Kitabı oku: «Flügelschatten»
Flügelschatten
Augen aus Dunkelheit
Carolin Herrmann
Copyright © 2020 by

Drachenmond Verlag GmbH
Auf der Weide 6
50354 Hürth
http: www.drachenmond.de
E-Mail: info@drachenmond.de
Lektorat: Nina Bellem
Korrektorat: Michaela Retetzki
Layout: Michelle N. Weber
Umschlagdesign: Jaqueline Kropmanns
Bildmaterial: Shutterstock
ISBN 978-3-95991-553-3
Alle Rechte vorbehalten
Für meine
Fuchsschwestern
und meine
Süßmäuse.
Ich habe euch sehr lieb.
Inhalt
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
11. Händler
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
22. Händler
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Danksagung
Prolog

Es ist Winter und bitterkalt. Die Kälte streicht mit ihren eisigen Fingern an den Mauern entlang, der Wind fährt pfeifend durch die Ritzen und heult in den hohen, langen Gängen. Dafür ist es eine sternklare Nacht, nicht eine einzige Wolke verdeckt die glühenden Punkte am Himmelszelt. Mit einem Mal verdunkelt ein gewaltiger Schatten den Mond und schlagartig verblasst das Licht. Das Ungeheuer breitet seine riesigen Schwingen aus und landet erstaunlich anmutig auf den hohen Zinnen der Burg. Dort stößt es ein tiefes Grollen aus, sodass die Wände erzittern. Geschickt ist es dem Regen aus Pfeilen ausgewichen, es reißt sein Maul auf und speit eine so gewaltige Flammensäule aus, dass alle Wächter, die sich nicht schnell genug ducken, bei lebendigem Leib verbrennen.
Mit einem Hieb seines geschuppten Schwanzes stürzen die Männer über die Brüstung und in die endlose Tiefe. Es dauert, bis man den harten Aufprall ihrer Körper auf dem Wasser weit, weit unten vernehmen kann. Die messerscharfen Krallen des Untiers blitzen in der Nacht auf und zerreißen die Verbliebenen.
Jetzt hockt es auf dem Dach, den Kopf hoch erhoben, die Augen funkeln gefährlich und sein Schwanz peitscht ruhelos hin und her. Es wartet. Geduldig. Bis seine Herrin zurückkehrt.
Unterdessen fliegen die Flügeltüren im Innern der Burg auf und krachen gegen die Wände. Das laute Knallen hallt im ganzen Saal wider, sodass der König auf seinem Thron heftig zusammenfährt. Mit seinen Fingern umklammert er die Armlehnen des prächtigen Stuhles, ganz und gar aus schwarzem Marmor gehauen, düster und mächtig. Seine Rückenlehne ist beachtlich hoch und mit kunstvollen Schnitzereien verziert, dahinter kreuzen sich zwei blitzende Schwerter.
Die helfen ihm jetzt nichts mehr, das weiß er. Sie zum Kampf herauszufordern wäre töricht, dumm. Was hat er für eine Wahl? Kalter Schweiß tritt auf seine Stirn und er kann überdeutlich spüren, wie er über seine Wange läuft. Sie ist gekommen.
Er wusste, dass sie kommen würde.
Zwei in dunkle Umhänge gehüllte Gestalten betreten den beeindruckenden Thronsaal. Ihre Gesichter sind unter den Kapuzen verborgen, trotzdem glaubt er zu spüren, wie ihn silbrige Augen höhnisch anfunkeln, hasserfüllt, machtgierig. Die ganzen letzten Wochen schon hatte er kaum eine Nacht schlafen können, hatte sich unruhig in seinem Bett hin und her gewälzt und sich schließlich in seinem Thronsaal verborgen. Dieser Raum in seiner Festung war besser geschützt als jeder andere, trotzdem hatte er weitere Wachen vor der Tür positionieren lassen, hatte die Verteidigungslinien verstärkt und die schweren Eisentüren verriegeln lassen. Und dennoch wachte er weiterhin schweißgebadet aus seinen Träumen auf, klammerte sich an seinen Thron und versuchte krampfhaft, seinen rasselnden Atem zu beruhigen.
Nur ein Traum. Ihm kann nichts geschehen. Sie kann ihn nicht überlisten. Er hat sich so gut geschützt wie nur möglich.
Diesmal ist es kein Traum. Die vordere Gestalt durchquert den Raum zügigen Schritts, selbstbewusst, energisch. Die zweite verbirgt sich halb hinter ihr, sie ist kleiner und er hat schon von ihr gehört.
Schwer schluckt er, seine Kehle ist wie ausgetrocknet. Lange hat er standgehalten. Sehr lange. Doch dann tauchte etwas Neues auf. Eine neue Waffe, mit der er nicht gerechnet hat.
Ein paar wenige Schritte von dem prunkvollen Thron entfernt bleiben beide Gestalten stehen. Der König richtet sich auf und versucht, sein Gesicht hart werden zu lassen, aber seine Stimme zittert.
»Calypso.«
Der Klang des Namens ist eiskalt und fährt wie ein Messer durch den Raum. Sofort fällt die Temperatur weiter und ein frischer Wind bauscht die schweren Vorhänge vor den Fenstern auf. Die vordere Gestalt schlägt die Kapuze zurück. Haare wie aus flüssigem Silber, streng geflochten, kommen zum Vorschein. Auf ihnen sitzt eine Krone, gefertigt aus weißen Kristallen. Sie leuchtet kalt und doch wunderschön wie eine frisch geschliffene Klinge. Wie die Augen der Frau, die ihm gegenübersteht. Silbrig wie der Mond draußen am nachtschwarzen Himmel.
Sie lächelt frostig.
»Erraten.«
Dann dreht sie sich zu der Gestalt hinter sich um. Der König muss scharf die Luft einziehen, als deren Gesicht entblößt wird. Er hat es nicht glauben wollen: Es ist noch so jung, vielleicht neun Jahre alt, mit einem Blick, derart unheimlich, dass ihn ein Schauer überläuft. Er ist voller Gier und Vorfreude. Vorfreude auf das Töten.
Mit der Zunge fährt sich das Kind über die Zähne und grinst mordlustig. Die angriffslustige Art passt entsetzlich wenig zu dem Mädchen, das es noch ist.
Ein unruhiges Feuer flackert in ihren Augen auf und ihr Blick huscht herüber zu der stolzen Frau.
»Darf ich, Herrin?«
Diese dreht sich zu dem König um, legt den Kopf ein wenig schräg. Er hat das Gefühl, etwas sagen zu müssen, nach seinen Wachen rufen zu müssen, doch er weiß, dass das keinen Zweck hat. Calypso wäre nicht hier, wenn noch ein einziger seiner Männer dort draußen leben würde.
Das hier ist eine Sache zwischen ihm und ihr. Darauf lief es die ganze Zeit hinaus. Nun muss er sich ihr stellen. Das wissen sie beide.
Calypsos eisiges Grinsen wird breiter und lächelnd nickt sie dem Mädchen zu.
1

Ich schlage die Augen auf. Es ist, als würden alle Sinne gleichzeitig zurückkehren und mit solch einer Heftigkeit auf mich niederprasseln, dass mir schwindelig wird.
Es ist hell. So hell, dass ich blinzeln muss und mir Tränen in die Augen schießen. Wirbelnde Farben vermischen sich zu einem einzigen Strudel und sind kaum noch voneinander zu unterscheiden. Sie brennen sich in meine Lider und ich schaffe es kaum, einen Namen für sie alle zu finden.
Ein Summen und Piepen in meinen Ohren, das von einem Rauschen abgelöst wird – der Wind? Alle Geräusche sind entsetzlich laut und drücken auf mein Trommelfell, sodass ich das Gefühl habe, es müsse gleich zerreißen. Ein schwerer Geruch steigt mir in die Nase, kitzelt sie. Ich brauche eine Weile, bis ich ihn zuordnen kann … Es muss der Geruch von Erde und Tau sein … Jetzt spüre ich die angenehme Wärme auf der Haut, die von den gleißenden Sonnenstrahlen kommen muss. Sie löst ein leichtes Kribbeln in mir aus, das sich von meinen Fingerspitzen über meine Arme bis in meine Brust ausbreitet. Ich fühle, wie das Herz darin pocht. Rasch. Nervös.
Das Kribbeln wandert auch über meinen Rücken zu meinen Beinen und bis zu den Zehen, bis ich mir meines ganzen Körpers bewusst bin. Diese unglaubliche Fülle an Eindrücken überwältigt mich.
Wieder ein Blinzeln. Panisch huschen meine Blicke hin und her. Über mir breitet sich der Himmel aus, endlos und weit. Wolken sind dort oben verstreut, sie bewegen sich langsam über mich hinweg. Nervös drehe ich den Kopf ein Stück nach links. Grashalme stechen hervor, nehmen alles ein.
Ich spüre, wie mein Atem schneller geht. Das sanfte Kribbeln verschwindet. Angst. Kalte Finger, die nach mir greifen, und eine Gänsehaut, die mich am ganzen Körper überkommt.
Zögernd hebe ich eine Hand und halte sie in mein Blickfeld. Zarte, blasse Haut, fast durchsichtig, und feingliedrige Finger. Ich fasse nach meinen Haaren, wickle eine Strähne auf und betrachte auch sie. Sie ist … weiß. Weiß ist das Wort. Vorsichtig richte ich mich auf und erstarre. Blicke mich unsicher um.
Ich liege auf einer grünen Wiese und um mich herum blühen kleine blaue Blümchen. Sie recken ihre Köpfchen dem Sonnenlicht entgegen, das funkelnde Kreise auf das Gras malt. Rings um mich herum stehen Bäume, dicht zusammengedrängt bieten sie Schutz. Sie sind hoch und mächtig und an ihren Zweigen hängen saftig grüne Blätter. Das Gras unter meinen Händen ist warm und weich und ich fahre stockend darüber.
Es sieht schön aus. Ruhig. Die Geräusche klingen langsam ab, werden leiser, treten in den Hintergrund. Die Farben leuchten nicht mehr dermaßen entsetzlich, sodass ich sie endlich ansehen kann.
Und doch …
Ich habe das Gefühl, ich sollte mich wundern. Die eisige Angst sitzt in meinem Nacken und will nicht lockerlassen. Was will sie? Warum lässt sie mich nicht los?
Dieser Ort … oh. Mir fällt ein, warum ich erschrocken bin. Warum ich es sein muss. Denn ich kenne diesen Ort nicht. Die Farben, das Gras, die Bäume, diese Namen kommen mir in den Sinn. Ich habe sie schon einmal gesehen, nur nicht hier. Hier war ich noch nicht.
Krampfhaft versuche ich mich daran zu erinnern, wie ich hierhergekommen bin. Ich schließe die Augen, bemerke kaum, wie ich dabei die Finger ins Gras kralle und wie sich mein gesamter Körper anspannt. Wie macht man das? Sich erinnern … Fieberhaft durchforste ich mein Gehirn, ohne etwas zu finden. Alles ist schwarz, tiefe, undurchdringliche Schwärze. Sollte man nicht wissen, was man gemacht hat? Ich weiß es nicht … In meinem Kopf ist keine Erinnerung, kein schwaches Leuchten, ja nicht einmal ein Funken.
Ich reiße die Augen wieder auf und blicke mich erneut um. Bäume, Bäume, Bäume. Nichts sonst. Ein Wald. Warum bin ich hier? Auf wackligen Beinen richte ich mich auf, langsam, unsicher. Sie fühlen sich schrecklich zittrig an, die Knie beben und ich taumle einige hölzerne Schritte vorwärts, wobei meine Muskeln einstimmig protestieren und sich verkrampfen. Meine Beine geben unter mir nach und ich falle zu Boden.
Erschrocken stelle ich fest, dass meine Arme mit rötlichen Striemen versehen sind, die sich hinaufwinden wie das Geflecht einer Kletterpflanze. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, denn ich weiß nicht, woher die Wunden kommen. Erst jetzt fällt mir ein, dass ich deshalb Schmerzen empfinden sollte und da beginnen sie auch zu brennen, die Kratzer. Jedoch nicht lange. Bald kann ich sehen, wie das Blut gerinnt und die Haut sich wieder schließt, bis sie weiß und makellos ist wie zuvor.
Nervös betrachte ich den Rest des Körpers, von dem ich nicht glauben kann, dass es mein eigener ist. Er sieht seltsam aus und ist mir fremd.
Müsste ich mich nicht an diese Beine erinnern, schlank und dennoch kräftig? An die nackten Füße oder die einfache Hose, die ich trage? Soll das tatsächlich zu mir gehören?
Unsicher ziehe ich die Schultern hoch, wodurch ich einen Schatten am Rande meines Bewusstseins wahrnehme. Als ich meinen Kopf ein Stück herumdrehe, erkenne ich zwei riesige dunkle Schwingen, die aus meinem Rücken hervorragen. Gezackt sind sie und laufen am oberen Ende spitz zu, derart scharf, dass ich, als ich mit dem Finger über sie fahre, ein scharfes Brennen verspüre und einen feinen Schnitt in meiner Haut entdecke, der sich schnell schließt wie die anderen Wunden.
Die Flügel sind dunkel und knöchern, ich spüre die feinen Muskeln, die sie durchziehen und die ich auch bewegen kann, so wie ich meine Finger bewege, dennoch hebe ich nicht vom Boden ab, als ich mit ihnen vorsichtig flattere. Die dünne Haut zwischen den Gelenken ist zart und an einer Stelle weit eingerissen, sodass ich erschrocken aufhöre, mit ihnen zu schlagen, aus Angst, die Haut könnte weiter einreißen. Sie fühlen sich seltsam unwirklich an und ich kann nicht glauben, dass sie echt sind. Es kommt mir vor, als wäre ich gerade eben geboren worden, als hätte es nur Dunkelheit gegeben, aus der ich aufgetaucht bin. Als hätte ich sie mit einem Blinzeln vertrieben und in dieses brennende Licht verwandelt. Da war nichts vorher, dessen bin ich mir sicher. Ein dunkler See, aus dem ich entstanden bin.
All das um mich herum … Ich weiß nicht genau, was ich zuerst ansehen, was ich zuerst berühren soll. Die vielen Namen dazu … nur wenn ich etwas genauer ansehe, fallen sie mir ein. Wie ein Wort, das ich zwar kenne, aber von dem ich nicht weiß, was es bedeutet. Ich muss es zuerst zu seinem Gegenstand bringen. Wie ein Puzzle, das auf die richtigen Teile wartet. Es fällt mir schwer, sie zusammenzufügen.
Knack.
Jegliches Denken setzt aus. Mein Körper verkrampft sich, ich wirbele herum und springe auf, angriffsbereit, wachsam. Ein Knurren dringt aus meiner Kehle.
Am Rande der Bäume reckt ein Hase seine zitternde Nase in die Luft und hoppelt auf meine Reaktion hin erschrocken davon. Ich verharre einige Augenblicke in dieser Haltung, jeden einzelnen Muskel angespannt, bereit … bereit wofür?
Angreifen oder weglaufen.
Wieder zucke ich zusammen. Da war diese Stimme in meinem Kopf. Sie spricht zu mir. Nervös sehe ich dem Tier hinterher. Es ist nicht wie ich. Wer bin ich?
Kein Hase, ein … ich bin … Sosehr ich mich auch anstrenge, mir fällt nichts ein. Nur meine Lippe platzt auf, weil ich heftig auf ihr herumbeiße.
Ein wütender Schrei entfährt mir, gellend und laut, und ein Schwarm Vögel flattert aufgeschreckt aus den Bäumen in die Höhe. Es sind so viele, wieso bin ich allein?
Erst jetzt löse ich meine verspannte Haltung. Es geschah alles so plötzlich, der Körper handelte wie von selbst. Der Körper. Mein Körper. Es fühlt sich an, als würde ich haltlos durch diese Ansammlung an Gliedmaßen taumeln. Als wären diese Gedanken aus dem Nichts aufgetaucht und man hätte sie in einen beliebigen Körper gepflanzt. Ich fühle mich ausgestoßen, nicht richtig.
Seufzend vergrabe das Gesicht in den Händen. Ein seltsames Kratzen im Hals lässt mich stocken. Mein Bauch gibt ein merkwürdiges Grummeln von sich. Erschrocken presse ich die Hand darauf, aber es lässt nicht nach.
Hunger. Du hast Hunger und Durst.
Zum Glück weiß ich, was das ist und was ich jetzt tun muss: etwas zu essen suchen und einen Fluss, aus dem ich trinken kann.
Vielleicht fällt mir gleich auch alles andere wieder ein! Da gibt es noch andere Dinge, oder? Mit neuem Mut rappele ich mich auf.
Schnell lässt das Zittern meiner Knie nach. Ja, diese Beine sind außerordentlich flink, sie lassen sich leicht bewegen und es fühlt sich gut an. Und sie sind schnell. Ich beschleunige, versuche sie rascher voreinander zu setzen und dann fährt mir der Wind durch das Gesicht und die Haare, presst die Luft aus meiner Lunge. Ein Stechen taucht in meiner Seite auf, als ich die Beine weiter ansporne, schneller, schneller. Es ist wie ein Rausch. Ich fliege dahin, die Bäume verblassen an meinen Seiten zu einem grünlichen Farbwirbel und der keuchende Atem in meinen Ohren ist alles, was ich hören kann.
Langsam ziehen sich meine Mundwinkel nach oben. Lächeln, ich lächele. Es gefällt mir. Ich fühle mich unglaublich, wie ich über die Wurzeln springe und dahinjage, unaufhaltsam, frei.
Übermütig springe ich einen Abhang hinab, breite die Flügel aus und hoffe, dass ich mich mit ihnen in die Luft schwingen kann, doch der Wind hebt mich nicht empor, sondern lacht mich aus und ich krache hart auf den Waldboden. Sofort sehe ich nach dem Riss im linken Flügel, besorgt, dass ich ihn schlimmer gemacht habe. Lang und breit ist er, er hat beinahe die Hälfte der Haut zerrissen, tiefer ist er offenbar nicht geworden – von selbst heilt er nicht und ich schaffe es kaum, mich weit genug zu verrenken, um ihn zu berühren und zu untersuchen. Frustriert wende ich mich ab und ignoriere die nutzlosen Dinger. Was bringen sie mir denn, wenn ich damit gar nicht durch die Lüfte gleiten kann? So ein Irrsinn!
Ich kann genauso gut laufen!
Kurze Zeit später jedoch weiß ich nicht mehr wohin mit mir. Ziellos irre ich umher, wobei das Kratzen in meiner Kehle unerträglich wird, und ständig greife ich mit der Hand an meinen Hals, in der Hoffnung, die Schmerzen zu lindern.
Trotzdem treibe ich meine Beine dazu an, weiterzugehen. Immer weiter. Irgendwann muss ich etwas finden … Jedes Mal, wenn nur das leiseste Knacken im Unterholz ertönt, kauere ich mich verschreckt hinter einen Baumstamm. Es geschieht ganz von selbst. Es fühlt sich richtig an, sicher. Unruhig schleiche ich weiter, geduckt und aufmerksam. Bald schon bin ich froh über die Geräusche, denn dann kann ich wenigstens für einen Moment innehalten. Die Erde unter meinen Füßen bewegt sich, alles verschwimmt irgendwie, der ganze Wald zittert vor meinen Augen und ich kann ihn nur schemenhaft wie durch einen Schleier aus Nebel wahrnehmen.
Als ich schon das Gefühl habe, vor Schmerzen umzukommen, vernehme ich endlich ein leises Plätschern. Nur noch von reiner Willenskraft angetrieben, schleppe ich mich vorwärts, bis ich das kühle Flussbett erreiche, wo ich erleichtert auf die Knie sinke und zum Rand krieche. Gierig strecke ich die Hände in das klare Wasser und spüre die Energie, die dadurch strömt. Es rinnt mir beinahe zwischen den Fingern hindurch, als ich etwas unbeholfen davon schöpfe und in großen Schlucken trinke. Schon bald lässt der Schmerz nach und ich seufze erleichtert. Wenngleich das Kratzen langsam verschwindet, fühlt sich mein Hals weiterhin rau an. Ich fühle mich nicht … gesättigt.
Als ich erneut die Finger in den Fluss tauche, starrt mich ein seltsames Gesicht an.
Verschreckt zucke ich zurück und ein Knurren dringt aus meiner Kehle. Panisch lege ich die Hand an den Hals und versuche, mich zu beruhigen. Dennoch muss ich schwer schlucken, bevor ich mich langsam wieder vorbeuge. Unsicher sehe ich mir das Gesicht genauer an. Mein Gesicht.
Ich strecke die Hand aus und berühre den ruhigen Wasserspiegel. Das Bild verschwimmt. Feine Ringe breiten sich von dem Punkt aus, wo ich es berührt habe, und das Gesicht zerfließt, um kurz darauf wiederaufzutauchen.
Zögernd betaste ich die makellose, fast schon farblose Haut, die mich umgibt, betrachte die aufgesprungenen dunkelroten Lippen, die geschwungenen Augenbrauen und die kantigen Kieferknochen. Doch all diese Dinge sind eigentlich nur nebensächlich. Trotzdem versuche ich krampfhaft meinen Blick auf sie zu lenken, um nicht auf das andere zu achten, was mir noch in meinem Gesicht auffällt.
Die Augen.
Groß und von solch einem kräftigen tiefvioletten Ton, dass es mir Angst macht, wenn ich sie ansehe. Wie kann man sich vor seinen eigenen Augen fürchten? Auch wenn ich mich an nichts erinnern kann, habe ich das Gefühl, dass diese Augen alles andere als gewöhnlich sind.
Ich wende den Blick ab und betrachte den restlichen Körper ein wenig genauer: Die Haut ist bleich, fast weiß, zumindest dort, wo sie nicht von Erde und Gras verdreckt ist. Nur unter dem Schulterblatt zeichnet sich eine dünne silbrige Linie ab, die nicht so recht dazugehören will. Sie schimmert blass, kaum zu erkennen, und in merkwürdigen verschnörkelten Symbolen, die mir rein gar nichts sagen.
Frustriert wende ich mich von dem Fluss und mir selbst ab. All das erinnert mich nur daran, dass ich mich an sonst nichts erinnere. Ein schmerzhaftes Ziehen in meinem Bauch lässt mich aufjaulen.
Hunger! Such dir etwas zu essen!
Noch eine dieser merkwürdigen Anweisungen, die ich nicht ganz verstehe, die ich jedoch befolge, weil sie mir offenbar das Leben retten. Zumindest weiß diese Stimme besser als ich, was in mir vorgeht und was ich zu tun habe. Außerdem klingt sie so gebieterisch, dass ich gar nicht anders kann, als mich aufzurichten und mich den Bäumen auf der anderen Seite zuzuwenden.
Dann blicke ich wieder zurück, dorthin, wo ich hergekommen bin. Soll ich dahin zurück? Warum? Mit einem Mal fühle ich mich schrecklich hilflos und verlassen, weil ich überhaupt nicht weiß, was ich eigentlich tun soll.
Hunger!
Erleichtert über die Stimme in meinem Kopf verdränge ich diese Gedanken. Sie gibt mir einen Auftrag, etwas, was ich tun kann, anstatt zu grübeln. Nur, was kann ich essen? Auch diesmal rettet mich der Instinkt.
Such dir Kräuter und Wurzeln im Boden.
Erleichtert grabe ich mit den Händen im schlammigen Untergrund des Flussufers und befördere kleine Wurzeln von Wasserpflanzen zutage. Sie sind braun und knorrig, aber ich beschließe, mich darum nicht zu sorgen und mich gänzlich auf die Anweisungen zu verlassen. Zögernd betrachte ich sie und stecke mir dann mit zusammengekniffenen Augen blitzschnell eine in den Mund. Mit der Zunge fahre ich darüber. Schmeckt … nicht schlecht. Schon nach wenigen Bissen fühle ich mich viel besser, der dumpfe Schmerz lässt nach. Doch da ist noch immer ein gewisses Verlangen in mir, wie ich unzufrieden feststelle. Ein Teil meines Verstandes sagt mir, dass das genug gewesen ist, um den Hunger und den Durst zu stillen. Ein anderer Teil möchte mehr. Keine Wurzeln, kein Wasser. Ich weiß nicht was, nur dass ich nicht vollends gesättigt bin. Wütend schlage ich mit der Faust auf das Wasser und es spritzt zu allen Seiten auf, sodass ich einen Satz zurück mache. Es macht mich alles so zornig! Jeder Gedanke fühlt sich schwerfällig und träge an, als wäre er fast fertig geformt, doch dann fehlt ein letztes Wort, ein letztes Teil, um ihn zu vervollständigen und gänzlich zu denken.
Was nun? Die Sonne, inzwischen ein leuchtend roter Ball, taucht alles in ein unwirkliches oranges Licht, bevor sie langsam hinter den hohen Baumkronen verschwindet. Es wird kühler und ich schlinge fröstelnd die Arme um meinen Körper, um die Wärme zu speichern. Ruhelos huscht mein Blick hin und her.
Such dir einen Schlafplatz, er muss sicher sein.
Nachdenklich betrachte ich die leichte Strömung und überlege, ob ich den Fluss durchqueren soll. Andererseits muss er wohl recht tief sein und ich bin mir nicht sicher, ob ich schwimmen kann. Beim Anblick des plätschernden Wassers, das über die kleinen Felsen hüpft, fühle ich mich irgendwie unwohl …
Um eine andere Lösung bemüht, entdecke ich mehrere flache Felsen, an denen sich das Wasser bricht und schäumend weiterrauscht. Ermutigt laufe ich zu der Stelle und beginne, flink von Fels zu Fels zu hüpfen. Es ist viel einfacher, als ich dachte, mein Körper bewegt sich mit einer wunderbaren Leichtigkeit und schnell habe ich das andere Ufer erreicht, wo ich mich für einen hohen Baum entscheide. Ohne weiter darüber nachzudenken, strecke ich die Hände nach den unteren Ästen aus. Flink klettere ich an ihnen empor und mache es mir auf einem der oberen Äste bequem. Aus einem unbestimmten Grund weiß ich, dass ich im Schlaf nicht herunterfallen werde. Mit einem tiefen Seufzer strecke ich mich aus, aber meine Muskeln wollen sich einfach nicht entspannen, meine Sinne sind auf höchste Alarmbereitschaft gestellt und ich finde keine Ruhe. Warum kann ich mich an nichts erinnern? Warum bin ich hier? Fragen über Fragen und die allergrößte: Was soll ich nur machen? Warten? Worauf?! Ich fühle mich schrecklich allein, wie das einzige Wesen hier zwischen den hohen Wipfeln, so …
Einsam, informiert mich mein Gehirn über das ungewohnte Gefühl. Einsam. Einsam, einsam, einsam. Ich denke es so lange, bis das Wort seine Bedeutung verliert und nur noch eine seltsame Aneinanderreihung von Buchstaben ist, die keinen Sinn ergeben. Traurig schlinge ich die Arme um mich und schließe die Augen.
Vielleicht ist das alles nur ein unwirklicher Traum, vielleicht muss ich mich nur wieder in diese dunkle Schwärze fallen lassen, und wenn ich die Augen aufschlage, bin ich wieder an einem völlig anderen Ort und weiß alles wieder.
Ich versuche, das unangenehme Gefühl in mir drin zu ignorieren, das Verlangen nach etwas anderem, was ich noch nicht gefunden habe. Stattdessen bemühe ich mich, in den Schlaf hinüberzugleiten, wenngleich meine Sinne kaum zur Ruhe kommen, meine Ohren nehmen jedes noch so kleine Geräusch wahr und die Gerüche der Nacht kitzeln meine Nase.
Warum?
2

Der nächste Tag ist anstrengend. Nach einem spärlichen Frühstück mache ich mich daran, meine Umgebung zu erkunden, denn mein Instinkt sagt mir, dass es wichtig ist, alle Winkel genau zu kennen, jeden Pfad und jeden Weg, um sich bei Gefahr augenblicklich in Sicherheit bringen zu können. Also streife ich umher, husche leise und flink durchs Unterholz, springe über Wurzeln und Gräben. Anfangs macht es mir Spaß, überall hinzulaufen, beinahe schwerelos durch den Wald zu rennen, verträumt auf einer Lichtung zu liegen … mit der Zeit macht es mich nur noch traurig. Alles ist irgendwie ohne rechten Sinn, ich streune lustlos durch die Gegend, esse etwas, wenn ich Hunger habe, trinke, wenn ich Durst habe, schlafe, wenn ich müde bin. Sie langweilen mich rasch, diese gleichen Tage. Wie lange wird das wohl noch so weitergehen?
Im Wald habe ich viele Tiere gesehen – keines ist wie ich. Ich habe versucht, wie sie zu laufen, trotzdem passe ich nicht in den Bau eines Fuchses, die Hasen verliere ich irgendwann im Unterholz und größer als einer dieser Vögel bin ich ohnehin. Es stimmt mich wehmütig, wie sie ihre Flügel ausbreiten und einfach davonfliegen, wenn ich sie von ihren Zweigen aufschrecke. Eine ganze Schar von ihnen steigt dann in den Himmel auf und verschwindet.
Wie gern würde ich ihnen folgen, von dort oben auf den Wald mit seinen hohen Baumwipfeln hinabblicken, um mich nicht darum sorgen zu müssen, was unten auf der Erde geschieht.
Traurig blicke ich auf meine Flügel zurück, die ich nun nicht mehr zu bewegen wage. Ich werde all das hier wohl zu Fuß erkunden müssen.
Schon bald finde ich mich viel besser im Wald zurecht, weiß, wo ich die schmackhaftesten Beeren finden kann und wie der Fluss das Gebiet durchzieht. Obwohl ich diese Stellen häufig aufsuche, lässt mich ein dumpfes Ziehen in meiner Magengegend nicht in Frieden. Ruhelos streife ich zwischen den dicht stehenden Bäumen umher, meine Schritte sind auf dem weichen Waldboden nicht zu vernehmen, der Wind streicht mir um die Nase und ich lasse mich von meinem Geruchssinn leiten.
Jeder noch so kleine Luftzug trägt die verschiedensten Gerüche zu mir und ich kenne sie alle.
Mit einem Mal versteift sich mein Körper. Die Muskeln verkrampfen sich und ich nehme einen neuen Duft wahr, so verführerisch, dass es mich vollkommen überrascht. Ich atme tief ein. Er ist neu und doch uralt. Er kommt mir bekannt vor. Mein Körper übernimmt die Kontrolle, noch ehe ich weiß, dass ich sie ihm überlassen habe.
Ich will zu diesem Geruch. Ich muss.
Was kann es nur sein, das so unglaublich gut riecht? Ich beginne zu zittern, überwältigt von diesem Eindruck. Ungewollt blecke ich die Zähne und verenge meine Augen. Das Kratzen in meiner Kehle ist plötzlich und überdeutlich wieder da, wenngleich es an den letzten Tagen nur ein störendes raues Gefühl im Hals war. Meinen Beinen muss ich nicht befehlen, was zu tun ist. Ich renne bereits durch den Wald, pfeilschnell rase ich zwischen den Bäumen hindurch, springe geschickt über Wurzeln, dem Duft nach, der meine Sinne gleichzeitig vernebelt und auf das Äußerste schärft. Es fühlt sich an, als würde ich mich in ein neues Wesen verwandeln, schneller, konzentrierter, zielstrebiger.
Der Geruch wird stärker und ich bemerke, wie Speichel in meinem Mund zusammenläuft, ignoriere die Zweige, die mir scharf ins Gesicht peitschen. Alles rückt in den Hintergrund, alles wird nebensächlich und verliert an Bedeutung.
Schließlich spüre ich, dass ich fast da bin. Geduckt und leise nähere ich mich, dann bleibe ich abrupt an einem hochgewachsenen Baum stehen, die Nasenflügel gebläht, die Hände zwischen den gebeugten Knien. Unter meinen Fingern spüre ich das weiche Moos.
Es ist ein verletztes Tier. Ein Fuchs. Ich sehe ihn am Boden, er windet sich, aus einer Wunde unterhalb der Schulterlinie fließt Blut und verfärbt das Gras unter ihm.
Der metallisch süßliche Geruch steigt mir in die Nase und bringt mich um den Verstand. Ein Rudel wilder Feuerraben hat sich um den Fuchs geschart. Ihr flammendes Gefieder sieht aus, als würden sie in Brand stehen und von lodernden Flammen umgeben werden, was mich den Bruchteil eines Augenblicks lang glauben lässt, ein Feuer breite sich im Wald aus. Mit ihren langen und gebogenen Schnäbeln hacken sie erbarmungslos auf den Fuchs ein, und obwohl das Tier verzweifelt versucht, sich zu wehren, droht es von der Schar übermannt zu werden. Verzweifelt und verwundet schleppt es sich vorwärts, doch die spitzen Schnäbel der Raben sind unerbittlich und zwingen ihn zu Boden.
Tiefe Wunden picken sie in das Fell des Fuchses, das inzwischen blutgetränkt ist, und ich verliere die Beherrschung. Dunkelrote Flecken überall und ihr Geruch … dieser Geruch!
Langsam gehe ich auf die Szene zu. Das Kreischen der Feuerraben ist laut und aufgebracht, der Fuchs jault gequält. Im Todeskampf wälzt er sich hin und her. Blut, überall Blut, es … riecht … so … gut. Es ist, als würde ich von einer anderen Macht gesteuert werden, einer, die die Muskeln bewegt, die mich dazu veranlasst, bestimmte Handgriffe blitzschnell auszuführen.
Ich spreize meine Finger und spüre das unbändige Bedürfnis, sie um die Kehle des Fuchses zu schließen und zuzudrücken. Ich will sehen, wie seine Augen nach oben rollen, bis nur noch das Weiße zu sehen ist. Ich will, dass er zuckt, ein letztes Mal, der ganze Körper verkrampft, bis die Bewegungen erschlaffen. Bis er sich nicht mehr regt. Ich spüre bereits, wie meine Zähne sich in das Fell graben, und bilde mir den metallischen Geschmack auf meiner Zunge ein, eine unglaubliche Explosion, endlich, endlich das, was mich satt macht. Warmes Blut, pulsierend, sprudelnd.
Allein der Gedanke daran lässt mich alles um mich herum vergessen. Ich muss nur … muss es nur tun.
In mir drin fühle ich nichts. Rein überhaupt gar nichts. Keine Reue, Abscheu, Ekel. Da ist nur der Geruch von dem Blut und der schrecklich schöne Wunsch, es endlich kosten zu können. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich vorspringen, mit einem lauten Brüllen und Zähnefletschen die Feuerraben verscheuchen. Das ist meine Beute. Ich will diesen Fuchs! In meinen Ohren rauscht es, Schauer überkommen mich. Meine Gedanken werden lauter und lauter, bis sie mich anschreien und ich kaum zwischen den Stimmen unterscheiden kann.
Ich keuche auf. Blinzele. Einmal, zweimal, immer wieder.
Es ist so still geworden. Totenstill. Eben noch hat die ganze Welt sich in einem dunkelroten Licht gedreht und alles war schrill und verzerrt, und jetzt fühlt es sich an, als wäre sie angehalten worden. Verlangsamt. Ich spüre, wie ich meine Finger um etwas klammere. Verkrampft und fest. Was ist passiert? Ich starre nach unten und sehe den toten Fuchs in meinen Händen. Von den Feuerraben ist keine Spur zu sehen. Habe ich sie verjagt? Wann? Ich weiß nicht mehr genau, was tatsächlich geschehen ist und was ich mir nur eingebildet habe. Die Vorstellung, das verwundete Tier zu erwürgen … war sie Realität? Ich schüttele den Kopf, will aufstehen, aber kein Muskel gehorcht mir. Wie gebannt starre ich den toten Fuchs an, seine verdrehten Augen und die aus seinem Maul hängende Zunge. Die rote Flüssigkeit, die sich weiterhin auf seinem Fell ausbreitet. Ich berühre sie mit einem Finger, meine Bewegungen sind langsam, wie in Trance führe ich ihn zur Nase, atme ein.
Dieser Geruch ist wie eine andere Welt. Ich will nur probieren, nur einmal kosten. Ein einziger Tropfen, ein winzig … kleiner …
Das Nächste, was ich weiß, ist, dass ich auf meinem Baum sitze, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen, und einen Finger an meinen Mund lege. Verwirrt sehe ich ihn an. Er ist blutverkrustet. Angewidert und erschrocken halte ich ihn von mir weg. Ein Blick zum Fuße des Baumes und mein Magen dreht sich. Die völlig zerfetzten und grotesk entstellten Überreste des Fuchses liegen dort.
Scharf ziehe ich die Luft ein, während mir heiß und kalt zugleich wird. Ich muss die Augen schließen und mich an dem Baum festklammern, will ich nicht rückwärts hinunterfallen. Mein ganzer Körper kribbelt und in meinen Ohren ist ein schrilles Fiepen. Habe ich das getan?! Wieso kann ich mich dann kaum daran erinnern?! Ich denke daran, wie ich von diesem betörenden Duft angezogen durch den Wald gehetzt bin. Blut. Es war das Blut, das mich angelockt hat. Das mich zu dem Schauplatz des Kampfes laufen ließ. Dann verschwimmt alles. Ich weiß noch, wie ich das Tier töten wollte, wie ich sein Blut trinken wollte. Ist das falsch? Ich weiß es nicht … Es kommt mir vor, als müsste ich mich schlecht fühlen. Als sollte ich angewidert sein.
Blut trinken. Ein Tier derart zu zerfetzen, das kann nicht normal sein! Selbst die gierigen Feuerraben hätten es nicht auf diese Weise zugerichtet.
Wieder muss ich schlucken, und als ich aufstoße und der Geschmack von Blut sich erneut in meinem Mund ausbreitet, drohe ich tatsächlich das Bewusstsein zu verlieren. Ich muss mich mies fühlen. Mir ist klar, dass ich das muss. Trotzdem will sich das schlechte Gewissen nicht einstellen.
Denk daran, wie gut es geschmeckt hat …
Nein! Nein, das darf ich nicht, das kann nicht richtig sein! Ich muss es bereuen, ich muss angeekelt sein.
Oder solltest überlegen, ob ein Feuerrabe vielleicht besser geschmeckt hätte.
Ich presse mir die Hände auf die Ohren, als würde das etwas an der Stimme in meinem Kopf ändern. Als könnte ich sie auf diese Weise zum Schweigen bringen. Sie verhöhnt mich. Wann immer ich versuche, mich daran zu erinnern, wie sich Reue anfühlt, ruft sie mir diesen metallischen Geschmack ins Gedächtnis und das unglaubliche Gefühl der Befriedigung, als ich meine Zähne in das Fell grub. Die endlose Erleichterung, als ich endlich das Blut an meinen Lippen spürte und wusste, dass mein Hunger gestillt werden konnte.
Nein, Feuerraben haben zu viele Federn. Blöd.
Sei still! Sei still, sei still, sei still!
Ich brauche einige Momente mehr, um mich so weit zu beruhigen, um nach unten zu klettern und mit spitzen Fingern die Fellbüschel hochzuheben. Ich muss etwas tun. Nur wohin damit? Wieder muss ich die Luft anhalten und all meine Willenskraft aufbieten, um nicht den Verstand zu verlieren. Aber dieses Mal hat der Geruch des Blutes keine solche Wirkung wie vorhin. Ich habe nicht länger Durst, kann mich abwenden.
Ich spüre etwas an meinem Kinn, fahre mit dem Ärmel der meines Oberteils darüber und schließe sofort die Augen. Noch mehr Blut.
Mit meinen bloßen Händen wühle ich schließlich die Erde auf und der dunkle Sand frisst sich unter meine Nägel, sodass sie splittern. Ich grabe ein tiefes Loch und stoße die Überreste des Fuchses hinein, um anschließend die Erde wieder darüberzuschieben, bis nichts mehr von seinem zerfetzten Fell zu sehen ist. Dann mache ich mich sofort auf den Weg zu dem kleinen Fluss. Zuerst muss dieses ganze Blut runter! Es klebt überall, in meinem Gesicht, an meinen Händen, auf meiner Kleidung. Unheilvolle dunkelrote Flecken, die leuchten und mir ständig aufs Neue vor Augen führen, was ich getan habe. Sie schreien mich an: Mörder!
Unwirsch presse ich die Lippen zusammen.
Ich sehe das glitzernde Wasser zwischen den Zweigen auftauchen und habe kurz darauf den schmalen Fluss erreicht. An dieser Stelle ist das Wasser flacher und seichter, Seerosen schwimmen auf ihm, es reflektiert das Sonnenlicht und Blätter bilden kleine Kreise auf der Oberfläche. Ich knie mich an das Ufer und versuche es krampfhaft zu vermeiden, auf mein Spiegelbild im klaren Wasser zu achten.
Trotzdem sehe ich, wie die dunklen violetten Augen unheilvoll leuchten. Zu den weißen, kinnlangen Haaren, die mein Gesicht einrahmen, sieht es grotesk aus. Ich starre hinab auf meine zierlichen Hände, die so Schreckliches getan haben, tauche sie komplett ins Wasser und reibe das getrocknete Blut ab, schrubbe heftiger darüber, als könnte ich dadurch die Tat von mir abwaschen. Als könnte ich die grässliche Stimme wegspülen, die das alles genießt. Ungeachtet dessen habe ich das Gefühl, als habe sich das unheilvolle Zeug in meine Haut gebrannt, es will kaum verschwinden, und als es schließlich das Wasser des Flusses verfärbt und er es davonträgt, wird mir schlecht.
Zögernd spähe ich über das Ufer. Irgendwie habe ich Angst, gänzlich in den Fluss zu steigen. Was, wenn ich auch davongeschwemmt werde? Dabei ist die Strömung nicht stark.
Nervös sehe ich mich um, selbst wenn nichts zu hören ist außer dem Singen der Vögel und dem Rauschen des Wassers, wenn es sich an Felsen bricht. Langsam wate ich ins Wasser hinein, die Strömung umfließt meine blassen Knöchel bis zu den Fesseln und meine Zehen graben sich in den schlammigen Grund, die Fische kitzeln mich. Zögernd kneife ich die Augen zusammen und lasse mich mit einem spitzen Schrei hineinfallen. Das Wasser schlägt über meinem Kopf zusammen und ich sinke wie ein Stein. Panisch reiße ich die Augen auf, meine blonden Haare umtanzen mich. Prustend und keuche strampele ich mich an die Oberfläche.
Schwimmen!
Ich rudere unbeholfen mit den Armen und paddle dazu mit den Beinen, um mich irgendwie über Wasser zu halten und zurück an das Ufer zu kommen. Panisch strecke ich eine Hand nach einer Schilfpflanze aus und klammere mich erstickt daran.
Japsend und keuchend ziehe ich mich am Ufer entlang, bis der Fluss an einer Stelle niedrig genug ist, dass ich sitzen kann, ohne zu ertrinken. Vorsichtig streife ich zuerst mein Oberteil und dann meine Hose ab. Mit den Händen reibe ich den Stoff aneinander, um so die schrecklichen Flecken herauszuwaschen, und werfe sie dann auf das Gras. Behutsam rutsche ich weiter in das Wasser. Es ist eiskalt und genau das brauche ich. Mein Kopf wird klarer und ich fühle mich langsam sauberer, je länger es über mich fließt. Ich tauche unter, wasche die Erinnerungen an das tote Tier weg. Wasche den Mord von meiner Haut, den Geruch des Todes, der sich in meinen Poren eingenistet hatte. Ich wasche und reibe und trotzdem fühle ich mich in meinem Inneren nicht besser.
Die Spuren sind von Haut und Kleidung verschwunden, aber in meinem Gedächtnis sind sie weiterhin wie schwarze Brandflecke, die ich nicht ausblenden kann. Da ist das Monster, das mich wie eine zweite Haut bedeckt. Ich keuche auf und stoße wieder an die Oberfläche, reibe mir das Wasser aus den Augen und seufze auf.
Was ist denn nur los mit mir? Warum bin ich nicht wie die anderen Lebewesen hier im Wald? Gibt es noch mehr von denen, die wie ich aussehen? Gibt es da draußen mehr von dem, was ich bin? Noch mehr mit diesen Augen? Vielleicht können die mir ja Antworten darauf geben, warum ich mich an nichts erinnern kann.
Ich muss sie nur finden.
Doch mein neu gewonnener Mut erstickt augenblicklich noch im Keim. Wo soll ich denn nur suchen? Der Wald ist schier endlos.
Missmutig klettere ich nach draußen und streife meine Kleidung wieder über. Sie ist zwar nass und klebt an meinem Körper, bei der wärmenden Sonne trocknet sie jedoch sicher schnell. Ein Vogel stößt einen merkwürdigen Laut aus, der Wind fährt durch die Äste und den Rest des Tages verstecke ich mich auf meinem Baum aus Angst, wenn ich herumstreune, könnte ich irgendeinem anderen Tier begegnen und es möglicherweise angreifen.
In der Nacht träume ich schrecklich.
Ich sehe Füchse mit blutrotem Fell, die eine kleine Gestalt auf einem Felsvorsprung umkreisen. Ihre Bewegungen sind forschend und überlegt, langsam ziehen sie den Kreis enger und enger. Die Gestalt in ihrer Mitte ist leichenblass, ihre Haut leuchtet wie milchiges Mondlicht und als sie den Kopf hebt, erkenne ich mich selbst. Meine großen dunklen Augen verschlucken mich, sehen mich kalt und erbarmungslos an. Mit einem Mal ändert sich ihre Farbe, sie werden rot. Rot wie Blut. Es leuchtet auf meiner Kleidung, in meinen Haaren, an meinen Händen.
Die Gestalt bemerkt es kaum. Ihr Blick ist starr und fest auf mich gerichtet und ich fühle mich, als würde ich der körperlosen Stimme in meinem Kopf gegenüberstehen. Als wäre das die Frau, die sie aus mir machen möchte. Ich will zurückweichen, doch meine Beine sind wie festgewachsen, ich kann mich nicht rühren, kann mich nicht aus ihrem bannenden Blick befreien.
Die Frau bleckt angriffslustig die Zähne und die Füchse wenden sich ebenfalls mir zu. Ihre glänzenden Augen blicken mich vorwurfsvoll und rachsüchtig an.
3

Der Weg führt mich wie jeden Morgen zum Fluss, der sich in einem langen, glitzernden Band durch den gesamten Wald zieht. Ich finde ihn früher oder später und es belustigt mich, sein steiniges Ufer stets an einer anderen Stelle zu erreichen. Grüne Wasserpflanzen ragen aus den Einbuchtungen hervor und die Kiesel an seinem Grund blitzen im Sonnenlicht. Ich klettere flink von einem großen flachen Stein zum anderen, gebückt, wie ich es mir bei einigen Tieren abgeschaut habe. Meine nackten Zehen finden Halt in den Ritzen und ich bewege mich bis zur Mitte vor. Lächelnd beobachte ich die Fische, die durch das Wasser schießen. Ihre silbrigen Schuppen schimmern wie ein Kettenhemd.
Kurz stutze ich über meine eigenen Gedanken – Kettenhemd? Wo kommt dieser Begriff her? Ich kenne ihn und dennoch kann ich mir das Bild dazu kaum ins Gedächtnis rufen. Eine Weile betrachte ich sie, meine Blicke flackern unruhig hin und her, dann schnelle ich mit meinem Arm vor und erlege einen zarten Goldschwimmer. Nach wenigen Versuchen habe ich genug gefangen, dass es für einige Mahlzeiten reichen wird.
Ich habe versucht, mich dagegen zu wehren, doch seitdem ich erstmals vom Blut des Fuchses getrunken habe, reichen mir die Wurzeln im Uferschlick oder die Kräuter und Strauchbeeren nicht mehr. Sie schaffen es zwar für eine gewisse Zeit, die Leere in meinem Magen zu füllen, aber es vergehen nur wenige Tage, bis ich wieder spüre, dass mein Verlangen damit nicht gestillt ist. Als ich es das erste Mal nach dem Vorfall mit dem Fuchs zu ignorieren versuchte, konnte ich regelrecht fühlen, wie ich schwächer wurde, und aus Angst, wieder die Kontrolle über mich zu verlieren, begann ich, in regelmäßigen Abständen Tiere zu erlegen.
Das zweite Mal Blut zu trinken war nicht minder unglaublich, indes konnte ich mich besser beherrschen. Ich zerfleischte mein Opfer nicht völlig und ich konnte mich gänzlich an die Tat erinnern. Keine gute Tat, das spüre ich. Habe ich eine Wahl? Vielleicht sind alle Wesen wie ich so. Und schließlich wollten auch die Feuerraben den Fuchs fressen. Es fühlte sich besser an und nachdem ich von dem Blut gekostet hatte, spürte ich förmlich, wie Energie durch mich hindurchjagte, und meine Laune besserte sich augenblicklich, deshalb bleibe ich nun dabei.
Gerade als ich die Fische bis auf ihre Gräten abgenagt habe und mir mit dem Handrücken über den Mund wische, dringen mit einem Mal seltsame Geräusche an mein Ohr. Ich stutze.
Ein Getrappel wie von Hufen und das Rascheln von Kleidern, ein Klappern, ein Klopfen … Ich springe sofort auf und laufe darauf zu. Zu meiner Verwirrung muss ich ein ganzes Stück durch den Wald rennen, ehe ich Bewegungen zwischen den Bäumen erahnen kann, dabei waren die Laute klar und deutlich, als kämen sie aus nächster Nähe.
Blitzschnell erklimme ich einen Baum und erreiche seine höchsten Äste. Aufmerksam spähe ich über die hohen Kronen. Da, Gestalten, die zwischen den mächtigen Stämmen umherwandern. Sie haben Karren bei sich. Karren und Wagen, gezogen von Pferden.
Lauernd folge ich den Wandernden und sehe nach Westen. Dort erkenne ich in einiger Entfernung rote, riesige Mützen. Von ihnen dringt ein merkwürdiger Lärm zu mir herüber, den ich nicht so recht einordnen kann. Was mag dort wohl sein? Könnte es vielleicht sein … Ich verschwinde wieder im Geäst und springe von einem der niedrigeren Äste, lande leichtfüßig auf dem weichen Waldboden.
Neugierig folge ich den Geräuschen.
In ausreichendem Abstand schleiche ich hinter den Gestalten her, verberge mich im Unterholz und halte nach ihnen Ausschau, ehe ich ihnen weiter lautlos nachlaufe. Plötzlich stehen die schützenden Bäume weiter auseinander, das Gestrüpp lichtet sich und ich merke, wie es heller wird. Ich nähere mich einer Lichtung. Einer riesigen Lichtung.
Abrupt halte ich inne. Die Gestalten laufen unbeirrt weiter und verlassen das Dickicht des Waldes, treten hinaus in das Licht. Ich blicke mich nervös um, spähe zurück in die grüne Dunkelheit, die mir vertraut ist. Noch nie habe ich mich weit genug vorgewagt, dass ich diesen Ort entdecken konnte. Schüchtern trete ich an den leichten Abhang heran und kann von ihm aus auf die kleinen Gebäude weiter unten blicken.
Sie sind aus Stein und Holz gefertigt, mit strohgedeckten Dächern und Fenstern, durch die man hineinblicken kann, und sie sehen groß und massiv aus. Bunte Punkte bewegen sich zwischen ihnen hin und her, ein kreisrunder Platz in ihrer Mitte muss wohl etwas wie das Zentrum zu sein, nach dem sich alles richtet. Er fällt mir sofort auf, ein freier Fleck inmitten des Häusermeeres, und dorthin strömen alle Gestalten. Auch die, denen ich bis hierher gefolgt bin.
Vorsichtig schleiche ich näher und beginne, den Abhang hinunterzuklettern. Was mag das wohl sein?
Der seltsame Ort ist auf allen Seiten vom Wald umgeben, der im Norden und Osten längst nicht mehr so dicht und wild ist, wie ich es gewohnt bin. Er scheint in unmittelbarer Entfernung ein Ende zu nehmen. Das verunsichert mich. Ich habe den Wald noch nie verlassen …
Deshalb fühle ich mich auch seltsam nackt, als ich mich den Gebäuden nähere. Wo kann ich mich verstecken?
Im Schutze eines Hauses wage ich mich weiter heran, drücke mich eng an die Wand hinter mir. Meine Blicke huschen wachsam hin und her, so viele Geräusche umgeben mich, so viele neue Sinneseindrücke, dass ich scharf Luft holen muss. Gedanken rasen mit einer fast schon schmerzhaften Geschwindigkeit durch meinen Kopf, alles ist mir ein wenig zu laut, ein wenig zu grell. Farben brennen in meinen Augen, merkwürdige Stimmen und Laute, die ich nie zuvor gehört habe, erfüllen die Luft.
Mein Herz setzt für einen Moment aus, als ich die Wesen, die über die gepflasterten Straßen wandeln und sich dabei fröhlich unterhalten, entgeistert anstarre. Sie sehen ja aus wie … ich!
Sie haben Beine und zwei Arme und einen Kopf mit langen Haaren. Und diese seidige, schrecklich dünne Haut, die auch mich umgibt. Mir klappt der Mund auf. Andererseits bewegen sie sich ganz anders! Ihr Rücken ist durchgedrückt, sie gehen kerzengerade und aufrecht. Vor allem scheint sich keiner von ihnen durch irgendetwas bedroht zu fühlen, dabei sind es so viele. So viele auf einem Haufen. Wie können sie sich nicht einmal umsehen, wie können sie derartig sorglos dahinschreiten?
Ich drücke meinen Rücken durch und nehme die Schultern zurück, versuche mich ihrer steifen Art anzupassen, falle jedoch schnell wieder in die alte Haltung. Irgendwie fühle ich mich auf diese Weise sicherer.
Der Wald ist groß, unendlich. Es kam mir vor, als wäre er alles, was es auf dieser Welt gibt. Nichts anderes außer grüne Wiesen, Bäume und moosbedeckte Lichtungen. Offensichtlich habe ich mich gewaltig getäuscht.
Geh lieber wieder weg! Das ist nichts für dich! Das sind Menschen!
Menschen. Ich probiere das Wort in meinen Gedanken aus und es kommt mir flüchtig bekannt vor. Bin ich auch ein Mensch? Denn auch wenn sie mir auf den ersten Blick ähneln, entdecke ich beim näheren Hinsehen zahlreiche Unterschiede. Ihre Augen sind anders. Sie leuchten nicht kräftig und dunkel wie meine und auf keinen Fall sind sie violett. Die Menschen reden die ganze Zeit, ihr Gewirr aus Stimmen ist fast schon zu laut für meine sensiblen Ohren und ich nehme Gesprächsfetzen auf, denen ich keinen rechten Sinn entlocken kann.
»… müssen sicherlich ein Vermögen wert sein!«
»Um Himmels willen, bist du sicher? Ich wusste nicht …«
»Hast du schon gehört, dass die Tochter von …«
»Oh, guten Tag, ich hatte nicht mit Ihnen gerechnet! Wollen Sie …«
Ich schaffe es kaum, mich auf eine Sache zu konzentrieren, schon ist da etwas Neues, das mich ablenkt. Das Leben der Menschen ist bunt und hektisch, sie eilen gehetzt über das Pflaster, haben kaum Zeit. Alle sind in Aufruhr, alle sind in Bewegung.
Gleichzeitig faszinieren sie mich. Sie sind so … anders.
Ich schleiche um das Haus herum und finde mich auf einer belebten Straße wieder. Lachend laufen Kinder an mir vorbei, aus den Fenstern blicken Gesichter, an Leinen, die von Dachfirst zu Dachfirst gespannt sind, hängen bunte Kleidungsstücke. Karren werden an mir vorbeigerollt, laute Stimmen rufen einander etwas zu, die Menschen winken. Ich drehe mich im Kreis, versuche alles in mir aufzunehmen, all die neuen Dinge.
Ein Netz aus staubigen Straßen windet sich durch das Dorf, die kleinen Häuser aus Sandstein mit den hohen Schornsteinen und grünen Fensterläden stehen dicht gedrängt aneinander, Blumen blühen vor den Fenstern, ein verführerischer Duft dringt aus dem Inneren.
Für den Großteil der Dinge habe ich nicht einmal einen Namen! Das Dorf ist chaotisch und unruhig und das löst einerseits eine unglaubliche Furcht in mir aus, weil alle durcheinander rufen, gleichzeitig macht dies es mir leichter, mich am Rande im Schatten der Häuser unbemerkt weiter vorzuwagen.
Es fühlt sich an, als könnte ich für den Rest des Tages nichts anderes tun, als die merkwürdigen Wesen zu beobachten. Die Menschen sind alle verschieden, ihre Haare gibt es in den unterschiedlichsten Farben und Längen, ebenso ihre Haut und Augen. Aber sie entmutigen mich auch. Denn trotzdem entdecke ich niemanden, der so aussieht wie ich oder der sich auch nur annähernd so leise, flink und angriffsbereit bewegt.
Weil du nicht wie sie bist.
Warum nicht? Was bin ich dann?
Kaum gedacht, verwerfe ich den Gedanken gleich wieder, denn die Gebäude um mich herum verändern sich. Verschnörkelte Buchstaben in bunter Schrift, abblätternde Farbe auf Schildern, kunstvoll verzierte Zeichen über den Türen. Ich wundere mich selbst, warum ich es lesen kann, denn es fällt mir nicht allzu schwer, die seltsamen Symbole zu entschlüsseln und zu Worten zu formen. Ich gelange auf einen großen Platz mit einer mächtigen, imposanten Statue in der Mitte. Sie zeigt einen grimmig blickenden Mann mit gekreuzten Schwertern, zu dessen Füßen Wasser in einem Becken plätschert. Ein Junge spritzt ein Mädchen nass, das kreischend und kichernd vor ihm davonläuft. Überall sind Stände mit bunten Markisen aufgebaut, Händler rufen mit lauten Stimmen und preisen die Waren an. Neugierig nähere ich mich ihnen. Bunte Glasprismen an einer Schnur aufgereiht, wozu soll das gut sein? Interessiert nehme ich einen dieser Gegenstände in die Hand, betrachte ihn und lege ihn dann auf meinen Kopf. Dazu vielleicht? Unmöglich. Das Licht spiegelt sich auf wundersame Weise in den Steinen, es malt einen zarten Regenbogen auf meine Hand und ich drehe sie begeistert hin und her.
Ein entsetzter Aufschrei lässt mich zusammenfahren. Die Frau mir gegenüber starrt mich mit schreckgeweiteten Augen an, presst sich eine Hand auf den Mund. Mein Herz verkrampft sich. Hat sie Angst vor mir?!
»Krupferl, frischer Krupferl!«
Ich fahre zusammen und wirbele herum. Ein Mann am Stand gegenüber wirbt mit lauter Stimme die Leute an und entblößt eine breite Reihe von Zähnen, als sich zwei junge Mädchen mit Körben voller Blumen am Arm nähern.
»Krupferl für die jungen Damen?«
Ich wende mich ab und stolpere zurück.
»Halt! Die Kette!«, ruft die Frau mir nach, ich kann nicht auf sie hören. Das Dorf wird mit der Zeit beängstigender! Die Häuser sind groß und es ist, als wollten sie mich unter sich begraben, als erdrückten sie mich. Die ganzen Menschen machen mir Angst, ihre Masse bedrängt mich und jetzt, wo ich mich zwischen sie gewagt habe, werden rasch mehr und mehr von ihnen auf mich aufmerksam.
»Bleib gefälligst stehen!«
Ich springe verschreckt zur Seite, als die Händlerin mir nachkommt, und rempele dabei eine füllige Frau mit zwei kleinen Kindern am Rocksaum an. Besorgt klappe ich die riesigen Schwingen eng an meinen Körper, damit sie nicht im Weg sind oder schlimmstenfalls weiter einreißen können. Die Geräusche schwellen mehr und mehr zu einem einzigen, undurchdringlichen Summen und Brummen an, die Stimmen sind schrilles Kreischen in meinen Ohren und meine Knie beginnen zu zittern. Panisch wirbele ich herum.
Du gehörst nicht hierher. Sie sehen, dass du anders bist.
Ja, sie müssen es sehen! Ich merke, dass die Frau mich noch immer im Blick hat, sie deutet auf mich und die Leute drehen sich nach mir um, reißen entsetzt die Augen auf.
Töte sie. Wie den Fuchs. Wie wäre es, wenn du ihre Kehle aufreißt? Dann würden sie nicht mehr so unerträglich laut sein. Was? Oh nein, ich muss … ich kann … wohin?! Ich drehe mich um die eigene Achse, schneller und schneller. Überall sind Menschen, drängen sich dichter an mich, die wogende Masse spült mich davon, weiter auf den Brunnen zu, ich kann mich aus dem Strom nicht befreien. In meinen Ohren fiepst es und meine Augen brennen.
Es ist leicht. Du bist schnell, sie sind unaufmerksam. Sie könnten sich nicht wehren.
Mir ist schlecht, das ist alles zu viel. Ihr Lachen, es ist so laut, so breit, so beängstigend. Ihre Bewegungen, ausladend, wirr. Ihre Schritte unbeholfen und schwer, ihre Kleidung raschelt, sie riechen, die Gerüche brennen in meiner Nase. Stechendes Parfüm, viel zu süß. Gebäck, schwer und fettig. Schweiß, durchdringend und ätzend.
Sie starren dich an.
Bitte nicht! Sie sollen mich nicht sehen, sollen mich in Ruhe lassen! Weg, weg von mir! Meine anfängliche Begeisterung schlägt in wilde Panik um. Die Eindrücke, die ich vorhin aus sicherer Entfernung aufnehmen und verarbeiten konnte, brechen nun wie ein Sturzbach auf mich ein und mehr und mehr Wesen scharen sich auf dem Platz um mich, mustern mich, schrecken zurück. Schreie werden laut. Ich fühle mich, als hätte ich eben noch am Ufer gestanden und das rauschende Wasser betrachtet, doch ein falscher Schritt, ein übermütiger Satz und ich stürze in die reißenden Fluten, in denen ich zu ertrinken drohe. Wie soll ich hier wieder herauskommen?! Verzweifelt sehe ich mich um.
Die Statue! Erleichtert eile ich auf sie zu, weiche den Entgegenkommenden aus, schlage Haken und husche zwischen Ständen hindurch. Endlich habe ich sie erreicht. Sie ist aus hellem Sandstein gehauen und durch die Konturen des Mannes, den sie darstellen soll, gibt es genügend Vertiefungen, an denen ich mich emporziehen kann. Ich springe auf den Rand des Beckens und setze einen Fuß auf den viel größeren steinernen der Statue.
»Nicht! Bist du wahnsinnig? Jemand muss sie aufhalten!«, kreischt man hinter mir, ich halte nicht inne. Flink klettere ich hinauf, meine Füße finden rasch Halt, mit den Armen ziehe ich mich nach oben. Schon bald habe ich den großen Kopf erreicht und richte mich triumphierend auf. Auf diese Weise kann ich alles überblicken und für einen Moment das Menschenmeer unter mir lassen, der erdrückenden Enge entfliehen.
In Windeseile fahre ich mit meinen Blicken die Wege entlang, präge mir das Muster der Straßen ein und versuche, mir inmitten der gleich aussehenden Häuser Orientierung zu verschaffen.
Da, der rettende Waldrand. Er ist nicht so weit entfernt, wie ich dachte. Einige verwinkelte Gassen. Eine Querstraße. Um zwei Ecken. Mein rasender Gedankenstrom normalisiert sich ein wenig.
Ich kann das schaffen.
»Komm sofort zurück! Holt sie da runter!« Die Stimme der Händlerin erreicht mich und ich blicke unwillkürlich nach unten. Erstarre. Ein ganzes Knäuel aus Menschen hat sich um den Brunnen geschart und starrt zu mir empor. Sie können sich nicht entscheiden, ob sie entgeistert oder wütend sein sollen.
»Mama! Guck das mal an!«
Ein kleines Mädchen mit langen kastanienbraunen Haaren zupft am Rock seiner Mutter und deutet aufgeregt zu mir herauf. Ich unterdrücke einen Schrei, hier oben kann ich mich jedoch nirgends verstecken. Die Mutter starrt mich verwundert an.
»Allmächtiger! Oh nein, geh da weg!« Sie zieht ihre Tochter zurück, die neugierig zum Springbrunnen gelaufen ist und mit großen Augen zu mir aufsieht. Kalte Angst kriecht mir den Rücken hinab – ich sitze in der Falle! Die Menschen bleiben verwundert stehen, tuscheln aufgeregt.
»Sieh mal, diese Augen!«
»Wo kommt sie her?«
»Wie ist sie da raufgekommen?!«
Panisch beginne ich wieder nach unten zu klettern – wenn diese verflixten Flügel nur funktionieren würden! Dann könnte ich sie ausbreiten, davonfliegen und all die Menschen unter mir zurücklassen. Doch sie sind nicht zu gebrauchen, ich muss mich auf meine Beine verlassen. Sobald ich den sicheren Waldrand erreicht habe, können sie mir nichts mehr tun.
Das ist mein Gebiet.
Kurz bevor ich das Wasser im Brunnen erreiche, springe ich von der Statue hinunter, presse mich auf die Erde, sehe mich um und versuche, einen Fluchtweg zu finden.
Weg! Lauf weg!
Ein großer Mann mit Hut nähert sich mir. Besorgt ziehen Mütter ihre Kinder zurück, die mich anfassen wollen.
»Wer bist du denn?! Weißt du nicht, dass man nicht auf einer Statue herumklettern darf?« Er macht noch einen Schritt auf mich zu. Will er mich angreifen?! Seine Stimme ist streng und barsch, seine Augen blitzen alles andere als freundlich. Panisch stolpere ich zurück. Ich muss flüchten, sofort!
Sie sehen alle her! Sie schauen dich an! Du bist anders.
»Verstehst du, was ich sage? Hallo?!«
Mein Blick huscht hin und her, plötzlich packt mich der Mann an der Schulter und ich springe auf, aus meiner Kehle dringt unerwartet ein wütendes Knurren. Überrascht sieht er mich an und ich reiße mich los, drehe mich unter ihm weg und stürze davon. Die Menschen machen mir Platz und ich erklimme einen Baum, springe auf ein nahe gelegenes Dach, was Kreischen und Schreien hervorruft.
»Halt! Komm sofort zurück!«, brüllt der Mann.
Auf keinen Fall! Nichts und niemand kann mich aufhalten, um keinen Preis der Welt bleibe ich auch nur einen Wimpernschlag länger an diesem schrecklichen Ort!
Ich spüre, dass sie mir folgen, aber sie können mich nicht einholen, denn ich bin schnell. Viel schneller als sie. Ich tauche in das Gewirr der Straßen ein und verschwinde ungesehen im Wald, wo ich nicht eher anhalte, bis ich nichts mehr höre außer dem Wind. Dann lehne ich mich keuchend und vor Angst zitternd gegen einen Baum.
Ich spüre etwas Schweres in meiner Tasche und greife danach. Die Glasprismen! In der Aufregung habe ich ganz vergessen, sie zurückzulegen, und sie achtlos in meine Tasche gestopft. Verschreckt schleudere ich sie von mir.
Dann besinne ich mich jedoch und laufe zurück, um sie im Gras zu suchen. Wenngleich sie den Menschen gehören, sind sie wunderschön und ich will sie behalten, um mich daran zu erinnern, dass sie zwar aussehen wie ich, doch trotzdem anders sind. Sie sind gefährlich und das darf ich niemals vergessen. Ich wende dem Dorf den Rücken zu und laufe wieder tiefer in den Wald hinein, wo die Dunkelheit mich verschluckt und ich vor ihren entsetzten Blicken sicher bin.
4

Tief atme ich die frische Luft ein. Der Wind streicht mir in einer sanften Brise um die Nase, das Gras kitzelt an meinen Füßen und ich höre einige Vögel entfernt in den hohen Baumwipfeln zwitschern. Es ist einer dieser Tage, wie ich sie liebe. Ein wenig kühl, etwas frisch, trotzdem nicht kalt. Er sprüht nur so vor Leben. Das weiche Gras duftet leicht und ich seufze wohlig. Viel Zeit ist seit dem Tag vergangen, an dem ich orientierungslos hier aufgewacht bin, wie viel, das weiß ich gar nicht genau. Die Tage verschwimmen ineinander und ich kann sie nicht mehr voneinander unterscheiden, versinke in der Wildnis des Waldes.
Was ich weiß, ist, dass ich bisher meine Erinnerungen noch nicht wiedergefunden habe. Da ist diese gähnende Leere in meinem Kopf, tiefste Finsternis, die sich endlos weit erstreckt, und ich weiß nicht, ob ich in sie abgetaucht bin und alles, was vor ihr war, verloren habe, oder ob ich aus ihr entstanden bin und es vorher nichts gab.
Wie ich es auch drehe und wende, der Wald ist alles, was ich habe.
Ich krieche zu dem Abhang. Verdeckt von den hohen Gräsern kauere ich da und sehe hinunter auf die Häuser, die ich seither meide, auch wenn sie von hier ungefährlich wirken. Ich fühle mich sicherer, wenn ich sie beobachte, wenn ich sie im Auge behalte und nicht etwa überraschend von den Menschen angegriffen werden kann.
Von hier oben sind sie bloß kleine Punkte, die geschäftig hin und her eilen. Ich schüttle den Kopf und robbe wieder zurück. Menschen werde ich nie verstehen. Wenngleich ich mir geschworen habe, mich von ihnen fernzuhalten, habe ich dennoch einen entscheidenden Vorteil an ihnen entdeckt. Etwas, das ich mir durchaus zunutze machen kann. Wenn ich weiß wie.
Die Glocken beginnen zu läuten.
Neun Mal.
Es ist Zeit, sich um ein Frühstück zu kümmern.
Mit einem feinen Lächeln springe ich auf und folge meinem Weg durch den Wald. Gespannt spähe ich um den Baumstamm herum, hinter dem ich mich versteckt habe. Entschlossen umklammere ich meine provisorische Waffe, einen kurzen Ast, an den ich einen scharf geschliffenen Stein gebunden habe, fester. Ich trage sie bei diesen Ausflügen stets bei mir, trotz dass ich nicht gern mit ihr kämpfe. Meine Hände sind mir viel lieber als dieses seltsame Gewicht.
Doch für das, was ich vorhabe, ist ihre Nützlichkeit nicht zu leugnen.
Wieder blicke ich um den Stamm herum und beobachte den kleinen, schmalen Trampelpfad, der durch den Wald führt.
Ich habe ihn zuerst nicht bemerkt, erst als ich ein weiteres Mal nach meinem Ausflug in das Dorf menschliche Stimmen zwischen den Bäumen wahrnahm, bin ich sofort aufgesprungen, um nachzusehen, was vor sich ging. Dabei habe ich entdeckt, dass die Gestalten, denen ich damals gefolgt bin, in regelmäßigen Abständen diesen Weg benutzen.
Es sind Händler, die in das Dorf gehen und ihre Waren anpreisen. Dann kommen sie mit ihren Wagen voller Sachen und passieren in einer langen Reihe den Pfad. Zwischen den Händlern ist oft viel Abstand und da der Weg viele Kurven macht, ist es für mich ein Leichtes, unbemerkt ein paar Dinge zu stibitzen.
Ungeachtet dessen, dass ihr Geschmack sich natürlich nicht mit der Explosion vergleichen lässt, die frisches Tierblut in mir auslöst, schmecken die Lebensmittel, die die Menschen in das Dorf bringen, manchmal besser als die Beeren und Kräuter, die ich hier sammeln muss. Gerade wenn meine Vorräte zur Neige gehen und ich der Wurzeln überdrüssig werde, freue ich mich umso mehr auf einen Raubzug.
Sie sind Händler, sie verkaufen Sachen. Ich brauche Sachen. Darüber hinaus bereitet es mir in gewisser Hinsicht Freude, ihnen aufzulauern – es ist wenigstens eine spannende Abwechslung zu meinen recht öden Tagen.
Ich schnuppere und horche sorgfältig. Mein Gehör habe ich in der Zeit im Wald weiter geschult, sodass ich selbst das Rascheln einer Maus in großer Entfernung wahrnehme. Ich wende meine Aufmerksamkeit dem Weg zu, denn ich höre Hufgetrappel nahen. Und Hufgetrappel bedeutet Essen!
Ich schließe kurz die Augen und verbanne jeden Gedanken, der nicht mit meiner Mission zu tun hat, aus meinem Kopf. Jetzt ist es wichtig, bei der Sache zu sein und sich nicht ablenken zu lassen. Schon eine kleine falsche Bewegung könnte alles zunichtemachen. Gespannt horche ich und als der Händler genau hinter meinem Baum ist, springe ich auf den Weg. Wie eine Raubkatze hocke ich da und erfasse blitzschnell die Lage. All diese Bewegungen sind mir so vertraut. Ich laufe hinter dem Planwagen her. Auf dem Kutschbock sitzt ein Mann mit einem karierten Hut und singt vor sich hin. Für einen Augenblick bin ich ein wenig aus dem Konzept gebracht. Ich kann einfach nicht anders, ich muss zuhören. Ich wüsste nicht, wann ich jemals jemanden hätte singen hören – von Vögeln abgesehen. Es ist kein besonders schöner Gesang und kein besonders schwieriges Lied, aber gerade die Einfachheit der Melodie und die beschwingte Stimmung der Töne lösen ein warmes Gefühl in mir aus:
Königin mit eisigem Gesicht
Augen aus Glas, kennst du sie nicht?
Ihr Garten voll Blumen wunderschön,
werden doch das Licht nie seh’n.
Unwirsch straffe ich meine Schultern und schimpfe mit mir selbst. Ich muss mich ranhalten! Leichtfüßig springe ich auf den Planwagen und wage mich in sein Inneres. Die rauen Seile, die durch die Haken geschlungen und mit Knoten versehen wurden, sind schnell gelöst, vor allem, weil ich inzwischen recht geübt darin bin. In Windeseile durchsuche ich die Säcke und Kisten. Offensichtlich ein Gemüsehändler, ich finde Karotten, Krupferl und Salatköpfe. Sogar Jorze sind dabei! Rasch stopfe ich in meinen leeren Beutel, den ich zu Beutezügen mitnehme, seit ich ihn bei meinem ersten ergattern konnte, reichlich Sachen, bis er zum Rand gefüllt und sein Gewicht an meiner Hüfte schon fast hinderlich ist. Geschickt verschließe ich die Kisten wieder und springe vom Wagen.
»Hey! Was hast du hier zu suchen?«
Der Händler hat sich zu mir umgedreht, er hält an und steigt vom Kutschbock herunter. Sein Blick huscht zu dem Beutel an meiner Seite und seine Augen werden groß, als er begreift.
»Hast du … na warte! Dir werde ich Beine machen!«, schnaubt er und festgefroren, wie ich vor lauter Schreck bin, reagiere ich zu langsam, als er einen groben Knüppel nach mir wirft, der mich beinahe am Kopf erwischt. Erschrocken wirbele ich nun endlich herum und hetze davon. Die stampfenden Schritte verraten mir, dass er mir folgt, und ich stürme auf die Bäume zu, ehe ich ein Surren in der Luft höre und sich etwas um mein Bein schlingt. Ich gerate sofort ins Straucheln, stürze zu Boden, wo ich mich winde und davonkrabbeln will. Der Mann kommt auf mich zu, das andere Ende des rauen Seils in der Hand, in das er offensichtlich eine Schlinge geknüpft und nach mir geworfen hat. Der Blick aus seinen grauen Augen ist wütend, die große Nase in seinem Gesicht zuckt angespannt.
Dennoch erkenne ich etwas anderes in seinem Ausdruck. Verwunderung. Als er näher kommt und mich genauer in Augenschein nehmen kann, verwirren ihn die großen Flügel und meine glühenden Iriden offenbar. Ich weiche weiter vor ihm zurück, mein Herz droht mir die Brust zu sprengen.
»Was um alles in der Welt …«, stößt der Händler hervor und blinzelt heftig. Ich nutze den Moment und reiße mein Bein zurück, sodass er vorwärts stolpert. Ruckartig schnelle ich hoch, meine Faust trifft ihn in die Magengrube und ich befreie mein Bein aus der Schlinge, als er stöhnend in die Knie geht und das Seil nicht mehr fest umfassen kann. Ein Tritt gegen seine Schulter, er taumelt und fällt zu Boden, da drehe ich mich bereits um, schnappe mir meine Beute und presse sie an mich, sprinte davon, ohne einen weiteren Blick nach hinten zu wagen. Schneller und schneller tragen mich meine Beine über Wurzeln und Senken hinweg, und wenngleich der Händler mir nicht folgt, spüre ich dennoch unaufhörlich seinen starren Blick. Einen Blick, der mir eine eisige Gänsehaut über den Rücken kriechen lässt.
Als er mich sah, war er zunächst wütend, dann veränderte sich sein Blick von Skepsis zu einem Ausdruck von Gier. Einer Gier, die mir wahrhaftig Angst eingejagt hat, als wäre ich nur ein bloßes Werkzeug, eine außergewöhnliche Pflanze, die er unbedingt näher betrachten wollte. Ich schüttele mich, um die Erinnerung zu vertreiben, wenngleich sie sich tief in mein Gedächtnis gebrannt hat. Meine nervös flatternden Augenlider lassen sich kaum beruhigen und ich bebe am ganzen Körper. Mit meiner Beute unter dem Arm laufe ich zurück zum Abhang, um dort zu verschnaufen. Hierher kommen die Menschen nicht. Für gewöhnlich.
Unsicher luge ich zwischen den Zweigen der Bäume hindurch, um zu sehen, ob er mir gefolgt ist, aber keine Spur von ihm. Hören müsste ich die Menschen schon von Weitem – sie bewegen sich ungeschickt und schwerfällig, krachen mit ihren Schritten durch das Unterholz und sind unvorsichtig. Zumal ich mich besser in diesem Wald auskenne und mich auch viel leiser bewegen kann. Er muss meine Spur rasch verloren haben.
Hoffe ich. Was, wenn er nach mir sucht? Wenn sie neue Wege zwischen den Bäumen anlegen, um sie mit ihren Karren entlangzufahren und sie diejenigen sind, die mich vertreiben? Ich will diesen Wald nicht verlassen, ich kann ihn nicht verlassen!
Mit einem tiefen Seufzer lege ich den Kopf auf meine Knie, und ohne es richtig zu merken, beginne ich leise zu wimmern. Ich weiß selbst nicht genau weshalb, vielleicht, weil der Schock tief in meinen Gliedern sitzt, vielleicht, weil ich mich weiterhin an nichts erinnern kann, vielleicht, weil ich ein einsames, sinnloses Leben führe. Vielleicht auch, weil mir der Blick des Mannes, dieser wissenshungrige und auch entsetzte, geschockte Blick seltsam bekannt vorkam. Ich habe das Gefühl, ihn schon oft auf mir gespürt zu haben.
Entnervt greife ich nach den saftigen dunkelroten Früchten, den Jorze. Hungrig bin ich schließlich immer noch und bisher ist mir niemand hinterhergekommen, deshalb sollte ich mich wohl beruhigen. Also beiße ich hinein und genieße den Geschmack auf der Zunge. Lediglich kurz, denn irgendwie … ich weiß auch nicht. Irgendwie hatte ich ihn besser in Erinnerung. Irgendwie habe ich den Geschmack von allem besser in Erinnerung, wenn ich gerade Blut gekostet habe. Damit lässt sich einfach nichts vergleichen …
Ich rappele mich auf und mache mich auf den Weg, um meine restliche Beute in Sicherheit zu bringen. Zielstrebig husche ich durch das Unterholz, überquere den Fluss und schleiche tiefer in den Wald hinein. Hier, wo die Bäume dichter zusammenstehen und nur vereinzelt Sonnenstrahlen durch das Dach dringen, habe ich mir mein Quartier errichtet. Es ist ein uralter Baum, knorrig, mit einem breiten Stamm und mächtiger Krone. Hoch oben habe ich vereinzelte Bretter quer über Äste gelegt und auf diese Weise eine Plattform errichtet. Blitzschnell klettere ich den Stamm empor, mit meinen Füßen finde ich genau die richtigen Vertiefungen in der Rinde, meine Hände halten sich schon fast von selbst an den Ästen fest und ich ziehe mich daran hoch.
In meinem Versteck, gut getarnt durch das undurchdringliche Geäst und die schützenden Blätter, angekommen, verstaue ich meine Beute sorgfältig. Hier oben habe ich einige Körbe aufgehängt, die mir als Vorratsbehälter dienen, Kräuter hängen zum Trocknen an Zweigen, ein leicht zerfetzter Umhang dient mir als Decke und ein luftiges Tuch verdeckt die kleine Holzkiste mit meinen größten Kostbarkeiten. Zufrieden lasse ich mich auf einem dicken Ast nieder und hole sie hervor, klappe vorsichtig den Deckel auf und betrachte meine wundersamen Funde. Einst war auch ein Spiegel darunter, den ich jedoch weggeworfen habe. Ich sehe mich nicht gern an. Dann denke ich nur wieder an den Albtraum, den ich vor langer Zeit hatte, der, in dem meine Augen sich dunkelrot verfärbten.
Als ich den Spiegel im Fluss versenkte, habe ich die flachen, abgerundeten Steine mit dem seltsamen Muster gefunden, die im Licht ein wenig schimmern. Sie liegen ganz unten in der Kiste, gleich neben den Glasprismen aus dem Dorf. Ich streiche über die Feder, die einem Vogel mal aus dem Nest gefallen ist, fahre über raue Tannenzapfen und nehme zum Schluss die hübsche Brosche in die Hand, die ich vor einiger Zeit habe mitgehen lassen. Sie war einfach zu schön, um sie einem dieser Menschen in die Hände fallen zu lassen. Ich glaube, sie soll eine Rose darstellen, deren Blätter vergoldet sind. Behutsam lege ich sie zurück und wickle die Kiste wieder in das Tuch ein. Sie hat ein verrostetes Schloss, leider besitze ich keinen passenden Schlüssel dazu. Dennoch macht allein das Wissen darum sie noch besonderer. Es gefällt mir, die Dinge zu verstecken und von Zeit zu Zeit verträumt zu betrachten und mir Geschichten zu ihnen auszudenken. Wie der Vogel gerade fliegen lernte, als er seine Feder verlor, oder dass die Steine Wünsche erfüllen können und eigentlich einmal Sterne waren, die vom Himmel gefallen sind.
Ich springe von meinem hohen Sitz und lande leichtfüßig im Gras, das meinen Aufprall dämpft. Dann laufe ich zum Wasser, um die Netze zu kontrollieren, die ich ausgeworfen habe, um damit Fische zu fangen.
Die Sonne geht schon als ein glühender Ball am Horizont unter, als ich mit einem reichen Fang zurückkehre. Diesmal ist nur ein Netz von der Strömung mitgerissen worden, das zweite ist zwischen den Steinen hängen geblieben, so wie ich es wollte, und hat mir tatsächlich drei Goldschwimmer beschert. Besser gelaunt mache ich mich auf den Rückweg, nage die Fische ab und vergrabe die Gräten. Satt und zufrieden mache ich es mir zum Schlafen gemütlich. Unruhig wälze ich mich jedoch hin und her. Ich kann es nicht genau erklären, dieses dumpfe Gefühl in meiner Magengegend, eine ungute Vorahnung. Etwas macht mir Angst.
Große Angst.
5

Laute Geräusche lassen mich aus dem Schlaf schrecken. Sofort bin ich hellwach und lausche angestrengt. Ein Rascheln, Zweige, die unter schweren Stiefeln krachend zerbrechen. Ich springe auf und zücke eines meiner geschärften Messer. Hastig klettere ich höher in den Baum, dorthin, wo die Äste dünner und fragiler sind, denn ich will so weit wie möglich von den Geräuschen entfernt sein. Was, wenn es der Händler ist? Wenn er mich wieder mit dem Seil fesseln will? Sorgenvoll klettere ich auf dem Ast weiter vor, damit ich besser in die Tiefe spähen und sehen kann, was dort unten vor sich geht. Gedanken rasen in meinem Kopf durcheinander und ich weiß nicht, was ich tun soll. Davonlaufen? Ihm entgegentreten? Mein Versteck verteidigen? Noch während ich die Möglichkeiten abwäge, durchbrechen schon Gestalten das Unterholz. Vor Schreck bewege ich mich zu hastig, zu schnell. Ich will zurückweichen, mich tiefer im Blattwerk verstecken, als der Ast unter mir bedrohlich knackt und im Bruchteil eines Augenblicks weiß ich, dass es zu spät ist. Er zerbricht unter meinem Gewicht und ich falle. Panisch rudere ich mit den Armen, hoffe, etwas zu packen zu bekommen, stürze jedoch zu Boden.
Meine Flügel!
Es ist keine Zeit, zu versuchen, sie zu benutzen, denn die Gestalten haben mich bereits bemerkt. Nicht bloß eine. Es sind ganze fünf hochgewachsene Männer, die sich auf mich zubewegen. An ihrer Spitze läuft der Händler von heute Morgen, der eine Lampe schwenkt. Ihr Schein erreicht mein Gesicht und blendet meine Augen. Entsetztes Keuchen und sogar ein Schrei zerreißen die Nacht. Ich weiß nicht, welches Geräusch von mir und welches von ihnen kommt.
Der Moment, in dem ich nachdenken könnte, verstreicht. Mein Körper handelt intuitiv. Ich klaube das Messer vom Boden auf und wirble herum, mein provisorischer Dolch findet sein Ziel: das Herz eines Angreifers. Erschrocken keuchen die anderen auf.
Einen Wimpernschlag lang hängt tödliche Stille über dem Wald. Ein Feuerrabe krächzt laut.
Dann schreit der vordere Mann entsetzt auf und deutet auf mich: »Das ist sie! Was habe ich gesagt?!«
Oh nein! Bitte nicht! Augenblicklich schärfen sich meine Sinne aufs Äußerste, mein Verstand läuft auf Hochtouren, jeder einzelne Muskel in mir spannt sich an. Angriffsbereit. Dann gleitet mein Blick zu den scharfen Waffen, die sie über ihren Schultern tragen. Es sind grobe Äxte und schwere Knüppel, die sie nun drohend schwenken.
Na und?! Ich kann mich wehren!
Mit bloßen Händen?
Mein Blick huscht über die Angreifer, ich analysiere sie blitzschnell. Ich glaube ihren pochenden Puls zu sehen, höre ihren Herzschlag und spüre das Blut in ihren Adern strömen. Ich bin mir ihrer Lebendigkeit so überdeutlich bewusst, dass alles andere verblasst, als würde der Wald die Luft anhalten, als würde alles innehalten und nur die klopfenden Herzen der Menschen dröhnen in meinen Ohren. Ich bekomme eine Gänsehaut. Jemand atmet langsam, hörbar aus.
Du kannst sie töten.
Wir starren einander an, entschlossen, fest. Wimpernschläge werden zu Ewigkeiten. Der Mann, den ich schon kenne, hat die Arme warnend ausgebreitet, um seine Leute zurückzuhalten.
Lebendig, so lebendig.
Ich versuche, nicht zu dem toten Mann zu sehen, dem ich meine Waffe ins Fleisch gerammt habe. Ich habe jemanden umgebracht! Es war ein Reflex, aber noch nie zuvor habe ich einen Menschen getötet. Glaube ich zumindest. Auf einmal bin ich mir da nicht mehr so sicher …
Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, wie einer der Männer sein Gewicht verlagert, und sofort weiche ich zurück. Wieder blicke ich zu ihren Waffen, eine Axt, Knüppel, Messer. Was soll das alles? Mein Blick huscht hin und her, ich versuche die Lage zu verstehen. Ich weiche vor ihnen zurück, während der Händler mich direkt anspricht:
»Ganz ruhig, Kleine. Wir machen dir keinen Ärger, wenn du mit uns kommst.«
Seine Worte erreichen mich nicht richtig, werden zu einem sinnlosen Rauschen in meinen Ohren, bedeutungslos. Ich sehe nur ihre Furcht einflößenden Gesichter, höre den Klang seiner dröhnenden Stimme und wie sie näher kommen. Mir ist es gleich, was er sagt, ihre Augen brüllen die Wahrheit in mein Gesicht, mein Verstand schreit dazu: Feind, Feind, Feind!
Ein kurzer Blick, ein Gedanke, dann drehe ich mich um und stürze davon, höre nicht auf ihre Rufe, achte nicht auf die Schritte, wie sie hinter mir hereilen. Ich rase wie von einer Flutwelle verfolgt weiter, fliege förmlich zwischen den Bäumen hindurch, springe über Wurzeln und Äste, schlage Haken, damit sie mich verlieren. Ich überlasse meinen Beinen die völlige Kontrolle, höre auf nachzudenken und stürme blindlings davon.
Ich schlage absichtlich andere Wege ein und versuche ihnen so zu entkommen. Doch sie geben nicht auf. Von allen Seiten kommen sie und ich lege noch ein wenig an Tempo zu. Das Laufen liegt mir und ich schnaufe nicht, im Gegensatz zu meinen Verfolgern. Ich spüre, wie sie zurückfallen, wie sie zu keuchen beginnen, der beißende Geruch ihres Schweißes steigt mir in die Nase und das Dröhnen ihrer Herzen wird zu einem wilden Stakkato.
In Windeseile klettere ich auf einen Baum und springe flink von Ast zu Ast, eine Fähigkeit, für die ich sehr dankbar bin.
Mit einem Mal wird mir schwindelig, ganz plötzlich kommt es und vernebelt mir die Sinne. Im Hals spüre ich das Kratzen, das nichts Gutes ankündigt. Ich werde nervös, meine Bewegungen abgehackter.
Was ist das?
Nein, nicht nachdenken, laufen! Ich zwinge mich zur Ruhe, versuche nicht an all das Blut zu denken, das in ihren Adern rauscht und sie am Leben hält, versuche den Geruch zu vertreiben, der mir in die Nase steigt. Hat sich jemand verletzt? Ist es ernst?! Es ist, als würde ich nicht mehr nur vor ihnen weglaufen, sondern davor, mich umzudrehen und einen nach dem anderen umzubringen.
Durst!
Ich schlucke mehrfach. Das darf nicht wahr sein, wieso schaffe ich es nicht, meinen eigenen Körper unter Kontrolle zu bringen?! Meine Sinne schärfen sich – mir wäre es lieber, sie würden es nicht tun, weil ich weiß, dass ich nicht mehr lange dem Drang standhalten kann. Ich will nicht! Trotzdem kann ich nichts dagegen tun. Ich werde langsamer, viel zu langsam.
Oh …
Nein, nein, nein! Ich muss weiter, lauf weiter, los!,
versuche ich mich selbst zur Vernunft zu rufen – es hat keinen Zweck. Es ist, als würde ich verblassen, verschwinden und als würde eine andere Macht die Kontrolle erlangen. Ich stoppe ab, schwinge mich an einem Ast nach unten und sehe mich gierig nach meinen Verfolgern um. Es ist der reinste Wahnsinn, ein Albtraum! Ich kann meinen eigenen Muskeln nicht mehr befehlen, höre und rieche zwar ausgezeichnet, bestimme allerdings nicht mehr darüber. Ich schaffe es einfach nicht.
Wütend brülle ich auf, als ich bemerke, dass sie schon vor längerer Zeit erschöpft waren und die Verfolgung aufgegeben haben. Ich war zu schnell und ihre Ausdauer nicht allzu groß. Trotz der Entfernung konnte ich sie riechen; als ich jetzt die Nase schnuppernd in den Wind halte, nehme ich nichts mehr wahr.
Sie haben sich zurückgezogen.
Ich ziehe die Möglichkeit in Erwägung, zurückzulaufen, um sie mir zu holen, aber das hat wohl keinen rechten Sinn … Außerdem weiß ich nicht, wie viele von ihnen vielleicht noch irgendwo im Wald lauern, und ich sollte froh sein, dass ich ihnen entkommen bin …
Matt lasse ich mich zu Boden sinken. Es ist nicht der Lauf, der mich aus der Puste gebracht hat …
Ganz toll. Ich hätte gerade schon fast wieder die Kontrolle verloren, werde von Menschen verfolgt und befinde mich ohne irgendetwas hier im Wald, schließlich sind alle meine Sachen noch hoch oben im Baum. Zurückgehen und sie holen? Ausgeschlossen – auf eine zweite Begegnung mit den Kaufleuten bin ich nicht sonderlich erpicht. Bleibt also nur eine Lösung: weitergehen. Weiter den Wald durchstreifen und hoffen, einen Ausweg zu finden.
Mit wackligen Beinen stehe ich auf, lehne mich an einen Baumstamm und sehe in die Ferne, in der sich in der Dunkelheit die Umrisse rauer Rinde, Büsche und Sträucher aneinanderreihen, ein ewiges Geflecht, das sich weiter und weiter zieht, kein Ende nimmt. Der Wald ist gewaltig, er verspricht Schutz und Sicherheit – zumindest hat er das mal getan. Jetzt nehmen die Menschen mir auch ihn weg und ich habe nichts, wo ich bleiben kann. Ist es an der Zeit, etwas Neues anzufangen, neu zu beginnen und herauszufinden, wer ich bin?
Denn daran, dass die Erinnerungen einfach irgendwann schon wiederkommen werden, glaube ich selbst nicht mehr. Wenn ich wissen will, was damals passiert ist, dann muss ich das wohl selbst in die Hand nehmen.
Ich stoße mich ab und beginne zu gehen. Gehe und gehe, ohne Unterlass, weil ich Angst habe, dass ich, sobald ich anhalte, meine Meinung ändern könnte. Besser ist es, überhaupt nicht darüber nachzudenken.
Irgendwann habe ich den Waldrand erreicht. Vor mir breitet sich eine lang gezogene Ebene aus, nichts als Gras, so weit das Auge reicht. Die Landschaft ist ein wenig hügelig und verschlungene Pfade winden sich als ein braunes Band durch das saftige Grün. Zögernd blicke ich zurück. Die Bäume scheinen mich mit ihren Zweigen packen und wegziehen zu wollen, weg von dieser neuen Welt. Irgendwie habe ich das beklemmende Gefühl, dass ich den Wald nie wiedersehen werde. Davor fürchte ich mich, genauso wie ich mich vor dem Tal zu meinen Füßen fürchte. Ich lege mich hin und rolle mich zu einer kleinen Kugel zusammen für ein letztes Quäntchen Schlaf im Schatten der Baumkronen, bevor die Sonne aufgeht. Fast ein wenig wehmütig schließe ich die Augen.
Händler
»Schneller, verdammt, ihr alten Waschweiber!«, knurre ich und gerate ins Straucheln, als ich den Abhang hinunterhaste. Meine Gedanken überschlagen sich, als sie zu dem seltsamen Mädchen finden.
Es kann keines der Kinder aus dem Dorf sein! Die würden sich niemals so tief in den Wilden Wald wagen. Zu Recht, er ist viel zu gefährlich. Wie sie erst aussah. Vollkommen verwildert! Ihre Haare standen wie eine verfilzte Matte vom Kopf ab, als hätten sie noch nie einen Kamm gesehen. Auf ihrer Stirn prangte ein dunkler Streifen Erde, ihre Hände und Knie waren verdreckt und unter ihren Fingernägeln klebte Schmutz. Grüne Grasflecke bedeckten ihre kurze, zerrissene Hose ebenso wie das grobe Oberteil, das sicherlich auch schon sauberere Tage erlebt hat.
Weder Socken noch Schuhe trug sie an ihren Füßen und über das dünne Oberteil hatte sie nur einen fliederfarbenen Stofffetzen gezogen, der wohl an eine Jacke erinnern soll, jedoch vollkommen eingerissen, schmutzig und löchrig war.
Wenn sie schon länger hier zwischen den Bäumen verwahrloste, würde das ihr animalisches Verhalten erklären. Bloß die Augen – ihre Augen! Allein der Gedanke an sie lässt mich nun erneut frösteln. Sie waren so anders, so … abnormal. Dazu die gezackten Flügel, die aus ihrem Rücken ragten. Habe ich überhaupt einen Menschen vor mir gehabt?
Wie sie mir am Vortag ihre Faust in den Bauch gerammt hat – wie kann eine solche Kraft in diesen dürren Armen und dem ausgemergelten Körper liegen?!
Ich muss mit jemandem darüber sprechen! Wäre sie ein gewöhnliches Kind, könnte ich glauben, sie habe ihre Eltern bei einer misslungenen Flucht verloren, denn es gibt genug, die weiter hierher in den Süden flüchten, um der Gefahr aus dem Norden zu entkommen. Unsere Beziehungen zu den Hexen sind gut, viele Männer sind bereit, sich der Königin anzuschließen und für sie zu kämpfen. Sie ist im klaren Vorteil und nimmt ein Gebiet nach dem anderen ein – zweifelsohne können auch wir davon profitieren. Die Hexen und anderen Kreaturen, die sie unterstützen, liefern zusätzlich überzeugende Argumente, warum wir uns nicht gegen sie stellen sollten.
Aber das, was mir dort begegnet ist, das war kein unschuldiges Kind. Nicht mit diesen Augen! Sie muss besessen sein, verzaubert oder Schlimmeres. Auf jeden Fall ist sie eine Gefahr, solange eine Kreatur wie sie im Wald haust. Deshalb habe ich mit einigen Kaufleuten auf dem Markt gesprochen und wir beschlossen, uns in den Wald vorzuwagen.
Die Geschwindigkeit, mit der dieses Wesen sich vorwärtsbewegt hat, war unfassbar. Sie zu verlieren absehbar.
»Ihre Augen haben sicherlich etwas mit schwarzer Magie zu schaffen!«, keucht Kial nun hinter mir. »Damit will ich nichts zu tun haben.«
»Dann verzieh dich, Feigling!«, fahre ich ihn unwirsch an und halte auf das Dorf zu. »Wenn es stimmt, dann ist es noch besser, Veith von diesem kleinen Biest unterrichten«, füge ich überzeugt hinzu. Sagte nicht ebenjener Hexenmeister, mit dem wir in Kontakt stehen, wir müssen gerade in dieser Zeit nach allen Auffälligkeiten Ausschau halten?
Ob das tatsächlich die beste Idee ist, stelle ich wenig später infrage, als ich unruhig die Hände knete und von einem Bein auf das andere trete. Natürlich konnten wir nicht mit dem Hexenmeister persönlich reden. Ein viel zu wichtiger Mann und auch viel zu beschäftigt, um sich um Lappalien zu kümmern. Das sagten jedenfalls die beiden Hexen, die sich zurzeit in der Nähe unseres Dorfes aufhalten und den Kindern Angst einjagen, nachdem wir auf sie zugestürmt sind.
Da half es auch nichts, dass ich mit stolz geschwellter Brust meinte, dass ihn das, was wir entdeckt haben, sicher interessieren wird. Die beiden Boten hoben nur unbeeindruckt die Schultern. Um ehrlich zu sein, traue ich diesen Hexen nicht so recht. Sie sind mir ein wenig unheimlich mit ihren dunklen, fast schwarzen Augen, dem heimtückischen Grinsen, das stets verschlagen in ihren Mundwinkeln lauert, und den seltsamen Kleidern, die sie tragen. Sie tauchen in kleinen Gruppen auf und tuscheln und ich werde das Gefühl nicht los, dass sie uns immerzu aufmerksam beobachten.
Dieser Veith, ihr Meister, hat es zwar als ein Angebot ausgedrückt, dass wir uns dem Kampf anschließen, trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass es eher eine Drohung war. Sie brauchen Rekruten. Und ich zweifele nicht daran, dass sie uns mächtige Probleme bereiten könnten, wenn ihre Armee sich tatsächlich dermaßen weit in den Süden durchschlagen kann.
Doch die Hexen sind nicht so bereit, uns zu helfen, wie wir es uns erhofft hatten. Mit undurchdringlichen Mienen beobachten sie uns, seitdem wir sie am Rande des Dorfes entdeckt haben und auf sie einreden.
»… dann ist sie davongestürmt und wir versuchten ihr zu folgen, verloren jedoch ihre Spur. Sie war viel zu schnell!«, schließe ich. Die beiden Hexen wechseln ernste Blicke und wiegen dann in stillem Einvernehmen ihre Köpfe hin und her.
»Was auch immer das ist, es ist eine Gefahr für uns alle! Wir müssen etwas unternehmen«, fügt Horan mit wackliger Stimme hinzu. Noch haben wir unseren Frauen und Kindern nichts erzählt, denn sie sollen sich keine Sorgen machen. Allein bei dem Gedanken an das Mädchen überkommt mich eine Gänsehaut. Wer weiß, in was für einer Gefahr wir schweben?!
Nun tritt eine der Hexen einen Schritt vor und deutet auf mich.
»Du«, stößt sie hervor und ich fahre verschreckt zusammen, versuche es rasch zu überspielen. Ein wenig unsicher weiche ich dem Blick aus den pechschwarzen Augen aus. »Wir werden dich zu Veith bringen. Er wird entscheiden, was zu tun ist.«
Man beäugt mich von oben bis unten. »Und wehe dir, deine Geschichte sollte nicht bis ins kleinste Detail stimmen …«
Ich schlucke und schüttele rasch den Kopf.
»N-nein, es ist alles wahr, es ist alles genau so, wie ich sagte!«, presse ich erstickt hervor. Ein Knoten zieht sich bei dem Gedanken, dem Obersten Hexenmeister persönlich von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, in meinem Magen zusammen. Wieder blicken die Hexen sich an und die vordere packt mich grob am Arm. »Wir werden sehen.«
6

Es ist warm. Sehr warm sogar, als ich am nächsten Tag weiterwandere. Es kostet mich reichlich Überwindung, den ersten Schritt zu machen, und kaum dass diese Entscheidung gefällt ist, gibt es kein Zurück mehr für mich, und ohne mich noch einmal umzusehen, mache ich mich auf den Weg ins Ungewisse.
Eine leichte Brise weht mir um die Nase und es ist viel stiller als im Wald, keine zwitschernden Vögel, kein durchs Unterholz huschende Tier, nicht das Geräusch der Äste, wie sie sich im Wind wiegen, kein Knacken, nichts. Nur das Gras rauscht sanft, wenn der Wind mit seinen Fingern hindurchfährt. Trotzdem bin ich froh, dass nicht auch auf dieser Seite der Wald an ein Dorf grenzt. Es wird sich zwar sicherlich nicht vermeiden lassen, eins zu betreten, ungeachtet dessen ist es mir lieber, wenn ich das hinauszögern kann. Viel, viel lieber!
Es tut gut, allein unterwegs zu sein, niemandem zu begegnen, nicht einmal einem kleinen Tier. Da bin nur ich und ich genieße es zu spüren, wie meine Muskeln sich bewegen, wie meine Beine sich fügen, wie ich einen Fuß vor den anderen setze und wie mein ganzer Körper arbeitet.
Schon nach kurzer Zeit bereue ich zutiefst, dass ich die letzte Nacht mit Schlafen verschwendet habe. Es ist unerträglich heiß geworden, was meinem wunden Hals und meiner ausgetrockneten Kehle nicht gerade guttut. Im Schatten der Bäume war es angenehm kühl, jetzt brennt die Sonne erbarmungslos auf mich nieder und versengt meine Haut. Meine Zunge fühlt sich an wie Sandpapier, mein Magen knurrt schon eine ganze Weile vor sich hin. Schade, dass ich Gras nicht essen kann, davon hätte ich genug.
Kraftlos schleppe ich mich weiter vorwärts, den Blick starr geradeaus gerichtet. Bald schon ist mir schlecht vor Hunger und ich sehe Dinge, die unmöglich da sein können. Zumindest bin ich mir sicher, dass es keine fliegenden Fische gibt, die vor meinen Augen auf und ab flattern.
Das letzte Mal, dass ich Blut getrunken habe, ist nicht lange her, dennoch sehne ich mich danach. Die Sonne schwächt mich, und je länger sie unerbittlich auf mich niederbrennt, desto schlapper werde ich.
Mein Kopf ist schwer und meine Glieder schmerzen bei jeder Bewegung. Immer wieder denke ich, dass das der letzte Schritt sein muss, für den ich überhaupt Kraft habe, stur treibe ich mich trotzdem weiter voran.
Das Flackern wird stärker, die ganze Welt schwankt und meine Knie zittern so heftig, dass ich nicht glaube, dass sie mich noch einen Moment länger tragen können. Da entdecke ich sie.
Zuerst traue ich meinen Augen kaum, denn es ist so wunderschön, dass es kaum wahr sein kann. Zahlreiche Apfelbäume stehen nah aneinander und das Allerschönste: eine Regentonne. Das Gras wächst dort höher, die Bäume wirken wie eine Abtrennung zu etwas anderem und für mich ist es regelrecht eine Art Energieschub. Ich reiße mich zusammen und stürze zu der Tonne. Begierig stütze ich mich am Rand auf, was den letzten Rest meiner Kraft verbraucht. Das Wasser steht hoch und ich mache mir gar nicht erst die Mühe, es mit den Händen zu schöpfen, sondern tauche einfach mit dem Kopf unter und trinke in großen Zügen, verschlucke mich fast. Das Wasser ist angenehm kühl durch die schattenspendenden Baumkronen und macht meinen Kopf herrlich klar, erfrischt mich bis in die Haarspitzen, dringt in jede Pore und gibt mir neue Kraft. Als ich endlich genug habe, sehe ich mich weiter um. Es handelt sich um einen Obstbaumgarten – eine vergessene Sense liegt auf dem Boden und ich wäre fast hineingetreten. Geschickt klettere ich an einer der Strickleitern nach oben, strecke mich und erwische einen Apfel. Es kracht laut, als ich die Zähne hineinschlage, ich genieße jeden Bissen und habe ihn bald bis auf das Kerngehäuse abgenagt. Noch zwei weitere Äpfel werden bis auf ihren Stiel reduziert, dann bin ich etwas gestärkt und komme dazu, mir meine Umgebung näher anzusehen. Hinter den Obstbäumen erstreckt sich ein kleiner Waldabschnitt, zwischen den Bäumen wuchern wilde Beeren und das Sonnenlicht tanzt zwischen den saftig grünen Blättern hindurch. Es sieht idyllisch aus. Ruhig. Mein Blick wird jedoch von etwas ganz anderem angezogen und langsam richte ich mich auf, lege meinen Kopf staunend in den Nacken, während meine Augen groß werden. Hoch oben in den Baumkronen entdecke ich eine Art von Behausungen. Aus den Zweigen hat man Baldachine geflochten und kleine Hütten errichtet. Sie sind mit Brücken verbunden, die aus Seilen und Gehölz geknüpft wurden und sich wie ein Netz durch die Baumkronen spannen. Diese sind größer und üppiger, als ich es je gesehen habe – die Äste sind derart mächtig, dass ich mich plötzlich winzig klein wie ein Schmetterling fühle. Ich könnte ohne Schwierigkeiten über sie balancieren und zu einer der Behausungen gelangen. Dutzende von ihnen befinden sich weit über dem weichen Waldboden. Bunte Tücher, wie Vorhänge vor den Eingängen, flattern in einer sanften Brise. Es sieht aus wie eine kleine Siedlung.
Doch sie ist verlassen.
Kein Geräusch dringt aus den Häusern zu mir und als ich mich zu einem von ihnen hinauf wage, bemerke ich, dass sie wirken, als wären die Einwohner hastig verschwunden – keine persönlichen Gegenstände oder Ähnliches, nur Betten aus Gräsern und Kissen aus Blättern und Blüten, die achtlos über den Boden verstreut wurden. Ein zerbrochener Krug liegt auf Holzdielen, eine gewebte Tasche hängt über einem Zweig, der in das Haus ragt. Sie ist eingerissen, als hätte man sie mitnehmen wollen und wäre hängen geblieben.
Ich stutze. Könnten das Wesen wie ich sein, wenn sie auch oben auf Bäumen leben? Es kann sich nicht um Menschen handeln, die würden das nicht tun! Nur, wenn das Behausungen sind – wo sind dann ihre Bewohner?! Wieso sieht es aus, als wären sie überstürzt von hier fortgegangen?
Neugierig klettere ich die mächtigen Äste weiter empor – ihre Größe und die vielen Strickleitern machen es mir einfach, durch das Blätterdach zu stoßen und in die Ferne zu blicken. Mein Herz rast und überschlägt sich förmlich, als ich erkenne, was hinter den Obststreifen und dem kleinen Waldabschnitt liegt.
Ein Dorf. Natürlich.
Vielleicht ist es anders? Vielleicht sind die Wesen, die einst hier gelebt haben, dorthin gegangen? Nur warum?
Ich seufze stumm, zwinge mich dazu, ein paar Früchte einzustecken und den Baum wieder hinunterzuklettern, um auf das Dorf zuzuhalten. Meine Neugier ist größer als meine Furcht. Zu meiner Enttäuschung und großen Sorge handelt es sich allerdings ebenfalls um Menschen, wenn auch, wie mir diesmal auffällt, einige von ihnen anders zu sein scheinen. Da gibt es menschenähnliche Wesen mit intensiv leuchtenden Augen in einem satten Moosgrün oder blitzendem Silberton. Ihre Ohren laufen spitz zu und sie bewegen sich viel geschmeidiger und eleganter, als die Menschen es vermögen. Ich spüre eine Art seltsame Energie, die von ihnen ausgeht. Sie ist sehr stark wahrnehmbar, beruhigend und sanft plätschernd wie ein Bach. Wenn ihre Füße die Erde berühren, sprießen herrlich bunte Blüten an diesen Stellen aus dem Boden empor und ich habe das Gefühl, als wäre ihre Haut von einem leicht goldenen Schimmer überzogen.
Diese Wesen sind keine Menschen, sie sind überlegt und still, trotzdem können sie mit den Menschen offenbar koexistieren, versuchen es zumindest.
Abgesehen davon bin ich mir sicher, dass ich sie in dem Ort, den ich vor langer Zeit im Wald besucht habe, nicht antreffen konnte.
Kommen sie aus den Baumsiedlungen?
Ich ziehe mich in eine Hausnische zurück und versuche, mein weiteres Vorgehen zu planen: Den Ort schnell durchqueren und so weit wie möglich hinter mir lassen? Andererseits werde ich noch durch viele andere Dörfer gehen müssen, also bringt es nichts, wenn ich es rasch verlasse, denn das nächste wird nicht lange auf sich warten lassen. Ich sollte mich besser darin üben, mich mit anderen menschenähnlichen Wesen zu umgeben …
Also trete ich nach einem kurzen Zögern in das Sonnenlicht.
Das Dorf unterscheidet sich nicht sehr von dem, in dem ich vorher war, grundlegend sehen sie sich sogar ziemlich ähnlich, nur dass die Straßen und Häuser ein wenig anders aussehen und anders angeordnet sind, trotzdem kommt mir das Ganze wie ein schreckliches Déjà-vu vor. Geduckt schleiche ich auf die Straße und bemühe mich, mich wie sie zu verhalten, indem ich die Leute, die an mir vorbeigehen, verstohlen und verschreckt beobachte, indes sie kaum eine Notiz von mir nehmen, sie sind viel zu beschäftigt. Es ist eine bunte Mischung aus Menschen und diesen eigenartigen anderen Wesen, deren Name mir nicht einfallen will. Doch ich bemerke sie.
Ein Mädchen, das eine Handvoll Kieselsteine in die Luft wirft, die sich in schillernde Seifenblasen verwandeln, oder eine alte Frau mit silbriger Haut und endlos langen Haaren, ein Mann mit Stiefeln, die bei jedem Schritt die Farbe wechseln. Aber was sie sind, fällt mir nicht mehr ein …
Elfen.
Richtig! Ich spüre die Magie in ihren Adern fließen, die Aura, die sie umgibt, und ich kann fühlen, dass die Stimme in meinem Kopf recht hat. Sie sind Elfen. Und mitten unter ihnen: ich. Meine Augen sind trotz allem eine Seltenheit, genau wie meine Flügel. Noch dazu sind meine Haare völlig verfilzt, meine Füße nackt und dreckig, meine Beine schmutzig, meine Kleidung zerrissen, mein Gesicht zerkratzt. Obendrein schleiche ich angespannt herum. Sehr unauffällig.
Guck ein bisschen freundlicher, so misstrauisch wie jetzt ziehst du nur die Blicke auf dich!
Es kommt mir vor, als hätte ich mir das schon öfter sagen müssen, als wäre ich schön öfters in Dörfern gewesen und hatte mich verstellen müssen, um nicht aufzufallen. Wann soll das gewesen sein? Mir ist aufgefallen, dass es kleinere Menschen gibt, jüngere, ich kann mich jedoch nicht erinnern, einmal wie sie gewesen zu sein. Da war nur Dunkelheit. Geht es den Menschen auch so?
Es frustriert mich, dass ich mir die immer gleichen Fragen stellen muss und nie eine Antwort darauf habe. Nie eine Antwort darauf bekomme.
Angestrengt versuche ich meine Angst zu verbergen und ein Lächeln aufzusetzen. Ein kleiner Junge wirft mir einen irritierten Blick zu, zieht am Rock seiner Mutter und zeigt auf mich. Schnell sehe ich zur Seite.
Geh nicht so gebückt, nimm den Kopf etwas hoch, bewege dich lockerer.
Ich bemühe mich angestrengt, alle Anweisungen zu befolgen, und straffe vorsichtig meine Schultern. Meine Gelenke knacken kurz und leise, als sie sich in eine andere Position bewegen. Mein Rücken schmerzt und es fühlt sich unangenehm und schutzlos an, aufrecht herumzulaufen. Nervös will ich mich umsehen, reiße mich energisch zusammen.
Der Ort ist groß und schließlich geht die Sonne langsam am Horizont unter, wobei sie die Straßen in ein feuriges Licht taucht. Dann beginnt es zu regnen. Plötzlich und stark. Menschen und Elfen eilen über das holprige, ausgetretene Kopfsteinpflaster, um sich in ihre trockenen Häuser zu retten. Mit hochgezogenen Schultern laufen sie an mir vorüber, um ja schnell den Tropfen zu entgehen, und wenn ich vorhin kaum blinzeln konnte, so beklemmend war das Gefühl, inmitten der Menge zu gehen, stehe ich jetzt mit einem Mal allein und verlassen auf der gepflasterten Straße. Ich hebe den Kopf zum Himmel und genieße das Gefühl, wie die Regentropfen sanft auf mich niederprasseln, eine zarte Berührung. Der Geruch von warmem Sommerregen breitet sich in der Luft aus und ich schließe die Augen, obwohl meine Sachen schon bald klitschnass sind und mir am Körper kleben.
Irgendwo werde auch ich mich in Sicherheit bringen müssen, denn der Regen wird heftiger, fast schon schmerzhaft prasseln die Tropfen bald auf mich nieder und der Himmel ist grau und wolkenverhangen. Das Sonnenlicht schwindet und schnell ist es dunkel geworden. Die nun leer gefegten Gassen erscheinen mir noch größer und endloser und die Gebäude zu ihren Seiten ragen bedrohlich über mir auf, sodass ich mich unter dem Blick ihrer dunklen Fenster ängstlich ducke.
Pfützen bilden sich in den Löchern auf dem Weg und das Wasser spritzt zu allen Seiten, wenn ich hineintrete. Ich ziehe mir meine Jacke über den Kopf und beginne zu laufen, Selbst wenn es gar nicht der Regen ist, der mich dazu treibt. Ich habe das Gefühl, mich bewegen zu müssen, schnell rennen zu müssen, jetzt, wo Platz dafür ist. Ich verlasse die alte Straße und klettere Schutz suchend unter eine der vielen kleinen Brücken, die sich bogenförmig über einen Fluss spannen. Sie sind ebenfalls aus blassem Sandstein und mit schwarzen Laternen gesäumt, deren Kerzen noch niemand entzündet hat.
Ich kauere mich in das Gras am Uferrand und ziehe die Beine an, schlinge die Arme um meine Knie und blicke zu der Unterseite der Brücke über mir auf. Nass werde ich nun zwar nicht mehr, dennoch schaffe ich es nicht, irgendein anderes Gefühl in mir zu spüren als eine traurige Leere. Wie ich plötzlich die Einzige war, die auf der Straße stand, weil ich keinen Ort hatte, an den ich gehen könnte, das lässt mich nachdenklich werden. Muss ich nicht auch irgendwohin gehören? Nur wohin?
Ich sehe auf den grauen Fluss vor mir, der langsam und still vor sich hin fließt. Er verliert sich in einiger Entfernung zwischen den Häusern, hinter denen er langläuft, ehe er eine schmale Biegung macht.
Mit einem Seufzen versuche ich es mir ein wenig bequem zu machen. In der Nacht werde ich weiterwandern können, denn dann schlafen die Menschen und sicher auch die Elfen in diesem Dorf und ich muss ihnen nicht begegnen. Ich lausche auf die Tropfen, die auf die Brücke über mir klopfen, und will gerade die Augen schließen, als ich Schritte wahrnehme. Sie nähern sich, lange Schritte, leichtfüßig und überlegt. Ein wenig hastig. Ich versteife mich, doch schnell stellen meine geübten Ohren fest, dass die Person sich auf der Brücke befindet und somit nichts von mir ahnt, mich von dort oben auf keinen Fall sehen kann.
Die Schritte halten an. Eine Schuhsohle scharrt über den Boden, als wäre jemand nervös, ungeduldig. Sein Herz klopft schneller.
Ein zweites Paar Schritte beginnt jetzt über die Erde zu trippeln. Ebenfalls leicht und nicht so stampfend, wie ich es von den Menschen gewohnt bin – vermutlich handelt es sich um Elfen, diese sind überlegter, sanfter. Glaube ich zu wissen. Wieder einmal erschrecke ich darüber, wie gut mein Gehör ist, denn es dauert überraschend lange, bis auch diese Schritte über mir auf der Brücke widerhallen und die Gestalten einander offenbar erreicht haben.
Auch diese Füße halten an. Sie scheinen also aufeinander zu warten. Warum sind sie nicht in ihren Häusern wie alle anderen?
Auch über das Prasseln des Regens kann ich noch ihre Stimmen vernehmen – männlich und dunkel.
»Gibt es Neuigkeiten?«, fragt die erste.
»Nicht wirklich. Es wurden keine weiteren Späher gesehen in den letzten Tagen.«
Späher? Ich blicke neugierig unter der Brücke hervor. Die Tropfen kommen inzwischen mit solch einer Heftigkeit auf dem Fluss auf, dass sie von dort wieder ein kleines Stück zurück in die Luft springen.
»Das ist gut.«
»Glaubt Ihr, sie werden sich zurückziehen?«
Forsch klettere ich ein Stück unter dem Brückenboden hervor, presse mich weiterhin nahe an das Gemäuer. Das Gras wuchert hoch und der Regen übertönt meine Schritte. Es ist inzwischen schon sehr dunkel geworden und ich bin meinen scharfen Augen dankbar, dass ich dank ihnen noch etwas erkennen kann. Zum Beispiel die Nischen in der Steinwand, in die meine Füße passen würden …
»Fürs Erste vielleicht, aber bestimmt nicht für lange Zeit. Sie werden zurückkommen.«
Ich ziehe mich vorsichtig an dem Gemäuer der Brücke empor. Die Steine sind rutschig und ich klammere mich gut an ihnen fest. Vorsichtig schiebe ich mich nach oben, um unauffällig über den Rand der Brüstung zu lugen. Das Gespräch der Elfen macht mich stutzig, genau wie die Tatsache, dass sie sich hier im strömenden Regen treffen.
Jetzt erkenne ich sie. Die Gestalt, die als Erstes gekommen ist, steht mit dem Rücken zu mir, die Arme verschränkt und einen dunklen Mantel über die Schultern geworfen. Sie trägt keine Kapuze, weshalb die dunklen Haare an ihrem Kopf kleben. Ihr Gegenüber ist nicht so hochgewachsen und kräftig, ein etwas älterer Mann mit funkelnden grünen Augen und Haaren in der Farbe von Weizen, die er sich aus dem Gesicht gebunden hat. Er blickt ernst und besorgt drein.
Ein Glück, dass sie in ihr Gespräch vertieft sind und sich besorgt anblicken, und ein Glück, dass es in Strömen regnet, auf diese Weise kann ich mich ein Stück weiter an sie heranwagen.
»Was können wir tun?«, fragt der Mann mit dem mir zugewandten Gesicht, während sein Gegenüber seufzt. Er klingt erschöpft und müde. Resigniert.
»Nicht viel. Unsere Möglichkeiten sind begrenzt – Flucht oder Angriff. Am meisten sorge ich mich darum …« Er schüttelt den Kopf und sieht sich um. »Die größte Gefahr ist die Angst. Und auch wenn sie noch nicht hier sind, sie eilt ihnen voraus. Die Angst müssen wir schon jetzt bekämpfen.«
Grimmig nickt der andere Mann und ich kauere mich hinter der Steinmauer zusammen, nur mit meinen Augen spähe ich verstohlen über die Brüstung und versuche, mir einen Reim auf diese seltsamen Worte zu machen. Wer kommt?
Als die Männer einander wie zum Abschied zunicken, ducke ich mich verschreckt.
Der ältere Mann verschwindet mit wehendem Mantel, während der mit den dunklen Haaren einen Moment länger auf der Brücke verweilt. Schließlich dreht auch er sich zu mir herum, um davonzustapfen.
Und in dem Augenblick, als er sich umwendet, bleiben meine Gedanken für einen Moment entsetzt stehen. Gleichzeitig jagen zuckende Impulse durch meinen Körper und ich spüre, wie meine Finger verkrampfen und ich beinahe rücklings von der Mauer gefallen wäre.
Ungläubig reiße ich die Augen auf, doch selbst durch den dichten Regenschleier ist es nicht zu leugnen. Sein Anblick trifft mich heftig und unvorbereitet wie ein Fausthieb in die Magengrube. Ich keuche auf. Es ist nur ein kurzer Moment, kaum länger als ein Blinzeln, ehe er sich zur Seite dreht und den Kragen seines Mantels hochschlägt, dennoch bin ich mir sicher. Das Bild brennt sich in mein Gedächtnis und vermischt sich dort mit einem Erinnerungsfetzen, der gestochen scharf urplötzlich aus den schwarzen Fluten auftaucht.
Das Gesicht das Mannes verschwimmt hinter den Tropfen, die stahlblauen Augen jedoch, die in dem Grau der Abenddämmerung aufblitzen, die markanten und harten Wangenknochen, die blasse Hautfarbe und die zahlreichen Narben – ich kenne dieses Gesicht.
7

Ich gähne und stoße mit dem Fuß die Zimmertür auf. Es ist heiß und stickig darin. Müde ziehe ich die Schultern hoch und schlurfe zu dem Fenster auf der linken Seite. Jetzt, wo die Sonne von dunklen Wolken überschattet wird und sich der Abend neigt, ist es zum Glück ein wenig kühler geworden. Ich reiße die Fenster weit auf und atme die frische Luft ein, die nach Sommerregen riecht. Er prasselt lautstark auf das Dach und der Wind heult um das Haus. Froh, hier drinnen zu sein, recke ich den Hals und blicke auf das Dorf hinunter, das man von unserer Anhöhe gut sehen kann.
Die spitzen Dächer ragen fast schon bedrohlich in der Nacht auf, ihre grauen Schieferplatten heben sich kaum von der Dunkelheit ab und der Wind trägt das Schlagen der Kirchturmuhr zu uns herüber. Es sieht friedlich aus. Leer und verlassen. Ich weiß, dass der Schein trügt.
Gerade als ich mich wieder abwenden und auf mein Bett werfen will, meine ich, aus dem Augenwinkel eine Bewegung zu sehen. Vom Regen verzerrt, abgehackt und kurz wie das Flügelschlagen einer Libelle. Ich kneife die Augen zusammen und sehe erneut dorthin, wo ich meine, eine Gestalt gesehen zu haben. Und tatsächlich:
Eine junge Frau, nur schemenhaft erkennbar, denn der Regen verschleiert meine Sicht. Ihre weißblonden Strähnen kleben an ihrem Gesicht und sie zittert erbärmlich, die Arme um den Körper geschlungen. Ihr blasses Gesicht leuchtet in der Dunkelheit und die Haut ihrer nackten Beine schimmert wie Mondlicht.
Sie wirkt klein und verlassen und einsam.
Mit einem Mal hebt sie den Blick und starrt mich direkt an. Ich zucke zurück, dann beuge ich mich vor. Sieht sie tatsächlich mich an? Kann sie mich überhaupt erkennen, durch den Regen und im zweiten Stock des großen Hauses? Kann ich ihre Augen richtig sehen und beurteilen, dass sie zu mir aufblickt? Ich bin mir sicher. Es fühlt sich an, als würde mich ihr Blick geradewegs durchbohren, und ich spüre ein unangenehmes Ziehen in der Brust.
Verwirrt erwidere ich einen Moment lang den intensiven Blick, unfähig, mich von ihr loszureißen. Irgendwie gruselig. Dann wende ich mich ab und streife mein Hemd über den Kopf, um es achtlos in eine Ecke zu pfeffern. Mein Blick gleitet zu dem hohen Wandspiegel und ich begutachte die Muskeln an meinen Armen. Das anstrengende Training macht sich bezahlt und ich nicke mir zufrieden zu. Unter meinem linken Auge hat sich ein Bluterguss gebildet, aber es könnte deutlich schlimmer sein. Verächtlich schnaube ich bei dem Gedanken daran, wie Liam mich damit ärgern wollte, dass es die braune Farbe meiner Iriden zur Geltung bringe.
Mit einem Mal fegt ein Windstoß in das Zimmer herein. Er bauscht die Vorhänge auf und lässt die Fenster zittern. Obwohl mir vorhin viel zu warm war, fröstele ich jetzt. Regentropfen sprenkeln den Boden und es ist, als würde der Himmel noch ein wenig düsterer werden. Andererseits hatten wir auch lange kein ordentliches Sommergewitter mehr und Ilóris hat schon vor einigen Tagen prophezeit, dass es kommen würde.
Halbherzig fahre ich mir durch die Haare und betrachte den breiten Kratzer an meinem Kinn, den ich mir gestern zugezogen habe. Hoffentlich wird er verschwinden und nicht zu einer hässlichen Narbe werden, von denen ich im Gesicht bisher kaum welche hab.
Wumm.
Ich fahre heftig zusammen, als über meiner linken Schulter urplötzlich ein Gesicht auftaucht. Verschreckt wirbele ich herum, so schnell, dass ich den Spiegel umstoße und er scheppernd zu Boden fällt. Doch hinter mir ist niemand. Das Zimmer ist leer, nur der Wind rüttelt an den Wänden.
Dennoch bin ich mir sicher, dass ich jemanden gesehen habe … Unruhig wage ich nicht, mich zu rühren, mit meinen Blicken suche ich den Raum ab, dabei gibt es kaum Möglichkeiten, sich in dem spärlich eingerichteten Zimmer zu verstecken, schon gar nicht so schnell. Ich muss es mir wohl nur eingebildet haben … Ganz sicher habe ich es mir nur eingebildet. Langsam drehe ich mich zurück und hebe den Spiegel auf.
Dann lege mich auf mein Bett. Aber sosehr ich es auch versuche, der Schlaf will nicht kommen. Dieser kurze Moment, dieses flüchtige Bild, es will mir einfach nicht aus dem Kopf gehen.
Aufgekratzt wälze ich mich hin und her, finde keine Ruhe. Eine Windböe fegt erneut den Regen herein und ich springe auf, um die Fenster mit einem lauten Knall zu schließen. Erst jetzt merke ich, dass meine Hände beben. Der Schock sitzt tief in meinen Gliedern. Sei nicht albern, schimpfe ich mit mir selbst und ziehe die Vorhänge ruckartig zu. Dennoch, das bleiche Gesicht der jungen Frau lässt mir keine Ruhe, ebenso wenig wie ihre unheilvollen Augen, die ich im Spiegel erblickt zu haben glaubte.

Ich husche um die Ecke und bringe mich hinter einer Hauswand in Sicherheit. Um an Essen zu kommen, betätige ich mich als Diebin, was viel einfacher ist, als irgendwie Wertvolles zu verdienen oder etwas in der Art. Außerdem fällt es mir seltsam leicht, zu stehlen. Heute muss ein Bäcker dran glauben. Ich stoße gegen ihn, wobei sein beladenes Backblech gefährlich kippt und ich es gerade noch retten kann. Ein paar der frischen Brötchen landen wie geplant trotzdem auf dem Boden. Ich reiße die Augen auf und schlage mir die Hand erschrocken vor den Mund.
»Kannst du denn nicht besser aufpassen?«, schimpft er halbherzig und nimmt mir das Blech ab. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht verschreckt zurückzuweichen. In einen solchen Kontakt zu den menschlichen Wesen zu treten, bereitet mir Magenschmerzen, trotzdem zwinge ich mich dazu, um die Angst vor ihnen zu verlieren. Dann sieht der Mann mich jedoch genau an. Sein Blick fällt auf meine Flügel und seine Augen werden groß. Der Ausdruck in ihnen verändert sich. Er wirkt verängstigt.
»Vergiss es, schon gut. Hier, nimm, die kann ja keiner mehr essen«, stottert der hochgewachsene Bäcker, mit einem Mal ganz kleinlaut, während er mir die Brötchen hastig in die Hand drückt.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, dreht er sich um und geht weiter, während ich die noch warmen Brotstücke glücklich an meinen Leib presse. Sie duften verführerisch und ich verschwinde mit ihnen, um sie in einem ruhigen Versteck zu essen, darauf bedacht, von keinem bemerkt zu werden. Gleichzeitig versuche ich, das flaue Gefühl zu vertreiben, das in mir hochgekrochen ist, seit der Bäcker mich derart entsetzt angestarrt hat. Genau wie die Frau in dem Dorf, die mit den Glasprismen, und genau wie der Händler. Sie sahen mich an, als hätten sie etwas wie mich nie zuvor gesehen. Warum?
Es ist der zweite Sonnenaufgang, seit ich in dem Dorf bin, und ich bin bisher unschlüssig, was ich weiterhin tun will.
Wenn ich ehrlich sein soll, bin ich vor allem deswegen noch hier, weil mir dieser seltsame Mann nicht aus dem Kopf geht, den ich auf der Brücke getroffen habe. Ich bin mir sicher, dass ich ihn schon einmal gesehen habe. Nicht, wie mir eben die Namen zu Dingen wie den Bäumen oder den Weg einfallen, weil ich sie kenne, sondern er, genau er, kommt mir bekannt vor. Und dieses Gefühl ist so überwältigend, weil ich es noch nie zuvor empfunden habe.
Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, war ich ihm zaghaft gefolgt, denn auch wenn sein Gesicht etwas in mir ausgelöst hatte, konnte ich nicht erklären, woher und weshalb genau er mir vertraut war. Aber ich wusste, dass er im Moment das Einzige war, das mich mit meinen fehlenden Erinnerungen verbindet, also durfte ich ihn auf keinen Fall aus den Augen verlieren.
Ich war ihm durch die verlassenen Gassen nachgelaufen und hatte nicht auf den Regen geachtet, der mich schnell bis auf die Knochen durchnässt hatte. Der Mann musste es sehr eilig gehabt haben: Mit hochgeschlagenem Kragen und langen, energischen Schritten war er durch die Straßen geeilt, über Brücken, bis die Häuser nicht mehr so dicht beisammenstanden und die Landschaft sich langsam weiter vor uns ausgebreitet hatte.
Er hatte das Dorf verlassen und stattdessen einen kleinen Hügel erklommen, der sich in einiger Entfernung zum Ort in der Dunkelheit erhob. Dort oben thronte ein riesiges Haus, schwarz und unheilvoll. Es schien mich von seinem erhöhten Platz aus zu beobachten, als hätte es unzählige Augen, die lauernd auf mich herabblickten.
Ich hatte schlucken müssen.
Der Mann hatte nicht angehalten, sondern war geradewegs auf dieses imposante Gebäude zugegangen. Es wirkte ein wenig alt und heruntergekommen, wie eine ehemals erhabene Villa, die mehr gepflegt werden könnte mit ihrer hölzernen Veranda, den bodentiefen Fenstern und unzähligen Giebeln und Balkonen. Der Mann hatte sie wie selbstverständlich betreten und leise die Tür hinter sich geschlossen.
Ich hatte gewartet. Die ganze Nacht hatte ich vor dem Haus gestanden und gewartet, dass etwas, irgendetwas geschah, stattdessen hatte er sich sicherlich schlafen gelegt und ahnte nichts von mir, der pitschnassen Frau, die vor seiner Tür stand und nicht wusste, was sie noch denken sollte.
Wer ist er nur und welche Verbindung haben wir zueinander?
Ich weiß es nicht. Und solange ich diese Frage nicht geklärt habe, kann ich unmöglich weiterziehen. Habe ich nicht genau danach gesucht? Nach irgendetwas, irgendjemandem, der mir die Antworten geben kann, nach denen ich in meinem Kopf so verzweifelt suche?
Am nächsten Morgen hatte ich mich im Schutze einiger Bäume verborgen und gehofft, einen weiteren Blick auf den Mann zu erhaschen, doch an diesem Tag hatte er die Villa nicht verlassen. Deshalb hatte ich mich dazu entschlossen, durch das Dorf zu streunen, und in der Nacht war ich erneut zum Fuße des Hügels gelaufen, allerdings war wieder nichts Aufregendes geschehen. Mittlerweile bin ich enttäuscht und frustriert und weiß einfach nicht, was ich tun soll.
Ich beschließe, einen letzten Diebstahl für heute zu begehen, damit ich abends nichts zu tun habe und den Mann vielleicht in der Dämmerung finde, und begebe mich wieder auf die Straße. Die Bewohner bestehlen sich untereinander offensichtlich nicht, deswegen ist für mich umso mehr Vorsicht geboten.
Ich entdecke einige Arbeiter, die gut bei den Obstbäumen am Rande des Dorfes gewesen sein können: jeder von ihnen schleppt Kisten mit Äpfeln und sie haben mehrere Pferde mit Säcken beladen, außerdem tragen sie ihr Werkzeug und ihre Taschen auf den Schultern und sehen müde und erschöpft aus. Perfekt für mich. Ich nähere mich ihnen unauffällig und verstecke mich in einer Nische zwischen zwei Häusern. Es ist dunkel, denn die Dächer berühren sich fast und kein Sonnenstrahl dringt auf den Boden.
Wieder setzt ein leichter Nieselregen ein, der direkt unter die Haut geht. Nicht gerade angenehm. Ich werde mich wohl besser wieder unter die Brücke kauern – nur noch das hier und du bist für heute fertig, sage ich mir und ziehe die Kapuze meiner Jacke hoch.
Ich luge um die Ecke, die Männer sind jetzt nahe genug, sodass ich mich jeden Moment auf ihre Erträge stürzen kann. Plötzlich nehme ich eine Bewegung wahr, nur ganz kurz, blitzschnell, sodass ich mich auch geirrt haben könnte, meinen geübten Augen entgeht jedoch für gewöhnlich nichts: Zwei große Jungen sind mir zuvorgekommen und haben geschickt einige von den Säcken losgeschnitten, die die Pferde tragen, und eilen nun mit ihrer Beute davon. Ich stutze und nehme sofort die Verfolgung auf, denn wie ich feststelle, tragen sie in ihren Säcken nicht nur Äpfel, sondern auch andere Leckereien. Wo bringen sie das alles hin?
Sind sie wie ich?
Ich folge ihnen ausgerechnet bis zu der großen Villa auf dem Hügel, deren Fenster mich wie tote Augen anstarren. Ist es ein Zufall, dass sie auch hierherlaufen? Haben sie etwas mit dem Mann zu tun?
Meine Gedanken überschlagen sich, als ich mich auf den Boden in das hohe Gras kauere. Aus einiger Entfernung beobachte ich, wie sie durch eine Hintertür eintreten, dann sind sie schon im Inneren des Hauses verschwunden. Mit angespannten Nerven warte ich, aber es kommt niemand heraus.
Ich muss etwas tun. Von allein werden meine Erinnerungen niemals zurückkehren. Ich raffe mich energisch auf. Ich muss wissen, wer dieser Mann ist!

Es klopft an der Tür.
Ich reagiere nicht, sondern widme mich weiter dem Buch in meinen Händen. Niemand von uns würde jemals zur Tür gehen. Mein Vater ist der Einzige, der Besuch erwarten könnte. Nur hat der offenbar nichts bemerkt, denn es klopft ein zweites Mal. Genervt lege ich den Kopf in den Nacken und brülle: »Elijah! Da ist jemand!«
Keine Reaktion. Wütend schlage ich den Buchdeckel zu, erhebe mich aus meinem gemütlichen Sessel und renne zu der großen, alten Tür in der Eingangshalle. Energisch reiße ich sie auf und wappne mich für den Windstoß, der gleich hereinfegt und einige Regentropfen mitbringt. Ich blinzle und erkenne dann im Bruchteil eines Augenblicks die Gestalt. Am liebsten hätte ich die Tür wieder zugeknallt.
»Tut mir leid, Fremden soll man nicht die Tür aufmachen«, sage ich stattdessen recht knapp und will sie zuschieben. Die junge Frau stellt ihren Fuß dazwischen und hält mich auf diese Weise davon ab. Entnervt öffne ich sie wieder ein Stück.
»Ich mein’s ernst, verschwinde wieder«, knurre ich ungehalten. Sicher bin ich zu grob und barsch. Kein Wunder, nachdem ich sie gestern Nacht schon wieder vor dem Haus zu sehen glaubte, wird mir die ganze Sache ein wenig zu unheimlich. Was genau ist ihr Auftrag? Auch jetzt starrt sie mich nur an. Mann, hat die einen Blick drauf und komische Augen. Sie sind von einem solch kräftigen und tiefen Violett, dass ich fröstele. Ich habe schon einiges gesehen, aber bestimmt nicht solche Augen. Fragend mustere ich sie von oben bis unten und ziehe die Brauen hoch. Zum einen, weil sie im strömenden Regen nichts als ein einfaches Oberteil mit grober Jacke zu einer fast verboten kurzen Hose und keine Schuhe trägt, zum anderen, weil das ihre schlanken Beine perfekt in Szene setzt.
Trotz meiner harschen Worte bewegt sie sich nicht und das lässt mich unruhig werden. Ich runzele die Stirn und versuche sie anzusehen, wobei ihr frostiger Blick das mehr als erschwert.
»Was willst du hier?«, setze ich nach, denn darauf, dass sie vor unserem Haus herumlungert und jetzt triefend nass mit diesen merkwürdigen Flügeln vor mir steht, kann ich mir beim besten Willen keinen Reim machen. Doch sie macht nicht einmal Anstalten, den Mund zu öffnen und mir zu antworten. Dazu hätte sie auch keine weitere Gelegenheit mehr.
»Bin schon da!«
Elijah, wie gewöhnlich ganz in Schwarz gekleidet, taucht hinter mir auf. Er klatscht erfreut in die Hände und lächelt die Frau mit diesem Lächeln an, das mich nur entnervt die Augen rollen lässt. Für meinen Geschmack ist es ein wenig zu freundlich. Sie reagiert nicht einmal mit einem Wimpernschlag.
»Schon ist gut«, erwidere ich meinerseits, wende mich ab und will gehen. Bei ihr habe ich alles andere als ein gutes Gefühl. Sie sieht nicht aus, als könnte man ihr vertrauen – warum sollte sie nun schon seit zwei Nächten in Folge vor unserem Haus herumlungern? Ist sie etwa eine Spionin, eine von denen?! Sofort spüre ich Wut in mir aufkochen und meine Hände ballen sich zu Fäusten. Jede Wette, sie hat schließlich noch Flügel! Mein Vater hält mich an der Schulter zurück.
»Es wäre kein Problem, wenn du höflicher zu Gästen wärst«, raunt er und wirft mir einen strengen Blick zu. Ich funkle ihn trotzig an.
»Sie sollte nicht unser Gast sein, Elijah«, gebe ich zurück.
Die Frau will ich auf keinem Fall hier im Haus haben. Bloß nicht. Auf mein Bauchgefühl ist für gewöhnlich Verlass und ihr traue ihr nicht weiter, als ich bei dem dichten Regen da draußen sehen kann. Es treiben sich zu viele zwielichtige Gestalten in der Gegend herum.
»Ich denke, das habe in erster Linie ich zu entscheiden.« Elijahs Stimme ist streng und hart. Ich beiße meinerseits mit meinen Zähnen fest aufeinander.
»Na dann wirst du wohl wissen, was du da tust«, presse ich hervor und reiße mich unwirsch aus seinem Griff los. Nach der Auseinandersetzung von vorhin wird er ohnehin nicht auf meine Meinung hören wollen. Ich schnaube – als würde er jemals darauf eingehen, was ich denke. In letzter Zeit geraten wir viel zu oft aneinander und kommen selten auf einen Nenner. Es ist die angespannte Stimmung, die wie eine düstere Wolke über unserem Haus liegt und an sämtlichen Nerven zerrt. Deshalb kann ich gar nicht rasch genug zurück in mein Zimmer kommen. Gerade noch kann ich vernehmen, wie Elijah mit seiner lockeren, immer freundlichen Stimme zu der Frau sagt: »Ach, lass dich von ihm nicht verunsichern.«
Um zu wissen, dass er ihr dabei verschmitzt zuzwinkert und abwinkt, muss ich nicht neben ihm stehen.
Ich lache verächtlich und knalle grob meine Zimmertür zu.

Ganz gleich, wie unfreundlich der Kerl war, der mir die Tür geöffnet hat, es ist vergessen, sobald ich Elijah erkenne. Er ist es, zweifelsohne. Der Mann, den ich auf der Brücke gesehen habe und der mir so bekannt vorkam. Wie soll ich nur das vermitteln, was ich fühle? Wie soll ich ihm sagen, dass ich ihn kenne? Erkennt er mich denn nicht? Er hat nichts gesagt außer einem lockeren Komm doch herein und wenngleich ich noch nie in einem Haus gewesen bin und mich sofort Unwohlsein überkommt, will ich unbedingt mehr herausfinden.
Ein wenig unsicher und ein wenig neugierig gehe ich also hinter Elijah her. Er kleidet sich gänzlich in Schwarz, von der Hose über das Hemd bis hin zu dem Ring, den er im Ohrläppchen trägt. Sogar seine unordentlich abstehenden Haare sind dunkel sowie sein stoppeliger Bart, über den er sich beim Reden ständig streicht. Er ist ziemlich groß und deswegen muss ich den Kopf in den Nacken legen, wenn ich sein Gesicht im Auge behalten will. Am meisten irritiert mich das Lächeln darin. Es ist so ungewohnt freundlich, dass es eigentlich gar nicht mehr freundlich sein kann.
Von innen ist die Villa genauso imposant wie von außen. Die Türen sind alte Flügeltüren, die Möbel mit wunderschönen Schnitzereien verziert, die langen schmalen Fenster mit Vorhängen versehen, der Boden aus Holzdielen und die Zimmer haben hohe Decken. Es gibt sogar einen Kronleuchter, der in der Eingangshalle hängt und den ich eine ganze Weile beeindruckt anstarre, ehe ich Elijah überhaupt folgen kann. Er ist mit dunklen Kerzen bestückt und Kristalle funkeln an ihm.
Wir betreten einen großen und dann wieder winzig kleinen Raum nach dem anderen. Sie sind verbunden mit langen Fluren und Treppen mit verschlungenen Geländern führen in die oberen Stockwerke. Auf den offenen Galerien meine ich neugierige Gesichter zu erspähen, die zu uns herunterblicken; wenn ich nach oben sehe, verschwinden sie rasch wieder.
Ein leises Flüstern und Raunen dringt durch das verschachtelte Haus und ich ziehe die Schultern hoch, sehe beeindruckt an den Wänden hoch, die in bunten Farben angemalt sind. In einigen Räumen zieren Bilder die hohen Decken, Wälder oder andere Naturschauplätze, die mit einem feinen Pinsel gezeichnet wurden.
Ungeachtet dessen, dass alles sehr weitläufig und groß ist, fühle ich mich irgendwie eingeengt wie ein Vogel, der seine Flügel nicht ausbreiten kann. Meine muss ich eng an meinen Körper pressen, weil ich befürchte, sie könnten sonst irgendetwas umstoßen oder berühren.
Selbst wenn Elijah nicht durchblicken lässt, dass wir uns kennen, scheint er verstanden zu haben, dass ich keine Bleibe habe, und bietet mir an, mich im Haus umzusehen und bei ihnen unterzukommen.
»Es leben viele hier, die nicht wissen, wo sie sonst bleiben sollen«, erklärt er mir und ich nicke, wenngleich ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich das verstehe.
»Wie heißt du denn?«, fragt er jetzt und dreht sich zu mir herum. Ich fahre staunend mit den Fingern über eine Strebe des Treppengeländers. Das Holz ist kühl unter meinen Fingern.
»Mädchen? Hast du einen Namen?«
Ich sehe ihn mit großen Augen an. Er erwidert meinen Blick mit seinen klaren, eisblauen. Sieht er nicht das, was ich sehe? Fühlt er nicht, dass wir einander bekannt sind? Oder irre ich mich?! Nein, das kann nicht sein! Sein Gesicht ist das erste, was dieses Gefühl in mir auslöst. Ich kann die Augen schließen und weiß ganz genau, wie es aussieht, habe es mir fest eingeprägt. Aber vielleicht habe ich ihn damals, vor der Dunkelheit, auch nur beobachtet, so wie auf der Brücke. Vielleicht kann er sich gar nicht an mich erinnern.
»Du verstehst mich, oder?«, meint er und legt seinen Kopf leicht schräg. Mein Herz gerät ins Stolpern. Was hat er gefragt? Ah. Mein Name. Was soll ich jetzt sagen? Dass mir niemand einen gegeben hat? Dass ich es nicht genau weiß? Dass ich gar nichts mehr weiß? Er übernimmt glücklicherweise das Reden für mich, als er meinen unschlüssigen Gesichtsausdruck bemerkt.
»In Ordnung, du weißt es also nicht oder möchtest es mir zumindest gerade nicht sagen, habe ich recht?«
Ich nicke zaghaft. Nicken ist besser als etwas zu sagen.
»Nun gut, weißt du, wo du herkommst? Aus welchem Dorf?«
Dieses Mal schüttle ich den Kopf und mache eine unbedeutende Handbewegung.
»Hm, und deine Eltern? Was ist mit ihnen?«
Wieder schüttle ich den Kopf und hebe noch dazu die Achseln. Eltern … das Wort kommt mir bekannt vor, ich kann es zuordnen, aber das reicht nicht, um eine Erinnerung an jemanden hervorzurufen. Ich glaube nicht, dass ich Eltern habe. Ist das möglich?
»Du hast keine mehr«, stellt auch Elijah jetzt fest und sein Gesicht wird ernster. »Sind sie … wurdet ihr angegriffen?«, fragt er vorsichtig.
Ich wiege erneut den Kopf hin und her, sage lieber nichts, denn wenn er das mit den Eltern so weit ausführt, findet er es bestimmt seltsam, wenn ich sage, dass ich keine habe. Noch immer kann ich nicht anders, als ihn die ganze Zeit über intensiv anzustarren, weil es mich verblüfft und gleichzeitig unglaublich frustriert, dass ich ihn zu erkennen glaube. Wo sind die restlichen Erinnerungen? Oder die, die mit ihm zusammenhängen? Es muss mehr als dieses eine Bild in den schwarzen Fluten existieren, aus denen ich erwacht bin.
Elijah lächelt mir aufmunternd zu.
»Schon in Ordnung, ich verstehe dich. Du kannst hier wohnen bleiben, wenn du das möchtest. Viele von uns haben alles verloren, was sie hatten. Wir könnten hier ein Zimmer für dich finden.«
Möchte ich das? Ich weiß nicht. Unsicher weiche ich zurück. Und wieder sagt er irgendwie genau das Richtige: »Du musst jetzt nicht antworten. Ich zeige dir einfach die letzten Räume, ja? Oh.« Er schlägt sich die Hand vor die Stirn und verdreht die Augen. »Ich habe mich gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Elijah.«
Er vollführt einen kleinen Halbbogen mit geöffneter Hand in der Luft.
»Das ist bei uns zur Begrüßung so üblich«, erklärt er mit einem erneuten Zwinkern. Aha. Ist dieses Blinzeln auch etwas, was sie öfter tun? Oder soll das hier alles eine Falle sein? Es ist zum Verzweifeln, ich weiß nicht, was ich denken soll!
Abwarten. Abwarten ist gut. Die Lage einschätzen. Möglichkeiten abwägen. Flucht oder Angriff.
Ich atme durch. Die Lage einschätzen. Ich muss mehr über Elijah erfahren. Immerhin habe ich jetzt einen Ort, an dem ich bleiben könnte, das ist mehr, als ich gestern Abend hatte. Elijah führt mich durch die einzelnen Stockwerke, öffnet diese oder jene Tür und erzählt zu jedem Zimmer etwas. Anfangs höre ich ihm noch zu, schon bald schalte ich jedoch ab, seine Stimme wird eine Hintergrundmusik. Viel mehr interessiert mich die Einrichtung, die Wandtapete, der Fußboden. Wie durch Watte dringen die Geräusche zu mir durch und da passiert es: Auf einmal verschwimmt der Raum vor meinen Augen, ich schwanke, Halt suchend klammere ich mich an einen kleinen Tisch, blinzle und versuche verzweifelt, klare Sicht zu bekommen. Vergeblich. Die Farben und Formen vermischen sich, alles dreht sich und ich kann es nicht aufhalten. Die Welt kippt vor meinen Augen. Urplötzlich taucht eine Szene auf, legt sich auf mein Gesicht.
Ein zerbrochenes Fenster, die Splitter fliegen in alle Richtungen davon, das Sonnenlicht bricht sich darin. Ein Schrei, ich wirble herum, ein Arm rutscht von meiner Schulter. Ich sehe in seine Augen. Vertraute Augen …
8

Alles in Ordnung mit dir?«
Ich schlage die Augen auf. Das Erste, was ich sehe, ist die Zimmerdecke. Ich brauche ein paar Momente, bis ich verstehe, warum eine Wand über mir ist und nicht die Wipfel der Bäume oder ein weites Stück Himmel. Da war dieser Mann. Diese Villa …
Elijah beugt sich über mich und reicht mir besorgt seine Hand. Ich ignoriere sie bewusst und stehe selbst auf. Zum Glück dreht sich nichts mehr, meine Beine fühlen sich indes schrecklich instabil an, als könnten sie mich jeden Moment im Stich lassen und unter mir zusammenbrechen. Nervös sehe ich mich in dem Raum um, wenngleich er nicht länger vor meinen Augen verschwimmt. Trotzdem sitzt mir der Schreck noch in den Gliedern, wieder und wieder spielt sich die Szene in meinem Kopf ab, die ich gerade noch so lebendig gesehen habe, als würde sie eben erst geschehen. Als würde ich sie in ebenjenem Augenblick durchleben.
Elijahs unruhiger Blick ruht weiterhin auf mir.
»Du wurdest auf einmal ohnmächtig«, klärt er mich mit hochgezogenen Brauen auf, während er mich aufmerksam und durchdringend mustert. Ich zucke betont gleichgültig mit den Schultern. Auf keinen Fall darf ich mir anmerken lassen, wie sehr mich das, was gerade geschehen ist, mitnimmt. Meine Gedanken rasen durcheinander und ich könnte vor Wut aufschreien, dass mir das Bild dieser Augen derart schnell entgleitet. Trotz dass er mich vorhin so direkt angeblickt hatte, weiß ich jetzt nicht einmal mehr, welche Farbe sie hatten. Waren sie braun? Nein. Grün vielleicht?
»Geht es dir wirklich gut?«
Sei still! Ich muss mich konzentrieren!
Doch je stärker ich versuche, die Szene aufrechtzuerhalten und mir die Details ins Gedächtnis zu rufen, desto mehr verblasst sie, bis sie schließlich ganz verschwindet und ich nicht mehr weiß, was ich gesehen habe und was meiner bloßen Einbildung entspringt.
Mit zusammengepressten Zähnen nicke ich.
Ganz gleich, wie bekannt Elijah mir vorkommt, ich kann mit ihm nicht darüber reden, was da passiert ist, ich weiß es ja selbst nicht einmal!
Und ich weiß nicht, ob ich ihm überhaupt trauen kann. Einen Moment lang beobachtet er mich unschlüssig, schließlich muss er allerdings einsehen, dass ich nicht darüber reden werde. Nicht mit einer Silbe.
»Also schön. Es dämmert bereits, wie wäre es also, wenn Celdon dir eines der Gästezimmer zeigt?«
Ich mustere ihn unsicher. Suche ein letztes Mal in seinem vernarbten Gesicht nach einem Anzeichen, dass er mich auch erkennt. Nach irgendeiner kleinen Regung. Doch da ist nichts. Er lächelt nur freundlich.
Ein wenig erschöpft nicke ich. Es behagt mir nicht recht, in diesem Haus zu verweilen, mit Elijah habe ich jedoch erstmals eine Spur in die Vergangenheit. Ich kann sie noch nicht aufgeben. Er nickt mir zu.
»Dann werde ich ihn rufen, ich selbst habe noch eine Verabredung. Ich wünsche dir eine gute Nacht.«
Damit verschwindet er, dreht sich in der Tür um, winkt und setzt ein Lächeln auf. Mein linker Mundwinkel hebt sich kurz und unbeholfen. Wer wohl Celdon ist? Hoffentlich nicht der Idiot von der Tür!
Natürlich ist es der Idiot von der Tür. Lässig lehnt er im Türrahmen und mustert mich von oben bis unten. Dann starrt er mir direkt in die Augen, sodass ich eine Gänsehaut bekomme. Sein Blick hat etwas Merkwürdiges an sich. Als würde er einem in den Kopf sehen können, oder gar durch einen hindurch. Es ist ein nicht gerade freundlicher Blick.
»Hier lang«, brummt er nun kurz angebunden, dreht sich um und geht schnurstracks die Treppe runter in den zweiten Stock. Ganz anders als Elijah. Irgendwie beruhigt es mich gleichzeitig, dass er so barsch ist, das kommt mir typischer für menschliche Wesen vor und ich kann mit seiner Schroffheit leichter umgehen als mit Elijahs Freundlichkeit. Ich beeile mich, ihm zu folgen. Diese Dielen verwirren mich, denn ich bin nie auf etwas anderem als Waldboden gelaufen.
Und dann diese Wesen. So nah. Sie sind keine Menschen, das spüre ich. Celdons Ohren laufen eigenartig spitz zu und gegen seine funkelnde Iriden wirken die Augen der Menschen blass wie Farbe, die mit zu viel Wasser verdünnt wurde. Er bewegt sich leichter, fast schon ein wenig tänzerisch. Er ist ein Elf. Elijah ist ein Elf, wie einige andere im Dorf. Ungeachtet dessen ist die Vorstellung, mit ihnen unter einem Dach zu leben, mehr als beängstigend. Alles hier ist auf eine gewisse Weise beängstigend.
Unwillkürlich blicke ich ständig nach links und rechts und erst als dieser Celdon mich verwirrt ansieht, fällt mir auf, dass ich nur auf den Zehenspitzen gehe, als würde ich über glühenden Kohlen laufen.
Ich ärgere mich über mich selbst, wende sofort den Blick von ihm ab und sehe demonstrativ zur Seite, als würde mich das alles hier überhaupt nicht verwirren. Allen voran nicht er mit seinem breiten Rücken, den kräftigen Armen und dem abweisenden Blick. Mein Plan, unbeteiligt und gewöhnlich zu wirken, geht völlig daneben, als ich gegen eine Kommode laufe, aufschreie, zwei Schritte zurückspringe und mich angriffsbereit hinhocke. Celdon prustet los, lässt seine Züge dann wieder rasch verhärten, als ich ihn böse anfunkle.
Sehr witzig! Solche Sachen mitten in den Raum zu stellen ist ja wohl mehr als gefährlich. Nervös sehe ich mich um, ob noch mehr derartige Gefahren irgendwo auf mich lauern, bereit, mir in den Weg zu springen. In diesen Häusern kann man ja nie wissen.
»Hey! Es geht hier um dein Zimmer. Also kannst du ruhig herkommen.«
Ich runzle die Stirn und tapse vorsichtig zu ihm hin. Er hält eine Tür auf. Unschlüssig bleibe ich stehen und blicke von ihr zu ihm und wieder zurück.
»Du musst schon reingehen.« Seine Stimme klingt genervt, als wollte er das alles nur schnell hinter sich bringen und mich dann endlich los sein. Gleichzeitig spüre ich, wie er mich beobachtet. Wie sein Blick die ganze Zeit auf mir ruht, als stellte er sich die gleichen Fragen, was mich betrifft, die ich auch an ihn habe: Wer ist er? Wieso sieht er so seltsam aus?
Ich bewege mich weiterhin nicht. Ich kann nicht. Die entsetzliche, eiskalte Angst sitzt in meinem Nacken und lähmt meine Glieder. Es ist der Fußboden, der nicht weich und moosbedeckt ist, wie ich es gewohnt bin. Es ist der geschlossene Raum, der mich einengt, weil ich das Gefühl habe, die Wände würden stetig weiter auf mich zurücken und mich zwischen ihnen zerquetschen. Es ist die hohe Decke, das Dach über mir, das den Himmel ausschließt und von oben auf mich niederdrückt. Es ist dieser Celdon mit seinem durchdringenden Blick. Jetzt zuckt sein Mundwinkel fast unmerklich.
»Du brauchst dich nicht zu fürchten.«
Ich fahre zusammen und sehe zu ihm auf, meine Augen müssen die stumme Frage herausschreien, sodass er seine Schultern hebt. »Man kann es riechen.«
Ertappt weiche ich seinem Blick aus. Er kann meine Emotionen auf diese Weise wahrnehmen? Wie unheimlich! Ich überlege. Wie wahrscheinlich ist es, dass ich flüchten und einen anderen Ort finden kann? Sehr gering. Dass ich in diesem gruseligen Haus keinen weiteren Elfen oder Menschen begegnen muss? Gleich null. Also bleibt mir die Möglichkeit, weiterhin draußen zu schlafen oder hierzubleiben. Und dann ist da noch Elijah.
Ich seufze tief.

Zaghaft macht sie einen Schritt auf das Zimmer zu und sieht mich dann erneut an. Ich zeige mit einer eindeutigen Geste, wie sinnlos ich das Ganze finde, indem ich sarkastisch die Arme ausbreite und die Brauen hebe. Was soll denn das ganze Theater?!
Endlich schleicht sie zögerlich in den Raum. Ihre Bewegungen sind vorsichtig, misstrauisch. Sie streckt die Arme aus, als hätte sie Angst, die Wände würden sich um sie schließen. Es ist eine Bewegung, die mir ein leichtes Ziehen in der Brust entlockt. Als Elf ist mir Platzangst mehr als bekannt. Gerade wir können enge Räume, Tunnel oder Höhlen nicht sonderlich gut leiden. Dass die junge Frau keine Elfe ist, ist jedoch mehr als offensichtlich.
Ich folge ihr mit genügend Abstand. Sie hat echt ein hübsches Zimmer bekommen. Das mit dem riesengroßen Fenster, dem Himmelbett mit den Spitzenvorhängen, den weißen Kissen und dem weichen cremefarbenen Teppich in der Mitte. Der rot lackierte Kleiderschrank steht links, die Tapete ist hell. Alles in allem sehr freundlich und gemütlich.
Um ehrlich zu sein, frage ich mich, wieso Elijah ausgerechnet ihr eins der schönsten Zimmer im Haus gibt. Sie muss es sich nicht einmal mit jemandem teilen!
Es ist ja nicht so, als wären wir hier eine Art Gaststätte oder etwas Derartiges. Ich für meinen Teil würde ebenfalls gern meine Ruhe haben, aber bitte, vielleicht ist es auch besser, wenn sie einen eigenen Raum hat. Sie wirkt jedenfalls nicht gerade wie jemand, der gern Personen um sich hat, und mich beschleicht das Gefühl, dass auch die anderen hier ihr eher misstrauisch gegenübertreten werden. Kein Wunder, bei den Flügeln! Es kribbelt mich in den Fingern, sie einmal zu berühren. Sie sehen kräftig und dennoch filigran aus. Gleichzeitig flammt ein kurzer Stich der Eifersucht in mir auf und meine Hand zuckt kaum merklich zu meinem Rücken.
Wenigstens bemüht sie sich, sie eng an ihren Körper zu pressen, sodass es aussieht, als könnte sie die Schwingen einklappen. Ansonsten würde sie auch sämtliches Mobiliar auf der Stelle umschmeißen.
Staunend sieht sie sich um und ich beobachte sie verstohlen dabei. Meine anfängliche Abneigung ihr gegenüber verblasst langsam, als ich sehe, wie sie durch den Raum wandert. Ihr Mund ist leicht geöffnet, den Kopf hat sie in den Nacken gelegt, als hätte sie etwas wie dieses Zimmer noch nie gesehen. Und gesprochen hat sie auch bisher kein Wort. Ein bisschen komisch ist sie ja schon, irgendwie gibt sie mir dennoch das Gefühl, als müsste sie jemand beschützen vor all diesen Sachen, die sie nicht kennt. Ihre linke Hand streicht über die weiche Decke und sie dreht sich um und setzt sich auf die Bettkante. Die Matratze gibt nach, sie umklammert verschreckt ihre Beine. Ihr gesamter Körper versteift sich. Ich muss beinahe lachen, denn sie sieht schlichtweg albern aus, wie sie sich vor dem Bett fürchtet. Ihre schmutzigen Füße wirken neben dem ganzen Weiß noch dreckiger, als sie sich jetzt langsam entspannt, sich vor das Bett stellt und sich rücklings, mit ausgebreiteten Armen in die Kissen fallen lässt. Ein zartes Lächeln umspielt ihre Lippen. Ich muss grinsen, beiße mir im nächsten Moment auf die Lippe. Kann ich nicht schon längst gehen? Sie weiß Bescheid und es ist sicher nicht meine Aufgabe, für sie hier das Kindermädchen zu spielen. Doch seltsamerweise rühre ich mich nicht vom Fleck.
Sie ist so eigenartig mit ihren kalten Augen und den verdreckten Sachen, und je länger ich sie anstarre, umso mehr Dinge fallen mir an ihr auf, die ich betrachten kann. Dass ihre Haut vollkommen frei von Muttermalen oder Narben ist, zum Beispiel. Sie ist einfach rein und weiß und schimmert ein wenig. Oder dass ihre Lippen im Gegensatz zu dieser blassen Haut fast schon unheimlich rot leuchten.
Die junge Frau setzt sich auf und hüpft ein bisschen. Mit einem Mal fällt ihr ein, dass ich noch da bin, und ihr flüchtiges Kichern endet abrupt. Blitzschnell springt sie auf, zieht die Schultern hoch und sieht mich mit diesem verschlossenen und misstrauischen Blick an, den sie schon die ganze Zeit über draufhat.
Ich habe ohnehin keine Lust, länger hier herumzustehen, wende mich ab und gehe zurück in mein Zimmer. Kaum dass ich die Tür geschlossen habe, höre ich das Bett nebenan quietschen. Schöner Mist, jetzt schläft sie ausgerechnet neben mir und hüpft die ganze Nacht herum. Mann, schon als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich, dass mit ihr was nicht ganz rund läuft, und mit jemandem, der sich derart über ein Bett wundert, kann etwas nicht stimmen. Hoffentlich bleibt sie nicht allzu lange hier. Am besten gar nicht. Wir haben schon genug Sorgen …

Das ist ja herrlich!
Ich grinse breit und tolle ausgelassen auf dem Bett herum. Es ist Wahnsinn! Ein richtig kuscheliger Wahnsinn, so unglaublich weich, und es macht mehr als nur Spaß, darauf herumzuhüpfen. Ich albere eine ganze Weile herum, dann krieche ich unter die Decke, kuschle mich in die Kissen und fühle mich wie auf Wolken gebettet. Dank des großen Fensters komme ich mir nicht allzu eingeengt vor. Aber die Bettdecke ist schwer, die Matratze im Gegensatz zu dem Ast, auf dem ich sonst schlafe, fast schon zu weich, alles schlichtweg ungewohnt. Die Waldgeräusche fehlen, keine Eule ruft, kein Wind rauscht durch die Blätter, nichts raschelt. Es ist unerträglich still.
Ich brauche lange, bis ich einschlafe, und träume schlecht.
Bilder zischen an mir vorbei, Momentaufnahmen, nur kurze Ausschnitte, und bevor ich sie richtig sehe, sind sie auch schon wieder weg und ich kann mich an fast keines erinnern. Mit einem Mal wird alles schwarz, ich höre einen wütenden Schrei und sehe schlagartig wieder das Fenster zersplittern, sehe wieder die Scherben fliegen, das Sonnenlicht bricht sich darin. Ein Schrei, ich wirble herum, ein Arm rutscht von meiner Schulter. Ich sehe in seine Augen. Vertraute Augen. Dann rieche ich es. Mein Blick wandert zu seiner Wange, auf der ein langer Riss prangt …
Schweißgebadet fahre ich hoch. Das Laken klebt an meiner Haut, panisch wühle ich mich aus den Deckenschichten, die sich um mich schlingen, als wollten sie mich erwürgen, und stehe zitternd da. Der Boden ist kalt und hart. Verzweifelt sinke ich auf die Knie, presse die Hand auf die Dielen und versuche, die Finger in sie hineinzukrallen. Natürlich geschieht nichts, außer dass ein Fingernagel abbricht. Solange ich denken kann, war da der weiche Waldboden, die schützenden Bäume, die Tiere.
Es fühlt sich an, als würde ich den Verstand verlieren, und ich unterdrücke ein Wimmern, hämmere auf den Boden, in der Hoffnung, dass er nachgibt. Unter meinem Aufschluchzen höre ich, wie im Zimmer nebenan jemand aufstöhnt. Sollen sie doch alle aufwachen.
Panik ergreift mich beim Gedanken an die Wesen um mich herum. Was alles passieren könnte! Und ich liege hier in einem Bett herum und schlafe bloß! Es könnte eine Falle sein, vielleicht wollen sie mich in Sicherheit wiegen, nur um dann anzugreifen, wie die Männer im Wald. Selbst wenn sie nicht so wirken, könnte das lediglich eine Tarnung sein.
Ich beiße auf meine eigene Faust, um still zu sein, krieche an die Wand, zitternd vor Schreck.
Diese seltsame Traumszene will nicht aus meinem Kopf verschwinden, dieselben Bilder, wie sie mich heute auch im Flur überkamen. Was könnten sie bedeuten?
Es war … ich weiß nicht. Ein Gesicht. Ich kenne ihn nicht. Doch, schon, ich kenne ihn, nur kann ich mich nicht erinnern. Wieder entgleitet mir das Bild, je stärker ich versuche, es an die Oberfläche meines Bewusstseins zu ziehen. Die Konturen verblassen und verschwimmen, als würde ich mich im Wasser befinden und krampfhaft die Augen aufreißen, um etwas zu erkennen, aber je länger ich das tue, umso mehr beginnen sie zu brennen, bis ich schließlich gar nichts mehr sehen kann.
Ich schniefe und wische mir grob über das Gesicht. Ist es nicht albern, wie ich hier herumschreie und alle aufwecke, noch dazu bloß, weil ich einen merkwürdigen Traum habe? Die erklären mich für verrückt! Wenngleich mir die Meinung der Menschen und Elfen oder wer sonst noch hier lebt, gleichgültig sein könnte, habe ich vor, eine Weile zu bleiben, und da ist es von Vorteil, wenn sie mich nicht schon von der ersten Nacht an nicht leiden können.
Ich muss leise sein, unauffällig.
Gehetzt springe ich auf, laufe zum Fenster und reiße die beiden Flügel auf, sodass kühle, frische Luft hereinströmt und mir durch die Haare fährt. Es regnet schon wieder und die Tropfen prasseln mir in das Gesicht. Es macht mir nichts. Im Gegenteil. Ich schließe die Augen und atme tief den Geruch nach Regen und Nacht ein. Langsam beruhige ich mich wieder.
Dennoch dauert es, bis ich erneut einschlafen kann. Ich rolle mich dieses Mal vor dem Bett zu einer Kugel zusammen, die Arme um meinen Körper geschlungen.
Ich spüre den harten Boden überdeutlich unter mir und das besänftigt mich, so wie auch der leichte Wind, der sanft über mein Gesicht streicht und mich so in den Schlaf wiegt.
Den Rest der Nacht verbringe ich zu meiner Erleichterung traumlos und am nächsten Morgen wecken mich die Sonnenstrahlen, was mir wenigstens etwas von dem Gefühl aus meiner Heimat vermittelt. Schlagartig reiße ich die Augen auf und blinzle in das helle Tageslicht. Langsam richte ich mich auf. Das Bettzeug ist zerwühlt, die Kissen liegen auf dem Boden.
Ich seufze und richte es halbwegs. Bei Tageslicht betrachtet wirkt der Raum ganz anders, das Bett ist nicht mehr derart riesig und bedrohlich und durch die großen Fenster ist es glücklicherweise offen und hell. Es ist ein recht großes Zimmer, wenn auch zu klein für meinen Fluchtinstinkt. Doch bei der Führung durch den Rest der Villa habe ich gesehen, dass es noch deutlich schmalere Räume mit deutlich mehr Betten gibt und deshalb sollte ich wohl zufrieden sein.
Unsicher ziehe ich die Schultern hoch und streiche über meine Arme, überlege, was ich wohl als Nächstes machen soll oder was von mir erwartet wird. Was machen Menschen am Morgen?
Frühstücken?
Darf ich mit ihnen frühstücken? Ich glaube, ich will gar nicht bei ihnen sein. Was essen sie überhaupt? Vielleicht sollte ich mir selbst etwas suchen. Draußen. Ich muss an die frische Luft, davon bekomme ich einen klaren Kopf und kann viel besser nachdenken. Doch weiter als mich umzudrehen komme ich gar nicht, denn im nächsten Moment fliegt etwas durch den Türspalt auf mich zu, zerzaust meine Haare und ich schreie auf.
»Hey!«
»Huhu!«
»Hallo!«
»Wir sind Layla.«
»Leolynn.«
»Lindariel.«
»Und wir werden …«
»… dich …«
»… jetzt erst mal hübsch machen!«
»Na, was sagst du?«
Mir klappt der Mund auf und mein Blick fliegt zwischen meinen drei Besuchern hin und her. Verängstigt presse ich mich gegen die Wand und starre sie entgeistert an. Wer oder was sind sie und was wollen sie von mir?!
Weg von hier!
Ja, sofort!
Auch wenn die Sprecherinnen nicht gerade groß sind, gelingt es ihnen, mich weiterhin an die Wand gedrückt zu halten, indem sie ganz nah vor meinem Gesicht mit ihren Armen herumfuchteln und wie wild auf mich einplappern.
»Na ja, eigentlich musst du nichts sagen. Oder tun.«
»Ja, wir machen das alles schon.«
»Halt einfach still!«
»Nein, sie muss erst mitkommen!«
»Genau, komm, wir zeigen dir, wo es langgeht.«
»In Ordnung?«
Sie grinsen mich allesamt begeistert an, sodass ich noch weiter zurückweichen will. Schlagartig ist die Furcht zurückgekehrt und meine Knie beben, unschlüssig, ob sie davonstürzen oder einfach unter mir nachgeben sollen. Die drei Plappertanten sind ungefähr so groß wie meine Hand plus Finger, haben kleine, zarte, durchsichtige Flügel auf dem Rücken, bis auf eine, deren Zöpfe auf und ab wippen. Sie sehen merkwürdiger aus, als ich es mir vorstellen könnte. Layla, die größte, trägt ein langes gelbes Kleid, das aus einzelnen Blütenblättern gefertigt ist und mit einem breiten braunen Gürtel zusammengehalten wird. Dazu sitzt ein riesiger Sommerhut auf ihrem Kopf, so groß, dass er ihr ständig ins Gesicht rutscht. Zu meinem Entsetzen leuchten sowohl ihre Haare als auch ihre gesamte Haut in einem ausgesprochen kräftigen Grün.
Die zweite, Leolynn, hat zartviolette, zu zwei Zöpfen gebundene Haare, mit denen sie sich in der Luft hält, indem ihre langen Zöpfe auf und ab flattern. Der Rock zu dem gleichfarbigen Oberteil sieht wie eine umgestülpte Glockenblume aus und auch die Haut dieses kleinen Mädchens hat einen ungesunden Ton – ein bläuliches Violett.
Die dritte und kleinste, Lindariel, hat sich in schillernden silbrigen Stoff gehüllt, genau wie auch ihre Haut mit diesem schimmernden Staub bedeckt ist. Nur ihre wunderschön gelockten Haare stechen deutlich hervor, denn sie leuchten in allen Farben des Regenbogens.
Sie reden mit hohen aufgeregten Stimmen und noch dazu in einer Geschwindigkeit, dass ich für einen Moment sprachlos bin.
Ich versuche einen Ton herauszubekommen, doch mein Hals kratzt schrecklich dabei, sodass ich mich erst mal räuspern muss.
»Auf jeden Fall sollten wir dich ein bisschen hübsch und ordentlich machen, weißt du?«
»Wir sind schließlich Feen«, verkündet Leolynn nun und dreht sich mit ausgestreckten Armen einmal um sich selbst, als wäre nun alles klar. Feen … ich spüre, dass da etwas in meinem Kopf ist, das sich an diesen Namen erinnert. Es dauert, wie bei den Elfen auch. Mir ist gar nicht klar, was für verschiedene Wesen in dieser Welt leben. Die drei bemerken wohl, wie verwirrt ich den Kopf schräg lege, und wechseln nachdenkliche Blicke.
»Wir wohnen in Blumen.«
»Wir sind Blumen.«
»Ja, ich bin eine Sonnenblume, schau!« Layla flattert aufgeregt auf und ab. Tatsächlich erinnert sie mich mit dem gelben Kleid und der grünen Haut an die entsprechende Blume.
»Unsere Kleidung ist auch aus Blüten gemacht, nur …
»… uns wurde das zu langweilig. Wir haben ganz viele tolle Sachen.«
»Immer nur eine bunte Tupila zu sein – nein danke.« Lindariel verdreht die Augen und ich versuche rasch, mir die entsprechende Pflanze mit einer Blüte, die in allen Farben des Regenbogens schillert, vorzustellen.
»Also, dann wollen wir uns mal an die Arbeit machen, oder? Das Bad ist gleich um die Ecke!«
»Oh, und deine Klamotten …« Leolynn verzieht das Gesicht und zeigte auf meine zerrissene Hose.
»… tust du einfach auf einen Haufen, wir waschen das.«
»Unterwäsche ist im Schrank!«
»Beeile dich, wir lassen schon mal ein Bad ein.«
»Oh, das wird der Knüller, deine Haare werden viel besser aussehen, wenn wir uns darum gekümmert haben!«
»Mach dir keine Sorgen, wir bekommen das schon alles hin!«
Damit verschwinden sie wieder, noch bevor ich blinzeln kann. Verwirrt starre ich ihnen hinterher. Dieser Besuch hat mich aus dem Konzept gebracht, so aufgedreht, wie die Feen waren, ständig auf und ab flatterten und mir mit ihren schrillen Stimmen in das Ohr quietschten. Gleichzeitig sind sie auf ihre Weise liebenswürdig. Sie wirken viel zu aufrichtig, um sich zu verstellen und mich in die Falle zu locken.
Am besten ich halte mich daran, was sie gesagt haben, schaden kann es ja zunächst nicht.
Ich ziehe mir den groben Stoff über den Kopf und werfe ihn in eine Ecke. Kurze Zeit später folgt die Hose, die inzwischen schon ganz starr vor Dreck ist. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals andere Kleidung besessen zu haben. Jetzt trete ich zu dem Schrank an der Wand gegenüber und öffne zögernd und ehrfürchtig die Türen. Der Anblick lässt mich scharf die Luft einziehen.
Wunderschöne Kleider, aufgereiht auf ihren Bügeln, fließende, unfassbar weiche Stoffe in allen erdenklichen Farben, gefaltet und geordnet – leider nichts, was mir gefällt oder in meiner Größe vorhanden ist. Ich ziehe schon die Möglichkeit in Betracht, splitterfasernackt über den Flur zu laufen, andererseits kommt mir das irgendwie komisch vor, schließlich bin ich nicht wie im Wald das einzige menschliche Wesen. Also krame ich zusammenpassende fliederfarbene Unterwäsche hervor, streife sie über, öffne mit Schwung die Tür, renne raus und stoße prompt mit jemandem zusammen.
Vor Schreck keuche ich auf und stolpere ein gutes Stück zurück. Erst dann wage ich es, die Person mir gegenüber anzusehen, und mir wird ganz heiß. Ausgerechnet der eingebildete Kerl von gestern steht, nur mit einem Handtuch um die Hüften geschlungen, vor mir und hebt die dichten Brauen.
»Ich schätze, sie haben mich wegen dir rausgeworfen?«, knurrt er und nickt zu einer Tür weiter hinten. Ist da das Bad? Was hat Elijah noch gesagt? Ich würde am liebsten im Boden versinken, so unangenehm ist das alles.
Leider kann ich nicht einmal leugnen, dass er gut aussieht, zumindest bin ich mir sicher, dass der große Typ mit den kräftigen Oberarmen, über denen sich die sonnengebräunte Haut spannt, und mit dem flachen Bauch, auf dem sich die Muskelstränge abzeichnen, vieles ist, indes ganz sicher nicht unansehnlich.
Beiläufig streicht er sich eine dunkle Locke aus dem Gesicht, seine haselnussbraunen Augen blitzen auf. Ich versuche mit aller Kraft, nicht auf seinen durchtrainierten Oberkörper zu starren, und fluche in Gedanken darüber, dass es mir schwerfällt. Das darf nicht wahr sein!
Gerade weil er es mit einem frechen Grinsen bemerkt, könnte ich mich selbst dafür ohrfeigen, ihn dermaßen anzustarren. Es sollte besser verboten sein, so auszusehen, das ist ja gemeingefährlich.
Sag irgendwas, geh weiter!
Ich reiße meinen Blick los und sehe ihm ins Gesicht. Nicht gerade besser. Ein selbstsicheres und amüsiertes Schmunzeln umspielt seine Mundwinkel.
»Zufrieden?«, fragt er, grinst mir noch einmal frech zu und schiebt sich dann seelenruhig an mir vorbei, um in der Tür am hinteren Ende des Ganges zu verschwinden.
Ich klappe den Mund auf und zu, bringe jedoch keinen Ton heraus. Verflixt! So hatte ich mir das ganz bestimmt nicht vorgestellt, ausgerechnet ihm wollte ich sicherlich nicht als Erstes in die Arme laufen!
Die Feen, ein halb nackter junger Mann, dem ich nur in Unterwäsche begegnet bin, und das alles am ersten Morgen! Ich muss hier weg.
9

Ich kneife die Augen zu und beiße die Zähne fest aufeinander. Das Wasser in der Wanne ist eiskalt. Die kleinen Feen haben mich in eine Badewanne gesteckt, mir eine Tube mit klarem, etwas dickflüssigem Inhalt gegeben und mir aufgetragen, mich mit einer Bürste und einem Lappen gründlich zu schrubben, damit der ganze Dreck abgeht. Das Zeug aus der Tube soll ich in mein Haar kneten. Tatsächlich hat es ein wenig gedauert, bis ich mich in die kupferfarbene Wanne gewagt habe. Nach meiner Schwimmerfahrung im Fluss bin ich gegenüber Wasser eher abgeneigt, gerade wenn es tief ist.
Hier kann ich mich am kühlen Rand festklammern und selbst wenn ich weit in das Wasser rutsche, müsste ich meinen Kopf schon ganz nach unten drücken, um darin zu ertrinken, weshalb ich mich etwas sicherer fühle. Ich sehe mir meine blassen Beine an, völlig verdreckt mit Grasflecken, meine Nägel eingerissen, unter ihnen klebt Erde und Schmutz.
Langsam beginne ich, mit dem Lappen über die dünne Haut zu fahren. Er ist weich, trotzdem fühlt es sich auf eine eigenartige Weise merkwürdig an, den Dreck von mir zu spülen. Als würde eine Schicht meiner selbst sich im Wasser auflösen und als würde ich schutzlos werden. Als könnten die Wesen mir bis auf die Knochen sehen, nun, wo ich mich nicht länger hinter meiner Kleidung verstecken kann. Und es fühlt sich an, als würde ich den Wald von meiner Haut waschen, als würde ich ihn verlieren, seinen Geruch verreiben und mit dem Wasser vermischen, bis er verschwindet und mich nichts mehr mit ihm verbindet. Bis ich bloß ich bin.
Triefend nass drücke ich mich schließlich aus der Wanne nach oben und trete mit nackten Füßen auf die marmornen Fliesen, auf denen ich beinahe ausrutsche. Den einen Arm habe ich um mich geschlungen, mit dem anderen greife ich nach einem Handtuch, das ich fest an mich drücke. Es ist kuschelig und warm und ich hülle mich mit einem Seufzer darin ein.
Sofort sind die drei Feen wieder zur Stelle.
Als sie mich beben sehen, schlagen sie ihre kleinen Hände besorgt zusammen.
»Wieso ist dir denn kalt?«
»Wir haben extra schön warmes Wasser eingelassen!«
»Hast du etwa zu lange gewartet?«
»Ach du liebe Güte, du zitterst ja!«
Sie schwirren um mich herum und rubbeln meine Haare mit einem weiteren Tuch trocken, wenngleich es nur die Unsicherheit ist, die mich frösteln lässt. Layla, die mit dem Hut, reibt ihre kleinen Händchen aneinander und rosafarbener Glitzer rieselt auf meine Haut. Sie verreibt ihn ein wenig und eine angenehme Wärme breitet sich überall dort aus, wo er meine Haut berührt.
»Das macht sie ganz wunderbar weich«, erklärt sie mit einem zufriedenen Lächeln und streut noch mehr Glitzer über mich. Ich weiß zwar nicht, wozu es gut sein soll, weiche Haut zu haben, schaden tut es jedenfalls eindeutig nicht. Lindariel rauscht auf meine Haare zu, hebt sie an und wickelt begeistert eine Strähne um ihre kleinen Hände. Ihre Augen leuchten.
»Oh ja! Herrlich, die sind fantastisch!«
Sie schieben mich aus dem Badezimmer in einen kleinen Raum. Ich fühle mich in ihm sofort viel wohler als in den anderen Räumen und lasse mich begeistert auf den Boden sinken, wo ich staunend den Rest des Zimmers betrachte. Er ist mit weichem Gras ausgelegt und strahlende Blüten ranken sich an den Wänden empor. Ein großer Spiegel, um den leuchtende Kugeln schweben, nimmt den meisten Platz ein. Bunte kleine Hocker stehen vor ihm und überall hängen Kleider an den Zweigen der Pflanzen, die hier wachsen. Ich fühle mich fast wie auf einer Wiese. Wundervoll.
Lindariel greift zu einer Bürste und macht sich an meinen Haaren zu schaffen, während Layla meinen Körper auf weitere Wunden untersucht, jedoch nichts finden kann. Leolynn, die, wie ich glaube, Aufgedrehteste, wühlt in ihrer Kleidersammlung und sucht etwas zum Anziehen heraus. Dabei plappern sie alle begeistert durcheinander und lachen ausgelassen. Fasziniert beobachte ich, wie sie mit nur einem Fingerschnipsen Farben von Haut, Kleidung und Haaren ändern können, wie sehr ihre Magie auf die Verschönerung von Dingen präzisiert ist und was sie damit alles vollbringen können.
Sie entwerfen Kleider für mich und bringen den Stoff dazu, sich blitzschnell zu formen und zusammenzunähen, wie sie es wollen. Er besteht aus Blättern und Blumen, die sie in ihrem Zimmer pflücken und dann miteinander verweben. Stolz halten sie mir das vollendete Werk hin: eine helle Hose mit einem luftig leichten Oberteil aus zarten Blütenblättern, das sich eng und weich an meine Haut schmiegt. Nachdem ich es angezogen habe, flattern sie aufgeregt in der Luft herum und kreischen begeistert, als ich mich einmal um mich drehe. Meine Haare liegen frisch duftend auf meinen Schultern, einige Strähnen haben sie zurückgenommen und zu einem Knoten an meinem Hinterkopf gebunden. Meine Haut ist so sauber, dass sie mir wie Porzellan vorkommt, und die Armbänder aus kleinen Perlen klimpern fröhlich, wenn ich mich bewege. Erstaunt betrachte ich mich in dem großen Spiegel, versuche mein Gesicht zu meiden, das ich wohl nie gern ansehen werde. Doch derart rein und unberührt wie jetzt hat es noch nie ausgesehen und ich erschrecke mich fast ein wenig darüber, wie anders es mir dadurch vorkommt. So unschuldig.
Zaghaft lächle ich die Feen an – es ist das erste ehrliche Lächeln, das ich jemandem schenke, und sie überschlagen sich fast vor Freude. Quietschend umarmen sie mich und lassen mich mit meinem Dank gar nicht zu Wort kommen, sondern erklären, wie viel Freude es ihnen gemacht habe, mich zu frisieren und einzukleiden.
Den Rest des Tages streune ich ein wenig herum, sehr bedacht darauf, meine Kleidung zu schonen, denn ich bin solch schöne Stoffe gar nicht gewohnt. Die Sachen gefallen mir, abgesehen von den Socken an meinen Füßen. Den weichen Stoff muss ich schon nach kurzer Zeit von mir pfeffern. Lindariel, etwas schüchterner als ihre Schwestern, hat mir erklärt, dass ich heute den ganzen Tag Zeit für mich habe, morgen hingegen muss ich zum Unterricht, der im Keller des Hauses stattfindet. Es höre sich sicher komisch an, dass es welchen gibt, aber irgendwie müsse das Leben ja weitergehen, hat sie gesagt. Das macht mich neugierig und unsicher zugleich – ich hatte noch nie Unterricht und deswegen keine Ahnung, wie man sich dabei zu verhalten hat.
Was den Punkt mit dem Leben angeht – darauf konnte ich nur die Schultern heben, denn ich bin mir nicht ganz sicher, wie so ein Leben eigentlich aussieht. Was macht man denn normalerweise, wenn man lebt? Und vor allem – warum habe ich das Gefühl, all diese Wesen hier hätten irgendetwas Grauenvolles erlebt, das ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt und sie hierher verschlagen hat? Ihre Augen sind stumpf und es ist, als würde ein dunkler Schleier auf ihnen liegen, ein schwarzer Dunst, der sich um ihre Knöchel ringelt und sie verschlingen will, doch sie kämpfen dagegen an, indem sie zum Unterricht gehen und in der Villa leben.
Denn das sind mehr als nur Elijah und sein Sohn Celdon, wie ich schnell feststelle.
Außer ihnen wandeln weitere Jungen, Männer, Frauen und Mädchen in dem Haus herum, zu denen ich noch keinen Namen gefunden habe, was mich verunsichert. Ich kann es gar nicht leiden, unwissend zu sein.
»Möchtest du etwas essen? Wir könnten dir die Speisekammer zeigen«, schlägt Layla vor.
Erleichtert nicke ich und sie zeigen mir den Weg zu einem schmalen kleinen Kämmerchen, in dem sich die Vorräte dieses Hauses in hohen Regalen befinden. Nicht gerade viel, jedoch genug, dass ich meinen rumorenden Magen beruhigen kann.
Doch je länger ich mich in der Villa herumtreibe und eine verschlungene Treppe nach der anderen hinter mir lasse, durch dunkle Gänge oder Flure, gesäumt mit hohen Fenstern schleiche, desto nervöser werde ich.
Denn ganz gleich, welchen verzierten Türknauf ich ergreife, um an ihm zu rütteln, sämtliche Türen bleiben mir verschlossen, bis ich schließlich wieder in meinem kleinen Raum lande und erschöpft an der Wand zusammensacke, verzweifelt und abwechselnd von heißen und kalten Schauern ergriffen.
Habe ich mir zu viel vorgenommen? Kann ich das schaffen, hier in diesem Haus überleben?
Ich schlinge die Arme um mich und lege den Kopf auf meine Knie. Außerdem muss ich herausfinden, was es mit den merkwürdigen … Visionen auf sich hat. Den ganzen Tag schon warte ich mit wachsender Unruhe darauf, dass vielleicht wieder etwas passiert, ich zusammensacke und etwas sehe, aber bisher ist nichts geschehen, was mich fast noch nervöser macht. Ich möchte auf keinen Fall, dass es wieder passiert, wenn ich in der Nähe der anderen bin. Jetzt öffnet sich meine Zimmertür und der Mann mit dem Lächeln betritt den Raum. Elijah.
»Ayra, das sagen wir Elfen, wenn wir uns grüßen«, begrüßt er mich. Instinktiv weiche ich etwas zurück.
»Wie war dein erster Tag hier?« Elijah fragt so freundlich, dass ich mich ein wenig entspanne und schließlich den Kopf hin und her wiege. Was soll ich Großartiges sagen?
»Der Rest der Familie würde dich gern kennenlernen«, fährt er fort. Alarmiert springe ich auf und schüttele erschrocken den Kopf. Heftig und bestimmt. Noch mehr Elfen kennenlernen? Dafür bin ich nicht bereit! Außerdem habe ich keine Lust, dem Idioten von heute Morgen allzu bald wieder zu begegnen!
Elijah lässt sich nicht beirren.
»Na komm schon, das wird nicht schlimm! Viele der anderen waren lange Zeit allein unterwegs, bevor sie hierhergefunden haben – ich denke, du hast etwas Ähnliches erlebt. Im Übrigen würden wir gern wissen, mit wem wir es zu tun haben, bevor wir dich hier aufnehmen. Ich liege doch richtig, wenn ich behaupte, dass du uns nicht so schnell wieder verlassen wirst?«
Ich nicke langsam. Viele von ihnen waren auch lange auf sich allein gestellt? Sollte ich mit ihnen mehr gemeinsam haben, als ich dachte? Elijah zwinkert mir zu.
»Siehst du? Also wäre es von Vorteil, uns einander vorzustellen, und außerdem …« Er beugt sich vor und ich drücke mich an die Wand hinter mir. Entschuldigend hebt Elijah sofort die Hände und bleibt stehen. »… leben wir hier nun einmal in einer Gemeinschaft und sind aufeinander angewiesen. Einigen Jungs ist aufgefallen, dass du leicht Sachen … sagen wir … entwenden kannst.« Ein verschwörerisches Grinsen taucht in seinen Mundwinkeln auf und auch ich spüre mich schmunzeln, als ich daran denke, wie ich mir im Dorf Essen beschafft habe. »Im Gegenzug könnten wir dir ebenfalls eine Hilfe sein«, fügt Elijah nun hinzu und die Offenheit in seiner Stimme lässt mich ruhiger werden. Ich soll für sie Dinge stehlen, um hierbleiben zu können? Die Villa wird immer interessanter. »Nicht nur mit einem Dach über dem Kopf. Dieser Anfall gestern – Ilóris wäre vielleicht eine angemessene Gesprächspartnerin. Sie ist außerordentlich belesen und weiß möglicherweise mehr darüber.«
Er lächelt mir aufmunternd zu und ich ziehe schief und etwas unbeholfen die Mundwinkel hoch. Irgendetwas hat sein Grinsen an sich, was mich dazu zwingt, zumindest zu versuchen, es zu erwidern.
»Dann bis gleich«, reißt Elijah mich aus meinen Gedanken und tippt sich an die Stirn, als trüge er eine Mütze. Er ist bereits an der Tür, als er stehen bleibt und sich zu mir umwendet. Er seufzt ein wenig.
»Du wirst nicht kommen, oder?«
Ich bringe ein ehrliches Lächeln zustande. Es fällt ihm offenbar leicht, sich in andere hineinzuversetzen. Elijah lächelt zurück, diesmal überlegen.
»Nun, es tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber wenn du nicht freiwillig kommst, lass ich nach dir schicken, und glaube mir, von den Jungs willst du nicht abgeholt werden – die tragen dich, wenn es nötig ist, nach unten.« Er nickt mir zum Abschied zu. »Wir möchten unsere Neuzugänge kennenlernen – mein Haus, meine Regeln. Bis gleich!«
Ich funkle ihn an, und kaum dass die Tür ins Schloss gefallen ist, mache ich sie wieder auf und knalle sie extralaut noch einmal zu. Irgendwie fühlt sich das besser an.
Schöner Mist!
Im wahrsten Sinne des Wortes!
Ich werde nicht hingehen!
Auf keinen Fall! Andererseits haben die Bewohner offenbar keine große Geduld mit mir. Als die Sonne glühend untergeht – zur Abwechslung regnet es heute Abend nicht –, wird es unten im Haus lauter und ich drücke mich enger an die Wand meines Zimmers, fest entschlossen, hierzubleiben. Ich bin nicht bereit. Ich kann das nicht.
Kaum dass die Türklinke sich ein Stück nach unten bewegt, springe ich alarmiert auf und stürze an dem Besucher vorbei, die Treppe runter in den Flur. Dann reiße ich panisch die Augen auf.
Wohin jetzt? Ich kenne mich noch nicht gut genug aus, verflixt! Abrupt bleibe ich stehen und sehe mich um. Links, rechts? Ich denke nicht lange nach, schlage einen Weg ein und laufe so schnell es geht weiter. Ich höre, wie es auf der Treppe laut poltert, meine Verfolger nähern sich. Die dürfen mich auf keinen Fall kriegen! Ich schlittere um die Ecke und sprinte durch einen kleinen Raum hindurch, angetrieben von den Stimmen hinter mir. Elijah kann sagen, was er will, ich habe nicht das geringste Interesse, den Rest des Hauses kennenzulernen. Zur Bekräftigung treibe ich meine Beine noch schneller an, auch wenn der Boden rutschig ist und ich drohe hinzufallen.
Da vorn!
Ich beiße mir auf die Lippen und werfe einen Blick über die Schulter: Ein großer Kerl mit blonden Haaren läuft an der Spitze meiner Verfolger und ist mir erschreckend dicht auf den Fersen. Ich sehe wieder nach vorn, bemerke zu spät die Tür, pralle dagegen, wobei ich sie aufstoße, und taumle dann in das Esszimmer.
Stocksteif bleibe ich stehen, den Mund leicht geöffnet, die Augen riesengroß. Da sitzen sie alle an einem langen Tisch und starren mich an. Die Dame mit dem vornehmen Haarknoten hat sogar noch die Gabel im Mund. Ich schlucke und will zurückweichen – ein zufriedenes Grinsen der jungen Männer hinter mir lässt mich erstarren. Zu meiner Linken ist eine große Fensterfront, gegenüber eine Kochnische mit einem Tresen, auf dem sitzt eine junge Frau und knabbert an einem Brötchen. Sie sieht mich neugierig an.
Auf dem Tisch stehen allerlei Schalen und Teller mit Essen, ich hingegen habe nur einen kurzen Blick für sie übrig. Ein anderer Gedanke schiebt sich viel weiter in den Vordergrund.
Ich will hier weg!
So viele Elfen auf einem Fleck, so viele, die mich anstarren, ihre Blicke bohren sich in meine Haut. Ängstlich sehe ich mich um, weiche zurück, wobei ich fast gegen jemanden stoße. Meine Finger beben und meine Beine wollen sich sofort wieder in Bewegung setzen und davonstürmen.
Elijah erhebt sich am Kopfende des Tisches.
»Ah, wie schön, dass du hergekommen bist. War gar nicht schwer, oder?« Er zwinkert den jungen Männern hinter mir zu, die lachen, und auch die Menschen am Tisch kichern. Ich sehe Celdon, der seinen Mund zu einem Grinsen verzieht, und muss an den Zusammenstoß heute Morgen denken. Schnell blicke ich zur Seite.
»Meine Freunde, das ist …« Er erwartet wohl, dass ich meinen Namen sage, wobei ich mir lediglich auf die Lippen beiße und demonstrativ zur Seite sehe. Auf die hölzernen Dielen am Boden. Auf die hohen verglasten Fenster. Auf den massiven Tisch, an dem so viele Leute Platz finden. Keiner von ihnen gibt auch nur einen Mucks von sich. Elijah schnippt mit den Fingern.
»Wie heißt du noch gleich?«
Ich hebe betreten die Schultern.
»Keine Sorge, wir finden schon einen Namen für dich. Also, wie viele schon mitbekommen haben, ist diese junge Dame letzte Nacht hier eingetroffen. Sie hat weder Hab noch Gut und braucht dringend eine Bleibe.«
Sein Lächeln ist wieder freundlich, dagegen wirkt seine Haltung angespannt. Fast schon, als wäre er ein wenig nervös. Warum? Ich dachte, das wäre sein Haus, also ist die Sache ohnehin entschieden. Weshalb klingt es so, als versuchte er die anderen zu überzeugen? Elijahs Worte hängen im Raum und ich bemerke, wie die Anwesenden unruhige Blicke tauschen. Ich selbst ziehe die Schultern hoch und versuche, nicht auf die klopfenden Herzschläge zu hören, die laut und schwer in meinen Ohren dröhnen.
»Will sie sich unserer Organisation anschließen?«, wirft die Frau mit dem strengen Haarknoten ein. Ich sehe auf und jetzt sind alle abwartenden Blicke auf mich gerichtet. Verstohlen blinzeln sie zu mir herüber, keiner wagt es, mich direkt anzustarren.
Außer Celdon.
Sein offensiver Blick traktiert mich, fest und überlegen. Die dunkelbraunen Augen blitzen.
Doch die Worte der Frau erhalten eine größere Aufmerksamkeit als er von mir. Sich der Organisation anschließen? Wie bitte? Ich entdecke die kleinen Feen, die auf mich zufliegen. Layla setzt sich auf meine Schulter und raunt mir zu: »Sag nichts, sie nehmen nur Leute auf, die ihnen helfen können.«
»Ja, sie gehören alle zur Organisation.«
Schön, nur was ist die Organisation? Sollte man das nicht wissen, bevor man sich irgendetwas anschließt? Ich blicke fragend zu den kleinen Flattermädchen hinauf, die ihrerseits meinen Blick meiden. Nur Lindariel winkt rasch ab.
»Das erfährst du noch. Sicher bald.«
»Ich denke, wir können uns sicher sein, dass von ihr keine Gefahr ausgeht, Aramet, zudem besitzt sie außergewöhnliche Fähigkeiten, die sie mit uns teilen möchte, nicht wahr?«
Elijahs Lächeln gilt nun wieder mir und meine Augen weiten sich.
»Sag einfach Ja«, zischt Leolynn. Ich nicke vorsichtig. Von was für Fähigkeiten redet er? Dem Anschleichen, von dem er vorhin gesprochen hat? Das kann wohl kaum so außergewöhnlich für sie sein …
»Wunderbar!« Elijah klatscht in die Hände. »Wer hat etwas gegen die Aufnahme in unsere kleine Familie?« Er sieht sich um. Ich sehe auf den Boden, trotzdem weiß ich, dass einige Hände erhoben wurden, vielleicht auch die von Celdon. Sein Vater seufzt.
»Ja, Dalia?«
Ich höre einen Stuhl über den Boden schrappen. Er hinterlässt einen feinen Kratzer auf dem Holz.
»Wir wissen überhaupt nichts über sie! Was, wenn sie eine Spionin ist?«
»Wussten wir denn am Anfang mehr über dich?«, gibt Elijah prompt zurück. Sie verstummt.
»Wer noch? Iain?«
»Sie hat nicht mal einen Namen! Sieh mal, wie sie sich bewegt, als hätte sie uns noch nie gesehen, und ihre Augen erst! Das ist keine Elfe, das sehen wir alle.«
»Auch kein Mensch!«, wirft sofort jemand anderes dazwischen, ein junger Mann mit rötlichen Haaren und einem kurzen Bart. Er hat ein wettergegerbtes Gesicht und stählerne Augen. »Und keine Hexe und auch sonst nichts, was ich kenne. Was ist sie?«
Obwohl sie über mich sprechen, wagt aus einem unerfindlichen Grund keiner, zu mir herüberzusehen. Immer wieder gleiten ihre Blicke wie eine eisige Berührung über mich, bleiben nicht hängen, huschen rasch wieder zurück. Es fühlt sich an, als würden sie mich zurückstoßen, genau wie ihre harten Worte. Abweisend und kalt. Weil ich anders bin. Ungewöhnlich und sicher gefährlich.
Unheimlich.
»Ich sagte bereits, dass sie besonders ist«, gibt Elijah jedoch mit einem Schulterzucken zurück. Die Bedenken der anderen lassen ihn offenbar kalt. Doch sofort werden neue Proteste laut.
»Ja, wer weiß, ob das gut oder schlecht ist?«
»Niemand, und deswegen warten wir ab! Liam?«
»Mann, Elijah, jetzt benutze deinen Kopf, ein namenloses Mädchen, das sich wie ein Tier benimmt? In diesem Haus? Wie schnell könnten uns denn die Späher entdecken?«
Mehr und mehr Stimmen erfüllen die Luft, sie werden lauter und ich unterdrücke das Bedürfnis, mir die Ohren zuzuhalten. Es ist schrecklich und sie reden sich mehr und mehr in Rage, während Elijah jedem Einwand widerspricht.
Celdons Stimme zerschneidet den Raum: »Genau! Es sind noch weitere Späher in den umliegenden Dörfern gesichtet worden. Was passiert wohl, wenn sie sie entdecken?! Dann geht es uns an den Kragen!«
»Es muss keiner von ihr erfahren«, beharrt Elijah, was Celdon schnauben lässt.
»Was, wenn uns jemand verrät? In diesen Zeiten weiß man ohnehin nicht, wem man noch trauen soll!«
»Nicht alle stehen auf der Seite der Königin!«, kommt es von seinem Vater.
»Sieh sie dir an. Sieht sie etwa normal aus?«
»Was ist denn noch normal?« Elijah haut mit der Faust auf den Tisch, sodass ich heftig zusammenfahre. Sein Blick ist hart geworden, seine Stimme ernst und unnachgiebig. Weshalb setzt er sich nur so für mich ein? Erinnert er sich doch an mich?! Warum sagt er das nicht, warum gibt er mir kein Zeichen?
»Ich gebe Celdon recht«, verkündet derjenige, der Iain genannt wurde. »Es ist unheimlich, wie sie sich verhält! Ich habe mitbekommen, dass sie gestern ohnmächtig geworden ist und dabei komische Sachen vor sich hin gemurmelt hat. Und Celdon meinte, sie sei bei dem Anblick des Bettes völlig wahnsinnig geworden! Das ist einfach unnatürlich.«
Lindariel lässt sich auf meiner Schulter nieder und vergräbt das Gesicht in ihren Händen, während Layla mir fürsorglich über das Haar streicht. Diese Berührung zieht einige misstrauische Blicke auf sich, als könnten die Bewohner nur schwer glauben, dass die Feen mir zugeneigt sein sollen. Schon ergreift Elijah wieder das Wort.
»Na und? Schämt ihr euch denn gar nicht?! Diese Frau ist ganz auf sich allein gestellt, hat nichts, außer vielleicht uns. Und ihr gebt ihr keine Chance? Ihr stoßt sie einfach aus? Stellt euch vor, ich hätte das mit euch gemacht! Irgendeinem von euch die Tür vor der Nase wieder zugeschlagen und euch ausgesperrt. Wie hätte euch das gefallen, hm?« Elijah könnte brüllen, das wäre in jedem Fall eindrucksvoll, stattdessen spricht er mit einem Mal ruhig. Unheimlich ruhig. Er braucht nicht zu schreien, seine Worte lösen auch ohne es ein betretenes Schweigen aus, viele verlegene Blicke auf den Boden und schwitzige Hände. Elijah starrt alle eindringlich an, doch keiner kann dem Blick aus seinen klaren blauen Augen standhalten.
»Das dachte ich mir. Jeder hier hat eine faire Chance erhalten. Jeder hier wurde ungeachtet seiner Vergangenheit und dem, was er durchgemacht hat, aufgenommen. Weil uns nämlich das von ihnen unterscheidet. Wir haben ein Herz. Wir haben Mitleid. Oder irre ich mich da? Seid ihr auch schon so abgehärtet und kaltblütig, dass ihr eure Gesichter von dem Leid anderer abwendet? So viele brauchen unsere Hilfe. Jeder von euch hat sie gebraucht und jetzt braucht diese Frau sie.«
Seine Rede schafft es, selbst Celdon, der als Letzter verbissen aufrecht dagesessen hat und seinen Vater entschlossen anstarrte, einknicken zu lassen. Sein Blick zuckt noch einmal zu mir herüber, dann sieht er jedoch demonstrativ zur Decke empor, die Arme verschränkt. Elijah tut ihm diese Geste nach und ich habe mir nie zuvor so sehr gewünscht, an einem anderen Ort zu sein.
Ich hätte nicht herkommen sollen.
Es fühlt sich alles entsetzlich falsch an. Diese Abneigung, diese offene Feindseligkeit. Was habe ich ihnen nur getan? Noch nie habe ich so deutlich gespürt, dass etwas an mir anders ist. Nach einem angespannten Schweigen ist schließlich eine leise, aber feste Stimme zu vernehmen: »Wieso schützt du sie so sehr, Elijah?«
Mindestens ein Dutzend Personen sind inzwischen aufgestanden und funkeln einander wütend an. Elijah rauft sich die Haare. Mit seinem Messer zeigt er auf Celdon, der die Arme verschränkt hat und ihn ansieht.
Totenstille.
Elijah und die ältere Frau mit den grauen, von silbrigen Strähnen durchzogenen Haaren und dem grob gewebten Stofftuch um die Schultern wechseln einen raschen Blick. Ihre Augen sind zwar trüb, dafür hat sie statt schwarzer silberne Pupillen und düstere Iriden. Ihr Blick ruht auf mir.
»Ich denke, das habe ich klar genug ausgedrückt. Jeder, der hierherkommt, hat es verdient, dass ich ihn schütze. Wer jetzt noch was zu meckern hat, kann seine Sachen packen und verschwinden. Fragen?!«
Keiner sagt etwas. Na wunderbar. Die mögen mich nicht, ich mag sie nicht und wir müssen miteinander klarkommen. Klingt ja vielversprechend.
Elijah jedoch hat beschlossen, die angespannte Stimmung im Raum zu ignorieren. Er nickt mir freundlich zu, das Grinsen ist zurückgekehrt.
»Dann ist es abgemacht. Du bleibst hier. Ab jetzt gehörst du zu uns und wir sind aufeinander angewiesen. Vertragt euch!«
Damit setzt er sich hin und nimmt einen großen Bissen von seinem Brot, die wütenden Gesichter der anderen beachtet er nicht und nach und nach wird es wieder ruhiger. Alle setzen sich und essen weiter, die Gespräche kommen rasch wieder in Gang und es wird ausgelassen gelacht – ich werde nicht weiter mit Aufmerksamkeit bedacht, als hätte ich den Raum verlassen. Betont sehen sie weg. Nur die unsicheren Blicke zweier junger Kinder huschen hin und wieder zu mir herüber und ein unangenehmes Kribbeln lässt mich zur Seite blicken. Es juckt mich, diese Bewegung auszuführen.
Celdon starrt mich unverwandt an. Seine Augen blitzen und seinen Mund umspielt ein falsches Grinsen. Es ist nicht amüsiert und offen wie das seines Vaters. Es ist verächtlich.
»Na bitte!«, raunt Layla in mein Ohr. »Was die für einen Aufstand machen müssen …«
Mit ihrer kleinen zarten Hand klopft Leolynn mir auf die Schulter.
»Lass dich bloß nicht einschüchtern, das wittern die.« Layla greift nach einer Traube und beißt ab. Sie ist so groß wie ihr Kopf. Mir ist der Appetit gründlich vergangen, trotzdem kommt Elijah mit einem Brötchen auf mich zu. Er muss wohl die unzähligen Fragen in meinen Augen lesen können, hebt jedoch nur die Schultern.
»War einfacher, als ich dachte«, meint er leichthin. Wie kann er nur derart ruhig bleiben, wenn alle mich derartig ablehnen? Ich starre ihn entgeistert an, er hingegen geht nicht weiter darauf ein.
»Hier, iss auch etwas. Das auf dem Tisch ist Suppe aus Neumondkresse – Dalia backt und kocht hervorragend.« Damit deutet er auf eine der jüngeren Frauen. »Sie kümmert sich darum, dass wir alle etwas zwischen die Zähne bekommen. Zwischen den Mahlzeiten kannst du im Grunde genommen machen, was du möchtest, aber an den Vormittagen lege ich Wert darauf, dass ihr alle ein wenig unterrichtet werdet.« Er blickt mich streng an, als ahne er, dass ich mich dagegen sträuben werde. »Auch du. Unser Land befindet sich zurzeit in einer … Krisensituation.« Er mach eine unbestimmte Handbewegung und will offensichtlich nichts weiter dazu sagen, denn hastig spricht er weiter: »Was jedoch nicht bedeutet, dass wir alle im Chaos versinken. Es gibt für jeden hier noch einiges zu lernen. Wie man überlebt, zum Beispiel.«
Ich versuche zu nicken, auch wenn meine Blicke die ganze Zeit über den Raum absuchen. Ich habe Angst, jeden Moment könnte jemand aufspringen und mich angreifen.
»Gut. Ich hoffe, du lernst die anderen im Laufe der Zeit kennen, und gerade mit unseren Fähigkeiten scheinst du mir nicht allzu vertraut zu sein – auch das wird dir sicher bald besser auffallen.« Er zwinkert mir zu und drückt mir den gebackenen Teig in die Hand. Dann setzt er sich wieder an seinen Platz und unterhält sich mit seinem Sitznachbarn.
Nachdenklich drehe ich das Brötchen in meiner Hand hin und her. Ob es wohl vergiftet ist? Ich bin wohl zu paranoid – überall vermute ich Gefahren. Denn selbst wenn alle anderen mich nicht mögen, Elijah hat soeben bewiesen, dass er mich hierbehalten möchte, sonst hätte er sich nicht für mich eingesetzt. Also ist es vielleicht an der Zeit, es zu versuchen. Zaghaft beiße ich ab. Kaum dass ich es aufgegessen habe, steckt mir eine der Feen ein zweites zu.
»Es gibt einen Küchendienst, kannst du auf dem Plan dort vorn nachlesen. Wenn derjenige mit dem Abwasch und Abräumen fertig ist, ist die Küche leer.«
»Ganz genau, dann kann man problemlos unbemerkt an die Speisekammer kommen, wenn man die gemeinsamen Mahlzeiten umgehen möchte!«
Sie stupsen mich verschwörerisch an und flattern dann auf den Fenstersims. Mir bleibt der Bissen im Halse stecken. Bei dem Versuch, nicht zu husten, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, laufe ich knallrot an. Layla hält inne und klopft mir hilfsbereit auf den Rücken.
Ich beschließe, vor allem die Feen näher im Auge zu behalten, denn sie sind nicht annähernd so naiv, wie sie zunächst wirken.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.