Kitabı oku: «Münster - Was nicht im Stadtführer steht»

Yazı tipi:

Krystofiak

Münster – was nicht im Stadtführer steht


Carsten Krystofiak

Münster – was nicht im

Stadtführer steht

Reportagen


© 2010 Oktober Verlag, Münster

Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung des

Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster

www.oktoberverlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Satz: Claudia Rüthschilling

Umschlag: Linna Grage unter Verwendung

eines Fotos von Tom Heyken

Herstellung: Monsenstein und Vannerdat

ISBN 978-3-938568-99-6

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Lies die Anleitung – Über dieses Buch:

Wenn man im St. Franziskus-Hospital geboren wird und in Münster aufwächst, hält man diese Stadt für völlig normal – man kennt ja keine andere.

Erst im Vergleich zeigt sich: Münster produziert gemessen an seiner Ausdehnung einen hohen Ausstoß an Originalen. Ob’s am Klima, der Genetik oder am Bier liegt, ist unklar.

1996 begann ich, Lokalgeschichten für Münsters Stadtmagazin ULTIMO zu schreiben. Seitdem sind jährlich 25 neue Lokalstorys erschienen. Viele waren Zufallsfunde: Oft versteckten sich hinter scheinbar nichtssagenden Randnotizen in der Münster-Literatur oder Andeutungen in Zeitungsartikeln die interessantesten Geschichten.

Dieses Buch ist sozusagen ein »Best Of«-Album und zugleich eine persönliche und stadthistorische Chronologie. Da alle Artikel den Stand ihres Erscheinungsdatums abbilden, habe ich sie mit aktuellen Kommentaren editiert.

Obwohl sich Münster in den letzten Jahren stärker verändert hat, als in den Jahrzehnten zuvor, ist eines konstant geblieben: Die Neigung zur Realsatire. Darum geht der Story-Stoff nicht aus.

Über die Auswahl für dieses Buch wurde leidenschaftlich diskutiert. Manche Favoriten haben es trotzdem nicht geschafft. Vielleicht erscheinen sie ja irgendwann in Teil 2 ...

Bis dahin,

Carsten Krystofiak, Dezember 2009

INHALT

FRÜHER

Immer nur Krawall! Ulrike Meinhof, warme Brüder & der falsche Asterix: Münsters kauzige kleine Demo-Chronik.

Fuck off, Münster. Krawall, Karlsquell & Krachmusik: So schlug Punk in unsere Stadt ein.

Im Kumpelnest. Das alte »Odeon« war Münsters Wohnzimmer für Waver, Punks & Nachtvögel.

Der Beatschuppen-König. Gronecks Erzählungen: Zu Besuch bei Münsters Disco-Miterfinder.

Bitte bring me a Nazi! Volkssturm-Opas & weiße Fahnen: Das Kriegsende im Münsterland.

Die Preußen-Hasser. Katholen, Revoluzzer & die »Emsrepublik«: Wie Münster sich vor 90 Jahren fast zum Freistaat erklärt hätte …

Geisterstunde. Gespenster, Spuk & fauler Zauber – Gruselgeschichten aus dem Münsterland.

Tot am Emsstrand. Auf Lauheide der Bronzezeit.

LOKALPOLITIK

Vorsicht, Gift! Das »Gefahrgutlager Lehnkering« blockiert die Weiterentwicklung von Münsters Mittelhafen zum Kreativkai II mit »Jovel« und anderen Investoren.

Der Methangastümpel. Bagger, Bauern, Blaualgen: Ist der Aasee noch zu retten?

Quadratisch – praktisch – gut. Vom Nazi-Weihetempel zum Mediascreen-Tower: In Münster wird an jeder Ecke ständig gebaut … und das seit Jahrzehnten!

Eins, zwei, meins? Die »na dann…« und die Heuschrecke: Werden jetzt Münsters Szeneblätter plattgemacht?

Auf Probehaft. Zu Besuch in Münsters Kittchen.

UNI

Sex & Duft & Riechorgane. Fidele Wissenschaft: Zu Besuch bei den Balz- und Sekret-Forschern der WWU.

Alder, bin isch Google? Krasse Sprüche aus der Vorstadt: Münsters Germanisten erforschen das Döner-Deutsch.

Das knallt so gut. Fuselforschung in Münster: Siegrun Mohring studiert Kopfbrumm & Bierkater.

Kommilitone Cop. Nirgendwo gibt es mehr Polizisten als in Münster… und Studis sind sie auch noch.

Schön straff bleiben! Zu Besuch bei Münsters Tattoo-Forscher Dr. Thomas Lentes.

So ein Saustall. Der Hausmeister-Report: Freche Studis, marode Gebäude & überall das Leezen-Chaos.

Der Fall Verschuer. Ein dunkles Kapitel wird aufgedeckt: Die Mengele-Connection eines Medizin-Profs und seine Nachkriegs-Karriere an der Uni Münster.

Studis im Urlaub. Mit dem fliegenden Hörsaal um die Welt.

MÜNSTERANER UND IHRE BERUFE

’N Picasso? Harhar! Der Ganovenschreck: Münsters Museumsdirektor Markus Müller entlarvt Kunstfälscher.

Der Chef vom Ballermann. Zu Besuch bei Münsters »Nackte Friseusen«- Stimmungssänger Mickie Krause.

Die Altbierköchin. Zu Besuch bei Münsters Braumeisterin Barbara Müller.

Stinkbomben gegen Hilde. Krawall, Katholikensturm & schöne Kinos: Zu Besuch bei Münsters Kino-Veteran Albert Mazzotti.

Mit Dom-Klingelton. Furzende Frösche, brennende Herzen & Münsters Glockengeläut: Zu Besuch bei den verrückten Handyringtonelogo-Pixlern.

Herz, Schmerz & Krone. Happy End ist Pflicht: Zu Besuch bei Münsters Heftchen- Autorin Marlene Eschkötter.

Urne 2.0. Digitaler Leichenkult: Zu Besuch bei Münsters »McDonald’s der Bestatter-Szene«

MÜNSTERANER UND IHRE HOBBYS

Elvis heilt auch Dich! Reverend Schulz, der größte Elvis-Fan Münsters.

Die Helden des Prelk. Seltsames Münster: Nach Speckbrett und Spatentennis kommt jetzt »Diäsch«.

Die Wunder-Wanderung. Schnauf! Ultimo-Chefreporter geht auf große Wallfahrt nach Telgte.

Bauern-Jackass. Kartoffelkanonen & Klorollenwerfer: In westfälischen Wäldern wird fröhlich rumgeballert.

Jäger der Dose. »FTF« oder »DNF«: Die Hightech-GPS-Schnitzeljagd nach Münsters »Geocaches«.

Immer nur Brei! Zu Besuch bei Münsters Mittelalter-Fans: Die »Monasterianer« basteln sich zurück in ihre Traumwelt.

Münsters Mofa-Machos. Tollkühne Männer auf klapprigen Kisten: Geheime Rennen mit getuneten Müll-Maschinen.

WAS MIT TIEREN

Fiffis letzte Ruhe. Kadavermehl & Urnengrab: Was passiert eigentlich mit unseren verblichenen Haustieren?

Unter uns Achtbeinern. Nix für Arachnophobe: Zu Besuch bei Münsters Spinnen-Fan Martin Kreuels.

Im Rattentod-Labor. Der Kampf gegen genmutierte Super-Nager aus Westfalen: Zu Besuch bei Münsters Biogift- Forscher Hans-Joachim Pelz.

FRÜHER

Immer nur Krawall!
Ulrike Meinhof, warme Brüder & der falsche Asterix: Münsters kauzige kleine Demo-Chronik.

Die Münsteraner gelten nicht gerade als politische Revoluzzer. Spektakuläre Protestaktionen traut man ihnen eher nicht zu. Wilde G8-Demos oder Kreuzberger Krawalle passen so gar nicht zur westfälischen Mentalität. Und schon gar nicht zur konservativen Bräsigkeit der Münsteraner. Oder ist das nur ein Vorurteil? Ein Blick in die Papiertonnen der Stadtgeschichte zeigt ein überraschend anderes Bild: Die Münsteraner haben sogar eine ausgeprägte Demo-Tradition.

Schon 1956 zogen Studis mit Transparenten gegen Nahost-Krieg und Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn über den Prinzipalmarkt. Zwei Jahre später protestiert ein breites Bündnis auf dem Domplatz gegen Atomkraft und Nuklearwaffen. Die Hauptrede hielt eine junge Studentin der Uni Münster: die spätere RAF-Gründerin Ulrike Meinhof.

1965 demonstrierten rund siebentausend Münsteraner Studis erstmals vorm Schloss gegen unzumutbare Studienbedingungen. Dabei gab es damals noch keine 20.000 Studenten an der WWU und noch nicht einmal den Numerus Clausus. Und auch das gab’s schon, als Eure Eltern sich kennen lernten: 1969 kam erstmals die NPD nach Münster, um eine Kundgebung auf dem Domplatz zu halten. Knapp tausend Polizisten versuchten rund sechsmal so viele Gegendemonstranten fern zu halten. Am Bahnhof gab’s wilde Rangeleien zwischen Polizei und NPD-Gegnern. Dieser Sport hat sich also auch kaum weiterentwickelt.

1972 erlebte der Prinzipalmarkt ein echtes Novum der Protest-Folklore: Deutschlands erste Schwulendemo fand ausgerechnet in Münster statt! (Homosexualität war noch gesetzlich verboten!) Rund 200 schwule Aktivisten zogen samstags mittags vom Schloss zum Prinzipalmarkt. In der Salzstraße hielt der Münsteraner Initiator eine Rede durchs Megafon. Die Bürger reagierten auf die »Warmen Brüder« perplex bis aggressiv.

Schon ein Jahr später neue Aufregung: Die Frauenstraße 24 wird besetzt, um den Abriss des Jugendstilhauses zu verhindern. Ein internes Polizeikonzept der Zeit empfiehlt hilflos: »Die Entwicklung konspirativer Einsatzmethoden, z. B. Einschleusen von Beamten als Handwerker, Lieferanten und Passanten.« Kein Wunder, dass das nicht funktioniert hat. So überstehen die Besetzer alle Räumungsversuche, politischen Machenschaften der CDU und einen Brandanschlag. Erst acht Jahre später wird das Wohnprojekt legalisiert und ist damit eine der längsten Hausbesetzungen in der deutschen Geschichte.

1974 kam es zum ersten handfesten Krawall: die »Kommunistische Gruppe Münster«, welche die katholischen Münsteraner zum »Marxismus-Leninismus chinesischer Prägung« bekehren wollte, verteilte vor Karstadt 850 Exemplare ihrer wirren »Kommunistischen Volkszeitung«. Beim Eingreifen der Polizei entwickelte sich eine Schlägerei. Verhaftet wurde – der dreijährige Sohn eines Kommunisten, der lauthals »Die Polizei ist böse!« brüllte. Allerdings brüllte er auch im Streifenwagen unentwegt weiter, sodass ihn die entnervten Beamten schleunigst wieder aussteigen ließen.

1979 demonstrieren auch Münsters Frauengruppen – gegen einen der ersten Sex-Shops (in der Hafenstraße). Dabei kommt eins der schwersten Demogeschütze der Zeit zum Einsatz: die lila Latzhose! Die (männlichen) Polizisten drehen durch und prügeln auf die Demonstrantinnen ein: vier Frauen landen im Krankenhaus.

Nicht nur der weibliche Protest gegen Sexshops war für die Polizei ein Problem: Durch Zeugenvorladungen von Polizisten zu Gerichtsterminen gegen Demonstranten fielen damals über 20.000 Dienststunden im Jahr aus! Denn allein 1983 wurden 194 Demos in Münster angemeldet! Schade, dass keine Vergleichszahlen des Wanderschuhhandels aus diesem Jahr vorliegen. Den Krankenkassen konnte die sportliche Betätigung im Sinne der Volksgesundheit jedenfalls nur recht sein.

Aber die Protestkultur erschöpft sich nicht in Fußmärschen. Besonders kreative Köpfe denken sich neue Formen des Widerstandes gegen das BRD-System aus. Und denen ist mit dem Gummiknüppel kaum beizukommen: Anfang 1980 staunten Asterix-Fans in Münster über ein neues Abenteuer des unbeugsamen Galliers, das ihnen merkwürdig modern vorkam. Der Band »Asterix und das Atomkraftwerk« enthielt zwar Originalzeichnungen von Uderzo und auch das Originalformat der echten Comics, doch die Geschichte von Cäsars Plan eines AKW im uns wohlbekannten gallischen Dorf – und dessen siegreichen Widerstands – stammte mitnichten aus dem Ehapa-Verlag, sondern aus dem Umfeld des münsterschen Umweltzentrums. Das fanden bald auch Polizei und Detektive der Urheberrechtseigentümer heraus und durchsuchten das Umweltzentrum an der Scharnhorststraße. Ohne Erfolg, weil einem festgenommenen Mitarbeiter von den Beamten befohlen wurde, sich während der Durchsuchung still auf eine Kiste zu setzen und sich ja nicht zu rühren. In der Kiste lagen – die gesuchten Comics. Der originelle Fake-Asterix ist bis heute wegen Verstoßes gegen das Warenzeichengesetz schwer illegal.

Noch ein Falsifikat aus der linken Ecke sorgte in Münster für großen Wirbel: Vom 7. bis zum 9. Mai 1992 trafen sich die Wirtschaftsminister der sieben mächtigsten Industriestaaten (G7) und Russlands in Münster. Am Morgen nach der Konferenz der Minister überrascht ein Extrablatt der Westfälischen Nachrichten die Münsteraner: Die Sonderausgabe meldet eine »Sensationelle Wende! Die führenden Wirtschaftsnationen beschließen in Münster, allen armen Ländern ihre Schulden zu erlassen! Der größte Finanztransfer der Geschichte!« Dass dies ebenfalls ein Fake ist, fällt keinem Leser auf, denn das Extrablatt ist äußerlich vom echten WN-Titel nicht zu unterscheiden. Nur im Aschendorff-Verlag tobt die konservative Geschäftsführung – und erstattet Anzeige gegen unbekannt. Unbekannt (zumindest polizeilich) blieben die Urheber bis heute, obwohl sie noch einen weiteren Coup landeten: Die falsche Sonderausgabe enthielt jeweils einen Gutschein für ein kostenloses Mittagessen, dass der – in Wirklichkeit völlig ahnungslose – Münsteraner Möllemann (damals noch deutscher Wirtschaftsminister), so der Text, den lieben Bürgern Münsters für ihre Gastfreundschaft gegenüber den internationalen Finanzpolitikern gerne spendieren würde.


Bis heute wurde der Urheber der gefälschten WN nicht enttarnt, trotz intensiver Fahndung. Dabei ist er ein echt netter Zeitgenosse. Das heißt, ich kann es nicht sein ... ;-)

Etliche Münsteraner marschierten daraufhin dankbar mit ihren Gutscheinen zum Speisen in verschiedene Restaurants, wo die Coupons wegen ihres hochoffiziellen Aussehens meist ratlos angenommen wurden. Die Rechnungen erhielt (und zahlte) Möllemanns Ministerium. Eine gute Anregung, um vom Staat endlich mal was gratis zu bekommen!

(Erschienen 2007)

Anmerkung:

Wenn Kinder der Generation iPod fragen: Papa, was war eigentlich eine »Demo«, erklärt man das am besten durch einen Vergleich mit einem Flashmob. Und wenn sie dann fragen: Was hat das denn damals eigentlich gebracht?, dann kann man ruhig antworten: Nichts. Darum kümmern sich heutige Demoteilnehmer auch vielfach gar nicht mehr um den politischen Anlass, sondern gehen gleich zum gemütlichen Teil über – Motto: Mach’ kaputt, wofür Du nicht aufkommst.

Fuck off, Münster.
Krawall, Karlsquell & Krachmusik: So schlug Punk in unsere Stadt ein.

Ausgerechnet in der Düsseldorfer Kunsthalle ist derzeit eine Ausstellung über die Anfänge von Punk in Deutschland zu Beginn der 80er zu sehen. Vierzigjährige Expunks, die heute in Werbeagenturen Prosecco statt auf der Straße Dosenbier trinken, geraten vor gerahmten Plattencovern von damals in nostalgische Schwärmerei ... und sogar die Lehrer-Illustrierte Spiegel feiert die Schau. Eifrige Soziologen ziehen an den Haaren ihrer Wissenschaftlerbärte gesellschaftspolitische Analysen herbei und unterstellen den Punks revolutionäre Absichten. Sucht jemand noch einen weiteren Beweis dafür, dass Punk heute mausetot ist? Trotzdem: Die Vernissage der Punk-Schickeria inspirierte uns zu der Frage, wie Punk damals eigentlich in Münster anfing. Also holten wir unseren Chefreporter aus dem Punk-Altersheim, ließen ihn in tiefe Hypnose versetzen und notierten seine vergessenen Erinnerungen.

1981: Der Bundeskanzler heißt noch Helmut Schmidt statt Helmut Kohl. Die DDR feiert ihr dreißigjähriges Bestehen. In Westberlin sind 140 Häuser besetzt und eine Anti-Atom-Demo in Bonn bringt eine halbe Million Menschen auf die Beine. Die Sex Pistols haben sich erst vor drei Jahren aufgelöst und klingen heftig nach. Die Toten Hosen nennen sich noch ZK (Zum Kotzen) und sind kaum bekannt. Punk ist damals taufrisch, Techno und Hip-Hop noch nicht erfunden [Hip-Hop wohl! Der Setzer]. Die gut drei Dutzend Münster-Punks, die sich samstagmittags am Lambertibrunnen treffen, sehen nicht wie Bahnhofspenner aus und wollen auch kein Kleingeld schnorren – stattdessen tauscht man die neuesten Buttons, empfiehlt die aktuellen Singles und versucht, sein selbstfabriziertes Fanzine oder eine Kassette der eigenen Punkband an den Käufer zu bringen. Punk hatte eine unglaublich kreative Dynamik: Jeder spielte in irgendeiner Band (wer kein Instrument konnte, wurde eben »Sänger«), gab ein Fanzine heraus oder betätigte sich als Ein-Mann-Label für obskure Klangproduktionen. Modeindustrie und Plattenfirmen machten um Punks noch einen großen Bogen. Band-T-Shirts, Nietengürtel und Buttons wurden in fleißiger Heimarbeit selbstgebastelt. Und fast allerorten fand sich ein Idealist, der am Wochenende einen unkommerziellen Auftritt lokaler Punkgruppen in irgendeinem Jugendheim oder Keller organisierte.

Und solche Bands gab es massenweise, etwa Anormal Null. Hier spielt Münsters erster Punk, Andreas »Sally« Bleckmann, Gitarre (ist heute Modefotograf in London). Am Bass: Frank Xerox, Herausgeber des Fanzines »Schwarz-Rot-Gold«. Während die anderen Punk machen wollen, steht Xerox auf die avantgardistischen Elektronikklänge von D.A.F. (»Tanz den Mussolini«). Er geht nach Berlin und nennt sich später Westbam. Sein Bruder Fabian tanzt noch in der ersten Reihe Pogo – und heute als Geschäftsführer der Love-Parade durch Berlins Tiergarten. Sänger »Klaus Chaos« brachte sich unter dramatischen Umständen um. R.A.F.Gier proben im Keller der legendären Kronenburg (heute Wolters I neben der Luna Bar). Münsters professionellste Punkband veröffentlichte sogar zwei Platten. Gitarrist Rolle wird wegen des Gebrauchs von Rasierwasser von anderen Punks als »Poppersau« beschimpft. Deshalb prangern R.A.F.Gier in ihrem Song »DIN-Punk« Konformitätszwänge und Spießigkeit der Szene-Cliquen an. Sänger Ralf Plaschke leitet heute die Kölner PopKomm-Messe. VNW aus Wolbeck haben kein Schlagzeug – aber viel Humor und adaptieren das Fernverkehrsmotto »Schnell, Laut, Gut.« Später überzeugen KataCombo mit der größten musikalischen Vielseitigkeit und den besten Texten unter Münsters Punkbands. Sänger Tönnis ist heute Werbetexter und Chauffeur von Helge Schneider.

Äni(x)Väx schließlich hinterlassen nicht nur unzählige Graffitis im Straßenbild, sondern auch die Erinnerung an eine Straßenschlacht während eines Auftritts, zwei Jahre nachdem ein Konzert der Punklegende Dead Kennedys in Osnabrück zu schweren Krawallen geführt hatte. 1984 fragt die Band telefonisch in der Kneipe »Neuer Krug« neben Steffi Stephans Kino-Disco Jovel Cinema an der Weseler Straße an, ob sie dort spielen dürfe. Der Wirt fragt: »Was macht ihr denn für Sound?« Statt der Antwort »Punk« versteht er aber Funk und sagt zu.

Am Abend des 4. September ist der Wirt beim Soundcheck über den »Funk« von Äni(x)Väx entsetzt und sagt die Veranstaltung kurzerhand ab. Weil sich aber vor der Tür schon viele Punks versammelt haben, von denen einige recht verwegen aussehen und finster gucken, verhandelt man: Äni(x)Väx spielen, aber nicht lange und nicht so laut. Das Konzert geht noch reibungslos über die Bühne. Doch dann verlost die Band als Showgag einen grünen »Pappkameraden«, den sie mittels Bolzenschneider besorgt hatte. Der Gewinner, ein Punk aus Greven, weiß nicht, wohin mit seinem Preis. Die Polizisten-Attrappe wird deshalb unter Gejohle auf die Straße geschlört und verursacht dort zur Belustigung der Punks einen Verkehrsstau. Autos hupen, Bierkrüge fliegen, der Pappkamerad wird mit Mofa-Benzin in Brand gesteckt. Die Kreuzung ist mittlerweile ein Scherbenmeer. Die anrückende Polizei wird mit einem Gläserhagel empfangen und setzt Reizgas ein. Weil fünf Punks verhaftet werden, unternehmen andere einen gewaltsamen Befreiungsversuch, den die Polizei abwehrt. Die Randale macht dicke Schlagzeilen in den WN, bringt Äni(x)Väx jedoch keinen Werbenutzen, weil der Bandname in den Zeitungsberichten nicht genannt wird.


Karnevalssonntag 1986 im Odeon: Wer hat das schönste Kostüm an? Zahlenmäßig gewannen die Narren auf dem Prinzipalmarkt; nach Lautstärke die Punks im »O«.

Werbung für Punk machten dagegen die beiden Punk-Girls Gabi & Moni, die in einer Live-Diskussionsrunde der ZDF-Fernsehsendung »Kinder, Kinder« zu ihren Punk-Motiven befragt wurden. Dazu fiel den beiden jedoch nicht mehr ein, als keinen Bock zu gar nichts zu haben, alles Scheiße und überhaupt: Fuck off!! Wegen der eitlen Selbstdarstellung wurden die beiden hinterher wochenlang in den Szenekneipen als »arrogante Fernsehstars« geschnitten. Diese Szenekneipen sind rasch aufgezählt: neben dem Bunten Vogel, der damals auf der Rothenburg war, dem Neuen Krug und dem Odeon besuchten Münsters Punks vor allem die Kronenburg. Die »Hippies« des linksautonomen Kneipen-Kollektivs hatten alle Hände voll zu tun, die Kids in Schach zu halten, die den Laden als ihren speziellen Abenteuerspielplatz ansahen und die Gäste mit der »Haste-mal-ne-Mark«-Leier nervten, wenn das Taschengeld mal wieder nicht fürs nächste Bier reichte. Der Neue Krug wurde von den Punks Neuer Betrug geschimpft, weil die Inhaber die Unverschämtheit besaßen, gegen das Mitbringen von Karlsquell-Dosenbier (dank einer Ode der Hamburger Punkband Slime das Punk-Kultgetränk) konsequent einzuschreiten. Weil im Billardzimmer der Kneipe oft gegen das BtMG verstoßen wurde, waren auch immer einige Zivilbeamte vom Friesenring anwesend. Diese konnten schon von weitem an ihrer schlechten Kostümierung erkannt werden (Wildlederjacke mit Nina Hagen-Button und – kein Witz! – The Police-T-Shirt). Die bemühten sich dann ebenso verzweifelt wie vergeblich um Kontakt.

Während viele Bürger vor Punks noch Respekt hatten oder hilflos herumschimpften (»Unter Adolf hätte man euch ...!!« – »Geht doch nach drüben in die DDR!!«), und die Studenten-Hippies grundsätzlich pazifistisch waren, hatten die Punks nur einen natürlichen Feind zu fürchten: den gemeinen Mofa-Assi. Die Hauptschul-Prolls von der berüchtigten Überwasserschule oder diverse Bunken-Clans aus Coerde machten Jagd auf »Punkerschweine«, und man hatte Glück, wenn man mit einem blauen Auge davonkam. Der Punk-Lifestyle selber forderte indes schwerere Opfer: Die, die dachten, sie könnten ewig so weitermachen, landeten in Psychiatrie und Knast, als Pflegefall oder auf dem Friedhof. Das alles ist jetzt so lange her, dass es zur Würde gereift ist, die Düsseldorfer Kunsthalle zu schmücken. Wenn einer den Penner-Punks am Bahnhof mal sagen könnte, dass ihre Attitüde museumsreif ist.

(Erschienen 2002)

Anmerkung:

Der Regisseur eines Dokuspielfilms über die berüchtigten »Chaostage« sagte: »Heute wird man ja beim ZDF nicht mehr Programmdirektor, wenn man nicht mindestens sechs Wochen lang Punk gewesen ist.« Das trifft zu und darum ist Punk auch endgültig restlos tot. Das Komische daran: Damals dachte man wirklich (und beileibe nicht nur in Münster), dass nach Punk eigentlich keine innovative Jugendkultur mehr kommen könne! Der weitere Lebenslauf der damaligen Mitglieder von Münsters Punkszene lässt sich grob gesagt in zwei Alternativen teilen: Kulturbetrieb oder Tod.

Im Kumpelnest.
Das alte »Odeon« war Münsters Wohnzimmer für Waver, Punks & Nachtvögel.

Wenn dieser Tage der letzte Applaus nach dem Konzert von Dr. Ring Ding verklungen ist, wird im Odeon an der Frauenstraße für immer das Licht ausgemacht. Die »Grande Dame der münsterschen Clubs« nimmt ihre letzte Huldigung entgegen. Die Institution Odeon hat mindestens drei Generationen von Teenagern sozialisiert und deren Jugend entscheidend geprägt. Deshalb ist uns die anekdotenreiche Geschichte des Odeons einen Rückblick wert. Bitte einsteigen zur Zeitreise ...

Die 70er Jahre sind soeben vorbei und der Zeitgeist diktiert Coolness. New Wave und NDW sind angesagt; die Frauen tragen Neonschmuck. Helmut Kohl steht kurz vor seiner Machtergreifung. In Münster provozieren sich samstags am Lambertibrunnen Punks und Popper; die Kronenburg und der Bunte Vogel auf der Rothenburg sind die aktuellen Szenekneipen. Am 8.10.1982 übernehmen vier befreundete junge Leute das wenige Jahre zuvor (vom heutigen GoGo-Betreiber Jürgen Köhn) eröffnete Odeon in der ehemaligen »Gaststätte Freitag« im Schatten der Überwasserkirche. Zunächst wird der Laden vom neuen Team auf die Höhe der Zeit gebracht: Die Flipperautomaten fliegen raus, und von der Bühnenrückwand grüßt frisch gesprayt eine Mickymaus mit zackiger Elektrogitarre aus einem pinkroten Amischlitten. Ein gewisser Maximilian Lenz darf im »O« Platten auflegen und nennt sich »DJ Westfalia Bambaata«. Später verkürzt er den umständlichen Künstlernamen (eine Hommage an sein Vorbild, den Hip-Hop-Pionier Afrika Bambaata) schmissig zu Westbam und zieht nach Berlin.

Viele erfolgreiche Künstler haben am Beginn ihrer Karriere als No-Name-Bands im Odeon gespielt (und sind später gerne wiedergekommen). Etwa die Toten Hosen. Christine Rosenthal: »Die standen 1983 eines Nachmittags vor der Tür und klopften an die Scheibe. Ich war gerade am Aufräumen. Ich sag: Wer seid ihr denn? Die: Wir sind ’ne Punkband und wollten fragen, ob wir hier mal spielen können. Ich sag: Habt ihr denn schon ’ne Platte? Die: Äh ... nee, aber wir haben ne Cassette dabei ...« Oder die Red Hot Chili Peppers, die damals wenigstens schon ein bisschen bekannt waren, aber noch als Geheimtipp galten. Veronika Fischer: »Für die hatte ich Abendessen gekocht. Musiker kriegen ja sonst meist nur Junkfood. Ehrlich – die wollten, dass ich für den Rest der Tour als Köchin mitfahre und ließen gar nicht locker.« Die hühnerknochenbehängten Gothicrocker von Christian Death fanden ihre eigene Musik offenbar so genial, dass sie nach vier Stunden (!) Nonstop-Konzert selbst noch weiterspielten, als das Publikum längst entnervt verschwunden und das Saallicht eingeschaltet war. Nur das Abschalten des Stroms bewegte sie schließlich aufzuhören. Ganz anders die Lausejungs von den Bollock Brothers – die englischen Punkrüpel erklärten den sprachlosen Zuschauern nach nur 20 Minuten, sie müssten jetzt dringend zurück ins Hotel, um den Übertragungsbeginn irgendeines hochwichtigen Fußballspiels nicht zu verpassen. Weil ihre Musik nicht im Gedächtnis blieb, lieferten King Kurt eine Bühnenshow, die niemand vergessen sollte. Eimerweise Eier, Mehl, Farbgelee und Wasser flogen von der Bühne ins Publikum und zurück. Ein Gast erinnert sich: »Alles hat in einer knietiefen Pampe gewogt – es war fantastisch!« Auch die anrückende Polizei – wegen der Lebensmittelschlacht vor der Tür gerufen – wurde mit Eiern und Mehltüten empfangen. So manch einer hat nach diesem Abend Jacke und Schuhe nur noch in die Mülltonne werfen können. Aus den Haaren bekam man den zementartigen Brei sowieso nicht mehr heraus.

Die MS-Punks Potpourri Boys folgten dem Beispiel von King Kurt und warfen von der Bühne rohe Hühner, die durch eingeführte Silvesterböller über den Köpfen der Zuschauer explodierten. Später wunderte man sich im Odeon wochenlang über widerlichen Verwesungsgeruch, bevor endlich jemand die Reste des Hühnchens fand, das auf dem Videobeamer unter der Saaldecke gelandet war. »Münsters letzte Punkband« (Selbstbezeichnung) Äni(x)Väx verabschiedete sich 1986 ebenfalls mit fliegender Nahrung (Pizza) in einer wilden Show für immer von den Fans.


In den legendären Katakomben des Odeons verewigten sich Stars an den Wänden – und indem sie ins Waschbecken pinkelten, sehr zum Ärger von Wirt Möppel ...

An den Wänden des Backstage-Kellers verewigten sich u. a. Johnny Thunders, Gun Club, R.E.M., Killing Joke, L7, The Godfathers, Fleshtones, Georgette Dee, Die Ärzte, Die Leningrad Cowboys undwiesieallehießen.

Inspiriert durch das Stadtjubiläum »1200 Jahre Münster« drehte der harte Kern der Odeon-Tresenhelden 1993 den Videofilm »1200 Jahre Odeon«. Der »monumentale Historienschinken mit vielen Massenszenen« (Werbetext) ist eine obertrashige Geschichtsparodie, die Helge Schneider die Schamröte ins Gesicht treiben würde und zeigt die nicht ganz wahre Entstehungsgeschichte des Odeons von der Steinzeit über Antike, Mittelalter, den 50er und 70er Jahren bis zur jüngsten Gegenwart. Götz Alsmann liefert darin eine Szene als Jugendheim-DJ. Gedreht wurde u. a. in einem echten Domina-Studio. Bei den Dreharbeiten kam es zu einem schweren Unfall: Bei einem »Livekonzert« der Sex Pistols (dargestellt durch die vier Inhaber) zerschlug Wirt Möppel in voller Action einem Statisten versehentlich eine elektrische Gitarre auf dem Kopf. Die »Erste Hilfe« eines angetrunkenen Kumpels bestand darin, die Körperumrisse des Bewusstlosen mit Kreide auf dem Boden nachzuzeichnen. Natürlich wurde die Unfallszene später nicht (!) herausgeschnitten!

Sogar die transsilvanischen Untoten liebten das Odeon: Münsters Grufties trafen sich monatlich zum »Tanz der Vampire« an der Frauenstraße. Die Anhänger der Szene zeichneten sich nicht nur durch ein gruseliges Geisterbahn-Outfit, sondern gleichfalls durch vorbildliche Höflichkeit aus. So staunte das Thekenpersonal immer wieder über Typen, die so erschröcklich aussahen wie Marilyn Manson, Hannibal Lecter und Rumpelstilzchen zusammen, aber schüchternleise flüsterten: »Kann ich bitte eine Apfelschorle?«

Eine Zeit lang durfte der Kreis der Stammgäste seine Wohnzimmertheke an Montagabenden sogar in Eigenverantwortung ohne Aufsicht selbst betreiben. Motto: Selbst zapfen, Geld in die Kasse legen, hinterher abschließen – keinen Scheiß bauen. Das entgegenkommende Vertrauen der Inhaber zahlte sich jedoch nicht aus, weil zwar in Selbstbedienung gezapft, aber nicht immer bezahlt wurde. Auch Münsters singendes Wermutbruder-Original »Caruso« kannte das Geheimnis bargeldloser Zahlung: Er schaffte es immer wieder, die Thekenkräfte zu überrumpeln, indem er einen Cognac bestellte, blitzschnell hinunterstürzte und triumphierend erklärte: »Hab’ kein Geld ...« Caruso war übrigens Mitglied des Odeon-Männergesangsvereins »Concordia Zwietracht«, der sich aber nach einigen Jahren ebenso wieder auflöste wie der Punkrock-Sparclub mit eigenem Kassenkasten an der Theke.

Man kann nicht leugnen, dass das Odeon Mitte der Neunziger langsam von der Zeit überholt wurde und ein bisschen ins Abseits geriet. Zu lange hatte der erste Club am Platz von seiner eigenen Nostalgie gelebt. Auch die heißeste Liebe wird eben irgendwann eine eingefahrene Ehe. Gegen die Vielzahl neuer Mitbewerber und die Trends der Zeit (Club-Hopping, schwindende Bindung an einen einzigen Stammladen, immer späteres Ausgehen) blieben alle Rettungskonzepte machtlos. Axel Seitz hat das Odeon mit einem neuen Profil wieder für ein junges Publikum attraktiv gemacht und fühlt sich dennoch der »Tradition« des Clubs verbunden. Trotzdem fängt er nach dem Umzug an seinem neuen City-Standort auf einem weißen Blatt an – die Geschichte des Odeons zieht nicht mit um, sondern verflüchtigt sich im Baustellenstaub und in der Erinnerung seiner alten Garde. Da verdrückt sich so mancher Ex-Punk jenseits der 30 ein sentimentales Tränchen.

(Erschienen 2002)

Anmerkung:

Das Odeon war mehr als ein Club – es war Münsters Lebensmittelpunkt für alle zwischen 18 und 38. Der Laden war eine Legende, wozu natürlich die Konzerte avantgardistischer Bands beitrugen, die damals vor 300 Münsteranern spielten und heute Hallen und Stadien füllen. Und auch Gäste, die später bekannt wurden, wie z. B. Oliver Kalkofe oder Klaus Fiehe, mussten sich damals vom Tresenchef für unkorrekte Bestellungen anranzen lassen. Für mich persönlich hatte die Schließung des Odeons zwei Aspekte: Einerseits wurde ich wie viele andere plötzlich heimatlos, andererseits hatte sich damit mein Deckel aufgelöst, den ich zuvor schon zwei Jahre lang als Thekenkraft abgearbeitet hatte.

Der Beatschuppen-König.
Gronecks Erzählungen: Zu Besuch bei Münsters Disco-Miterfinder.

Discotheken sind heutzutage landauf, landab ein gewohntes und allgemein akzeptiertes Freizeitvergnügen, und auch Muttis Generation schwingt gerne zu Rock und Samba die Hüften. Das war natürlich nicht immer so. In den Kindertagen der Disco vermuteten die Nachkriegsväter in den »Beatschuppen« finstere Hasch-Höhlen. Der Münsteraner Manfred P. Groneck ist einer der Geburtshelfer der Discoszene in Deutschland. Seine Geschichte ist ebenso abenteuerlich wie erstaunlich, und manchmal scheinen Dichtung und Wahrheit zur Legende zu verschmelzen. Ultimo lauschte fasziniert Gronecks Erzählungen aus der Disco-Steinzeit im schwarzen Münster, das bis dahin nur Glockenklänge gehört hatte.

1961 errichtet die DDR-Führung im Handstreich eine Mauer durch Berlin. Elvis hat gerade erst seinen Wehrdienst in Deutschland beendet. Zu dieser Zeit eröffnet Manfred P. Groneck in einem alten Eckhaus am Kreuztor die Tanzbar Kontiki. Die dazugehörige Einliegerwohnung vermietete er an einen Typen namens Udo Lindenberg. (Das Haus wurde übrigens später abgerissen, an seiner Stelle ist heute ein Supermarkt). Donnerstag morgens stand Groneck schon vor Ladenöffnung vor Radio Hüffer, um taufrisch die neuesten Beat-Schallplatten aus England und Amerika zu kaufen. Problem: Aus Kostengründen gab es im Kontiki nur einen Plattenspieler. Auch sonst haperte es noch an der Ausstattung: Die »Lichtorgel« funktionierte manuell ... und zwar nur dann, wenn Groneck selbst die Stecker der fünf verschiedenen bunten Glühbirnen ein- und ausstöpselte. Erst später kam – oh Wunder der Technik – ein zweiter Plattenspieler plus ein Mischpult dazu, das erstmals Überblendungen und Ansagen per Mikrofon ermöglichte. Der Eintritt wurde nach der Zeit der Anwesenheit berechnet: pro Minute ein Pfennig. Wer um 22 Uhr kam und um 24 Uhr wieder ging, musste für das Vergnügen 1,20 Mark bezahlen. Gar nicht übel, das System ... Was dann folgte, ist auch heute nicht anders: »Im Kreuzviertel wohnten damals nur alte Leute, die fielen plötzlich vom Hocker, weil der Laden brummte bis zum Gehtnichtmehr. Die beschwerten sich und die Konzession wurde erst von 5.00 auf 3.00, später auf 1.00 Uhr und dann auf 23.00 Uhr zurückgenommen. Deshalb war nach zwei Jahren schon wieder Schluss!«

Doch Groneck schlug gleich das nächste Kapitel der münsterschen Discogeschichte auf: Das Geld aus dem Kontiki investierte er in den heruntergekommenen »Hof zur Geist« an der Hammer Straße. Dort ist heute noch eine Disco: das »Casablanca«. 1963 nannte Groneck seine neue Goldgrube zeitgemäß exotisch Copa Cabana. Sein alter Untermieter Udo L. kam auch vorbei und erzählte, er könne jetzt Beatmusik machen und hätte da mit ein paar Jungs aus Münster eine töfte Band. Tatsächlich wurden die Langhaarigen bald zu Lokalmatadoren.

Groneck hatte jedoch noch mehr zu bieten: »Wir begannen, mit dem Starclub in Hamburg zusammenzuarbeiten. Die englischen Bands, die dort spielten, kamen anschließend noch für eine paar Termine zu uns. So kamen wir damals schon an richtig populäre Bands, wie die Rattles – und das in Münster!« Der Spaß war schnell wieder vorbei, als das Arbeitsamt von Groneck Arbeitspapiere für die ausländischen Musiker sehen wollte. Doch aus Schaden wird man klug: »Wir haben die Jungs dann richtig über die holländische Grenze geschmuggelt: Die Musiker kamen einzeln als Touristen und der Wagen mit den Instrumenten hinterher. Alles streng konspirativ. Wenn das Arbeitsamt was muckerte, war die Band schon wieder weg.« Einigen englischen Musikern gefiel Münster allerdings so gut, dass sie gleich hierblieben, wie etwa der Saxophonist David Hendsley.

Das Copa Cabana lief und lief und lief. Die Band von Gronecks Untermieter stellte sogar den westfälischen »Weltrekord im Dauerbeat« auf – ein gewisser Steffi Stephan und Kumpels spielten 248 Stunden ohne Pause! Selbst das TV-Magazin »Drehscheibe« berichtete live vor Ort. Doch dem Ordnungsamt wurde das Treiben der »Gammler« vor den Toren Hiltrups zu bunt – Groneck verlor abermals seine Konzession und war pleite. Zwei Jahre jobbte er in einer damals völlig neuen Technologie: Elektronische Datenverarbeitung mit Lochkartonsystemen. 1967 wird Ultimos Chefreporter geboren. Im Jahr darauf eröffnet Groneck als Geschäftsführer wieder eine neue Disco in Münster: das Tabu am Alten Steinweg. Groneck: »Das war der Laden in der Stadt! Ein paar mit Schottenmuster bezogene Melkschemel, Schottenstoff an der Wand, und schon ging die Post ab! Wir spielten die heißesten Soulscheiben und holten uns von den Amis aus Handorf ein paar Schwarze, die den Leuten zeigten, wie man dazu tanzte.« Mit Erfolg: »Nebenan war eine bayerische Kneipe, das »Edelweiß«. Die mietete ich dazu und machte noch eine Disco auf, den Black Horse Saloon.« Nach handfesten Streitigkeiten mit dem Inhaber, einem Kölner Halbwelt-Zaren, kündigt Groneck jedoch nach drei Jahren.

Inzwischen ist das Jahrzehnt der Schlaghosen und Föhnwellen angebrochen. Während die RAF Deutschland in Atem hält und Muhammad Ali Boxweltmeister wird, eröffnet Manfred Groneck nun im Berliner Europacenter das »Joy«. »Hier sollte es jetzt so richtig zur Sache gehen!«, erzählt der alte Disco-Haudegen im Büro seiner Hiltruper Handelsfirma. »Wir hatten schon eine echte VIP-Ecke, die war immer für die Leute von der ZDF-Hitparade reserviert. Die ließen sich Jack Daniels im 10-Liter-Glasfass für 1.800 Mark bringen und waren sauer, weil sie die Cola noch extra bezahlen sollten, haha.« Eines Tages stellte sich ein neuer DJ bei Groneck vor. »Der Junge hatte es richtig drauf, war aber leider ständig besoffen. Dann klaute er dauernd Inventar, das ich tags drauf wieder aus seiner Bude in der Katharinenstraße rausholen musste.« Sein Name: Gunther Gabriel. Nachdem Groneck in diesen wilden Zeiten sogar mal mit der Abendkasse unterm Arm durchs Klofenster vor finsteren Luden flüchten musste, kündigte er allerdings auch diesen Job wieder. Das Joy bekam später ein kleines Drogenkonsumentenproblem – und ging den Bach runter.

Derweil hatten Punkbands wie die Sex Pistols Disco den Krieg erklärt, und Groneck wechselte die Thekenseite. Er wollte höher hinaus: Jetzt verkaufte er sein konzeptionelles Knowhow an andere Discobesitzer. Nebenbei begann er mit gebrauchtem Casino-Inventar aus Las Vegas zu dealen. Zurück in Münster, veranstaltete Groneck 1979 die erste deutsche Discotheken-Fachmesse in der Halle Münsterland. Groneck: »Nena und Modern Talking sind da als ›Nachwuchskünstler‹ aufgetreten – die kannte damals kein Schwein. Schon die dritte Messe wurde die größte Discoausstellung der Welt!« Groneck war auf dem Gipfel seines Erfolges. Er stampfte die Fachzeitschrift Discoforum aus dem Boden, gründete 1981 den offiziellen »Bundesverband deutscher Discotheken und Tanzbetriebe e.V.« (Geschäftsstelle Hafenweg 26b, Münster) und den anerkannten »Berufsverband Discjockey«. Gronecks Discoverband ist heute eine selbständige Fachgruppe im deutschen Hotel- und Gaststättenverband. Wegen der redaktionellen Inhalte im Discoforum bekam Groneck prompt Ärger mit der Plattenindustrie: »Die CBS wollte, dass ich meinen freien Kritiker feuere, weil der öfter freche Verrisse über CBS-Produktionen schrieb. Ich sagte, mach’ ich nicht, der Junge schreibt super und bleibt!« Der umstrittene Autor hieß Götz Alsmann.


Dieses Foto reichte Götz Alsmann als Frontmann der »Heupferd Jug Band« selbst beim Vorgänger der Ultimo als Pressefoto ein. Wenn er geahnt hätte, wo es mal wieder auftaucht.

Doch wo viel Erfolg ist, gibt es auch viele Neider: »Die Beteiligten haben die Sache selbst kaputtgemacht. Die großen und kleinen Szene-Könige meinten, sie könnten alles viel besser und billiger. Die hatten Angst, dass ich zu mächtig würde. So ein Quatsch, ich war die Klagemauer für alle. Aber dann fingen einzelne an, dem Verband durch eigene Disco-Postillen und -Messen Konkurrenz zu machen. Es setzte ein intrigantes Gemauschel ein, und die ganze Geschichte zerfiel.« Groneck bilanziert: »Der Niedergang des Vereins hat mich gut eine Million gekostet. Aber was soll’s ...« Groneck importiert heute Tonöfen für den Terrassengebrauch aus Mexiko.

(Erschienen 2001)

Anmerkung:

Dieses Interview war zweifellos eines der spannendsten – ich hätte mir noch ewig weiter Anekdoten aus der Discozeit anhören können, vor denen Groneck nur so übersprudelte. Und erst sein Fotoalbum aus den 60ern und 70ern! Unfassbar, dass Schmiegen wie Dieter Thomas Heck oder Typen mit Frisuren, wie sie heute höchstens noch Profifußballer tragen, jemals Popstars werden konnten! Gut finde ich auch die Vorstellung, wie Groneck zu seinem nervigen Untermieter Udo Lindenberg sagt: Weißt du was, Junge? Du gehst mir auf’n Keks! Spiel woanders mit deiner Kapelle.

Bitte bring me a Nazi!
Volkssturm-Opas & weiße Fahnen: Das Kriegsende im Münsterland.

Dieses Jahr steht im Zeichen des Gedenkens an 60 Jahre Kriegsende (auch wenn manche »Kameradschaften« immer noch nicht mitgekriegt haben, dass der Krieg aus ist). 1945 um diese Zeit war es mit dem »Endsieg« endgültig Essig. Im Münsterland war der II. Weltkrieg schon Ostern zu Ende.

Um das Münsterland zu erobern, hatte die britische Armee unter Feldmarschall Montgomery am Niederrhein Unmengen Panzer und Soldaten zusammengezogen. Der Grund: Die Tommys fürchteten den »Westfalenwall«, über den die deutsche Propaganda berichtet hatte. Darunter stellten sie sich eine Art zweiten Atlantikwall vor, mit Bunkern, Panzersperren undundund.

Den Westfalenwall gab es wirklich, aber er sah etwas anders aus: Im Herbst ’44 hatte Münsters Gauleiter Meyer an Hitler gefunkt: »Mein Führer, tausende von Volksgenossen stehen bereit, um einen Westfalenwall zu errichten. Bitte um Vollmacht.« Die Vollmacht kam. Von Haltern bis Hopsten wurden die Bauern mit Spaten ausgerüstet. Das Ergebnis war eine dünne, unzusammenhängende Linie von Erdlöchern, die bei jedem Regen einstürzten und neu geschaufelt werden mussten.

Die englischen Panzer hielt das nicht weiter auf. Ihren Vormarsch stoppte etwas anderes: Die 3. Division rasselte bei Bocholt versehentlich in eine Kornbrennerei, was sie den ganzen Vormittag kostete. Bei der Weiterfahrt fädelten sich Kolonnen der zurückflutenden deutschen Wehrmacht in die lustige Truppe ein, ohne aufzufallen.

Es gibt Leute, die sogar jetzt noch ans Geld denken: Der Kassierer der Bocholter Sparkasse kommt beim Angriff der Engländer ums Leben. Einem fällt ein: »Der trug doch immer den Schlüssel zum Tresor um den Hals!« Ein anderer hat zufällig gesehen, wo der Kassierer verscharrt worden ist. Sie graben die Leiche aus und finden den Schlüssel. Eine halbe Million Reichsmark kommen unters Volk. Die Mühe hätten sie sich sparen können: die Reichsmark wurde in den letzten Tagen um das Siebenhundertfache abgewertet.

Nächster Stopp Montgomerys: Buldern. Hier hatten sich die Volkssturmopas soviel Mut angetrunken, dass die Engländer Stunden brauchten, um sie herauszuschießen.

In der Stadtchronik heißt es: »Die Parteiführer treibt die Verzweiflung zum Alkohol. In betrunkenem Zustand geben sie Befehle, die nicht durchzuführen oder völliger Wahnsinn sind.« Machte aber nichts, denn die Bauern spendierten den deutschen Soldaten soviel Korn, dass der Kommandeur des Regiments Großdeutschland freiwillig aufgab und erklärte: »Mit diesem Sauhaufen von Blaumännern wackelt die Front von selbst!«

In Billerbeck wackelt die Front noch nicht. Aber die Leute haben allen Grund, die Engländer bloß nicht aufzuregen: Im Oerschen Wald zwischen Billerbeck und Darfeld steht eine Abschussrampe für V2-Raketen, von denen über zweitausend in London und Antwerpen eingeschlagen haben. Das könnten die Tommys womöglich persönlich übel nehmen.

In der Dorfkneipe ist Kriegsrat. »Wer von uns spricht englisch?« Alle zeigen auf Jupp Horstmöller. Er ist der Wirt. »Also, Du fährst jetzt auf deinem Fahrrad den Engländern entgegen und sagst denen, dass wir kapitulieren, sonst schießen die uns zusammen.« Es ist ernst: Ahaus, Dülmen und Stadtlohn wurden schon zusammengeschossen.

Horstmöller sagt: »Jau, det mok i wohl«. Es geht ein bisschen schwierig, weil er nur noch einen Arm hat. Also setzen ihn die anderen aufs Rad, binden ihm eine weiße Serviette an den Lenker zum Zeichen, dass er nicht in kriegerischer Absicht kommt, und schieben ihn aus dem Ort.

An der Bundesstraße nach Borken trifft er auf Montgomerys Panzerarmee. Er ruft: »No shooting! We give up!« Die Luke des ersten Panzers geht auf. »First white Flag!«, sagt der Tommy. Horstmöller soll zurückradeln. Wenn in einer Stunde keine weiße Fahne am Kirchturm zu sehen ist, greifen tausend Panzer Billerbeck an.

Die Billerbecker rennen mit einer Tischdecke den Glockenstuhl hoch. Die Panzer rollen vorsichtig auf den Ort zu. 300 Meter links liegt gut getarnt die V2-Abschussbasis. Jedem Engländer ist zuhause eingehämmert worden, so ein Ding zu erkennen. Sie rollen vorbei.

Am Ortseingang steht Horstmöller. Der erste Panzer stoppt, die Luke geht wieder auf: »All right?« »Jau«, sagt Horstmöller. »Okay, you go ahead!« Die Luke geht zu, der Panzer fährt an und Horstmöller marschiert an der Spitze der englischen Armee in Billerbeck ein.

Obwohl der Tag für ihn aufregend genug war, hat er noch nicht Feierabend. Zwei Stunden später wird er aus seiner Kneipe geholt: Mitkommen, zur Schule! »Hier wir machen provisorische Rathaus«, erklärt der Officer. »Wat geiht mi dat an?«, fragt Horstmöller. »You are Bürgermeister now!«, befiehlt der Officer. Basta!

So glimpflich geht es nicht überall ab. Manch fanatischer Truppenführer hält sich an Hitlers Befehl Nr. 898/45: »Wer in Gefangenschaft gerät ohne verwundet zu sein, hat sein Leben verwirkt. Seine Angehörigen haften für ihn.« Zum Schrecken der Bevölkerung taucht in Buldern eine Kampfgruppe aus Jugendlichen unter einem Kommandanten Faustmann auf. Der befiehlt: »Buldern wird verteidigt bis zum Letzten!« Als die Engländer kommen, hageln ihnen Gewehrpatronen entgegen. Die 6. Tank-Brigade schießt Buldern fünf Stunden lang zusammen. Die Jugendlichen fallen restlos. Die Bevölkerung wird aus den Kellern gezerrt, darunter drei Eisenbahner in schwarzen Uniformen, die kein Englisch sprechen. »SS!«, entscheiden die Engländer und erschießen die verzweifelt Gestikulierenden.

In Greven wollen die Bürger nicht mehr für »Führer, Volk und Vaterland in Ehren fallen«, sondern einfach nur überleben. Deshalb hissen auch sie vor den herankommenden Engländern die weiße Fahne vom Kirchturm. Plötzlich erscheint eine übrig gebliebene SS-Einheit im Ort, reißt die weiße Fahne herunter und hängt stattdessen eine riesige Hakenkreuzfahne auf. Eine Katastrophe, denn wo die Tommys Widerstand fürchten, pflegen sie den ganzen Ort in Trümmer zu legen. Drei mutige Grevener stürmen den Kirchturm und holen die Nazifahne wieder ein. Am Turmausgang werden sie von der SS gestellt. Vor den Garben der Maschinenpistolen können sie sich gerade noch mit einem Sprung über die Friedhofsmauer retten. Plötzlich andere Schüsse, dann Ruhe – die Engländer sind da.

In Münster ist der Krieg noch nicht vorbei. Bei Schloss Wilkinghege haben sich Abiturienten auf Befehl ihres Hauptmanns Phillippsburg eingegraben und sollen mit ein paar Gewehren die britischen Panzer aufhalten. Die Panzer kommen von Nienberge und rollen an den Jungs vorbei. Der Hauptmann befiehlt: Schießt! Die Panzer schwenken um und die Schüler sterben, damit die Parteibonzen in Münster eine halbe Stunde Zeit gewinnen, um noch belastende Akten zu vernichten.


Stunde Null in Münster. Was Montgomerys Panzer nicht geschafft hatten, erledigten später deutsche Nachkriegsarchitekten ...

Das war der letzte Widerstand für die Engländer. Innerhalb der Promenade leben nur noch 17 Familien. Ein Mädchen schreibt: »Die Adlerie ergab sich und die Oberrichkeit floh ...« Münsters Gauleiter Meyer entkam zunächst in den Teutoburger Wald. Dort irrte er tagelang herum. Er wanderte bis ins Weserbergland. Aber sein Durchhaltewille war gebrochen. Er erschoss sich Anfang Mai im Wald.

Zur gleichen Zeit bekommt der brave Horstmöller seinen ersten Auftrag als Bürgermeister: Der britische Officer sagt: »Ich habe viel von Deutschland gesehen, kaputte Städte, Trümmer, Elend. Nur – keinen Nazi. Ich will wissen, wie die aussehen. Bring me one.« Tja – da muss Horstmöller passen: »Sorry Sir, aber Nazis haben wir hier nie gehabt ...«

(Erschienen 2005)

Anmerkung:

Die Naziführung traute den Münsterländern nicht: Wegen ihres Katholizismus hielt Goebbels die Westfalen politisch für unzuverlässig; Hitler schimpfte über Münster als »Pfaffenstadt« und wartete sehnsüchtig darauf, mit diesem »Typen Galen« nach dem Krieg »bis aufs i-Tüpfelchen« abrechnen zu können. Umso beflissener versuchte Münsters Gauleiter Meyer einen guten Eindruck zu machen. Als Stellvertreter des Ministers für den gesamten besetzten Osten, Chefideologe Rosenberg, war Meyer ein hohes Tier im Nazireich. Die zusammengesetzten Schilderungen stammen aus einem antiquarischen Buch des ehemaligen WN-Karikaturisten Helmut Müller.

Die Preußen-Hasser.
Katholen, Revoluzzer & die »Ems- republik«: Wie Münster sich vor 90 Jahren fast zum Freistaat erklärt hätte ...

Interessiert hat Deutschland in den letzten Wochen die Politik in Bayern verfolgt – gespannt, aber auch mit einer gewissen Distanz. Bayern gehört zwar irgendwie zur Bundesrepublik dazu, aber in der Wahrnehmung sind »die da unten in Bayern« doch ein anderer Staat, so ähnlich wie das gefühlte Verhältnis der Wessis zur früheren DDR. Die Bayern sehen das aus ihrer Perspektive genauso: Sie verschanzen ihre Folklore hinter dem »Weißwurscht-Äquator« und granteln, wenn sich die Berliner Regierung und andere Preußen in die Angelegenheiten ihres souveränen Freistaates einmischen. In dieser künstlichen Schutzsphäre hegen die Bayern ihre katholisch-konservative Kultur, die in dieser Laborsituation prächtig gedeiht. Kein Wunder, dass auch in anderen Regionen konservative Katholiken neidisch auf das Freitstaatmodell schauen. So dachte auch die schwarzchristliche Zentrumspartei im Münsterland und plante darum die Gründung eines eigenen Staates – die »Emsrepublik«! Aber der Reihe nach ...

Lange ist es her, da gehörte Westfalen zu Preußen. Das konnte nicht gutgehen: Hier die gemütlichen stockkatholischen Münsterländer (so schwarz, dass beim Niesen Ruß rauskommt, sagte man) – dort die preußischen liberalen Protestanten. Dauerknatsch verursachte vor allem die Frage, wer in der Schulerziehung das Sagen hat: Die Kirche (wie der Bischof meinte) oder der Staat (worauf Berlin pochte)? Der preußische Kanzler Bismarck ließ es auf eine Kraftprobe mit Westfalens Katholiken ankommen, die in Steinwürfen frommer Kirchenbesucher auf preußische Polizisten eskalierte. Letzten Endes gewann Münsters Bischof. Seit diesem Kapitel vom »Kulturkampf« blieb das Verhältnis zwischen Kirchenvolk und Reichsregierung dauerhaft gereizt.

Nach dem Ersten Weltkrieg flammte dieser Streit wieder auf. Auslöser war die Übernahme der deutschen Regierung durch die linken Sozialdemokraten. Diese zogen, kaum im Amt, auch schon ein Bündel liberaler Reformen aus der Schublade, die vor allem die Gleichberechtigung der Frauen sowie die Schulpolitik betrafen. Und dann zogen auch noch kommunistische Revolutionsräte durch Berlins Straßen! Den westfälischen Klerikern begannen die Soutanen zu flattern: Schlimm genug, dass die Berliner Regierung aus Protestanten bestand – nun kamen sie auch noch mit roten Revoluzzer-Ideen an! Für die Münsteraner Papsttreuen doppelt ketzerisch!

Doch der Herrgott schien einen Ausweg zu weisen! In Köln hatten sich katholische Regionalpatrioten öffentlich dafür ausgesprochen, das Rheinland aus Deutschland auszugliedern und zu einer eigenständigen Republik zu erheben. Die Nachricht schlug in Münster – und vor allem im Dom – wie eine Bombe ein! Der »Münstersche Anzeiger« brachte das Thema am 25. November 1918 unter der Überschrift »Los von Berlin!« auf der Titelseite und rief die Leser auf, sich »Anarchie und kommunistische Experimente der Diktatur Berlins nicht länger gefallen (zu) lassen!« Weiter argumentierte der Artikel, die Münsterländer gehörten seit jeher zum selben Volksstamm wie die Rheinländer, während sie mit den eher slawischen Berlinern kaum verwandt seien. Darum wäre es nur natürlich, wenn sich einem rheinischen Freistaat auch die Westfalen anschließen dürften. Der Ruf war unüberhörbar: Nehmt uns mit!

Doch die Kölner kamen nicht zu Potte: Ein gewisser Konrad Adenauer bremste die rheinische Begeisterung durch skeptische Kritik (und nahm damit seinen dreißig Jahre späteren Kanzlerslogan »Keine Experimente« vorweg). Die Münsterländer suchten also neue Gründungspartner: Ein Leserbriefschreiber schlug vor, sich stattdessen mit Hannover und Minden zu einem neuen Staat Niedersachsen zu verbinden (Begründung: Die Ruhrindustrie erdrücke die Landwirtschaft und im Übrigen seien die Rheinländer eigentlich ethnisch fremde Franken ...). Der »Münstersche Anzeiger« brachte eine weitere Option ins Spiel: »Sollen Bürger, Bauern und Kirche in Münster, Coesfeld, Warendorf, Ahaus und Meppen weiter unter dem Berliner Terror dastehen? Sollten wir uns nicht darauf besinnen, dass das Land zu beiden Seiten der Ems einmal eine blühende Geschichte hatte? Sollten wir uns nicht dem ostelbischen Großstadtpöbel entziehen und unsere Bestimmung selbst in die Hand nehmen? Sollte nicht in Münster und nördlich längs der holländischen Grenze eine Emsrepublik entstehen?« Das »befreundete Holland«, so visionierte der Redakteur weiter, sollte »dieser Gründung seinen Schutz leihen«.


Westfälische Mentalität braucht einen eigenen Staat! So hätte er ausgesehen – mit Münster als Hauptstadt. Wer braucht da noch einen Livcom Award?

Die Idee wurde begeistert gefeiert und als Slogan das Motto »Unterm Krummstab ist gut wohnen!« präsentiert. Zentrumspartei und DNVP gründeten in Münster ein gemeinsames »Aktionskomitee«. Auf den Sitzungen wurde den Separationsbestrebungen an Rhein und Ems »lebhaftes Interesse entgegengebracht« und diskutiert, wie man den Holländern das Projekt als »westdeutschen Pufferstaat« schmackhaft machen könne. Ein paar kleinliche Spießer meldeten zwar Bedenken an, ob die Region zwischen Münster und Oldenburg denn für einen Staat groß genug sei und wohl wirtschaftlich bestehen könne, doch die in große Fahrt gekommenen Fans der Münster-Nation veröffentlichten schon mal eine Resolution mit einer unverhohlenen Drohung in Richtung Berlin: »Sollte die Regierung nicht in kürzester Zeit die Herbeiführung geordneter Zustände erwirken, wird die Volksbewegung zur Gründung einer westlichen Republik als deutschem Bundesstaat führen!«

Ein praktisches Kriterium der Eingemeindung hatte man auch schon gefunden: »Die niederdeutsche Sprache« sollte »das gemeinsame Band« der neuen Emsländer sein. Die Amtssprache wäre somit Plattdeutsch gewesen. Vielleicht hätte es zweisprachige Verkehrsschilder gegeben: Mönster/Münster. Der Bischof wäre als Kirchenoberhaupt seines eigenen Ministaates sogar zum Westfalen-Papst aufgestiegen!

Doch dieser Traum zerplatzte jäh schon wenige Tage später: Am 12. Dezember 1919 bekamen die Zentrumspolitiker auf einer Sitzung in Hamm plötzlich Angst vor der eigenen Courage. Dazu trug der Dortmunder Verleger Lambert Lensing (!) bei, der eine Ablehnung der westfälischen Industrie signalisierte. Als den Delegierten zudem klar wurde, dass eine Ablehnung der Staatsgründung durch die Berliner Nationalversammlung ein Spiel mit dem Bürgerkrieg bedeutete, wurde das abenteuerliche Unternehmen kurzerhand auf unbestimmte Zeit vertagt – und schnell von der Geschichte vergessen.

Ist auch besser. Eine Weiterverfolgung hätte womöglich zu einem endlosen Separatisten-Terror nach Art der IRA oder ETA geführt. Stellt Euch das mal vor: »... Und hier die Nachrichten aus dem Münsterland: Bei einem Bombenanschlag in Ostbevern explodierte heute früh ein Trecker. Zu dem Attentat bekannte sich ein »Kommando Schwester Euthymia« der katholischen Untergrundbewegung Freies Emsland ...« Na, da haben wir aber nochmal Glück gehabt!

(Erschienen 2008)

Anmerkung:

Auf diese bizarre Story stieß ich zufällig durch wenige magere Zeilen in einem Münster-Buch. Seltsamerweise fand ich nirgends eine ausführliche Schilderung, obwohl schon die wenigen Andeutungen eine tolle Realsatire versprachen. Erst im Stadtarchiv entdeckte ich eine Diplomarbeit aus den 1970ern über die Emsrepublik und mit Hilfe der genauen Daten auch die alten Zeitungsartikel. Die Vorstellung eines westfälischen Freistaates erscheint paradiesisch: Vielleicht hätten wir heute keinen Euro und wären nicht mal in der EU ... hach, man wird ja wohl noch träumen dürfen ...

Geisterstunde.
Gespenster, Spuk & fauler Zauber – Gruselgeschichten aus dem Münsterland.

Wir leben im Informationszeitalter; und Information ist an sich das Gegenteil von Aberglaube (auch wenn »Verbraucherinformation« oft was Gruseliges ist ...). Glauben heißt schließlich nicht wissen. Trotzdem geistern etliche Gespenster durch unsere moderne Medienwelt: Das »Gespenst des Krieges«, das »Gespenst der Arbeitslosigkeit« oder »das Gespenst der Globalisierung«. Auch die »Geister der Vergangenheit« werden von Zeitungen beschworen, etwa »das Gespenst des Kommunismus«. Die aufgeklärte FAZ nannte das Internet sogar »ein Geisterreich«. Mit diesem modernen Gespenster-Phänomen befasst sich die Literaturforscherin Frau Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf, die im vergangenen Jahr sogar einen Kongress zum Thema Mediengespenster in Münster organisierte. Ihre These: »Wir sprechen immer dann von Gespenstern, wenn große, problematische, schwer erklärbare Phänomene zu beschreiben sind; wenn sich komplexe, abstrakte Zusammenhänge nicht klar darstellen.« Schattenhafte Erscheinungen spuken durch den Blätterwald: Laut Prof. Dr. Wagner-Egelhaaf sind selbst Fakten, Fakten, Fakten manchmal nur Schauermärchen: »Fakten entstehen nicht nur durch reale Vorkommnisse, sondern weil alle Welt von etwas redet, weil etwas herbeigeredet wird.« Während also heute die Gespenster hauptsächlich in den Köpfen spuken – etwa wenn die Medien unablässig das Gespenst der Konjunkturkrise beschwören und herbeizitieren – ging es in früheren Zeiten wesentlich handfester zu.

Wer alte Quellen studiert, dem fährt der Schrecken in die Glieder: das Münsterland ist randvoll mit Spuk und unheimlicher Zauberei! Schon die gute alte Annette wusste ja: »Schaurig ist’s, übers Moor zu gehen!« Und das aus gutem Grund: Im Venner Moor, in der Wiedau zwischen Steinfurt und Borghorst sowie im Naherholungsgebiet Davert tummeln sich untote Unholde in Massen, etwa der Ritter Meinhövel. Der hatte nämlich selbst an hohen katholischen Feiertagen das Saufen nicht seingelassen und muss deshalb bis zum Sanktnimmerleinstag durch das Münsterland randalieren. Sein Kollege, Ritter Dietrich von Schönebeck, erschreckt bis heute Badende am KaÜ, wenn er durch die Emswälder spukt. Er soll 1284 seinen Burgkaplan erstochen haben, weil dieser sonntags die Messe nicht ausfallen lassen wollte, damit Schönebeck am Wochenende seinem Jäger-Hobby nachgehen konnte. Dafür gab’s zusätzlich zum weltlichen Strafmaß auch noch »ewiges ruheloses Umherirren.«

Wem in der Davert eine schwarze Kutsche mit vier schwarzen Pferden im Höllentempo die Vorfahrt nimmt, kann sich sicher sein, dass darin der verfluchte Renteimeister Schenkewald von Schloß Nordkirchen durch die Heide rast ... Die meisten Untoten wurden übrigens wegen relativ kleiner Geschäftsbetrügereien (Schneider mit zu kurzen Ellenmaßen, Händler mit zu leichten Gewichten etc.) zur ewigen Verdammnis und Wiedergängerei verflucht. Wenn das heute z. B. bei Handwerkern, Autowerkstätten oder der Deutschen Bahn auch noch gilt, müssen die Untoten im Venner Moor aber ganz schön zusammenrücken!

In den Baumbergen bei Schapdetten trifft man (bei Vollmond) evtl. auf zwei Mörderseelen, die dort um 1700 wegen folgenden Verbrechens hingerichtet wurden: In dem Lokal »Adams Hoek« beobachteten sie ein altes Mütterlein, das beim Bezahlen auffällig lange in ihrem Geldbeutel kramte und murmelte: »Tausend, tausend, aber keinen einzigen Pfennig.« Um die vermuteten tausend Taler zu erbeuten, folgten sie der alten Dame durch die Baumberge und schlugen sie in der Nähe von Tilbeck tot. In dem Geldbeutel fanden sie tausend – Nägel! In der Hohen Ward bei Hiltrup kann man – gerade jetzt zu Ostern – mehr Glück haben, als diese beiden groben Gesellen: Dort liegt nämlich laut Legende der riesige Goldschatz eines Sachsenkönigs in der Erde versteckt (B54 Richtung Süden, hinterm Kanal links. In der Nähe der Parkplätze liegt beim alten Zollhaus ein Platz, der von mehreren Hügeln umgeben ist – da liegt der Schatz). Immer am Karfreitag (aber nur in mondloser Nacht!) will der tote König aus seinem Grab heraus und macht dabei oft stundenlang Lärm. Die Anwohner der Bauernschaft bestätigen, dass man in manchen Nächten Geschrei, Gejammer und Gehämmer hört. (Ob der König dann raus, oder ein betrunkener Schatzsucher herein will ist allerdings ungewiss ...).

Ob man’s glaubt oder nicht: selbst der heilige Ludgerus, der die wotansgläubigen Münsteraner missionierte, hat nach seinem Tod anno 809 herumgespukt: Nachdem er in Billerbeck gestorben war, wurde er in Münster beerdigt. So gut scheint es ihm aber hier gar nicht gefallen zu haben: Laut Legende hat er seinen Sarg selbst wieder ausgebuddelt und gerufen: »Hier will ich nicht begraben sein!« (Das hat wohl schon so mancher über Münster gesagt ...). In Verden gab er schließlich Ruhe und blieb liegen. Bei all diesen Spukgeschichten ist es keine Hexerei, dass der Gespensterglauben in Westfalen tief verwurzelt ist: Als Anfang der 90er Jahre am Guten Hirten eine Neubausiedlung entstand, sträubten sich die Anwohner mit Klauen und Zähnen gegen die Absicht der Stadtverwaltung, eine Ringstraße nach dem letzten Opfer des Hexenwahns in Münster zu benennen. Man wolle auf keinen Fall, so die Kläger, »in einer Straße wohnen, die nach einer Hexe benannt ist!« Obwohl die Stadt den Straßennamen trotz des Widerstandes durchsetzte, ist bis heute kein Fall bekannt, in dem bei den Anwohnern plötzlich die Milch sauer wurde, das Vieh verendete oder die Kinder gestorben sind.

Etwas außerhalb von Münster ist man dem Unwesen von Geistern dagegen auf die Spur gekommen! Vor einiger Zeit bot ein »Schamane« den Mietern eines Spätbarock-Herrensitzes am Rand der Baumberge seinen Service als Geisterjäger an. Der Mann aus der Mongolei stellte sich als kompetenter Partner in Geisterjagd seit drei Generationen vor. Er befand sich auf einer »Tournee« durch Deutschland und wurde von einer deutschen »Agentin« betreut, über die man die Dienste buchen konnte. Der Schamane nahm zunächst das ganze Schloss professionell in Augenschein. Dabei erklärte er (als Tipp für Do-It-Yourself-Geisterjäger), dass es wichtig ist, von oben nach unten vorzugehen, denn das Ziel ist es, die Geister in den Boden zu treiben. Hierbei wurde der Schamane an verschiedenen Stellen fündig, z. B. entdeckte er in einem Sanitärraum (für nicht-professionelle Menschen unsichtbar) eine schwarzgekleidete, kauernde Gestalt. Nach der Expertise konnten die Mieter der betroffenen Wohnungen sich dazu entschließen, den Auftrag zur gründlichen Beseitigung der ungebetenen Mitbewohner zu erteilen – für einen angemessenen Meister-Stundenlohn. Dazu zog der Schamane zunächst seine »Arbeitskleidung« an: ein farbenprächtiges Gewand mit vielen Glöckchen und Schellen. Dann zwang er die ätherischen Untermieter durch eine wüste Radau-Zeremonie mit Gesang, Tanz und Musik zur Räumung. Die Aktion war in der Mietergemeinschaft nicht unumstritten: Einige meinten, in einem so alten Gebäude sei es plausibel, dass die Materie (sprich Mauern) auf Dauer Informationen (»Geister«) speichere und von Zeit zu Zeit »gereinigt« werden müsse. Die Skeptiker hielten den Schamanen dagegen für einen parasitären Scharlatan. Immerhin sorgte es für einen gewissen Schauer, als sich herausstellte, dass das WC mit der »knieenden schwarzen Frau« in früheren Zeiten die Schloss-Kapelle war ... »Seltsam, aber so steht es geschrieben.« (Bastei-Gespenster-Comics)

(Erschienen 2003)

Anmerkung:

Wozu ein Lexikon des Aberglaubens vom Flohmarkt doch noch verwertet werden kann ... am besten finde ich die Geschichte mit der Geisterkutsche, die durch die Davert kurvt. Ich stelle sie mir in etwa so vor, wie die Kutsche im Film »Nosferatu« von 1927 oder die Wagen der Geisterbahn auf dem Send. Der Garantieschein des Geisterjägers für das Schloss Stapel ist inzwischen abgelaufen und müsste dringend mal erneuert werden.

Ganz Abergläubische sind übrigens überzeugt, dass Münster auf keinen grünen Zweig mehr kommt, seit man aus dem heidnischen Opfergrab am Domplatz das Pferdeskelett entfernt und ins Museum gebracht hat.

Tot am Emsstrand.
Auf Lauheide der Bronzezeit.

Warendorf ist heute ja nun nicht gerade eine pulsierende Metropole. Aber früher war hier richtig was los! Damit meinen wir nicht die 80er oder 70er Jahre, sondern die Bronzezeit. Vor etwa 3.000 Jahren war Warendorf total hip. Jahrtausende vor Christus war das Emsgebiet ein Verkehrszentrum – und Boomtown Warendorf mittendrin!

Davon ist sogar noch was übrig: Das größte zusammenhängende Gräberfeld der Bronzezeit in Nordeuropa. Sozusagen ein Friedhof Lauheide der Frühzeit. Die Münsteranerin Dr. Barbara Rüschoff-Thale hat die Ausgrabungen dokumentiert und dabei erstaunliche Erkenntnisse gewonnen.

Das Emsufer bei Bronzezeit-Warendorf war eine chillige Dünenlandschaft. Sogar Bernstein konnte man am Emsstrand finden, hinterlassen von den Gletschern der letzten Eiszeit. Der Klauenberg, immerhin für Westfalen stolze 70 Meter hoch, bot Schutz vor Wind. Kiefern und Birken wuchsen hier (Eichen gab’s damals nur in Süddeutschland). In der Bauernschaft Neuwarendorf, hundert Meter von der Ems, fanden die Hominiden den idealen Campingplatz.

3.000 Jahre später, Anfang des 20. Jahrhunderts, fing man hier an, Sand für Kalksandsteine zu fördern. Dabei stießen die Arbeiter immer wieder auf Scherben, Knochen und sonstiges »Gedöns«. Lange wurde das lästige Zeugs, das im Sandsieb hängenblieb, einfach weggeschmissen. Erst nach dem II. Weltkrieg interessierten sich Archäologen für die Funde. Mitte der Siebziger finanzierte die Uni Groningen eine ausgedehnte Untersuchung des Areals. Auf einem Gebiet von 500 Metern Länge und 300 Metern Breite fand man 341 frühzeitliche Gräber mit den Resten verbrannter Leichen. Die Niederländer entwickelten ein Verfahren, um das Alter verkohlter Knochen bestimmen zu können. So wurde ermittelt, dass in Neuwarendorf vom 3. Jahrtausend bis 100 v. Chr. Tote beerdigt wurden.

Der älteste Westfalentourist war allerdings schon vor über hunderttausend Jahren hier: Ein Neandertaler. Bis 1997 lag er sechs Meter tief im Torf, bevor ihn ein Hobbyforscher fand. Der Höhlenmensch war etwa Mitte Zwanzig, als er am Kottruper See aus den Latschen kippte. Allgemein war das Klima im Münsterland noch kälter damals, es war ja erst kurz nach der Eiszeit. Da holt man sich schon mal was weg. Befund: Geschwür am Kopf und Knochenentzündung. Bei dem Neandertaler wurden ein Faustkeil, ein Steinmesser und ein Schaber gefunden. Operation gelungen, Patient tot – wurde er Opfer steinzeitlichen Ärztepfuschs? Die Forscher meinen übrigens, der Neandertaler habe keinen Beitrag zum heutigen menschlichen Genpool geleistet. Wenn ich mir die Physiognomie von Volker Pispers ansehe, wäre ich mir da nicht so sicher ...

Da war es in der Bronze- und frühen Eisenzeit erheblich gemütlicher. Darum wurde vor allem gerne gegrillt. Im Münsterland tummelten sich Mammuts, Wollnashörner, Moschusochsen, Wildpferde, Rentiere und Riesenhirsche, wie man an den Resten der Barbecue-Plätze ablesen kann. Mjam. Sogar Löwenknochen fand man in der Asche!

Doch soviel Gegrilltes soll ja überhaupt nicht gesund sein. 1997 fand eine Warendorferin beim Baden im Baggersee einen jungen Mann, dem es gar nicht gut ging. Obwohl der etwa 30-jährige stattliche 1,80 m groß war, diagnostizierten ihm die Mediziner eine Schwächung des Knochenbaus durch falsche Ernährung in seiner Kindheit vor dreitausend Jahren (»Ngg, iss nicht so viele Mammut-Burger!« Das kommt davon!).

Aus den abgeriebenen Zähnen des Neandertalers schlossen die Forscher weiter, dass er großem Stress ausgesetzt gewesen sei und oft mit den Kiefern geknirscht habe. Vielleicht war der gestresste Steinzeitmanager ja Parkplatzwächter auf dem Großfriedhof Neuwarendorf: Auf der zehn Meter breiten (!) Durchgangsstraße wurden zahlreiche Radspuren nachgewiesen, es muss also ein ziemlicher An- und Abfahrtsverkehr geherrscht haben.


Neulich in der Bronzezeit:

Ngg Schmidt ärgert sich über den Warendorfer im Einbaum vor ihm.

Kein Wunder, dass die Bestatter der Frühzeit gut zu tun hatten: Gestorben wurde immer und in jedem Alter. Unter den 341 Toten sind vom Säugling bis zum über 60jährigen Johannes Heesters der Bronzezeit alle Altersklassen vertreten. Am häufigsten erwischte es die Menschen zwischen 30 und 40 Jahren.

Bei der Gestaltung der Grabanlagen wurde viel Wert auf Individualität gelegt (Die Friedhofsordnung wurde erst 3.000 Jahre später erfunden ...). Über 128 verschiedene Grabtypen machten die Archäologen aus, z. B. das Längsgrab mit Baumsarg in rustikaler Weide und mit schlüssellochförmiger Einhegung. Der Klassiker war allerdings das Urnengrab mit kreisrundem Holzzaun. Frauen liegen mit dem Kopf nach Osten; die Männer Richtung Westen.

Auch bei den Grabbeigaben zählte Exklusivität. Waffen für den Herrn, Schmuck und Haushaltswaren für die Dame. Bei den Töpferwaren war Importware aus England besonders schick. Englisches Design war auch bei Messern sehr gefragt. Daneben finden sich Leder, Muscheln, Geweihe und Gefäße aller Art, deren Formgebung an die Ergebnisse von VHS-Töpferkursen erinnert.

Manche haben gedengelte Dolche und Lanzen, andere Rasiermesser, weitere Nadeln und Nägel für die Reise ins Jenseits eingesteckt. Doch einen Gegenstand trugen alle: die Pinzette. Die Pinzette war sozusagen das Handy der Bronzezeit, ohne das kein Homo Sapiens aus der Höhle ging. Warum das so war, weiß niemand. Vielleicht, weil sich die Urmenschen ständig die Kiefernnadeln in die Füße traten? Oder aufgrund einer psychologisch geschickten, prähistorischen Werbekampagne (»Ngg-Pinzetten – für mehr Paarung und Fleisch im Leben!«)? Auch Feuerzeuge, bestehend aus verschiedenen Feuersteinen, trugen einige Tote in Futteralen am Gürtel. Die Anmachtour »Haste mal Feuer« funktionierte also schon in der Bronzezeit! Die wichtigste Grabbeigabe war jedoch Brot. In allen Särgen und Urnen findet sich Sauerteigbrot aus Weizenmehl. Pumpernickel ist also wohl eine Erfindung der Neuzeit.

Nicht nur Menschen, sondern auch Haus- oder besser Höhlentiere wurden pietätvoll bestattet: Zwischen den Toten wurde auch ein Hundegrab mit Spielzeug für den Bronzezeit-Bello entdeckt.

Schon unter den ersten Bestattungsunternehmern scheint es Schlitzohren gegeben zu haben: Im Holz einiger Baumsärge wurden 3.000 Jahre alte Holzwürmer nachgewiesen.

Und noch ein Problem plagte die frühzeitliche Friedhofsverwaltung: Einige Gräber sind bereits zu ihrer Zeit verwüstet worden. Grabräuber? Leichenschändung? Oder jugendlicher Vandalismus? (»Diese Hools von heute! In der Eiszeit hat’s das nicht gegeben!«) Die Forscher glauben an vorsätzliche Grabräuberei, weil offenbar gezielt die großen Waffengräber angegraben wurden.

Wer noch mehr über die Neuwarendorfer der Bronzezeit wissen will, kann ja mal ein bisschen im Kottruper See gründeln: Die Überreste von 13 Toten aus der Grabanlage werden bis heute gesucht.

(Erschienen 2009)

Anmerkung:

Manche Geschichten, die sich lustig lesen, sind richtig harte Arbeit. So wie diese hier. Denn das Quellenbuch ist ein Fachliteratur-Wälzer von etlichen hundert Seiten und die wenigen interessanten Stellen sind gut in endlosen Kapiteln voller dröger Zahlen, lateinischgriechischer Fachtermini und technischer Details versteckt. Die verwertbaren S(ch)ätze auszugraben, kostet nicht nur Stunden, sondern auch Nerven. Ich mein’, warum beschweren sich die Archäologen, dass ihre Arbeit nicht wertgeschätzt wird, wenn sie nicht populär erzählen können, was daran so spannend ist?

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