An einer der beiden langen Seiten stand ein riesiges Regal, welches über und über mit Gläsern und Dosen bestückt war, die mit seltsamen, teils übel riechenden Substanzen gefüllt waren. Von der Decke hingen unzählige Bunde getrockneter Kräuter. Einige davon erkannte Lillian wieder. Ihre Mutter war mit der Heilkraft der Pflanzen gut vertraut und hatte sie, kaum dass das Mädchen laufen konnte, mit auf Kräutersuche genommen. Bei dem Gedanken an diese so fernen, glücklichen Tage, zog sich erneut ihr Herz zusammen. Sie wandte sich ab. Gegenüber dem Regal stand ein langer Arbeitstisch, mit allerlei typischen Geräten, die man zum Ausüben des Heilerberufes brauchte. Messer in verschiedenen Größen und Formen, Aderpressen, Scheren, Mörser, Schalen und sogar eine Knochensäge, über deren Gebrauch Lillian gar nicht näher nachdenken mochte. Brian schien nicht hier zu wohnen, denn nichts wies darauf hin. Sie nahm an, dass er nebenan seinen Wohnraum hatte und dieser hier rein beruflichen Zwecken diente.
Während sie so ihren Gedanken nachhing, wurde plötzlich die Tür aufgerissen und eine kleine, rundliche, rotgesichtige Frau stürmte in den Raum. Sie war völlig außer Puste und stand nach Luft ringend in der Tür. Die angegrauten Haare waren in wilden Strähnen aus ihrem Dutt gerutscht. Sie sah das Mädchen lächelnd aus wachen Augen an, in denen Lillian deutlich die verwandtschaftlichen Bande zu Brian erkennen konnte. Dieser stand hinter seiner Schwester und beobachtete die Szene.
„Mein Gott, Mädel, du sollst doch noch nicht aufstehen. Komm, setz dich wenigstens auf das Bett.“ Ehe Lillian es sich versah, hatte Emma sie gepackt und führte sie zum Lager zurück. Die Frau legte rasch ihren Umhang ab und musterte dann ausgiebig ihre neue Schutzbefohlene. Was sie sah, schien sie zufrieden zu stellen. Lillian war ein zartes, anmutiges Geschöpf von durchschnittlicher Größe. Die aschblonden Haare fielen in dicken Locken über ihre Schultern. Sie hatte große blaugraue Augen, unter denen sich allerdings dunkle Ringe abzeichneten.
'Kein Wunder', dachte Emma, 'bei allem was das arme Ding mitmachen musste.'
Aber eine ordentliche Portion ihrer guten Pflege, würde auch diesen kleinen Makel schnell verschwinden lassen. Das Mädchen war sicher nicht die größte Schönheit, die sie je gesehen hatte, aber auf seine eigene Weise sehr hübsch und von einer geheimnisvollen Aura umgeben, die den Blick des Betrachters magisch gefangen hielt.
„Ich bin Euch zu tiefstem Dank verpflichtet. Ohne Euch wäre ich sicher nicht mehr am Leben“, sagte Lillian mit leiser Stimme.
„Ach Papperlapapp! Ich habe nur meine Christenpflicht getan. Und nenne mich Emma, ich bin schließlich keine von diesen hohen Damen, sondern nur eine einfache Köchin. Brian hat mir schon ein wenig erzählt …“
Sie wurde durch sein mürrisches Grunzen unterbrochen. „Pah! Jeden Satz, den die Kleine von sich gegeben hat, musste ich dir fünfmal wiederholen.“
Emma zuckte mit ihren runden Schultern. „Nur, weil man dir altem Stiesel jedes Wort aus der Nase ziehen muss. Wie ich dich kenne, war es trotzdem nur ein Bruchteil von allem.“
Sie griff in den Korb, den Brian neben der Tür abgestellt hatte und holte einen Krug mit Hühnerbrühe und einen dicken Kanten Brot heraus. Als Lillian alles aufgegessen und sich etwas frisch gemacht hatte, konnte Emma ihre Neugier nicht mehr zügeln und bat das Mädchen, ihr doch bitte die ganze Geschichte noch einmal zu erzählen. Diese gab dem Drängen, der ohne Frage sehr neugierigen, aber ebenso liebenswerten Frau, gern nach und erzählte bereitwillig alles, was diese wissen wollte. Am Ende ihres Berichtes tupfte Emma sich beherzt die Tränen weg, die ihr dick aus den Augen quollen. „Hab keine Angst, mein Schatz, du bist nicht allein. Ab jetzt werde ich mich um dich kümmern!“
„Grunz“, kam es aus der Ecke in die sich Brian zurückgezogen hatte.
„Ach halt doch den Mund, du alter Zausel! Nicht jedem gefällt ein Leben jenseits aller Zivilisation.“
Lillian folgte amüsiert dem Wortwechsel des betagten Geschwisterpaares. Auch wenn die beiden sich noch so angifteten, konnten sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie sich im Grunde ihres Herzens liebten.
„Ich wäre sehr dankbar für jede Hilfe, die ich bekommen kann“, sagte sie beschwichtigend und meinte es auch so.
Emma warf ihrem Bruder einen langen triumphierenden Blick zu.
„Aber natürlich, mein Schatz. Als Erstes müssen wir dir etwas Neues zum Anziehen besorgen. Aus den Resten deines alten Kleides kann man sicher noch etwas machen. Bis dahin bitte ich Helen, dir eines von ihren zu leihen. Sie hat die gleiche Statur wie du und auch sonst besteht eine gewisse Ähnlichkeit. Man könnte euch durchaus für Schwestern halten. Sie arbeitet als Magd bei Hofe. Ihr werdet euch sicher blendend verstehen.“ Emma hielt kurz inne. „Ach! Da fällt mir ein, dass in ein paar Wochen eine Stelle als Magd frei wird. Geraldine wird heiraten und dann auf dem Hof ihres Mannes leben ... Brian, du kennst sie doch. Die kleine Geraldine?“
„Grunz“, war die Antwort, der man sein fehlendes Interesse an Geraldines Hochzeitsplänen deutlich entnehmen konnte.
„Wer hätte gedacht, dass sie vor Helen zum Altar schreitet. Du musst wissen, dass Helen und ihr Verlobter John schon lange ans Heiraten denken, aber sie müssen wohl noch ein wenig für die Aussteuer sparen. John arbeitet als Stallknecht in den Stallungen unseres Königs und wird für seine Arbeit sehr geschätzt ... Nun ja, wenn du magst kann ich mich dafür einsetzen, dass du Geraldines Stelle bekommst. Es ist ein recht schönes Arbeiten bei uns im Schloss. Du darfst natürlich nicht faul sein, aber wenn du deine Sache ordentlich machst, wird dich niemand schlecht behandeln.“
Lillian dachte einen Augenblick lang nach. Sie hatte eh nicht die Wahl abzulehnen. Und abgesehen davon, war es das verlockendste Angebot, das ihr in der letzten Zeit unterbreitet worden war. Sie sagte mit großer Freude zu.
Neubeginn
In den nächsten beiden Wochen erholte sie sich schnell und übernahm bald viele Tätigkeiten im Haushalt des gutmütigen Heilers. Sie verstanden sich prächtig - ohne viele Worte. Für Unterhaltung sorgte Emma, die allabendlich vorbeikam und sie mit Resten aus der Schlossküche und dem neuesten Klatsch versorgte.
Dann kam der Tag, an dem sie, wieder ganz bei Kräften, ihren Dienst als Magd antrat. Schloss Arden war ein beeindruckender Bau von stattlicher Größe und wirkte dennoch einladend auf den Betrachter. Es lag auf einer kleinen Anhöhe und gab den Bewohnern einen traumhaften Blick auf die kleine Stadt und das fruchtbare Umland frei.
Lillian wechselte mit dem winzigem Bündel, welches ihre ganze Habe darstellte, in den anderen Teil des Gesindehauses, in dem die Schlafräume der weiblichen Bediensteten untergebracht waren. Sie teilte sich ein Zimmer mit zwei anderen Mädchen. Ellen hatte sie bereits kennengelernt. Eine freundliche Brünette mit einer Stupsnase und etwas zu großen Zähnen, die das halbe Gesicht einnahmen, wenn sie breit lächelte. Das andere Bett gehörte Helen. Die Mädchen waren sich bisher noch nicht begegnet und Lillian brannte darauf, sich für das geborgte Kleid zu bedanken, welches sie auch heute noch trug.
Ihre erste Aufgabe bestand darin, zwei Eimer Wasser aus dem Brunnen zu holen. Gerade als sie sich über den Rand beugte, um den Schöpfeimer herunterzulassen, spürte sie zwei tellergroße Hände, die sich ihr von hinten um die Hüften legten und nun dabei waren, langsam nach oben zu wandern. Als Lillian aus ihrer Schreckensstarre erwachte, drehte sie sich rasch um und zog dem Lüstling den leeren Eimer über den Kopf. Er ging unsanft zu Boden.
„Wage es ja nicht mich anzufassen, du Wüstling!“, schrie sie ihm ins entsetzte Gesicht.
Er schien völlig aus der Fassung gebracht. „Ich dachte du wärest …“
„… neu hier und darum leichte Beute, was?“, fiel sie ihm lautstark ins Wort. „Aber nicht mit Lillian Anderson! Merk dir das!“
„Nein!“, flehte er. „So ist es nicht! Ich schwöre!“
Vom Lärm angelockt kamen ein paar andere Dienstboten auf sie zu.
„Was ist hier los?“, fragte ein älterer Knecht rüde. Mit zusammengekniffenen Augen erfasste er die Szene.
„Dieser Wüstling hat mich unsittlich angefasst“, antworte Lillian ihm schnell.
„Sag, dass das nicht wahr ist!“ Ein Mädchen hatte sich aus der Menge gelöst und blickte mit wütender Miene auf den Mann am Boden. Dieser rappelte sich langsam hoch und wischte sich mit dem Hemdsärmel das Blut von seiner aufgeplatzten Lippe.
„Nein, Helen, natürlich nicht! Ich dachte, dass du es wärst. Ich meine, sieh sie dir doch mal an! Sicher, von vorn seid ihr gut zu unterscheiden, aber ich habe sie nur von hinten gesehen. Und sie hat auch noch dein Kleid an!“
Helen musterte erst ihren Verlobten und dann ihre vermeintliche Konkurrentin. Plötzlich huschte ein Ausdruck der Erkenntnis über ihr hübsches Gesicht. Sie hatte andere Augen als Lillian und ihre Haare waren nicht so lockig, aber eine gewisse Ähnlichkeit war nicht zu verleugnen. Auch bei Lillian dämmerte es langsam. Sie brachen in herzliches Gelächter aus und stellten sich einander vor. Die Umstehenden sahen sich verständnislos an. Dann lösten die jungen Frauen die Situation auf. Helen tröstete ihren Verlobten mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange, was diesem ein breites, zufriedenes Grinsen entlockte. Nun, wo Lillian sich den vermeintlichen Wüstling genauer ansah, konnte sie wirklich nichts Gefährliches an ihm entdecken. John war ein großer, gutaussehender Bursche mit braunem Haar, das ihm in leichten Wellen in den Nacken fiel. Er hatte ein offenes freundliches Gesicht und stellte sich nun seinerseits vor. Diese turbulenten Ereignisse waren der Auftakt zu einer tiefen Freundschaft zwischen den drei jungen Leuten.
Als sie ihr Tagewerk vollbracht hatten, kehrten sie gemeinsam zum Gesindehaus zurück. Nach dem Abendmahl, welches aus einer schmackhaften Suppe und Brot bestand, gingen sie nach draußen. Dort versammelte sich allabendlich die einfache Dienerschaft an einem Feuer, um das Neueste auszutauschen. Der Zwischenfall am Brunnen hatte schon die Runde gemacht und der arme John wurde zum Objekt des allgemeinen Spottes. Jeder versorgte ihn mit gut gemeinten Ratschlägen, wie er so etwas in Zukunft vermeiden könnte. Sie reichten von: 'Macht doch eine Parole aus!' bis zu 'Mal ihr ein Kreuz über Brust und Hintern, damit du sie von vorn und von hinten erkennst!'
Er ließ es geduldig über sich ergehen. Dann blieb die ganze Aufmerksamkeit an der neuen Magd hängen und Lillian musste unzählige Fragen beantworten. Als sie erwähnte, womit sie früher ihren Lebensunterhalt bestritten hatte, wurde der allgemeine Wunsch nach einer Kostprobe ihres erzählerischen Talentes laut. Die junge Frau kam diesem Wunsch nur zu gern nach und erzählte eine ihrer Lieblingsgeschichten. Als sie geendet hatte und Held und Heldin nach bestandenen Prüfungen einander in den Armen lagen, war es zunächst mucksmäuschenstill. Nur das leise Knacken des fast heruntergebrannten Feuers durchbrach diese Stille. Dann, nach und nach, kamen die Zuhörer in die Wirklichkeit zurück.
„Du bist unglaublich!“, sagte der ältere Knecht vom Brunnen.
Lillian hatte schon erfahren, dass er bei allen, die im Gesindehaus lebten, hohes Ansehen genoss. Er hieß Simon und war so etwas wie der gestrenge gute Geist im Haus. Jetzt aber glänzten seine Augen wie die eines kleinen Kindes, das gerade sein erstes Stück Zuckerzeug verputzt hatte. Dann kehrten auch alle anderen wieder in die Realität zurück und klatschten begeistert in die Hände. Lillian hatte schon oft derartige Reaktionen auf ihre Erzählungen hin erlebt und doch machte sie die Gewissheit, anderen Freude gebracht zu haben, immer wieder selbst glücklich.
„Wie viele solcher Geschichten kennst du?“, fragte Ellen ganz aufgeregt.
„So viele, wie ihr wollt. Ich denke mir immer neue aus. Mit David habe ich oft ein Spiel gespielt. Er hat mir Figuren, Orte oder ein paar Handlungsteile seiner Wunschgeschichte genannt und ich musste daraus etwas Spannendes entwickeln.“
David hatte so einige Wetteinsätze verloren, nachdem er sich siegesgewiss völlig verrückte Vorlagen für Lillian ausgedacht hatte.
„Oh, das will ich erleben! Würdest du dieses Spiel mit uns auch machen?“, fragte ein Küchenmädchen sofort.
„Ja gern. Wann immer ihr wollt.“
„Schön, schön. Aber erst morgen! Es ist spät und die Herrschaft bezahlt uns nicht für schlechte Arbeit“, sagte Simon in einem Tonfall, der keinerlei Widerspruch duldete.
Man verabredete sich für den nächsten Abend, um das Experiment durchzuführen. Alle gingen zu Bett. Lillian fiel schnell, und so zufrieden wie lange nicht, in einen traumlosen Schlaf.
Kurz nach Sonnenaufgang ging sie an ihre Arbeit. Flink und gutgelaunt bewältigte sie die ihr gestellten Aufgaben. Um die Mittagszeit traf sie sich mit Helen zu einer kleinen Brotzeit. Sie setzten sich ins Gras, direkt neben die zum Bleichen ausgebreitete Wäsche, und genossen die warme Frühlingssonne.
„Wann wollt ihr eigentlich heiraten?“, fragte Lillian ihre neue Freundin.
„Nun, wollen würden wir sofort. John meint, dass wir in ein paar Jahren das nötige Geld zusammenhaben, um uns irgendwo ein Stück Land zu pachten. Bis dahin müssen wir uns halt noch in Geduld üben.“ Sie lächelte etwas wehmütig und blickte ins Leere. Dann riss sie sich aus ihren Träumen und sah zu Lillian. „Hast du dir schon überlegt was du uns heute Abend zum Besten geben willst?“
Diese schüttelte lächelnd den Kopf. „Du weißt doch, ich bekomme erst noch die Zutaten zu meiner Geschichte.“
Helen machte ein ungläubiges Gesicht. „Und das funktioniert wirklich? Ich meine … dir fällt wirklich immer etwas dazu ein?“
„Bis heute schon“, antwortete Lillian mit einem Achselzucken. „Es ist einfach da, verstehst du? Die Geschichten formen sich in meinem Kopf zusammen und ich muss sie nur noch herauslassen. Das war schon immer so. Manchmal, wenn meine Mutter uns eine Gutenachtgeschichte erzählte, habe ich ihr so lange hineingeredet, bis sie schließlich aufgab und mich selbst erzählen ließ.“ Lillian musste lächeln als sie daran zurückdachte.
„Ich glaube, es ist Zeit wieder an die Arbeit zurückzukehren“, stöhnte Helen und erhob sich gequält. „Wir sehen uns dann heute Abend. Ich bin schon sehr gespannt.“
Der Rest des Tages ging rasch vorbei. Als sich alle wieder ums Feuer versammelt hatten und voller Ungeduld auf Lillian blickten, schaute diese immer wieder zum Schloss. Helen hatte ihr gesagt, dass sie etwas später kommen würde, sie die anderen aber deshalb nicht warten lassen sollte. Also blickte sie in die Runde und zeigte auf zwei Männer und drei Mädchen, welche ihr jeweils ein Stichwort für ihre Geschichte geben sollten. Die Ausbeute bestand aus folgenden Worten: Drache, Wunderkraut, Ritter, sprechender Ziegenbock und Diadem. Ihre Zuhörer sahen die junge Frau herausfordernd an, aber im Kopf der Erzählerin bauten sich schon die Bilder zusammen ...
Dann gingen sie gemeinsam mit dem Ritter Rotbart auf die abenteuerliche Reise zur Drachenhöhle, wo er mit Hilfe eines Ziegenbocks, der durch die Wirkung des Wunderkrautes Weisheit und Sprechvermögen erlangt hatte, dem mehrköpfigen Drachen das Diadem entwand, welches er seiner Auserwählten dann zu Füßen legte.
Als alle ihrer Begeisterung Luft machten, stieß auch endlich Helen zu ihnen. „So wie es klingt, hast du das Spiel für heute gewonnen“, sagte sie und streckte ihre müden Beine aus. „Schade, dass ich nichts davon mitbekommen habe.“
Lillian setzte sich zu ihrer Freundin. „Es gibt sicher noch mehr Gelegenheiten für Geschichten. Aber wo bist du so lange gewesen?“
Die Befragte stieß einen verächtlichen Laut aus. „Unser ach so edler Thronfolger hat mal wieder beschlossen, mit seinen noch edleren Freunden ein kleines Fest in seinen Privatgemächern zu feiern. Sie trinken eine Karaffe Branntwein nach der anderen. Und jedes Mal, wenn man mit einer neuen den Raum betritt, werden sie aufdringlicher, die feinen Gäste. Und der junge Herr sagt kein Wort. Eine widerliche Bagage!“ Helen war rot angelaufen vor Zorn.
„Und König Aron? Sagt er nichts zu den Ausschweifungen seines Sohnes? Bei allem was ich über ihn gehört habe, wird er wegen seiner Weisheit, Gerechtigkeit und Güte bis über die Landesgrenzen hinaus geschätzt.“ Lillian sah ihr Gegenüber fragend an.
„Nun, Simon ist hier schon seit fast dreißig Jahren in Stellung. Er sagt, dass Raven bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr allen Anschein erweckte, einmal in die Fußabdrücke seines Vaters zu treten und zu seinem würdigen Nachfolger heranzuwachsen. Aber als unsere arme Königin an den Folgen eines Unfalls starb, hat er sich über Nacht in den Schatten seiner selbst verwandelt. Das ist jetzt etwa zehn Jahre her. Er und die Königin standen sich wohl sehr nahe. Aber bei allem Mitgefühl, König Aron hat seine Frau, nach dem was erzählt wird, auch sehr geliebt und musste ebenfalls mit ihrem Tod klarkommen. Statt dem Vater in seiner Trauer beizustehen, schien Raven sich regelrecht von ihm abzuwenden. Ganz so, als gäbe er ihm die Schuld an dem Unglück.“
Lillian blickte auf. „Und ... hatte er? Ich meine Schuld an dem Unglück?“
Helen schüttelte den Kopf. „Ich war noch sehr jung damals, aber ich weiß, dass er zu der Zeit gar nicht bei Hofe weilte. Wichtige Verhandlungen hielten ihn für mehrere Wochen im Nachbarreich fest.“
Sie schwiegen einen Moment.
„Was ist eigentlich genau passiert?“, wollte Lillian wissen.
„Nun, man erzählt sich, dass die Königin, durch eine Krankheit geschwächt, unglücklich gefallen sein soll. Genaueres ist nie bekannt geworden. Der König hat lange getrauert, sich dann aber wieder in seine Pflichten gestürzt. Er hat nie wieder geheiratet, obwohl es an willigen Damen sicher nicht mangelte. Er ist auch jetzt noch ein beeindruckender Mann. Raven sieht ihm sehr ähnlich. Nur Mund und Nase hat er wohl von seiner Mutter. Aber sein Wesen gleicht eher dem eines Gespenstes, das zu viel trinkt. Manchmal kann man sich wirklich fürchten, wenn er mit diesem leeren Blick in seinen Gemächern sitzt.“ Sie gähnte herzhaft. „Lass uns jetzt zu Bett gehen! Der Tag morgen wird wieder lang.“
In dieser Nacht konnte Lillian lange nicht einschlafen. Sie fragte sich, ob nicht irgendein Geheimnis hinter dieser ganzen Geschichte steckte. Sie nahm sich vor, am nächsten Tag Emma darauf anzusprechen. Wenn eine darüber etwas wusste, dann sicher sie.
Doch ihre Hoffnung wurde enttäuscht. Emma brach zwar fast in Tränen aus, als sie ihr vorschwärmte, was für ein netter, anständiger Bursche Raven bis zu diesem Unglück doch gewesen war und dass es einem das Herz bräche, ihn so verändert zu sehen, aber auch sie hatte bis heute nicht mehr über die genauen Geschehnisse in Erfahrung bringen können. Diese Tatsache bestärkte Lillian in der Annahme, dass an ihrer Vermutung etwas dran war. Hatte am Ende der junge Herr etwas mit dem Unfall zu tun? Warum dann aber sein Bruch mit dem Vater? Nein, es schien etwas komplizierter zu sein. Aber es ging sie im Grunde auch nichts an. Sie hatte genug damit zu tun, ihr eigenes Leben wieder in den Griff zu bekommen.
Die nächsten Wochen verliefen in geordneten Bahnen. Mittlerweile fand sich Lillian in allen Arbeits- und Wirtschaftsräumen gut zurecht. Zu ihrem Bedauern war sie allerdings noch nicht bis zu den Räumen der Herrschaft vorgedrungen. Zu diesem Flügel des Schlosses hatte im Allgemeinen nur das höhere Dienstpersonal Zutritt. Die Kammerdiener und Zofen waren auch direkt im Gebäude untergebracht, um so rund um die Uhr für die Herrschaft da zu sein. Nur ein paar der Küchenmägde durften gelegentlich diese Räume betreten, um Speisen und Getränke aufzutragen. Zu denen gehörte seit Neuestem auch Helen. Da sie den Zofen von Lillian und ihren Erzählungen am Feuer vorgeschwärmt hatte, war die allabendliche Runde von Zuhörern inzwischen weiter angewachsen. Auch Clark, einer der Kammerdiener des Königs, gehörte nun zu Lillians Bewunderern. Seit Wochen nutzte er jede Gelegenheit, um dabei zu sein und ging immer als einer der Letzten.
So auch heute. Lillian bemerkte nicht, wie sie von seinen gierigen Blicken regelrecht ausgezogen wurde. In seinen Gedanken erzählte sie ihm etwas anderes als ihre unschuldigen Geschichten. Da flüsterte sie ihm leise schmutzige Worte ins Ohr. Bei dieser Vorstellung reagierte sein Körper heftig und er kreuzte die Arme rasch über seinem Schoß, als er das eindeutige Ziehen in seinen Lenden spürte. Er wollte sie haben. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass eine einfache Magd ihn zurückwies, zur Not mit Gewalt!
Raven
Es war inzwischen Sommer geworden. Die Nächte waren angenehm warm und der Wind wehte den schweren Duft der Felder herüber. Alle genossen den verdienten Feierabend und unterhielten sich über dies und das. Das leise Gewirr der Stimmen hörte man bis zum Schloss.
Raven saß in seinem Schlafgemach im Dunkeln. Er hielt ein Glas starken Weines in der Hand, den Blick ins Leere gerichtet. Die letzte Nacht hatte er mit seinen sogenannten Freunden durchzecht. Keiner von ihnen bedeutete ihm auch nur das Geringste, doch sie halfen ihm dabei, die Schatten der Vergangenheit aus seinem Kopf zu vertreiben.
Sie - und der Branntwein. Wie Dämonen kamen die Erinnerungen Nacht für Nacht in sein Hirn. Er wusste nicht mehr, wann er das letzte Mal durchgeschlafen hatte, ohne sich zuvor besinnungslos zu trinken. So wie gestern. Raven war heute gegen Mittag mit einem Brummschädel zu sich gekommen und hatte sich etwas zu essen bringen lassen. Seine Gemächer hatte er nicht verlassen, aus Angst, seinem Vater über den Weg zu laufen. Er konnte dessen vorwurfsvolle, manchmal sogar angewiderte Blicke nicht ertragen. Manchmal, wenn Raven großes Glück hatte, war eine Spur von Besorgnis in der Mimik seines Vaters zu erkennen. Natürlich konnte der große, immer pflichtbewusste König kein Verständnis für die Lebensweise seines Sohnes aufbringen. Wie sollte er auch. Raven wusste als Einziger über die genauen Ereignisse von damals Bescheid. Doch er hatte der Mutter versprochen zu schweigen, um den König zu schonen und nicht an seinen Pflichten zu hindern. Sie hatte sicher nicht geahnt, welche Last sie ihm damit aufbürdete. Immer wieder fragte er sich, was gewesen wäre, wenn er sein Versprechen gleich zu Beginn der ganzen Schwierigkeiten gebrochen hätte. Sicher, er war damals noch keine fünfzehn. Noch nicht erwachsen, aber eben auch kein Kind mehr. Er hatte eine falsche Entscheidung getroffen, als es darauf ankam. Wie sollte er je daran denken, die Verantwortung für ein ganzes Königreich zu übernehmen? Lange hatte Raven gehofft, der Vater würde sich zu einer neuen Ehe durchringen, um so noch einen geeigneteren Thronfolger zu zeugen. Aber das war nicht geschehen.
Manchmal suchte der Prinz in den bereitwillig offenen Armen einer Frau sein Vergessen. Besonders Ester, die Tochter des Schreibers, hatte ein Faible für ihn. Aber der kurze Rausch hielt nie lange an und er machte sich danach immer Gewissensbisse, das Mädchen ausgenutzt zu haben. Natürlich hatte er ihr eindeutig klargemacht, dass ihre Verbindung in keiner Weise von romantischer Natur war, noch je sein würde. Doch man konnte nie wissen, was in ihrem Kopf vor sich ging.
Etwas riss ihn aus seinen Gedanken. Vom Gesindehaus drang Lachen zu ihm herein und starker Neid erfüllte seine Brust. Plötzlich wurde es ihm zu eng und zu stickig im Zimmer. Raven beschloss, seinen Wein auf dem Dach zu trinken. Dort gab es eine flache begehbare Stelle, die er schon als kleiner Junge gern aufgesucht hatte. Oben angekommen lehnte er sich an eine Dachschräge und sah in den Sternenhimmel.
Zu seinem Leidwesen musste er feststellen, dass man das Treiben vor dem Gesindehaus hier noch deutlicher vernehmen konnte. In der Hoffnung, etwas Ablenkung zu finden, hörte er einfach zu ...
„Lillian bitte, du hast schon seit fast einer Woche keine Geschichte mehr erzählt. Du bist doch wieder gesund und deine Stimme ist auch nicht mehr rau.“
Lillian hatte sich vor ein paar Tagen im Regen erkältet. Leichtes Fieber und eine starke Heiserkeit waren die Folge. Sie war froh gewesen, nach dem schweren Tagewerk gleich ins Bett gehen zu können und darum dem Beisammensein ferngeblieben. Sie erzählte zwar auch sonst nicht jeden Abend ihre Geschichten, aber so lange mussten die Freunde noch nie darauf verzichten.
„Schon gut, ich tue es ja schon!“, lachte sie. „Aber heute darf ich die Geschichte selbst auswählen.“
Dieses Recht gestanden ihr alle bereitwillig zu.
„Diese Geschichte ist etwas länger und wir werden sie heute nicht schaffen, aber ich mag sie sehr und ihr werdet sie sicher auch mögen.“
Sie begann zu erzählen und alle verfolgten gespannt die Abenteuer des Bauernburschen, der es durch Beharrlichkeit und Selbstbewusstsein zu Wohlstand und Ansehen brachte.
Als Raven ihre Stimme hörte, zusammen mit der Art wie sie erzählte, fühlte er sich wie damals als kleiner Junge. Seine Mutter war mit der gleichen Gabe gesegnet gewesen und selbst der König gesellte sich, wann immer er konnte zu ihnen, um seiner Frau zuzuhören. Genau wie dieses Mädchen dort unten hatte sie es geschafft, die Gegenwart vergessen zu lassen. Auch auf mancher Gesellschaft bat man um die Gunst ihres Vortrages. Besonders James, der Bruder des Königs, war ihrem Talent verfallen und konnte nie genug davon bekommen. Der Prinz ließ sich ganz auf den Zauber, der von Lillians Stimme ausging, ein und hoffte, sie würde nie aufhören zu reden. Das berauschende Gefühl hielt zu seiner Freude an, als er ihr Versprechen vernahm, morgen weiterzuerzählen. Mit der Aussicht, dieses Erlebnis am nächsten Tag erneut haben zu dürfen, drifteten seine Gedanken zum bereits Gehörten zurück, bis er an Ort und Stelle in einen festen Schlaf fiel ...
Raven erwachte bei Sonnenaufgang und fühlte sich so gut wie ewig nicht. Trotz der Schmerzen im Rücken, welche von der harten Dachschräge herrührten, fühlte er sich sonderbar leicht. Er stellte sich aufrecht und blickte über das Land. Eines Tages sollte er darüber wachen und herrschen. Sofort spürte er den schon vertrauten Druck in der Brust. Seine Dämonen waren nach Hause zurückgekehrt.
Als Lillian an diesem Tag mit ihrer Arbeit beginnen wollte, wartete Emma schon am Dienstboteneingang. Ihrem Gesicht nach zu urteilen war sie kurz vor dem Platzen, wenn sie die guten Nachrichten nicht sofort loswurde, die sie offensichtlich hatte. „Endlich! Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr. Ich habe großartige Neuigkeiten für dich. Eine der Küchenmägde hat gekündigt. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass du ihre Stelle bekommst. Ist doch besser als putzen und Wäsche waschen. Und du bist die ganze Zeit in Helens und meiner Nähe. Du freust dich doch, oder?“
Lillian, etwas überrumpelt von diesem frühmorgendlichen Überfall, musste sich erst einmal sammeln. Sie hatte schon lange gehofft, irgendwann zum Küchenpersonal wechseln zu dürfen, denn diese Arbeit war nicht ganz so schwer wie die der einfachen Mägde.
„Natürlich freue ich mich!“ Sie nahm die kleine runde Frau in den Arm und presste sie fest an sich. Emma war zufrieden und sie betraten gemeinsam Lillians neue Wirkungsstätte. Sie kannte die Räume natürlich schon, sah nun aber alles mit anderen Augen. Die Schlossküche war ein großer Raum mit einem hohen Kreuzgewölbe. Die weiß geschlämmten Wände hatten hier und da ein paar Rußspuren von den mit Holz beheizten Herdstellen. Überall standen Kochgeschirr, Gewürzdosen, Bottiche mit Mehl und was man sonst noch so braucht, um für das leibliche Wohl der Herrschaft und deren Hofstaat zu sorgen. Von der Decke hingen Pfannen und Kellen in allen Größen, so dass man an manchen Orten Gefahr lief, sich zu stoßen. Aber laut Helen gewöhnte man sich schnell daran, an den gefährlichsten Stellen den Kopf einzuziehen.
Als Erstes ging es ans Brot backen. Eine sehr kraftraubende Angelegenheit, wie Lillian feststellen musste. Auch hier hatte Helen einen guten Rat. „Denk einfach an irgendetwas Schlechtes oder an jemanden, der dich wütend macht. Dann lass die angestaute Wut am Teig aus. Das setzt ungeahnte Kräfte frei, glaub mir!“
Bei Lillian blieb das versprochene Wunder leider aus und sie war froh, als es ans Gemüse schneiden ging. Nach dem Mittag kam Helen mit einem großen runden Weidenkorb auf sie zu.„Komm mit in die heiligen Hallen! Wir müssen das schmutzige Geschirr der Herrschaft holen.“
Lillians Herz hüpfte vor Freude. „Du meinst, ich sehe jetzt die Privaträume unseres Königs?“
„Nein, tut mir leid, Liebes, aber es sind zumindest die Privatkorridore. Das Geschirr wird von den Dienern der Herrschaft in einer Ecke des Flures abgestellt. Da packen wir es in den Korb und verschwinden wieder. Aber leg vorher deine schmutzige Schürze ab! Die Herrschaft will sicher keine Fettspritzer sehen, sollte sie uns über den Weg laufen.“ Sogleich lebte Lillian wieder auf. „Du meinst das könnte passieren?“
„Nun, einmal im Monat vielleicht.“
Der frische Keim der Hoffnung zog sich jäh wieder in seine Wurzeln zurück. Zügig stieg Lillian hinter Helen die Treppe hinauf. Die Korridore schienen endlos lang zu sein. Die gewölbte Decke über ihnen war mit zahlreichen, handgemalten Deckengemälden verziert, auf denen ausschließlich Jagdszenen zu sehen waren. Durch eine Fensterfront, mit Blick auf den Innenhof des Gebäudes, fielen die Strahlen der frühen Nachmittagssonne, so dass man die kleinen Staubpartikelchen darin tanzen sah. Unter ihren Schuhen spürte Lillian den roten dicken Teppich einsinken.
„Hier ist es“, sagte Helen. Dort stand, durch einen schweren Vorhang verdeckt, ein Tisch mit einer beachtlichen Anzahl Tassen und Tellern. Sie luden alles in den Korb und machten sich auf den Rückweg. Da öffnete sich plötzlich eine der großen Eichentüren. Zu ihrer Enttäuschung musste Lillian feststellen, dass es sich weder um König Aron, noch um seinen Sohn handelte, sondern um Clark, den Kammerdiener seiner Majestät, der ihnen den Weg versperrte.
Mit einem herablassenden Lächeln trat er vor sie hin. „Oh, unsere begnadete Erzählerin! Welch angenehme Überraschung dich hier zu sehen.“
Das Mädchen musterte ihr Gegenüber kurz. Mit seinen blonden, ordentlich zusammengebundenen Haaren und der gutsitzenden, sauberen Dienstuniform, war er ein durchaus ansehnlicher Mann. Aber irgendetwas an ihm missfiel ihr. Seinen Augen fehlte jegliche Wärme und Güte.
„Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Clark und ich bin ein großer Freund deiner Kunst. Ich hoffe, du gestattest mir, mich heute Abend erneut zu euch zu gesellen?“
Lillian antwortete zögernd aber freundlich: „Natürlich! Es darf schließlich jeder kommen, der will. Und vielen Dank für das freundliche Kompliment.“
Seine kalten Augen musterten sie und sie fühlte sich unwohl dabei.
„Oh, das ist nur die reine Wahrheit“, säuselte er. „Einen schönen Tag noch, die Damen!“
Er sah ihnen süffisant lächelnd nach. 'Wäre doch gelacht, wenn ich nicht schon heute Nacht im weichen Heu bei dieser kleinen Hexe liegen würde …'
Helen schüttelte sich übertrieben. „Da hast du dir ja einen tollen Verehrer an Land gezogen. Immer wenn ich ihm in die Augen sehe, ist mir so, als würde mir jemand einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gießen. Lass dich lieber auf nichts mit dem ein.“
Lillian machte große Augen. „Wo denkst du nur hin. Das würde mir nicht mal im Traum einfallen!“
Helen zuckte mit einer Schulter. „Dann ist es ja gut.“
Böses Spiel
Raven hatte den Tag mit einem kurzen Ausritt ins Umland begonnen. Als er zurückkam richtete ihm eine Zofe aus, dass sein Vater auf seine Anwesenheit beim Mittagessen bestand. Raven war alles andere als erfreut und entließ das arme Dienstmädchen mit einem unfreundlich gebrummten Kommentar. Als er sich schließlich zu Tisch begab, wartete sein Vater bereits etwas ungehalten.
Raven sah ihn an. Er hatte immer noch diese machtvolle Aura, die jeden in seiner Nähe einschüchterte. Das Haar des Königs war einst genauso nachtschwarz gewesen wie das seines Sohnes. Jetzt, im Alter von fünfzig Jahren, bekam es einen Silberschimmer, der seine tiefdunklen Augen noch mehr zur Geltung brachte. Es lag voll und schwer auf den breiten Schultern. Der schmale Mund wurde von einem gepflegten Bart umrandet. Als er aufstand, um seinen Sohn zu begrüßen, befanden sich beide Männer auf Augenhöhe. Raven war eine jüngere Version seines Vaters, nur trug er keinen Bart und sein Mund hatte einen weicheren Zug als der des Älteren.
„Schön dich wohlauf zu sehen, mein Sohn. Ich habe ein paar wichtige Dinge mit dir zu besprechen.“ Aron forderte ihn mit einer Geste auf, sich zu setzen.
Als das Mahl aufgetragen war, entließ er die Dienerschaft nach draußen.
„Dein Onkel James hat mir geschrieben. Er und seine Frau werden bald für ein paar Wochen zu uns kommen.“
Das waren durchaus gute Nachrichten, denn Raven mochte seinen stets zum Scherzen aufgelegten Onkel sehr gern.
„Wie es aussieht, bleibt auch seine zweite Ehe kinderlos. Er denkt darüber nach, sein Erbe eines Tages dir zu vermachen, sofern sich daran nichts ändert. Das bedeutet, dass du, gesetzt den Fall er würde vor mir sterben, Herr über seine Ländereien wirst, noch bevor du dein Amt als mein Nachfolger antrittst.“
Er machte eine Pause und holte hörbar Luft.
„Raven! Du musst endlich aufwachen! Wenn du das nicht von alleine schaffst, werde ich dich dazu zwingen müssen. Erspare uns beiden diese Schmach. James weiß noch nichts von deinem Lebenswandel und wähnt sein Erbe bei dir in sicheren Händen. Du bist für ihn wie ein eigener Sohn.“
Raven war der Appetit gründlich vergangen. „Ich habe nicht darum gebeten, als Thronfolger geboren zu werden, genauso wenig wie um das Erbe von Onkel James!“, erwiderte er zähneknirschend.
Das war zu viel für die Geduld Arons. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, so dass die Gabeln von den Tellern sprangen.
„Es reicht!“, schrie er. „Du wirst deine Verantwortung in Zukunft wahrnehmen! Die einfachen Bauern hat auch keiner nach ihren Geburtswünschen gefragt. Sie meistern ihr Leben trotzdem, denn es bleibt ihnen nichts anderes übrig. Ihnen stellt keiner das Essen auf goldenen Tellern auf den Tisch und schüttelt ihnen die Betten auf. Sie arbeiten von früh bis spät, damit du ein Leben in Luxus und Verschwendung führen kannst. Du bist ihnen verdammt noch mal etwas schuldig. Und ich sorge dafür, dass du deine Schuld begleichst. Das schwöre ich, beim Andenken deiner Mutter!“
Das wiederum war mehr als Raven verkraften konnte. So hatte sich sein Vater noch nie gebärdet. „Lass Mutter aus dem Spiel!“ Er sprang auf und verließ wutentbrannt den Raum.
Krachend ließ er seine Schlafzimmertür ins Schloss fallen. Seine Halsschlagader pochte, als wenn sie platzen wollte. „Verflucht!“, schrie er, während er ein Glas an die Wand schmetterte. Das Schlimmste an allem war, dass sein Vater, mit jedem Wort, das er gesagt hatte, im Recht war. Und Raven wusste das leider nur zu gut. Er nahm einen kräftigen Schluck Branntwein. Heiß rann die bernsteinfarbene Flüssigkeit seine Kehle hinunter, um sich dann brennend in seinem leeren Magen auszubreiten. Irgendetwas musste geschehen, sonst ging er vor die Hunde.
Da fiel ihm ein, dass er heute Abend noch etwas vorhatte und ein leises Gefühl der Vorfreude verdrängte seine Wut ein wenig. Als die Sonne unterging stieg er wieder aufs Dach. Diesmal hatte er eine Stelle gewählt, von der aus man direkt auf das Gesindehaus und die Menschen davor blicken konnte. Er wollte sehen wer die Frau war, zu der diese Stimme gehörte, die sich wie Balsam auf die Wunden seiner Seele legte. Vom Klang her schien sie fast noch ein Mädchen zu sein.
Dann war der Moment gekommen, als die Unterhaltungen verstummten und nur noch sie zu hören war. Er kniff die Augen zusammen, um auf die Entfernung so viel wie möglich zu erkennen. Was er sah, stimmte mit seinen schönsten Vorstellungen überein. Ihr Gesicht wurde vom Feuer angeleuchtet. Er konnte es nur schemenhaft erkennen, aber es schien fein geschnitten. Was ihn am meisten beeindruckte, war die lockige Haarpracht, die das Mädchen einhüllte. Er hielt seinen Blick fest auf sie gerichtet, während er ihr zuhörte.
John hatte Helen fest in den Arm genommen, während sie gemeinsam mit den anderen Lillians Geschichte lauschten. Nun, einige Zeit später, saßen nur noch die drei Freunde am Feuer, welches langsam niederbrannte. John flüsterte seiner Verlobten etwas ins Ohr und sie lächelte entschuldigend, mit einem Seitenblick zu Lillian. Die hatte es bemerkt und sagte verständnisvoll: „Nun geht schon ein Stückchen spazieren! Ich warte hier am Feuer auf euch.“ Sie lächelte ihnen zu.
„Können wir dich wirklich alleinlassen?“, fragte Helen besorgt.
„Was soll mir hier schon zustoßen?“, wehrte Lillian ab. „Jetzt geht schon!“
Als die beiden in der Dunkelheit verschwunden waren, hörte sie ein leises Räuspern hinter sich. Erschrocken fuhr sie auf. „Wer ist da?“
Aus dem Dunkel trat ein Mann hervor. Clark, der Kammerdiener. Er schien leicht erregt zu sein, als er sich ihr näherte. „Sind die Turteltauben fort?“ Er grinste süffisant und blickte in die Richtung in die das Paar eben verschwunden war. „Beneidenswert!“ Dann blieben seine Augen flackernd an Lillian hängen. „Deine Geschichte war wieder sehr spannend. Und der Held hat doch noch erwartungsgemäß seine Auserwählte bekommen. Aber was hältst du davon? Wollen wir es deinen Freunden gleichtun und einen kleinen Nachtspaziergang machen?“
Lillian bekam es mit der Angst zu tun, als sie das lüsterne Glitzern in seinen kalten Augen sah. „Oh, nein danke! Ich wollte eh gerade zu Bett gehen.“ Schnell drehte sie sich um. „Gute Nacht!“
Doch er verstellte ihr den Weg. „Willst du mich auf den Arm nehmen? Ich habe gerade gehört, wie du deiner Freundin gesagt hast, du würdest auf sie warten. Die stellt sich bestimmt nicht so zimperlich an! John wird seinen Spaß haben. Und ich werde meinen auch noch bekommen!“
Er riss sie an sich und begann mit seinen Lippen ihren Ausschnitt abzutasten. Sie trat ihm mit voller Wucht in seine vor Lüsternheit pulsierenden Weichteile. Mit einem erstickten Schrei sank er zu Boden. Lillian nutzte die Gelegenheit und rannte ins Haus.
„Dafür wirst du mir bezahlen, du kleine Schlampe. Such dir schon immer eine neue Stellung, denn lange wirst du hier nicht mehr bleiben!“
Raven hatte die ganze Szene beobachtet. Es war alles so schnell gegangen. Gerade als er dem Mädchen zur Hilfe eilen wollte, hatte sie sich schon selbst befreit. Er nahm sich vor, diesen frisch kastrierten Balzhahn im Auge zu behalten …
Lillian war völlig verstört zu Bett gegangen. Als Helen heimkam, stellte sie sich schlafend. Sie nahm sich vor, keinem etwas von dem Übergriff zu sagen. Sie fühlte sich auch so schon schmutzig genug, ohne ihre Fragen und besorgten Blicke ertragen zu müssen.
Die Arbeit ging ihr am nächsten Tag nur schwer von der Hand und sie war auch nicht sehr gesprächig.
Als Lillian dann gleich nach Dienstschluss ins Bett wollte, wurde Helen misstrauisch. „Was ist los mit dir? Du sagst den ganzen Tag kein Wort. Bist du jetzt doch böse wegen gestern Abend? Du hast doch gesagt, es macht dir nichts aus.“
„Nein, es ist nichts. Ich habe nur Kopfschmerzen.“
Die Freundin schaute sie misstrauisch an. „Hm, du würdest es mir doch sagen, oder?“
Lillian rang sich ein Lächeln ab. „Natürlich!“ Sie streichelte Helen beruhigend den Arm.
„Würdest du mich bei den anderen entschuldigen?“
Helen nickte und ließ sie allein. Lillian wusste nicht, wann sie wieder in der Lage sein würde, entspannt mit den anderen am Feuer zu sitzen. Im Moment hätte sie immer das Gefühl, die kalten Augen dieses Mistkerls würden in der Dunkelheit lauern.
Lillian war froh darüber, dass die Freunde sie nicht zu sehr bedrängten und ihre Ausreden an den folgenden Abenden akzeptierten.
Weniger froh darüber war Raven. Er konnte sich denken, warum sie sich zurückgezogen hatte, aber er wollte wieder ihre Stimme hören. Sie war wie eine Medizin, die ihm Linderung, vielleicht sogar Heilung verhieß, von der er aber nur eine kleine Dosis probieren durfte. Es musste doch einen Weg geben.
Die nächsten Tage verliefen ohne besondere Vorkommnisse und langsam fühlte Lillian sich wieder besser. Sie versuchte Clark aus dem Weg zu gehen, so gut es ging. Als sie wieder einmal mit Helen das Geschirr abholen wollte, bemerkte diese, dass ein Henkel ihres Korbes locker war. „Warte kurz hier und stapele schon mal alles. Ich hole schnell einen neuen!“, sagte sie und war schon verschwunden.
Als Lillian alles vorbereitet hatte und die Freundin noch nicht zurückgekehrt war, beschloss sie, sich ein wenig umzusehen. Neugierig ließ sie ihren Blick schweifen.
Völlig unerwartet wurde sie von der bekannten kalten Stimme Clarks aufgeschreckt: „Hab ich dich also auf frischer Tat ertappt!“, rief er lauter als nötig.
Lillian wusste nicht, wovon er sprach und sah ihn verständnislos an.
Vom Lärm angelockt kamen zwei Zofen hinzu.
Im selben Moment öffnete sich eine Tür und Raven stand da, den Blick kritisch auf die Szene gerichtet. „Was ist hier los?“, fragte er und sah den Diener misstrauisch an.
Dieser hob einen Silberleuchter, den er schon die ganze Zeit in der Hand hielt, in die Höhe. „Ich habe diese Küchenmagd erwischt, wie sie hier herumschlich. Diesen Leuchter habe ich zwischen ihren Röcken gefunden. Sie ist eine Diebin!“
Lillian brachte kaum einen Ton heraus, so schockiert war sie von der Unverfrorenheit dieses Mistkerls. „Das ist nicht wahr, ich …“
Raven gebot ihr zu schweigen. Er wandte sich an Clark. „Du bist ein wenig zu eifrig, mein Lieber! Ich selbst habe ihr diesen Leuchter gegeben, damit er mal ordentlich poliert wird. Es ist eine Schande, wie schludrig hier einige ihren Dienst ausüben. Soweit ich weiß, gehört es zu deinen Pflichten, so etwas zu sehen. Also kümmere dich in Zukunft besser um deine eigenen Aufgaben, bevor du über unschuldige Küchenmädchen herfällst. Es könnte sein, dass wir sonst deinen Platz hier neu besetzen müssen.“ Bei den letzten Worten ging er ganz nah an das Gesicht des Dieners heran und setzte eine unmissverständliche Miene auf.
Clark durchfuhr es wie ein Blitz. Der Prinz musste irgendwie von der Sache am Feuer erfahren haben. Wieso setzte er sich aber so für das kleine Miststück ein? Wahrscheinlich wollte er sie selber in sein Bett holen. Aber er war der Prinz. Warum so ein Theater? Soviel Clark wusste, waren Ravens ritterliche Ambitionen bei dessen anderen Gespielinnen auch nicht nötig gewesen. Er zog sich mit einer Verbeugung zurück und beschloss, seine Rachepläne auf später zu verschieben. Auch die Zofen waren an ihre Arbeit zurückgekehrt und Lillian und Raven standen sich nun allein gegenüber.
„Ich habe wirklich nichts Unrechtes getan, Herr, das müsst Ihr mir glauben“, stammelte sie.
„Davon gehe ich aus“, entgegnete er mit ironischem Unterton.
Lillian war verunsichert. „Tausend Dank! Ich stehe in Eurer Schuld“, brachte sie heraus.
Raven wollte das Mädchen nicht ausnutzen, aber er konnte der Versuchung nicht widerstehen. „Du hast recht. Und deshalb erwarte ich dich heute Abend zur achten Stunde in meinen Privatgemächern. Dort werde ich dir sagen, wie du dich revanchieren kannst.“
Als er Lillians entsetzten Gesichtsausdruck bemerkte, erschrak er selbst und räusperte sich. „Keine Angst, es wird dir nicht das Geringste geschehen, solange du nur erscheinst.“
Etwas bestimmter fügte er hinzu: „Ich erwarte dich pünktlich! Mein Diener wird dich am Dienstboteneingang abholen und dann ungesehen zu mir bringen. Und bewahre Stillschweigen!“
Gerade als er sich von ihr abwandte, tauchte Helen wieder auf. Fragend blickte sie ihre völlig aufgelöste Freundin an. „Was war das denn?“
Lillian fasste nach dem Korb. „Lass uns nur schnell von hier verschwinden! Ich erzähle dir später alles.“
Zum Feierabend ließ Helen sich nicht länger vertrösten.
„Also gut“, sagte Lillian. „Aber lass uns einen Ort aufsuchen, an dem uns niemand belauschen kann.“
Als sie einen geeigneten Platz gefunden hatten, forderte sie von Helen einen Eid, dass jedes Wort, das sie ihr jetzt sagte, geheim blieb. Diese runzelte die Stirn, tat aber was von ihr verlangt wurde. Dann erzählte Lillian ihr alles. Angefangen von Clarks Angriff am Lagerfeuer bis hin zu den neuesten Ereignissen.
Helen stieß die Luft aus, die sie vor Aufregung angehalten hatte. „Nun wird mir einiges klar. Aber willst du wirklich heute Abend zu ihm gehen? Du kennst seinen Ruf!“
„Ja, ich weiß. Aber was bleibt mir übrig? Er ist schließlich der Prinz und ich habe ihm zu gehorchen. Außerdem habe ich wirklich nicht das Gefühl, dass er mir etwas tun will.“ Helen holte tief Luft. „Dann hoffen wir, dass dich dein Gefühl nicht im Stich lässt.“
Geheime Pfade
Punkt acht stand Lillian mit klopfendem Herzen am Dienstboteneingang. Der Diener erschien wie vereinbart und wies sie an, ihm zu folgen. Im Gegensatz zu Clark, machte der ältere rundliche Rufus einen vertrauenerweckenden Eindruck.
Er verband ihr die Augen. „Das ist leider notwendig, da du den genauen Weg nicht wissen sollst. Es ist ein geheimer Zugang zu den privaten Gemächern meines Herrn. Diese Maßnahme dient nur zu deinem Schutz.“
Sie liefen durch verschiedene Gänge und kamen bald zu einer Treppe. Diese stiegen sie nach oben und blieben dann stehen. Nachdem Lillian ein Klopfzeichen gehört hatte, vernahm sie Schritte, die sich entfernten und war allein. Sie hörte das Geräusch, einer sich öffnenden Tür und hielt vor Aufregung den Atem an. Eine Hand griff nach ihrem Arm, und zog sie nach vorn.
„Du kannst die Augenbinde jetzt abnehmen“, hörte sie Ravens angenehme Stimme.
Lillian tat was ihr geheißen und bekam einen Schreck: Sie stand mitten in seinem Schlafgemach!
Der Raum wurde von einem riesigen Bett dominiert. Die Wände waren kunstvoll mit Holz vertäfelt, was ihm eine schlichte Eleganz verlieh. Es gab zwei hohe Flügeltüren. Lillian vermutete hinter der einen den Privatsalon und hinter der anderen das Ankleidezimmer des Prinzen. Der geheime Zugang, durch den sie hineingelangt war, musste in der Vertäfelung versteckt sein. Das Mobiliar schien, abgesehen vom Bett, eher praktisch gewählt. Ein Tischchen mit zwei gedrechselten Stühlen und ein edel gepolsterter Zweisitzer waren die einzigen größeren Gegenstände. Raven stand ein paar Meter von ihr entfernt gegen die Wand gelehnt und sie stellte trotz ihrer Angst fest, dass er einer der schönsten Männer war, die sie je gesehen hatte. Doch das hieß noch lange nicht, dass sie mit ihm ...
Er seinerseits musterte sie völlig gelassen aus seinen schönen pechschwarzen Augen. Sie schienen von einem traurigen Schatten überzogen zu sein.
Schließlich löste er sich aus seiner Starre. „Dein Name ist Lillian, nicht wahr?“
Als er auf sie zukam, wich sie automatisch zwei Schritte zurück und spürte plötzlich die Wand im Rücken. Ein spöttischer Zug legte sich um seinen Mund und gab ihm einen leicht arroganten Ausdruck.
„Ich sagte dir doch, es würde dir nichts geschehen. Bei aller Bescheidenheit. Ich habe es nicht nötig, über kleine Küchenmägde herzufallen … im Gegensatz zu anderen.“
Also wusste er davon. Immer noch misstrauisch behielt sie ihn im Auge.
„Versteh mich nicht falsch! Du bist ein hübsches Ding, aber ich bin wählerisch. Sagen wir es mal so: Ein Huhn ist durchaus schmackhaft, aber wenn man seinen Tisch mit Fasanen und Rebhühnern decken kann, wird man doch nicht losgehen, um sich ein kleines Hühnchen zu rupfen.“ Er wandte ihr den Rücken zu, um sich einen Branntwein einzuschenken.
Das war dann doch zu viel für Lillian. Sie ein Hühnchen!? Empörend! „An diesem Hühnchen würdet Ihr Euch gehörig den Magen verderben“, rutschte ihr zornig heraus.
Er hatte sie verstanden und musste lächeln, ließ sie aber nichts davon merken. Gut so! Sie war wütend. Also nicht mehr ängstlich. Er hatte sein Ziel erreicht.
„Was wollt Ihr wirklich von mir?“, fragte sie. „Ich wüsste nicht, wozu Euch ein Hühnchen von Nutzen sein könnte, wenn nicht als Mahlzeit!“
Ihr wurde klar, dass sie mit dem zukünftigen König des Landes so nicht reden durfte und sie presste die Lippen aufeinander.
Raven seinerseits genoss die Szene. Das Mädchen hatte so etwas Ehrliches und Unverdorbenes an sich. Attribute, welche man unter den Höflingen suchen musste. Sie war auf ihre ganz eigene Weise bezaubernd, mit den unschuldigen Augen eines Kindes, das schon vom Leid des Lebens kosten musste. „Ich will, dass du mich regelmäßig hier aufsuchst. Sagen wir dreimal die Woche – bei Sonnenuntergang.“
Lillian öffnete den Mund und wollte etwas erwidern. Mit einer Geste gebot er ihr zu schweigen.
„Lass mich ausreden!“, sagte er etwas barscher als beabsichtigt. „Bitte!“, fügte er schließlich freundlicher hinzu. „Ich wünsche, dass du mir in dieser Zeit die Freude machst, deiner Erzählkunst lauschen zu dürfen.“
Mit wirklich allem hätte Lillian gerechnet, aber dass ein erwachsener Mann - solch ein Mann! - den Wunsch nach „Gutenachtgeschichten“ verspürte – nein, damit nicht!
„Bei allem Respekt, Hoheit, aber ich war der Meinung, dass Ihr andere Ablenkungen vorziehen würdet.“
Offensichtlich war sie zu weit gegangen. Seine Gesichtsmuskeln spannten sich an und die schwarzen Augen wurden zu funkelnder Lava. „Das - geht dich rein gar nichts an!“, wies er sie zurecht. „Entweder du entschließt dich, meine Bedingungen anzunehmen oder ich sage Clark, dass ich mich wohl doch getäuscht und ein anderes Mädchen mit der Reinigung des Leuchters beauftragt hätte. Er wäre sicher froh, dich als Diebin überführen zu dürfen.“
Lillian war ganz elend zumute. „Aber Ihr wisst doch, dass ich nichts stehlen wollte!“
Er zuckte mit den Schultern und grinste provozierend. „Es liegt in deiner Hand.“ Er machte ein paar Schritte auf sie zu. „Du sollst es auch nicht umsonst tun. Wenn du deine Aufgabe zu meiner Zufriedenheit erfüllst, würde ich mich mit einer angemessenen Summe erkenntlich zeigen. Sagen wir monatlich? Ich erwarte natürlich absolutes Stillschweigen!“ Mit vor der Brust verschränkten Armen stand er vor ihr. „Und? - Nimmst du an?“
Es entstand eine Pause.
„Entscheide dich! Jetzt!“
Lillian überlegte angestrengt. „Aber was sage ich den anderen, wenn sie fragen wo ich mich abends herumtreibe? Sie werden es bemerken.“
Er zuckte mit den Schultern. „Egal! Lass dir irgendwas einfallen. Schließlich bist du hier die Geschichtenerzählerin! Hauptsache du sagst niemandem die Wahrheit. Aber ich halte dich für klug genug, das zu lassen. Denn solltest du es jemandem erzählen, schadest du nur dir selbst. Niemand würde dir glauben, dass du nur in mein Schlafzimmer kommst, um mir unschuldige Geschichten zu erzählen. Du weißt, was das für deinen Ruf bedeuten würde.“
Bei Gott! Daran hatte sie noch gar nicht gedacht! „Warum tut Ihr mir das an. Selbst wenn ich es geheim halte, was ist, wenn mich jemand hier sieht. Jeder würde mich für eine …, eine ...“ Sie bekam das Wort nicht über die Lippen.
„Genau das! Aber keine Sorge, keiner wird dich sehen. Dafür sorge ich schon. Also?“
Was blieb ihr großartig für eine Wahl. Entweder sie wurde sicher als Diebin gebrandmarkt oder sie ging das Risiko ein, bei Entdeckung für die Geliebte des Prinzen gehalten zu werden.
„Und wie lange muss ich Euch zur Verfügung stehen? Einen Monat oder zwei?“
Er hob die dunklen Brauen. „Das hängt vom Erfolg unseres Experimentes ab. Sagen wir, maximal ein Jahr?“
Lillian riss die Augen auf. Er musste völlig verrückt sein! Aber was blieb ihr übrig? Sie sollte ja nur Geschichten erzählen, was auch immer ihn dazu bewog. Und ein Nebenverdienst war sicher auch nicht zu verachten.
Lillian atmete tief durch. „Gut! Ein Jahr und keinen Tag länger! Ab heute. Und Ihr schwört mir, nichts zu tun, was meiner Ehre schaden könnte.“
Er zögerte, ganz so, als müsse er darüber erst nachdenken. Dann holte er tief Luft und reichte ihr seine Rechte, um den Packt zu besiegeln. Seine Hand fühlte sich kräftig und warm an. Lillian hielt sie länger fest, als nötig gewesen wäre. Als ihr das klar wurde, zuckte sie auffallend schnell zurück. Er bemerkte die Röte auf ihrem Gesicht und unterdrückte ein Lächeln.
„Darf ich mich für heute zurückziehen?“, fragte sie und versuchte ihre Unsicherheit abzuschütteln.
„Ja, du darfst.“ Er nahm das Tuch in die Hand, das ihr vorhin als Augenbinde gedient hatte.
„Du erlaubst?“ Es war mehr ein Befehl als eine Bitte. Er trat hinter sie und verband ihr wieder die Augen. Sie konnte seine Körperwärme spüren, so dicht stand er hinter ihr. Entgegen ihrer Vernunft, empfand sie es als äußerst angenehm.
„Woher wisst Ihr eigentlich, dass ich das kann. Das mit den Geschichten meine ich.“
Er lachte leise. „Ich habe dich gehört. Du bist einzigartig! Und ich glaube, das weißt du auch.“
Daraufhin wurde sie sanft durch die Tür geschoben und auf der anderen Seite in Empfang genommen. Am Dienstboteneingang angekommen, legte sie das Tuch ab und gab es Rufus zurück. Er nickte ihr kurz zu und verschwand.
Als sie in ihrem Zimmer eintraf, saß Helen aufrecht in ihrem Bett.
„Oh mein Gott, Lillian! Ich bin fast gestorben vor Angst! Wie geht es dir? Ist alles in Ordnung?“, flüsterte sie.
Lillian lächelte ihr beruhigend zu. „Sei unbesorgt. Mir ist nichts geschehen. Morgen erzähle ich dir alles. Aber zu niemandem ein Wort! Versprich es mir!“
Helen sah sie beleidigt an. „Das brauchst du mir nicht extra zu sagen. So etwas ist für mich selbstverständlich.“
Lillian kniff ihr in den Arm. „Nun sei nicht albern! Es ist eben unheimlich wichtig für mich, dass keiner etwas davon erfährt.“ Sie gab Helen einen Kuss auf die Wange und wünschte ihr eine gute Nacht. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Erst kurz vor Sonnenaufgang schlummerte sie leicht ein.
Zur Mittagspause trafen sich die Mädchen wieder auf ihrer Wiese. Umgeben von duftenden Sommerblumen, die in der leichten Brise schaukelten, erzählte Lillian ihr Abenteuer vom Vortag. Als sie fertig war, schwiegen beide eine Weile und hingen ihren Gedanken nach.
„Was will er damit bezwecken? Wozu nützt ihm die Sache denn?“, fragte Helen.
„Ich weiß es auch nicht. Aber ich werde es herausfinden. Das schwöre ich dir!“
Am Sonntag nach dem Gottesdienst besuchte Lillian, gemeinsam mit Helen, John und Brian, die gute Emma in ihrem gemütlichen Häuschen. Es war einer der wenigen Sonntage, an dem keiner von ihnen im Schloss gebraucht wurde. Emma hatte sie alle zum Mittagessen eingeladen und war glücklich über den vollbesetzten Tisch. Die Kinder waren schon erwachsen und aus dem Haus und ihr Mann war vor vielen Jahren an einer Lungenentzündung gestorben. Auch Brian freute sich, nicht allein hin zu müssen und dann der ganzen Aufmerksamkeit seiner Schwester ausgeliefert zu sein. So konnte er sein Essen genießen, während die anderen sich mit Emma unterhielten. Und die fanden immer genug zu besprechen. Am Abend machten sie sich satt und gut gelaunt auf den Heimweg.
'Morgen!', dachte Lillian später. Ach, es würde schon gut gehen. Sie durfte sich nur nicht zu deutlich machen, wer ihr zuhörte und wo sie sich befand. Dann war es auch nichts Besonderes mehr. Doch das Mädchen versuchte vergeblich, sich zu beruhigen.
Am folgenden Tag, pünktlich bei Sonnenuntergang, war sie zur Stelle und stand kurz darauf im Schlafzimmer des Thronfolgers. 'Denk nicht darüber nach!', sagte sie sich wieder. Er saß auf dem Bett, den Oberkörper gegen das Kopfteil gelehnt. In der Hand hielt er ein Glas Wein.
„Schön, dass du hier bist. Setz dich!“, sagte er und wies ihr mit der Hand freie Platzwahl zu.
Sie nahm sich zwei große Kissen vom Fußende des Bettes und machte es sich auf dem Boden, gleich neben der Geheimtür, bequem.
Er legte den Kopf schief. „Immer bereit zur Flucht, nicht wahr?“
„Wenn Ihr es so sehen wollt!“, antwortete sie spitz.
Er lächelte, wurde dann aber ernst. „Hör zu! Ich will nicht, dass du mich für verrückt hältst. Darum möchte ich dir zunächst etwas erklären.“ Er strich sich nervös das schwarze Haar aus der Stirn. „Oh! Verzeih mir meine Manieren. Möchtest du vielleicht etwas trinken?“ Er wies auf den Weinkrug, der auf dem Fensterbrett stand.
„Wasser vielleicht?“, antwortete sie.
Er zog die Brauen hoch. „Sehr anständig. Da, auf dem Tischchen. Bedien dich, wenn du magst.“
Das tat sie. Dann schaute sie ihn erwartungsvoll an.
„Es ist so: Ich leide seit Jahren an schweren Schlafstörungen. Entweder, ich kann gar nicht erst einschlafen oder ich werde von meinen Albträumen geweckt. Das raubt einem mit der Zeit alle Lebensgeister.“ Er trank einen Schluck aus seinem Glas. „Als ich neulich zufällig einen deiner Vorträge hörte, fühlte ich mich so losgelöst von dem, was mich belastet, dass ich tatsächlich in einen kurzen, traumlosen Schlaf fiel. Und das, ganz ohne vorher das Richtige zu trinken. Du verstehst sicher, was ich meine.“ Zur Veranschaulichung hob er sein Glas. „Nun … ich will versuchen, deine Gabe als eine Art Heilmittel zu nutzen … Das muss reichen!“, brach er ab.
Lillian bekam das Gefühl, dass Raven ihr schon mehr gesagt hatte, als er ursprünglich wollte. „Soll ich beginnen, Hoheit?“, fragte sie knapp, um ein peinliches Schweigen zu verhindern. Er lehnte sich zurück und nickte ihr zu.
Lillian wählte eine sehr fantastische und anspruchsvolle Geschichte aus, um ihn damit möglichst erfolgreich von seinen Problemen abzulenken. Und es war offensichtlich, dass er welche hatte. Sie wollte ihm helfen loszulassen, was immer er loslassen musste.
Es funktionierte. Raven tauchte ganz in ihre Erzählweise ein. Sie sah immer wieder kurz zu ihm hinüber. Zuerst blickte er nur ins Leere. Dann schloss er die Augen und sie konnte an seiner Mimik deutlich erkennen, dass er ganz bei der Sache war. An den abenteuerlichsten Stellen spannten sich seine Gesichtsmuskeln an und wenn Lillian etwas Erheiterndes einflocht, verzog sich sein Mund zu einem Lächeln. So bekam er den Ausdruck eines zufriedenen Jungen, was ihn auf Lillian noch anziehender wirken ließ.
Dann war das Abenteuer vorbei. Sie wartete schweigend, bis er wieder richtig bei sich war. Raven sah sie an und für einen Moment war so etwas wie Verlegenheit in seinem sonst eher selbstsicheren Gesicht zu erkennen. „Du bist eine Zauberin, kleine Lillian. Deine Stimme wird zu Bildern, Gerüchen, Gefühlen ... Man kann deine Geschichten beinahe körperlich wahrnehmen. Du beherrscht sie - die Magie der Worte.“
Sie konnte deutlich sehen, dass ein Teil von ihm noch nicht von seiner Reise zurückgekehrt war.
Lillian erhob sich und er erkannte ihren Wunsch, jetzt zu gehen. Zu gern hätte er das ignoriert, aber es war wichtig, dass sie sich bei ihm wohl fühlte. Sie musste ihm vertrauen! Und er vertraute ihr! Er kannte sie kaum, spürte aber bei ihr die Art von Sicherheit, die seine kranke Seele so lange vermisst hatte. „Dann sehen wir uns in zwei Tagen.“
Wieder stand er hinter ihr und verband ihr die Augen. Lillian bekam eine Gänsehaut, als sie seinen warmen Atem in ihrem Nacken spürte.
„Gute Nacht, Zauberin“, sagte er leise.
„Gute Nacht, Hoheit“, antwortete Lillian mit belegter Stimme. Sie trat durch die Tür und ihren unsichtbaren Rückweg an.
Raven erwachte zwar wie üblich aus einem Albtraum, aber er stellte zu seiner Zufriedenheit fest, dass die Morgendämmerung bereits eingesetzt hatte. Er erhob sich, spritzte sich eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht und öffnete das Fenster. Ein Windhauch spielte mit seinem Haar, als wolle er es noch mehr durcheinanderbringen. Der Prinz atmete die frische kalte Morgenluft ein. Er konnte keine Wunder erwarten. Es war ja eh nur ein Versuch. Immerhin hatte er seine Dämonen bis zum Morgengrauen in Schach gehalten. Das war mehr, als er erwarten konnte. Und er fühlte sich relativ ausgeschlafen.
Nach der Morgentoilette beschloss er, das Frühstück gemeinsam mit seinem Vater einzunehmen.
Dieser, ein passionierter Frühaufsteher, blickte geschockt auf, als er seinen Sohn um diese Stunde eintreten sah. „Ist etwas passiert?“, fragte er besorgt.
Raven grinste ihm amüsiert entgegen. „Ja, ich habe Hunger!“
Ungläubig kaute der König einen Bissen herunter.
Raven setzte sich, nahm wie selbstverständlich von den zahlreichen Speisen und verzehrte alles mit ungewohntem Appetit.
König Aron beschloss, die gute Stimmung seines Sohnes zu genießen, ohne Fragen zu stellen. Raven bedankte sich dafür, indem er sich auf ein belangloses Gespräch mit seinem Vater einließ. So wurde dieses Frühstück zur angenehmsten Erfahrung, die sie seit langem miteinander teilten.
Am Abend war Raven wieder allein. Er empfand die Einsamkeit seines Schlafzimmers heute noch erdrückender als sonst. Er öffnete das Fenster, in der Hoffnung Lillians Stimme zu hören. Aber vom Gesindehaus her war nur allgemeines Gerede zu vernehmen. So entschied er sich noch einmal für die altbewährte Variante. Sein treuer Freund, der Branntwein, musste ihm heute wieder Gesellschaft leisten.
Zu dieser Zeit saß Lillian allein mit Helen in ihrem Zimmer. Sie hatten tagsüber keine Gelegenheit gefunden, ungestört miteinander zu sprechen und Helen platzte vor Neugier.
Als Lillian ihren Bericht beendet hatte, sah die Freundin nachdenklich aus. „Er scheint wirklich Probleme zu haben. Ich dachte immer, er ist nur einfach ein verwöhnter Esel ... Aber ob das alles wirklich hilft? Er muss sich seinen Ängsten stellen, was immer es auch ist. So wird er sie nur verdrängen.“
Lillian nickte. „Das hab ich mir auch schon überlegt. Aber es ist viel zu früh, um ihm das zu sagen. Vielleicht wird es dafür auch immer zu früh sein. Ich glaube nämlich nicht, dass er mir je zugesteht, mich so in sein Leben einzumischen. Er ist immerhin der zukünftige König!“
Helen pfiff durch die Zähne. „Ob er sich dafür je eignen wird? König Aron hinterlässt sehr große Fußstapfen. Also ich weiß nicht ...“
Lillian gähnte. „Das werden wir heute sicher nicht mehr herausfinden. Lass uns zu Bett gehen. Ich bin müde.“
Als sie sich hingelegt hatten, setzte sich Helen noch einmal auf. „Mir ist gerade eingefallen, was wir den anderen sagen, wenn sie fragen sollten wo du bist. Wir sagen einfach, dass du dir als Kindermädchen etwas dazuverdienst. Es gibt genug wohlhabende Kaufleute unten in der Stadt, die gelegentlich jemanden brauchen, wenn ihr Mädchen einen freien Tag hat. Das ist auch nicht so leicht nachzuprüfen.“
Plötzlich brach sie in lautes Kichern aus. „Und weißt du was? Es ist nicht mal ganz gelogen, denn irgendwie machst du ja nichts anderes.“
Lillian warf ihr Kissen nach Helen, musste aber selber lachen. Die Idee war gar nicht so übel, stellte sie fest, als sie sich wieder beruhigt hatten. „Gut, so kann es klappen. Aber sag nichts, bevor dich nicht wirklich jemand anspricht. So können wir Zeit gewinnen.“ Sie sagten sich Gute Nacht und schliefen schnell ein.
In den nächsten beiden Wochen verliefen die Treffen zwischen dem Prinzen und der Magd ähnlich wie beim ersten Mal. Raven genoss die Abende mit Lillian und ihren Geschichten. Und wenn er ehrlich zu sich war, hatte es ihm besonders Lillian angetan. Die Tage zwischen ihren Besuchen stand er mal besser und mal schlechter durch. Er versuchte, den Genuss von Alkohol zu meiden. Das hatte zur Folge, dass sich seine feierfreudigen 'Freunde' vernachlässigt fühlten. Und nicht nur diese!
Ester
Ester, die Tochter des Schreibers, lebte schon seit ihrer Geburt mit ihren Eltern in einer behaglichen Wohnung im Nordflügel. Die Bewohner des Schlosses, ausgenommen das Dienstpersonal, durften sich in den offiziellen Räumen frei bewegen. Da war zum Beispiel die riesige Bibliothek mit ihren Schätzen oder der große Salon. Nur die Privatgemächer des Königs und seines Sohnes waren ohne Einladung tabu. Der Prinz hatte sie schon oft zu sich eingeladen und ihr unvergessliche Stunden bereitet. Oder sie ihm ... Doch in letzter Zeit hatte er sich rar gemacht. Man konnte fast annehmen, er würde ihre Gegenwart meiden. Sollte er etwa einer anderen den Vorzug gegeben haben?
Eifersucht kochte in heißen Wellen in ihr hoch. Ester musste daran denken, was sie alles angestellt hatte, um ihn in ihren Bann zu ziehen. Schon als kleines Mädchen beschloss sie, den Prinzen eines Tages zu heiraten. Sie hatte den ganzen Tag geweint, als man ihr klarmachte, dass sie als seine Gemahlin nie in Frage kommen würde. Danach schlug ihre Schwärmerei schnell in eine Art Besessenheit um. Ester war sich schon zeitig ihrer Wirkung auf das andere Geschlecht bewusst geworden. Die lange rote lockige Mähne, katzenartige grüne Augen, weiße samtweiche Haut und ein Körper, der jeden Mann in den Wahnsinn treiben konnte, waren ihr von der Natur als Geschenk mitgegeben worden. Als sie achtzehn war, bemerkte auch ihr Vater dieses Kapital. Und genau das wollte er herausschlagen: Kapital! Sein oberstes Anliegen war es, die Tochter reich zu verheiraten. Die Gefühle des Mädchens waren dabei nebensächlich. Er hatte auch bald den für ihn geeigneten Kandidaten ins Auge gefasst. Lord Aberdeen, ein entfernter Freund der Königsfamilie. Allerdings war der Erwählte schon fast siebzig und litt bereits an dem einen oder anderem Gebrechen. Das war auch kein Wunder, denn seine Freundschaft zur Familie ging schon auf König Arons Vater zurück. Ester musste sich zusammenreißen, nicht die Fassung zu verlieren, als sie ihrem Kavalier vorgestellt wurde.
Von einigen sehr offenherzigen Damen bei Hofe hatte sie schon viel über das gehört, was sich zwischen Mann und Frau im Bett abspielte. Zunächst fand sie diese Erzählungen abstoßend, wurde dann aber doch schnell neugierig. Oft stellte sie sich vor, wie ein gutaussehender, stattlicher Mann all diese Dinge mit ihr tat. Als ihr der Vater eröffnete, dass er den passenden Mann gefunden hatte, hoffte Ester, passend in jeder Hinsicht! … Beim Anblick des Auserwählten wurde ihr jedoch speiübel, sobald sie an ihre ehelichen Pflichten dachte.
Doch ihr Vater wies alle Einwände von sich. „Liebe ist unwichtig für eine gute Ehe. Frag deine Mutter! Wir führen eine gute Ehe, auch ohne diesen Unsinn.“
Seine Frau stimmte ihm zwar zu, doch ihre Augen sagten etwas anderes.
„Wenn du Glück hast, wirst du beizeiten Witwe und mit einem solchen Erbe in der Tasche, kannst du dir aussuchen, wen du willst!“
Damit war das Thema erledigt. Die Hochzeit sollte in einem halben Jahr stattfinden und Ester konnte nur noch hoffen, dass der alte Lord die Verlobungszeit nicht überleben würde.
Völlig verstört weinte sie sich bei der um ein paar Jahre älteren Serafina aus. Serafinas Vater war der Oberbefehlshaber des königlichen Heeres und mit den Offizieren sehr gut bekannt. Darunter waren auch einige der Freunde des Prinzen. Ester bewunderte Serafina über alles. Sie tat wonach ihr der Sinn stand - heimlich natürlich - aber trotzdem! Von ihr erfuhr sie immer den neuesten Hofklatsch und schätzte deren unverblümte Meinung. Nun gab ihr die wesentlich erfahrenere Freundin einen Rat. „Hör zu, Liebes! Du willst deine Jungfräulichkeit doch nicht an diesen alten Kerl verschwenden. Ich habe sowieso meine Fragen, ob er noch seinen Mann stehen kann, aber egal. Wer hindert dich daran, deine erste Liebesnacht mit einem erfahrenen jungen Mann zu verbringen? Schließlich sollte diese doch etwas ganz Besonderes sein.“
Ester schnappte zunächst nach Luft, fand den Gedanken aber dann doch sehr verlockend. „Aber … mein Gatte würde doch bemerken, dass ich nicht mehr unversehrt bin.“
Serafina lachte amüsiert auf. „Unsinn, du Dummerchen! Da gibt es einen uralten Trick. Du musst dir in der Hochzeitsnacht nur eine Hühnerblase mit Blut in deine kleine Höhle schieben und schon ist die Welt für den Guten in Ordnung. Er bringt dann mit seiner Lanze die Blase zum Platzen und schon sind die nötigen Unschuldsbeweise auf dem Laken. Ganz einfach, aber es funktioniert doch immer wieder. Männer wollen belogen werden. Sie stoßen sich vor der Ehe die Hörner ab und fordern von uns Keuschheit. Denk darüber nach! Ich hätte da auch schon den passenden Mann für dich. Ein wahrer Künstler im Bett und aufgrund seiner Stellung sehr verschwiegen, wenn er eine echte Dame beglückt hat. Er weiß was ihm blühen würde, wenn er schwatzt. Du kennst Clark, den gutaussehenden Kammerdiener des Königs? Ein wahrer Gott der Verführung. Er könnte dir alles beibringen, was du wissen musst, um die Männer von dir abhängig zu machen. Und ich verspreche dir: Auch du würdest dabei auf deine Kosten kommen.“
Ester hatte den attraktiven Mann vor Augen. Ja, bei ihm könnte sie sich eine Schulung in Liebesdingen vorstellen. Da kam ihr die Idee, wie sie Raven endlich auf sich aufmerksam machen konnte. Bisher schien er sie kaum zu bemerken. Sie nahm sich vor, das zu ändern, indem sie alles über die Kunst der Verführung erlernen würde. Ester wollte ihm so den Kopf verdrehen, dass er am Ende um ihre Gunst betteln würde.
Die gute Serafina machte sich schnell ans Werk und bald stand der Termin für Esters erste Liebesnacht fest.
Unter dem Vorwand, sie würde den Abend mit Serafina in deren Gemächern verbringen, verließ Ester die elterliche Wohnung. Die Freundin hatte für dieses Vorhaben eigens ihr Schlafzimmer zur Verfügung gestellt, inklusive einer verführerisch durchscheinenden Nachtrobe.
Der Raum war sehr aufwändig möbliert. Wände, Teppiche und Sitzmöbel leuchteten in einem edlen Rot aus Samt und Seide. Ein mit Tüll verhangenes Himmelbett thronte auf einem niedrigen Podest. Überall standen Kerzen und erzeugten eine sinnliche Atmosphäre. Auf einem Tischchen mit zwei zierlichen Stühlen daran, standen eine Karaffe besten Weines und zwei Gläser. Ester nahm dankbar ein Glas, füllte es bis zum Rand und leerte es ebenso schnell wieder. Gerade als sie es erneut füllen wollte, trat der Erwartete ein. Er verneigte sich in aller Form vor ihr und sah sie dann aufmerksam und wohlwollend an.
„Verehrtes Fräulein, es ist mir eine große Ehre, Euch zu Diensten sein zu dürfen.“
Sie stand mit weit aufgerissenen Augen da und wusste nicht, was sie sagen sollte.
Er bemerkte ihre Situation, trat auf sie zu und küsste ihre Hand.
Ester wurde schwindlig. Für einen Moment überlegte sie, einfach davonzulaufen.
Er schien das zu spüren. „Mein edles Fräulein, wenn ihr gestattet? In Anbetracht der Umstände halte ich es für das Beste, wenn Ihr mir die Führung während dieses Abends überlasst.“
Erleichtert stimmte sie diesem Vorschlag zu. Zunächst führte Clark sie an das Tischchen und schob ihr einen Stuhl zurecht. Dann füllte er die Gläser und nahm ihr gegenüber Platz. Er sah sehr gut aus und schien sich dessen auch bewusst zu sein. Es hatte so eine selbstverliebte Art, wie er sich sein blondes Haar aus dem Gesicht strich. „Darf ich bemerken, wie außerordentlich verführerisch Ihr heute ausseht?“ Er sah sie anerkennend an.
Sie schluckte verlegen. „Danke!“
Als sie nach ein paar Minuten allgemeinen Geplauders und ein paar weiteren Gläsern eine gewisse Lockerheit erlangt hatten, fragte er unverblümt: „Wollen wir uns nun dem angenehmsten Teil des Abends widmen?“
Sie nickte und er zog sie an der Hand von ihrem Stuhl hoch. Dann trat er an sie heran und küsste sie. Erst ganz langsam, aber dann drängender. Sie ließ sich innerlich fallen und wollte das Kommende nur noch genießen. Plötzlich nahm er sie auf die Arme und trug sie zum Bett.
Er musste seine Erregung zügeln, sonst würde es seinem Ruf unter den Damen schaden. Es hatten schon viele Frauen bei ihm gelegen, aber eine derart sinnliche, die obendrein noch Jungfrau war, bekam manch König nicht in sein Bett. Ja, er würde seine Sache zu ihrer Zufriedenheit erledigen und wenn es dann daran ging, ihr die nötigen Liebestricks beizubringen, würde er seine Gegenleistung schon bekommen. Daran durfte er jetzt allerdings nicht denken, sonst wäre es mit seiner Ausdauer rasch vorbei. Also konzentrierte er sich ganz auf seine heutige Aufgabe. Er schob ihr das Nachtgewand Stück für Stück nach oben und küsste jede freie Stelle, die sich ihm bot. Es war wichtig, sie besonders zu erregen, damit der Akt der Entjungferung ihr nicht die Lust zerstörte. Als er an ihrem Schoß angekommen war, ließ er sie sein ganzes Können spüren. Als er annahm, dass sie erregt genug war wanderte seine Zunge nach oben, bis er an ihren Brüsten neue Wunder vollbrachte. Dann war es so weit.
„Seid ihr bereit?“, fragte Clark, obwohl er die Antwort schon zu kennen glaubte.
„Ja!“, schrie sie beinahe. Dann verschaffte er sich Zugang zu ihrer Jungfräulichkeit und im nächsten Moment existierte diese nicht mehr. Sie stöhnte kurz vor Schmerz auf, doch als er sich langsam in ihr bewegte, gewann sie ihre Lust bald zurück. Dabei kam auch er noch zu seinem vollen Vergnügen. Er bemerkte schnell, dass es die kleine Katze etwas wilder mochte und für das Liebesspiel wie geschaffen schien.
Ester genoss diese Stunden in vollen Zügen und wusste bald, dass die körperliche Liebe zu ihren natürlichen Begabungen und Bedürfnissen gehörte. Sie traf sich so oft wie möglich mit Clark und er lehrte sie Sachen, die sie sich früher nicht einmal vorzustellen gewagt hätte. Bald übernahm sie die Führung und er kam jedes Mal voll auf seine Kosten.
Manchmal lagen sie beide danach noch zusammen und redeten über alles Mögliche. So wurden sie bald zu Verbündeten in vielerlei Hinsicht. Beide hegten keinerlei sentimentale Gefühle füreinander, aber Clark war süchtig nach ihrem Körper und sie machte sich neben seinem Talent noch etwas anderes zu Nutze: Sein Wissen um die Ereignisse in den königlichen Privatgemächern. Eines Tages erzählte ihm Ester von ihren Plänen in Bezug auf den Prinzen. Er wollte ihr Zugang zu einer von Ravens gemischten Gesellschaften verschaffen, indem er sie einem der regelmäßigen Gäste als Begleitung empfahl.
Alles lief wie erwartet und er fand schnell einen bereitwilligen Herrn für die sinnliche Schönheit.
Dann kam ihr großer Abend. Sie gab sich besondere Mühe bei den Vorbereitungen. Ein smaragdgrünes, tief ausgeschnittenes Kleid, mit einem straff sitzenden Mieder unterstrich die Farbe ihrer Augen und hob die weiblichen Rundungen ihres Körpers besonders hervor.
Als Ester an der Seite eines schnittigen jungen Offiziers, namens Patrik de Goor, den Salon des Prinzen betrat, spürte sie alle Blicke auf sich. Das gab ihr den nötigen Mut, um den Plan, welchen sie sich für heute ausgedacht hatte, in die Tat umzusetzen. Sie mischte sich unter die bunte Gesellschaft, die größtenteils mit Spielen, Flirten und Trinken beschäftigt war. Mit den Augen suchte sie den Raum ab - und sah ihn. Raven saß in einer Ecke. Er beobachtete das Treiben um sich herum mit einem lustlosen Gesichtsausdruck. Er hatte den typischen Blick eines angetrunkenen Mannes. Doch selbst das schien seiner anziehenden Wirkung keinen Abbruch zu tun. Ester weidete sich an seinem Anblick. Das dunkle lange Haar, die tiefschwarzen Augen, das markante Kinn und nicht zuletzt sein Körper, kräftig und sehnig, wie der eines Panthers. Als die ersten Gäste gingen und sie sich unbeobachtet fühlte, schlüpfte Ester durch die Schlafzimmertür. Es wäre doch ein Wunder, wenn der Prinz ihrer Überraschung widerstehen könnte …
Der Salon hatte sich geleert und Raven trank sein Glas aus, um anschließend zu Bett zu gehen. Eigentlich fragte er sich jedes Mal nach einem solchen Abend, wozu er diese Leute überhaupt einlud. Sie waren ihm alle so egal! Jeder von ihnen schien sich mehr zu amüsieren als er selbst. Er betrat sein Schlafzimmer und zündete eine Lampe an. Als er sich seines Hemdes entledigt hatte, trat er ans Fenster und blickte für einen Moment in die Nacht. Plötzlich hörte er das leise Rascheln von Stoff. Er sah sich um und suchte nach der Geräuschquelle. Was er dann fand, ließ ihm den Mund offen stehen.
Aphrodite musste vom Olymp gestiegen sein!
Da stand eine Göttin vor ihm, mit nichts am Leib als ein paar Seidenstrümpfen an endlos langen Beinen. Er kannte sie und hatte auch schon ihre Schönheit bemerkt, aber das hier übertraf alles, was er geahnt hatte.
„Was machst du hier?“, fragte er stockend.
„Ich will Euch den Himmel zeigen, mein Prinz“, sagte sie und trat nah an ihn heran. Als sie mit ihren langen Fingern zart über seine Brust strich, wollte er sie haben. Bald stellte er fest, dass nicht er die Frau verführte, sondern sie ihn. Aber nicht so, dass er sich unterlegen gefühlt hätte, sondern auf eine Weise, die ihn trotzdem als Sieger aus der Situation herausgehen ließ. Es glich einem Feuerwerk der Lust, das zwischen ihnen explodierte. Als sie beide erschöpft nebeneinander im Bett lagen, wusste er, dass ihn keine der anderen Damen mehr befriedigen konnte.
Ab diesem Tag war Ester seine Geliebte. Ihr Plan war aufgegangen. Sein Herz gehörte ihr zwar nicht, aber sein Körper war ihr hörig. Sie wusste, dass sie sich nicht in ihn verlieben durfte. Dieses Arrangement würde nicht von Dauer sein, da er irgendwann eine Adlige heiraten musste und sicher zu loyal war, um sich dann noch eine Geliebte zu halten. Also blieb ihr nichts weiter übrig, als die Zeit zu genießen, die sie hatte und alle anderen Frauen von ihm fernzuhalten. Das Verhältnis mit Clark behielt sie trotzdem bei, denn er konnte ihr sicher noch den einen oder anderen Gefallen erweisen.
Esters Leben wurde nahezu perfekt, als einen Monat vor ihrer geplanten Hochzeit ein Brief eintraf, aus dem hervorging, dass der alte Lord Aberdeen einer schweren Krankheit erlegen war. Ihre Freude darüber wurde noch durch die Mitteilung gekrönt, dass er seine Braut in seinem Testament vorsorglich mit einer netten Summe bedacht hatte.
Sicher - das ganze Erbe wäre wesentlich lukrativer gewesen, aber so musste sie wenigstens nicht mit dem alten Kerl ins Bett kriechen. Zum Glück gab es bis zum heutigen Tag keinen würdigen Nachfolger.
Nun hatte sie nur noch ein Problem: Sie musste herausfinden, was seit Kurzem mit dem Prinzen nicht stimmte.
Freunde
Lillian und Raven lernten sich unterdessen besser kennen. Die anfängliche Unsicherheit zwischen ihnen war einem eher vertraulichen Verhältnis gewichen. Manchmal unterhielten sie sich einfach nur über verschiedene Dinge. Lillian erzählte ihm alles, was er über ihr Leben wissen wollte. Von ihrer Kindheit auf dem kleinen Hof, den lustigen Streichen, die sie und ihr Bruder manchmal ausgeheckt hatten und auch von den tragischen Begebenheiten in der Familie. Er dagegen hielt sich in auffallender Zurückhaltung, wenn es um seine eigene Vergangenheit ging, so dass sich Lillian eines Tages ein Herz fasste und ihn nach seiner Kindheit fragte.
Er dachte einen Moment angestrengt nach und schien hin und her gerissen, doch dann hatte er sich wohl entschieden. Er stand auf, öffnete die Salontür und bat Lillian ihm zu folgen. Vor dem lebensgroßen Porträt einer schönen Frau in edlem Gewand blieb er stehen. „Das ist – war meine Mutter, Königin Anne.“
Lillian sah Raven an und hätte ihn am liebsten berührt, als sie seinen traurigen liebevollen Blick bemerkte, mit dem er das Bild betrachtete.
„Sie war sehr schön“, meinte sie.
„Ja, das war sie und sie konnte, so wie du, wunderschöne Geschichten erzählen. Der ganze Hof lauschte ihr gespannt, wenn sie das tat. Am schönsten war es allerdings, wenn wir beide ganz allein waren. Sie hat mich in ihren Armen gehalten und erzählt. Einmal, ich war etwa sieben Jahre alt und erkrankte an Diphtherie. Ich hatte Fieber und konnte schlecht atmen. Sie ließ mich samt meinem Bettzeug aufs Dach tragen, damit ich so viel Luft bekam wie möglich. Dort hat sie den ganzen Tag und die ganze Nacht bei mir gesessen und mich mit Rittern, Drachen und Zauberern von meinem Leiden abgelenkt.“ Ravens Blick ging ins Leere und ein wehmütiges Lächeln umspielte seinen Mund. Er wirkte so zerbrechlich ...
„Komm mit!“ Plötzlich nahm er die völlig überraschte Lillian an die Hand und zog sie durch die Salontür hinaus auf den Korridor. Einem glücklichen Umstand verdankten sie es, dass ihnen niemand begegnete, während er sie mehrere Treppen hinaufzog. Dann standen sie auf dem Dach.
„Siehst du? Genau hier.“ Er zeigte auf die begehbare Fläche. Dann setzte er sich auf seine Schräge. „Komm zu mir, Zauberin der Worte, und erzähle mir etwas Schönes!“
Lillian setzte sich und schaute sich um. Der Platz war atemberaubend. Über ihnen der weite Sternenhimmel und zu ihren Füßen die Lichter der Stadt.
„Was ist damals eigentlich geschehen?“, fragte sie einem plötzlichen Impuls folgend. „Es wird gesagt, dass die Königin an den Folgen eines Unfalls gestorben ist. Aber niemand weiß Genaueres.“
Raven sprang auf. „Das geht auch niemanden etwas an!!! Verstehst du? Niemanden!“ Er war plötzlich außer sich.
Lillian entfernte sich ein paar Schritte von ihm. Als er bemerkte, dass sie Angst hatte, zwang er sich zur Ruhe. „Tut mir leid! Ich wollte dich nicht erschrecken. Aber ich will nicht, besser gesagt, ich kann nicht darüber reden.“
Sie legte ihm vertraulich eine Hand auf den Arm und er ließ es zu. „Hoheit, ich glaube aber, dass dies der einzige Weg ist, Eure Probleme zu lösen. Eure Seele kann nicht gesund werden, indem Ihr die Vergangenheit mit Alkohol oder Geschichten verdrängt. Ihr müsst mit jemandem über alles reden, dann geht es Euch sicher besser. Habt Ihr denn niemanden, der Euch nahe steht? Dem Ihr vertrauen könnt? Was ist mit Eurem Vater?“
Er stieß einen zischenden Laut aus. „Der ist der Letzte, dem ich davon erzählen kann.“
„Dann irgendjemand anderem, dem ihr vertraut?“
Er sah sie eine Weile nachdenklich an. „Du vielleicht? Dir vertraue ich!“
Lillian schlug das Herz bis zum Hals. Er wusste nicht, dass sie Helen über ihre Treffen informiert hatte. Sicher, sie hatte der Freundin nichts über die Inhalte ihrer Gespräche berichtet, trotzdem fühlte sie sich irgendwie schuldig.
„Das ist mir eine große Ehre, Hoheit! Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich die Richtige dafür bin“, sagte sie schnell.
„Ich mir schon. Aber können wir diesen Unsinn nicht lassen? Wenn wir unter uns sind, musst du mich nicht mit 'Hoheit' ansprechen!“
Diese Vorstellung war sehr verlockend, aber ... „Nein, das geht nicht!“, sagte Lillian. „Ich danke Euch sehr, aber das kann ich nicht.“
Er lachte. „Wenn dich das so erschreckt, dann lass es halt!“
Dann war es wieder still zwischen ihnen. Lillian biss sich auf die Lippe und wollte gerade etwas sagen, als er zu sprechen begann.
„Meine Eltern verband eine große Liebe. Sie waren sehr glücklich, als ich zur Welt kam - warum auch immer. Meine Mutter erwartete nach mir noch einmal ein Kind, verlor es aber bald. Dann, Jahre später, als sie die Hoffnung schon aufgegeben hatten, wurde sie doch noch einmal schwanger. Ich war damals vierzehn. Sie hatten beschlossen, niemandem etwas zu sagen, solange es sich geheim halten ließ. Du kannst dir nicht vorstellen, was es für gesellschaftliche Ausmaße annimmt, wenn sich in Königshäusern Zuwachs ankündigt. Sie wollten, für den Fall, dass wieder etwas schief gehen sollte, keinen zusätzlichen, offiziellen Trubel. Auch mir sagte es anfangs noch keiner. Es war Winter und Mutter trug da immer weite Umhänge, um sich zu wärmen. So konnte sie ihren Umstand lange Zeit verbergen. Dann gab es Ärger mit einem der Nachbarreiche. Mein Vater musste für unbestimmte Zeit fort, und trug mir auf, mich um meine Mutter zu kümmern. Dabei erfuhr ich auch, dass sie schon im sechsten Monat schwanger war. Sollte irgendetwas passieren, wollte er sofort informiert werden. Dann, zwei Wochen später, rutschte Mutter bei einem Spaziergang unglücklich aus. Sie bekam Schmerzen im Unterleib und ich ließ nach dem Heiler schicken.“
Lillian wurde hellhörig. „Brian?“
„Ja. Du kennst ihn, nicht wahr?“ Lillian nickte. Er fuhr fort: „Brian stellte fest, dass bedingt durch den Sturz, die Wehen eingesetzt hatten. Er gab meiner Mutter einen Trank, der eine Frühgeburt verhindern sollte. Ich wollte sofort meinen Vater benachrichtigen, doch sie hat es mir regelrecht untersagt. Ich musste ihr schwören, ihn nicht zu verständigen. Er hätte mit seinen momentanen Pflichten genug Kummer und könnte hier eh nichts ausrichten. Da stand ich nun, zwischen der Anweisung meines Vaters und dem Wunsch meiner Mutter. Sie hatte so ein Talent, die Menschen zu überzeugen ... Also schrieb ich ihm nicht und betete, dass alles gut gehen möge. Meine Mutter durfte das Bett nicht mehr verlassen. Nach zwei Wochen setzten die Wehen jedoch erneut ein und diesmal ließen sie sich nicht mehr vertreiben. Das Baby, ein Junge, hatte kaum eine Überlebenschance. Er war noch zu klein. Es gab Komplikationen. Sie verlor Blut, zu viel Blut. Ich wurde zu ihr gerufen.
Bevor sie starb, nahm sie meine Hand und sagte, ich müsse jetzt stark sein. Sie bat mich, Vater auszurichten, dass sie ihn immer geliebt habe. Ich sollte ihm aber verheimlichen, wie lange es ihr schon so schlecht ging. Sie wollte nicht, dass er mir die Schuld dafür gab, dass er nicht bei ihr sein konnte, als sie ihn brauchte. ... Aber verdammt, Lillian! Es war meine Schuld. Ich hatte seine Anweisungen und hätte mich in dieser Situation nicht von ihr überreden lassen dürfen. Ich war so dumm, nicht an die Folgen zu denken.“
Lillian unterbrach ihn. „Aber Ihr wart damals fast noch ein Kind!“
Er zischte abweisend durch die Zähne. „Als er von dem Unglück erfuhr, kam Vater sofort zurück. Ich erzählte ihm, dass Mutter gestürzt und dann alles ganz schnell gegangen wäre. Damit war die Lüge geboren. Er saß an ihrem Sarg und fragte sie immer wieder, warum sie nicht auf ihn gewartet hätte. Da brach etwas in mir entzwei. Ich hatte ihn um seinen Abschied betrogen. Ich fühlte mich so schuldig - bis heute noch!“
Nun bahnten sich seine lang zurückgehaltenen Gefühle ihren Weg. Lillian nahm Raven spontan in die Arme und sie hielten sich fest umschlungen. So standen sie eine Weile, bis er sich von ihr löste und verlegen die Tränen wegwischte.
„Und das Baby?“, fragte sie vorsichtig.
„Mein Bruder war noch zu schwach ... und so winzig. Er ist eine halbe Stunde nach seiner Geburt gestorben.“
Lillian musste an ihre eigene Vergangenheit denken. Sie hatte ja ganz ähnliches erleben müssen. Solche Schicksale machten keine Rangunterschiede. Der Tod war unbestechlich.
„Und Brian?“
„Er musste meiner Mutter dasselbe Versprechen geben. Wir haben nie wieder darüber geredet.“
„Aber jetzt, soviel später, könnt Ihr Eurem Vater doch sicher alles erzählen.“
Er wehrte ab. „Nein, er hält sowieso nur sehr wenig von mir. Und das mit Recht. Es würde unserem Verhältnis nur den Rest geben.“
„Unsinn! Er ist Euer Vater und will sicher, dass es Euch gut geht. Schließlich ist die Vergangenheit doch der Grund für all die heutigen Probleme. Wenn Ihr es ihm nicht sagt, werdet Ihr Eure Schuldgefühle nie los.“
Er sah sie mit festem Blick an. „Nein, ich habe es ihr versprochen!“
„Aber Eure Mutter ist tot! Ihr lebt! Sie würde nicht wollen, dass ihr Kind so leidet. Und sie würde auch nicht wollen, dass Ihr und Euer Vater so auf Distanz zueinander steht.“
„Nein!“, sagte er mit Nachdruck und sie ließ das Thema erst einmal fallen.
„Gehen wir wieder nach unten!“, sagte er kurze Zeit später kühl. „Bleib hinter mir, damit ich dich unbemerkt zurückbringen kann!“
Sie folgte ihm und war froh, als sie in seinen Räumen ankamen.
Er schwieg.
„Ich werde jetzt gehen“, sagte Lillian leise.
„Warte!“ Er sah sie entschuldigend an. „Es tut mir leid. Ich danke dir, Lillian. Ich bin froh, einem Menschen wie dir begegnet zu sein.“ Sie spürte, wie sie rot wurde.
„Hör zu! Wünsche dir etwas, irgendwas!“, bat er.
Sie dachte nach. „Ich würde gern mal die königliche Bibliothek sehen.“
Er stutzte. „Weiter nichts? Du interessierst dich für Literatur?“
„Bücher sind meine Leidenschaft. Nur habe ich zu selten Zugang zu ihnen.“
„Gut! Wenn es weiter nichts ist … Das wird sich machen lassen“, versprach er.
Dann verabschiedeten sie sich in dem Gefühl, einem Freund gegenüberzustehen.
Überraschungen
Lillian war noch völlig in ihren Gedanken versunken, als sie von Helen beinahe umgerannt worden wäre. Diese war total außer Puste und hatte vor Aufregung rote Flecken am Hals.
„Du glaubst nicht, was passiert ist!“, keuchte sie.
„Nein, aber ich werde es sicher in der nächsten Minute erfahren“, lachte Lillian.
„John und ich, wir können endlich heiraten!“, schrie Helen sie förmlich an, bevor sie sich Lillian an den Hals warf.
„Das ist ja eine großartige Neuigkeit. Aber wie ging das denn so plötzlich?“
Sie setzten sich unter die große alte Eiche neben dem Gesindehaus und hielten sich bei den Händen. Helen erzählte ihr, dass sich Johns Patenonkel gemeldet hatte. Er war nicht mehr der Jüngste und musste einen großen Bauernhof bewirtschaften. Er hatte nur drei Töchter, die mit ihren Männern auf deren eigenen Höfen lebten. Darum hatte er John angeboten, seinen Hof zu übernehmen und den Mädchen ihren Erbteil ratenweise abzuzahlen. Der Pate bekam von ihnen lebenslanges Wohnrecht und Versorgung im Alter zugesagt. Da er als sehr umgänglich bekannt war, machte dieser Umstand den jungen Leuten keine Sorgen. Der einzige Nachteil war der, dass sich die Freunde nun kaum noch sehen würden, denn der Hof lag eine halbe Tagesreise entfernt. Doch sie verdrängten den Gedanken daran und begannen über die Hochzeit zu reden. Sie sollte in zwei Wochen stattfinden, in einer kleinen Dorfkirche nicht weit von der Stadt. Da die Brautleute nicht gerade mit Reichtum gesegnet waren, konnten sie nur die engsten Freunde zum anschließenden Hochzeitsmahl einladen. Aber abends, wenn die Musik aufspielte, sollten alle, die gern wollten, dazu stoßen, um noch ein paar ausgelassene Stunden mit ihnen zu verbringen.
Helen würde ihr fehlen, aber Lillian freute sich von Herzen für die Freundin. In jeder freien Minute schneiderten die Mädchen an einem Kleid für die Braut. Sie hatten preiswert ein paar Meter feines Leinen und etwas Spitze erworben. Geschickt zauberten sie eine hübsche Robe daraus. Lillian sollte die Brautjungfer sein und war darauf sehr stolz. John schwärmte ihr bei jeder Gelegenheit auffällig von seinem Freund und Trauzeugen vor. Lillian konnte die Lobgesänge schon bald nicht mehr hören und fragte sich nach dem Zweck des Ganzen.
Die nächsten Treffen bei Raven verliefen ohne besondere Vorfälle. Sie hatten das Gespräch vom Dach nie wieder aufgegriffen. Lillian wusste, dass sie sehr vorsichtig damit umgehen musste und er war einmal mehr von ihrem Einfühlungsvermögen beeindruckt.
Lillian erzählte ihm, dass sie am Wochenende auf die Hochzeit wollte. Er beneidete sie um die Tatsache, sich mit echten Freunden umgeben zu können, ohne ständig im Zweifel darüber zu sein, ob deren Interesse vielleicht nur einem Titel galt. Es wuchs der Wunsch in ihm, einmal als ganz normaler Mensch, ohne Rang und Namen, unter Leuten zu sein. Und so schmiedete er einen Plan.
„Hör zu, Rufus!“, wandte er sich an seinen treuen Diener. „Du musst mir ein paar Sachen besorgen. Ich brauche etwas zum Anziehen. Etwas, was ein Bauer in meinem Alter zu festlichen Anlässen trägt. Aber es darf nichts Auffälliges sein. Und etwas, womit ich meine Haare verdecken kann. Einen Hut oder vielleicht eine Perücke. Man darf mich nicht erkennen!“ Sollte Rufus überrascht gewesen sein, ließ er es sich zumindest nicht anmerken. Er war durch und durch loyal und hinterfragte die Wünsche seines Herrn nie.
Am Tag der Hochzeit herrschte große Aufregung in Emmas kleinem Häuschen. Sie hatte es sich natürlich nicht nehmen lassen, die Braut bei sich zu Hause hübsch zu machen.
Es wurde geschnürt, geflochten und gelacht. Auch die Brautjungfer musste sich Emmas Kreativität stellen. Aber das Ergebnis konnte sich auf jeden Fall sehen lassen. Beide sahen bezaubernd aus. Helen hatte ihr Haar kunstvoll aufgesteckt und weiße Bänder eingeflochten. Ihr Kleid war cremefarben, mit einem gut sitzendem Mieder und Spitze am Ausschnitt. Lillian trug ihr himmelblaues Sonntagskleid, das gut zur Farbe ihrer Augen passte. Sie hatte nur einen Teil ihrer Haare aufgesteckt und kleine Margeriten hineingebunden. Der Rest ihrer Haarpracht fiel ungehindert über die schmalen Schultern.
Als sie zur Kirche kamen, wartete der völlig aufgeregte Bräutigam schon auf sie. Nie würde Lillian sein Gesicht vergessen, als er Helen das erste Mal sah. Verzückte Rührung und zugleich so viel Stolz auf seine schöne Braut, waren darin zu erkennen. Es stand so viel Liebe in seinen Augen.
Unwillkürlich wünschte sich Lillian, dass auch sie eines Tages einmal solche Gefühle bei einem Mann auslösen würde.
Als die Trauung vorbei und John und Helen nun offiziell ein Ehepaar waren, wurden sie zunächst mit Reis, als Zeichen der Fruchtbarkeit, und anschließend mit guten Wünschen überschüttet.
Dann ging die kleine Gesellschaft in den Dorfkrug, um dort zu speisen. Mit dabei waren, neben einer Handvoll Verwandten, natürlich Emma und Brian, sowie Johns Freund und Trauzeuge Less. Er war ein stämmiger Kerl mit freundlichen braunen Augen und saß direkt neben Lillian als ihr Tischpartner. Nach ein paar Anfangsschwierigkeiten verstanden sie sich ganz gut. Less war eher schüchtern und nicht gerade als sehr unterhaltsam zu bezeichnen, aber er gab sich sichtlich Mühe. Gelegentlich bemerkte Lillian den zufriedenen Ausdruck im Gesicht des Bräutigams, wenn er zu ihnen herüber sah. Sie schob das auf den Anlass, bis Helen sie lächelnd warnte: „ Pass auf, meine Liebe! John hat vor, euch beide zu verkuppeln. Ich habe ihm zwar schon gesagt, dass er sich das aus dem Kopf schlagen kann, aber Männer sehen halt nur das, was sie sehen wollen.“ Sie lachten herzlich miteinander.
„Du siehst glücklich aus!“, stellte Lillian fest.
Helen sah zu John hinüber. „Oh ja, das bin ich auch!“
Lillian nahm ihre Hand. „Er ist ein guter Mann, Helen.“
Diese sah ihr direkt in die Augen. „Er ist der Beste, Lillian, der Allerbeste!“
Es war schon September, aber noch immer sehr warm. Am Abend wurden draußen die Lichter angezündet und Musikanten spielten zum Tanz auf. Auch die kleine Hochzeitsgesellschaft begab sich zu dem bunten Treiben. Zur Freude des Paares fanden sich auch noch eine ganze Anzahl Leute vom Schloss ein, um mit ihnen ihren letzten Abend hier zu verbringen. Sie tranken Wein und tanzten ausgelassen miteinander. Auch Less rang sich ab und an zu einem Tänzchen mit Lillian durch.
Völlig außer Puste, lehnte sie sich später an einen Baum, um zu verschnaufen und dem Treiben ungestört zuzusehen, als sie eine vertraute Stimme vernahm.
„So außer Atem, Zauberin der Worte?“
Erschrocken fuhr sie herum. Sie blickte direkt in die vertrauten schwarzen Augen. Das war aber auch alles, was sie an Raven wiedererkannte.
Er trug ein weißes Leinenhemd, das am Ausschnitt geschnürt wurde. Dazu Kniehosen, Strümpfe und Lederschuhe. Sein Haar war zu einem Zopf gebunden und unter einem breitkrempigen Hut versteckt. Und obendrein hatte er sich einen falschen Schnurrbart angeklebt. Kurz, er sah aus wie ein Bauernbursche in Sonntagstracht.
„Oh mein Gott! Hoheit! Was tut Ihr hier!“ Entfuhr es ihr etwas lauter als gewollt.
„Pssst! Du lässt noch meine ganze Tarnung auffliegen. Und nenne mich um Himmels willen nicht Hoheit! Wenn herauskommt, dass ich hier bin, enterbt mein Vater mich sofort. Nenne mich einfach bei meinem zweiten Vornamen! James, nach meinem Onkel.“
Als Raven bemerkte, dass sie widersprechen wollte, fügte er noch hinzu: „Das ist ein Befehl!“
Das musste sie wohl hinnehmen. „Und 'James', was sollte man noch so von Euch wissen?“, fragte sie bissig.
„Von 'dir'! Leute eures Standes sprechen sich doch so an? Nun, wenn jemand fragen sollte, dann bin ich ein alter Bekannter, den du und dein Bruder auf euren Reisen kennengelernt habt und zufällig gerade in der Gegend. Reicht das?“
„Ich denke schon, aber ...“
Er legte ihr den Finger auf die Lippen. „Nichts aber!“, flüsterte er. „Lass mir den Spaß, Lillian! Bitte!“ Er blickte über ihre Schulter.
„Ähm, wir sollten irgendwas tun, die Ersten schauen schon zu uns herüber.“
Tatsächlich waren sie ins Visier des guten Less' geraten, der sich gerade daran machte, zu ihnen zu kommen.
„Wir müssen tanzen!“, sagte sie knapp.
„Bitte? Ich beherrsche eure Tänze aber nicht.“
„Egal! Dann lernt Ihr - du es eben.“
Und schon war Less bei ihnen. Noch bevor er Lillian auffordern konnte, ging sie zur Gegenoffensive über. Sie nahm Raven beherzt an die Hand und sagte: „Sieh mal Less, ich habe hier überraschend einen alten Freund getroffen. Wir haben uns so viel zu erzählen. Entschuldige mich bitte!“
„Oh! Schon in Ordnung“, murmelte Less betrübt.
Als sie sich unter die anderen Paare gemischt hatten, stellte sich rasch heraus, dass Raven ein Naturtalent war, wenn es um die einfachen Tänze ging.
„Habe ich mich da etwa in eine beginnende Romanze gedrängt?“, fragte er zynisch.
„Nein, natürlich nicht!“, blaffte sie zurück.
„Nun sei nicht gleich wütend, aber der Kerl hat eindeutige Absichten.“
„Ja, der und der Bräutigam.“
Raven blieb der Mund offen stehen. „Am Tag seiner Hochzeit?!“, fragte er schockiert.
„Nein, so ist es doch nicht! Ich meine nur, der will auch gern, dass ich und sein Freund ein Paar werden.“
Sein Ausdruck entspannte sich etwas. „Ach so! Und du? Hast du gar kein Interesse an ihm?“
„Nein, gar keins!“
Er sah sie aufmerksam an. „Gibt es denn gar keinen Burschen in deinem Leben? Ich meine, ein hübsches Hühnchen wie du?“ Damit war er zu weit gegangen. Trotzig wollte sie ihn stehen lassen, aber er hielt sie schnell fest.
„Entschuldige bitte! Das war ein blöder Witz“, sagte er und legte seine unschuldigste Miene auf.
Dieser Kerl machte sie noch wahnsinnig! „Das geht Eu... dich sowieso nichts an!“, giftete sie zurück. Sie tanzten eine Weile schweigend.
„Und? Gibt es nun einen?“, hakte er nach.
„Nein!“, stöhnte Lillian genervt.
Er wusste nicht warum, aber irgendwie war er über ihre Antwort erleichtert.
„Komm, lass uns nicht streiten. Ich habe schließlich nicht oft die Gelegenheit, einer echten Bauernhochzeit beizuwohnen“, bat er.
„Schon gut, aber keine Sticheleien mehr!“, warnte sie ihn.
Er legte sich theatralisch die Hand aufs Herz. „Versprochen!“
Sie tanzten den ganzen Abend und tranken ab und zu einen Becher Wein. Less hatte den anderen mitgeteilt, wer der große Unbekannte war. Lillian und Raven vermieden es jedoch länger in deren Nähe zu bleiben, um seine Tarnung nicht zu gefährden. Niemand erwartete hier den künftigen Thronfolger und so ging alles gut, bis Lillian plötzlich Emmas konzentrierten Blick wahrnahm. Sofort läuteten bei ihr die Alarmglocken. Als Raven gerade einmal verschwand, um seinen natürlichen Bedürfnissen zu folgen, kam Emma zu ihr.
„Ein interessanter Mann, dein Bekannter. Du sagst, er ist nur auf der Durchreise hier?“
Lillian hasste es, sie anlügen zu müssen, hatte aber keine Wahl.
„Ja und er muss morgen schon wieder fort. Wir sind froh, uns hier getroffen zu haben. Er war immer wie ein zweiter Bruder für mich.“
Emma hatte noch immer zu viel Skepsis im Gesicht. „Ähmm, ich hätte schwören können, dass ich ihm schon mal begegnet bin!“
Lillian überlegte krampfhaft. „Das kann schon sein, schließlich hält er sich viel auf Märkten und Festen auf. Er spielt Theater ... bei einer fahrenden Truppe.“
Emma entspannte sich sichtlich. „Das wird es dann wohl sein. Er sieht ja auch so gut aus!“ Sie zwinkerte Lillian vielsagend zu.
„Oh nein, Emma, da täuscht du dich aber gewaltig. Die Wahrscheinlichkeit, dass er und ich ein Paar werden, ist ungefähr so groß wie die, dass ich den Prinzen heirate. Wir haben wirklich nur geschwisterliche Gefühle füreinander.“
Emma fand diesen Vergleich sehr erheiternd. Die Gefahr schien gebannt.
Als Raven wieder zu ihnen stieß, zog Lillian ihn schnell zur Seite.
„Komm mit, James! Lass uns tanzen!“
Raven genoss diese Vertrautheit, auch wenn sie nur gespielt war. Er hielt Lillian fest im Arm, als sie sich zur Musik bewegten.
„Ihr müsst sofort verschwinden!“, flüsterte sie ihm zu. „Emma ist schon stutzig geworden.“
Er schüttelte den Kopf. „Keine Chance! So gut wie heute, habe ich mich seit einer Ewigkeit nicht mehr gefühlt.“
Sie wurde wütend ob so viel Unvernunft. „Seid vernünftig! Was, wenn es schief geht?“
Raven zog ein Gesicht, als würde er angestrengt nachdenken. „Dann werde ich einfach behaupten, du hättest mich entführt und dann verhext.“
Lillian trat ihm in sein hochwohlgeborenes Schienbein, so dass er kurz zusammenzuckte.
„Könntest du vielleicht für einen Moment ernst bleiben ... James?“, fragte sie, als sie die Blicke eines benachbarten Paares auf sich fühlte.
„Bravo! Du hast das 'Du' herausgebracht, ohne dich daran zu verschlucken.“
Er war unverbesserlich. Sollte er doch machen, was er wollte. Lillian ließ ihn stehen und ging zu den anderen zurück. Das Brautpaar wollte sich gerade zurückzuziehen. John hatte für diese Nacht ein Zimmer im Gasthof gemietet, da sie hier ja keine gemeinsame Bleibe hatten.
Helen kam zu Lillian herüber. „Ich werde morgen noch mal kurz vorbeischauen und Lebewohl sagen.“ Sie umarmten sich.
Nachdem die Frischvermählten, unter den teils ungehörigen Zurufen der Gäste, zu ihrer Hochzeitsnacht verschwunden waren, beschloss man den Heimweg anzutreten. Emma sah Lillian fragend an. Doch Raven hatte andere Pläne. Schnell ging er auf Emma zu und bat: „Meine Liebe, ich hörte schon von unserer Lillian, dass du dich wie eine Mutter um sie kümmerst. Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich dafür bin, sie in so guten Händen zu wissen. Darf ich um dein Vertrauen bitten, mir den Wunsch zu erfüllen, unsere Kleine nach Hause zu geleiten. Gott weiß, wann ich sie wiedersehe. Ich bin durch und durch ein Ehrenmann und werde sie vor allen Gefahren beschützen“, schloss er seinen Vortrag theatralisch.
Damit hatte er Emma an der richtigen Stelle erwischt. Sie war so geschmeichelt, dass sie ihm sofort ihren Segen gab. Lillian musste das Theater mitspielen, da sie sich ja kaum dagegen sträuben konnte, mit ihrem brüderlichen Freund zu gehen. Das hätte am Ende nur Aufsehen erregt.
Als die anderen außer Hörweite waren, hielt sie es nicht mehr aus. „Was sollte das denn? Wieso konntet Ihr mich nicht einfach mit meinen Leuten gehen lassen? Der Abend ist jetzt schließlich vorbei!“
Er wurde ernst. „Genau das ist es! Ich will nicht, dass er schon vorbei ist.“
Raven sah aus wie ein trotziges Kind. Aber sie hatte keine Lust zum Spielball seiner Launen zu werden. Leicht genervt trat sie auf ihn zu.„Ich für meinen Teil muss jetzt nach Hause! Meine Nacht ist früh zu Ende und meine Herrschaft erwartet ordentliche Arbeit von mir.“
Er sah ein, dass sie recht hatte. Im Gegensatz zu ihm, konnte sie sich ihren Tag nicht selbst einteilen. „Noch einen letzten Tanz!“, bat er sie mit einem herzerweichenden Blick. Nun musste sie lachen und ließ sich von ihm zum Tanzplatz ziehen.
„Sieh mal, du musst nicht mal laufen. Ich bin hierher geritten. Du wirst dich in den Sattel setzen und ich gehe zu Fuß. So kannst du dich schon ein wenig ausruhen und ich muss mir nicht ganz so ein schlechtes Gewissen machen.“
„Das klingt verlockend“, gab sie nach und lies sich zu einem neuen Tanz überreden. Es fühlte sich gut an, ihm so nahe zu sein. So vertraut und sicher und richtig. Fast so, als wären sie zwei Teile derselben Sache. Er roch so gut, nach Wein und Seife. Raven schien ähnlich zu empfinden, denn er legte ihr vertraut sein Kinn auf den Scheitel. Lillian schloss ihre Augen und genoss einfach den Augenblick. Es fiel beiden schwer sich zu trennen, als die Musik eine Pause machte.
Dann brachen sie schließlich auf. Er holte sein Pferd. Es war eine schöne braune Stute mit weißer Blesse. Lillian klopfte ihr liebevoll den Hals.
„Darf ich um Euren Fuß bitten, Madame?“ Er bot ihr seine Hände als Steigbügel dar und sie ließ sich von ihm in den Sattel helfen.
Nun waren sie schon so oft allein gewesen, doch nach diesem Abend waren sich beide dieser Tatsache besonders bewusst. Es entstand ein unangenehmes Schweigen. In den Feldern ringsum zirpten die Grillen und Lillian kam es so vor, als würden die Tierchen sie auslachen.
Raven brach als erster das Schweigen. „Ihr einfachen Leute versteht es wirklich zu feiern. Ihr müsst euch nicht der Etikette versklaven. Wie ich dieses oberflächliche falsche Gebaren verabscheue! Manchmal wünschte ich mir, als einfacher Mann geboren zu sein. Frei und ohne diese Erwartungen an den zukünftigen König.“
Das war so naiv! Lillian wurde wütend. „Bei allem Respekt für Eure eigene Situation, Ihr vergesst eines, Hoheit! Uns einfache Leute bedrücken ganz andere Probleme, als sich irgendwelchen Etiketten unterwerfen zu müssen. Wir müssen uns anderen Menschen unterwerfen, nur weil wir da geboren wurden, wo das Schicksal uns hinschickte. Uns fragt niemand danach, was wir wollen. Uns wird gesagt, was wir müssen. Und das alles nur um von der Hand in den Mund zu leben. Wir besitzen ja nicht einmal den Anspruch auf Gerechtigkeit. Wir sind immer den Launen unserer Herren ausgeliefert. Hättet Ihr mich nicht aus den Klauen dieses intriganten Schufts gerissen, wäre ich sicher ohne Richterspruch eingesperrt oder verjagt worden! Am Ende habt auch Ihr das nur getan, weil Ihr ...“ Sie sprach es nicht aus, aber er wusste, was sie meinte.
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