Kitabı oku: «Girl Power!»
Carrie Firestone
Girl Power
Jetzt reden wir!
Aus dem amerikanischen Englisch von Barbara König

Für all die, die gegen die Vorschriften verstoßen,
obwohl man es nicht von ihnen erwartet hätte.
Und für die, die immer weitermachen,
das Denken verändern.


Nicht in Ordnung: ein Kleider-Podcast Episode eins
Ich habe noch nie einen Podcast gemacht, und ich habe keine Ahnung, ob ich das hier richtig angehe. Ich habe bisher überhaupt nur zwei Podcasts gehört: einen über einen berühmten Gitarristen und einen anderen über die Südstaaten-Küche. Beide haben mich nicht auf das vorbereitet, was ich hier sagen will. Aber ich habe das Gefühl, dass ich so am besten erzählen kann, was in Wirklichkeit dazu geführt hat, dass die gesamte achte Klasse der Fisher-Mittelschule Olivia Bonaventura hasst.
Es ist Zeit für die Wahrheit.
Ich: Ich heiße Molly Frost, und das hier ist Episode eins von Nicht in Ordnung: ein Kleider-Podcast – die wahre Geschichte über die Kleider-Katastrophe an der Fisher-Mittelschule. Das Ganze ist im Schulgarten passiert, genau neben dem Berg aus bunten Mutmachsteinen, dem Lieblingsprojekt von Mrs Tucker. Ich war dabei. Ich habe alles gesehen. Und nun sitze ich hier mit Olivia zusammen. Hi, Olivia, möchtest du uns erzählen, was passiert ist?
Olivia: Mach du das ruhig, Molly.
Ich: Bist du sicher? Es ist deine Geschichte.
Olivia: Du warst dabei.
Ich: Okay, also, alles fing am letzten Mittwoch an. Ich habe verschlafen und bin total panisch aufgestanden, weil die erste Stunde schon angefangen hatte. Mom hatte an dem Tag schon früh einen Termin, also musste ich laufen und habe die Abkürzung durch den Wald zur Schule genommen. Den Bus hatte ich längst verpasst. Im Schulgarten bin ich stehen geblieben, um mir die Schnürsenkel zuzubinden. Für die von euch, die die Fisher-Mittelschule nicht kennen: Der Schulgarten wurde vor langer Zeit zu Ehren der Schüler angepflanzt, die im Krieg gefallen sind. Als ich wieder hochschaute, sah ich dich vor Mr Dern und Dr. Couchman stehen. Ich weiß noch, dass Dr. Couchmans Gesicht ganz rot war und Mr Dern mit dem Finger auf dich gezeigt hat. Und du hast geweint.
Schweigen.
Olivia: Molly, kannst du mal kurz auf Stopp drücken?
Sendepause
Ich glaube, Nicht in Ordnung: ein Kleider-Podcast war doch keine gute Idee. Olivia sieht jedenfalls nicht besonders glücklich aus.
»Alles okay?«, frage ich und überprüfe noch einmal, ob das Aufnahmegerät wirklich ausgeschaltet ist.
Sie nickt. »Vielleicht lassen wir das Ganze einfach. Pearl hat gesagt, bis wir mit der Schule fertig sind, werden alle die Geschichte vergessen haben.«
»Olivia, alle hassen dich für etwas, was nicht deine Schuld ist. Das geht nicht. Das ist einfach nicht in Ordnung. Alle müssen wissen, was wirklich passiert ist.«
Natürlich werde ich das Olivia nicht erzählen: Aber als Mr Dern und Dr. Couchman sie angeschrien haben, weil sie ein königsblaues Tanktop mit Spaghettiträgern trug, da habe ich gesehen, wie ein Stückchen ihrer Seele ihren Körper verlassen hat. Bis zu dem Tag hatte ich immer gedacht, die Seele verlässt den Körper erst, wenn man stirbt, und zwar in einem Rutsch. Doch als ich Olivias Gesicht gesehen habe, ihre verschränkten Arme, die Tränen, die ihr über die Wangen liefen, die roten Flecken, die sich über ihre Brust ausbreiteten, da wusste ich, dass alles, was ich bisher über die Seele geglaubt hatte, falsch war. Die Seele verlässt den Körper in winzigen Seufzern. So wie wenn man nach und nach die Luft aus einem Ballon lässt.
Deswegen habe ich ihr zwei Tage später eine Nachricht geschrieben. Ich wollte eigentlich in der Schule mit ihr darüber reden, aber sie hat sich geweigert hinzugehen.
Ein Brief an die vierte Klasse
Wenn ich einen Brief an meine damalige vierte Klasse schreiben könnte, würde ich es kurz machen, denn in der vierten Klasse war unsere Aufmerksamkeitsspanne doch sehr begrenzt. Ich würde Folgendes schreiben:
Liebe vierte Klasse,
ihr findet bestimmt, dass das Wort Busen ein komisches Wort ist. Und das ist es auch. Aber das wird sich bald ändern. Okay, in der achten Klasse finden die Jungs es vielleicht noch lustig. Aber für die Mädchen in der achten Klasse ist nichts daran lustig. Denn wenn der Busen wächst, tut das manchmal weh, und manchmal wächst er nicht gleichmäßig und manchmal sogar über Nacht. Da besucht man seine Großeltern in den Frühjahrsferien in Florida, kommt zurück und hat plötzlich dicke Fleischklumpen, die aus dem T-Shirt hervorquellen. Und ehe man sich’s versieht, steht man in einem Garten, zwei erwachsene Männer schreien einen an und bringen einen zum Weinen, weil einem das Shirt nicht mehr richtig passt. Oder es wird so laufen: Jeden Morgen, wenn man aufwacht, kneift man ganz fest die Augen zu und wieder auf und späht unter sein T-Shirt, in der Hoffnung, dass sich was getan hat. Und wenn nicht, zieht man einen BH an, den man eigentlich gar nicht braucht, und darüber ein schlabbriges T-Shirt, damit bloß niemand merkt, dass man immer noch wie eine Viertklässlerin aussieht (nicht böse gemeint). Und dann läuft man neben seiner Freundin mit den Fleischklumpen im schlecht sitzenden T-Shirt und mit hängenden Schultern durch die Gegend. Denn inzwischen hasst man das Wort, das man mal so lustig fand. Busen. Es ist das schlimmste Schimpfwort in der Mittelschule.
Die Vorgeschichte
Früher war ich viel enger mit Olivia und Pearl befreundet.
Olivia war mit mir zusammen in der fünften Klasse und Pearl in der sechsten. Wir waren Mittagspausen-Freundinnen, aber keine Übernachtungs-Freundinnen und erst recht keine Doppel-Übernachtungs-Freundinnen. Wir haben über Hausaufgaben geredet, bei Versammlungen nebeneinandergesessen, und wenn wir in der Pause Mannschaften gebildet haben, haben wir uns gegenseitig zuerst gewählt (oder wenigstens als Zweite oder Dritte). Ich wusste, dass Olivia heimlich in Rahul verknallt war, und Pearl und ich sind mit ein paar von denselben Jungs gegangen. Miteinander gehen, das bedeutete in der fünften und sechsten Klasse: Man hat allen davon erzählt, seinen Pseudo-Freund aber nicht mal angeguckt, und eine Woche später hat man sich wieder getrennt.
Ich werde nie vergessen, wie Nick mir den Stuhl unterm Hintern wegziehen wollte und Olivia ihn geboxt und mich gerettet hat. Dafür musste sie zur Schulleitung. Ich hatte ein ganz schlechtes Gewissen, aber sie hat geschworen, dass es das wert war.
In der siebten Klasse haben Olivia und ich uns aus den Augen verloren, weil wir uns in der sechsten Klasse kaum gesehen hatten und weil Olivia dann in der siebten lauter Leistungskurse belegt hat. Und Pearl und ich haben uns aus den Augen verloren, weil Pearl nicht snapchatten darf, was sie irgendwie zur Außenseiterin macht (ich wünschte, das wäre nicht so) und weil sie auch viele Leistungskurse belegt hat.
Ich bin in keinem Leistungskurs, weil ich in jeder Hinsicht ein sehr durchschnittlicher Mensch bin. Ich würde mal sagen, dass ich mir weder in der Schule noch beim Lacrosse, noch beim Klarinettespielen oder im Leben überhaupt besonders viel Mühe gebe. Aber im Vergleich zu meinem Bruder Danny bin ich ein Wunderkind.
Pearl und Olivia sind ziemlich gut befreundet. Ich schätze mal (da ich in diesem Schuljahr kaum mit Pearl und kaum mit Olivia gesprochen habe, weiß ich es ja nicht genau), dass die beiden Wir-sitzen-bei-einer-Exkursion-nebeneinander-im-Bus-Freundinnen und vielleicht Übernachtungs-Freundinnen sind, aber bestimmt nicht Doppel-Übernachtungs-Freundinnen.
In der siebten Klasse habe ich eine Zeit lang viel mit dem Lacrosse-Team rumgehangen. Es war einfach, sich nach dem Training zu treffen, und die Hälfte von uns durfte nur in Notfällen das Handy benutzen. Da blieb uns also gar nichts anderes übrig, als uns persönlich zu verabreden.
Als aber letzten Frühling in der Fisher-Mittelschule ein Lockdown ausgelöst wurde, weil vielleicht gerade jemand Amok lief, haben die Notfall-Handys nicht mehr aufgehört zu klingeln. Mrs Pullman meinte gehört zu haben, wie Chris Reynolds behauptete, er habe eine Bombe versteckt. Ob er das wirklich gesagt hat, weiß keiner so genau. Er wurde jedenfalls suspendiert. Seitdem das passiert ist, sagt meine Mom immer, wenn sie mich vor der Schule absetzt, »Ich liebe dich«, sogar wenn sie wegen Danny schlecht drauf ist. Und mindestens zweimal im Monat sagt sie zu mir: »Falls es tatsächlich einen Amoklauf gibt, musst du nicht unbedingt das tun, was dir die Lehrer sagen. Hör auf deinen Bauch. Wenn du meinst, du musst rennen, dann renn. Wenn du meinst, du musst dich verstecken, dann versteck dich.« Ich traue meinem Bauch nicht so richtig, doch das sage ich ihr lieber nicht.
Seit ich in der Achten bin, sind Navya, Ashley und Bea meine engsten Freundinnen. Sie belegen auch keine Leistungskurse, aber Navya ist die beste Lacrosse-Spielerin in der Mannschaft, Bea eine so tolle Künstlerin, dass sie auf Geburtstagspartys 50 Dollar am Tag fürs Kinderschminken verdient, und Ashley hat ein Schwimmbad und einen Whirlpool. Sie hängen gerne mit mir rum, weil ich lustig bin.
Mehr muss man nicht über mich und mein Leben wissen, bevor ich mitangesehen habe, wie Olivia im Freundschaftsgarten gekleiderordnet wurde (so nennen wir das, wenn jemand gegen die Kleiderordnung verstößt und verwarnt wird), während Pearl mit einer rosa Jogginghose in den Händen danebenstand.
Ach ja, aber ich wollte noch erwähnen, dass mein Bruder Danny die gesamte Kraft meiner Eltern beansprucht, da er ein Vape-Junkie ist. In ihrer Freizeit durchsuchen meine Eltern gerne Dannys Zimmer und Rucksack, verstecken ihr Bargeld, damit Danny es nicht klaut, um Pods für seine E-Zigaretten zu kaufen, und rufen bei Ärzten an, um zu fragen, wie lange es wohl dauert, bis er eine Popcorn-Lunge hat.
Ich kenne mindestens 20 Schüler in der achten Klasse, die von Danny diese Pods mit E-Liquid bekommen haben.
So verdient er sich sein Geld.
Er braucht Moms und Dads Bargeld gar nicht.
Ein Brief an die Eltern
Liebe FMS-Eltern,
mit großem Bedauern muss ich Sie darüber in Kenntnis setzen, dass die Klassenfahrt zum Strawberry Hill State Park nicht stattfinden wird. Wie Sie sich erinnern werden, hatte ich am 25. Februar einen Brief verschickt, in dem ich einen herrlichen Campingausflug versprochen habe, wenn unsere achte Klasse sich an die vorgeschriebene Kleiderordnung hält. Fast das ganze Schuljahr über haben Ihre Kinder das ordnungsgemäß getan. Aber vor Kurzem hat eine Schülerin die Regeln verletzt, und nachdem wir ihr mehr als reichlich Gelegenheiten geboten haben, den Auflagen nachzukommen, hat sie sich bis zuletzt geweigert. Nun, so sind die Vorschriften.
In dem Bemühen, ein Lernumfeld zu schaffen, das frei von Ablenkungen ist, möchten wir Ihre Kinder dazu ermutigen, sich an die Verhaltensregeln unserer Schulordnung zu halten. Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit, die Sie dieser Angelegenheit widmen. Sollten Ihrer Familie deswegen irgendwelche Unannehmlichkeiten entstanden sein, bitten wir dies zu entschuldigen.
Mit besten Grüßen
Jim Couchman, Pädagogischer Leiter
Wills Nachrichten
Mein bester Freund Will schreibt mir: Ich hasse Zelten, aber das war ja wohl total daneben. Ich dachte, Olivia wäre normal.
Will ist mein Nachbar. Wir wohnen Garten an Garten, und als wir acht und unzertrennlich waren, haben unsere Väter uns das Baumhaus gebaut. Wir sehen uns kaum noch, weil er süchtig nach so einem Computerspiel ist, von dem ich noch nie gehört habe. Und auch, weil unsere Eltern nicht mehr so viel Zeit miteinander verbringen, seit Mom wegen Danny so gestresst ist.
Unsere Mütter sagen immer: »Falls ihr zum Abschlussball keine Verabredung habt, könnt ihr ja zusammen hingehen.« Das sagen sie schon, seit Will und ich uns regelmäßig um die Kräcker in der Schnabeltasse geprügelt haben.
»Es ist nicht mehr so, wie als du zum Abschlussball gegangen bist«, erkläre ich meiner Mutter. »Das interessiert heute keinen mehr. Vielleicht gehe ich mit einem Jungen oder einem Mädchen oder mit einer Gruppe.«
Dann legt sie den Kopf ein wenig zur Seite, berührt mit ihrer Hand mein Bein und sagt: »Bist du bisexuell, Molly? Denn das ist völlig und total okay.«
»Wie kommst du darauf? Nur weil ich vielleicht oder vielleicht auch nicht mit jemandem zum Abschlussball gehen werde?«, frage ich.
Dieses Gespräch haben wir schon mindestens fünf Mal geführt.
Ich schreibe Will zurück. Was soll das denn heißen? Warum ist Olivia nicht normal?
Will antwortet: Wenn sie normal wäre, würde sie nicht versuchen, so viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Ich bin zu wütend, um zu antworten
Nicht in Ordnung: ein Kleider-Podcast Episode eins (Take 2)
»Warum machen wir es diesmal nicht anders? Ich erzähle ein bisschen was über die Hintergründe, und dann stelle ich dir Fragen, und du kannst einfach nur antworten, wenn du willst.«
»Das klingt gut«, sagt Olivia und lehnt sich gegen den frei liegenden Baumstamm.
Ich: Hallo, Fisher-Mittelschule und alle anderen da draußen. Hier ist Molly Frost, und ihr hört gerade Nicht in Ordnung: ein Kleider-Podcast. Bei mir ist Olivia. Sie wurde neulich angeschrien, weil sie ein Tanktop zur Schule getragen hat. Wie viele von euch bereits wissen, hat die Schulleitung im Februar mit der achten Klasse eine Vereinbarung getroffen: Wenn wir es schaffen würden, uns für den Rest des Schuljahres an die Kleiderordnung zu halten, würde Dr. Couchman mit uns eine Klassenfahrt zum Strawberry Hill State Park machen. Nachdem Dr. Couchman Olivia gedemütigt hat, hat er verkündet: Die Klassenfahrt ist abgesagt, weil eine gewisse junge Dame sich ganz egoistisch entschieden hat, die Kleiderordnung zu missachten. Einer unserer Klassenkameraden (ja, du bist gemeint, Jack Reese) hat mitbekommen, wie Dr. Couchman mit Mrs Peabody darüber gesprochen hat, und hat dann in der ganzen Schule herumerzählt, Olivia sei schuld daran, dass die Klassenfahrt gestrichen wurde.
Ich drücke auf Pause und sehe Olivia an. Sie hält den Daumen hoch.
Ich: Ich bin hier, um euch zu sagen, dass jede Geschichte immer zwei Seiten hat. Ich war Zeugin des Vorfalls, und ich finde, dass Olivia die Chance bekommen soll, zu erzählen, wie sie das Ganze erlebt hat. Deshalb habe ich sie heute eingeladen.
Wir hören ein Knarren, und ich drücke noch einmal auf Pause. Pearl steigt durch die Falltür des Baumhauses. »Wo warst du?«, frage ich.
»Beim Tennis«, sagt sie. Sie setzt sich neben Olivia und nimmt sich einen Ingwerkeks. Damit Olivia sich bei unserer zweiten Aufnahme wohlfühlt, habe ich vorher das Baumhaus aufgeräumt und Kissen verteilt, um es gemütlicher zu machen, und ich habe auch Kekse und Gläser mit Limonade samt unseren neuen Edelstahl-Strohhalmen mitgebracht.
Ich halte mir den Finger an den Mund, weil ich sehen kann, dass Pearl anfangen will zu sprechen.
Ich: Willkommen, Olivia, und danke, dass du bei Nicht in Ordnung: ein Kleider-Podcast mitmachst. Bevor du uns erzählst, was passiert ist, kannst du uns vielleicht ein bisschen was zu den Hintergründen sagen. Bist du vorher schon mal gekleiderordnet worden?
Olivia: Ja. Die Fingerspitze hat mich immer wieder verwarnt und Miss Wells letztes Jahr auch, weil meine Turnhose zu kurz war.
Ich: Keine Überraschung. Und was ist dann passiert?
Olivia: Sie hat mich zur Seite genommen und wollte mich zur Schulleitung schicken, dann habe ich sie gefragt, ob ich nicht einfach meine normalen Shorts anziehen kann, und sie hat gesagt, dass das in Ordnung ist, aber dass ich nie wieder diese Turnhose anziehen soll.
Ich: Und wie hast du dich da gefühlt?
Olivia: Ich war genervt, denn als wir angefangen haben, unsere Runden zu laufen, fing es an zu schütten, und ich musste für den Rest des Tages in klatschnassen Shorts rumlaufen.
Ich: Schrecklich. Das tut mir echt leid. Mal abgesehen von der Kleiderordnung, wie findest du die Schule?
Olivia: Ganz okay. Ich versuche, mich auf die Naturwissenschaften zu konzentrieren, weil ich diesen Sommer ins MINT-Camp gehe.
Ich: Oh, das ist ja cool. Okay, dann kommen wir mal zur Sache. Ich habe eine weitere Zeugin eingeladen. Sag Hallo, Pearl.
Pearl: Hallo.
Ich: Pearl wird sich im Laufe des Podcasts äußern. Doch jetzt zu dir, Olivia. Magst du uns erzählen, was passiert ist?
Olivia holt tief Luft und zerbröselt einen Keks. Die Krümel fallen auf den rosa Plastiktisch, den meine Cousine Shannon uns geschenkt hat, nachdem das Baumhaus fertig war.
Olivia: Ich bin nach dem Matheunterricht zu meinem Schließfach gegangen. Ich brauchte mein Handy, weil ich meine Schwester anrufen musste und sie fragen wollte, ob sie mir was vorbeibringen kann. Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, dass ich ein Tanktop trage.
Ich: Willst du uns sagen, was deine Schwester dir bringen sollte?
Sie schüttelt den Kopf und gibt ein lautloses Nein von sich.
Olivia: Nee, lieber nicht. Ich bin also den Flur auf der Südseite entlanggegangen, und aus dem Augenwinkel habe ich Dr. Couchman gesehen. Er hat andauernd nur »Hey« gerufen, aber ich bin einfach weitergegangen. Dr. Couchman kennt ja keine Namen außer die der Baseballspieler. Schließlich ist er mir hinterhergerannt, hat mir auf die Schulter getippt und mich gebeten, ihm nach draußen zu folgen. Da habe ich echt Angst gekriegt. Mr Dern saß in seinem Kursraum, und Couchman hat bei ihm ans Fenster geklopft und ihn zu sich gewunken. Dann haben sie beide angefangen, auf mich einzureden: Ich würde gegen die Kleiderordnung verstoßen, alle anderen hätten sich seit über acht Wochen daran gehalten, ob mir das klar sei, wie ich nur so egoistisch sein könnte, ich sei schuld, dass unsere Klassenfahrt nicht stattfindet.
Ich: Wie hast du reagiert?
Olivia: Ich war total fertig. Ich habe darum gebettelt, noch eine Chance zu bekommen. Couchman hat gesagt, er würde es sich überlegen, wenn ich mein Sweatshirt anziehen und nie wieder gegen die Vorschriften verstoßen würde.
Ich: Und hast du?
Sie schaut nach unten und faltet die Hände.
Olivia: Nein. Ich habe ihnen gesagt, dass ich das nicht tun kann, dass mein Sweatshirt da bleiben muss, wo es ist. Sie haben gesagt, ich würde die Verhaltensregeln missachten, sei respektlos, und haben mich ins Sekretariat geschickt, und ich musste meine Eltern anrufen.
Ich: Was haben deine Eltern gesagt?
Olivia: Sie arbeiten beide und hätten nicht den ganzen Weg zur Schule fahren können, um mich abzuholen. Also habe ich meine Schwester angerufen. Sie ist auf der Highschool und hatte selbst Unterricht, aber sie hat mich trotzdem abgeholt und nach Hause gebracht und ist dann noch mal los, um mir bei Starbucks einen Eistee und einen riesigen Schoko-Cookie zu holen. Das war echt nett von ihr. Sie hat an ihrer Schule deswegen nämlich großen Ärger bekommen.
Ich bin neidisch. Es war wirklich ziemlich nett von Olivias Schwester, sie abzuholen, zu Starbucks zu fahren und ihretwegen Ärger zu riskieren. So was würde Danny nie für mich machen.
Ich: Olivia, ich muss dich jetzt etwas fragen, und das wird richtig peinlich.
Sie starrt mich an. Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass ich weiß, wie sie sich fühlt. Kann ich aber nicht. Ich kann es mir nur vorstellen, denn – wie meine Mom immer sagt – ich bin eine Spätentwicklerin. Ich habe den Körper einer Neunjährigen.
Pearl stellt sich neben Olivia und legt ihr die Hand auf die Schulter.
Olivia: Können wir aufhören? Ich will lieber, dass mich die ganze Klasse hasst, als darüber zu reden.
Das kann ich ihr wirklich nicht verdenken.
Ich: Ja. Wir hören auf.
Begriffserklärungen
Ordnung (Substantiv)
Art und Weise, wie etwas geregelt ist, zum Beispiel die Kleiderordnung.
In Ordnung sein (umgangssprachlich)
1. einwandfrei sein
2. gesund sein; sich wohlfühlen
3. nett, zuverlässig, sympathisch sein
Jemanden zur Ordnung rufen (Wendung)
zurechtweisen, [offiziell] zur Disziplin ermahnen
Beispiele:
An der Fisher-Mittelschule gibt es eine Kleiderordnung.
Die Fingerspitze fand es nicht in Ordnung, dass man meinen BH-Träger sehen konnte.
Mein Lehrer hat mich zur Ordnung gerufen, weil mein Knie ihn abgelenkt hat.
Eine kurze Geschichte der Kleiderordnung
»Komm, wir lassen das einfach«, sagt Olivia. »Ich finde es wirklich nett, dass du mir helfen willst. Aber ich überlege echt, ob ich meine Eltern nicht anbetteln soll, zu Hause unterrichtet zu werden.«
Pearl und ich sehen uns an.
Dann sagt Pearl: »Ich habe letztes Jahr in Kunst aus Versehen die Gummis von meiner Zahnspange auf einem Papiertuch liegen lassen, und dann hat Nick allen erzählt, dass ich eklig bin. Da habe ich meine Eltern auch gebeten, zu Hause unterrichtet zu werden.«
»Nick ist eklig«, sage ich.
Wir essen Kekse und starren aus dem Fenster. Ich war schon lange nicht mehr im Baumhaus.
»Noch etwas«, sage ich, aber Olivia unterbricht mich.
»Warum gibst du dir eigentlich so viel Mühe, Molly?« Mit todernster Miene sieht sie mich an. »Also, wir sind doch gar nicht mehr wirklich befreundet.«
»Weil es nicht richtig war, was sie mit dir gemacht haben. Und uns zu bestechen, indem sie uns eine Klassenfahrt anbieten, ist auch nicht in Ordnung.«
Aus der Grundschule kannten wir so etwas wie eine Kleiderordnung nicht. Als wir also auf die Fisher-Mittelschule kamen, haben sie uns das Schülerhandbuch gegeben, in dem alle Sachen aufgelistet waren, die wir nicht anziehen durften.
Im Sommer vor der siebten Klasse bin ich mit meiner Freundin Liza zum Shoppen zu Forever 21 gegangen. Das war echt was Besonderes, denn bis dahin musste ich mit Mom immer in irgendwelche Billigketten. Ich habe mir total süße Shorts und ein lilafarbenes Tanktop ausgesucht, und Liza hat sich die gleichen Shorts gekauft, aber ein grünes Tanktop, weil das zu ihren Augen passte (wir wollten auch nicht genau das Gleiche anhaben). Wir durften uns teure weiße High-Top-Sneaker und Lokai-Armbänder kaufen und, nachdem wir lang genug geübt hatten, endlich ein bisschen geschminkt in die Welt hinausgehen.
Wir fühlten uns schön.
Liza wurde gleich am ersten Schultag in der siebten Klasse gekleiderordnet. Bevor sie uns überhaupt das Handbuch gegeben haben. Bevor wir überhaupt wussten, wo unser Klassenzimmer ist. Ich war nicht dabei, aber mir wurde gesagt, dass die Fingerspitze Liza im Flur erwischt hat. Sie hat sie gezwungen, ihre Arme lang nach unten zu strecken, und sie dann darauf hingewiesen, dass ihre Fingerspitzen über ihre Shorts reichen und dass so etwas hier nicht erlaubt ist. Liza hat sich wohl so fest auf die Unterlippe gebissen, dass sie geblutet hat. Sie wollte nicht weinen.
Nachdem ich das gehört habe, habe ich meinen ersten Tag auf der Mittelschule dann damit verbracht, mich zu verstecken. Ich hatte nämlich die gleichen Shorts an wie Liza. Meine Freundinnen meinten, dass ich mir keine Sorgen machen müsste, da mein Hintern viel kleiner sei als Lizas. Gerecht war das nicht.
Liza und ich haben unseren Müttern nichts von der Kleiderordnung erzählt. Wir wollten nicht, dass sie wütend darüber wurden, so viel Geld für Shorts und Tanktops ausgegeben zu haben, die wir in der Schule gar nicht tragen durften. Liza hat dann ihre Sachen aus der sechsten Klasse angezogen, die alle viel zu klein waren, und musste wegen zu enger Kleidung in dem Jahr drei Mal nachsitzen.
»Was sollen wir denn deiner Meinung nach machen?«, fragt mich Olivia.
»Wir lassen den Podcast erst mal, holen Bea, Ashley und Navya dazu und erzählen ihnen, was passiert ist«, sage ich. »Sie sind total in Ordnung, und ich glaube, sie können uns helfen.«
»Äh«, sagt Olivia. »Okay. Warum nicht? Nächstes Jahr gehe ich eh nicht mehr zur Schule.«
Die Fingerspitze
Wir wissen nicht, wie sie wirklich heißt.
Sie nennt sich Kontaktlehrerin. Aber der einzige Kontakt, den sie zu den Schülerinnen hat, besteht darin, Mädchen anzustarren, nach ketzerischen BH-Trägern oder nackten Schultern Ausschau zu halten und dann herumzuschreien. Manche Mädchen werden sechs-, siebenmal am Tag von ihr verwarnt – denn die Fingerspitze merkt sich nie, wen sie schon schikaniert hat.
Inzwischen ist es schon ein Initiationsritus am ersten Schultag. Die Mädchen aus der achten Klasse warnen die Mädchen aus der siebten: Haltet euch von der Fingerspitzen-Furie fern, schleicht davon oder rennt!
Die Fingerspitze ist dafür berüchtigt, dass sie Mädchen zwingt, stehen zu bleiben und ihre Arme lang zu strecken, um zu sehen, ob sie über die Shorts reichen. (Das tun sie meistens, denn so lange Shorts gibt es fast nirgendwo zu kaufen.)
Das Leben an der Fisher-Mittelschule ist also ein einziges Gezerre. Wenn du die Fingerspitze siehst, dann zieh deine Shorts runter. Aber zerr nicht zu sehr, sonst sieht man deinen Bauch. Am besten ist es, ihre Abläufe zu kennen, dann kann man ihr ganz aus dem Weg gehen. Aber falls sie dich doch erwischt: bloß keine Widerworte geben.
Sie hat ihre Lieblingsopfer: die größeren Mädchen, die, die schon Busen und Hintern haben, die hübschen Mädchen und die mit langen Beinen.
Einen Jungen hat sie noch nie verwarnt.
Manche glauben ja, dass die Fingerspitze eigentlich ein Roboter ist. Ein Roboter mit schlechtem Haarschnitt, orthopädischen Schuhen und einer schmuddeligen weinroten Strickjacke. Manchmal zwingt sie Schülerinnen, die Jacke anzuziehen, wenn sie selbst nichts dabeihaben, um verbotene Körperstellen zu bedecken. Und Dr. Couchman hat den Fingerspitzen-Roboter so programmiert, dass er sieben Sachen sagen kann:
1. Streck deine Arme lang.
2. BH-Träger.
3. Sieh dich vor.
4. Zieh es hoch.
5. Zieh es runter.
6. Was muss ich noch tun, damit ihr Mädchen endlich zuhört?
7. Zur Schulleitung. Jetzt.
Ob Roboter oder Mensch, die Fingerspitze und ihre Strickjacke sind auf der Schule genauso beliebt wie Mathearbeiten, Montage und muffig-stinkende Hamburgerbrötchen.
Wenn es für einen guten Zweck ist, darf man seine Freundinnen auch mal austricksen
Ich ködere meine Freundinnen mit Pizza. Warum sie alles stehen und liegen lassen und sofort zu mir kommen sollen, sage ich ihnen nicht.
Meine Eltern sind bei Kollegen von Dad zum Abendessen, und ich habe kein Geld. Also zwinge ich Danny, mit seinem Geld zu bezahlen. Mit dem Geld, das er damit verdient, Vaping-Zeug an meine Mitschüler zu verkaufen. Das heißt, die Pizza, die ich an meine Freundinnen verfüttere, wurde mit Verbrechergeld bezahlt. Das fühlt sich eklig an, aber es dient einem höheren Zweck.
»Ich muss los. Ich habe echt viele Hausaufgaben«, sagt Pearl.
Ich weiß, dass Pearl sich schuldig fühlt. Hätte sie Olivia gleich ihre Jogginghose angeboten, anstatt zu zögern, zu ihrem Schließfach zu gehen und dann auf der Suche nach Olivia durch die ganze Schule zu laufen, wäre das alles nicht passiert.
»Mach sie doch hier«, sage ich. »Wir stören dich nicht.«
Olivia und ich legen uns auf den Boden und beobachten einen Schwarm Vögel, der hektisch zwischen unserem und einem anderen Baum hin- und herfliegt. Pearl hängt die Zunge raus, während sie versucht, sich auf Mathe zu konzentrieren.
»Stört es dich, einen Busen zu haben?«, frage ich und zeige auf Olivias Brust.
»Ja. Stört es dich, keinen Busen zu haben?«, fragt sie.
»Ja.«
Sie lacht. »Weißt du noch, als wir alle keinen Busen hatten und sich in der Pause einfach alles um unsere Pseudofreunde gedreht hat?«
»Das waren noch Zeiten.«
Ein lauter Schlag lässt uns hochschrecken. Jemand pocht gegen den Baumhausboden.
Ich ziehe am Seil, und die Falltür geht auf. Ashley steckt ihren Kopf durch die Öffnung und klettert zu uns hoch. Sie macht ein langes Gesicht und sieht gleichzeitig verwirrt aus. Wie unser Hund Thibodeaux, wenn der Papagei meiner Cousine zurückbellt.
»Wartet mal! Was?«, sagt Ashley und schaut zu Navya und Bea, die direkt hinter ihr sind.
»Reg dich ab und kommt erst mal rein«, sage ich.
Mit geballten Fäusten stellen sie sich in die Ecke – na ja, stehen kann man das nicht so wirklich nennen, dafür ist die Decke inzwischen für uns zu niedrig.
»Setzt euch«, kommandiere ich. Ich weiß nicht so recht, warum ich plötzlich so diktatorisch bin. Ich glaube, diese zwei Minuten im Garten, als ich zusehen musste, wie Couchman und Dern meine alte Freundin gedemütigt haben, haben meine DNA für immer verändert.
»Hallo, Leute«, sagt Pearl, schließt ihr Mathebuch und stopft es in ihren Rucksack.
Ziemlich sicher denken meine Freundinnen jetzt: Warum ist Pearl hier in Mollys Baumhaus mit dem Mädchen, das uns das Schuljahr versaut hat?
»Frauen, ich habe euch eingeladen, um etwas klarzustellen. Ich weiß Bescheid und Pearl auch. Olivia ist unschuldig. Die wahren Schurken sind Couchman und sein mieser Komplize Dern.«
Ich sollte Märchen schreiben.
»Okaaayyyy«, sagt Navya. Auf engem Raum und wenn sie sauer ist, kann sie manchmal schwierig sein.
»Setzt euch«, sage ich.
Und das tun sie.
Was wir auf unserer Klassenfahrt zum Strawberry Hill State Park machen wollten
1. Aus dem Zelt schleichen und uns mit den Baseballjungs im Wald treffen, um Wahrheit oder Pflicht zu spielen. (Das kommt von Ashley, weil wir anderen die Baseballjungs nicht mögen.)
2. Anziehen, was immer wir wollen, weil uns die Kleiderordnung dann ja egal sein kann.
3. So viele Tüten Gummibärchen wie möglich essen. (Das kommt von Bea, weil sie kurz vor der Klassenfahrt ihre Zahnspange loswird.)
4. Um Mitternacht im See schwimmen.
5. Versuchen, die ganze Nacht wach zu bleiben.
Mein Plan funktioniert
Nachdem ich ihnen gesagt habe, was ich gesehen habe, müssen Ashley, Navya und Bea nicht mehr groß überzeugt werden. Erst recht nicht, als Pearl auch noch davon berichtet, wie sie Olivia auf die Schulter getippt hat, als die nach dem Naturwissenschaftskurs aufgestanden ist, und ihr etwas ins Ohr geflüstert hat, was kein Mädchen je hören will. Olivia erzählt, wie peinlich ihr das war, wie sie zur Schulschwester wollte, aber Angst hatte, dort auf einen Jungen zu treffen, der sich gerade die Ohren kontrollieren lassen will oder ein Pflaster braucht. Also ist sie zu ihrem Schließfach gestürzt, um ihr Handy zu holen und ihre Schwester anzurufen, damit die eine neue Hose bringt. Schließlich berichtet Pearl, dass sie eine neue rosafarbene Jogginghose in ihrem Schließfach hatte, die sie für Olivia geholt hat, und dann auf der Suche nach ihr durch die Schule gelaufen ist. Dabei hat sie gesehen, wie Couchman Olivia in den Garten dirigiert hat.
Als wir fertig sind mit Erzählen, umarmen Navya, Ashley und Bea Olivia. Und zwar richtig, so, dass sie ein paar Sekunden lang keine Luft mehr bekommt.
»Wir organisieren selber einen Campingausflug«, sagt Bea. »Es ist ja nicht so, dass er mit uns nach Europa reisen wollte oder so.«
»Ihr kapiert, warum er das getan hat, oder?«, sage ich. »Er hat uns bestochen, damit wir tun, was er will, wie brave kleine Kinder. Und es hat funktioniert. Wir sind darauf reingefallen.«
»Ich wette, er hat die Fingerspitze geradezu angewiesen, eine zu finden, die gegen die Kleiderordnung verstößt, damit er die Klassenfahrt absagen kann«, sagt Navya.
»Olivia, du warst das Opferlamm«, sagt Pearl.
»Was ist das denn?«, fragt Ashley.
Pearl sieht verwirrt aus. »Weiß ich auch nicht so richtig.«
Danny bringt die Pizza
Wir regen uns weiter über Couchman, Dern und die Lehrer auf, die uns seit der siebten Klasse das Leben zur Hölle machen. Danny schickt mir eine SMS: Er hat nach uns gerufen, und ob ich jetzt bitte die Dannys-Lieblingsschimpfwort-das-ich-hier-nicht-nennen-will-Pizza holen könnte?
Nicht in dem Ton, schreibe ich zurück. Ich weiß Bescheid.
Gegen Danny belastende Beweise in der Hand zu haben, gibt mir eine Menge Macht.
Bea und Navya klettern ein Stück die Leiter hinunter und nehmen meinem Bruder die Pizza und die Zweiliterflasche Sprite ab, die er ihnen hinpfeffert und davonstürmt. Ich weiß nicht, ob Olivia oder Pearl von seinen »Geschäften« wissen, deswegen halte ich dicht.
Einige Mädchen aus der Lacrosse-Mannschaft rauchen das Zeug. Ich möchte sie mit zu mir nach Hause nehmen und sie in Moms Schrank verstecken, damit sie sehen können, wie sie sich voller Sorge um meinen Bruder in den Schlaf weint. Dann würden sie vielleicht aufhören. Aber wer weiß? Die Gefühle ihrer Eltern sind den Kindern manchmal egal.
»In welcher Klasse ist Danny jetzt?«, fragt Pearl.
»Der elften.«
»Hasst er dich immer noch?«
»Keine Ahnung«, sage ich und wechsle das Thema.
Wir inhalieren die Pizza geradezu und versuchen abwechselnd, keine Spucke in die Sprite-Flasche abzusondern, da Danny es nicht für nötig gehalten hat, uns Becher mitzubringen.
»Können wir jetzt also dafür sorgen, dass alle aufhören, Olivia zu hassen?«, frage ich.
Alle sagen Ja.
»Es ist eine biologische Funktion«, sagt Navya. »Die betrifft uns doch alle.«
»Nicht alle«, sagt Olivia.
»Okay, die Hälfte von uns allen.«
»Wie wäre es, wenn wir statt eines Podcasts – echt peinlich, Molly – einfach den Flurfunk lostreten?«, fragt Bea.
»Was meinst du damit?«, frage ich.
»Wir erzählen es einfach den Mädchen, die wir kennen, bis es irgendwann alle wissen. Und ja, Olivia, dann ist es immer noch peinlich, aber dann werden sogar die Jungs verstehen, in welcher Lage du warst.«
»Sie haben Mütter«, sagt Pearl.
Ich glaube, wir haben Olivia so langsam überzeugt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie einfach zurück zu ihren Naturwissenschaften und ihrem normalen Leben will. »Und das Gute ist, bald ist Sommer, und im MINT-Camp wird niemand davon wissen«, sage ich.
Da entspannt sich Olivias Gesicht ein wenig. »Dann macht. Startet den Flurfunk.«
Wir haben gerade die Erlaubnis zum Tratschen erhalten, ein sehr befreiendes Gefühl.
Navya isst den ganzen Käse von Beas Pizza, und Bea isst ihren Rand. Das ist wahre Freundschaft.
Olivia wird noch einmal von allen umarmt, bevor sie nach Hause gehen, um ihre dreckige Lacrosse-Wäsche zu waschen oder Eis zu essen oder für Mathe zu lernen oder sich über die Kleiderordnung aufzuregen. Ich rege mich über mich selbst auf, weil ich mich von der Aussicht auf eine Klassenfahrt habe beeinflussen lassen.
Mittagsstunden-Runden
Pearl ist nicht die Einzige, die sich fragt, ob Danny mich noch hasst. Als Danny in die Mittelschule kam, wurde es richtig schlimm. Vorher war es das auch schon – er war nie nett zu mir oder zu meinen Eltern oder zu Tibby, zu niemandem eigentlich. Aber er hatte gute Tage, und er hatte schlechte Tage. In der Mittelschule waren es dann nur noch schlechte Tage.
Mom musste ihn immer wieder abholen, weil er sich prügelte, frech zu den Lehrern war, fluchte. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern. Damals habe ich angefangen, mich in meinem Zimmer zu verstecken.
In der fünften Klasse hat mich die Beratungslehrerin Ms Mary zu den geheimnisvollen Mittagsstunden-Runden eingeladen. Sie hat gesagt, dass es eine besondere Einladung sei und dass wir Pizza bestellen könnten und jeder zwei Eis bekäme. Wir haben Brettspiele gespielt und Musik gehört und mit anderen besonderen Kindern rumgehangen. Es war jeden Freitag mein Highlight.
Zuerst haben wir uns über Familienurlaube unterhalten und über Serien, die wir mochten. Dann hat uns Ms Mary von einem Freund berichtet, der Krebs hatte, und Jack Reese fing an, uns von der Krebserkrankung seines Vaters zu erzählen. Dann hat Ms Mary über Promis gesprochen, die sich scheiden lassen, und einer aus der Runde, Alex, hat von der Scheidung seiner Eltern erzählt, und dann hat Ms Mary ihren nervigen älteren Bruder erwähnt, und ich bin mit allem herausgeplatzt, was Danny machte, und wie laut und stressig und traurig es deswegen zu Hause war.
Olivia war manchmal auch bei den Mittagsstunden-Runden dabei. Auch ihre Eltern ließen sich scheiden. Ihre Mutter und Alex’ Mutter hatten denselben Rechtsanwalt. Olivia hat mich buchstäblich jedes einzige Mal bei Vier gewinnt geschlagen.
Eines Morgens, an einem Freitag, hat Mom mich gefragt, ob ich schon mein Mittagessen eingepackt hätte.
»Brauch ich nicht. Heute ist doch Mittagsstunden-Runde«, habe ich gesagt.
Danny hörte auf, an seinem Bagel rumzukauen, und sagte mit vollem Mund: »Du bist in der Mittagsstunden-Runde? Das ist doch für die Bekloppten.« Er wandte sich an Mom: »Warum geht sie in die Mittagsstunden-Runden?«
Mom griff nach seinem Arm und schüttelte ihn: »Du hörst sofort auf, so zu reden.« Sie war so wütend, dass sie spuckte.
»Wieso denn? Die Mittagsstunden-Runden sind für die Geisteskranken.«
Da kapierte ich es. Die Mittagsstunden-Runden waren nicht für besondere Kinder. Sondern für Kinder mit Problemen.
Für Kinder, deren Väter Krebs hatten. Für Kinder, deren Eltern sich scheiden ließen. Für Kinder, deren Brüder die Familie zerstörten.
Ich bin nie wieder zu den Mittagsstunden-Runden gegangen.
Um neun Uhr am Morgen
Es ist neun Uhr morgens, und der Flurfunk funkt lauter als unsere Blaskapelle bei der Parade am Memorial Day.
Und nun weiß es die gesamte Schule: Olivia musste sich ihr Sweatshirt um die Hüften binden, um den riesigen Blutfleck auf ihrer neuen weißen Jeans zu verdecken. Als Couchman sie erwischt hat, wollte sie gerade ihre Schwester anrufen, damit sie ihr eine frische Hose bringt. Als Couchman ihr gesagt hat, sie soll ihr Sweatshirt anziehen, weil er es nicht verkraften konnte, ihre Schultern zu sehen, hat sie NEIN gesagt.
Alle haben verstanden, warum.
Den ganzen Tag lang wurde Olivia von den Mädchen umarmt, bekam verständnisvolle Blicke, ein mitfühlendes Lächeln. Von den Jungs kam nur Schweigen. Keiner sagte auch nur ein Wort.
Aber wenn man in der Mittelschule ist und es um so etwas Grauenvolles geht wie Menstruationsblut auf der Hose, dann ist das Schweigen der Jungs ein absoluter Traum.
Gespräch mit einer Siebtklässlerin über ein schwieriges Thema
Nach der Schule nehmen wir immer den Bus, den sich Highschool und Mittelschule teilen. Einen der Gründe, warum das keine gute Idee ist, habe ich ja bereits erwähnt (weil Danny Nikotinzeug an Zwölfjährige verkauft).
Am ersten Schultag in diesem Jahr wartete auch meine Nachbarin auf den Bus. Sie sah aus, als würde sie sich gleich übergeben.
»Ist dir schlecht, Mary Kate?«, habe ich sie gefragt.
»Ich glaube schon«, sagte sie.
Mary Kate ist ein Jahr jünger als ich, und wir sind gute Nachbarschafts-Freundinnen, aber sie ist ein bisschen zu behütet. Ihre Eltern erlauben ihr nicht, Fernsehen zu gucken, und ein Handy darf sie schon gar nicht haben. Ich verstehe ja, dass die Welt da draußen sehr gefährlich sein kann, aber ein Kind so sehr zu behüten, kann auf Dauer nur nach hinten losgehen. Zum Beispiel, wenn das Kind dann so unglaubliche Angst davor hat, in einem Bus voller älterer Kinder mitzufahren, dass es fast kotzt.
Seit diesem ersten Schultag sitzt Mary Kate auf der Fahrt nach Hause immer neben mir.
»Kröte, hast du was zu essen?«, fragt Danny Mary Kate. Er nennt sie Kröte und mich Frosch. Wir haben keine Ahnung, warum.
»Nein«, sagt sie. Als er nicht hinguckt, schiebt sie ihre Hand in die Außentasche ihres Rucksacks und gibt mir ein Stück Schokolade, leicht angeschmolzen.
»Stimmt das mit dieser Olivia, dass sie, äh, ihre Dings bekommen hat und also einen Unfall hatte und dann gleich gekleiderordnet wurde?«, fragt mich Mary Kate.
»Ja. Das stimmt alles. Ganz schön schrecklich, oder?«
»Passiert das oft?«
»Dass man gekleiderordnet wird? Bis sie uns mit der Klassenfahrt bestochen haben, täglich, stündlich, minütlich.«
»Nein, ich meine Unfälle.« Mary Kate sieht wieder ganz verschreckt aus. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie lieber langsam in einem Fass Schokolade ersticken würde, als in der Schule einen Blutfleck auf ihrer Hose zu entdecken.
Ich bringe es nicht über mich, ihr zu sagen, dass ich keine Ahnung habe. »Nein. Wirklich nicht. Aber ich würde mir eine extra Jogginghose ins Schließfach legen, nur zur Sicherheit.«
»Das mache ich.«
Danny streckt den Arm über den Gang und wedelt Mary Kate mit einem Zwanzig-Dollar-Schein vor der Nase herum. »Ich kann sehen, dass du isst, Kröte. Ich gebe dir zwanzig Dollar für einen Schokoriegel.«
»Ich habe keine mehr.« Mary Kate hat auch schreckliche Angst vor Leuten, die vapen.
Danny zieht ein Gerät aus seiner Tasche, das aussieht wie ein USB-Stick, und inhaliert den Dampf. Ich finde das total eklig.
Der Siebtklässler neben ihm, er heißt Ted, stößt ihn in die Seite, weil er auch will. Danny hält ihm das Ding vor den Mund, und Ted saugt daran.
Frosch und Kröte sind so angeekelt, dass sie noch nicht einmal ihre Schokolade aufessen können.
Wenn man kein Elefant ist
Meine Mom behandelt Danny wie ein Kleinkind. Deswegen hat sie es auch für nötig befunden, letztes Jahr ihren Job bei der Tafel aufzugeben, um wieder Vollzeitmutter zu werden.
Sie hat ihren Job geliebt.
»Hallo, Schatz. Wie war dein Tag?«, sagt sie und versucht, so nah wie möglich an ihn heranzukommen. Sie will wissen, ob er nach Minze oder Mango riecht, die beliebtesten Geschmacksrichtungen beim Vapen.
»Gut«, sagt Danny, weicht ihr aus und reißt die Speisekammertür auf. Danny lernt langsam, dass Mom ihn in Ruhe lässt, wenn er einfach »gut« sagt und nicht pampig wird.
»Und deiner, Molly Mae?« Zum Glück will sie nicht an mir riechen. »Wie war dein Mathetest?«
»Es lief gut.« Ich öffne den Kühlschrank auf der Suche nach Milch, um die Schokolade runterzuspülen. Thibodeaux stürzt sich auf mich und bekommt von mir ein Leckerli aus der Tibby-Dose.
»Haben sich alle von der Nachricht wegen der Klassenfahrt erholt? Daddy war echt enttäuscht, dass sie abgesagt wurde. Er hat dir gerade eine richtig coole LED-Taschenlampe bestellt.« Sie schaut Danny hinterher, der über die Treppe nach oben verschwindet.
»Findest du es nicht ein bisschen übertrieben, dass sie die Fahrt wegen der Kleidersache gestrichen haben?«
»Nun, sie wollten euch anspornen. Ich habe schon verstanden, was sie damit erreichen wollten, und wie der Schulleiter geschrieben hat, so sind die Vorschriften.«
Sie rückt näher an mich ran und stellt sich neben mich. »Hat er auf dem Weg nach Hause geraucht?«, flüstert sie. Ihr heißer Atem kitzelt in meinem Ohr.
»Nicht dass ich wüsste«, lüge ich. Ich wünschte, sie würde sich wenigstens ein Mal für mein Leben interessieren. »Die Klassenfahrt ist mir egal.«
»Wirklich? Aber du hast dich doch schon das ganze Frühjahr darauf gefreut.«
»Ich finde, sie gehen mit der Kleiderordnung echt zu weit. Kannst du nicht mal mit dem Schulleiter reden und ihm sagen, dass es nicht in Ordnung ist, zu überwachen, was Leute anhaben? Besonders das, was Mädchen anhaben?«
Sie sieht mich mit einem So-etwas-sagt-Molly-sonst-nie-Blick an. »Ich glaube, wir sollten aus einer Mücke keinen Elefanten machen, mein Schatz. Und außerdem sind es nur noch ein paar Wochen, und dann bist du auf der Highschool. Da nimmt man es mit der Kleiderordnung nicht so genau. Vielleicht nicht genau genug.«
»Kann ich denn jetzt tragen, was ich will, wenn die Klassenfahrt sowieso gestrichen ist?«
»Warum willst du dir den Ärger einhandeln?«
»Weil ich ein Mal in meinem Leben für etwas kämpfen will.«
Sie legt den Kopf schief und denkt wahrscheinlich: Wer ist dieses Mädchen, und was hat sie mit meinem Kind gemacht? Die Klassenfahrt ist ihr egal, und sie will für etwas kämpfen?
»Weißt du was, Molly? Das kannst du gerne machen. Solange wir nicht deinen nackten Hintern zu sehen bekommen, natürlich.«
»Wenn du also einen Anruf bekommen solltest, dass du mir Klamotten zum Wechseln bringen musst, wirst du nicht sauer sein?«
»Nein. Ich werde nicht sauer sein. Ich werde ihnen sagen, dass meine Tochter gut angezogen ist. Okay?«
»Danke, Mom.«
»Ich bin stolz auf dich, mein Schatz.«
Manchmal sind Mücken genauso wichtig wie Elefanten.
Wolfgang Waffel Winzling der Dritte
An einem verregneten Oktobermorgen in der ersten Klasse wurden Bea und ich gezwungen, Freundschaft zu schließen. Alle Schüler, die am Schulausflug teilnahmen, stellten sich in die Schlange für den Bus, und wir hatten das Pech, die einzigen Mädchen in unserer Busgruppe zu sein. Wir gerieten in Panik, starrten einander an und setzten uns nebeneinander, ohne ein Wort zu sagen. Zuerst guckten wir einfach geradeaus, denn ich kannte sie nicht, und sie kannte mich nicht. Aber dann bot sie mir einen Keks aus ihrer Frühstücksdose an, und ich bot ihr Chips aus meiner Frühstücksdose an.
»Bäh?«, fragte ich, als ich den Namen auf ihrer Dose las.
»BE und A«, sagte sie. »Bea.«
Wir kicherten, weil man das in der ersten Klasse so macht.
Wir hielten uns an den Händen und folgten der Lehrerin durch das Dorf, sahen den als Siedlern verkleideten Schaustellern beim Weben und Teigkneten zu und ließen uns die Wirkung der Pflanzen im Kräutergarten erklären.
»Guck mal, eine kleine Maus«, sagte Bea. Sie legte das zitternde Wesen in ihre Handfläche. Es war eindeutig ein Baby, so klein wie der Daumen einer Erstklässlerin. Wir setzten die Maus in meine Frühstücksdose (nachdem ich vorher mein Brot und die Chips rausgenommen hatte) und machten ihr ein Bett aus Gras und Blättern.
»Ich nehme sie eine Woche, du sie in der nächsten Woche«, hatte Bea gesagt. Obwohl wir große Pläne hatten, uns für den Rest unseres Lebens gemeinsam um die Maus zu kümmern, erlaubte unsere Lehrerin uns nicht, sie zu behalten.
Wir ließen die kleine Maus im Kräutergarten wieder frei, genau unter dem Salbei, wo wir sie gefunden hatten. »Sie hat bestimmt eine Mom, die sie vermisst hätte«, sagte ich. Bea war gerade damit beschäftigt, etwas auf ihre Frühstücksdose zu malen.
»Guck«, sagte sie, als sie fertig war, »jetzt werden wir sie nicht vergessen.«
Das Bild sah genauso aus wie die Maus. Ich war beeindruckt.
Wir nannten sie Wolfgang Waffel Winzling den Dritten. Keine Ahnung, wo wir den Namen herhatten. Aber ich weiß noch, wie ich dachte, dass es gut war, jemanden wie Bea an meiner Seite zu haben.
Ich hatte recht.
Nicht in Ordnung: ein Kleider-Podcast Episode eins (Take 3)
Ich: Hier ist Molly Frost, und ihr hört gerade Nicht in Ordnung: ein Kleider-Podcast. Nachdem meine Freundin vom Schulleiter unserer Mittelschule gedemütigt wurde, weil sie ein Tanktop trug und ihre Schultern zu sehen waren, habe ich mich entschieden, das Thema Kleiderordnung anzusprechen. Ich finde, so sollte man mit einem dreizehnjährigen Mädchen nicht umgehen. Ich habe Gäste eingeladen, mit denen ich über die Kleiderordnung an der Mittelschule sprechen will. Ich begrüße Bea M., willkommen, Bea, eine hier wohlbekannte Künstlerin, die berichten wird, wie es ihr letztes Jahr in der siebten Klasse ergangen ist. Bea, erzähl uns doch erst einmal ein wenig über dich.
Bea: Also, ich liebe Kunst, besonders Malen, obwohl mir die Bildhauerei auch immer mehr gefällt. Diesen Sommer fahre ich mit meinem Dad nach Italien, und ich freue mich jetzt schon total. Ich war noch nie in einem anderen Land. Und, keine Ahnung, das war’s auch schon. Oh, ja, und ich bin die Einzige in meinem Freundeskreis, die auf K-Pop steht.
Ich: Ich habe nichts gegen K-Pop.
Bea: Du hast nichts gegen K-Pop, ich bin aber besessen von K-Pop.
Ich: Stimmt. Okay, kommen wir zu unserem Thema, die Kleiderordnung in der Mittelschule. Bist du je gekleiderordnet worden, und wenn ja, wie waren deine Erfahrungen?
Bea: Ich habe schon auf dem Weg hierher darüber nachgedacht, und ich bin tatsächlich ziemlich oft auf den Fluren oder im Unterricht schikaniert worden, musste aber nur ein einziges Mal zur Schulleitung.
Ich: Wenn du sagst, du bist schikaniert worden, was meinst du dann genau damit?
Bea: Ach, es nervt einfach. Letztes Jahr, am Anfang der siebten Klasse, war es unmöglich, Shorts zu finden, die länger waren als meine Fingerspitzen. Meine Arme sind außergewöhnlich lang, und in den Läden gibt es nur ganz kurze Shorts. Meine Mom wurde langsam sauer. Sie hatte mir mehrere Shorts für den Schulanfang gekauft, weil das Schulamt zu geizig ist, eine Klimaanlage installieren zu lassen. Und wirklich jeden Morgen, wenn ich zum Unterricht gegangen bin, rief die Fingerspitze: »Hey, zieh diese Shorts runter, oder zieh sie nie wieder an.« Und ich habe an meinen Shorts rumgezerrt, während ich meinen ganzen Kram in den Händen hielt und den Weg zum nächsten Kursraum suchte, weil alles noch so verwirrend war. Und manchmal hat Couchman mich angehalten und mit der Kleiderordnung vor meiner Nase rumgewedelt und mich verwarnt, sodass ich zu spät zum Unterricht gekommen bin. Das ist so oft passiert, dass ich schon gar nicht mehr sagen kann, wie oft genau.
Ich: Was hattest du denn an, als du zur Schulleitung musstest?
Bea: Die gleichen Shorts wie alle anderen auch. Der einzige Unterschied war, dass meine vorne zerrissen waren. Ich saß in Computer- und Medientraining, und Mr Schwab hat mich angeguckt, als wäre ich ein toter Käfer, der an seinem Schuh klebt. Dann hat er mich nach vorn gerufen, vor die ganze Klasse, und gefragt, ob ich mir etwa keine Shorts leisten könnte, die keine Löcher haben. Dann hat er bei der Schulleitung angerufen und gesagt, dass er mich zu ihnen schickt, weil ich gegen die Kleiderordnung verstoßen würde. Sie haben meine Mutter informiert, und sie war so wütend, weil sie es satthatte, nach Shorts zu suchen, die lang genug sind. Also hat sie mir eine von ihren Shorts mitgebracht, und ich musste den ganzen Tag lang in beigen Mom-Shorts rumlaufen. Danach habe ich mich einfach in langen Hosen zu Tode geschwitzt, bis es endlich kühler wurde.
Ich: Bea, es tut mir wirklich leid, dass ich mich über dich lustig gemacht habe, als du die Shorts deiner Mom getragen hast.
Bea: Molly, du bist auch nur ein Mensch.
Die Baumhaus-Schleim-Fabrik
Wenn mich jemand fragen würde, wie es in der fünften Klasse war, dann würde mir wohl nicht besonders viel einfallen. Denn das ganze Jahr ging es nur um Schleim. Mein Freund Will wurde von der Begeisterung seines Cousins in Baltimore angesteckt und hat seine Mom beauftragt, alle Zutaten zu kaufen: Borax, Leim, Rasiercreme, Kontaktlinsenflüssigkeit und Behälter, und hat dann alles in unserem Baumhaus abgeladen.
Ich war skeptisch.
»Du wirst nur eine Riesensauerei machen, und ich darf dann alles aufräumen«, habe ich zu Will gesagt. Aber der saß schon im Baumhaus auf dem Boden, guckte ein YouTube-Video über Schleim, vor sich eine große Plastikschüssel und eine seltsame Kombination von Zutaten.
Die erste Mischung stimmte noch nicht so richtig. Die zweite war schon besser. Und die dritte machte uns süchtig. Innerhalb von einer Woche war die halbe Nachbarschaft in unserem kleinen Baumhaus und mischte, was das Zeug hielt. Mit viel Glitzer und bunten Lebensmittelfarben machten wir das Ganze noch kunstvoller. Nachdem wir unsere Eltern angebettelt hatten, eine Instagram-Seite zu erstellen (sie haben schließlich nachgegeben, denn »wenigstens macht ihr was Kreatives mit euren Händen«), wurde @BaumhausSchleimFabrik geboren.
So habe ich Ashley kennengelernt. Sie war gerade von Dallas nach Connecticut gezogen. Wir trafen sie, als sie mit ihren Corgis Valerie und Allen durch die Nachbarschaft streunte, und haben alle drei in unsere Fabrik eingeladen. Zwei Corgis in ein Baumhaus zu bugsieren, ist ganz schön schwer. Ashley hat die Kamera gehalten und für Instagram gefilmt, wie Will, Mary Kate und ich den Schleim hergestellt haben. Einmal hatte Ashley den lustigen Vorschlag, dass wir uns alle lange Fingernägel ankleben, um unsere Hände auf dem Video schöner in Szene zu setzen. Die Nägel sind dann abgefallen und im Schleim kleben geblieben.
Meine Oma hat mir einen richtig coolen Plastikkasten mit einem Geheimfach geschenkt. Darin konnte ich meine Knetdosen mit den besten Schleimkreationen aufbewahren. Ich habe ständig damit gespielt.
Und dann, eines Tages, haben wir aufgehört. Ich weiß nicht mehr, wann oder wieso. Ich hatte Schleim einfach satt. Will hat den Schleim als Letzter aufgegeben. Den Kasten habe ich in meinen Schrank getan, falls mir mal langweilig sein sollte und ich rummatschen wollte.
Letztes Jahr kam Danny in mein Zimmer, nachdem er zum dritten oder vierten Mal suspendiert wurde. Sein Lehrer hatte ihn beim Vapen erwischt, als sie im Geschichtskurs gerade das Bürgerkriegsdrama »Glory« anschauten.
»Willst du wirklich den ganzen Schleim weiter in deinen Knetdosen aufbewahren?«
Zu dem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher, ob ich das wollte oder nicht. »Weiß ich nicht. Was geht dich das an?« Danny hat sich immer nur über mich lustig gemacht, mich angeschrien, nach Essen gefragt oder mir gesagt, ich soll abhauen. Mit mir geredet hat er nie.
»Ich möchte den Kasten für mein Zeug benutzen.«
»Was für ein Zeug?«
»Mein Vaping-Zeug. Mom und Dad machen so ein Drama daraus. Ich weiß echt nicht, was die haben. Es ist so viel gesünder als Zigaretten.«
Ich wusste, dass es nicht gesünder war, weil ich die ganzen Artikel gelesen habe, die Mom ständig überall rumliegen ließ. Danny wohl nicht.
»Was bekomme ich dafür?«
»Sagen wir mal so: Ich hau dir nicht in die Fresse.«
»Sagen wir mal so: Du machst, was ich dir sage, und hörst auf, gemein zu mir zu sein, dann kannst du den Kasten haben.«
»Okay.«
Danny kommt jetzt dauernd in mein Zimmer, um sich Zeug aus dem Kasten zu holen. Manchmal spricht er mit mir über irgendwas, über Konzerte, auf die er gehen will, und darüber, ob ich bereit wäre, mit ihm nach Kanada zu ziehen, falls Mom und Dad sterben würden und er dann mein Vormund wäre.
Seit ich ihm den Kasten mit den Knetdosen vermiete, ist es jedenfalls besser als vorher.
Der Wunschbrunnen-Bruder
Mein Wunschbrunnen-Bruder ist der Bruder, den ich mir jedes Mal wünsche, wenn ich mir am Brunnen vor der Cheesecake Factory etwas wünsche.
»Warum stehst du da so, mit geschlossenen Augen?«, fragt Danny mich immer. »Du siehst bescheuert aus.« Aber mir ist es egal, wie ich aussehe, denn mit geschlossenen Augen kann ich mir den Bruder vorstellen, den ich gerne hätte.
Mein Wunschbrunnen-Bruder redet mit mir, wenn wir zusammen die Straße entlanggehen, und fragt mich, ob ich auch ein Eis haben will, wenn er sich selbst eins holt. Er erzählt mir so lange Witze, bis uns vor Lachen die Bäuche wehtun. Ein Frühstücktablett in den Händen, das wir gemeinsam vorbereitet haben, schleicht er mit mir in das Schlafzimmer unserer Eltern (so wie in der Werbung). Mein Wunschbrunnen-Bruder beschützt mich, wenn die Jungs aus seiner Klasse mich hinter der Bücherei mit Schneebällen bewerfen. Geduldig hilft er mir mit den Hausaufgaben, anstatt zu sagen: »Wie kann man das nicht kapieren!« Er liest mit mir Bücher in Höhlen, die wir aus Decken und Kissen gebaut haben. Und er schlägt mich nie oder tritt mich oder spuckt in mein Ohr, wenn ich schlafe, oder bespritzt mich mit dem Gartenschlauch, wenn ich mich gerade für den Vater-Tochter-Tanz bei den Pfadfinderinnen fein gemacht habe.
Einmal, als ich etwa neun oder zehn war, habe ich ein Einmachglas voller Geld in den Brunnen gekippt, Scheine und alles.
»Warum hast du das gemacht?«, hat Oma gefragt und das durchweichte Geld rausgefischt. Oma geht mit mir immer in die Cheesecake Factory, wenn sie zu Besuch ist.
»Bitte lass das Geld da drin«, habe ich gesagt. »Mein Wunsch ist noch nicht in Erfüllung gegangen.«
Ein Gruppenchat mit 217 Personen
Im größten Gruppenchat, an dem ich bisher teilgenommen habe, waren sechzig Leute. Das war Scott Kleinmans Bar-Mizwa-Gruppenchat, und der war nicht besonders aufregend. Seine Mutter hatte die Gruppe erstellt, um uns darüber zu informieren, wann wir in der Synagoge zu sein hatten, dass wir während des Gottesdienstes unsere Schultern bedecken sollten, dass der Bus nach Hause von der Basketball Hall of Fame zum Supermarkt fahren und uns dort zwischen elf und elf Uhr dreißig absetzen würde.
Ansonsten bestand der Chat zu neunzig Prozent aus Fragen von Mädchen, die wissen wollten, was man anziehen soll. Bis zum Tag vor der Bar Mizwa. Dann waren es zu neunzig Prozent Jungs, die wissen wollten, was man anziehen soll. Ein Junge hat ständig alle gefragt, wie viel Geld sie Scott schenken, weil er gehört hatte, es müsse ein Vielfaches von dreizehn sein. Alle antworteten ihm ständig: achtzehn, also ein Vielfaches von achtzehn. Ich glaube, der Junge hat nie kapiert, dass sowohl Scott als auch seine Mutter mit zur Gruppe gehörten.
Ich wusste gar nicht, dass ein Gruppenchat mit 217 Personen überhaupt möglich ist. Bis gestern, als (ausgerechnet) Scott Kleinman einen Gruppenchat mit dem Titel Klassenfahrt, ja klar! startete:
Meine Eltern und Jessie Laheys Eltern sagen, sie werden uns beaufsichtigen, wenn wir unseren eigenen Campingausflug zum Strawberry Hill State Park organisieren wollen. Selber Tag. Antworte, wenn du mitmachst.
Zweihundertsiebzehn von 220 machen mit. Ich weiß, dass zwei Schüler vor Ende des Schuljahres nach Indien fahren, die sind also nicht dabei. Jemand anders aus der achten Klasse fehlt also noch.
Die Eltern treffen sich gerade in der Bücherei, um den Campingausflug zu besprechen, denn vier Eltern können natürlich nicht 217 Mittelschüler bändigen. Ich hoffe, meine Eltern werden nicht mit reingezogen. Meine Mom war schon fünf Mal Elternvertreterin, und mein Dad war der DJ beim Tanz der Pfadfinderinnen. Ich werde sie daran erinnern, dass sie ihre Pflicht getan haben und jetzt mal andere dran sind.
In der Klassenfahrt, ja klar!-Gruppe wird viel geflucht.
Nick und seine Freunde schmieden schon Pläne, wie sie ihre Vape-Pods mitschmuggeln wollen. Sie fragen, ob eines der Mädchen Lust hätte, die Pods in ihrem BH zu verstecken. Keine antwortet.
Irgendwie hoffe ich, dass Scotts Mom diesmal auch mitliest.
Ein Brief an Scott Kleinman
Wenn es nicht total seltsam wäre, Scott Kleinman einen Brief über seine Bar Mizwa zu schreiben, würde ich ihm Folgendes sagen:
Lieber Scott,
du hast dir ganz schön viel Mühe mit deiner Bar Mizwa gegeben. Es war sehr mutig, wie du vor deiner Familie, deinen Freunden und Leuten von auswärts aufgetreten bist (ich glaube, dein Dad hat gesagt, dass sogar Gäste aus Kalifornien und Miami da waren). Du hast nicht einmal das Gesicht verzogen, als die Kinder aus unserer Klasse einfach nicht still sein wollten. Ich war echt beeindruckt von deinen Hebräisch-Kenntnissen und deinem Projekt, Menschen über Assistenzhunde aufzuklären.
Ich erinnere mich aber vor allem an die Rede deiner Eltern, in der sie erzählten, dass du dein ganzes Leben lang freundlich und großzügig warst, dass du einem Mädchen, das ihre Brezel hat fallen lassen, deine Brezel angeboten hast (als du gerade mal drei Jahre alt warst!). Deine Eltern waren so gefühlvoll, so liebevoll, und es war dir noch nicht einmal peinlich, dass sie dich umarmt haben.
Als ich deine Bar Mizwa verlassen habe, habe ich mich ganz leer gefühlt. So eine wunderschöne Rede könnten meine Eltern über Danny nicht halten. Und über mich könnten sie wohl auch nichts Besonderes sagen.
Jedenfalls, gut gemacht.
Deine Klassenkameradin Molly
Manchmal sind Äpfel einfach böse
Wenn ich früher von der Schule nach Hause gekommen bin, habe ich meinen Eltern immer sofort erzählt, was Nick und seine Freunde an dem Tag gesagt haben:
»Nick hat Bea ›Bohnenstange‹ genannt.«
»Nick hat Amar ›Isis‹ genannt.«
»Nick hat Liza ›Bohnenfresserin‹ genannt.«
»Nick hat Scott ›Jewfro‹ genannt.«
»Nick hat Julissa angespuckt und zu ihr das N-Wort gesagt.«
»Nick hat Sarah Simms ›haarige Bestie‹ genannt.«
»Nick hat Ashley ›Fischstäbchen-Atem‹ genannt.«
»Nick hat Jacob und ein anderes Kind, das autistisch ist, ›geistige Zwerge‹ genannt.«
Auch wenn er die schrecklichsten Dinge von sich gab – für die Danny und ich lebenslang bestraft worden wären –, haben meine Eltern jedes Mal gesagt: »Beachte ihn einfach nicht, Molly. Irgendwo hat er das ja her. Meistens fällt der Apfel nicht weit vom Stamm.«
Aber ich kenne Nicks Eltern. Sie sind wirklich nett. Vielleicht sind sie zu Hause grausam und gemein, aber sie waren zu allen hilfsbereit und freundlich, als sie unsere Klasse bei den Morgenwanderungen begleitet haben.
Vielleicht, nur vielleicht, werden Äpfel ja böse geboren.
Vielleicht hat der Baum gar nichts damit zu tun.
Jetzt hat Nick dafür gesorgt, dass all seine Gefolgsleute »Tampon-Versagerin« zu Olivia sagen. Es hat nie jemand behauptet, dass Nicks Spitznamen besonders schlau wären. Ich wette, meine Eltern würden Olivia sagen, dass sie ihn einfach nicht beachten soll. Er ist nichts weiter als ein fauler Apfel.
Ich werde Olivia sagen, dass sie sich wehren soll. So bin ich nämlich gerade drauf.
Nicht in Ordnung: ein Kleider-Podcast Episode zwei
Ich: Hier ist Molly Frost, und ihr hört gerade Nicht in Ordnung – ein Kleider-Podcast. Ich habe mich entschieden, das Thema Kleiderordnung anzusprechen, nachdem meine Freundin vom Schulleiter unserer Mittelschule gedemütigt wurde, weil sie ein Tanktop trug und ihre Schultern zu sehen waren. Ich finde, so sollte man mit einem dreizehnjährigen Mädchen nicht umgehen. Ich habe Gäste eingeladen, mit denen ich über die Kleiderordnung an der Mittelschule sprechen will. Heute heiße ich Liza R. willkommen, bekannt für ihre Talente beim Volleyball und beim Schreiben. Sie hat einmal ein zehnseitiges Gedicht über Puerto Rico geschrieben. Das war in jeder Hinsicht ein Heldinnengedicht. Wie war noch mal der Titel, Liza?
Liza: Eine Insel, grün und blau.
Ich: Stimmt. Es war so toll. Okay, lass uns über die Kleiderordnung sprechen. Wie waren deine Erfahrungen?
Liza: Ich habe dafür extra mein Tagebuch mitgebracht.
Ich: Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, Liza hat ihr Tagebuch hinten aufgeschlagen, und sie hat, lasst mich zählen, fünf, sechs … siebenunddreißig Stellen markiert.
Liza: Nachdem ich gleich am ersten Schultag gekleiderordnet wurde, habe ich angefangen, alles aufzuschreiben. Ich habe die Shorts, die wir zusammen gekauft haben, nicht mehr getragen, aber egal, was ich anhatte, die Fingerspitze fand immer etwas an mir auszusetzen. Mein BH-Träger guckte hervor, mein Shirt war nicht lang genug, meine Hose zu eng, mein Ausschnitt zu groß. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist, mich von Kopf bis Fuß zu mustern und mich dann zu kritisieren. Kein Witz.
Ich: Wie hast du dich dabei gefühlt?
Liza: Im Badezimmer war mal eine Spinne im Waschbecken. Ich habe die Lupe von meinem Bruder geholt und habe die Spinne beobachtet. Es war faszinierend. Schließlich kam meine Mutter dazu und hat die Spinne mit der Lupe zerquetscht. Wie ich mich jedes Mal fühle? Wie die Spinne.
Ich: Mensch, Liza.
Liza: Jup.
Ich: Was hat sich verändert, als sie beschlossen haben, uns mit der Klassenfahrt zu bestechen?
Liza: Meine Mom musste ihren gesamten Monatslohn für hässliche Klamotten ausgeben, die mir zwei Nummern zu groß sind, so wie das, was ich gerade anhabe.
Ich: Nicht so wirklich dein Stil.
Liza: Nein, gar nicht, oder?
Ich: Liza, hast du Lust, mit mir gegen die Kleiderordnung zu verstoßen, jetzt, wo wir nichts mehr zu verlieren haben?
Liza: Ja. Das wäre wunderbar.
Wie hast du dich dabei gefühlt?
Durch die Therapie habe ich gelernt, wie ich Leute für meinen Podcast befragen kann. In dem Sommer, nachdem ich die Mittagsstunden-Runden aufgegeben hatte, bin ich vier- oder fünfmal hingegangen. Meine Mom hielt das für eine gute Idee, als sie merkte, dass Danny immer gemeiner und ich immer stiller wurde. Die Frau (ich weiß ihren Namen nicht mehr) hat mich immer gefragt: »Und wie hast du dich dabei gefühlt?« Und ich habe immer mit dem Lieblingswort meines Vaters geantwortet: »Grottenschlecht.«
Mom hat allen erzählt, dass die Therapie Wunder bewirkt hätte und ich nach ein paar Stunden wieder ganz die Alte gewesen sei, obwohl Danny noch immer schrecklich war.
Ich war wieder ganz die Alte wegen der Baumhaus-Schleim-Fabrik, aber die Therapie-Tante hat auch ein bisschen dazu beigetragen.
Jedem Anfang wohnt kein Zauber inne
Wenn ich auf dem kleinen Klo neben der Garage sitze, kann ich alles verstehen, was Mom und Dad im Arbeitszimmer hinter verschlossener Tür sagen. Zuerst wollte ich gar nicht lauschen: Ich saß einfach nur auf dem Klo. Aber dann hörte ich das Wort Pass und wurde neugierig. Mom zählt Dad lauter Orte auf, an die sie hinziehen will, damit Danny neu anfangen kann. Jedes Mal, wenn Mom einen Ort nennt, sagt Dad: »Na, dann erkundige dich mal. Dann bin ich bereit, darüber nachzudenken.« Und Mom sagt: »Das müssen wir zusammen machen. Es ist eine weitreichende Entscheidung.« Dann fangen sie an zu streiten, und ich spüle und verschwinde so schnell wie möglich.
Hier ist die Liste (in keiner bestimmten Reihenfolge):
Thailand
Schottland
Oregon
Toronto
Florida
Seattle
Portugal
Neuseeland
Ich werde nicht neu anfangen. Werde. Ich. Nicht.
Rasurbrand
Liza und ich werden beide ganz normal lange Shorts tragen. Wir planen das Ganze, während unsere Mütter sich in der Auffahrt unterhalten. Liza sagt: »Ich werde das Outfit tragen, aber ich finde, wir sollten noch mehr tun, als gekleiderordnet zu werden und uns dann zu weigern, etwas anderes anzuziehen.«
»Okay, aber was?«
»Ich lass mir was einfallen.«
»Wir ziehen uns morgen so an, und dann werden wir ja sehen, was passiert«, sage ich.
Am nächsten Morgen will ich eigentlich meine Mom daran erinnern, dass sie versprochen hat, nicht sauer zu sein, wenn ich gekleiderordnet werde. Aber dann mache ich es doch nicht. Sonst überlegt sie es sich vielleicht anders. Ihr fällt noch nicht einmal auf, dass ich die Shorts trage, über mein Tanktop ziehe ich einen Hoodie. Als ich in der Schule bin, verschwindet der Hoodie in meinem Schließfach.
Es fühlt sich an wie am ersten Schultag in der siebten Klasse, als ich allein und verloren durch die Gegend gerannt bin, voller Angst, dass die Fingerspitze mich zur Schulleitung schickt. Liza fühlt sich bestimmt genauso. Ohne Probleme nehme ich meinen Platz im Klassenzimmer ein, wahrscheinlich, weil Ms Lane eine der nettesten Lehrerinnen überhaupt ist. Sie würde nie eine Schülerin beschämen, weil sie Shorts und ein Tanktop trägt.
Meine Beine kleben an dem kalten Sitz fest. Ich schaue nach unten und merke, dass ich einen ziemlich auffälligen Rasurbrand auf meinem Schienbein habe. Diese Hautausschläge werden langsam echt zum Problem. Ich muss unbedingt zum Hautarzt. Erst Pickel und jetzt Rasurbrand. Was kommt als Nächstes?
In der Mittagspause kommt Liza zu mir gelaufen. Ich sitze wie üblich zusammen mit Bea, Ashley, Navya und einem Schüler namens Tom am Tisch. Tom hat seit einem Skiunfall ein Schädel-Hirn-Trauma und ist meistens ziemlich verwirrt. Wir sind die Einzigen, die ihn beachten.
»Vielleicht solltest du Tom fragen, ob er mit dir zum Abschlussball geht«, hat meine Mom bestimmt schon zwei Mal gesagt, weil sie eine ABZ-Neurose hat – eine Abschlussball-Zwangsneurose. Und es kann ab jetzt und in den nächsten drei Jahren nur noch schlimmer werden, wenn der Abschlussball dann tatsächlich ansteht.
»Wurdest du gekleiderordnet?«, fragt Liza mich und setzt sich Tom gegenüber.
»Noch nicht«, sage ich. »Du?«
»Oh ja. Als ich in der Bücherei anstand, hat die Fingerspitze mich aus der Warteschlange gezogen und mir gesagt, dass meine Shorts zu kurz sind. Ich habe ihr gesagt, dass meine Mom sie wegen Belästigung verklagen wird, wenn sie mich noch mal damit nervt.«
»Hast du nicht«, sagt Ashley.
»Okay, habe ich nicht. Wollte ich aber. Ich habe einfach gesagt, dass meine Mutter Krankenschwester ist und das Krankenhaus nicht verlassen kann, um mir etwas anderes zum Anziehen zu bringen. Sie hat mich gefragt, wo mein Dad ist, und ich habe gesagt, er kümmert sich um meine kranke Tante in Puerto Rico. Dann meinte sie, dass ich jetzt verwarnt bin, und wenn ich noch mal gegen die Regeln verstoßen würde, müssten meine Eltern zu einer Besprechung in die Schule kommen, und ihr ist egal, wie weit weg sie sind.«
»Das ist so unverschämt«, findet Navya.
»Hey, Tom«, sagt Bea. »Lenken dich Lizas Shorts von deinen Aufgaben ab?«
Tom guckt auf Lizas Shorts. »Wie jetzt?«, fragt er.
»Ach, egal. Doofe Frage.«
Ich verbringe den Rest des Tages damit, genau das zu tun, was ich am ersten Tag der siebten Klasse nicht gemacht habe. Ich versuche, so oft wie möglich Lehrern über den Weg zu laufen, damit sie mich verwarnen. Aber keiner tut es.
Dern sieht mich und wendet sich ab, um mit einem Baseballspieler zu reden.
Ist es, weil Liza einen Busen und einen Hintern und lange Beine hat? Sieht er sie deswegen und mich nicht?
Bin ich deswegen unsichtbar?
Die Elternversammlung in der Bücherei nimmt eine überraschende Wendung
Meine Mom kommt von der Elternversammlung wegen unseres Campingausflugs aus der Bücherei zurück, wirft ihre Schlüssel auf den Küchentisch und rennt zu mir nach oben. Bestimmt will sie mir unbedingt erzählen, dass sie angeboten hat, mitzukommen.
»Hi, Molly«, sagt sie und setzt sich auf mein Bett, wo meine ganzen Zettel für Naturwissenschaft über die buttergelbe Steppdecke verteilt liegen. »Das war ein interessantes Treffen.«
»Bestimmt. Haben sich die Eltern wieder darüber gestritten, ob der Teig fürs Stockbrot mit oder ohne Gluten sein soll, wie letztes Jahr beim Pfadfindertreffen?«
Sie lacht. Es ist ein angestrengtes Lachen. »Nein. Und ich muss dir sagen, dass ich nicht angeboten habe, zu helfen. Wenn sie nicht genug Leute gehabt hätten, dann bestimmt, aber weißt du, ich will hier bei Danny bleiben.«
»Das verstehe ich.«
»Schätzchen, alle haben sich sehr darüber aufgeregt, wie mit Olivia umgegangen wurde. Warum hast du mir denn nichts davon erzählt? Das ist ja schrecklich.«
»Das ist eigentlich ganz normal bei uns an der Schule.«
»Molly, ich hatte ja keine Ahnung.«
»Mom, du wusstest doch, dass wir eine Kleiderordnung haben, und auch, dass sie uns mit der Klassenfahrt bestechen wollten.«
»Dr. Couchman hält ja viel von Vorschriften, aber das hier geht entschieden zu weit.«
»Ich arbeite gerade an einem Podcast. Ich interviewe die Schülerinnen, die wegen der Kleiderordnung gedemütigt wurden.«
»Wirklich?«
»Ja. Ich finde das einfach schlimm.«
»Molly, du ziehst zur Schule an, was immer du willst, ja? Und falls jemand dich belästigt, sagst du mir Bescheid.«
»Danke, Mom.«
»Vielleicht könnten du und deine Mitschüler eine Petition einreichen und darum bitten, die Kleiderordnung abzuschaffen?«
»Wo sollen wir die denn hinschicken? Dr. Couchman würde lachen und sie in den Papierkorb werfen. Nie im Leben lässt er die Seite aus der Schulordnung entfernen. Die ist für ihn wie eine Designer-Handtasche. Er hat sie laminieren lassen und trägt sie immer mit sich rum.«
»Ihr könnt sie an den Schulinspektor schicken. Oder nein, im Moment ist es der vorläufige Schulinspektor. Es ist einen Versuch wert.«
»Okay, ja. Es ist einen Versuch wert.«
Sie schenkt mir einen Blick, der sagt: Ich bin stolz auf dich. Ich bekomme sofort Schuldgefühle, weil ich Dannys Zeug verstecke. Die habe ich etwa fünfmal am Tag. Ich frag mich, ob Danny das wert ist.
Muttertag
Ich schenke meiner Mom einen Anhänger mit einem Marienkäfer, denn sie liebt Marienkäfer. Wie jedes Jahr bastele ich ihr eine Marienkäfer-Karte und sage ihr, dass sie die beste Mutter auf der ganzen Welt ist. Dad und ich machen Blaubeerpfannkuchen mit Schlagsahne, die wir ihr auf einem Tablett, zusammen mit einer Tasse Pfefferminztee und einer Vase voller frisch geschnittener Fliederzweige, auf die hintere Veranda bringen. Als sie meine Karte liest, weint sie, und zwar richtige Tränen, nicht nur die üblichen Ich-bin-so-gerührt-Tränen. Sie sagt, dass sie den ganzen Tag auf der Veranda verbringen, die Sonne genießen und ihr Buch lesen wird.
Während ich das Haus putze und die Wäsche zusammenlege, gucke ich zwischendurch immer wieder nach ihr.
Danny hat gar nicht daran gedacht, dass Muttertag ist, und wenn doch, merkt man es ihm nicht an.
Am letzten Muttertag hat Danny die Ersatzautoschlüssel aus dem Küchenschrank neben der Schublade mit den Ausstechformen geklaut und hat versucht, mit Moms Auto wegzufahren, obwohl er gar keinen Führerschein hat. Mom ist schreiend die Straße hinuntergelaufen, und Wills Dad ist ihm in seinem Truck gefolgt, hat ihm den Weg abgeschnitten, und dann ist Danny in ihn reingefahren. Niemandem ist was passiert, aber Mom stand vor Mary Kates Haus und hat hyperventiliert.
An dem Abend hat sie Dad gesagt, dass er aufhören muss, an den Wochenenden als DJ aufzulegen, obwohl er das immer so gerne gemacht hat. Weil sie es nicht mehr allein schafft. Weil sie es mit Danny nicht mehr schafft. Dads letzter Auftritt war eine Gartenparty zu Muttertag. Sein letztes Lied war »Tiny Dancer« von Elton John, das Lied, das er mir immer vorgespielt hat, als ich klein war.
Deswegen haben sie immer Geldsorgen.
Deswegen hat Mom geweint, als sie meine Karte gelesen hat.
Deswegen überlegen sie, mit der ganzen Familie in ein anderes Land zu ziehen.
Deswegen habe ich mich heute so bemüht, Mom glücklich zu machen.
Die Petition verbreitet sich wie Hautausschlag
Außer Nick, der sie immer noch eine Tampon-Versagerin nennt, haben eigentlich alle Olivia verziehen, dass die Klassenfahrt ausgefallen ist. Vor allem, da sie ja jetzt doch irgendwie stattfindet.
Ashley ist stinkwütend darüber, dass ihr Vater als Aufsichtsperson mitkommt und sein Angelzeug mitnehmen will. »Wie sollen wir uns jetzt rausschleichen?«, sagt sie. »Mein Dad wird die ganze Zeit mit seiner Angel und seinen ekligen Ködern vor unserem Zelt sitzen.« Wir essen gerade zu Mittag, Eisriegel und Chips wie üblich.
»Du könntest ihn mit Giftefeu einreiben«, sagt Tom.
Ashley sieht Tom an. »Eigentlich keine schlechte Idee.«
Navya kommt mit der Petition an, die wir in der Freistunde geschrieben haben. Sie hat in Ms Lanes Kursraum Kopien gemacht.
Petition für die Abschaffung der Kleiderordnung und für freie Kleiderwahl
»Wer unterschreibt als Erstes?«, fragt Navya.
»Das mach ich«, sage ich.
Wir reichen die Petition in den Fluren herum, in der Umkleide, den Toiletten und den Schulbussen. Um vier Uhr haben wir einhundert Unterschriften und brauchen zusätzliche Seiten.
Fast jedes Mädchen aus der siebten und achten Klasse hat unterschrieben und auch die meisten Jungs. Mom fährt mich zum Büro des stellvertretenden vorläufigen Schulinspektors, und ich gebe die 312 Unterschriften persönlich bei seiner Sekretärin ab.
Jetzt heißt es warten.
Das Schwarze Brett
- Denkt daran, einen Blick auf die Fundsachen zu werfen. Der Tisch quillt schon über!
- Vorsicht, Bär! Wir hatten diesen Monat schon zweimal Bären-Alarm.
- Zur Erinnerung: Bei der Abschlussfeier haben die Mädchen weiße Kleider und die Jungen Hemd, Krawatte und Anzughose zu tragen.
Euch allen eine gute Woche und genießt die Sonne!
Mrs Peabody
Wenn man ins Einkaufszentrum geht, gehören Pommes meistens dazu
Es dauert zwar noch Wochen bis zur Abschlussfeier der achten Klasse, aber Ashley will heute nach der Schule schon shoppen gehen, damit sie das beste Kleid ergattern, es auf Instagram posten und somit sichergehen kann, dass niemand anders es ihr nachkauft. Mom hat gesagt, ich dürfte mich schon mal umschauen, und hat mir fünfundsiebzig Dollar mitgegeben, falls ich ein Kleid finde.
Wir waren noch nie reich, aber seit Mom nicht mehr arbeitet und Dad aufgehört hat, als DJ Geld zu verdienen, gehen wir nicht mehr essen, planen keine Urlaube und kaufen keine teuren Kleider, die wir nur ein Mal tragen werden.
Jetzt verstehe ich, was knapp bei Kasse bedeutet.
Ashleys Mutter will ein paar Sachen bei Lord & Taylor umtauschen, deswegen gehen Ashley und ich erst mal allein zu Nordstrom. Irgendjemand hat gesagt, dass es da ganz viele weiße Kleider gibt.
Weiße Kleider. Warum eigentlich? Es ist ja nicht die Erstkommunion. Wir werden nicht getauft. Es ist keine Hochzeit.
Wir werfen einen Blick auf die Snap Map. Na toll. Nick und seine Kumpane sind hier. Ich habe keine Lust, ihnen zu begegnen, nicht nur, weil sie sich über meine fettigen Haare lustig machen werden, sondern auch, weil Ashley mit der ganzen Truppe immer irgendwie flirtet und das total widerlich ist. Sie verwandelt sich von einem sorglosen Mädchen, das ein Kleid kaufen will, in ein hibbeliges Eichhörnchen.
Wir schaffen es in die Kleiderabteilung, und Ashley steuert sofort auf ein Kleid zu. Es ist cremefarben, aber wirklich hübsch, mit gekreuzten Trägern und Perlenstickerei am Ausschnitt. Ich sehe mich um, und mir wird klar, dass ich wohl in die Kinderabteilung muss, weil hier alles zu groß für mich sein wird. Ashley kommt aus der Umkleidekabine und sieht umwerfend aus, sie könnte echt in dem Kleid heiraten, wenn es nicht kurz wäre und sie erst dreizehn. Sie stellt sich für zwanzig Spiegelselfies in Pose, während sie auf ihre Mutter wartet.
Bald gibt es online die ersten Kommentare: Heiß. Geil. Supersüß.
»Oh, Ash. Das ist ja perfekt. Wow«, sagt ihre Mutter. »Dann brauchen wir noch Schuhe und können das abhaken. Treffer und erledigt!«
»Treffer? Echt jetzt, Mom«, sagt Ashley und geht zurück in die Umkleidekabine.
»Nichts gefunden, Molly?«, fragt ihre Mutter mich.
»Ich bin irgendwie nicht in der richtigen Stimmung. Ich bin total verschwitzt.«
»Oh, das kenne ich. Verschwitzt und aufgeschwemmt – da geht bei mir gar nichts mehr.«
Wir gehen nach unten in die Schuhabteilung, und Ashleys Mom greift sich fünf Paar hochhackige Schuhe. Der Schuhtyp kommt mit einem Stapel Kartons, und Ashley probiert ein Paar nach dem anderen an.
Natürlich gefallen ihr die höchsten am besten. Und ihre Mom sagt: »Deine Füße werden sich am Ende des Tages vor Schmerzen krümmen.«
»Na toll, vielen Dank auch, Mom.«
Ich stehe daneben, als Ashleys Mutter 372 Dollar bezahlt. Das ist die Gesamtsumme.
Ashley lebt in einem riesigen Haus, und ihr Vater fährt einen Lexus, und ihre Mutter trägt einen fetten Diamantring. Das weiß ich. Aber wenn ich sehe, wie ihre Mutter noch nicht einmal einen Blick auf die Summe wirft, als sie ihre Platin-Kreditkarte reinsteckt, dann wird mir doch sehr klar, dass Ashley reich ist und ich nicht. Denn ich muss ein Kleid für fünfundsiebzig Dollar finden, das zu den Schuhen passt, die ich in den letzten zwei Jahren zu jeder Bar und Bat Mizwa getragen habe.
Wir gehen zum Ausgang, und etwas streift meinen Kopf und landet vor mir auf dem Boden. Ich bedecke mein Gesicht, und in dem Moment trifft mich etwas an der Schulter.
Ashley rennt voraus und schreit nach oben in Richtung Balkon: »Hör auf damit, Nick.« Dabei lacht sie ganz komisch. Nick bewirft mich mit Pommes, und Ashley findet das lustig.
Ich werde innendrin ganz rot.
Ich husche in den nächsten Laden und warte darauf, dass Ashley mich entdeckt. Ich habe überhaupt keine Lust auf Nick und seine Freunde. Wahrscheinlich ziehen sie jeden Tag durch das Einkaufszentrum, ein Auge auf Snap Map, bis sie jemanden entdecken, den sie mit Pommes bewerfen können.
Ich gucke in beide Richtungen und ziehe Ashley mit zu McDonald’s. Jetzt will ich auch Pommes. Ich gebe für Pommes mit Ketchup und eine Limonade sieben Dollar aus. Dann habe ich noch achtundsechzig Dollar für mein weißes Kleid. Wir setzen uns an den Rand des Brunnens und essen, während Ashley Fotos von sich postet.
Es stimmt zwar, dass ich ziemlich verschwitzt bin. Aber ich habe keine Lust, nach einem Kleid zu gucken, weil der überall lauernde Nick und nicht reich zu sein – da geht bei mir gar nichts mehr.
Nicht in Ordnung: ein Kleider-Podcast Episode drei
Ich: Hallo, Fisher-Mittelschule und alle anderen da draußen. Hier ist Molly Frost, und ihr hört gerade Nicht in Ordnung – ein Kleider-Podcast. Heute habe ich Pearl P. zu Gast, Tennisspielerin, Leiterin des FMS Clubs für gemeinnützige Arbeit, Herausgeberin der Literaturzeitschrift unserer Schule und Gründerin der Panasiatischen Allianz. Habe ich was vergessen?
Pearl: Nein. Das ist so ziemlich alles.
Ich: Was hast du für Erfahrungen mit der Kleiderordnung an unserer Schule gemacht?
Pearl: Also, tatsächlich bin ich noch nie gekleiderordnet worden. Aber ich habe schon zu oft erleben müssen, wie meine Freundinnen verwarnt wurden. Und ich habe gesehen, was im Garten passiert ist. Ich habe mich so darüber aufgeregt, dass ich an dem Abend noch ein Gedicht darüber geschrieben habe.
Ich: Oh. Magst du es vortragen?
Pearl: Vielleicht ein andermal. Jedenfalls, zu sehen, wie unser Schulleiter und ein anderer Lehrer meine Freundin angeschrien, sie gedemütigt und zum Weinen gebracht haben, hat mich so wütend gemacht. Und gleichzeitig wusste ich nicht, was ich tun soll, um ihr zu helfen. Ich habe einfach dagestanden. Wie eingefroren.
Ich: Ich weiß. So ging es mir auch. Wie hast du dich dabei gefühlt?
Pearl: Wie eine Fliege, die in einem Spinnennetz gefangen ist und zugucken muss, wie eine andere Fliege von zwei ekligen haarigen Spinnen aufgefressen wird.
Das ist diese Woche das dritte Mädchen in der Mittelschule, das sich mit einem Insekt vergleicht.
Pearl: Und ich denke an all die Mädchen in der Klasse meiner kleinen Schwester, die glücklich durch die Gegend rennen und einfach Kind sein können. Ich möchte nicht, dass sie so etwas durchmachen müssen.
Ich: Hast du dich schon mal gefragt, warum du nie gekleiderordnet wurdest?
Pearl: Nein. Das muss ich mich nicht fragen.
Sie zeigt auf ihre Brust.
Pearl: Ich trage die gleichen Sachen aus den gleichen Läden wie Liz und Bea und alle anderen auch. Ich bin nur, du weißt schon.
Ich: Kleiner.
Pearl: Kleiner.
Und an der Fisher-Mittelschule ist kleiner gleichbedeutend mit unsichtbar.
Pearl: Wusstest du, dass Catherine, das Mädchen, das auf die katholische Schule gewechselt ist, letztes Jahr gekleiderordnet wurde, weil sie Fieber hatte? Ihr Gesicht war rot, und sie hat sich an die Wand gelehnt, weil ihr schwindlig war. Die Heizung war an, und sie hat ihren Hoodie ausgezogen, weil ihr so heiß war. Couchman hat sich auf sie gestürzt und sie gezwungen, ihren Pullover wieder anzuziehen, weil man ihre Schultern sehen konnte. Er hat ihr nicht mal ins Gesicht geguckt. Hätte er das getan, hätte er sehen können, dass sie krank ist. Sie lag danach zwei Wochen flach. Ist ihm wahrscheinlich gar nicht aufgefallen.
Ich: Glaubst du, Couchman hat überhaupt schon mal jemandem ins Gesicht geguckt?
Pearl: Mir jedenfalls nicht.
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