Kitabı oku: «Mrs. Livarot hatte etwas von einem Pinguin oder Kreuzfahrt am Ende der Zeit», sayfa 3
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Marie war an ihrem ersten Abend im Princess der Star des Restaurants. Sie wurde zusammen mit Livarot an den Tisch des Kapitäns geleitet und in einen filzüberzogenen Sessel gesetzt. In der Mitte des Tisches flackerten Kerzen auf einem vierarmigen Halter, die jedoch zur Erhellung der Speisefolge weniger beitrugen als eine große Messinglampe, die an einem meterlangen Kabel über dem Tisch hing. An jedem Platz bildeten übereinandergestellte Teller, silbernes Besteck und zahlreiche Gläser ein für Marie unverständliches Muster. Zwischen den Tischen huschten Kellner mit schwarzen Fliegen und durchgedrückten Rücken hin und her und fuhren Speisen und Getränke auf kleinen Wagen herein.
Zu Beginn des Abends wurden Campari als Aperitif und geröstetes Weißbrot mit Zwiebeln und Tomaten gereicht. Bereits bei der folgenden griechischen Zitronensuppe mit Reis, Huhn und Minzzweigen lobte der mit Marie am Tisch sitzende General Port-du-Salut die Fähigkeiten des Kochs. Er war ein hagerer weißhaariger Mann mit einer Uniform, deren Löcher und Flecken auf ein ähnlich hohes Alter wie das des Generals selbst schließen ließen. Es war nie auszumachen, in welche Richtung er gerade blickte, da er immer wieder sein Glasauge falsch einsetzte.
Tatsächlich hatte sich die Küche für dieses Dinner viel Mühe gegeben. Als Hauptgericht wurde sogar Fleisch gereicht, obwohl das Fleisch streng rationiert war und nur zu besonderen Anlässen serviert wurde. Sbrinz, der Chefkoch, ging in Bezug auf seine Fleischvorräte sogar so weit, dass niemand außer ihm den sorgfältig verschlossenen Kühlraum betreten durfte, in dem die Reserven lagerten. Doch an diesem Abend war dies alles vergessen, und die Küche verwöhnte die von den vielen Stürmen geschundenen Mägen.
„Sie haben sich heute das Schiff angesehen?“, fragte Caciocavello, der einen Platz neben Marie ergattert hatte. Er lächelte sie an. Im Grunde genommen lächelte Caciocavello jeden an. Er hatte so lange als Showmaster gearbeitet und in Kameras gelächelt, dass seine Oberlippenmuskulatur inzwischen verkürzt war und er die Mundwinkel nicht mehr nach unten ziehen konnte. Das dünne, schüttere Haar, mit dem er heute speisen musste, weil der letzte Sturm sein Toupet über Bord geweht hatte, trug er nach hinten gekämmt. In der Mitte seines Gesichts hockten zwei unscheinbare Knopfaugen. Seine Haut war gegerbt vom Salz des Meeres seiner italienischen Heimat. Beim Reden bewegte er regelmäßig den Kopf ruckartig nach vorn, sodass er wie eine dahinschreitende Taube wirkte. „Wie hat es Ihnen gefallen?“
„Es ist großartig“, erwiderte Marie und ließ ihren Blick durch das Restaurant wandern. Immer wieder sah sie in die freundlich grüßenden Gesichter der Gäste an den Nachbartischen.
„Und wie sind Sie mit Ihrer Kabine zufrieden?“
„Toll! Ich habe vergoldete Wasserhähne und Marmorfußboden im Bad. Und all der Komfort!“
„Ja, das kommt vor“, bestätigte Caciocavello und schnipselte an seinem Tafelspitz in Mandelsoße. „Und haben Sie schon eine Runde im Swimmingpool gedreht?“
„Dafür ist sie noch zu schwach“, mischte sich Livarot in das Gespräch ein.
„Ich kann nicht schwimmen“, warf Marie ein.
„Du kannst nicht schwimmen, Kindchen?“, staunte Livarot und starrte Marie überrascht an. „Ich dachte, du hättest dein ganzes Leben auf dem Meer verbracht.“
„Auf dem Meer schon. Aber nicht im Meer.“
Ein freundliches Lachen kreiste um den Tisch. Es warf Blicke nach rechts und links und genoss den Moment, bevor es sich wieder niederließ.
„Dann wird es Zeit, dass Sie schwimmen lernen, Miss Marie“, fand Caerphilly. „Percorino, unser Bademeister, wird Sie dabei jederzeit unterstützen. Wenden Sie sich einfach an ihn.“
„Es ist wichtig, dass du schwimmen kannst“, glaubte Livarot.
Auf dem Podest sammelten sich sechs in Smokings gekleidete Männer und begannen, ihre Instrumente zu stimmen. Zwischen den Tischen schlichen die Kellner umher und füllten leere Gläser mit Wein. An den Tischen wurde dezent erzählt und gelacht.
„’err Kapitän, ’aben Sie zufällig noch Knopfbatterien?“, wandte sich Saint-Paulin an Caerphilly. „Im Einkaufsmarkt gibt es keine mehr, aber isch brauche dringend eine für das ’örgerät von meinem Nicolas Sarkozy.“
„Ich werde schauen, ob wir noch irgendwo Knopfbatterien auftreiben können“, sagte Caerphilly. „Es wäre doch schade, wenn Ihr Hund nicht mehr hören könnte, wenn man ihn ruft.“
„Die Töle hört doch sowieso nie“, meinte Livarot. Sie konnte Saint-Paulin nicht leiden. Als sie sich das erste Mal auf dem Schiff über den Weg gelaufen waren, hatten sie beide an der Lido-Bar gesessen, Livarot vor einem Glas Gin, Saint-Paulin vor einem Sherry. Die Französin hatte Livarot betrachtet und in ihrem Gedächtnis gekramt, woher sie dieses runde Gesicht mit der spitzen Nase kennen mochte.
„Sind Sie nischt die Gattin von diesem Livarot, der immer diese komischen Werbesachen gemacht ’at?“, hatte sie schließlich gefragt.
„Ja, ist eine Weile her“, hatte Livarot überrascht erwidert.
„Widerlische Sachen waren das“, hatte Saint-Paulin gesagt und an ihrem Sherry genippt. Livarot hatte angestrengt überlegt, ob sie irgendetwas über ihre Tresennachbarin wusste, das sie im Gegenzug auch widerlich hätte finden können. Ihr war jedoch nichts eingefallen, was für jemanden wie Livarot höchst bedrückend sein konnte.
„Das Zeug, das Sie trinken, ist auch widerlich“, hatte sie schließlich in Ermangelung anderer Widerlichkeiten gesagt. Es war zugegebenermaßen nicht gerade viel zum An-den-Kopf-Werfen, aber es war besser als gar nichts.
Nach diesem Gespräch war Livarot klar gewesen, dass sie nichts mit Saint-Paulin zu tun haben wollte. Saint-Paulin war für sie die Verkörperung jenes Menschenschlages, der sich niemals hatte hochkämpfen müssen, der niemals hatte Opfer bringen müssen, um dort zu stehen, wo er stand. Leute wie Saint-Paulin mit ihren aristokratischen Genen und ihrer angeborenen Arroganz wussten nichts vom Kampf um die eigene Zukunft und würden dies niemals verstehen können. Man konnte neidisch sein auf diese Leute, oder man konnte sie einfach hassen. Livarot tat Letzteres, das war einfacher. Neidisch zu sein auf andere Leute war verdammt schwer, wenn man so reich war wie Livarot.
Caciocavello versuchte erneut, Marie in ein Gespräch zu verwickeln. Da ihm auf die Schnelle kein anderes Thema einfiel, fragte er sie nochmals nach ihren Eindrücken zum Schiff, bis Livarot ihm kurzerhand das Wort abschnitt. So begnügte sich Caciocavello damit, Marie tief in die Augen zu schauen. Er glaubte noch immer an einen arabischen Pferdehändler irgendwo in ihrer Vergangenheit, der einfach nur verschwiegen wurde. Ob dies nun die ersten Anzeichen von Senilität waren oder ob es nur daran lag, dass Caciocavello in seinem bisherigen Leben noch nie etwas ohne finanzielle Hintergedanken getan hatte und die Geschichte der treu sorgenden Enkeltochter für ihn daher unglaubwürdig klang, ließ sich nicht genau sagen. Caciocavello hätte jedenfalls seine Großeltern eher verkauft als sich für sie aufzuopfern. Vermutlich hat er es sogar getan. Als er noch ein junger Mann gewesen war, waren seine Großeltern eines Tages spurlos verschwunden. Im Mittelpunkt vieler Gerüchte hatte damals ein arabischer Pferdehändler gestanden.
„Isch ‘abe ge’ört, Muna-Juusto ’at eine neue Erfindung gemacht?“, fragte Saint-Paulin unterdessen den Kapitän.
„Ja, er will wohl eine Art Trockenbier herstellen“, erwiderte Caerphilly.
„Hoffentlich wird das nicht wieder so ein Reinfall wie bei seiner letzten Erfindung“, sagte Livarot, „als er gestern seinen neuen Klebstoff vorführen wollte und dabei zwei Rettungsinseln im Meer versenkt hat.“
„Ja, schade um die guten Rettungsinseln“, meinte Saint-Paulin.
„Ich wünschte mir, er würde seine Nachmittage am Swimmingpool oder auf dem Tennisplatz verbringen wie die anderen Passagiere auch“, klagte Caerphilly.
„Ich finde Muna-Juusto recht amüsant“, fand Caciocavello.
„Weniger amüsant wäre er mir lieber“, erwiderte Caerphilly. „Er verbraucht für seine Erfindungen mehr konzentrierte Lauge als unser Reinigungspersonal.“
Die Sechs-Mann-Kapelle begann zu musizieren. Vielleicht lag es daran, dass die Kapelle nun schon seit mehr als vier Monaten immer wieder dasselbe schmale Repertoire aus den Instrumenten quetschte und sich dabei langweilte oder an einer falschen Zusammensetzung der Musikinstrumente, doch der vorgetragene Tango war nur schwer als solcher zu erkennen. Ein Kellner nahm dezent die leeren Teller in seine Obhut und reichte das Dessert: mit Cognac und heißen Himbeeren garniertes Vanilleeis. Dazu gab es einen süßen Sherry. Livarot schaufelte sich mit hörbaren Schnappgeräuschen den Nachtisch in den Mund.
„Wenn Sie Ihre Leute zum Holzholen an Land schicken“, sagte sie zu Caerphilly, „könnten wir nicht einmal mitgehen und uns die Landschaft anschauen? Immer nur auf dem Schiff, das ist langweilig.“
Tatsächlich ließ der Kapitän die Jafet der Küste in Richtung Westen folgen. Auch wenn nach dieser furchtbar dummen Katastrophe keinerlei Funkkontakt mehr zu einem Hafen hatte aufgebaut werden können, so hoffte er dennoch, dass sich in der einen oder anderen Siedlung doch noch Menschen finden könnten, die ein ausreichendes Maß an Infrastruktur aufrechterhalten würden. Ausreichend dafür, dass sie über Dieselkraftstoff und Lebensmittel verfügten, die man ihnen abkaufen könnte.
„Ja, das wäre was“, stimmte Lord Stilton zu. Er war ein stets in Anzug und Krawatte gekleideter Mann, der sein graues Haar nach hinten gegelt trug. Sein Gesicht wirkte breit wie ein auseinandergezogener Kuchenteig, und die kleine Nase ließ ihn wie eine Eule aussehen. Er hatte, wie Marie später einmal erfuhr, sein Geld als Chirurg mit Schönheitsoperationen verdient und für eine Nasenkorrektur bei einem exzentrischen Millionär sogar einmal einen Preis der Akademie für abstrakte Kunst gewonnen. „Endlich wieder festen Boden unter den Füßen.“
„Nun, ich weiß nicht“, meinte Caerphilly ein wenig verärgert darüber, dass jemand das Schiff langweilig finden konnte. „Ich fürchte, Dr. Schabziger würde gesundheitliche Bedenken haben, wenn sich die Passagiere zu lange an Land aufhielten. In dieser Situation.“
Trotz der Zweifel des Kapitäns begannen die Gäste am Tisch, sich einen solchen Landgang in intensiven Farben auszumalen. Ihre Schwarmfantasie ließ sie durch die aufgrund dieser furchtbar dummen Katastrophe gespenstisch stillen Straßen einer Stadt schreiten, die Fotoapparate lässig über die Schultern gehängt und die Sonnenhüte tief ins Gesicht gezogen. Zumeist fanden sie die Stadt einfach nur unbewohnt vor, als wären die Bewohner nur mal kurz kollektiv zum Einkaufen gegangen, in anderen Vierteln fanden sich jedoch nachdrücklichere Spuren: niedergebrannte Gebäude, zerbrochene Fensterscheiben, entwurzelte Bäume, übereinandergewürfelte Autos.
„Das mit den übereinandergewürfelten Autos muss nicht unbedingt an dieser fruchtbar dummen Katastrophe liegen“, sagte Livarot. „Ich meine, schauen Sie sich an, wo wir sind. Die Einheimischen in dieser Gegend können nicht richtig Auto fahren. Vermutlich haben sich die Autos vorher auch schon gestapelt.“
„So wie es aussieht“, sagte Stilton, „würde ich tippen, dass Muna-Juusto versucht hat, ein neues Verfahren für die Straßenreinigung zu etablieren.“
Die Passagiere überlegten, welche Sehenswürdigkeiten zu besichtigen wären und ob man von der einen oder anderen Kathedrale einen Ziegelstein als Souvenir würde mitnehmen können. Sie waren sich aber darin einig, dass man sich nicht allzu weit in die Stadt hineinwagen sollte.
„Es wird keinen Bus geben, der uns zurückbringt“, brachte Livarot die Überlegungen auf den Punkt. „Wir müssten laufen.“
„Stellen Sie sisch vor, wir würden einen frischen ’unde’aufen finden“, überlegte Saint-Paulin. „Dann wüsste isch, dass mein Nicolas Sarkozy nischt allein ist.“
„Ein frischer Hundehaufen wäre eine Sensation“, glaubte Caciocavello. „Neben so einer Sehenswürdigkeit würde ich mich fotografieren lassen.“
„Die Chester würde den sicherlich mitnehmen“, vermutete Romadur.
„Glaube ich nicht“, erwiderte Stilton. „Das würde die sich nicht trauen, der gehört ihr schließlich nicht.“
Zum Abschluss der Mahlzeit wurde eine Käseplatte gereicht als Geschenk an die Gaumen. Der Käse hatte als Abschluss des Mahls nicht mehr den Sinn, eine Sättigung herbeizuführen. Sein Daseinszweck war, sich wie eine Decke auf die vergangene Mahlzeit und die Erinnerung an ihren Geschmack zu legen, mit seiner gaumenerfüllenden Eleganz die überanstrengten Geschmacksknospen zu beruhigen. Befreit von jeder profanen Bedeutung war er überflüssig wie ein Kropf, ein Luxusartikel, der sich des Tisches bemächtigte, wenn die Reste der Mahlzeit bereits abgeräumt und keiner weiteren Erwähnung wert waren. Doch er hatte sich unentbehrlich gemacht für all diejenigen, die nicht einfach nur aßen, um das Hungergefühl zu beseitigen. Und so wagte es kein Dinner, das gesellschaftliches Ansehen genoss, auf die Gegenwart des Käses zu verzichten. Der Nachhall des Käses ließ oft vergessen, dass nicht er es war, der die Speisenden gesättigt hatte.
Caciocavello versuchte, Marie zu einem Tänzchen zu überreden, was Livarot ihm jedoch ausredete. Das Gespräch bei Tisch zerfiel in Einzelteile wie ein zerschmetterter Teller. General Port-du-Salut klärte Romadur über die Möglichkeiten auf, die sich einem jungen, gesunden Mann boten, wenn er sich in die Obhut der Armee begab, was Romadur mit der Bemerkung abtat, dass all jene, die sich in die Obhut der Armee begeben hatten, anstatt den Luxus eines Kreuzfahrtschiffes zu genießen, derzeit ziemlich dumm aus der Wäsche schauten. Livarot erzählte dem Kapitän noch einmal, wie sie Maries Boot entdeckt hatte, und Caciocavello scherzte mit Saint-Paulin.
Marie wurde immer wieder in unbedeutende Gespräche verwickelt, wurde nach ihr unbekannten Orten ausgefragt, nach ihrem präferierten Kleidungsstil oder welche Kartoffelsorte sich aus Maries Sicht am besten für eine Kartoffelcremesuppe eignete. Schließlich ließ sie sich, erschöpft vom langen Tag, von Schiffsarzt Schabziger zurück in ihre Kabine bringen. Ohne sich zu entkleiden, fiel sie auf ihr Bett und schlief augenblicklich ein.
In dieser Nacht träumte Marie von barocken Ballsälen, angefüllt mit weiß gepuderten Menschen in den prachtvollsten Garderoben, und sie selbst war eine Prinzessin. Von den Decken hingen kristallene Leuchter und die Wände zierten die Gemälde heroischer Ahnen. Sie tanzte mit dumm lächelnden Edelmännern und strahlenden Prinzen die ganze Nacht hindurch, bis ihre Schuhe voller Löcher und ihre Füße wund waren. Die Edelfrauen warfen neidische Blicke auf sie wegen ihrer Schönheit. Sie träumte, Aschenputtel zu sein und von ihrem Prinzen, der sie auch in den schmutzigen Kleidern einer Dienstmagd erkannte, in ein Schloss gebracht zu werden. Sie ritten zusammen auf einem Schimmel über Felder und Wiesen, und ihre Glasschuhe klapperten in der Satteltasche des Prinzen. Es hörte sich fast an wie das Ächzen von Schiffsplanken in den Wellen eines Ozeans.
Drei Tage nach ihrer Premiere im Princess fragte Marie sich zur Kabine von Grieve durch, dem Essensdekorateur. Sie erinnerte sich, dass sie ihm angeboten hatte, Netze für ihn zu knüpfen, und so begab sie sich ins Mittelschiff der Jafet, wo die Besatzung ihre Unterkünfte hatte. Als sie den ihr beschriebenen Gang erreicht hatte, klopfte sie an eine weiß lackierte, zerkratzte Stahltür. Einige Augenblicke später öffnete ihr ein überraschter Grieve und bat sie herein.
Die Kabine war sehr einfach ausgestattet. Es gab ein in die Wand eingelassenes Etagenbett mitsamt einer metallenen Leiter, zwei Spints und einen Tisch mit zwei Stühlen, das war alles. Die Kabine wurde von einer kalten Neonröhre beleuchtet, da es keine Fenster gab. Den größten Teil der freien Fläche nahm ein überdimensionaler Koffer auf einem mit einem schwarzen Tuch bedeckten Podest ein. Er war aus braunem Leder, die Ecken abgewetzt, einige vergilbte Aufkleber zeugten davon, dass er bereits viele Jahre lang Erinnerungen gesammelt hatte.
Angesichts des riesigen Koffers vergaß Marie den eigentlichen Grund ihres Besuchs. Sie vermutete im Hinblick auf das, was sie bislang über Grieve wusste, einen Zaubertrick, und so bettelte sie, dass der Essensdekorateur ihr diesen zeigen würde.
Grieve war über ihre Neugierde erfreut. Er zierte sich einige Augenblicke und verwies darauf, dass der Trick noch nicht fertig ausgearbeitet sei, doch dann öffnete er den leeren Koffer, den er einem Gast aus dem Touristendeck abgekauft hatte, und füllte ihn mit allerlei Gegenständen, die die Kabine hergab: die zwei Stühle, zwei Nachttischlampen, ein paar Bücher, eine Flasche Rum. Dabei machte er ein großes Gehabe, wedelte mit den Armen und redete großspurig. Schließlich senkte er den Deckel, verschloss den Koffer mit einem kleinen Schlüssel und forderte Marie auf, das Gepäckstück anzuheben.
Obwohl sich nicht viele Gegenstände in dem Koffer befanden, gelang es Marie nicht, den Koffer auch nur eine Handbreit von der Stelle zu bewegen. Sie zog und zerrte an dem Griff, doch es war vergeblich.
„Das geht nicht“, stellte sie schulterzuckend fest und schaute Grieve an, der sie amüsiert beobachtete.
„Das geht bestimmt“, sagte der Essensdekorateur. „Du machst das nur nicht richtig. Versuch es noch mal.“
Marie zerrte weiter erfolglos an dem Koffer. Schließlich gab sie es auf und setzte sich neben Grieve auf das Bett.
„Geht nicht“, sagte sie.
„Geht“, erwiderte Grieve. Er erhob sich, trat an den Koffer, hakte Mittel- und Ringfinger seiner rechten Hand unter den Griff und hob den Koffer ohne große Mühe in die Höhe. Dann stellte er ihn auf seinem ursprünglichen Platz zurück und setzte sich wieder neben Marie auf das Bett.
„Geht“, sagte er.
Marie wandte sich noch einmal dem Koffer zu, doch ihre Versuche, ihn anzuheben, blieben weiterhin erfolglos.
„Da ist ein Trick dabei“, stellte sie fest.
„Nein, ich bin so stark“, erwiderte Gieve.
„Quatsch. Das ist ein Trick.“
„Ich bin Zauberer. Natürlich ist das ein Trick.“
„Erzählst du mir, wie der funktioniert?“
„Zauberer geben ihre Tricks niemals preis. Ein Zaubertrick darf nur von Zauberermund zu Zaubererohr weitergegeben werden.“
„Dann stell dir einfach vor, ich wäre auch ein Zauberer.“
„Bist du aber nicht.“
„Bitte, bitte, bitte mit Honig drauf.“
Grieve lächelte im Angesicht von Maries Begeisterung für seine Zaubereien. So widerstand er nur noch kurz, bevor er seinem Gast schließlich den Trick offenbarte.
Das Podest unter dem Koffer hatte einen doppelten Boden. Alle Gegenstände wurden so in Wirklichkeit unter dem Koffer platziert, sodass der Koffer selbst nicht schwer war, wenn man ihn anhob. Der Koffer hatte jedoch auf seiner Unterseite ein Metallblech. Wenn man ihn verschloss und den kleinen Schlüssel im Schloss drehte, wurde dadurch ein Stromkreis und damit ein Elektromagnet aktiviert. Auf diese Weise ließ sich der von dem Magneten angezogene Koffer nicht verrücken. Wenn Grieve sich allerdings dem Gepäckstück zuwendete, betätigte er einen versteckten Knopf und schaltete den Elektromagneten so unbemerkt aus, sodass er ohne Mühe den Koffer anheben konnte, ganz gleich, wie schwer die Utensilien waren, die er angeblich darin verstaut hatte.
Marie lauschte mit offenem Mund und großen Augen den Erläuterungen.
„Wieso bist du Zauberer geworden?“, fragte sie schließlich.
„Weil die Bibliothek in meinem Heimatdorf finanziell nicht so gut ausgerüstet war“, erklärte Grieve.
„Was?“
Grieve erhob sich vom Bett und trat an den Spint.
„Magst du einen Tee?“, fragte er.
Als Marie nickte, entnahm er dem Spint eine Thermoskanne und zwei Keramiktassen und goss vorsichtig Tee ein.
„Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, mit einer großen Familie und vielen Ziegen“, erzählte er. „Wir hatten im Dorf eine kleine Bibliothek, in der ich viel Zeit verbrachte, wenn ich nicht gerade Ziegen hüten musste.“
Er setzte sich neben Marie auf das Bett und reichte ihr eine der Tassen.
„Als ich acht Jahre alt war, schaffte sich die Bibliothek ein Lexikon an“, fuhr er fort. „So ein richtig teures, in Leder gebunden und in 24 Bänden. Wobei die Bände in einem Abstand von zwei Monate erschienen. Jeder einzelne wurde von der Bibliothekarin, einer alten, dicken Jungfer aus dem Nachbardorf, nach Eintreffen feierlich in die Regale gestellt.“
Er nahm einen Schluck Tee, bevor er weitererzählte.
„Ich hatte außer Ziegen und Hühnern noch nicht viel von der Welt gesehen, und das Lexikon faszinierte mich. Während die anderen Jungen draußen auf dem Feld mit einem in Baumwolllappen gewickelten Kürbis Fußball spielten, las ich den ersten Band von vorn bis hinten durch. Als ich damit fertig war, wusste ich, dass ich später einmal Astronaut werden würde. Ich übte jeden Tag, möglichst lange die Luft anzuhalten, weil ich davon überzeugt war, dass man das können musste, um im luftleeren Raum zu überleben. Doch dann kam der zweite Band mit den Buchstaben Bf bis Ce heraus. Als ich mit diesem fertig war, wusste ich, dass das Schicksal für mich ein Leben als Biologe vorgesehen hatte. Ich hatte bereits begonnen, in der Gegend Frösche einzusammeln, um sie anschließend fachgerecht zu sezieren. Aber dann kam mir der nächste Band des Lexikons in die Quere.“
Grieve machte eine Pause und betrachtete nachdenklich seine Tasse.
„Danach wollte ich Chemiker werden“, sagte er dann. „Und anschließend, je nach aktuellem Lexikonband, Elektriker, Ethnologe, Fotograf, Geologe, Großwildjäger, Höhlenforscher, Ingenieur, Kaufmann, Leibwächter, Maler, Meteorologe, Ornithologe, Pilot, Rechtsanwalt, Schriftsetzer, Statistiker, Taxifahrer, Tischler, Versicherungsvertreter und Wanderprediger. Nach knapp vier Jahren war der letzte Band mit den Buchstaben X bis Z erschienen, und ich beschloss, Zauberer zu werden.“
„Aber wieso haben dann die finanziellen Probleme der Bibliothek dich zum Zauberer gemacht?“, wollte Marie wissen. „Das war doch ein teures Lexikon.“
„Normalerweise war es bei den Lexikonverlagen Brauch“, erklärte Grieve, „dass am Ende noch ein 25. Band erschien mit all den Änderungen aus den vier Jahren, die seit dem ersten Band vergangen waren. Aber für diesen Folgeband hatte die Bibliothek kein Geld mehr. Deshalb habe ich mich dem nächsten Wanderzirkus angeschlossen, der in unserem Dorf vorbeikam, um dort als Zauberer zu arbeiten.“
Marie nahm einen Schluck aus ihrer Teetasse.
„Eigentlich hatte ich mehr mit einem ‚Mein Vater war auch schon Zauberer‘ gerechnet“, sagte sie. Dann betrachtete sie die Metallleiter neben sich, die zur oberen Schlafkoje führte.
„Warum hast du zwei Betten in deiner Kabine?“, fragte sie.
„Das Personal hat keine eigenen Kabinen“, sagte Grieve. „Wir teilen uns die Kabinen zu zweit. Da oben schläft Sbrinz, der Chefkoch.“
„Sbrinz? Der ist mir unheimlich. Der hat so einen düsteren Blick.“
„Ach was, der ist in Ordnung“, entgegnete Grieve. „Der sitzt meist irgendwo in einer Ecke an Deck und trinkt Rum, und ich kann hier in Ruhe neue Zaubertricks ausprobieren.“
„Zeigst du mir noch einen?“ Marie klatschte in die Hände wie ein kleines Mädchen.
Grieve lächelte. „Na gut, aber es werden keine Tricks mehr verraten.“ Er griff nach seinen Spielkarten.
An diesem Abend hatte Livarot zu einem Empfang in Maries Kabine geladen, und zum ersten Mal hatten alle von Livarot Angesprochenen auch zugesagt. Für Marie war aus diesem Anlass ein Kleid aus Livarots Schrank umgenäht worden. Ihre Haare wurden zu einem kleinen Haarkranz frisiert, die Hände manikürt und mit dunkelrotem Nagellack geschmückt, und dem Gesicht wurde mit ein wenig Schminke Leben eingehaucht. Wobei Livarot dafür sorgte, dass Marie nicht allzu strahlend aussah an diesem Abend. Ein bisschen bedauernswert sollte sie schon noch wirken, damit alle sahen, was für ein mitleidiges Herz Livarot hatte, wenn sie sich um Marie kümmerte.
Livarot hatte für diesen Abend in der Küche Kaviar bestellt, doch von dort hieß es, Kaviar sei ausgegangen. So gab es, als der Empfang begann, lediglich Kanapees mit Lachs und Schinken als kaltes Buffet. Auf fünf Platten verteilt waren die Appetithappen an der Fensterseite der Kabine gruppiert, die nun doch angesichts der erwarteten Gästemengen etwas beengt wirkte. Man hatte einen Esstisch improvisiert, indem man ein großes Holzbrett mitsamt weißer Tischdecke auf dem Bett stabilisiert hatte. Manchego, der Chefsteward, hatte sich bereit erklärt, die anwesenden Gäste persönlich mit Getränken zu bewirten. Es gab Champagner, Rotwein und Orangensaft.
Marie trug ein dunkelrotes Abendkleid, das einzige farbige, das Livarot in ihrem Schrank gefunden hatte. Es war noch immer zu weit an den Hüften. Passend zum Abendkleid hatte sie Ohrringe angelegt, dicke goldene Klunker, die schmerzhaft an ihren Ohrläppchen zogen. Nur die Schuhe stellten noch ein Problem dar, da Marie und Livarot nicht dieselbe Schuhgröße hatten. In der Boutique fanden sich nur noch ein paar Turnschuhe in Maries Größe, die zu ihrer Abendgarderobe nicht passten. Daher zog Marie es vor, barfuß zu gehen. Alles in allem fand sie sich wahnsinnig schick.
Nach und nach kamen die Gäste. Zunächst die Chesters und Caciocavello, dann Stilton und Mrs. Westberg, eine Dame mittleren Alters mit angegrautem lockigem Haar und Unmengen an Bernsteinketten um den Hals. Viele weitere Passagiere folgten, die alle von Livarot freundlich empfangen wurden. Als es begann, eng zu werden in der Kabine, legte der Chefsteward eine CD mit Klezmermusik ein und ließ die Bläser gegen das lauter werdende Stimmengewirr ankämpfen. Gesprächsfetzen zogen ziellos durch den Raum und suchten nach Ohren, in die sie eindringen konnten.
„Sind das alles hier ihre Freunde?“, fragte Stilton Marie und wies mit einer Handbewegung auf die Anwesenden, die sich über das Buffet hermachten.
„Kann schon sein“, erwiderte sie. „Die meisten Leute hier kenne ich noch nicht.“
Livarot bemerkte den eintretenden Kapitän Caerphilly und begrüßte ihn wort- und gestenreich. Sie schnippte den Chefsteward heran, nahm zwei gefüllte Champagnergläser von seinem Tablett und reichte eines davon dem Kapitän.
„Was tut sich auf der Brücke?“, fragte sie kumpelhaft. „Was planen Sie dort für die Zukunft?“
„Nun, noch haben wir die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir demnächst einen Hafen finden, in dem wir unsere Vorräte auffüllen können“, erwiderte der Kapitän reserviert. Er hasste es, wenn die Passagiere versuchten, mit ihm zu fachsimpeln, doch das ließ sich in seiner Position leider nicht vermeiden.
„Und wenn nicht?“
„Dann gibt es immer noch die Möglichkeit, nach Amerika überzusetzen. Wir sind derzeit nicht in der Lage, uns ein Bild davon zu machen, wie es auf der anderen Seite des Ozeans aussieht. Vielleicht hat diese furchtbar dumme Katastrophe dort weniger Schaden angerichtet.“
„Noch etwas Wein, Miss Marie?“, fragte Manchego, der zufällig und unerwartet ein leeres Glas in Maries Hand entdeckte.
„Gern“, erwiderte sie. Sie ließ sich das Glas füllen und trank es in einem Zug aus. „Kann ich noch was haben?“
„Haben Sie mich schon einmal im Fernsehen gesehen?“, wandte sich Caciocavello an Marie und ließ sich ebenfalls sein Weinglas füllen.
„Wir hatten keinen Fernseher bei uns zu Hause“, sagte Marie.
„Über Satellit hätten sie mich bestimmt empfangen können“, überlegte Caciocavello.
„Was haben Sie im Fernsehen gemacht?“, fragte Marie.
„Ich hatte eine Nachmittags-Talkshow. Jeden Donnerstag um halb vier.“
Er dachte wehmütig zurück an seine Gespräche mit all den bedeutenden Personen des Gesellschaftslebens. In seinen besten Zeiten hatten die Leute stundenlang Schlange gestanden, um für die Liveübertragung einen Platz im Studio zu ergattern. Und genauso hatten sie sich um seine Autogrammkarten gedrängelt. Er hatte sogar einige Aushilfen gehabt, die nur dafür eingestellt worden waren, um seinen Namen auf die Autogrammkarten zu schreiben. Dass dies zu unterschiedlich aussehenden Unterschriften führte, hatte nie jemanden gestört. Im Gegenteil, er hatte gehört, dass komplette Sammlungen seiner Autogrammkarten mit allen im Umlauf befindlichen Schriftzügen existierten.
„Sie glauben also“, sagte Livarot zu Caerphilly und versuchte, ein möglichst strahlendes Lächeln herüberzuschicken, „dass auf der anderen Seite des Ozeans noch alles in Ordnung ist?“
„Möglich wäre es zumindest“, antwortete der Kapitän.
„Wozu sich Sorgen machen? Gott wird schon alles richten“, fand Mrs. Chester. Sie war zwar nicht besonders gläubig, doch sie besaß eine angeborene Gewissheit, dass es eine allmächtige Kraft geben müsse. Und weil sie regelmäßig ihre Kirchensteuer gezahlt hatte, war sie überzeugt, dass dieser Gott schützend die Hand über sie halten würde. „Nicht wahr, Chad?“
„Ja, ja“, sagte Mr. Chester, der nur unwillig mitgekommen war. Er nuckelte an seiner Pfeife, damit die Glut nicht ausging, obwohl er nicht unbedingt unterscheiden konnte, ob der Tabak noch glühte oder nicht. Das Alter hatte der Zahl seiner Geschmacksnerven zugesetzt, sodass der Pfeifenrauch für ihn nicht anders schmeckte als ein hart gekochtes Ei. Oder eine Brise Seeluft.
„Kennen Sie James Grieve?“, fragte Marie Caerphilly. „Er kann zaubern.“
„Ich weiß“, erwiderte Caerphilly. „Doktor Schabziger hat ihn gesehen, als er auf Ferdinandea auf einem Jahrmarkt zauberte. Er macht seine Sache als Essensdekorateur ganz gut.“
„Ich finde, er macht seine Sache großartig. Ich habe gesehen, wie er eine Münze einfach verschwinden lassen hat.“
„Auf den Jahrmärkten lassen die Zauberer ganze Elefanten verschwinden, wenn ihnen danach ist“, entgegnete Caerphilly.
„Und so etwas geht?“, fragte Marie erstaunt.
„Es ist gar nicht so schwer, Dinge anders aussehen zu lassen, als sie in Wirklichkeit sind.“
„Toll“, sagte Marie und griff sich das letzte Schinkenbrötchen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
