Kitabı oku: «The way to find me: Sophie & Marc»

Yazı tipi:

Inhaltsverzeichnis

Titel

Informationen zum Buch

Impressum

Widmung

Kapitel 1 - Sophie

Kapitel 2 - Marc

Kapitel 3 - Sophie

Kapitel 4 - Marc

Kapitel 5 - Sophie

Kapitel 6 - Marc

Kapitel 7 - Sophie

Kapitel 8 - Marc

Kapitel 9 - Sophie

Kapitel 10 - Marc

Kapitel 11 - Sophie

Kapitel 12 - Marc

Kapitel 13 - Sophie

Kapitel 14 - Marc

Kapitel 15 - Sophie

Kapitel 16 - Marc

Kapitel 17 - Sophie

Kapitel 18 - Marc

Kapitel 19 - Sophie

Kapitel 20 - Marc

Kapitel 21 - Sophie

Kapitel 22 - Marc

Kapitel 23 - Sophie

Kapitel 24 - Marc

Kapitel 25 - Sophie

Kapitel 26 - Marc

Kapitel 27 - Sophie

Kapitel 28 - Marc

Kapitel 29 - Sophie

Kapitel 30 - Marc

Kapitel 31 - Sophie

Kapitel 32 - Marc

Kapitel 33 - Sophie

Kapitel 34 - Marc

Kapitel 35 - Sophie

Kapitel 36 - Marc

Carolin Emrich

The way to find me

Sophie & Marc

Liebesroman

The way to find me: Sophie & Marc

»Werde seine beste Freundin und beweise mir, dass das alles platonisch geht.«

»Warum?«

»Warum nicht? Du kannst einen neuen Freund gewinnen oder das Ganze bleibt nicht platonisch und ihr beide findet zueinander.«

Es ist immer eine dumme Idee, mit Aaron zu wetten. Sophie aber ist fest entschlossen, zu gewinnen, und da Marc und sie ein gemeinsames Hobby teilen, gestaltet sich ihr Plan einfacher als gedacht. Schon bald verbringen die beiden viel Zeit miteinander, und Sophie sieht ihren Sieg in greifbarer Nähe. Allerdings hat sie die Rechnung ohne Marc gemacht. Der ist nämlich plötzlich gar nicht mehr uninteressiert, und so verschroben, wie er sein kann, so sexy ist er auch.

Die Autorin

Carolin Emrich wurde 1992 in Kassel geboren. Schon als kleines Mädchen bat sie ihre Mutter, ihr nicht nur vorzulesen, sondern ihr auch das Lesen beizubringen. Sobald sie dieses beherrschte, gab es kein Halten mehr. Stapelweise wurden die Bücher verschlungen und bald schon begann sie, eigene kleine Geschichten zu Papier zu bringen. Im Alter von 15 Jahren verschlug es sie auf eine Fanfiction-Plattform, wo sie auch heute noch ihr Unwesen treibt. Im Herbst 2015 reifte dann die Idee heran, ein Buch zu schreiben. Aber vorher stellte sich die Frage: Kann ich das überhaupt? Um dieser auf den Grund zu gehen, begann sie zu plotten und schrieb daraufhin ihr Fantasy-Debüt »Elfenwächter«. Weitere Jugendbücher sind derzeit dabei, Gestalt anzunehmen.

Beruflich schloss Carolin Emrich im Juli 2015 ihre Ausbildung zur Industriemechanikerin erfolgreich ab.

www.sternensand-verlag.ch

info@sternensand-verlag.ch

1. Auflage, Januar 2021

© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2021

Umschlaggestaltung: Rica Aitzetmüller | Cover & Books

Illustrationen: Mirjam H. Hüberli

Lektorat / Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Natalie Röllig

Korrektorat 2: Sternensand Verlag GmbH | Jennifer Papendick

Satz: Sternensand Verlag GmbH

ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-163-5

ISBN (epub): 978-3-03896-164-2

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.


Für alle,

die auch dumme Fehler verzeihen.

Und für Ida.

Kapitel 1 - Sophie

Zwei Monate zuvor

»Wer ist der Meinung, dass die beiden nur zusammen gegangen sind, damit sie ein bisschen Zeit für sich haben?«, fragte unser Kumpel Aaron in die Runde. Er saß auf dem Boden vor dem Bett, neben ihm seine Freundin Sina, die auch meine beste Freundin war.

Wir trafen uns gern zu sechst in der WG von Dennis und Aaron, denn dort hatten wir unsere Ruhe, konnten zocken, Pizza essen und quatschen. Ab und zu lernten wir sogar zusammen hier.

Rieke und Dennis, das angebliche Nicht-Paar unter uns, hatte eben angeboten, Pizza zu holen. Aaron vermutete schon eine ganze Weile, dass uns die beiden etwas vorspielten. Heimlich lief da mehr zwischen ihnen, ganz sicher.

Ich hob widerstrebend die Hand, denn auch ich sah da mehr als nur Freunde. Vor allem, da sie noch vor Kurzem stark zerstritten gewesen waren und keiner von beiden an einer festen Bindung interessiert gewesen war, dafür kannte jeder ihren Aufreißer-Ruf an der Uni. Sie nahmen sich da beide nichts.

Aaron und Sina meldeten sich ebenso.

»Aaron«, seufzte Marc, der neben mir auf dem Bett saß und die beiden am längsten von uns kannte, denn sie waren schon zusammen zur Schule gegangen. »Dachte, du wärst endlich drüber hinweg.«

Aaron und Marc hatten über den Beziehungsstatus unserer Freunde sogar eine Wette abgeschlossen, bei der Marc als Sieger hervorgegangen war. Das bedeutete aber, dass Aaron ein Seminar belegen musste, wovon er nach wie vor glaubte, es zu Unrecht zu machen. Deswegen schien er auf jedes Zeichen zu achten.

»Nein. Da geht eindeutig was. Ich würde da ja am liebsten … Sina, komm mit.« Aaron warf den Controller weg, fuhr sich aufgeregt durch die blonden Haare, sprang auf und griff nach der Hand meiner besten Freundin.

»Du willst da jetzt nicht wirklich hinterhergehen«, murmelte Sina fassungslos, aber er scheuchte sie nur, damit sie sich in Bewegung setzte. »Ja, ich komme. Lass uns gehen.« Sie warf mir noch einen entschuldigenden Blick zu, dann hörten wir, wie sie sich im Flur die Schuhe anzogen, ehe sie weg waren.

»Toll.« Mit dem Fuß, der auf der Bettkante auflag, stupste ich gegen Marcs Knie. »Erzähl mir etwas über dich, sonst wird mir langweilig.«

Er grinste und schnippte sich eine Locke aus der Stirn. »Ich jogge gerne.«

»Das ist jetzt nicht sonderlich interessant«, murmelte ich und zwirbelte eine meiner braunen Haarsträhnen mit zwei Fingern. Wann immer sich jemand in die Haare fasste, befiel mich der Drang, es nachzumachen.

»Findest du es spannender, dass ich manchmal nachts in fremde Gebäude einsteige und Fotos schieße?«

»Nicht dein Ernst?«, fragte ich nach, obwohl ich nicht davon ausging, dass er log. »Du machst auch Urban Exploring?«

Marc war gerade dabei, sich eine der Flaschen aufzuschrauben, die Rieke heute Abend mitgebracht hatte. Es war Amaretto und da keimte eine ganz böse Erinnerung daran auf, wie ich mich mal damit abgeschossen hatte. So wie Marc auf den Partys wirkte, die wir zusammen besucht hatten, gab es von ihm wahrscheinlich zu jedem Getränk eine Kotz-Geschichte. Die vom Hefe-Weizen durfte ich live miterleben. Ich hatte so sehr lachen müssen, dass ich mich verschluckte und ihm beinahe noch Gesellschaft geleistet hätte.

»Hmhm«, stimmte er mir zu und bot mir die Flasche an. »Ich gucke mir eher die Fotos an, da ich keinen habe, der mitgehen würde. Normalerweise habe ich kein Problem mit fremden Menschen, aber das würde ich doch gerne mit Freunden machen. Wollte neulich wo mitgehen und dann tauchten die einfach nicht auf. Solche Späße halt.«

Ich strich mir über das Shirt, um es von den Häkchen an meinem Bauchnabelpiercing zu befreien. Hätte ich gewusst, dass sich der neue Anhänger ständig im Stoff meines Oberteils verfing, würde ich bauchfrei tragen. »So geht es mir auch. Ich habe zwar eine kleine Gruppe, der ich mich gern anschließe, nur gehen die nicht so oft. Oder zu Zeiten, zu denen ich nicht kann.«

»Aber da wir jetzt wissen, dass wir dasselbe Hobby haben …«, setzte Marc an und forderte mich mit einem Kopfnicken auf, seinen Satz zu vervollständigen.

Zuerst nahm ich ebenfalls einen Schluck, auch wenn es mich schüttelte, als ich ihn hinunterwürgte. »… könnten wir zusammen losziehen. Hätte ich das mal schon letztes Wochenende gewusst, da bin ich vor Langeweile eingegangen.«

»Na ja, wann haben wir beide uns denn groß darüber unterhalten?«

Da musste ich ihm zustimmen. Ich war das Anhängsel in diesem Freundeskreis. Es fiel gar nicht so sehr auf, wenn ich nicht dabei war.

»Willst du Fotos sehen?«, erkundigte ich mich und zog bereits mein Handy aus der Tasche.

»Oh ja, zeig mal.« Marc stellte die Flasche wieder vor Dennis’ Bett, auf dem wir noch immer saßen. Er rutschte näher zu mir, damit er auf dem Display etwas erkennen konnte.

Ich rief ein Album auf, das noch gar nicht so alt war. Als er bei einer Aufnahme ranzoomen wollte, streiften seine Finger meine. Keine Ahnung, was ich erwartet hatte, es passierte jedoch gar nichts; kein Stocken, kein Herzklopfen. Auch nicht, als er langsam den Kopf drehte, um mich anzusehen. Sein Atem streifte mein Gesicht und ich konnte kleine blasse Sommersprossen auf seiner Nase erkennen. Eine dunkelbraune Locke hing ihm in die Stirn und ich war versucht, sie ihm wegzustreichen. Wahrscheinlich wäre sie augenblicklich zurück an Ort und Stelle gerutscht. Seine Augen bestanden aus einer Mischung zwischen grün und braun. Ich konnte nicht genau ausmachen, welche Farbe überwog, aber wenn man mir eine Waffe an die Schläfe hielte, würde ich sagen, sie wären dunkeloliv. Seine Lippen hatten eine hellrosa Farbe und sie glänzten, als er darüber leckte, um sie zu befeuchten.

Als sie meine berührten, war ich überrascht, wie weich sie sich anfühlten. Er küsste meiner Meinung nach mit genau dem richtigen Druck. Mit seiner Zunge benahm er sich zurückhaltend, doch das glich ich aus, und beim nächsten Mal war er mutiger. Ich spürte seine Finger an meinem Knie und lehnte mich zurück, bevor ich dem Drang nachgab, in seine Haare zu fassen.

Marc musterte mich neugierig, nicht so, als wäre er überwältigt und müsste sich erst wieder einkriegen. Das war bei mir zum Glück auch nicht der Fall. Der Kuss hatte sich sehr interessant angefühlt, gut, aber da war nichts. Kein Kribbeln, nichts. War wahrscheinlich besser so.

Während ich noch darüber nachdachte, wie wir die Situation jetzt so auflösten, dass es für alle gut ausging, zuckten seine Mundwinkel. Das war ansteckend und wir schaukelten uns glucksend hoch, bis wir richtig lachen mussten. Wahrscheinlich wusste keiner von uns beiden, warum.

»Das machen wir nicht noch mal«, sagte Marc, als er wieder Luft bekam, und ich konnte ihm nur zustimmen.

Als ich mein Handy wieder zur Hand nahm, weil wir ja noch etwas angucken wollten, klingelte seins. Da ich so nah neben ihm saß, sah ich den Namen auf dem Display. Dennis.

»Fuck«, murmelte Marc, ehe er dranging und sich dabei hochrappelte.

»Warum sagst du nicht Bescheid, dass Aaron und Sina hinter uns her sind? Was wäre, wenn sie uns erwischt hätten?«, ertönte Dennis’ Stimme, noch ehe Marc wirklich hätte aufstehen können, damit es nicht an meine Ohren gelangte.

»Das ist nicht dein Scheißernst?«, fauchte ich ihn an und er sackte wieder an die Wand zurück.

»Hast du mich gehört?«, fragte Dennis nach, und Marc schluckte.

»Ja, Sophie allerdings auch.«

»Alter … nicht wirklich?«

Da ich noch so nah neben ihm saß, brauchte ich mich gar nicht groß zu dem Handy vorzubeugen. »Hast dich ja laut genug beschwert. Erklärst du mir freiwillig, was das soll, oder muss ich dich kidnappen und foltern?«

Marc warf mir einen leicht verstörten Blick zu, ehe er Andeutungen machte, das Handy weiterzureichen.

»Marc, erklär es ihr bitte und sie soll den Mund halten. Mach ihr das klar. Wir sehen uns dann gleich.« Damit legte Dennis einfach auf.

»Ich höre«, brummte ich.

»Ähm.« Das Erste, was Marc tat, war, ein Stück von mir wegzurutschen. »Also, Rieke und Dennis konnten sich lange nicht leiden. Durch Aaron und mich mussten sie sich irgendwie arrangieren. Beide sind nie Beziehungstypen gewesen und jetzt sind sie halt zusammen und wollen es nicht an die große Glocke hängen. Die Wette kam doof dazwischen, sie wollen es noch niemandem verraten.«

»Warum sagen sie es dann nicht einfach nur Aaron?«, fragte ich nach.

»Na ja, erst wollten sie es generell für sich behalten, aber ich hab es zufällig erfahren. Wegen der Wette hab ich sie jedoch gebeten, es noch ein wenig vor Aaron geheim zu halten, damit ich das Seminar nicht machen muss.«

»Und ich soll jetzt allen Ernstes die Klappe halten und meiner besten Freundin nichts sagen?« Das ging nicht. Ich hatte ja schon beim Gedanken daran ein schlechtes Gewissen.

»Tu es für Rieke und Dennis. Aaron hat immer so eine große Klappe, dem tut es mal ganz gut zu verlieren. Außerdem hat er durch das Seminar Sina kennengelernt, das ist doch positiv. Bitte, nur bis zum Ende des Semesters. Dann ist das Thema durch.«

»Ich habe keine Ahnung, ob ich das durchhalte. Es ist eure Schuld, falls ich es ausplappere!« Mit dem Finger zeigte ich auf Marc, damit er merkte, wie ernst es mir war.

»Ja.« Mit einem Nicken deutete er auf mein Handy. »Wollten wir uns nicht noch etwas angucken?«

Heute

Die Party war okay. Es war nichts Herausragendes, doch das erwartete ich zum Start der Prüfungsphase auch nicht. Ich musste einfach den Kopf noch mal frei bekommen, ehe es richtig losging.

Meine beste Freundin stand zusammen mit ihrem Freund Aaron, Rieke und Dennis bei einigen anderen Leuten. Mich zog es zuerst zu zwei anderen bekannten Gesichtern. Jenny und Nils arbeiteten wie ich beim Studifunk. Nils war vor mir dran, Jenny nach mir, was uns immer ein wenig Zeit zum Quatschen ließ.

»Na«, sagte ich und stellte mich zu den beiden.

»Guten Abend«, begrüßte mich Jenny, während Nils nur nickte. Er konnte durchaus gesprächig sein, aber Partys waren nicht so sein Ding.

»Kannst mein Bier haben«, bot er an, was ich auch gerne annahm. Mir war es egal, woher mein Getränk kam, Hauptsache, ich wurde versorgt.

»Wieso tue ich mir das Studium eigentlich an, wenn ich keinen Bock auf die Prüfungen habe?«

Nils lehnte den Kopf leicht zur Seite und musterte mich. »Da gäbe es mehrere Möglichkeiten.« Er hob die Hand, um an den Fingern abzuzählen. »Du bist masochistisch veranlagt. Du weißt nicht, was du stattdessen machen willst. Du willst nur deine Eltern stolz …«

»Jaja, ist gut«, unterbrach ich ihn. »Die Frage war eigentlich rhetorisch und ich wollte nur, dass ihr mir zustimmt.«

Jenny zog die Augenbrauen hoch und erinnerte mich daran, dass Nils es nicht so mit rhetorischen Fragen hatte. Er gab auf alles eine Antwort, wenn er eine hatte. Der Kerl benahm sich allerdings auch oft wie ein wandelndes Lexikon, was zeitweise ein bisschen anstrengend sein konnte.

Ich wollte mich gerade abwenden, um zu gucken, wo meine anderen Freunde waren, als Marc neben mir auftauchte.

»Hi«, sagte er, was wir drei erwiderten.

»Was gibt’s?«, hakte ich nach.

»Ich wollte mal gucken, wer deine anderen Freunde sind, wegen denen du uns so schmerzlich ignorierst.«

Grinsend rollte ich mit den Augen, weil ich wusste, dass er das nicht ernst meinte. Er sah auch gar nicht mehr so nüchtern aus.

»Wie lange bist du schon hier?« Mit meiner Bierflasche stupste ich an seinen Becher.

»Eine Weile.«

»Was trinkst du?«

Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. »Keine Ahnung.«

»Du musst doch wissen, was da drin ist«, behauptete ich, aber er schüttelte nur mit dem Kopf.

»Ich hab gesagt, überrasch mich, und er tat es.«

»Wen hast du gefragt?« Ich sah zu unseren Freunden rüber.

»Nee, nicht die. Irgendeinen, der da bei den Getränken stand.«

Das konnte echt nur Marc. »Und das trinkst du jetzt einfach? Was, wenn da K.-o.-Tropfen drin sind? Dann liegst du in zwei Stunden irgendwo vergewaltigt in einem Gebüsch.«

»Ich bin ein Mann«, sagte er, als würde es alles erklären.

»Ja, und auch mit dir kann man Dinge anstellen, die du nicht willst. Du besitzt genauso Körperöffnungen, die … du weißt schon.«

»Du machst dir zu viele Gedanken.« Er hielt mir den Becher hin. »Ist was mit Cola. Probier. Auf zwei Opfer hat er vielleicht keine Lust.«

Auch wenn ich eben noch darüber lamentiert hatte und immer auf mein Getränk achtete, griff ich nun zu und nippte. Es war tatsächlich Cola, spontan hätte ich Pepsi vermutet, und Alkohol. Sehr viel Alkohol. Er brannte meine Kehle hinab und es hätte wohl kaum einen Unterschied gemacht, wenn das Zeug pur gewesen wäre.

»Oh Gott«, brachte ich unter Husten raus. Ich reichte ihm den Becher wieder zurück und musste erst mal Bier nachtrinken.

»Stell dich nicht so an«, zog er mich auf. »Trink lieber was anderes als Bier. Ich mische dir was. Wünsche?«

»Nicht so stark wie deins da«, bestellte ich und er legte mir einen Arm um die Schultern.

»Oh, du vertraust mir.« Er klang dabei so lieblich, und wenn er nicht so betrunken wäre und lallen würde, nähme ich ihm den flirtenden Ton vielleicht sogar ab.

»Ja, und jetzt geh. Du stinkst wie ein Schnapsladen.« Ich schob ihn von mir weg.

»Ich bin ein Schnapsladen«, rief er so laut, dass sich einige zu ihm umdrehten.

»Du bist ein Idiot und deine Leber stellt bald Antrag auf Asyl in einem anderen Körper«, erwiderte ich lachend, nicht minder leise. Marc war einfach witzig, gerade wenn er getrunken hatte.

Ich kannte ihn gar nicht wirklich anders. Ich traf ihn in der Mensa oder mal bei Aaron und Dennis zum Zocken. Am ehesten sahen wir uns auf Partys und da war nichts mehr von dem vergleichsweise zurückhaltenden Kerl übrig.

»Uns hat er nichts angeboten«, murmelte Jenny. »Aber ich hätte auch nichts Alkoholisches gewollt.«

»Na ja, er ist betrunken«, entschuldigte ich meinen Kumpel.

Erneut wollte ich mich abwenden, um die anderen zu suchen, da wurde ich wieder aufgehalten. Diesmal war es Aaron, der neben mir stand.

»Was machst du denn hier? Ich wollte gerade zu euch kommen.«

»Muss ich einen Grund haben?«, wollte er wissen und ich nickte deutlich.

»Scheinst dich gut mit Marc zu verstehen, hm?«

Mit einer Handbewegung, die Trinken andeuten sollte, zog Jenny Nils mit sich.

»Ja, sicher. Wir sind doch alle irgendwie befreundet.«

»Nur Freunde?«, hakte er nach.

»Klar. Männer und Frauen können auch nur befreundet sein. Da muss nicht immer mehr sein.«

»Das glaube ich nicht«, hielt Aaron dagegen.

»Du bist mit Rieke befreundet. Und Marc auch. Ist das etwa was anderes?«

Er griff sich nachdenklich ans Kinn. »Ja, ist es. Rieke ist quasi ein Kerl mit Brüsten für uns. Selbst wenn man wollte, ließe sie sich einfach nicht so recht sexualisieren. Weißt du, was ich meine?«

»Nein. Ihr seid befreundet, es funktioniert, fertig.«

»Willst du deine These beweisen?«, erkundigte sich Aaron und grinste mich dabei spitzbübisch an.

»Ich will das gar nicht fragen, aber ich muss. Wie?«

»Mit einer kleinen Wette.«

Ich sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. »Lernst du nie aus deinen Fehlern? Ehrlich, wie alt bist du, Aaron? Fünf?«

»Das fragt mich Sina auch manchmal«, warf er ein. Dem konnte ich nur zustimmen. »Es ist ganz simpel. Marc ist ein super Kumpel, du bist eine gute Freundin. Ihr habt ein gemeinsames Hobby, ihr versteht euch gut. Nutz es, freundet euch an, werde neben Rieke seine beste Freundin und beweise mir, dass das alles platonisch geht.«

Das war … »Warum?«

»Warum nicht? Du kannst einen neuen Freund gewinnen, der erste Sahne ist. Oder das Ganze bleibt nicht platonisch und ihr beide findet zueinander. Zu verlieren hast du nichts. Außer den Wetteinsatz, wenn ich gewinne.«

»Du wirst nicht gewinnen. Niemals«, stellte ich klar, denn Aaron wusste anscheinend gar nicht, dass es da mal einen Kuss zwischen uns gegeben hatte, der nichts auslöste. Wir waren nach wie vor Kumpels. Das konnte ich gar nicht verlieren. »Marc ist nicht mal mein Typ. Er ist quasi das Gegenteil davon. Ich stehe auf blonde, muskulöse Männer. Surfertypen, Sonnyboys. Das ist Marc überhaupt nicht. Meine Kerle sind so frei nach Taylor Swift: I knew you were trouble. Ich will dich nur vorm Verlieren beschützen.«

Aaron zog die Augenbrauen hoch und grinste mich an. »Du hast Angst.«

»Um was wetten wir denn überhaupt?«, lenkte ich ab.

»Ah, du bist dabei. Pass auf. Ich wette, dass ihr nicht nur Freunde sein könnt. Das geht bis zum Start des neuen Semesters und bis dahin läuft auch etwas zwischen euch. Wenn du es schaffst, eine seiner besten Freundinnen zu werden, ohne dass etwas zwischen euch läuft, hast du einen Gefallen gut. Egal was. Wenn ihr was miteinander anfangt, hast du verloren und ich darf einen Gefallen einlösen.«

»Es wird nichts zwischen uns laufen, also bin ich dabei.«

Aaron hielt mir die Hand hin und ich schlug ein.

»Ey, ich will auch einschlagen. Einer für alle!«, rief Marc, der gerade mit den Getränken zurückkam, und drückte seine Hand auf unsere, wobei er Colagemisch darüber verteilte.

Kapitel 2 - Marc

Ein Jahr zuvor

»Wie, du hast Schluss gemacht?«, fragte mich meine beste Freundin Rieke und lehnte sich auf ihrer Couch zurück. Sie wohnte in einer WG mit vier anderen Frauen. Heute waren die alle ausgeflogen, weswegen wir im Gemeinschaftswohnzimmer saßen und nicht in ihrem Zimmer.

»Ja, irgendwie … sie hat sich nie gemeldet, wenn sie mit ihren Freundinnen unterwegs war, und hat sich sogar noch beschwert, dass ich klammern würde. Ich meine, es interessiert mich eben, was sie so macht und wann sie zu Hause ist. Ist es denn zu viel verlangt, sich eben zu melden, wenn man sicher daheim angekommen ist?«

»War nicht genau das dein Problem mit der Vorherigen? Dass sie nicht mal einen Abend mit ihren Freundinnen genießen konnte, ohne dir zu schreiben? Das hast du doch bei Svenja immer bemängelt. Sie wollte auch immer, dass du dich meldest. Wie kommt es, dass es dich nun stört, wenn Nadine das nicht macht?«

»Das ist ein Unterschied«, behauptete ich, aber ich ahnte bereits selbst, dass das Problem woanders lag.

»Wie erkläre ich dir das jetzt am besten?«, murmelte sie und fuhr sich durch die dichten braunen Locken, die ihr bis über die Schultern fielen. Würde ich meine Haare wachsen lassen, sähen sie sicher ähnlich voluminös aus.

»Sag’s einfach.«

»Okay. Pass auf, du bist mein bester Freund und ich meine das auch nicht böse, ja? Du neigst dazu, dich relativ schnell zu verlieben, wenn es das überhaupt ist. Meine Vermutung ist ja, dass es vielleicht Sympathie ist, keine Liebe. Ich meine, du bist ein hübscher Kerl, an Angeboten mangelt es dir nicht, aber ich habe das Gefühl, dass du im Moment nur eine Freundin brauchst, weil du es alleine nicht aushältst. Und das ist nie eine gute Grundlage für eine Beziehung und den Frauen gegenüber auch echt unfair.« Sie kniff die Lippen zusammen und sah mich irgendwie entschuldigend an.

»Ich weiß«, sagte ich und ihre braunen Augen wurden ein bisschen größer. Wahrscheinlich hatte sie mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass ich ihr zustimmen könnte. »Ich hab mir da schon selber Gedanken drüber gemacht, warum es manchmal nach ein paar Wochen schon wieder vorbei ist. Aber ganz ehrlich, ich kann nicht alleine sein. Ich brauche jemanden. Ich mag es, jemanden zu haben, mit dem ich die ruhigen Momente verbringen kann. Nach einer Party gemeinsam runterkommen, Sonntage auf der Couch verbringen, Filmnächte, wach bleiben, bis die Sonne aufgeht … Einfach jemanden, der mir näher ist als alle anderen und neben mir liegt, damit ich schlafen kann. Am Anfang wirkt es immer so, als würde es passen, aber dann nach einer Weile …« Hilflos zuckte ich mit den Schultern. Es brach mir jedes Mal das Herz, einer Frau wehzutun, die ich ja trotzdem gernhatte.

»… beendest du es und stolperst direkt über die nächste«, vollendete sie meinen Satz. Ich nickte, auch wenn mir das Thema ein wenig unangenehm war. Immerhin war es Rieke. Mit wem, wenn nicht ihr, könnte ich sonst darüber sprechen? »Ich finde es schon mal cool, dass du das selber gemerkt hast, denn genau das hätte ich dir jetzt erklären wollen.«

Ich lehnte mich zurück und streckte die Beine unter dem hellen Holztisch aus.

»Meiner Meinung nach solltest du eine Pause einlegen. Du musst wieder lernen, alleine zurechtzukommen. Sonst wirst du keine glückliche Beziehung führen können.«

Mit einem Seufzen setzte ich mich wieder aufrecht hin. »Und was schlägst du vor? Und jetzt komm mir nicht wahnwitzig mit einer Therapie um die Ecke. Es gibt Menschen mit echten Problemen.«

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Du hast echte Probleme, aber gut. Ich bin doch im Moment auch single und wenn was ist, kannst du dich jederzeit melden. Ich ziehe deine Gesellschaft immer einem anderen Kerl vor, das weißt du. Lass uns zusammen die Nächte um die Ohren schlagen, wenn du nicht schlafen kannst, und dabei Millionen Serien gucken.«

»Du lügst«, sagte ich ihr auf den Kopf zu. »Du könntest Sex haben, stattdessen betüddelst du mich, weil ich nicht schlafen kann. Lüg mich nicht an.«

»Ach, Marc. Nimm es einfach an und versprich mir, erst mal mit dir selber zurechtzukommen, bevor du dich wieder auf eine andere Person einlässt, okay?«

Ich nickte, denn mit Rieke ließ es sich da schlecht diskutieren. Außerdem wusste ich insgeheim, dass sie wirklich immer für mich da war, wenn ich sie brauchte. Wahrscheinlich würde sie im Ernstfall sogar mit mir eine Leiche verschwinden lassen und mir ein Alibi besorgen. Dafür war sie einfach meine beste Freundin. Die beste, die ich mir wünschen konnte.

Heute

Ich war ein absoluter Frühaufsteher. Das Klischee vom bis mittags schlafenden Studenten traf auf mich keineswegs zu. Es sei denn, man wusste nicht mehr, wie lange die Party gegangen war, weil man irgendwann einfach einen Filmriss erlitt.

Als ich mich jetzt mühsam rumdrehte, zeigte mein Wecker auf dem Nachttisch fast elf Uhr mittags an. Meine Bettdecke lag auf dem Boden, was in Anbetracht der Temperaturen, die bereits jetzt im Zimmer herrschten, eine reine Wohltat war.

Langsam quälte ich mich auf die Beine und musste erst mal meine Zunge vom Gaumen schaben. Sollte ich erst einen Kaffee trinken und dann eine Tablette gegen die dröhnenden Kopfschmerzen nehmen oder umgekehrt? Es war mir aber auch nie möglich, mir endlich mal zu merken, in welcher Reihenfolge ich es besser vertrug. Heute spülte ich die Tablette mit einer Tasse Kaffee runter, während Papa am Küchentisch saß und seine Zeitung las.

»Spät geworden gestern, hm?«, fragte er, dabei sollte es wohl mehr eine Feststellung sein. Wenn ich nicht wusste, wie ich nach Hause gekommen war, musste es in den frühen Morgenstunden gewesen sein. Entweder schaffte ich bewusst frühzeitig den Absprung oder eben nicht. »Hättest Brötchen mitbringen sollen.«

»Tja, wenn ich gewusst hätte, was ich mache und wo, dann wäre das vielleicht eine Option gewesen.«

Papa sah mich über den Rand seiner Lesebrille an. Es gefiel ihm nicht, dass ich manchmal so über die Stränge schlug, aber er äußerte sich auch nie wirklich dazu.

»Du bist ja auf«, sagte Mama, die mit Einkäufen in die Küche kam. Bis ich schnallte, dass es angemessen wäre, ihr zu helfen, war Papa längst aufgestanden.

Ich sah also dabei zu, wie meine Eltern die Einkäufe ausräumten, und trank dabei meinen Kaffee aus, der heute pechschwarz war und eigentlich zu stark.

»Ich gehe mal duschen«, gab ich irgendwann bekannt und machte mich erst auf den Weg in mein Zimmer, um zu lüften.

Als ich die Tür aufstieß, empfing mich der ganze abgestandene Alkoholatem. Beinahe wäre ich rückwärts wieder rausgegangen. Stoßlüften musste reichen, sonst kam zu viel Wärme herein. Mein Zimmer besaß den Vorteil, dass es auf der Nordseite lag, so wurde es lediglich warm hier drin, nicht brütend heiß. Wenn man nicht vergaß, das Fenster rechtzeitig zu schließen.

Nachdem ich mir frische Klamotten rausgesucht hatte, schloss ich die Fenster direkt wieder und ging erst mal unter die Dusche, damit ich endlich klarkam.

Noch immer war ich definitiv nicht nüchtern. Vielleicht wusste ja einer meiner Freunde, was ich gestern so gemacht hatte und wie es endete.

Das Haus lag wie ausgestorben vor mir, als ich nur mit einem Handtuch durch den Flur huschte.

Mittlerweile ging es mir so weit gut, dass ich beschloss, ein wenig an die frische Luft zu gehen. Joggen würde ich nicht schaffen und dafür war es auch jetzt zu warm, aber wenigstens den Kreislauf in Schwung bringen musste ich.

Als ich in T-Shirt und Shorts die Haustür öffnete, schlug mir eine Wand aus Hitze und stehender Luft entgegen. Ich atmete tief durch, ging aber trotzdem los. In Ruhe und langsam, jedoch kontinuierlich.

Mit einem Blick auf meine Smartwatch wäre ich gern wieder umgedreht. 36 °C und ich hatte die Befürchtung, dass es über Nacht nicht wirklich abkühlen würde, wenn es nicht regnete.

Der Rasen im Park hatte braune Flecken, und die Blätter, die im leichten Windhauch von den Bäumen segelten, taten das nicht, weil der Herbst begann.

Die Wege lagen wie leer gefegt vor mir. Keiner, der klar bei Verstand war, wagte sich nun raus. Außer mir, der nichts Besseres zu tun hatte, als einen Sonnenbrand zu bekommen. Es knisterte tatsächlich unter meinen Latschen, als ich zwischen den Wegen über ein kleines Stückchen Wiese lief.

Doch was sollte man ändern? Einen Park konnte man nicht wässern, so wie mein Vater seinen Rasen. Und dann meckerte er, wenn er ihn mähen müsste, weil das Gras wuchs.

David und ich versuchten ihm jeden Sommer zu erklären, dass er einfach nicht gießen sollte. Das war auch wieder nicht okay. Könnten ja Löcher im Rasen zurückbleiben, die im Herbst matschig wurden. Mir reichte eine kleine Runde um den Block, damit ich irgendwie außer Atem war und genug hatte. Sonst besaß ich eine gute Kondition, aber die Kombination aus Kater und Affenhitze tat auch mir nicht gut.

David stand in der Küche, als ich reinkam, um mir etwas zu trinken zu holen. Er hatte sich gerade ein Glas Eistee eingeschenkt.

»Hat Mama den gemacht?«, wollte ich wissen und holte mir ein Glas aus dem Schrank über der Spüle.

»Klar. Hatten wir je Eistee hier, der nicht selbst gemacht ist?« Er schob mir den Krug rüber.

Ich zuckte mit den Schultern. »Am Ende ist er von dir und ist nicht süß genug.«

»Der Tee vielleicht nicht, aber ich«, behauptete er.

David war drei Jahre jünger als ich und nein, er war nicht süß. Während ich als Ausgleich zur Uni joggen ging und im September meinen ersten Halbmarathon bestreiten wollte, hatte David vor ein paar Jahren neben seiner Ausbildung Bodybuilding für sich entdeckt.

Er war also das krasse Gegenteil von mir. Nicht nur körperlich, denn er war seit bald vier Jahren mit seiner ersten Freundin zusammen. Ob ich ihn dafür beglückwünschen sollte oder eher bemitleidete, entschied ich jeden Tag aufs Neue.

»Bock, eine Runde mit mir zu zocken?«, wollte ich wissen, während David den Krug wieder abdeckte und in den Kühlschrank stellte.

»Ja, können wir, nur nicht ewig. Wollte noch weg.«

David war immer unterwegs. Entweder mit seiner Freundin Kathi, bei seinen Kumpels aus dem Fitnessstudio oder mit Leuten von der Arbeit. Ich könnte das gar nicht mehr. Meine Akkus mussten in Ruhe – und vor allem ohne Menschen um mich herum – aufladen. Etwas, was mir früher gar nicht möglich gewesen war.

Mit unseren Gläsern verzogen wir uns in mein Zimmer und versuchten uns gegen zerstörerische Maschinen zu behaupten und das Geheimnis um Aloy zu lüften.

Am Montagmorgen war ich wieder fit und ansprechbar. Nach meiner Laufrunde packte ich meine Sachen zusammen und saß pünktlich im Bus. Ich tippte ein wenig auf meinem Handy herum und versuchte noch etwas zu entspannen, ehe der hektische Alltag losging. Am Bussteig der Uni traf ich auf Aaron.

»Guten Morgen«, begrüßte er mich und ich erwiderte seinen Handschlag.

»Hi. Wo musst du hin?«

Aaron deutete über den Campus und murmelte etwas von »persönlicher Untergang«. Ja, gut, da konnte ich mich anschließen.

»Wollen wir uns noch etwas zu trinken holen?«, fragte ich, als wir das Mensagebäude passiert hatten.

»Auf jeden Fall. Das halte ich sonst nicht aus. Irgendetwas Kaltes mit Koffein. Hab bei Sina geschlafen, da gibt’s nur Kaffee und Wasser.«

Sina war seine Freundin und sie hatte eine fast sechsjährige Tochter. Die war schon voll in unseren Kreis integriert, da Riekes kleine Schwester Fiona im selben Alter war. Es hatte uns tatsächlich gar nicht so gestört, aber manch einer reagierte sehr irritiert, wenn eine Einundzwanzigjährige mit einem Fast-Schulkind ankam.

»So ist es mit einem kleinen Kind«, zog ich ihn auf.

»Ich habe mich ja grundsätzlich gar nicht beschwert. Michelle ist toll. Am Wochenende hat sie mich gefragt, warum ich immer wieder nach Hause gehe. Es wäre doch viel cooler, wenn ich einfach bleiben würde. Hat ein Weilchen gedauert, bis sie zufrieden damit war, dass das noch ein bisschen Zeit hat.«

»Klingt süß. Sie mag dich halt.«

Aaron nickte und wir stellten uns an der Cafeteria an. »Auf jeden Fall.«

Wir kauften uns beide einen Eiskaffee und liefen weiter über den Campus. Es war warm. Jetzt schon. Heute Morgen hatte es sich aushalten lassen, doch für die letzten Tage der Woche waren wieder Rekordtemperaturen angesagt.

»Wollen wir am Wochenende etwas zusammen unternehmen?«, fragte ich noch, bevor sich unsere Wege wieder trennten.

»Weiß noch nicht, ob ich Zeit habe. Ich muss lernen und wir wollen auch irgendwann mit Michelle an den See. Wir haben neulich ohne Schwimmflügel geübt und sie kann es fast, sie muss sich nur mal trauen.«

Mit einem Grinsen hob ich meinen Becher. »Süß, wie du dich da reinhängst.«

»Ja, ich weiß auch nicht.« Aaron nahm einen Schluck. »Das macht einfach Spaß. Gerade wenn Michelle solche Meilensteine erreicht, da ist man einfach furchtbar stolz. Ich meine, ich bin nicht ihr Vater, aber wenn ihr Vater nicht so für sie da ist, will ich es wenigstens sein.«

»Dann entscheiden wir das spontan und schreiben uns zusammen, wenn etwas geht«, schlug ich vor.

»Das ist gut. Ich muss jetzt los.« Er winkte mir noch mal, ehe er in eine andere Richtung davonlief.

Ich machte mich auf den Weg zu meinem ersten Kurs und würde dabei nicht zu sehr versuchen, an Donnerstag zu denken. Denn da stand ein Vortrag an und wir waren keine guten Freunde.

Wir hatten schon in der Schulzeit eine knifflige Beziehung zueinander gehabt. In der Grundschule hatte ich kein Wort rausgebracht und war sogar das ein oder andere Mal in Tränen ausgebrochen, weil ich mir nicht zu helfen wusste.

Auf dem Gymnasium war es ansatzweise besser geworden und die mündliche Prüfung im Abi hatte ich zumindest bestanden, doch es gab eindeutig Leute, denen mündliche Prüfungen leichter fielen.

Als ich das Gebäude betrat, wurde es ein wenig kühler, leider ließ sich meine Stimmung nicht so leicht ändern.

Wenn das jetzt bis Donnerstag so weiterging, würde ich wahnsinnig werden. Und damit endete der ganze Mist auch noch nicht. Am nächsten Montag folgte gleich eine mündliche Prüfung. Zum Glück die einzige dieses Semester.

Kapitel 3 - Sophie

Tapp, tapp, tapp. Gleichmäßig schlugen meine nackten Fersen an die Wand meines Zimmers. Ich lag auf dem Rücken auf dem Bett, die Decke hatte ich auf den Boden geschmissen und versuchte krampfhaft, nicht daran zu denken, dass ich lernen sollte.

Obwohl es wichtig war und eigentlich keinen Aufschub duldete, war ich dennoch zu müde und hatte schlicht keine Lust. Mir war schon klar, dass ich auch einfach den Arsch zusammenkneifen und mich ransetzen konnte. Es machte aber doch zu viel Spaß, mich im Selbstmitleid der armen, überforderten Studentin zu suhlen.

Wenn ich wenigstens jemanden hätte, der mich von meiner Unlust ablenken würde, doch Zeit hatte wohl auch keiner. Hätte Sina nichts zu tun, wüsste ich das. Manchmal sahen wir uns fast jeden Tag, wobei das nun vermutlich ein Ende hatte, da sie ihre Freizeit eher mit ihrem Freund verbrachte. Das fand ich verständlich und solange sie mich nicht ganz vergaß, konnte ich das ab.

Ich fischte mein Handy vom Nachttisch und scrollte durch meine Chats. Schließlich schrieb ich Aaron, ob er mir Marcs Handynummer geben würde. Wenn ich mich ablenken wollte, dann musste es so richtig sein. Da konnte ich auch direkt die Wette in Angriff nehmen.

Er schrieb gleich zurück und übermittelte mir die Nummer seines Kumpels selbstverständlich gerne. Wundervoll. Marcs leeres Chatfenster lag vor mir und ich hatte so viele Möglichkeiten. Unser gemeinsames Hobby konnte ein guter Einstieg sein, da hatte Aaron recht gehabt. Das musste ich nutzen.

Sophie, 16:29 Uhr: Hi, Sophie hier. Hab gedacht, ich frage dich mal, ob du Bock hast, am Sonntag mitzukommen. Wollte mir eine alte Mühle in der Nähe angucken.

Ich wartete eine Weile, doch die Häkchen wurden weder blau noch antwortete er. Das war eindeutig unbefriedigend. Während ich überlegte, ob ich in eine Klimaanlage investieren sollte, klopfte es an meine Tür.

»Was machst du?«, fragte Mama, die in Kleid und Sandalen dastand. Ein Einkaufskorb stand zu ihren Füßen und sie hielt ihr Portemonnaie in der Hand.

»Weiß ich nicht. Mich ablenken.«

»Ich will jetzt einkaufen. Brauchst du was?«

Mit einem Seufzen rollte ich mich auf den Bauch. »Wollen wir die Woche grillen? Bringst du mir Joghurt mit? Nur bitte nicht diesen komischen, den wir neulich hatten, da waren so seltsame Stücke drin, die ganz sicher keine Heidelbeeren darstellten.«

»Dann solltest du besser mitkommen.« Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Aber jetzt bitte, ich möchte nicht den ganzen Feierabendbetrieb abkriegen.«

»Dafür ist es zu spät. Ich ziehe mir eben Schuhe an.«

Im Auto war es warm. Draußen war es warm und auf dem Parkplatz des Supermarktes war es noch viel wärmer. Erst bei den Kühltheken wollte ich stehen bleiben.

»Wenn du noch länger in die Auslage starrst, lasse ich dich hier«, drohte meine Mutter, was mich dazu verleitete, mir meine Joghurts auszusuchen.

Es war ja nicht so, als würde ich nicht gerne in der Kühltruhe schlafen, aber zur Uni dauerte es dann morgen früh zu lange. Außerdem öffnete der Laden nicht vor acht Uhr und ob ich vorher rechtzeitig hier rauskam, war fraglich.

Wieder zu Hause setzte ich mich auf den Boden vor mein Bett. Mit dem Rücken lehnte ich mich an das Holzgestell und streckte die Beine aus.

Marc hatte sich in der Zwischenzeit gemeldet.

Marc, 16:45 Uhr: Hi, klar, gerne. Wann am Sonntag? Muss irgendwann auch noch lernen, aber das müssen wir ja alle.

Sophie, 18:09 Uhr: Erinner mich nicht daran. Was hältst du von 6 Uhr?

Marc, 18:10 Uhr: 6 Uhr morgens?

Sophie, 18:10 Uhr: Jep. Da ist es noch nicht so warm und wir haben noch genug Zeit, über den Tag etwas zu machen. Oder ist dir das zu früh?

Marc, 18:11 Uhr: Nee, nee, ich wollte es nur wissen.

Sophie, 18:11 Uhr: Musst die Nächte dann einfach zum Schlafen nutzen.

Marc, 18:12 Uhr: Das mache ich, glaub mir. Ich bin gar nicht so der Typ, um Nächte durchzumachen. Auch nicht zum Lernen. Nur wenn ich feiern gehe.

Sophie, 18:12 Uhr: Ich nutze die auch tendenziell zum Schlafen. Auf die ein oder andere Weise. :-P

Marc, 18:12 Uhr: ^^

Ich wartete noch einen Moment, es kam jedoch nichts mehr von ihm. Da war ich ja mal gespannt, ob er morgens um sechs Uhr wirklich fit war. Nicht dass ich ihn aus dem Bett klingeln musste. Das würde ich wahrscheinlich auch tun, denn das konnte witzig werden. Hoffentlich war er dann nüchtern. Falls er direkt von einer Party kam, ließ ich ihn stehen. Eine Alkoholeiche konnte ich nicht gebrauchen.

Ich schrieb Sina, ob sie nicht doch Zeit hatte – Fehlanzeige. Nachdem mich selbst Sinas mehrmals empfohlene und hoch angepriesene Lieblingsserie auf Netflix nicht packte, musste ich den Tatsachen ins Auge sehen: Lernen war unumgänglich.

Mittwochnachmittags lief ich immer ein bisschen beschwingter durch die Gänge der Uni. Ja, unter normalen Umständen hielt ich mich gerne hier auf und lernte Neues, allerdings waren die Prüfungen etwas anderes. Sie waren das Grauen.

Ich tat gerne mal so, als hätte ich ein schweres Leben, aber eigentlich durfte ich mich echt nicht beklagen. Ich wohnte noch zu Hause, mir wurden die Studiengebühren bezahlt und ich liebte den Job beim Studifunk. Radio war etwas, was ich mir im Gegensatz zu Jenny und Nils auch später vorstellen könnte.

Eigentlich hatte ich mehr als genug Zeit, mich endlich um ein Praktikum zu kümmern. Das musste ich so langsam mal tun. Und was passte da besser als ein Praktikum beim Radio? Allerdings sollte mich mal jemand antreiben, damit ich die Bewerbung abschickte. Prokrastination war mein dritter Vorname.

An unserem Radio gefiel mir vor allem, dass ich mittlerweile für Klatsch und Tratsch zuständig war.

Vor ein paar Wochen hatte ich für ein mittelgroßes Drama gesorgt, weil ich aus Jux verkündet hatte, dass der beliebteste Junggeselle am Campus nun vergeben war. Wir hatten das alle superlustig gefunden, bis Rieke eines Morgens einen filmreifen Brief mitbrachte. Da hatte sich jemand die Mühe gemacht, so richtig wie im Fernsehen Buchstaben auszuschneiden und ihr eine astreine Morddrohung zu schicken.

Zuerst fanden wir es alle witzig, doch als ein zweiter kam, änderte sich das. Rieke hatte es nicht auf die leichte Schulter genommen und bei der Polizei Anzeige gegen unbekannt erstattet. Wir sollten aber keine allzu großen Erwartungen haben, da selbst Dennis nicht mal eine Vermutung hatte, welche seiner vielen Verflossenen dafür infrage käme. Gruselig, was bei manchen Menschen nicht richtig lief. Seitdem war zum Glück kein weiterer Vorfall dieser Art passiert.

Als ich den Vorraum zur Aufnahmekabine betrat, wischte Nils gerade mit einem Lappen auf dem Tisch herum, auf dem Pult und Mikro standen. Er trug seine Haare gerade so lang, dass er sie zu einem Zopf binden konnte, was meiner Meinung nach echt bescheuert aussah. Da ich quasi die gleiche Frisur trug, hielt ich mich mit Kritik jedoch zurück.

»Was hast du angestellt?«, fragte ich, was ihn zusammenzucken ließ. Anscheinend hatte er mich nicht kommen gehört.

»Entspann dich«, bat er. »Nichts passiert.« Mit einer Rolle Zewa kam er zu mir rüber.

»Ich kenne dein ›nichts passiert‹. Am Ende gibt es wieder ein riesengroßes Drama.«

Meine Tasche stellte ich auf einem der Stühle ab. Wer wusste schon, was hier noch alles ausgeschüttet oder umgeworfen worden war?

»Du übertreibst«, stellte er klar, aber damit bekam er mich nicht.

»Ich übertreibe? Du bist doch die Dramaqueen schlechthin.« Mit dem Finger deutete ich auf ihn, um meinen Worten mehr Nachdruck zu geben.

»Du nicht?« Er ließ sich locker auf einen Bürostuhl im Vorraum fallen.

»Hä? Nein. Wenn ich irgendwas nicht bin, dann eine Dramaqueen. Meine Katze ist eine. Das ist schrecklich.«

»Was hast du für eine?« Nils drehte sich auf dem Stuhl hin und her, ehe er nach einer Flasche Apfelsaftschorle griff, die ganz nah an der Wand auf dem Tisch stand.

Ob das der Übeltäter war?

»Eine graue Perserkatze. Ewig alt. Hab sie quasi schon immer. Sie heißt Tiffy. Und hasst Menschen.« Hatte ich sie nie zuvor erwähnt?

»Ach.« Nils schraubte die Flasche auf und warf den Deckel wieder zurück auf den Tisch. »Mich mögen alle Tiere.«

Ich schüttelte einfach nur den Kopf. Das kannte ich schon. Es hatten bereits einige Leute behauptet, dass sie mit Tieren gut konnten, aber Tiffy war … na ja, Tiffy eben.

Meine Eltern durften sie anfassen und wenn sie gut drauf war, durfte ich es auch. Ansonsten niemand.

Selbst Sina, die schon ewig bei uns ein und aus ging, musste aufpassen. Tiffy hatte sich einmal an ihr Bein gehängt, weil meine beste Freundin die Katze hinter einer Ecke übersah.

Ich wollte mich nicht drauf versteifen, doch noch immer war ich quasi überzeugt, dass Tiffy das absichtlich getan hatte. Sie wollte einen Grund finden, Menschen wehzutun.

Marc verglich sie gelegentlich mit dem schwarzen Vieh aus Friedhof der Kuscheltiere, wenn wir über sie sprachen. Er sollte froh sein, sie noch nie live und in Farbe erlebt zu haben.

»Keine Sorge, ich hab da drinnen nichts kaputt gemacht«, erklärte Nils und deutete zum Aufnahmeraum.

»Das will ich stark hoffen«, erwiderte ich, was ihm nur ein Schulterzucken entlockte.

»Du müsstest es doch nicht bezahlen.«

»Natürlich nicht, trotzdem muss das ja nicht sein.«

Er stellte seine Flasche wieder an den sicheren Platz zurück, an dem er sie zuvor abgestellt hatte. »Nee, nee, schon klar.« Mit einem abklärenden Rundumblick erhob er sich. »Ich bin jetzt weg. Du willst doch wahrscheinlich eh noch etwas vorbereiten.«

Nicht unbedingt sofort, aber dazu musste ich Nils nicht aufhalten. »Alles klar. Wir sehen uns«, verabschiedete ich ihn, woraufhin er nickte und winkend verschwand.

Ich nahm seinen Platz auf dem Stuhl ein, jedoch nur kurz. Dann wollte ich mich lieber meiner Playlist widmen.

Meine Tasche nahm ich mit rüber, stellte sie am Schreibtisch ab und kippte erst mal eines der Oberlichter. Die Luft roch alt mit einer Note abgewetzten Gummis. Auf den Lamellen am Fenster lag ganz fein Staub. Das Thema der Woche lautete 90s, da dazu am Samstag mal wieder eine Party stieg. Ich selbst würde nicht hingehen können, doch das machte mir nichts aus. Ich freute mich auf die Mühle und es erfüllte mich mit Euphorie, dass ich in Zukunft jemanden hatte, der gerne und regelmäßig mitkommen würde.

Mithilfe des Internets suchte ich mir eine Liste mit den damaligen Charts heraus. Alle konnte ich schließlich nicht kennen.

Um Punkt halb vier ließ ich meine Stunde mit den Backstreet Boys starten. Was war mehr 90er als die Backstreet Boys?

Mit dem Fuß wippte ich ein bisschen mit, doch ich musste auch drauf achten, dass ich mein Mikro rechtzeitig wieder anstellte.

»Hallo Leute«, sagte ich, nachdem die letzten Töne verklungen waren. »Hier ist wieder Sophie mit Sag’s Sophie. Ich hoffe, eure Woche war nicht so katastrophal wie meine. Das Thema der heutigen Sendung habt ihr sicher bereits erkannt. Heute steht alles im Zeichen der 90er Jahre. Am Samstag steigt nämlich die Party des Jahres. Ihr müsst euch mal eine Pause gönnen. Deswegen lasst ihr es dann ab 20 Uhr so richtig krachen. Alle weiteren Infos bekommt ihr nach Fanta Vier. Wie immer könnt ihr mir auf Twitter und Facebook schreiben. Auch Kommentare auf unserer Website sind immer gern gesehen.«

Damit ließ ich Die da? von den Fantastischen Vier laufen und checkte dabei den Kommentarbereich unserer Website.

Es gab tatsächlich Leute, die auf meine Sendung warteten, was ich immer noch nicht so richtig geschnallt hatte. Das war, als hätte ich Fans. In einem der Kommentare wurde ich auf eine Party aufmerksam gemacht, die ich ankündigen sollte. Bei so was musste ich mich immer rückversichern, ob es gewünscht war, die Feier hier zu erwähnen. Private Feiern ließ ich deswegen generell links liegen. Ich konnte da nie sicher sein, ob es dem Gastgeber recht war, wenn plötzlich viel mehr Menschen auftauchten.

Ich erkundigte mich also, ob der Gastgeber dort schrieb und es abgesegnet hatte. Die Antwort fiel negativ aus. Immerhin. Er hätte mich auch anlügen können.

Normalerweise nahm ich solche Partyanfragen nur auf, wenn ich den Anfragenden kannte und genau wusste, wo und zu welchen Bedingungen die Party stattfand.

Letztes Jahr hatten wir eine Grillstelle an der Donau klargemacht und als Mitbringparty war das echt gut gelaufen. Beim nächsten Team-Meeting sollte ich das unbedingt noch einmal vorschlagen. Das Ganze ließe sich recht spontan organisieren.

Genau in dem Moment ploppte auf meinem Handy die Wetter-App auf und warnte aufgrund der aktuellen Höchsttemperaturen vor Grillen mit offenem Feuer. Als hätte mein Handy gewusst, was ich vorhatte. Das fühlte sich irgendwie gruselig an.

Mit spitzen Fingern drückte ich die Sperre wieder rein und schob es weit von mir weg.

Um mich abzulenken, suchte ich noch zwei Lieder raus, die ich anschließend direkt spielen wollte, und kümmerte mich weiter um die Anfragen.

Kapitel 4 - Marc

Eigentlich half mir das Joggen immer, den Kopf frei zu bekommen und mich weniger mit meinen Sorgen zu beschäftigen. Es gab nichts Schöneres, als den Tag damit zu starten, eine Runde laufen zu gehen. David würde etwas anderes sagen, aber mein kleiner Bruder hatte da kein Mitspracherecht.

Heute jedoch half sogar meine morgendliche Routine nicht dabei, runterzukommen. Dafür hasste ich Vorträge zu sehr. Und heute stand mir einer bevor.

Es war immer noch warm draußen, als ich in kurzer Laufhose und T-Shirt das Haus verließ. Meine Smartwatch sagte mir, dass wir um fünf Uhr morgens bereits 24 °C hatten.

Normalerweise startete ich meine Aufwärmrunde im Sommer mit einem lockeren Pullover, da es nachts vergleichsweise empfindlich abkühlte, aber das war heute nicht nötig. In weiser Voraussicht hatte ich gar keinen übergezogen.

Ich trabte locker rüber in den Park, dehnte mich ein wenig und lief eine kleine Runde. Dann stellte ich meine Stoppuhr und machte mich daran, meine Zeit vom Vortag zu übertreffen. Ich hatte nur noch bis zum September, um mich richtig auf den Halbmarathon vorzubereiten, und so langsam musste ich aufhören, so viel zu trinken und jedes Wochenende unterwegs zu sein. Meine Distanzläufe wiesen noch nicht die Zeit auf, die ich anstrebte, um den Halbmarathon in anderthalb Stunden zu meistern.

Das war tatsächlich ein sehr ambitioniertes Ziel, doch es gab kaum etwas Besseres, als den inneren Schweinehund zu besiegen. Da traf es sich eigentlich sehr gut, dass mich Sophie gefragt hatte, ob wir uns am Sonntag eine alte Mühle ansehen wollten. Das hieß, dass ich Samstag zu Hause bleiben würde, und mehr als meine Bücher bekamen mich nicht zu Gesicht.

Das Lauftraining lief heute nicht so gut, wie ich es gerne gehabt hätte, aber ich schob es einfach darauf, dass ich mit dem Kopf ganz woanders war.

Als ich wieder über die Straße ging, überzog ein dünner Schweißfilm meine bloßen Arme. Selbst jetzt fror ich nicht. Nicht mal ein kleines bisschen.

Noch lag das Haus in völliger Ruhe, als ich meine Klamotten in den Wäschekorb warf und unter die Dusche stieg. Kalt ließ ich den Schweiß abwaschen, damit ich schnell das Wasser wärmer drehen konnte.

Wenn ich vom Sport kam, musste ich immer kurz kalt anfangen, da ich sonst das Gefühl hatte, nicht richtig sauber zu werden. Doch danach entspannte ich kleiner Warmduscher lieber bei einer heißeren Temperatur. Ich hasste kaltes Wasser.

Die Uhr im Bad zeigte halb sieben, als ich aus der Dusche trat und die Glaswände mit einem Gummiwischer abzog, damit keine Kalkflecken zurückblieben. Ich hatte noch reichlich Zeit zu frühstücken und mich dann auf den Weg zu machen, um nicht zu spät zu kommen.

Normalerweise würde mich das freuen, doch der Grund, weswegen ich so früh auf war, bereitete mir Magenschmerzen. Vorträge waren nicht mein Fall, da konnte ich noch so oft üben und mir Karteikarten schreiben.

Wenn ich da vorne stand und zu einer Menge Leute sprechen musste, begann ich, zu stammeln. Daran gewöhnte man sich, aber es nahm mir nicht die Aufregung, wegen der ich nicht hatte schlafen können.

»Guten Morgen«, begrüßte mich mein Bruder, der in der Küche stand und sich sein Frühstück zubereitete.

»Hi«, erwiderte ich und wuschelte mir durch die feuchten Locken.

Ich konnte mit denen eh machen, was ich wollte, sie saßen nie so, wie ich es mir vorstellte. Würde David seine Haare länger tragen, würden sie sich auch locken, doch er rasierte sie immer so kurz, dass es nicht passierte.

»Das ist ein Wetter, was?«, fragte er mich und kontrollierte den Topf auf dem Herd.

»Du kochst jetzt nicht gerade Eier, oder? Massephase oder was?«, wollte ich wissen, aber David grinste nur. »Wie lange sind die schon drin?«

Mit einem prüfenden Blick suchte ich nach einer Eieruhr. Im Hause Brunner kochte niemand Eier, ohne eine Uhr zu stellen.

»Sechs Minuten«, informierte mich mein kleiner Bruder, nachdem er auf sein Handy gesehen hatte.

»Du kochst sie hart.«

»Ja, natürlich, ich will sie mit zur Arbeit nehmen.«

Mit einem Seufzen griff ich mir ein Ei aus der Verpackung und legte es ans Ceranfeld, damit ich es gleich reintun konnte, wenn David fertig war.

»Guten Morgen. Seid ihr zwei heute Abend zu Hause?«, fragte Papa, der bereits mit der Tageszeitung in die Küche kam und aussah, als würde er direkt loswollen.

David und ich warfen uns einen fragenden Blick zu.

»Ich ja, bin wahrscheinlich mit Lernen beschäftigt«, sagte ich und schielte zum Handy.

Herrgott, die Eier waren doch bereits hart. Noch härter ging es nicht.

David nickte irgendwo neben mir. »Wollte mal gucken, was Kathi so vorhat. Eigentlich ist nichts geplant. Wieso?«

»Hab gedacht, wir könnten mal wieder einen Spielabend machen. Was meint ihr?«

Sein Ernst? Wusste er etwa nicht mehr, was beim letzten Mal passiert war? Ich stimmte zu, aber mit einer Diskussion am frühen Morgen, was für Spiele wir vorschlugen und ob David sich zusammenreißen würde, wollte ich nichts zu tun haben.

Im Bus ging ich meine Karteikarten noch einmal durch und hatte wirklich das Gefühl zu wissen, was ich gleich erzählen würde. Aber mir war auch klar, dass es nur eine Momentaufnahme sein konnte. Vorne vor den Leuten sah es schon wieder ganz anders aus.

Zum Glück fand der Vortrag gleich in der ersten Vorlesung statt, sodass ich es direkt hinter mir hatte.

Den Blick ließ ich gesenkt, als ich über den Campus huschte. Meine Freunde liefen hier sicher irgendwo herum, doch dafür hatte ich keinen Kopf.

Das tat mir immer leid, wenn sie mich grüßten und ich in solchen Momenten nicht reagierte, aber da mussten sie Verständnis aufbringen.

Auf meinem Sitzplatz in der Vorlesung wippte ich die ganze Zeit mit dem Bein. Es war mir nicht möglich, es ruhig zu halten. Meine Finger tippten lautlos auf den Tisch.

Eine Ewigkeit später durfte ich endlich nach vorne kommen und meinen Vortrag über das Dehnen vor dem Schulsport halten. Das war immer etwas, was wenig behandelt wurde, dabei war es ein genauso wichtiger Teil dessen und es sollte einen Platz im Lehrplan bekommen. Selbst wenn es leider Lehrer gab, welche die ganze Zeit nur Völkerball spielen ließen.

Ich hatte meine Karteikarten, ich kannte mich sehr gut mit dem Thema aus und war überzeugt von dem, was ich da erzählte. Dennoch redete ich meiner Meinung nach zu leise und hakte zu häufig.

Am Ende kamen noch vereinzelte Fragen, die ich alle problemlos hinter mich brachte, und dann war ich endlich erlöst.

Es war sekündlich zu merken, wie die Anspannung von mir abfiel, als ich danach über den ganzen verdammten Campus laufen musste, um zu meiner nächsten Vorlesung zu gelangen. Da ich dafür genug Zeit hatte, holte ich mir unterwegs einen Kaffee.

Mir kam es heute gar nicht so heiß vor, aber das konnte täuschen. Meine Smartwatch zeigte mir 30 °C an. Und das vormittags. Es würde sicher wieder eine Tropennacht geben.

Ich genoss das kleine Gefühl der Freiheit, denn spätestens nachher, wenn ich für meine mündliche Prüfung am Montag üben würde, war ich wieder so am Arsch.

Im Gang vor meinem nächsten Vorlesungssaal lehnte ich mich an die Wand und wollte erst meinen Kaffee austrinken, damit ich nicht die ganze Zeit den leeren Becher auf dem Tisch stehen hatte.

An der Tür wartete ebenfalls ein Pärchen, das sich leise miteinander unterhielt. Er sagte etwas, was sie zum Lachen brachte und dafür sorgte, dass sie sich an ihn lehnte. Sie lächelte, als er den Arm um ihren Oberkörper schlang und sie noch näher zog.

Ich kam nicht umhin, sie ein wenig um das zu beneiden, was sie hatten. Ich wusste, warum ich aktuell die Finger von Beziehungen ließ, dennoch vermisste ich es, jemanden zu haben, an den ich mich anlehnen konnte. Der für mich da war, jemand, für den ich da sein durfte.

Es hatte mich viel Zeit und einige gebrochene Herzen gekostet, bis mir klar wurde, dass ich mein Glück nicht von einem Partner abhängig machen durfte. Ich hatte also erst mal wieder lernen müssen, allein zufrieden zu sein. Glücklich zu sein, wäre zu viel gesagt, aber ich kam zurecht.

Trotzdem hatte ich mir auferlegt, die letzten Semester nichts mehr mit einer Frau anzufangen. Weil ich eh nicht der Typ war, der eine lockere Beziehung führen konnte, rutschte ich da auch nicht aus Versehen rein. Ich ließ es einfach komplett bleiben. Es gab Partys, Alkohol und meine Freunde. Mehr brauchte ich im Moment nicht.

An mir lief eine junge Frau vorbei, die die Haare blau gefärbt trug und dazu große rote Kopfhörer aufhatte. Sie bewegte die Lippen leicht mit, während sie sich ebenfalls in die Nähe der Tür stellte.

Beim Laufen war Musik auch immer mein Begleiter gewesen, bis ich gemerkt hatte, dass es mich ablenkte und ich schneller außer Atem kam, weil ich immer wieder begann mitzusingen.

Die beiden an der Tür verabschiedeten sich mit einem Kuss voneinander, und mit einem leisen Seufzen folgte ich dem Kerl in den Vorlesungssaal.

Ich war rechtzeitig geflüchtet, bevor der Streit losgehen konnte. Dabei hatte sich mein Bruder an einer meiner Aussagen aufgehangen. Es war genau das eingetreten, was ich erwartet hatte. Bei einer Runde Cluedo stand David plötzlich ohne Tatwaffe da und behauptete, ich hätte ihm eine falsche Info gegeben. War natürlich alles völliger Quatsch, aber er steigerte sich immer so rein, dass der ganze Abend gelaufen war. Nachdem sich seine Freundin Kathi dann eingemischt hatte, war es an der Zeit zu flüchten.

Jetzt saß ich auf meinem Schreibtischstuhl und versackte in Facebook, scrollte ein bisschen durch Twitter und sah mir an, was für Veranstaltungen am Wochenende anstanden.

Die Zimmertür meines Bruders knallte zu und kurz darauf die Haustür. Anscheinend war Kathi gegangen.

Am oberen Rand erschien eine Mitteilung und so wechselte ich von Facebook zu WhatsApp.

Sophie, 21:49 Uhr: Ich sehe, dass du an Veranstaltungen interessiert bist, die am Samstag stattfinden!

Marc, 21:50 Uhr: Stalkst du mich etwa?

Sophie, 21:50 Uhr: Selbstverständlich. Denk dran, Sonntag, 6 Uhr, gebügelt und gestriegelt.

Marc, 21:51 Uhr: Ich habe das nicht vergessen.

Sophie, 21:51 Uhr: Gut. Was machst du so?

Marc, 21:52 Uhr: Ach, ich habe gerade einen Spieleabend mit meinem leicht cholerischen Bruder überlebt. Er hat sich mit seiner Freundin gestritten. Und du?

Sophie, 21:52 Uhr: Oh cool. Klingt spannend. Was hast du angestellt?

Marc, 21:53 Uhr: Gar nichts. Was soll ich denn getan haben? Es wurde Cluedo gespielt, David hat nicht aufgepasst und hatte keine Waffe mehr. Da hat er mich beschuldigt.

Sophie, 21:53 Uhr: Irgendetwas wirst du schon getan haben.

Marc, 21:54 Uhr: Ja, na klar. Ich war es immer. So ist das mit größeren Brüdern. :-P

Sophie, 21:54 Uhr: Natürlich. Ich bin zwar Einzelkind, aber man weiß ja, wie das mit Geschwistern ist. Muss jetzt wohl doch lernen. Denk an Sonntag.

Marc, 21:55 Uhr: Ja, natürlich. Ich bleibe Samstag einfach zu Hause. Tu nicht so, als könnte ich das nicht.

Sophie, 21:55 Uhr: Okay, okay. Wir sehen uns dann.

Marc, 21:55 Uhr: Gebürstet und gestriegelt.

Kapitel 5 - Sophie

Mit dem Rücken lehnte ich an der Beifahrerseite und hatte die Beine locker ausgestreckt. In den Bäumen rauschte es, was mich hoffen ließ, es würde nicht ganz so heiß werden und ein laues Lüftchen gehen. Trotzdem trug ich nur ein Top und kurze Shorts.

Normalerweise zog ich zu solchen Ausflügen immer eine lange Hose an, doch obwohl es erst kurz nach sechs Uhr war, brannte die Sonne bereits vom blauen Himmel herunter.

Während ich auf Marc wartete, der hoffentlich pünktlich sein würde, sah ich mich in der Gegend ein bisschen um. Hier war ich noch nie gewesen. Die Häuser standen entweder allein oder es waren kleine Mehrfamilienhäuser mit hübschem Gemeinschaftsgarten. Jedes Grundstück trennte ein mehr oder weniger gepflegter Gartenzaun.

Auf der anderen Straßenseite lag ein kleiner Park, in dem nur einige wenige Leute zu sehen waren, die jetzt schon ihren Hund ausführten. Ein Mann sah so alt aus, dass er sich in der Mittagshitze nicht mehr raustrauen sollte, das könnte unschön enden. Ansonsten war es ruhig.

Ich spielte ein bisschen am Autoschlüssel herum, ließ das Metallteil einrasten und wieder rausschnellen.

Endlich hörte ich eine Haustür zufallen, und aus einem der Gärten kam mir Marc entgegen. Er trug ebenfalls kurze Sachen, aber auch feste Wanderschuhe. Kluger Mann. Und er sah gar nicht verkatert aus. Zumindest auf den ersten Blick.

»Guten Morgen«, rief er und hob die Hand, um mir zu winken.

»Na, du bist ja gut drauf«, stellte ich leise fest, bevor er bei mir angekommen war. »Alles fit?«, erkundigte ich mich, als er mich zur Begrüßung kurz in den Arm nahm.

Sein Deo stieg mir in die Nase, als meine Brüste seinen Oberkörper streiften. Seine Locken fühlten sich feucht an, während sie an meiner Schläfe kitzelten. Beim Zurücklehnen sog ich noch einmal seinen Duft ein, und trotz der Temperaturen überlief mich ein Schauer. Ich vergötterte herbe Männerdeos.

»Du riechst gut«, stellte ich fest. Das konnte ich einfach nicht unkommentiert lassen.

»Klar. Bin seit zwei Stunden auf und war schon joggen. Deswegen habe ich mich ein bisschen verspätet. Wollte nicht ohne eine Dusche kommen. Wäre ekelig gewesen.«

»Du warst schon joggen?«

»Ja. Ist meine normale Uhrzeit. An Wochentagen würde ich jetzt frühstücken und mich für die Uni fertig machen.«

»Echt?« Das verwirrte mich total. Ich wusste, dass er Sport trieb, aber dass er das so ernst nahm, hatte ich nicht erwartet.

»Warum ist das ungewöhnlich? Hast du geglaubt, dass ich frisch von einer Party komme? Und noch völlig fertig bin? Hab doch gesagt, dass ich zu Hause bleibe.« Er grinste und wechselte dabei die Hand, die seinen Rucksack hielt.

Ein bisschen peinlich berührt zuckte ich mit den Schultern. »Ich weiß auch nicht so genau, was ich erwartet habe.« Mit den Händen deutete ich auf ihn. »Jedenfalls nicht das.«

Er schien mit sich selbst äußerst zufrieden zu sein, als er an mir vorbei nach dem Türgriff fasste.

»Du musst warten. Die Zentralverriegelung hat vor einer Weile den Geist aufgegeben.« Ich ging um den Wagen herum und schloss ihm auf.

»Wo müssen wir denn hin?«, fragte er, während er sich anschnallte und seine langen Beine mit dem Rucksack im Fußraum sortierte.

Marc war gar nicht übermäßig groß, aber er hatte dazu doch vergleichsweise lange Beine. Da hatten schon ganz andere Männer auf dem Beifahrersitz gesessen, die deutlich schlechter dahin gepasst hatten.

»Wir fahren ein kleines Stück aus Regensburg raus. Nicht weit. Die Mühle ist öffentlich zugänglich, wurde nur leider nie restauriert.«

Er seufzte. »Das finde ich immer schade. Es sind alte historische Gebäude, die ein Zeitgeschehen erzählen. So was sollte alles geschützt werden.«

»Klar«, stimmte ich ihm zu. »Doch das muss ja jemand bezahlen und unterhalten.«

»Das ist das Problem dabei.«

Da konnte ich ihm nur beipflichten. »Was hast du alles mit?« Ich nickte zu seinem Rucksack.

»Wasser und meine Kamera. Und einen Müsliriegel, falls ich Hunger bekomme.«

»Fotografierst du?«

Er warf mir einen merkwürdigen Blick zu. »Du bist so früh morgens noch nicht auf der Höhe, oder? Wozu sollte ich eine Kamera mitnehmen, wenn ich nicht fotografiere?«

Ich streckte ihm die Zunge raus. »Du weißt ganz genau, wie ich es gemeint habe.«

»Klar. Es ist nur so lustig, wie sehr es dich erstaunt, dass ich Hobbys habe und denen auch nachgehe.«

»Ich hatte tatsächlich eine falsche Meinung von dir«, gab ich zu, was ihn zum Lachen brachte.

»Ich habe nach wie vor noch keine wirkliche Meinung von dir und du hast deine bereits einmal geändert?«

Er schien das wirklich total lustig zu finden. Wir kannten uns seit ein paar Monaten, da bildete man doch automatisch eine Meinung. Ich konnte doch nicht einfach nichts von ihm denken.

»Sag mal, was hast du heute den Rest des Tages noch so vor?«, wechselte ich das Thema.

»Lernen wahrscheinlich. Du?«

»Ja, auch, hast du Lust, das ins Freibad zu verlegen? Ich könnte den anderen Bescheid sagen. Michelle und Fee freut es sicher.«

»Hm«, machte Marc daraufhin nur.

»Was denn?«

»Ich bin da nicht so für. Mein Hauttyp ist Mehl Typ 405. Weißt du, was ich für Sonnenbrand bekomme, wenn ich nicht aufpasse? Sogar im Schatten?«

Mein Schulterzucken musste ihm als Antwort reichen. Dann eben nicht. Die anderen würde ich nachher trotzdem fragen.

Wir fuhren ein kurzes Stück schweigend über die Autobahn und danach direkt wieder ab. Damit landeten wir in einem kleinen Ort, der zu Regensburg gehörte.

»Hier hat mal ein Kumpel gewohnt«, warf Marc beiläufig ein und deutete die Straße entlang. Ich musste mich auf den Verkehr konzentrieren und konnte nicht gucken, wohin er genau zeigte.

Wir bogen am Ortsausgang auf einen Feldweg ab, der zu einer kleinen Baumansammlung führte und von dort auf einen geschotterten Parkplatz. Ich parkte den Wagen möglichst so, dass er die ganze Zeit im Schatten stehen würde.

»Cool«, sagte Marc, während er die Autotür öffnete.

»Ja, mega«, stimmte ich ihm zu und folgte ihm.

Die Mühle sah von außen recht gepflegt aus, obwohl das Wasserrad nicht mehr in Betrieb war. Efeu rankte über die Fachwerkmauern und es wirkte alles sehr idyllisch und friedlich. Marc schulterte seinen Rucksack und war schon ein paar Schritte gelaufen, bis ich den Wagen abgeschlossen hatte.

Um diese Uhrzeit war mein Auto das einzige auf dem Parkplatz.

»Ich finde es jetzt schon total schön hier«, sagte Marc und drehte sich beim Laufen zu mir um.

»Ich habe bis jetzt nur Fotos gesehen, aber mir war sofort klar gewesen, dass ich sie mir angucken muss.«

»Danke, dass du gefragt hast, ob ich mitkomme.«

»Kein Problem. Es ist doch cool, jemanden zu haben, den man kennt.« Ich sah ihn vor mir nur mit dem Kopf nicken.

Wir drehten erst eine Runde über das relativ verwilderte Grundstück, ehe wir uns ins Innere wagten. Kaum hatten wir die Mühle betreten, umfing uns eine angenehme Kühle. Wie außen lag auch innen der Backstein frei und ließ alles noch älter wirken. Hier und da war etwas rausgebrochen oder verwittert.

Marc kramte seine Kamera aus dem Rucksack und schoss ein paar Fotos. Nach jedem verstellte er etwas an dem Gerät.

Eigentlich wollte ich nachhaken, was er da machte, aber ich ahnte, dass ich es eh nicht verstehen würde, deswegen beschloss ich, die Frage zu verschieben. Wir würden sicher noch einmal gemeinsam unterwegs sein, dann konnte er mir das in Ruhe erklären. Oder später.

Der untere Teil der Mühle bestand aus einer großen Kammer, in der das Mehl letzten Endes verarbeitet wurde. Öfen waren an einer der Wände eingelassen und es gab große metallene Siebe, vor denen Marc in die Hocke ging, um sie im richtigen Winkel zu fotografieren. Die Sonne schien durch eines der Fenster herein und irgendwie gab es dem Ganzen einen noch altertümlicheren Touch. In seiner Nähe lagen alte zerschlissene Jutesäcke, von denen er sich einen nahm und ihn sanft ausschüttete. Ich hätte nicht gedacht, dass da noch Mehl enthalten war, aber das weiße Zeug rieselte in einer kleinen Wolke auf den Boden.

»Schau.« Marc ging auf die Knie und hielt seinen Arm daneben. »Ich bin sogar heller als das Mehl.«

»Wirklich?«, wollte ich mit einem amüsierten Augenrollen wissen, ehe er lachend wieder aufstand und sich den Dreck von den Beinen wischte.

»Wie viele Brote sie hier wohl früher gebacken haben?«, fragte mich Marc, als er zu einem der Fenster ging und aus ebendiesem sah.

»Ich vermute mal, dass es entweder eine offene Backstube war, wo jeder kommen konnte, dem es zu Hause nicht möglich war, zu backen, oder sie haben hier verkauft. Wahrscheinlich beides. Wusstest du, dass die ältesten Brotfunde fast 40.000 Jahre alt sind?«

Er sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Das ist alt.«

»Ja. Zuerst war es nur zu Fladen gebackener Getreidebrei, der so haltbar und transportfähig gemacht wurde. Erst mit der Entdeckung der Hefegärung vor rund 5.000 Jahren und der Erfindung von richtigen Öfen wurden dann auch klassische Brote gebacken.«

Er kam auf mich zu. »Danke, Frau Schubeck, haben Sie gerade Wikipedia zitiert?« Im Laufen schoss er blind mit der Kamera vor seiner Brust ein paar Fotos von mir, wie ich ihn musterte.

»Wir waren in der achten Klasse in einem Freilichtmuseum. Da durften wir mit dem Mörser selber mahlen und so. War ganz nett, daher weiß ich so einen Kram noch.«

»Das ist spannend, gewöhn dir nie ab, so was zu erzählen, wenn du es weißt. Das ist nicht klugscheißen, das ist cool.«

Für einen kurzen Moment betrachtete ich seine grünen Augen und ließ meinen Blick über sein Gesicht wandern. »Hat denn schon mal jemand versucht, dir eine positive Eigenschaft auszureden? Hör nicht drauf. Wer dich nicht so mag, wie du bist, der hat dich gar nicht verdient.«

Ein feines Grinsen erschien auf seinen Lippen. »Haben wir jetzt einmal unsere Lebensweisheiten ausgetauscht?«

Mit einem leichten Schlag gegen seine Brust drehte ich mich weg und lief ein paar Schritte durch den Raum, um mir den Rest anzusehen. Auf einem der Tische lagen alte zerfledderte Bücher. Vorsichtig hob ich den Deckel des ersten an. »Guck dir das an«, rief ich.

Marc war schon bei der Treppe und drehte sich noch einmal um.

»Das hier sind alte Auftragsbücher.«

Er hatte seine Kamera bereits gezückt, bevor er bei mir ankam. Mit einem nachdenklichen Blick lief er um den Tisch herum. Ich kam nicht umhin, ihn zu beobachten. Es war echt spannend zu sehen, wie es in seinem Kopf arbeitete und sich das auf seinem Gesicht widerspiegelte.

»Mich irritiert, dass die immer noch hier liegen und sie keiner mitgenommen oder zerrissen hat.«

»Na ja, sieh dich um. Das hier scheint kein Jugendtreff zu sein, sonst wäre hier Graffiti. Oder es lägen irgendwo gebrauchte Kondome und zerdeppertes Glas herum. Und beim Urban Exploring ist eine wichtige Regel, dass nichts entwendet oder zerstört wird.«

»Ja, schon, aber dadurch, dass es hier nicht mal mehr eine Tür gibt, ist es umso verwunderlicher.«

Da stimmte ich ihm zu. Mich irritierte es ebenfalls, dennoch gefiel es mir. Ich war schon zu oft über Scherben, Spritzen und altes Zeug gestolpert.

»Gehen wir hoch?« Marc wartete gar nicht, ob ich ihm folgte, sondern lief einfach los.

Die Treppe nach oben war wackelig und das Geländer nicht mehr vollständig. Ich hielt mich mit einer Hand an der Wand fest, weil es mir sicherer erschien.

Im ersten Stock befand sich der Steinboden. So wurde die Ebene genannt, auf der das Korn gemahlen wurde. Von oben führten breite, gewundene Rutschen herunter, über die das gelagerte Korn damals heruntertransportiert worden war.

Die Dielen knarzten unter unseren Schritten und es war deutlich zu spüren, wohin wir traten. Erwischte ich einen Balken, wippte der Boden vergleichsweise wenig mit.

Ich blieb an der Treppe stehen, während Marc in den Raum hineintrat und sich alles in Ruhe ansah. Am ersten Pfosten prangte ein Metallschild.

Langsam ging ich darauf zu, während ich mein Handy zückte, damit ich auch ein paar Fotos hatte, die ich posten konnte. Obwohl sie sicher nicht so gut waren wie seine.

»Kommst du später noch vorbei, dann können wir uns in Ruhe die Bilder angucken?«, fragte Marc, der sich mit der Kamera im Anschlag zu mir umdrehte.

»Eigentlich gar keine schlechte Idee. Aber bitte erst, wenn es nicht mehr so warm ist.«

»Das ist okay. Ich muss ja eh noch lernen.« Er drückte ab und hatte mich wieder festgehalten. Die Bilder würden doch nachher nach nichts aussehen, wenn ich nur in die Gegend starrte.

»Ganz ehrlich, wenn du ein Foto von mir willst, nimm mein Profilbild bei Facebook. Das sieht wenigstens gescheit aus.«

Marc warf mir ein Grinsen über die Schulter zu. »Ich schreibe dir später, wenn ich Zeit habe.«

Wir erkundeten noch das Dachgeschoss, aber hier gab es nicht wirklich etwas zu sehen. Außer einem Blick über die Landschaft. Der gefiel mir wirklich gut und ich hielt ihn selbst noch einmal fest, auch wenn Marc wieder drölfzig Fotos schoss.

Der Weg nach unten war ebenfalls wackelig und mit Blick dorthin, wo meine Reise enden würde, falls ich fiel, musste ich ein paar Mal schlucken.

Mir war gar nicht klar gewesen, dass mir Höhe zu schaffen machte. Marc hingegen lief locker vor mir her, was die alten Stufen umso mehr zum Wackeln brachte.

Ich atmete einmal heimlich tief durch, als ich unten ankam.

Kapitel 6 - Marc

Obwohl ich nicht gerne ins Freibad ging, da ich die Blicke der Menschen um mich herum nicht mochte, war die Idee heute gar nicht so schlecht. Sophie benahm sich dabei auch so überzeugend, dass ich schließlich zusagte. Mir lief der Schweiß schon den Rücken hinab, als ich meine Kamera einpackte und den Rucksack zu meinen Füßen stellte. Mit krausgezogener Nase und spitzen Fingern griff ich nach meinem T-Shirt, um es mir ein Stück abzuhalten und Luft an die Haut zu lassen.

»Ekelhaft«, kommentierte Sophie, die sich ihrerseits mit ihrem Ausschnitt Luft zufächelte.

»Eindeutig.«

»Da ist Freibad genau das richtige.«

Ich nickte und warf noch einen Blick zur Mühle, die zwischen den schattenspendenden Bäumen stand. Wie gern würde ich mich wieder in die Kühle ihrer Mauern wagen.

»Du bist nicht gerade der Freibad-Typ, wenn ich mir deine Beine so ansehe.«

»Hab ich doch vorhin schon gesagt.«

Sophie griff sich ans Kinn, ehe sie nickte. »Stimmt. Das hatte ich wieder vergessen. Das Wetter … Ich möchte jetzt auch eigentlich gar nicht wissen, wie heiß es da drin ist.« Sie zeigte auf ihren Wagen, der mittlerweile in der Sonne stand.

»Finden wir es raus«, beschloss ich und zog am Türgriff, aber nichts bewegte sich. »Los, mach auf.«

»Ich will nicht.«

Ich bedachte sie mit einem auffordernden Blick.

»Ja, Mann. Schon gut. Eskalier nicht gleich.«

Während ich lachte, zog sie den Schlüssel aus ihrer Tasche. Die Jeans-Shorts waren so kurz, dass das Innenfutter nur gerade so unter dem Stoff verborgen lag.

»Das ist für dich Eskalieren? Pass mal auf, bis ich richtig anfange«, drohte ich spaßeshalber.

»Jaja«, machte sie nur und schloss endlich auf.

»Ach du Scheiße«, sagte ich, als ich die Beifahrertür geöffnet hatte und mir warme, stickige Luft entgegenschlug.

Wahrscheinlich konnte man die Metallschnallen des Gurtes nicht mal berühren, und um das schwarze Lederlenkrad beneidete ich sie keineswegs.

»Willst du fahren?«, hörte ich sie fragen, als ich den Rucksack in den Kofferraum legte.

»Ganz bestimmt nicht.«

»Schade. Hättest auch was gut bei mir.«

»Immer noch Nein«, rief ich lauter, weil ich die Klappe zufallen ließ.

Mit einem Seufzen setzte ich mich auf den dunkelgrauen Stoffsitz und tatsächlich: Er war wie erwartet verdammt kuschelig warm. Leider nicht auf eine positive Art und Weise. Wäre er im Winter so schön warm und im Sommer angenehm kühl, wäre das eine Wohltat.

Gab es dafür nicht eine Erfindung? Eine Matte oder so? Vielleicht entdeckte ich hier gerade eine Marktlücke? Das musste ich unbedingt googeln, wenn ich die Zeit hatte. Es war bestimmt vor mir bereits jemand auf die Idee gekommen, eine Matte auf der einen Seite mit einem Mesh-Stoff oder Ähnlichem zu verkleiden und Teddy auf der anderen. Das musste ich unbedingt prüfen. Ein Wende-Sitzbezug mit den Voraussetzungen könnte mich vielleicht zum Millionär machen.

»Soll ich dich absetzen und auf dem Weg ins Freibad wieder einsammeln?«, erkundigte sich die Fahrerin und warf mir einen schnellen Blick zu, um danach wieder auf die Straße zu sehen.

»Wäre vielleicht das Beste. Und ich sollte mich eincremen. Gründlich.«

Sophie kicherte. Irgendwie passte der Laut nicht zu ihr. Sie war kein kleines Mädchen oder eine Tussi. Ich sah sie eher als Kumpel-Typ. Ihr cooles, selbstbewusstes Auftreten und die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Hobbys bestritt, Alkohol trank und immer ihre Meinung vortrug, imponierte mir tatsächlich. Dazu sah sie in dem knappen Top und den kurzen Shorts echt heiß aus. Eine heiße, saufende Kumpeline.

»Bist du irgendwann mal damit fertig, mich abzuchecken?«

Mein Grinsen versuchte ich gar nicht erst zu unterdrücken. Es war für mich völlig in Ordnung, wenn sie dachte, dass ich sie abcheckte. Nichts anderes hatte ich gerade getan.

»Nachher habe ich einen Bikini an, da kannst du noch mehr gucken. Soll ich dir den Gefallen tun und einen knapperen anziehen?«

Ich war mir fast sicher, dass sie nur Witze riss. »Ja, okay. Mach das«, antwortete ich genauso beiläufig.

Unsere Blicke trafen sich und ehe wir wussten, was passierte, begann sich ein Lachen den Weg nach oben zu bahnen. Erst prustete sie los, dann stimmte ich ein. Das war aber auch zu amüsant.

Ja, obwohl sie echt gut aussah, hatte der Kuss damals irgendwie nichts bei mir ausgelöst. Allerdings war ich nicht der Typ, der einer Frau näherkam, wenn ich nicht mehr von ihr wollte als Sex. Das konnte ich einfach nicht. Es musste also nicht einmal verwunderlich sein, dass nichts weiter passiert war.

»Was machst du sonst, wenn du nicht gerne ins Freibad gehst?«, wollte sie wissen.

»Hm.«

»Sag schon«, drängte sie.

»Ich überlege. Nicht so viel. Ich zocke gerne. Ob mit den Jungs oder meinem Bruder. Und ich nutze die Nachmittage zum Lernen. Das darf ich einfach nicht schleifen lassen.«

»Ja, klar, verstehe ich. Und gerade ist es auch blöd, mitten in den Prüfungen. Nimm dir doch etwas zu lesen mit.«

»Was zu rechnen«, korrigierte ich, aber das war keine schlechte Idee.

Sophie setzte mich an der Straße ab. Es war noch nicht einmal Mittag und doch schon über dreißig Grad. Ob wir im Freibad überhaupt noch eine freie Stelle auf der Liegewiese finden würden?

Ich war kurz davor, abzusagen, als ich im Flur stand und die Kühle des einzigen Zimmers ohne Fenster im Haus genoss. Warum zum Teufel hatte ich zugesagt und musste noch einmal raus? Dennis schrieb mir eine Nachricht, dass ich bloß nicht kneifen sollte. Denn natürlich waren die anderen gleich Feuer und Flamme gewesen, als Sophie sie gefragt hatte.

»Hi«, begrüßte mich David, als ich ins Bad schlurfte, um mein T-Shirt zu wechseln und die stärkste Sonnencreme zu suchen, die wir besaßen.

»Hey.«

»Was machst du heute noch so?«, fragte er und folgte mir.

»Etwas Dummes.«

»Das wäre?« Er lehnte sich an den Türrahmen, während ich im Schrank wühlte.

»Hab fürs Freibad zugesagt.«

Mein Bruder lachte mich richtig amüsiert und dreckig aus. Na danke auch. »Seit wann machst du denn so was? Gibt’s da wieder eine Frau zu beeindrucken?«

»Nein. Meine Freunde gehen alle und aufgrund der Temperaturen hab ich mich zu einem Fehler hinreißen lassen.«

»Sei nicht so dramatisch.«

Ich zog mir das T-Shirt über den Kopf, nachdem ich gefunden hatte, wonach ich suchte. »Steh nicht rum, sondern hilf mir lieber. Und wehe, du malst mir einen Penis auf den Rücken.«

David schnaubte abwertend. »Wenn du mich auf solche Ideen bringst, bist du selber schuld. Du weißt ganz genau, was für ein lieber und unschuldiger Kerl ich bin.«

Mit einem Nicken meinerseits würde er sich begnügen müssen. Es war übertrieben und sarkastisch gemeint, was aber auch bei ihm ankam.

»Bin ich wirklich. Frag mal meine Freunde. Oder Kathi.«

»Nein danke. Ich möchte deine Freundin nicht nach deiner Unschuld befragen.«

David griff nach dem Handtuch auf dem Halter und schlug damit nach mir.

»Siehst du? Von wegen unschuldig und lieb. Ein Tyrann bist du. Und jetzt mach!« Ich hielt ihm die Sprühflasche hin.

David nahm sie mir ab und als ich ihm den Rücken zuwandte, tat er das, was ich erwartet hatte. Er sprühte mir das Zeug direkt auf den Rücken. Ich musste nicht extra erwähnen, dass es kalt war und verdammt unangenehm.

»Danke«, stieß ich hervor, während er in großen Kreisen meinen Rücken gegen die Sonne schützte.

»Wo warst du eigentlich heute? Für deine Joggingrunde kamst du viel zu spät nach Hause und es ist Sonntag, also warst du auch nicht an der Uni.«

»Diese Schlauheit von dir.«

»Schnauze«, brummte er.

»Ich war mit einer Freundin bei einer alten Mühle. Urban Exploring. Wir haben uns das Gebäude angesehen und Fotos gemacht. War echt genial dort.«

»Okay, cool. Welche Freundin? Rieke will doch nie mit, wenn du fragst.«

Ich nahm ihm die Flasche wieder ab und sprühte meine Beine ein. »Kennst du nicht.«

David lehnte sich locker ans Waschbecken. Er verschränkte die Arme vor der Brust, wobei sich der Stoff seines T-Shirts spannte. »Das war nicht meine Frage.«

»Sie heißt Sophie und gehört zu meiner Clique aus der Uni.« Meine Stimme klang etwas verzerrt, weil ich mich gerade zu meinen Knöcheln bückte.

Ob ich die Creme einpacken sollte, damit ich mich später erneut einschmieren konnte? Es wäre bestimmt keine schlechte Idee.

»Und ihr habt ein neues gemeinsames Hobby?« David glaubte mir nicht. Typisch.

Er war einer der wenigen, die mich hin und wieder zu einer Freundin animierten. Tinder war sein letzter Vorschlag gewesen. Eine Katastrophe sondergleichen.

»Nein. Das Hobby hatten wir schon unabhängig voneinander. Wir haben nur festgestellt, dass wir das ja auch gemeinsam ausüben können.«

»Aha«, machte mein Bruder und damit war völlig klar, dass er mir wirklich kein Stück glaubte. Was erwartete ich eigentlich von einem verkappten Romantiker? Ja, ich sollte nicht reden, eigentlich war ich ebenfalls einer. Dazu hatte uns unser Vater nun mal erzogen.

Das Klingeln an der Tür riss uns aus dem Gespräch. Ohne mir ein frisches T-Shirt überzuziehen, lief ich los, um sie zu öffnen.

Sophie kam auf mich zu, nachdem ich den Summer am Tor betätigt hatte. Sie grinste unter einem großen Strohhut hervor, trug ein kurzes Neckholder-Top, das bauchfrei war, und wieder diese knappen Shorts.

»Zieh dir was an«, sagte sie, als sie vor mir zum Stehen kam.

»Hab gedacht, du willst ebenfalls vorab schon mal gucken.«

Ihr Blick über meine Schulter zeigte mir, dass mein Bruder da irgendwo war, doch das sollte unserem kleinen Spiel keinen Abbruch tun.

»Hast du das gedacht?«, fragte sie und sah langsam an mir rauf und runter.

Sie blieb kurz an meinen Waden hängen, was auch immer sie da sah, bevor sie die Hand ausstreckte. Die Spitze ihres Zeigefingers landete genau auf meinem Brustbein.

»Interessant«, murmelte sie und ich vermutete, dass sie die Tatsache meinte, dass ich glatt rasiert war.

Schien eine Sonderheit zu sein, aber ich mochte es so lieber. Hatte sie das vorher an meinen Beinen noch nicht bemerkt? Würde ihren Blick eben erklären.

»Zieh dir was an«, wiederholte sie. Ihr Tonfall klang sehr trocken und gleichgültig.

»Bis gleich«, erwiderte ich und schnippte im Wegdrehen gegen den Anhänger ihres Bauchnabelpiercings, was ihr ein unwirsches Schnauben entlockte.

Im Bad zog ich mir schnell eine Badehose an, packte Wasser, Sonnencreme, Handy und Portemonnaie in meinen Rucksack, aus dem ich nur die Kamera rausnehmen musste. Mit einem T-Shirt locker über der Schulter liegend, kam ich wieder zu ihr.

»Was war an ›Zieh dir was an‹ nicht zu verstehen?«, sagte sie. Diesmal tatsächlich fordernder.

»Irritiert dich seine Babypopo-ähnliche Brust?«, fragte David, der in der Wohnzimmertür lehnte. Dann fielen ihm seine Manieren wieder ein. »Hi. David. Du bist Sophie, richtig? Ich bin Marcs kleiner Bruder.«

»Die bin ich.« Sie warf mir einen leicht irritierten Blick zu, ehe sie David die Hand schüttelte. »Können wir los?«

»Klar.«

»Sonnencreme?«

Ich nickte.

»Du wolltest was für die Uni machen. Eingepackt?«

Grummelnd zog ich mir das T-Shirt über. »Du bist nicht meine Mutti, also hör auf, dich wie sie zu benehmen.«

»Mir ist nur aufgefallen, dass du manchmal Dinge vergisst, wenn man dich nicht dran erinnert.«

»Das stimmt überhaupt nicht. Ich hatte mich nur noch nicht entschieden«, behauptete ich und lief noch einmal zurück in mein Zimmer, um mir ein paar meiner Unterlagen einzustecken.

Sophie grinste mich den ganzen Weg zum Auto an, als hätte ich etwas verbrochen, von dem nur sie wüsste. Schadenfroh war Madame also auch.

»Wer kommt denn alles mit? Dennis hat mir schon gedroht, sollte ich absagen.«

Obwohl ihr Wagen nicht lange gestanden hatte, war es schon wieder viel zu warm und stickig darin. Mir wollte echt nicht in den Kopf, dass Menschen selbst bei den Temperaturen Tiere und Kinder allein im Auto ließen.

»Dennis und Rieke haben zugesagt, Sina will nachfragen, ob Aaron mitkommt, ansonsten kommt sie nur mit Michelle.«

»Bringt Rieke Fee mit?«

Fiona, von allen nur Fee genannt, war die kleine Schwester meiner besten Freundin und im Alter von Sinas Tochter. Es war entgegen allen Erwartungen einfacher, die Kinder zu hüten, wenn sie zu zweit waren. Michelle war nämlich zu ruhig und zurückhaltend, um sich von Fee zu sämtlichem Blödsinn anstecken zu lassen, den sie allein verübte. Fee hielt sich in Michelles Gegenwart also eher zurück.

»Weiß ich gar nicht. Frag sie mal.« Sophie zuckte mit den Schultern, warf ihren Hut auf die Rückbank und startete den Wagen.

»Scheint voll zu sein«, murmelte ich, als wir über die Brücke liefen.

Sie hatte am Dultplatz geparkt, weswegen wir ein Stück laufen mussten, aber ansonsten war es pures Glück, irgendwo einen näheren Parkplatz zu finden.

»Siehst du das von hier aus? Ich sehe nur grün.« Sie meinte die Bäume, die an der Uferböschung standen und die Sicht aufs Freibad gänzlich verdeckten.

»Du hast gerade ewig nach einem Parkplatz gesucht, meinst du, die Leute sind alle zum Shoppen hier?« Ich deutete hinter uns, wo der Dultplatz quasi zugeparkt war.

»Okay«, gab sie nach.

Unter uns plätscherte die Donau dahin und sorgte einen kurzen Moment für Abkühlung, weil die Luft durch das Wasser nicht so sehr aufheizte wie überall anders.

»Die anderen müssten schon da sein«, murmelte sie, als wir am Zaun entlangliefen, um zum Eingang zu gelangen.

Das Freibad war echt brechend voll und kurz überlegte ich, ob ich das wirklich wollte. Man sah Leute fast nackt, die man vielleicht nie so gesehen hätte, und das Gefühl, von jedem angestarrt zu werden, weil ich weiß wie eine Wand aussah, machte es nicht besser.

Allerdings wurde ich vom Verstecken nicht brauner. Vielleicht sollte ich ab und zu mal in den Garten gehen und mich zum Lernen raussetzen.

Rieke hatte mir nicht zurückgeschrieben, aber sie stand zusammen mit ihrer Schwester und ihrem Freund am Eingang und wartete auf uns. Fee winkte aufgeregt. Sie trug ein zitronengelbes Sommerkleid und sah aus wie ein kleiner gelber Ball, als sie auf uns zusprang.

»Rieke hat gesagt, Michelle kommt auch«, rief sie und hängte sich an meinen Arm, damit wir uns schneller bewegten.

»Sag wenigstens erst mal Hallo«, ermahnte Rieke ihre Schwester, ehe sie uns zur Begrüßung umarmte. Fee tat es ihr nach und klammerte sich kurz an unsere Beine.

»Mich irritiert, dass ihr zusammen gekommen seid«, bemerkte Rieke, als wir uns anstellten, um Eintritt zu bezahlen.

»Wir waren heute Morgen zusammen unterwegs und wollen nachher noch die Bilder sichern. Wenn du magst, komm doch auch«, bot ich an, was sie aber ausschlug.

»Nee, nee, macht ihr mal«, sagte sie und dann begann die Suche nach einer geeigneten Liegestelle, damit wir den Nachmittag gut und entspannt rumbringen konnten.

Kapitel 7 - Sophie

Langsam lief ein einzelner Tropfen über Marcs Stirn. Er rümpfte die Nase und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß weg.

»Was machst du da?«

Er sah ziemlich konzentriert aus und hatte sich das Ende seines Kugelschreibers ans Kinn gedrückt. Ein paar Zettel lagen um ihn herum, auf denen ich nichts erkennen konnte.

»Lineare Algebra«, murmelte er und tippte etwas in seinen Taschenrechner.

»Das ist das mit den Buchstaben, richtig?«, vermutete ich. Irgendwann im Abi hatte ich das Thema ebenfalls mal durchgenommen, aber sofort wieder verdrängt. Gruselig.

»Es sind auch Zahlen dabei. Guck! Die Aufgaben sind durchnummeriert.«

»Ernsthaft?«, stöhnte ich, woraufhin Marc lachte und mich mit der Rückseite des Kugelschreibers anstupste.

»Was ist so witzig?«, wollte Sina wissen und lehnte sich zu uns.

»Lineare Algebra«, sagte ich, als wäre es ganz wichtig.

»Mathe? Was genau?«

Marc seufzte. »Sagen dir Vektoren etwas?«

Meine beste Freundin setzte ein liebes Grinsen auf. »Nein.«

»Euklid?«

»Hat er gerade Glied gesagt?« Sina wackelte mit den Augenbrauen und brachte mich zum Schmunzeln.

»Oh Gott. Dabei bist du gar nicht blond. Wie alt wart ihr gleich noch mal?« Marc stand auf und warf seinen Kugelschreiber auf das Handtuch. »Will jemand Pommes? Ich hole welche.«

»Gute Idee!« Mein Magen knurrte schon bei der Erwähnung von Schwimmbad-Pommes. Das war fast das Beste am Freibad. »Wir sollten die Mädchen abholen, damit sie uns tragen helfen. Die wollen sicher welche, also … wo sind sie?«

Sina zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, Aaron und Dennis haben sie mit zum Einmeterbrett genommen und wollen es ihnen zeigen. Meinst du, Fee springt?«

Rieke zog sich ihre große Sonnenbrille von der Nase. »Ich denke schon. Das ist normalerweise kein Ding für sie.«

»Dann bin ich mal gespannt, ob sich Michelle anstecken lässt. Eigentlich ist sie da eher vorsichtig. Ich gehe schon, Sophie.«

Das ließ ich mir tatsächlich nicht zweimal sagen und plumpste wieder auf das Handtuch, während Marc mit Sina loslief.

»Gibt es etwas Besseres als Pommes im Schwimmbad?«, wollte ich von Rieke wissen.

»Ich mag sie eigentlich nicht so sehr, nur ab und zu esse ich auch welche. Hier geht’s.«

»Du magst keine Pommes?« Das war … Da wusste ich gar nicht, was ich dazu sagen sollte.

»Nee, ab und zu klaue ich Dennis welche, um ihn zu ärgern, aber eigentlich … Wenn ich mir eine Beilage aussuchen kann, nehme ich entweder Bratkartoffeln oder Kroketten. Oder beim Griechen Knoblauchkartoffeln.« Sie küsste ihre Fingerspitzen.

Kurz darauf kamen die anderen mit Pommes zurück.

»Was bekommst du?«, wollte ich von Marc wissen, der mir eine Schale hinstellte. Eigentlich hätte ich Mayo dazu gewollt, doch das hatte ich vergessen zu erwähnen. Pech gehabt.

»Nichts? Die zwei Euro kannst du dir schenken. Bringst mir nächstes Mal einfach eine Portion mit und wir sind quitt.«

Damit war ich zufrieden.

Marc sammelte seine Zettel zusammen, die er ausgebreitet hatte. Kein Lüftchen ging gerade, weswegen er sich keine Sorgen hatte machen müssen, dass sie weggeweht würden.

»Sagt mal, findet ihr es nicht unfair, wie braun Sophie schon ist?«, warf Sina plötzlich ein und alle sahen mich daraufhin an.

»Guckt lieber, wie weiß Marc ist.« Mit dem Finger deutete ich auf meinen Handtuchnachbarn, der mir seinen Arm hinstreckte, damit ich meinen zum Vergleich danebenhielt.

»Wo wir gerade dabei sind, kann mir gleich jemand den Rücken eincremen? Wenn ich das nicht regelmäßig mache, bin ich später rot.«

»Klar«, sagte ich, als nicht sofort Begeisterungsstürme ausbrachen. Ich liebte es, Leute mit Sonnencreme einzucremen. Gerade wenn …

»Mal mir nichts Obszönes auf den Rücken.«

Mit gespielt beleidigt zusammengepressten Lippen sah ich zu Rieke, die kichernd eine Pommes aus Dennis’ Schale stahl. Er hätte auch ein anderes Wort nutzen können, denn die Mädchen waren schon wieder am Kinderbecken in ihre Welt vertieft.

»Deswegen hab ich extra nicht Ja gesagt«, murmelte Rieke und reichte die Hälfte der Pommes wieder an ihren Freund zurück.

»Schmecken sie dir etwa nicht?«, wollte dieser sarkastisch wissen, was uns alle zum Lachen brachte.

Nachdem wir aufgegessen hatten, reichte mir Marc seine Flasche mit Sonnencreme.

»Das ist nicht dein Ernst!«, rief ich lachend, weil die Lichtschutzfaktor 50+ hatte. »Wenn ich mich damit eincremen würde, wäre ich auch so weiß, weil kein UV-Licht je zu mir durchdringen würde.«

»Und wenn ich das nicht tue, darfst du mich heute Abend mit Quark einschmieren, weil ich überall krebsrot bin. Ich lüge nicht, wenn ich das sage.«

Ich konnte mir mein freches Grinsen nicht verkneifen. »Quark? An welchen Körperstellen denn genau?« Ich liebte es, so flirty zu tun, denn bei Marc musste ich mir keine Gedanken machen, ob er es falsch auffasste. Wir waren Kumpels, und unser Humor lag auf derselben Wellenlänge.

Marc starrte mich regungslos und völlig unbeeindruckt an. Er versuchte so übertrieben gleichgültig auszusehen, dass ich es ihm nicht abnahm. Innerlich lachte er sich bestimmt schlapp.

»Ja, okay, dann Sonnencreme.« Mit einem Schulterzucken fügte ich mich. »Leg dich hin«, forderte ich ihn auf.

Mir war sehr deutlich bewusst, dass wir hier eine Show gaben, aber Marc wirkte auf mich nicht so, als ob es ihn stören könnte. Er hinterfragte meinen Befehl gar nicht, sondern legte sich auf den Bauch, eine seiner Aufgaben vor sich.

Ich erhob mich, was ihn fragend aufblicken ließ, ehe ich mich mit Schwung auf seinen Hintern fallen ließ.

»Oh Gott«, stöhnte er. »Was soll das?«

»Ich denke, ich soll dich eincremen? Stell dich doch nicht so an.«

Mit einem Seufzen schien er sich zu ergeben, denn er blickte wieder auf seinen Zettel und tippte etwas in den Taschenrechner. Mir gefiel es hier ausgesprochen gut, denn Marc besaß einen schönen Rücken. Von meinem Platz aus sah er gar nicht mehr so, na ja … unattraktiv aus. Also dafür, dass er blass war und nicht mein Typ.

»Was macht ihr da eigentlich?«, fragte Sina und sah mit hochgezogenen Augenbrauen zwischen uns hin und her.

»Was meinst du?«, erkundigte ich mich und sah mir die Flasche an, die zum Sprühen gedacht war. Wie langweilig.

»Keine Ahnung. Ihr seid so …« Sie vollführte eine Geste, als würde sie zwei Halbkugeln zusammenstecken. »… close.«

»Ja.« Ich schmunzelte. »Marc ist jetzt mein neuer BFF. Er unternimmt die coolen Dinge mit mir.«

»Er unternimmt die coolen Dinge mit mir«, äffte mich Aaron nach und ließ es zweideutig klingen.

»Ja, Dumpfbacke. Ich sagte ›cool‹, nicht ›heiß‹ oder ›geil‹.«

Als Marc lachte, wackelte ich leicht mit. Im nächsten Moment schnappte er nach Luft, da ich ihm den ersten Stoß Creme auf den Rücken gesprüht hatte.

»Das ist kalt«, stellte er klar, als wäre das nicht offensichtlich gewesen.

»Ich sagte, du sollst dich nicht so anstellen.«

Da Sina grinste, nahm ich an, dass Marc es auch tat. Ich drückte noch ein paar Mal auf den Kopf der Flasche und stellte sie beiseite. Mit gleichmäßigen Bewegungen meiner Hände verteilte ich das Zeug auf seinem Rücken. Ich baute eine leichte Massage mit ein und als ich aufsah, bemerkte ich den spöttischen Blick, den mir Aaron zuwarf. Leider hatte ich mich bei der Menge total verschätzt.

»Wir haben hier ein kleines Problem«, merkte ich an.

»Ich hab mich schon gefragt, wann du da fertig bist.« Marc drehte sich, so weit es ging, um.

»Ich hab viel zu viel Creme draufgemacht. Das ist sehr ergiebig. Steh mal auf, ich wisch dir was vom Rücken, dann kannst du es verteilen.«

Bei der Aktion blieb sogar etwas für meine Schultern übrig, die sich doch ein bisschen heiß anfühlten. Eigentlich war ich mir sehr sicher, dass ich keinen Sonnenbrand mehr bekam, dafür hatte meine Haut schon zu viel Sonne abbekommen, aber Vorsicht war besser als Nachsicht.

Als wir endlich mit der Prozedur fertig waren, suchten wir die Kinder und gingen noch mal zum Einmeterbrett.

»Wenn ich du wäre, würde ich jetzt vom Fünfer springen«, sagte Marc, während wir dabei zusahen, wie uns Fee bewies, dass sie für ihre fünf Jahre echt Mumm besaß.

»Wenn du ich wärst?«

Er schmunzelte mich herausfordernd an. »Kennst du das Spiel?«

»Klar.«

»Also, wenn ich du wäre, würde ich vom Fünfer springen«, wiederholte er.

Ich warf einen Blick den Sprungturm hinauf. Es sah von hier schon hoch aus, aber ich lag sicher richtig, wenn ich dachte, dass es schlimmer von oben war. Das Dreimeterbrett hatte ich bereits überwunden und es war nicht so schlimm gewesen. Also konnte ich das auch schaffen.

»Gut.«

»Geil«, war sein einziger Kommentar dazu.

»Machst du’s?«, mischte sich meine beste Freundin ein. »Dann komme ich mit.«

»Ja!«, rief ich aufgeregt, packte sie bei der Hand und zog sie hinter mir her.

Bereits auf der Leiter bereute es Sina. Das spürte ich an der langsamen Art, wie sie die Sprossen erklomm. Mir ging ebenfalls ordentlich die Düse, aber Augen zu und durch. Außerdem durfte ich mir dann eine Aufgabe für Marc überlegen.

»Was ist?«, fragte ich, als Sina oben am Fünfer nicht mehr weiterging. Sie musste nur auf das Brett, vorlaufen und springen.

»Ähm … ist recht hoch«, stammelte sie.

»Ja, los«, forderte ich sie auf. Je länger wir hier standen, desto mehr Zeit blieb mir, um mich umzusehen und Zweifel zu bekommen.

»Bist du sicher, dass du …«

»Ja«, unterbrach ich. »Spring oder lass mich vorbei. Ich gehe nicht runter, nur weil du dich nicht traust. Das hab ich früher gemacht. Ehrlich, da ist nichts dabei. Ich zeige es dir, indem ich zuerst springe, ja?«

Sina grunzte, stieg dann nach oben auf das Brett. Sie klammerte sich am Geländer fest, aber es reichte, damit ich an ihr vorbeigehen konnte.

Es war zugig, obwohl die Sonne nicht weniger brannte. Die leichte Brise wollte meine Haut abkühlen, kam jedoch gegen die sengende Juli-Hitze nicht an. Das blaue Plastik unter meinen Füßen wurde schnell unerträglich. Während Sina noch überlegte, trat sie von einem Fuß auf den anderen.

»Denk nicht zu viel nach«, riet ich ihr, ehe ich langsam nach vorne ging. Wackelig war es, und alles unter mir erschien winzig. Auch das Becken. Bevor ich mich von der Angst lähmen lassen konnte, befolgte ich meinen eigenen Rat. Nicht denken. Drei Schritte.

Eins, zwei, drei. Ich sprang. Und fiel.

Wahnsinn, wie lang es da einfach nur nach unten ging. Wie so ein nasser Sack. Ich hatte nicht einmal Zeit, Angst zu haben, weil ich dieses Gefühl des Fallens so spannend fand.

Da ich mit den Füßen zuerst eintauchte, war die Wucht nicht so groß, doch ich tauchte ganz schön tief unter. Es brauchte einige Schwimmzüge, bis ich endlich durch die Wasseroberfläche brach. Prustend wischte ich mir das Wasser aus dem Gesicht und meine Haare nach hinten.

Als ich hochsah, stand Sina noch immer am Geländer.

Mit »ziemlich cool« begrüßte mich Marc, als ich aus dem Becken stieg.

»Kein Ding«, gab ich großspurig an, obwohl ich mir zwischendurch echt nicht sicher gewesen war, ob ich sprang.

Das Gefühl, etwas geschafft zu haben, wovor ich Angst gehabt hatte, war unglaublich. Jetzt musste nur meine beste Freundin da oben runter. Und ich war mir nicht sicher, auf welchem Weg es stattfinden sollte.

»Aaron sagte gerade, dass sie Höhenangst hat?«

Ich sah erst zu Sina hoch, danach wieder zu Marc. »Früher, ja, ich dachte, das hätte sich verwachsen. Sie war eben sofort dafür, mitzukommen. Ich hab sie nicht mal gefragt.«

Aaron hatte sich mittlerweile auf den Weg gemacht, seine Freundin zu retten. Es wäre kein Problem gewesen, selbst noch mal hochzusteigen, doch vielleicht war Aaron da die beste Besetzung.

Nach einigem Zureden stiegen sie die Leiter runter, schafften es dann, vom Dreimeterbrett zu springen. Das war ein Teilerfolg, der dafür sorgte, dass Sinas Laune nicht am Tiefpunkt anlangte. Das wäre nämlich passiert, wenn sie komplett runtergestiegen wäre. Es war ihr schlicht peinlich und das verstand ich total. Aber für ihre Höhenangst konnte sie schließlich nichts.

Den Nachmittag ließ ich Marc mit einer Gegenaufgabe in Ruhe, brannte jedoch darauf, mir etwas besonders Fieses auszudenken.

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
331 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783038961642
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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