Kitabı oku: «Fliegen und Fallen»
Cassie May
Fliegen und Fallen

Eine Gay Romance aus der Sportakademie
Inhaltsverzeichnis
1 Fliegen und Fallen
2 Kapitel 1
3 Kapitel 2
4 Kapitel 3
5 Kapitel 4
6 Kapitel 5
7 Kapitel 6
8 Kapitel 7
9 Kapitel 8
10 Kapitel 9
11 Kapitel 10
12 Kapitel 11
13 Kapitel 12
14 Kapitel 13
15 Kapitel 14
16 Kapitel 15
17 Kapitel 16
18 Kapitel 17
19 Epilog
20 Impressum
Kapitel 1
»Pauline, kannst du bitte nach dem Training noch mit in mein Büro kommen? Ich möchte etwas mit dir besprechen.«
Überrascht sah Pauline den Dekan an und nickte dann. »Natürlich, um was geht es denn?« »Das möchte ich unter vier Augen mit dir besprechen. Bitte sei pünktlich.« Sie nickte wieder und biss sich auf die Lippen. Was konnte der Dekan von ihr wollen? Sie war sich nicht bewusst, einen Fehler gemacht zu haben, ihr Training lief ausgezeichnet, während der Proben für die Titania im Ballett Der Sommernachtstraum gab sie ihr Bestes und auch sonst waren ihre schulischen Leistungen gut. »Was will er von dir? Hast du etwas ausgefressen? Was wird dann aus unserem Training? Ich kriege diese dreifache Pirouette immer noch nicht perfekt hin und du wolltest mir doch später mit ihr helfen?«, riss die näselnde Stimme ihrer Freundin Samantha Pauline aus ihren Gedanken und Pauline verkniff sich gerade so ein Augenrollen. »Ich habe keine Ahnung, was er wollen könnte. Aber du schaffst das sicher auch allein. Du weißt doch, woran es liegt. Konzentriere dich auf deinen Punkt, dann klappt auch die Pirouette. Vielleicht schaffe ich es ja noch, nach der Besprechung zu euch zu stoßen.« Oder auch nicht, ergänzte Pauline in ihrem Kopf. Sie hatte die Nase voll davon, ständig helfen zu müssen. Seit Wochen kamen Samantha und Judith nur noch zu ihr, wenn sie ihre Hilfe brauchten. Die Freundschaft mit den zwei Mädchen hatte sich schon lange überlebt, doch Pauline wusste nicht, wie sie unbeschadet aus dem Teufelskreis ausbrechen sollte. So sehr sie das Leben im Internat liebte, so ungemütlich wurde es, wenn man auf einmal Leute gegen sich hatte, vor allem, wenn man tagtäglich mit ihnen trainieren musste. »Okay, aber lass uns nicht hängen, ja?«, drängte Judith und Pauline nickte verkniffen. Natürlich nicht. Die Besprechung würde nur leider bis zum Abendessen dauern. Jetzt fieberte sie ungeduldig dem Ende der Stunde entgegen und hatte ihre Sachen schneller gepackt als jemals zuvor, kaum dass der Trainer die Stunde beendet hatte. Sie eilte aus dem Proberaum und prallte fast mit Mike zusammen, der bereits davor wartete. »Nicht so schnell, Süße. Kannst es wohl nicht erwarten, mich zu sehen, was?« Seine starken Hände hielten sie fest und Pauline spürte, wie ihre Handflächen feucht wurden. »Nein.« Sie schluckte schwer und richtete sich auf, um ihm keine Schwäche zu zeigen. »Sicher nicht. Ich habe einen Termin beim Dekan, also lass mich bitte los. Ich bin sowieso schon zu spät dran.« Pauline hob den Kopf und funkelte Mike herausfordernd an, während die anderen an ihnen vorbeizogen. »Jetzt hab dich nicht so. Sehe ich dich nachher noch? Ich halte dir beim Essen einen Platz frei, okay?« Jetzt hielt Pauline ihr Augenrollen nicht mehr zurück. »Nein, danke. Ich will nicht mit dir essen. Ich will gar nichts mit dir zu tun haben, verstehst du das nicht? Wir hatten ein Date. Ein einziges. Wir sind nicht zusammen, waren nie zusammen und werden auch nie zusammen sein. Ist das denn so schwer zu verstehen? Du. Bist. Nicht. Mein. Typ.« Damit riss sie sich los und rauschte durch die Gänge davon. »Das werden wir ja sehen, Prinzesschen. Ich kriege dich schon noch klein!«, hörte sie ihn aufgebracht rufen, bevor sie um die nächste Ecke verschwand und endgültig außer Sicht- und Hörweite war. Pauline kam schließlich aufgeregt vor dem Büro des Dekans an und atmete erst einmal tief durch, um sich zu beruhigen. Noch so eine Sache, die sie am Internat nicht ausstehen konnte: Egal was war, man konnte niemandem für immer ausweichen. Seit ihrer ersten Verabredung war Mike ihr immer mehr auf die Pelle gerückt. Bereits vor dem katastrophalen Treffen hatte er nicht nachgelassen, bis sie schließlich zugestimmt hatte, mit ihm einen Kaffee zu trinken. Doch seine arrogante Art hatte ihr schon nach fünf Minuten gezeigt, dass aus ihnen niemals etwas werden würde. Er sah das offensichtlich anders. Mike hatte sich in den Kopf gesetzt, dass sie die Richtige für ihn war und zusammen sollten sie das neue Traumpaar der Schule werden, wie er ihr mehrfach mitgeteilt hatte. Ähnlich wie ihre Freunde Jan und Louisa vor einigen Jahren. Der Rugbyspieler und die Primaballerina waren immer noch das Aushängeschild der Schule, wenn es um die gelungene Zusammenarbeit der einzelnen Sportarten ging. Pauline erinnerte sich versonnen an die Hochzeit der beiden im letzten Jahr und spürte eine Traurigkeit in sich aufsteigen, als sie daran dachte, wie lange es bereits her war, dass sie ihre Freunde gesehen hatte. Pauline klopfte an die Tür und wartete darauf, hereingebeten zu werden. Sie musste sich jetzt auf das konzentrieren, was vor ihr lag. »Hier bin ich, Herr Kranich. Was wollten Sie mit mir besprechen?« »Sehr gut, sehr gut, Pauline. Ich habe dich hergebeten, um mit dir über deine neue Mitbewohnerin zu sprechen.« Sie spürte, wie sie unwillkürlich das Gesicht verzog. Sie hatte es genossen, das große Zweibettzimmer allein zu bewohnen, und wusste nun nicht, wie sie mit der Neuigkeit umgehen sollte. »Eine neue Schülerin? Jetzt? Mitten im Schuljahr, wie kann das denn sein?« Herr Kranich legte seine Fingerspitzen aneinander und warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. »Ariane Weißenhof hatte ein paar Probleme in ihrer Heimatstadt und ihre Eltern sind der Meinung, dass es ihr guttun wird, auf unser Internat zu gehen.« »Der Name sagt mir etwas«, sagte Pauline und überlegte, woher sie den Namen kannte. Der Dekan nickte. »Du wirst ihn vermutlich in der Zeitung gelesen haben. Ich weiß, ihr interessiert euch nicht wirklich für das, was da draußen passiert, aber ihr Fall hat große Wellen geschlagen. Sie war und ist noch eine der begabtesten deutschen Siebenkämpferinnen ihrer Altersklasse. Ihr Trainer wurde jedoch beim Dopen seiner Schützlinge erwischt. Sie wurde negativ getestet, doch das hängt ihr jetzt natürlich erst mal nach und sie wird sich erneut beweisen müssen. Ihre Eltern wissen von der strikten Politik unserer Schule, was aufputschende und leistungssteigernde Mittel angeht, und hielten es für das Beste, sie erst hierher zu schicken. Im Hinblick auf ihre prekäre Lage und die Vorurteile, die ihr durch die anderen Schüler entgegenschlagen könnten, haben wir uns dazu entschlossen, sie sozusagen fachfremd unterzubringen. Ich weiß, du bist mit den Proben für die Titania sehr beschäftigt, dennoch hoffe ich, dass du dir die Zeit nehmen kannst, ihr den Einstieg zu erleichtern. Sie war noch nie in einem Internat, also wird es eine große Umstellung für sie sein.« Der Dekan musterte sie die ganze Zeit über aufmerksam. Was erwartete er jetzt von ihr? Sie zuckte mit den Schultern. »Okay, das sollte kein Problem sein. Die Proben klappen gut und mit den Leichtathleten haben wir wenig zu tun. Ich kann ihr sicher helfen, anzukommen. Sind Sie denn sicher, dass sie nicht gedopt hat?« Pauline wusste zwar, dass die Schule eine strenge Anti-Doping-Politik hatte, aber sie hatte auch mehr als einmal verdächtige Tütchen die Hände wechseln sehen. »Wir sind uns sicher, dass sie nicht gedopt hat«, versicherte Herr Kranich nachdrücklich und Pauline nickte langsam. Vermutlich hatte die Internatsleitung weitere Bluttests von Ariane verlangt, bevor sie aufgenommen worden war. »Okay, ich weiß Bescheid. Wann soll sie ankommen? Ich muss noch das Zimmer frei machen. Das Bett steht zwar noch drin, aber ich habe mich ausgebreitet.« Der Dekan grinste amüsiert. »Ariane wird nächste Woche ankommen. Du solltest also genug Zeit haben, Platz für sie zu schaffen.« »Gut, sind wir fertig? Dann fange ich sofort an.« Pauline sprang auf und verabschiedete sich. Ihre Gedanken rasten, als sie zurück auf ihr Zimmer eilte. Wie würde es sein, wieder eine Mitbewohnerin zu haben? Sie hatte seit über einem Jahr keine mehr gehabt und ihre Privatsphäre sehr geschätzt. Allein in einem Zweibettzimmer hatte sie genug Platz gehabt, um sich auszubreiten, ohne sich einschränken zu müssen. Sie hatte beim Aufräumen einfach alles in beide Schränke gestopft, frei nach dem Motto: »Aus den Augen, aus dem Sinn«. Ihre Unordnung biss ihr jetzt in den Hintern und sie stand mit einem leicht hilflosen Grinsen vor ihren Schränken. »Na ja, hilft ja nichts.« Sie gab sich einen Ruck und begann, ihre Sachen zu sortieren, zusammenzulegen und wegzuwerfen. Lachend blätterte sie durch einen Stapel Bilder von Jans und Louisas Hochzeit und legte die schönsten auf ihren Schreibtisch, um sie später aufzuhängen. Das Klingeln ihres Handys riss sie schließlich aus ihrem Aufräumwahn. »Hey Louisa, gerade musste ich an euch denken«, begrüßte sie ihre Freundin. »Hey Kleine, wie kommt’s? Was ist passiert?« Louisas Stimme drang klar und deutlich an ihr Ohr, obwohl ihre Freundin in London war. »Ich habe Bilder von der Hochzeit beim Aufräumen gefunden. Du hast so wunderschön ausgesehen.« »Sag bloß, du räumst auf? Ist die Welt am Untergehen?« Louisa lachte laut und bei dem Klang hoben sich Paulines Mundwinkel. »Sei nicht gemein. Ich bekomme eine neue Mitbewohnerin und da muss ich Platz schaffen.« »Ach, daher weht der Wind. Na, dann will ich dich nicht weiter aufhalten. Mach’s gut, Kleine. Wir sprechen uns bald wieder.« »Du auch. Grüße an Jan.« Sie legten auf und Pauline machte sich weiter an die Arbeit, runzelte dann aber die Stirn. Louisa hatte überhaupt nicht gesagt, warum sie angerufen hatte. »Seltsam. Was wollte sie wohl? Muss ich sie wohl beim nächsten Mal fragen.« »Na, Selbstgespräche, Prinzessin?« Die tiefe Stimme hinter ihr ließ sie herumfahren und ihr Herz rasen. Pauline starrte Mike an. »Das geht dich einen Scheißdreck an. Was willst du schon wieder hier? Du weißt, dass du nicht hier sein darfst. Keine Männerbesuche im Mädchenbereich.« Sie biss sich auf die Lippen, um nicht noch mehr zu sagen. Die Regel gab es zwar, doch meistens wurde bei Pärchen ein Auge zugedrückt, was Mike natürlich ebenfalls wusste. »Hab dich nicht so. Ich wette, deine Angebetete, Louisa, hat sich auch nie an diese Regel gehalten.« Er zwinkerte ihr zu und kam einige Schritte näher. Pauline blieb stehen, obwohl alles in ihr sie dazu drängte, zurückzuweichen. Doch Mike würde das als Aufforderung sehen. »Ich halte mich an diese Regel und ich habe es dir bereits gesagt: Lass mich in Ruhe.« Ein breites Grinsen stahl sich auf sein Gesicht und er breitete die Arme aus. »Ach, komm schon. Wir haben uns doch immer gut verstanden, oder nicht? Ich weiß nicht, warum du jetzt auf einmal so zickig bist?« Pauline schnaubte laut. »Lass mich überlegen … Alles hat damit angefangen, dass du mich dazu genötigt hast, dass ich mit dir ausgehe. Während unseres Dates hast du alle um uns herum wie Abschaum behandelt. Ich habe mich geschämt, mit dir dort zu sein. Die Kellnerin muss sich gefühlt haben wie der Dreck unter deinen Schuhen. Seit dem Date verfolgst du mich, obwohl ich mehr als einmal klar und deutlich gesagt habe, dass ich das nicht will. Warum suchst du dir nicht ein anderes Opfer?« Er kam noch näher und stand schließlich so dicht vor ihr, dass sie sein penetrantes Aftershave riechen konnte. Nur mit Mühe verkniff sie sich ein Naserümpfen und erwiderte ruhig seinen Blick. »Es macht mir Spaß, dich zu jagen, Prinzessin. Irgendwann wirst du einknicken und dann habe ich, was ich will.« Damit tippte er ihr auf die Nase und schlenderte davon. Pauline starrte ihm fassungslos nach. Was sollte sie tun, wenn er wirklich nicht aufhören würde? Mehr als einmal hatte sie überlegt, zum Dekan zu gehen. Aber sobald sie sich beschweren würde, würde Mike ihr das Leben zur Hölle machen oder er würde von der Schule fliegen, was seine Karriere als Sportler empfindlich treffen würde. Auch wenn er ein Ekel war, wollte sie ihm nicht nachhaltig schaden. Sie drehte und wendete das Problem in ihrem Kopf, während sie weiter das Zimmer aufräumte, doch eine befriedigende Lösung fand sie nicht. Ihr knurrender Magen machte sie darauf aufmerksam, dass sie das Abendessen verpasst hatte, weshalb sie grummelnd ein paar Müsliriegel aus ihrer Notfallschublade zog und es sich auf dem Bett bequem machte. Mit einem Riegel in der einen und ihrem Handy in der anderen Hand suchte sie ihre neue Mitbewohnerin im Internet, um mehr über den Skandal rund um das Doping herauszufinden.
***
Eine Woche später war es so weit: Ariane Weißenhof kam in der Sportakademie an. Außer Pauline wusste keiner der Schüler, dass sie kommen würde, daher achtete niemand weiter auf das Taxi, das während des Unterrichts im Hof hielt und ein schlankes blondes Mädchen aussteigen ließ. Sie sah sich unschlüssig um und betrat das Gebäude. Kurze Zeit später wurde Pauline erneut in das Büro des Dekans gebeten.
Sie warf ihrem Englischlehrer einen entschuldigenden Blick zu, doch er winkte nur müde ab. Er war bereits informiert worden. Pauline eilte durch die Gänge und betrat das Büro nach einem kurzen Klopfen. »Hallo, da bin ich.« Sechs Augen wandten sich ihr zu. Neben Ariane und ihrem Dekan war auch der Leiter des Leichtathletikzweiges im Raum und alle wirkten mehr als erleichtert, sie zu sehen. Eine angespannte, beinahe peinliche Stille trat ein, als sie den Mund schloss, doch Ariane gab sich einen Ruck, zwang ein gekünsteltes Lächeln auf ihre Lippen und streckte die Hand aus. »Hallo, ich bin Ariane, du bist dann wohl meine neue Mitbewohnerin?« Pauline ergriff die Hand und war über den festen Händedruck überrascht. »Ja, genau. Ich bin Pauline, wobei technisch gesehen bist du meine neue Mitbewohnerin. Ich werde dir helfen, dich hier zurechtzufinden. Ich bin sicher, du wirst dich bald wie zu Hause fühlen.« Ariane hob skeptisch eine Augenbraue. »Na, wenn du das sagst, dann wird das wohl stimmen.« Pauline biss sich auf die Lippen, um sich eine passende Antwort zu verkneifen, und deutete zur Tür. »Ich denke, wir sind hier fertig? Dann kann ich dir unser Zimmer und die Schule zeigen. Gerade ist es glücklicherweise ruhig, alle anderen sind ja im Unterricht.« Ariane stand auf. »Ja, ich habe bereits meine Verhaltensanweisungen erhalten und weiß, was ich zu tun und zu lassen habe, währewnd ich hier bin. Ich würde gerne das Zimmer sehen.« Ihr spöttischer Tonfall konnte die Verletzung in ihrer Stimme nicht ganz verbergen, vermutlich, weil es Ariane schwerfiel, mit dem Dopingvorwurf klarzukommen. Ihre gesamten Leistungen standen jetzt erst einmal auf dem Prüfstand und der schwarze Fleck des Dopingverdachts würde für eine ganze Zeit nicht verschwinden. Nicht nachdem die Presse alle Schützlinge des angeklagten Trainers durch den Dreck gezogen hatte. Pauline lief voraus und stieß die Tür zu ihrem Zimmer auf. »Hier, herzlich willkommen. Das rechte Bett ist deines, genauso wie der Schrank. Das Badezimmer ist durch diese Tür dort. Mach es dir bequem, pack aus, ich habe den Rest des Vormittags Zeit, dir alles zu zeigen. Nach dem Mittagessen habe ich allerdings Training, du musst dann sehen, ob du auch trainieren gehen willst oder erst mal ein bisschen Ruhe brauchst.« Ariane drehte sich langsam um die eigene Achse und sah sich im Zimmer um. Ihr Blick blieb an den zerfledderten Spitzenschuhen hängen, die von Paulines Bettpfosten baumelten. Die Schuhe, die sie bei ihrer ersten Aufführung im Internat getragen hatte, als sie das Mädchen Klara im Nussknacker gespielt hatte. »Du bist doch Ballerina, nicht wahr?«, fragte Ariane und ihre Augen blitzten herausfordernd, als Pauline nickte. »Was haben sie dir dafür geboten, dass du mich im Auge behältst, hm? Die nächste Hauptrolle? Ein paar neue Spitzenschuhe? Oder bist du einfach gerne Spitzel?« Hitze breitete sich in Paulines Körper aus und ihr Gesicht lief knallrot an. »Bist du verrückt? Niemand hat mir irgendetwas dafür geboten, dass ich dich bespitzle. Sie glauben dir, dass du nicht gedopt hast, und mir ist das völlig egal, okay? Ich wollte dir nur dabei helfen, dich einzugewöhnen, aber offensichtlich brauchst du dafür keine Hilfe. Auch gut, dann kann ich die freien Studios dazu nutzen, meine Hauptrolle zu proben. Die hatte ich nämlich schon sicher, bevor ich überhaupt wusste, wer du bist!«, rief sie, packte ihre Trainingstasche und war schon beinahe aus der Tür, als Arianes Stimme sie zurückhielt. »Wirklich nicht?« Ihre Stimme zitterte. Pauline drehte sich um. In den grünen Augen des Mädchens schimmerten Tränen und sie sah auf einmal so aus, als hätte sie sämtlicher Kampfgeist verlassen. Sie war in sich zusammengesunken und blickte auf den Boden. »Wirklich nicht«, bekräftigte Pauline und schloss wieder die Tür. »Das hätte ich auch nicht gemacht. Warum auch? Du wurdest doch negativ getestet, oder nicht?« Ariane hob den Kopf. »Ja, das schon, aber es glaubt mir ja doch niemand. Stefan hat vor Gericht ausgesagt, dass alle, die er trainiert hat, von ihm Mittel bekommen haben. Das hat mich eingeschlossen, damit wurde ich von der Presse schon vorverurteilt und die negativen Ergebnisse haben nur dafür gesorgt, dass ich weiterhin an Wettkämpfen teilnehmen darf.« Sie ließ sich auf ihr Bett fallen und verschränkte die Hände hinter dem Kopf, während Pauline vorsichtig nähertrat. »Hast du es denn gewusst?« Arianes Augen weiteten sich überrascht. »Du glaubst mir? Keine Nachfragen, ob ich es nicht mal probiert hätte? Ob ich einfach andere Mittel bekommen habe, die nicht nachzuweisen sind?« Pauline zuckte mit den Schultern. »Das hier ist ein Sportinternat. Ich gehe auf diese Schule, seit ich elf Jahre alt bin, also inzwischen seit über sechs Jahren. Ich habe festgestellt, dass es zwei Arten von Sportlern gibt: Die, die wissen, dass sie es ohne Hilfsmittel schaffen, und die Verzweifelten, die unbedingt die Besten sein wollen und denen jedes Mittel recht ist, an die Spitze zu kommen. Du wirkst nicht verzweifelt, sondern frustriert und enttäuscht, was verständlich ist bei dem, was du mitgemacht hast. Ja, ich habe nach dir im Internet gesucht, nachdem ich erfahren habe, dass du kommst. Aber ich wollte mir selbst ein Bild von dir machen, bevor ich mir eine Meinung bilde.« »Und? Was für eine Meinung hast du dir gebildet?« Die Frage kam beinahe flehend aus Arianes Mund und Pauline spürte Mitleid in sich aufsteigen. Sie mussten ihr übel mitgespielt haben, so kampflos, wie Ariane klang. »Du bist ein bisschen zickig, aber damit kann ich umgehen, das habe ich bei den Tänzern täglich, aber sonst bist du eigentlich ganz nett. Und du hast mir noch immer meine Frage nicht beantwortet: Hast du gewusst, dass dein Trainer euch dopt?« Eine zarte Röte stahl sich auf Arianes Wangen. »Ja … Aber ich wollte es nicht wahrhaben. Ich … Es gab einige Vorfälle, bei denen ich dachte, etwas Verdächtiges gesehen zu haben, aber ich war mir nie sicher, verstehst du? Und ich weiß, wie schnell eine Karriere durch so eine Anschuldigung beendet werden kann, also habe ich den Mund gehalten. Ich wünschte, ich hätte etwas gesagt, auch wegen Thomas.« Pauline ließ sich neben Ariane aufs Bett fallen und sah sie fragend an. »Das war der Junge, der ins Krankenhaus gekommen ist, oder nicht?« Ariane schloss die Augen. »Ja, er ist beinahe an einer Überdosis gestorben. Es war schrecklich. Wir waren auf einem Wettkampf und er hatte sich schon seit ein paar Tagen seltsam benommen. Aggressiv und unkonzentriert, und dann ist er einfach umgefallen.« Eine Träne rollte aus ihrem Augenwinkel, doch Ariane schien es nicht zu bemerken. »Es war beim Aufwärmen, ich war direkt hinter ihm. Er ist gestolpert und dann lag er schon auf dem Boden und hat sich nicht mehr bewegt. Es war so unheimlich. Ich dachte, er wäre … tot«, hauchte sie und schlug die Hände vors Gesicht. Ihre Schultern zuckten und Pauline hörte ihr leises Schluchzen. »Aber … aber er hat doch überlebt, oder nicht? Er kommt wieder auf die Beine, nicht wahr?«, fragte sie und legte den Arm um Ariane. »Ja, das schon. Aber er wird vermutlich nie wieder Sport machen dürfen. Die Anabolika haben seine Organe und sein Herz-Kreislauf-System so schwer geschädigt, dass jede Anstrengung zu viel sein könnte. Ich verstehe es einfach nicht. Er war so gut, er hat das alles nicht gebraucht. Überhaupt nicht!« Sie ließ die Hände fallen und starrte aus dem Fenster. Nach ein paar Minuten Stille gab sie sich einen Ruck, als hätte sie die düsteren Gedanken abgeschüttelt. »Genug von mir. Ich packe schnell aus, dann zeigst du mir die Schule, okay?« Pauline hob überrascht eine schmale Augenbraue. »Das war’s? Einfach so?« »Lass mir die Illusion, ich könnte es verdrängen, okay? Ist peinlich genug, dass ich geheult habe.« Pauline verstand augenblicklich. »Alles klar, aber sollte noch was sein, kannst du jederzeit zu mir kommen. Ich versuche mein Bestes, um dich aufzumuntern.« Sie zwinkerte, woraufhin Ariane erleichtert aufatmete, dann packte sie ihre Sachen in den Schrank, verteilte ein paar Andenken auf Bett und Schreibtisch. Ein Bild ihrer Eltern landete auf dem Nachttisch. »Ich bin fertig. Lass uns gehen«, sagte Ariane schließlich. Sie betraten die weißgetünchten Gänge des Internats und Pauline begann mit ihrer Führung. Ariane sah sich staunend um. Alles wirkte hell und freundlich und die Mittagssonne strahlte kräftig durch die hohen Sprossenfenster. »Das ist unser Klassenzimmer. Wir haben meist vormittags Unterricht, vor Wettkämpfen und großen Auftritten entfällt die Pflicht, in den Unterricht zu gehen, aber es ist besser, wenn du versuchst, so viel wie möglich an der Schule teilzunehmen. Macht es einfacher, wenn du die Regeln mal wegen etwas Wichtigem beugen musst.« Sie zwinkerte Ariane zu und ließ ihr die Zeit, sich gründlich im Klassenzimmer umzusehen. »Ich verstehe, was du meinst«, gab diese grinsend zurück. »Es ist schön hier. Für ein Klassenzimmer. Freundlich irgendwie.« Sie ließ ihren Blick über die weißen Tische gleiten und blieb an den bunten Blumen hängen, die auf den Fensterbänken aufgereiht waren. »Hey, bist das du?« Ariane durchquerte das Klassenzimmer und blieb vor einem Showposter stehen, das eine rothaarige Ballerina in einem weißen Kostüm zeigte. »Ja, das war letztes Jahr. Dornröschen, ein schönes Ballett.« Pauline trat hinter sie. »Zeigst du mir auch die Studios? Dann weiß ich, wo ich dich finden kann, wenn du Training hast und ich einen Notfall habe«, fragte Ariane. »Sicher, wenn dich das interessiert. Kein Problem, auch wenn ich hoffe, dass sich Notfälle eher in Grenzen halten werden. Drama gibt es hier wirklich genug.« Pauline lief über die knarrenden Holzböden und zeigte ihrer neuen Mitbewohnerin ihre Lieblingsplätze in der Schule. »Das hier ist das große Studio. Hier proben wir Szenen mit vielen Tänzern und natürlich unsere Standardklassen wie Pas de deux und Technikunterricht. Ich bevorzuge zum Training die kleineren Studios. Die sind etwas abgelegener und nicht so stark frequentiert.« Pauline stieß die Tür zu ihrem Lieblingsstudio auf und Ariane sah neugierig hinein. Der Raum wirkte beinahe gemütlich, trotz der blitzenden Spiegel, die die Wände verkleideten. Eine bewegliche Barre, wie die Stange genannt wurde, an der die Tänzer sich dehnten, stand in der Mitte des Raumes und in einer Wand war eine Stereoanlage eingelassen. »Gemütlich irgendwie. Nicht so kalt wie das große Studio. Ich verstehe, warum du das hier bevorzugst«, sagte Ariane und Pauline lächelte dankbar. Die wenigsten Tänzer konnten nachvollziehen, warum sie die kleineren Studios bevorzugte, in denen Sprünge viel schwieriger waren, da Platz Mangelware war. »Komm, ich zeige dir die Mensa und dann den Park. Du musst ja wissen, wo es Essen gibt, das übrigens ziemlich gut ist, und ich vermute mal, dass du im Park die meiste Zeit verbringen wirst, da das Leichtathletikstadion auch dort ist. Genau wie die Ställe.« Pauline führte Ariane durch die hohen Gänge bis zur reichverzierten Holzflügeltür, hinter der sich die Mensa verbarg. Sie stieß die Tür auf und Ariane konnte sich einen bewundernden Ausruf nicht verkneifen. »Oh, wow. Alles ist so modern. Das hätte ich nicht erwartet. Das Internat ist so gut restauriert, aber hier ist alles neu.« Ariane ließ ihren Blick über die glänzende schwarze Marmorplatte des Büffets, die Designerstühle und die riesige Fensterfront gleiten, hinter der sich eine Terrasse ausbreitete, auf der sich ebenfalls Sitzgelegenheiten befanden. »Das kommt daher, dass die Mensa nachträglich angebaut wurde. Die Tür ist jedoch ein Original, sie führte früher auf den Innenhof. Man hat die Mensa einfach hinten dran gebaut. Willst du einen Kaffee? Wir können uns kurz auf die Terrasse setzen, wenn du willst. Die Plätze sind normalerweise sehr begehrt, aber da gerade alle beschäftigt sind, haben wir Glück.« Pauline lief zielstrebig auf den Kaffeeautomaten zu und ließ einen Cappuccino in eine Tasse mit dem Internatslogo laufen. »Gern, danke. Wo finde ich Zucker?« Pauline deutete auf die Zuckerdose und Ariane bediente sich reichlich, bevor sie sich auf der Terrasse niederließen und ihre Gesichter in die Sonne hielten. Ein paar Minuten später schlenderten sie weiter in den Park und Pauline deutete auf drei Gebäude, die von Pferdekoppeln umgeben waren. »Dort hinten siehst du die Ställe der Reiter. Die bleiben meistens unter sich und stecken fast die ganze Zeit bei ihren Pferden.« Pauline konnte ein Schaudern nicht unterdrücken, woraufhin Ariane sie belustigt ansah. »Sag bloß, du hast Angst vor Pferden.« »Und wie! Ich meine, hast du gesehen, wie groß die sind? Die treten mir einmal auf den Fuß und aus ist es mit meiner Tänzerkarriere. Außerdem stinken sie und sind unberechenbar. Nein, nein, da bleibe ich ganz weit weg, das kannst du mir glauben.« Pauline schüttelte sich wieder und grinste verlegen. »Glücklicherweise hast du mit den Viechern nichts zu tun. Komm, hier lang geht es zum Stadion. Dort wirst du vermutlich im Frühling und Sommer einen Großteil deiner Zeit verbringen?« »Das stimmt wohl. Wie ist das mit dem Park? Dürfen wir immer hier sein oder gibt es feste Zeiten, in denen man im Haus sein muss?« Pauline lächelte, als sie sich daran erinnerte, wie sie das erste Mal alles in Augenschein nehmen durfte. Bei ihrem ersten Vortanzen war sie sehr aufgeregt gewesen. Das Zittern in ihren Beinen hatte sie beinahe den Platz an der Sportakademie gekostet, doch sie hatte sich durchgekämpft und war an der Spitze gelandet. Sie drehte sich einmal um die eigene Achse und bewunderte das Hauptgebäude, das mit den gelb getünchten Wänden und dem roten Ziegeldach in der Frühlingssonne strahlte und einladend wirkte. »Offiziell müssen unter der Woche alle unter achtzehn um zehn in den Betten sein. Am Wochenende können wir in die Stadt gehen, da müssen wir erst um zwölf beziehungsweise kurz danach ins Bett. Der Park ist immer offen, du kannst also ohne Probleme eine nächtliche Joggingrunde einlegen, sofern dich niemand erwischt, wenn du dich rausschleichst. Prinzipiell gibt es hier nicht so viele Regeln: Streng dich an, keine Drogen, hör auf das, was die Lehrer und Trainer sagen, und du bist schon gut dabei. Alles recht logisch. Je mehr du der Schule zurückgibst, desto eher werden die Regeln für dich gebeugt, verstehst du?« Ariane nickte. »Ja, ergibt Sinn. Ich hatte gedacht, es wäre strenger hier. Viel strenger. Wie sieht es aus mit Partys? Ich meine, hier hat doch sicher ständig jemand Geburtstag, oder nicht?« Pauline legte lachend den Kopf in den Nacken. »Ja, das schon, aber das wird hier nicht so gefeiert. Man bekommt vielleicht ein paar Geschenke, aber eigentlich setzt man sich mit ein paar engen Freunden zusammen, trinkt ein bis zwei Bierchen und das war’s. Wenn du am Wochenende Geburtstag hast, wird es vielleicht etwas größer und du kannst im Club feiern. Meg, die Besitzerin, ist da immer sehr freundlich und hilft beim Organisieren der Feier, aber ansonsten geht das ein bisschen unter. Der Sport ist wichtiger.« Sie waren inzwischen beim Stadion angekommen, wo sich Ariane bewundernd umsah. Die Tartanbahn leuchtete in einem tiefen Blau und die Sprunganlage daneben sah beinahe unbenutzt aus. In der Mitte des Laufovals leuchtete grüner Rasen, eingerahmt von einer Speerwurfanlage und einem Kugelstoßfeld. »Das ist … beeindruckend. Langsam verstehe ich, warum die Akademie meinen Eltern und mir so sehr empfohlen wurde. Alles ist da, das Beste vom Besten, wenn ich mir die Marken ansehe, die auf den Geräten stehen. Und alles sieht brandneu aus! Wie oft wird das alles hier erneuert?« »Ich habe keine Ahnung. Ich weiß, dass unsere Tanzböden alle drei bis vier Jahre komplett erneuert werden oder wenn etwas kaputt ist, aber bei euch weiß ich das nicht. Willst du etwas ausprobieren? Oder dir bestimmte Sportgeräte ansehen? Vielleicht können wir einen Blick in den Geräteschuppen werfen?« Pauline deutete auf ein flaches Gebäude, das sich an die Laufbahn anschloss, doch Ariane schüttelte den Kopf. »Nein, ich denke, das werde ich alles noch sehen, wenn ich anfange zu trainieren. Lass uns zurückgehen. Wann gibt es denn Essen?« Pauline sah auf ihre Armbanduhr. »Du hast ein gutes Gefühl, wir haben noch eine halbe Stunde, dann ist der Unterricht vorbei. Wie willst du es machen? Direkt als Erstes reingehen oder erst wenn das Essen schon in vollem Gange ist? Was ist dir lieber?« »Ich glaube, das ist völlig egal. Wer mich und meine Geschichte kennt, wird es sowieso schneller mitkriegen, als mir lieb ist.« »Alles klar, dann lass uns ein bisschen warten, in der Hoffnung, dass wir dann im allgemeinen Chaos untergehen, okay?« »In Ordnung.« Ariane grinste erleichtert. Paulines Hoffnungen waren vergeblich. Als sie die große Tür zum Speisesaal aufstieß, drehten sich einige Köpfe zu ihnen um. Nach und nach erstarben alle Gespräche, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Betont unbekümmert zog Pauline Ariane mit zum Büffet und sie bedienten sich, während um sie herum die Gespräche langsam wiedereinsetzten. »Na, siehst du, war doch gar nicht so schlimm, oder?«, murmelte sie der Neuen zu, doch die versteckte sich hinter einem Vorhang langer Haare. »Wir werden sehen, sie können mich ja nicht so offensichtlich anstarren. Wo sitzt du normalerweise?«, wisperte sie zurück und Pauline deutete auf den Tisch auf der linken Seite. »Dort bei den Tänzern, aber wir können uns auch zu den Leichtathletikleuten setzen oder da hinten an den Zweiertisch am Fenster.« Ariane schüttelte den Kopf. »Nein, nein, ich setze mich lieber mit zu deinen Leuten. Das geht schon in Ordnung.« Sie ließen sich auf die letzten freien Plätze an der langen Tafel fallen und begannen zu essen. Pauline spürte die neugierigen Blicke ihrer Mitschüler auf sich, doch sie reagierte erst, als Samantha sie anstieß. »Hey, wer ist die Neue?« »Das ist Ariane, sie ist heute angekommen und wird bei mir im Zimmer schlafen.« »Ist ja mies, da kommt ’ne Neue und du musst dein Zimmer teilen? Ist das nicht nervig?« Judiths hämisches Grinsen ließ ihre gespielte Genervtheit zu dem werden, was es war: Schadenfreude darüber, dass Pauline nun nicht mehr das Privileg eines Einzelzimmers hatte, doch Pauline biss nicht an. »Es war doch abzusehen, dass es irgendwann so kommen würde. Ich hatte einfach Glück im letzten Jahr«, gab sie schulterzuckend zurück und Judiths Gesicht verzog sich enttäuscht. »Was kannst du denn? Bist du so gut wie Pauline? Wo hast du bisher getanzt?« Die Fragen prasselten geradezu auf Ariane herein. Pauline stupste sie aufmunternd an, woraufhin Ariane Judiths herausfordernden Blick ruhig erwiderte. »Ich bin Leichtathletin, Siebenkämpferin, um genau zu sein.« »Warum bist du dann bei Pauline einquartiert worden? Es gab doch bei den anderen sicher auch freie Betten?«, ließ Judith nicht locker, doch jetzt mischte Pauline sich wieder ein. »Das geht uns nichts an, okay? Ariane wurde bei mir einquartiert. Das ist in Ordnung. Ich bin ganz froh darüber, dass ich nicht mehr allein wohnen muss. Es wurde auf Dauer doch ganz schön einsam.« Sie zwinkerte Ariane zu, denn sie meinte es ernst. Auf Dauer hatte sie sich sehr isoliert gefühlt, seit ihre besten Freunde nicht mehr auf der Schule waren und ihre letzte Mitbewohnerin ebenfalls die Schule verlassen hatte. »Du hättest doch nur etwas sagen müssen, ich wäre sofort bei dir eingezogen«, bemerkte Samantha verwundert. Pauline knabberte auf ihrer Unterlippe herum. »Keine Ahnung, daran habe ich irgendwie nie gedacht.« Sie legte ihr Besteck auf den leeren Teller und warf Ariane einen fragenden Blick zu. »Bist du fertig? Dann können wir wieder los?« Ariane nickte erleichtert, woraufhin sie aufstanden, doch eine Hand hielt Pauline an ihrem Handgelenk zurück. »Heißt das, du kommst nicht ins Training? Du hast schon den Unterricht heute Morgen verpasst. So gut bist du nicht, dass du das Training komplett ausfallen lassen könntest.« Samantha sah sie anklagend an, aber Pauline riss sich los, stemmte die Hände auf den Tisch und funkelte ihre Mittänzerinnen an. »Das weiß ich. Ich werde schon pünktlich sein, lass das nur meine Sorge sein und kümmere du dich um deinen Kram.« »Hey, tut mir leid, ich wollte dich nicht verärgern. Wir trainieren doch nach der regulären Stunde noch ein bisschen, oder?«, ruderte Samantha augenblicklich zurück. »Ich weiß es noch nicht. Ich muss mich auch um mich selbst kümmern. Ich bin ja nicht so gut, hast du selbst gesagt.« Paulines beißender Tonfall knallte wie ein Peitschenschlag. Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern verließ mit Ariane auf den Fersen den Speisesaal. »Ihr versteht euch nicht so gut, kann das sein?«, fragte die vorsichtig und Pauline schenkte ihr ein schiefes Grinsen. »Hat man gemerkt, ja? Es ist … schwierig mit Samantha und Judith. Sehr schwierig.« »Ich kenne das. Mädels sind immer schwieriger als Jungs. Der Konkurrenzdruck ist irgendwie größer.« Sie waren inzwischen in ihrem Zimmer angekommen, wo Pauline ihre Trainingssachen aus dem Schrank riss. »Es ist nicht nur das. Als ich hier angefangen habe, habe ich ziemlich schnell eine große Hauptrolle bekommen. Ich war Klara im Nussknacker, also das Mädchen, nicht die ganze Aufführung lang, und mit der großen Klara, Louisa, habe ich mich gut verstanden. Während des Trainings hat sie mich unter ihre Fittiche genommen, wobei Judith zurückstecken musste. Daraus hat sich eine enge Freundschaft mit Louisa und den anderen älteren Tänzerinnen ergeben, sodass ich ihnen immer wieder zusehen durfte und viel gelernt habe. Das hat mich sehr schnell sehr gut gemacht, da sie mir auch viele Tipps gegeben haben. Judith war zu Beginn neidisch, doch dann hat es sich irgendwann eingerenkt. Ich habe versucht, ihr zu helfen, aber ich konnte ihr nie so viel helfen, wie Louisa mir geholfen hat.« »Okay, aber das klingt doch soweit ganz gut? Was ist passiert? Entschuldige, wir kennen uns erst seit ein paar Stunden … Du willst sicher nicht darüber reden.« Ariane lachte verlegen und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. »Ich weiß es auch nicht. Samantha kam dazu und wir haben uns gut verstanden. Sie hat dann auch mittrainiert und ich musste immer mehr helfen. Ich habe die Ferien oft mit Louisa verbracht. Von ihr habe ich viel gelernt, und das auch gerne geteilt. Aber in letzter Zeit habe ich immer öfter das Gefühl, sie sind nicht wirklich mit mir befreundet, sondern nur mit mir als Tänzerin, weil ich sie weiter voranbringen kann. Ich bin froh, dass du gekommen bist. So ist es einfacher für mich, ihnen auszuweichen. Leider heißt das, dass sie dich auf dem Kieker haben werden. Wenn du das nicht willst, sag es jetzt, dann denke ich mir etwas anderes aus.« Pauline warf Ariane einen entschuldigenden Blick zu, doch die machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich kann mich nicht ewig verstecken und ich war eigentlich nie jemand, der schnell klein beigegeben hat. Lass sie nur kommen, ich werde mich wehren. Du hast mir eine Chance gegeben und mich nicht verurteilt. Das rechne ich dir hoch an, du hast etwas gut bei mir, also nutze mich ruhig als Ausrede, wenn du es brauchst.« Pauline zog eine Augenbraue hoch, als sie diese flammende Rede hörte, und grinste breit. »Finde ich gut, sehr gut sogar. Danke, aber ich glaube, ich bin dir was schuldig. Du weißt nicht, was du mir für einen Gefallen damit tust.« Sie warf einen Blick auf die Uhr und zuckte zusammen. »Verdammt, jetzt bin ich doch fast zu spät.« Sie riss sich die Jeans herunter und schlüpfte in ihre Leggins. »Wenn du willst, kannst du mitkommen und zusehen, oder du fängst selbst mit dem Training an, was dir lieber ist.« Ariane streckte sich lässig. »Ich glaube, ich schaue euch zu, wenn es wirklich kein Problem ist. Morgen geht es dann für mich richtig los.« Pauline nickte und schnappte sich ihre Trainingstasche. »Na, dann los.« Gemeinsam eilten sie zu den Proberäumen. Während Pauline sich in ihre Spitzenschuhe einschnürte, nahm Ariane auf dem Boden Platz, um alles aufmerksam beobachten zu können. Pauline suchte sich einen Platz an der Barre und fing an, sich zu dehnen, während sie versuchte, die anderen auszublenden. Als starke Arme sich um sie legten, zuckte sie zusammen und fuhr herum. »Was zum … Oh mein Gott, Noah, du bist es.« Sie schlang die Arme um ihren Tanzpartner und grinste glücklich. »Na, ich habe gehört, du hast den Zicken endlich mal den Marsch geblasen. Wie ist die neue Mitbewohnerin?« Er zwängte sich zwischen sie und eine andere Tänzerin und schaffte ihnen so ein wenig Platz, um sich ungestört zu unterhalten. »Du warst doch fast dabei. Ich habe genau gesehen, wie groß deine Ohren waren, hast vom Nebentisch nicht alles mitbekommen, was?«, neckte Pauline ihn und deutete mit dem Kopf in die Richtung von Ariane. »Die neue Mitbewohnerin ist super. Da hinten sitzt sie. Sie will es heute langsam angehen lassen, ab morgen trainiert sie auch wieder.« Er pfiff leise durch die Zähne. »Dann ist es also wahr. Die Doping-Diva ist hier auf der Schule. Gut aussehen tut sie ja.« »Sie hat nicht gedopt! Du weißt genau, dass sie sonst niemals aufgenommen worden wäre. Sie musste mehrere Dopingtests machen«, sagte Pauline, stemmte ihre Hände in die Taille und starrte ihren Freund an. »Hey, hey. Ich habe es nicht so gemeint. Ich habe nie gesagt, dass sie gedopt hat, aber ich habe die Prozesse ein wenig verfolgt, um auf dem Laufenden zu bleiben, was da draußen passiert. Sie wurde von den Reportern zerfleischt und trotzdem ist sie immer ruhig geblieben. Wie eine Eiskönigin oder so. Eine echte Diva eben.« Er warf einen weiteren Blick auf die in Gedanken versunkene Ariane. »Na gut, da hast du dich noch mal gerettet. Lass sie in Ruhe, sie hat genug um die Ohren und braucht deinen Charme nicht, verstehst du? Außerdem hast du doch Leonie, oder nicht?«, erinnerte Pauline ihn an seine Freundin und er nickte versonnen. »Ja, und sie liebt meinen guten Geschmack.« Er sah den Ärger in Paulines Augen aufblitzen und hob beschwichtigend die Hände. »Alles gut, ich lasse sie in Ruhe und die Sprüche lasse ich auch. Lass uns anfangen.«
Kapitel 2
Nach dem Training wartete Ariane mit strahlenden Augen auf Pauline und die Worte sprudelten aus ihr heraus: »Das war klasse! Ich habe zwar noch nie eine Ballettaufführung gesehen, aber ihr habt mich richtig mitgerissen und du ganz besonders. Einfach nur wow!«
Bevor Pauline antworten konnte, tat es Mikes tiefe Stimme hinter ihnen für sie. »Oh ja, Pauline ist unser Star. Deshalb wird sie sich heute Abend auch die Zeit nehmen, mit dem Star des Fußballteams abzuhängen, oder nicht?« »Oder nicht. Du sagst es ja selbst. Wie oft denn noch? Ich will mich nicht mehr mit dir treffen. Wir passen nicht zusammen und werden sicherlich auch nicht die neuen Jan und Louisa. Es wird niemals passieren. Punkt!« Pauline verschränkte die Arme vor der Brust und trat einen Schritt zurück, um etwas Abstand zwischen sich und den groß gewachsenen Stürmer zu bringen, der sie angrinste und ihr Unbehagen offensichtlich ignorierte. »Ach, komm schon, stell dich nicht so an. Du hast es noch nicht einmal probiert. Woher willst du wissen, dass das mit uns nicht klappt?«, fragte er herausfordernd und Pauline spürte Hitze in sich aufsteigen. Sie war sich sicher, dass ihr Kopf knallrot sein musste, so peinlich war ihr das wiederholte Nachstellen des Sportlers. Sie holte tief Luft, doch eine spöttische Stimme brach durch ihre Gedanken. »Bist du immer so verzweifelt oder liegt es an Pauline? Meine Güte, sie will nichts von dir und ich glaube, es ist nicht einmal das erste Mal, dass sie dir das sagt. Das ist so erbärmlich. Bilde dir nicht ein, dass sie gejagt werden will oder nur so tut, als würde sie dich nicht wollen. Wenn eine Frau dir so deutlich sagt, dass sie nicht will, kannst du das glauben. Komm Pauline, wir gehen.« Ariane warf Mike einen verächtlichen Blick zu und zog Pauline mit sich weg, die sie mit offenem Mund anstarrte. »Wow, ich glaube, ich habe mich gerade ein bisschen in dich verliebt«, gab sie lachend zu. »Ich habe ihn noch nie sprachlos gesehen. Noch nie. Was ist denn in dich gefahren? Du warst doch bisher so schüchtern?« Ariane lachte laut auf und nickte. »Na ja, alles ist neu hier. Ich wollte erst einmal die Stimmung ausloten und sehen, wer wie zusammenhängt. Man muss ja nicht direkt in jedes Fettnäpfchen treten, aber du hast so angeekelt ausgesehen, da konnte ich mich nicht zurückhalten. Und es ist mir egal, wer jetzt gegen mich ist. Ich denke, es ist immer gut, wenn ich auf deiner Seite bin. Immerhin müssen wir noch eine ganze Weile zusammenwohnen.« Vergnügt kichernd kamen die beiden in ihrem Zimmer an und Pauline ließ sich auf ihr Bett fallen. »Was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Nachmittag? Bist du sicher, dass du nicht trainieren willst? Du hättest noch Zeit, es ist noch eine ganze Weile hell und bis zum Abendessen dauert es auch noch«, warf Pauline ein. »Ja, ich bin sicher. Du brauchst mich nicht zu bemuttern.« Ariane zwinkerte. »Erzähl mir lieber, was man hier sonst noch so machen kann. Können wir einfach so in das Städtchen gehen? Was passiert hier am Wochenende?« Während Pauline ihre verschwitzten Sachen auszog, beantwortete sie geduldig die Fragen. »Sobald wir sechzehn sind, dürfen wir zu zweit oder als größere Gruppe in die Stadt gehen. Wir müssen uns nur abmelden und wenn wir wieder hier sind, wieder anmelden. Das gilt auch fürs Feiern am Wochenende. Es gibt ein paar Clubs, die ganz gut sind, obwohl die Stadt wirklich klein ist. Ich bevorzuge ›Den Club‹, da die Besitzerin mit einer Freundin von mir befreundet ist. Wir kennen uns also, was es leichter macht, reinzukommen. Wenn du volltrunken hier ankommst, ist der Ausgang erst einmal auf unbestimmte Zeit gestrichen, also reiß dich zusammen. Ansonsten ist es unterschiedlich, was an den Wochenenden passiert. Die Reiter und Leichtathleten haben öfter mal Wettkämpfe, die Fußballer und Rugbyspieler Turniere. Wir Tänzer trainieren oder lernen, was eben gerade wichtiger ist.« »Klingt doch ganz gut. Nimmst du mich mal mit in den Club? Ich war schon so lange nicht mehr tanzen.« »Klar, wenn du mitwillst. Kein Problem.« In diesem Moment klingelte Paulines Handy. »Hallo? Louisa?« Ariane stand leise auf und verließ das Zimmer mit einem kurzen Winken. »Hallo, Kleine. Wie geht’s dir? Wir konnten das letzte Mal ja nur kurz sprechen.« »Mir geht es immer noch gut, Lou. Wie geht es euch? Was macht das Tanzen?« »Oh, uns geht’s super. Ich tanze diese Saison unter anderem die Giselle und es ist toll! Das ist so ein fantastisches Ballett, wenn ihr das auch mal aufführt, wäre es die perfekte Rolle für dich. Technisch sehr anspruchsvoll, aber sie macht so viel Spaß«, schwärmte Louisa. Wie immer, wenn Louisa ihr Tanzen lobte, spürte Pauline die Hitze in ihr Gesicht steigen. »Danke. Sag mal, warum hattest du denn das letzte Mal angerufen? Und jetzt auch wieder. Du meldest dich doch sonst nicht so oft?« »Ach«, erwiderte Louisa ausweichend. Irgendetwas war im Busch und so wie es klang, wollte ihre Freundin nicht damit herausrücken. »Darf ich mich nicht für meinen Schützling interessieren? Ich meine, du hast doch heute deine neue Mitbewohnerin bekommen, oder nicht? Wie ist sie so?« Treffer. Louisa wechselte das Thema, ignorierte ihre Frage komplett und drehte den Spieß um. Pauline sah zur Tür, die Ariane hinter sich geschlossen hatte, und schloss die Augen. »Ariane ist nett. Sehr nett sogar. Ich mag sie. Es ist genau der richtige Zeitpunkt für eine neue Mitbewohnerin gewesen. Ich habe das gebraucht, Louisa.« Ihre Stimme brach und sie schluckte ärgerlich die Tränen hinunter, die sich in ihren Augen sammelten. »Was ist los? Ist etwas passiert? Warum hast du nichts gesagt? Warum hast du das gebraucht?« Die besorgten Fragen prasselten nur so auf sie herein und Pauline verzog die Mundwinkel zu einem gequälten Lächeln. »Ich kann doch nicht immer zu euch kommen, wenn es mir schlecht geht, Lou. Ich muss das allein schaffen. Nichtsdestotrotz hat mir der halbe Tag mit Ariane bereits gezeigt, wie einsam ich war. Ich hatte nie das, was du mit Serena und Amber hattest. Nie. Seit ihr alle die Schule verlassen habt, habe ich versucht, mich mehr mit den anderen zu beschäftigen, aber das bin ich nicht. Es ist mir egal, wer sich mit wem trifft und warum wer jetzt mit wem Stress hat. Ich will einfach nur tanzen. Es ist … schwierig …« Sie brach ab und holte tief Luft. »Ich verstehe, was du meinst«, begann Louisa vorsichtig. »Du warst schon früher eine Einzelgängerin. Selbst als du mit uns zusammen warst, hast du dich abseits gehalten. Immer. Du hast dir die Hilfe geholt, die du gebraucht hast, und das war es.« »Willst du etwa sagen, ich hätte euch ausgenutzt? Dich ausgenutzt? Das wollte ich nie! Das war niemals meine Absicht!« Pauline spürte heiße Scham in sich aufwallen. Sie wollte nicht so sein wie Judith und Samantha, die immer nur auf ihren Vorteil bedacht waren. »Nein, oh mein Gott, natürlich nicht! Bist du verrückt? Ich habe das nicht so gemeint. Es war mehr so, als hättest du ein gewisses Maß an Interaktionsmöglichkeiten am Tag zur Verfügung und wenn das Maß voll war, dann wolltest du lieber allein sein. Nicht im Sinne von nur für dich, sondern du wolltest einfach deine Ruhe haben. Du hast gern bei uns gesessen und selbst getanzt oder uns zugesehen, aber du wirktest immer, als wärst du in deiner eigenen Welt. Das war okay für uns. Du hast uns nie gestört, im Gegenteil. Es war schön, nicht immer komplett allein trainieren zu müssen. Man strengt sich so viel mehr an, wenn einem jemand zusieht.« Louisas sanfte Erklärung beruhigte Pauline, weshalb sie wieder lächelte. »Okay. Ich glaube dir. Es ist nur … Ach, ich weiß nicht. Ich kann es gar nicht richtig in Worte fassen.« Sie seufzte leise und hörte auf einmal laute Stimmen. »Lou, ich muss auflegen, da ist irgendwas auf dem Gang los.« »Alles klar. Du weißt ja, wie du mich erreichen kannst.« »Na klar. Bis dann.« Sie beendete das Gespräch und war mit drei großen Schritten an der Tür angelangt und riss sie auf. Dort prallte sie direkt gegen Ariane, die mit dem Rücken zur Tür stand und lautstark mit drei anderen Mädchen diskutierte, die sie nicht kannte. »Was ist denn hier los? Man hört euch in der halben Schule, seid ihr verrückt?« »Halt dich da raus, Ballerina. Wir mischen uns ja auch nicht in eure Streitigkeiten ein«, schnauzte eine Brünette sie an und wandte sich wieder an Ariane, die ein paar Schritte zur Seite gegangen war, um Pauline Platz zu machen. »Pack deine Sachen und verschwinde. Ich werde nicht zulassen, dass du den Ruf unseres Teams ruinierst.« »Ich habe es dir bereits gesagt und ich sage es dir gerne noch mal: Ich habe nicht gedopt. Ich kann dir gerne alle meine Bluttests zeigen, aber ich bezweifle, dass du sie verstehst, wenn du nicht einmal verstehen kannst, dass die Schulleitung mir glaubt«, gab Ariane zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Offensichtlich ging es schon eine Weile so hin und her. »Das ist mir so was von scheißegal! Wir sind ein gutes Team, ein sehr gutes und du passt nicht zu uns.« »Du meinst, weil mein IQ höher ist als der von einem Stück Brot? Keine Sorge, ich werde euer Team sicherlich nicht verderben.« Ariane rollte mit den Augen und wandte sich zum Gehen, doch das andere Mädchen hielt sie fest. »Ich bin noch nicht fertig mit dir!«, zischte sie, doch jetzt wurde es Pauline zu bunt. Sie griff nach ihrem Handgelenk und zog sie von Ariane weg. »Ich glaube, du bist fertig. Jeder hat dich gehört und du hast deinen Standpunkt klargemacht. Gebracht hat es allerdings nichts. Die Schulleitung hat Ariane aufgenommen, also warum solltest du etwas dagegen tun können? Verzieh dich jetzt, bevor irgendwer sieht, wie sehr du dich hier gerade blamierst.« Pauline gab ihr einen kleinen Schubs und das andere Mädchen funkelte sie an. »Ich sehe schon, dich hat sie bereits eingewickelt, aber mich führst du nicht hinters Licht. Ich werde dich im Auge behalten und du kannst Gift darauf nehmen, dass ich dich melden werde, sobald ich etwas Verdächtiges entdecke, Ariane Weißenhof.« Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und verschwand mit ihren zwei Freundinnen um die Ecke. »Was war das denn?«, fragte Pauline stirnrunzelnd Ariane, die mit einem fassungslosen Gesichtsausdruck den Gang entlang blickte. Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung. Ich wollte dir ein bisschen Ruhe geben zum Telefonieren und habe mir gerade überlegt, ob ich in den Park gehen soll, als diese drei Tussis aufgetaucht sind. Offensichtlich haben sie nach mir gesucht, denn sie kamen direkt auf unser Zimmer zu. Und dann gingen diese lächerlichen Anschuldigungen los und wir sind laut geworden. Tut mir leid, wenn es dich gestört hat.« »Schon okay, du hättest auch nicht rausgehen müssen. Es war nur Louisa, eine alte Freundin, die inzwischen nicht mehr auf der Schule ist. Lass uns rausgehen, dort werden wir ungestörter sein als in unserem Zimmer.« Zusammen gingen sie langsam durch die Gänge der Schule nach draußen, wo sie sich einen abgelegenen Platz auf einer Wiese in der Sonne suchten. »Also, du weißt jetzt schon ganz schön viel über mich. Ich weiß über dich nur, was in der Zeitung stand und das bisschen, was mir die Lehrer erzählt haben. Was machst du denn, wenn du nicht trainierst?«, fragte Pauline neugierig darauf, mehr von ihrer Mitbewohnerin zu erfahren. Ariane warf ihr einen kurzen Blick zu und hielt ihr Gesicht dann wieder in die Sonne. »Ich bin langweilig. Ich mache das, was alle in meinem Alter machen. Shoppen, tanzen gehen, all so was. Völlig uninteressant eigentlich. Das Training hat sowieso den Großteil meiner Zeit gefressen.« »Klar, aber das kann doch nicht alles sein, lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Was war mit deinen Freunden? Bekannte? Du hast gesehen, wie es bei mir ist. Es ist nur fair, wenn du mir jetzt ein bisschen was von dir erzählst«, bohrte Pauline nach und bemerkte erstaunt, wie Ariane sich bei ihren Fragen versteifte. »Ich hatte immer nur die Leute aus meinem Verein. Die hatten wenigstens zur gleichen Zeit frei wie ich. Das hat es einfacher gemacht, sich zu verabreden, und man hatte immer Themen, über die man reden konnte.« »Habe ich was Falsches gesagt? Wenn ja, dann tut es mir leid. Scheint heute irgendwie nicht so ganz mein Tag zu sein.« Sie schickte ein entschuldigendes Lächeln hinterher und Ariane erwiderte es. »Nein, es ist alles okay. Ich will nur wirklich nicht mehr so viel an früher und zu Hause denken. Es schwebt immer noch über mir wie so eine dicke schwarze Wolke und der Streit vorher hat auch nicht gerade dazu beigetragen, meine Laune zu heben. Ich wollte das hier als einen Neuanfang sehen. So war es ja auch gedacht, aber wenn ich die ganze Zeit daran denke, was war, komme ich niemals darüber hinweg«, erklärte sie. Pauline hatte das Gefühl, Ariane versteckte noch etwas, doch wenn sie es nicht erzählen wollte, dann sollte es wohl nicht sein. »Alles klar, ich verstehe schon.« Sie verfielen in ein angenehmes Schweigen.
***
Am nächsten Morgen wurde Pauline von ungewohntem Rascheln geweckt. »Was ist denn los? Bist du etwa wach? Warum bist du schon angezogen?«, murmelte sie, als sie Ariane entdeckte, die im Jogginganzug an der Tür stand und schuldbewusst zu ihr blickte.
»Tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken. Ich konnte nicht mehr schlafen und wollte die Gunst der Stunde nutzen und vor dem Frühstück noch eine kleine Runde laufen gehen.« Augenblicklich war Pauline hellwach. »Allein? Warte, ich komme mit. Nachdem, was du gestern zu Mike gesagt hast und nach dem Streit, riskieren wir lieber nichts.« Sie sprang aus dem Bett und zog sich ihren Jogginganzug über ihre Schlafsachen. Sekunden später war sie fertig und lief mit Ariane leise in den Park. Sie schlugen ein gemütliches Tempo ein und Pauline fing an zu sprechen: »Darf ich dir Fragen zu deinem Sport stellen?« »Klar, wieso nicht?« »Na ja, nachdem ich mich gestern so in die Nesseln gesetzt habe, wollte ich lieber sichergehen. Wie kommt man denn darauf, Siebenkampf zu machen? Ich meine, ich kann ja verstehen, dass man eine oder zwei Disziplinen gut findet, aber sieben verschiedene? Und dann auch noch so grundverschiedene?« Ariane lachte laut auf. »Das hat sich so ergeben. Ich glaube, ich war ungefähr acht, als ich das erste Mal zum Leichtathletiktraining gegangen bin. Da macht man natürlich noch nicht alles und auch nicht so wettkampforientiert. Es soll alles Spaß machen, die Kinder sollen sich ausprobieren und herausfinden, was ihnen am besten liegt. Ich bin immer gern gelaufen und gesprungen und irgendwann habe ich dann vier Disziplinen trainiert. Zweihundert Meter Sprint, achthundert Meter, Hochsprung und Weitsprung. Mein damaliger Trainer war super. Er hat mich gut gefördert und ließ mich irgendwann auch die restlichen drei Disziplinen, also Hürdenlauf, Speerwurf und Kugelstoßen, ausprobieren. Speer und Kugel sind nach wie vor meine schwächsten Disziplinen, ich bin nie eine Werferin gewesen, aber der Rest gleicht es ganz gut aus. Heute mag ich die Vielseitigkeit. Man ist nicht auf eine Sache angewiesen. Geht eine Disziplin schief, hat man sechs andere, um das auszugleichen, und kann immer noch ein gutes Ergebnis abliefern. Und das Training ist viel abwechslungsreicher, als wenn man nur für eine Disziplin trainiert.« »Und was machst du am liebsten?«, keuchte Pauline, da Ariane das Tempo scharf angezogen hatte und sie musste sich anstrengen, mitzuhalten. »Wenn ich mich jetzt sofort für eine Disziplin entscheiden müsste, wäre es Hürdenlauf. Ich mag die Kombination aus Springen und Laufen. Außerdem ist es meine stärkste Disziplin, dicht gefolgt vom Hochsprung.« Sie verlangsamte grinsend und kam schließlich zum Stehen. »Sag doch was, wenn ich dir zu schnell bin. Ich kann das nicht riechen.« Pauline stieß ein keuchendes Lachen heraus. »Es geht schon«, ächzte sie und konnte sich ebenfalls ein Grinsen nicht verkneifen. »Du hast einfach längere Beine als ich und eine höhere Schrittfrequenz. Konnte ich ja nicht ahnen.« Sie ließ sich auf den gepflegten Rasen fallen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ariane setzte sich neben sie und hielt ihr Gesicht in die zarten Sonnenstrahlen, die bereits durch die Baumkronen blitzten. »Es ist schön hier. So ruhig. Das macht es einfacher, meine Nervosität zu bekämpfen.« Sie biss sich auf die Lippen und Pauline drückte aufmunternd ihre Hand. »Das kriegst du schon hin. Hast du schon deinen Stundenplan bekommen?« Ariane nickte. »Ja, aber ich habe ihn mir nicht so genau angesehen. Vor dem Unterricht habe ich auch keine Angst, vor dem Training schon.« »Ach Quatsch, du hast sie gestern schon in die Tasche gesteckt, das schaffst du noch mal. Vor allem, wenn du wirklich so gut im Siebenkampf bist, wie alle sagen.« Sie zwinkerte, als sie die Herausforderung übermittelte und Ariane sprang sofort darauf an. »Was heißt hier, wenn ich wirklich so gut bin? Ich bin wirklich so gut. Das werden die schon sehen. Die können sich auf etwas gefasst machen …« Sie brach ab und warf Pauline einen prüfenden Blick zu. »Das war ein Trick, oder?« Pauline sprang auf und streckte ihr die Hand hin. »Erraten. Komm, lass uns frühstücken gehen. Dann erzähle ich dir noch ein bisschen was über deine Lehrer und wir können überprüfen, ob wir zusammen Unterricht haben.« »Alles klar. Lass uns gehen.« Ariane ließ sich aufhelfen und sie eilten in ihr Zimmer, um sich vor dem Frühstück zu duschen.
***
Sie hatten tatsächlich die ersten Stunden zusammen. Pauline bat Noah, sich auf einen anderen Platz zu setzen, um neben Ariane sitzen zu können.
»Die meisten Lehrer sind wirklich okay. Melde dich ein paar Mal, beteilige dich am Unterricht und sie sind glücklich. Sie wissen, dass die meisten von uns wenig Interesse daran haben, sich für etwas anderes als ihren Sport zu engagieren«, flüsterte Pauline Ariane zu. »Pauline, ich finde es sehr löblich, dass du die neue Schülerin unter deine Fittiche genommen hast, aber wenn ihr nicht aufhört zu flüstern, werde ich mich stark dafür einsetzen, dass ihr den Stoff heute Nachmittag nachholt. Du weißt genau, dass ihr im Unterricht gute Leistungen bringen müsst.« Sie senkte den Blick und verkniff sich ein Grinsen. Sie wusste, dass das Training im Zweifelsfall wichtiger war. »Ja, Herr Seibold. Es wird nicht wieder vorkommen.« Er seufzte leise. »Das bezweifle ich stark, dennoch belasse ich es dabei. Wenden wir uns lieber den Themen für eure Jahrespräsentationen zu. Für die Neuen unter uns und diejenigen, die bei den ersten zwanzig Malen nicht aufgepasst haben: Wie üblich in den meisten Schulfächern müsst ihr keine Klausuren schreiben, sondern nur eine Präsentation pro Halbjahr halten, in der ihr euer Wissen mit euren Sportarten verbindet. In meinem Fall Englisch, das macht es euch einfacher: Ihr dürft Thema wählen, das ihr wollt, solange ihr eine halbe Stunde frei darüber sprechen könnt. Lasst euch etwas einfallen, überrascht mich, zeigt mir, dass ihr mehr könnt, als nur in den Schranken eures Sports zu denken. Bitte gebt mir bis nächste Woche Bescheid, für welche Themen ihr euch entschieden habt und wer mit wem zusammenarbeiten will. Ich denke, es ist einfacher für uns alle, wenn ich von vornherein erlaube, Zweiergruppen zu bilden.« Damit hatte er die Lacher auf seiner Seite, als alle sich an die letzten Präsentationen zurückerinnerten, bei denen aus Einzelarbeiten Gruppenarbeiten geworden waren, da alle viel zu sehr mit ihren Wettkämpfen und Auftritten beschäftigt waren. Mit Fassungslosigkeit hatten die Lehrer akzeptieren müssen, dass sämtliche Schüler sich in Grüppchen zusammengetan hatten, um die Arbeit zu teilen. Nach Tagen intensiver Besprechungen und mehr als einer Warnung an die Schüler wurde schließlich beschlossen, die Präsentationen zu werten und im nächsten Jahr direkt Gruppenarbeiten zuzulassen. »Wie ist es, wenn wir zwei unterschiedliche Sportarten praktizieren? Müssen wir dann beide in der Präsentation erwähnen?«, fragte Pauline mit Blick auf Ariane und Herr Seibold zuckte mit den Schultern. »Das bleibt euch überlassen. Überrascht mich und macht etwas Neues, wenn ihr schon zu zweit seid. Sehe ich das richtig, dass du damit schon deine Partnerin gewählt hast?« Er zückte sein Notizbuch und einen Stift, als Pauline nickte. »Ja, ich mache die Präsentation mit Ariane. Wir kriegen das schon hin«, gab Pauline zuversichtlich zurück, obwohl Ariane sie zweifelnd ansah. »Wie soll das denn funktionieren? Bist du sicher, dass du nicht lieber etwas mit Noah machen willst? Dann könnt ihr einen reinen Ballettvortrag machen. Leichtathletik und Ballett, das wird nicht einfach«, wisperte sie aufgebracht, doch Pauline winkte lässig ab. »Das klappt schon. Uns fällt da ganz sicher etwas ein, das ihn vom Hocker hauen wird.« »Na, wenn du meinst.« Ariane wirkte immer noch nicht überzeugt, doch sie wandte sich erst einmal weiter dem Unterricht zu. Nachdem die Stunde beendet war, bauten sich Samantha und Judith vor Paulines und Arianes Tisch auf. »Bist du sicher, dass du mit ihr präsentieren willst? Nicht, dass sie fliegt, sobald sie einen Rückfall hat, und du dann allein dastehst«, sagte Judith. »Was soll das heißen, sobald sie einen Rückfall hat? Rückfall zu was, liebe Judith?«, fragte Pauline zuckersüß und Judith rollte mit den Augen. »Stell dich nicht dümmer, als du bist. Jeder weiß doch, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie wieder dopt. Wer einmal damit angefangen hat, hört nicht auf und …« »Sprichst du etwa aus Erfahrung oder warum bist du da so felsenfest davon überzeugt? Hast du uns etwa die ganze Zeit über etwas verheimlicht?«, stichelte Pauline. Sie spürte bereits, wie ihr Geduldsfaden angesichts der ständigen Beschuldigungen gegen Ariane dünner wurde. »Ich … Was? Nein, natürlich nicht! Was denkst du von mir? Ich will doch nur dein Bestes, ich bin deine Freundin. Schon seit Jahren, im Gegensatz zu ihr«, sie blickte zu Ariane, die mit weißem Gesicht und vor der Brust verschränkten Armen auf ihrem Stuhl saß und hektisch auf ihrer Unterlippe herumkaute. »Du kennst sie seit gestern und wir sind sofort abgeschrieben? Was ist nur los mit dir? Ich erkenne dich gar nicht wieder! Willst du wirklich zulassen, dass ihr Ruf deinen zerstört? Denn das wird passieren, wenn du nur noch mit ihr zusammensteckst. Der Ruf, den du dir hart erarbeitet hast, willst du das? Was werden Louisa und Jan denken, wenn sie das hören?« Damit platzte der Knoten in Paulines Brust und sie hob die Hand, um Judith das Wort abzuschneiden. »Wag. Es. Ja. Nicht. Versuche nicht, Louisa und Jan in das hier mit reinzuziehen. Du kennst sie nicht so gut wie ich. Du hast keine Ahnung, wie sie reagieren würden, also dichte ihnen nichts an. Und nur zu deiner Information … Louisa weiß bereits, dass Ariane meine neue Mitbewohnerin ist, und sie findet es gut.« »Aber … aber … Wieso?«, stammelte Judith fassungslos, offensichtlich verblüfft darüber, dass ihr scheinbar wichtigstes Argument nun wertlos war. »Meine Damen, wenn Sie dann so freundlich wären, Ihre Diskussion zu unterbrechen, dann könnte ich mit meinem Unterricht beginnen«, forderte ihre Mathelehrerin, die den Raum unbemerkt betreten hatte und nun ungeduldig mit den Fingern auf ihrem Pult trommelte. Tomatenrot im Gesicht und eine Entschuldigung murmelnd, schlich Judith zurück an ihren Platz, während Ariane sich aufgeregt zu Pauline beugte. »Bist du verrückt? Du stößt deine alten Freunde vor den Kopf und das nur für mich? Das ist doch Wahnsinn! Selbst wenn du nicht mehr so glücklich bist, du kennst sie doch schon ewig und mich erst seit einem Tag! Das bin ich nicht wert.« Pauline legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm. »Lass das meine Sorge sein, okay? Ich weiß, was ich tue, und es fühlt sich endlich richtig an.« Ariane nickte wenig überzeugt, doch jetzt begann die Lehrerin mit ihrem Unterricht und beide mussten sich konzentrieren, um nicht den Anschluss zu verlieren. »Lass uns nach der Stunde trotzdem direkt verschwinden, bevor uns jemand aufhalten kann. Sicher ist sicher und zu Bio will ich wirklich nicht zu spät kommen«, flüsterte Pauline in einer unbeobachteten Minute und ihre neue Freundin stimmte wortlos zu.
***
Nach dem Mittagessen trennten Pauline und Ariane sich und gingen zum Training. Pauline machte sich auf den Weg in eines der größeren Studios zum Pas de deux und Ariane joggte langsam Richtung Stadion, um sich dem ersten Leichtathletiktraining auf der neuen Schule zu stellen. Pauline sah ihr mit gemischten Gefühlen nach und hoffte, dass sie es nicht so schwer haben würde. Dann stieß sie die Tür zum Studio auf und fiel fast über Noah, der dort bereits auf sie wartete.
»Na endlich, ich stehe mir hier schon die Beine in den Bauch. Judith und Sam haben schon wieder die Giftspritzen ausgepackt. Ich hoffe wirklich, du weißt, was du tust«, zischte er und warf bedeutungsvolle Blicke in die andere Ecke des Raumes, wo sich bereits eine Traube um besagte Mädchen gebildet hatte, doch Pauline rollte nur mit den Augen. »Ich weiß, was ich tue. Aber danke, dass auch du dir Sorgen machst. Denkst du das Gleiche wie die anderen?« Sie sah ihrem Tanzpartner prüfend ins Gesicht, bevor sie sich auf den Boden setzte, um ihre Spitzenschuhe anzuziehen. »Bist du wahnsinnig? Seit Louisa weg ist, bist du hier der Star, und das gönnen sie dir nicht, weil du dir nichts daraus machst. Du willst nur tanzen und darin bist du sehr gut. Da wird dir deine Freundschaft mit Ariane, die ja offensichtlich komplett frei von Dopingmitteln ist, sicher keinen Strich durch die Rechnung machen. Zieh es einfach weiter durch, ich halte auf jeden Fall zu euch.« Noah stemmte empört die Hände in die Seiten und Pauline grinste. »Danke für die Blumen. Ich habe noch einen weiten Weg vor mir, warum sollte ich mich also ausruhen? Und du bist auch nicht sauer, weil ich nicht mit dir präsentieren will? Da habe ich gar nicht dran gedacht, tut mir leid.« Sie sah ihn zerknirscht an, doch Noah winkte ab. »Quatsch. Meine ungezählten Talente wollen auch andere nutzen. Ich habe schon einige Leute, mit denen ich mir eine Zusammenarbeit vorstellen könnte, mach dir keinen Kopf. Lass uns lieber aufwärmen.« Ohne sich weiter um das Getuschel der anderen zu kümmern, begannen sie mit Pliés in den verschiedenen Fußpositionen, darauf bedacht, alle Muskeln gleichmäßig aufzuwärmen. Und es dauerte auch nicht lange, da kam ihr Trainer in den Raum gerauscht. »So, meine Lieben.« Er klatschte in die Hände. »Stellt euch bitte alle an die Barre. Seid ihr warm? Gut, wir fangen gleich mit ein paar Basics an. Es tut allen gut, diese immer wieder zu wiederholen. Pauline, Noah, bitte tanzt eine kurze Kombination durch den Raum. Arabesque, Pirouette, Pas de bourrée und ein Sprung. Pauline, ich will lange Beine sehen. Noah, ich will, dass du deine Partnerin unterstützt. Sie hat bei dieser Kombination den härteren Job.« Gedämpftes Lachen tönte durch den Raum, während Pauline und Noah sich in Positur stellten und mit der Übung begannen. Die anderen Paare folgten kurz darauf. Immer wieder schweiften Paulines Gedanken zu Ariane ab. Wie würde ihr erstes Training ablaufen? Ob die anderen Leichtathleten sich eingekriegt hatten? Sie war so unkonzentriert, dass sie mehrere Anfängerfehler machte. »Konzentrier dich mal! Lange kann ich deine Stolperer nicht mehr abfangen! Wo bist du denn mit deinen Gedanken?«, zischte Noah ihr zu und Pauline erschrak. »Tut mir leid. Ich …« Er winkte ab. »Mir egal, aber wenn du an deinen Lover denkst, dann bitte nicht während des Trainings.« »Was für ein Lover? Bist du verrückt? Wie kommst du darauf?« Noah zuckte mit den Schultern, stellte sich in Pose und tanzte sich erst durch die Schrittfolge, bis er antwortete: »Du bist wie auf Wolke sieben, als wärst du verliebt. Ich dachte, du willst nichts von Mike?« »Ich will auch nichts von Mike. Er ist ein Idiot.« Pauline schüttelte den Kopf. »Außerdem ist es mir total unangenehm, dass er immer noch nicht kapiert, dass da nie etwas zwischen uns sein wird. Ich weiß langsam echt nicht mehr, was ich tun soll.« »Was meinst du damit? Stellt er dir immer noch nach? Mädchen, das ist langsam echt nicht mehr lustig. Euer Date war vor Wochen! Und du warst vorher schon nicht begeistert von seinen Annäherungsversuchen. Soll ich mal mit ihm sprechen?« Jetzt klang ehrliche Besorgnis in Noahs Stimme mit, weshalb ein warmes Gefühl in Paulines Bauch aufwallte. Zum Glück hatte sie immer noch echte Freunde, die zu ihr hielten. »Ich glaube nicht, dass das nötig ist. Ich werde heute mit ihm sprechen und ihm ein für alle Mal klarmachen, dass das nichts wird. Ich wollte das schon seit einer Weile machen, aber dann kam Ariane dazwischen und irgendwie hatte ich keine Zeit mehr, aber es muss passieren. Heute«, sagte Pauline fest entschlossen, bevor sie sich wieder voll und ganz dem Training widmete. Nach der Stunde war es keine große Überraschung, dass Mike auf Pauline wartete. »Hat der eigentlich kein eigenes Training?«, murmelte sie Noah zu, der aufmunternd ihre Hand drückte und dann verschwand. Sie sah ihm kopfschüttelnd nach, bevor sie sich wieder dem Fußballspieler zuwandte, der ein paar Schritte näher gekommen war. Viel zu nah für Paulines Geschmack. »Mike, was für eine Überraschung! Hast du denn kein eigenes Training?« Sie merkte selbst, wie gekünstelt freundlich ihre Stimme klang, doch er zog es offensichtlich vor, ihren Tonfall zu ignorieren, und schloss sie fest in seine Arme. »Ich habe gerade Pause und dachte, ich sehe mal nach meinem Mädchen«, gab er zurück, während Pauline darum kämpfte, wieder losgelassen zu werden. »Dann kannst du kurz fünf Minuten entbehren? Ich müsste etwas mit dir besprechen.« »Klar, Prinzessin. Gehen wir zu mir oder zu dir?« »Lass uns in unseren Gemeinschaftsraum gehen«, bat Pauline. Sie wollte auf gar keinen Fall mit ihm allein sein und der Gemeinschaftsraum bot genug Platz, sodass sie ungestört, aber nicht komplett allein sein konnten. Sein freches Grinsen verschwand, doch er folgte ihr widerspruchslos. Im Gemeinschaftsraum der Tänzer suchte sie sich eine ruhigere Ecke und ließ sich in einen Sessel fallen. »Also«, begann sie und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Sie hätte gerne mehr Zeit gehabt, um sich Stichpunkte zu machen, doch jetzt nutzte sie die Gelegenheit, um Mike noch einmal zu sagen, dass er sie in Ruhe lassen sollte. »Mike, ich weiß nicht, warum es immer noch nicht in deinen Kopf geht, dass ich nichts von dir will und auch niemals eine Zukunft für uns gesehen habe. Wir sind nicht Jan und Louisa, werden wir nie sein. Und ich hoffe wirklich, du verstehst, dass dein aufdringliches Verhalten mir langsam echt lästig wird. Bitte, lass mich in Ruhe. Ich bin mir sicher, du findest bald ein Mädchen, das besser zu dir passt. Ich passe jedenfalls nicht zu dir und ich muss dir ehrlich sagen, wenn du nicht aufhörst, werde ich es der Schulleitung melden. Ich kann mich nicht mehr auf mein Training konzentrieren, weil ich ständig denke, dass du auf mich wartest. Das geht nicht. Bitte versteh das.« Das der letzte Teil ein wenig geflunkert war, störte sie nicht, wohl jedoch Mike. Er wirkte völlig ruhig, doch sie hatte oft genug ein Spiel der Fußballer gesehen, um zu wissen, dass er gerade dann am gefährlichsten war. Wie eine Bombe kurz vor dem Explodieren. »Du meinst das ernst, nicht wahr? Das ist kein Spiel, um mich hinzuhalten. Du meinst wirklich, wir würden nicht zusammenpassen?« Sein kalter Tonfall ließ Pauline frösteln und sie spürte den Drang, alles zurückzunehmen, die Konfrontation nicht weiter zu suchen, doch sie gab sich innerlich einen Ruck und nickte mit zusammengebissenen Zähnen. »Ja, ja, das meine ich. Es tut mir leid.« Beinahe hätte sie die Hand ausgestreckt, um sie tröstend auf seinen Arm zu legen, doch er stand abrupt auf. »Dann weiß ich ja jetzt Bescheid. Prinzessin.« Sie zuckte zusammen, als er ihr seinen Kosenamen für sie voller Verachtung entgegenschleuderte, doch er beachtete sie nicht mehr, sondern verließ den Raum und ließ sie wie erstarrt zurück. Was bedeutete das jetzt? Hatte er es verstanden? Akzeptiert? Würde er sie ab jetzt in Ruhe lassen? Würde es schlimmer werden? Was sollte sie jetzt tun? »Hier bist du, ich suche dich schon die ganze Zeit. Ist etwas passiert?« Schnaufend ließ Ariane sich in den Sessel fallen, den Mike verlassen hatte, und Pauline schrak aus ihren Gedanken. »Was? Oh, du bist es. Nein, eigentlich ist nichts passiert, es war nur … seltsam. Wie war dein Training?« Ariane grinste schmerzlich und rieb sich das Knie. »Soweit ganz gut. Ich merke, dass ich doch einige Wochen nicht richtig trainiert habe. Und ich bin voll gegen eine Hürde geknallt. Das hat die Giftspritzen natürlich gefreut. Alles in allem bin ich aber recht zufrieden. Es hätte besser sein können, aber das kann es ja fast immer.« »Oje, dein Knie? Ist es sehr schlimm?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, es geht schon. Ich wollte es gleich noch mit einer Salbe einreiben, damit die Prellung schneller heilt. Es ist wirklich halb so wild. Aber was ist bei dir los? Was war seltsam?« Pauline zuckte mit den Schultern. »Ich habe mit Mike gesprochen. Du kannst dir sicher denken, warum …« Sie rekapitulierte die ganze Geschichte und Ariane runzelte die Stirn. »Das ist tatsächlich seltsam. Du wirst abwarten müssen, was jetzt passiert. Dein Standpunkt ist klar.« »Das sehe ich eben auch so, aber es fühlt sich so unbefriedigend an. Es ist nicht abgeschlossen. Da könnte immer noch etwas kommen«, gab sie zu und stand auf. Zusammen gingen sie zurück in ihr Zimmer, wo Ariane ihr Knie verarztete und Pauline erst einmal unter die Dusche schlüpfte, bevor sie sich für das Abendessen umzog. Vor dem großen Speisesaal blieb Pauline stehen und sammelte ihren Mut. »Na dann, los. Kann nicht schlimmer werden, oder?« Ariane nickte aufmunternd. »Genau, und wir können uns zu meinem Team setzen, wenn du willst. Bis auf die drei Mädchen von gestern sind alle echt nett.« Pauline grinste erleichtert. »Das klingt gut. Besser als die zickigen Tänzer auf jeden Fall.« Sie stießen die Tür auf und waren sofort umgeben vom Lärm der anderen Schüler. Zusammen holten sie sich Salat, Nudeln mit Soße und einen Joghurt als Nachtisch, bevor sie sich nach einem freien Platz umsahen. »Also mein Team sitzt dort hinten. Da ist auch noch etwas frei, aber da am Fenster wäre noch ein Zweiertisch und dein Tanzpartner winkt auch schon. Was machen wir?« Ariane deutete einmal durch den Raum und Pauline verzog das Gesicht. »Lass uns bei deinem Team sitzen, wir haben gestern bei den Tänzern gesessen und nach dem Drama heute Morgen verspüre ich keine Lust, das noch mal wiederzukäuen.« Sie setzten sich in Bewegung und ließen sich an dem großen Tisch nieder, an dem bereits ein paar der Leichtathleten saßen. »Das ist Pauline, meine Mitbewohnerin. Mein Team: Sascha, Alex und Esra«, stellte Ariane alle vor. Pauline nickte ihnen kurz zu und wandte sich dann ihrem Teller zu. »Du bist Tänzerin, oder?«, fragte Alex neugierig und sie nickte. »Ja, bin ich. Wieso?« »Warum hat man euch zusammengesteckt? Bei Lisa wäre auch noch ein Bett frei gewesen. Findest du das nicht seltsam?«, bohrte er weiter und Pauline zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung, habe auch nicht gefragt. Es war mir egal. Vielleicht, weil ich echt lange allein war und sie das nicht mehr wollten? Denkst du dir gerade Verschwörungstheorien aus?«, fragte sie mit vollem Mund und versuchte sich an einem Lächeln. Er legte den Kopf in den Nacken und lachte. »Nein, ich bin einfach von Natur aus neugierig. Und so oft werden unterschiedliche Sportler ja nicht gemischt. Nicht mehr, seit das Rugbyprojekt beendet wurde.« Sie schluckte, bevor sie antwortete: »Stimmt. Aber das Ende des Projektes war doch abzusehen, nachdem Louisa und Jan die Schule verlassen hatten.« »Das ist jetzt schon das x-te Mal, dass ich diese Namen gehört habe und ihr macht mich echt neugierig. Wer sind Louisa und Jan und was hat sie so besonders gemacht?«, mischte Ariane sich ein und Alex grinste. »Na, das lass dir mal von deiner Mitbewohnerin erklären. Die war meines Wissens mittendrin in dem Drama.« Er zwinkerte Pauline zu und sie konnte sich das Lachen nicht verkneifen. »Richtig.« Sie dachte an die Geschehnisse von vor ein paar Jahren zurück, als ihre Freunde noch auf der Schule gewesen waren und sie selbst ihren ersten großen Auftritt gehabt hatte. »Vor ein paar Jahren haben die Leiter von Rugby und Ballett beschlossen, dass es den Schülern guttun würde, auch mal die Herausforderungen einer anderen Sportart kennenzulernen. Daher wurden gemeinsame Trainingseinheiten der Tänzer und der Rugbyspieler veranstaltet. Jan und Louisa waren dabei ein Team und sind im Laufe der Zeit zusammengekommen. Das Ganze war ein schönes Hin und Her und ist schließlich im Trainingslager der Tänzer eskaliert. Ich habe damals die kleine Klara getanzt, Louisa war die große Klara im Nussknacker, daher haben wir doch recht viel Kontakt gehabt und ich war mittendrin. Glücklicherweise hat sich alles geklärt und die zwei haben letztes Jahr geheiratet. Als sie von der Schule gegangen sind, wurde das Rugbyprojekt aber wieder aufgelöst. Es war sowieso nur ein Probedurchlauf und es gab offensichtlich nicht das gewünschte Ergebnis. Dafür gab es wohl zu viele Beziehungen. Trotzdem hängen die Tänzer und die Rugbyspieler seitdem immer öfter miteinander ab. Neugier befriedigt?« Sie wandte sich an Ariane, die an ihren Lippen gehangen hatte. »Das klingt so, als ob du da eine ganze Menge verschwiegen hast. Aber ja, Neugier vorerst befriedigt.« Sie grinste. »Und du hast immer noch Kontakt mit Louisa?« Pauline lief rot an. Inzwischen war Louisa eine weltbekannte Tänzerin beim Royal Ballet in London und Pauline wollte nicht, dass jemand dachte, sie würde einen Nutzen daraus ziehen, dass sie ihre Freundin war. »Ja, wir haben immer noch Kontakt. Meistens nur telefonisch, da beide echt eingespannt sind, aber ich habe sie schon mehrmals in London besucht.« »Ach stimmt, sie hat dich angerufen, oder nicht?« Pauline nickte nur und wandte sich wieder ihrem Teller zu. Es war ihr unangenehm, so im Mittelpunkt zu stehen, und sie hoffte, dass die Neugier der anderen jetzt befriedigt war.
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