Kitabı oku: «Schärengrab»

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Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

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ISBN 978-3-8271-8369-9

Carsten Schütte

Schärengrab

Ein Profiler-Thriller


Für Jörg


Profiler gibt es im Fernsehen – die Operative Fallanalyse (OFA) im wahren Leben, denn sie ist viel mehr als das Erstellen eines Täterprofils.

Carsten Schütte, seit 2016 Leiter der OFA Niedersachsen, weiß, wovon er schreibt:

40 Dienstjahre bedeuten vielseitige Erfahrungen in verschiedenen Polizeibehörden. In den 90er-Jahren entdeckte Schütte seine dienstliche Leidenschaft: die Ermittlungen im Bereich der Tötungs- und Sexualdelikte.

Sein beruflicher Weg brachte ihn über Fachkommissariate für Kriminaltechnik und Kapitaldelikte im Jahr 2002 in das noch relativ unbekannte Fachgebiet der Operativen Fallanalyse des LKA Niedersachsen. Über mehrere Jahre hat er sich beim BKA zum polizeilichen Fallanalytiker ausbilden lassen. Das medial geprägte Bild eines Profilers als Kaffeesatz- und Glaskugelleser ist im Laufe der Jahre durch methodisch seriöse und akribische Arbeit der OFA als nunmehr selbstverständliches Instrument der Ermittlungsunterstützung etabliert.

Carsten Schütte beschreibt im Kriminalroman „Im Fokus“ die Arbeit des Leiters der OFA Niedersachsen, Thorsten Büthe, und lässt den Leser eine fiktive Geschichte mit vielen autobiografischen Anteilen hautnah erleben.

Schütte wurde 1960 in Hannover geboren, hat zwei erwachsene Töchter und lebt mit seiner Frau in einem Vorort von Hannover.

Prolog

Niemand konnte ahnen, was passieren würde … Ein Messer war scharf … Es schnitt durch Haut ins Fleisch und ließ das Blut fließen … Das Böse fragte nicht nach Zeit und Ort, wenn es sich manifestierte … Niemand sollte sich je in Sicherheit wiegen …

Ein blutiges Messer war das Einzige, an das sich der Profiler Thorsten Büthe noch erinnerte als er aus seinem Albtraum aufwachte und in die entsetzten Augen seiner Frau Vicci schaute. Er musste wohl im Schlaf gestöhnt haben. Auch wenn er es selbst nicht wahrhaben wollte, manches ließ auch ihn nicht unberührt. Seinen Kollegen Kristin, Nina, Carlotta, Maik und Thomas ging es ähnlich. Doch jeder verarbeitete das Grauen anders.

Die Morde des Pelikans hatten im Team der Operativen Fallanalyse des LKA Niedersachsen Spuren hinterlassen. Wie nach allen abgeschlossenen Einsätzen war die Unterstützung der Soko Pelikan unter den Fallanalytikern nachbereitet worden. Nur so konnte intern selbstkritisch reflektiert werden, ob sie methodisch korrekt vorgegangen waren und die Entwicklung dieses Falles vor dem letztendlich grausamen Showdown hätten absehen können.

Aber das, was sich im Inneren der Ermittler abspielte, musste niemand nur mit sich selbst ausmachen. Manches war schwer zu ertragen. Gerade bei Serientätern schmerzte es, wenn sie nicht schnell genug waren, um weitere Taten zu verhindern.

Das Profilerteam um Thorsten Büthe musste sich eingestehen, dass es von hellseherischen Fähigkeiten weit entfernt war. Niemand hatte diese Dynamik des Falles wegen der psychopathologischen Täterpersönlichkeit zu erkennen vermögen, vor allem weil sie es mit Insiderkenntnissen zu tun gehabt hatten. Schlussendlich mussten sie sogar resümieren, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können.

Solche Erfahrungen und Einblicke in die Abgründe grausamer Gewalttaten brannten sich individuell in die seelische Festplatte eines Ermittlers und Profilers ein. Jeder neue Fall brachte das Team an den Rand des psychisch Ertragbaren. In Supervisions- und Coachingrunden war es darum immer wieder Thema, eine Möglichkeit zu finden, wie ein traumatischer Blackout verhindert werden konnte. Es stellte sich die Frage, wie jeder im Profilerteam in der Lage war, ein Ventil zu finden, um aus diesem Fass voller grausamer Erlebnisse, Erinnerungen, Bilder und Gerüche ein paar Milliliter abzulassen. Dem täglichen neuen Tropfen musste Platz geschaffen werden, damit das Überlaufen vermieden werden konnte.

Die Fachleute rieten zu Regenerationsphasen. Wie aber sollte das funktionieren, wenn sexueller Missbrauch, Vergewaltigungen, Tötungen in all ihren Facetten Jahrzehnte zum Berufsalltag gehörten? Die Arbeit in der OFA basierte zudem auf Erfahrung. Jede neue Tat, jeder Täter war derart individuell, dass die Profiler weder nach festgeschriebenen Tätertypologien noch in ihren Analysen mit hypothetischen Schlussfolgerungen an ihr Ziel gelangten. Die Taten und Täter, mit denen die Fallanalytiker der OFA konfrontiert wurden, hatten zumindest mit deren Logik wenig zu tun. Gab es ein Normalitätskonzept logischen Handelns? Selbst im alltäglichen Zusammenleben war sozial konformes Verhalten vom Zeitgeist der jeweiligen Gesellschaft abhängig und veränderte sich täglich. Die Vergewaltiger und Mörder agierten jedoch völlig unabhängig von jeglicher sozialer Konformität und setzten ihre eigenen sexuellen Fantasien und jene mit Gewalt in derart vielseitigen Facetten um, dass sie oft selbst die Vorstellungskraft erfahrener Mordermittler sprengten. So makaber es war, jeder neue Tag erweiterte den fachlichen Horizont dieser Ermittler und Profiler in der unendlichen Galaxie menschlicher Abgründe.

In der Operativen Fallanalyse waren dienstliche Regenerationsphasen weder vorgesehen noch umsetzbar. Der Abfluss des Ertragbaren öffnete sich bei jedem Teammitglied individuell durch kleine Fluchten.

Das konnte eine Familie, ein Freundeskreis sowie ein sonst intaktes soziales Umfeld, ein Hobby oder eine Leidenschaft sein, die zumindest temporär einiges des dienstlich Erlebten abfließen ließen. Man wusste nur leider nicht wohin, denn verdunsten würde es nie. Wie sollte es auch?

Nach vielen belastenden Fällen hatte das Team der OFA Niedersachsen mit Einverständnis der Familien beschlossen, einmal im Jahr gemeinsam auszubrechen und einfach mal abzuschalten. Sie begannen mit Wanderungen im Harz, Radtouren um den Gardasee und einer sportlich aktiven Woche auf Mallorca.

Während eines Einsatzes auf einem Kreuzfahrtschiff, das die Kanaren bereiste, war die Idee entstanden, eine solche Fahrt zur Entspannung einzuplanen.

Das OFA-Team hatte vor Jahren eine Vertretungskooperation für solche Abwesenheitszeiten mit der OFA Bremen abgestimmt, sodass mögliche dringliche Fälle von einer anderen Einheit übernommen werden konnten. Überhaupt galt es als Philosophie der bundesweiten OFA-Dienststellen von Beginn an vereinbart, dass sich sämtliche Bundesländer gegenseitig sowohl fachlich als auch personell unterstützten.

Für dieses Jahr hatten sie daher eine zehntägige Kreuzfahrt nach Norwegen gebucht, um die kulinarischen Reize eines modernen Schiffes in Kombination mit vielseitigen Landausflügen zu genießen. Sie freuten sich auf die geplanten Wander-, Mountainbike- und Segwaytouren, die sie durch die einzigartigen Landschaften Norwegens führen sollten.

So war zumindest der Plan, es kam jedoch ganz anders.

Kapitel I

Einschiffen in Hamburg

Am Freitag legte die „Norwave“ um 18 Uhr in Hamburg ab. Das OFA-Team hatte beschlossen, individuell anzureisen und sich erst auf dem Schiff zu treffen.

Thorsten und seine Frau Vicci waren echte Hamburg-Fans. Sie reisten bereits am Donnerstagabend an, um die Nacht und den angebrochenen Freitag noch in der Hansestadt zu verbringen. Wie immer hatten sie ein Zimmer in ihrem Lieblingshotel, dem „Kleinen Schwarzen“ in Eimsbüttel gebucht. Das geschmack-

volle Reihenhaus lag inmitten eines Wohngebietes. Hier genossen sie während ihrer Besuche in Hamburg den Aufenthalt in einem der nur sieben Zimmer mit wechselnden Kunst- und Fotoausstellungen. Büthes gönnten sich abends die kulinarischen Leckereien in der Bullerei von Tim Mälzer. Dort verpflichtete nicht nur der Name des angesagten Restaurants den Profiler aus Hannover zu einem Besuch.

„Ich freue mich für dich, dass du ein paar Tage mit deinen Kollegen ausspannen kannst“, sagte Vicci. „Ich hoffe, ihr erholt euch alle gut und gewinnt ein bisschen Abstand zum Arbeitsalltag“.

„Schade, dass du nicht mitkommen kannst“, antwortete Thorsten und trank einen Schluck Rotwein. „Das würde mir noch viel besser gefallen. Wie gerne hätte ich Norwegen mit dir zusammen entdeckt. Immerhin waren wir beide noch nicht da.“

Vicci lächelte. „Was nicht ist, kann ja noch werden. Du guckst schon mal, ob das was für uns beide ist, und dann buchen wir demnächst gemeinsam eine Reise in das Land der Fjorde und Trolle. Allerdings würde ich gerne auch noch nach Spitzbergen und Island fahren. Wenn man schon mal so hoch im Norden unterwegs ist, will man auch möglichst viel sehen.“

„Gerne, mein Schatz. Ich verspreche dir hiermit hoch und heilig, dass ich dir diesen Wunsch erfüllen werde.“ Thorsten legte sein Besteck zur Seite. Sein Rinderfilet war hervorragend gewesen. „Eigentlich wollte ich dich zwar mit einer Fahrt ins Mittelmeer überraschen, aber das können wir später immer noch machen. Wer weiß, wie lange man in den Geirangerfjord noch einfahren darf. Soweit ich weiß, wollen die Norweger da demnächst aus umwelttechnischen Gründen einen Riegel vorschieben.“

„Ach, da mach dir mal keine Gedanken, die Kreuzfahrtschiffe, die mittlerweile im Bau sind, werden immer umweltverträglicher“, erklärte Vicci. „Ich habe kürzlich einen Bericht gesehen.“

„Wahrscheinlich hast du recht. Die ,Norwave‘ ist übrigens bereits ein Schiff, das ausschließlich mit flüssigem Erdgas betrieben wird“, sagte Thorsten.

„Das finde ich super“, erwiderte Vicci und faltete ihre Serviette zusammen. „Dann kann man wirklich guten Gewissens eine so schöne Reise unternehmen, ohne sich Sorgen um die Natur machen zu müssen. Wir wollen ja auch an unsere Nachfahren denken.“ Vicci dachte dabei an ihre kleine Enkeltochter Ria, die noch in den Windeln lag.

Thorsten nickte.

Mit einem Absacker in einer kleinen Bar ließen sie den Abend ausklingen.

Am Freitagmorgen spazierten sie vom Hotel durch den Szenestadtteil Eppendorf zum Isemarkt, der für sie zum Pflichtprogramm jedes Besuches in Hamburg zählte. Nachmittags brachte Vicci ihren Mann Thorsten zum Anleger der „Norwave“, verabschiedete ihn vor dem Check-In an der Sicherheitsschleuse mit einer innigen Umarmung und einem Abschiedskuss. Sie war froh, dass er eine fast zweiwöchige Auszeit nehmen konnte. Nach der stressigen Analysephase im Pelikan-Fall mit dem Brautmörder, der bei den Profilern tiefe Spuren hinterlassen hatte, gönnte sie Thorsten und seinem OFA-Team diese hart verdiente Auszeit während der Kreuzfahrt nach Norwegen. Sie war sicher, dass sie alle entspannt und ausgeruht zurückkehren würden.

Die „Norwave“ lag am Kreuzfahrtanleger und war mit ihren fast 250 Metern Länge und einer Breite von etwa 30 Metern eher ein kleineres Schiff. Für die Norwegentour aber war sie ideal. Die „Norwave“ konnte sich mit ihrem Tiefgang von nur sieben Metern in den Felsformationen der Fjorde, den sogenannten Schären, gefahrloser bewegen als manch anderes Kreuzfahrtschiff, das tiefer und fast einen ganzen Fußballplatz länger war.Die „Norwave“ fuhr zwar unter norwegischer Flagge, ein neuer deutscher Reiseveranstalter versuchte sich jedoch aktuell mit perfektem Service und attraktiven Preisen am Markt zu behaupten.

Als sich Thorsten an die lange Reihe der wartenden Passagiere anstellte, konnte er von Weitem sehen, dass seine Kollegin Kristin Bäumer gerade die Sicherheitsschleuse durchlaufen hatte. Das Gepäck und die anreisenden Gäste wurden wie beim Zugang in den Sicherheitsbereich eines Flughafens intensiv durchsucht. Sicherheit spielte an Bord eines Kreuzfahrtschiffes eine wesentliche Rolle und wurde deshalb sehr ernst genommen. Nach der intensiven Taschen- und Personenkontrolle mussten sie sich noch zweimal mit ihrer Bordkarte ausweisen, bevor sie das Schiff auf Deck drei betreten konnten und mit dem Einscannen am letzten Security-Point als „Passagier an Bord“ registriert wurden.

Kristin teilte sich eine Balkonkabine mit Nina Bachmann. Der Bandleader Maik Holzner hatte sich mit dem begnadeten Tennisspieler und Vorsitzenden seines Vereins, Thomas Schulte, ebenfalls eine Balkonkabine gegönnt. Die LKA-Psychologin, Carlotta Bayer-Westholdt, und Thorsten Büthe mussten tiefer in die

Tasche greifen und hatten jeweils eine Einzelkabine mit Meerblick gebucht. Denn wer will sich schon mit einer Psychologin bzw. seinem Chef eine Doppelkabine teilen?

Die Kapazität der „Norwave“ fasste bei Vollbesetzung 2.150 Passagiere plus etwa 600 Besatzungsmitglieder. Im Vergleich zu den größten Kreuzfahrtschiffen, der „Symphony of the Seas“ und der „Harmony of the Seas“ mit jeweils über 6.000 möglichen Gästen, stellte sie fast schon einen intimen Kreis dar. Auf der Meyer-Werft wird für den asiatischen Markt aktuell ein beeindruckendes Hotel auf dem Meer für 9.500 Kreuzfahrer gebaut, welches diese Dimension deutlich überschreiten wird.

An Bord hatte Thorsten die Ausmaße des Schiffes trotzdem unterschätzt. Er musste sich erst orientieren, bevor er seine Meerblickkabine 5131 auf Deck fünf fand. Carlotta war auf der gegenüberliegenden Seite und der Rest des Teams in den Balkonkabinen auf Deck sieben untergekommen.

Die Einzelkabine war mit 14 Quadratmetern nicht gerade großzügig, jedoch so geschmackvoll und planvoll gestaltet, dass alles seinen Platz hatte und gemütlich wirkte.

Thorsten Büthe legte seinen Koffer aufs Bett und packte aus. Da es hinsichtlich der Temperaturen auf der Reise sehr unterschiedlich sein würde, hatte er vorgesorgt und sich Outdoor-Kleidung besorgt, die sich nach dem Zwiebelprinzip für jede Witterung umgestalten ließ. Dünne, aber auch dickere Jacken aus Fleece oder Steppmaterial konnten in eine Oberschicht aus Goretex-Membran eingezippt werden. Das war überaus praktisch und nahm wenig Platz ein. Während er seinen Schrank einräumte, dachte er an Vicci. Er würde sie vermissen. Obwohl sie schon lange verheiratet waren, hingen sie doch sehr aneinander. Aber nun gut, wenn das Team erst einmal beisammen war, hatte er genug Ablenkung. Sein Handy plingte.

Nach und nach trafen Statusmeldungen über die WhatsApp-Gruppe des OFA-Teams ein, dass alle bis auf Nina an Bord waren. Die Profiler verabredeten sich um 17 Uhr, eine Stunde vor dem Auslaufen, in der „Fjord-Bar“. In den Reiseunterlagen war vermerkt, dass alle Passagiere bis spätestens 17:30 Uhr an Bord sein mussten. Nina hatte sich bislang nicht gemeldet. Anrufe auf ihrem Handy wurden mit der nervigen Ansage kommentiert, dass sie derzeit nicht erreichbar sei. Auf Nachfrage von Thorsten am Check-in-Terminal war Nina Bachmann noch nicht an Bord registriert. Alles wurde zum Ablegen vorbereitet.

Wie die meisten Passagiere begab sich auch das noch unvollständige OFA-Team an Deck und beobachtete das Treiben am Anleger. Der Tisch mit den Begrüßungscocktails wurde abgebaut. Hafenarbeiter warteten auf das Kommando, die riesigen Taue von den Pollern zu lösen. Sämtliche Tore der Vorkontrolle in den Anlegerbereich wurden gerade geschlossen, als von Weitem ein Van mit hoher Geschwindigkeit herannahte. Hätte es sich nicht um ein fast goldenes Elektroauto gehandelt, wären die hohen Drehzahlen des Motors bis auf die Decks wahrnehmbar gewesen. Der Moia-Fahrer bremste direkt vor dem Sicherheitstor scharf ab. Die Schiebetür öffnete sich leise und geschmeidig, als Nina Bachmann fast aus dem Van hechtete. Sie ergriff ihren Rollkoffer, sprintete auf das sich gerade schließende Gittertor zu und nutzte die letzte Lücke, um noch durchzuschlüpfen. Das Tor zum Check-In wurde wieder geöffnet, wobei die Profiler sahen, dass eine Mitarbeiterin der „Norwave“ in ihr Funkgerät sprach und Blickkontakt zur Brücke hielt. Nina konnte als letzte Passagierin einchecken und passierte die Sicherheitskontrolle, bevor die Gangway hochgezogen wurde. Das OFA-Team war nun vollzählig. Alle waren erfreut, dass es Nina gerade so eben noch als Letzte von 2150 Passagieren an Bord geschafft hatte.

Sie bekam kaum Luft, als sie von ihrem Urlaubsteam begrüßt wurde.

„Puuh, das war knapp. Ich habe den Feierabendverkehr an einem Freitagnachmittag in Hamburg wohl unterschätzt und erst jetzt feststellen können, dass auch ein Moia leider nicht fliegen kann.“

Thorsten verdrehte die Augen und grinste dann.

„Ich hab nix anderes erwartet“, sagte Maik Holzner.

„Tja, Chaos-Nina, wie immer“, fügte Kristin trocken hinzu.

„Nun hackt doch nicht so auf ihr rum“, schimpfte Thomas und zwinkerte ihr zu. „Wir haben alle unsere Macken.“

„Ihr schon, ich nicht“, behauptete die Psychologin Carlotta scherzhaft.

Ninas entzückende, etwas chaotische Eigenschaft, immer etwas spät dran zu sein, war dem Team nicht unbekannt. Alle waren froh, vollzählig in ein aktives, aber erholsames Abenteuer aufbrechen zu können.

Sie genossen das Ablegen in der Abendsonne bei einem leckeren Cocktail und dem „Norwave-Song“, der in ihnen bei jedem Auslaufen die Sehnsucht auf die hohe See und den nächsten Hafen voller neuer Impressionen wecken sollte.

Die ersten kulinarischen Eindrücke des maritimen Buffet-Restaurants waren sehr vielversprechend. Später wollten sich die Urlauber im Theatrium auf die Vorstellung des Schiffes und die Möglichkeiten an Bord während des ersten Seetages nach Norwegen einlassen.

Kapitel II

An Bord

Nach den Erfahrungen ihrer bisherigen Touren hatte das Team vereinbart, jedem Einzelnen entsprechenden Freiraum einzuräumen. Selbst während der Landgänge waren sie sich einig, ihre Ausflüge nicht zwangsläufig gemeinsam zu verbringen, sondern jedem den nötigen Gestaltungsspielraum nach seinen eigenen Interessen zu lassen. Sie wollten die Teambildungs- oder besser -erhaltungsmaßnahmen ja nicht übertreiben und genau das Gegenteil erreichen, dass man sich selbst im Urlaub nicht einmal zurückziehen konnte.

Zum gemeinsamen Essen kam das OFA-Team abends wieder zusammen und tauschte sich über die ersten Eindrücke an Bord aus. Vor dem Abendprogramm im Theatrium fand die obligatorische Sicherheitsübung statt, bei der sich nach einer Alarmierung sämtliche Passagiere mit angelegten Schwimmwesten an fest zugewiesenen Sammelpunkten einfinden mussten. Die Securityscouts scannten die Bordkarten jedes Gastes ein, um die Vollzähligkeit feststellen zu können. Anschließend wiesen sie die Kreuzfahrer in die Sicherheitsmaßnahmen eines echten Evakuierungsfalles ein. Alles wirkte professionell und straff organisiert, was in einem Ernstfall entscheidend war. Nach 30 Minuten war die Übung beendet. Die Passagiere fanden sich in den Restaurants, Bars und im Theatrium ein. Hier wurden der nächste Hafen samt vielen Informationen über Land und Leute und das vielseitige Ausflugsprogramm an jedem Abend vorgestellt.

Heute musste der Kapitän schon die erste Routenänderung bekanntgeben. Der erste Zielhafen im Eidfjord konnte nicht angefahren werden, da zwei Schiffe direkt in der Fahrrinne unter der Hardanger Brücke kollidiert waren. Ein Passieren dieses Bereiches war für ein Kreuzfahrtschiff dieser Größe momentan nicht möglich.

Nach Rücksprache mit den Hafenbehörden hatte man der „Norwave“ einen Liegeplatz in Oslo zugesagt, sodass die norwegische Hauptstadt von Hamburg nach einem Seetag direkt angefahren werden würde. Es sprach für die Professionalität der Crew, nun im Theatrium umgehend Ausflüge für die quirlige Stadt vorzustellen.

Das Profilerteam hatte sich im Vorfeld gemeinsam abgestimmt, das Angebot der organisierten Ausflüge anzunehmen.

Die Dimensionen in Norwegen waren so enorm, dass die Entfernungen und die Weitläufigkeit des Landes gerade von unerfahrenen Touristen wie dem OFA-Team kaum einzuschätzen waren. Wer hier nach seinem Ausflug zu spät zum Schiff zurückkam, war verloren. Für Oslo hatten sie sich aber auf einen Stadtbummel geeinigt, der in Eigenregie erfolgen sollte.

Während des ersten Seetages ließen sie es sich gut gehen, wobei sich Maik und Thomas im Fitnessbereich austobten. Nina und Kristin zogen es vor, im Spa-Bereich zu relaxen. Carlotta suchte sich vermutlich den einsamsten Platz auf dem Schiff und tauchte in der Bibliothek in ihre Urlaubslektüre ein, die sie mit Herz und Schmerz nach Südengland führte. Sie genoss die Ruhe und den Abstand zu allem Beruflichen. Im Gegensatz zu den jungen Partygängern im Team ließ sie sich früh am Abend durch die Wellen in den Schlaf wiegen und träumte die Liebesgeschichte aus Cornwall einfach weiter.

Thorsten war am Seetag fast rastlos mit seiner großen Nikon-Kamera auf Motivsuche. Er entwickelte einen Plan, wann das beste Licht zu erwarten war und welche Brennweite er für das jeweilige Motiv einsetzen konnte. Thorsten war in seinem Element als Fotograf und fernab der Dinge, die ihn in seinem Berufsalltag und oft auch darüber hinaus beschäftigten. Das Team hatte extra eine Reisezeit direkt nach den Sommerferien im August gewählt. So hatten sie die Hoffnung, die Reise bei recht gutem Wetter und angenehmen Temperaturen nutzen zu können. Thorsten versprach sich zu dieser Jahreszeit hervorragendes Fotolicht.

Die meisten Passagiere zückten ihre Handykameras und schossen Selfies und Fotos vom Schiff. Insbesondere an Deck war Thorsten mit der recht großen und schweren Nikon schon ein Exot. Einige Gäste hielten ihn für einen der agilen Bordfotografen, die technisch ähnlich ausgestattet waren. Ein Pärchen, welches diesem Irrtum wohl unterlegen war, sprach Thorsten auf ein spontanes Shooting an Deck an. Der erfahrene Hochzeitsfotograf machte sich einen Spaß daraus, stimmte zu, schlug ihnen ein paar passende Posen vor und schoss eine vielseitige Portraitserie. Auf die Frage der beiden, was sie ihm denn schuldig wären und wann sie die Fotos im Bordshop bewundern und abholen konnten, klärte Thorsten das Pärchen lachend auf.

„Sorry, ich bin auch nur ein ganz normaler Passagier. Es hat mir viel Spaß gemacht und wenn ihr mir eure Handynummer gebt, schicke ich euch die Fotos heute Abend per WhatsApp. Okay?“

Das Liebespaar war völlig überrascht, gab dem Fotografen bereitwillig seine Nummer und bedankte sich herzlich.

Auch anderen Passagieren war dieses Shooting nicht verborgen geblieben. Sie hatten davon teilweise Fotos und Videos angefertigt, was Thorsten überhaupt nicht aufgefallen war. Ein lückenloses Video über seine Aktion wurde abends in einer Kabine auf dem großen Flat- Screen-Monitor mehrfach angeschaut. Erst einmal, dann zweimal, dreimal und dann immer und immer wieder.

Der erste Seetag führte sie durch den 120 Kilometer langen Oslofjord in den Hafen der grünen Hauptstadt Norwegens. Sie war im Jahr 2019 zur Umwelthauptstadt Europas gewählt worden.

Sie passierten die Schären des Fjordes bei strahlendem Sonnenschein und milden 22 Grad. Neben der Landschaft faszinierten Thorsten Büthe die oft einsamen, aber kunterbunten Holzhäuser der Schärenlandschaft. Er war begeistert von diesen Motiven, gönnte sich aber auch fotofreie Minuten, um diese beruhigende Atmosphäre inhalieren und genießen zu können.

Beim Frühstück schmiedeten die Profiler ihre getrennten Pläne für den Stadtbummel in Oslo. Die Jungs hatten sich ein straffes Programm vorgenommen. Sie wollten sich unbedingt das Wikinger- und das „Fram Polarschiffsmuseum“ ansehen. Schließlich waren hier die am besten bewahrten Wikingerschiffe aus dem neunten Jahrhundert ausgestellt. Die „Fram“ war seinerzeit das stärkste Schiff der Welt und bei drei berühmten Polarexpeditionen eingesetzt worden. Weiter standen das Skimuseum und die Sprungschanze auf dem Programm, wobei Thomas unbedingt einen virtuellen Sprung vom Simulator erleben wollte. Maik hatte sich als Musiker das neue Opernhaus vorgenommen, welches direkt am Wasser lag und vom Glasdach herunter einen beeindruckenden Blick auf die Stadt und den Fjord bot.

Die drei Damen des OFA-Teams waren sich einig, in das junge Szeneviertel Grünerløkka einzutauchen. Hier fanden sie die traditionellen bunten Wohnhäuser, in denen sich in Deutschland selten gewordene inhabergeführte Boutiquen, Vintage- und Secondhand-Geschäfte sowie Szenepubs angesiedelt hatten. Als Geheimtipp hatten sie vom gemütlichen „Café Liebling“ in der Straße Øvrefoss 4 erfahren, welches von einer Berliner Aussteigerin geführt wurde. Neben dem Café-Betrieb fand man hier einen St. Pauli-Biergarten und eine kleine Boutique, in der es sogar deutschen Senf neben Designerlampen zu kaufen gab.

Beim Aufbruch sah Thomas Schulte zu Thorsten hinüber und sprach ihn laut an:

„Na, Chef, was ist los? Du bist ja völlig nackt. Hast du nicht etwas vergessen?“

Auf den fragenden Blick des OFA-Leiters hin ergänzte er:

„Was ist mit deiner Nikon? Ohne dieses Riesending gehst du doch nicht einen Meter weit von Bord“, frotzelte Thomas.

„Für solche Ausflüge habe ich doch stets meine Fuji dabei. Klein, leicht und unauffällig. Für einen Stadtbummel ist sie einfach ideal“, klärte Thorsten Büthe auf.

„War schon klar, eine Kameraausrüstung reicht ja nicht. Der Trend geht halt zur Zweitkamera“, erwiderte der bärtige Kollege nicht ohne Ironie.

„Lieber Thomas, es ist die Viertkamera auf dieser Tour. Jede hat ihre speziellen Stärken. Eine für das Schiff und die Architektur, die zweite für Landschaften, die dritte für Portraits und die kleine Fuji als vierte für die Streetfotografie. Du hast doch auch 20 Tennisschläger zur Auswahl, oder?“, schoss Thorsten den Ball zurück.

„Na gut, verstanden. Aber bei dem, was wir heute vorhaben, wäre doch die Architekturkamera prädestiniert, oder?“, fragte Thomas wieder ernst.

„Wenn ich mit euch mitkommen würde, hättest du recht. Ich schließe mich aber den Mädels an, sofern sie mich mitnehmen“, schränkte Thorsten ein.

„Nein!“, schrie Thomas auf, „Maik, hast du das gehört? Der Chef geht mit den Mädchen shoppen. Ich fasse es nicht.“

Die Kolleginnen kicherten wirklich wie kleine Mädchen im Hintergrund und bestärkten ihn in seiner Entscheidung.

„Bleibst du bei uns, Paps? Das ist aber lieb. Dann kannst du uns beraten und zur Belohnung ein Eis ausgeben, wenn wir lieb waren.“

„Das mache ich gern, schließlich ist es ja ein Gefühl wie in der Heimat, wenn ich mit meinen drei Mädchen losziehe“, freute sich Thorsten. Seine Töchter waren mittlerweile erwachsen, aber er war in dem Damenhaushalt nun mal so sozialisiert worden, was er offen und stolz genoss.

Thomas war ungehalten. „Das ist die erste Tour mit meinem neuen Chef, und ich hatte die Hoffnung, dass er uns Männern das erste Bier ausgibt und nicht den Mädels ein Eis. Ich bin echt enttäuscht. Sag doch auch mal was, Maik!“

Maik Holzner schmunzelte nur und forderte seinen bärtigen Kollegen auf: „Quatsch nicht, wir hätten längst ein kühles Pils gezischt, wenn du nicht alle aufgehalten hättest. Viel Spaß mit Papi, Mädels. Bis heute Abend.“

Sie verließen das Schiff und nutzten den bordeigenen Shuttlebus mit mindestens 50 weiteren Passagieren der „Norwave“ in die Innenstadt und zu den Museen.

Kapitel III

Oslo

Die Mädelsgruppe samt Thorsten Büthe wurde in der Innenstadt abgesetzt. Von dort aus schlenderten sie weiter zu Fuß durch den Botanischen Garten in den Szenestadtteil Grünerløkka und ließen sich durch die modernen Boutiquen und Kneipen treiben. Die Norweger waren total freundlich und aufgeschlossen. Hier konnte man sich wohlfühlen und durchaus ein paar Tage bleiben, wenn die „Norwave“ nicht heute Abend schon wieder hätte ablegen müssen.

Die Profilerinnen zogen begeistert von Boutique zu Boutique und erhaschten stets eine Kleinigkeit, die sie teuer bezahlen mussten. Thorsten blieb geduldig und mit schussbereiter Kamera vor den Läden stehen, um einfach nur die Menschen in ihrem Alltag zu beobachten und die ein oder andere Situation in einem Bild festzuhalten. Wie beabsichtigt pausierten sie im Café Liebling, welches gemütlich wie eine Berliner Szenekneipe eingerichtet war. Sie amüsierten sich über die Karte, in der sogar auch eine Berliner Weiße angeboten wurde. Wer kannte das spritzige obergärige Bier nicht, welches einen leicht säuerlichen Geschmack hat und darum gern mit einem Schuss Himbeer- oder Waldmeistersirup getrunken wird?

„Das müssen wir unbedingt bestellen!“, schlug Kristin vor und alle stimmten zu.

Als die Bedienung mit Berliner Akzent nachfragte „Rot oder Grün?“, und damit Himbeer- oder Waldmeistersirup meinte, sahen sie die Dame fragend an.

„Grün ist Kult! Viermal bitte“, rief Nina, aber Thorsten korrigierte die Bestellung: „Bitte einmal pur und dreimal Waldmeister.“

Als sie alle die breiten Gläser mit Strohhalmen bekamen und anstießen, wusste Thorsten, dass er sich falsch entschieden hatte. Das Zeug konnte man pur wirklich nicht trinken. Mit einem normalen Weizenbier hatte es aber auch gar nichts gemein. Die drei Kolleginnen hingegen sogen ausgelassen an ihren Strohhalmen, bis sie die Gläser geleert hatten und waren nun gestärkt für eine Fortsetzung ihrer Shoppingtour.

Großzügig bat Thorsten um die Rechnung der vier Getränke, zahlte per Kreditkarte und war erstaunt, dass die Bedienung einen Betrag von umgerechnet knapp 50 Euro ins Display drückte, sodass die fünf Euro Trinkgeld auch nicht mehr ins Gewicht fielen. Sie waren halt in Norwegen und wer dort vier Berliner Weiße bestellte, wovon die eine zumindest Thorsten nicht einmal geschmeckt hatte, war selber schuld.

Die Kolleginnen bedankten sich höflich und standen mit ihren neuen Tüten auf, um weiter auf Entdeckungsreise zu gehen.

Beim Straßenwechsel wurden sie beinahe von einem Notarztwagen gestreift, der mit hoher Geschwindigkeit in Richtung des Botanischen Gartens raste. Nach und nach fuhren weitere Einsatzfahrzeuge des Rettungsdienstes und der Polizei in denselben Bereich.

„Schaut mal, sie spielen unser Lied sogar im Urlaub“, scherzte Thorsten, wobei er die vielen Martinshörner meinte, mit denen sie zu Hause stets konfrontiert waren.

„Hören wir einfach weg!“, schlug Nina vor. „Hier geht uns das zum Glück überhaupt nichts an.“

„Gute Einstellung“, freute sich Carlotta. „Einfach mal komplett abschalten!“

Sie setzten den Einkaufsbummel sowie die Fototour fort und entschlossen sich, am Nachmittag wieder zurück durch den Botanischen Garten zu gehen, um den Platz des Shuttlebusses zum Schiff zu erreichen.

Die Martinshörner der Polizei ließen nicht nach und bei Erreichen des Botanischen Gartens mussten sie feststellen, dass dieser vollständig abgesperrt war. Nun erreichten auch zivile Polizeifahrzeuge mit Blaulicht den Park, wobei gerade ein grauer VW Bus eintraf, offensichtlich ein Tatortfahrzeug der Spurensicherung, und in den Botanischen Garten einbog. Alle guten Vorsätze traten in den Hintergrund. Die Profilergruppe war augenblicklich in ihrem Element und mutmaßte, dass im Park wohl ein Mord passiert sein musste und sie gedanklich schon wieder fast mittendrin waren. Aber das OFA-Team war ja nun im Urlaub. Gott sei Dank.

Als Thorsten mit seiner Streetfoto-Kamera diese Szene einfangen wollte, wurde er von einem Ermittler in Zivil aufgefordert, das Fotografieren sofort zu beenden. Um die Lage nicht eskalieren zu lassen, ging Thorsten auf den Beamten zu, wies sich als deutscher Kollege aus und fragte, was geschehen sei. Der Zivilpolizist erwähnte, dass im Park eine tote Frau aufgefunden worden sei, er dazu aber noch nichts sagen könne. Sie wünschten dem norwegischen Beamten viel Erfolg bei den Ermittlungen und gingen zur Haltestelle des Shuttlebusses, der sie mit anderen Passagieren der „Norwave“ zurück zum Anleger brachte.

Sämtliche Passagiere mussten beim Betreten des Hafenbereiches einem norwegischen Polizisten ihre Bordkarte vorzeigen. Mit dem Profilerteam kehrten Hunderte Landausflügler zurück auf die „Norwave“. Alle mussten sich in der langen Schlange zum Sicherheitscheck anstellen.

Vor ihnen ging eine alte gebrechliche Dame mit Rollator und einem kleinen Rollkoffer mit ursprünglich zwei Rädern. Sie zog schwerfällig an dem Trolley, der mit einer Seite über den Asphalt schliff, denn ein Rad war offensichtlich abgebrochen. Der Dame wurde schon von einigen Mitreisenden Hilfe angeboten, die sie allerdings mit einer abwehrenden Handbewegung ablehnte. Als die OFA-Mädels und Thorsten die Dame mit dem Rollator passierten, atmete sie tief durch und musste eine Pause einlegen, wobei der instabile Trolley fast zur Seite kippte.

„Na, junge Frau, wollen Sie sich nicht doch lieber unterstützen lassen? Mit dem kaputten Teil kommen Sie keinesfalls die Gangway hoch. Ich helfe Ihnen wirklich gern“, bot sich Thorsten höflich an.

Die ältere Dame stand leicht nach vorn gebeugt und schaffte es kaum, zu Thorsten aufzuschauen.

„Na gut, ich dachte, ich schaffe es allein, aber dieses blöde Rad ist auf dem Kopfsteinpflaster abgebrochen. Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, vielen Dank.“

Die Seniorin schien erleichtert zu sein und übergab dem freundlichen Herrn ihren Trolley.

„Reisen Sie allein?“, versuchte Thorsten mit ihr ins Gespräch zu kommen.

„Ja, ich wollte unbedingt noch einmal mit dem Schiff nach Norwegen. Mein verstorbener Mann war im Krieg bei der Marine, den hätte ich nie wieder auf ein Schiff gekriegt. Jetzt bin ich allein und habe beschlossen: Jetzt oder nie“, erklärte sie stolz.

Plötzlich stutzte sie und wirkte starr vor Schreck. „Oh Gott, ich habe was Wichtiges vergessen und muss noch mal zurück. Könnten Sie den Koffer mit an Bord nehmen? Ich habe Kabine 7698. Vielen Dank! Wir sehen uns. Tschüss.“

Bevor Thorsten und seine Kolleginnen auch nur den Ansatz eines Hilfsangebotes loswurden, um sie zu begleiten, war die ältere Dame aufgestützt auf ihren Rollator umgekehrt und sprintete für ihre Verhältnisse nahezu schnell an den Schlangen vorbei auf die Pier.

Kristin lachte schadenfroh und prognostizierte: „Die will dich bestimmt als Alkohol- oder Drogenschmuggler missbrauchen. Ich bin gespannt, ob du unbeschadet durch die Sicherheitskontrolle kommst oder nicht gleich verhaftest wirst.“

„Nicht so laut, die werden schon misstrauisch, Kristin“, mahnte Thorsten.

Je näher sie der Sicherheitsschleuse kamen, desto mehr neckten ihn seine netten Kolleginnen.

„Gleich bist du fällig. Sollen wir Vicci benachrichtigen und ihr etwas von dir ausrichten?“, stieg die Psychologin, Carlotta, mit ein.

Vor dem Röntgengerät mussten die Passagiere ihre Jacken sowie sämtliche Metallgegenstände, Kameras, iPads und Handys in Kunststoffboxen verstauen. Mitgeführte Taschen, Einkaufstüten und auch der Trolley wurden nun flach liegend über Transportrollen durch die Röntgenanlage geführt. Ein gemischtes Team aus Mitarbeitern einer norwegischen Security-Firma und dem Sicherheitspersonal der „Norwave“ überprüften das Gepäck und die Gäste selbst mittels eines Körperscanners, den alle Landausflügler durchschreiten mussten. Abseits standen zwei norwegische Polizisten, die das Szenario im Blick hielten.

Die Profilerinnen kamen unbehelligt durch die Kontrolle und drehten sich amüsiert zu Thorsten um. Sie mussten lachen, als die Dame am Röntgenmonitor einen Kollegen ansprach und sofort einen norwegischen Polizisten hinzugezogen hatte. Der Polizist fragte den OFA-Leiter in englischer Sprache, ob das sein Koffer sei und forderte ihn nach der Bestätigung bestimmt auf, zur Seite an einen extra Tisch zu treten. Die anstehenden Passagiere hinter ihm wurden gebeten, ein anderes Gate zu nutzen, da die Security diesen Bereich sofort schloss. Der zweite, recht bullige, blonde Polizist kam hinzu und sprach hektisch in sein Funkgerät. Jetzt wurden auch die Kolleginnen von Thorsten Büthe stutzig.

„Nur wegen Alkohol machen die hier nicht so einen Alarm.“

Als sie auf ihren Chef zugingen und ihn unterstützen wollten, stoppte sie der bullige Polizist und griff mit der rechten Hand an seine Waffe im Holster. Nicht nur von der Pier kamen weitere Polizisten herbeigeeilt, sondern auch von Bord der „Norwave“ liefen Sicherheitspersonal sowie mehrere Offiziere in ihren weißen Uniformen herbei.

Thorsten war völlig ruhig, aber überrascht von dieser Hektik, was sich schnell aufklärte, als er dem entsetzten Blick des Kapitäns folgte und wie alle anderen die Blutantragungen auf den Transportrollen des Röntgengerätes wahrnahm.

Ohne Androhung und Vorwarnung rissen die beiden Polizisten dem LKA-Profiler beide Arme auf den Rücken und legten ihm Handfesseln an. Der Security Chef ordnete an: „Aufmachen!“

Seine Mitarbeiter trugen sowieso schwarze Latexhandschuhe und legten den Trolley auf einen großen Tisch. Auch am seitlichen Reißverschluss hatte sich ein dünnes Blutrinnsal gebildet, das auf die helle Tischplatte tropfte. Verunsichert öffneten sie den Koffer und blickten auf langes blondes und lockiges Frauenhaar, das rötlich durchtränkt war. Der Security-Mitarbeiter blickte skeptisch zum Kapitän, der nur kurz nickte und wie alle anderen vor Schock erstarrte, als der blonde Haarschopf herausgezogen wurde und sich als blutiger Skalp samt Kopfhaut entpuppte.

Kapitel IV

Unter Mordverdacht

Nicht nur Thorsten, sondern auch seine drei Begleiterinnen wurden umgehend festgenommen und in Handschellen getrennt voneinander in die Diensträume der Hafenpolizei gebracht – vorerst.

Eine attraktive Beamtin und ein brummiger Kollege der norwegischen Mordkommission kamen auf Thorsten Büthe zu. Sie eröffneten ihm in englischer Sprache, dass er wegen des dringenden Tatverdachts des Mordes an der 23-jährigen Frida Iversen festgenommen sei. Weiter boten sie ihm an, dass er einen Anwalt und einen Dolmetscher konsultieren könne.

Thorsten war bekannt, dass der Kapitän der „Norwave“ zumindest norwegische Wurzeln hatte und akzentfrei deutsch sprach.

„Ist der Kapitän eventuell noch hier in der Dienststelle? Ich würde ihn gern sprechen wollen“, bat er die beiden Beamten, worauf die junge Kollegin den Raum verließ.

Nach wenigen Minuten kehrte sie mit Erik Jacobsen, dem Kapitän der „Norwave“ zurück. Er war etwa im gleichen Alter wie Thorsten, von Seeluft und der Sonne Norwegens gebräunt, hatte hellgraues Haar und war glatt rasiert. Er stellte sich in akzentfreiem Deutsch vor und nahm seinem Passagier unmittelbar den Wind aus den Segeln.

„Guten Tag, Herr Büthe, ich habe bereits erfahren, wer Sie sind, mit wem Sie sich an Bord meines Schiffes aufhalten und wie Sie normalerweise Ihren Alltag verbringen. Zwei Ihrer aufgeregten Kollegen haben mich schon informiert, dass Sie in solchen Fällen eigentlich auf der anderen Seite sitzen und nicht so oft unter Mordverdacht stehen. Was also ist passiert?“

„Ich glaube, das wollen mich die norwegischen Kollegen sicher zuerst fragen. Wären Sie denn bereit, meine Angaben zu übersetzen, Herr Kapitän?“, bat Thorsten.

„So gern ich das täte, Herr Büthe. Aber wir legen in einer Stunde ab und im Gegensatz zu Ihnen und Ihren Kolleginnen werde ich an Bord meines Schiffes gebraucht. Sie werden wohl noch einige Zeit in Oslo bleiben müssen“, schränkte Kapitän Jacobsen ein.

„Da muss ich widersprechen. Eine ältere Dame mit Rollator hat mir diesen Koffer samt Skalp vor der Sicherheitsschleuse übergeben. Sie trug ein Band der „Norwave“ und musste eine Bordkarte mitgeführt haben, sonst wäre sie nicht bis zum Security-Check gekommen. Sie hat mir sogar ihre oder wohl besser eine Kabinennummer genannt, die 7698. Die müssen Sie nicht nur sofort überprüfen, Sie sollten auch davon ausgehen, dass diese Frau, die vielleicht auch die Mörderin ist, wahrscheinlich schon wieder auf Ihrem Schiff ist. Wir müssen das sofort mit der Mordkommission in Oslo klären, uns läuft sonst die Zeit weg“, versuchte Thorsten den Kapitän zu überzeugen.

Wie in einem Fernsehkrimi betrat eine uniformierte Polizistin den Vernehmungsraum, flüsterte dem bulligen Beamten etwas ins Ohr, der daraufhin die Augenbraue verzog und den Raum verließ.

Ich bin hier wohl im falschen Film, dachte Thorsten Büthe. Wo ist die Kamera? Wer löst diesen Irrsinn wieder auf?

Keiner sprach, sodass Thorsten sich in dem Raum umsehen konnte und erstaunt war, dass bei der Hafenpolizei in Oslo Vernehmungsräume mit venezianischen Spiegeln ausgestattet waren. Wer beobachtete ihn? Psychologen? Spezialermittler und Vernehmungsprofis? Der Leiter der OFA Niedersachsen saß unter Mordverdacht in Oslo fest, prima Story.

Nun kam der Brummbär wieder rein. Er bat die junge Beamtin und den Kapitän nach draußen. Dabei musterte er seinen deutschen Kollegen minutenlang, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Eigentlich ein alter Vernehmungstrick, um den Täter zu zermürben, aber für den Betroffenen durchaus beeindruckend, musste er feststellen. Stille kann wirklich Stress sein. Sollte er hier jemals wieder heil herauskommen, hatte Thorsten schon allein jetzt aus diesem Perspektivwechsel für das Leben gelernt.

Die Tür flog auf und neben der blonden Beamtin und dem Kapitän betrat ein kleiner, älterer, listig wirkender Mann im grauen Anzug den Raum.

Das konnte nur ein Jurist sein. Er stellte sich als leitender Staatsanwalt (Erläuterung norwegische Dienstgrade am Ende des Buches) Inger Olsen vor und übergab dem Mordverdächtigen ein Mobiltelefon mit den Worten: „For you!“

„Büthe, mit wem spreche ich bitte?“, fragte Thorsten und war erstaunt über die Antwort.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Kaum seid ihr ein paar Tage im Urlaub, und schon hängt ihr wieder in irgendwelchen Fällen drin. Es ist völlig egal, wo auf der Welt ihr euch aufhaltet, oder? Lasst doch mal diesen beschissenen Magneten zu Hause, es reicht wirklich!“

„Hallo, Iris, schön, deine sympathische Stimme zu hören.“

Kriminaloberrätin Iris Höppner war lange Zeit Leiterin der Zentralstelle Gewalt gewesen, die alle Einsatzkräfte an ihre Grenzen gebracht hatte. Heute war sie mit der Leitung des Stabes im LKA Niedersachsen betraut und vertrat mit diesem Anruf die Behördenleitung.

„Unser Haus bekommt ja nicht alle Tage einen Anruf vom Polizeipräsidenten in Oslo, nachdem der norwegische Innenminister mit unserem Bundesinnenminister und dann mit dem Minister unseres Bundeslandes gesprochen hat. Komisch war, dass alle nur ein Thema hatten. Unser Leiter der OFA des LKA Niedersachsen ist in Oslo unter Mordverdacht festgenommen worden. Ach ja, nebenbei wurde noch erwähnt, dass nicht nur Kristin und Nina als Komplizinnen dabei waren, sondern unsere Psychologin ebenso unter Mordverdacht steht. Das ist nicht gerade alltäglich und hat ein paar Wellen geschlagen. Jetzt bist du dran, und ich bin mega gespannt auf deine Geschichte“, sprudelte es aus ihr heraus, ohne dass sie Luft holte.

Thorsten berichtete seiner ehemaligen, direkten und aktuell noch höheren Chefin, wie sie in Oslo in diese Situation geraten waren und dass er gute Gründe und Beweise vorbringen konnte, wie sie da auch wieder rauskommen würden.

„Okay, mein Vertrauen habt ihr natürlich, das der hohen Politik und der Osloer Kollegen müsst ihr euch erarbeiten. Wir haben erst mal ein gutes Wort für euch eingelegt, der Rest ist euer Part. Viel Glück und haltet uns auf dem Laufenden.“

Staatsanwalt Olsen nahm das Telefon zurück und belehrte Thorsten offiziell und juristisch trocken in englischer Sprache. Er warf ihm vor, in Tatverdacht zu stehen, am heutigen Tage die 23-jährige norwegische Studentin, Frida Iversen, im Botanischen Garten in Oslo erstochen und skalpiert zu haben. Schließlich habe man den Skalp in seinem Koffer beim Versuch, das Schiff zu betreten, sichergestellt. Als Zeuge könne der Staatsanwalt einen am Tatort eingesetzten Beamten nennen, der Thorsten Büthe in Begleitung von drei deutschen Frauen angetroffen hätte, als er vom Tatort Fotos anfertigte. Herr Büthe hätte sich auch gegenüber dem Beamten gerechtfertigt, dass sie Kollegen aus Deutschland seien, sodass lediglich ein Platzverweis ausgesprochen worden war.

„So, Herr Büthe, was würden Sie an meiner Stelle bei dieser Beweislast tun? Einsperren, oder?“, fragte der Staatsanwalt provokativ.

„Nein, Herr Olsen. Ich würde unabhängig von meiner Person und meines Berufes auch die entlastenden Aspekte ins Kalkül ziehen und meine Begleiterinnen vernehmen. Hat der Beamte, der uns des Platzes verwiesen hat, einen defekten Trolley gesehen, den wir mitgeführt haben? Schließlich war das Opfer zu diesem Zeitpunkt schon entstellt. Macht es für Touristen Sinn, auf dem Weg nach Grünerløkka im Botanischen Garten kurz eine junge Frau zu erstechen, sie zu skalpieren, um dann weiter shoppen und Kaffee trinken zu gehen? Anschließend sollen wir unseren Tatort fotografiert haben und lassen uns dann noch direkt von der Polizei ansprechen, um dem Beamten unsere echte Profession zu erklären. Den Skalp soll ich dann doch in einem Trolley mitgeführt haben, damit ich ihn auf ein besonders gesichertes Kreuzfahrtschiff durch die Sicherheitskontrolle bringe und ihn mir dann am besten noch in meine Kabine hänge. Vermutlich werden Ihnen nicht nur meine Kolleginnen, sondern auch andere Passagiere aus der Schlange vor der Sicherheitskontrolle von der älteren Dame mit dem defekten Trolley und dem letzten Blödmann berichten können, der ihr den Koffer letztendlich abgenommen hat. Und jetzt finden Sie den Fehler.“ Thorsten hatte sich um Kopf und Kragen geredet, setzte aber noch einen drauf. „Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass diese ältere Dame etwas mit dem Mord zu tun haben könnte? Wie wahrscheinlich ist es denn, dass die Seniorin nach uns an Bord der ,Norwave‘ gegangen ist? Eine Bordkarte dürfte sie ja zumindest vorgewiesen haben. Wie wahrscheinlich ist es denn, dass diese Frau für Sie nicht mehr ermittelbar ist, wenn sie gleich mit ablegt? Ich an Ihrer Stelle würde neben den Ermittlungen in Oslo schnellstmöglich an Bord der ,Norwave‘ gehen und das Profilerteam aus Deutschland mitnehmen, um dort effizient und gemeinsam sachorientiert arbeiten zu können. Der Vorteil ist sogar, dass Ihre bisherigen Mordverdächtigen auf dem Schiff unter Kontrolle bleiben würden. Wo sollten wir auch hin? So würden wir in Deutschland arbeiten.“

„Herr Büthe, für einen des Mordes Verdächtigen sind Sie ganz schön frech und überheblich. Wir sind keine Provinzpolizei und verstehen unseren Job ebenso gut, wie Sie Ihren. Die Befragungen Ihrer Kolleginnen sind erfolgt. Wir haben weitere Zeugen, die Ihre Angaben bestätigen und bei der Überprüfung der Kabine 7698 hat uns eine Familie mit zwei kleinen Kindern geöffnet, die wir – was Sie verwundern wird – nicht verhaftet und über Bord geworfen haben. Wir werden Sie und Ihre Begleiterinnen sowie andere Passagiere intensiv vernehmen müssen. Das werden die Beamten Larsen und Andersen übernehmen. An Bord müssen wir versuchen, diese ältere Dame mit dem Koffer zu identifizieren. Der nächste Hafen wird nach einem Seetag Bergen sein. In der Zeit werden meine beiden Beamten alles abarbeiten und in Bergen wieder von Bord gehen. Ihre Dienststelle in Deutschland ist informiert, Ihre Festnahme hebe ich hiermit auf. Ich bitte Sie, meine Mitarbeiter lediglich zu unterstützen. Sie sind hier weder zuständig noch haben Sie hier oder an Bord irgendwelche Befugnisse. Haben wir uns verstanden, Herr Büthe?“

„Das haben wir, Herr Olsen, vielen Dank.“

Thorsten blickte auf die beiden Beamten der Mordkommission und fragte in Richtung des Staatsanwaltes und des Kapitäns: „Wer übersetzt denn die Befragungen auf dem Schiff?“

„Wir benötigen keine Übersetzer. Ich habe während meines Polizeistudiums ein Jahr bei der Polizei in Rostock hospitiert und spreche deutsch“, erklärte Ingrid Larsen mit einem süßen Akzent.

„Dann wollen wir mal los. Wir legen in zwanzig Minuten ab“, gab der Kapitän vor. Die mordverdächtigen Profilerinnen samt Psychologin warteten vor dem Eingang der Hafenpolizei und schlossen sich wieder erleichtert in die Arme, bevor sie von Maik und Thomas an Bord begrüßt wurden.

Kapitel V

Rollentausch an Bord

Der Kapitän konnte den beiden Ermittlern aus Oslo nur noch zwei Kabinen im Crewbereich zur Verfügung stellen, da die „Norwave“ ausgebucht war. Die Sommermonate sind in Norwegen mittlerweile so mild geworden, dass der August einer der begehrtesten Reisemonate ist. Die norwegischen Polizisten hatten sich in einem Besprechungsraum der Crew eingerichtet, um ihre Ermittlungen und Befragungen durchzuführen. Thorstens Angebot, mit dem Profilerteam gemeinsam Abend zu essen, schlugen sie aus. Die Ermittler mussten objektiv bleiben und konnten mit Beteiligten eines Mordverfahrens, die soeben noch in dringendem Tatverdacht standen, nicht den Abend gemeinsam bei einem Glas Bier oder Wein verbringen. Sie hatten als ersten Zeugen Thorsten Büthe für 21 Uhr zur Vernehmung vorgeladen, der natürlich pünktlich erschien.

„Guten Abend, Herr Büthe“, begrüßte ihn die junge Ermittlerin in deutscher Sprache recht formell. Thorsten wurde als Zeuge belehrt und zur Wahrheit ermahnt, was sich den Vorschriften in Deutschland anglich.

„Dann erzählen Sie doch mal von sich. Wie ist Ihre persönliche und berufliche Situation? Wie kommt es, dass Sie mit Ihren Mitarbeitern zusammen auf dem Schiff sind? Und dann schildern Sie bitte den Ablauf des heutigen Tages bis zu Ihrer Festnahme“, wies die Ermittlerin an und ergänzte: „Ich gehe zudem davon aus, dass Sie sich einverstanden erklären, die Aussage auf Band aufzunehmen.“

Thorsten begann mit seiner familiären Situation und hielt sich exakt an die Reihenfolge, die Politibetjent 1 Larsen vorgab.

Sie ließ ihren Zeugen ungestört berichten und setzte sogenannte Akzente des aktiven Zuhörens durch bestätigendes Nicken oder zustimmendes Brummen ein. Taktisch kommentierte sie ihr unklare Schilderungen mit einem langgezogenen „Okaaaay?!“, was Thorsten Büthe veranlassen sollte, darauf detaillierter einzugehen.

Nachdem der Zeuge in etwa 90 Minuten alles beschrieben hatte, folgten einige Nachfragen, wobei der bislang völlig wortkarge Ermittler, Politibetjent 2 Andersen, seiner Kollegin mehrfach ins Ohr flüsterte und der Ermittlerin weitere Fragen formulierte.

„Frau Larsen, Entschuldigung, wie will Ihr Kollege jetzt Fragen formulieren, wenn er bislang kein Wort verstanden hat?“, warf der Profiler ein.

„Herr Büthe, wir sind ein eingespieltes Team, das lassen Sie ruhig unsere Sorge sein“, konterte die Beamtin.

„Okay, Herr Büthe, ich glaube, wir haben alles. Haben Sie noch Fragen an uns?“

„Unbedingt“, warf der LKA-Beamte ein. „Was machen Sie hier eigentlich? Sie vernehmen mich in aller Ruhe zu einem Sachverhalt, der Ihnen seit dem frühen Abend bereits bekannt ist. Ihr Kollege versteht leider nichts, was wir hier die letzten zwei Stunden gesprochen haben. Kann er die Zeit nicht mit wichtigeren Ermittlungen verbringen? Sie überprüfen nicht, wer von den Passagieren die Frau mit dem Rollator sein kann. Sie ignorieren unsere Kompetenz in solchen Fällen total und verplempern einfach nur Zeit.“ Der OFA-Leiter wurde zornig, als der bullige Politibetjent 2 aufstand und sich vor Thorsten auf die Tischkante setzte.

„Herr Büthe, wir wissen genau, was wir wie und wann machen müssen. Zeitgleich werden die Passagierdaten durch die Crew überprüft und natürlich auch sämtliche Videodaten ausgewertet. Die Fotos der Bordfotografen werden abgeglichen und wir vernehmen unseren Hauptzeugen, der vor drei Stunden noch unter Mordverdacht stand. Und bevor Sie wieder nachfragen müssen, habe ich jedes Ihrer Worte verstanden. Ich war mit einer deutschen Ärztin verheiratet, die nach Norwegen ausgewandert ist, weil ihr in Deutschland so super mit euren Medizinern umgeht. Ist das mit LKA-Beamten ähnlich?“

Thorsten war nicht so schnell zu beeindrucken, aber das hatte gesessen, was er sich jedoch nicht anmerken lassen wollte.

„Prima, das vereinfacht doch alles. Darf ich noch eine wesentliche Frage stellen?“ Der Profiler wartete die Antwort nicht ab.

„Wie ist eure Dienststelle in Oslo bei Tötungsdelikten aufgestellt? Gibt es Experten für Tatrekonstruktionen, die Täterverhalten interpretieren und daraus ein Profil und darauf resultierend alternative Ermittlungskonzeptionen erstellen?“

„Natürlich, die sitzen direkt in Oslo. Die Einheit ist 2011 nach dem Massaker in Oslo und auf der Insel Utøya gegründet worden. Anders Behring Breivik hatte damals 77 Menschen erschossen und natürlich wollte man wissen warum. Diese Ermittlungen jedoch führen wir selbst“, stellte Politibetjent 2 Andersen klar.

„Ist es möglich, dieses Team mit ins Boot zu holen? Ich glaube, wir könnten die Ermittlungen unterstützen“, bot der OFA-Leiter an.

„Leider haben wir den Tatort gerade verlassen und sind auf hoher See. Wie soll das funktionieren?“, hinterfragte der bullige Beamte.

„Wir benötigen Tatortfotos, einen entsprechenden Befundbericht, Angaben zum Opferbild und das rechtsmedizinische Sektionsprotokoll. Wäre das möglichst schnell umsetzbar?“, forderte der deutsche Beamte.

„Um dann was damit zu tun?“, fragte Politibetjent Larsen unsicher.

„Damit können wir in einer sogenannten Fallanalyse Angaben zu den Tathandlungen, den Motiven des Täters, der Nähe zum Opfer und Angaben zur Täterpersönlichkeit erarbeiten. Vor allem ist es möglich einzuschätzen, ob die Oma mit dem Rollator die Täterin sein kann oder anders mit drinsteckt“, versuchte Thorsten zu argumentieren und setzte nach, als er in verständnislose Gesichter blickte. „Ich kenne mich in der Kriminalitätslage von Oslo nicht so gut aus, aber in Deutschland haben wir nicht regelmäßig junge tote Frauen in Parks liegen, von denen der Täter den Skalp als Trophäe oder was auch immer mitnimmt.“ Thorsten gönnte den beiden Beamten keine Atempause. „Die erste Frage, die sich aufdrängt, ist: Wie ist die Frau denn getötet worden?“

„Sie ist erstochen worden“, klärte Politibetjent 1 Larsen auf.

„Das habe ich gehört. Wie genau? Wie viele Stiche? Wo waren die Stichwunden, am gesamten Körper? Gab es aktive oder passive Abwehrverletzungen? Wurden Körperpartien priorisiert oder bewusst ausgespart? Waren das Gesicht oder die Geschlechtsmerkmale betroffen? Waren es nur Stich- oder auch Schnittwunden? Hat ein sexueller Missbrauch stattgefunden? Und vermutlich die wichtigste Frage zur Motivation: Ist die Frau vital oder postmortal skalpiert worden? Versteht ihr, was ich meine?“, schloss Thorsten seinen Appell.

Ingrid Larsen verstand. „Wir stecken in dem Fall noch nicht so tief drin und können diese Fragen nicht beantworten.“

„Welche Fragen hättet ihr mir denn als Mordverdächtigem gestellt, wenn ihr nicht einmal wisst, was passiert ist?“

Politibetjent 2 Andersen wurde wieder offiziell. „Herr Büthe, vielen Dank für Ihre Angaben, Sie dürfen gehen. Wir werden die Ermittlungen morgen früh fortführen und auf Sie zukommen. Gute Nacht.“

Thorsten erkannte, dass es an diesem Abend keinen Sinn machen würde, die Ermittler von einer Kooperation zu überzeugen. Er wollte sich im Team abstimmen, ob sie sich hier überhaupt weiter engagieren sollten, kannte aber schon zumindest seine Position.

Der deutsche Profiler versuchte, den Kapitän auf der Brücke zu sprechen, wurde aber mit dem Verweis auf seine mangelnde Zuständigkeit und seine Position als normaler Passagier abgewiesen.

So blieb dem gesamten Team nichts weiter übrig, als in der ,Fjord-Bar‘ bei dem einen oder anderen Getränk diesen chaotischen Tag Revue passieren zu lassen. Lachend ertappten sie sich, dass alle in der Menge nach einer älteren Dame mit Rollator Ausschau hielten.

Kapitel VI

Ein Seetag

Beim gemeinsamen Frühstück beschloss das Profilerteam, sein Engagement von der Kooperationsbereitschaft der Osloer Kollegen abhängig zu machen. Ohne die erforderlichen Daten und Unterlagen konnten sie niemandem helfen. Thorsten suchte die Brücke auf, und der Kapitän kam kurz an die Tür, um ihm mitzuteilen, dass die Überprüfungen an Bord keinerlei Erfolg gezeigt hatten. Die älteren Passagiere waren alle befragt worden. Auf den verfügbaren Video- und Fotodateien sei die Dame mit Rollator nicht verzeichnet gewesen.

„Herr Büthe, eigentlich darf ich es Ihnen nicht sagen, aber weder die Osloer Polizei noch wir hier an Bord können davon ausgehen, dass die Dame mit dem Trolley jemals die ,Norwave‘ betreten hat. Sie wäre niemals durch die letzten beiden Schleusen gelangt. Wer weiß, wie alt die Bordkarte war, die sie am Pier bei der ersten Sicherheitsschleuse vorgezeigt hatte. Die beiden norwegischen Ermittler werden in Bergen wieder von Bord gehen und ihre Ermittlungen in Oslo weiterführen. Bitte sagen Sie den anderen Passagieren noch nichts. Wir werden jetzt erst nach Bergen fahren. Die beiden kollidierten Schiffe unter der Hardanger Brücke blockieren noch immer die Fahrrinne. Wir mussten wieder umdisponieren. Ich wünsche Ihnen jetzt eine erholsame Reise und entschuldige mich für die bisherigen Umstände.“ Mit diesen Worten kehrte der Kapitän zurück auf seine Brücke und ließ den LKA-Beamten fassungslos stehen.

Völlig echauffiert berichtete Thorsten von diesen nicht nachvollziehbaren Entscheidungen und versuchte die norwegischen Kollegen zu erreichen, die ihnen allerdings bewusst aus dem Weg gingen.

Die beiden Politibetjents waren nach dem Gespräch mit dem deutschen LKA-Beamten nachdenklich und hatten am Morgen die Anregungen des Profilers ihrem Polizeichef, Inger Olsen, vorgetragen. Sie hatten sogar gebeten, die erforderlichen Unterlagen an Bord der „Norwave“ zu mailen, was der Herr Olsen vehement ablehnte. Er untersagte sogar, die anderen Zeugen zur älteren Dame zu vernehmen. Die bisherigen ersten Aussagen bei der Hafenpolizei seien ausreichend. Die Ermittler sollten in Bergen von Bord gehen und umgehend nach Oslo zurückkehren, um dort die Mordermittlungen vor Ort zu unterstützen.

Mit dieser Entscheidung wollten sie ihren deutschen Kollegen nicht konfrontieren, frühstückten daher extra in der Crewkantine und mieden die Passagierdecks.

Das Team redete auf Thorsten ein, er solle erst einmal wieder herunterkommen.

„Mann, jetzt mach da ’nen Haken dran und vergiss die Geschichte, wenn sie unsere Hilfe nicht wollen“, schlug Kristin vor.

„Wirklich, Thorsten“, versuchte es Carlotta ein wenig sanfter, „es macht doch keinen Sinn sich aufzureiben. Lass uns an den Anlass der gemeinsamen Reise denken: Entspannung und Erholung pur.“

„Wie soll ich mich erholen, wenn ich weiß, dass da draußen oder vielleicht sogar in unserer Nähe ein Mörder rumläuft?“, fragte Thorsten. „Vor allem, wenn wir überhaupt keine Chance haben, helfend einzugreifen.“

„Er hat recht“, stimmte Maik zu. „Mir lässt das auch keine Ruhe, euch vielleicht?“

„Nicht wirklich“, bestätigte Thomas.

„Uns wird wohl aber nichts anderes übrig bleiben“, vermutete Nina nachdenklich. „Oder will sich hier irgendjemand einen Alleingang leisten? Ihr dürft nicht vergessen, dass wir Gäste in diesem Land sind.“

„Aber genau dann ist es doch unsere Pflicht zu unterstützen“, wandte Thorsten ein.

„Es bedeutet aber auch zu akzeptieren, wenn die Hilfe nicht erwünscht ist“, erinnerte ihn Carlotta.

Thorsten winkte ab und ging.

Als er seine Kabine betrat, fand er an der Tür einen sogenannten Kabinenbrief, in dem sich die Osloer Beamten für das Unterstützungsangebot bedankten. Dann teilten sie mit, dass ihr Vorgesetzter entschieden hatte, sie nicht nur von Bord abzuziehen, sondern auch auf die angekündigten Zeugenvernehmungen der begleitenden Kolleginnen zu verzichten. Es seien keine weiteren ermittlungsfördernden Hinweise zu erwarten. Mit den typischen oberflächlichen Höflichkeitsfloskeln wünschten sie den deutschen Kollegen eine angenehme Weiterreise.

Thorsten kochte vor Wut, versuchte aber, wieder in einen Reisemodus umzuschalten und sich vor seinem Team nichts anmerken zu lassen. Wie so oft in solchen Momenten, schnappte er sich seine Nikon und machte einen Spaziergang über das Außendeck. Er wäre nicht Thorsten Büthe, wenn er seine Motive nicht auf ältere Damen fokussiert hätte, die er sich in der Kabine auf seinem Laptop weiter heranzoomte und konzentriert betrachtete. Vielleicht hatte er sich wirklich verrannt, und die Frau mit dem Rollator hatte nie das Schiff betreten. Er duschte seine Zweifel ab und begab sich zu den anderen ins Theatrium, um vor dem Abendessen die Vorstellung der Attraktionen von Bergen zu genießen, zumindest soweit es ihm aufgrund seiner Gemütslage möglich war.

Kapitel VII

Bergen sehen und sterben

Die wunderschönen Bilder der alten Stadt Bergen versöhnten Thorsten Büthe mit den Erlebnissen des Tages. Endlich konnte er abschalten und sich wieder auf die Reise konzentrieren. Manchmal war es besser, Dinge einfach hinzunehmen, die man nicht ändern konnte. Gedanklich ließ er sich von den Erzählungen des Lektors treiben. Er verfolgte die Geschichte der Stadt und bewunderte die bunten Holzhäuser von Bryggen, die einmal Handelseinrichtungen der Hanse gewesen waren. Nicht nur Thorsten staunte über die traumhafte Aussicht vom Fløyen aus, die Teile von Bergen sowie den Byfjord zeigte. Auch seine Kollegen waren fasziniert.

Im Anschluss an die Vorstellung der Attraktionen in und um Bergen entschloss sich das gesamte Team für eine Fahrt mit der Fløibahn. Sie führte zur Aussichtsplattform und dem Aufenthalt auf einem der sieben Berge der Stadt. Nach der Abfahrt ins Tal würden sie dann genug Zeit haben, sich die Flaniermeile Bergens anzuschauen und ihren Ausflug mit einem Einkaufsbummel sowie dem Besuch des Fischmarktes zu verbinden. Die Profiler wollten die Zeit von der Ankunft um 8 Uhr bis zum Auslaufen um 18 Uhr komplett nutzen. Thorsten Büthe freute sich schon auf einen frühen, aber fototechnisch interessanten Morgen mit einem heißen Kaffee an Deck, währenddessen er das Einlaufen in den Hafen von Bergen in Ruhe genießen wollte. Für Nina hingegen war 8 Uhr noch mitten in der Nacht. Sie bat um rechtzeitiges Wecken, aber erst wenn sie angelegt hatten und wirklich nur kurz vor Beginn des Ausflugs.

Während des Fotografierens beobachtete Thorsten das Anlegemanöver und schoss einige Bilder vom Treiben an der Pier mit seinem Telezoom. Nachdem die Gangway freigegeben worden war, verließen die beiden Politibetjents als Erste das Schiff, um ihre Mordermittlungen in Oslo fortzusetzen. Sie hofften, dass sie dabei erfolgreicher sein würden.

Als Thorsten im Frühstücksrestaurant eintraf, saß sein Team fast vollzählig am gedeckten Tisch und genoss die Leckereien vom Buffet. Nina hatte sich noch nicht aufraffen können mit dabei zu sein, wobei Kristin versicherte, dass sie ins Bad gegangen sei, als sie die Kabine verlassen hatte.

Wegen des geplanten Ausflugs standen sie nicht unter Druck. Die Fløibahn fuhr in den Sommermonaten ganztägig von 7:30 bis 23 Uhr, Reservierungen waren nicht erforderlich.

Sie hatten sich über ihre Bord-App in die Liste des Neun-Uhr-Shuttles eingetragen und waren endlich als Team komplett, als Nina mit einem Croissant und einem coffee to go dazustieß. Bei strahlendem Sonnenschein konnten sie schon vom Anleger aus den Gipfel des Fløybergs sehen. Sie wurden in den Shuttlebus sechs eingewiesen, der sie nach kurzer Fahrt im Zentrum Bergens direkt an der Bahnstation in Sichtweite des Fischmarktes absetzte.

So früh gehörten sie zu den wenigen, die den Panoramablick auf die Stadt, die reizvolle Umgebung und die „Norwave“ bei milden Temperaturen erleben wollten. Gut gelaunt erreichte das Team die Talstation der Bahn. Die Schlange vor dem alten, weißen Gebäude, das 1918 erbaut worden war, blieb überschaubar. Ihre Tickets hatten sie bereits an Bord gebucht. Das war ein toller Service des Schiffs und verhinderte Wartezeiten. Daher dauerte es auch nicht lange, bis sie die Gondel erreicht hatten. Trotzdem wurde Thorsten Büthe beim Einsteigen mehrfach unsanft angerempelt. Er schüttelte den Kopf. Manche Menschen benahmen sich so, als ob sie allein auf der Welt wären. Samt Kollegen stand er nun in einer Gondel, die sie mit weiteren Ausflüglern in nur sechs Minuten über eine Streckenlänge von 850 Metern und 300 Höhenmetern zur Bergstation bringen würde.

Der Fløyen liegt nur 320 Meter oberhalb des Meeresspiegels, wobei die Aussicht auf die Stadt, die Hafeneinfahrt, die Fjorde und die umliegenden Berge tatsächlich faszinierend ist. Thorsten hatte seinen Fotorucksack umgeschnallt. Hier war neben seiner riesigen Nikon auch seine Fujiausrüstung untergebracht, um für alle interessanten Motive gewappnet zu sein. Er ließ die Fujikamera, die er mit einem extremen Weitwinkelzoom bestückt hatte, glühen und nutzte das klare Morgenlicht.

Das Team war sportlich gekleidet und hatte sich als Ausgleich zu den üppigen kulinarischen Verführungen an Bord vorgenommen, die Proportionen des Körpers durch gemäßigte Bewegung nicht völlig entgleiten zu lassen.

Sie starteten ihre Wanderung auf dem etwa drei Kilometer langen Rundweg, der touristengerecht an einem Restaurant, Café und mehreren Souvenirläden samt Spielplätzen vorbeiführte.

Thorsten Büthe steckte den Objektivschutzdeckel in seine Jackentasche und bemerkte dann, dass sich darin ein Stück Papier befand, das er dort nicht hineingesteckt hatte. Es handelte sich um ein mehrfach geknicktes DIN-A4-Blatt mit einer Zeichnung. Sie zeigte eine große Trollfigur über einem darunter liegenden Strichmännchen, um dessen gelbe Haare rote Tropfen gemalt waren. Rundherum waren Bäume und Felsen skizziert.

„Wollt ihr mich zu einer Schnitzeljagd animieren?“, fragte Thorsten sein Team und hielt das Papierstück hoch.

Er blickte in irritierte Gesichter.

„Jemand hat mir diesen Zettel in die Jackentasche gesteckt. War das wer von euch?“, hakte der Teamleiter mit ernstem Unterton nach.

Er faltete den DIN-A4-Zettel auseinander und zeigte die Skizze in die Runde.

Kristin prustete: „Nicht dein Ernst! Du glaubst jetzt nicht an eine Tatortskizze oder willst uns hier dienstlich beschäftigen? Wir sind doch im Urlaub, oder?“

Thomas Schulte konnte es nicht lassen: „Huh, eine geheimnisvolle Karte. Was bekommt derjenige, der den Ort als Erster findet? Ich finde Schnitzeljagden cool.“

Thorsten blieb ernst. „Ich denke immer noch an den Mord in Oslo. Was ist, wenn es doch kein Zufall war? Was ist, wenn die Frau mit dem Rollator doch mit an Bord gekommen ist? Ich kann nicht sagen, wo mir jemand diesen Zettel zugesteckt hat. Vielleicht schon an Bord ...“

Nina griff im ironischen Analysemodus ein: „Wenn hier ein Mord skizziert worden ist, müsste die Phantom-Omi vor uns allen eine der ersten Fløibahnen genutzt haben und das samt Rollator. Dann hat sie hier oben irgendwo einen Mord begangen und muss in Windeseile diese Skizze gezeichnet haben, um sie dir auf dem Weg vom Schiff bis auf die Aussichtsplattform zuzustecken. Das ist mal etwas Besonderes für das Guinnessbuch.“

Die Psychologin, Carlotta, versuchte zu beschwichtigen: „Was haltet ihr davon, wenn wir den Rundweg wie geplant gehen, im Restaurant einkehren und ein paar Souvenirs kaufen? Sollten wir dann auf dem Weg eine Leiche finden, können wir wenigstens gestärkt direkt in eine Fallanalyse einsteigen. Was meint ihr dazu?“

Thorsten gab sich geschlagen, behielt die Skizze aber in der Hand. Die Urlauber orientierten sich an einem Wegweiser, der den Panoramaweg aufzeigte, aber auch einen Hinweis auf „Trollskogen“, den Wald der Trolle, der in einem Pfad nur leicht hinter einem großen Spielplatz vom Rundweg abzweigte. Dieser Umstand allein ließ Thorsten nicht stutzen, aber über dem Hinweisschild zum Trollwald hing ein roter Stringtanga, der wie eine Fahne im Wind wehte.

Maik Holzner hatte sich bislang zurückgehalten, nun kommentierte er dieses skurrile Bild aber: „Uuih, ein neuer Hinweis. Was das wohl für Trolle sind, die mit roten Stringtangas werben?“

Thorsten war genervt. „Okay, Leute, bleibt ihr auf dem Hauptweg, ich schaue mir den Trollwald mal näher an und komme euch dann wieder entgegen.“

„Na, Chef, ob du das alles in der Zeit schaffst? Wer weiß, was dich dort erwartet. Aber keine Angst, wir petzen nicht“, frotzelte Thomas Schulte mit einem Augenzwinkern.

Thorsten schoss ein Foto von dem Wegweiser samt Tanga und ging zielstrebig in Richtung Trollskogen. Die Psychologin hatte Mitleid und schloss sich ihm an.

Das Quartett der anderen Profiler flötete: „Bis nachher, viel Erfolg!“, und folgte dem Hauptweg.

Carlotta und Thorsten passierten den Spielplatz, auf dem meist junge Eltern und Großeltern mit ihren Kindern und Enkeln beschäftigt waren. Zum Trollwald führte ein felsiger Weg durch einen Birkenwald. Der hügelige Boden war mit Moos bedeckt. Es roch muffig, und der Resttau zog zu einem nebligen Dunst auf. Ein echter Zauberwald. An einer Birke war ein Trollkopf befestigt, über dem ein Pfeil weiter in den Wald zeigte. An diesem Wegweiser hing völlig deplatziert ein roter BH. Während Thorsten wieder zur Kamera griff und mehrfach auslöste, wurde es der Psychologin doch mulmig, denn hier waren sie allein. In der Ferne nahmen sie dunkle Schatten auf den schmalen Wegen wahr. Carlotta hoffte, es waren andere Touristen und keine Trolle, die sie langsam einkreisten. Hier hätte man sofort die Szene eines Harry Potter Films drehen können, ohne etwas zu verändern. Einzig der BH störte dieses Bild.

Thorsten klappte die Zeichnung auseinander. Sie schauten auf einen Baumstamm, auf den der Oberkörper eines weiblichen Trolls mit Brustansätzen gezeichnet war. Sie hörten von Ferne das lachende Schreien eines Kindes, das wohl gejagt wurde. Hoffentlich nur zum Spaß von seinem Vater oder Opa.

Durch den Dunst entdeckten sie abseits des Weges in den Felsen schemenhaft einen etwa drei Meter hohen Stamm, der nach oben nicht dünner, sondern dicker wurde. Nur allmählich konnte man den schmalen Bereich als Hüfte, den darüber als Brust und darauf den überdimensionierten Kopf mit den riesigen Ohren erkennen. Das war der Troll von der Skizze.

Sie gingen vorsichtig weiter. Der Dunst löste sich mehr und mehr auf, je näher sie der Gestalt kamen. Erst jetzt konnten die Psychologin und der Profiler erahnen, dass sich etwas Helles an den Stamm anlehnte. Beim Näherkommen erkannten sie den nackten Leichnam einer jungen Frau mit langen, blondlockigen Haaren. Der gesamte blasse Körper war aufgrund von Kopf- und Halswunden blutüberströmt, wobei sich eine große Blutlache am Boden zwischen den weit gespreizten Beinen gebildet hatte. Thorsten verharrte und stoppte Carlotta, die näher an den toten Körper herantreten wollte.

„Bleib bitte hier. Wir können nichts mehr für sie tun und wollen die gesamten Spuren nicht zerstören. Rufst du bitte das Team an? Sie sollen sich an den Hinweisschildern aufstellen und den BH und Stringtanga so lange sichern, bis die Kollegen aus Bergen übernehmen. Ich versuche, die beiden Kollegen aus Oslo zu erreichen. Es ist jetzt sicher angebracht, dass sie in Bergen bleiben.“

Der OFA-Leiter hatte sich die Mobilfunknummer von Politibetjent 1 Larsen geben lassen und konnte sie noch in der Polizeidienststelle in Bergen erreichen.

„Hallo, Frau Larsen, auch wenn Sie es mir nicht sagen dürfen. Ist es richtig, dass die skalpierte Frau im Botanischen Garten in Oslo erstochen und nackt aufgefunden worden ist?“, fragte er die Ermittlerin direkt.

Larsen wollte eigentlich ausweichen, fühlte sich anhand der Stimme des deutschen Profilers allerdings veranlasst, ehrlich mit einem kurzen „Ja!“ zu antworten.

„Dann sollten Sie Ihren Heimweg abbrechen und mit vollem Programm in den Trollskogen kommen. Wir haben soeben eine nackte Frauenleiche gefunden, und das sind mir ein paar Zufälle zu viel“, forderte er unmissverständlich.

„Thooooorsten!“, schrie Carlotta plötzlich. „Da war jemand im Gebüsch und hat uns beobachtet!“ Sie zeigte auf eine kleine Schonung, etwa 100 Meter oberhalb des Leichenfundortes. Thorsten konnte noch einen Schatten wahrnehmen, der schnell durch das Unterholz rannte und versuchte, den Berg hinaufzusprinten. Er selbst schleppte den großen Profirucksack mit der gesamten Fotoausrüstung immer noch auf dem Rücken. Der war so befestigt, dass er bei Exkursionen nicht aus seiner Position rutschte, was sich nun rächte. Ein kurzes Abstreifen des etwa 15 Kilogramm schweren Equipments gelang ihm während des Sprints bergauf nicht. Thorsten fluchte über das üppige Frühstück und die Leckereien der ersten Tage auf See und musste die Verfolgung schwer atmend abbrechen. Dann alarmierte er umgehend sein Team.

„Achtet auf eine Person, die von uns aus auf euch in Richtung Bergstation zukommt und vielleicht Blut am Körper und der Kleidung hat. Hier ist gerade wer vom Tatort geflüchtet.“

Kristin erfragte eine Beschreibung. Geschlecht, Größe, Statur, Bekleidung? „Sorry, die Person war zu weit weg“, bedauerte Thorsten, was seine Kollegin nur mit „Klasse! Wir halten die Augen auf“ beantwortete. Es klang resigniert.

Thorsten untersuchte den Bereich um den Ort der ersten Sichtung und war nicht erstaunt, als er im Unterholz weitere Bekleidung mit deutlichen Blutantragungen fand.

Das Viererteam hatte sich aufgeteilt. Nina und Kristin sicherten die beiden Wegweiser mit der Unterwäsche. Die Jungs beobachteten die Rückkehrer zur Bergstation, wobei Thomas mit seinem Handy versuchte, möglichst viele Personen zu videografieren, die später als Zeugen oder auch Tatverdächtige ermittelt werden konnten.

Über einen Versorgungsweg zum Restaurant erreichten ein Notarzt und mehrere Einsatzfahrzeuge der Polizei den Bereich der Aussichtsplattform. Maik Holzner begrüßte umgehend Ingrid Larsen und Magnus Andersen, die aus einem Fahrzeug der Spurensicherung stiegen.

„Hallo, Herr Holzner, wo liegt die Frau?“, fragte sie hektisch.

„Irgendwo oben im Trollwald. Wir waren auch noch nicht da. Herr Büthe hat gerade eben noch eine verdächtige Person verfolgt. Sie sollten sämtliche Leute überprüfen, bevor Sie zurück ins Tal fahren. Wir haben die Rückkehrer bislang nur videografieren können. Frau Bäumer und Frau Bachmann sichern einen BH und einen Stringtanga an zwei Hinweisschildern zum Trollwald. Vielleicht kann die Unterwäsche dem Opfer zugeordnet werden und diente als Wegweiser zum Tatort“, vermutete Maik Holzner.

„Okay, Maik, ich werde alles veranlassen. Wir müssen jetzt erst mal zum Tatort. Bis gleich“, verabschiedete sich die junge Ermittlerin.

Nach einem weiteren Telefonat mit den Politibetjents aus Oslo rückten nach und nach Ermittler aus Bergen, Kriminaltechniker und ein Rechtsmediziner an. Der alarmierte Notarzt zog sich nach einem Blick auf den Leichnam schon von Weitem zurück. Hier war für ihn nichts mehr zu veranlassen.

Der Tatort wurde mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. An der Trollfigur und dem unmittelbaren Leichenfundort wurde ein heller Pavillon aufgestellt, in dem die Rechtsmediziner und Kriminaltechniker ungestört mit ihren eigenen Lichtquellen arbeiten konnten. Weitere Spezialisten der Spurensicherung dokumentierten die Ablage und den Fundort der aufgefundenen Opferbekleidung in der Schonung oberhalb der Trollstatue. Dort waren eine Jeans, eine Bluse und eine leichte Windjacke sowie ein paar blaue Sneakers abgelegt worden, an denen großflächige Blutantragungen vorhanden waren. Unterwäsche oder eine Tasche mit persönlichen Gegenständen fanden sich hier und im weiteren Umfeld nicht.

Während die Spezialisten vom Hordaland Politidistrikt Thorsten Büthe und die Beamten des LKA Niedersachsen vor Ort zu ihren Beobachtungen befragten, hörten sie einen lauten Aufschrei aus dem Tatortzelt: „Jævla dritt!!“, und alle schreckten auf.

„Was haben sie da gerade gerufen?“, fragte der OFA-Leiter seinen Kollegen aus Oslo, Magnus Andersen.

„Das heißt auf Deutsch in etwa ‚verdammte Scheiße‘. Ich geh mal nachsehen.“

Der Leichnam lehnte sitzend mit dem Rücken an dem Stamm der Trollfigur, beide Beine des nackten Körpers waren weit gespreizt und der rasierte Vaginalbereich des Opfers war frei einsehbar.

Die Rechtsmediziner konnten eine massive Schnittverletzung am Hals des Opfers feststellen. Vermutlich waren die Halsvenen und -arterien, Luft- und Speise­röhre durchtrennt worden, was die starke Blutung verursacht haben dürfte. Als die Experten den Leichnam auf dem Rücken untersuchten und den Körper nach vorn ziehen wollten, stockte selbst den erfahrenen Medizinern und Kriminaltechnikern der Atem. So etwas hatten selbst sie noch nicht gesehen.

Durch die Lageveränderung blieb der lange blonde Haarschopf an dem Stamm des Trolls zurück und auf dem Kopf des Leichnams offenbarte sich eine großflächige blutige Wunde. Dem Opfer war die Kopfhaut samt Haaren entfernt und der abgetrennte Skalp mit einem großen Fahrtenmesser in das Holz der Statue gerammt worden.

Ingrid Larsen und Magnus Andersen blickten sich fassungslos an. Diese Tötungsart kam ihnen aus Oslo sehr bekannt vor. Sie stimmten sich kurz ab, wiesen telefonisch ihren Vorgesetzten, Inger Olsen, in die neue Lage ein und traten auf den deutschen Profiler zu.

„Gilt das Angebot einer Kooperation noch? Wir würden es jetzt gern annehmen.“

Maik und Thomas hatten sich von ihrem Beobachtungsposten zurückgezogen, als die Polizei aus Bergen mit den Überprüfungen der Personen begann, die ins Tal abfuhren.

In Höhe des Spielplatzes stieß Thomas Maik mit seinem Ellenbogen in die Seite.

„Guck dir den mal an“, sagte er und blickte zu einem jungen Mann, der fast wie ein Troll gekleidet war und am Sandkasten auf und ab stolzierte, als würde er über einen Laufsteg bei Germany’s next Topmodel flanieren. Dabei präsentierte er eine schrill-bunte Handtasche, die vor seinem Bauch wie ein Fremdkörper hin und her wippte.

„Die Tasche muss lebbben! Weißt du noch, Tommi?“, ulkte Maik.

Der Troll war fast zwei Meter groß, wirkte nicht gerade sportlich, aber sehr kräftig. Er sang einen lauten melodischen Song in norwegischer Sprache und zog nicht nur amüsierte Blicke der Touristen auf sich. Eltern nahmen ihre kleinen Kinder auf den Arm und waren unsicher, ob von dem Troll nicht auch eine Gefahr ausging.

Maik stutzte. „Siehst du seine Hände? Ist das Blut?“

Thomas wurde ernst.

„Tommi, den schauen wir uns doch mal an. Du bleibst an ihm dran, ich hole die Kollegen“, sagte Maik und lief zurück zur Bergstation.

Der Troll tänzelte plötzlich grunzend mit geöffneten Armen direkt auf die spielenden Kleinkinder im Sandkasten zu, die ängstlich schreiend zu ihren Müttern tapsten. Väter sprangen auf und verharrten in der skurrilen Szene.

Abwarten war nicht der Stil von Thomas Schulte. Er stürzte sich auf den Riesen, trat ihm in die Kniekehlen und schrie in englischer Sprache: „Stop, police! Don’t move!“

Der kräftige Troll fiel im Sandkasten nach vorn um wie ein Baum. Thomas hatte eigentlich mit einem heftigen Kampf gerechnet, in dem er seinem Gegenüber körperlich völlig unterlegen war und hatte auf rasche Verstärkung der norwegischen Kollegen gehofft. Es kam anders.

Der Troll drehte sich demütig auf den Rücken, riss beide Arme schützend vor sein Gesicht und schrie ängstlich wie ein Kind: „Nei! Ikke slå!“, was auf Deutsch etwa „Nein! Nicht schlagen!“ bedeutete.

Thomas wurde von uniformierten Polizisten von dem kreischenden Riesen gerissen. Maik zog seinen Kollegen am Ellenbogen eingehakt weg.

„Wolltest du nicht auf uns warten?“, warf er Thomas vor.

„Was sollte ich tun? Er hat plötzlich Kinder angegriffen. Hast du die Unterarme und Hände gesehen? Das ist mit Sicherheit Blut“, rechtfertigte sich der junge Profiler.

Einer der Beamten der Polizei Bergen klärte die beiden deutschen Polizisten vorwurfsvoll auf, dass der Troll hier ein amtsbekannter, geistig behinderter junger Mann namens Børre Thorsen war. „Er ist täglich hier und gehört zum Inventar. Der tut keiner Fliege was“, kritisierte er den Einsatz der deutschen Polizisten.

Maik sprach seinen uniformierten Kollegen auf die Blutanhaftungen an den Händen und Armen an, was der Polizist nur mit einem Augenrollen kommentierte. Als ihn der Fallanalytiker weiter bat, einen Blick in die bunte Damentasche werfen zu dürfen, reagierte der Beamte fast aggressiv und forderte die beiden deutschen Kollegen auf, sich zu entfernen. Ansonsten drohte er an, ein Verfahren wegen des Angriffs auf Børre Thorsen einzuleiten. Eine Polizistin half dem Riesen auf, strich ihm tröstend über den Kopf und redete beruhigend auf ihn ein. Thomas hatte seinen Chef telefonisch über die Situation auf dem Spielplatz informiert, der in Begleitung der beiden Politibetjents aus Oslo unmittelbar dazustieß.

Sie ließen sich kurz die Lage erklären. Magnus Andersen wies den abweisenden Beamten aus Bergen an, die Damentasche an sich zu nehmen und deren Inhalt zu überprüfen. Der Troll schrie bei diesem Versuch wieder laut auf und vergrub die Tasche unter seinen mächtigen, vor der Brust verschränkten Oberarmen. Die tröstende Polizistin sprach weiter besänftigend auf Børre Thorsen ein, bis er ihr die bunte Handtasche überließ.

Im Inneren fand sich ein rosafarbenes Handy der Marke Samsung Galaxy S 10 sowie eine Geldbörse samt Ausweis einer 19-jährigen jungen Frau mit langem blonden lockigen Haar.

Magnus Andersen nahm das Zepter der Ermittlungsführung an sich. „So, Kollegen, Børre Thorsen ist wegen Mordverdacht festgenommen. Ingrid, fahr bitte mit in die Bergener Dienststelle und veranlasse alles Notwendige. Sicherstellung seiner Klamotten, rechtsmedizinische Untersuchung, Sicherung der Blutspuren, erkennungsdienstliche Behandlung samt Speichelabstrich zum DNA-Abgleich. Versucht, ihn in psychologischer Begleitung zu vernehmen. Vielleicht gibt es schon einen Betreuer, der euch unterstützen kann. Bitte das volle Programm.“

Ingrid Larsen nickte nur und bat die uniformierte Polizistin: „Sie haben einen guten Draht zu ihm. Würden Sie uns bitte begleiten?“

Erst nach einem vorwurfsvollen Blick des bulligen Beamten aus Oslo, legte der genervte Polizist dem Tatverdächtigen Handschellen an und führte ihn zum Einsatzwagen.

Die sichergestellte Tasche wurde in einer transparenten Spurensicherungstüte transportiert und am Tatort den Kriminaltechnikern übergeben.

Während die Spezialisten den Tatort weiter akribisch abarbeiteten, fuhren Carlotta und Thorsten mit Politibetjent 1 Larsen in die Bergener Dienststelle, dem Hordaland Politidistrikt, und ließen sich als Zeugen zum Leichenfund und der Verfolgungssituation am Tatort vernehmen.

Das restliche Profilerteam hatte sich zwischenzeitlich beraten, zur Talstation zu fahren, um sich im Zentrum von Bergen die Beine zu vertreten und auf die beiden Kollegen zu warten.

In der Mittagssonne schlenderte das Viererteam aus Hannover durch die schmalen Gassen und engen Passagen des beeindruckenden Hafenviertels Bryggen, in dem die Vergangenheit Bergens wieder lebendig zu werden schien.

Im Jahre 1702 waren die meisten Bauwerke in Bryggen durch einen Großbrand zerstört worden. Beim Wiederaufbau hatte man den alten Baustil wieder hergerichtet, sodass die Architektur mit aktuell 61 denkmalgeschützten Gebäuden heute noch wie im 12. Jahrhundert wirkt und zu einem der bekanntesten Mittelaltervierteln Norwegens zählt.

Sie erwarteten jederzeit den Anruf von Thorsten und Carlotta und waren nicht nur gespannt, was die Ermittlungen ergeben hatten. Die vier Profiler hatten die Befürchtung ihres Leiters nicht ernst genommen und mussten akzeptieren, dass sich die Entspannungsphase ihrer Kreuzfahrt dem Ende zuneigte.

Carlotta und Thorsten wurden von unterschiedlichen Beamten des Hordaland Politidistrikts zeitgleich als Zeugen vernommen. Die Politibetjents Larsen und Andersen hatten sich aufgeteilt. Sie unterstützten nicht nur als Dolmetscher, sondern konnten auch ihre Informationen zum Mord von Oslo in die aktuellen Ermittlungen mit einbringen. Ingrid war bei der Befragung der Psychologin und Magnus bei der des OFA-Leiters zugegen.

Die Vernehmung führte ein junger dynamischer Politiadvokat in Uniform, der offensichtlich der Leiter der hiesigen Mordermittlungen war. Nach den allgemeinen Fragen zu seinen Beobachtungen versuchte Thorsten Büthe seine Vermutung zu begründen, dass sein Profilerteam durch die ihm zugesteckte Skizze gezielt zum Leichenfundort geführt werden sollte. Weiter führte er aus, dass das Tötungsdelikt in Oslo unbedingt mit in einen vermutlichen Serienkontext einbezogen werden sollte. Schließlich wiesen nicht nur das Opferbild, sondern auch die Tötungsart sowie die Ablagesituation starke Übereinstimmungen auf. Sowohl die aktive Einbindung seiner Person in Form eines Koffertransporteurs als auch das Deponieren einer Tatortkarte mit gezieltem Hinführen zu dem Leichnam im Trollskogen spreche für Parallelaspekte inszenierten Täterhandelns.

„Woher wissen Sie denn von der Fundsituation des Leichnams, der Tötungsart und dem Opferbild in Oslo, Herr Büthe? Waren Sie nicht selbst tatverdächtig?“, fragte der Politiadvokat mit einem vorwurfsvollen Blick in Richtung der Politibetjents 1.

Andersen verzog eine Augenbraue und erahnte, von wem der LKA-Beamte diese Information erhalten hatte. Aber Magnus ließ sich nichts anmerken und setzte seine Unschuldsmiene auf.

Die provozierte Ruhe wurde von einem Telefonklingeln gestört. Der Ermittlungsführer nahm den Anruf an, machte sich Notizen und beendete das Gespräch mit einem Lob für eine super Arbeit.

„So, die Tat ist wohl schnell geklärt. Børre Thorsen hat sich in seiner Befragung in erhebliche Widersprüche verwickelt. Die Tasche gehörte dem Opfer. Das Blut an seinen Händen, Armen und der Kleidung auch. Das reicht vollkommen“, resümierte der Polizeichef aufatmend.

„Magnus, glaubst du das im Ernst? Frage deinen Chef bitte, ob er das wirklich denkt. Warum, wann und wo sollte Børre Thorsen mir eine Skizze des Tatorts zugesteckt haben? Warum sollte er das Opfer töten, skalpieren und dann nackt in einer derart degradierenden Position ablegen? Dieser Täter versendet Botschaften. Erst in Oslo und dann in Bergen. Ach ja, eine kleine Prognose vom deutschen Touristen: Er wird weitermachen! Ich würde mich sogar noch weiter festlegen: Und zwar im nächsten Hafen, in dem die ,Norwave‘ festmacht. Verdammt! Lasst uns endlich zusammenarbeiten!“, flehte er Politibetjent 2, Magnus Larsen, an.

An der Stimmlage seiner Übersetzung konnte Thorsten erkennen, dass sich der Ermittler für seinen Vorschlag eingesetzt hatte, aber es kam ganz anders. Der Politiadvokat hielt einen langen unfreundlichen Monolog, den Magnus Andersen nicht gern und vor allem nicht vollständig übersetzte.

„Herr Büthe, erstens muss ich hier formell bleiben. Zweitens hat in Bergen niemand ein Interesse an einer Unterstützung durch ein deutsches Landeskriminalamt. Drittens habe ich gerade einen riesengroßen Einlauf bekommen, weil Sie die Informationen über den Fall in Oslo herausposaunt haben. Vielen Dank dafür. Wenn es nach ihm ginge, würde er sie sofort wieder festnehmen, da der Mord hier in Bergen ja nun geklärt ist und Ihre Rolle in diesen beiden Fällen dubios bleibt. Ihre Skizze wird beschlagnahmt, und ich soll Sie umgehend aufs Schiff bringen. Das Einzige was er tun könne, sei eine Belobigung ans LKA Niedersachsen, dass Ihr Kollege außerhalb des Dienstes und während eines Urlaubsaufenthaltes in Bergen, einen Mörder festgenommen hat. Andererseits könne er auch ganz andere Dinge nach Deutschland melden. Und jetzt sollten wir einfach fahren“, schlug der Politibetjent 2 resigniert vor.

Sie sammelten Carlotta Bayer-Westholdt sowie Politibetjent 1 ein und fuhren direkt zum Anleger der „Norwave“. Thorsten hatte sein Team telefonisch informiert, dass sie bereits an Bord gehen sollten und dass sie sich später treffen würden.

Im Polizeifahrzeug diskutierten die deutschen und norwegischen Kollegen über den bisherigen Ermittlungsstand und die aktuelle Entwicklung. Magnus Andersen war frustriert. „Wir sehen das genauso und glauben, dass die Taten zusammengehören. Wir haben hier in Bergen aber keine Weisungsbefugnis. Uns sind also die Hände gebunden.“

„Ihr wisst aber auch, was passieren wird. Der Täter könnte wieder mit der ,Norwave‘ weiterreisen, und im nächsten Hafen geht dieses Spiel munter weiter. Dann können die Ermittler in Stavanger mich wieder als Mordverdächtigen vernehmen oder ihr habt jetzt mal den Arsch in der Hose, das in Oslo klären zu lassen“, forderte der LKA-Beamte ein.

„Lasst uns mal in Ruhe überlegen, wie wir Herrn Olsen überzeugen können, am Ball zu bleiben“, schlug Ingrid Larsen vor.

„Der beratungsresistente Polizeichef wird wahrscheinlich schon mit Olsen gesprochen haben. Er wird uns mit Sicherheit zurückbeordern“, sagte Magnus Andersen resigniert.

„Ich habe einen Vorschlag“, warf Carlotta ein. „Wie wäre die Reaktion eures Chefs, wenn sich soeben ein neuer und für euch wesentlicher Ermittlungskomplex ergeben hätte, der nur an Bord der ,Norwave‘ zu klären wäre? Wir gewinnen einen Tag, könnten auf See mit unserer Methodik beide Fälle analysieren und eine mögliche Ermittlungskonzeption erstellen, die ihr dann euren Vorgesetzten vorschlagt. Was meinst du, Thorsten?“

Politibetjent 2, Magnus Andersen, schränkte sofort ein: „Den Braten riechen die doch gleich.“

Der OFA-Chef wirkte nachdenklich. „Mit dem Erarbeiten dieser ersten Strategie können wir an Bord doch schon mal beginnen. Vielleicht sollten wir den Kapitän mit ins Boot holen.“

Ingrid Larsen sah ihren Kollegen fordernd an. „Na gut, ich nehme das auf meine Kappe. Uns wird schon etwas einfallen. Dann man los.“

An Bord setzten sie den Kapitän über die Situation in Kenntnis, wobei auch ihm eine offizielle Kooperation der Polizei Oslo und den LKA-Profilern suggeriert wurde. Die norwegischen Ermittler konnten wieder in ihre Kabinen einziehen. Nach Rückkehr des Viererteams traf sich die nunmehr internationale Ermittlungsgruppe, die einerseits aus zwei offiziell nicht zuständigen Osloer Beamten und sechs deutschen Touristen bestand, die zufällig als LKA-Profiler in eine aktuelle Mordserie geraten waren. Die ersten Ideen des länderübergreifenden Teams wurden in der ,Fjord-Bar‘ entwickelt, wobei sich der Alkoholkonsum an diesem Abend lediglich auf ein Getränk beschränkte. Der nächste Tag musste effizient genutzt werden.

Kapitel VIII

Fallanalyse an Bord

Kapitän Jacobsen war nicht gerade begeistert, stellte dem gemischten Ermittlerteam aber im Staffbereich einen Besprechungsraum samt modernem Smartboard zur Verfügung.

„Ich mache das nur unter Vorbehalt“, sagte Jacobsen, „aber ich will Ihrem Austausch auch nicht im Weg stehen.“

„Wir möchten Ihnen für dieses Entgegenkommen wirklich danken“, antwortete Thorsten Büthe.

„Dafür verlange ich aber, dass Sie alle absolutes Stillschweigen über Ihre Zusammenkunft bewahren“, fuhr der Kapitän fort. „Haben wir uns verstanden?“

Die Gruppe nickte zustimmend.

„Das gilt nicht nur den Passagieren gegenüber, sonder ebenso für das Bordpersonal.“

„Selbstverständlich“, erwiderte Thorsten, „das können wir Ihnen zusichern. Ich bin überzeugt, das gilt auch für unsere norwegischen Kollegen.“ Er sah Magnus und Ingrid an.

„Klar, das versteht sich von selbst“, sagte Andresen trocken.

Magnus Andersen hatte seinem Chef, Inger Olsen, von neuen Ermittlungsansätzen und einem möglichen Tatzusammenhang berichtet, die nur an Bord zu klären waren. Die Kooperation mit den deutschen Beamten hatte er bewusst unterschlagen.

„Und?“, fragte seine junge Kollegin, Ingrid Larsen, unsicher. „Wie hat er reagiert?“

„So wie ich es erwartet habe. Er wurde aus Bergen schon informiert und gebrieft, dass wir mit den bornierten Profilern aus Deutschland sympathisieren. Olsen hat getobt. Sollte er erfahren, dass wir gemeinsam an dem Fall arbeiten, können wir nach Rückkehr vor dem Schloss von König Harald als Palastwache stehen. Wir brauchen Erfolge, sonst bekommen wir den Anschiss unseres Lebens“, stellte Magnus Andersen klar.

Thorsten eröffnete die offizielle Analysephase. „Dann lasst uns erfolgsorientiert loslegen. Habt ihr die Unterlagen und Fotos von der toten Frau im Botanischen Garten?“

Das gemischte Team rief sämtliche Informationen zum Opfer, die Tatortberichte und das rechtsmedizinische Sektionsprotokoll samt den entsprechenden Fotos auf.

Ingrid Larsen stellte die bisherigen Erkenntnisse vor: „Nach den aktuellen Ermittlungen hatte sich Frida Iversen im Botanischen Garten fernab der Hauptwege auf einer Decke unter einen Baum gesetzt. Sie wollte sich wohl auf eine Klausur vorbereiten. Man fand entsprechende Unterlagen sowie eine Thermoskanne Tee am Tatort vor. Laut rechtsmedizinischem Gutachten wurde sie von hinten mit drei kräftigen Stichen in die rechte Halsseite getötet, die sowohl die Halsarterie, die rechte Halsvene als auch die Luft- und Speiseröhre durchsetzten. Der Tod muss unmittelbar eingetreten sein. Abwehrverletzungen in Form von Schnitt- und Stichwunden an Armen, Händen und Fingern fanden sich nicht. Sie muss von dem Angriff völlig überrascht worden sein. Hautvertrocknungen an Ober- und Unterlippe sprechen zudem dafür, dass ihr der Täter kräftig den Mund zugehalten haben muss, um sie am Schreien zu hindern. Vermutlich noch in der Agonie dürfte der Täter dann die Kopfhaut vom Scheitel beginnend bis zum Nacken in Form eines Skalps samt den langen blonden Haaren abgetrennt und mitgenommen haben. Das Messer muss eine Klingenlänge von mindestens 18 Zentimetern und eine Mindestbreite von vier Zentimetern aufweisen. Die Tatwaffe wurde nicht aufgefunden, weitere Spuren oder gar Zeugen sind nicht vorhanden. Bis zu dem Zeitpunkt, als der Skalp in Thorstens Koffer entdeckt wurde. Mehr haben wir nicht.“

Das Team ging die Befunde nach und nach ausführlich durch und betrachtete jedes Foto minutenlang, um auch die letzten Details herauszulesen, damit ihnen nicht der kleinste Hinweis entging.

Niemand konnte sich dem schrecklichen Anblick entziehen. Sie mussten ausblenden, was jeder Normal­sterbliche empfinden musste, der diesen optischen Eindrücken ausgesetzt war, denn jetzt ermittelten sie.

Die tote Frau war blutüberströmt an einen Baum gelehnt worden. Die Decke, die die Studentin genutzt hatte, lag geordnet etwa zwei Meter vor dem Opfer, wobei eine blutige Schleifspur zum Leichnam führte.

„Okay, dann beginnt jetzt unser Job“, eröffnete Thorsten die erste Phase der sogenannten Fallanalyse dieses Tötungsdeliktes mit der Tatrekonstruktion. „Was seht ihr auf den Fotos? Was fällt euch auf?“

Nina begann. „Frida war eine sehr attraktive Frau. Jung, blond, eine tolle Figur und große Brüste. Ihre Kleidung scheint aber unangetastet zu sein. Spricht nicht gerade für ein Sexualdelikt.“

Magnus warf ein: „Vielleicht wurde der Täter ja gestört?“, worauf Nina erwiderte: „Na ja, die Zeit zum Skalpieren hat er sich ja immerhin noch genommen, oder?“

Kristin führte weiter aus. „Schaut euch mal die Blutabrinnspuren an. Sie verlaufen sowohl aus den Halswunden als auch aus der abgetrennten Kopfhaut von oben senkrecht nach unten und sammeln sich pfützenartig im vorderen Hüftbereich.“

„Jetzt bin ich ja mal gespannt, was das aussagen soll“, warf Ingrid Larsen ein.

„Das will ich dir erklären“, fuhr Kristin fort. „Es spricht objektiv dafür, dass der Täter das Opfer nach den Halsstichen sofort in einer aufrecht sitzenden Position nach hinten gezogen und sie wiederum im Sitzen skalpiert haben muss. In der gesamten Angriffsphase ist sie nie zum Liegen gekommen, sonst hätten wir horizontale Abrinnspuren zu den Seiten finden müssen. Das war ein Ablauf, und der ging ratzfatz.“

Ingrid Larsen nickte anerkennend.

Thomas Schulte trat ans Smartboard. „Schaut euch die Decke an. Im hinteren Drittel zum Leichnam finden wir starke Blutstropfen und die beginnende blutige Schleifspur. Die flächigen Blutspuren auf der Decke sind unterbrochen. Seht ihr das? Genau hier. Glaubt ihr, dass ein Opfer, das auf einer Decke sitzt, nicht einmal zuckt, während ihm in den Hals gestochen und der Mund zugehalten wird? Es ist keine Schaufensterpuppe und wird versuchen aufzustehen oder zumindest zu strampeln. Das wird Frida auch getan haben. Schaut mal diese Blutspuren an. Es sieht aus, als seien sie erst flächig auf eine gefaltete Wolldecke aufgetragen und die Decke dann im Nachhinein wieder glatt gezogen worden“, mutmaßte Thomas und fuhr erklärend fort. „Nehmen wir mal an, Frida wird mit aufrechtem Oberkörper auf der Decke angegriffen. Sie schafft es nicht mehr, sich gegen die Stiche zu wehren, versucht aber, in eine aufrechte Position zu kommen, sich zu drehen oder in eine andere Position zu kommen. Blut tropft und läuft am Körper herunter auf die Decke, wo es sich teilweise flächig ausbreitet. Durch die Dynamik wird die Decke verschoben und faltig. Der Täter zieht sein Opfer dann auf den Rasen zu dem Baum, um es dort anzulehnen. Haarreste und Blut am Baumstamm implizieren, dass erst hier die Kopfhaut abgetrennt worden sein kann. Wenn ihr euch die Decke jetzt noch mal mit diesen Gedanken anschaut, fällt doch auf, dass sie total glatt und geordnet am Boden liegt. Die vorher flächigen Blutspuren sind auseinandergerissen und weisen freie, nicht beblutete Areale auf. Selbst wenn der Mörder den Leichnam darüber wegzieht, wäre sie nicht faltenfrei. Könnt ihr das nachvollziehen?“ Thomas blickte in die Runde, alle nickten.

Carlotta hakte ein: „Ihr meint, dass der Täter die Decke geordnet haben muss, nachdem er dem Mädchen die Kopfschwarte abgetrennt hat? Frei nach dem Motto ‚Ordnung muss sein‘?“ Das wäre wirklich kaum zu fassen.

Mit Blick auf die Psychologin stellte Maik Holzner fest: „Das wird dann wohl deine psychologische Herausforderung sein, das zu erklären, Carlotta.“

„Ich finde das echt total spooky!“, kommentierte die Angesprochene.

Thorsten resümierte: „Wir haben hier also einen Täter oder eine Täterin, denn denkt an Omi mit ihrem Rollator, der weder den durchaus sichtbaren sexuellen Reizen des Opfers erliegt noch Interesse an dessen Wertsachen zeigt. Er trennt den blonden Haarschopf samt Kopfschwarte ab und ordnet anschließend die Wolldecke mit den Unterlagen der Studentin. Dann führt die Spur zu der älteren Dame, die mir den Skalp in ihrem Koffer vor der ,Norwave‘ untergeschoben hat. Ich bin schon gespannt, was euer Chef dazu sagen wird, wenn ihr ihm diese Variante vorstellt“, frotzelte der OFA-Leiter und regte an: „Dann lasst uns die Situation im Park und auf der Decke samt Angriff, Tötung und Verlagerung mal praktisch rekonstruieren und einen botanischen Garten auf einem Kreuzfahrtschiff bauen.“

Das Team stellte alle erdenklichen Sitz-, Angriffspositionen und Verlagerungen des toten oder zumindest schwerstverletzten Opfers nach. Eine geordnete Decke wie auf den Tatortfotos zu hinterlassen, bekamen sie einfach nicht hin.

Nachdem man sich so ein tieferes Fallverständnis erarbeitet hatte, galt es einzuschätzen, welche Beziehung zwischen Opfer und Täter bestanden haben könnte. Waren sich beide schon einmal begegnet? Kannte nur der eine den anderen oder die andere? Oder war die Studentin nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen und somit ein reines Zufallsopfer? Was aber war für den Täter dann der Auslöser für eine solche Tat, wenn persönliche, sexuelle und Bereicherungsmotive nicht infrage kamen? Warum hatte man Frida Iversen skalpiert und den Skalp sogar mitgenommen? Als Trophäe? Täter, die Souvenirs ihrer Opfer sammeln, behalten sie in der Regel, um ihre Tat immer wieder Revue passieren zu lassen. Man übergibt sie nicht einfach so einer anderen Person, schon gar nicht einem Profiler auf einem Kreuzfahrtschiff. Vielleicht war es ja wirklich reiner Zufall, und es hätte auch den Bäcker aus Wanne-Eickel treffen können. Schließlich hatte er der Dame mit Rollator seine Hilfe aufgedrängt, nicht umgekehrt.

Das Team versuchte noch, die Rolle der älteren Dame einzuordnen. Konnte sie trotz ihrer unverkennbaren Gebrechlichkeit die Täterin sein? Welche Rolle hatte sie in der Tatabfolge? Sie mussten spekulieren, so blieb das Ergebnis offen. Die Profiler waren nun mal wie bereits erwähnt keine Hellseher.

„Dann betrachten wir doch jetzt Fall zwei“, schlug der OFA-Leiter vor. „Wann genau haben wir im Team darüber gesprochen, dass wir mit der Fløibahn auf den Berg fahren wollen? Wo könnte jemand etwas davon mitbekommen haben?“, hinterfragte Thorsten.

„Gestern Abend in der Bar haben wir über den Ausflug gesprochen und auch die Abfahrtzeit des Shuttlebusses vereinbart. Ebenso könnte uns natürlich heute auch wer beim Frühstück belauscht haben“, erwähnte Thomas.

„Oder im Fahrstuhl, auf dem Flur, auf der Gangway, oder, oder, oder“. . ., warf Kristin ein. „Interessant ist ja, dass der Mörder auch erst um acht Uhr von Bord konnte. Dann musste er oder sie erst mal oben im Trollwald ankommen, sich ein passendes Opfer suchen, töten, skalpieren und entkleiden. Anschließend die Klamotten in dem Gebüsch platzieren, ebenso Tanga und BH, bevor wir oben angekommen waren. Echt sportlich“, fuhr die Profilerin fort.

„Du hast vergessen, dass unser Täter oder unsere Täterin vorher eine Skizze zeichnen und sie Thorsten – wo auch immer – zustecken musste. Darauf ist aber schon der Ort und in etwa die Fundsituation des Leichnams eingezeichnet. Woher weiß unser Täter denn zu diesem Zeitpunkt schon, dass er dort ein geeignetes Opfer finden, töten und es genauso platzieren kann?“, wandte Maik ein.

„Wir brauchen die Listen sämtlicher Nutzer der Shuttlebusse vor und mit uns und wenn möglich, auch eine der ersten Passagiere der Fløibahn, einschließlich der, die wir genutzt haben. Kannst du das veranlassen, Magnus?“, bat Thorsten seinen norwegischen Kollegen.

„Wie kommt man denn außer mit der Fløibahn nach oben? Mit einem Leihwagen, Taxi oder was gibt es noch?“, warf Nina ein.

„Das checken wir“, bot Ingrid Larsen an.

Carlotta wirkte nachdenklich. „Glaubt ihr, unser Täter kennt sich so gut aus und wusste bereits, wen und wo er töten wollte, als er die Skizze zeichnete? Müssen wir wirklich sicher sein, dass der Täter an Bord war?“

„Hattest du gestern auch deine Windjacke an, Thorsten?“, hakte Kristin nach.

„Nein. Die habe ich extra für den Ausflug angezogen. Die Zeichnung kann erst am Morgen in der Tasche platziert worden sein. Ob schon an Bord, im Bus oder erst vor oder in der Gondel, kann ich nicht sagen. Da war ja ein totales Gedränge“, erinnerte sich Thorsten Büthe.

„Können wir denn ausschließen, dass unser Täter erst in den Trollwald gefahren, dort getötet, die Skizze gezeichnet hat, wieder runtergefahren ist und dir erst dann die Zeichnung zugesteckt hat?“, hinterfragte Nina Bachmann.

„Sicher“, warf Maik ein, „nur wenn das so ist, kann er eigentlich nicht an Bord gewesen sein. Aber wie will der Täter erfahren haben, dass wir die Tour mit der Fløibahn gebucht haben? Hätten wir nämlich die Stadtrundfahrt gewählt, wäre dieser Plan überhaupt nicht aufgegangen.“

Carlotta war sich unsicher, ob sie ihre Hypothese einwerfen sollte, tat es dann aber doch. „Mit zwei Tätern könnte es klappen. Einer tötet, einer zeichnet und platziert die Skizze. Dann fällt unser Zeitproblem weg, und wir hätten die Omi wieder im Spiel. Vielleicht war dann sogar nur einer oder eine an Bord, und der eigentliche Mörder reist parallel mit.“

Stille.

„Puh, das muss ich erst mal sacken lassen. Können wir feststellen, ob es möglich ist, Anrufe an und von Bord zu erfassen? Falls es so war, wie Carlotta vermutet, müssten die beiden ja irgendwie zwischen Schiff und Festland kommuniziert haben“, stellte Thorsten fest.

„Ich lasse das über den Kapitän und die Kollegen in Bergen klären“, sagte Magnus Andersen zu. „Auch in Oslo versuche ich mein Bestes. Vielleicht gibt es ja Doppeltreffer.“

„Haben wir schon Näheres zum Opfer? Gibt es Angaben, wann die Frau in den Trollwald gegangen ist? Was ist mit ihren Handydaten? Bringt uns eine Todeszeitbestimmung der Rechtsmedizin weiter? Was hat eigentlich der riesige Troll ausgesagt? Wie hieß der noch mal?“, fragte Maik.

„Børre Thorsen“, erklärte Ingrid Larsen. „Er konnte noch nicht vernommen werden, da sein Betreuer bislang nicht erreicht wurde. Allein kommen die Kollegen nicht an ihn ran. Die Ermittlungen zum Opfer laufen noch. Es handelt sich um Edith Hansen. Sie studierte Geschichte und schrieb ihre Bachelorarbeit über Trollskogen. Die Eltern leben im Norden Norwegens. Man hat sie erst gestern Abend informiert. Leider sind sie bisher nicht vernehmungsfähig, das kann dauern. Der Sektionsbefund liegt auch noch nicht vor, aber wir sollten nicht darauf vertrauen, dass sich die Todeszeitbestimmung auf Minuten festlegen lässt. Edith Hansens Handy ist gespiegelt. Die Daten müssten wir heute bekommen“, sagte Ingrid Larsen.

„Okay, dann lasst uns das abwarten, bevor wir alles umwerfen müssen. Ihr seht, wir können momentan noch nichts ausschließen und sollten offen bleiben. Ich weiß nur, dass ich beim Sprint auf den Berg ganz bestimmt keiner alten Dame mit Rollator gefolgt bin“, erklärte der OFA-Leiter.

„Bist du dir sicher, Thorsten? Von einem Sprint hatte ich bislang andere Vorstellungen. Ich würde nicht ausschließen, dass eine Täterin mit einem Rollator schneller wäre als du“, frotzelte die Psychologin.

„Liebe Kollegen aus Oslo, würdet ihr euch bitte kurz umdrehen und ein Lied pfeifen, während ich die Psycho-Tante von Bord werfe“, bat Thorsten mit einem Augenzwinkern.

„Warten wir ab, was die Erkenntnisse aus Bergen und hier an Bord ergeben. Vielleicht kommen wir ja über die Listen der Shuttlebusse oder die Ausflügler zum Fløyen weiter. Nina, Kristin, könnte ihr das bitte übernehmen? Thomas, Maik, würdet ihr bitte die Kameras mit dem Security Offizier checken und vor allem aufmerksam bleiben. Wir treffen uns vor dem Abendessen um 17 Uhr und bereiten den nächsten Landausflug vor. Ingrid, Magnus, ich würde es begrüßen, wenn ihr die Kollegen in Hellesylt und dann auch gleich in Geiranger sensibilisieren könntet. Ich möchte nicht wieder mit einer neuen Frauenleiche konfrontiert werden“, erklärte der Profiler.

„Ich glaube, du gehst von falschen Voraussetzungen aus. Hellesylt hat maximal 700 und Geiranger keine 300 Einwohner. Wenn wir Glück haben, gibt es dort einen kleinen Polizeiposten, mehr nicht“, gab Magnus zu bedenken.

„Oh, dann wird sich der eine oder werden sich die beiden Kollegen aber freuen“, frotzelte Büthe und löste die erste Analysephase auf.

Man trennte sich, vereinbarte aber, am Abend wieder zusammenzukommen. Etwas freie Zeit würde allen guttun, fanden sie. Die Mädels hatten beschlossen, gemeinsam etwas essen zu gehen. Sie einigten sich darauf, das heutige Büffet zu inspizieren, da Kristin noch unentschlossen war, was sie kulinarisch ansprechen würde. Nina und Carlotta hatten es auf Fisch und Salat abgesehen. Kristin lud sich eine bunte Mischung kleiner Köstlichkeiten auf den Teller. Bei einem Glas Wein kam man unwillkürlich wieder auf die Fälle zu sprechen.

„Ich kann mir gut vorstellen, dass Carlotta mit ihrer Vermutung recht hat. Ein Täter allein könnte das alles so überhaupt nicht inszenieren“, sagte Nina nachdenklich und spießte ihre Gabel wieder in den Heilbutt.

„Einfacher wäre es in der Tat“, gab Kristin widerstrebend zu, „aber wir sollten auch weiter durchdenken, wie es einem Mörder allein gelungen sein könnte. Vielleicht haben wir es mit einem Verkleidungskünstler zu tun, der genau die Reise vor dieser Fahrt schon einmal unternommen hat. Dabei wäre es ihm möglich gewesen, alles genau zu planen. Auch die Zeichnungen hätte er daraufhin schon anfertigen können.“

„Dann hätte er immer einer der ersten Passagiere sein müssen, die das Schiff an den Häfen verlassen haben. Anders klappt es nicht“, wandte Carlotta ein.

Nina grinste. „Warum nicht gleich drei Täter? Mutter und Tochter an Bord, damit es unauffälliger wirkt und deren Partner an Land. Da würde doch ebenfalls ein Schuh draus. Auf jeden Fall könnte das auch den Auftritt der Oma erklären.“

„Ich glaube, eure Fantasie geht mit euch durch“, stöhnte Kristin. „Gleich erzählt ihr mir noch, wir seien die einzigen Passagiere an Bord, die nichts mit den Morden zu tun haben.“

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
291 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783827183699
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