Kitabı oku: «Stalins Alpinisten»

Yazı tipi:

CÉDRIC GRAS

STALINS ALPINISTEN

Der Fall Abalakow

Aus dem Französischen von Manon Hopf


INHALT

Abalakow

ERSTER TEIL: PICKEL UND SICHEL

Aus bürgerlichem Hause

Das Fontainebleau von Sibirien

Erbauer der strahlenden Zukunft

Die Gesellschaft für proletarischen Tourismus

Die 29. Einheit

Pik Stalin

Pik Lenin

Eroberung des Nützlichen

Schiffbruch am Khan Tengri

ZWEITER TEIL: DIE ORGANISATION DER KONTERREVOLUTIONÄREN ALPINISTEN

Frohes Jahr 1937!

Ein Bruder unter Arrest

Der große Zusammenbruch

Artikel 58

Die Kaukasische Front

Auf zum Himalaya!

Verbrechen oder Unfall?

DRITTER TEIL: WITALI ABALAKOW

Spartak Moskau

Tauwetter

Gipfel des Sieges

Everest-Nordwand

Das Scheitern des Kommunism

Patriarch

Acht sowjetische Frauen

Everest 1982

Epilog

Dank

Quellen

Bildnachweis

Doch nichts Besseres als eine Wahrheit, die unwahrscheinlich wirkt!

Stefan Zweig, Magellan

ABALAKOW

Lange habe ich mich gesträubt. Ich habe schon immer nach der Geschichte hinter der Geschichte gesucht: Stalin, den Gulags und allem, was im Westen als exotisch dargestellt wird. Ich bin kreuz und quer durch Russland gereist, um es heute klarer zu sehen. Ich wollte nie, wie es gegenwärtig allzu üblich ist, mich der berühmten Namen Verstorbener bedienen, um eine fade Reise in der heutigen Zeit aufzuwerten. Ich weigerte mich, die Geschichte heranzuziehen, um eine Gegenwart, die manchmal nicht an die Vergangenheit heranreicht, interessanter zu machen. Doch man interessiert sich nicht ungestraft für Eurasien. Das rote Jahrhundert lauert überall. Die Sowjetunion hat eine gewaltige Dramaturgie entwickelt, erschütternde Schicksale und launische Fügungen. Das wird immer ihr größter Erfolg bleiben. Aus ihr werden die Schriftsteller nach wie vor ausgiebig schöpfen.

Wenn ich heute der Versuchung erliege, Schwarzweißbilder heranzuziehen, dann nicht wegen der erstbesten Anekdote. Diese Geschichte lässt mich nicht mehr los, weil sie jede meiner Leidenschaften anspricht. All die Jahre im Osten, die Berge, die mich als Heranwachsenden stets begleiteten, meine Reisen durch Zentralasien. Sie kam zu mir wie eine Katharsis, wie eine Selbstverständlichkeit. Und mir wurde bewusst, wenn nicht ich, würde sich niemand sonst dieser unglaublichen Geschichte annehmen. Ich wollte nicht, dass sie im Dunkeln verschwindet. Schließlich fühlte ich mich verpflichtet, sie ans Licht zu bringen. Daraufhin versank ich jeden Tag tiefer in fiebrige Recherchen, gefesselt von diesen verrückten Lebensgeschichten aus jenen Jahrzehnten, die nicht weniger verrückt waren, in einem Land, das es schon immer war.

So kam es, dass ich eines Tages im Herbst in der ohrenbetäubenden Metro der Hauptstadt aller russischen Staaten saß. An der Station Frunsenskaja, die in der Moskwa-Schleife liegt, komme ich wieder an die frische Luft. Ich blicke auf Beton und große Bäume, die ihr welkes Laub abwerfen. Ich frage nach der Bolschaja Pirogowskaja. Dort befindet sich heute das Staatsarchiv. Zügigen Schrittes versuche ich mir nochmal klarzumachen, warum ich hier bin. Warum beschäftige ich mich seit so vielen Monaten mit diesen beiden in Vergessenheit geratenen Alpinisten? Was bringt einen dazu, im Leben Unbekannter herumzuschnüffeln? Und mit welchem Recht übrigens, wenn nicht dem, der wahren Geschichte auf den Grund zu gehen?

Die Akademiker in meinem Bekanntenkreis prophezeiten mir Schwierigkeiten auf allen Ebenen. „Du wirst sehen“, sagten sie voraus, „die Akten über die Säuberungen sind unter Verschluss. Russland unter Putin kehrt die Opfer des Stalinismus unter den Teppich. Man wird dir nicht das Geringste zeigen.“ Ich hatte mich also auf die Willkür der Beamten eingestellt, darauf, dass ich alle möglichen Stempel sammeln müsste, dass ich meine gesammelten Russischkenntnisse und mein gesamtes Wissen über die internationale Bürokratie für diese außergewöhnliche Spurensuche brauchen würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, über diese beiden Kerle zu schreiben, ohne das Kafkaeske ihrer Prozesse gelesen, ohne den Geruch des Papiers eingeatmet zu haben, das man zu lügen und zu töten nötigte.

Zuvor hatte es mich einige Mühe gekostet, die Akte P-8594 ausfindig zu machen, in ihr befand sich der Schlüssel. In der Lubjanka, dem historischen Hauptquartier des KGB, war sie nicht mehr. Sie war ins Staatsarchiv verlegt worden, und ich hatte gleich einen detaillierten Antrag gestellt. Dann musste ich Geduld haben. Ein oder zwei Monate lang. Als die Antwort auf sich warten ließ, rief ich an. Ich fragte eine knarzende Stimme nach der Abteilung für die „Opfer der Säuberungen“ des Stalinschen Terrors. „Wir haben keine anderen“, erwiderte schlechtgelaunt eine Dame. Übrigens, mein Antrag sei jetzt bewilligt, ich könne kommen, wann ich wolle.

Da bin ich nun, in der Bolschaja Pirogowskaja, vor diesem riesigen sowjetischen Gebäude voll mit sortierten, schrecklichen Geheimnissen, am frühen Morgen eines Tages, dessen Himmel ich nicht zu Gesicht bekommen werde. Auf der rechten Seite der Eingangshalle kann man über ein altes Telefon die Archivare kontaktieren. Ich wähle eine der Nummern auf der Liste, die daneben an der Wand hängt. Es klingelt, worauf eine Stimme grüßt, wie man in Russland eben grüßt. Sie grüßt nicht. Sie lenkt, sie befiehlt, sie ordnet an. Sie kündigt mich bei der Zuständigen für die Passierscheine an, die mit Mühe meinen ausländischen Namen dechiffriert.

Dann soll ich den Innenhof durchqueren bis zum Gebäude 7. Dort bedeckt das erste gefallene Laub die Schwelle eines Eingangs, der hundert anderen gleicht. Im zweiten Stock erwartet mich zwischen hohen Regalen meine Ansprechpartnerin – freudlos, aber hilfsbereit. Das Zimmer ist schlecht beleuchtet. Ich setze mich an einen kleinen Tisch in der Nähe eines Fensters, das ein wenig Licht hereinlässt. Sie bringt mir die Akte. Dann bittet sie mich mit Nachdruck „nichts zu stehlen“, um anschließend merkwürdigerweise zu erwähnen, dass sie sich gegen Mittag mit einem Agenten des FSB (Föderaler Dienst für Sicherheit) treffen werde. Ich sage, das sei perfekt. Dass der FSB mich wahrscheinlich besser kennt als ich mich selbst. Ich werde allmählich vergesslich, nachdem ich schon seit fünfzehn Jahren dieses Land bereise.

Darauf lässt sie mich allein.

Hier war ich also. Seit acht Monaten verfolgte ich die Spur dieser beiden Männer. Der Brüder Abalakow.

Ich öffnete die Akte. Ich warf einen Blick auf die Liste derjenigen, die bereits vor mir dagewesen waren. Nur zwei Namen von vor ungefähr zehn Jahren. Sie waren mir schon unter Artikeln aufgefallen, die sich mit dem Alpinismus in der UdSSR beschäftigten. Sonst niemand, zumindest seit der Verlegung der Akte ins Staatsarchiv.

Dann stürzte ich mich wissensdurstig auf 350 Seiten Untersuchungsmaterial. Ich hatte Hunderte von Fragen. Aus welchen Gründen wurde Witali Abalakow, der bekannteste sowjetische Alpinist, Opfer des Großen Terrors? Hatte er unter Folter seine Seilkameraden denunziert? Und vor allem: Hatte er seinen eigenen Bruder verraten? Jewgeni Abalakow, Stern am Himmel des Alpinismus, heldenhafter Bezwinger des gewaltigen Pik Stalin.

Ich hatte mich so lange danach gesehnt, Licht in diese Geschichte zu bringen.

Doch war ich recht bald froh, wirklich erst am Ende meiner Recherchen in die Archive gegangen zu sein. Denn um diese Geschichte richtig zu verstehen, muss man in das Sibirien des beginnenden letzten Jahrhunderts zurückkehren.

ERSTER TEIL

AUS BÜRGERLICHEM HAUSE

Wir befinden uns im Jahr 1920. Der Bürgerkrieg hat gerade Sibirien erfasst. Das heilige Russland bricht in seine fahlen und unermesslichen Weiten auseinander. Die Weißen drängen die Roten zurück, die Roten metzeln die Weißen nieder und die Bolschewiki haben gerade Krasnojarsk erobert, eine verschlafene Holzstadt am Ufer des Jenisseis, mit Schildern auf Altslawisch, zerzausten Muschiks1 und chinesischen Waren. In einem stattlichen Haus in der damaligen Leninstraße – oder heißt sie noch Straße Mariä Verkündung? – sitzt eine ungewöhnliche Familie am Abendtisch, als es laut an der Tür klopft. Es trommelt sogar, und als die Tür aufgeht, erscheint im Türrahmen ein Soldat der Revolution und zeigt stolz einen Haftbefehl.

Das Dokument mit dem Stempel der neuen Herrscher des Landes erwähnt den Namen Iwan Abalakow, Eigentümer des Hauses. Er ist ein angesehener Geschäftsmann, somit ein Volksfeind schlechthin. Sein Schicksal ist besiegelt. Seit Ausbruch der Oktoberrevolution weiß man nur zu gut, wie diese abendlichen Besuche enden. Wer zur Bourgeoisie gehört, wird im Eilverfahren hingerichtet. Zwei junge Heranwachsende stürzen zum Eingang, um zu verhindern, dass dieser Iwan Abalakow abgeführt wird. Er ist ihr Onkel väterlicherseits und hat sie bei sich aufgenommen. Die beiden heißen Witali und Jewgeni, vierzehn und dreizehn Jahre alt, zwei Waisen, deren hohe Bestimmung noch niemand erahnt, während sich der angestaute Klassenhass unter dem Joch der Zaren entlädt.

Der Rotgardist beschließt, Onkel sowie Neffen wegen Behinderung der Arbeiter- und Bauernjustiz zu verhaften, weil er, der einfache Bürger, von jetzt an alle Rechte hat. Also greift er sich die Sprösslinge dieser „kapitalistischen“ Patchworkfamilie. Wahrscheinlich war dies der Abend, an dem Witali und Jewgeni auf einmal erwachsen wurden, als sich das kommunistische Ideal ihren jugendlichen Köpfen derart unrühmlich zeigte. Die Tür schließt sich vor ihrer mütterlichen Tante, der Frau, die sie großzieht, die keine anderen Kinder hat und die nicht aufgibt. Sie bricht nicht vor Ikonen und Kerzen kniend in Tränen aus. Nein, lieber holt sie nachts auf der Straße den mutigen Soldaten ein. Sie lässt, während der Soldat scheinbar die Sterne betrachtet, Wodka und Sakuski2 in seine Manteltasche gleiten. Schließlich hat auch die Revolution eine menschliche Seite. So rettet sie die beiden Brüder, die ins Haus zurückgehen, um einstimmig für das Heil ihres Onkels zu beten, der bald zum Tode verurteilt wird. Seine Strafe wird wie durch ein Wunder umgewandelt in Zwangsarbeit im Lager, und im Dezember desselben Jahres wird er sogar begnadigt. Die Bolschewiki haben ihre Meinung geändert, denn sie brauchen gebildete Leute. Man weist ihm eine Stelle als Buchhalter in einer Fabrik zu und deklassiert, proletarisiert und entbürgerlicht, gehört er von nun an zu den fleißigen Arbeitermassen.

Diese Szene habe ich aus einem Artikel, der erst 2018 erschienen ist und den ich im Arbeiter von Krasnojarsk ausfindig gemacht habe, einem im Sterben liegenden Blatt, das von einigen Pensionierten geführt wird, die über eine Welt lamentieren, die die ihrige vergisst. Eine alte Dame brachte darin einen Zeugenbericht aus zweiter Hand über eine ferne Freundin, deren Großmutter mit der Tante der Abalakows verkehrte … Wahrscheinlich bin ich der Einzige gewesen, der diese unvollkommene Erinnerung in der letzten Ecke eines kaum gelesenen sibirischen Blattes fieberhaft verschlungen hat. Aber mit welcher Erleichterung! Sie ließ eine Kindheit in einem neuen Licht erscheinen, die von allen anderen sowjetischen Quellen politisch kompatibel erzählt wurde. Und diesen Fallen galt es auszuweichen. Laut offizieller Literatur sollten die Helden gleich mit dem ersten Schluck Muttermilch Bolschewisten gewesen sein. Aber als treue Söhne von Kosaken konnten die Brüder Abalakow nur in Liebe zum Zaren und im Weihrauch der orthodoxen Kirchen erzogen worden sein. Hier musste man beginnen.

Die sowjetische Geschichtsschreibung lässt nämlich, beschämt über die bürgerliche Herkunft ihrer jungen Helden, gerade diese Ereignisse diskret aus. „Es waren harte Zeiten“, ist die Ausrede, „wegen der Koltschak3-Truppen.“ Einer erwähnt, dass „die Abalakow-Brüder im Dorf, beim Flößen, im Haus arbeiten mussten“. Er hütet sich davor zu erwähnen, dass der Grund dafür die Konfiszierung der Dampfmühle und des Geschäfts ihres Onkels im Zuge seiner Verhaftung war. Das Wohngebäude, ein Blockhaus, damals auf 9471 Rubel geschätzt und damit ein Vermögen, wurde verstaatlicht. Eine bolschewistische Verwaltung hat sich dort niedergelassen und es ist schwer nachzuvollziehen, wo die bisher privilegierten Waisen ab diesem Zeitpunkt leben.

Es ist also ein schwieriger Start in einer Gesellschaft, in der nur die soziale Herkunft zählt. Eine Schande, über die in der Presse der UdSSR gnadenlos geschwiegen wurde; man kann auch nicht damit rechnen, dass die Brüder Abalakow unter diesen Umständen von ihrer Kindheit erzählen, die auf brutale Weise in Armut endete. Sie selbst behaupteten immer, dass sie von einfachen Leuten abstammten. Sie hatten ihr Leben lang keine andere Wahl, als ihre Abstammung von „Geschäftemachern“ zu leugnen, und damit ihren Onkel und ihre Tante ebenso wie ihre Eltern, die sie kaum kannten. Schenkt man ihnen Glauben, so ist ihr Vater Jäger oder Holzfäller gewesen. Doch die Ermittlungsarbeiten, die das Volkskommissariat für Inneres der UdSSR, das schreckliche NKWD, während der Stalinschen Säuberungen durchführen ließ, belegen das exakte Gegenteil. Sie waren die Söhne eines wohlhabenden Kaufmanns, der Goldförderungen am unteren Jenissei besaß. Heute weiß man, dass sie den Namen eines Geschäftsmannes der dritten Gilde trugen, der mit handwerklichen Erzeugnissen, Fellen und Pelzen handelte. Was ihre Mutter betrifft, die bei Jewgenis Geburt im Kindbett starb, weiß man, dass sie aus Irkutsk stammte, aus der Familie Glotowych, Reeder von Dampfschiffen.

DAS FONTAINEBLEAU VON SIBIRIEN

Der Name Abalakow hat zwei Gesichter, es ist der Familienname zweier Helden, zu zwei Vornamen. Witali und Jewgeni, zwei Jungs, die später in der gesamten UdSSR als die „Brüder Abalakow“ bekannt sein werden, als die, die die Wolkenmeere durchstreifen. Es wird der Tag kommen, an dem der eine sich bereit machen wird, den Everest zu besteigen, während die Witwe des anderen ihren „Eroberer der Substratosphäre“ beweinen wird. Die Propagandapresse konnte dem sowjetischen Leser nicht erklären, dass diese Männer die Oktoberrevolution zunächst gehasst hatten. Die Ikonen des Kommunismus konnten nichts anderes als echte Proletarier sein. Von ihrer Jugend hat sie also nur ihre Eskapaden in den legendären Stolby im Gedächtnis behalten.

Stolby bezeichnet so etwas wie „Säulen“, „Blöcke“ oder „Boulder“. Man findet dort ein Archipel aus Syenitfelsen, die in der unmittelbaren Nähe von Krasnojarsk aus dem Boden ragen. Weil sich der Ort gut zum Klettern eignet, wird er oft als das Fontainebleau von Sibirien bezeichnet, ich muss aber sagen, dass die Stolby bei Weitem den berühmten Sandstein der Pariser Umgebung übertreffen. Man wandert dort zwischen Felswänden, in denen die Kletterer hängen, zwischen verfallenen Gräbern und herumschweifenden Bären. Die jungen Russen kommen hierher, um wochenlang am Fuß der Kletterrouten zu kampieren, die sie so lange wiederholen, bis sie sie in- und auswendig kennen. Heute noch heißt einer dieser schwindelerregenden Felsen, an dem sie trainieren, der Kommunar, und man kann ihn über die Abalakow-Route besteigen. Über den Stolby schwebt überall der schützende Geist Witalis und Jewgenis.

Die Stolby strahlen eine nonkonformistische Atmosphäre aus, etwas Anarchistisches, vergleichbar vielleicht mit dem ursprünglichen nordamerikanischen Yosemite. Ein subversiver Geist ist dort spürbar, der auf das Zarenreich zurückgeht, als das Klettern Seite an Seite mit der Utopie in seinen Kinderschuhen steckte. Die Utopie, die damals in Mode war, hieß „Sozialismus“. Die Deportierten und Anarchisten trafen sich im Schutz der Taiga und der Höhlen. Schenkt man den sowjetischen Autoren, die ich bis zum Überdruss gelesen habe, Glauben, malten diese in Großbuchstaben „Nieder mit der Zarenherrschaft!“ oder „Der Gouverneur ist ein Ganove!“ oben auf die Felsen. Die Polizei konnte nicht anders, als mit der Pistole zu drohen, damit sie diese Parolen, die außerhalb der Reichweite der Polizei lagen, selbst wieder entfernten. Wenn sie nicht gleich auf die knallroten Symbole feuerten, die die makellose Landschaft befleckten.

Naja, natürlich wurde das leicht übertrieben dargestellt, damit der Alpinismus besser in die sowjetische Mythologie hineinpasst. Dass sie den ersten roten Dissidenten Schutz geboten haben, verlieh den Felsformationen einen fast heiligen Charakter und adelte die Brüder Abalakow. Ich bezweifle, dass sich Witali und Jewgeni dort an den Debatten über den Klassenkampf beteiligten. Ich will aber gerne glauben, dass sie in ihrem Alter, in den Felsen hängend, andere Wege suchten als jenen der Diktatur des Proletariats.

Die einzige Brücke über den Jenissei war der Transsibirischen Eisenbahn vorbehalten, also mussten sie jedes Mal den breiten Fluss mit einem Kahn überqueren und dann etwa zwanzig Kilometer zu Fuß zurücklegen. In den Stolby angekommen, biwakierten sie unter hohen Bäumen und Wänden mit einer Unbekümmertheit, die an Leichtsinn grenzte.

Sicher ist, dass ihr Schicksal hier seinen Ursprung nimmt, in diesem Chaos aus Syenit, das durch die Baumkronen scheint. Zumindest in diesem Punkt stimmt die offizielle Überlieferung überein. Die Brüder Abalakow verbrachten ihre Jugend in diesem Gestein, an das sie sich schmiegten und wo sie der Schwerkraft zu trotzen und ihre Kunststücke über dem Abgrund zu vollbringen lernten. Angeblich verpassten seine Kameraden Jewgeni den Spitznamen „Tamias“. Das Tamias sibiricus ist ein kleines endemisches Streifenhörnchen. Denn Jewgeni erschloss Routen dort, wo bisher noch keine Galosche die Flechten vom Felsen gekratzt hatte. Witali, obwohl um ein Jahr älter, folgte ihm, so gut er konnte. Auf den wenigen Fotografien aus dieser Zeit ist er weniger kräftig und schlanker. Er selbst wird sich später als beinahe kränklich beschreiben und sagen, dass er sein Überleben einzig seinem eisernen Willen verdanke, der legendär werden sollte. Ihre Tante ließ ihn mütterlich sibirischen Kräutersud trinken. Schon damals ist der kleine Jewgeni derjenige, der die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. Er ist der Jüngste, der eindeutige Liebling, und auch ich bin in diese Falle getreten und habe mich dabei ertappt, dass ich Jewgeni Witali vorziehe. Ich habe den Künstler Jewgeni bewundert, den seiltänzerischen Kletterer, den untadeligen Helden. Und ich habe vor dem Ingenieur Witali, dem Schweigsamen, der beinahe zum Gulag verurteilt wurde, das Gesicht verzogen. Obwohl mich eigentlich ein Männerlächeln kaum berührt. Jewgeni war bekannt für sein freundliches Gesicht, und sein Bruder sollte sich sein Leben lang damit zufriedengeben, bei allem immer der Zweite zu sein, bei den Frauen, bei Stalin, dem Volk und sogar vor dem Tod.

ERBAUER DER STRAHLENDEN ZUKUNFT

Nach dieser vom Klettern und vom Aufstand der Bolschewiki geprägten Kindheit begeben sich die Brüder Abalakow nach Moskau. Eine Reise, die heute noch vier Tage und vier Nächte mit der Transsibirischen Eisenbahn dauert. All die Ebenen, der Ural und wieder Ebene um Ebene und endlich die neue Hauptstadt der Sowjets. Witali packt 1925 seine Koffer. Er, der in Krasnojarsk in ihrem in eine Werkstatt umgestalteten Zimmer Ski anfertigte, wird an der Mendeljew-Universität an der Fakultät für Mechanik zugelassen. Ein Jahr später legt Jewgeni seinen Schülerkittel ab, um am Moskauer Kunstinstitut zu studieren, wo er auf die lobende Empfehlung eines Zeichenlehrers der Schule Nummer 3 von Krasnojarsk hin aufgenommen wurde. Seit seiner Kindheit zeichnet er die eingeschneite Taiga, Stillleben und erstaunliche Selbstportraits, auf Schulhefte skizziert, so wie ein Meister vor seinem Spiegel.

In Moskau kennt niemand die beiden sibirischen Studenten und alles deutet darauf hin, dass sie sich dort, begünstigt durch die Anarchie, eine neue Biografie erfinden. Eine von bürgerlicher Herkunft und gesellschaftlich geächteter Verwandtschaft bereinigte Vergangenheit. Ihr Onkel hat ihnen sehr ans Herz gelegt, sich unter die Massen zu mischen, die den Kommunismus vorbereiten. Die Brüder Abalakow stellen sich überall als einfache und seit Langem verwaiste Kosakensöhne vor. Sie fallen niemandem auf. Die Macht der Sowjets scheint von Dauer zu sein, aber die Neue Ökonomische Politik des verstorbenen Lenin ist in vollem Gange. Durch sie kommen einige Händler vorläufig zu Wohlstand und die Stadt brodelt im Rhythmus der holprigen Straßenbahnen.

Zwanzig Jahre alt in einem Land zu sein, das mit seiner schrecklichen Vergangenheit reinen Tisch macht, wie berauschend musste das sein! Bei der Ankunft der Abalakows verdrehen die Trugbilder der Oktoberrevolution allen die Köpfe. Ihnen steht die strahlende Zukunft bevor: Alles muss neu gemacht werden, alles ist möglich! Ich habe guten Grund zu glauben, dass in Witali und Jewgeni eine innere Umwälzung stattfindet. Auf einmal öffnen sie sich dieser Revolution, die ihren Onkel deklassiert und ihr Vermögen verstaatlicht hat. Ihr Ausbruch ist zwar brutal gewesen – wie hätte es auch anders sein können? –, aber ihr Zweck ist rein. In den Gemeinschaftswohnungen leben junge Leute, die darauf drängen, eine vorbildliche Zukunft zu entwerfen. Auch die Brüder Abalakow engagieren sich bei der Erbauung dieses siegreichen Sozialismus. Witali widmet sein konzentriertes und kartesianisches Wesen dem Fortschritt. Die UdSSR spricht von nichts anderem als von einer materiellen Zukunft, von Industrie und Fabriken. Man braucht tatkräftige Arbeiter und Konstrukteure mit Visionen …

Jewgeni seinerseits taucht in eine von jeder konservativen Last befreite Gesellschaft ein. Man hält sich für avantgardistisch. Die Kunst darf nicht mehr allein der Bourgeoisie vorbehalten sein. Die kulturelle Revolution ist auf dem Vormarsch. Sie fasziniert bis in den Westen, und das bis heute. Es sind sozusagen die Goldenen Zwanziger der Sowjetunion. Ein Auflodern, das bald wieder erlischt. Als Jewgeni nach Moskau kommt, ist das alles schon vorbei, Marc Chagall ist emigriert, Kasimir Malewitsch steht in der Kritik. Lenin ist seit zwei Jahren tot und einbalsamiert. Es ist schon das Ende des Futurismus, des Kubismus und jener Gemälde, die keine mehr sind. Im Hinterhalt lauert der Sozialistische Realismus. Jewgeni wird in den Kurs von Wera Muchina aufgenommen, der zukünftigen Bildhauerin der Skulptur Arbeiter und Kolchosbäuerin. Diese wird emblematisch für die stalinsche Bildgebung werden. In den Quellen wird diese frühe Begegnung zweier Figuren des sowjetischen Pantheons hervorgehoben, und ich habe hundertmal die lobenden Worte Wera Muchinas über den ernsten, konzentrierten Jewgeni Abalakow gelesen, über den sie niemals die geringste kritische Bemerkung machen musste. Später wird sie ihre Wertschätzung hinsichtlich seines „Talents“ und seiner „großen Bescheidenheit“ wiederholen. Hätte sie sich überhaupt abfällige Kommentare erlauben dürfen?

An der Universität lernen die Brüder Abalakow die Grundlagen einer neuen Ordnung kennen. Die Revolution behauptet, einen Musterbürger zu schmieden, so wie Gott den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat. Sie ist der Urknall einer neuen Welt, eines Universums, das sich im Namen der Internationalen immer weiter ausdehnt. Witali und Jewgeni gehören vielleicht nicht gerade zu denen, die den Marxismus Wort für Wort befolgen, und doch wird die UdSSR ihr Land, und nicht mehr Russland, denn die Sowjetunion ist ihre Epoche. Man muss verstehen, dass ein Ort nichts ist ohne ein Datum, dass das Eurasien der Zwanzigerjahre heute ein versunkener Kontinent ist. Und dass die beiden sich darauf vorbereiten, das Banner einer wunderbaren Utopie auf den höchsten aller Gipfel zu setzen.

Ich erinnere mich an eine großartige Passage in Iwan Bunins Das Leben Arsenjews. Eine Kämpferin von großer Schönheit, die sich von der Natur übervorteilt sieht, versucht sich zu verstümmeln, um mehr Gleichheit unter ihresgleichen herzustellen. Ich habe nie mehr eine passendere Allegorie für diese fanatische und selbstzerstörerische, jedoch Berge versetzende Revolution gefunden. Können wir uns das vorstellen, wir, für die der Sozialismus vor allem eine Art ist, unseren Lebensstandard zu rechtfertigen? Wir, die das Elend beklagen und dabei auf nichts verzichten wollen.

Ich habe keinen Zweifel, dass Witali in den 1920er-Jahren in einer Art streberhaftem Wettstreit lebt, während Jewgeni eine gewisse Moskauer Boheme für sich entdeckt. Sie bleiben jedoch die besten Komplizen, sobald es um ihre Eskapaden geht. Die sich in der Entwicklung befindende Hauptstadt und ihr urbaner Horizont können ihre Sehnsüchte nicht vollends stillen. Viel mehr als von Moskau träumen sie davon, sich an den Steilwänden des Kaukasus zu messen. Im Winter trainieren sie an den Leninbergen. Heute nennt man sie die Sperlingsberge, auf deren Anhöhe die renommierte Lomonossow-Universität steht. Doch zu jener Zeit gab es noch keinen einzigen dieser schwindelnd hohen Wolkenkratzer, die die „Sieben Schwestern Stalins“ genannt werden.

Alles musste erst erbaut werden.

DIE GESELLSCHAFT FÜR PROLETARISCHEN TOURISMUS

Mittlerweile sind die Brüder 25 und 24 Jahre alt. Witali ist diplomierter Maschinenbauingenieur und Jewgeni hat die Kunstakademie abgeschlossen. 1931 muss man sie sich in einem Zug vorstellen, der in die kleine kaukasische Republik Kabardino-Balkarien fährt. Die Brüder Abalakow sind kräftige und starke junge Männer geworden. Jewgeni ist noch stämmiger als sein großer Bruder, mit tiefblauen Augen, hellbraunem Haar wird er als immer heiter beschrieben. Witali seinerseits spricht schnell und scharf, er hat einen ungestümeren Charakter. Er hat ein schmales Gesicht, das später faltig wird und nie rund. Seine knochige Gestalt spiegelt die Askese wider, der er sich verschrieben hat. Seine Kahlheit schreitet voran, aber noch hat er nicht diesen Kahlkopf mit abstehenden Ohren, der der Nachwelt bekannt ist.

Eine junge Frau, Valentina Tscheredowa, ist mit dabei. Sie ist ebenfalls aus Krasnojarsk, auch sie hat das Klettern an den Stolby gelernt. Sie ist Witalis Jugendliebe. Ein erstes Herzklopfen, das ewig bleibt. Die ganzen Studienjahre lang hat Valentina brav in Sibirien am Ufer des Jenisseis gewartet. Es sei denn, sie lebte die freie Liebe, um gegen die überholten bourgeoisen Sitten aufzubegehren. Wer weiß? Wie dem auch sei, schließlich zog sie zu ihrem Zukünftigen in die Hauptstadt. Das ist der Lauf der Dinge in Sachen Ehe in diesem weiten Land. Hier ziehen die jungen Männer als Aufklärer den Trugbildern der Großstadt entgegen. Wenn sie dort einmal Fuß gefasst haben, lassen sie ihre Verlobten nachkommen, die sie im hintersten Winkel des trostlosen Flachlandes zurückgelassen haben und die befürchten, von einer eleganten Dame auf einem Moskauer Boulevard in den Schatten gestellt zu werden.

Witali hat Valentina nicht vergessen. Sicher betrachtete er am Abend nach seinen Kursen die sportliche und kräftige junge Frau, die zu Beginn der UdSSR und ihres Lebens posiert, ein Moment, den ein schmachtender Verehrer auf einem Sepiafoto verewigt hat. Mit ihrem Bubikopf ist sie der Inbegriff einer jungen und emanzipierten Kommunistin. Jetzt, da sie zivilrechtlich verheiratet sind, rollt der Zug in Richtung Kaukasus. Diesen haben Witali und Jewgeni nur das eine Mal im vorigen Sommer von den üppigen Ufern des Schwarzen Meers aus gesehen. Keiner von ihnen hat jemals einen Fuß auf einen Gletscher gesetzt. Sie sind nicht in Tälern groß geworden, nicht im Schatten schwindelnd hoher Berge geboren. Sie sind in den unendlichen Ebenen auf die Welt gekommen, die einen an Galileo zweifeln lassen, am Ufer des Jenisseis. Dieser Fluss durchzieht den gesamten Bauch Eurasiens, mächtig, glatt, faszinierend ist er das einzig Bemerkenswerte in dieser Landschaft.

Drei Tage auf Schienen. Die Sibiriaken kennen das Zugfahren. Sie verbringen ganze Monate ihres Lebens im Zug. Bis dahin sind die Brüder Abalakow fast jeden Sommer nach Krasnojarsk zurückgekehrt. Wochenlanges Reisen, natürlich um Valentinas schöner Augen willen, aber auch, um ihrem Abenteuergeist Freiraum zu geben, ermöglicht durch die Ersparnisse, die der Ingenieur Witali mit seinen ersten Patenten erwirtschaften konnte. Der Künstler Jewgeni verdient noch keinen müden Heller. Nichts Neues unter der Sonne, selbst wenn sie kommunistisch war, und sicherlich nichts, das ihre Eintracht stören könnte. In diesem Alter scheinen sie unzertrennlich zu sein, wie sie wochenlang in die unbekannten Gebirgsmassive des Altai oder Sajan vorstoßen.

Es wäre ein zu großer Exkurs, von diesen äußerst wilden initiatorischen Streifzügen zu erzählen. Ich würde einfach sagen, dass sie die Brüder Abalakow definitiv geprägt haben. Die Bären sicherlich, aber auch die zugefrorenen Flüsse, die Nächte auf einer von der Glut aufgewärmten nackten Erde, die „ohne jeden Nagel“ zusammengebauten Flöße. Welch strahlende Jugend, die ihre Schritte nach den Sternen oder dem Kompass richtet und sich zu den Quellen des Jenisseis aufmacht! Jewgeni wird darüber schreiben: „Unsere Vorräte waren aufgebraucht, wir ernährten uns von Kräutern und Beeren … Die meiste Zeit schwammen wir neben dem Floß, das in den Stromschnellen überschwemmt wurde … Wir haben uns definitiv das Reisevirus eingefangen.“

Und dieses Mal endlich der Kaukasus! Der Zug bremst laut an der Endstation, an der Pforte zum Orient, die die Russen so sehr fasziniert. Valentina, Witali und Jewgeni treffen in Naltschik ein, von wo aus man den 5642 Meter hohen Vulkan Elbrus schimmern sieht. Sie beziehen ihr Quartier in den mehr als dürftigen Unterkünften der Gesellschaft für proletarischen Tourismus4. Anders gesagt: Sie richten sich voller Freude in einem Aul ein, jenen seit Urzeiten unveränderten Steindörfern der balkarischen Hirten. Was für ein Name, diese Gesellschaft für proletarischen Tourismus! Sie wurde gerade von einer Handvoll Lenins ehemaliger Exilgenossen gegründet. Als sie in den Schweizer Bergen auf eine Revolution warteten, die selbst Wladimir Iljitsch nicht mehr zu erleben glaubte, brachen einige zu Gipfeltouren auf, manche beabsichtigten sogar, die Bergführerprüfung abzulegen. Nun ist es ihr Ziel, jungen Sowjets die Kunst des Bergsteigens beizubringen, und zwar in ihren eigenen Bergen, auch wenn sie es weiterhin alpinism nennen.

In Auf kühner Reise – Von Moskau in den Kaukasus5 teilt die Schweizer Abenteurerin Ella Maillart die plötzliche Begeisterung der Sowjets für Sport im Freien. Die Verfassung garantiert den Arbeitern ein Recht auf Urlaub und in den Fabriken sind proletarische Wandersektionen entstanden. Es geht darum, sich das gewaltige Territorium der Union im Zeichen der „sozialistischen Vaterlandsliebe“ anzueignen. Die hohen Berge sind nicht mehr wie zur Zarenzeit nur der Aristokratie vorbehalten, sondern gehören von nun an dem Volk! Auch wenn es vor allem Studenten sind, die, mit dem Segen der Partei, leidenschaftlich gern Bergsteigen gehen. Ella Maillart zieht mit einigen von ihnen los, wobei sie fast von einem Balkaren entführt wird. Sie beobachtet die „Bildungspropaganda“, die Wanderkinos, oder notiert die Absicht, die kaukasischen Völker von ihren mittelalterlichen Bräuchen und Vendettas loszureißen, um sie zu modernem Wohlstand zu führen. Das sind die Tugenden der Oktoberrevolution …

In der Alpinismussektion der Gesellschaft für proletarischen Tourismus lernen die Brüder Abalakow und Valentina, angeleitet von ein paar Kameraden, die kaum mehr wissen als sie selbst, schnell dazu. Die Gesellschaft ruht einzig und allein auf der Begeisterung ihrer Mitglieder (Pessimismus ist nämlich ein spießiger Makel), auf der Unterstützung einiger Bolschewiken, auf wenigen langen Eispickeln, Steigeisen ohne Vorderzacken und einfacher Technik. Auch wenn die Brüder Abalakow in den Stolby ohne Seil und Haken kletterten, „im Unterschied zu westlichen Kletterern“, wie ich weiß nicht mehr welcher Autor prahlt, werden sie schnell mit dieser unentbehrlichen Ausrüstung vertraut. Valentina lernt die Lektionen im Eisklettern genauso gut wie ihre Begleiter, und das Autodidaktentrio wird unmittelbar einen erstrangigen Gipfel bezwingen.

Gegen Ende des Sommers werden zwei Schweizer (die UdSSR hat sich Ausländern noch nicht verschlossen) und ihre Moskauer Begleiter am Missestau als vermisst gemeldet, einem 4425 Meter hohen Gipfel des unberührten Bezengi-Gletschersystems. Da kaum mehr als eine Handvoll aktiver Bergsteiger verfügbar ist, werden die Abalakows für die Suche mobilisiert. Sie erkunden Gletscherspalten und Séracs, durchkämmen die Wände, suchen in Winkeln und Vorsprüngen. Bald finden sie Überreste ausländischer Konserven oder Schweizer Schokolade – ein sich wiederholendes Klischee in den sowjetischen Chroniken. Die Leichen aber bleiben unauffindbar.

Was dann passierte, habe ich in allen Texten gelesen, es ist überall auf die gleiche Art und Weise beschrieben. Die Erstbesteigung. Klares Wetter, unten die ersten Wiesen, die Bäche, Almen, Weidezäune. Absolut unbeeindruckt von der Tragödie ziehen unsere Helden es vor, einen benachbarten Gipfel zu besteigen, den Dychtau. Das bedeutet auf Balkarisch „Himmelsberg“, mit seinen 5205 Metern ist er als zweithöchster Gipfel des Kaukasus der Thronfolger des Elbrus. Wer kennt schon im Westen diese kühnen Bergspitzen und Republiken, deren Namen unmöglich auszusprechen sind? Über einen überwechteten Grat, der die beiden Berge miteinander verbindet, rücken sie in Richtung Ziel vor. Es scheint unglaublich, aber nur Witali hat Steigeisen an.

Mit Valentina biwakieren sie auf 4700 Metern Höhe in schneidender Kälte. Sie haben Durst und nichts, um Schnee zu schmelzen. Die Ausrüstung ist dürftig und zusammengestückelt, statt Seilen haben sie nur Feuerwehrleinen dabei. Zum ersten Mal begeben sie sich in solche Höhen. Und doch finden sie auch hier das vertraute Ringen mit dem Felsen wieder. Ihre Hände kennen die Übung. Ihre Nerven sind die Anspannung der Ausgesetztheit gewohnt. Die endlos aufeinandergetürmten Felsblöcke ähneln den Spielzeugen ihrer Kindheit und die in den Himmel ragenden Granitspitzen rufen sie. Am Morgen des 5. September stoßen sie endlich zum Gipfel vor, nachdem sie sich durch tiefen Schnee und über einen letzten Vorsprung gekämpft haben. Unter einem Stein finden sie eine Konservendose und darin eine Notiz auf Deutsch als Beweis für den Gipfelgang. Auch sie kritzeln eine Nachricht für die Nachwelt, gezeichnet „Abalakow“.

Erstaunen in der verblüfften Welt des sozialistischen Alpinismus. Gerade haben Unbekannte im Kaukasus die Ehre der Nation gerettet! Sie haben sich dort hochgearbeitet, wohin vorher nur Fremde ihren Fuß gesetzt hatten. Man ist verblüfft, wie sie das Klettern beherrschen. Über sie wird zum ersten Mal in den Zeitungen berichtet. Man hebt ihre Eigenschaft als siberjaki und Kosaken hervor. In der russischen Vorstellung erwecken diese zwei Wörter das Bild von charakterstarken und unerschrockenen Landvermessern, die die Grenzen ihres Landes, das so groß ist wie ein Kontinent, sowohl schützen als auch erweitern. Selbst der Name Abalakow ist das genealogische Echo einer uralten Waldkultur, eines antiken Russlands, das in den unbekannten Tiefen eines „Far East“ aufgebrochen ist. Und hier sind jetzt diese Pioniere, die von nun an die Grenzen in Richtung Himmel verschieben!

Hier, auf diesem kaukasischen Riesen, beginnt die Geschichte der Abalakows. Was unsere Helden betrifft, habe ich mir das Foto, das sie unsterblich machte, lange angesehen. Links ein kräftiger Jewgeni, eine kaukasische Mütze auf dem runden Kopf. Rechts ein schmalerer Witali, ausgemergelt, mit hoher, breiter und kahler Stirn. Er ist so blond, dass seine Haare auf dem Schwarz-Weiß-Abzug fast weiß erscheinen. Sie haben beide Pluderhosen an, und wie sie da im Gras posieren, sind sie so unterschiedlich. Jewgeni strahlt eine freche Gesundheit und Kraft aus, auch in seinem offenen Blick. Witali meidet das Objektiv, sein Blick schweift wie aus Verlegenheit über die Wiese. Man erkennt am Abstand ihrer Augen, dass sie Brüder sind, an ihren Nasen und an ihren Mündern. Und dann gibt es da ein Detail, das man am Anfang gar nicht bemerkt. Sie halten sich an der Hand. Oder vielmehr scheint Jewgenis Hand auf der halbgeschlossenen Faust Witalis zu liegen.

Von nun an werden sie nur noch für diese Saison im ewigen Schnee leben. Jeden Sommer werden sie verreisen. Witali wird erst im Herbst wieder in seine Fabrik zurückkehren. Die Kunst wird für Jewgeni eine Winterbeschäftigung werden. 1932 wird er ausgewählt, ein Lenin-Monument zu realisieren. Für die Bildhauer seiner Zeit ist das ein riesiger Markt. Stalin hat beschlossen, den Kommunismus in die Landschaft einzupflanzen. Jeder Platz jedes Dorfes jeder Republik in ganz Eurasien muss seinen Wladimir Iljitsch haben, der mit einer Arbeitermütze auf dem Kopf und seinem Proletariermantel auf den Schultern mit ausgestrecktem Arm den Weg weist. Der Lenin des Bildhauers Abalakow ist für die Stadt Kertsch auf der Krim bestimmt. Ich habe einen alten Abzug dieses Werks gefunden, das später bei der Invasion der Nazis zerstört wurde. Darauf sieht man das ziemlich schlichte Abbild Lenins, vermutlich lebensgroß, nach den Regeln des sotsrealism entworfen.


Die Brüder Jewgeni (links) und Witali Abalakow, 1920

Da Lenin der Sockel ist, auf dem die junge UdSSR ruht, muss die Notwendigkeit zur Eroberung der Gipfel logischerweise in seiner Biografie begründet sein. Ein Sport, ursprünglich ausgeführt vom europäischen Adel, der seinem Wesen nach so eitel und tiefbürgerlich ist, bildet eine Herausforderung für den Sozialismus. Deswegen beschwören die sowjetischen Autoren in ellenlangen Prologen die Jahre des Propheten der Revolution im schweizerischen Exil. „Wir wissen, dass der große Lenin seine ganz besondere Freude in den Bergen fand, dass er seine knappe freie Zeit mit Wanderungen in die Schluchten, zu Wasserfällen und auf die Gipfel der Alpen verbrachte“, berichtet einer von ihnen. Wenn der brillante Geist des „großen Lenin“ in der klaren Luft während der Schweizer Verbannung aufblühte, konnte das Bergsteigen nicht konterrevolutionär sein.

Die Glanzleistungen der Brüder Abalakow sollten die Vorherrschaft des Menschen über die Natur beweisen. Ein Jahr nach ihren ersten bemerkenswerten Schritten erregen sie erneut die Gemüter. Dieses Mal ist Valentina nicht dabei. Mit einem Kameraden aus der Hauptsektion des Alpinismus der Gesellschaft für proletarischen Sozialismus unternehmen sie die gefürchtete Traverse der Bezengi-Mauer von West nach Ost. Es ist immer schwierig, einen Berg in Worten zu beschreiben. Die Bezengi-Wand besteht aus einer Reihe von Erhebungen, die alle fast 5000 Meter Höhe erreichen und die durch einen schmalen Grat voller tückischer Abbrüche verbunden sind. Dieser markiert über mehrere Kilometer die Grenze zu Georgien. Eine unglaubliche Festung, vollkommen makellos und unberührt. Sieben Tage lang schlagen sich die drei Männer durch schlechtes Wetter, im Bereich der Séracs sichern sie sich gegenseitig vor dem Absturz. Sie erklimmen nacheinander drei Gipfel, den Gestola, den Katyn-Tau und den Djangi-Tau, bevor sie schneeblind den Rückzug durch die Wand antreten.

Auf den sattgrünen Almhängen kurieren sie ihre Augen. Sie strecken sich in der Sonne aus und betrachten die weiße Hölle, aus der sie entkommen sind. Der Wind, der hoch droben die Wolken jagt, hat hier beinahe etwas von Stille. Witali sieht in der Üppigkeit der Kumuluswolken die Rundungen Valentinas, die in der Hauptstadt auf ihn wartet. Jewgeni denkt seinerseits zweifelsohne an Anna Kasakowa, die er auf einem Wanderpfad kennengelernt hat. Ein junges Mädchen aus gutem Hause, auch wenn dieser Ausdruck seit der Oktoberrevolution nicht mehr viel bedeutet. Das Anwesen ihrer Eltern wurde von den Bolschewiken konfisziert. Ich glaube, habe aber kaum Beweise für diese Aussage, dass ihr nur ein kleines Zimmer als Zuhause geblieben ist. Die gebildete Pianistin und Philologin teilt mit Jewgeni die Freude an der Kunst, aber auch die Liebe zu Reisen und Hochtälern.

Zuerst begegnen sie sich in den Bergen, wo sie die Gesellschaft für proletarischen Tourismus tatkräftig unterstützt, dann im Rahmen von Vorträgen in Moskau. Ich stelle sie mir in einer armseligen Wohnung vor. Sie spielt Jewgeni etwas auf dem Klavier vor, nackt vielleicht, während er seine Augen schließt, von der Schönheit der schwebenden Töne in den Bann gezogen. Als er sie wieder öffnet, fällt sein Blick auf ihren Körper. Sie sind jung in einer Welt, die noch jünger ist, auch wenn sie zwei kleine Jahre älter ist als er.

Eine einzige Sache bereitet Jewgeni vielleicht Sorgen: die langen Abwesenheiten, die sein Leben charakterisieren werden, um die Gebirge der gesamten UdSSR zu durchstreifen. Wie ein so vollkommenes Geschöpf der Versuchung ganz Moskaus überlassen? Auf den Fotos, die es von Anna Kasakowa gibt, zeigt sie ein stolzes Profil. Ohne Zweifel wurde diese junge Frau von allen Bergsteigern des Kaukasus begehrt. Aber Jewgeni ist der beste unter ihnen, das wird jetzt offensichtlich. Und Witali folgte der verwirrenden Leichtigkeit seines talentierten kleinen Bruders, so gut er kann.

DIE 29. EINHEIT

Die Geschichte, die auf diesen Seiten erzählt wird, ist im Westen weitgehend unbekannt. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass der Schauplatz, an dem sie spielt, einer imaginären Landschaft ähnelt. Wir Europäer träumen für gewöhnlich vom Himalaya, von den Tropen, von der Sahara. Wir kennen aber den Kaukasus nicht, den Tian Shan, den Pamir. Wir haben aus Eurasien die dunkle Seite der Erde gemacht, eine Welt, die es auf unserer mentalen Karte nicht gibt. Damals hatte sie einen Namen: die UdSSR …

Die abgelegene Tadschikische Sozialistische Sowjetrepublik an der Grenze zu Afghanistan und Tibet ist damals die letztgeborene der UdSSR. Die Kommunisten gründeten dort eine Hauptstadt mit dem Namen Stalinabad. Die Region wurde endlich „vom doppelten Joch der Zaren und der Verwüstungen durch die Soldaten des Emirs von Buchara“ befreit, erzählt uns ein Autor namens Mikhaïl Davidovitch Romm. Die Zaren haben demnach „die Wissenschaft zugunsten des Krieges vernachlässigt“, doch zum großen Glück kümmern sich nun die Roten darum, die gebirgigen Festungen zu erforschen. Multidisziplinäre Expeditionen brechen jedes Jahr auf, um Karten zu erstellen, die Geologie zu untersuchen oder Wetterstationen einzurichten. Mit jedem Feldzug füllen sich die weißen Flecken dieser abgelegenen Gegenden mit Maßeinheiten und Namen und gleichzeitig wird Geister- und Aberglaube verdrängt.

Und so kam es, dass es einer Expedition gelang, im gigantischen Pamir-Gebirge einen Gipfel ausfindig zu machen, der alle anderen überragt. Er ist vermutlich ungefähr 7600 Meter hoch, die Einheimischen scheinen ihn Garmo zu nennen, aber – daran soll es nicht scheitern – man soll diesen Namen sofort auf einen benachbarten Gipfel übertragen haben, um den Bergriesen in Pik Stalin umbenennen zu können. Alles muss nun „Stalin“ heißen, dem zu Ehren, der in Moskau die absolute Macht an sich gerissen hat. Der Pik Lenin, der etwas weiter im Norden liegt und den man bisher für das Dach der UdSSR gehalten hat, wird durch diese topografische Entdeckung entthront, und das entspricht stark dem Verlauf der Geschichte. Die Trotzkisten ebenso wie die Sinowjewisten und „Deviationisten“ aller Art werden im Namen der Einheitspartei denunziert. Der politisch-revolutionäre Machtkreis zittert im Stillen vor dem Genossen Stalin.

Das ist der Fall bei einem gewissen Nikolai Gorbunow, einem bekannten Bolschewiken, der Anfang der 1930er-Jahre im Komitee für die Wirtschaftsplanung eingesetzt war. Als ehemaliger persönlicher Assistent Lenins während der Oktoberrevolution wird der Mann anschließend Sekretär des Rats der Volkskommissare. Als solcher steht seine Unterschrift auf Tausenden von Dokumenten, von den ersten Regierungsdekreten wie dem Dekret für die Aufhebung der Stände oder für die Gründung der Roten Armee bis zum Erlass zum Zwangsarbeitslager auf den Solowezki-Inseln, aus dem einmal der Gulag erwachsen würde. Nikolai Gorbunow ist einer der Akteure des größten politischen Erdbebens des zwanzigsten Jahrhunderts. Das alles steht in den Enzyklopädien. Seltener steht dort, dass Nikolai Gorbunow einer der Förderer der Pamir-Expeditionen war.

Da ich kein Experte für sowjetische Politik bin und mich eher für weniger entscheidende Stunden der Menschheit interessiere, betrachtete ich die Archivfotos, auf denen Gorbunow streng in seinem Staatsbüro posiert, mit anderen Augen. Hochgewachsen, kahlköpfig, mit einer kleinen runden Brille, einem ovalen Gesicht, intelligentem Blick und festgezogener Krawatte ähnelt er darauf mehr einem marxistischen Schreiberling als einem erfahrenen Alpinisten. Man kann sich diesen eifrigen Funktionär in seinem gepflegten Anzug nur schwer in der riesigen Gletscherlandschaft Eurasiens vorstellen. Ich war erstaunt, einen solchen Staatsmann in der Geschichte des Alpinismus zu entdecken.

1933 stellt Gorbunow eine neue Expedition unter der Schirmherrschaft des Rats der Volkskommissare zusammen. Sie besteht aus nicht weniger als vierzig Einheiten und eine von ihnen, die Nummer 29, betraut er mit der für diese Zeit unvernünftigen Mission, den Pik Stalin zu erobern. Die 29. Einheit besteht hauptsächlich aus Männern, die an einer Aufklärungskampagne teilgenommen haben, die er im Sommer zuvor selbst geleitet hat. Diese waren unter anderen der Mechaniker Schianow, der Automobilarbeiter Guschin, der österreichische Kommunist Zak und die Boxer Guettier und Charlampiew. Die Erwähnung des Berufs ist in diesen äußerst sowjetischen und höchst proletarischen Darstellungen unerlässlich. Sie bestimmt die soziale Stellung des Betroffenen in einem neuen Klassensystem, in welchem einzig der gebürtige Plebejer des Vertrauens der Bolschewiki würdig ist. Die 29. Einheit nimmt auch die Dienste eines Malers und Bildhauers in Anspruch, der wohl eher für seine Kletterkünste als für seine Kunstwerke bekannt ist: Jewgeni Abalakow.

Der Ingenieur Witali Abalakow hingegen wird nicht einberufen. Ich habe mich natürlich gefragt, warum er nicht ebenfalls in diese gefährliche Unternehmung eingestiegen ist. Gefunden habe ich nur eine Version, laut der er sich selbst aus der Sache zurückgezogen habe, weil er die Auswahl der Teilnehmer angesichts dieses monströsen Bollwerks aus Eis und Schnee als zu schwach einschätzte. Ob das stimmt, weiß keiner. Alle Beteiligten haben ihre Geheimnisse mit ins Grab genommen – wenn sie denn eins haben. Vielleicht wurde Witali ganz einfach nicht von Gorbunow berücksichtigt. Was jenen betrifft, hält sich das hartnäckige Gerücht, dass er sich mit dieser Bergfahrt vor einer Repression schützen wollte, die er intuitiv befürchtete. Es ging für ihn darum, dem Genossen Stalin seine Loyalität durch die Besteigung des nach ihm benannten Gipfels zu beweisen, großmütig seine Haut zu riskieren, um sein Leben besser gegen die politischen Hinrichtungen zu feien. Wer weiß? Das könnte womöglich die Absicht Nikolai Gorbunows gewesen sein.

Jedenfalls trennt das Schicksal die Brüder Abalakow zum ersten Mal. Das Schicksal entscheidet für sie über die Berge, die sie besteigen, über ihre Ziele, über alles. Das Schicksal heißt Politbüro. Diese höhere Instanz, die die Massen regiert wie vormals der Zar. Von alldem bleibt nur ein Telegramm vom 17. Mai 1933 mit dem Briefkopf der Akademie der Wissenschaften, bei der Gorbunow Mitglied ist. Darauf ist zu lesen, dass der Alpinist Jewgeni Abalakow für mehrere Monate zur Verfügung stehen muss, aber seine Arbeitsstelle behalten und sein Gehalt weiterbeziehen kann. Er soll, steht dort, den „höchsten Punkt der UdSSR“ erreichen, „den Pik Stalin, 7600 Meter, um dort eine Wetter- und Radiostation einzurichten“. Der sowjetische Alpinismus soll der „Erbauung der Zukunft“ dienen. Offiziell zieht die 29. Einheit im Namen der Wissenschaft los. Ihre Mission ist Teil des Programms des Zweiten Internationalen Polarjahrs6.

Im Mai erreicht eine erste Gruppe Zentralasien. Jewgeni ist mit dabei, ausgestreckt in einem sengend heißen Waggon ziehen Taiga, Steppen und Wüsten an ihm vorbei. Er lässt Anna endlose Monate lang zurück. Was macht sie in diesem Sommer? 1933 ist ein Jahr schrecklicher Hungersnöte in der UdSSR. Stalin treibt die Kollektivierung der Grundbesitze voran und Tausende Bauern verlassen das Land, um in die Arbeitervorstädte zu kommen. Ich weiß nicht, ob Jewgeni das Elend durchs Fenster betrachtet. Allerdings reist er in Regionen, denen dieses Drama relativ erspart geblieben ist. In den Berichten der Alpinisten jedenfalls finden die ausgehungerten Muschiks, die von der Staatspolizei vor den Stadttoren zurückgedrängt werden, keine Erwähnung. Jewgeni und seine Kameraden brechen inmitten der von Hunger gezeichneten Provinzen zu Ehren der Sowjets und von Väterchen Stalin auf, um den Pik Stalin zu bezwingen.

In Zentralasien mangelt es an allem, angefangen bei den Lebensmitteln bis hin zu Lastwagen und Pferden. Man braucht Lebensmittelmarken, muss sich bei den staatlichen Ställen vorstellen und die örtlichen bolschewistischen Komitees aufrütteln, wo unter Lenins Portrait nun analphabetische Bauern das Sagen haben. Ich kann mir vorstellen, dass die 29. Einheit die Befugnis hatte, alles zu beschlagnahmen, was sie benötigte, um ihr Ziel zu erreichen. Sie erreicht Osch im heißen Fergana-Tal, das als Ausgangspunkt für die Expeditionen dient. Dort vollbringen die usbekischen Schuster und Schmiede bei der Herstellung der handgearbeiteten Ausrüstung Wunder. Fertig ausgerüstet begeben sich die Männer auf die M-41, eine 700 Kilometer lange Straße, die seit Neuem die abgeschiedenen Hochtäler des Pamir mit der Außenwelt verbindet. Heutzutage quälen sich schwitzende Radfahrer aus dem Westen auf ihr entlang und werden dabei auf gefährliche Weise von Lastwägen voller chinesischem Plunder überholt. Aber 1933, im Rahmen des ersten Fünfjahresplans, ersetzt die M-41 seit Kurzem die alten Karawanenstraßen. Hunderte Straßenarbeiter schufteten sich bei der Aufgabe, die Errungenschaften der sowjetischen Zivilisation den abgelegenen Hochplateaus zugänglich zu machen, zu Tode.

Der Fortschritt bringe Licht in die Finsternis der Scharia und sprenge „die Ketten der uralten Gebote des Koran“, begrüßt der Autor Romm und stellt fest, dass sich die Kolchosen nicht gut mit den „Stammesgesetzen“ vertragen. An dieser Stelle muss ich Mikhaïl Romm vorstellen, den ich bereits zitiert habe. Der ehemalige Fußballspieler, von der italienischen Presse colosso russo genannt, wurde Sportredakteur, ihm verdanken wir den Bericht über diese erste Expedition. Sein Text wurde im Zuge der stalinschen Zensuren mehrmals editiert. Ich konnte leider bei den Moskauer Antiquaren nur die letzte Ausgabe ausfindig machen, die – ihres ursprünglich unbefangenen Tons beraubt – in Tausenden Exemplaren verbreitet wurde. Ich habe sie parallel mit Jewgeni Abalakows offiziellen Reisetagebüchern verwendet. Trotz gewisser Abweichungen stimmen die beiden Texte im Wesentlichen überein, wobei sie zwei unterschiedliche Sichtweisen mitbringen: die eine von oben, die andere von unten. Romm war kein Bergsteiger.

Weder Romm noch Gorbunow sind übrigens von Anfang an bei der Expedition dabei. Sie werden später dazustoßen. Nur von Jewgeni erfährt man etwas über die ersten Schritte der Kamelkarawane, die mit zweieinhalb Tonnen Ausrüstung beladen ist. Alle Teilnehmer erhalten einen Nagant-Revolver und sie üben sich mit den Soldaten der Roten Armee, die ihnen Geleitschutz geben, im Schießen. Die Gegend wird immer wieder von aufständischen Basmatschi7 heimgesucht, die sich in die Festung des Pamir geflüchtet haben. Die Hochtäler sind noch nicht ganz Moskau ergeben. Jewgeni und seine Kameraden sind die Aufklärer des Sozialismus in den letzten Bastionen der alten Welt. In einem Text habe ich folgende Aussagen gefunden, die einem Banditen zugeschrieben werden: „Wir sind gekommen, um Sie zu bestehlen, aber Sie haben uns Essen gegeben und Vertrauen entgegengebracht“, […] „guter tapferer russischer Mann“!

Der Pamir ist eine der kontinentalsten und abgelegensten Gegenden der Welt. Der Anmarsch verspricht beschwerlich zu werden. Er beginnt mit der Überschreitung eines Passes in der trockenen und für die Alai-Kette charakteristischen Kulisse. Jewgeni schmückt seine Notizen hie und da mit der Erwähnung von Wacholder oder Sanddorn. Müde davon, auf ihren Reittieren so durchgeschüttelt zu werden, fangen viele seiner Kameraden an, neben ihren Pferden herzulaufen, bis der Abend sie zwingt, eine Weide für die Kamele zu finden, die in die Hocke gehen. Manchmal flieht in der Ferne ein verdächtiger Reiter, verfolgt von einer Schwadron der Roten Armee. Während der Nacht muss man dann nur mit einer Granate bewaffnet Wache halten.

Die Basmatschi sind jedoch nicht die einzige Gefahr. Romm erzählt, dass das eiskalte Schmelzwasser der Gebirgsbäche unter der brennend heißen Sonne und das Labyrinth der Furten über die unzähligen geröllführenden Flussarme mehr Männer umgebracht haben als die versteckte Guerilla. Von den Polargebieten abgesehen ist der Fedtschenko, zu dem sich Jewgeni und seine 29. Einheit hinbewegen, der längste Gletscher der Welt. Alles andere besteht aus Gesteinsflächen, kargen Felsen und Höhenwüsten. Eine makellose ockerfarbene Welt unter dem Feuer eines tiefblauen Himmels.

In einem Jurtenlager, letztes Zeugnis einer nomadischen Menschheit, rekrutieren sie mit Schwierigkeiten sechs Träger, die über ihre Ausrüstung staunen. Träger? Verbietet der Kommunismus nicht die Ausbeutung des Menschen, sei es nun ein „Sherpa“ oder ein Hausangestellter? Die angeworbenen Tadschiken und Kirgisen haben keine Erfahrung im Hochgebirge und doch schließen sie sich der Karawane an, die sich auf die schwarze Zunge des riesigen Fedtschenko-Gletschers wagt. Tag für Tag muss ein achtzehn Kilometer langer Weg angelegt, müssen Stufen für die Pferde geschlagen, die Moränen mit steinernen Wegzeichen markiert werden. Es gibt wenig Weiden, die Soldaten kehren um, die Expedition teilt sich in kleine Gruppen auf. Jewgeni und seine Kameraden zerstreuen sich in die benachbarten Täler, um Wildschafe zu jagen, ohne großen Erfolg. Abends im Biwak schreibt er in sein Reisetagebuch oder zeichnet Skizzen von den unberührten Gipfeln, die den Himmel bevölkern.

Es ist nun einen Monat her, dass sie Osch verlassen haben. Sie müssen sich noch einen Weg durch das Chaos eines Nebengletschers bahnen, auf den sie abbiegen, bevor sie am 8. Juli auf einer Höhe von 4600 Metern das Basislager festlegen. Das Zeltdorf nimmt langsam Gestalt an, als nach und nach die verstreuten Teile der Karawane eintreffen. Von ihren Zelten aus betrachten alle die einschüchternde Nordostwand des Pik Stalin, den sie besteigen müssen. Sie müssen es tun, es ist ihre Pflicht. Von überall hört man das Echo der herabstürzenden Steine und Séracs. Von der ersten Nacht an schreibt Jewgeni, dass er von Lawinen geweckt wird.

Die ersten Besteigungsversuche sind nicht überzeugend. Sie leiden unter Kopfschmerzen, Zweifel macht sich breit. Bei der Erkundung im Vorjahr war Gorbunow nur bis 5900 Meter gekommen. Bis zu seiner Ankunft wird die Truppe vorübergehend von Arkadi Charlampiew geleitet, seinerzeit ein bekannter Boxer. Das magere Aufgebot sowjetischer Alpinisten schöpft aus anderen Sportarten seine Leute und Jewgeni genießt beachtlichen Einfluss. Er bringt die Expedition in Schwung, die bald den Nordgrat erreicht, wo sie vor den Staublawinen geschützt ihr erstes Höhenlager aufschlägt. Es folgen heikle Biwaks in Zwei-Mann-Zelten, in die man zu dritt hineinschlüpfen muss, unzählige Auf- und Abstiege zwischen den Lagern und der erste Todesfall. Beim Passieren eines Gendarms wird der Bergarbeiter Nikolajew Opfer eines Steinschlags. „In dieser Nacht hat keiner geschlafen“, gesteht Jewgeni.

Die Gendarme (das Wort ist im Russischen gleich) sind gefährliche, turmähnliche Felszacken, die den Gratverlauf unterbrechen. Soweit es möglich ist, muss man sie umgehen, ansonsten sie über den Grat überwinden. Jewgeni ist für diese Aufgabe wie geschaffen. Er ist in der führenden Dreierseilschaft, begleitet von einem weiteren Boxer, Alexandre Guettier, und dem Automobilarbeiter Danil Guschin. Mit Letzterem hat Jewgeni vergangenen Winter im Rahmen eines Trainingsaufenthalts am Elbrus schon Erschreckendes erlebt. Bei Temperaturen von minus vierzig Grad Celsius waren sie gezwungen, den Leichnam eines Kameraden hinter sich herzuziehen, der in der unermesslichen Eiswüste erfroren war. Bis zu dem Moment, als Jewgeni selbst im tobenden Sturm mit dem Leichnam in eine Gletscherspalte rutscht. Danil Guschin gelingt es vorerst, den Sturz zu stoppen, doch als er merkt, dass auch er hoffnungslos dem Abgrund aus Eis entgegengleitet, durchtrennt er schließlich das Seil …

Zweifellos ist es ein merkwürdiges Gefühl, wieder mit einem Kerl am Seil zu gehen, der einst nicht zögerte, dein Schicksal zu besiegeln. Am Elbrus damals konnte sich Jewgeni im letzten Augenblick noch an einem Vorsprung festhalten. So ging die Nacht vorüber, Guschin an der Oberfläche des Gletschers, Jewgeni in seinem Inneren und die sterbliche Hülle ihres Freundes über dem Abgrund hängend. Am Morgen gelang es dem einen dem anderen zu helfen. Sie stiegen zur Schutzhütte ab, um Hilfe zu holen und schließlich den dritten Kameraden zu bergen. In den Wänden des Pik Stalin werden sie diesmal vielleicht nicht dasselbe Glück haben. Im Augenblick zeigen sich die Symptome der Höhenkrankheit. Keiner von ihnen hat bisher die 6000-Meter-Grenze überschritten. Eine ganze Woche lang kämpft das Trio damit, an den Gendarmen Haken und Fixseile anzubringen. Am Fuß des vierten Turms angekommen, haben sie den Grat so weit ausreichend mit Sicherungen versehen und steigen wieder ins Basislager ab.

Dort hat sich mit Morgengymnastik und erfrischenden Bädern im nahen Schmelzwassersee die Routine eingestellt. Die Sowjets bleiben menschlich, ihre Berichte erzählen auf jeder Seite von Nahrungsmitteln: Kondensmilch, nach der sie verrückt sind, Konserven, Suppen, Kascha8. Außerdem muss man bei Schlechtwetter die Zeit totschlagen. Jewgeni liest Eugen Onegin oder Die Hauptmannstochter von Puschkin. Wenn er nicht den Trägern das Klettern zeigt oder viel Zeit damit verbringt, mit dem binokl9 die senkrechten Wände abzusuchen. Abends ertönen Lieder, eine Flasche Cognac hat das Gerüttel der Karawane überlebt und jemand trägt in der Stille der Nacht Majakowski-Verse vor. Alle warten auf die Ankunft von Nikolai Gorbunow, ehemals persönlicher Sekretär Lenins, der irgendwo von den angeschwollenen Gebirgsbächen aufgehalten wird …

Jewgeni nutzt die freie Zeit, um seinen Blick auf den Pik Woroschilow oder die Wand der Roten Arbeiter- und Bauernarmee zu richten. Er steigt etwas auf und dann, völlig allein in der Pracht dieser Berge, zeichnet er die Landschaft; geblendet von den Meringen aus Eis, vom Schnee, der die Granitwände wie Gips überzieht, vom Spiel aus Ocker und Weiß. „Der Pik GPU10 ist ein Berg aus Marmor“, beobachtet er. Kalt, wie es zur Staatspolizei nur zu gut passt … Auf der linken Seite erhebt sich in vielen Farben ein namenloser Gipfel. „Lange haben wir mögliche Namen gesucht und ihn dann Pik Menschinski getauft“, schreibt Jewgeni weiter. „Wir“? Wirklich? Wohl eher ein politischer Kommissar der Expedition. Menschinski ist kein anderer als der ehemalige Leiter der GPU. Jewgeni und seine Freunde machen danach den „Vorschlag“, einen Gipfel zu Ehren des am Elbrus erfrorenen Kameraden zu benennen. Ein Misston unter den hohen Tieren der Partei.

8. August. Rückkehr zum Grat und Angriff des fünften Gendarms. Jewgeni Abalakow führt an den Schlüsselstellen. Haken für Haken, Seillänge für Seillänge wird der felsige Vorsprung überwunden und dann mit einer Hanfleiter ausgerüstet. Erneuter Abstieg zum Basislager, wo der Filmemacher der Expedition Gründe findet, nicht zu viel Film zu verbrauchen: „Eine gewöhnliche Lawine auf weißem Hintergrund interessiert mich nicht“, erklärt er den Alpinisten. „Ich brauche eine gigantische auf schwarzem Hintergrund mit seitlichem Lichteinfall!“ Am gleichen Tag hätte beinahe eine Lawine alle unter sich begraben. Jewgeni erzählt, dass das Abendessen nicht fertig war, als sie – ihr knapp entronnen – ins Lager zurückkamen. Der Koch hatte geglaubt, sie seien verschollen …

Kurz darauf stirbt ein Kirgise, Dschambai, an einer Lungeninfektion, was bei den Trägern Entsetzen auslöst. So beschreibt Romm diesen Tag: „Die Träger sitzen im Kreis um Dschambai. Sie schauen uns, die wir aus einem Grund, der ihnen fremd ist, auf diese Gipfel wollen, feindselig an. Diese Gipfel sind die Heimat der bösen Geister. Und diese bösen Geister haben schon Steine auf einen der … ‚Bosse‘ herunterfallen lassen. Jetzt hat es einen unschuldigen Kirgisen getroffen.“ Romm versucht, so gut er kann – die Einheimischen stammeln nur ein paar Brocken Russisch –, die wissenschaftliche Notwendigkeit einer Wetterstation auf dem Pik Stalin zu erklären. Er erzählt, dass die Arbeiter und Bauern der gesamten UdSSR die Bergfahrt in den Zeitungen mitverfolgen. Er beteuert, dass im Himmel keine Geister wohnen, dass er den Menschen gehört, dass es kein anderes Paradies gibt als ein irdisches und sowjetisches.

Er hätte meiner Meinung nach noch sagen können, dass der kommunistische Alpinismus ein großes Unterfangen war, den Himmel zu entsakralisieren. Ich habe in einigen Texten gelesen, dass in der gesamten UdSSR die Völker der abgelegenen Täler dazu aufgefordert wurden, ihre eigenen Berge zu besteigen, um sich selbst davon zu überzeugen, dass dort keine bösen Geister wohnen. In Georgien kämpften sich die Swanen auf den Tetnuldi, um sich zu vergewissern, dass kein böser Geist namens Al dort lebt, geschweige denn die Göttin Swali. Jeder Aberglaube, der mit den Gipfeln zu tun hatte, sollte zurückgedrängt und die Kathedralen aus Stein und Eis, um die herum sich Volksglaube rankte, entmystifiziert werden. Auf dem Altar der Welt Gott durch den Marxismus zu ersetzen, das sollte die eigentliche Herausforderung der Besteigung des Pik Stalin sein.

PIK STALIN

Ende August erreicht Gorbunow endlich das Basislager. Vor drei Monaten hat die Expedition begonnen. Die Visagen der Teilnehmer sind seit Langem verbrannt und zerfurcht, die Blicke geblendet, die Finger verbunden. Im Gepäck führt Gorbunow die berühmte Wetterstation mit, die die Alpinisten auf den Gipfel bringen sollen. Sein plötzliches Auftauchen setzt der Lethargie, in der sich das Lager seit zwei Wochen wiegt, augenblicklich ein Ende. Es ist keine Minute mehr zu verlieren. Der Chef ist da und der Sommer neigt sich dem Ende zu.

Die Besteigung beginnt am 22. August, die Rucksäcke zum Bersten voll, das Seil über der Schulter, das Gesicht weiß vom Lanolin. Abalakow und Guschin steigen zum vierten Mal und in Rekordzeit zum Nordgrat auf. Gorbunow bewegt sich mit seiner hohen Statur deutlich bedächtiger. Unter dem Vorwand, die Gradanzeige auf seinem Thermometer zu notieren, macht er Pausen. Die Wissenschaft dient als Alibi für seine Langsamkeit. Laut Romm zieht er auch regelmäßig eine Dose des Beruhigungsmittels Bromisoval aus der Tasche.

Das Lager auf 5900 Metern ist in erbärmlichem Zustand. Die Männer müssen die Zelte freilegen, die in eine Spalte gerutscht sind. Am nächsten Tag passieren sie einen Gendarmen nach dem anderen. Die schwindelnd steile Wand des fünften zwingt die Träger zum Rückzug, bis sie schließlich einwilligen, der Seilschaft Abalakow-Guschin zu folgen. Doch als diese oben ankommen, sehen sie nur noch die zurückgelassenen Rucksäcke an seinem Fuß und Gestalten, die sich schnell davonmachen. Wohl oder übel müssen die zwei Alpinisten ab- und wieder aufsteigen, um notwendige Lasten nach oben zu hieven, wobei sie über einem Hunderte Meter tiefen Abgrund tanzen.

Am sechsten, noch unbezwungenen Gendarmen führt Jewgeni Abalakow. Auf einmal löst er aus Versehen einen Stein, der auf Guschin herabschießt, ihn an der Hand trifft und das Seil durchtrennt. Jewgeni klettert ganz ohne Sicherung ab. So gut es geht, versorgt er die Wunde seines Kameraden, der trotz Schmerzen nicht aufgibt. Dieses Mal hätte Jewgeni beinahe Guschin getötet. Jetzt sind sie quitt. Beiden gelingt es, das letzte felsige Hindernis zu überwinden. Der Weg zum Gipfel liegt nun frei. Sie müssen nur noch ein paar Dutzend Stufen in die Eiswände schlagen. Es wird dunkel. In seinen Tagebüchern spricht Jewgeni davon, einen völlig erschöpften Guschin „hinterherzuziehen“. Auf 6400 Metern erwartet sie in der Finsternis ein schmaler Felsvorsprung. Sie biwakieren unter einer Zeltplane. Guschin stöhnt die ganze Nacht. Seine Hand blutet und schwillt an. „Man kann das Fleisch nicht von der Binde unterscheiden“, schreibt Jewgeni.

25. August. Jewgeni richtet das neue Höhenlager ein. Gegen zwei Uhr erscheinen drei entsetzte Träger. Hastig werfen sie ihr Gepäck ab. Sie bringen auch eine Nachricht von Gorbunow mit, der aus irgendeinem Grund wütend ist. Darin wird mehrmals die Eigenschaft dieser Expedition als „staatliche Mission“ hervorgehoben. Anders gesagt, der Gipfel muss um jeden Preis erreicht werden. Gorbunow wird am nächsten Tag aufsteigen.

26. August. Jewgenis Aufzeichnungen: „Klares Wetter heute Morgen. Der Höhenmesser ist wieder auf 6950 Meter angestiegen. Eigentlich wollten wir den Grat erkunden, aber ich habe angefangen zu zeichnen und dabei die Zeit vergessen. Danil Iwanowitsch [Guschin] hatte auch keine große Lust aufzusteigen.“ So erfährt man, dass Jewgeni Abalakow auf 6400 Metern in aller Ruhe die Landschaft skizzierte! Man muss sagen, dass das senkrechte Meer ewigen Schnees ein atemberaubendes Naturschauspiel bietet. Seine Betrachtungen werden durch Gorbunows Ankunft unterbrochen, dem er eilig entgegenläuft. Er nennt ihn zwar „Nikolai Petrowitsch“, siezt ihn aber. Gorbunow ist so erschöpft, dass er seinen Rucksack zurücklässt, angeblich, um ihn später wieder zu holen. Jewgeni wird sich im Mondschein darum kümmern. Revolution hin oder her, man ist immer jemandes Träger.

Ab jetzt sind sie zu viert: Abalakow, Guschin, Gorbunow und der zukünftige Testpilot Schianow. Sie verbringen die Nacht zusammen in zwei windigen Zelten neben der Wetterstation, die unter so großer Anstrengung heraufgeschleppt wurde und sie wahrscheinlich den Erfolg kostete. Guschins Hand geht es besser. Er und Abalakow brechen am nächsten Tag auf, beladen mit allen Teilen des Forschungsgeräts. Der Grat besteht nur noch aus tiefem Schnee, der sich zu einem abschüssigen und von Spalten durchzogenen Plateau hin öffnet. Keuchend erlauben sie sich alle zwanzig Schritte, auf ihre Eispickel gestützt oder im Schnee kauernd, eine Pause. Auf ungefähr 6900 Metern legen sie ihre Last ab und kehren um.

Am nächsten Tag, dem 28. August, sind sie immer noch auf 6400 Metern. Gorbunow war nicht in der Lage, höher aufzusteigen. Sturmböen haben ihren Zelten schwer zugesetzt. Die Träger versorgen sie nicht mehr. Glücklicherweise können Guettier und der österreichische Kommunist Zak sie mit Lebensmitteln, ein paar Brühen und Rinderzunge, einholen. Anton Zak11 ist aktives Mitglied des Republikanischen Schutzbunds, einer linken paramilitärischen Organisation. Diese wird vom Faschismus, der sich im „germanisierten“ Europa ausbreitet, verfolgt. Ihre Mitglieder wandern in großer Zahl in die UdSSR ab, deren politisches Ideal sie teilen. Unter ihnen sind zahlreiche Alpinisten, die die Gesellschaft für proletarischen Tourismus tatkräftig unterstützen.

29. August. Gemeinsamer Versuch, zum Gipfel vorzustoßen. Gorbunow geht am Seil mit Guettier, Abalakow mit Guschin und Schianow mit Zak. Die Höhe macht zu schaffen, der Puls rast. Bei allen außer einem! Das Herz Abalakows, wie Romm betont, schlug nur achtzig Mal pro Minute. Jewgeni selbst behauptet in seinem Tagebuch, dass er „Lieder grölt“! Kaum zu glauben. Auf 6900 Metern findet er die Wetterstation wieder und richtet ein Notbiwak ein. Die anderen kommen völlig erschöpft und durchgefroren an. Sie zwängen sich zu dritt in die Zelte. Das Ziel erscheint so nah, aber die Männer haben keine Ressourcen mehr.

30. August. Guschin, Schianow und Zak beschließen abzusteigen. Die Hand des Ersten verheilt nicht, und für die knappe Ausrüstung der beiden anderen sind die Temperaturen zu tief. Außerdem denke ich, dass der Österreicher Zak nicht für den Gipfel vorgesehen war. Wie könnte der Erstbesteiger des Pik Stalin einen ausländischen Namen haben? Die kommunistische Internationale hat eindeutig patriotische Grenzen.

Noch am selben Tag beladen sich Jewgeni und Guettier mit je einem Pud der Wetterstation, also mit mehr als sechzehn Kilo. Auf fast 7000 Metern! Wahnsinn! Gorbunow folgt, ohne ihnen auch nur die geringste Hilfe zu sein. Guettier bricht oft im Schnee zusammen. Höhe und Unterernährung zeigen ihre Wirkung. Die Kälte ist so grausam wie die Strahlen der Sonne, die bald hinter Wolken verschwindet. Jewgeni, der einen Vorsprung hat, muss zu seinen Kameraden zurück, die keinen Schritt mehr vorankommen. Als Gorbunow erkennt, dass die Herausforderung unmöglich zu meistern ist, beschließt er den Rückzug zum Lager auf 6900 Metern, um dort die zwei Module der Station zusammenzusetzen. Sie richten die Antenne Richtung Himmel, aber der Wind ist zu schwach und bringt das Anemometer nicht zum Drehen.

31. August. Laut Jewgeni maues Wetter, Ruhepause. Romms Texte und seine stimmen immer weniger überein. Jewgeni kocht den Rest der Rinderzunge, danach ist Hungern angesagt. Der Mond stört sie beim Einschlafen, aber sie sind gut akklimatisiert.

1. September. Den ganzen Tag Sturm. Gorbunow ist unzufrieden und möchte endlich die Wetterstation fertig aufbauen, aber die Windstöße zerreißen die Zelte. In Romms Bericht gelingt es Gorbunow, einen Fehlkontakt zu reparieren. Bei minus 27 Grad Celsius, so schreibt Jewgeni in seinen Notizbüchern. Sicher ist, dass das Anemometer durchdreht, dass der Druck abfällt. Der Schnee dringt überall ein. Gefriert auf den Schlafsäcken. Die Lebensmittel lassen sich an den Fingern abzählen. Der Neuschnee drückt auf die Zeltwände. Die Zeltstangen brechen. Am Morgen liegt der Schnee so schwer auf Guettier und Gorbunow, dass sie fast ersticken. Jewgeni hört ihr Rufen und schafft es, sie mit einem Topfdeckel freizuschaufeln.

2. September. Guettier ist blass und ihm ist schlecht, er bleibt liegen und kann weder schlucken noch trinken. Von Krämpfen geschüttelt beschwört er seine Kameraden, sich nicht um ihn zu kümmern. Ohnehin hat auch er einen ausländischen Namen, den Namen französischer Vorfahren, die ins Reich des Zaren gekommen waren, um sich niederzulassen. Sein Vater war Leibarzt von Lenin, Swerdlow und Dzierżyński. Wie weit ist doch jetzt die Moskauer Revolutionselite entfernt. Die Zelte brechen unter den Windböen zusammen. Sie müssen mithilfe von Säcken und sogar mit Teilen der Wetterstation befestigt werden. Abalakow kämpft allein gegen die Elemente. Es ist nur noch eine Fischkonserve und eine Tafel Schokolade übrig.

In der darauffolgenden Nacht sinkt das Quecksilber auf minus 45 Grad Celsius, schreibt Jewgeni. Es tobt erneut ein Sturm. Doch am Morgen werden sie von mehr oder weniger klarem Wetter geweckt. In seinem Bericht vertritt Romm die Meinung, dass es angesichts der kritischen Situation logisch gewesen wäre, diese Aufheiterung zu nutzen, um nach unten zu fliehen. Hätte die kommunistische Orthodoxie etwa nicht verordnet, zuerst Guettier zu retten? Aber Gorbunow entscheidet anders. „Das ist hier keine sportliche Bergtour, sondern eine wissenschaftliche, eine staatliche Mission.“ So bricht er mit Jewgeni zum Gipfel auf, in der Hoffnung, zu guter Letzt doch noch den Sieg davonzutragen. Abalakow und Gorbunow. Authentische, klingende russische Namen, wie für die Nachwelt gemacht.

Sie warten zunächst, bis die Sonnenstrahlen die Luft etwas aufgewärmt haben. Dann spurt Jewgeni Schritt für Schritt durch die weiße Wüste, durch kniehohen Neuschnee. Vor ihm münden die unberührten und von Spalten durchzogenen Hänge in einem Gipfel aus Eis. Hinter ihm der schrecklich leidende Gorbunow. Er hat Halluzinationen. Romm erzählt, dass er sich doppelt sieht, neben sich selbst gehend. Er ist viel zu langsam und die Sonne erreicht schon ihren Höchststand. Mittag. Die Stunde des Mythos Abalakow schlägt. Gorbunow kann nicht mehr. Er befiehlt ihm, allein auf den Gipfel des Pik Stalin zu steigen, oder vielleicht ist es Jewgeni, der ihm diese Entscheidung nahelegt. Hier teilen sich die Meinungen. Fest steht, dass die Seilschaft, als perfekte Metapher für den Kommunismus, in diesem Moment auseinanderbricht. Ein Mann dort oben reicht aus, um der Eitelkeit des Führers zu schmeicheln. Abalakow würde genügen …

Und dann, besagt die Legende – Jewgeni erwähnt das nicht –, öffnen sie die letzte verdorbene Konserve. Heringe ohne Geschmack. Gorbunow überlässt seinen Anteil dem Mann, der auf den Gipfel steigen wird. Auf einen Zettel schreiben sie eine Nachricht: „Am 3. September 1933 erreichte Jewgeni Abalakow den Gipfel des Pik Stalin und Nikolai Gorbunow den Gipfel des Ostgrates.“ Jetzt muss nur noch vollbracht werden, was niedergeschrieben ist. Gorbunow behält das Seil. Abalakow nimmt die Messinstrumente. Lenins ehemaliger Sekretär, der so sehr auf Moskaus Geheimnisse Einfluss nimmt, hat keine andere Wahl, als dem Aufstieg des jungen Sibiriaken zuzusehen, der keine Müdigkeit kennt und der womöglich ihr Schicksal in den Händen hält.

Dort oben kriecht Jewgeni Abalakow über eine Schneebrücke. Schon geht die Sonne unter. Die Hänge sind bis zu 45 Grad steil. Er steigt sie mit seinen kurzen Haxen, die wie für den Kasatschoktanzen gemacht sind, empor. Er wird vom Gipfel angezogen, irgendwo unten ist Gorbunow, nur noch eine Silhouette. Fünf Stunden einsamer Aufstieg in der dünnen und azurblauen Luft. Der letzte Grat, in den seine Steigeisen sich festbeißen, ist von absolut makelloser Unberührtheit. Der Schnee ist hart, „wie Steingut“, erinnert er sich. Was wohl im Kopf dieses Burschen vom Jenissei vorgeht, wie er allein durch den Himmel über dem gewaltigen Knoten des Pamirgebirges marschiert?

Steine: das Ziel ist ganz nah. Der Wind schiebt ihn Richtung Abgrund, Eiszapfen verlängern seinen Bart. Der Grat wird immer schmaler, scharf „wie eine Klinge“, mit einigen Wechten. Dann der Gipfel. Er hat es geschafft, er fällt auf alle viere. Er ist der Erste. Der Höhenmesser zeigt minus 25 Grad Celsius und 7700 Meter Höhe an. 7500 Meter, korrigiert er in Gedanken. Der dritthöchste Gipfel der Welt, der bisher bestiegen wurde. Unbekannte Täler breiten sich überall zu seinen Füßen aus. Alle Berichte besagen, dass er noch die Kraft findet, eine Skizze der Gletschersysteme, die sich unter ihm auftun, anzufertigen. Denn ist er nicht ein Alpinist vor allem zum Zwecke der Forschung? Leider ist es im Süden und Osten bedeckt, der afghanische Hindukusch und Tibet sind nicht sichtbar. Romm gestaltet aus diesen Wolken ein lyrisches und phantasmagorisches Bild, auf welchem der Schatten des Helden auf die weiße Wand der Wolken fällt, die die untergehende Sonne nach und nach glühend rot färbt.

Dann steckt Jewgeni den Zettel, den er mit Gorbunow geschrieben hat, in ihre letzte Konservendose, welche er unter einen Stein legt. Doch auf dem Rückweg bereut er plötzlich, dieses Zeichen auf dem Gipfel errichtet zu haben, da er befürchtet, dass der Wind es zerstört. Fast 25 Jahre später wird der Gipfel von einer anderen Expedition abgesucht werden, die wiederum folgende Worte hinterlässt: „Es wurde kein Beweis einer Besteigung des Pik Stalin gefunden.“ Nie hätte ich es gewagt, so etwas zu denken. Ich habe der Leistung Abalakows meinen uneingeschränkten Glauben geschenkt. Niemand in der UdSSR erlaubte sich jemals, explizit die Erstbesteigung der 29. Einheit infrage zu stellen, aber man kommt nicht umhin zu sagen, dass keinerlei Beweis ihre Behauptung unterstützt. Der Gipfelgrat besteht aus mehreren kleinen Erhebungen, die von Windstößen mal eingeschneit, mal leergefegt werden. Was damals sichtbar war, ist heute vielleicht von Eis überzogen. Wir werden niemals sicher wissen, welchen Punkt Jewgeni tatsächlich erreicht hat.

Polemik beiseite, Jewgeni Abalakow taumelt am 3. September 1933 talwärts, dem Ruhm entgegen. Er trifft auf Gorbunow, der kaum vorangekommen ist. Den Berichten zufolge machen sie noch einige Fotos und Messungen und fertigen verschiedene schematische Zeichnungen der umliegenden Berge an. Das fällt einem jetzt wirklich schwer zu glauben. Wahrscheinlicher ist, dass sie sich völlig erschöpft und bei Mondschein beeilten, das Lager auf 6900 Metern zu erreichen, wo Guettier im Sterben liegt. Im Mondlicht erscheint das gesamte Relief wie am helllichten Tag. Als Gorbunow seine Schuhe auszieht, entdeckt er schlimme Erfrierungen. Jewgeni massiert kräftig bis spät in die Nacht die Zehen des Apparatschiks. Ich kann in den letzten Absätzen, die nur über den Sieg berichten, keine Zeile über die Wetterstation finden. Sie wird mit keinem Wort mehr erwähnt und wahrscheinlich hat sie an die Wetterwarte auf dem Fedtschenko-Gletscher, die im Vorjahr mithilfe einer 200 Kamele starken Karawane errichtet wurde, keinerlei Daten übertragen.

Am nächsten Tag bringt Abalakow heroisch – denn von nun an wird alles, was Jewgeni Abalakow macht, heroisch sein – seine beiden Kameraden ins Lager auf 6400 Metern, bevor er selbst schneeblind wird. Seit einer Woche gab es keine Nachricht mehr von ihnen. Unten hatten schon alle die Hoffnung aufgegeben, dramatisiert Romm. Der Österreicher Zak beschließt, ihnen zu Hilfe zu kommen, allein …

Wiederholter Verstoß gegen die zukünftigen Regeln des sowjetischen Alpinismus: völlige Improvisation dieses „Sturmtrupps“, der taumelnd zurückkommt. Romm, der das Basislager selbst nie verlassen hat, stellt fest: „Der erste, der auf der Moräne erschien, war Jewgeni Abalakow. Der Gang dieses eisernen Sibiriaken zeigt keinerlei Erschöpfung. Er läuft wie immer, flink und flott balanciert er von einem Bein auf das andere, wie ein Bärenjunges in der Taiga. Nur die Haut auf seinen Wangenknochen ist von Kälte und Sturm gegerbt.“ Und am nächsten Tag, nach achtzehn Tagen Bergfahrt, kraxelt er lieber auf einen benachbarten Bergrücken, um ein herrliches Aquarell des Pik Stalin zu vollenden, statt sich in seinem Zelt auszuschlafen!

Die anderen Expeditionsteilnehmer waren selbstverständlich in einem weniger guten Zustand. Guettier, der inzwischen wieder zum Leben erwachte, bezeichnete Abalakow als „Maschine“ und Romm erzählt uns, dass von Gorbunows hundert Kilogramm nur mehr 79 übriggeblieben sind. Zwar verlor er sein von Erfrierungen schwarz gewordenes Fleisch, nicht aber seinen Kopf. Am 9. September verfasst er ein Telegramm fürs Politbüro, in dem Abalakow nicht einmal erwähnt, aber viel Aufhebens um die „Erfüllung der Mission der 29. Einheit“ und den „Sieg der Wissenschaft und des Alpinismus der Sowjetunion“ gemacht wird:

„An den Genossen Stalin, Kreml, Moskau. Wir freuen uns, Sie zu informieren, dass der höchste Punkt der Sowjetunion, den wir letztes Jahr entdeckt und nach Ihnen, dem geliebten Führer des Weltproletariats, benannt hatten, am 3. September von unserer Sturmgruppe erreicht wurde. Am Gipfel wurden zwei Wetterstationen aufgestellt. Die Expedition sendet Ihnen herzliche Grüße. Gorbunow.“

Dann zeigt sich das erste Gras, das Grün kehrt zurück. Als sie die erste Jurte erreichen, stürzen sich die Expeditionsteilnehmer, Fels und Eis überdrüssig, auf Post und Zeitungen. Mit keiner Zeile erwähnen die Schlagzeilen von 1933 die Hungersnöte auf dem Land. Sie rühmen die Durchbrechung des Weißmeer-Ostsee-Kanals oder die Förderrekorde der Bergbaubrigaden im Donbass. In der UdSSR brodelt es, die Fabriken von Magnitogorsk katapultieren den neuen Menschen in das industrielle Zeitalter, die Stratonauten sind in den Himmel geflogen, die Polarforscher erkunden die Arktis! Eine Epoche der Eroberungen in allen Bereichen. Und jetzt hat auch noch Jewgeni Abalakow das Dach der sowjetischen Welt erreicht! Über seine Glanzleistung wird auf der Titelseite berichtet, direkt neben einem Bericht über die erste Schmelze, die sich aus einem ukrainischen Hochofen in Saporischschja ergießt.

Ein Foto von 1933 zeigt ihn 26-jährig, ein sehr russisches Gesicht. Der Abzug ist in Schwarz-Weiß, aber man kann an der Helligkeit der Haare ein von der Sonne gebleichtes Blond erraten. Darunter leicht hochgezogene Augenbrauen über einem wohlwollenden Blick. Alle, die ihn gekannt haben, loben ihn einstimmig. Er war ein willensstarker und gleichzeitig sehr sanftmütiger Mann. Wie oft habe ich das Wort „Lächeln“ im Zusammenhang mit ihm gelesen! Er besaß alles, um angehimmelt zu werden. In allen Republiken löste er Begeisterung aus und die UdSSR formte aus ihm das Modell des „ersten Alpinisten“, ein Vorbild. Er verkörperte den neuen sowjetischen Menschen, rostfrei und siegreich; auch bescheiden, zumindest nach außen hin. Als Lohn für seine Dienste erhielt er 150 Rubel und elf Kopeken. In etwa so viel wie der Preis eines Mantels.

PIK LENIN

Die Brüder Abalakow könnten der berühmten Abenteurerin Ella Maillart über den Weg gelaufen sein. Als ich erneut Turkestan Solo gelesen habe, erlebte ich eine große Überraschung. In Moskau, das sie auf den ersten Seiten verzweifelt abläuft, versucht Ella Maillart sich erfolglos den großen Expeditionen dieser Zeit anzuschließen. Zum Beispiel der Expedition eines gewissen Nikolai Gorbunow. Schließlich wird sie bei der Gesellschaft für proletarischen Tourismus von einem anderen hochpolitischen Alpinisten aufgenommen: Nikolai Krylenko. Er ist kein Geringerer als der Volkskommissar für Justiz und der ehemalige Vorsitzende des Revolutionstribunals. Wie Gorbunow hindern auch ihn seine Staatsfunktionen nicht daran, gelegentliche Exkursionen in die abgelegenen Pamir-Ketten auszuführen. Man könnte meinen, dass sich das gesamte Präsidium der UdSSR pünktlich zur Saison anseilte!

Krylenko empfängt Ella Maillart höflich. Mit Wonne erinnert er sich an seine Jahre in der Schweiz. Wie viele andere Revolutionäre hat auch er sein Exil in den Alpen genutzt, die Freuden des Bergsteigens kennenzulernen. Dort ist in Lenins Gesellschaft seine Leidenschaft für die hohen Berge geboren. Ella Maillart versteht jedoch ganz genau, mit wem sie es zu tun hat. Als „für eine große Zahl von Verurteilungen verantwortlich“ erfüllt sein Name „viele mit Schrecken“, schreibt sie. Solschenizyn beschuldigt Nikolai Krylenko in seinen Schriften „gut fünfzehn Millionen Muschiks in die Tundra und Taiga geschwemmt“ zu haben. Neben Deportationswellen und ähnlichen Prozessen gegen Trotzkisten hat Krylenko noch eine weitere Obsession: den 7134 Meter hohen Pik Lenin an der Nordgrenze des Pamir zu besteigen. 1928 hat er zusammen mit Nikolai Gorbunow dort eine deutsch-sowjetische12 Expedition von der Südseite aus geleitet. Damals hatte der Pik Lenin noch Pik Kaufman geheißen, ein absolut zufällig deutsch klingender Name, aber um jedes Missverständnis auszuräumen, haben die Sowjets den Gipfel Wladimir Iljitsch zu Ehren umbenannt. Zumal sich unter ihnen keiner fähig zeigte, den Deutschen auf den Gipfel13 zu folgen. Nur Nikolai Krylenko war es gelungen, den Ostgrat zu erreichen. Im Alpinismus wie in der Schwerindustrie blieb die UdSSR eine Maschine, die die kapitalistischen Nationen einholen musste.

Der Volkskommissar für Justiz hatte sich geschworen, über die zugänglichere Nordseite zum Pik Lenin zurückzukehren. 1934 beschließt er eine rein militärische Expedition der Roten Arbeiter- und Bauernarmee. Doch es fehlt ihm an erfahrenen Alpinisten und er beruft zwei junge und berühmte Bergführer ein: die Brüder Abalakow. Denn während Jewgeni seit seiner Besteigung des Pik Stalin angehimmelt wird, hat Witali sich einen Namen im Altai gemacht, wo er mit Valentina und weiteren Sibiriaken den Belucha14 überquerte.

In Moskau arbeitet Witali damals bei Sojusprodmaschina, einer Fabrik, die Geräte zur Nahrungsmittelverarbeitung herstellt. Dort scheint er von seinen Vorgesetzten geschätzt zu werden. In den Beurteilungen, die ich in den Archiven einsehen konnte, wird erwähnt, dass er eine „Rationalisierung der Produktion“ eingeführt hat und dass er diszipliniert ist, selbst wenn er – und das ist einer der seltenen Hinweise für seine politische Einstellung – nur selten an gemeinnütziger Arbeit teilnimmt. Wahrscheinlich ist er mehr mit Valentina beschäftigt und ein weniger leidenschaftlicher Anhänger des Kommunismus. Außerdem wird er mit Aufgaben betraut, die wesentlich wichtiger sind. 1934 ist das Jahr, in dem er zur Sommersaison aus seiner Fabrik austritt. Er und sein Bruder brechen schon im Juli in Richtung Zentralasien auf, mit seinem „roten Sand“15, seinen Basaren und Nomaden. Ein Wiedersehen mit dem Orient für Jewgeni, eine Entdeckung für Witali.

Sparen wir uns dieses Mal die Karawane und die Langsamkeit der Baktrischen Kamele. Den Autor dieser Zeilen leitet hier ein schwer vermittelbares Motiv. Wie auf schlechten Fotos, die uns erhalten geblieben sind, zu sehen ist, richten die Brüder Abalakow ihr Lager etwas weiter oben auf, als man es heute macht. Sie erkunden rasch die Nordseite und machen es sich gemütlich, bis das Militär ankommt. Sie verbringen ruhige Tage in der Nähe von tosendem Wasser, dem Rauschen der Jahrhunderte, das die Berge erodiert, umgeben vom mineralischen Geruch, der bis zur Haut durchdringt. Wahrscheinlich haben sie ab und zu ein paar Gedanken an ihre Verlobten, die sie ein weiteres Mal einen ganzen Sommer lang nicht sehen werden. Jewgeni malt einige Aquarelle. Er schreibt auch täglich, und ich verlasse mich auf seine Aufzeichnungen für das, was folgt. Soweit ich weiß, verfasst Witali nur technische Artikel oder Lehrbücher.

Am 29. Juli sind die Offiziere in Sichtweite, in tadellose Uniformen geschnallt. Im Gegensatz dazu finden sich die Abalakows unpassend gekleidet. Sie salutieren häufig mit „Kamarad!“ und unterwerfen sich der militärischen Disziplin, die bald über den schnurgeraden Zeltreihen herrscht. Einmal ist keinmal, persönliche Eindrücke verzieren diese meist sehr sachlichen oder sehr zensierten Tagebücher. Jewgeni beschwert sich darin mit bitterem Unterton, dass sie mit der Trillerpfeife geweckt und die Befehle „gebrüllt“ werden. Wie gut tun diese seltenen spontanen Äußerungen dem heutigen Leser. Dann beginnt die Ausbildung. Die Soldaten sind Anfänger. In den Reihen der Roten Armee gibt es keine Gebirgsjäger. Sie müssen in Sicherungstechnik und im Steigeisengehen unterwiesen werden. Unter Anleitung der Abalakows trainieren sie das Klettern an den umliegenden Felsen und lernen an den ersten nassen Séracs Eisklettern. Abends hält Jewgeni Vorträge über die Geografie des Pamir-Gebirges, die Symptome der Höhenkrankheit oder er erzählt vor einem gewogenen Publikum von seiner Besteigung des Pik Stalin. Die Abende enden mit Gesang und kaukasischen Lesginka-Tänzen unter dem Sternenhimmel.

Die Versorgungskarawanen bringen immer wieder mal Zeitschriften und Post mit. Eine Ausgabe der Iswestija, die eines Morgens ankommt, berichtet, dass drei Nazis und sieben Sherpas am Nanga Parbat verunglückt sind. Ich lese bei Jewgeni, wie er sich über die Ausbeutung der armen Träger im Himalaya und über die selbstmörderischen Risiken, die die „fanatischen“ Nazibergsteiger eingegangen sind, empört. Der sowjetische Alpinismus verherrlicht den Tod nicht. Er verkörpert für den, der es hören will, Altruismus, Kameradschaft und Unterordnung der individuellen Ziele unter die der Gemeinschaft. Eine prometheische Prüfung. Was die Rote Armee betrifft, so weiß ich aus anderen Quellen, dass sie in diesen Erstbesteigungen sehr wohl eine Verherrlichung der Kühnheit und Selbstaufopferung sieht. Es ging dabei um sakalatsja, sich buchstäblich „härten“ wie Stahl. „Der sowjetische Alpinismus“, schreibt ein Geschichtsschreiber, „ist eine Schule des Mutes für die Massen.“

Der homo sovieticus alpinisticus zeigt trotzdem einige Schwachstellen. Weil ein Arzt und seine charmante Laborantin plötzlich auftauchen, wird das Zeltlager gründlich aufgeräumt. Das kommt gerade recht, denn am 16. August trifft Nikolai Krylenko nach einem Flug in einem Antonow-Doppeldecker im Basislager ein. Er wurde in Moskau wegen der Gesetzesänderung zum Vaterlandsverrat aufgehalten. Diese wird bald Hunderttausende sowjetische Bürger in den Gulag schicken. Hier kann er nun eine Weile eine Pause nehmen von seinem Amt als Militärstaatsanwalt und von den stalinschen Prozessen. Eine seltsame Person, die sich sowohl für das Bergsteigen als auch für Massenrepressionen begeistert. Und die im Sommer die damaligen Tribunale gegen den ewigen Schnee eintauscht.

Schenkt man Ella Maillart Glauben, hatte Krylenko einen „mächtigen Kopf, kahl, über einem kleinen Körper …“. „Sein frappierender Blick strahlt metallisch aus blauer, durchsichtiger Iris.“ Jewgeni und Witali empfangen den Volkskommissar für Justiz, wie es sich gebührt. Die Brüder Abalakow fühlten sich bestimmt geschmeichelt, den Forschungszielen einer solchen Persönlichkeit zu dienen. Nirgendwo in Jewgenis Texten habe ich Angst oder Hass ihm gegenüber gespürt. Ich möchte hier keine zu schöne Geschichte zum Besten geben, in welcher die Berge eine Zufluchtsstätte vor dem aufkommenden Totalitarismus sind. Ich glaube nicht, dass es so war. Ich glaube, dass sie ganz aufrichtig wünschten, dem Sozialismus zum Aufstieg zu verhelfen. Am Abend von Krylenkos Ankunft notiert Jewgeni in seinem Tagebuch die Gespräche über die Aufstiegsroute und erinnert sich an die Seeteufelleber-Konserven an Wassermelone.

Von nun an beginnen die Aufstiege mit Eseln und Pferden, am unteren Gletscher vorbei, zu den höher liegenden Lagern. Wegen der physiologischen Laborgeräte ist die Ausrüstung sehr schwer. Der sowjetische Alpinismus muss vor allem der Wissenschaft und nicht „wie bei den Nazis“ nur der Propaganda dienen, wie ich weiß nicht mehr wer sagt. Krylenkos Expedition transportiert ein wenig kartesianisches Gepäckstück: eine Leninbüste. Damals waren die Rucksäcke mit Plakettenansteckern bestückt, die, ähnlich wie Devotionalien für die Kirche, die kommunistischen Phrasen und Embleme der UdSSR propagierten. Und da, plötzlich, taucht beim Überqueren eines kleinen Passes der Pik Lenin auf wie ein gigantisches Denkmal für den Chef der Bolschewiken. Er ist ein Koloss von Berg, so breit wie der Horizont versperrt er die ganze Landschaft, indem er sie ganz in Weiß taucht. Die Rote Armee errichtet am Fuß des Berges das aus niedrigen Zelten und Holzkisten bestehende Lager 1.

In den Folgetagen schreiten die Militärtruppen voran über die zahlreichen Gletscher und ihre Spaltenlotterie. Die Offiziere tragen alle eine Pistole am Gürtel. Nikolai Krylenko scheint schon erschöpft zu sein. Er ordnet die Errichtung mehrerer Zwischenlager an. Jedes Mal werden die Biwakzelte wieder abgebaut und ein Stück weiter nach oben getragen. Dann werden sie im tiefen Schnee und bei drohender Lawinengefahr wieder aufgestellt. Das Gelände weist jedoch keinerlei technische Schwierigkeiten auf. Jewgeni und Witali verzweifeln angesichts dieser Langsamkeit. Der Gipfelgrat scheint zum Greifen nah … Sie müssen sich vorerst damit zufriedengeben, die Landschaft zu bewundern. Flüchtige Rottöne legen sich nach und nach auf das Mosaik der Séracs, kurz bevor die Sonne hinter der schwarzen Bergkulisse versinkt.

Am frühen Morgen des 29. August, irgendwo in der breiten Nordwand des Pik Lenin, warten die Männer geduldig und dösen vor sich hin. Kein Befehl, keine Anweisung dringt aus dem Zelt des Volkskommissars für Justiz. Dann wird die Anordnung eines Gipfelsturms „ohne Rucksack“ von Mann zu Mann weitergegeben. Das heißt, dass alle noch am selben Tag den Gipfel erreichen und wieder absteigen sollen. Es hat minus fünfzehn Grad Celsius, ohne den irrsinnigen Wind wäre die Sonne sogar angenehm. Die Seilschaften verstreuen sich auf der unberührten Bergflanke. Jewgeni friert durch das ständige Warten auf die Truppe. Die Seilschaften der Armee erreichen erst mittags den Grat. Aber dann erscheint im Süden das gesamte Pamir-Gebirge, das riesige Plateau, das sich von Tibet her erstreckt, ein unendlicher Wald aus eisüberzogenen Gipfeln. Und dort, am Ende dieser offensichtlichen Linie, der man nur bis in den Himmel folgen muss, der Gipfel des Pik Lenin …

Allerdings wird die Expedition nicht viel weiter kommen. Krylenko ist erschöpft und fordert seine Offiziere auf, Lenins Büste schon hier feierlich aufzustellen. Die 24 Soldaten und die Brüder Abalakow beglückwünschen sich herzlich und überspielen ihre Enttäuschung. Ein Foto verewigt den Trupp und das winzige Denkmal für den Gründer der UdSSR, das sie irgendwo zwischen 6000 und 7000 Metern Höhe in den Neuschnee setzen. Man erkennt im Hintergrund den Fedtschenko-Gletscher, der Pik Stalin aber, den Jewgeni im Vorjahr bestiegen hat, verbirgt sich hinter den Wolken. Er hätte ihn so gerne gesehen. Er würde so gerne bis zum Gipfel des Pik Lenin vordringen. Ein martialischer Befehl schallt durch die dünne Luft: „Anseilen! Abstieg!“ Und die Männer verstreuen sich, nach ihren Aufstiegsspuren suchend, in den Hängen.

Zurück im Basislager, im Grünen, ganz unten. Die Brüder Abalakow sind insgeheim frustriert. Die Soldaten bräunen sich auf ihren Matratzen in der Höhensonne. Jewgeni fertigt gerade eine Zeichnung für die Zeitschrift Iswestija an, als Krylenko ihn zu sich in sein Zelt bestellt, vielleicht in Begleitung Witalis, von dem in den Tagebüchern seines Bruders nur sehr selten die Rede ist. Der schreckliche Generalstaatsanwalt der UdSSR leidet unter Erfrierungen, die Saison ist bereits weit vorangeschritten und er muss vor dem Ende des Sommers noch weitere Regionen des Pamir-Gebirges erkunden. Er muss „die weißen Flecken liquidieren“, wie er es selbst ausdrückt. Allerdings ist er einverstanden, dass die Brüder Abalakow ohne ihn und in Begleitung von drei Offizieren versuchen, den Gipfel zu stürmen. Er braucht die beiden jungen Sibiriaken, um seine Expedition trotz allem als erfolgreiche Mission präsentieren und sich hinterher vor der Regierungsspitze damit rühmen zu können. Ich habe in den Archiven ein Fotoalbum angesehen, das er bei seiner Rückkehr Marschall Kliment Woroschilow geschenkt hat. Der Umschlag ist ein Originalaquarell von Jewgeni Abalakow, und auf einem der Abzüge zeigt sich Krylenko in kühner Forscherpose. Hinter ihm scheint ein Schreiber die Namensgebungen zu notieren, mit denen er die unberührten Gipfel tauft: Pik Clara Zetkin (deutsche Kommunistin), Pik Swerdlow (Mörder der Zarenfamilie), Pik Tsyurupy (Revolutionär) oder auch Pik Krassin (idem) und weitere Akteure der Oktoberrevolution.

Am 3. September, nach einem Abschiedsessen, geschieht alles genau so, wie es Jewgeni glücklich in seinen Notizbüchern festhält: „Krylenko wird auf ein Pferd gesetzt“ und die Karawane des Volkskommissars für Justiz setzt sich in Bewegung. Endlich sind sie frei! Es gibt „keine Truppen, keine Trillerpfeife, keine Pausen“ mehr, schreibt Jewgeni weiter. Am 4. September um 8 Uhr 15, nach einem Tee und ein paar Konserven, machen sich die Seilschaften, die von Krylenko dagelassen wurden, auf den Weg, angeführt von den entfesselten Brüdern Abalakow. Sie erreichen 5600 Meter, kurz vor einem nächtlichen Sturm. Am nächsten Tag strahlt die Sonne, aber die Soldaten verspäten sich wegen einer Suppe, die zu lange auf kleiner Flamme kocht. Die Brüder Abalakow sind inzwischen schon sehr hoch gestiegen. Am 6. suchen sie auf 6600 Metern erfolglos eines ihrer Lager, das vom Schnee begraben wurde, schließlich schlagen sie woanders ihre Zelte auf. Jewgeni ist in Bestform, sein Bruder döst ruhig vor sich hin. Am 7. macht sich die Handvoll Männer endlich zusammen auf den Weg zum Gipfel. Wie immer sind die Abalakows vorn. Sie stürmen los, befreit von der Last der Politiker, des unerfahrenen Soldatenhaufens und der Büste Lenins.

Der Lenin wird in wenigen Stunden ihnen gehören.

Bis plötzlich ein Schrei die trockene Luft durchdringt. Er kommt von einem jungen Offiziersanwärter namens Ganezki. Witali steigt ab, um nachzusehen, was passiert ist, und steigt wieder auf, um zu erklären, dass der Junge steif vor Erfrierungen ist. Er kann sich nicht mehr bewegen, weder nach oben noch nach unten. Er muss abtransportiert werden. Zumal es sich um einen Schützling Nikolai Krylenkos handelt. Er ist der Sohn eines berühmten jüdisch-polnischen Revolutionärs, der für Musik, Bühne und Zirkus in der UdSSR zuständig ist und ein Nahestehender des verstorbenen Wladimir Iljitsch war. Beklemmende Stille. Einer der beiden Brüder Abalakow wird nicht zum Gipfel steigen.

Ein Soldat weist Jewgeni schließlich darauf hin, dass er schon den Pik Stalin in der Tasche hat. Er sollte zurücktreten und den Lenin seinem Bruder überlassen. Man hört nur den Wind und das Flattern der Kleidung. Beißende Kälte in den Gesichtern. Jewgeni schaut vielleicht nach oben, nach jenen 7000 Metern, die zum Greifen nahe sind. Dann meldet er sich freiwillig. Zum zweiten Mal wird er von anderen gezwungen zu verzichten. Das schwere Los eines Bergführers. Unten ruft der Verletzte verzweifelt um Hilfe. Er muss zu ihm absteigen. Als sie sich verabschieden, rät einer der Offiziere Jewgeni, dem Leidenden die Pistole abzunehmen. Man weiß nie, zu welchen Verzweiflungstaten Schmerz führen kann.

Das Opfer, das Jewgeni bringt, ist eine Schlüsselszene in der gleichnishaften Erzählung der Brüder Abalakow. „Für einen sowjetischen Alpinisten ist es absolut selbstverständlich, auf das Ziel zu verzichten, um einen Kameraden zu retten“, erklärt ein Autor. Ausländer hätten das natürlich nicht so gemacht! Ich für meinen Teil denke, dass Jewgeni in diesem Moment unter dem strahlenden Himmel vor Wut schäumt. Während er Ganezki beim Absteigen hilft, erreichen Witali und zwei Soldaten niederen Ranges den Grat, wo sie problemlos die Leninbüste wiederfinden. Sie packen sie in einen Rucksack. Der Grat ist „breit wie die Leningrader Chaussée“ und führt nach einem letzten Felsabschnitt gerade auf den Gipfel zu. Am späten Nachmittag setzen sie endlich Fuß auf den mit 7134 Metern zweithöchsten Berg der UdSSR. Zumindest denkt man das zu diesem Zeitpunkt.


Der Pik Lenin in einer Aufnahme der deutsch-sowjetischen Alai-Pamir-Expedition von 1928

Laut Witali fanden sie dort oben keinen Beweis der deutschen Besteigung von 1928. Sofort machen sie sich daran, ein ach so patriotisches Zeichen zu hinterlassen. Die mit einem adrianopelroten Tuch umhüllte Leninbüste befestigen sie an einem Stein. Man kann sie auf einem Archivfoto sehen, lächerlich klein wie die Statuette eines heidnischen Gottes einer untergegangenen Zivilisation. „Der große rote Christus“, schrieb Cendrars. Zum ersten Mal wurde eine Büste in solche Höhen getragen. Der Kult um das Politikerpaar Lenin-Stalin war in vollem Gange. Ich weiß nicht, ob Witali stolz auf diese militärische Heldentat gewesen ist. Fühlten er und die Armeeoffiziere sich dort oben gezwungen, etwas feierlich zu sein? Hielten sie vor dem gleichgültigen Schnee und den reglosen Steinen eine schöne Rede? Unternahmen sie irgendetwas in Bezug auf eine klassenlose Gesellschaft und die Diktatur des Proletariats als Übergangsphase zum Sozialismus?

Auf den wenigen Fotografien erkennt man Witali neben seinen beiden Kameraden. Seine Glatze ist größer. Er ist sonnengegerbt, ohne Bart, eigentlich gutaussehend in seiner improvisierten Ausrüstung. 1934 wird für ihn wahrscheinlich ein unvergessliches Jahr. Er tritt aus dem Schatten seines Bruders heraus. Er gelangt ins Scheinwerferlicht und auf die ersten Seiten der sowjetischen Presse. Nach Jewgenis Tagebüchern, der im Basislager auf Witalis Rückkehr wartet, wird die Eroberung des Pik Lenin so begossen, wie es sich gehört. Weit weg vom Justizkommissar Krylenko, der damit beschäftigt ist, alle Berge des Pamir mit marxistischen Namen zu taufen.

EROBERUNG DES NÜTZLICHEN16

Witali kehrt nach Moskau zurück. Ich denke nicht, dass ich damit falsch liege, wenn ich sage, dass er in jenem Jahr mit allem Glück hat. Bald gelingt ihm die Winterbegehung des Elbrus, bevor man ihn zum „Meister des Alpinismus“ ernennt. Kurz darauf bekommt Valentina ihr erstes Kind, Oleg. Eigentlich ihr zweites. Das Paar hat ein Jahr zuvor seine kleine Tochter verloren. Beinahe hätten sie sich getrennt. Das freudige Ereignis bringt ein wenig Glück in das Eheleben und die UdSSR gewährt seit Kurzem Mutterschaftsurlaub. Zweifellos ein Fortschritt, der mit dem Recht auf Schwangerschaftsabbruch einhergeht. Valentina hat jedoch nicht die Absicht, zuhause zu bleiben. Sie ist eine typische vom Joch der Orthodoxie befreite sowjetische Frau. Sie wird überall mit ihrem Mädchennamen erwähnt. Wie viele Sibiriakinnen hat sie ein breites Gesicht und eine stämmige Figur. Für manche würde sie nicht sehr feminin aussehen, aber auf den Schwarz-Weiß-Fotos strahlt sie eine ungewöhnliche Jugend und Kraft aus. Auch für sie sind die Berge eine Leidenschaft.

Bei Jewgeni und Anna gibt es noch keinen Nachwuchs. Ich glaube, dass die beiden ein festlicheres Leben führen. Jewgeni ist in der UdSSR der 1930er-Jahre erfolgreich. Seine Leistungen haben auch seine Werke ins Scheinwerferlicht gerückt und das Paar verkehrt mit einem Teil der kulturellen Elite. Sie fahren oft in die Datscha der Familie, die sich in der Nähe von Wnukowo in der Moskauer Gegend befindet und wo sich oft ein Kreis von Schriftstellern trifft. Annas Schwager ist nämlich der Schriftsteller Sergei Klytschkow, ein Freund Sergei Jessenins17. Jessenin zieht einen ganzen Kreis heute vergessener Literaten an, darunter auch Sergei Michalkow. Ihm wird man später die Verse der sowjetischen Hymne verdanken, die die Internationale ersetzt. Er ist auch der Autor folgender bekannter Worte: „Der Kluge geht nicht auf den Berg, der Kluge geht um den Berg herum …“

Wunderbare Abende im ländlichen Moskauer Umland. Ein Gerücht sagt, dass Ossip Mandelstam eines Tages persönlich hier vorbeigekommen sei. Sollte das stimmen, dann muss das im Frühjahr vor seiner Verhaftung wegen seines Epigramms gegen Stalin passiert sein. Darauf muss er ins Exil. Im Übrigen wurde ein weiterer häufiger Gast der Datscha, Nikolai Kljujew, nach Tomsk deportiert, wo er später wegen seiner Gedichte erschossen wird. Er hat sowohl die Kollektivierung als auch die mörderische Ausbeutung der Gefangenen beim Bau des Weißmeer-Kanals kritisiert. Die Nachricht von Sergei Kirows18 Ermordung legt sich bleiern über das Land. Immer öfter verfinstern schwere Gedanken die Blicke. In solchen Augenblicken setzt sich Anna ans Klavier, ihre Hände fliegen über die Tasten, sie zieht alle in den Bann. Für kurze Zeit vergessen sie die dunklen Vorahnungen, die ihre Seelen bedrücken.

Merkwürdigerweise habe ich weder ein Porträt noch eine Skizze gefunden, die Jewgeni von Anna gemacht hätte. Er hat andere Musen. Seine Skulpturen verewigen den Dichter Wladimir Majakowski und den Schriftsteller Maxim Gorki im Stil des sowjetischen Realismus. Sein Werk entspricht genau den Erwartungen, die man von einem Künstler unter Stalin hat. Er ist kein Künstler der Rebellion – sein Werk ist mit dem damaligen Kanon konform; seine Themen sind ideologisch geradlinig. Außerdem ist sein Leben geteilt zwischen sozialistischen Ausstellungen und dem Bergsteigen. Dort liegt sein größeres Talent, und ich glaube nicht, dass er beide Genres vermischt. Von ihm sind die dünnen Lenin-Abgüsse nicht, die man auf die hohen Gipfel trägt.

1935 hat die UdSSR eine neue Mission für die Brüder Abalakow. Im Frühjahr weist man sie einer Erkundungsexpedition in der Turkestankette zu. Witali und Jewgeni entdecken jetzt, wozu der Alpinismus noch herhalten soll. Das Land wird im Eilschritt industrialisiert. Die Fünfjahrespläne verlangen immer größere Mengen Rohstoffe. Für die Brüder ist die Zeit gekommen, einen handfesteren Beitrag zum Aufbau des Kommunismus zu leisten. Alles im Land der Sowjets dient wie ein Rädchen im Getriebe einer so viel größeren Aufgabe: dem Fortschritt.

Witali und Jewgeni brechen also 1935 in Richtung Turkestankette auf, ein im Vergleich zum Pamir unspektakuläres Gebirgsmassiv, das diesen bis zur Oase Samarkand verlängert. In dieser mythischen Stadt Usbekistans finden die Brüder wieder ein ihnen vertrautes Zentralasien vor. Die Parandschas19 geistern durch die Stadt, trotz des Fortschritts der Befreiung der sowjetischen Frau. Während die Frauen auf ihren verschleierten Köpfen alle möglichen Lasten tragen, schlürfen die Männer im Schneidersitz in den Tschaichanas20 ihren Tee. Jewgeni malt dort ein Aquarell der berühmten Medresen auf dem Registan-Platz. Er liebt die antiken Durchgangsstädte der Seidenstraße und die Ruinen des Timuridenreichs. Die Lastwagen der Erkundungsexpedition machen noch Halt in Buchara, bevor sie in das fruchtbare Ferghana-Tal eindringen.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
23 temmuz 2025
Hacim:
283 s. 22 illüstrasyon
ISBN:
9783702239732
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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