Kitabı oku: «Die Herrschaft der Rotzlöffel»
Susanne Schnieder mit Carsten Tergast
DIE HERRSCHAFT
DER ROTZLÖFFEL
Wie wir die Verhältnisse im Kindergarten
endlich wieder vom Kopf auf die Füße stellen

Sämtliche Angaben in diesem Werk erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr. Eine Haftung der Autoren bzw. Herausgeber und des Verlages ist ausgeschlossen.
1. Auflage
© 2020 Ecowin bei Benevento Publishing Salzburg – München,
eine Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen sowie der Übersetzung, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Gesetzt aus der Palatino, Vidaloka
Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:
Red Bull Media House GmbH
Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15
5071 Wals bei Salzburg, Österreich
Satz: MEDIA DESIGN: RIZNER.AT
Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
Printed by Finidr, Czech Republic
ISBN: 978-3-7110-0261-7
eISBN: 978-3-7110-5286-5
Gendererklärung
Für eine bessere Lesbarkeit verwenden wir im nachfolgenden Text zumeist die Sprachform des generischen Maskulinums. Personenbezogene Aussagen beziehen sich auf alle Geschlechter.
Inhalt
Ein Wort vorweg
Und nun, Frau Zukunftsingenieurin?
Kann ein Gesetz gute Kindergärten »machen«?
Oder: Wie Politik scheinbar reagiert und sich elegant aus der Affäre zieht
Von der Kindergartentante zur Konfliktmanagerin
Sozial, unsozial, scheißegal?
Kita tiefgekühlt und auf Droge
Essen, Ernährung und Gesundheit in der Kita
Er wollte doch so gern her! Kranke Kinder in der Kita
Oh, ein Schmetterling!
Wenn Kinder plötzlich verschwinden und warum hinter dem Wort Aufsichtspflichtverletzung viel mehr steckt, als wir glauben
Die Macht des Wörtchens »Nein«.
Mehr Selbstbewusstsein, bitte!
Der Antreibertest
Ach! Du hast wieder nur gespielt!
Ein Plädoyer für die Wichtigkeit des Spieles
Zwischen politischer Bildung und persönlichem Lebensassistent
Wie uns der goldene Mittelweg abhanden kam
Ansteckpartys und Virusferien
Was die Corona-Krise mit unserem Thema zu tun hat
Das Kapitän-und-Leuchtturm-Konzept
Für Fachkräfte: der Erzieherfragebogen
Nachwort/Danksagung
Ein Wort vorweg
Es ist Herbst 2019. Die Tinte unter den Verträgen ist trocken, wir beginnen mit der Arbeit an diesem Buch. Die Marschrichtung ist klar: Wir werden über eine Krise schreiben, die Krise im System der Kindergärten und Kindertagesstätten, die sich hartnäckig hält, die Familien genauso belastet wie Erzieher in den Einrichtungen. Während wir schreiben, laufen die Kitas im Land im Normalbetrieb, kämpfen tagtäglich viel zu wenige Erzieher mit viel zu großen Gruppen von Kindern und mit Rahmenbedingungen, die oft alles andere als guter Arbeit zuträglich sind. Wir schreiben auch deshalb darüber, weil diese Krise längst business as usual geworden ist, der Normalbetrieb ist weit entfernt von einem Idealbetrieb. Wenn wir also im Herbst 2019 an Krise denken, dann gilt unser Gedanke eben diesem Normalbetrieb in den Kindertagesstätten.
Zeitsprung.
Es ist Frühsommer 2020. Das Manuskript ist fertig und draußen in der Welt scheint nichts mehr, wie es noch ein halbes Jahr zuvor gewesen ist. Wenn wir jetzt an Krise denken, über Krise sprechen, dann über eine, die alle anderen Krisen in den Hintergrund gerückt hat. Diese eine wird Corona-Krise genannt, ein griffiger Ausdruck, irgendwann von irgendeinem Journalisten zum ersten Mal benutzt und schließlich zur Beschreibung dessen geworden, was sich seit dem Beginn des Jahres wie ein grauer Schleier über die ganze Welt legt.
Zu dieser Welt gehören auch die Kitas und Kindergärten, zu ihr gehören die Kinder, die Eltern, die Erzieher, die Träger der Einrichtungen und die Politiker, die Entscheidungen über die Arbeit dieser Einrichtungen zu treffen haben. Während solche Entscheidungen sich jedoch bisher damit beschäftigten, wie viel Geld ins System fließen soll, wie die Arbeitsbedingungen vor Ort aussehen oder wie man dem Fachkräftemangel entgegenwirken kann, geht es im April, Mai und Juni 2020 vor allem darum, wann und in welcher Form Kitas und Kindergärten wieder öffnen dürfen.
Dabei legt diese Diskussion ganz verschiedene Probleme offen, die vorher häufig nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert wurden. Da ist zum einen das Anspruchsdenken mancher Eltern, das von Politikern, sei es aus Unkenntnis, sei es aus Wahlkampftaktik, noch gefördert wird. So zitiert der Spiegel den sächsischen Kultusminister Christian Piwarz während der Diskussion um die ersten Lockerungen mit den Worten:
»Gerade für Eltern kleinerer Kinder sei die Zeit der Schließung von Kitas enorm belastend, erklärte der Minister. ›Für nicht wenige ist die Schmerzgrenze erreicht.‹ Aber auch für die Kinder sei es ›von elementarer Bedeutung, spielen, toben und lernen zu können.‹ ›Der Erwerb der grundlegenden Kulturtechniken ist weder im Selbststudium möglich noch kann diese Aufgabe den Eltern übertragen werden‹, begründete Piwarz die Öffnung der Kitas und Schulen.«
Das mag, im ersten Moment nachvollziehbar klingen, doch schon beim zweiten Lesen beginnt das Stirnrunzeln über die Zuschreibung, die der Minister hier vornimmt. Nicht nur, dass er das Grundgesetz nicht zu kennen scheint, nach dem »Pflege und Erziehung der Kinder« nicht nur »das natürliche Recht der Eltern«, sondern auch »die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht« sind. Darüber hinaus bildet diese Äußerung eines hohen deutschen Bildungspolitikers sehr schön die aus dem Ruder gelaufene Anspruchshaltung gegenüber Kindertageseinrichtungen ab. Die ursprüngliche Funktion einer sinnvollen Ergänzung zur elterlichen Erziehung ist längst von einem Anspruch auf Rundumversorgung abgelöst worden. Die Diskussionen um ständige Erweiterungen von Öffnungszeiten, um Frühstück, Mittagessen und Abendbrot in der Kita oder um ständig wachsende Kompetenzen von Erziehern hat in der Corona-Krise dazu geführt, dass ein zeitweiliger Ausfall all dieser scheinbaren Selbstverständlichkeiten katastrophale Zustände in vielen Familien auslöst.
Damit wir uns richtig verstehen: Der plötzliche ungeplante Wegfall von Kinderbetreuungsmöglichkeiten hat natürlich zu organisatorischen Schwierigkeiten und sicher auch zu einer nervlichen Mehrbelastung bei vielen Eltern gesorgt. Das soll überhaupt nicht kleingeredet werden. Doch offenbart die Krise auch, dass die Annahme, Erzieher seien die sprichwörtliche Eier legende Wollmilchsau offenbar falsch war. Sie offenbart, dass in einer nicht eben kleinen Anzahl von Familien zwar das Kinderkriegen selbstverständlich war, nicht aber der entsprechende Aufwand für Pflege und Erziehung. Man hat sich daran gewöhnt, die Kinder vor allem in den entspannten und guten Momenten um sich zu haben. Das Bewusstsein dafür, dass es mit Kindern immer auch andere, schwierige, traurige und bisweilen nervenzerfetzende Momente gibt, ist dem Outsourcing von Erziehungsleistungen zum Opfer gefallen und kehrt nun zurück.
Das mag für einige Eltern hart sein, für unser Anliegen, die Problemstellungen in der Welt der Kitas und Kindergärten ins Licht zu rücken, ist diese Krise vielleicht sogar zuträglich. Denn wie kann etwas offenbar so wichtig und für das Seelenwohl vieler Familien so entscheidend sein, das doch bisher meist unter dem Radar von Politik und Gesellschaft lief? Viel ist vom Begriff der Systemrelevanz gesprochen worden in dieser Krise, und natürlich waren erst mal wieder Banken, Automobilkonzerne oder Fluggesellschaften gemeint. Erst im Laufe der Diskussion ging dann manchem ein Licht auf. Menschen, die in der Pflege und in anderen medizinischen Bereichen arbeiten, schienen wohl plötzlich doch auch systemrelevant zu sein, Verkäufer im Supermarkt ohne Möglichkeit, ins Homeoffice zu wechseln und sich der Ansteckungsgefahr zu entziehen, waren es irgendwie ebenfalls. Und, ja, auch Erzieher und Lehrer müssen wohl doch irgendwie systemrelevant sein, wenn ihre Dienstleistung nach nur wenigen Wochen bereits so schmerzlich vermisst wird.
Wie wohl alle Menschen hoffen auch wir, dass es ein »nach Corona« geben wird, das mit unserem vorherigen Leben noch möglichst viel zu tun hat. Während der Drucklegung dieses Buches ist vieles noch nicht absehbar, auch der Betrieb in den kurz zuvor wieder geöffneten Kitas und Kindergärten ist zu diesem Zeitpunkt ein mit vielen Unwägbarkeiten und Unsicherheiten gepflasterter Weg. Und doch lässt sich sagen, dass wir aus dieser Krise etwas für die Zukunft mitnehmen sollten. Nämlich die Erkenntnis, dass Kindertageseinrichtungen besonders dann gute Arbeit leisten können, wenn sie einerseits nicht mit unrealistischen Erwartungen überfrachtet werden und andererseits die tägliche Leistung, sowohl von Elternseite aus als auch von der politischen Ebene, sehr viel stärker gewürdigt und unterstützt wird. Viele Eltern verhalten sich hier vorbildlich, und auch manchem Politiker ist sein ehrliches Bemühen anzumerken. Und doch ist hier viel Luft nach oben, gibt es viele Wünsche und Bedürfnisse, die kein Luxus, sondern Notwendigkeit sind.
Wenn also irgendwann »nach Corona« wieder so etwas wie ein Normalbetrieb in den Kindertageseinrichtungen möglich ist, wäre es schön, wenn die Erfahrungen der Krise in die Neugestaltung dieses Normalbetriebs eingehen würden und ihn zum Vorteil aller Beteiligten, Kinder, Eltern und Erzieher verändern würden.
Und nun, Frau Zukunftsingenieurin?
Ein Tag im September, in einem Kindergarten irgendwo in Deutschland. Seit August sind die neuen Kinder in der Einrichtung, und eine aufregende Zeit für alle Beteiligten hat begonnen. Wie an jedem Tag herrscht ein ganz schönes Gewusel in den Räumen, aufgeregtes Geschnatter hier, intensives Spiel dort, und die Erzieher sind vollauf damit beschäftigt, Ordnung in das Gewusel zu bringen.
Mittendrin: Leonie, im Frühjahr drei Jahre alt geworden, ein etwas schüchternes, aber freundliches Mädchen mit einer hübschen Zopffrisur. Aufmerksam hört sie zu, als die Erzieherin Heike den Kindern das Bewegungsspiel erklärt, dem sich die Gruppe nun widmen soll. Im Turnraum der Einrichtung ist eine Bank in die Sprossenwand eingehängt. Die Kinder sollen vorsichtig die leicht schräge Bank hinaufbalancieren und am Ende zunächst auf einen kleinen, danebenstehenden Kasten hüpfen, danach von diesem auf den Boden und wieder von vorne beginnen. Sind die Kinder unsicher, geben die Erzieher Hilfestellung, die forscheren Jungen und Mädchen rennen die Bank selbstbewusst allein hinauf. Joshua, der daheim im Garten einen richtigen Kletterbaum zur Verfügung hat, beschwert sich, dass die leichte Übung ja »total langweilig« sei.
Die Bank wird nicht sonderlich beansprucht, drei- und vierjährige Kinder bringen nun mal noch nicht so viele Kilos auf die Waage. Nur bei einem Teilnehmer der sportlichen Runde biegt sie sich merklich durch und die Erzieher hoffen, dass die Sprosse, an der die Bank eingehängt ist, nicht durchbrechen wird. Kein Wunder, dass Bank und Sprossenwand hier ächzen, denn dieser Teilnehmer ist nicht drei oder vier Jahre alt, sondern bereits 35, er heißt Dirk, und außerdem ist er Leonies Vater.
Immer häufiger kommt es beim Wort »Eingewöhnungsphase« zu Fehlinterpretationen, so auch in diesem Fall. Zum einen scheint es so, als wenn weniger Leonie als ihr Vater sich eingewöhnen müsste, zum anderen zeigt dieser Fall exemplarisch, wie wenig selbstverständlich heute in vielen Fällen die ganz normalen Routinen im Umgang mit Kindern sind.
Dirk bringt Leonie von Beginn an in den Kindergarten, und schnell merken die Erzieher, dass es mit ihm herausfordernd werden wird. Er weicht dem Kind nicht von der Seite, guckt sich die Arbeit der Erzieher mit großem Interesse an und schreckt auch nicht vor der einen oder anderen Handlungsempfehlung zurück. Leonie findet es natürlich toll, dass ihr Papa die ganze Zeit anwesend ist, und so hatte sie auch heute die Idee, dass er doch an der Sportrunde teilnehmen könnte. Hatten die Erzieher bis hierhin noch gedacht, es könne selbst für Dirk eine Grenze geben, so wurden sie nun eines Besseren belehrt. Ein erwachsener Mann, der ganz offenbar nichts Außergewöhnliches daran findet, mitten in einer Kindergartengruppe von Drei- und Vierjährigen mitzumachen, als wenn er selbst dazugehören würde. Hatten die Erzieher bisher noch darauf gesetzt, dass sich das »Thema« Dirk irgendwann von alleine erledigen würde, so erschien ihnen nun doch akuter Handlungsbedarf. Anstatt sanfter Hinweise, seine Tochter doch einfach in Ruhe ihren Kindergartenalltag erleben zu lassen, bat die Leiterin ihn zum Gespräch. Auf die nun deutlicheren Worte, dass sein Verhalten unangemessen sei, reagierte er verunsichert. Er wolle seiner Tochter doch nur die Eingewöhnung erleichtern. Sie brauche doch das Gefühl, dass Papa die ganze Zeit für sie da sei, auch in der ungewohnten neuen Umgebung des Kindergartens.
Erst nach einigen Minuten des Gesprächs kam eine erste unsichere Frage seinerseits, ob er es denn tatsächlich übertreibe. Diese Erkenntnis, das war ganz deutlich zu spüren, musste sich erst langsam in ihm ausbreiten, bisher war er wirklich felsenfest davon ausgegangen, zum Wohle seiner Tochter zu handeln, sein Verhalten kam ihm nicht im Geringsten merkwürdig vor.
Wenn wir von Beispielen wie diesen erzählen, schwanken die Reaktionen zwischen lautem Lachen, ungläubigem Staunen, traurigem Kopfnicken und dem im Brustton der Überzeugung vorgetragenem Vorwurf, das hätten wir uns doch alles nur ausgedacht, um die Leser zu schocken. Als wir vor drei Jahren die Arbeit an Die Rotzlöffel-Republik abgeschlossen hatten und das Buch erschienen war, zeigten uns die Reaktionen, dass wir in ein Wespennest gestochen hatten. Begeisterte Zustimmung einerseits, Protest und fehlender Glaube, dass das, was wir beschrieben tatsächlich existiert, andererseits, erreichten uns sowohl auf Veranstaltungen als auch schriftlich. Kinder, ihre Entwicklung, frühkindliche Bildung, die Betreuungssituation in einer Zeit, in der immer mehr Eltern nicht mehr aus dem Hamsterrad auszusteigen vermögen, all das bewegt viele Menschen, mehr noch: Es erzeugt unglaublich viele unterschiedliche Ansichten, wie wir uns angesichts der aktuellen Entwicklungen zu verhalten haben.
Naturgemäß geraten in dieser Diskussion zuerst die Kinder selbst aus dem Blick, denn diese können im Alter bis zu sechs Jahren noch nicht so viel Einfluss auf die öffentliche Diskussion nehmen. Ihre Interessen jedoch müssten gegenüber der Politik, die die Rahmenbedingungen zu schaffen hat, gleichermaßen vom Kita-Personal und von den Eltern vertreten werden. Leider ist das immer seltener der Fall, und man hat als erfahrener Erzieher immer häufiger das Gefühl, an allen Fronten gegen Mauern zu rennen, wenn man auf Missstände aufmerksam macht.
Seit Erscheinen des Buches ist die Großwetterlage nicht besser geworden, und wir werden zusätzlich noch die Folgen der Corona-Krise zu meistern haben, auch wenn, wie im Vorwort beschrieben, hier sogar positive Effekte eintreten könnten. Natürlich wird in sehr vielen Einrichtungen nach wie vor großartige Arbeit geleistet, die Kinder sind dort gut aufgehoben. Doch die Bedingungen, unter denen dies geschieht, verschlechtern sich weiter, und zwar in gleichem Maße, wie die Anzahl der Problemfälle aufseiten der Kinder und Eltern steigt.
Im letzten Kapitel der »Rotzlöffel-Republik« ging es um die Erzieher als »Zukunftsingenieure« – ein Begriff, der beschreiben sollte, dass gerade in diesen ersten sechs Jahren außerhäuslicher Betreuung von Kindern die Weichen für die Zukunft gestellt werden und die Erzieher dabei eine viel wichtigere Rolle spielen, als ihnen unsere Gesellschaft derzeit zuweist. Es sollte an dieser Stelle gerechterweise nicht verschwiegen werden, dass der Fachkräftemangel zumindest in Ansätzen dafür gesorgt hat, dass die Politik einen anderen Blick auf das Berufsfeld bekommt. Ein Ergebnis dessen ist etwa das sogenannte Gute-Kita-Gesetz. Dieses Gesetz sorgt dafür, dass zusätzliches Geld in den Elementarbereich fließt. Problem also gelöst? Nicht wirklich. Es ist jedem Bundesland freigestellt, wie diese Mittel verwendet werden. Damit tritt eher selten der Effekt ein, dass endlich mehr Personal vorhanden ist und die Betreuungslage sich tatsächlich entspannt. Stattdessen wird vielerorts noch mehr Geld beispielsweise in Qualitätsmanagementprojekte mit zweifelhaftem Output gesteckt. Mit anderen Worten: Einfach nur mehr Geld ins System pumpen reicht nicht, wenn es anschließend sinnlos »verbrannt« wird.
Schauen wir also genau hin, was passieren muss, um einer der wichtigsten Keimzellen unserer Gesellschaft wieder besser zu stärken. Dazu lohnt es sich, das »Gute-Kita-Gesetz« einer näheren Prüfung zu unterziehen.
Kann ein Gesetz gute Kindergärten »machen«?
Oder: Wie Politik scheinbar reagiert und sich elegant aus der Affäre zieht
Natürlich heißt das »Gute-Kita-Gesetz« gar nicht so. Tatsächlich heißt es »Kita-Qualitäts- und Teilhabeverbesserungsgesetz« oder wie man unter Abkürzungsfetischisten sagt: »KiQuTG«. Aber bleiben wir trotzdem bei der interessanten Formulierung, die auch vonseiten der Politik durchaus genehm zu sein schien. »Gute-Kita-Gesetz«, das soll positiv klingen, Aufbruchsstimmung hervorrufen. Vor allem aber soll es uns alle glauben lassen, es bedürfe lediglich eines simplen Gesetzes, um jahrzehntelange Misswirtschaft auszumerzen. Tatsächlich wirft diese Bezeichnung mindestens zwei Fragen auf: Wenn die Kitas nun per Gesetz »gut« gemacht werden sollen, waren sie vorher alle schlecht? Und: Ist es so einfach? Kann man die unzähligen Kitas im Land einfach per Dekret »gut« oder gar besser machen?
Zugegeben, diese Fragen sind vielleicht ein wenig spitzfindig, und vielleicht werden Sie sagen, wir sollten uns doch freuen, dass sich die Politik endlich für das Wohlergehen der Kitas interessiert. Das ist auch der Fall, in der Not greift man schließlich nach jedem Strohhalm. Letztlich gilt jedoch: Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Soll heißen: Wir freuen uns tatsächlich, dass es offenbar zumindest eine erhöhte Wahrnehmung der Probleme im Elementarbereich seitens der politischen Entscheidungsträger auf höchster Ebene gibt. Gleichzeitig jedoch weist das, was bei dieser Wahrnehmung am Ende herausgekommen ist, so entscheidende Mängel auf, dass es unerlässlich ist, das Ganze genauer unter die Lupe zu nehmen und den Entscheidungsträgern ins Stammbuch zu schreiben, warum dieses Gesetz zum Rohrkrepierer zu werden droht.
Das Gesetz trat zum 1. Januar 2019 in Kraft, also lange bevor der erste Buchstabe des Manuskriptes für dieses Buch in die Tastatur getippt war. Ende 2019, als erste Teile dieses Buches ihrer Fertigstellung entgegensahen, hatte mit Hessen endlich das letzte Bundesland den Vertrag mit dem Bund unterschrieben. Fast ein Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes waren also tatsächlich alle Bundesländer im Boot, und möglicherweise ist nun, da Sie dieses Buch in Ihren Händen halten, auch »schon« das erste Geld geflossen. Allein an diesem Prozedere, nämlich der dem Bildungsföderalismus geschuldeten Notwendigkeit, mit jedem Bundesland einen eigenen Vertrag abzuschließen, zeigt sich ein Grundproblem deutscher (Bildungs-) Politik. Bis Probleme erkannt und ihre vermeintlichen Lösungen in Gesetzesform gegossen sind und mit der Umsetzung begonnen werden kann, geht so viel Zeit ins Land, dass sich die bestehenden Probleme verschärft haben und neue hinzugekommen sind.
Da sich die Große Koalition nicht so richtig einig werden konnte, wofür denn die stattliche Summe von 5,5 Milliarden Euro aus dem Paket tatsächlich eingesetzt werden sollen – die CDU war mehr für Investitionen in Qualität, die SPD für eine stärkere Entlastung der Eltern bei den Beiträgen – entschloss man sich, im Gesetz zehn »Handlungsfelder« festzulegen, für die die Länder das Geld vom Bund selbstständig verwenden sollen. Das klingt dann so:
1.ein bedarfsgerechtes Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsangebot in der Kindertagesbetreuung schaffen, welches insbesondere die Ermöglichung einer inklusiven Förderung aller Kinder sowie die bedarfsgerechte Ausweitung der Öffnungszeiten umfasst,
2.einen guten Fachkraft-Kind-Schlüssel in Tageseinrichtungen sicherstellen,
3.zur Gewinnung und Sicherung qualifizierter Fachkräfte in der Kindertagesbetreuung beitragen,
4.die Leitungen der Tageseinrichtungen stärken,
5.die Gestaltung der in der Kindertagesbetreuung genutzten Räumlichkeiten verbessern,
6.Maßnahmen und ganzheitliche Bildung in den Bereichen kindliche Entwicklung, Gesundheit, Ernährung und Bewegung fördern,
7.die sprachliche Bildung fördern,
8.die Kindertagespflege (§ 22 Absatz 1 Satz 2 des Achten Buches Sozialgesetzbuch) stärken,
9.die Steuerung des Systems der Kindertagesbetreuung im Sinne eines miteinander abgestimmten, kohärenten und zielorientierten Zusammenwirkens des Landes sowie der Träger der öffentlichen und freien Jugendhilfe verbessern oder
10.inhaltliche Herausforderungen in der Kindertagesbetreuung bewältigen, insbesondere die Umsetzung geeigneter Verfahren zur Beteiligung von Kindern sowie zur Sicherstellung des Schutzes der Kinder vor sexualisierter Gewalt, Misshandlung und Vernachlässigung, die Integration von Kindern mit besonderen Bedarfen, die Zusammenarbeit mit Eltern und Familien, die Nutzung der Potentiale des Sozialraums und den Abbau geschlechterspezifischer Stereotype.
Viele schöne Worte, gleichwohl nur schwer mit Inhalt zu füllen. Allein die Tatsache, dass es den Bundesländern vollkommen freigestellt ist, wie sie die Mittel verwenden, führt dazu, dass mindestens ein großes Dilemma bereits deutlich zutage tritt und aufzeigt, warum sich qualitativ durch dieses Gesetz wohl nur wenig zum Besseren verändern wird. Dieses Dilemma hört auf den wohlklingenden Namen »Beitragsfreiheit«.
In vielen Köpfen führender Politiker hat sich die Meinung festgesetzt, dass gute Kinderbetreuung vor allem etwas damit zu tun habe, dass jeder diese geschenkt bekomme. Etwas ketzerisch könnten wir an dieser Stelle auf den alten Spruch »Wat nix kost’, dat is’ auch nix« verweisen, würden uns damit aber natürlich auf eine populistische Stufe mit der Politik stellen.
Denn die Diskussion über die Beitragsfreiheit ist vor allem genau das: populistisch. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig war beispielsweise mit dem Versprechen der totalen Beitragsfreiheit in den Wahlkampf gegangen und hatte dabei offenbar die ganze Zeit im Hinterkopf, dass sie dieses Versprechen für ihr Bundesland irgendwann auf Kosten des Bundes würde einlösen können. Und siehe da: MV ist eines der Länder, das die komplette Zuwendung dafür einsetzt, den Besuch des Kindergartens im Land kostenlos zu machen.
Aber auch in anderen Bundesländern ist ein erklecklicher Teil des Geldes dafür gedacht, die Eltern zumindest von einem Teil der Beiträge zu entlasten. Begründung unter anderem: Beitragsfreiheit animiere Eltern dazu, mehr Kinder immer früher in eine Betreuung zu schicken, da sich arbeiten stärker lohne. Nun könnte man angesichts solcher Begründungen zum einen diskutieren, wie sinnvoll es ist, immer mehr Kinder immer früher fremdbetreuen zu lassen, zum anderen zeigt das aber auch, dass der Wegfall der Beiträge gleichzeitig auch für eine noch höhere Belastung von Kitas sorgen wird, deren Bewältigung mit dem Rest des Geldes kaum aufzufangen sein wird.
Und dann ist da noch die Sache mit der Befristung. All das schöne Geld wird es nämlich nach gegenwärtigem Stand nur einmal geben. 2022 sind die 5,5 Milliarden dann verteilt und werden für was auch immer verwendet, anschließend ist der Geldhahn erst einmal wieder zu. Zwar hat die zuständige Ministerin Franziska Giffey munter getwittert, die Gelder würden »über 2022 hinaus verstetigt«, doch gibt es für diese Aussage keinerlei konkrete Grundlage. Im Gesetz steht die Befristung, alles andere sind Absichtserklärungen, von denen wir alle wissen, was sie aus dem Munde von Politikern häufig wert sind, viel mehr noch, nachdem jedem klar sein muss, dass die Folgekosten der Corona-Pandemie immens sein werden und mit Sicherheit unter anderem durch Kürzungen in verschiedenen Bereichen finanziert werden.
Darüber nachzudenken lohnt sich indes. Was machen wir, wenn der Geldstrom tatsächlich wieder versiegt? Wenn man die Systemrelevanz von Kindertageseinrichtungen nach Corona schnell wieder vergessen hat? Werden dann plötzlich wieder Gebühren erhoben? Gehälter gesenkt? Gar Einrichtungen geschlossen? An diesem Detail lässt sich erkennen, mit welchem Problem wir es generell in der Bildungsdebatte und speziell in der Diskussion um Verbesserungen im Elementarbereich nur zu häufig zu tun haben: Es wird zu selten mit nachhaltigen Konzepten agiert und stattdessen mit unausgegorenen Schnellschüssen reagiert.
Natürlich gibt es auch diverse gute Ideen und Maßnahmen, für die das Geld verwendet werden soll. Eine Entlastung der Kita-Leitungen steht in Bayern im Fokus, in Berlin plant man eine Gehaltszulage für Erzieher in Brennpunkt-Kitas und mehr Unterstützung bei der Qualifizierung von Quereinsteigern. Die letzten beiden Punkte bieten für sich genommen auch schon wieder Diskussionspotenzial (wie entstehen Brennpunkt-Kitas, ist es sinnvoll, im Elementarbereich auf Quereinsteiger zu setzen?), aber wir sollten anerkennen, wenn akute Probleme zumindest zunächst einmal bearbeitet werden.
Mehr Geld für mehr Zeit – das muss oberste Priorität sein
Nun wollen wir an dieser Stelle nicht dabei verharren, welche Auswirkungen das Gute-Kita-Gesetz nicht haben wird. Das Geld ist ja nun mal da, und aus unserer Sicht muss eine ganz bestimmte Verbesserung im Fokus stehen. Mit all dem Geld sollten wir Zeit kaufen.
Wie kauft man Zeit in der Kita? Nun, indem man jedem einzelnen Erzieher mehr davon zur Verfügung stellt, damit er sich in Ruhe um die ihm anvertrauten Kinder kümmern kann. Und indem man den Kita-Leitungskräften mehr davon zur Verfügung stellt, um ihre Einrichtung führen und weiterentwickeln zu können.
Mehr Zeit für jeden einzelnen Erzieher bedeutet natürlich nicht längere Arbeitszeiten, sondern eine Veränderung des Personalschlüssels, Neueinstellungen und eine Erhöhung der Attraktivität des Berufs auch durch bessere Bezahlung.
Je besser der Personalschlüssel, je weniger Kinder also einem Erzieher zugeordnet sind, desto mehr Zeit kann der einzelne Erzieher mit »seinen« Kindern verbringen, desto ruhiger kann er mit entstehenden Problemen umgehen und desto mehr Zeit ist auch, im Zweifelsfall mit Eltern oder Großeltern zu sprechen, und zwar ebenfalls in Ruhe.
Die komplette Beitragsfreiheit ist letztlich nur ein Leckerli für die aktuellen und angehenden Eltern mit Kindern im entsprechenden Alter unter den Wählern. Die meisten Eltern sind durchaus bereit, für eine gute Betreuung in der Kita einen angemessenen Beitrag zu zahlen. Ihnen ist bewusst, dass Bildung nicht kostenlos zu haben ist und die im Bildungsbereich tätigen Menschen nicht von Luft und Liebe leben.
Sprechen wir über Geld
Mehr Personal also. Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es verschiedene Stellschrauben, an denen gedreht werden kann. Eine davon heißt »Bezahlung«. Es ist dringend geboten, in einer Branche, in der immer noch viel zu häufig davon ausgegangen wird, dass es den meisten Mitarbeitern vollkommen reicht, einer wichtigen und sinnvollen Tätigkeit nachzugehen, endlich über Geld zu sprechen. Fragen Sie doch mal eine Führungskraft aus der Versicherungsbranche, wie sie ein angemessenes Gehalt definiert. Da bekommen Sie zum Teil Antworten wie »Na ja, so um die 120.000 Euro Jahreseinkommen sollten es schon sein.« Der Blick auf eine Verdienstbescheinigung im Bekanntenkreis zeigte für einen Mann, der für einen Energieversorger im Montagebereich tätig ist, 78.000 Euro Jahreslohn und für seine Frau, die 19,5 Stunden im medizinischen Bereich arbeitet, zusätzlich noch einmal 25.000 Euro. Erzieher in einer Vollzeitbeschäftigung bringen es häufig nicht einmal auf 40.000 Euro Jahreseinkommen und das nach langen Jahren im Berufsleben.
Die meisten Menschen reden nicht gern über Geld, schon gar nicht, wenn es den Wert ihrer Arbeit beziffern soll, und diejenigen, die im sozialen Bereich arbeiten, sprechen wohl am seltensten über dieses Thema. Seltsamerweise findet sich unter den zahllosen Fortbildungsveranstaltungen für Erzieher nie eine mit dem Titel »Besser übers Gehalt verhandeln«. Sinnvoll wäre es.
Sinnvoll wäre aber vor allem, einen Teil der Gelder aus dem Gute-Kita-Gesetz für eine bessere Bezahlung an der Basis einzusetzen. Damit auch das Einstiegsgehalt eines Erziehers zumindest so aussieht, dass dieser einigermaßen davon leben kann. Tatsächlich jedoch berichteten bei den Interviews zu diesem Buch viele Erzieher, die über einen Wechsel der Einrichtung nachdachten, dass ihnen bei Vorstellungsgesprächen deutlich weniger Gehalt angeboten wurde als auf ihrer aktuellen Stelle. Das wirkt dann nicht unbedingt, als wenn der potenzielle neue Arbeitgeber die neue Kraft wirklich unbedingt haben möchte. (Ändert sich aber tatsächlich ansatzweise durch den Fachkräftemangel.)
Von der Kindergartentante zur Konfliktmanagerin
Picknick, natürlich in Vor-Corona-Zeiten, im Kindergarten »Kunterbunt«. Es ist warm, im Außenbereich ist auf einem der großen Tische ein schön anzuschauendes Buffet mit vielen leckeren Speisen aufgebaut. Von diesem Buffet holen sich die Kinder kleine Portionen Obst und Salat, Frikadellen oder auch Wackelpudding. Als jeder versorgt ist, setzen sich alle in einen Kreis und beginnen zu essen.
Alle? Nein, da ist ja noch Lukas. Lukas hat keine Lust auf Essen oder im Kreis sitzen, dafür hat er auf etwas anderes Lust. Lukas nämlich hat Lust, allen anderen den Spaß am Picknick zu verderben. Urplötzlich rennt er um alle Kinder und Erzieher herum, klaubt immer wieder Sand vom Boden auf und beschmeißt in einem irren Tempo die gut gefüllten Teller damit. Sand auf den Frikadellen, Sand im Salat, Sand in Mayonnaise und Ketchup. Sand, Sand, überall. Entsetzte Gesichter der anderen Kinder, einige weinen, kein Essen blieb verschont, sodass 24 Kinder nun mit langen Gesichtern vor ihren sandigen Tellern sitzen.
Die Erzieher, die gerade noch das Buffet auffüllten, konnten nur noch verhindern, dass Lukas sich auch diesem noch widmet. Für die Teller der Kinder war es zu spät, da alles in einer Riesengeschwindigkeit ablief.
Natürlich war dieser Vorfall nicht der erste seiner Art, sondern lediglich ein kleiner Höhepunkt in der Geschichte von Lukas, die sich in ähnlicher Form über die kompletten drei Kindergartenjahre erstreckt. Alltagsregeln waren für den Jungen in all den Jahren nur Schall und Rauch. Der betreuende Kinderarzt bedachte das Kind von Beginn an mit der Bezeichnung »verhaltensoriginell«, und die häusliche Situation war für die alleinerziehende Mutter schwierig.
Natürlich bemühten sich die Erzieher, Lukas gerecht zu werden, mussten dabei aber immer auch die Bedürfnisse der anderen Kinder in der Gruppe im Blick behalten. Zum Glück hatte der Junge nach einiger Zeit engeren Kontakt zu einer der erfahrenen Erzieher bekommen, bezeichnenderweise diejenige, derjenige, der als konsequentester Einrichtung galt. Er war der Einzige, der zu Lukas eine verlässliche Bindung aufbauen konnte, durch die er Authentizität und Orientierung erfuhr. Wann immer es möglich war, suchte er seine Nähe, nahm seine Hand und testete an ihm seine Grenzen aus. Besonders auffällig war dabei der Unterschied zu Lukas’ Mutter. Während diese immer wieder sein Verhalten entschuldigte, übergroßes Verständnis zeigte und Schuld grundsätzlich bei anderen suchte, spiegelte sein Bezugserzieher dem Jungen stets klar und deutlich sein Handeln und damit auch sein Fehlverhalten.
Kurz vor dem Sandsturm beim Picknick fiel dieser Erzieher mit einer längeren Krankheit aus. Damit war die Bahn frei für Lukas. Kein Tag verging ohne Vorfall, mal zerstörte er das gesamte Frühstücksbuffet, mal drückte er den Kopf eines anderen Kindes so fest in den Sand und setzte sich anschließend auf den Kopf, dass dieses Kind fast keine Luft mehr bekam. Auf diese Vorfälle angesprochen, fand seine Mutter Entschuldigung um Entschuldigung. Mal war ihr Sohn geärgert worden, mal hatte er schlecht geschlafen, und außerdem fände er einen der Erzieher blöd, weil er nicht nett zu ihm sei. Selbstreflexion und ein Blick auf den angerichteten Schaden? Fehlanzeige.
Das Picknick schließlich war der Höhepunkt in Lukas’ »Karriere« im Kindergarten. Nachdem das Kind gebändigt worden war, wurde wieder einmal die Mutter informiert und zum Gespräch einbestellt. Ihre Begründung für das Verhalten ihres Sohnes hat bis heute einen festen Platz unter den Top 10 der erstaunlichsten Elternerklärungen in dieser Kita. Lukas, so erklärte seine Mutter im Brustton der Überzeugung, sei kein Vorwurf zu machen, er habe schließlich nur das Gewitter und den Sturm des Vortages nachgespielt. Das sei ja wohl zu akzeptieren, und überhaupt sei es sehr traurig und frustrierend für ihn, dass seine Erzieher so wenig Verständnis für ihn zeigten.
Erzieher – nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern
Lukas ist längst kein Einzelfall mehr, ja, er ist nicht einmal mehr »nur eine Ausnahme«. In der Mehrzahl der Kitas im Land sehen sich Erzieher mit derartigen Vorkommnissen konfrontiert, jeden Tag aufs Neue und unter Rahmenbedingungen, die zur Lösung der Probleme so gut wie gar nichts beitragen.
Auf Elternseite haben sich zwei Dinge ganz entscheidend verändert: ihr eigenes Leben und damit auch das Anspruchsdenken in Bezug auf die außerfamiliäre Betreuung ihres Kindes.
Elternsein, das bedeutet heute vor allem das, was eine Staubsaugerfirma vor einigen Jahren bereits in einem bekannten Werbespot mit dem Slogan »Ich führe ein sehr erfolgreiches kleines Familienunternehmen« perfekt auf den Punkt gebracht hat. Waren Familie und Berufswelt in früheren Zeiten getrennte Sphären, bei denen erstere durchaus auch die Funktion erfüllte, die Belastungen aus letzterer abzufedern und für Entlastung zu sorgen, so vermischt sich in der modernen Welt alles. Das zeigt sich nicht zuletzt sprachlich an der Gleichsetzung von Familie und Unternehmen, die suggerieren soll, mit perfektem Management ließe sich jede Familie locker wuppen, alles eine Frage von Zeitmanagement, Veränderungsmanagement und nicht zuletzt Personalmanagement. Beim Personalmanagement spielt dann auch eine Rolle, wo das Kind von wann bis wann eingesetzt ist, schließlich gehört es ja zum Personal des Familienunternehmens.
Familie ist somit kein Rückzugsort mehr und zwar weder für die Eltern noch für die Kinder. In dem Moment, in dem sie unter das Diktat der Effektivität gestellt wird, verliert sie ihren eigenen Zauber als Ort der Ruhe oder gar des Müßiggangs. Eltern geraten somit unter enormen Druck. Sie können nicht einfach nur für die Kinder da sein, sie begleiten, sondern müssen »performen«, ständig optimieren, sind zuständig nicht nur für das Wohlergehen, sondern auch für den Aufstieg des Nachwuchses und dürfen diesen dafür nicht aus den Augen lassen, auch dann nicht kurioserweise, wenn er für zehn Stunden am Tag in die Betreuungseinrichtung ausgelagert wird. In diesem Fall muss dann eben die Einrichtung kontrolliert, bewertet und gegebenenfalls auch gemaßregelt werden. All das also, was Kita-Leitungen und Erzieher tagtäglich erleben.
Die Definition dessen, was Elternsein zu bedeuten hat, ist denjenigen, die Eltern sind, dabei längst entrissen worden. Heerscharen von Wissenschaftlern, Pädagogen und Medienschaffenden versuchen sich täglich aufs Neue an dieser Definition und sorgen somit gerade bei Jungeltern für zunehmende Verwirrung. In der Erziehung und beim Aufwachsen eines Kindes einfach mal dem eigenen Gefühl, der Intuition zu vertrauen, scheint vielfach noch nicht einmal mehr eine Option zu sein.
Als Erzieher hilft es, sich diese Entwicklung ab und zu vor Augen zu halten, um zu verstehen, warum das Verhältnis zu Eltern immer häufiger aus dem Ruder läuft und es zu absurden oder gar bedrohlichen Situationen kommt. Vor einigen Jahren erschien im Spiegel eine kleine Polemik, die die Veränderungen ganz gut auf den Punkt brachte. Darin hieß es beispielsweise:
»Mütter und Väter betrachten Erzieher nicht mehr als Partner, sondern als Dienstleister. Sie geben morgens mit den Kindern auch ihre Verantwortung ab. Am Abend erwarten sie dann kein fröhliches Kind, sondern einen perfekt abgerichteten Leistungsträger. Ihre Ansprüche sind längst größer als der Schuldenberg, den der Staat aufhäuft für Kitas, Erzieher, Eltern- und Kindergeld. […] Eltern delegieren ihren Erziehungsauftrag, sie wollen ›fertige‹ Kinder abholen, ein Endprodukt, ausgestattet mit Bildung, Benehmen, Werten, also allem, was es zu Hause nicht mehr gibt.«
Eine gute Polemik oder Satire erkennt man ja immer daran, dass sie sich trotz aller Überzeichnung extrem nah am Rande des Tatsächlichen befindet. Hier ist das der Fall. Zwar müssen wir uns in unserer täglichen Arbeit ständig Gedanken darüber machen, wie wir mit den Veränderungen auf Kinderseite umgehen. Und doch ist uns bewusst, dass es diese Veränderungen nicht in so hohem Maße geben würde, wenn nicht auf der Elternseite ebenfalls seit Langem einiges schieflaufen würde. Wir diskutieren über die Auswirkungen von Digitalisierung und Reizüberflutung auf Kinder, vergessen dabei aber, dass auch viele Erwachsene und somit auch Eltern mit diesen Dingen nicht zurechtkommen und ein Verhalten entwickeln, unter dem zuallererst auch ihre Kinder zu leiden haben. Der Vater oder die Mutter, die ihren diversen Bildschirmen mehr Aufmerksamkeit widmen als dem eigenen Kind, sind nicht gerade diejenigen, die als Musterbeispiel für gelungenen Bindungsaufbau dienen können. Das beginnt bereits bei jungen Müttern und Vätern, die, auf dem Smartphone lesend, den Kinderwagen durch den Park schieben. Das Kind im Wagen sieht die meiste Zeit nur die Rückseite des Handys und die Hand der Mutter oder des Vaters. Elterliche Mimik kann es dagegen nicht wahrnehmen, es sieht kein Lächeln, keinen freundlichen Blick, hört nicht die beruhigende Stimme der Mutter oder des Vaters, wenn sie mit ihm sprechen. Dieser gestörte Bindungsaufbau setzt sich dann häufig daheim fort, wenn bereits Kleinkinder mit Tablets oder Smartphones versorgt werden, um darauf »pädagogisch hochwertige« Spiele zu spielen. Der Bildschirm als Gegenüber ersetzt nie ein menschliches Gegenüber, das via Mimik, Sprache und Gestik eine Beziehung zum Kind aufbaut.
Anstatt diese Tatsachen zu reflektieren, sprechen wir jedoch lieber über Digitalisierung im Kindergarten, über die angebliche Notwendigkeit, dass bereits Vierjährige Medienkompetenz auf Digitalgeräten erwerben. Verantwortlich dafür: natürlich die Eier legenden Wollmilchsäue im Kindergarten, vulgo: Erzieher.
Selbstverständlich gibt es auch bereits Apps, die den Kindergartenalltag sowie die Kommunikation mit den Eltern erleichtern sollen. Während diese als Lösung gepriesen werden, zu viel Papier zu verhindern und Abläufe schlanker zu machen, um sich so stärker den Kindern widmen zu können, sieht es in der Realität eher so aus, dass die Angebote genutzt werden, um eine Art Dauerkommunikation mit den Eltern herzustellen, bei der jeder Pups, der quer sitzt, jeder Happen Spinat, der verweigert wird und jeder kleine Kratzer, der dem Spielplatz geschuldet ist, in Echtzeit an die Erziehungsberechtigten gemeldet wird. Was selbstverständlich wiederum sofortige Reaktionen hervorruft, auf die reagiert werden muss. Und so weiter, und so weiter.
Unschwer zu erkennen, wie auf diese Weise das Phänomen der Helikoptereltern weiter verschärft wird, indem man diesen suggeriert, es sei vollkommen normal, den ganzen Tag um das Kind herumzufliegen. Solche Apps werden zunehmend Erfolg haben, denn es gibt klar definierte Zielgruppen dafür. Zielgruppen, zu denen Mütter wie Marita gehören.
Marita hat ihren dreijährigen Sohn Ansgar im Kindergarten angemeldet, und nun läuft seit ein paar Wochen die Eingewöhnungsphase. Dieses Wort wird gern von Eltern missverstanden, während die Eingewöhnung des Kindes in die Welt des Kindergartens gemeint ist, nutzen Väter und Mütter zunehmend diese Phase, um sich selbst ebenfalls einzugewöhnen. Und zwar im Kindergarten. Marita ist eine solche Mutter. Seit mehreren Wochen begleitet sie ihren Sohn, und Begleitung ist hier durchaus wörtlich gemeint. Immer wieder weigert sie sich, den Kindergarten morgens zu verlassen und hält stattdessen ihr Kind fest und bleibt ganz eng an seiner Seite. So eng, dass Ansgar im Grunde keine Möglichkeit hat, mit anderen Kindern in Kontakt zu treten und andere Kinder auch nicht an ihn herankommen. Mama ist immer dazwischen und fordert Ansgars ganze Aufmerksamkeit.
Volle sechs Wochen lang schauten die Erzieher sich dieses Schauspiel an und führten Gespräche, immer in der Hoffnung, dass Marita vielleicht doch auf die Idee kommen könnte, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung ist. Doch dem war nicht so.
Schließlich nahm sich einer der Erzieher ein Herz und machte der Mutter einen Vorschlag. Sie könne doch eine Pause machen und einmal eine Runde um den Häuserblock drehen. Das sei ja nur ein kurzer Moment, und Ansgar werde das sicherlich gut überstehen. Tatsächlich ließ Marita sich auf das Angebot ein und überwand sich, für diesen Moment den Kindergarten zu verlassen. Die Idee des Erziehers: Die Runde um den Block wird mindestens eine Viertelstunde dauern, und diese Zeit könnte man ja vielleicht nutzen, um Ansgar wenigstens ein wenig für die Gruppe und seine Erzieher zu gewinnen. Ein kurzer Moment der Aufmerksamkeitsverlagerung also.
Die Verabschiedung klappte sogar recht gut, anschließend hatte der Junge auch kein Problem damit, sich von dem Erzieher für ein Spiel auf dem Bauteppich gewinnen zu lassen, ein Ort, den er bewusst auswählte, weil Ansgar dort vorher auch bereits mit seiner Mutter gesessen hatte. Die Idee schien also zu fruchten.
Schnitt. Zehn Minuten später. Die Tür geht auf, Marita ist zurück. Da die Strecke eigentlich mindestens 15 Minuten braucht, ist sie offenbar entweder gerannt oder hat auf halbem Wege kehrtgemacht und ist zurückgelaufen. Ein Blick in ihre Augen und dem Erzieher ist sofort klar: Marita hat geweint. Als ihr Sohn seine Mutter erblickt, beginnt auch er zu weinen. Schließlich endet die kleine Szene damit, dass Ansgar auf Mamas Arm kommt und beide weinen gemeinsam. Drumherum die Kindergartengruppe und die Erzieher. Ein Bild für die Götter, wenn es nicht so traurig wäre.
Am nächsten Tag: kein Ansgar und keine Marita in der Kita. Wieder einen Tag später: ein Schreiben der behandelnden Kinderärztin: Das Verhalten des Kita-Personals gegenüber Kind und Mutter könne eine schwere Bindungsstörung ausgelöst haben und sei zu verurteilen. Von einem weiteren Besuch der Einrichtung sei dringend abzuraten. Um die Sache rund zu machen, war die Abmeldung des Kindes aus der Kita gleich beigefügt.
Geschichten in der Art kann fast jeder Erzieher aus fast jeder Einrichtung in diesem Land erzählen. Es geht dabei nicht darum, diese Mutter oder andere Eltern, die sich ähnlich verhalten, zu verurteilen. Nichtsdestotrotz brauchen wir dringend eine Bewusstseinsveränderung auf Elternseite, um wieder klarzumachen, welche Aufgabe Eltern eigentlich zukommt.
Was dabei nicht aus den Augen verloren werden darf: Auch wenn dies ein Buch über die Zeit des Kindergartenalters ist, sind die Entwicklungen aus dieser Zeit nach dem Kindergarten ja nicht plötzlich ad acta gelegt. Im Gegenteil: Aus den kleinen Rotzlöffeln im Kindergarten werden die älteren in der Grundschule, die respektlosen und nicht entwickelten Jugendlichen auf den weiterführenden Schulen und die Azubis und Studenten, von denen Betriebe und Unis sich wünschen, sie hätten sich nie mit ihnen beschäftigt.
Im Grundschulalter sieht das dann aus wie beim neunjährigen Maxim, der seine Mutter im Supermarkt bei den Einkäufen begleitet. Maxim läuft nicht auf seinen gesunden zwei Beinen, sondern er hängt bäuchlings über dem wie ein Auto gestalteten Kindereinkaufswagen. Obwohl dieser sehr sperrig und im Markt schlecht zu manövrieren ist, traut seine Mutter sich nicht, in der Gegenwart ihres Sohnes einen normalen Einkaufswagen zu benutzen, da sie seine Proteste fürchtet.
Maxim besteht auf den Kleinkindwagen, der mit Windschutzscheibe, Seitenfenster, Lenkrad und Hupe optimal auf die Spielbedürfnisse von Kindern zugeschnitten ist. Auf Kinder im Alter von maximal etwa fünf Jahren versteht sich, größere passen auch gar nicht in die kleine Fahrerkabine hinein. Aber das stört Maxim ja nicht, da er es ohnehin bevorzugt, oben auf dem Wagen herumzuturnen oder zu liegen.
So auf dem Gefährt drapiert lässt Maxim sich von Mama quer durch den Supermarkt schieben, nicht ohne unablässig die Hupe zu betätigen, an die er durch das Fenster bequem herankommt. »Möööööp!« macht es, »mööööööp, möööööp!«. »Möp möp« an der Käsetheke, »möp möp« an tiefgekühlten Erbsen, Fischen und Erdbeeren vorbei, »möp möp« beim Gemüse, und auch Kunden und Mitarbeiter in der Getränkeabteilung werden munter von Maxim weggehupt. Manch einer sieht den Jungen vor dem geistigen Auge in zehn Jahren – vermutlich schon im tiefergelegten Sportwagen, dauerhaft auf der linken Autobahnspur.
Die Reaktion der anderen Kunden ist erwartbar, eine ältere Dame hält sich demonstrativ die Ohren zu, die genervten Blicke sind kaum zu übersehen. Außer für Maxim und seine Mutter allerdings, denn diese reagieren weder auf die Blicke noch auf das deutlich vernehmbare »Was soll der Quatsch!?« eines Mannes, der gerade an der Käsetheke seine Bestellung aufgeben möchte.
»Mööööööööp! Mööööööp!« Das Mama-Maxim-Hupen-Gespann hat die Fleischtheke erreicht, und plötzlich herrscht Ruhe.
Die Hupe schweigt. Ein paar Menschen schauen irritiert aufgrund der plötzlichen Stille. Diese hält jedoch nur ein paar Sekunden lang. Denn nur einen Wimpernschlag nach dem »Was darf es sein?« der freundlichen Angestellten hinter dem Tresen schallt es aus Maxims Mund: »ICH WILL EIN WIENER WÜRSTCHEN!« Die Angestellte bleibt ruhig, vermutlich kennt sie derartige Situationen bereits bestens. Sie schaut die Mutter kurz an und sagt anschließend freundlich zu Maxim: »Wie bitte? Ich habe dich leider nicht verstanden …« Statt einer Antwort von Maxim schaltet sich Mama ein und erklärt der Verkäuferin leicht genervt: »Er will ein Würstchen!« Die Blicke der Angestellten und einer weiteren Kundin, die am Tresen steht, treffen sich. Die Kundin schüttelt unmerklich den Kopf und verdreht die Augen. Schließlich entschließt sich die Verkäuferin zum Weg des geringsten Widerstandes, wiegt das Würstchen ab und reicht es Maxim über den Tresen. Ein »Danke«? Selbstverständlich Fehlanzeige, sowohl bei der Mutter als auch beim Sohn.
Überhaupt bietet der Supermarkt eine reiche Quelle für Anschauungsmaterial in Sachen Stand des kindlichen Verhaltens und der Reaktionen von Eltern. Auch die Benutzung eines handelsüblichen Einkaufswagens statt der monströsen Kleinkindvariante etwa bietet nicht die Gewähr, dass alles vernünftig abläuft.
In diesen normalen Wagen, Sie kennen das, ist vorne beim Griff meistens eine Klappvorrichtung, in die Eltern kleine Kinder setzen können. Gute Sache, das Kind ist sicher und hat Blickkontakt zu Mama oder Papa und freut sich. Diese Vorrichtung funktioniert für Kinder bis maximal drei Jahre und ist im Gegensatz zur Autoeinkaufswagenvariante auch deutlich rangierfreundlicher für die Eltern. Kindern über drei Jahren ist eigentlich zuzumuten, ein Stückchen auf eigenen Beinen durch den Supermarkt zu laufen, dass Kinder davon ernsthafte Schäden zurückbehalten hätten, ist bisher nicht bekannt geworden.
Stattdessen jedoch ist in jedem durchschnittlichen Supermarkt eine weitere Transportvariante zu beobachten: Ältere Kinder nämlich, zum Teil bis zum Grundschulalter, die im Einkaufswagen selbst sitzen oder auch darin herumturnen. Obwohl in Deutschland fast alles streng reglementiert ist und wir beispielsweise in der Kita übrig gebliebenes Essen aufgrund der Hygienevorschriften wegwerfen müssen, anstatt es aufzuwärmen, scheint niemand ein Problem damit zu haben, dass Kinder mit schmutzigen Straßenschuhen in den Einkaufswagen sitzen, in die anschließend Kunden ihre zum Teil unverpackten Lebensmittel legen. Es ist ein wenig, als wenn die Lebensmittel draußen vor dem Markt auf dem Parkplatz auf dem Boden liegen würden und von da direkt in die Kühlschränke der Kunden wandern.
Werden die Erziehungsberechtigten auf derartige Vorkommnisse angesprochen, egal ob von anderen Kunden oder von Angestellten des Supermarktes, wird schnell der Stempel des Kinderhassers verteilt. Über das Verhalten von Kindern negative Aussagen zu treffen, ist immer eine Gratwanderung und kann schon mal zu üblen Anschuldigungen führen. Dahinter stecken Projektionsphänomene, bei denen die betroffenen Erwachsenen sich die Kritik am Verhalten des Kindes persönlich anziehen und sich angegriffen fühlen. Eltern können dieser Projektion unterliegen, die Michael Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater, in seinen Büchern ausführlich und nachvollziehbar beschrieben hat, naturgemäß in höherem Maße als Erwachsene, die keinen persönlichen Bezug zum betreffenden Kind haben. Doch auch Letztere sind aufgrund von gesellschaftlichen Einflüssen nicht frei von solchem Verhalten.
Solche Debatten entziehen sich häufig der Vernunft und werden ausschließlich auf einer emotionalen Ebene geführt. Da spielt es dann eben keine Rolle, dass an der Käsepackung im Einkaufswagen der Straßendreck von den Schuhen des Kindes klebt, sondern es wird eine gefühlte Kinderfeindlichkeit konstruiert, die den Kritisierenden automatisch für jede Diskussion disqualifiziert.
An Erklärungen und Rechtfertigungen für das Verhalten der Kinder mangelt es in der Regel nicht. Beispielsweise ist auch folgendes Phänomen mittlerweile häufiger zu beobachten: Kinder, die mit ihren Laufrädern oder sogar kleinen Fahrrädern durch die Gänge der Märkte fahren und dabei mit Billigung ihrer Eltern Zusammenstöße (und damit auch potenzielle Verletzungen) mit anderen Kunden in Kauf nehmen. Obwohl es eigentlich nicht so schwierig sein kann, dem Kind zu sagen, gegebenenfalls auch zu erklären, dass und warum das Fahrrad oder Laufrad draußen angeschlossen gehört, finden Eltern immer wieder einen Dreh, warum das nicht möglich war. Beliebt ist das entwaffnende »Er wollte das einfach gern!« (Tja, dann …) Alternativ auch gern: »Das Rad ist doch neu!« (Ja, und?) oder »Er will nicht absteigen …« (Ach so, na dann …). Dabei wäre die Situation einfach zu klären. Ein simples »So, mein Schatz, die Räder stehen alle draußen, da schließen wir deines jetzt mal mit an.« würde reichen, um die Situation abzuschließen. Überflüssig sind jedenfalls lange Erklärungen für Dreijährige, um diesen anschließend die Entscheidung zu überlassen. Vorleben statt vorbeten heißt hier das pädagogische Motto.
Allerdings sind es tatsächlich nicht immer nur die Kinder, die Fahrräder in geschlossenen Räumen auch außerhalb von Fahrradgeschäften vollkommen normal zu finden scheinen. Nein, auch Erwachsene selbst kommen auf derartige Ideen.
So nämlich, wie der Vater, der eines schönen Morgens um sieben Uhr mit seinem Fahrrad bis an den Tresen einer Bäckerei herangefahren kam. Hinten am Fahrrad: der Anhänger mit seinem etwa zweijährigen Sohn. Möglich war dieses Manöver, weil es ein schöner Sommermorgen war, an dem die Schiebetüren zum Verkaufs- und Gastraum dieser Bäckerei weit geöffnet waren.
Da stand nun also dieses Gefährt, der Anhänger halb im Laden, halb noch auf dem Gehweg vor dem Geschäft. Zwei Kunden, die mit im Laden standen, schauten höchst erstaunt, was vom Vater jedoch nicht wahrgenommen wurde. Die beiden jüngeren Verkäufer trauten sich nicht, die obskure Situation mit der klaren Bitte, das Fahrrad aus dem Laden zu schieben, zu beenden und gaben dem Ganzen so die Chance, noch obskurer zu werden. Der Fahrradrowdy nämlich gab nun in recht ungeduldigem Ton seine Bestellung auf: »Ich möchte zwei Scheiben von dem Brot da. Bitte schneiden und dünn mit Butter bestreichen, der Kleine da hinten hat noch nichts gefrühstückt.«
Natürlich wies der Verkäufer ihn darauf hin, dass er nur halbe oder ganze Brote verkaufen und nicht jedem Kunden einzelne Scheiben zurechtmachen könne. Während dieser Diskussion wurden die anderen Kunden im Laden zunehmend unruhiger, bis der Vater die Kundin links von ihm anschaute und anraunzte: »Nerve ich Sie oder was?!« Wenn er allerdings damit gerechnet hatte, sich die Dame damit vom Leib zu halten, ging der Schuss nach hinten los. »Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind und wie viel Zeit wir alle hier haben? Kaufen Sie jetzt einfach eins der zahlreichen belegten Brötchen hier und machen ihrem Kind die Klappstulle beim nächsten Mal selbst, wenn es sie denn so gern mag! Und dann bewegen Sie Ihr Gefährt aus dem Laden raus, seit wann fährt man mit dem Fahrrad in die Bäckerei?«
Zack. Das saß. Allerdings nur einen kurzen Moment, dann hob Mister Klappstulle zu einem eigenen Diskussionsbeitrag an. Dieses Mal allerdings schob einer der Verkäufer dem Ganzen einen Riegel vor, indem er sich traute, ihn nun ultimativ aufzufordern, endlich ein Brötchen zu kaufen oder auch nicht und anschließend den Laden zu verlassen.
Nach einem kurzen Moment des Zögerns entschied der Vater sich endlich, unter Murren und vernehmbarem Protest, ein Brötchen zu erwerben und das Weite zu suchen.
Solche Elterngeschichten könnten wir an dieser Stelle noch endlos erzählen. Eine lose Anfrage im Bekanntenkreis oder bei Kollegen reicht, um genug Stoff für ein eigenes Buch zu sammeln.
Natürlich wollen wir es uns hier nicht so einfach machen, Eltern als Kern allen Übels auszumachen. Eltern sind Teil einer strukturellen Veränderung in der Gesellschaft und im allgemeinen Miteinander, allerdings sind sie ein so wesentlicher Teil, dass sie einen der entscheidenden Punkte darstellen, an denen der Hebel der Veränderung angesetzt werden muss. Das betrifft zum einen das Verhalten der Eltern in der Familie und im täglichen Leben sowie die Reflexion ihres Verhaltens. Das betrifft aber auf der anderen Seite ganz wesentlich auch den Umgang mit Eltern in Kindergarten und Kita. Dieser Bereich ist viel zu lange ein ganz selbstverständlicher Teil der Arbeit von Erziehern gewesen, es ist an der Zeit, ihm deutlich mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Das dürfte übrigens auch die Arbeit an den Grundschulen leichter machen, wo es dann nicht mehr zu Ereignissen wie diesem Elternabend kommen würde, bei dem es um eine »Zentrale Toilettenpapierausgabestelle« ging. Anlass genug für einige Eltern, jegliche positive Prägung der eigenen Kinderstube zu vergessen.
Folgendes war passiert: Jeden Tag wurde der Hausmeister zu den Toilettenräumen der Grundschüler gerufen, in denen ganze Rollen Toilettenpapier in den Abfluss gestopft worden waren, sodass ständig Überschwemmungen stattfanden. Wenn man glaubte, man habe die Urheber der verstopften Toiletten gefunden, fanden sich am nächsten Tag dennoch wieder Rollen im Abflussrohr, und das Wasser lief erneut in den Toilettenraum. Irgendwann war den Lehrern klar, dass es sich nicht mehr nur um einige wenige Schüler handeln konnte, sondern dass sich mehr und mehr Grundschüler dem Verstopfen der Abflussrohre angeschlossen hatten, da es sich ja offenbar um einen riesigen Spaß handelte. Auch die Neuanschaffung von Toilettenpapierspendern brachte nicht den gewünschten Erfolg. Diesen wurde einfach massenhaft Papier entnommen und so lange in das Rohr gefüllt, bis es gut verschlossen war.
Auf einer gemeinsamen Konferenz mit dem Hausmeister beschloss die Schulleitung, im Hausmeisterbüro eine zentrale Toilettenpapierausgabestelle zu schaffen. Bevor die Kinder also die Örtlichkeit aufsuchten, mussten sie den Schlenker zum Hausmeister machen, um entsprechend ihres Bedürfnisses Papier mitzunehmen. Sollte sich ein Lerneffekt bei den Kindern einstellen, war das Kollegium nicht abgeneigt, die altbewährte Praxis der Toilettenpapierspender vor Ort wieder zuzulassen. Was für ein Aufstand in Teilen der Elternschaft! Von Entwürdigung war die Rede. Von Entmündigung. Der Beschluss des Schulleiters und des Kollegiums führte zu wochenlangen Diskussionen. In Whatsapp-Gruppen wurde über die Unfähigkeit der Schulleitung diskutiert, das Problem in den Griff zu bekommen. Schlussendlich wurde ein Elternabend einberufen. Fragen wie: »Was ist, wenn mein Kind das Papier vergisst?« oder »Was ist, wenn meinem Kind das Papier nicht reicht?« standen einen Abend lang im Zentrum der Diskussion. Bis es irgendwann einem der Elternvertreter zu bunt wurde: »Ich weiß, ich soll eigentlich euch Eltern vertreten. Aber irgendwann reicht es auch! Nicht genug, dass ihr seit Wochen per Whatsapp über die Lehrkräfte herzieht. Ihr habt noch mit keinem Wort den Hausmeister erwähnt, der Tag für Tag die Toiletten von den Unmengen Papier befreit und bis zum Ellenbogen im Abfluss wühlt. Wir können ja wieder Papier in die Klos hängen, aber dann nehme ich euch heute das Versprechen ab, dass ihr reihum für die Reinigung der Abflussrohre zuständig seid. Dazu habt ihr nämlich auch keine Lust. Wenn ihr solch eine Muffe habt, dass es euren Kindern nicht zuzumuten ist, mal eben beim Hausmeister ausreichend Papier abzuholen, dann steckt ihnen doch genug Papiertaschentücher in die Ranzen, auf die sie zurückgreifen können.«
Nach den klaren Worten ihres gewählten Elternvertreters hielten sich die Rädelsführer der ganzen Papierangelegenheit zurück. Nachdem die Schulleitung die Rückendeckung des Elternvertreters und einiger weiterer Eltern hatte, blieb es für ein paar Wochen bei der Praxis, das Papier beim Hausmeister holen zu müssen. Nach einem Vierteljahr konnten die Spender in den Toiletten wieder befüllt werden, und es kam zu keinem weiteren Verstopfungsvorfall. Für die Kinder hatte der Umweg über das Hausmeisterbüro einen nachhaltigen Lerneffekt.
Elternarbeit
In einem Interview wurde Michael Winterhoff einmal gefragt, wie er denn genau mit all den problematischen Kindern arbeite, die er in seiner Praxis sehe. Winterhoffs Antwort war für die Interviewerin eine Irritation, denn er wies ungerührt darauf hin, dass er zunächst mal gar nicht mit den Kindern arbeite, sondern vor allem mit den Eltern. Und dass eine erfolgreiche Arbeit mit den Eltern die Behandlung der Kinder fast schon überflüssig mache.
In den Kitas sieht es oft nicht anders aus, allerdings ist das bisher nicht so recht ins breite Bewusstsein der Branche gedrungen. Natürlich impliziert allein das Wort Kindergarten oder Kindertagesstätte, dass es sich um die Arbeit mit Kindern handele. Das funktioniert jedoch nur so lange, wie die Einrichtungen mit Kindern zu tun haben, die altersgemäß entwickelt sind, mit Dreijährigen, die sich wie Dreijährige verhalten und behandelt werden können, mit Sechsjährigen, die Schulreife entwickelt haben und sich ebenfalls dementsprechend verhalten. Diese Beschreibung trifft auf fast ein Viertel aller Kinder zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nicht mehr zu, sodass auch etwa ein Viertel der Eltern viel stärker in den Fokus rücken müsste, als das derzeit der Fall und leider häufig auch umsetzbar ist. Anders gesagt: Die gute alte Kindergartentante muss heute gleich einen guten Teil der Eltern mit erziehen, so absurd das im ersten Moment auch klingen mag.
Das bedeutet, dass sich im Erzieher-Eltern-Verhältnis etwas ändern muss. Genauso, wie wir vorhin die veränderte Perspektive der Eltern auf die Arbeit der Erzieher beschrieben haben, muss sich auch der Blick der Erzieher auf die Eltern verändern.
Eine Lösung, die in die richtige Richtung weist und nicht so schwer umzusetzen ist, sollte eine bessere Vorbereitung der angehenden Erzieher auf schwierige Elterngespräche sein. Zwar werden die Schüler auf den Alltag mit Kindern sehr gut vorbereitet, müssen Prüfungen ablegen, lernen viel über Methodik und Didaktik und setzen sich mit den Entwicklungsstufen des Kindes auseinander. Sie lernen die Arbeit mit Kindergruppen kennen und gehen schließlich am Ende ihrer vierjährigen Ausbildung mit ganz viel Engagement in ihre erste bezahlte Arbeitsstelle. Wie groß jedoch ist der Schock, wenn sie die ersten Auseinandersetzungen mit aufgebrachten Eltern hinter sich haben. Viele junge Erzieher berichten davon, und in diesen Gesprächen fließen nicht selten Tränen. Immerhin: Wenn die Leitung der Einrichtung hinter ihnen steht, erfahren sie zumindest den Rückhalt, den sie dringend brauchen.
Dennoch erleben die jungen Menschen solche Situationen als sehr belastend. Häufig werden die Konflikte gedanklich mit nach Hause genommen, und es entsteht das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen.
Daher wäre es hilfreich, wenn schon während der Ausbildung mehr Energie in diesen wichtigen Baustein »Elternarbeit« investiert würde, um die angehenden Erzieher auch auf solche extrem belastenden Bestandteile ihres Jobs aufmerksam zu machen. Einerseits, um den Auszubildenden zu zeigen, dass so etwas auf jeden Fall auf sie zukommt. Andererseits, um mit Trainings Kommunikationstechniken zur Deeskalation zu vermitteln, die so manches Gespräch in die richtigen Bahnen lenken könnten, bevor möglicherweise das Anwaltsschreiben ins Haus flattert. Erzieher hätten damit gewissermaßen einen »Handwerkskoffer« für die Elternarbeit dabei.
Mit einer solchen Vorbereitung gelänge es, endlich wieder Augenhöhe zwischen den Parteien herzustellen, denn diese scheint aus Sicht mancher Eltern nicht mehr zu existieren. Da wird von oben herab in die Arbeit des Fachpersonals eingegriffen, dass es nur so kracht, und das selbst bei übergriffigem Verhalten von Kindern, bei dem eigentlich niemand eine Ausbildung für die richtige Reaktion bräuchte, sondern diese intuitiv zu leisten wäre.
Auch hier wieder ein kleines Beispiel aus der Praxis, um zu illustrieren, worüber wir sprechen. Der vierjährige Julian kommt mit seiner Mutter in die Einrichtung und wird von der Erzieherin Julia in Empfang genommen. Während Julia sich hinunterbeugt, um Julian zu begrüßen, nutzt der Junge diesen Moment, um herzhaft und mit Schwung direkt in den Ausschnitt der verdutzten Erzieherin zu spucken. Julia reagiert intuitiv, indem sie Julian am Arm fasst und ihn von sich wegzieht, um einem weiteren Lama-Angriff aus dem Weg zu gehen. Im selben Moment, in dem er die Hand der Erzieherin an seinem Arm spürt, lässt Julian sich fallen und fängt an zu schreien.
Die Mutter, die die komplette Szene sehr wohl mitbekommen hat, ruft augenblicklich nach der Leitung und beginnt, sich über das Verhalten von Julia zu beschweren. Sie habe ihren Sohn am Arm über den Boden geschleift, das sei Kindeswohlgefährdung, ja, wenn nicht hart am Rande der Misshandlung. Sie verlange augenblicklich eine Entschuldigung und Konsequenzen für die Erzieherin.
Kein Wort der Entschuldigung kommt ihr über die Lippen, keine erkennbare Scham über das Ekelverhalten ihres Sohnes, das sie für vollkommen in Ordnung zu halten scheint. Zum Glück hat sich die Kita-Leiterin in diesem Fall hinter ihre Mitarbeiterin gestellt und der Mutter das respektlose Verhalten ihres Sohnes gespiegelt, auch wenn diese arge Schwierigkeiten hatte, das nachvollziehen zu können.
Solche Vorfälle machen auch deutlich, welche erhöhten Ansprüche heute an Kita-Leitungen gestellt werden. Nicht selten gerät man in dieser Funktion zwischen die Fronten. Ein gutes Verhältnis zur Elternschaft ist wichtig, Fürsorge- und Führungspflichten gegenüber den eigenen Mitarbeitern jedoch ebenso. Und dann sind da ja auch noch die Kinder, die bei allem manchmal ganz schön aus dem Blickfeld geraten können. Leider ist es längst nicht in allen Fällen so, dass Kita-Leitungen vom Gruppendienst freigestellt sind. Viele müssen neben den vielfältigen organisatorischen Aufgaben eines Chefs noch einen Teil der Basisarbeit in den Gruppen mit erledigen.
Das kann natürlich manchmal sogar auch ganz gut sein, weil die Leitung so am Puls seiner Einrichtung bleibt und Veränderungen früh und aus Nahperspektive mitbekommt. Andererseits führt diese Mehrfachbelastung zu einem weiter erhöhten Risiko für Burn-out und andere typische Berufskrankheiten unter Erziehern.
Manchmal scheinen Kinder das Unwichtigste im Kindergarten zu sein
Noch mal zurück zum Platz zwischen den Fronten. Jungen Erziehern »Elternarbeit« konsequent beizubringen, ist zwar eine wichtige Forderung, in der konkreten Alltagssituation dürfte ein Großteil des Elternkontaktes jedoch der Leitung zufallen, gegebenenfalls auch erfahreneren Erziehern. Die Arbeit mit den Kindern gerät dabei häufig schon deshalb aus dem Blick, weil Eltern sich zum Teil selbst für das Zentrum der Welt halten. Die Arbeit des Kita-Teams wird als reine Dienstleistung definiert, deren Erbringung ständiger Kontrolle bedarf. Von einer Erziehungspartnerschaft oder einem Miteinander, bei dem man gemeinsam am gleichen Strang zieht, ist häufig nicht viel zu spüren.
Manchmal führt diese Ich-Bezogenheit der Eltern auch zu regelrechter Comedy wie im Fall von Annas Vater. Anna war mitten in der Eingewöhnungszeit. In der Regel kam der Vater morgens mit und blieb den Tag über mit Anna in der Kita. Er kannte den Ablauf in der Einrichtung also bald recht gut. Am sechsten Tag rief die Mutter um sieben Uhr an, Anna sei erkrankt, und sie melde sie jetzt für die nächsten Tage ab. Als die Erzieherin Manuela um acht Uhr in den Garderobenbereich der »Mäusegruppe« kam, saß dort Annas Vater auf der Bank vor dem Fach seines Kindes, hatte sich Jacke und Schuhe ausgezogen und war gerade dabei, sich seine Hausschuhe überzustreifen. Irritiert begrüßte Manuela ihn und sagte, dass seine Frau Anna für heute abgemeldet habe. Das wisse er, war seine Antwort. Manuela sagte daraufhin: »Aber wenn Anna heute nicht kommt, weil sie krank ist, warum sind Sie dann heute hier?« »Wieso?« Jetzt war er irritiert. »Soll ich nicht mitmachen? Gilt die Eingewöhnung nicht auch für mich?« Manuela konnte sich nicht verkneifen, laut zu lachen, versuchte jedoch dann ernst zu bleiben, um ihm tatsächlich zu erklären, dass die Eingewöhnungszeit für die Kinder da ist, die diese Zeit brauchen, ihre Erzieher und den Ablauf des Kindergartentages kennenzulernen. Das hatte die Leiterin den neuen Eltern zwar schon auf dem Elternabend gesagt, aber Annas Vater hatte den Teil wohl für sich ausgeblendet. »Dann soll ich jetzt wieder gehen?« Als Manuela bejahte, war dem Vater anzumerken, wie enttäuscht er war, nicht am Kindergartentag teilnehmen zu können. Er zog sich seine Hausschuhe wieder aus, seine Schuhe und seine Jacke wieder an und trottete mit einem »Tschüss, bis bald!« aus der Tür.
So eine Geschichte taugt natürlich erst einmal vor allem zum Schmunzeln, aber wenn man sich genauer überlegt, welche Denkweise bei Annas Vater hinter seinem Verhalten steckt, kommt man ins Grübeln. Hätte man sich vor noch nicht allzu langer Zeit so eine Szene wohl höchstens als kleinen Scherz von Elternseite vorstellen können, so gehört derartiges Verhalten heute zuweilen ganz ernsthaft zum Elternrepertoire. Letztlich spricht daraus neben der Ich-Bezogenheit des Vaters möglicherweise auch eine gehörige Portion Misstrauen gegenüber der Einrichtung. Ein Misstrauen, das sich häufig auch in einem ständigen Kommunikationsfluss zwischen Erziehungsberechtigten und Kita äußert.
So würden wohl viele Kita-Leiter das vermaledeite Telefon manchmal am liebsten aus dem Fenster schmeißen, damit endlich Ruhe herrscht. Während viele Menschen ein Telefon dazu benutzen, wozu es gut ist, nämlich in dringenden Fällen schnell etwas zu regeln, sehen viele Kita-Eltern es eher als Standleitung zu ihren Kindern und effektives Kontrollinstrument gegenüber dem Kitapersonal.
Leiter erzählen, dass das Telefon den ganzen Tag über unablässig klingele. Und da geht es dann nicht um Notfälle oder dringende Nachfragen, die keinen Aufschub dulden. Meistens fallen Sätze wie: »Hat meine Tochter ihr Brot gegessen?« oder »Können Sie mal nachschauen, ob Jan-Thorben sein T-Shirt richtig herum trägt?« Nicht selten fragt man sich, warum Mama oder Papa nicht morgens selbst das Shirt kontrolliert haben oder das Kind einfach nach seiner Rückkehr fragen, ob das Brot seinem Zweck zugeführt wurde.
Presslufthammer den ganzen Tag. Kleiner Exkurs zum Thema Lärm
Ein Telefonklingeln liegt auf der Dezibel-Skala durchschnittlich etwa bei 80 Dezibel. Es ist also vielleicht aufgrund seiner Häufigkeit ein belastender Faktor, nicht aber aufgrund seiner Lautstärke. Ganz anders sieht das mit der allgemeinen Lärmbelastung in der täglichen Arbeit aus. Lärm ist eines der ganz großen Themen im Arbeitsleben eines Erziehers. Ich, Susanne Schnieder, habe selbst mittlerweile zwei Hörstürze erlitten und mich ausgiebig mit dem Thema beschäftigt. Nachdem sich bei mir durch die hohe Dezibel-Zahl in der Arbeit im Gruppendienst auch noch ein Tinnitus auf das erkrankte und fast taube Ohr gesetzt hat, unterhalte ich mich mit vielen Menschen über dieses häufig unterrepräsentierte Thema. Ich kenne viele Kollegen, die Ähnliches erlitten haben und sich dennoch jeden Tag wieder auf den Weg zur Arbeit machen. Viele von ihnen, so auch ich, tragen inzwischen einen Gehörschutz, den sie sich auf eigene Kosten angeschafft haben. Einige Arbeitgeber immerhin sind mittlerweile aufgewacht und lassen für ihre Erzieher einen angepassten Gehörschutz fertigen. Der ist natürlich nicht ganz billig. Dennoch rechnet sich die Investition, denn die Folgekosten etlicher hörgeschädigter Menschen werden in naher Zukunft weitaus höher sein.
Ein ehemaliger DJ, der sein Gehör teilweise verloren hat, unter Tinnitus und Schwindelattacken leidet und seinen Beruf an den Nagel gehängt hat, schrieb über die Folgen des Gehörverlusts ein Buch: Ganz Ohr von Thomas Sünder. Liest man dieses Buch und erfährt dabei, dass es die Vermutung gibt, dass durch den Gehörverlust die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, 400-mal höher sein könnte als bei Menschen ohne diese Probleme, ist das sehr belastend. Wenn einem dann noch eine Hörgeräteakustikerin bestätigt, dass die durch fehlende Signale nicht beanspruchten Nervenbahnen im Laufe der Zeit verkümmern, erschreckt es einen umso mehr, dass sich die Politik um einen gesetzlich vorgeschriebenen Gehörschutz für Erzieher bis heute nicht gekümmert hat und das offensichtlich auch nicht beabsichtigt.
Wenn man es ganz ehrlich benennt, muss man sagen, dass landauf, landab wissentlich die Schädigung des Gehörs unzähliger Erzieher in Kauf genommen wird. In jeder Tischlerei, in jeder Werkstatt, in jedem Betrieb, in dem die Arbeitsumstände einen gewissen Geräuschpegel erzeugen, gibt es Arbeitsschutzverordnungen, die auch das Tragen von Gehörschutz vorschreiben. Nicht so in Kindertagesstätten! Die bekannten Dezibel-Messungen bewegen sich zwischen 68, wenn es gut läuft, und 110 in Spitzenzeiten, womit wir dann im Bereich irgendwo zwischen Presslufthammer und startendem Flugzeug in naher Entfernung sind. Die Durchschnittsmessung ergibt einen Wert zwischen 85 und 92 Dezibel, was immer noch bedeutet, dass quasi pausenlos ein großer Lkw auf der Straße an Ihnen vorbeifährt. Nicht ab und zu, sondern über Stunden immer und immer wieder. Machen Sie sich doch mal den Spaß und googeln Sie Dezibel-Werte! Und dann berücksichtigen Sie, dass nicht nur die Erzieher diesem Lärmpegel ausgesetzt sind, sondern nicht zuletzt auch die Kinder, und zwar über Stunden. Durch die extremen Ausweitungen der Öffnungszeiten in vielen Kindertageseinrichtungen steigt der Anteil an Kindern, die in manchen Fällen über mehr als zehn Stunden abgegeben werden und dann eben auch über eine solche lange Zeit dieser Geräuschkulisse ausgesetzt sind. Erzieher und Kinder sind dabei zusätzlich fast immer in Kontakt mit anderen Menschen, es gibt mit Glück wenige geschützte Ecken, wo man einfach mal Zeit allein und in Ruhe verbringen kann. Der durchschnittliche erwerbstätige Erwachsene kommt nach einem achtstündigen Arbeitstag nach Hause, ist geschafft, will seine Ruhe, etwas essen und entspannen. Gehen wir davon aus, dass ein Kind um 8.00 Uhr in der Kita abgegeben wird, wäre dieser Tag vielleicht um 16.00 Uhr vorbei. Die Politik aber möchte die Zeiten immer weiter ausdehnen. Da wird von Familienfreundlichkeit gesprochen, wenn eine Krippe von 7.00 Uhr bis 17.00 Uhr geöffnet hat. Kindergärten öffnen zum Teil morgens um 5.30 Uhr und schließen um 21.00 Uhr. Kein Wunder, dass während der Schließungsphase in der Corona-Krise mancherorts mit heißer Nadel gestrickte Organisationsstrukturen von Familien in sich zusammenfielen. Hier muss die Frage erlaubt sein, wann überhaupt noch in Ruhe und ohne Lärm »Familie« stattfinden kann.
Wie gehe ich als Erzieher gesund in die letzten Berufsjahre vor der Rente?
Lärm ist nur eine von vielen Belastungen, denen das Personal in den Kindertageseinrichtungen dauerhaft ausgesetzt ist. Wenn vom Personal die Rede ist, konzentriert sich dabei in der Regel die Diskussion auf den fehlenden Nachwuchs bei Erziehern. Das ist nicht verwunderlich, fordert doch der Fachkräftemangel eine Konzentration auf diese Frage. Gerade jetzt, in Zeiten dieses Mangels, gibt es in den Einrichtungen dabei eine hohe Fluktuationsrate. Kollegen werden durch Zulagen oder sonstige Vergünstigungen, wie Mitgliedschaft im Fitnessstudio, Jahreskarte für das Freibad, Lebensmittelgutscheine, Übernahme der Kaltmiete für ein halbes Jahr, um nur einige Beispiele zu nennen, abgeworben. Spätestens da wird klar, dass es des Öfteren mit der für die Kinder so existenziellen Bindung in der Kita nicht so ganz klappen kann. Dennoch betreibt die Politik den Krippenausbau und die Erweiterung der Öffnungszeiten.
Die Bedeutung von Bindung wird über all den Rahmenbedingungen mittlerweile fast vergessen. Würde man uns im Rahmen der Reihe »Ich habe einen Traum« befragen, würden wir »Bindung für unsere Kinder« nennen. Es wird so viel von Bildung im Kindergartenbereich gesprochen, dabei wäre es häufig wünschenswert, das »L« im Wort Bildung durch das »N« im Wort Bindung zu ersetzen. Denn nur durch eine zuverlässige Bindung, bestenfalls in der Familie, bekommt ein Kind die Grundlagen für die Herzensbildung und darüber hinaus auch die Voraussetzungen, Bildungsangebote sinnvoll wahrnehmen zu können. Bindung und Herzensbildung sollten grundsätzlich all der anderen Bildung vorangehen. Auch in den Kitas entstehen Bindungen, mit Glück auch Herzensbindungen, an die sich die Kinder auch Jahre später noch erinnern. Dabei wird aber gern vergessen, dass eine Kita vor allem auch ein Arbeitsplatz ist. Dort sind, genauso wie in anderen Arbeitsfeldern, Menschen beschäftigt, die kündigen, in Rente gehen, Mutter werden, den Job wechseln, erkranken und Urlaub haben. Da wird die Lieblingserzieherin plötzlich schwanger und von jetzt auf gleich freigestellt. Da findet der Lieblingserzieher einen besser bezahlten Job und kündigt.
Allerdings dürfen wir über all der Nachwuchsförderung nicht die vergessen, die schon seit vielen Jahren in den Einrichtungen arbeiten und die Stützen des Systems sind: Erzieher mit langjähriger Berufserfahrung, die schon viele Kinder haben kommen und gehen sehen und nicht zuletzt auch diejenigen sind, die den dringend benötigten Nachwuchs ausbilden sollen. Manche von ihnen sind mit der Zeit in Leitungspositionen aufgestiegen, so wie Marianne, die uns in einem längeren Gespräch erzählte, wie die Situation einer Endfünfzigerin als Leitung einer Kita aktuell aussieht.
Marianne arbeitet seit langer Zeit als Leitung einer Kindertagesstätte. Um beruflich auf dem neuesten Stand zu bleiben, besuchte sie in den letzten 15 Jahren fünf Langzeitfortbildungen mit jeweils zertifizierten Abschlüssen. In der Regel handelte es sich dabei um einen zeitlichen Rahmen von 18 Monaten pro Fortbildung. Diese Weiterbildungen finanzierte sie zu 50 Prozent selbst, der Arbeitgeber übernahm die andere Hälfte. Die Abschlüsse machen sich beispielsweise in der Art und Weise bemerkbar, wie Marianne ein Team führt. Die Kollegen fühlen sich in ihrer Arbeit ernst- und wahrgenommen. Gespräche mit Eltern gestalten sich wertschätzend und zielführend mit Mariannes Methode, zum einen den Eltern »auf Augenhöhe« zu begegnen, zum anderen rechtzeitig Grenzen ziehen zu können, wenn überzogene Forderungen oder Vorwürfe im Raum stehen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.