Kitabı oku: «Rätsel im Ballsaal. Historischer Roman»
Imprint
Rätsel im Ballsaal. Historischer Roman
Catherine St.John
Published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
Copyright: © 2021 R. John 85540 Haar
Cover: Charles Haigh Wood, Anxious Moments
ISBN 978-3-754900-23-9
Kapitel 1
Schade, dass er nicht einfach weitermachen konnte wie bisher! Beaufort Hall hatte er in den letzten vier Jahren so gründlich umgestaltet und, wo nötig, modernisiert, dass er sich hier wirklich wohlfühlte. Soweit es überhaupt möglich war, hieß das freilich.
Er und Marian.
Marian freute sich sehr, dass ihr Papa immer für sie Zeit hatte; er hatte ihr sogar das Lesen beigebracht und schrieb ihr immer wieder - in großen, ordentlichen Buchstaben - kleine Geschichten, zum Beispiel darüber, was ihre Katzen Mimi und Lion des Nachts alles anstellten, wenn Marian brav in ihrem Bettchen schlief.
Fiering öffnete die Tür zur Bibliothek. „Mylord, Lady Marian…“
„Papa!“ Marian rannte auf ihn zu und kletterte sofort auf seinen Schoß.
„Hast du schön gefrühstückt?“
„Ja! Eier und Schinken und gleich zwei Toasts mit Marmelade!“
„Sehr gut. Kannst du zwei schon mit den Fingern zeigen?“
Marian hielt zwei Finger hoch und er küsste sie auf die Wange. „Mein Schatz, du bist so klug!“
Sie rutschte wieder von seinen Knien. „Kann ich ein Bild malen, Papa?“
„Natürlich. Auf dem Tisch dort drüben liegen Blätter und Bleistifte, auch Rötelstifte. Wenn du aber ein Aquarell malen möchtest, tust du das bitte im Schulzimmer.“
„Nö, jetzt nicht. Wegen des Wassers, nicht wahr?“
„Richtig, Mausi!“
Marian war sofort in ihre Zeichnung vertieft und ihr Vater versank wieder in seinen Gedanken.
Sie war so ein reizendes Kind, hübsch, klug, brav, aber lebhaft und neugierig – und sie konnte Beaufort Hall und seinen gesamten sonstigen Besitz in und um London nicht erben, weil sie „nur“ ein Mädchen war. In diesem Land lief so einiges falsch, fand er. Nicht nur er!
Er brauchte einen Erben, daran war nicht zu rütteln.
Also musste er wohl doch noch einmal heiraten. Leider konnte er sich das aufgeregte bis abfällige Getuschel schon vorstellen, wenn er einen Ballsaal betrat. Es war ja nicht so, dass er nie eingeladen wurde, aber bisher hatte er zumeist höflich und unter wenig originellen, aber akzeptablen Vorwänden abgesagt.
Das musste er jetzt wohl ändern, auch um Marians willen. Ein oder zwei Brüder und sie stand nach seinem Tod nicht einfach auf der Straße…
Reichlich pessimistische Gedanken wälzte er da, fand er. Marian war hübsch und klug und lebhaft, sie würde eine ordentliche Mitgift mitbekommen und trug immerhin einen Höflichkeitstitel, warum sollte sie also keinen guten Ehemann finden, in zwölf bis fünfzehn Jahren?
Dann konnte er sich weiterhin hier vergraben und nur für Marian und den Besitz leben?
Das war feige, urteilte er, streng mit sich selbst.
Außerdem war dieses Leben doch etwas leer; einen Menschen, der ihm Zuneigung zeigte – einen erwachsenen Menschen! – brauchte er auch. Liebe… ein großes Wort. Zuneigung, wenigstens ein friedliches Zusammenleben, gute Gespräche, gemeinsames Sorgen für den Besitz und Kinder, das wäre schön… Er seufzte.
Marian sah alarmiert auf. „Bist du traurig, Papa?“ Sie ließ den Stift sinken, kletterte wieder auf seinen Schoß und umarmte ihn. „Ich hab dich lieb, Papa!“
„Ja, du hast mich lieb“, antwortete er und spürte den Kloß im Hals, „und ich hab dich auch lieb, mein Schatz.“
„Warum bist du dann traurig?“
„Hättest du nicht gerne auch eine Mama?“
Marian, die ihr Köpfchen an seine Brust gelehnt hatte, fuhr auf und sah ihn ratlos an. „Was ist eine Mama?“
„Sowas wie ein Papa, aber eben eine Frau. Du hattest einmal eine Mama, aber du kannst dich daran wohl kaum erinnern…“
„Wo ist diese Mama denn jetzt?“
Er seufzte wieder. „Im Himmel. Von da passt sie auf dich auf.“
Den Teufel würde sie tun, immerhin hatte sie ihre kleine Tochter kaltschnäuzig verlassen, um mit Sir Francis Bevenhurst zu leben.
Nun, immerhin ehrlicher, als ihm womöglich ein Kind von Bevenhurst unterzuschieben. Wenn er es recht bedachte, war sie eigentlich arm dran gewesen – nach einem Jahr war sie im Kindbett gestorben und der kleine Sohn mit ihr. Francis hatte ihn wenigstens informiert, aber er selbst hatte ihm nur in höflichen Worten kondoliert und den Kontakt nicht weiter gepflegt.
War das dumm gewesen?
Ach, wollte er wirklich mit dem halben Hausstand nach London reisen, sich im Ballsaal zum Affen machen und schließlich mit einer neuen Frau nach Hause zurückkehren, die vielleicht auch nicht besser war als Lucinda… vielleicht mochte sie Marian nicht und behandelte sie schlecht? Oder fing auch etwas mit einem Nachbarn an und verließ ihn wieder?
Jetzt begannen sich seine Gedanken schon arg im Kreis zu drehen…
Kapitel 2
„Es ist ja eigentlich albern“, stellte Lady Hertwood fest und grinste wenig damenhaft, „sich jedes Mal wieder auf die Saison zu freuen, aber es ist schon recht lustig. Als ob ich das noch nötig hätte…“
Ihr Schwägerin, die Viscountess Lynet, lachte. „Mir geht es doch genauso. Kaum bin ich wieder in London, rieche die gute Luft hier und sehe die überfüllten Straßen, sehne ich mich nach ebenso vollgestopften Ballsälen, vollkommen geistlosen Gesprächen und bösartigem Klatsch.“
„Aber Lady Tenfield ist doch köstlich?“
„Sie schon – aber erinnerst du dich noch an Selina Cuffley oder die grässliche Eloise?“
„Huh! Hoffentlich treffen wir sie nur selten…“
„Am besten gar nicht“, murmelte die Viscountess, die sehr tatendurstig wirkte, obwohl sie ihrem Gemahl erst vor wenigen Monaten einen Erben präsentiert hatte.
„Melinda, aber dieses Mal bist du nicht zu müde für einige Bälle, oder?“, fragte sie dann. „Weißt du noch, als du mit Klein-Eddie in der Hoffnung warst?“
„Oh ja! Und du nicht verstanden hattest, dass du dich längst in Ben verliebt hattest!“
„Eher es nicht verstehen wollte. Ich war schon recht dumm damals. Möchtest du dieses Mal ein kleines Mädchen?“
„Das wäre nett, wir könnten sie nach eurer Schwester Christina nennen. Das ist ein hübscher Name.“
„Oder nach Mutter“, antwortete Cecilia. „Sie hieß Catherine.“
„Das ist auch hübsch. Ich werde Sebastian fragen. Aber findest du nicht auch, dass man das Neugeborene erst sehen muss, um zu wissen, ob es eine Catherine oder eine Christina ist?“
„Unbedingt! Ben hatte ja tatsächlich mit Max geliebäugelt – einem besseren Max, du verstehst? Und nach dem ersten Blick auf den Kleinen, so rot und verquollen und obendrein sehr übellaunig, sagte er: „Nein, Max passt gar nicht zu ihm. Ich wäre für James.“
„Und damit warst du einverstanden?“
„Natürlich! Jimmy sah wirklich wie ein James aus. Ach, er ist so entzückend, er wächst und gedeiht. Hoffentlich bekommt ihm London – aber ich wollte mich nicht von ihm trennen.“
„Mit Eddie geht es mir doch genauso. Wollen wir nach ihnen sehen? Danach können wir ja überlegen, was wir morgen auf dem Ball der Prestons tragen wollen.“
„Uns geht es so wunderbar“, seufzte Melinda, als sie diese Pläne umgesetzt hatten. „Wir haben die allerliebsten Ehemänner, jede einen entzückenden kleinen Sohn, ich vielleicht bald noch eine Tochter, wir können auf dem Land leben und ab und zu ein paar Bälle in London mitmachen -“
„- auf denen wir nicht mehr zu hauptsächlich fadem Weiß verurteilt sind“, ergänzte Cecilia. „Mal sehen, wer morgen bei den Prestons sein wird. Lieber Himmel, hoffentlich nicht Carew – oder hat er jetzt endlich eine Frau gefunden?“
„Du glaubst nicht ernsthaft, dass ich das weiß, oder? Frag doch die grässliche Eloise, immerhin ist sie seine Schwester!“
„Ungefälliges Weibsbild!“
„Wie bitte?“, fragte Lord Hertwood hinter ihr. „Wie sprichst du mit meiner Gemahlin, böse Schwester?“
Beide Damen kicherten. „Wir haben beide keine Lust, bei Lady Eloise Dalley nachzufragen, ob ihr unsäglicher Bruder jetzt endlich eine Frau gefunden hat“, erklärte Melinda.
„Obwohl uns die Antwort natürlich rasend interessieren würde“, ergänzte Cecilia.
„Warum eigentlich?“ Lord Hertwood setzte sich. „Kann es euch nicht vollkommen gleichgültig sein, ob dieser Idiot eine Dumme gefunden hat, die sich nur für den Titel einer Countess interessiert?“
„Natürlich, aber darüber zu klatschen macht doch Spaß!“ Melinda lächelte ihren Mann breit an.
„Ladys!“ Hertwood verdrehte die Augen zur Decke. „Was sagt denn Ben dazu?“
„Ungefähr das gleiche wie du, aber darüber, was mich amüsiert, entscheide ich schließlich immer noch selbst, nicht wahr, Seb?“, fertigte Cecilia ihren Bruder ab.
„Wir sollten Portia ein paar Mal mit auf Bälle nehmen“, wechselte Melinda das Thema. „Ich glaube, Tante Margaret findet eine Saison mittlerweile doch recht anstrengend – und wir gehen doch gerne auf Bälle.“
„Ja, wenn keine von uns beiden in der Hoffnung ist!“
„Oh, Cecilia? Habe ich da etwas verpasst?“, frotzelte ihr Bruder prompt.
„Unsinn, ich spreche von Melinda. Aber ihr scheint es ja recht gut zu gehen?“
„Hast du mir selbst eben nicht geglaubt?“ empörte sich Melinda etwas künstlich.
„Natürlich! Du bist in so spitzbübischer Stimmung, es muss dir glänzend gehen. Wollen wir Portia morgen Abend gleich zu den Prestons mitnehmen?“
„Ich schicke ein Brieflein zu den Arnebys“, nickte Cecilia.
Melinda wandte sich an ihren Mann: „Portia ist jetzt zwanzig und in ihrer dritten Saison. Allmählich sollte sie die Sache wohl ernsthaft angehen, nicht wahr, Sebastian?“
„Wenn sie das möchte? Es gibt auch Damen, die gar nicht heiraten wollen“, gab Sebastian zu bedenken.
„Besser gar nicht heiraten als den falschen Mann“, verkündete Cecilia kriegerisch. „Natürlich könnte man als Witwe des falschen Mannes auch recht zufrieden leben…“
„Solle ich Ben warnen, dass du ihm nach dem Leben trachtest, du alte Zynikerin?“, gab Sebastian sofort zurück.
„Versuch´s nur, er wird dich anstarren, als seiest du nicht recht bei Trost“, prophezeite Cecilia. „Oh fein, der Tee!“
Cecil betrachtete sich recht unlustig im Spiegel. Sicher, der schwarze Abendfrack saß wie angegossen (auf Weston war eben Verlass), die blassgraue, silbern bestickte Weste war elegant, nach der neuesten Mode und dennoch streng in der Anmutung, das Halstuch war tadellos gelegt, die schwarzen Pantalons waren über jeden Zweifel erhaben. Nichts war zu beanstanden – und Kniehosen brauchte er gar nicht, denn heute Abend ging es nicht zu Almack´s. Aber, du lieber Himmel, hatte er keine Lust auf diesen Ball! Sicher, Michael Preston gehörte zu seinen wenigen Freunden, was die Chance verringerte, dass ihn jemand offen schnitt – aber gegen angeregtes bis aufgeregtes Getuschel war auch kein Gastgeber gefeit…
„Stell dich nicht so an“, hatte Michael einigermaßen barsch gesagt, „einmal muss es ja doch sein! Denk an die kleine Marian: Soll sie eines Tages auf die Gnade eines entfernten Verwandten angewiesen sein?“
Marian – ja, für sie nahm er das alles auf sich. Aber mussten die meisten jungen Damen gar so naiv, kindisch und geistlos sein? Bedeutete eine Ehe nicht in den meisten Fällen endlose Langeweile?
Lucindas Konversation war auch nicht auszuhalten gewesen. Eigentlich war es die meiste Zeit nur darum gegangen, wie schön sie war, wie gut ihr die zweihundertste Robe stand, welchen Tratsch sie von ihren Freundinnen gehört hatte und welche Veranstaltungen sie als nächstes besuchen wollte. Und warum er sie schon wieder nicht begleiten wollte, ungefällig, wie er war. Wozu: Um am Rand zu stehen und zuzusehen, wie sie in die Arme immer wieder anderer Männer flog? Mit ihm wollte sie nicht tanzen, wie sie ihm klargemacht hatte: Wozu denn? Wir sind doch verheiratet!
Für so etwas war ihm seine Zeit zu kostbar – und immer mehr Herren warfen ihm auch mitfühlende Blicke zu. Das brauchte er genauso wenig.
Lucinda war eine kaltherzige Egoistin gewesen. Nicht einmal für ihr Kind hatte sie ein Herz gehabt. Oder wenigstens ab und einmal etwas Zeit…
Gut, vielleicht wäre sie bei ihm geblieben, wenn er sie täglich wortreich bewundert hätte, ihre Schönheit in den delikatesten Formulierungen gelobt… er war doch kein verdammter Poet!
Was hatte der arme Bevenhurst wohl mit ihr auszustehen gehabt, bevor sie gestorben war?
Andererseits: de mortuis nil nisi bene, warum also so abfällig an die arme Lucy denken, sie war ja schließlich tot? Und er musste dringend eine neue Frau finden, für Marian und für einen Erben. Und vielleicht auch ein wenig für sich selbst… war er nicht doch etwas einsam?
Nein, er hatte doch Marian. Sie war wirklich reizend, so aufgeweckt für ihre sechs Jahre!
Aber sie brauchte auf die Dauer auch eine Mutter, nicht nur ihre Nanny oder eine Gouvernante wie Miss Sheffield. Mutter war ihr im Moment noch eine ganz fremde Rolle, denn Lucy – nein, Schluss damit!
„Sehr schön, Mylord, wenn ich das bemerken darf“, lobte Grin, sein Kammerdiener. Cecil lächelte kurz. „Als ob du sonst um Erlaubnis bitten würdest! Aber ich bin auch recht zufrieden – streng, aber elegant.“
Grin machte seinem Namen alle Ehre und verneigte sich dann. „Mit einem undefinierbaren Hauch von Halbtrauer?“
„Sehr gut beobachtet. Nun, ich bin gespannt, ob ich den Ball bei den Prestons genießen werde…“
„Aber gewiss doch, Mylord. Und – wenn ich das bemerken darf: Das Haus braucht wieder eine Herrin.“
„Das weiß ich selbst, Grin. Du brauchst übrigens nicht aufzubleiben!“
„Danke, Mylord.“
Kapitel 3
Cecil schlenderte die Treppen hinunter und durch die Halle, ein Diener reichte ihm Zylinder und Umhang, der Butler pfiff nach draußen, woraufhin der Wagen vorfuhr. Ich bin der Earl of Walsey, verdammt, sagte sich Cecil und stieg in die Kutsche. Sie werden mich nicht schneiden – und für diesen klatschsüchtigen, nutzlosen Haufen gibt es doch jeden Tag eine neue Sensation. Was haben diese armen Tröpfe denn sonst zu tun?
In wenigen Minuten standen sie vor dem Haus der Prestons; einer der Lakaien sprang von seinem Platz hinten auf dem Wagen und klappte den Tritt aus, bevor er die Tür des Wagens öffnete.
Cecil stieg herab, sah sich selbstbewusster um, als er sich fühlte, und schritt die Stufen zum Portal hinauf. Drinnen herrschte bereits ein gewaltiges Gedränge, wie es für einen gelungenen Ball offenbar zwingend erforderlich war, aber es gelang ihm, die geschwungene Treppe auszumachen, auf deren erstem Absatz Sir Michael und Lady Preston standen und die Gäste mit sorgsam abgestufter Herzlichkeit begrüßten.
Ein alleinstehender Herr vor ihm zum Beispiel empfing ein sehr kühles Lächeln und Lady Preston zog eine Miene, als fragte sie sich, ob sie diesen Gentleman tatsächlich eingeladen hatte. Sofort begann Cecil zu überlegen, wer das wohl sein mochte – doch jedenfalls jemand, der gar nicht mehr wohlgelitten war – aber mit Recht?
Er selbst wurde schließlich auch nicht immer begeistert begrüßt…
„Cecil! Na endlich sieht man dich mal wieder!“ Michael umarmte ihn und klopfte ihm auf die Schulter; Cecil erwiderte die Umarmung noch etwas ungeschickt, schielte kurz zur Seite und beugte sich dann über die Hand der strahlend lächelnden Laura Preston. „Michael hat recht, du hast dich viel zu lange nicht mehr blicken lassen! Wenn dies hier dein erster Ball der Saison ist, fühlen wir uns sehr geehrt.“
„Das ist er tatsächlich“, antwortete Cecil und erwiderte das Lächeln: Er hatte seine Freunde wirklich zu lange vernachlässigt. „Ich wusste eben nicht, ob -“ Er brach ab.
„Ob wir den idiotischen Gerüchten glauben? Cecil, wofür hältst du uns denn? Nun, auf jeden Fall wünschen wir dir viel Vergnügen!“
Er trat zur Seite, denn hinter ihm wurden die nächsten Gäste gewiss langsam ungeduldig, und stieg die Stufen zum Ballsaal hinauf.
Immerhin hatte er den ungeliebten Gast eben erkannt – Carew. Kein Wunder, dass die Prestons so kühl reagiert hatten: Carew hatte doch vor vielleicht zwei Jahren versucht, sich durch die Entführung einer Erbin zu sanieren? Cecilia Herrion? Viel besser schien es ihm heute auch noch nicht zu gehen, jedenfalls wirkte sein Abendanzug reichlich abgetragen.
Dafür schien er aber deutlich an Gewicht zugelegt zu haben, zumindest spannte der Frack am Rücken unübersehbar.
Wer interessierte sich schon für Carew? Bedauernswerter Tölpel.
Der Ballsaal war bereits gut gefüllt und er schlenderte langsam am Parkett vorbei zu den Erfrischungen, wo er seine Freunde Adam Prentice und Ben de Lys stehen sah. Im Näherkommen breitete er die Arme schon in einer demütigen Geste aus und sagte, als er vor ihnen stand: „Ich weiß, ich weiß, ich war dumm, mich so lange fernzuhalten, Michael hat es auch schon gesagt. Aber mein Ruf – naja.“
„Dummkopf“, antwortete Adam freundlich, „was interessiert uns denn der Ruf unter diesem Volk hier?“ Er deutete weitausholend einmal rund um den Ballsaal, was ihm einige pikierte Blicke eintrug. Ben und Cecil lachten. Nun wurde auch Cecil fixiert – und Ben, um den es ja vor längerer Zeit auch üble, wenn auch genauso unberechtigte Gerüchte gegeben hatte.
Sie stießen mit Champagner darauf an, dass Cecil in die Öffentlichkeit zurückgefunden hatte. „Und was hat dich nun hergetrieben?“, fragte Ben. „Geschäfte?“
„Das wohl auch. Aber ich fürchte, ich muss wieder heiraten, schon wegen Marian. Wenn sie keine Brüder bekommt, steht sie nach meinem Tod doch vor dem Nichts!“
„Ist dein momentaner Erbe so herzlos?“
„Wahrscheinlich ja – und ohne Mitgift findet auch eine Lady Marian nicht so leicht einen guten Mann. Ich brauche einen Erben, das steht fest.“
„Oder zwei“, murmelte Adam.
„Ach ja – ihr beide seid ja schon versorgt, nicht wahr? Erzählt!“
Adam lächelte. „Charles ist zwei und Lizzie fast ein Jahr alt. Helen und ich sind sehr glücklich mit unserem Pärchen.“
„Unser Jimmy ist erst vier Monate alt, aber quietschfidel und gesund – und das ist das Wichtigste, nicht wahr?“ Ben strahlte ebenfalls vor Vaterstolz.
Cecil erwiderte das Lächeln. „Marian ist jetzt sechs. Und sie kann schon lesen und zählen! Ist das nicht wunderbar?“
Das Orchester begann die Instrumente zu stimmen und Ben stellte sein Glas ab. „Ich werde mich zu Cecilia gesellen.“ Adam tat es ihm gleich und Cecil begann wieder herumzuschlendern. Kichernde Debütantinnen, streng dreinsehende Mütter, pfiffige und steife alte Damen, dazwischen einige Gesellschafterinnen oder andere noch junge Frauen, die aber eindeutig nicht mehr auf dem Heiratsmarkt waren.
Wäre das vielleicht eine Option? Nein, beschloss er, so nüchtern wollte er die Sache auch nicht angehen.
Er sah sich unauffällig um, während er scheinbar blicklos noch einmal an der Tanzfläche vorbei schritt. Diese Blonde in dem blassblauen Kleid, vielleicht? Sie sah ernst und vernünftig drein und fast so, als rechne sie nicht damit, überhaupt aufgefordert zu werden.
Das Orchester intonierte probehalber einen Ländler und Cecil straffte sich. Er verbeugte sich vor der ältlichen Begleitung der Blondine und stellte sich vor. Sie nickte mit leicht hochgezogenen Augenbrauen und wies nachlässig auf ihre junge Nachbarin. „Meine Tochter, Miss Violet Settinghurst.“
Cecil bat um Miss Settinghursts Tanzkarte und trug sich für den Ländler ein, den das Orchester gerade sozusagen angekündigt hatte.
Die junge Dame nickte ernst und erhob sich, um seinen Arm zu nehmen und sich aufs Parkett führen zu lassen.
Sie tanzte leichtfüßig und sah ab und an zu ihm hoch, immer noch ohne zu lächeln.
„Bedrückt Sie etwas, Miss Settinghurst?“
„Warum fragen Sie das, Euer Lordschaft?“
„Sie wirken so ernst und – nun – in sich gekehrt.“
„Das ist meine Art, fürchte ich. Deshalb bin ich auch über das Heiratsalter hinaus, schon fast dreiundzwanzig. Aber es ist reizend, dass Sie mich aufgefordert haben, das geschieht nicht mehr oft.“
„Es war mir ein Vergnügen, Miss Settinghurst.“
„Das zu behaupten ist genauso reizend.“
„Sie glauben mir nicht?“ Er sah stirnrunzelnd auf sie herunter.
„Oh, ich wollte Sie keinesfalls kränken, Mylord. Aber gebot es nicht die Höflichkeit, an dieser Stelle genau das zu sagen?“
Er musste lachen. „Sie sind eine scharfe Beobachterin der gesellschaftlichen Konventionen, Miss Settinghurst, Respekt!“
„Man muss die Verlogenheit doch durchschauen, um bei diesem Spiel mithalten zu können, nicht wahr?“
„Das gebietet wahrscheinlich die Selbsterhaltung“, stimmte Cecil zu und zog sie in eine schwungvolle Drehung. „Schließlich klatschen die Geier dort drüben“ – er nickte in Richtung der Matronen und Anstandsdamen – „über uns alle, nicht wahr?“
Sie grinste. „Wie wahr! Wahrscheinlich überlegen sie, warum meine Mutter das alte Ding immer noch auf Bälle mitschleppt, anstatt sich auf meine jüngere Schwester zu beschränken.“
„Das alte Ding? Das ist doch wirklich ungezogen!“
„Alte Damen dürfen das. Eigentlich wäre ich auch gerne schon eine exzentrische alte Dame und würde Unverschämtheiten nach Herzenslust austeilen.“
„Nun, mit dreiundzwanzig sind Sie ja schon nahe dran, nicht wahr?“ Er grinste frech und sie lachte schallend los, so schallend, dass etliche Köpfe auf der Tanzfläche zu ihr herumfuhren. Sie beruhigte sich wieder und murmelte: „So viel Aufsehen habe ich noch nie erregt…“
„Gefällt Ihnen das?“
„Ich glaube ja. Fromm dreinzusehen, damit Mama zufrieden ist, ist so unglaublich langweilig.“
Der Ländler verklang und er brachte Miss Settinghurst zu ihrer Mutter zurück, wo er ihre Hand an seine Lippen zog und murmelte: „Es war mir wirklich ein großes Vergnügen!“
Lady Settinghurst sah recht töricht drein, vor allem, als gleich drei junge Herren herbeieilten und förmlich um Miss Settinghursts Tanzkarte bettelten.
Ein leichtes Lächeln um die Lippen, schlenderte Cecil davon. War er nun plötzlich in der Position, junge (und nicht mehr ganz so junge) Ladys in Mode zu bringen? Er, der eben noch als verfemt galt, weil man ihn verdächtigte, beim Tod seiner Frau die Hand im Spiel gehabt zu haben? Warum war das nun plötzlich verziehen? Oder wussten diese Jünglinge nichts von dem alten Skandal? Hatten sie vor drei Jahren noch die Schulbank gedrückt – in Oxford oder Cambridge doch wenigstens?
„Was amüsiert dich so, Cecil?“
Ach, Hertwood!
„Sebastian.“ Er verneigte sich. „Und Lady Hertwood, wie reizend!“
„Und, warum schmunzelst du so vergnügt?“
„Ach, ich habe gerade mit einer Miss Settinghurst getanzt und mich dabei recht gut unterhalten. Offenbar galt sie als Mauerblümchen, warum kann ich auch nicht nachvollziehen – aber kaum hatte ich sie an ihren Platz geleitet, stürzten gleich mehrere Jüngelchen auf sie los, um sie um einen Tanz zu bitten. Anscheinend kann ich jetzt Ballköniginnen küren, aber ich weiß gar nicht, wie ich zu dieser Ehre komme.“
Lady Hertwood lachte. „Das können wir ja gleich einmal ausprobieren! Wir haben eine junge Verwandte bei uns, Portia Willingham – und in dieser Saison würde sie gerne jemanden finden… sich nicht mehr nur amüsieren. Vielleicht tanzen Sie einmal mit ihr, dann sehen wir ja, was geschieht?“ Sie lächelte nicht ohne Spott zu ihm auf und er musste lachen. „Wo sitzt sie denn?“
„Im Moment tanzt sie. Die junge Dame in blassgrün, mit den roten Locken und dem elfenbeinfarbenen Spitzenband im Haar. Aber ich glaube, der nächste Tanz ist noch frei. Und sie darf natürlich Walzer tanzen!“
Cecil lächelte höflich und kräuselte spöttisch einen Mundwinkel. „Es wird mir ein Vergnügen sein!“
Der Tanz verklang allmählich und die junge Dame mit den kupferroten Locken wurde an ihren Platz zurückgeleitet. Cecil wurde von Lady Hertwood vorgestellt und bat sogleich um die Tanzkarte, die ihm mit höflichem, aber nicht unbedingt begeistertem Lächeln gereicht wurde. „Dann wähle ich doch gleich den Walzer, Miss Willingham!“
„Gerne, Mylord…“
Sie tanzte gut, stellte er fest, aber das taten die meisten Debütantinnen – und eine Debütantin war sie, nach dem, was Hertwoods Frau (Melinda, oder?) gesagt hatte, ohnehin nicht mehr.
„Wie sind Sie denn mit den Hertwoods verwandt, Miss Willingham?“, erkundigte er sich.
Sie sah fröhlich zu ihm auf. „Meine Zieheltern sind entfernte Onkel und Tante von Sebastian, also Lord Hertwood, und seiner Schwester Cecilia.“
„Ah ja, ich weiß, wen Sie meinen – Cecilia ist die Frau von Ben de Lys, nicht wahr? Ein guter Freund von mir.“
„Da haben Sie wirklich einen guten Freund, Mylord! Die Lynets und die Hertwoods sind einfach reizend. Und die Arnebys, bei denen ich lebe, sind ebenfalls immer so gut zu mir gewesen, als sich mein Vater nach dem Tod meiner Mutter nicht imstande gesehen hatte, für mich zu sorgen.“
„Dann haben sie auch Glück – so gute Freunde!“ Er wirbelte sie herum und sie lachte wieder. „Ich habe Sie während der letzten Saison nie gesehen, glaube ich.“
„Sie meinen, meine finstere Miene hätte sich Ihnen sicherlich eingeprägt?“
„Welche finstere Miene? Das ist mir noch gar nicht aufgefallen, Mylord.“
„Ich bin selbst erstaunt, dass mir dieser Ball so gut gefällt“, gestand er und lächelte etwas schief. „Die Londoner Gesellschaft geht mir normalerweise eher auf die Nerven, dieses ewige Getuschel und Verbreiten von Gerüchten…“
„Das kann ich gut verstehen – aber was sollten diese Leute wohl sonst tun? Die meisten haben doch keine vernünftige Beschäftigung!“
„Sie lieben Klatsch also nicht?“ Er zog die Brauen hoch und Portia lächelte reuig: „Nun, zuweilen – aber wir halten uns eher über entsetzliche Ballkleider auf. Nichts Rufschädigendes und nichts Arrogantes!“
„Was wäre etwas Arrogantes?“
„Ach, es gibt da einige besonders Vornehme, die sich über Menschen empören müssen, die erst vor drei Generationen geadelt wurden, stellen Sie sich vor, wie entsetzlich! Mit solchem Bürgergewürm muss man im gleichen Ballsaal sitzen! Ich würde manchmal gerne fragen, ob diese Menschen schon einmal etwas Nützliches getan haben – aber dann kann ich wohl jeden Abend zu Hause sitzen. Wenn Sie ebenfalls mit Menschen nichts anfangen können, deren Vorfahren noch nicht von William dem Eroberer geadelt wurden, steht es ihnen natürlich frei, diesen Tanz abzubrechen.“
Jetzt lachte er schallend. Ob sich die Herrschaften am Rande der Tanzfläche über das Vergnügen des Gattinnenmörders wunderten?
„Warum sollte ich denn, wenn ich mich so gut amüsiere? Im Übrigen haben Sie mit ihrer Einschätzung der dämlicheren Teile des ton vollkommen recht. Und ließe ich Sie auf der Tanzfläche stehen, wären wir wohl beide der Skandal des Abends – für Leute, die keine Ahnung von wirklichen Skandalen haben!“
Er wirbelte sie herum.
Sie schnappte nach Luft und legte dann den Kopf schief: „Als da wären?“
„Wollen Sie das wirklich wissen?“ Er sah ungläubig auf sie herab und sie schnaubte wenig ladylike. „Würde ich sonst fragen?“
„Nun gut, aber beklagen Sie sich nicht, wenn ich Sie schockiert habe!“
„Ich bin nicht so leicht zu schockieren. Also?“
„Die Zustände im East End. Wie kleine Kinder in manchen Waisenhäusern traktiert werden. Dass kleine Jungen in die Kamine getrieben werden. Wie die Arbeiter in manchen dieser neuen Fabriken behandelt werden. Wie man in diesem Land mit Menschen umspringt, die nicht der Church of England angehören – genügt das?“
„Fürs erste – ja. Und was tun Sie dagegen?“
„Was tun Sie dagegen?“
„Ich besuche einmal die Woche ein Waisenhaus für kleine Mädchen und bringe den Mädchen lesen und schreiben bei. Nein, keine Sorge“, versicherte sie, als sie die steile Falte zwischen seinen dichten dunklen Brauen sah, „Lady Arneby gibt mir immer einen baumlangen, gefährlich aussehenden Diener in Zivil mit, der währenddessen im Waisenhaus auch kleinere Reparaturen ausführt, und eins ihrer Hausmädchen, das sehr gut im Nähen ist. Während die Kleinen mir zeigen, wie gut sie schon ihren Namen schreiben können, flickt sie ihre Kleider, soweit es nötig ist. Jetzt sind Sie an der Reihe!“
Der Walzer begann nach den letzten jubelnden Höhen auszuklingen und Portia murmelte: „Mist!“
„Ich bitte um Verzeihung?“
Sie lächelte reuig. „Das hat sich nur darauf bezogen, dass ich unbedingt hören wollte, was Sie gegen all das Elend unternehmen. Sie haben doch viel mehr Möglichkeiten als ich!“
„Promenieren wir ein wenig“, schlug er vor. „Ich hatte keinesfalls vor, mich um die Antwort zu drücken.“
„Gut so!“ Zierlich legte sie die Hand auf den Arm, der ihr galant dargeboten wurde, und fühlte merkwürdig interessiert die harten Muskeln unter dem feinen dunklen Tuch.
„Dass ich mehr Möglichkeiten habe als eine junge, unverheiratete Frau, ist nicht von der Hand zu weisen. Ich bin ein Mann, habe also mehr Rechte, ich habe einen Titel, der mir einen Platz im House of Lords sichert, ich habe Geld genug, um in Verbesserungen zu investieren… Zunächst kümmere ich mich finanziell und auch organisatorisch um eines der Waisenhäuser von Sir Adam Prentice – kennen Sie ihn? – im East End. Er hat mittlerweile vier davon und holt so viele Jungen und Mädchen von der Straße. Aber er kann nicht alle selbst betreuen, er hat noch vieles andere zu tun, auch wenn seine Frau ihn sehr unterstützt. So hat er gute Bekannte und Freunde angeworben und ich darf mit Stolz sagen, dass ich einer von ihnen bin. Viscount Lynet ist einer und Mr. Stafford ebenfalls.“
„Benedict de Lys kenne ich natürlich, von Mr. Stafford habe ich noch nie gehört. Wer ist das?“
„Oh – äh – er leitet einen recht vornehmen Herrenclub.“
„Eine Spielhölle?“, hauchte sie halb entsetzt, halb fasziniert.
„Nein. Nein, nicht so. Sicher kann man dort spielen und trinken und – äh – sich unterhalten, aber das findet durchaus mit Niveau statt. Aber ich wollte nicht über Stafford tratschen. Die Jungen in den Waisenhäusern bekommen eine recht annehmbare Schulbildung, lernen akzentfrei zu sprechen und sich gesittet zu betragen, so dass sie durchaus Lakaien in vornehmen Häusern werden können. Oder Stallburschen, Reitknechte, Gärtnergehilfen.“
Portia nickte billigend. „Und das ist der Anfang eines möglichen Aufstiegs, ich verstehe. Sehr löblich – das trägt Ihnen gewiss viel Ehre ein.“
Er grinste. „Kaum, Miss Willingham. Diejenigen, die davon wissen – und das sind nicht gerade viele – wundern sich eher, wie ich mich mit diesen schmutzigen Kindern abgeben kann.“
„Wo Sie doch Ihre Zeit viel nutzbringender darauf verwenden könnten, mit einem Standesgenossen darauf zu wetten, welche Fliege die Fensterscheibe schneller hinaufkrabbelt“, schlug Portia vor und blickte verschmitzt zu ihm auf.
Wenn er grinste, erhellte sich sein manchmal doch etwas düsterer Blick und er hatte ein Grübchen neben dem rechten Mundwinkel. Eigentlich war er recht sympathisch, fand sie.
„Ganz recht“, bestätigte er dann aber nur. „Wie alt sind denn die Mädchen in Ihrem Waisenhaus?“
„Oh, zwischen vier und dreizehn. Danach können sie nicht mehr länger bleiben. Ich finde das zu früh, um in die Welt hinausgeschickt zu werden, aber es gibt so viele elternlose kleine Mädchen und das Heim ist nicht groß genug, um alle aufzunehmen, ohne die Ältesten zu entlassen. Jüngere als vier Jahre gibt es natürlich auch, aber die sehe ich seltener, weil sie für Unterricht noch etwas zu jung sind.“
Cecil nickte wieder. „Wir bräuchten eben mehr solcher Heime. Gut geführte, natürlich.“
„Oder für die Mütter die Möglichkeit, ihre Kinder bei sich zu behalten und zugleich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.“, schlug Portia vor.
„Ein interessanter Gedanke“, lobte er. „Ich werde mich auf jeden Fall damit auseinandersetzen. Wir werden uns auf dem nächsten Ball bestimmt sehen und das Gespräch fortsetzen können.“
„Das sollte mich freuen, Mylord.“
Sie ließ sich zu Lady Hertwood zurückgeleiten und knickste dort höflich vor ihm.
„Das war aber ein langer Tanz“, murmelte Melinda.
„Oh – meinst du, zu lange? Wir haben uns noch unterhalten und sind dabei durch den Ballsaal promeniert, für alle Welt sichtbar. War das unangemessen?“
Melinda lächelte. „Nicht doch, ich dachte nur – recht vielversprechend?“
„Er ist sehr nett und vor allem auch klug, scheint mir. Vielleicht treffe ich ihn auf anderen Bällen wieder!“
„ich würde es dir wünschen, Portia. Ach herrje…“
Portia sah auf; Viscount Kelling. Nun, so furchtbar fand sie ihn nun auch wieder nicht, aber in der Konversation arg öde und im Ton eher unfreundlich.
Sie folgte ihm auf die Tanzfläche, lächelte freundlich, knickste graziös und ließ sich von ihm durch die Figuren führen. Gelegentlich tauschte sie mit ihrer Nachbarin den Platz, wenn der Schritte es erforderten, aber ansonsten sprach der Viscount. Zunächst über das Wetter (immer noch unangenehm kühl, nicht wahr?), über den Ball (überfüllt, aber so etwas zeigte ja den Erfolg einer Veranstaltung, nicht wahr?) und über die Vorzüge Londons (so ein reiches Angebot an Unterhaltungen, nicht wahr?).
Nicht wahr? war dabei eine reine Floskel, er wartete nie ab, ob Portia etwas dazu anzumerken wünschte, sondern sprach sofort weiter.
Nachdem die Standardthemen abgehandelt waren, kam er zur Sache: „Sie haben vorhin mit Walsey getanzt?“
„Gewiss.“ Hoffentlich vertrieben ihn einsilbige Antworten – aber sie hatte da wenig Hoffnung.
„Er wird Sie nicht heiraten, wissen Sie.“
„Ach?“ Welch unverschämte Bemerkung! Sie verwarf die Strategie der Einsilbigkeit, dafür war sie zu ärgerlich.
„Sie glauben, ich wolle jeden Mann heiraten, der mich zum Tanz auffordert? Ist Ihnen nicht klar, dass wir praktisch keine Aufforderung ablehnen dürfen? Sollte ich sagen Nein, ich tanze nicht mit Ihnen, Sie wollen mich bestimmt nicht heiraten? Das gäbe einen netten Skandal!“
„Wie meinen Sie das, Miss Willingham?“
„Genauso wie ich es gesagt habe.“
Zurück zur Einsilbigkeit!
Diese Kombination wirkte bestimmt dämpfend, lobte sie sich selbst.
„Aber alle jungen Damen wollen doch heiraten?“
„Und die Männer nicht, außer wenn die junge Dame die lästige Beigabe zu einem hübschen Packen Staatspapiere ist. Das ist mir auch klar. Deshalb höre ich doch nicht bei jedem Gentleman, der sich vor mir verbeugt, sofort Hochzeitglocken läuten!“
„Bei Walsey jedenfalls nicht. Ist wohl auch besser so.“
„Ach.“
Das fand Kelling wohl nicht neugierig genug, jedenfalls zog er ein arrogantes Gesicht und sprach nicht mehr weiter. Ein Steingesicht ziehen konnte Portia auch; sie beschränkte sich darauf, die zweite Dame im Carré freundlich anzulächeln, eine schüchterne Debütantin, die dafür recht dankbar zu sein schien.
In verkniffenem Schweigen endete der Tanz und der Viscount brachte Portia zurück, gönnte ihr kürzest mögliche Verbeugung und entfernte sich.
„Da ist aber jemand beleidigt“, stellte Lady Tenfield fest, die hinter Melinda saß und leise vor sich hin kicherte.
„Oh, Mylady!” Portia erhob sich hastig wieder und knickste ehrerbietig. „Ja, ich glaube, er ist – nun, zumindest enttäuscht. Er wollte mir Klatsch über Lord Walsey erzählen und ich habe deutliches Desinteresse gezeigt. Lord Walsey kam mir recht vernünftig vor und Lord Kelling: nun ja.“
„Alberner Langweiler. Walsey ist vernünftig, er kennt auch meinen Neffen und einige andere kluge Männer, die sich für den ton nicht interessieren. Ich frage mich nur, warum er jetzt wieder in der Gesellschaft auftaucht…“
„Wie die meisten Menschen, die nicht ganz freiwillig auf solchen Festivitäten erscheinen, sucht er wohl nach einer Ehefrau. Wäre ich denn hier, wenn ich nicht heiraten wollte?“
„Gut gesprochen, Kindchen! Wenn man diese Suche aber hinter sich hat, ist es recht nett, sich das Treiben anzuschauen und ein bisschen mitzuklatschen. Nicht wahr, Lady Hertwood – Lady Lynet?“
Cecilia, die sich gerade neben Melinda niederließ, grinste spöttisch. „Wobei das Wissen, selbst nicht mehr Spekulationsobjekt zu sein, fast der reizvollste Aspekt sein dürfte.“
Portia lachte. „Auf diesen Tag freue ich mich schon – denn ganz ehrlich müsste ich diesen Heiratszirkus nicht ununterbrochen haben.“
„Das müsste wohl niemand“, antwortete Cecilia fächelnd. „Heiß hier… Nicht umsonst endet die Saison ja genau dann, wenn sie den Menschen zum Halse heraushängt.“
„Na, nicht deshalb, Kindchen! Das liegt wohl eher an der Parlamentspause.“
„Die haben wohl auch keine Lust mehr“, entgegnete die unbezähmbare Cecilia.
„Aber ich überlege noch, was Kelling gemeint haben könnte…“
„Was hat er denn genau gesagt?“ Melinda wollte ihr ja gerne Aufschluss geben – sofern sie konnte.
„Erst hat er festgestellt, ich hätte mit Walsey getanzt. Das habe ich nicht bestritten, wozu auch? Daraufhin meinte er, Walsey werde mich nicht heiraten.“
„Was für ein Idiot!“, kommentierte Lady Tenfield nicht gerade leise.
Portia lächelte ihr zustimmend zu. „Ich wurde natürlich wütend – soll ich bei jedem Mann, der mit mir tanzt, Heiratswünsche entwickeln? Wenn ich sogar mit einem Unsympathen wie Kelling tanzen muss? Oh, wie schade! Dass hätte ich als Argument anführen sollen, dann hätte er mich auf der Tanzfläche stehen gelassen.“
„Der Höhepunkt des Abends“, kommentierte Cecilia.
„Und ein Skandal!“, merkte Melinda sanft an. „Das war alles?“
„Nein. Er sagte noch Das ist auch besser so. Meint er, es ist besser, wenn mich niemand heiratet? Wenn ich mir keine zu großen Hoffnungen mache? Oder wenn Walsey nicht heiratet?“
„Was hast du denn geantwortet?“
„Nur noch ein betont gleichgültiges Ach? Daraufhin hat er gar nichts mehr gesagt.“ Portia zuckte die Achseln. „Verstanden habe ich das alles nicht, aber dummerweise würde es mich jetzt doch interessieren, auch wenn es, weil es von Kelling kommt, gewiss doch nur lauter Unsinn ist.“
„Vermutlich“, sinnierte Melinda und drehte sich zu Lady Tenfield. „Mylady, Sie wissen doch alles! Was könnte die Giftkröte Kelling denn gemeint haben?“
Die Angesprochene seufzte. „Das hieße, über die Angelegenheiten eines Mannes zu klatschen, der mir nie etwas getan hat. Bei Kelling selbst oder Gestalten wie Carew hätte ich da deutlich weniger Skrupel.“
„Nur das Nötigste, bitte, Mylady!“, flehte Portia.
„Es wäre mir lieber, sie fragten Hertwood oder Lynet, die doch mit ihm einigermaßen gut bekannt sind – aber nun ja. Es gab da Gerüchte über den Tod seiner Frau, vor einigen Jahren.“
„Ach, der Arme… das ist bitter. Hat er Kinder?“
„Eine kleine Tochter, soweit ich weiß.“
„Ohne Mutter… das kenne ich aus eigener Erfahrung“, sinnierte Portia.
„Es heißt, er kümmere sich sehr liebevoll um sie.“
Portia nickte gedankenverloren. „Wir haben über Waisenhäuser gesprochen…“
Die Musik setzte wieder ein und ihr Herz sank, denn es kam ein junger Mann auf sie zu, der trotz seiner noch jungen Jahre schon recht wohlbeleibt war und mit seinen leicht vorquellenden, leer dreinblickenden blassblauen Augen einen wenig intelligenten Eindruck vermittelte – einen Eindruck, der sich schon bei Tänzen in der letzten Saison auch bestätigt hatte.
„Bezaubernde Miss Willingham!“
„Wie bitte, Sir Alexander?“
„Was meinen Sie?“ Jetzt staunte er auch noch mit offenem Mund!
„Das tut wohl nichts zu Sache, Sir Alexander.“ Sie bemühte sich streng dreinzusehen, vielleicht erinnerte ihn das an seine Nanny (derer er immer noch zu bedürfen schien) und er benahm sich geringfügig besser?
Nein, er griff nach ihrer Hand und zog sie hoch. „Kommen Sie tanzen!“
Sie konnte sich nicht wehren, ohne Aufsehen zu erregen, aber sie zischte ihm auf dem Weg zur Tanzfläche doch zu: „Könnten Sie das vielleicht etwas gesitteter gestalten, anstatt mich durch die Gegend zu zerren?“
„Was haben Sie denn plötzlich?“
Ihr Glück, dass es kein Walzer war! Bei einer Allemande konnte er sich wenigstens nicht so dicht an sie pressen…
„Was heißt hier plötzlich? Ich wüsste nicht, dass ich schon einmal Gefallen in schlechtem Betragen gefunden hätte!“
„Ich kann mich gar nicht schlecht benehmen, immerhin bin ich ein Baronet!“
Was für ein dümmliches Argument: Sogar der Prince of Wales konnte sich schlecht benehmen - und das nicht zu knapp!
Aber das sagte sie jetzt besser nicht, am besten schwieg sie überhaupt und zog eine belästigte Miene!
„Wenn Sie so hochnäsig dreinschauen, sehen Sie besonders reizend aus.“
Verflixt! Und das hätte sie jetzt beinahe auch noch laut gesagt…
„Ach.“
Die Allemande schien ihr ewig zu dauern, aber immerhin machte Sir Alexander keine Andeutungen über Walsey. Das konnte natürlich auch daran liegen, dass er den Klatsch der Leute nicht mitbekam, schließlich sah er nicht nur recht töricht drein, er war auch nicht gerade das, was man geistvoll oder auch nur einigermaßen klug nannte.
Er verneigte sich, als die Musik verklang und ließ sie alleine zu ihren Bekannten zurückfinden. Nicht, dass sie das nicht auch selbst fertigbrachte – aber seine Manieren waren wirklich unter aller Kritik!
„Diesem Lümmel sollte jemand mal angemessenes Benehmen einprügeln“, fand Lady Tenfield.
Portia lächelte. „Aber Mylady, Sie verstehen nicht – er ist ein Baronet und hat von daher doch automatisch eine perfekte Aufführung, oder etwa nicht?“
Die alte Dame kicherte beglückt. „Das würde ich ja zu gerne ein wenig unter die Leute bringen.“
„Aber von Herzen gerne!“ Portia setzte sich, zupfte ihr Kleid zurecht und seufzte. Sie würde wirklich gerne heiraten – einen vernünftigen, klugen und netten Mann! – und bestimmt zwei, drei Jahre lang keinen Ballsaal mehr von innen sehen…
Nach einigen Minuten stand sie wieder auf und schlenderte einmal durch den Ballsaal, unterhielt sich mit einigen Mädchen, mit denen sie sich angefreundet hatte, trank mit Cecilia de Lys ein Glas Champagner, spottete mit ihr über ein grauenvolles Ballkleid in schreiendem Purpur, abgesetzt mit jadegrünem Samt, passend zum Turban in Grün mit einer purpurn gefärbten Feder. Leider wussten sie beide nicht, wer die fragliche Dame war. Cecilia tanzte danach mit ihrem Gemahl und Portia kehrte zu Melinda zurück, die etwas müde wirkte und sehr gerne bereit war, nach Hause zu fahren und Portia unterwegs in der South Audley Street abzuliefern.
Im Wagen atmete Portia tief auf.
„So schrecklich?“, fragte Melinda mitfühlend.
„Nun ja… ich bin dir und Cecilia so dankbar, dass ihr mich chaperoniert, wenn Tante Margaret dazu nicht in der Lage ist, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich mir heute erst gedacht, sobald ich einen annehmbaren Mann gefunden habe, möchte ich einige Jahre lang keinen Ballsaal mehr sehen. Vor allem Kelling und Sir Alexander Jessen waren wirklich unangenehm.“
„Ich habe mich schon gefragt, warum diese beiden plötzlich an dir so interessiert sind“, sinnierte Melinda.
„Also, so ein Schreckmittel bin ich doch auch nicht!“, empörte sich Portia nur halb im Scherz.
„Natürlich nicht, aber ich frage mich… ausgerechnet diese beiden – mit Verlaub – Trottel? Was haben sie außer schlechten Manieren noch gemein? Ich muss Sebastian fragen, er weiß es bestimmt.“
„Und dann diese seltsame Art, Walsey bei mir anzuschwärzen, nur weil ich einmal mit ihm getanzt habe…“
„Du hast dich auch recht lange mit ihm unterhalten. War es ein gutes Gespräch?“
„Oh, das finde ich schon. Was man für Waisenkinder tun müsste, ist doch wohl interessanter als das Wetter, der überfüllte Ballsaal oder die Frage, ob der Pavillon des Regenten in Brighton grauenvoll oder wunderschön ist. Dass er nicht an Reformen interessiert zu sein scheint, finde ich deutlich wichtiger – und ärgerlicher.“
„Aber die meisten Gentlemen finden, über so etwas sollte sich eine Lady nicht ihr hübsches Köpfchen zerbrechen.“
„Natürlich! Wer nicht mitdenkt oder nicht mitdenken darf, ist doch viel leichter zu beherrschen!“
„Sehr guter Gedanke, Portia! Und gut, dass uns hier niemand hören kann, sonst schrumpfte die Auswahl an netten Männern wohl beträchtlich…“
Portia schnaubte. „Einen, der mir das Denken verbietet, will ich gar nicht! Dann lieber gar keinen.“
„Aber wovon willst du dann leben?“
„Habt ihr nicht ein leeres kleines Cottage auf Herrion?“
Melinda riss die Augen auf und Portia lachte. „Das war nur ein Witz! Ich würde euch nicht auf der Tasche liegen wollen, ihr tut schon genug für mich! Ich bin euch ja so dankbar…“
Melinda drückte ihr die Hand. „Es ist uns ein Vergnügen! Und du wirst in dieser Saison bestimmt einen Mann ganz nach deinem Geschmack finden. Die Ballsäle sind voller Trottel, da stimme ich dir zu, aber es gibt auch andere! Und hier sind wir schon bei den Arnebys…“
Kapitel 4
Im Hyde Park herrschte der übliche Trubel, denn um diese Zeit war es nun einmal modische Pflicht, sich hier im Wagen, zu Pferd oder auch zu Fuß zu zeigen und seine Bekannten zu grüßen.
Portia saß mit Cecilia und Benedict Lynet in einem sehr schicken Landauer und lächelte in alle Richtungen. Nur als sie Kelling und Jessen sah, setzte sie eine halb hochmütige, halb mürrische Miene auf – wenigstens hoffte sie, so einigermaßen abschreckend zu wirken.
„Warum schaust du so böse, Portia?“, fragte Cecilia.
„Ach, da sind diese beiden Trottel wieder“, murrte sie. Benedict sah sich um. „Kelling? Jessen? Du lieber Himmel, nichts wie weg hier! Die beiden sind dumm wie die Nacht finster und außerdem vollkommen abgebrannt.“
„Warum gehen sie dann mir auf die Nerven?“, fragte Portia. „Man könnte ja meinen, ich sei eine Erbin oder hätte wenigstens eine Mitgift. Welch idiotischer Plan…“
„Ich sage ja, außerordentlich dumm.“ Benedict gönnte den beiden Herren am Wegesrand ein äußerst knappes Nicken, ohne das geringste Lächeln und schon waren sie an den beiden vorbei, die zu Fuß unterwegs waren.
Cecilia unterhielt sich mit einigen Freundinnen, bis die jeweiligen Kutscher darauf hingewiesen wurden, die Pferde nicht zu lange stehen zu lassen.
„Oh!“, tuschelte da Lady Poulmere und schlug die Hand theatralisch vor ihren Mund. „Da ist ja – das ist doch – ist das nicht – Walsey?“
Portia versuchte, gleichmütig zu wirken, ließ aber so unauffällig wie möglich ihren Blick schweifen. Da, dort hinten ritt er auf einem prachtvollen Braunen gesittet dahin!
„Ist das so ungewöhnlich?“, erkundigte sie sich dann mit leicht gelangweilter Stimme. „Kommen nicht alle besseren Herren zur einen oder anderen Saison?“
„Aber doch nicht Walsey!“, stöhnte Lady Poulmere in ihre exquisit behandschuhte Hand.
„Ach?“
„Louisa, lass das“, mahnte ihre Freundin.
„Warum? Man muss die Leute doch vor ihm warnen?“
„Du weißt genau, dass das alles nur dumme Gerüchte sind!“
„Aber aufregende Gerüchte!“ Über dem Handschuh funkelten die blauen Augen begeistert.
Cecilia schüttelte den Kopf. „Louisa, seit wann bist du so eine unangenehme Klatschbase? Ich bin enttäuscht von dir. Kommt, wir fahren weiter!“
Einige Minuten später hielt Walsey auf seinem Braunen neben dem Landauer an und zog seinen Hut. Cecilia nickte freundlich, Portia lächelte, Benedict unterhielt sich sogar mit Walsey, der sich schließlich verabschiedete und weiterritt.
„Jetzt möchte ich aber doch wissen, welche albernen Gerüchte über Walsey im Umlauf sind. Mir kommt er nämlich sehr vernünftig vor“, erklärte Portia und funkelte die Lynets kriegerisch an.
„Das ist er auch“, stimmte Benedict zu. „Kluger Mann, kümmert sich um Arme im East End, hat wenig Sinn für die Albernheiten der feinen Gesellschaft – die Melly und Cecilia so lieben.“ Er grinste.
„Wir machen uns über den ton doch nur lustig. Und wir versuchen, netten Mädchen den richtigen Mann zuzuschanzen und nicht irgendwelche dümmlichen Mitgiftjäger…“, erklärte Cecilia.
„Das finde ich auch sehr lobenswert, Cecilia – aber was sagen die Klatschbasen denn nun über Walsey? Ich versichere euch, ich falle nicht in Ohnmacht! Was die Ziegen, die wir vorhin getroffen haben – Poulmere und jene andere? - behaupten, ist ja höchstwahrscheinlich ohnehin gar nicht wahr…“
„Das denke ich auch, aber man müsste es eben beweisen. Und Walsey tut nichts dergleichen! Also, man sagt, er habe seine Frau getötet, weil sie untreu gewesen sei.“
„Das ist eine böse Anschuldigung“, stellte Portia fest. „Und wie ist man darauf gekommen? Warum kam er nie vor Gericht – oder gab es tatsächlich einen Prozess?“
„Nicht dass ich wüsste. Ich werde Seb fragen, er hat das Gesellschaftliche damals wohl besser verfolgt.“
„Damals? Ist das schon so lange her?“
„Ach nein, vier Jahre. Ich glaube, seine kleine Tochter ist jetzt sechs… als sie zwei war, verschwand Lady Walsey.“
„Aha. Und sie kann nicht einfach durchgebrannt sein? Vielleicht mit einem – äh – Liebhaber?“
„Aber Portia!“, rügte Cecilia ohne rechte Überzeugungskraft. „Was bitte weißt du denn von Liebhabern?“
„Natürlich überhaupt nichts, liebste Cecilia.“ Sie zog ein frommes Gesicht, musste aber leider kichern.
„Portia hat da vielleicht recht“, machte Benedict dem Vergnügen ein Ende, „war da nicht tatsächlich von einem jungen Verehrer die Rede? Wir müssen unbedingt Seb fragen. Am besten heute, das interessiert mich nämlich jetzt selbst. Der bedauernswerte Walsey… ich glaube nicht, dass er so glücklich ist. Oder auch nur zufrieden.“
„Er hat eine Tochter?“, fragte Cecilia. „Keine Söhne?“
„Nein, offenbar ist Lady Walsey schon zuvor verschwunden. Warum fragst du?“
„Ich könnte mir vorstellen, dass er nach einer zweiten Frau sucht, denn er braucht ja ein, zwei Erben für sein Earldom, nicht wahr?“
„Sehr richtig. Er soll aber in seine erste Frau durchaus verliebt gewesen sein. Ob er da noch viel Gefühl aufbringen kann, wenn er so enttäuscht worden ist…?“
„Wäre ihm denn zuzutrauen, dass er in seiner Enttäuschung auch zu Gewalt greift?“
Das wusste Benedict seiner Frau nicht zu beantworten. „Er ist nun nicht gerade mein engster Freund, nicht wahr? Ich könnte mich umhören, aber schlafende Hunde zu wecken ist nicht ganz ungefährlich…“
„Du lieber Himmel, bitte, Benedict, tu das nicht!“, bat Portia sofort, „wenn diese Gänse jetzt schon über aufregende Gerüchte tratschen und Idioten wie Kelling mir versichern, Walsey werde mich nicht heiraten und darüber möge ich gefälligst froh sein, solltest du auf keinen Fall die falschen Leute fragen!“
Benedict nickte. „Hattest du denn Interesse an Walsey?“
Portia rollte die Augen. „Nach einem Tanz und einem – zugegebenermaßen nicht langweiligen – Gespräch? Das wäre doch wohl leicht übertrieben! Sicher möchte ich in dieser Saison gerne heiraten, aber in den ersten Tanzpartner auf dem ersten Ball muss ich doch auch nicht gerade meine Krallen schlagen, oder? Er ist recht sympathisch, mehr weiß ich ja auch noch nicht. Etwas düster vielleicht.“
„Das könnte an seiner Enttäuschung liegen“, vermutete Benedict.
„Oder er kennt alle diese Gerüchte über ihn und lehnt die Gesellschaft deshalb ab?“, schlug Cecilia vor.
„Wahrscheinlich beides“, seufzte Portia.
Cecilia zwinkerte ihrem Gemahl zu. „Und eine gewisse Düsternis kann bei einem Mann ja auch recht attraktiv wirken, nicht wahr?“
„Wie bitte? Wann war ich denn jemals düster?“
„Wer spricht denn von dir, mein Schatz? Du warst höchstens rätselhaft – und das ist nicht unbedingt anziehend!“
Er ergriff die Hand seiner Gemahlin und hauchte einen Kuss darauf. „Ich bin nur froh, dass du mittlerweile nicht mehr so schlecht von mir denkst!“
Cecilia kicherte und Portia überlegte, ob die beiden sie ganz vergessen hatten oder ihr mit dem verliebten Geplänkel etwas sagen wollten: Sollte sie vielleicht nicht auf die düstere Atmosphäre, die Walsey um sich verbreitete, hereinfallen? Aber was hieß denn überhaupt hereinfallen? Sie hatte nicht das Gefühl, dass Walsey sie überhaupt umworben hatte; er hatte sich doch nur ernsthaft mit ihr unterhalten! War er überhaupt düster gewesen? Vielleicht war das auch das falsche Wort gewesen…
In der Ferne sah sie den großen Braunen mit Walsey im Sattel, wie er den Park verließ. Er saß sehr gut zu Pferde – aber das taten nahezu alle Gentlemen… nun, Sir Alexander bestimmt nicht, der hing wohl wie ein Sack im Sattel!
„Portia, was ist los? Bist du müde?“
„Nein“, antwortete sie verträumt, „ich dachte nur an Sir Alexander Jessen.“
„Wie bitte? Warum ausgerechnet an diesen – diesen -“
„Trottel“, ergänzte Benedict den Satz seiner Frau.
„Herzlichen Dank.“
„Ich dachte gerade, er hat gewiss einen furchtbaren Sitz zu Pferde. Wie ein Sack Getreide…“
Die Lynets prusteten beide los. „Genau!“, japste Cecilia dann. „Portia, du hast eine böse Zunge – und du hast vollkommen recht! Er muss ein miserabler Reiter sein…“
Sie winkten noch Lady Tenfield und ihrer immer geknechtet wirkenden Gesellschafterin zu, gönnten Sir George Dalley und seiner arroganten Gemahlin einen recht schmallippigen Gruß und versuchten den Earl of Carew zu ignorieren.
Dann wies Benedict den Kutscher an, zur South Audley Street zu fahren und Cecilia erinnerte an den Ball bei Mrs. Ramsworth am folgenden Abend.
„Darauf freue ich mich schon sehr – ihre Bälle sind immer besonders nett“, antwortete Portia. „Und mir scheint, sie lädt vergleichsweise wenige unangenehme Gäste ein, nicht wahr?“
„Ich würde mir nicht zu viele Hoffnungen machen, dass dir Kelling und Jessen erspart bleiben, meine Liebe“, wandte Benedict ein. Portia seufzte darob kummervoll und machte sich daran vor dem Haus ihrer Verwandten auszusteigen.
Kapitel 5
Am nächsten Vormittag besuchte sie mit Melinda und deren Zofe zusammen Hatchards am Piccadilly, um nach interessanten Büchern Ausschau zu halten. Melinda hatte zuerst verkündet, ein Spaziergang tue ihr in ihrem delikaten Zustand nur gut – die frische Luft, nicht wahr?
Das ließ Portia grinsen. „Frisch? Mir scheint eher, es weht etwas Garstiges vom Fluss hierher. Aber die Bewegung ist gewiss gesund…“
Melinda fand einen neuen Roman mit einer vernünftigen Heldin, Portia eine kurzgefasste Geschichte Englands und eine Abhandlung über den richtigen Umgang mit Waisenkindern, obendrein ein Buch, das sich zum Lesenlernen eignete. Sie blätterte kurz darin – ja, das würde den kleinen Mädchen gefallen!
Zufrieden wandte sie sich um, um ihre Fundstücke zu bezahlen, und wäre fast mit einem sehr großen Gentleman zusammengestoßen.
„Oh! Es tut mir leid – Lord Walsey? Ich wünsche einen guten Morgen!“
Walsey erwiderte diesen Wunsch freundlich, begrüßte auch Lady Hertwood formvollendet und erkundigte sich nach ihren Lektüregepflogenheiten. Es stellte sich heraus, dass seine Vorlieben eher bei Reisebeschreibungen und landwirtschaftlichen Verbesserungen, aber auch bei der Armenfürsorge lagen. Er und Portia waren schon im Begriff, ein längeres Gespräch über ihre Leseerfahrungen zu beginnen, aber Melinda mahnte zum Aufbruch; das lange Stehen strengte sie doch schon an.
„Natürlich, Melinda! Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, Mylord – und gewiss können wir uns ein anderes Mal über Bücher unterhalten…“
„Zum Beispiel heute Abend bei Mrs. Ramsworth“, schlug Melinda lächelnd vor.
Walsey verbeugte sich. „Das sollte mich freuen.“
„Er scheint ganz sympathisch zu sein“, bemerkte Melinda auf dem Rückweg betont beiläufig.
„Auf jeden Fall tanze ich lieber mit ihm als mit Kelling oder Jessen. Aber es gibt auch noch andere nette Männer. Ich werde ja sehen, wieviele Männer mit mir tanzen wollen!“
„Walsey zum Beispiel…“
„Zum Beispiel“, antwortete Portia friedlich. „Ich hoffe nur, dass Kelling sich den Fuß verstaucht und Jessen sich den Magen verdorben hat. Die beiden sollen sich bitte schön lange auskurieren.“
„Wünschen wir ihnen also gute, aber langsame Besserung!“, bemerkte Melinda fromm. „Ach, mir geht es so gut!“
„Weil du den idealen Mann schon gefunden hast?“, erkundigte sich Portia.
„Richtig. Den richtigen Mann für mich, der mir alle meine Ängste genommen hat, dazu einen netten Onkel, der sich um Mama und Jane kümmert – nächstes Jahr könnte Jane schon debütieren! -, einen entzückenden Sohn und hoffentlich bald eine kleine Schwester für ihn, ich habe Spaß an der Saison und zwei liebe Freundinnen – Cecilia und dich: Was sollte ich mir mehr wünschen?“
„Vergiss nicht Lady Tenfield und ihre unschätzbaren Ratschläge“, entgegnete Portia mit einem Kloß im Hals. Sie war Melindas Freundin? Wie nett von ihr… spontan umarmte sie Melinda kurz. „Ich denke, das alles hast du doch auch mehr als verdient! Du bist eine so liebe Freundin!“
Melinda lachte etwas zittrig. „Komm, wir gehen rasch zu uns, bevor wir uns auf offener Straße weinend in den Armen liegen und zum Gespräch des Tages werden.“
Portia sah sich hastig um und kicherte. „Zwei Nannys… aber die tratschen gewiss.“
„Und damit rennen die Gerüchte von Haushalt zu Haushalt.“
Zu Hause trafen sie auf Sebastian, der offensichtlich seine Zeit im Arbeitszimmer verbracht hatte und nun ein Brieflein in der Hand hielt. „Ben hat mir geschrieben, ihr wüsstet gerne mehr über die Gerüchte um Walsey?“
„Und, weißt du etwas?“ Melinda reckte sich und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Er strich ihr zärtlich über den schon sichtbar gerundeten Bauch. „Und wie geht es unserer Kleinen?“
„Ich glaube, jetzt hast du sie geweckt!“, kicherte Melinda.
Portia versuchte, die Augen diskret abzuwenden, aber das war nicht einfach – zu faszinierend war die Szene. Ob sie wohl eines Tages auch eine solche Ehe führen konnte – so liebevoll, so zärtlich, so – so gar nicht steif und förmlich?
Das konnte sie sich mit niemandem vorstellen, mit Walsey nicht, mit Kelling oder Jessen schon überhaupt nicht.
„Ich habe noch keine weiteren Informationen, denn es ist zwar bekannt, dass Lady Walsey mit einem Liebhaber durchbrennen wollte – sofern das eine Tatsache und nicht nur ein verselbstständigtes Gerücht ist, aber niemand hat jemals den Namen dieses Liebhabers erfahren. Walsey spricht nicht über die Ereignisse, die Tochter war damals wohl noch zu klein, um sich an etwas zu erinnern.“
„Wer war Lady Walsey eigentlich?“, fragte Portia. „Ich meine, wer war sie vor ihrer Heirat?“
„Gute Frage“, murmelte Sebastian und notierte dies. „Ich bilde mir ein, die Tochter eines verarmten Baronets. Vielleicht hat sie ja erwartet, jetzt ein Luxusleben zu führen und die Königin der Londoner Gesellschaft zu werden.“
„Also so kam mir Walsey nicht vor, aber ich habe ihn ja nur das eine Mal vorgestern gesehen“, überlegte Melinda. „Was meinst du, Portia?“
„Viel besser kenne ich ihn doch auch nicht“, verteidigte diese sich sofort, „aber auf endlos viele Bälle scheint er mir auch nicht erpicht zu sein.“
„Er braucht wohl eine neue Ehefrau“, stellte Sebastian fest, was sie ohnehin alle wussten. „Vielleicht geht er deshalb auf Bälle, wirkt aber zugleich etwas lustlos?“
Melinda und Portia betrachteten ihn mit milder Verachtung und er lachte prompt. „Das habt ihr beide euch natürlich schon lange überlegt!“
„Erst seit vorgestern“, korrigierte Portia freundlich, „davor wusste ich doch nicht einmal, dass er existierte. Und bevor er auftauchte, hat mir gegenüber auch niemand hässliche Andeutungen gemacht.“
„Glaubst du diese hässlichen Andeutungen denn?“, wollte Melinda wissen.
„Nein, eigentlich nicht. Er kommt mir recht überlegt und vernünftig vor, aber wirklich einschätzen kann ich ihn noch lange nicht. Nur, wenn er wirklich ein Mörder wäre, wäre er dann nicht längst gehängt – oder nach Australien deportiert worden?“
Grässliche Vorstellung, dachte sie, noch während sie das aussprach.
„Ich glaube es auch nicht“, stellte Sebastian in einem recht endgültig klingenden Tonfall fest. „Etwas düster ist Walsey freilich, aber eher, als habe man ihn stets missverstanden. Ansonsten ein ungewöhnlich vernünftiger und vielseitig gebildeter und interessierter Mann. Nachdem, was er ab und zu erwähnt hat, ist er auch seiner kleinen Tochter sehr zugetan. Ob es außer Vater und Tochter noch weitere Beauforts gibt, weiß ich freilich nicht. Wenn er so weiter macht, erlischt der Titel möglicherweise…“
Um den Titel machte Portia sich nun wirklich keine Sorgen, aber Walsey tat ihr ein wenig leid: Ein ernsthafter Mann musste sich mit den Oberflächlichkeiten in den Ballsälen abgeben, um die Zukunft seiner Familie zu sichern!
Aber ging es ihr selbst denn so viel anders? Sie musste mit Leuten wie Kelling tanzen und sich das Getuschel dummer Gänse anhören, nur um endlich jemanden zu finden, der ihr eine Zukunft bot und damit sowohl die allmählich alternden Arnebys als auch ihren Vater entlastete.
Nun, man würde ja sehen, was der heutige Abend brachte, bei Mrs. Ramsworth – diese Bälle waren immer besonders schön. Hoffentlich hatte sie unangenehmes Volk wie Kelling und Jessen gar nicht erst eingeladen!
Ein netter, einigermaßen kluger und angenehmer Mann, gerne vom Land, da war sie gar nicht so wählerisch, wäre doch schon ideal?
Nun, ideal vielleicht nicht, so ganz ohne Liebe, aber doch schon akzeptabel. Ein vernünftiges Auskommen, ein Dach über dem Kopf, eine nette Kinderschar…
Kapitel 6
„Euer Lordschaft?“
Cecil stand vor dem Spiegel und fingerte an seinem Halstuch herum. Naja, es ging schon - aber dieser Abend würde gewiss so wenig Erfolg bringen wie der letzte.
„Ja, Grin?“
„Der Wagen steht bereit, lässt Mr. Parton ausrichten.“
„Danke, Grin“, seufzte Cecil und warf seinem Spiegelblick einen letzten Blick zu. „Dann werde ich meine Pflicht tun…“
„Aber Euer Lordschaft mögen Mrs. Ramsworth doch?“
„Jeder mag Amelia Ramsworth. Du hast ja recht, Grin, ich bin einfach nur griesgrämig.“ Damit begab er sich nach unten, in die Halle, wo der Butler schon Hut, Cape und Stock bereithielt.

Mrs. Ramsworths Ballsaal war dieses Mal hellblau und sandfarben dekoriert, als befände man sich in Brighton – nur der umstrittene Pavillon des Prince of Wales fehlte, wofür zumindest Portia recht dankbar war. Wie allerdings die blassrosa Treibhausrosen in diesem Zusammenhang zu deuten sein konnten, war ihr nicht recht erfindlich.
Ach, vielleicht gab ihr diese Frage etwas Beschäftigung, falls ihre Tanzkarte sich nur unzureichend füllen sollte…
Was sich zunächst zügig füllte, war der Ballsaal, aber es wurde kein derartiges Gedränge wie auf dem letzten Ball, den Portia besucht hatte. Darauf pflegte Mrs. Ramsworth ja auch zu achten – und das machte ihre Einladungen so exklusiv und damit auch so begehrt. Portia wusste, dass sie sich glücklich schätzen konnte, zu diesem Kreis von Auserwählten zu gehören. Warum die Lady (auch wenn sie keinen Titel trug) immer wieder junge Damen mit ihrem Wohlwollen auszeichnete, wusste offenbar niemand: Man war geschmeichelt und fragte lieber nicht so genau nach…
Cecilia und Benedict winkten ihr zu, Lady Tenfield schenkte ihr ein schildkrötenhaftes Grinsen, von Kelling und Jessen war nichts zu sehen, dafür setzte sich die junge Lady Pelham zu ihr. „Bin ich froh, dass ich schon verheiratet bin – dieser Heiratsmarkt ist doch wirklich entsetzlich!“
„Wem sagen Sie das, Virginia! Vor allem, wenn man mit so unangenehmen Männern tanzen muss.“
„Ich werde mich in diesem Fall auf delikate Umstände herausreden. Niemand will mit einer Frau tanzen, der mittendrin übel werden könnte.“
„Das könnte ja die Stiefel ruinieren… leider kann ich diese Ausrede nicht verwenden.“
„Versuchen Sie es – das wäre ein hübscher Skandal!“
Portia kicherte. „Dazu bin ich doch zu feige – oh! Delikate Umstände? Da gratuliere ich auch ganz herzlich!“
Virginia Pelham lächelte verträumt. „Danke schön, wir freuen uns auch schon sehr. Ein kleines Mädchen haben wir schon, jetzt wäre ein Söhnchen nett. Sie wissen ja, der Erbe…“
„Gewiss. Diese Frage treibt wohl die meisten jungen Männer in den Ballsaal, nicht wahr?“
„Gefolgt von besorgten Eltern.“
Sie lachten beide und in diesem Moment fanden sich gleich drei junge Herren vor Portia ein, die sie noch nie gesehen – oder gleich wieder vergessen? – hatte. Eifrig trugen sie sich in ihre Tanzkarte ein, jeder gleich für zwei Tänze, was schon ein klein wenig dreist war, wie sie fand. Aber die Jungen wirkten alle harmlos, sie waren nüchtern und strahlten sie recht erfreulich an – und je weniger Plätze für Kelling und Jessen blieben, desto besser…
Bis das Orchester zu spielen begann, hatte sie alle Tänze bis auf einen, den vorletzten Walzer, vergeben. Von ihren beiden Feinden war noch nichts zu sehen, offenbar hatte die kluge Mrs. Ramsworth die beiden Rüpel tatsächlich nicht eingeladen.
Sie begab sich also auf die Tanzfläche und arbeitete sich einigermaßen beschwingt durch Ländler, Allemandes, Kontertänze und Walzer, plauderte über das Wetter, die neuesten Gerüchte über den Gesundheitszustand des Königs, die Extravaganzen des Prince of Wales, über die Frage Leben in London oder Leben auf dem Land (und wenn auf dem Land, wo dann am besten?) und allerlei anderes und nutzte die Pausen zwischen den Tanzabfolgen, um sich mit Lady Tenfield, Melinda und Cecilia auszutauschen.
Ein bisschen stand sie immer noch unter Spannung, weil dieser eine Walzer noch offen war und Kelling oder Jessen sich doch auch uneingeladen auf den Ball schmuggeln konnten - Mrs. Ramsworth hatte schließlich wohl kaum Porträtskizzen der beiden anfertigen lassen und sie an die Lakaien an der Eingangstür verteilt!
Später am Abend aber betrat Walsey den Ballsaal und sah sich ruhig um. Ohne ein Lächeln.
Ohne erkennbares Interesse an einer der Damen.
Ohne sich mit einem der Gentlemen – soweit sie noch nicht im Kartenzimmer verschwunden waren, sich bei den Erfrischungen herumdrückten oder schlicht gerade tanzten – zu unterhalten.
Bestenfalls nickte er bekannten Gesichtern flüchtig zu, während er die Tanzfläche bedächtig umrundete und sich schließlich vor Portia verbeugte. „Miss Willingham, Sie haben nicht zufällig noch einen Tanz frei?“
Sie lächelte erleichtert. „Doch, Mylord, genau einen.“ Sie reichte ihm die Karte; er las und sah auf: „Da habe ich ja Glück – ausgerechnet einen Walzer zu ergattern!“ Rasch trug er sich ein, lächelte noch einmal und entfernte sich.
Portia sah ihm nach: Hatte dieses Lächeln eigentlich seine Augen erreicht? Oder hatten sie immer noch diesen so traurigen Ausdruck gehabt?
Er war wohl wirklich ein Opfer der Klatschsucht der oberen paar Tausend – wenn es überhaupt so viele waren! Viel mehr als die Anzahl, die in einen durchschnittlich großen Ballsaal passte, konnten das überhaupt nicht sein.
Wer nicht eingeladen wurde, war auch nicht wichtig; wer auf dem Land lebte, war auch nicht so wichtig und konnte den Klatsch damit kaum befeuern.
Warum konnten so wenige (und obendrein zum Teil außerordentlich eingebildete und auch dumme) Menschen so viel Einfluss haben?
In der englischen Gesellschaft lag wirklich einiges im Argen… aber das würde sie allein auch nicht ändern können. Da musste man wohl ein Mann sein – oder Verbündete um sich sammeln. Aber wenn jeder, der (oder die, man sollte die Damen auch nicht stets unterschätzen!) guten Willens war, so viel tat, wie er konnte? So musste doch einiges zusammenkommen?
Nun, darüber konnte man mit den meisten Tänzern wohl kaum leicht und elegant plaudern. Dann doch lieber Wetter, Theater, Mode, die Fülle des Ballsaals…
Was tat wohl Walsey gerade? Er war recht spät gekommen, so dass wohl nur die weniger begehrten Damen noch freie Plätzchen auf ihren Tanzkarten vorzuweisen hatten. Ach, das war wohl recht arrogant von ihr – sie war auch nicht gerade die Unvergleichliche der Saison! Er tat ihr leid, denn sie glaubte nicht, dass ihn diese Bälle glücklich machten. Was machte ihn wohl glücklich?
„Miss Willingham?“
Sie schrak zusammen, drehte sich hastig nach Vorschrift und lächelte entschuldigend. „Ich fürchte, ich war nicht sehr aufmerksam. Was heute mit mir los ist, weiß ich auch nicht.“
Das führte zu längeren Ausführungen über die Schädlichkeit bestimmter Wetterphänomene für die Gesundheit, vor allem die zarte Gesundheit junger Damen. Portia merkte sich sorgfältig die wichtigsten Passagen – gute Ausreden konnte man schließlich immer gebrauchen. Sie musste vielleicht noch den schmerzlichen Griff an die Schläfe noch etwas üben, vor dem Spiegel am besten.
Und ein Riechfläschchen in ihr Retikül packen… Aber vernünftige Männer mochten wahrscheinlich solche Zimperliesen gar nicht. Sir – wie hieß er gleich wieder? – war mittlerweile bei den schädlichen Ausdünstungen (er sprach von Miasmen) der Stadt London angekommen, die der Gesundheit ja nun auch nicht zuträglich sein konnten. Er selbst, zum Beispiel, habe es sich zur Regel gemacht, sich nie in der Nähe der Themse aufzuhalten, weil dort die schädlichen Ausdünstungen geradezu waberten; sobald er eine gleichgesonnene Ehefrau gefunden habe, werde er sich mit ihr auf sein Landgut in Yorkshire zurückziehen. Portia lobte diese Idee, speziell im Hinblick auf seine empfindliche Gesundheit, gestand aber gleichzeitig ihre Begeisterung für die Kulturangebote Londons. Ihr unbekannter Tänzer hob gerade an, Kultur im Vergleich zur Gesundheit als unwesentlich abzutun, als das Orchester verstummte und ihm nichts blieb, als Portia zu ihrem Platz zurückzuführen.1
Erleichtert ließ sich auf den Stuhl sinken, und äußerte ein wenig damenhaftes „Puh!“ Cecilia setzte sich neben sie und neckte sie: „So furchtbar?“
„Ach, gar nicht so sehr. Nur recht langweilig. Hast du gewusst, dass in London gefährliche Dämpfe aus dem Boden aufsteigen, durch die man krank wird?“
„Lieber Himmel, wo soll das denn sein?“
„Überall!“, verkündete Portia mit der nötigen Dramatik. „Besonders schlimm an der Themse.“
„Nun ja, müffeln tut sie ja wirklich recht unerfreulich…“
Portia grinste breit. „Wie könnte etwas erfreulich müffeln?“
„Du bist manchmal schon eine rechte Haarspalterin.“
Der nächste Tänzer kam, um sie zum Ländler zu führen. Sehr angenehm, musste sie zugeben, er war noch so jung, dass er auf seine Schritte achten musste und zugleich nur das Nötigste sagen konnte. Die blonde junge Dame nebenan machte einen durchaus netten Eindruck, also lächelte Portia ihr freundlich zu und konzentrierte sich ansonsten darauf, ihren jugendlichen Partner diskret zu steuern.
„War ich sehr tollpatschig?“, fragte er, als die Musik schließlich verklang. Portia lächelte ermutigend. „Aber nein! Vor allem haben Sie sich im Laufe des Tanzes sehr verbessert. Sie waren wohl noch nicht auf vielen Bällen?“
„Das hier ist mein zweiter Ball – und beim ersten habe ich mich noch gar nicht so recht getraut, eine Dame aufzufordern. Ich finde, ich bin noch viel zu jung für so etwas – und wirklich Spaß habe ich auf einem Ball auch noch nicht.“
„Warum gehen Sie dann denn auf Bälle? Lassen Sie sich doch noch ein wenig Zeit, Mr. – jetzt habe ich Ihren Namen vergessen, wie peinlich!“
Er lächelte verzeihend. „Enderby. Lord Enderby. Der Grund für mein Erscheinen hier sitzt dort, neben der Säule mit den rosa Rosen.“
Portia spähte vorsichtig in die angegebene Richtung und erblickte eine energisch wirkende Dame in dunkelblauem, silbern besticktem Samt und daneben eine deutlich jüngere Ausgabe ihrer selbst, die furchtsam dreinsah und das klassische Weiß der frischgebackenen Debütantin trug. „Meine Schwester Rebecca“, informierte Enderby Portia in düsterem Ton. „Sie will auch nicht hier sein. Wir sollen beide so schnell wie möglich heiraten. Ich muss die Erbfolge sichern – ich bitte Sie, mit neunzehn? Und Becky soll heiraten, damit Mama diese Sorge los ist.“
„Ihre Schwester sieht nicht so aus, als gäbe sie Anlass zu Sorgen.“
„Nein, sie ist auch sehr brav und folgsam. Das ist alles bloß Mama!“
„Und Ihre Schwester hat noch gar nicht getanzt?“
„N-nein. Vielleicht ist es, weil sie ein Gesicht zieht, als wollten alle sie fressen. Sie ist erst siebzehn!“
Die Mutter schien es ja sehr eilig zu haben, die Kinder ins Erwachsenenleben zu drängen, dachte Portia. Vielleicht konnte Ben der Kleinen ein wenig die Befangenheit nehmen?
Sie verabschiedete sich freundlich von Lord Enderby und eilte zu Cecilia und Benedict. Als das Orchester zu präludieren begann schritt Benedict auf die zusammengesunkene Miss Enderby (Miss war doch wohl richtig? Vielleicht war sie auch eine Ehrenwerte Miss oder gar Lady Rebecca?) zu und bat sie um diesen Tanz.
Portia wurde gerade selbst aufgefordert und konnte nur noch aus dem Augenwinkel verfolgen, wie Miss Enderby dem angesehenen Viscount Lynet aufs Parkett folgte und – so ein Zufall aber auch! – genau neben ihr Aufstellung nahm. Sie lächelte dem sichtlich nervösen Mädchen beruhigend zu und versuchte dann, alle Schritte so exakt auszuführen, dass Miss Enderby sich etwas abschauen konnte, falls ihr das helfen sollte.
Ben zwinkerte ihr unauffällig zu, offenbar hatte er ihre Absicht durchschaut.
Ihr eigener Tänzer, ein Sir Thomas Ponsonby, plauderte über die üblichen Themen und lobte besonders die geschmackvolle Dekoration des Ballsaals. Da konnte Portia ihm nur zustimmen, aber sie hatte keine Lust, ihm ihre Gedanken über die Meeresstrand-Anmutungen darzulegen. Später würde sie überlegen, warum sie das nicht tun wollte, jetzt beschränkte sie sich weiterhin auf oberflächliches Geplauder, das nur durch die Figuren unterbrochen wurde, und ein diskretes Lob an Miss Enderby, die zwar schüchtern war, aber sehr gut, sogar graziös tanzte.
Als die Musik verklang, hob Ben Rebeccas Hand elegant an seine Lippen und verbeugte sich dann: „Es war mir ein Vergnügen, Miss Enderby. Viel Erfolg weiterhin im Ballsaal!“
Er geleitete sie zu ihrem Platz zurück, wo sofort zwei andere junge Herren heraneilten und um ihre Tanzkarte baten.
Portia betrachtete sich das zufrieden und wandte sich dann an Sir Thomas. „Ein reizendes Mädchen, nicht wahr?“
„Sie duftet nach Geißblatt und Zitrone“, antwortete dieser versonnen und fuhr zusammen. „Verzeihung, Miss Willingham – Sie haben natürlich ganz recht!“
Damit ließ er sie stehen und eilte ebenfalls zu Miss Enderby. Amüsiert sah sie ihm nach. Nun, Miss Enderby schien damit versorgt zu sein!
Als der Walzer mit dem Earl of Walsey näherkam, wunderte sie sich ein wenig, weil sie dich tatsächlich auf diesen Tanz mehr freute als auf die anderen. Was war denn an dem letzten Tanz mit ihm so besonders gewesen? Sie hatten sich nett unterhalten, aber das war ihr schon öfter möglich gewesen. Sie hatte mit Sebastian und Melinda darüber spekuliert, warum er so bedrückt wirkte und sich so lange von der Gesellschaft ferngehalten hatte… möglicherweise tat er ihr einfach leid?
Sie musste unbedingt vermeiden, mitleidsvoll oder auch nur mitfühlend dreinzusehen, wenn er nachher kam und sie zum Tanz holte! Niemand wollte doch bedauert werden – oder doch?
Nun, hoffentlich wollte er das nicht; Menschen, die versuchten, Mitleid zu schinden, waren ihr nicht sonderlich sympathisch.
Zunächst aber tanzte sie mit Lord Worthington, einem freundlichen, aber ausgesprochen einsilbigen jungen Mann, der alle Figuren mit mathematischer Präzision ausführte und damit offensichtlich hinreichend beschäftigt war. Also bemühte sie sich, ebenso exakt zu agieren und sich ansonsten auf ein höfliches Lächeln zu beschränken. Als die Musik verklang, trug ihr das ein Lob für ihre sorgfältigen Tanzfiguren ein, das sie mit der gebotenen Dankbarkeit entgegennahm.
Walsey wartete bereits am Rand der Tanzfläche. „Ich glaube, das ist unser Walzer?“
Unwillkürlich strahlte sie ihn an. „Ganz recht, Mylord.“
Er führte sie aufs Parkett und nahm sie fest, aber korrekt in die Arme. „Mögen Sie eigentlich Kinder, Miss Willingham? Ich frage, weil Sie doch viel mit den Lynets und den Hertwoods unternehmen – und die haben doch auch kleine Kinder?“
„Oh ja! Die Hertwoods haben den kleinen Edward und obendrein ihren Neffen Paul. Er ist jetzt aber schon fast sechs Jahre alt und ein kluges Kerlchen, mit dem ich sehr gerne spiele. Ja, und Lord und Lady Lynet haben den kleinen James. Aber er ist in einem Alter, in dem man noch nicht viel mehr machen kann als ihn herumzutragen, wenn er schreit. Dann beruhigt er sich schnell wieder. Lady Hertwood ist ja wieder in der Hoffnung und sie wünschen sich ein kleines Mädchen, ein Schwesterchen für Eddie – und für Paul. Ich glaube, er hat längst vergessen, dass er ursprünglich einmal andere Eltern hatte. Vielleicht ist das besser so, nicht wahr?“
„Es dürfte ihm zumindest mehr Ruhe bescheren. Er muss nie darüber nachdenken, ob die Hertwoods ihre richtigen Kinder höher schätzen, meinen Sie nicht auch?“
Portia nickte. „Wenigstens so lange, bis er einen Lehrer bekommt oder später auf die Schule geschickt wird – immerhin hat er von seinem leiblichen Vater ja einen Titel geerbt und wird nachfragen, sobald er damit angeredet wird.“
„Walford, nicht wahr?“
„Richtig. Sie machen sich gewiss Gedanken um Ihre kleine Tochter, Mylord?“
„Ja“, seufzte er. „Ich glaube, sie braucht allmählich auch eine Mutter. Aber ob sie das auch wollen wird, weiß ich eben nicht.“
„Sie könnte eifersüchtig sein, wenn sie ihren Vater plötzlich teilen muss. Das könnte schwierig werden“, stimmte Portia nachdenklich zu und spürte, wie er sie etwas fester in die nächste Drehung zog.
„Ich kann es natürlich nicht richtig nachvollziehen“, sagte sie dann, etwas atemlos wegen des Herumwirbelns, „denn ich bin zwar auch ohne Mutter aufgewachsen, aber mein Vater hat nie mehr Anstalten gemacht, zu heiraten. Jetzt überlege ich gerade, wie ich reagiert hätte, wenn er mir eine neue Mutter beschert hätte.“
„Nämlich?“ Er sah in ihr eifriges Gesicht und lächelte über ihr echtes Interesse. Und wie hübsch sie war mit diesen roten Locken und den freundlichen braunen Augen. Ach ja, und mit einigen kleinen Sommersprossen, die er recht anziehend fand.
„Vermutlich hätte ich den Gedanken zunächst eher befremdlich gefunden, ich hätte ja gar nicht gewusst, was eine Mutter ist und wozu man sie braucht, wenn man schon eine Nanny hat. Aber wenn Papa es mir gut erklärt und mir die betreffende Dame vorgestellt hätte…“
„Dann hätten Sie sich gefreut?“
„Ich denke schon, wenn sie nett gewesen wäre. Eine Vergleichsmöglichkeit hatte ich ja schließlich nicht!“
„Ich vermute, Marian hat diese Möglichkeit auch nicht. Danke, Miss Willingham, das beruhigt mich schon etwas. Wie finden Sie den Ballsaal?“
Der abrupte Themenwechsel irritierte sie etwas, aber sie blieb höflich und freundlich: „Bei Hellblau und Sandfarben musste ich an die Küste denken, vielleicht an den Strand in Brighton. Recht erfrischend, finden Sie nicht, Mylord?“
„Sie könnten recht haben, Miss Willingham. Aber seien wir dankbar, dass niemand hier auch noch den Pavillon des Prince of Wales aufgebaut hat.“
„Das ginge dann wohl zu Lasten der Tanzfläche, was den Ballsaal nutzlos machen könnte“, antwortete Portia. Er lächelte kurz, offenbar ehrlich erheitert, denn um die dunklen Augen bildeten sich kleine Fältchen. Portia freute sich über seine gute Laune.
„Und Sie tanzen gerne, nicht wahr?“
„Ja, sehr gerne. Aber ich habe noch nie so viel getanzt wie heute und auf dem Ball vorgestern. Ein wenig eigenartig kommt es mir schon vor, wie sich plötzlich alle Gentlemen auf mich stürzen. In den letzten beiden Saisons war das nicht der Fall. Man könnte fast meinen, ich hätte mich als reiche Erbin entpuppt!“
„Und das haben Sie nicht?“ Er zog sie in eine schwungvolle Drehung.
„Absolut nicht! Mein Vater ist ein Baron in sehr bescheidenen Umständen, der wohl recht froh ist, dass ich bei den Arnebys lebe und ab und zu auch von Lady Hertwood oder Lady Lynet auf Bälle mitgenommen werde.“
„Die Arnebys leben in der South Audley Street, nicht wahr?“
„Ganz richtig, nur ist Sir William mittlerweile nicht mehr ganz gesund, deshalb ist Lady Arneby sicher erleichtert, wenn sie mich nicht immerzu auf solche Veranstaltungen begleiten muss.“
„Vielleicht haben Sie noch reiche Verwandte, von denen Sie gar nichts ahnen?“, schlug er vor und Portia sah ihn tadelnd an, bevor sie verschwörerisch raunte: „Lord Walsey, lesen Sie etwa diese Gruselromane? Ich dachte, die Herren der Schöpfung seien über so etwas erhaben?“
Jetzt lachte er aus voller Kehle und manche Tanzpaare sahen sich irritiert nach ihm um.
„Ich dachte, so etwas lesen nur junge Damen, um von romantischen Verwicklungen mit verfemten Schlossherren zu träumen?“
„Und die Schlossherren haben schon von der geheimen Erbschaft gehört und umwerben die junge Dame genau deshalb, damit ihnen ihr Gespensterschloss nicht vor Altersschwäche zusammenbricht?“
„Man könnte die Sensation des Jahres schreiben“, murmelte er versonnen – und jetzt war es an Portia, laut zu lachen. „Dabei würde ich Ihnen gerne helfen!“
„Vielleicht nehme ich Sie beim Wort, Miss Willingham…“
Bei der letzten Drehung überlegte Portia noch, ob sie ihn bitten sollte, Miss Enderby einmal aufzufordern, aber dann sah sie, wie deren Mutter sie durch einer Lorgnette anstarrte und dabei tadelnd den Kopf schüttelte. Bitte, dann eben nicht, obwohl das arme Mädchen ja wohl nichts für seine engstirnige Mutter konnte!
Andererseits eilten schon wieder zwei junge Herren auf die junge Rebecca zu, also konnte sie sich wohl nicht unbedingt beklagen. Das Mädchen seiner unangenehmen Mutter zu entziehen, wäre aber eine nette Aufgabe für weitere Bälle!
Sobald Walsey sie zurückgebracht hatte, erzählte sie Cecilia von ihrem menschenfreundlichen Plan – und Cecilia kicherte animiert. „Kennst du Dorothy Claremont? Sie hat das in ihrer Saison auch gemacht. Glückliche Paare – aber auch die Chumsbys.“
„Dieser dicke Wichtigtuer mit seiner unangenehmen Frau? Die passen doch sehr gut zusammen, oder?“
„Ja, das hat sich Dorothy damals wohl auch gedacht. Die beiden Brautleute waren aber nicht ganz so begeistert…“
Portia hätte gerne weiter mit Cecilia geplaudert – und hinter ihnen saß ja auch die bezähmbare Lady Tenfield, die den Nagel immer auf den Kopf traf, aber da kam ja schon wieder einer!
Sie linste rasch auf ihre Tanzkarte: ein Mr. Kemble. Wirklich „nur“ ein Mr. – oder jemand mit vornehmster Verwandtschaft, selbst aber nur der dritte Enkel eines Herzogs? Ob sie das mit geschickten Fragen herausfinden konnte? Hatte sie wohl Geschick für solche Dinge?
Mr. Kemble verbeugte sich vor ihr und lächelte freundlich, also erhob sie sich, knickste leicht und legte die Hand auf seine Armbeuge.
Ein Ländler schon wieder… Sie stellten sich am Ende der langen Reihe auf, erwiesen einander und den Nachbaren ihre Reverenzen und begannen.
Wenn die Figuren es gestatteten, plauderte Kemble einigermaßen interessant, auch wenn die Frage, ob es Miss Willingham denn in London gefalle, noch nicht gerade von großer Originalität zeugte. Portia erwiderte artig, sie lebe immer in London, bei Verwandten hier in Mayfair, womit sie sich als durchaus standesgemäß ausgewiesen hatte. Einfaches Bürgertum ohne Verbindungen wohnte schließlich weiter östlich, nicht wahr? Oder im Norden der Stadt… so genau wusste sie das auch nicht.
Mr. Kemble freute sich, dies zu hören, denn er lebte auch in Mayfair, gar nicht einmal so weit von der South Audley Street entfernt. Er lebte bei seinen Eltern und nur in den unmodischen Jahreszeiten pflegte man sich aufs Land zurückzuziehen.
Das klang Portia, die sich nachdenklich drehte und die vorgeschriebenen Schritte mit der gebotenen Grazie ausführte, recht vielversprechend; also erkundigte sie sich, wo das Landgut seiner Eltern denn zu finden sei.
Er seufzte. „Einige Tagesreisen von London entfernt, schon fast in Yorkshire! Warum sich unsere Altvorderen ausgerechnet dort ansiedeln mussten, verstehe ich auch nicht.“
„Aber vielleicht hatte ihnen dort irgendein König das Land geschenkt? Da kann man ja schlecht sagen: Herzlichen Dank, Euer Majestät, aber haben Sie nicht auch etwas in Surrey im Angebot?“
Er kicherte. „Das Gesicht des Königs hätte ich ja gerne gesehen! Leider weiß ich gar nicht, welcher das gewesen sein könnte.“
„Oh, aber die eigene Familiengeschichte ist doch interessant? Was die Familie in alten Zeiten geleistet hat, woher der Titel – so man einen hat – rührt, was man dafür getan hat. Mir hat einmal jemand erzählt, einer seiner Vorfahren habe zur Zeit der Rosenkriege gleich drei Könige verraten. Gut, das ist eher kein Ruhmesblatt, aber auch da weht einen doch der Hauch der Geschichte an, meinen Sie nicht?“
„Nun, vielleicht haben Sie da recht… ich sollte es mir wohl einmal angelegen sein lassen, die Familiengeschichte zu studieren. Bis jetzt war das für mich immer ein Haufen muffig dreinblickender Gestalten in merkwürdiger Kleidung, zu Hause in der Ahnengalerie, wo sie einen vorwurfsvoll anschauen.“ Er grinste und sie erwiderte das mit einem freundlichen Lächeln. Das machte ihn gleich noch etwas zutraulicher und so erzählte er, dass er sich bei Erzählungen seiner Großeltern immer sehr gelangweilt und deshalb auch nicht recht zugehört habe; Pferderennen und Wettfahrten mit Vierspännern hätten ihm deutlich mehr zugesagt.
„Aber man wächst aus diesen Jugendtorheiten ja auch langsam heraus, nicht wahr, Miss Willingham? Ich denke, Sie haben mir da durchaus Anregungen gegeben, herzlichen Dank auch dafür! Und natürlich für diesen Tanz.“
Passenderweise endete die Musik in genau diesem Moment und Mr. Kemble zog Portias Hand elegant an seine Lippen.
Sie lächelte höflich, bewahrte aber doch etwas Zurückhaltung.
„William Kemble“, sagte da eine tiefe Stimme links neben ihr, „ich wusste es doch! Kennen Sie mich noch?“
Mr. Kemble löste seinen Blick von Portia, die nach links blickte und mehr als höflich lächelte.
„Walsey? Der Freund meines Onkels! Natürlich! Lange nicht mehr gesehen, Walsey – und ausgerechnet hier? Sie mögen doch keine Bälle?“
„Das tue ich auch nicht. Ich bin im Interesse der Familie hier. Aber der heutige Ball hat mir eigentlich recht gut gefallen.“ Er lächelte Portia zu, was Mr. Kemble an seine Manieren erinnerte – hastig stellte er die beiden einander vor und blinzelte irritiert, als beide fröhlich lachten.
„Danke, Kemble“, erklärte Walsey schließlich, „aber wir kennen uns schon – zumindest haben wir bereits miteinander getanzt. Sie kommen also etwas zu spät…“
Kemble ließ seinen Blick zwischen den beiden hin und her wandern. „Ja, das denke ich auch. In mehrfacher Hinsicht, wie mir scheint?“
Angesichts der verständnislosen Mienen lachte er kurz auf und entschuldigte sich dann, der habe da einen Bekannten gesehen, den er unbedingt sprechen müsse.
„Worüber haben Sie sich mit ihm unterhalten, Miss Willingham?“, fragte Walsey und wirkte unmittelbar danach direkt erschrocken, als erschiene ihm diese Frage nun unangebracht. Also schob rasch nach: „Wenn Ihnen diese Frage nicht aufdringlich erscheint?“
Portia sah fragend zu ihm auf. „Warum denn? Nein, das ist doch nicht aufdringlich. Er schien sich nicht für seine Familiengeschichte zu interessieren, offenbar blicken seine Vorfahren in der heimischen Ahnengalerie zu missbilligend auf ihn herab. Und ich fand, dass Familiengeschichte doch interessant ist, zu wissen, wann jemand für besondere Leistungen belohnt wurde – mit einem Titel etwa – oder sich ganz besonders blamiert hat. Da hat er Besserung gelobt. Nun, wahrscheinlich war das nur eine Floskel. Aber er scheint recht sympathisch zu sein, nur vielleicht noch ein wenig – grün?“
Walsey lächelte. „Das mag sein. Ich bin, wie Sie wahrscheinlich gehört haben, mit seinem Onkel George befreundet, der zurzeit den Titel trägt – und William war immer schon das, was man einen Lausbuben nennt, den Kopf stets voller dummer Streiche. Und seitdem scheint er sich nicht zu sehr verändert zu haben.“
Portia kicherte. „Ich sehe ihn förmlich vor mir, Äpfel stehlen, einen wilden Bullen reizen, mit einem Bettvorleger und einem Scheunendach seine Flugfähigkeiten ausprobieren…“
„Haben Sie das etwa getan?“
„Nicht doch, ich war ein recht braves Kind. Die Nachbarsjungen haben solche Heldentaten unternommen und ich durfte dann, wenn ich zufällig auf Arneby weilte, Krankenbesuche machen, wenn sie mit gebrochenen Armen und Knöcheln darniederlagen. Manchmal habe ich sie schon beneidet um die Freiheiten, die sie hatten – nicht um die Knochenbrüche!“
Sie waren plaudernd um die Tanzfläche promeniert und Portia erschrak, als sich ein sichtlich pikierter junger Herr vor ihr aufbaute: „Miss Willingham, ich glaube, das ist unser Tanz, nicht wahr?“
Mit einem bedauernden Lächeln zu Walsey wandte sie sich ihrem neuen Tänzer zu und bemühte sich, ihn nicht spüren zu lassen, dass er sie gestört hatte.
Kapitel 7
Am nächsten Vormittag, als sie mit Tante Margaret wieder einmal auf dem Weg zur Buchhandlung war, wunderte sie sich, wieviele junge Gentlemen ihnen begegneten und ehrerbietig ihre modischen Hüte zogen. Warum waren sie um diese frühe Tageszeit – sozusagen kurz nach Ballende – überhaupt schon auf den Beinen? So makellos herausgeputzt obendrein? Und warum erkundigte sich ausnahmslos jeder nach ihrem Befinden nach diesem doch gewiss sehr anstrengenden Abend? Machte sie einen so schwächlichen Eindruck? Zunehmend schlich sich ein Hauch von Befremdung in ihre Antworten und die letzten drei Herren – kurz vor Hatchards – fühlten sich offenbar kühl abgefertigt, jedenfalls wurden die Verbeugungen noch tiefer und der letzte lächelte mühsam: „Wirklich die Königin der Gesellschaft, Miss Willingham!“
„Was haben die heute nur?“, fragte Tante Margaret danach.
„Einen Vogel“, antwortete Portia gereizt. „Ich weiß auch nicht, was die alle wollen. Ich habe mich ja gestern schon gewundert, warum meine Tanzkarte derartig schnell derartig voll wurde. Keinen einzigen Tanz konnte ich auslassen!“
„Nun, vielleicht haben sie einfach erkannt, dass du ein reizendes Mädchen bist?“ Tante Margaret war wirklich gutherzig!
„Eher noch hat irgendein Witzbold das Gerücht in die Welt gesetzt, dass rote Haare der letzte Schrei seien“, antwortete Portia. „Manchmal kam es mir so vor, als hielten sie mich für eine reiche Erbin, aber wie sollten sie nur auf eine so hirnrissige Idee gekommen sein?“
„Portia, nicht solche Ausdrücke!“, mahnte ihre Tante etwas geistesabwesend.
„Hirnrissig? Wie sollte man eine solche Idee denn sonst nennen? Dabei habe ich doch überhaupt kein Geld! Papa ist ja stets knapp dran – und andere Verwandte habe ich außer euch doch gar nicht.“
„Bist du dir da eigentlich so absolut sicher, meine Liebe?“, wandte Lady Arneby ein.
Portia staunte. „Wie meinst du das? Weißt du da mehr als ich?“
Tante Margaret seufzte. „Ich weiß es ja auch gar nicht sicher, aber hatte deine Mutter nicht noch Geschwister?“
„Nein, ich glaube nicht. Gesagt hat Papa jedenfalls darüber nie etwas, vielleicht hatte er sich mit denen überworfen, nachdem Mama tot war. Papa streitet ja häufig mit den Leuten…“
„Das stimmt leider wirklich.“
„Vermutlich ist es sein Ärger über seine so bescheidenen Verhältnisse. Ich glaube, sein Vater hat sich nicht gerade vorbildlich um den Besitz gekümmert, oder?“
„Das war auch mein Vater“, erinnerte Tante Margaret, „und du hast Recht, fürchte ich. Papa spielte gerne und war bei jedem großen Fest in London anzutreffen, immer aufwendig gekleidet… selbst gab er auch gerne Einladungen, aber Willings konnte das überhaupt nicht erwirtschaften. Ich war ja froh, dass William um mich anhielt, bevor ich gar keine Mitgift mehr zu erwarten hatte!“ Sie seufzte bei der Erinnerung.
„Und mein Papa – dein Bruder – saß dann mit dem angeschlagenen Besitz da. Aber da siehst du es, Tante Margaret: Woher sollte da denn eine Erbschaft für mich kommen?“
„Ich versuche gerade, mich an die Familie deiner Mutter zu erinnern… nein, mir fällt nicht einmal mir ein, wie sie vor der Heirat mit Hector geheißen hat. Der Taufname… Anne… Mary… nein… aber wie dann?“
„Nein, Mary war es, glaube ich, nicht. Ich glaube auch, etwas mit A… - als sie gestorben ist, war ich erst zwei Jahre alt. Ich weiß nicht einmal, woran sie gestorben ist!“
„Im Kindbett, zusammen mit deinem kleinen Bruder. Es war sehr, sehr traurig, Hector war am Boden zerstört. Danach hat er dich noch kurz mit deiner Nanny bei sich behalten, aber er hatte wohl das Gefühl, sich nicht angemessen um dich kümmern zu können – und so kamst du zu uns, was uns sehr gefreut hat, weil wir ja keine eigenen Kinder haben.“ Sie umarmte ihre Nichte kurz und sah sich dann verlegen um – aber immerhin standen sie ja schon in einer Nische bei Hatchards und niemand schien es gesehen zu haben.
Stumm, vielleicht wegen der überraschenden Gefühlsäußerung, suchten sie nach interessanten Romanen; Portia fand obendrein noch eine Untersuchung über das Elend in Whitechapel, die ihr vielversprechend erschien und wollte sich schon mit drei Bänden dem Angestellten zuwenden, um zu bezahlen, als sie abrupt stehen blieb.
Viscount Kelling zog schwungvoll den Hut. „Miss Willingham…! Ich hätte Sie eher bei einer besonders eleganten Modistin vermutet!“
Er nickte Lady Arneby, die er wohl für eine ältliche Anstandsdame hielt, sehr obenhin zu und fixierte Portia auf seine übliche, unangenehm eindringliche Art.
„Halten Sie mich für so hohlköpfig?“, schnappte Portia sofort zurück. „Aber warum sollte mich das auch wundern… Würden Sie bitte den Weg freigeben!“
„Warum so eilig? Und worüber zerbrechen Sie sich überhaupt ihr reizendes Köpfchen?“
Portia hatte schon auf der Zunge Darüber, warum manche Männer so abgrundtief dumm sind, aber da nahm er ihr doch tatsächlich die Bücher aus der Hand und sah sie rasch durch. Den Band über Whitechapel legte er sofort beiseite: „Das ist nichts für Ladys!“
Einen Roman billigte er, den anderen nicht. Portia, kurz davor, ihn mit den Büchern niederzuschlagen, raffte den kleinen Stapel wieder an sich und wandte sich an Lady Arneby: „Liebe Tante, den Band hier hat dieser Möchtegern-Literaturkritiker gebilligt, bist du so nett, ihn zurückzulegen?“
Kelling blubberte verlegen und wollte sich Lady Arneby vorstellen, aber die hob die Hand. „Danke, aber darauf lege ich angesichts Ihres unsäglichen Benehmens keinerlei Wert mehr, Mr. Wieauchimmer.“
„Ich bin Viscount! Viscount Kelling.“
„Ach? Und man hat Sie nicht zum Gentleman erzogen? Eigenartig. Komm, Portia, das Publikum hier gefällt mir nicht.“
Portia packte die beiden geschmähten Bände fester und folgte ihrer Tante zum Tisch des Verkäufers.
„Grässlicher Kerl“, fand Lady Arneby draußen. „Eine Ballsaalbekanntschaft, vermutlich?“
„Ja, zuletzt von dem Ball bei den Prestons. Mrs. Ramsworth hat ihn dankenswerterweise nicht eingeladen. Schrecklich. Er und dieser Sir Alexander Jessen gehen mir fürchterlich auf die Nerven. Warum darf sich eine Dame eigentlich nicht weigern, mit einem Herrn zu tanzen?“
„Das darf sie – wenn er erkennbar vollkommen betrunken ist.“
„Schön – wenn er aber ein vollkommener Idiot ist, reicht das nicht als Grund?“
Tante Margaret lachte. „Nein. Da hilft nur eisiges Schweigen oder dauernder Widerspruch.“
„Das habe ich ja getan, aber die beiden scheinen recht dickfellig zu sein. Ich glaube langsam tatsächlich, dass irgendein Scherzbold das Gerücht von meiner angeblichen Erbschaft in Umlauf gebracht hat – Kelling und Jessen scheinen auch deshalb um mich herumzuschwirren.“
„Ich denke, auf den nächsten Ball werde ich wieder einmal mitgehen. In meiner purpurfarbenen Robe und dem violetten Turban.“
„Welch finstere Drohung“, spöttelte Portia. „Damit wirst du auf jeden Fall furchteinflößend wirken. Möchtest du mir dann vielleicht auch verbieten, mit Kelling oder Jessen zu tanzen?“
„Wenn dich das froh stimmen würde? Gerne. Aber Lord Walsey sollte ich wohl genehmigen?“
„Unbedingt! Ein wirklich kluger Mann – und mir scheint, er nimmt mich auch ernst. Da ist es eine Freude zu tanzen. Und er tanzt auch korrekt und zieht mich nicht zu eng an sich wie Kelling. Ekelhaft!“
„Dann sollte ich mich wohl mit anderen Anstandsdamen austauschen“, sinnierte Lady Arneby mit maliziösem Lächeln.
„Und vielleicht Lady Tenfield einen Tipp geben, niemand verbreitet ein Gerücht oder eine Warnung schneller. Natürlich nur, wenn es sich um die Wahrheit handelt.“
„Nun, dass Viscount Kelling die Manieren eines gewöhnlichen Lohnkutschers hat, kann ich nun wirklich persönlich bezeugen!“
„Übermorgen sind wir bei den Partingtons eingeladen! Soll ich deiner Zofe dabei helfen, das purpurfarbene Prachtgewand aufzubügeln?“
Lady Arneby grinste. „Nicht nötig. Wenn du willst, darfst du den lila Turban entstauben. Daran könnte man übrigens auch eine Straußenfeder befestigen – was meinst du?“
Portia erschauerte, schwieg aber wohlweislich.
In der South Audley Street angekommen, zog sie sich in ihr Schlafzimmer zurück, aber anstatt sich mit ihren Neuerwerbungen voller Vorfreude aufs Bett zu werfen, öffnete sie ihren kleinen Schreibkoffer und verfasste einen Brief an ihren Vater. Nach allerlei Beschreibungen Londons – es gab ja immer interessante Neubauten, zurzeit gerade von John Nash - und des gesellschaftlichen Lebens erkundigte sie sich, wie es auf Willings stand und fragte dann erst, ob er etwas über die Verwandten ihrer Mutter wisse – sie werde zurzeit derartig hofiert, dass sie schon befürchten müsse, fälschlicherweise als Erbin in aller Munde zu sein!
Zufrieden las sie sich alles noch einmal durch. Nein, da konnte Papa nicht murren, seine Tochter melde sich auch nur, wenn sie etwas von ihm wolle! Außerdem wollte sie ja nur eine Auskunft, nicht etwa Geld! Sie führte noch herzliche Grüße an alle Leute auf Willings an, die ihr gerade einfielen, und sprach ihren Wunsch nach seiner guten Gesundheit aus, dann streute sie etwas Sand über den Bogen, blies ihn vorsichtig auf den Toilettentisch, wo sie ihn mit der Hand zusammenfegen und ihn sparsam in die Büchse zurückbefördern konnte, faltete den Bogen mehrfach zusammen, schrieb die Adresse darauf und verschloss ihn mit dem Siegel. Onkel William würde ihn freimachen und zur Post bringen lassen…
Wahrscheinlich würde Papa zurückschreiben, er verstehe gar nicht, warum ihre irregeleiteten Verehrer auf diese absurde Idee kämen – jeder müsse doch wissen, dass er ihr keine Mitgift geben und auch nichts hinterlassen könne; alles, was er noch besitze, sei Willings – und das sei zur Gänze an den Titel gebunden, den ja bekanntlich Cousin Douglas erben werde. Dieser aber brauche mit seiner wachsenden Familie gewiss jeden Penny selbst…
Portia seufzte; sie glaubte nicht, dass Papa sich energisch genug um Willings gekümmert hatte; bei den seltenen Gelegenheiten, zu denen sie ihn gesehen hatte, hatte er einen freundlichen, aber doch sehr – nun – entschlusslosen Eindruck auf sie gemacht.
Dass sie in Wahrheit gar nichts in eine Ehe mitzubringen hatte, war wirklich ein Manko! Und als Tochter eines sozusagen gewöhnlichen Barons hatte sie auch keine begehrenswerten Verbindungen vorzuweisen; an keinem Ende ihres eher uninteressanten Stammbaums saß ein Earl oder gar ein Herzog oder auch nur jemand, der politischen oder gesellschaftlichen Einfluss hatte, wenn man von den Arnebys einmal absah.
Nun, irgendjemand, mit dem sie zurechtkommen konnte, würde sich in dieser Saison schon finden lassen, aber ganz gewiss nicht Kelling! Dann lieber Gouvernante werden oder Zofe. Für Zofe fehlte ihr zwar das Geschick, aber vermutlich konnte man das alles lernen… ob die Arnebys ihr eines Tages eine Kleinigkeit vererben würden? Nachfragen wollte sie nicht, das sah dann gleich so gierig aus. Und eigentlich war sie ihnen ja auch sehr dankbar, dass sie sie großgezogen, auf die Schule geschickt und dann wieder aufgenommen hatten. Und ihr nun schon die dritte Saison ermöglichten, ohne sie in eine Ehe zu drängen!
Vielleicht kam morgen Vormittag ja jemand zu Besuch… oder bei den Partingtons ergab sich etwas. Und vielleicht hatte sie ganz großes Glück und Kelling hatte sein Interesse auf eine andere Unglückliche geheftet…
Sie lebte ja nicht im Märchenland! Ihr blieb nichts, als abzuwarten. Und jetzt würde sie Tante Margaret fragen, ob sie ihr nicht ein wenig helfen konnte!
Tante Margaret aber hatte alles im Griff. „Wolltest du nicht dieses Buch über die Armut in Whitechapel lesen? Wenn es dir dieser unerzogene Mensch schon verbieten wollte?“
Das hatte etwas für sich, fand Portia und kehrte nach dem Lunch wieder in ihr Zimmer und zu dem erwähnten Buch zurück, wo es sich leider als reichlich trocken und einschläfernd erwies. Sie bemühte sich redlich, aber sie schlief schließlich tatsächlich ein und wachte erst kurz vor dem Tee wieder auf. Kurz wieder frischgemacht, eilte sie in den Salon, um sich bei Tante Margaret zu entschuldigen. Als sie merkte, dass diese Besuch von zwei anderen älteren Ladys hatte, scheute sie zurück, aber Tante Margaret forderte sie auf, doch näherzutreten. Also knickste sie höflich, erkundigte sich nach dem Wohlbefinden der Damen und setzte sich, um eine Tasse Tee entgegenzunehmen. Sie trank in kleinen Schlucken und lauschte einer Diskussion über verschiedene Arten von Gelenkschmerzen und die Frage, ob es dabei um Rheuma oder Gicht handelte oder um bloße Wehleidigkeit?
Schließlich erlahmte offenbar das Interesse an Salbenrezepten gegen Knieschmerzen und die Damen wandten sich Portia zu. „Man hört, Sie seien bei Mrs. Ramsworth sozusagen die Ballkönigin gewesen? Meinen Glückwunsch. Miss Willingham!“
Portia seufzte. „Ich war ungewöhnlich umschwärmt, Sie haben recht, Lady Harte, aber ich kann mir nicht recht erklären, wie es dazu gekommen ist. Ich vermute ja, dass irgendjemand das Gerücht in Umlauf gebracht hatte, ich hätte eine reiche Erbschaft zu erwarten. Das würde das plötzliche Interesse an mir erklären, nicht wahr?“
Die Damen widersprachen sofort, Portia sei doch so eine reizende junge Dame, sehr attraktiv – „und diese wundervolle Haarfarbe, in Locken obendrein!“
„Nun, es kann aber nicht bestritten werden, dass Gentlemen, die eine Heirat ins Auge fassen, auch auf eine Mitgift schielen“, widersprach Tante Margaret sofort.
Über dieser Diskussion geriet Portia schnell in Vergessenheit, denn jede der Damen kannte mindestens einen – nicht näher bezeichneten – jungen Mann, der nicht nur um des schnöden Mammons willen heiraten wollte. Verschiedenste Neffen, Söhne von besten Freundinnen und mehr oder weniger junge Nachbarn „bei uns zu Hause auf dem Land, Sie wissen ja!“, passierten Revue. Portia fragte sich unwillkürlich, warum keines dieser Musterexemplare jemals in einem Londoner Ballsaal auftauchte. Stattdessen musste man sich mit Gestalten wie diesem Kelling oder dem nicht gerade verlockenden Sir Alexander herumärgern…
„Portia?“
„Verzeihung?“
„Wahrscheinlich denken Sie gerade auch an einen reizenden jungen Mann?“, schmunzelte Lady Harte.
Portia seufzte. „Wenn ich ehrlich sein darf, Mylady-“
Tante Margaret gab ein warnendes Geräusch von sich.
„– dann dachte ich gerade an einen eher unangenehmen, aber recht aufdringlichen Herrn, dem ich hoffentlich auf dem nächsten Ball aus dem Weg gehen kann.“
„Oh, Sie Arme! Nun, das kannten wir zu unserer Zeit wohl alle, nicht wahr?“
Lady Harte sah sich in der Runde um und erntete gewichtiges Nicken allenthalben. Tante Margaret erzählte, wie sich Kelling heute bei Hatchards benommen hatte – und alle Damen waren entrüstet. Sie hätten wohl liebend gerne noch die mangelhafte Erziehung einiger angeblicher Gentlemen diskutiert, aber sie wollten ihren Besuch natürlich auch nicht ungebührlich ausdehnen, also verabschiedeten sie sich der Reihe nach – und schließlich sahen Lady Arneby und Portia sich nachdenklich an. „Haben wir Kelling jetzt unmöglich gemacht oder eigentlich gar nichts erreicht?“
„Wahrscheinlich gar nichts“, vermutete Portia und seufzte. „Nun, bei den Partingtons werden wir es ja sehen. Ach, bei denen ist es immer so besonders überfüllt…“
„Aber sie leisten sich stets wirklich gute Musiker“, gab ihre Tante zu bedenken. „Wenn du wieder so oft zum Tanz geholt wirst, ist das doch immerhin ein Vorteil?“
Portia stimmte schicksalsergeben zu. So gerne sie tanzte - manchmal läge sie lieber auf ihrem Bett und läse, anstatt in einem Ballsaal ununterbrochen über das Parkett zu wirbeln oder die steifen Figuren der traditionelleren Tänze auszuführen und dabei eine möglichst oberflächliche Konversation aufrecht zu erhalten.
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