Kitabı oku: «Reiseabenteuer: Sonnengeflüster. Zwei Frauen offroad durch Namibia. Eine unvergessliche Safari Reise per Land Rover 4x4 durch Afrika.»

Es gibt Momente im Leben, die so unvergesslich sind, dass sie eine Reise zur Safari deines Lebens machen.

Inhalt
Vorwort von Michael Martin
Alles sprach gegen diese Reise
EINE REISE ZU UNVERGESSLICHEN ERLEBNISSEN
Willkommen in Namibia
Von Hunger und Stärke
Von Nashörnern und Hollywood
Auf ins »Buschmann-Land«
Der Spirit der San
Am Ende des Horizonts
Mythos Etosha
Ins Kaokoland
Im Bann der Himba
Wilhelm auf der Tonne
Ai Aiba
Die Oase im Moon Valley
Mit Zebra Suzi auf Wanderung
Tanz der Giganten
Sossusvlei im Sonnenuntergang
Wasser für den Schakal
Joseph und die Sand-Schieber
Die Geisterstadt in der Wüste
Die Köcherbaum-Farm
Der Geparden-Papa
Sternschnuppen in der Wüste
Frühstück in der Wüste Namib
Ein Traum geht zu Ende
HINTER DEN KULISSEN
Zahlen – Daten – Fakten
Karte und Reiseroute
Namen und Webseiten
Durch die Linse
Die Motivation für diese Reise
Reiseinformationen
Glossar
Danksagung
Die Fotografin · Die Autorin

Die Himba sind die glücklichsten Menschen der Welt – sie kennen keinen Stress.
Rimunikawi Tjipurua, Himba

Immer wieder Namibia
VORWORT VON MICHAEL MARTIN
Als ich vor dreißig Jahren zum ersten Mal durch Namibia fuhr, gab es noch kaum Lodges, Campingplätze und Reiseleiter, die heute das Reisen in diesem Land so einfach und attraktiv machen. Kurz zuvor war Namibia nach langem Bürgerkrieg unabhängig geworden und die Aufbruchstimmung war überall mit Händen zu greifen.
Ich erlebte damals ein Land von großer landschaftlicher Schönheit und Vielfalt, das mit keinem anderen in Afrika zu vergleichen war. Es reichte manchmal eine Stunde Fahrt, um von fruchtbaren Bergregionen durch die Wüste an die raue Atlantikküste zu gelangen, oder von der modernen Hauptstadt Windhoek in verschlafene Nester mit unaussprechbaren Namen im Farmland. Ähnlich erging es mir mit den Menschen, die so unterschiedlich lebten und aussahen und sich doch unter dem Dach der jungen Nation zusammengefunden hatten.
In den Folgejahren bereiste ich das Land mit eigenem Geländewagen, mit angemieteten Fahrzeugen und auf meinem Motorrad. Immer schätzte ich die überschaubaren Entfernungen, die guten Wegweiser sowie Straßen und Pisten ohne Schlaglöcher. Ich genoss romantische Nächte im Windschatten meiner Maschine an der Skelettküste genauso wie das wilde Zelten im Kaokoveld. Nach einem Dutzend Reisen glaubte ich das Land zu kennen – und entdeckte doch immer wieder neue Pisten, die mich in wunderbare Landschaften führten.
Die wirtschaftliche Entwicklung, die Namibia in den letzten Jahrzehnten genommen hat, ist beeindruckend. Vor allem die beiden so unterschiedlichen Bereiche Bergbau und Tourismus trugen dazu bei. Den größten Nutzen davon hat allerdings bis heute die weiße Bevölkerung, denn auch wenn inzwischen eine kleine Mittelschicht in den Städten entstanden ist, leben große Teile der schwarzen Bevölkerung weiter in prekären Verhältnissen.
Wer heute als Tourist durch das Land fährt, wird von den sozialen Problemen wenig mitbekommen, zu dünn besiedelt ist Namibia entlang der klassischen Routen. Der Reisende erlebt vielmehr fantastische Landschaften, wunderschön gelegene Lodges und Campingplätze, gut präparierte Pisten sowie ausgesprochen freundliche und offene Menschen.
Von einer solchen Tour erzählt dieses Buch. Routenführung, Dauer und Fahrzeug unterscheiden sich bewusst nicht groß von den Reisen anderer Touristen. Damit wird deutlich, wie viel man in vier Wochen mit einem gemieteten Geländewagen auf eigene Faust in Namibia erleben kann. Voraussetzung ist, dass man so neugierig und offen durch das Land reist, wie das Sonja Piontek und Carolyn Strover getan haben.
Sonja schreibt in sehr persönlichen Texten von der Begegnung mit interessanten Menschen und von unvergesslichen Erlebnissen in den weiten Landschaften Namibias. Sie vermittelt dem Leser aber auch, in welcher Phase ihrer persönlichen Entwicklung sie sich zu dieser Reise entschlossen hat. Sie wurde dabei von ihrer Freundin Carolyn begleitet, die mit ihrer Kamera immer nah an den Menschen und an der Autorin dran war.
Das Buch macht Lust, lieber heute als morgen in dieses Land aufzubrechen, und ist dabei auch hilfreicher Leitfaden bei der Verwirklichung der Reiseplanung. Ich selbst habe in den letzten dreißig Jahren fast dreißig Fahrten durch Namibia unternommen und ich freue mich darauf, bald wieder dorthin zurückzukehren.
Michael Martin

Alles sprach gegen diese Reise
WO SICH DIE KRAFT POSITIVER GEDANKEN MANIFESTIERT
Wir schreiben das Jahr 2020 – ein Jahr, das wohl die meisten von uns so schnell nicht vergessen werden. Für mich war es persönlich wie auch beruflich das wohl schwierigste meines Lebens. Es war eine Zeit der Verluste, der Tränen und des tiefen Schmerzes. Umso wichtiger war es mir, diesem Jahr ein gutes Ende zu bereiten, wieder Kraft zu tanken und mein Lächeln zurückzugewinnen.
»Lass uns nach Namibia fahren!« Mit diesen Worten rief ich meine langjährige Freundin Carolyn an. Namibia ist seit Langem eines meiner Lieblingsländer – ein Land, in dem meine Seele frei fliegen kann, in dem Reisetage zu einmaligen Erlebnissen werden. In der Weite und dem Licht Namibias fühle ich mich stets besonders glücklich, so, als würde die Sonne dort wohltuende Gedanken in mein Herz flüstern. Carolyn war sofort Feuer und Flamme und innerhalb kürzester Zeit schmiedeten wir Pläne. Es war immerhin schon Oktober, im November sollte die Reise losgehen. Trotz COVID-19. Trotz der unzähligen Restriktionen. Trotz des fast nicht existenten internationalen Reiseverkehrs. Und trotz der Tatsache, dass wir beide dieses Jahr nun wirklich alles andere als schwarze Zahlen geschrieben hatten. Ja, trotz alledem. Auch wenn es nicht einfach werden würden. Aber es war an der Zeit, wieder frei zu atmen, meine positive Energie zurückzugewinnen und in den letzten Wochen dieses schwierigen Jahres eine besondere Reise zu erleben.
Inmitten der Pandemie nach Namibia zu reisen und innerhalb von drei Wochen einen Buchvertrag zu unterzeichnen, erschien fast unmöglich – aber eben nur fast.
Carolyn und ich lernten uns vor Jahren in Singapur kennen. Ich arbeitete damals noch als Marketing-Direktorin für BMW Asia, Carolyn lebte seit vielen Jahren als Fotografin in Singapur. Damals begann unsere regelmäßige Zusammenarbeit und über die Jahre hindurch entwickelte sich daraus eine herzliche Freundschaft. Während der schwierigen Monate 2020 hatte sie mir eng zur Seite gestanden – um so glücklicher war ich, diese Reise gemeinsam mit ihr zu unternehmen.
Und da sind wir nun zwei Wochen vor Abreise mit langen Aufgabenlisten und all den notwendigen Abstimmungen und Arrangements. Dazu gehört auch: Wir brauchen ein adäquates Geländefahrzeug. Die Wahl fällt klar auf einen Off-Road-Klassiker: den Landrover. Die Herausforderung: In ganz Namibia hat keiner, aber auch wirklich keiner der Vermieter diesen Wagen in seiner Flotte.
»Geht nicht« habe ich jedoch bereits vor vielen Jahren aus meinem Vokabular gestrichen. Ersetzt man nämlich »Geht nicht!« durch die einfache Frage »Wie könnte es gehen?«, eröffnen sich unerwartete Möglichkeiten. Und so haben wir nach einigen Tagen, unzähligen E-Mails, WhatsApps und Telefonaten wirklich unseren Wagen an der Hand.
Ziehen wir Bilanz, was bezüglich unserer Reise in weniger als einem Monat geschehen war:
›Knappe vier Wochen vor Abflug: die Entscheidung, im November auf eine Reise nach Namibia zu gehen. Am selben Tag: Zusage von Carolyn, dass sie dabei ist.
›Drei Wochen vor Abflug: Reiseroute steht und alle notwendigen Arrangements laufen.
›Dreizehn Tage vor Abflug: Fotogenehmigung und Arbeitsvisum sind beantragt.
›Zwei Tage vor Abflug: Beide PCR-Tests gemacht … und ein kurzes Stoßgebet gen Himmel geschickt.
›Ein Tag vor Abflug: Beide PCR-Tests kommen mit dem Vermerk »negativ« zurück.
›Am Tag des Abflugs: Unterzeichnung des Buchvertrags. Was für ein phänomenales Timing für ein bereits jetzt so spannendes und dynamisches Projekt.
Es kann losgehen, Carolyn und ich sind mehr als bereit für diese Tour, die das Jahr 2020 zu einem positiven Abschluss bringen soll. Wie ihr das gelingt, davon in den nächsten Kapiteln mehr.

Sonja Piontek

Verbanne den Ausdruck ›Geht nicht!‹ aus deinem Wortschatz und ersetze ihn durch die simple Frage ›Wie könnte es denn gehen?‹. Das eröffnet ungeahnte Möglichkeiten und Kräfte.
Eine Reise zu unvergesslichen Erlebnissen

Willkommen in Namibia
WO EINE EINZIGARTIGE TOUR IHREN ANFANG NIMMT
Wir sind unterwegs! Entgegen aller Widrigkeiten haben wir es geschafft, die Tristesse dieses belastenden Jahres hinter uns zu lassen und auf dem Weg zu einer schon jetzt außergewöhnlichen Reise zu sein. Der Flieger ist erstaunlich voll. Dies liegt jedoch weniger an hohen Touristenzahlen als vielmehr daran, dass wir in einer der wenigen Lufthansa-Maschinen sitzen, die aktuell überhaupt alle paar Tage in Richtung Namibia unterwegs sind.
Viele unserer Freunde waren erstaunt, dass wir inmitten der globalen Pandemie reisen wollen, und dann noch nach Afrika. Viel zu gefährlich! Aber genau das ist es eben nicht – oder zumindest war dies so zur Zeit unserer Reise. Wahrscheinlich lag das neben einem guten und früh etablierten Sicherheitskonzept vor allem daran, dass Namibia eines der am dünnsten besiedelten Länder der Welt ist. Mit nur knapp 2,5 Millionen Einwohnern auf einer Landesfläche von 825 000 Quadratkilometern (Deutschland im Vergleich: 83 Millionen auf 357 000 Quadratkilometern) ist Namibia einfach nur groß und leer. Da tat sich damals selbst das Virus schwer.

Auf der Safari-Lodge Okapuka treffen wir alte Freunde und gehen gleich am ersten Tag mit Ingeborg auf Safari-Ausritt zu den Giraffenherden im Busch. Begegnungen mit neugierigen Warzenschweinen (links) gehören auch dazu.
Die Ankunft am Hosea Kutako International Airport von Windhoek gestaltet sich ausgesprochen angenehm, erstaunlich ruhig und in Bezug auf die Restriktionen und zusätzlichen Checks wirklich gut organisiert. Mit einem herzlichen »Welcome to Namibia« gibt uns der Grenzbeamte die gestempelten Pässe zurück. Es kann losgehen, jetzt sind wir wirklich da!
Vom Flughafen geht es direkt zu Land Rover, um unseren Geländewagen abzuholen. Wanjo, der lokale Mitarbeiter begrüßt uns mit einem freudigen Lächeln und führt uns gleich in den Hof.



Der beste Weg zur Heilung ist die Kreation tiefer Glücksmomente.

Da steht er, unser Discovery, frisch geputzt und in voller Pracht, mit zweitem Ersatzrad, zwei leuchtend gelben 20-Liter- Dieselkanistern, Sandblechen und Spaten auf dem Dach – ein cooles Bild. Mit der so typisch namibischen Gelassenheit macht Wanjo mit uns nach dem obligatorischen Smalltalk die technische Einweisung. Ich hatte ihn gebeten, uns zusätzlich noch einen Kompressor, ein Reifen-Reparatur-Set und einen Kühlschrank mitzugeben. Gerade der Kompressor ist wichtig, so können wir für entsprechende Geländepassagen getrost den Reifendruck herunterlassen und ohne Stress wieder selber aufpumpen – egal wo wir sind und wie weit entfernt die nächste Tankstelle ist.
Vernünftiges Material und die entsprechende Ausstattung sind gerade in Namibia im Gelände oft »kriegsentscheidend« und wir sind mit unserem Setup sehr zufrieden. Naja, der Kühlschrank ist natürlich nicht »kriegsentscheidend«, aber ein Luxus, den Carolyn und ich uns sehr gern gönnen. Wer sieht schon fröhlich dabei zu, wie seine Schokolade bei über 40 Grad wegfließt? Wir zumindest nicht. Damit also die Schokolade in unseren Koffern nicht schmilzt, müssen wir schnell los, zur Okapuka Lodge, einem afrikanischen Safari-Paradies vor den Toren Windhoeks. Die Lodge liegt am Fuße der Otjihavera-Berge und verzeichnet auf ihren rund 10 000 Hektar Land Hunderte von Giraffen, außerdem Nashörner, Geparden, Antilopen, Krokodile, Zebras und noch vieles, vieles mehr. Für mich ist Okapuka vor allem ein Zuhause fernab der Heimat. Jede meiner Namibiareisen, ob beruflich oder privat, starte und beende ich an diesem Fleckchen heiler Welt.
Beim Reiten im Busch, beim Sundowner auf der einladenden Terrasse, auf den Safaris und mit dem Zirpen der Zikaden verblasst der Stress des Alltags und das Herz kommt an in Afrika.

Eine Safari-Lodge mit 10 000 Hektar Land und unzähligen Wildtieren zu führen, bedeutet vor allem, dass es im Hintergrund ein Team kompetenter Mitarbeiter geben muss. Neben dem Service-Personal und den Guides arbeiten auf Okapuka Mechaniker, Maschinenführer, Wildhüter und viele mehr.

In den goldenen afrikanischen Sonnenuntergang zu galoppieren ist, als würde die Seele lernen, frei zu fliegen.
Der Erste, der uns auf Okapuka mit einem wahren Freudentanz begrüßt, ist Doggos, der Hund von Ingeborg. Der kleine Kerl ist alt geworden, aber die Lebensfreude strahlt nach wie vor aus seinen runden Äuglein. Ingeborg ist Norwegerin und lebt seit knapp zwei Jahrzehnten glücklich in Namibia. Gleich nach ihrem ersten Besuch beschloss sie, in Europa die Zelte abzubrechen und ihre Konzernkarriere aufzugeben. Kurz darauf kam sie mit nicht viel mehr als einem Koffer und einem Traum nach Afrika.
Heute leitet Ingeborg Okapuka Horse Safaris – ein Gestüt der ganz besonderen Art. Sie züchtet reinrassige Araber und begeistert ihre internationalen Gäste mit Safari-Ausritten in den namibischen Busch sowie der Teilnahme an nationalen Langstreckenrennen auf ihren top trainierten Arabern. Über die Jahre ist diese inspirierende Frau, die so sehr an Karen Blixen aus »Jenseits von Afrika« erinnert, zu einer engen Freundin geworden, und ich kann es kaum erwarten, zum Sonnenuntergang gemeinsam auszureiten.
Davor heißt es aber, George zu begrüßen, einen weiteren engen Freund, den auch Carolyn bei ihrem Besuch Anfang des Jahres tief ins Herz geschlossen hat. George ist ein außergewöhnlicher Mensch, der bewiesen hat, dass man im Leben – ungeachtet seiner Herkunft – mit der richtigen Einstellung und mit Mut ungeheuer viel erreichen kann. Aber dazu im nächsten Kapitel mehr.

Nachdem wir unsere geräumigen Zimmer bezogen haben, gönnen wir uns auf der Terrasse von Okapuka einen ersten fruchtig-frischen Guavensaft – kaum ahnend, dass dies das Getränk unserer Tour werden wird. Es fühlt sich gut und richtig an, an diesem 20. November 2020 wieder hier zu sein, in die vielen bekannten und strahlenden Gesichter zu sehen, alle zu begrüßen und auszutauschen, wie es jedem Einzelnen nach diesem schwierigen Jahr geht.
Langsam neigt sich unser erster Tag in Namibia dem Ende zu. Zeit für Carolyn und mich, die Reitsachen anzuziehen und gemeinsam mit Ingeborg in die afrikanische Steppe zu galoppieren. Der Freiheit entgegen und weg von der Belastung der letzten Monate, auf dem Weg in ein neues Lebensgefühl – voller Glück, Zufriedenheit und Leichtigkeit.
Die Ausritte mit Ingeborg auf Okapuka sind jedes Mal von Neuem ein Highlight: Das unbeschreibliche Gefühl, auf einem Pferd in eine Herde Giraffen einzutauchen – förmlich eins zu werden mit diesen eleganten Riesen aus einer so fremden und inzwischen doch so vertrauten Welt. Die neugierigen Blicke dieser friedlichen Wildtiere zu erwidern und zu spüren, dass sie uns in ihrer nächsten Nähe dulden, solange wir nur ruhig und auf unseren Pferden bleiben. Welch unglaubliches Erlebnis! Auch unzählige Springböcke sehen wir auf diesem Ausritt, die seltenen Säbelantilopen, Kudus, Elands, Zebras, Warzenschweine und eine Herde Impalas. Für unseren Willkommens-Sundowner verweilen wir unter einem einladenden Akazienbaum und genießen einfach nur den Moment. Viel sprechen wir nicht. Es liegt eine besondere Ruhe und Kraft in der magischen Stunde des afrikanischen Sonnenuntergangs. Willkommen in Namibia! 

Am Fuße der Otjihavera-Berge und nur eine halbe Stunde vor den Toren Windhoeks liegt die von österreichisch-stämmigen Namibiern geführte Okapuka Ranch. Mit den vielen Wildtieren und dem wunderschönen Buschland ist sie ein wahres Safari-Paradies.

Es liegt eine besondere Ruhe und Kraft in der magischen Stunde des afrikanischen Sonnenuntergangs.
Ingeborg Hernes, Besitzerin Okapuka Horse Safaris

Es kommt nicht darauf an, woher man stammt. Das Leben gibt uns allen die Möglichkeit, dorthin zu gehen, wo wir möchten.
George Kaingob, erfahrener Safari-Guide
Von Hunger und Stärke
WO GEORGE KAINGOB VON SEINEM LEBEN ERZÄHLT
Ich wurde von meiner Mutter großgezogen, mein Vater war nicht bei uns, als ich aufwuchs. Aber meine Mutter und älteren Brüder waren für mich da. Es gab Tage, da hatten wir nichts zu essen und auch keine vernünftigen Anziehsachen, aber zumindest ein Dach über unserem Kopf. Meine Mutter tat ihr Möglichstes, um ausreichende Mahlzeiten und frisches Trinkwasser auf den Tisch zu bekommen. Meist hatten wir keinen Strom, also erledigten wir unsere Aufgaben, solange es hell war. Zum Wasserholen mussten wir mehrere hundert Meter laufen, um Brennholz zu finden sogar einige Kilometer. Aber dann konnten wir Feuer machen und kochen, ab und zu auch Wasser erwärmen für ein Bad. Im Winter war es sehr kalt. Unser Haus war nicht sehr groß, sodass ich mir mit meinen Geschwistern ein Zimmer teilen musste. Wir hatten ein breites Bett, in dem wir alle gemeinsam schliefen. Wenn es regnete, tropfte das Wasser durch unser Dach und es wurde unerträglich kalt. Jede zweite Nacht gingen wir hungrig zu Bett.
Unsere Mutter arbeitete mehrere Tage die Woche, aber das Geld reichte meist nicht für mehr als einfaches Maismehl. Wir nennen den daraus gekochten Brei Pap. An guten Tagen hatten wir ein wenig Zucker, den wir zu dem Brei mischen konnten. So aufzuwachsen, war kein Spaß. Ich erinnere mich an einen Abend, an dem meine Mutter uns zu unserem Vater schickte, um nach Essen zu fragen. Meine Schwester weinte, also nahmen wir die Abkürzung durch den Fluss. Aber wir waren barfuß und im Fluss lagen viele Scherben und Dornen. Mutter tat alles, damit wir die Schule schafften. Als ich meinen Abschluss gemacht hatte, sah ich mich nach Arbeit um und bekam einen Job auf der Okapuka Lodge, wo auch mein Vater arbeitete. Ich begann als Wachmann am Eingangstor, aber das war nichts, was ich mein Leben lang machen wollte. Es war so langweilig.

Der sympathische Namibier George ist ein inspirierendes Vorbild dafür, wie man seine Chancen nutzt – auch wenn diese scheinbar gering sind – und mit uneingeschränktem Willen für ein besseres Leben kämpft.

George und Sonja kennen sich seit vielen Jahren. Heute verbindet die beiden eine enge Freundschaft und George arbeitet regelmäßig als lokaler Co-Host für Sonja.
Eines Tages fragte ich den Besitzer der Lodge nach einem anderen Job. Auf der Lodge sind viele Wildtiere, und ich liebe die Arbeit mit Tieren. Ich bekam eine neue Chance und arbeitete schon bald hinter der Bar und als Fahrer für die Mitarbeiter. Bald darauf fragte ich meinen Boss, ob ich einen game drive, also eine geführte Safari mitmachen dürfte. Ich wollte sehen, wie es geht, da ich so gern mit Tieren arbeiten wollte.
Wildtiere sind einzigartige Kreaturen, ihre Überlebensstrategie und ihre Anpassungsfähigkeit beeindrucken mich. Mein Boss sagte: »Okay, du kannst morgen mitkommen.« Am nächsten Tag war ich sehr aufgeregt und es wurde wirklich eine interessante Safari. Ich kaufte mir daraufhin einige Bücher über Tiere, Pflanzen und Vögel, und lernte in den Wochen danach alles, was darin stand. Dann sagte ich dem Besitzer von Okapuka, dass ich bereit wäre. Er schickte seinen Sohn mit mir gemeinsam los, der beobachten sollte, wie ich mich anstellte. Ich war sehr nervös, aber der Sohn meinte, ich solle einfach ich selbst sein. Doch das war in diesem Moment sehr schwer.
Wenig später durfte ich selbstständig die ersten game drives durchführen – ich war überglücklich und stolz. Ich arbeitete nach wie vor hinter der Bar und traf Menschen aus der ganzen Welt. In dieser Zeit fing ich an, mich für die deutsche Sprache und Kultur zu interessieren. Ich kaufte mir ein Buch »Deutsch in 30 Tagen«, dazu gehörte eine CD, die ich fortan ständig hörte. Wenn sie Zeit hatte, half mir eine gute Freundin mit dem Vokabular und der Grammatik. Sie und die österreichischen Besitzer der Lodge waren sehr hilfsbereit.
Die meisten Gäste, die nach Namibia kommen, sind Deutsche, das war für mich extrem spannend – nun konnte ich mit ihnen in ihrer Sprache sprechen! Nach nur einem Jahr lernte ich einen sehr netten Deutschen kennen, der mich in sein Land einlud, sodass ich meine Sprachkenntnisse verbessern konnte. Ein fremdes Land zu besuchen und eine andere Kultur kennenzulernen war das Beste, das mir je im Leben passiert ist! Als ich nach Namibia zurückkam, beurteilte ich viele Dinge anders – ich hatte nun eine breitere Perspektive und gesehen, wie Dinge in einem anderen Teil der Welt gemacht werden. In Okapuka lernte ich auch das Team der BMW Driving Experience kennen, die von hier aus regelmäßig ihre Kundentouren starteten. Jeder junge Mann liebt BMW. Wieder fragte ich meinen Boss, ob ich sehen dürfte, wie diese Autos in den Bergen und im Gelände fahren würden. Selbst an meinen freien Tagen stand ich ganz früh auf, um mit dem Team die Autos vorzubereiten, sie zu waschen, die Reifen zu wechseln und den Mechanikern mit den Werkzeugen zu helfen – einfach um dabeizusein und zuzupacken, wo immer ich konnte.

George Kaingob
Ein paar Monate später durfte ich die erste Tour begleiten – als helping hand. Nur zwei Jahre später war ich ein fester Teil des Teams und fortan als lokaler Co-Instructor mit dabei. Ich bin so glücklich darüber und freue mich auf jede Tour.
Wenn ich meine Geschichte neu schreiben sollte, würde ich nichts ändern. Die vielen Herausforderungen haben mich gelehrt, dankbar zu sein und das zu schätzen, was ich habe. Ich habe sehr hart gearbeitet, um dahin zu kommen, wo ich heute bin. Ich bin ein verantwortungsvoller und fleißiger junger Mann und offen dafür, jeden Tag Neues zu lernen.

Eine Safari im Sonnenuntergang ist reinster Balsam für die Seele.
Von Nashörnern und Hollywood
WO KLAR WIRD: AUF DEM SOFA ERLEBT MAN NIX!
Unvergessliche Momente erlebt man nicht auf der Couch – dafür muss man schon raus in die Welt. Und raus aus den Federn – am besten frühmorgens! Wir haben uns mit Ingeborg zum Sonnenaufgangs-Ausritt verabredet und wollen in einen Bereich von Okapuka reiten, der bekannt ist als game camp. Mit ein wenig Glück bekommen wir sogar Nashörner zu Gesicht, denn vier erwachsene Tiere und ein Baby leben in diesem Gebiet der riesengroßen Farm. Um die wertvollen Tiere vor Wilderern zu schützen, hat Okapuka einen Rund-um-die-Uhr-Bodyguard-Service eingerichtet. Da Wilderei in Namibia leider nach wie vor ein Thema ist, haben die Lodgebesitzer kaum eine andere Wahl, zu unschön wäre ein Verlust der seltenen Tiere. So schneiden viele Besitzer ihnen entweder die majestätischen Hörner ab oder machen es wie die Farmer von Okapuka und entscheiden sich trotz der enormen Kosten für die Variante »persönlicher 24/7 Bodyguard«.

Geparden zählen zu den elegantesten Großkatzen der Welt und die fast ausgestorbenen Säbelantilopen zu den seltensten Antilopenarten. Die rund 10 000 Hektar große Okapuka Ranch beherbergt beide Spezies sowie viele andere Wildtiere, darunter auch elegante Giraffen.
Um die Nashörner bestmöglich fotografieren zu können, steigt Carolyn schweren Herzens nicht mit aufs Pferd, sondern fährt mit Ingeborgs Mitarbeiter »V« im Landi raus in den Busch. Und wirklich: Wir haben großes Glück. Nach nur einer halben Stunde sichten wir das erste Nashorn – und kurz darauf den gesamten Clan. Ruhig grasend stehen diese respekteinflößenden Tiere im morgendlichen Sonnenschein. Doch unterschätzen dürfen wir die vermeintlich so friedliche Idylle in keinem Fall – das könnte äußerst gefährlich sein.



Gleich fünf Nashörner leben auf Okapuka – sich ihnen auf dem Pferderücken zu nähern, gleicht einem Adrenalinstoß mit Gänsehautfaktor.
Ingeborg und ich halten auf den Pferden gebührenden Abstand und bleiben in respektvoller Aufmerksamkeit. Ich gebe zu, ich bin ein bisschen nervös und beobachte die Nashörner mit höchster Achtung und der Bereitschaft, sofort abzudrehen. Carolyn und »V« kommen im Fahrzeug ein wenig näher an die Urzeit-Riesen heran. Minuten voller Ehrfurcht, magischer Ruhe und tiefer Dankbarkeit vergehen. Dann geht alles ganz schnell. Ein Geräusch im Busch irritiert die leitende Nashornkuh. Ihr Schwanz schnellt nach oben, mit dem Fuß scharrt sie wütend im Staub. Die Stimmung ist in Bruchteilen einer Sekunde zum Zerreißen angespannt. Ingeborg vermittelt mir in wenigen sehr klaren Worten, jetzt unbedingt ruhig zu bleiben und nicht loszugaloppieren. Und so entfernen wir uns mit rasendem Herzen und unsäglich langsamem Schritt.
Carolyn und »V« bleiben vorerst, wo sie sind. Noch ist alles okay. Doch Mama Nashorn ist wahrlich nicht erfreut. Dann rennt sie plötzlich los. Nicht in die Richtung des Geräusches im Busch, sondern direkt auf Carolyn und »V« zu. Das zweite Weibchen und der Bulle folgen der wütenden Dame – drei ausgewachsene Nashörner nehmen direkten Kurs auf das Auto. Ein kritischer Moment, wenn auch für Carolyn die perfekte Foto-Gelegenheit.
»V« reagiert äußerst souverän und fährt zügig, aber nicht hektisch aus der Situation heraus. Mama Nashorn läuft noch einige Meter schnaubend hinter dem Auto her, doch dann beruhigt sie sich. Carolyn hat den perfekten Schuss im Kasten und strahlt über die einmalige Chance: »Chased by the lady boss! – Von der Chefin gejagt!« Wer hätte gedacht, dass unser zweiter Tag in Namibia bereits kurz nach Sonnenaufgang solch außergewöhnliche Erlebnisse für uns bereithält …
Der Nachmittag beschenkt uns mit einem weiteren Highlight. Noch am Flughafen in München – nur Minuten vor dem Abflug – hatte ich einen Anruf aus Moskau bekommen, von einer mir bis dahin unbekannten Frau namens Anna mit einer Buchungsanfrage als Motivations-Rednerin für die »Global Impact Conference«. Klang sehr interessant. Wann denn dieses virtuelle Event stattfinden würde? Anfang Dezember, die Studioaufzeichnung müsste in den nächsten zwei Wochen im Kasten sein. Oha … ich war grade auf dem Weg nach Namibia. Mit äußerst schlechter WLAN-Verbindung, definitiv keinem Studio-Setup und einem sowieso schon enorm straffen Programm. Wie genau sollten wir das also hinbekommen und diese tolle Chance realisieren? In solchen Situationen hilft eigentlich nur: völlige Transparenz, Offenheit und Flexibilität beim Finden einer Lösung und eine 100-prozentig positive can do-Einstellung aller Beteiligten. Anna und ich lachten kurz über diese vertrackte Situation, doch rasch war klar, dass wir genau eine Chance hatten: Ich würde den Flug nutzen, um die Rede vorzubereiten, und Anna würde in der Zwischenzeit irgendwie ein Filmteam in Namibia organisieren, das die Aufzeichnung an eben diesem zweiten Tag in Okapuka vornehmen könnte. Mit diesem Plan verabschiedeten wir uns.

Von den mächtigen Urzeitriesen verfolgt zu werden, ist durchaus ein kritischer Moment.
Unvergessliche Momente erlebt man nicht auf dem Sofa – dafür muss man schon raus in die Welt. Und raus aus den Federn!


Und in der Tat: Anna schaffte es, nicht nur irgendein Filmteam aufzutreiben, sondern gleich Joel Haikali, Namibias bekanntesten Filmemacher. Und so verbringen wir den zweiten Nachmittag in Namibia damit, in Okapuka ein provisorisches Filmstudio aufzubauen, den faszinierenden Joel kennenzulernen und zwischen einem Hornissenstich des Kameramanns, dem völligen Umbau der Billard Lounge, unzähligen Tonchecks und viel Gelächter meine Rede aufzunehmen. Nicht nur ich bin erstaunt, auf welch professionellem Niveau Filmproduktionen in Namibia bereits stattfinden.


Mit Namibias bekanntestem Filmemacher Joel Haikali in der Okapuka Lodge bei der improvisierten Aufnahme einer Motivationsrede für einen russischen Kunden. Eine herzliche Einladung zu traditionellen namibischen Köstlichkeiten vom Grill.
Wenn so ein Tag eines verdient, dann einen adäquaten Abschluss, so viel ist klar. Und darum freuen wir uns riesig über die Einladung zum traditionellen Braai bei Adam und Sheree, zwei engen Freunden von Ingeborg, die in der Nähe von Okapuka leben. Die selbstverständliche Herzlichkeit, mit der wir bei diesem so fröhlichen Grillabend willkommen geheißen werden, ist überwältigend. Ein bereits phänomenaler Tag kommt zu einem Abschluss voller Lachen, Leichtigkeit – und regionalen Leckereien. 

In der schier endlosen Weite Namibias ist es wichtig, gut vorbereitet zu sein. Neben einem Besuch des Wood Market in Okahandja werden demnach auch die Dieselkanister auf dem Dach befüllt. Das nächste Highlight ist der gewaltige Hoba Meteorit, der einst zufällig von einem Farmer beim Pflügen entdeckt wurde.
Auf ins »Buschmann-Land«
WO LIEBE AUF DEN ERSTEN BLICK EXISTIERT
Die beiden ersten Tage auf Okapuka haben uns ein ganz besonderes Ankommen in Namibia beschert, doch jetzt ist es Zeit, auf Tour zu gehen. In den frühen Morgenstunden verlassen wir die Farm am Fuße der Otjihavera-Berge und begeben uns auf die über 500 Kilometer lange Fahrt nach Fiume, einem winzigen Nest inmitten des sogenannten »Buschmann-Landes« östlich der kleinen Stadt Grootfontein.
Um sicher in der endlosen Weite Namibias unterwegs zu sein, füllen wir nicht nur den Tank randvoll, sondern auch die beiden Ersatzkanister auf dem Dach, prüfen erneut den Reifendruck und kaufen genug Wasser und Snacks, um gewappnet zu sein, falls es irgendwo einmal nicht weitergeht. Wobei die Unmengen an Snacks wohl eher fürs Wohlergehen während der Fahrt sind, wenn wir ganz ehrlich sind.
In Okahandja halten wir kurz auf dem Wood Market, Namibias berühmtestem Markt für Kunsthandwerk, Schnitzereien und Souvenirs. Während ich für meine Cousine Inge kleine geschnitzte Holzlöffel erstehe, fotografiert Carolyn eine Himba-Frau mit ihrem bildschönen Kind. Wir sind die einzigen Besucher auf dem sonst so belebten Markt – die Auswirkungen von Corona und der fast völlige Einbruch des Tourismus sind auch hier deutlich zu spüren. Viele hier berichten, seit Wochen nicht ein einziges Stück verkauft zu haben, absolut nichts. Trotz der verzweifelten Situation liegt eine – beschreiben wir sie vielleicht am besten als semi-resignierte – Herzlichkeit in der Luft.


Sowohl die traditionell gekleidete Himba-Mutter mit ihrem Kind als auch der Nachwuchs des »Meteoriten-Wärters« freuen sich besonders während der Corona-Pandemie über jeden Besucher.
Seit Stunden sind wir bereits unterwegs. Die heutige Tagesetappe ist lang, dennoch genießen wir die Fahrt. Zumal es recht zügig vorangeht, da wir primär auf Teerstraßen unterwegs sind – ein echter Luxus in Namibia, denn trotz der recht gut ausgebauten Infrastruktur sind noch nicht einmal 20 Prozent der Straßen des riesigen Landes asphaltiert. Irgendwann, nach etlichen Stunden Fahrt, sehe ich das Hinweisschild Richtung Hoba-Meteorit. Zwar bedeutet der Besuch dieses nationalen Denkmals einen Umweg auf unserer sowieso schon langen Fahrt, doch Carolyn und ich sind uns einig: Eine kleine Pause am größten je auf Erden gefundenen Meteoriten tut uns bestimmt gut. 50 bis 60 Tonnen wiegt der imposante Eisengigant, dessen Alter auf 190 bis 410 Millionen Jahre geschätzt wird und der vor rund 80 000 Jahren auf der Erde einschlug. Kaum vorstellbar, und doch liegt er hier so real vor uns.
In Grootfontein beschließen wir, dass es endlich Zeit wäre für ein warmes Essen, doch außer einem Fastfood-Restaurant finden wir nichts. Na gut, dann eben frittierte Hühnerbeine und Pommes, besser als noch eine weitere Tüte Chips. Während wir an der Theke des »Hungry Lion« unsere Bestellung aufgeben, nähert sich ein kleiner, sehr arm wirkender Junge. Er hat Hunger, das ist ihm gleich anzusehen. Doch er ist in seiner Annäherung sehr vorsichtig, ja fast schon scheu.

Wir möchten nichts falsch machen und fragen die Mitarbeiterin hinter der Theke, ob es okay sei, ihm etwas zu essen zu kaufen. Nachdem sie das mit einem klaren Kopfnicken bejaht hat, bitten wir ihn, näher zu kommen. Doch er traut sich nicht so recht. Begleitet von der Verkäuferin, die seine Sprache spricht, kommt er schließlich zum Tresen. Was er denn bestellen möge? Vor ihm locken die Werbetafeln mit leckeren, großen Menüs. »Ein Hühnerbein mit kleinen Pommes«, erwidert er mit leiser Stimme. Mehr nicht. Wir sind gerührt von seiner Bescheidenheit. Alles, wirklich alles hätten wir erwartet, aber nicht so eine Genügsamkeit von einem hungrigen Kind. Wir lächeln ihn an und sagen unserer »Dolmetscherin«, dass sie bitte nicht eins, sondern drei Hühnerbeine, eine große Portion Pommes Frites und eine Literflasche Cola für ihn bereitmachen soll. Er strahlt übers ganze Gesicht, als sie das für ihn übersetzt. Es ist uns bewusst, das dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Dennoch sind wir einfach glücklich, diesem bezaubernden kleinen Jungen an diesem Tag mit einer winzigen Geste eine so große Freude bereiten zu können. Und so ist die Freude auf unserer Seite vermutlich mindestens genauso groß. Das ist das Schöne am Geben – wer von Herzen gibt, bekommt unendlich viel zurück.

Unser Ziel für die Nacht ist das Fiume Bush Camp, eine in ihrer Einfachheit recht reizvolle Unterkunft am gefühlt hintersten Ende der Zivilisation. In Fiume geht es nicht um Schnelligkeit, WLAN oder irgendeinen Luxus. Hier geht es um das Erleben des Busches, das Zusammentreffen mit den lokal ansässigen San, um absolute Ruhe, Freiheit und das Herunterkommen vom Stress der modernen Welt.

Beim Hoba-Meteoriten wird Kommunikation groß geschrieben.
Es regnet nicht oft in Namibia, doch ab und an zeigen die Wettergötter in der »Regenzeit« ihre geballte Macht in Form spektakulärer Wolkenformationen und beeindruckender Platzregen.

So unglaubwürdig wie wahr: Der deutschstämmige Farmer Jörn und seine polnische Frau Oliwia haben sich über die deutsche TV-Dating Show »Bauer sucht Frau – international« kennengelernt.
Auch hier sind wir die einzigen Gäste – das Coronavirus fordert selbst in den entlegensten Winkeln der Erde seinen Tribut. Doch Jörn, der deutschstämmige Eigentümer der 10 000 Hektar großen Farm, lässt sich nicht kleinkriegen von der globalen Pandemie. Er hat in diesem so turbulenten Jahr umgesattelt auf Brennholzproduktion aus dem riesigen, wild wuchernden Busch. 50 Männer arbeiten jetzt für ihn. Ob es genug Holz im Busch gebe, wollen wir wissen. Auf diese Frage lacht Jörn nur, der Busch wäre so voll von Holz, das reiche für eine halbe Ewigkeit.
Jörn ist ein außergewöhnlicher Mann. Der Namibier deutscher Herkunft ist auf der Fiume Farm aufgewachsen und spricht von Kindheit an fließend die für uns so fremdartige Klicksprache der San. »Ich bin mit den Buschmännern – wie wir sie damals noch bezeichnet haben – groß geworden. Mit fünf Jahren sprach ich genauso gut Deutsch wie Buschman«, erzählt uns der gelassene junge Farmer, als wäre es das normalste der Welt. Noch heute habe er eine sehr enge und freundschaftliche Beziehung zu dem Volk der San. Gerade der Stamm, mit dem wir den kommenden Tag verbringen werden, liegt ihm sehr nahe, das spüren wir sofort. Besonders als er uns den Medizinmann vorstellt, einen unglaublich faszinierenden Mann – aber dazu später mehr. Kurz vor dem Abendessen lernen wir noch Oliwia kennen, Jörns polnische Frau, die uns in ganz leichtem Akzent mit einem herzlichen »Willkommen in Fiume« begrüßt. Wie kommt eine deutschsprachige Polin zu einem deutschstämmigen Bauern am Ende der Welt? Wie? Die Antwort überrascht uns nicht schlecht. Amor war im Fall der beiden kein anderer als die erfolgreiche deutsche TV-Kuppelshow »Bauer sucht Frau«. Jörn bewarb sich vor knapp drei Jahren bei dem Format – wohl wissend, dass ihm die Ersehnte wohl kaum in der Weite des struppigen afrikanischen Busches über den Weg laufen würde. Er nahm sein »Bewerbungsvideo« auf, und das wurde im Rahmen der internationalen Sondersendung ausgestrahlt. Und dann hieß es warten, bis die ersten Bewerberinnen sich meldeten und der Sender die gesammelten Liebesbriefe und Fotos per E-Mail auf die Reise nach Namibia sandte. Richtig aufgeregt war Jörn, als die erste E-Mail eintraf.
Doch Stunde um Stunde wurde die Aufregung weniger, denn bei der erbärmlich langsamen Internetverbindung in Fiume dauerte es schier eine Unendlichkeit, ein Bild nach dem anderen herunterzuladen. Bei Kandidatin Nummer sechs von sieben war Jörn kurz davor aufzugeben. Zu frustrierend war der Prozess und zu wenig ansprechend waren die Einsendungen. Die Antwort an den Sender war schon fast fertig formuliert. Dann traf das letzte Bild ein. Jörn öffnete es und wusste sofort: »Die ist es, die und keine andere.« Und genau so sollte es sein. Kaum zweieinhalb Jahre später sind die beiden glücklich verheiratet und Oliwia lebt mit Jörn auf der entlegenen Farm im Nordosten Namibias. 
Der Spirit der San
WO ZUFRIEDENHEIT VON INNEN KOMMT
Wie im Busch üblich, stehen wir mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Ein aufregender Tag mit dem Volk der San erwartet uns. Seit Langem bin ich fasziniert von den »Buschmännern« – wie sie jahrzehntelang genannt wurden. Heute spricht man eher von den San oder den Koi San, wobei sie selber lachend zugeben, dass auch »Bushman« durchaus okay sei. Aber wir wollen politisch korrekt sein und bleiben daher ab jetzt bei der Bezeichnung San. Bekannt wurde dieses außergewöhnliche Volk vor allem durch den großen Filmerfolg »Die Götter müssen verrückt sein«. Bis heute gelten die San als eines der »alten Völker«, und ihre – zumindest noch in einigen Bereichen – ursprüngliche Lebensweise als Jäger und Sammler fasziniert Menschen aus der ganzen Welt.
N!ani, der so herzliche Medizinmann, dessen Bekanntschaft wir bereits gestern machen durften, freut sich sichtlich über unseren Besuch und lädt uns bereits kurz nach unserer Ankunft im Dorf ein, mit ihm und seinen Leuten auf bush walk zu gehen. Er möchte uns den Spirit der San vermitteln, und so beginnt ein mehr als dreistündiger Marsch durch den trockenen, heißen und so harschen Busch, wobei wir tiefe Einblicke in die Kultur und die Traditionen der San erhalten und vieles lernen über das Leben und Überleben im Busch. Während wir in der Hitze immer wieder gierig zu unseren Wasserflaschen greifen, trinkt keiner der San bei der gesamten Wanderung auch nur einen Schluck. »Wir brauchen nicht viel. Manchmal trinken wir ein Glas Wasser und dann mehrere Tage gar nichts mehr. Im Busch essen wir allerdings wasserhaltige Knollen wie die Bush Potato (Busch-Kartoffel), die Bitter Water Root (Bittere Wasserwurzel) oder die Sweet Water Root (Süße Wasserwurzel), die löschen den Durst und stillen den Hunger zugleich.« Um uns zu zeigen, wie gut diese Knollen schmecken, bleibt N!ani an einem unspektakulären, kleinen und ausgedörrt wirkenden Pflänzchen stehen. Er kniet sich nieder und beginnt zu graben. Innerhalb kürzester Zeit hält er eine dicke Wurzelknolle in der Hand, schabt mit seinem einfachen Messer die trockene Erde ab, schneidet eine Scheibe herunter und bietet sie uns voller Stolz zum Probieren an. Sie schmeckt wie frischer Rettich, erstaunlich saftig und knackig frisch. Davon nehmen wir gern noch ein Stück.

Die San gehören zu den ältesten Stammesgruppen im südlichen Afrika. Das friedfertige Volk ist für seinen traditionellen (wenn auch inzwischen bedrohten) Lebensstil als Jäger und Sammler bekannt.
Erstaunlicherweise gelingt es dem geschickten N!ani, uns in den meisten Situationen in seiner Stammessprache zu erklären, worum es genau geht. Der Übersetzer muss uns eigentlich nur noch bestätigen, dass wir den Medizinmann auch wirklich richtig verstanden haben. Die Sprache der San ist nicht nur voller Klicklaute, sondern auch extrem bildlich und mit ausreichend Gestik und Mimik durchsetzt, sodass wir die Jagdszenen, die er beschreibt, oder die Heilwirkung bestimmter Pflanzen förmlich vor unserem inneren Auge sehen. Eine wirklich interessante Kommunikation mit einem Menschen einer so fremden Kultur. Kein Wunder, dass N!ani als Medizinmann in seiner Gemeinschaft solch hohes Ansehen genießt – er ist ein sehr weiser und außergewöhnlicher Mann.
So romantisch seine Schilderung vom Leben im Busch auch klingen mag – mit Jagen und Sammeln und allem, was dazugehört –, so scheint es doch in der heutigen Zeit kaum noch umsetzbar. In der Tat leben die San seit der offiziellen Gründung Namibias im Jahr 1990 in einer anderen, für sie nach wie vor neuen Welt. Die alten Zeiten der langen Wanderschaft und grenzenlosen Freiheit sind durch den geregelten Landbesitz nicht mehr so möglich wie einst.

Für die San ist Gastfreundschaft sehr wichtig und Besucher sind in der Regel herzlich willkommen. Schon die Kinder lernen, mit einem kleinen Stück Holz, einem Stöckchen und ein wenig trockenem Gras Feuer zu machen – eine elementar wichtige Fertigkeit im Busch.


Die Bezeichnung San stammt aus der Sprache der Nama und bedeutet so viel wie: die, die etwas vom Boden auflesen. In der Tat sind die San wahre Meister darin, die für das Überleben im Busch so wichtigen wasserhaltigen und äußerst wohlschmeckenden Wurzeln zu finden. Dank dieser Wurzeln, deren Geschmack unserem Rettich ähnelt, kommen die San oft tagelang ohne Wasser aus. Auch die von den Stammesfrauen gesammelten trockenen »Busch-Rosinen« sind erstaunlich schmackhaft.

Heute lebt dieses ehemals hundertprozentig nomadische Volk einen semi-modernen Lebensstil: in Dörfern, zum Teil gemeinsam mit anderen Stämmen, in einfachen Häusern oder Hütten und oft arbeitslos. Was bei dem kurzen Kennenlernen am Vorabend schon angesichts der zerschlissenen westlichen Kleidung deutlich erkennbar war, ist die Armut, der sie im »modernen« Leben ausgesetzt sind. Sie steht im drastischen Gegensatz zu der beeindruckenden Eleganz, der Souveränität und dem tiefen Wissen der Menschen sowie zum unbeschreiblichen Reichtum des Lebens im Busch – auch wenn dieser auf ganz anderen Werten beruht als auf Kreditkarten, Smartphones und dem letzten Modeschrei. Gerade deshalb bereite es ihnen so viel Freude, Besuchern wie uns die alte Lebensweise zu zeigen, so wird uns erklärt. Uns jenes Leben näherzubringen, das in ihren Herzen und den Geschichten am Lagerfeuer noch so lebendig ist. Zwar haben sie keinerlei Einfluss darauf, wie sich die Welt um sie herum verändere. Doch es liege laut N!ani an niemand anderem als ihnen selbst, dennoch zufrieden und glücklich zu sein. »Wir wachen eigentlich immer zufrieden auf. Am glücklichsten sind wir, wenn wir Männer zum Jagen und die Frauen zum Sammeln in den Busch gehen können. Deswegen ist heute ein guter Tag – wir sind mit euch im Busch.«
Wie alt dieser inspirierende Medizinmann wohl ist? Das Konzept der Zeit ist im Volk der San deutlich anders definiert als bei uns, und genaue Zeitangaben sind schlichtweg irrelevant. Mittags spricht man maximal vom »Stand der Sonne ohne Schatten« und weiß damit, dass es Zeit fürs Essen ist. Und von seiner Geburt erfuhr N!ani lediglich, dass er in der Regenzeit unter dem großen Amarulabaum das Licht der Welt erblickt haben soll.
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