Kitabı oku: «Keiner zwischen uns»

Yazı tipi:

Über das Buch

Eben hat der 15-Jährige Nelson noch gedacht, auf der Klassenfahrt könnte er endlich mit Marie zusammenkommen. Doch im nächsten Moment sieht er sie eng umschlungen mit Hamsa. Hamsa, seinem Blutsbruder und besten Kumpel! Aber als er ihn zur Rede stellt, offenbart ihm Hamsa etwas, das seine Welt aus den Fugen geraten lässt: Hamsa ist schwul. Wenn das rauskommt, wird nicht nur Hamsas hart erkämpfter Ruf zerstört sein, sondern auch Nelsons. Und das Allerschlimmste: Der gefährlichste Typ ihrer Klasse weiß davon …

Ein packender Roman über eine typische Klassengemeinschaft - ein Schmelztigel unterschiedlichster Backgrounds.

Inhalt

ALS OB ES GESTERN GEWESEN WÄRE …

1 NELSON

2 NELSON

3 MARIE

4 NELSON

5 MARIE

6 NELSON

7 MARIE

8 NELSON

9 NELSON

10 NELSON

11 NELSON

12 MARIE

13 MARIE

14 MARIE

15 NELSON

16 NELSON

17 MARIE

18 MARIE

19 NELSON

20 NELSON

21 NELSON

22 MARIE

23 NELSON

24 MARIE

25 MARIE

26 MARIE

27 NELSON

28 MARIE

29 MARIE

30 NELSON

31 NELSON

32 MARIE

DANKE


Ich stolpere über dieses verdammte Feld in diesem hässlichen Bundesland namens Mecklenburg-Vorpommern und kriege es einfach nicht in meinen Schädel. Wie kann man so derbe reinfallen?! Wie kann man sich so dermaßen täuschen?! Und wie kann jemand einen so eiskalt anlügen? Jemand, dem du mehr vertraut hast, als irgendwem sonst auf dieser verfickten Welt? Nelson, Bro. Wir sind Brüder, Nelson. Und ich Idiot hab das wirklich geglaubt. Mein Leben hätte ich Hamza anvertraut. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Zum zwanzigsten Mal bleibe ich an irgend so einer Kartoffelpflanze hängen oder was immer das für ein Zeugs ist, das hier wächst. Alter, wie konnten wir nur auf die unterirdisch bekloppte Idee kommen, die Klassenfahrt nach Mecklenburg-Vorpommern zu machen?! Ich sehe überhaupt nichts, es ist fast komplett dunkel. Meine Schuhe kann ich wahrscheinlich auch in den Müll schmeißen. Das heißt, wenn dieses beschissene Feld überhaupt irgendwann aufhören sollte. Ich habe keine Ahnung, in welcher Richtung die Jugendherberge liegt. Aber es interessiert mich auch nicht. Nicht im Geringsten. Auf meinem Handy öffne ich das Bild von Marie. Verdammt, ich finde kein Wort dafür, wie sehr mir mein Herz wehtut. Ich denke daran, wie sie vor drei Monaten neu in unsere Klasse gekommen ist. Ich weiß es noch, als ob es gestern gewesen wäre. Es war der Tag, der mein Leben in so was verwandelt hat, was zum Beispiel Gefangene auf Alcatraz statt einem Leben haben. In anderen Worten: Die Hölle.

Oh, verdammt, das Leben ist so ein Verräter! Nein, nicht das Leben. Jemand anderes ist der Verräter. Hamza ist der Verräter, und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, gleich durchzudrehen. Ich bleibe stehen und schaue das Foto von Marie noch einmal ganz genau an. Ich habe es bei unserem Sportfest gemacht, und es sind noch ein paar andere aus der Klasse darauf. Ich vergrößere das Foto, sodass Maries Kopf den gesamten Bildschirm ausfüllt, und streiche mit dem Finger vorsichtig über ihr blondes Haar. Dann lösche ich es. Und dann lösche ich jedes einzelne Bild, das ich von Hamza habe. Es sind Hunderte. Eine halbe Stunde stehe ich mitten in der Nacht auf einem nach Jauche stinkenden Feld und lösche Fotos.

Verdammt, wer hätte geahnt, dass mein bester Freund ein Lügner und ein Verräter ist?!? Ein Heulen kommt aus meiner Brust, als ich das letzte Bild von ihm lösche. Ich fühle mich, als habe ich eine Blutsbrüderschaft aufgelöst. Und genau das habe ich ja auch getan.

ALS OB ES

GESTERN

GEWESEN

WÄRE …

1
NELSON

»Oh, là, là, chica«, sagt Djamila und schnalzt mit der Zunge, als Frau Häuser zur Tür reinkommt. Seit Frau Häuser schwanger ist, trägt sie meistens Kleider, und das heute sieht richtig gut aus. Aber Frau Häuser mag es anscheinend nicht, wenn sie von Djamila Komplimente bekommt, und guckt Djamila nur streng an. Und dann guckt sie noch mal in den Flur und sagt: »Hereinspaziert! Nur nicht so zaghaft!« Und da passiert es. Mein Herz bleibt stehen.

Es ist der erste Tag im neuen Halbjahr, und Frau Häuser hatte uns schon vorgewarnt, dass wir zwei neue Schülerinnen bekommen. Aber niemand hatte mich vorgewarnt, was das für mich heißen würde.

Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen und gucke einfach wie alle anderen unsere beiden neuen Mitschülerinnen an, die total verschüchtert nebeneinander vor der Tafel stehen.

Die eine blond wie sonst was.

Von der anderen kann man die Haarfarbe nicht erkennen – unter dem Kopftuch trägt sie extra noch so ein Band, damit man auch nicht den Schatten eines Haares sieht. Dazu ein langes Gewand, unter dem nur ihre Turnschuhe hervorschauen.

Die Blonde ist bisher hier in Hamburg auf eine Privatschule gegangen, sagt sie mit Piepsstimme.

Die im Kopftuch erst vor einem Jahr mit ihren Eltern aus Afghanistan geflüchtet, erzählt Frau Häuser.

Marie und Barin.

»Hast du gemerkt, wie Ibo die Neue angestarrt hat?«, sagt Hamza auf dem Nachhauseweg zu mir.

Ich werde hellwach. »Echt jetzt?«

»Das war soooo auffällig. Du kriegst echt nichts mit, Nelson«, Hamza grinst. »Das hättest du sehen sollen, zu lustig, Digga. Und es hatte ganz sicher nichts mit dem Kopftuch zu tun. Hau rein.« Wir geben uns Ghettofaust und er zieht ab.

Es stellt sich ziemlich schnell heraus, dass Marie schlau ist wie nichts. Seit ein paar Tagen hat sie den Spitznamen »Streberin«. Kam natürlich von Ibo.

Ich stehe mit meinen Freunden auf dem Pausenhof rum. Alex hat Karim gerade aus Spaß im Schwitzkasten und Julius zeigt Hamza was auf dem Handy, als Ibo vorbeikommt. Er ist sauer, weil er in der Deutscharbeit, die wir heute zurückgekriegt haben, eine Fünf hat. »Das is soo unfair, Digga, soo unfair! Ich hab noch nie eine so unfaire Lehrerin gesehen, ich schwör, Digga!«, sagt er so laut zu Tolga, dass alle im Umkreis von zwanzig Metern es hören. Und dann brüllt er plötzlich aus vollem Hals: »Nur, weil Marie blonde Haare hat, kriegt sie in Deutsch ’ne Eins!«

»Ganz klar!«, sage ich laut und höhnisch. »Sie hat ’ne bessere Note als du, weil sie blonde Haare hat. Und auf gar keinen Fall, weil du dumm bist wie’n Stück Schnur, Ibo!«

»Hä?!«, macht Ibo und kommt drohend auf mich zu. »Was muckst du, Nelson? Verpiss dich, du Platzverschwendung, oder du kassierst Schläge!«

»Ich hab ja solche Angst!«, sage ich und beachte ihn nicht mehr.

Früher hatte ich wirklich Angst vor Ibo und was für welche. Er ist immer noch mein Feind. Aber dass ich Angst vor ihm hatte, ist lange her.

»Nach der Logik von Ibrahim Coskun hättest du auch ’ne Eins kriegen müssen, Julius!«, sagt Hamza grinsend und gibt Julius einen kleinen Klatscher gegen seinen blonden Kopf. »Willst du dich nicht beschweren gehen?«

In der nächsten Stunde will Frau Häuser mit uns noch mal paar Sachen wegen der Klassenfahrt besprechen, deshalb müssen wir unsere Stühle im Kreis aufstellen. Keiner außer ihr weiß, was das eine mit dem anderen zu hat, aber egal. Der Stuhlkreis hat durchaus sein Gutes, denn mehr oder weniger aus Versehen sitzt Marie neben Frau Häuser. Ich tue, als ob ich Frau Häuser angucke, aber in Wirklichkeit gucke ich Marie an.

»Also, Jungs und Mädels, hier ist die Liste, auf der steht, was ihr alles mitnehmen müsst und dürft – «

»Ist doch noch fast drei Monate Zeit«, sagt Theo.

»Ja, aber vielleicht muss der eine oder die andere noch was kaufen, deswegen gebe ich euch die Liste schon jetzt.«

Ich höre nicht mehr zu, auch wenn ich so tue, als ob ich Frau Häuser aufmerksam anschaue. Wenn ich Marie nicht vom ersten Moment an so mögen würde, hätte ich wahrscheinlich auch gedacht, dass sie eine Streberin ist. Und vielleicht ist sie das sogar. Aber egal, oder?! Sie ist eben schlau! Dass sie sich in unserer Klasse nicht wohlfühlt, sieht man deutlich. Kein Wunder, wenn man gleich Ibo gegen sich hat. Als sie merkt, dass ich sie angucke, lächle ich ihr zu. Sind eigentlich alle ganz o. k. hier, will ich damit sagen, und nicht alle haben was gegen dich.

Als Karim aufs Klo geht, fällt mir was Lustiges ein. Ich rutsche mit dem Stuhl ein bisschen nach hinten, sodass Karim die Tür nicht aufkriegt, als er zurückkommt. Ein paar Mal donnert er mit der Tür gegen meinen Stuhl, und alle lachen. Als Frau Häuser mich streng anguckt, rutsche ich so weit zur Seite, dass Karim durchschlüpfen kann. »Bist du zu dumm, die Tür ordentlich aufzumachen, oder was?!«, sage ich und boxe ihn in die Rippen. Er versucht, mir ins Gesicht zu klatschen, was ich erfolgreich verhindere. Frau Häuser sieht aus, als ob sie gleich sauer wird. »Wenn ihr mitwollt nach Holland, dann solltet ihr euch jetzt zusammenreißen!«, sagt sie.

Frau Häuser ist cool, sie guckt manchmal Filme mit Will Smith mit uns, also versuche ich, sie nicht weiter aufzuregen. Außerdem ist sie schwanger.

»Wohin fahren?«, fragt da jemand mit einer dünnen Stimme. Es ist Barin, unsere andere neue Mitschülerin.

»Nach Holland, Barin, in die Niederlande«, sagt Frau Häuser.

»Oh. Ich nicht mitkommen kann.«

»Warum?«, fragt Frau Häuser. »Wenn’s am Geld liegt, da gibt es Möglichkeiten …«

Aber Barin steht auf und geht zu ihrer Tasche und holt was, und das zeigt sie Frau Häuser. Es ist ein Ausweis oder so was in der Art, und als Frau Häuser den angeschaut hat, sagt sie: »Oh, schade, das heißt, du darfst Deutschland nicht verlassen, verstehe. Hmmm …«

Und schon am nächsten Tag kommt unsere Lehrerin mit einem zu heftigen Vorschlag. Andererseits, es ist typisch für sie.

In ihrer fröhlichsten Stimme sagt sie: »Ich hab zu Hause noch mal recherchiert, weil wir ja gestern erfahren haben, dass Barin nicht ins Ausland reisen darf …«

»Warum eigentlich nicht?«, ruft Karim dazwischen.

»Weil sie nur eine befristete Aufenthaltsgenehmigung hat, die alle paar Monate verlängert werden muss. Jedenfalls, es gibt noch eine andere ziemlich schöne Variante. Ihr könntet wohin fahren, wo es mindestens ebenso schön ist wie in Holland, und Barin könnte mitkommen. Es gibt dort einen See, und die Jugendherberge – «

»Wo ist es? Wohin?«, schreien gleich alle durcheinander.

Als wir es hören, sind wir enttäuscht.

»Mecklenburg-Vorpommern!?!?«, sagt Djamila. »Im Ernst jetzt?!? Das is alles außer cool, Frau Häuser!«

»Sie fahren ja nicht mit!«, ruft Julius. »Ihnen kann es ja egal sein! Sie sitzen schön mit Ihrem Baby zu Hause, und wir kommen dort inzwischen um vor Langeweile!«

»Wartet!«, ruft Ibo und sieht sich um, damit auch ja alle zuhören, wenn er redet. Und dann ruft er begeistert: »Ein See, Mann! Is doch geil, Mann!«

Anscheinend weiß daraufhin niemand, was er sagen soll. Hat Ibo noch nie einen See gesehen? Aber weil es Ibo sagt, widerspricht auch erst mal keiner.

Dann meldet sich Gülcan. »Ich freu mich auch mega auf Holland«, sagt sie, »aber … ich fänd’s auch unfair, wenn Barin nicht mitkann!«

»Is mir doch egal!«, ruft Theo. »Wir haben das schon so lange geplant!«

»Is dir egal?! Junge, du hast voll kein Gewissen!!«, schreit Ibo, und das ist so lustig, dass Ibo von Gewissen redet, dass alle lachen müssen.

Frau Häuser mischt sich ein. »Ich finde es eigentlich normal«, sagt sie, »dass eine Schülerin, die gerade neu in die Klasse gekommen ist, nicht von der Klassenfahrt ausgeschlossen wird.«

»Find ich auch!«, schreit Ibo, und Frau Häuser ist genauso erstaunt wie wir darüber, dass Ibo einmal im Leben dieselbe Meinung hat wie sie.

»Dann stimmen wir halt ab«, schlägt Marvin vor, der Klassensprecher ist.

Frau Häuser sieht ihn zweifelnd an. Alter, hat sie echt erwartet, dass wir einstimmig Ja schreien?! So blauäugig kann echt nur Frau Häuser sein.

»Okay«, sagt sie, »dann stimmt ab. Ich hatte zwar gehofft, dass ihr von euch aus … aber gut. Wer ist für Mecklenburg-Vorpommern?«

Ich sehe mich um. Komisch, aber ungefähr die halbe Klasse meldet sich. Unter anderem ich, weil nämlich auch Marie ihren Arm in die Luft streckt.

Gleich darauf bereue ich es. Was will ich in Mecklenburg- Vorpommern? Meine Tante wohnt in der Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern und ich bin jede zweite Ferien dort. In den Niederlanden war ich im Gegensatz dazu noch nie.

»Spinnst du, Alter?«, sagt Hamza.

»… elf, zwölf, dreizehn!«, zählt Frau Häuser mit einem schlecht versteckten Siegerlächeln. Mecklenburg-Vorpommern hat mit einer Stimme Mehrheit gewonnen. Und natürlich sind die anderen stinksauer.

»Ich denke, das ist die richtige Entscheidung«, sagt Frau Häuser. »Wenn ihr selbst mal in so einer Situation seid, werdet ihr es zu schätzen wissen, wenn andere auf euch Rücksicht nehmen.«

»Pf, ich hab mein deutschen Pass«, sagt Theo wütend, und da wird Frau Häuser richtig ärgerlich. »Das war so ungefähr das Unpassendste, was man jetzt sagen konnte, Theo.«

Es klingelt. Manche stürmen nach vorn und reden auf Frau Häuser ein, aber Hamza und ich nehmen unsere Rucksäcke und verschwinden. Ist sowieso klar, dass die Sache entschieden ist.

»Was sollte das denn?!?«, sagt Hamza, als wir im Flur sind und der Tumult leiser wird. »Wieso hast du nicht für Holland gestimmt?! Ein See, Alter. Statt Ausflug nach Amsterdam. Manchmal bist du echt derbe bekloppt, Nelson.«

2
NELSON

In der ersten Stunde sollen wir unseren neuen Klassenlehrer kennenlernen, der kommt, weil Frau Häuser seit letzter Woche in Mutterschutz ist. Alle sind gespannt und deswegen ziemlich leise, als es klingelt und wir darauf warten, dass er auftaucht.

»Mal sehen, ob der auch Filme mit uns guckt«, sage ich zu Hamza. Dabei schaue ich unauffällig in die Richtung, in der ich Maries blonde Haare sehe.

Ein dünner Mann steckt den Kopf zur Tür herein. »9b?«

»Yes!«, brüllt Tolga zur Antwort. »In anderen Worten: Die geilste Klasse der Welt!«

Der neue Lehrer sagt nichts, sondern zieht die Tür hinter sich zu und stakst stumm zum Lehrertisch. Klack – klack – klack, macht es. Ein paar von uns kichern. Zu seinem Anzug trägt der Lehrer glänzende flache Lederschuhe, und diese Schuhe sind es, die bei jedem Schritt so klicken und klacken wie Frauenschuhe mit hohen Absätzen. Der Lehrer stellt seine Sachen ab und sich selbst – klack – klack – klack – vor die Tafel. Inzwischen hat es jeder gemerkt und die halbe Klasse kichert. Dann sagt der Lehrer stockend, dass er Zimmermann heißt. Und dass wir bitte Namensschilder schreiben sollen. Als wir alle ein Namensschild geschrieben haben, fragt er, ob wir Fragen haben.

Drei, vier Hände gehen hoch. Er nimmt Ibo dran.

»Was hören Sie für Musik?«

Ein paar lachen.

»Haydn, Brahms … Wagner auch«, sagt Herr Zimmermann und knetet seine Finger.

Nie gehört.

Duygu, die Nervensäge, zappelt mit den Fingern in der Luft herum und stellt eine typische Mädchenfrage: »Haben Sie eine Freundin?«

Duygus Frage scheint Herrn Zimmermann noch unangenehmer zu sein als die von Ibo. »Im Moment nicht … keine Fragen mehr?«

Es bleibt leise.

»Well, let’s start with English then«, sagt Herr Zimmermann, und wir sind uns jetzt schon einig: Der Typ ist eine Schlaftablette und das Interessanteste an ihm sind seine Schuhe.

Ich spiele mit Hamza »Drei gewinnt«, bis unser neuer Lehrer es mitkriegt und den Zettel in den Mülleimer schmeißt. Fünf Minuten höre ich zu, aber es ist derbe langweilig, und als von Julius eine Papierkugel geflogen kommt, bin ich extrem dankbar. Ich schmeiße die Papierkugel Ibo in den Nacken, und als der sich umdreht, gucke ich interessiert an ihm vorbei zur Tafel. Ibo knüllt sein Namensschild zusammen und zielt auf Hamza, aber trifft nicht, der Loser. Er tut aber so, als wäre das Absicht gewesen. Als er wieder an die Tafel schaut, werfe ich ihm mein Namensschild in den Nacken. Diesmal merkt er, dass ich es war.

»Ey, Nelson, du Wichser!« Jetzt trifft er sogar fast.

»Ähm …«, ruft Herr Zimmermann in Ibos Richtung, »wie heißt du?«

Ibo lehnt sich mit verschränkten Armen zurück. »Für Sie Ibrahim.«

»Nach der Stunde fegst du, Ibrahim!«

Das hätte Herr Zimmermann wohl besser nicht sagen sollen. Die meisten Lehrer kommen mit Ibo inzwischen ganz gut klar – solange er nicht wütend ist.

Aber Ibo wird ziemlich schnell wütend. Besonders dann, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. Und Ibo fühlt sich besonders ungerecht behandelt, wenn jemand so was zu ihm sagt wie: ›Du fegst.‹

Er springt auf. Sein Gesicht ist dunkelrot. »Was, wieso ich, Mann? Mach ich nich, Mann, mach ich nich! Die anderen haben auch geworfen, ich hab nur zurückgeworfen! Das is unfair, ich feg nich, mach ich nich!«

Ich könnte mich jetzt melden und sagen, dass ich ihn zuerst abgeworfen habe. Aber wieso sollte ich den Kopf für Ibo hinhalten?

Herr Zimmermanns Stimme wird lauter. »Und ob du fegst! Hör auf zu diskutieren! Setz dich wieder hin, wir sind hier im Unterricht!«

Ibo fuchtelt mit den Armen in der Luft herum. »Die anderen haben auch geworfen! Die haben noch viel mehr geworfen! Können Sie zehnmal sagen, dass ich fege, mach ich trotzdem nich! Das regt auf, Mann! Ungerecht ist das, Mann!«

Herr Zimmermanns Gesicht ist jetzt fast so rot wie Ibos. »Wo sind wir denn hier?! Das ist doch kein Kindergarten!«

»Genau!«, schreit Ibo. »Und deswegen können Sie mir gar nichts befehlen, Sie Schwuchtel!«

Es ist superleise, nur Duygu prustet los.

Ich melde mich, aber keiner nimmt mich dran, weil Herr Zimmermann immer noch fassungslos Ibo anstarrt.

»Ich hab zuerst geworfen«, sage ich trotzdem und nehme den Arm runter. »Ich feg dann.«

»Hier?!«, ruft Ibo. »Sehen Sie? Sehen Sie, wie ungerecht Sie sind, Mann?! Das lass ich mir nicht gefallen!«

Herr Zimmermann weiß immer noch nicht, was er sagen soll. Er ist jetzt nicht mehr rot, sondern bleich.

»Du bleibst nach der Stunde da, Ibrahim!«, ruft er. »Ich lasse mich hier nicht beleidigen, in der ersten Stunde!«

»Mir doch egal!«, schreit Ibo, und dann klingelt es und Ibo schießt aus der Tür und die anderen hinterher.

Nach der Schule chillen Hamza und ich noch ein bisschen auf dem Spielplatz.

»Du fegst!«, ruft Hamza mit zittriger Stimme und weit aufgerissenen Augen. Ich lasse mich vor Lachen rückwärts von dem abgewetzten Rücken des Krokodils fallen. Dann springe ich auf und rufe: »Was hören Sie für Musik?«

Ich gebe mir selber die Antwort, mit der langweiligsten Stimme, die ich hinkriege: »Ach … Heiner und Prams.« Dann mache ich Duygus Stimme nach: »Haben Sie eine Freundin?«

Die Antwort versuche ich irgendwie tuntig klingen zu lassen: »Im Moment nicht. Ich stehe nämlich nicht auf –«

»Aber sobald eine beim Date nicht einschläft«, fällt Hamza mir ins Wort, »frag ich sie. Bisher sind alle eingeschlafen, aber – ich – «, er reißt den Mund auf und gähnt laut, »gebe – die – Hoffnung – «, er macht perfekt die Körperhaltung von Herrn Zimmermann nach, »nicht – auf.« Er fängt an zu schnarchen, und schwankt hin und her, als ob er im Stehen eingeschlafen ist. Ich muss so hart lachen, dass mir der Bauch wehtut. Mir fallen die Schuhe von dem Typen ein, und mit der Zunge produziere ich ein Klacken, das diese Schwuchtellederlatschen ziemlich genau imitiert, und stolziere dabei um die Tischtennisplatte. Dann ruft Hamzas Mutter an und sagt, dass das Essen fertig ist.

Ich habe auch Hunger, also gehe ich zum Supermarkt und hole mir eine Pizza und eine große Packung Eis.

Es ist die zweite Woche ohne Mama, und obwohl ich normalerweise, wenn sie da ist, auch nicht unbedingt extrem viel Zeit mit ihr verbringe, ist es mittlerweile ziemlich deprimierend. Die Wohnung fühlt sich so leer an, und egal, wie laut ich Musik aufdrehe, irgendwie wird es nicht lebendiger. Wenn Mama in der Klinik ist, hab ich immer einfach nur Angst, dass es so bleibt. Dass die schlimme Phase nicht vorbeigeht und sie für den Rest ihres Lebens traurig sein wird.

Ich nehme das Foto in die Hand, das auf meinem Schreibtisch steht. Mein Vater und ich. Er hat den Arm um mich gelegt und wir lachen. Elf Jahre war ich da alt.

Ich hole das Bild aus dem Rahmen und lese zum hunderttausendsten Mal die Schrift auf der Rückseite. Mit meinem Nelson im Hansapark.

Vorsichtig stecke ich das Bild zurück und bastle den Rahmen wieder zusammen.

Hunger habe ich keinen mehr.

Stattdessen lege ich mich aufs Bett. Und dann kommt einer dieser elenden Vermiss-Anfälle.

Ja, ich weiß, was alle denken. Ich kenne die Klischees über afrikanische Männer. Hier mit einer deutschen Frau anbändeln, sie schwängern, sie sitzen lassen.

Aber mein Vater hat meine Mutter nicht sitzen gelassen. Mein Vater hat meine Mutter geliebt. Vor zwei Jahren ist er gestorben, und er fehlt mir ohne Ende.

Ich nehme einen Zettel und versuche, einen Rap zu schreiben. Manchmal hilft das, wenn ich meinen Vater besonders stark vermisse. Die ganze Wut, der ganze Schmerz, wenn die auf dem Papier sind, ist für eine kleine Weile ein bisschen weniger davon in mir drin.

Aber heute kriege ich keine zwei Zeilen zustande. Ich gebe auf, lege meinen Kopf auf den Zettel, presse die Augen zusammen und versuche, an gar nichts zu denken.

Erst als es anfängt, komisch zu riechen, bemerke ich den Rauch, der vom Flur in mein Zimmer wabert. Die Pizza! Der Ofen qualmt wie ein Wagen zwischen Unfall und Explosion. Als ich die schwarzverkohlte Pizza herausangle, verbrenne ich mir die Hand.

Fuck, das war’s wohl mit Abendessen.

Macht nichts. Ich habe ja noch eine Drei-Liter-Packung Eis.

Nach dem Essen schalte ich den Computer an und spiele ein bisschen »Grand Theft Auto«. Ich bin ziemlich gut, und ich nehme mir vor, heute das letzte Level zu knacken.

Gegen dreiundzwanzig Uhr habe ich es geschafft. Das größte Problem ist, den Fluchtweg zu finden, wenn man nach dem Banküberfall die Scharfschützen vom FBI umgelegt hat. Ich muss ganz schön lange probieren, aber irgendwann habe ich den Trick durchschaut.

Ich bin einfach nur stolz und zufrieden mit mir.

Ich hole den Rest der Eispackung aus dem Gefrierfach und mache es mir vor dem Fernseher gemütlich. Das hab ich mir jetzt echt verdient.

3
MARIE

»Marie!! Aufstehen! Sonst kommst du zu spät!«

Ich drehe mich zur Wand.

»Mach schon, Marie!« Die Ungeduld in der Stimme meiner Mutter nimmt zu, und schließlich schäle ich mich resigniert aus der Decke. Ach ja. Jeden Morgen dasselbe.

Gülcan wartet schon, als ich aus der Haustür komme. »Hallo, Marie!!«, quietscht sie freudig, und wie immer umarmen wir uns fest und lange. Hätte ich in meiner neuen Klasse nicht Gülcan kennengelernt, dann wäre mein Leben komplett unerträglich.

»Alles klar?«, frage ich, denn irgendwie sieht sie bleich aus.

»Wir schreiben heute Mathearbeit«, seufzt Gülcan.

Man könnte meinen, das würde ihren sicheren Tod bedeuten. Mit Grabesstimme fährt sie fort: »Ich und Mathe, das ist wie Tolga und Hochsprung.«

»Ha ha! Oder wie Ibo und Fegen.«

»Wie Herr Zimmermann und cool.«

Wir biegen in den kleinen Weg durch die Grünanlage ein, die sich vor unserem Schulgebäude befindet, und stoßen auf Alex und Julius.

»Na, Streberin?«, sagt Julius beiläufig, als er mich sieht.

Ich versuche, darüber hinwegzuhören. Wie genau habe ich das eigentlich hingekriegt, in meiner neuen Klasse innerhalb kürzester Zeit zur Zielscheibe des Spotts zu werden?

Ibo und Tolga tauchen auf. »Hey, die Streberin!«, sagt Ibo grinsend. »Englisch macht dieser Einschleimerin jetzt bestimmt richtig Spaß, endlich ein Lehrer, der genauso langweilig ist wie sie selbst.«

Gülcan zieht mich ins Schulhaus und zum Klassenzimmer. Die Jungs laufen in einigem Abstand hinter uns her. »Streberin, Streberin«, kommt ein heiserer Singsang aus Ibos Kehle. Mit brennendem Kopf stelle ich meine Tasche ab und setze mich auf meinen Platz. Warum musste ich ausgerechnet auf diesem Planeten geboren werden? Wiegt die sauerstoffangereicherte Atmosphäre Mitschüler wie Julius und Ibo auf?!

Ich komme gerade aus dem Bad, als meine Mutter von der Arbeit kommt, sodass wir uns im Flur begegnen. Seit meine Eltern sich vor einem halben Jahr getrennt haben, ist unser Verhältnis, gelinde gesagt, gespannt.

»Hallo Marie!«, sie gibt mir einen Kuss auf die Wange. »Wie ist das eigentlich mit deiner Klassenfahrt?«, flötet sie, während sie sich die Schuhe auszieht.

»Welche Klassenfahrt? Habe ich jemals irgendetwas von irgendeiner Klassenfahrt gesagt?«

Sie richtet sich auf und schaut auf den Infozettel, der an der Pinnwand hängt. »Das ist doch bald so weit – am neunzehnten Mai soll’s losgehen, in drei Wochen schon!«

»Ich fahre da ganz bestimmt nicht mit.«

Meine Mutter schaut mich an, als hätte ich einen geschmacklosen Witz gemacht. »Was ist denn das jetzt schon wieder?«

»Ein deutscher Aussagesatz, und die Aussage ist, dass ich nicht auf irgendeine Klassenfahrt fahre.«

Vielleicht würde eine andere Mutter fragen, warum ich nicht mitfahren werde. Aber meine Mutter ist keine andere Mutter. Meine Mutter sieht mich genervt an. »Immer deine Aktionen!« Sie lässt ihre Tasche fallen und geht in die Küche. Ich höre, wie sie herumhantiert und die Mikrowelle zuklappt.

Und jetzt fragt sie doch: »Gibt es dafür irgendeinen Grund?«, ruft sie mir aus der Küche zu. Der Tonfall impliziert, dass es für die Dinge, die ihre Tochter tut, nie einen Grund gibt. Die Frage ist rein rhetorisch.

Was soll ich sagen – in meiner neuen Klasse bin ich nur als Streberin bekannt? Die Jungs verachten mich, die meisten Mädchen halten Abstand? Und das Schlimmste – ich bin hoffnungslos verliebt in jemanden, der um Welten zu cool für mich ist?

Bin nicht sicher, dass meine Mutter dafür Verständnis hätte.

Ich habe einen Moment zu lange gewartet.

Die Mikrowelle piept, meine Mutter öffnet sie, und das Zeitfenster für »Mit meiner Tochter über ihre Probleme reden« schließt sich.

»Du fährst mit, und Punkt. Thomas und ich wollen schließlich auch mal Zeit für uns haben.«

4
NELSON

»Nelson! Mein lieber Junge«, sagt Mama, als sie aus dem Fahrstuhl tritt und mich in der offenen Wohnungstür stehen sieht.

Ich lege meine Arme um ihren Hals und drücke meine Wange in ihre wunderschönen, hellroten, langen Haare. Das Haar riecht nach Klinik. Bei Gott, wie ich diesen Geruch nicht ausstehen kann. Und Mama ist noch viel blasser als sonst – ich hab keine Ahnung, mit was für Zeugs die sie da vollstopfen.

Hinter ihr kommt unser Nachbar Herr Yilmaz aus dem Fahrstuhl. Er hat sie mit dem Auto abgeholt und stellt jetzt Mamas Tasche in den Flur.

Mama nimmt mit beiden Händen seine Hand. »Vielen, vielen Dank!«

»Keine Ursache«, sagt er, und zu mir: »Gut aufpassen auf dein Mutter, Nelson! Keine Ärger machen!«

Ich nicke. Klar, Mann. Ich mache nie Ärger.

Mama drückt mich noch einmal. »Wie schön, wieder zu Hause zu sein! Hast du alles gut geschafft?«

»Klar, Mama. Um mich brauchst du dir nun wirklich keine Sorgen zu machen!«

Sie ist total glücklich, als sie die ordentliche Wohnung sieht. Gut, dass ich noch geschafft habe, aufzuräumen.

Wir setzen uns auf die Couch und ich hole die Pizza aus dem Ofen. Mamas Lieblingspizza, mit Thunfisch.

Mama seufzt. »Ich wette, du hast dich die ganze Zeit nur von Pizza ernährt.«

»Na ja … nicht die ganze Zeit.«

Sie nimmt sich eine Ecke. »Wie läuft’s in der Schule?«

»Ganz gut.«

Ich behalte für mich, dass ich gar nicht so oft dort war. Alles muss sie auch nicht wissen.

»Wir haben einen neuen Klassenlehrer. Und Englischlehrer ist er auch. Junge, ist der langweilig.«

»Aber Englisch ist wichtig«, sagt Mama kauend. Ich freue mich derbe, dass sie die Pizza zu mögen scheint.

»Ich weiß. Aber langweilig ist der ohne Ende.«

»Bestimmt kann man trotzdem was lernen.«

»Hm.«

»Ohne Englisch bekommt man heutzutage keine gute Arbeit mehr.«

»Englisch ist mein bestes Fach, da musst du dir echt keine Sorgen machen, Mama!«

»Ja, aber pass auf, dass es auch dein bestes Fach bleibt.«

Was hat sie denn nur mit dem blöden Englisch? Ich suche nach einem anderen Thema.

»In zehn Tagen fahren wir schon auf Klassenfahrt! Ich kann’s echt gar nicht mehr aushalten. Ich freu mich derbe, Mama.«

»Ja, ich freue mich auch für dich, Nelson. Fährt da euer neuer Klassenlehrer mit?«

»Äh – ja. Also, wahrscheinlich.« Außer, wir ekeln ihn vorher wieder raus. Aber das sage ich natürlich nicht.

»Bestimmt ist er ganz nett. Er muss sich halt erst eingewöhnen. Das wird schon.«

»Mama, der ist voll die Schwuchtel!«, sage ich, bevor ich drüber nachgedacht habe.

»Nelson!«, sagt sie in diesem Ton, den ich einfach nicht haben kann. »Ich will nicht, dass du so von deinen Lehrern sprichst!«

»Mann, Mama, red doch nicht mit mir wie mit einem kleinen Kind!«

»Dann benimm dich nicht wie eins!«

»Waaas?! Weil ich ›Schwuchtel‹ sage?? Jeder sagt ›Schwuchtel‹!«

Ich bin beleidigt.

Sie schweigt und ist auch beleidigt.

Super. Sie ist nicht mal eine halbe Stunde da, und schon haben wir Krach.

Ich greife nach der Fernbedienung und schalte den Fernseher ein.

Es beginnt gerade ein Film. Amerikanische Sklaven schuften auf einer Plantage.

Mama nimmt die Fernbedienung und will umschalten.

»Lass doch mal!«, sage ich. »Das ist Der Butler, das ist ein guter Film! Den hat uns sogar Frau Häuser mal empfohlen!«

Mama legt die Fernbedienung wieder hin, und sicherheitshalber lege ich die Hand darauf. Ich bin vielleicht fünfzehn und sie fünfunddreißig, aber, wenn ich auch nicht reden darf wie ich will in meinem eigenen Zuhause, so steht mir doch zumindest beim Fernsehprogramm dasselbe Mitspracherecht zu!

Auf dem Bildschirm erscheint der weiße Plantagenbesitzer. Er zieht eine Frau von der Plantage in einen Schuppen neben dem Feld. Man sieht nur ihren Rücken und den gesenkten Kopf, als er sie fortzieht.

Man weiß, was in dem Schuppen jetzt gerade passiert. Ich spüre den Hass wie Feuer in meinem Bauch.

»Gott, Nelson, mach das aus!«

»Es interessiert mich aber!«

Man hört die Frau schreien.

Mama reißt mir die Fernbedienung aus der Hand.

Sie schaltet in dem Moment um, als der Schuss knallen müsste, mit dem der Plantagenbesitzer einen Arbeiter umlegt.

In meinem Bauch rumort es. Hass und Zorn.

Und meine Mutter kriegt es ab.

»Mann! Kann man nicht einmal was Interessantes gucken? Immer nur Tierbabys und Quizze und Comedy!! So ist die Welt aber nicht! So ist sie nun mal nicht!«

Mama sagt nichts. Sie nimmt eine Zeitschrift vom Couchtisch und versteckt sich dahinter.

Ich schnappe meine Jacke und gehe zu Hamza.

Als ich später im Bett liege, habe ich ein schlechtes Gewissen. Dass meine Mutter Gewalt nicht erträgt, das weiß ich eigentlich sehr genau.

Aber warum muss sie auch so eine Pussy sein?!

Mein Vater hätte den Film mit mir geguckt, definitiv.

Dabei wäre er viel mehr betroffen, ha ha. Persönlich betroffen nämlich.

Wie auch ich.

Scheißvorstellung, dass ich ein Sklave gewesen wäre, und Julius und Alex und Theo und so wären fette reiche Plantagenbesitzer gewesen.

Keine Ahnung, was Hamza und Tolga und Karim gewesen wären. So richtig weiß sind die ja auch nicht. Ich glaube, Türken und Araber gab’s damals gar nicht in Amerika.

Der einzige black man bei uns bin ich. Nicht an der Schule, in der Klasse aber schon.

Inzwischen haben alle Respekt vor mir. Aber das war nicht immer so. In der Fünften war das ganz, ganz anders.

Ich denke selten daran. Die fünfte Klasse war die zweitschlimmste Zeit meines Lebens, und ich habe keinen Bock, mich immer und immer wieder daran zu erinnern. Die ganzen Assis sind jetzt meine Freunde, und dumme Sprüche oder so höre ich nicht. Schon lange nicht mehr.

Ich weiß nicht, ob sie mich damals wirklich wegen meiner Hautfarbe rausgepickt hatten. Oder weil ich einfach den richtigen Moment verpasst hatte, mich mit Ibo anzufreunden. Papa war da schon krank, und ich war eine kleine Heulsuse. Die in der Ecke stand, während die anderen Jungs sich gefetzt haben. Bis es jemand mitgekriegt hat.

Wie ein Film laufen Szenen ab in meinem Gehirn. Ich will ausschalten, aber irgendwie finde ich die Fernbedienung nicht.

Ibo und Oliver – die beiden Fiesesten. Julius, Tolga, Alex und ein paar Mädchen sind auch dabei. Wie sie so tun, als ob meine Hautfarbe eine ansteckende Krankheit wäre. Wie sie mein Schulbrot zertrampeln und den Orangensaft aus meiner Trinkflasche über meinen Kopf schütten.

Bis zu dem Tag, an dem Hamza Oliver die Vorderzähne ausgeschlagen hat. Nach der Schule, auf dem Nachhauseweg war das. Ich hatte es nicht immer geschafft, nach Hause zu kommen, bevor die anderen mich eingeholt hatten, und das war so ein Tag. Sie hatten mich eingeholt, und Ibo hatte einen Hundehaufen auf dem Fußweg entdeckt und Oliver hat … egal. Ich will nicht daran denken.

Aber wie Hamza Oliver hochgerissen hat, daran denke ich gerne. Ein Schlag, und weg waren sie, die Vorderzähne.

Hamza hatte mich nie mitgeärgert. Okay, er hatte mich auch nicht direkt unterstützt, am Anfang jedenfalls nicht. Aber je mehr er respektiert wurde, desto öfter setzte er sich für mich ein. Wobei, dass er Oliver die Zähne rausschlägt, das hatte wohl keiner erwartet. Er selbst, glaube ich, auch nicht.

Er wäre beinahe von der Schule geflogen deswegen. Ist dann aber nicht passiert. Dafür wurde Oliver von seinen Eltern von der Schule genommen. Zu viel Gewalt.

Nach den Vorderzähnen war es vorbei. Danach hat mich keiner mehr angegriffen oder beschimpft.

Und mittlerweile ist jeder froh, wenn er mit mir befreundet sein kann. Jeder. Hamza ist unbestritten Boss, aber direkt danach komme ich. Auf jeden Fall vor Alex, und vor Ibo sowieso. Ibo wird zwar respektiert, aber eher so gezwungenermaßen. Weil er so krass ausrasten kann. Das hat mit echter Ehre nichts zu tun.

Keine Ahnung, was geworden wäre ohne Hamza. Seitdem sind wir Brüder.

Ich würde ihn nie verraten, niemals.

Er war auch mit auf Papas Beerdigung.

Irgendwie mochte er mich von Anfang an. Ich weiß noch, wie wir am ersten oder zweiten Tag an unserer Schule, ganz am Anfang der fünften Klasse, so lange nach dem Unterricht auf dem Schulhof Fußball gespielt haben, bis der Hausmeister uns nach Hause geschickt hat. Nur zu zweit, und es hat derbe Spaß gemacht. Ich weiß noch, wie ich dachte, dass das echt ’ne coole neue Schule ist.

Da wusste ich ja noch nicht, was Ibo und Oliver sich so für »Spiele« ausdenken würden.

Egal. Ist lange her.

Ich drehe mich auf die andere Seite und denke ein bisschen an Marie. Das ist auf jeden Fall ein viel, viel schöneres Thema als irgendwelche Filme über Sklaverei.

5
MARIE

Es gibt Tage, an denen ich meine neue Klasse sogar ganz gerne habe.

Heute ist so ein Tag.

Wir haben auf dem Sportplatz Zweifelderball gespielt, und – unglaublich, aber wahr – die meisten Spieler der gegnerischen Mannschaft wurden von Marie Stadler, in anderen Worten, meiner Wenigkeit, ins Aus befördert, und das, obwohl Sport normalerweise nicht gerade meine Stärke ist! Ich bin richtig high, als wir verschwitzt und lärmend im Umkleideraum sitzen.

»Mann, Marie, und das mit links!«, quietscht Djamila.

»Und du sagst immer, du bist nicht gut in Sport!«, meint Gülcan mit leisem Vorwurf.

Bescheiden lasse ich mich ein wenig feiern.

Zu Hause werfe ich mich aufs Bett und rufe mir Nelsons anerkennendes Lächeln in Erinnerung, mit dem er mich während des Spiels bedachte.

Ganz ehrlich, so schlecht ist meine Klasse nun auch wieder nicht. Sie ist sogar um einiges besser als meine alte Klasse auf der Privatschule, auf der ich bis vor Kurzem war. Dort ist es normal, vom Chauffeur in der Limousine zur Schule gefahren zu werden, und bei einer Vier kommt Papas Anwalt vorbei. Türkische oder schwarze Mitschüler hatte ich dort nicht. Dementsprechend langweilig sehen die Klassenfotos aus: Lauter Mädchen mit langen blonden Haaren in Designerklamotten, und Jungs mit Haarschnitten für siebzig Euro.

Wäre ich auf dieser Schule geblieben, hätte ich nie meine beste Freundin gefunden.

Und ich hätte nie Nelson kennengelernt.

Ich drehe mich auf den Rücken und starre an die Decke. Und überlege, ob es wirklich gut für mich gewesen ist, Nelson kennengelernt zu haben. Mein Seelenfrieden ist seitdem jedenfalls dahin.

Es gibt Tage, an denen ich meine neue Klasse hasse wie die Pest. Eben war noch alles wie immer. Ich stand bei Herrn Zimmermann am Lehrertisch, weil ich noch eine Frage zur Hausaufgabe hatte, vor mir Barin, die gleichzeitig mit mir in die Klasse gekommen ist. Sie wollte auch etwas mit ihm besprechen, und zufällig hörte ich, was es war. »Ich nicht auf Klassenfahrt kommen kann«, flüsterte sie.

Und Herr Zimmermann, trottelig, wie er ist, wiederholte den Satz erst mal schön langsam und laut. »Du kannst nicht mit auf Klassenfahrt kommen? Aber Barin, weshalb? Habt ihr nicht extra das Reiseziel geändert, damit du mitkannst?«

Bäm. Genauso gut hätte er ein Wespennest in die Klasse werfen können. Alle, die in der Nähe standen, waren bereits hellhörig geworden, und Barin rot. In ihren Augen sammelten sich Tränen. »Mein Vater erlaubt nicht«, stammelte sie.

Und da ging es los.

»Wie bitte?! Wir fahren wegen ihr nicht nach Holland, und jetzt kann sie nicht mitkommen?!!!«

»Und das sagt die jetzt?«

»Wegen der bekloppten Kröte fahren wir an einen See!! Alter, statt Amsterdam! Das kotzt mich so hart an, echt jetzt!«

Während die Aufregung immer größer wird, schleicht Barin an ihren Platz und versteckt das Gesicht in den Armen.

»Wusste ich gleich, dass das ’ne Scheißidee war!«

»Du hast doch auch dafür gestimmt!«

»Lüg nicht, hab ich nicht!«

Herr Zimmermann hat nicht die leiseste Ahnung, was er machen soll, und das Geschrei und Geschimpfe wird immer schriller. Nur Karim kreischt vor Lachen. »Immer Frau Häuser mit ihren tollen Ideen!«, schreit er und schnappt nach Luft. »Und ihr fallt noch drauf rein! Ihr habt so kein Rückgrat, Leute! Ha ha, geschieht euch ganz recht!«

Und in all dem sitzt Barin und weint.

Ich muss den ganzen Tag noch daran denken.

»Voll doof für Barin«, sagt Gülcan. »Jetzt wird sie von der ganzen Klasse gehasst, und auf die Reise darf sie auch nicht. Sie tut mir richtig leid.«

In den nächsten Tagen ist Barin ziemlich allein. Gülcan und ich versuchen zweimal, sie ins Gespräch zu ziehen, aber sie sagt nicht viel und schaut hauptsächlich auf den Boden. Immerhin beruhigen sich die anderen irgendwann und hören auf, pausenlos über sie und Frau Häuser und Mecklenburg-Vorpommern zu meckern. Hauptsache, für eine Woche keine Schule, das ist nach einer Weile die allgemein vorherrschende Meinung.

6
NELSON

Freitagabend, endlich, Digga. Ich werde nie verstehen, warum eine Schulwoche länger ist als ein Monat Sommerferien.

Hamza lehnt im Türrahmen, cool gestylt, und guckt zu, wie ich auf der Suche nach meinem neuen T-Shirt im Schrank wühle. Hamza sieht einfach zu gut aus – schwarze Haare, extrem weiße und gerade Zähne, und dunkle Augen, die so glühen. Also, nicht meine persönliche Meinung, bin ja nicht schwul oder so. Aber man kriegt ja schon mit, wie einer so bei Frauen ankommt.

»Wie viel Jahre dauert’s noch, Digga?«, fragt er, dabei hab ich das T-Shirt schon gefunden und angezogen und schnappe meine Jacke, jetzt müssen wir nur noch Mamas Ermahnungen hinter uns bringen. Schon nach dem ersten halben Satz ihrer kleinen Rede zum Thema Alkohol falle ich ihr ins Wort. »Mama! Hamza trinkt überhaupt nicht! Ich trinke ja auch nicht, aber Hamza probiert nicht mal! Meinst du, da werde ich mich mit Alkohol zudröhnen, wenn wir zusammen unterwegs sind?!«

Dass Hamza, weil er Moslem ist, noch nie auch nur einen Schluck Bier getrunken hat, das habe ich ihr schon hundertmal gesagt.

»Du hältst mich echt für einen schlechten Freund, Mama!« Ich bin sogar ein bisschen sauer.

Hamza grinst. Er weiß genauso gut wie ich, wie sich die Fortsetzung anhört.

»Nelson.« Mama legt eine Hand auf meine Schulter und sieht mir fest in die Augen. »Nelson. Und keine Drogen. Keine. Versprochen??«

»Klar, Mama. Versprochen.«

Endlich wünscht sie uns viel Spaß und lässt uns gehen.

In dem schmierigen Fahrstuhlspiegel gucke ich, wie ich von der Seite aussehe.

Hamza boxt mich in den Rücken. »Schwul, oder was?!?«

Normalerweise hau ich Leuten erst mal eine rein bei solchen Sprüchen.

Aber Hamza darf, was andere nicht dürfen. Zwischen Brüdern ist auch so ein Spruch mal erlaubt.

Wir gehen ins CRUSH, unseren Lieblingsclub auf Sankt Pauli. Im Gegensatz zu mir ist Hamza schon sechzehn, und vom Aussehen her würde man ihn eher auf siebzehn schätzen. Deswegen machen die beiden Typen am Eingang eigentlich nie Stress. Sie kennen uns schon. Der eine begrüßt uns mit Handschlag. »Was geht?«

»Läuft. Alter, geht ja ganz schön ab hier.« Hamza macht eine Kopfbewegung in den leeren Club hinein.

»Das wird noch. Viel Spaß.«

Wir schlendern durch den schwarz lackierten Gang ins Halbdunkel. Erst spielt der DJ sich rauf und runter durch die Charts, aber gegen ein Uhr macht der Hip-Hop-Floor auf, und dann ist es auf einmal richtig voll. Mitten im Gedränge tanzen Hamza und ich. Die Musik ist gut.

Es sind auch viele Mädchen da heute. Eine mit ganz langen braunen Haaren fällt mir auf. Aber sie hat einen Typen dabei.

Schade.

Irgendwann will Hamza rauchen, also gehen wir nach draußen. Ich rauche ja nicht. Da bleibe ich hart. Mein Papa ist an Krebs gestorben, den Scheiß muss ich mir nicht antun. Und wenn Hamza mich aus Spaß auch auslacht, in Wahrheit akzeptiert er es und findet es sogar gut.

»Wie fandst du die mit den langen braunen Haaren?«, frage ich Hamza, als wir vor dem Club stehen und die schrägen Typen beobachten, die um diese Zeit auf Sankt Pauli unterwegs sind.

»Die in dem silbernen Top?«

»Ja genau. Die.«

Hamza grinst. »Ich dachte, du stehst auf blond, Digga!«

Ich fühle mich ertappt. »Und?«, sage ich dann lässig. »Vielleicht ist sie ’ne Streberin, aber sie ist auch echt süß irgendwie.« Und dann frage ich das, was mich schon seit einer ganzen Weile interessiert: »Wie findest du sie denn?«

»Marie?« Hamza grinst wieder. »Musst dir keine Sorgen machen, Nelson. Ich steh nich auf Streberinnen.«

Ich bin nicht sicher, ob mich das wirklich beruhigen soll! Wenn es ein Junge aus der Klasse mit Marie aufnehmen könnte, also, vom Schlausein her, dann fällt mir eigentlich nur Hamza ein. O. k., Akif ist auch schlau. Aber Akif ist so schlau, dass ihm in der Schule die ganze Zeit nur langweilig ist, und davon ist er gleich selber langweilig geworden. Hamza ist zwar schlau, aber er weiß jetzt nicht alles, sodass man wie bei Akif Angst hat, sich überhaupt mit ihm zu unterhalten. Und es ist auch nicht so, dass Hamza ständig damit angibt. Und – was noch viel wichtiger ist –, kaum einer wird so respektiert wie Hamza. Darauf stehen doch Frauen!

»Du sagst das doch jetzt nur so, oder, dass du nicht auf Streberinnen stehst?! Du hast doch selber mal gesagt, dass dich nervt, wenn Mädchen sich nur für Make-up interessieren! Marie wäre doch genau das Richtige für dich, oder?!?«

Hamza grinst, als ob er die Situation superlustig findet. Es macht mich fast aggressiv, dass er sich so amüsiert!

Aber bevor ich noch mehr sagen kann, hören wir eine Mädchenstimme kreischen. Das Mädchen mit den langen braunen Haaren und dem silbernen Top kommt aus dem Club gestolpert, daneben ihr Typ. Er hält sie am Oberarm fest und brüllt sie an.

»Scheiße, was geht hier ab?«, sagt Hamza.

Der Typ lässt den Arm des Mädchens los und schlägt ihr kurz und hart ins Gesicht. Sie schreit auf und versucht, ihn zurückzuschlagen. Er fängt ihren Arm ab, schubst sie gegen die Hauswand, spuckt auf die Straße, steigt in seine Scheißkarre und fährt davon.

Zwei, drei Besoffene stehen glotzend drum herum.

Das Mädchen lehnt laut heulend an der Wand.

Ich gehe hin.

»Hey«, sage ich, »der is weg …«

Ich rieche ihr Parfüm. Der süße Geruch mischt sich mit dem Gestank von Pisse zwischen Hauswand und Bürgersteig.

»Du brauchst keine Angst mehr haben … Das Arschloch is weg …«

Sie hebt ihr mit Make-up verschmiertes rot geweintes Gesicht und heult weiter.

»Der kommt nicht wieder …«

Heulen und Schniefen. »Hat er dir sonst noch was getan …?«

Mit Mühe kann ich sie verstehen.

»Schlüssel im Auto … Mama beim Wellness-Wochenende …«

»Hey … das kriegen wir schon hin …«

Und jetzt liege ich hier mit diesem Mädchen im Arm. Sie atmet tief, und manchmal seufzt sie im Schlaf.

Im Gegensatz zu ihr habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen. Wie auch, wenn ich ihren warmen Rücken an meinem Oberkörper spüre und ihre weichen Haare an meinem Gesicht?! Und an meinem Arm, durch das T-Shirt, das ich ihr zum Schlafen gegeben habe, ihre Brüste. Ich berühre sie zwar nur ganz leicht mit der Innenseite von meinem Unterarm. Aber es ist das krasseste Gefühl ever. Schlafen ist da definitiv nicht drin.

Es wird langsam hell. Ich konzentriere mich auf das Gefühl von glattem braunen Haar an meinem Gesicht und streichle vorsichtig ihre Schulter.

Sie wacht erst auf, als ihr Handy klingelt. Verschlafen setzt sie sich auf.

»Hallo Mama …«

Die Frau am anderen Ende spricht so laut, dass ich mithören kann. »Katharina, was geht hier vor sich? Warum bist du nicht zu Hause?«

»Ich hab bei einem Freund übernachtet.«

»Bei Jonas?«

»Nee … mit Jonas hab ich Schluss gemacht … Ein anderer Freund.«

»Und wann kann ich mit dir rechnen?«

»In zwei Stunden, denke ich …«

Katharina legt auf und lächelt mich an.

»Morgen«, sage ich verlegen. »Ich geh dann mal … duschen.«

Katharina gähnt. Sie kuschelt sich wieder unter die Decke. »Alles klar.«

»Ich hab ’ne Freundin hier übernachten lassen«, sage ich zu Mama, als ich aus dem Bad komme. Sie guckt erstaunt.

»Erklär ich später.«

Dann bringe ich Katharina ein Handtuch und stelle Frühstück auf den Küchentisch. Als sie unter der Dusche ist, ruft Hamza an.

»Und? Hat die echt bei dir gepennt?«

»Jep. Und in meinem Arm einschlafen wollte sie außerdem. Sie hat darauf bestanden.«

Hamza lacht sich kaputt. »Also endlich nich mehr Jungfrau, Digga?«

»Red kein Schwachsinn«, sage ich.

Er lacht so sehr, dass ich schon leicht genervt bin.

Katharina kommt in die Küche und guckt neugierig zu mir.

»Hau rein, Bro«, sage ich zu Hamza und lege auf.

Zu dritt essen wir Frühstück und ich höre verwundert zu, wie Mama und Katharina sich über Eiskunstlauf, glutenfreies Brot und Genmanipulation unterhalten.

»Ich muss jetzt leider los«, sagt Katharina nach dem Frühstück, und es klingt, als fände sie das total schade.

Ich finde es auch total schade. Katharina ist richtig nett, und voll süß. Die ganze Zeit lächelt sie mir zu, und es macht derbe Spaß, ihr zuzuhören. Dabei interessiert mich Eiskunstlauf nicht einmal!

Ich hätte nichts dagegen, die nächste Nacht genauso zu verbringen wie die letzte. Und alle anderen Nächte. Wenn ich dann auch nie mehr schlafen könnte. Aber egal, oder?!

»Soll ich dich zur Haltestelle bringen?«

»Das wäre superlieb!«

Als wir auf der Straße stehen, hakt sie ihren kleinen Finger in meinen. Mein Herz schlägt ein bisschen höher und vorsichtig gucke ich sie von der Seite an. Sind wir jetzt zusammen?

Sie dreht den Kopf zu mir und grinst. »Was ist?«

»Nichts …«

»Du bist echt süß, Nelson.«

Das hat mir noch nie jemand gesagt. Also, außer Mama, und Tante Luisa vielleicht. Und es bringt mich ziemlich durcheinander. Ich wüsste gerne, was ich darauf antworten soll. ›Findest du?‹, ›Danke für das Kompliment‹, ›Du auch‹?

Weil ich keine Ahnung habe, ob irgendetwas davon die passende Antwort wäre und wenn ja, welche, sage ich einfach gar nichts.

»Wir sollten uns mal wiedersehen«, sagt Katharina.

Anscheinend sind wir noch nicht zusammen.

»Finde ich auch.« Ich schaffe es, dass dieser Satz einigermaßen normal klingt.

Wieder strahlt sie mich an.

An der Haltestelle holt sie ihr Handy raus. »Wollen wir Nummern tauschen?«

»Ja, klar!«

Während ich ihre Nummer eintippe, steht sie so dicht neben mir, dass ihre glatten braunen Haare mich an der Schulter kitzeln.

Und in diesem Moment taucht Marie auf. Ich gucke hoch und sehe sie genau auf uns zukommen. Sie schaut mir direkt in die Augen.

»Hi, Nelson«, piepst sie.

»Hi, Marie!«, sage ich verwirrt. Sie quetscht sich an mir vorbei und guckt auf den Fahrplan, und für einen Moment steht rechts von mir Katharina und links von mir Marie.

Voll merkwürdiges Gefühl.

Dann stellt Marie sich drei Schritte von uns entfernt hin, guckt auf die Straße und rührt sich nicht mehr.

Katharina redet weiter von dem Segelkurs, den sie in den letzten Ferien gemacht hat. Ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, was sie sagt. Und nicht darüber nachzudenken, dass zweieinhalb Meter von mir entfernt meine große Liebe steht. Und zweieinhalb Zentimeter von mir entfernt dieses Mädchen, das ich die ganze Nacht im Arm gehalten habe. Definitiv eine merkwürdige Situation.

Aber irgendwie finde ich es gut. Hey Marie, denke ich, ich bin dir wahrscheinlich ziemlich egal, aber guck mal, es gibt auch andere Mädchen! Und ob du’s jetzt glaubst oder nicht, manche wollen sogar in meinem Arm schlafen! Und Katharina lacht und erzählt, wie sie beinahe über Bord gegangen wäre und zupft dabei mit einer Hand an meinem T-Shirt herum, und mit der anderen hält sie immer noch meine Hand.

»Danke für alles!«, flüstert sie in mein Ohr, als der Bus vor uns hält.

Ganz, ganz kurz umarme ich sie. »Komm gut nach Hause!« Es klingt richtig profimäßig. Als würde ich das jeden Tag zu Mädchen sagen, die bei mir übernachtet haben.

Die beiden klettern fast nebeneinander in den Bus, und ich weiß gar nicht, auf wen ich mich konzentrieren soll. Katharina winkt noch mal durch die Scheibe, und dann sind sie weg.

Ich schlendere langsam nach Hause.

Was man an einem ganz normalen Tag so alles erleben kann …

»Ein nettes Mädchen«, sagt Mama, »aber eine Erklärung hätte ich trotzdem gerne!«

Ich erzähle, wie Katharina von ihrem Ex ins Gesicht geschlagen wurde und heulend vor dem Club stand, ohne Schlüssel und so.

Mama findet es gut, dass ich geholfen habe.

»Wo hast du sie denn schlafen lassen?«

»In meinem Bett.«

»Und du hast dann wahrscheinlich auf der Couch gelegen.«

Ich muss kurz überlegen. Mama ist ziemlich gechillt. Aber ist sie gechillt genug?

»Nee. Sie wollte in meinem Arm schlafen.«

Mama guckt mich mit großen Augen an.

»Sonst war nichts«, sage ich schnell. »Die war todmüde, und ich auch, und wir haben einfach nebeneinandergelegen und gepennt.«

Mama reißt immer noch die Augen auf und ich frage mich, ob sie wirklich so gechillt ist, wie ich dachte.

»Nelson …«

»Hm?«

»Ich find’s schön, dass du so ein nettes Mädchen kennengelernt hast. Aber wir müssen über einige Dinge sprechen. Eine Beziehung …«

»Mama! Das ist keine Beziehung.«

»Umso wichtiger ist es, dass man bestimmte Dinge beachtet.«

Oh Mann. Hätte ich mal den Mund gehalten …

Doch es wird gar nicht sooo schlimm. Mama hält mir einen zwanzigminütigen Vortrag über Teenagerschwangerschaften und Verhütung und Verantwortung und als sie fertig ist, fragt sie mich, ob ich sie verstanden habe. Ich nicke, und ich glaube auch, dass ich sie wirklich verstanden habe, und dann entlässt sie mich nach draußen.

Ich sitze auf dem Krokodil und tippe eine Nachricht an Hamza. Und während ich auf ihn warte, denke ich daran, wie weich Katharinas Haare sind. Und wie sanft und warm sich ihr Körper neben meinem angefühlt hat.

»Na, Checker?«, sagt Hamza und hält mir die flache Hand hin. Wir klatschen uns ab.

»Na«, sage ich und versuche, so zu klingen, als wäre ich wirklich voll der Checker. Dann schweige ich erst mal. Als Checker muss man vor allem eins können: Cool schweigen.

Hamza setzt sich neben mich. Er spielt mit dem Fußball herum, den er mitgebracht hat. »Lass hören, Digga. Wie war’s?«

»Geil«, sage ich. Was sonst?

»Wie is’n so’n Frauenkörper?«

»Geil«, sage ich. Dann schweige ich wieder. Und versuche, mich zu erinnern. Und die passendsten Worte zu finden. Die besten Worte, um dieses Wunderschöne zu beschreiben: Einen Frauenkörper.

»Zart, halt.«

»Und wie weit hat sie dich rangelassen?«

Das ist jetzt ein bisschen ein Dilemma für mich.

Aber Hamza ist mein bester Freund. »Also, sie hat einfach in meinem Arm geschlafen«, nuschel ich deshalb. Ich erwarte, dass er sich gleich lachend auf dem Boden wälzt und brüllt, wie man sich so eine Chance entgehen lassen kann.

Hamza lässt den Ball auf seiner Fußspitze hüpfen und sagt nichts. Er hat das wohl erwartet. Er kennt mich halt. Egal für wie cool die anderen mich halten.

Ich entspanne mich ein bisschen, als ich merke, dass Hamza über etwas ganz anderes nachdenkt.

»In deinem Arm geschlafen … Und deine Mutter ist nich durchgedreht?«

»Nee. Wär deine durchgedreht?«

»Mein Vater. Zu durchgedreht wär er.«

»Was hätte er gemacht?«

»Weiß nich. Ausgerastet, halt. Aber immerhin war es ja eine Frau.«

Ich muss lachen. Was könnte es denn sonst sein, ein Alien?!

»Lass kicken gehn, Nelson.« Hamza macht eine Kopfbewegung Richtung Bolzplatz.

Dann gehen wir kicken. Aber zwischendurch muss ich immer wieder an Katharina denken. Und zweimal merke ich, wie ich leise »Katharina« vor mich hin sage. Nur, um zu hören, wie es klingt.

Als ich am Abend im Bett liege, schreibe ich Katharina eine Nachricht.

Hi gut nach Hause gekommen?

Zehn Minuten lang warte ich auf eine Antwort. Dann spiele ich ein bisschen auf meinem Handy. Wenn man sich ablenkt, ist Warten nicht so schwer.

Kurz nach halb eins lege ich das Handy weg.

Irgendwie bin ich traurig.

7
MARIE

Gülcan schlummert so selig, als gäbe es kein Leid auf dieser Welt. Als ob ihre beste und zutiefst unglückliche Freundin überhaupt nicht neben ihr läge und dringend ihres Trostes bedürfe. Ich seufze, in der Hoffnung, dass sie davon aufwacht. Resultat: Gülcan lächelt im Schlaf.

Ich seufze etwas lauter, doch es ist aussichtslos. Resigniert drehe ich mich auf den Bauch und angle unter dem Bett nach meinem Handy und Gülcans Kopfhörern. Ich stelle Lanas Once upon a dream an und leide vor mich hin.

Nelson. Nelson hat eine Freundin. Ich war gerade auf dem Weg zur Bibliothek, als ich sie gesehen habe, Händchen haltend und strahlend vor Glück. Die Minuten, die wir nebeneinander an der Bushaltestelle standen, waren die absolute Hölle für mich.

Natürlich waren mir alle Bücher der Welt mit einem Male gleichgültig. Statt zur Bibliothek fuhr ich zu Gülcan, in deren Armen ich weinend zusammenbrach. Seltsam, aber auf den Gedanken, dass Nelson eine Freundin haben könnte, war ich noch nie gekommen.

»Er hat dich nicht verdient«, sagte Gülcan mindestens tausendmal, und: »Es gibt doch auch noch andere tolle Jungs.«

Lieb gemeint. Doch wenig tröstlich. Als gäbe es einen zweiten Nelson!

Aber wie soll Gülcan mich auch verstehen? Sie hat schon oft gesagt, dass Nelson einfach ein Junge sei wie jeder andere auch.

Es ist mir völlig schleierhaft, wie man so etwas behaupten kann. Natürlich ist Nelson nicht einfach ein Junge wie jeder andere auch! Welcher andere Junge kann denn so charmant lächeln wie Nelson? Welcher andere Junge hat denn so einen extrem süßen kleinen Spalt zwischen den Schneidezähnen? Und welcher andere Junge, bitte schön, hat solche unglaublich verschmitzten, glitzernden braunen Augen?

Ich glaube, ich werde wahnsinnig, wenn ich länger darüber nachdenke. Ich stelle Once upon a dream auf Endlosschleife und weine lautlos in mich hinein.

Mit verquollenen Augen wache ich auf.

Gülcan schlüpft gerade in ihre Jeans. »Ich dachte schon, ich krieg dich gar nicht wach! Du schläfst wie so’n Murmeltier, echt jetzt!«

Ich schleppe mich ins Bad. Als ich in den Spiegel schaue, bin ich nur dankbar, dass Sonntag ist, sonst wäre mein nächster Spitzname »Froschgesicht« oder »Glubschi« oder etwas ähnlich Originelles. Meine Augenlider sind zu doppelter Größe aufgequollen, und in einem Auge ist eine fette rote Ader geplatzt.

»Ich glaub, mir geht’s nicht gut …«, sage ich zu Gülcan, »ich geh nach Hause.«

Mit gesenktem Kopf schleppe ich mich nach Hause. Ich lege mich aufs Bett, stelle Musik an und leide wie ein Hund.

Aus irgendwelchen, für mich selber nicht mehr nachvollziehbaren Gründen hatte ich die Hoffnung, dass Nelson, ich wiederhole: Nelson! sich für mich interessieren könnte. Ich muss an einer Art Wahn gelitten haben, eine andere Erklärung gibt es nicht. Ich bin mit Abstand das dümmste und naivste Wesen des Universums. Zumindest ist es höchst unwahrscheinlich, dass es irgendwo in den Weiten des Kosmos jemanden gibt, der es an Dummheit und Naivität mit mir aufnehmen kann. Ich stelle mir ein hässliches blaues Marsmännchen vor, dass sich in Lana Del Rey verliebt hat. Möglicherweise könnte dieses Marsmännchen mich an Idiotie noch überbieten.

Marsmännchen: Blau, glitschig. Dreiäugig mit sechs Fingern.

Lana: Langbewimperte Rehaugen. Traumhaft schön.

Aber direkt auf Platz zwei, da komme ich.

Nelson: Unglaublich süß. Extrem beliebt.

Marie: X-beinige Brillenträgerin. Beliebt nur vor der nächsten Klassenarbeit.

Ich tue mir so unsäglich leid.

Ich wache erst auf, als plötzlich meine Mutter im Zimmer steht.

»Was ist los, Marie? Hast du Fieber?«, sie berührt meine Stirn, stellt fest, dass ich kein Fieber habe, und geht wieder ins Wohnzimmer.

Als sie zurückkommt, zieht sie ein grünes Monster hinter sich her, ein Monster auf Rädern, so groß und so hässlich, dass ich schlagartig wach bin.

»Den hab ich gestern für dich gekauft, Marie.«

Das Monster entpuppt sich als ein Koffer, die Art Koffer, die man seinen ärgsten Feinden schenkt. An seiner Seite sind große Plastikaugen angebracht und ein grinsender Mund aufgemalt. Die Augen wackeln bei jedem Schritt, und obendrauf hat diese Katastrophe auf Rädern eine Wuschelfrisur aus grünen Fransen. Ich bin vor Schreck sprachlos, und es dauert ein paar Sekunden, bis ich begreife, dass meine Mutter mir das Ding für die Klassenfahrt gekauft hat.

»Den hab ich im Elbe-Einkaufszentrum entdeckt. War reduziert. Dachte mir, das ist genau das Richtige für deine Klassenfahrt.«

Ich liege schon heulend unter der Decke. »Bist du verrückt?! Willst du, dass ich mich komplett zum Gespött der Schule mache?! Und außerdem: Ich FAHRE NICHT AUF KLASSENFAHRT!!!«

»So!«, sagt sie. »Mit dem Unfug ist jetzt Schluss. Und ob du auf Klassenfahrt fährst – meinst du, ich hab das Geld dafür umsonst bezahlt? Außerdem sagte ich ja schon, dass Thomas und ich auch mal Zeit zu zweit verbringen wollen.«

»Dann gehe ich zu meinem Vater!«

»Dein Vater ist, soweit ich weiß, mit Angelika in der Südsee unterwegs. Aber du kannst ihn ja fragen.« Es klingt kalt und mitleidslos.

Ich rufe sofort meinen Vater an.

»Hallo, dies ist die Mailbox von Michael Stadler. Ich bin bis zum dreiundzwanzigsten Mai nicht erreichbar, freue mich aber über eure Nachricht.«

Dass er auch nie da ist, wenn man ihn braucht! Was will er in der gottverdammten Südsee?!

Der Monsterkoffer steht in der Ecke und grinst mich an.

»ICH HASSE DICH!!« Ich versetze dem Koffer einen Fußtritt, sodass er umfällt und ein Stück über den Boden schlittert.

»Marie, bist du von Sinnen? Der hat GELD GEKOSTET!!!«

Ach ja?? Ob ich mich vor meinen Mitschülern mit einem Monsterkoffer lächerlich mache, ist meiner Mutter komplett egal, das Einzige, was für sie zählt, ist, dass dieses Ungeheuer Geld gekostet hat! Ich trete noch einmal zu, und knacksend knickt ein Rad um. Meine Mutter packt mich am Arm, und für einen Moment glaube ich, sie gibt mir eine Ohrfeige, so wütend sieht sie aus. Aber sie beherrscht sich. Ich reiße mich los und laufe aus der Wohnung.

Süleyman, Gülcans Vater, öffnet mir die Tür, sieht mich mitleidig an – mein Gesicht scheint nicht wesentlich anders auszusehen als heute Morgen – und tritt wortlos zur Seite.

Gülcan sitzt an ihrem Schreibtisch, als ich ins Zimmer komme.

Ich lasse mich auf ihr Bett fallen.

»Ich kann einfach nicht mit auf Klassenfahrt kommen! Das halte ich nicht aus!«

Sie setzt sich neben mich und schluchzend lege ich den Kopf auf ihre Knie.

»Vielleicht wird es gar nicht so schlimm …«, sie streichelt mir übers Haar.

»Du bist ja auch nicht verliebt!«

»Vielleicht hilft dir die Klassenfahrt ja, darüber wegzukommen…?«

»Klar!«, schreie ich. »Wenn ich jeden Tag Nelson sehen muss, werde ich natürlich über ihn hinwegkommen!«

Gülcan sagt nichts mehr. Ich kann ihr nicht verübeln, dass sie nicht ohne ihre beste Freundin in die Jugendherberge fahren will.

Ich erzähle ihr von dem grünen Koffer. »Keine Ahnung, wie man auch nur auf den Gedanken kommen kann, so etwas zu kaufen! Hässlich wie die Nacht! Nur, dass Nächte nicht grün sind.«

»Die Nacht ist doch schön!«, sagt Gülcan, völlig am Thema vorbei. »Leila bedeutet auf Arabisch ›Nacht‹.«

Gülcans kleine Schwester Leila steckt den Kopf zur Tür herein. »Wer heißt Leila?«

»Belausch uns nicht!«, sagt Gülcan streng. »Wir haben Sorgen. Lass uns in Ruhe.«

Gehorsam klappt Leila die Tür wieder zu.

Damit Gülcan einsieht, dass es völlig egal ist, welche Metapher ich verwende, um ihn zu beschreiben, muss sie den Koffer einfach selber sehen. Irgendwie muss ich ihr klarmachen, dass es absolut unmöglich für mich ist, mit auf Klassenfahrt zu kommen. Vielleicht bleibt sie ja mit mir in Hamburg, und ich kann die Woche über bei ihrer Familie wohnen …?

Zwanzig Minuten später sind wir bei mir zu Hause in der leeren Wohnung. Meine Mutter ist wohl zu Thomas gefahren.

»Du hast ja mal nicht übertrieben«, sagt Gülcan, als sie Mister Monster sieht. Sie geht um den Koffer herum. »Eine kranke Mischung aus Shrek und Bernd, das Brot, würde ich sagen. Deine Mutter hat echt gar keinen Geschmack. Wie kommt es, dass du welchen hast? Na ja, ansatzweise.«

Dann hat sie eine Idee. »Guck mal, die Augen gehen ab!«

Sie reißt an einem der Plastikaugen. Es löst sich leicht von dem Koffer, das Einzige, was zurückbleibt, ist ein Leimfleck. Dann macht sie das zweite Auge ab, es geht ganz einfach. Ich stehe verblüfft daneben und bewundere ihren Pragmatismus. Auf diesen genialen Einfall wäre ich nie gekommen! Zuletzt holt sie eine Schere und schneidet dem Koffer die grünen Wuschelhaare ab. Abgesehen von dem Grinsemund sieht das Monster jetzt beinahe wie ein normaler Koffer aus. Immer noch zu grün und zu groß, aber doch nur noch halb so auffällig.

»So, jetzt kannst du beruhigt mitfahren!«, verkündet Gülcan, als sie ihr Werk beendet hat.

Einerseits freue ich mich, doch andererseits wollte ich ja gar nicht mitfahren …

»Schade, dass du nicht genauso einfach das Problem mit Nelson lösen kannst«, sage ich, in der Hoffnung, sie kommt vielleicht von selbst darauf, dass es viel besser wäre, wenn wir beide einfach dablieben.

»Du musst loslassen, Marie! Du wirst schon noch den Richtigen treffen. Es gibt doch noch andere tolle Jungs!«

Wenn sie das noch einmal sagt, raste ich mit Sicherheit aus.

8
NELSON

Mama steht mit ihrer Reisetasche im Flur. Auf dem Treppenabsatz steht Herr Yilmaz, der sie zum Bahnhof fährt. Weil ich morgen verreise, fährt sie zu Tante Luisa nach Schwerin. Damit sie nicht alleine ist. Es ist nicht gut für sie, alleine zu sein.

»Mein lieber Junge«, ihre hellroten Haare kitzeln mein Gesicht, als sie mich umarmt. »Hab eine wunderbare Zeit.«

»Danke, Mama. Viele Grüße an Tante Luisa.«

»Vergiss nicht, dir den Wecker zu stellen. Und geh ein bisschen eher los morgen früh, nicht auf den letzten Drücker. Wenn der Zug weg ist, ist er weg.«

Sie küsst mich auf die Wange, dann greift sie ihre Tasche, die Herr Yilmaz ihr aber gleich wieder aus der Hand nimmt. Ich schaue zu, wie sie in den Fahrstuhl gehen. Mama dreht sich noch mal um. Herr Yilmaz drückt den Knopf, der Fahrstuhl schließt sich, und ich bin allein.

In meinem Zimmer steht meine gepackte Tasche. Ganz oben drauf liegt ein Buch. Als Zeichen, dass ich ein neues Leben anfangen werde.

Gestern kam ein Brief von der Schule. In dem Brief stand, dass ich in den vergangenen vier Wochen einunddreißig Stunden unentschuldigt gefehlt habe. Und dass meine Mutter telefonisch nicht erreichbar war.

Mama ist so was Ähnliches wie explodiert. Sie kann das nicht richtig, explodieren, sie ist nicht so der Typ dafür. Aber wenn sie es könnte, dann wäre sie explodiert, definitiv. Sie stand voll unter Schock, als sie mit dem Brief in mein Zimmer kam und fragte, ob ich ihr nicht erzählt habe, dass in der Schule alles in Ordnung ist. Weil sie den Brief hatte, habe ich gar nicht erst angefangen, irgendetwas abzustreiten.

Und dann weinte sie. Weil sie in der Klinik war und sich selber die Schuld dafür gibt, dass ich so viel geschwänzt habe. Da stand mein Entschluss, ein neues Leben anzufangen, schon fest. Trotzdem hat sie mir dann noch von meinem Vater erzählt. »Weißt du, wie dein Vater lernen musste, um ein Stipendium für Deutschland zu bekommen?«

Alter, hab ich mich schlecht gefühlt. Ich schwor, mich zu bessern. Als Beweis nahm ich sofort das Buch aus dem Regal.

Ich fühle mich immer noch schlecht.

Vielleicht hilft es ja, wenn ich gleich anfange mit dem neuen Leben. Vielleicht verschwindet dann mein schlechtes Gewissen.

Also nehme ich das Buch aus der Tasche, lege mich aufs Bett und fange an zu lesen.

Das Buch heißt »Die sonderbare Welt des Christopher Boone«. Ich habe es von Tante Luisa zum Geburtstag bekommen.

Das Buch ist gar nicht so unspannend. Ich werde meine Buchpräsentation in Deutsch darüber halten. Frau Ludwig wird begeistert sein.

Ich bin auf der zwölften Seite, als Hamza anruft. Als er hört, dass Mama schon gefahren ist, kommt er rüber. Bevor er klingelt, stecke ich das Buch wieder in die Tasche. Damit ich es nicht vergesse.

Zwölf Seiten. Das neue Leben macht richtig Spaß.

Hamza bringt seinen Laptop mit, und wir zocken ein paar Stunden.

Es ist schon ziemlich spät, aber wir sind total knapp vor dem nächsten Level. Wir wollen es unbedingt noch schaffen weiterzukommen.

Als Hamzas Mutter zum zweiten Mal anruft, muss er leider gehen.

Ich gucke noch ein bisschen fern, und kurz nach zwölf gehe ich ins Bett.

Ich kann nicht einschlafen. Wenn ich die Augen zumache, sehe ich immer noch die radioaktiv verseuchte Landschaft vor mir, in der Hamza und ich uns gegenseitig aufgelauert haben.

Also denke ich ein bisschen an die Klassenfahrt. Okay, ist es halt Mecklenburg-Vorpommern. Es ist trotzdem die allererste Klassenfahrt für mich. Als die in der Siebten an die Ostsee gefahren sind, war Mama gerade das erste Mal in der Klinik und ich habe ein paar Wochen bei Tante Luisa gewohnt. Und außerdem – das Beste an der Reise ist ja sowieso, dass ich fünf Tage am Stück mit Marie zusammen sein werde! Soweit ich weiß, sind Klassenfahrten der perfekte Zeitpunkt, aus zwei ganz normalen Mitschülern ein Paar zu machen. Das ist es zumindest, was man immer von allen hört. In der 10a gibt es zwei Paare, die auf der Klassenfahrt zusammengekommen sind. Und direkt nach der Fahrt waren es dreimal so viele, mindestens. Plötzlich liefen die alle Hand in Hand herum.

Verdammt, ich wünschte, ich würde es schaffen, nicht über so einen Bullshit nachzudenken. Ich sollte mir gleich eine Zeitschrift für dreizehnjährige Mädchen kaufen und an die Ratgeberecke schreiben. Hilfe, ich bin verliebt! Hilfe, ich hab meine Tage!

Ich drehe mich auf die andere Seite.

Ich bin sowieso nicht schlau genug für sie. Marie ist Einserschülerin in fast allen Fächern. Ist ja nicht einfach so, dass alle sie Streberin nennen! Sie würde jemanden, der auf Dreien stolz ist, nicht mal angucken. Auslachen würde sie den.

Es sticht ein bisschen in meinem Herz, als mir wieder einfällt, dass Hamzas schlechteste Note eine Drei ist. Eine Drei. Er wäre wirklich eher Maries Liga … Ich frage mich, wie sehr man sich darauf verlassen kann, dass er nicht auf sie steht. So was kann sich doch auch ändern?!

Ich muss ihn noch mal fragen, wie er Katharina so fand. Katharina … Irgendwie hatte sie echt auch was. Ich drehe mich wieder auf die andere Seite. Es ist gar nicht lange her, dass ich sie eine ganze Nacht lang im Arm gehalten habe. Ich schließe fest die Augen und versuche, das Gefühl von ihrem warmen, weichen Körper noch mal zu fühlen.

Es funktioniert.

Wie es wohl ist, Marie im Arm zu halten? Genauso? Fühlt sich das mit allen Mädchen gleich an? Oder ist es ganz, ganz anders?

An meinem Körper regt sich was.

Ich stelle mir vor, dass es Marie ist, die ich im Arm halte, und komme um vor Sehnsucht.

Als mein Handy summt, bin ich sicher, dass sie es ist. Auch, wenn es verrückt ist, aber es kann gar nicht anders sein. Meine Sehnsucht hat sie dazu gebracht, mir eine Nachricht zu schreiben.

Endlich.

Mein zweiter Gedanke ist: Bestimmt Katharina. Jetzt meldet sie sich doch noch.

Aber es ist Hamza.

Ich mach die Augen zu und seh Tschernobyl

Is bei mir auch so Digga

Was machst du?

An Frauen denken

Wenn du nur an sie denkst, bleibst du ewig Jungfrau

Sehr witzig. Was machst du?

Nicht an Frauen denken

Wie fandst du Katharina?

Wer ist Katharina?

Alles klar. Schon gut.

Nee, sag mal jetzt

Na die vorm Crush

Ach so. Hat sie dir geschrieben?

Nee

Was interessiert dich das dann?

Danke fürs Gespräch

Immer gern. Also, ich fand sie strange. Ich glaub sie hat ein Schaden

Warum das denn Alter

Hat sie dir geschrieben?

Nee

Deswegen. Alter, was hätte sie ohne dich gemacht? Und dann einfach nicht mehr melden

Hast recht

Gut, dass dus einsiehst Muss jetzt schlafen. Nicht verpennen morgen

Hau rein

Er hat recht. Von wegen, wir sollten uns mal wiedersehen. Gelogen hat sie, so einfach ist es. Ihre ganze Nettigkeit und alles – das war alles einfach nur fake.

9
NELSON

Verdammt! Sieben Uhr dreißig. In diesem Moment sollte ich in eine S-Bahn steigen und gechillt zum Hauptbahnhof fahren! In einer knappen Stunde geht unser Zug!!

Ich Vollhonk hab verpennt.

Drei Minuten später bin ich aus der Wohnung. Der Scheißfahrstuhl steckt mal wieder in der sechsten Etage fest. Vergiss es, Nelson, denke ich, es ist zu spät! Trotzdem rase ich, so schnell ich kann, die Treppe runter.

Wozu hat man Freunde?! Warum hat mich keiner angerufen??

Im Bus checke ich mein Handy – fünf verpasste Anrufe von Hamza. Sorry, Bro. Deine Schuld ist es nicht.

Aber das macht es gerade auch nicht besser.

Wenn ich den Zug verpasse, dann war’s das für mich mit der Klassenfahrt.

Ich bin so derbe wütend auf mich selbst. Wie kann man die erste Klassenfahrt seines Lebens verpassen?!?!

An der S-Bahn-Station drängle ich mich als Erster aus dem Bus. Wie Usain Bolt sprinte ich die Treppe zu den Gleisen hoch. Dort steht eine abfahrbereite Bahn. Ich stürze hinein. Vielleicht schaffe ich es ja doch …

MARIE

Neben dem grünsten Koffer aller Zeiten hocke ich im Bus und beobachte anhand der zahlreichen Hamburger Stadtuhren das Vergehen der Zeit.

Ich werde es wahrscheinlich nicht rechtzeitig zum Bahnhof schaffen, und dieser Tatsache stehe ich völlig gelassen gegenüber.

Nur Gülcan tut mir ein kleines bisschen leid. Sie wird ohne meine moralische Unterstützung Ibo, Jugendherbergsessen und Herrn Zimmermann ertragen müssen.

Aber sie hätte ja auch mit mir in Hamburg bleiben können. Als ich ihr diesen genialen Plan vorschlug, war sie davon nicht im Geringsten begeistert. Im Gegenteil, sie hat sogar versucht, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, weil ich überhaupt auf die Idee gekommen war! Sie sagte, ich soll an Barin denken und froh sein, dass ich mitkommen kann.

Klar tut Barin, die ohne ihren Vater oder älteren Bruder nirgendwo hinfahren darf, mir leid. Aber trotzdem fand ich, dass dieses Argument von Gülcan etwas unpassend war. »Barin darf nicht mitkommen. Ich will nicht mitkommen. Das ist ein Unterschied, finde ich.«

»Sie würde voll gerne mitkommen. Und du hast die Chance dazu!«

»Barin ist auch nicht in Nelson verliebt.«

»Weißt du doch gar nicht. Und lass dir bloß nicht einfallen, alleine dazubleiben! Das macht man nicht als beste Freundin.«

»Ich würde dich nie alleine auf Klassenfahrt fahren lassen, Gülcan.«

Aber wenn ich trotz aller Bemühungen den Zug verpassen sollte, dann ist das eben wahrscheinlich einfach Schicksal.

Mist. Es handelt sich um einen sogenannten Schnellbus, für den im Straßenverkehr Extraspuren eingerichtet sind. Dazu habe ich die Fähigkeit des Fahrers, bei Gerade-noch-nicht-ganz-Rot über Kreuzungen zu rollen, offensichtlich unterschätzt, denn soeben säuselt die Ansage: »Hauptbahnhof. Übergang zum Nah- und Fernverkehr.«

Ich schleppe den grünsten Koffer des Planeten in den Bahnhof – zugegebenermaßen war es eine reichlich dumme Idee, das Rad kaputt zu treten – und die Treppe zu Bahnsteig 8 hinunter. Meine letzte Hoffnung, den Zug vielleicht doch schuldlos verpasst zu haben, schwindet. Lärmend steht meine Klasse am Gleis, und selbst hier oben hört man Ibos raue Stimme heraus.

Nelson allerdings ist nicht dabei.

Gut so. Ich bin froh darüber. Sehr froh sogar. Sogar sehr, sehr, sehr, sehr froh.

Oh, da kommt Nelson. Gegenüber, am anderen Ende des Bahnsteiges, flitzt er die Treppe hinunter.

Hamza und die anderen Jungen laufen ihm johlend entgegen.

Ich stelle mich schweigend zu Gülcan, Theresa und Isabel.

Gülcan fällt mir um den Hals. »Da bist du ja endlich! Wir dachten schon, du kommst zu spät!«

Ich stelle missmutig den grünsten aller Koffer ab. »Ob das so schlimm gewesen wäre …«

Theresa verdreht die Augen. »Mann, Marie! Warum bist du immer so mies drauf?!«

Oh, ich könnte viele Gründe nennen … Der wichtigste schlendert gerade an mir vorbei, inmitten einer Meute durchgedrehter Jungs, die ihn begrüßen wie einen verlorenen Sohn.

Mit einem hässlichen Quietschgeräusch fährt der Zug ein. Meine Mitschüler stürmen die Abteile. Der Monsterkoffer scheint allen im Weg zu sein, doch nichtsdestotrotz gelange auch ich irgendwie in den Zug und finde einen Platz neben Gülcan.

Ich ziehe mir die Kopfhörer auf, schließe die Augen, und überlasse die anderen ihrer guten Laune.

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