Kitabı oku: «Geschichte der Türkei»

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Cengiz Günay
Die Geschichte der Türkei
Von den Anfängen der Moderne bis heute
BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR · 2012
Dr. Cengiz Günay ist am oiip – dem Österreichischen Institut für Internationale Politik in Wien tätig und unterrichtet an der Universität Wien.
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Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Satz: synpannier. Gestaltung & Wissenschaftskommunikation, Bielefeld
Druck und Bindung: AALEXX Buchproduktion GmbH, Großburgwedel
Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier
Printed in Germany
UTB-Band-Nr. 3301 | ISBN 978-3-8463-3301-3 | ISBN Print 978-3-8252-3301-3
In Liebe für Oya
Sen sen olduğun için
Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Einleitung
I. Das osmanische Reich
Das Entstehen eines Großreiches
Die politische und wirtschaftliche Struktur
Die osmanische Gesellschaft
Staat und Religion
II. Modernisierung – ein Paradigmenwechsel
Zerfallserscheinungen
Lokale Machtfaktoren
Die ersten Zeichen der Öffnung
Die Neue Ordnung
Der Aufstieg Ägyptens
Die Tanzimat-Ära
Die Jungosmanen
Die erste Verfassungsperiode
Die hamidische Ära (1878 – 1908)
Die Jungtürken
Die zweite Verfassungsperiode
Die Balkankriege – der Anfang vom Ende
Die Geburt des türkischen Nationalismus
III. Die Republik
Die Lage nach dem Krieg
Mustafa Kemal betritt die Bühne
Der Befreiungskampf
Die Voraussetzungen für einen türkischen Nationalstaat werden geschaffen
Die Situation der Minderheiten
Die Konstruktion der Türk Ulusu
Die Errichtung einer Einparteiendiktatur
Atatürk Inkilaplari – Die kemalistische Kulturrevolution
Der türkische Laizismus
Die Tradition des paternalistischen Staates
Nach Atatürk
Unzufriedenheit mit der Wirtschaftspolitik – der Nährboden für Opposition
IV. Demokratie entlang gesellschaftlicher Bruchlinien
Übergang zum Mehrparteiensystem
Die Ära der Demokratischen Partei
Die Armee: Wächterin über das Modernisierungsprojekt
Die Rückkehr zur Demokratie
Demirel, ein Ingenieurspolitiker
Urbanisierung und wachsende Fragmentierung
Ethnisch-religiöse Bruchlinien und politisch-ideologische Identitäten
Rechts- und Links-Begriffe im türkischen Kontext
Die Mitterechts: Das Bollwerk gegen den Kommunismus
Das Auseinanderbrechen der Mitterechtskoalition
Die islamistische Bewegung
Die nationalistische Bewegung
Das Militär greift erneut „korrigierend“ ein
Links von der Mitte: Die Staatspartei erfindet sich neu
Die Zypernkrise
Die Nationalistische Frontregierung
V. Der Sieg der Rechten: Marktwirtschaft und Konservativismus – Die Türkei nach 1980
Der Coup der Generäle
Die Ära des Özalismus
Eine zersplitterte Parteienlandschaft entsteht
Der Kurdenkonflikt
Eine Frau an der Spitze
Der Aufstieg der Islamisten
Die Islamisten an der Macht
Der 28. Februar: ein anti-islamistischer Putsch
Die letzte Ära Ecevit – Das Ende des Projektes Links von der Mitte
Die Parteienlandschaft ordnet sich neu
Die AKP und das Projekt der „Konservativen Demokratie“
Die Ära der AKP
Eine lange und beschwerliche Reise nach Europa
VI. Schlussfolgerungen
VII. Bibliographie
Register
Rückumschlag
Einleitung
Die neuere Geschichte der Türkei ist geprägt durch das Streben nach Modernisierung. Modernisierung stellte den Versuch dar, Antworten auf Herausforderungen der westlichen Moderne in der schrittweisen Eingliederung und Anpassung an diese zu finden. Die Moderne umfasst in diesem Zusammenhang kein präzises Konzept. Der Begriff beschreibt vielmehr eine ganze Palette an Phänomenen, die die Verbreitung des Kapitalismus und die Integration immer weiterer Weltregionen in die revolutionären Prozesse, die damit verbunden waren, begleiteten. (Vgl. Zubaida, 2011) Modernität bezeichnet aber nicht nur einen Prozess, sondern auch eine Periode, die Ende des 18. Jahrhunderts begann und sich bis zum heutigen Tag auf verschiedene Arten fortgesetzt hat. (Bayly, 2004: 26) Im Falle der Türkei ging die Modernisierung (modernleşme) von den bürokratischen Eliten im Zentrum aus. Sie betrachteten Modernisierung als einen linearen Entwicklungsprozess. In der Anpassung an westliche Normen, Konzepte, Denk- und Verhaltensweisen sahen sie eine Chance, um den schwachen Staat stärker, zentralisierter und damit widerstandsfähiger gegen die Herausforderungen der westlichen Moderne zu machen. Modernisierung wurde dadurch mehr als in anderen Ländern zu einem durch die Staatseliten vorgegebenen politischen und zivilisatorischen Reformprogramm.
Das Aufeinandertreffen der autochthonen Wirtschaftssysteme und der traditionellen gesellschaftlichen und politischen Strukturen mit der europäischen Moderne erfolgte in den meisten Fällen nicht friedlich. Die Hegemonie der europäischen Moderne war meist mit militärischer Eroberung, zumindest aber mit massiver wirtschaftlicher und kultureller Expansion verbunden.
Im Gegensatz zu anderen Gesellschaften der Peripherie geriet das Osmanische Reich nie unter direkte koloniale Herrschaft. Das
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Aufeinandertreffen mit der westlichen Moderne war daher nicht, wie z. B. in Ägypten oder Indien durch Fremdherrschaft und Unterdrückung geprägt.
Das Osmanische Reich, das an seinem Höhepunkt weite Teile Ost- und Südosteuropas sowie den gesamten Mittelmeerraum beherrschte, war ab dem 17. Jahrhundert zusehends ins Hintertreffen geraten. Seit der misslungenen Belagerung Wiens 1683 befand sich das Reich in einem Prozess des territorialen Rückzugs. Mit dem Ende der Expansion, die ein wichtiger Bestandteil des osmanischen Systems gewesen war, geriet das Reich in eine Krise. Die staatlichen Strukturen, die Wirtschaft und vor allem das Militär befanden sich im Verfall.
Die Geschichte der Modernisierung im Sinne der Anpassung an die westliche Moderne setzte hier an. Ende des 18. Jahrhunderts rief Selim III. ein Reformprogramm mit dem programmatischen Namen „Neue Ordnung“ aus. Vorrangiges Ziel war die Wiederherstellung der geschwächten staatlichen Autorität. Es galt das Reich neu zu ordnen, der Korruption und Misswirtschaft den Garaus zu machen, die Effizienz der Administration zu steigern und die Steuereinnahmen zu erhöhen. Dabei orientierte man sich an den erfolgreichen Erfahrungen in europäischen Staaten wie Frankreich, England und Österreich. Als Vorlage dienten umfassende Berichte osmanischer Diplomaten über die militärischen, administrativen und technischen Entwicklungen und Neuerungen in den jeweiligen europäischen Ländern, in die sie entsandt worden waren.
Die Modernisierung sollte vom Staat und seinen Institutionen ausgehen. Damit versuchte man den Entwicklungsprozess umzukehren. Während in Ländern wie Frankreich, Großbritannien, Österreich und Preußen die Institutionen, die man sich zum Vorbild nahm, als das Ergebnis eines gesellschaftlichen und kulturellen Prozesses entstanden waren, versuchte man diesen im Reich durch die Übernahme dieser Institutionen auszulösen. Gesellschaftliche und soziale Aspekte spielten in den Überlegungen der Reformer kaum eine Rolle. Das vorrangige Ziel war es, den Staat zu stärken und dadurch zu retten. Die Stärkung der staatlichen Institutionen und Strukturen und später die Reform des Rechtswesens sollten den Übergang von einem lose organisierten mittelalterlichen Reich zu einem modernen Konzept des westfälischen Staates
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mit Territorialitätsprinzip, starken zentralstaatlichen Institutionen, einem absoluten Machtmonopol, Steuerhoheit und voller Souveränität nach innen und nach außen gewährleisten.
Die Auseinandersetzung fand zwischen alten und neuen Eliten statt. Im Zuge der Reformen waren Militär- und Verwaltungsakademien gegründet worden, die die Aufgabe hatten, Kader für ein reformiertes modernes Heereswesen bzw. eine effiziente Verwaltung auszubilden. Es sollten diese neuen Kader sein, die die Modernisierungsbewegung tragen und vorantreiben sollten. Sie verdrängten zusehends die traditionellen militärischen Einheiten und drängten den Einfluss der Geistlichen (ulema) zurück. Die Anpassung an die Moderne erfolgte also zu Ungunsten der traditionellen politischen und wirtschaftlichen Strukturen. Sie war begleitet von einer schrittweisen Säkularisierung des Systems. Auch der Absolutismus des Sultans wurde zurückgedrängt, stattdessen gewann die reformorientierte Bürokratie an Einfluss.Angesichts eines nun starken und zentralisierten Staates, dem eine heterogene und nur schwach organisierte Gesellschaft gegenüberstand, kam es zur Errichtung der Despotie der hohen Bürokratie.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Modernisierung immer stärker mit Verwestlichung (batılılaşma) gleichgesetzt. Gemeint war damit nicht nur die Übernahme von Technologie und Institutionen, sondern eine zivilisatorische Transformation, die die bewusste Übernahme von Denk- und Lebensweisen, von Mode, Geschmack und Vergnügen sowie von Verhaltenscodes beinhaltete. Diese starke Ausrichtung nach Europa ging einher mit der Abwertung der eigenen Tradition, Kultur und Geschichte, die oftmals aus einem eurozentristischen Blick heraus als „rückständig“ und „primitiv“ empfunden wurden.
Damit setzten sich jene Kräfte unter den Eliten durch, die die Moderne als ein universelles Gut verstanden, das zwar aus der westlichen Zivilisation erwachsen sei, das aber für die gesamte Menschheit Gültigkeit habe und das es deshalb ohne Wenn und Aber zu übernehmen galt. Dieser Ansatz ließ keine „Vielfalt der Moderne“ (Vgl. Eisenstadt, 2008) zu und schloss lokale Ausformungen, die sich von den Konzepten der westlichen Moderne unterschieden, aus. Die westliche Moderne wurde damit zusehends als eine zivilisatorische Entwicklungsebene betrachtet. Um modern
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und damit zivilisiert zu sein galt es demnach so zu sein wie der Westen. Dieses Paradigma leitete den Transformationsprozess.
Mit Mustafa Kemal Atatürk setzte sich nach dem Ersten Weltkrieg eine radikale Gruppe innerhalb der Modernisierungsbewegung durch. Die Republik, die sie gründeten, sollte eine Abkehr von der osmanisch-islamischen Tradition bedeuten und einen Neuanfang darstellen. Die kemalistischen Reformen hatten das Ausmaß einer von oben verordneten Kulturrevolution. Es galt die Gesellschaft und Kultur aus der islamisch-orientalischen Tradition herauszulösen und eine neue türkische Nation zu konstruieren, die dem westlichen Kultur- und Zivilisationskreis angehören sollte.
Die kemalistische Kulturrevolution schuf nicht nur das Rahmenwerk für einen staatlichen türkischen Nationalismus, führte zur Adaptierung des gregorianischen Kalenders und zur Einführung des Sonntags als gesetzlicher Feiertag und verfolgte die gesetzliche Gleichstellung von Mann und Frau, sondern sie machte sich auch daran, die Religion zu reformieren. Durch staatliche Hand sollte ein „türkischer“ Islam geschaffen werden, der sich mit dem türkischen Nationalismus und Prinzip des Laizismus, der gesetzlich verankerten Trennung von religiösen und staatlichen Bereichen, vereinbaren ließ. Religion sollte dagegen zur Privatsache des Einzelnen werden. Zwangsläufig musste dieses Projekt zu Spannungen mit autochthonen und islamischen Traditionen führen. Mit dem Übergang zu einem demokratischen Mehrparteiensystem kamen nicht nur diese Spannungen, die sich aus dem autoritär durchgeführten Transformationsprozess ergeben hatten, an die Oberfläche, sondern es brachen auch gesellschaftliche Bruchlinien entlang ethnisch-religiöser und kultureller Unterschiede auf.
Die türkische Demokratiegeschichte ist damit zu einem hohen Teil geprägt durch die Auseinandersetzung mit dem Modernisierungsprojekt der Eliten. Dabei war auch die Demokratie lange Zeit ein Elitenprojekt. Die Einführung einer Mehrparteiendemokratie war nicht die Folge diesbezüglicher Forderungen, sondern eine Entscheidung der Eliten. Wieder einmal stand nicht das Wohl der Bevölkerung, sondern das des Staates im Vordergrund. Demokratisierung ging daher auch nicht automatisch mit der Liberalisierung des Systems einher. Das System wurde weiterhin
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durch die Vertreter einer städtischen Elitenkultur dominiert. Die Staatsideologie des Kemalismus setzte der Demokratie die legalen Grenzen. Die Integration der breiteren Bevölkerung in dieses Projekt erfolgte schrittweise und ist durch große Spannungen geprägt. Immer wieder erfolgten aus Angst um die Fortsetzung des Modernisierungsprojektes, aber auch zum Schutz von Privilegien, Interventionen durch die Armee. Seit dem Beginn des Modernisierungsprozesses im 18. Jahrhundert hatte sich die Institution der Armee zu einer Vorkämpferin der Anpassung an die westliche Moderne entwickelt.
Auch wenn es sich um eine von den Staatseliten getragene Bewegung handelt, ist heute die Idee der Modernisierung und des Aufholens gegenüber dem Westen tief in der Seele der Türkei verankert. Das Projekt der Modernisierung hat durch die Demokratisierung zwar an Radikalität eingebüßt, es ist aber heute breiter aufgestellt denn je. Die Ausweitung des Elitenprojektes erfolgte durch die staatliche Bildungspolitik, durch die wirtschaftliche Öffnung, die ein privates Unternehmertum ermöglichte, aber mehr noch durch die Integration der verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen in das demokratische System. Insbesondere der reformierte Islamismus und seine Integration in das demokratische System scheinen aus internationaler Perspektive ein Erfolg des türkischen Modernisierungsprojektes zu sein. Der Integrationsprozess verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in das Projekt der türkischen Moderne ist allerdings noch nicht abgeschlossen. Neben religiös-konservativen Strömungen sind es vor allem Bewegungen, die einen nicht-türkischen ethnischen Nationalismus vertreten, wie z. B. kurdische Gruppierungen, die in einem Dialog mit dem Projekt einer türkischen Moderne stehen und diese herausfordern. Durch diesen Prozess veränderten und verändern sich nicht nur die einzelnen Bewegungen, die nach Integration in das System streben, sondern auch das System verändert sich dadurch wesentlich.
Ausgehend von der Annahme, dass die Auseinandersetzung mit der westlichen Moderne einen der wichtigsten Vektoren in der neueren Geschichte der Türkei darstellt, bezieht sich die Darstellung auf die Geschichte der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozio-ökonomischen Transformation. Aus historischer Perspektive sollen dabei verschiedene Aspekte der Modernisierung selbst, aber vor allem auch
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die dadurch hervorgerufenen Entwicklungen, Spannungen und Widersprüche, beleuchtet werden. Das Buch geht dabei der Frage nach, wo die Kontinuitäten liegen und wo sich Brüche auftun. Es zeigt Entwicklungslinien und Muster auf, die trotz oder wegen der Modernisierung Bestand haben und das heutige politische und gesellschaftliche Leben prägen. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf dem ausschließlich politischen Bereich, sondern bezieht auch gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Veränderungsprozesse und deren Folgen ein.
Ein Ansinnen war es auch, bewusst die historischen Hintergründe für Themen und Problembereiche, die im aktuellen Diskurs auftauchen, zu beleuchten. Angesichts der Aktualität und des Interesses für Türkei-relevante Themen soll dadurch einer interessierten Leserschaft die Möglichkeit für einen differenzierteren Blick auf das Land, seine Kultur und seine Menschen geboten werden.
Mehr als eine wissenschaftliche Abhandlung der türkischen Geschichte versteht sich das Buch daher als eine Einführung in das Thema. Die Arbeiten von Autoren wie Erik J. Zürcher, Feroz Ahmad, Halil İnalcık, Andrew Mango, Bernard Lewis oder Taner Akçam dienten bei der historischen Annäherung an das Thema als eine wichtige Stütze. Gleichzeitig konnte ich auf meine eigene längere berufliche und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema zurückgreifen. Eine Sammlung verschiedener zur Türkei, ihrem politischen System, der Geschichte des Islamismus, der Rolle der Religion sowie den Entwicklungen in Zusammenhang mit dem EU-Beitrittsprozess verfasster Texte diente als Ausgangspunkt für dieses Überblickswerk.
Das Buch spannt einen historischen Bogen vom Beginn des Aufeinandertreffens mit der westlichen Moderne bis heute. Es ist chronologisch aufgebaut, erhebt allerdings nicht den Anspruch einer lückenlosen Darstellung der türkischen Geschichte. Die Priorisierung von Ereignissen, Entwicklungen, Akteuren und Faktoren geschah vielmehr selektiv in Hinblick auf die Darstellung des Modernisierungs- und Transformationsprozesses und seiner Folgen.
Die thematischen Blöcke, in die das Buch unterteilt ist, richten sich nach der zeitlichen Abfolge. Das Buch gliedert sich dabei in fünf Kapitel und mehrere Unterkapitel. Der Erzählstrang beginnt mit der politischen,
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gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Struktur des Osmanischen Reiches, erläutert die Hintergründe für das Entstehen der Reformbewegung, beleuchtet die Widersprüchlichkeiten und setzt diese internen Entwicklungen mit externen Entwicklungen in Verbindung. Zentrale Themenkomplexe drehen sich um die Fragen nach gesellschaftlichen, ethnischen und religiösen Bruchlinien, der Rolle des Nationalismus, der Bedeutung von nationalistischen Narrativen, der Rolle des Kemalismus und Laizismus, Spannungen mit dem Islam sowie um die Rolle der Eliten in einem paternalistischen Staat, die Geschichte der Demokratisierung, die Tradition von politischen Parteien und Ideologien und den Wandel, dem sie ausgesetzt sind. Die Darstellung, Beleuchtung und Analyse der neueren türkischen Geschichte endet mit dem Kapitel über die Beziehungen mit der EU, der langen Reise nach Europa.
Im Detail ist das das Buch folgendermaßen gegliedert:
Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Struktur des Osmanischen Reiches, das an der Frontlinie mit dem christlichen Byzantinischen Reich entstand. Die islamische Religion und die Mission des Kampfes gegen die Ungläubigen spielten folglich von Beginn an eine wichtige Rolle in der Selbstdefinition der Osmanen. Die Osmanen waren aber nicht auf Zerstörung bestehender gesellschaftlicher Strukturen aus, vielmehr übernahmen sie weitgehend Elemente von Byzantinern, den arabisch-islamischen Großreichen sowie von den türkischen Nomadenstämmen. In der Tradition der islamischen Großreiche, als deren Nachfolger die Osmanen sich betrachteten, gab der Islam den Rahmen für das Rechtssystem vor. Zudem war der Sultan war nicht nur politischer Herrscher, sondern als Kalif zugleich auch Führer der Gemeinschaft der Gläubigen. Territoriale Expansion war nicht nur Bestandteil einer religiösen Mission, die auf die Verbreitung des Islams hinarbeitete, sondern bildete auch einen wichtigen Bestandteil des Wirtschaftssystems. Mit dem Ende der Expansion und dem Ausfall von Beute sowie zusätzlichem Land, das vergeben werden konnte, geriet das gesamte System in Not. Ziel dieses Kapitels ist es, einen Einblick in die Grundzüge des Aufbaus des Reiches und seine Eigenheiten zu geben und damit Entwicklungslinien, die bis heute prägend sind, darzustellen bzw. die Schwächen, die später zu seinem Niedergang beitrugen, aufzuzeigen.
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Kapitel zwei setzt sich mit dem Paradigmenwechsel, der mit der Modernisierungsbewegung eingeleitet wurde, auseinander. In Folge der immer offenkundiger zu Tage tretenden militärischen Niederlagen und der zunehmenden wirtschaftlichen Hegemonie der europäischen Großmächte setzte ein Umdenken der osmanischen Eliten ein. Der Westen, der Jahrhunderte lang als Expansionsgebiet betrachtet worden war, wurde mit einem Schlag zu einer Quelle der Inspiration und zu einem Vorbild. Um das Fortbestehen des Reiches zu sichern, holten sich die Sultane Militärberater ins Land, kopierten erfolgreiche Institutionen und versuchten das gesamte staatliche und rechtliche System umzugestalten.
Die Öffnung zum Westen erfolgte schrittweise und immer im Rahmen des islamischen Systems. Die Reformen brachten aber weitere Reformen hervor. Modernisierung war keine Forderung, die aus der Bevölkerung gestellt wurde, sondern ein Projekt der Eliten, das autoritär von oben her durchgeführt wurde und das den Zweck hatte, den sterbenden Staat zu retten. Der Schwerpunkt des Kapitels liegt dabei auf der Darstellung der Dynamiken und Akteure hinter der Modernisierungsbewegung. Es wird versucht, Machtstrukturen und Grundlagen für politische Konzeptionen, die damals geschaffen wurden und die bis heute Gültigkeit haben, aufzuzeigen.
Kapitel drei behandelt die sogenannte republikanische Ära, die Zeit der Gründung der Republik unter Mustafa Kemal Atatürk. Es stellt die kemalistischen Reformen, die zum Zwecke der Verwestlichung die Dimension einer Kulturrevolution erreichten, dar. Trotz seiner radikalen Reformansätze vor allem im Bereich der Verbannung der Religion aus dem öffentlichen Raum setzte der Kemalismus in weiten Bereichen dennoch Traditionen des Osmanischen Reiches fort. Insbesondere die Rolle des paternalistischen Staates und die Vorherrschaft der städtischen Eliten wurden durch die Zentralisierung und Modernisierung, die der Kemalismus vorantrieb, eher verstärkt als geschwächt. Das Kapitel bezieht sich deshalb auch auf die Frage des Elitismus und die Rolle der Bürokratie.
Kapitel vier behandelt den Übergang zu einem demokratischen System. Die demokratische Transition erfolgte in der Türkei nicht in Folge eines revolutionären Umbruchs und auch nicht in Folge veränderter wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern war vielmehr eine Entscheidung der Staatseliten, die im Lichte der veränderten
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internationalen Bedingungen getroffen wurde. Folglich kam es auch kaum zu Brüchen mit dem autoritären System, das die Modernisierungsbewegung geschaffen hatte. In der Türkei war also Demokratie nicht die Folge eines sozio-ökonomischen Veränderungsprozesses, sondern löste vielmehr diesen aus. Das Kapitel setzt sich insbesondere mit den gesellschaftlichen, ethnisch-religiösen Bruchlinien und primordialen Verbindungen auseinander, die sich nach dem Übergang zur Demokratie mit politisch-demokratischen Strukturen zu vermischen begannen. Auch die Rolle der Armee und die Folgen ihrer Intervention in den demokratischen Prozess stellen einen zentralen Punkt des Kapitels dar. Der demokratische Transitionsprozess wurde einerseits durch die politische Polarisierung der 1970er Jahre und andererseits durch die anti-demokratischen Interventionen des Militärs in Frage gestellt.
Kapitel fünf beginnt mit dem Putsch der Generäle im Jahr 1980 und zeigt dessen Folgen auf. Der Putsch ermöglichte die reibungslose Einführung der Marktwirtschaft. Es kam zur Zerschlagung der Linken, die von den Eliten als eine Gefahr für die Einheit der Nation betrachtet worden waren. Der Putsch verhalf damit der politischen Rechten zum endgültigen Sieg. Der Islam wurde im Zuge der Einführung der Marktwirtschaft als ein sozialer Dämpfer bewusst durch den Staat eingesetzt. Es sollte zu einer Aussöhnung zwischen kemalistischem Laizismus und Islam kommen. Davon wurden insbesondere konservative Gruppen begünstigt. Mit den 1990er Jahren begann der Aufstieg der Islamisten. Das Kapitel setzt sich näher mit den Hintergründen dieses Aufstiegs auseinander, deutet auf die Rückschläge hin und behandelt die Spaltung der Bewegung und die Gründung einer reformierten islamistischen Kraft. Die Entideologisierung zu Gunsten eines Wertkonservativismus versöhnte die islamistische Bewegung mit der Marktwirtschaft und ermöglichte ihre nachhaltige Integration in das demokratische System. Aufgrund des autoritären Charakters der kemalistischen Institutionen schien die Integration mit Europa für die Islamisten ein Ausweg aus ihrer Diskriminierung. Das konservative-islamische Segment der Gesellschaft, das durch die Hegemonie des kemalistischen Projektes der Verwestlichung von der Mitsprache in Politik und Wirtschaft ausgeschlossen war, konnte durch die AKP zu einem Teil des Systems werden. Dadurch konnte das
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demokratische System gestärkt werden. Gleichzeitig verschob sich aber durch den EU-Beitrittsprozess das Gleichgewicht. Kritiker stellen einen Machtverlust der etablierten kemalistischen Kräfte zu Gunsten der reformierten Islamisten fest.
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I. Das osmanische Reich
Das Entstehen eines Großreiches
Die Geschichte der osmanischen Dynastie beginnt mit Osman Bey (1258 –1326). Osman Bey erbte von seinem Vater Ertugrul Bey die Herrschaft über ein Gebiet im nordwestlichen Anatolien, in der Umgebung von Sögüt, zwischen Eskisehir im Osten und Bursa im Westen gelegen. Die Dynastie der Osmanen gründete sich auf einem der vielen kleinen Fürstentümer, die nach dem Zerfall des seldschukischen Reiches in Anatolien entstanden waren. Diese türkischen Fürstentümer befanden sich zum Teil im Kampf miteinander, zum Großteil aber in Auseinandersetzung mit dem ehemals mächtigen Byzantinischen Reich (Ost-Rom). Byzanz, das einst über den Bereich des gesamten östlichen Mittelmeeres geherrscht hatte, befand sich in einem Rückzugs- und Zerfallsprozess. Neben Angriffen der Araber, Plünderungen durch die Kreuzritter und Interventionen der Venezianer wurde Byzanz zudem durch interne Streitigkeiten und Instabilität geschwächt.
Osman I. konnte seine Kraft gegen den großen Nachbarn mobilisieren und sein Herrschaftsgebiet auf Kosten der Byzantiner rasch ausweiten. Dadurch war das Osmanische Reich, dessen Gründung von Historikern mit dem Jahr 1299 angesetzt wird, von Anfang an ein multi-kulturelles, multi-ethnisches und vor allem multi-konfessionelles Staatswesen.
Als Osman I. starb, überließ er seinem Sohn Orhan ein Gebiet, das dreimal so groß war wie jenes, das er seinerzeit von seinem Vater geerbt hatte. Expansion sollte zu einem wesentlichen Bestandteil der Identität und noch mehr des ökonomischen Systems des entstehenden Großreiches werden. In kurzer Zeit sollten die Osmanen als Herrscher über das gesamte östliche Mittelmeer und die angrenzenden Regionen das Erbe der arabischen Großreiche, sowie des Byzantinischen Reiches, antreten.
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Die Grenzlage zum Byzantinischen Reich und der Kampf gegen dessen christliche Armee hatte das osmanische Fürstentum zu einem Zentrum des ideologischen Kampfes im Namen des Islams gemacht. Seit den Anfängen im siebenten Jahrhundert befand sich der Islam in Auseinandersetzung mit Byzanz. Schon 624 wird von der ersten militärischen Auseinandersetzung arabischer Truppen mit den Byzantinern in Palästina berichtet. Nur zwei Jahrzehnte später beendeten die Araber die byzantinische Vorherrschaft über das östliche Mittelmeer und eine islamische Armee stand zum ersten Mal vor den Mauern Konstantinopels. Insgesamt kam es zu zwölf Expeditionen, um die Stadt zu erobern. Die Eroberung Konstantinopels blieb den arabischen Armeen jedoch verwehrt. Die Stadt wurde dadurch für Muslime sowie Christen zu einem Symbol des Widerstands gegen die Expansion des Islam. (Ahmad, 1993)
Die Osmanen sahen sich als Krieger im Namen des Islam. Die Idee des Dschihad, des Krieges gegen die Ungläubigen, hatten die Osmanen von den Seldschuken übernommen. Das kleine Fürstentum Osmans wurde aufgrund der Grenzlage zum Byzantinischen Reich zu einem Anziehungspunkt für muslimische Kämpfer aus der gesamten Region. Vor allem turkmenische Stammesführer und Krieger, die auf der Flucht vor den aus dem Osten vordringenden Mongolen in Richtung Westen gewandert waren, schlossen sich den Osmanen im Kampf gegen die Byzantiner an.
Expansion beinhaltete demnach neben einer wirtschaftlichen und machtpolitischen Komponente auch eine religiös-ideologische Mission, vergleichbar mit jener der christlichen Kreuzfahrer. Die osmanischen Krieger galten, falls sie im Krieg fielen, als sehit (Märtyrer) bzw., wenn sie überlebten und heimkehrten, als gazis. Die religiöse Mission förderte zweifelsohne den Kampfgeist der osmanischen Krieger und trug dazu bei, dass sie eine Schlacht nach der anderen erfolgreich schlagen konnten. (Vgl. Ahmad, 1993: 16)
Als Mehmet II. (der Eroberer) (Fatih Sultan Mehmet) 1453 mit seinen Truppen Konstantinopel eroberte, war er davon überzeugt, dass er damit eine göttliche Vorsehung erfüllt habe, nämlich, dass die Stadt für Muslime vorbestimmt war. (Vgl. Inalcik,1998: 249) Die Eroberung Konstantinopels stellte einen Wendepunkt dar. Während die christliche Welt
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den Verlust Ostroms beklagte – allerdings war niemand den Byzantinern zu Hilfe gekommen –, besiegelte die Eroberung Konstantinopels den Aufstieg der Osmanen zu Herrschern über ein Großreich.
Am Höhepunkt seiner Macht sollte es sich über ein Territorium, das vom heutigen Ungarn und Serbien über den gesamten Süd-Balkan und Rumänien, vom Schwarzmeerraum über Anatolien, Syrien, Palästina, den Irak, Kuwait, Jordanien, die arabische Halbinsel, einschließlich der heiligen Stätten (Mekka und Medina), den Jemen über Ägypten, bis an die nordafrikanische Küste an den Ausläufern des Atlasgebirges reichte, erstrecken.
Mit Konstantinopel verleibte sich die auf Expansion ausgerichtete Dynastie eine Stadt mit langer imperialer Tradition ein. Die Osmanen übernahmen in weiten Bereichen nicht nur die byzantinische Tradition der absoluten Herrschaft und des Verwaltungswesens, sondern Mehmet sah sich auch als der Nachfolger des byzantinischen Kaisers. Die Verlegung der osmanischen Hauptstadt und des Sitzes des Sultans von Edirne (Adrianopel) nach Konstantinopel, das er in Istanbul umbenannte, sollte diesen Anspruch bekräftigen.
Der Sultan und sein Hof sollten ähnlich wie der byzantinische Kaiser das absolute Zentrum der staatlichen Macht darstellen. Denn alle Macht ging vom Sultan aus.
Turkmenische Notabeln, die bislang ein politisches Gegengewicht zum Herrscher gebildet hatten und die am ehesten eine Basis für eine vererbbare Aristokratie dargestellt hätten, wurden nach der Eroberung Konstantinopels und der Errichtung der zentralen, absoluten Herrschaft des Sultans ausgeschaltet und ihr Eigentum und Landbesitz konfisziert. (Vgl. Ahmad, 2003: 19)
Die Bevölkerung Konstantinopels war durch Kriege, Bürgerkriege und Hungersnöte stark dezimiert. Mehmet II. siedelte deshalb Menschen aus den umliegenden Regionen in der Hauptstadt an. Er achtete dabei darauf eine türkisch-muslimische Mehrheit zu schaffen, dennoch war die Bevölkerung der neuen Hauptstadt weitgehend kosmopolitisch. Neben Türken zählten vor allem Griechen und Armenier, sowie Angehörige anderer christlicher Gruppen sowie Juden zu den Bewohnern der Hauptstadt. (Vgl. Inalcik, 1998: 253)
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Nicht-muslimische Untertanen wie Christen und Juden unterstanden dem Schutz des Sultans. Sie wurden nicht zum Konvertieren gezwungen, ebensowenig gab es den Versuch der Missionierung. Vielmehr wurde das Weiterbestehen christlicher und jüdischer Gemeinschaften gewährleistet, solange sie die Souveränität des Herrschers und die Vormacht des Islams nicht in Frage stellten. Nicht-Muslime entrichteten gemäß der islamischen Tradition spezielle Abgaben. Im Gegenzug waren sie vom Armeedienst befreit. Die endgültige Islamisierung der eroberten Gebiete wurde zwar nicht aktiv betrieben, blieb aber eine ständige Hoffnung der muslimischen Herrscher.
Die Osmanen wollten bestehende Strukturen nicht zerstören, sondern vielmehr übernehmen und adaptieren. Mehmet ließ zwar als Zeichen seiner Macht einen neuen Palast errichten, der das Zentrum des neuen Imperiums darstellen sollte, er erhielt aber gleichzeitig viele der bestehenden Bauwerke.
Die Stadt sollte aber ein muslimisches Antlitz haben. Die wichtigsten Kirchen der Stadt, darunter die Kathedrale der Hagia Sophia, wurden in Moscheen oder Dervish-Klöster umgewandelt. Nicht-muslimische Gotteshäuser wie Kirchen und Tempel durften zwar weiterhin bestehen, bzw. wurde auch der Bau von neuen zugelassen, sie mussten sich aber dem islamischen Stadtbild unterordneten. Inalcik stellt fest, dass bei dem Ansinnen, Istanbul in eine islamische Metropole zu verwandeln, die Überzeugung, dass eine spirituelle Macht zum Sieg der Osmanen über die christlichen Byzantiner beigetragen habe, eine wichtige Rolle spielte. (Vgl. Inalcik, 1998: 251) Auch wenn mit der Eroberung Konstantinopels die Stadt nun zur Hauptstadt eines islamischen Großreiches geworden war, war es gleichzeitig auch weiterhin das kulturelle und spirituelle Zentrum der Orthodoxie. In diesem Sinne hatte das Osmanische Reich sogar dazu beigetragen die griechische Orthodoxie wieder unter einer Herrschaft zu vereinen. Einflussreiche griechische Familien der Stadt, die Phanarioten, sollten im Laufe der osmanischen Geschichte wichtige Posten im Reich besetzen und eine bedeutende Rolle spielen.
Die Eroberung Konstantinopels stillte nicht den Hunger nach weiterer Expansion, vielmehr schien die Erfüllung einer religiösen Vorsehung den
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Drang nach weiterer Expansion größer werden zu lassen. (Vgl. Lapidus, 2002: 253ff.) (Rustow, 1965)
Schon bald konnten die Osmanen ihren Herrschaftsbereich auf das gesamte östliche Mittelmeer, inklusive den Küsten Nordafrikas und des Balkans, ausweiten. Durch die Eroberung des „abbasidischen Kalifats“ in Kairo 1517 und die Eingliederung von Mekka, Medina und Damaskus erlangten die Osmanen die Weltführerschaft über die islamische Welt. Zusätzlich zum Titel eines Gazi, eines „Kämpfers im Namen des Glaubens“ nahmen die osmanischen Herrscher nun auch jene des „Dieners der heiligen Stätten“ und des „Verteidigers der Scharia“ an. Die Osmanen wurden dadurch nicht nur die Kämpfer und Bewahrer eines islamischen Imperiums mit einem Anspruch auf Universalität, sondern ihre Hauptstadt wurde auch zu einem Zentrum für islamische Gelehrte. (Vgl. Lapidus, 2002: 253)
Eine wichtige Rolle bei der Expansion sollte das Infanteriekorps der Janitscharen spielen. Mit der Eroberung der Balkanhalbinsel hatte der Sultan versucht, seine Abhängigkeit von der Unterstützung durch turkmenische Notabeln durch die Rekrutierung junger Christen aus den eroberten Gebieten zu schwächen. Es wurden die tüchtigsten und talentiertesten Jünglinge aus christlichen Familien ausgewählt und in die Hauptstadt gebracht, wo sie zu Muslimen erzogen, ausgebildet und trainiert wurden. Dieses Umerziehungsprogramm, das bis ins 18. Jahrhundert in dieser Form Bestand hatte, wurde devsirme genannt. Devsirme war keine Erfindung der Osmanen, sondern eine Praxis, die es in allerdings anderer Form zuvor auch schon unter den Byzantinern und Abbasiden gegeben hatte.
Nicht alle Janitscharen wurden nach Beendigung ihrer Ausbildung Krieger, vielmehr ermöglichte die Nähe zum Sultan – das Korps galt als ein Teil des Haushaltes des Sultans und war auch als Elitetruppe im Palast angesiedelt – auch den Aufstieg in wichtige Regierungsämter bzw. in die Verwaltung. Die Janitscharen entwickelten aufgrund ihrer besonderen Ausbildung und Stellung einen Korpsgeist. Sie besetzten wichtige Posten im Reich und konnten unabhängig vom Sultan politische Netzwerke aufbauen. Dadurch wurde das Janitscharenkorps im Laufe der Zeit zu einem bedeutenden politischen Machtfaktor innerhalb des osmanischen Herrschaftssystems. Immer wieder intervenierten
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Janitscharen bei Machtkämpfen innerhalb des Palastes und setzten meist blutig den einen oder anderen Sultan, zu Gunsten eines von ihnen favorisierten Thronfolgers, ab. Einfluss und Reichtum waren allerdings das Privileg des Korps und konnten nicht von einzelnen Mitgliedern an ihre Nachkommen vererbt werden. (Vgl. Ahmad, 2003: 19 ff)
Die politische und wirtschaftliche Struktur
Die Eroberung Konstantinopels und der Übergang zu einem islamischen Großreich mit universellem Anspruch legten offen, dass die stammesähnlichen Strukturen des Fürstentums den Erfordernissen eines Imperiums nicht entsprachen.
Mehmet II. versuchte die rechtlichen und politischen Bedingungen für ein multi-ethnisches und multi-konfessionelles Großreich zu schaffen. Die von Mehmet erlassenen Gesetze sollten ein rechtliches Rahmenwerk für ein Reich schaffen, das einerseits durch das Streben nach Expansion, Kriegsbeute und religiöse Mission geprägt war und das nun andererseits zu einem kosmopolitischen, multikonfessionellen Staatswesen angewachsen war.
Es galt neue Institutionen zu bilden, Funktionen zu trennen, ein rechtliches Rahmenwerk zu schaffen und eine Staatstradition zu begründen. Um das wachsende Großreich zu bewahren und zu verwalten, sowie um Steuern eintreiben zu können, mussten rechtliche, administrative und finanzielle Funktionen geschaffen werden, die von den militärischen Funktionen getrennt waren. Ebenso musste die Kasse des Sultans von der Staatskasse getrennt werden.
Die Strukturen des politischen Systems, der Verwaltung und der Staatstradition, die mit dem Aufstieg zu einem Imperium geschaffen wurden, waren nicht statisch und unveränderlich. Vielmehr sollte sich das Reich über die Jahrhunderte in einem stetigen Wandlungsprozess befinden. Einige Institutionen sollten im Laufe der Zeit wieder abgeschafft, umgeformt, neu erfunden bzw. von den Europäern übernommen werden.
Die Strukturen, die im Prozess des Übergangs von einem türkisch-islamischen Stammesfürstentum zu einem islamischen Großreich mit
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multi-ethnischer und multi-konfessioneller Bevölkerung geschaffen wurden, waren durch verschiedene Einflüsse geprägt. Zum einen waren die militärische Organisation sowie die bürokratische Struktur durch die Tradition der zentralasiatischen Turkstämme, die Vorfahren der Osmanen, zum anderen durch die Einflüsse der türkischen Nomaden, die auf der Flucht vor den Mongolen nach Anatolien gekommen waren, geprägt.
Eine andere wichtige Quelle der osmanischen Tradition stellte der sunnitische Islam dar. Der durch die Osmanen propagierte orthodoxe sunnitische Islam baute auf die Tradition der klassischen arabisch-islamischen Großreiche, sowie auf jener der Seldschuken auf. Die Osmanen übernahmen zu einem Großteil das islamische Steuersystem, so wie es in den klassischen arabischen Großreichen angewandt worden war.
Als dritte Quelle für die Struktur des neuen Großreiches gilt neben der islamisch-sunnitischen Tradition und den Traditionen der türkischen Stämme Byzanz. Die Osmanen übernahmen Hofzeremoniell, Verwaltungspraktiken, das Lehenssystem sowie den Absolutismus des Herrschers von den Byzantinern. Auch wenn die Art, Dinge zu erledigen und zu organisieren, von den Byzantinern übernommen wurde, stülpten die Osmanen im Nachhinein den Mantel des Islams darüber. (Vgl. Shaw, 1976: 22 ff.)
An der Spitze des Großreiches stand der Sultan, der absolut regierte. Die Osmanen hatten nicht nur Ansätze einer Aristokratie in den eigenen Reihen ausgeschaltet, sondern eliminierten auch die Aristokratie in den eroberten Ländern. Im Gegensatz zum Westen existierte im osmanischen System damit weder eine erbliche Aristokratie, noch gab es einen vererbbaren Stand von Feudalherren, die als eine politische, wirtschaftliche und rechtliche Zwischenebene zwischen der imperialen Zentralgewalt und der Masse der Untertanen fungieren hätten können. In dem zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert entwickelten osmanischen Staats- und Sozialsystem hingen Macht und Autorität von der persönlichen Delegierung durch den Sultan ab. Der Sultan ermächtigte Mitglieder seines Haushaltes zur Ausübung von Macht in seinem Namen. Durch sie sprach er Recht, verwaltete die Provinzen, rekrutierte Armeen, vergab Land an diese, nahm es nach Belieben wieder weg und trieb durch diese zum Erhalt des Systems Steuern ein. (Vgl. Göcek, 1996: 20)
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Der Sultan wurde in den Provinzen durch einen von ihm ernannten Vali (Gouverneur) vertreten. Die osmanische Verwaltung in den Provinzen war dem Vorbild des Hofes nachempfunden. Der Haushalt der Provinzverwalter spiegelte jenen des Sultans in kleinerem Format wider. Einem starken Zentrum, dem Hof des Sultans, von dem nicht nur Recht, sondern auch wirtschaftliche und religiöse Macht ausging, stand eine relativ schwache physische Präsenz dieses starken Staates in der Peripherie des Reiches gegenüber. Die Präsenz der osmanischen Staatsmacht war vor allem in den entfernten Provinz, in den wenigen städtischen Zentren zu spüren. Während also der osmanische Staat als solcher in den ländlichen Gebieten kaum präsent war, hinterließen die Osmanen in den urbanen Zentren kulturelle und architektonische Spuren ihrer Herrschaft.
Einige Gebiete, die die Osmanen erobert hatten, standen nur formell unter osmanischer Souveränität. Die lokalen Machthaber entrichteten als Zeichen ihrer Unterwerfung Tribut an den Sultan in Istanbul und konnten im Gegenzug auf seinen Schutz vor äußeren Bedrohungen hoffen.
Das traditionelle osmanische System war damit zwar absolutistisch, da jegliche Macht vom Sultan ausging, es war aber keineswegs zentralistisch, vielmehr konnten lokale Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen in den eroberten Provinzen, soweit sie sich der osmanischen Vorherrschaft unterwarfen, sich dem Sultan gegenüber Loyal verhielten und regelmäßig Tribut ablieferten, weitgehend autonom leben.
Bis zu den im 19. Jahrhundert einsetzenden Verwaltungsreformen kann das Osmanische Reich, von seinem Staatswesen her, als ein mittelalterliches Imperium mit losen zentralstaatlichen Strukturen charakterisiert werden. Über Jahrhunderte gab es, ähnlich wie in den mittelalterlichen Reichen Europas, weder eine zentralisierte Exekutivgewalt noch ein einheitliches Verwaltungs- oder Postwesen.
Ein wichtiges Element der politischen Macht bildete neben der religiösen Legitimation des Herrschers die absolute Macht über die Landvergabe. Der Großteil des Bodens war in staatlichem Besitz und unterlag der Verfügungsgewalt des Sultans, der die Bewirtschaftung nach Belieben auf beschränkte Zeit vergeben und auch wieder entziehen konnte. Während privater Landbesitz sich nur auf kleine Einheiten, die meist nur zur Selbstversorgung dienten, beschränkte, vergab der Sultan Ländereien
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und die Rechte zur Eintreibung der Gewinne daraus an Angehörige des Hofes bzw. seiner Armee, die sich aufgrund ihrer Dienste dessen würdig erwiesen hatten. Eine Ausnahme bildete privater Landbesitz, der sich im Eigentum von vakif, religiösen Stiftungen, befand. Während vakif ursprünglich dazu dienen sollten, religiöse und soziale Einrichtungen wie Moscheen, Schulen, Spitäler und ähnliches zu finanzieren, war es über die Jahre auch immer üblicher geworden, dass wohlhabende Mitglieder des Hofes ihr Eigentum so vor dem Zugriff des Staates für weitere Generationen bewahrten.
Die Expansion des Reiches durch Eroberungen förderte die absolute Macht des Sultans. Neu erobertes Land fiel an den Sultan, der dieses als ein Lehen auf Lebenszeit an verdienstvolle Soldaten und Beamte verlieh. Dabei ging das Lehen nicht in das Eigentum des Lehensnehmers über, vielmehr wurden ihm die Erträge aus diesem Lehen übertragen, der Boden selbst blieb im Besitz des Staates und fiel nach dem Tod des Lehensnehmers wieder an diesen zurück. Dadurch wurde ein Lehenssystem geschaffen, das im Prinzip nicht auf Abstammung oder vererbten Privilegien, sondern auf Verdienst um das Reich und auf dem Vertrauen des Sultans beruhte.
Je nach Größe des Lehens wurde in Has, Zeamet und Timar unterschieden. Im Laufe der Zeit sollte die Vergabe von Timars, der kleinsten Einheit, zur Entsoldung von verdienstvollen Reitersoldaten, den Sipahis, dienen. Das Timar-System war eines der wichtigsten Bausteine des osmanischen Reiches.
Die Lehensnehmer, die sogenannten Timarioten, verpflichteten sich dazu, auf dem ihnen übergebenen Lehen zu leben. Sie waren mit bestimmten öffentlichen Aufgaben wie der Erhaltung der öffentlichen Ordnung und der Förderung der Ernteeinnahmen, sowie mit dem Recht, Steuern von ihrem Timar einzuheben, betraut. Aus Sicht der staatlichen Zentralgewalt war vor allem die Verpflichtung der Lehensnehmer, in ihren Lehen Soldaten zu rekrutieren, auszubilden und auszurüsten, wichtig. Mitte des 16. Jahrhunderts konnten dadurch ca. 200.000 ausgerüstete Soldaten aufgebracht werden. (Vgl. Inalcik & Seyitdanlioglu, 2006: 18)
Im Gegensatz zu Lehenssystemen im mittelalterlichen Kontinentaleuropa war das Timar-System auf die Lebensdauer des Lehnsherrn
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beschränkt. Das osmanische System sah wie erwähnt nicht die Möglichkeit der Vererbbarkeit eines Lehens vor. Dadurch sollte das Entstehen eines vererblichen Adelsstandes und damit alternativer Macht- und Wirtschaftszentren verhindert werden. Das Timar-System führte dazu, dass die Lehnsherren kaum an einer langfristigen Verbesserung der Produktionsbedingungen oder dafür notwendigen Investitionen interessiert waren. Stattdessen veranlasste sie die beschränkte Dauer des Lehens dazu in der kurzen Zeit die ihnen zur Verfügung stand aus dem ihnen übertragenen Landstrich so viel Ertrag wie möglich zu erwirtschaften.
In wirtschaftlicher Hinsicht war das Osmanische Reich durch Landwirtschaft geprägt. Die landwirtschaftliche Produktion erfolgte hauptsächlich in kleinem Maßstab. Über die Jahrhunderte hatte das Reich keine zusammenhängende Wirtschafts- oder Fiskalpolitik entwickeln können. Vielmehr kann die Wirtschaftsstruktur als vorkapitalistisch bezeichnet werden. Die Wirtschaftspolitik, soweit man diese als solche bezeichnen kann, zielte auf die Versorgung der Bevölkerungszentren sowie das Eintreiben von Steuern ab. Die Unterschiede in der wirtschaftlichen Struktur und der wirtschaftlichen Entwicklung unter den einzelnen Regionen des gewaltigen Reiches waren sehr groß. Dies bedingte unterschiedliche Entwicklungen, die aufgrund der ab dem 17. Jahrhundert immer stärker spürbaren politischen und militärischen Schwäche der osmanischen Zentralgewalt kaum überwunden werden konnten. Die bevölkerungsstarken Provinzen des Balkans verfügten über eine gänzlich andere Wirtschaftsstruktur als z. B. die dünn besiedelten arabischen Provinzen, die von nomadischer Wirtschaft geprägt waren. Der Binnenhandel unter den einzelnen Regionen des Reiches war sehr gering. Es konnte sich dadurch über die Jahrhunderte keine Wirtschaftseinheit bilden. (Vgl. Zürcher, 2004: 9ff).
Der Krieg und die territoriale Expansion hatten einen wichtigen Bestandteil des wirtschaftlichen, politischen und militärischen Systems des Reiches dargestellt.
Die Ära unter Suleiman I. dem Prächtigen (Kanuni Sultan Süleyman) (1520 –1566) gilt als der Höhepunkt des Osmanischen Reiches. Während das 16. Jahrhundert noch durch Ausbreitung geprägt war, sollte mit dem 17. Jahrhundert der lange Prozess des Niedergangs beginnen. Von da
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an sollten sich die Bemühungen der Osmanen auf den Erhalt und die Abwendung des Zerfalls konzentrieren.
Die gescheiterte Belagerung Wiens im Jahr 1683 wird von vielen Historikern als der endgültige Wendepunkt und als Beginn des militärischen, wirtschaftlichen und politischen Niedergangs und des damit einhergehenden unaufhaltsamen territorialen Rückzugs des Reiches betrachtet.
Mit dem Ende der Expansion und dem Ausbleiben der damit verbundenen Kriegsbeuten, Tribute und neuen Einnahmequellen geriet das osmanische System in eine Krise. Das Ende des territorialen Wachstums leitete eine Krise des Lehenssystems und damit zusammenhängend auch eine Steuer- und Finanzkrise ein.
Das Timar-System, das einen wichtigen Bestandteil der Belohnung der Reitersoldaten dargestellt hatte, geriet mit dem Ende der territorialen Expansion in Not. Dem Sultan stand für die Belohnung verdienstvoller Krieger und Beamter immer weniger Land zur Verfügung. Dadurch wurden die Lehen, die vergeben wurden, immer kleiner. Da die Lehnsherren immer größere Anforderungen an die Bauern stellten, ging mit dem Ende der Expansion auch eine Verschlechterung der Situation der Bauern einher.
Das Ende der Expansion leitete eine permanente Finanzkrise ein. Um Engpässe zu überwinden, übertrug der Sultan das Recht auf Steuereintreibung an wirtschaftlich potente Privatpersonen. Das sogenannte Steuerpachtsystem (Iltizam) fand ab dem 17. Jahrhundert vermehrt Verbreitung. In den arabischen Provinzen war das Steuerpachtsystem, basierend auf landwirtschaftlichen Einnahmen, bereits in der klassischen Periode des Reiches die Norm. Das Steuerpachtsystem bedeutete, dass das Recht, in einem bestimmten Gebiet Steuern einzuheben, durch den Staat an den Höchstbietenden versteigert wurde. Der Staat hatte dabei den Vorteil, dass er einen fixen Betrag an Steuern vorfinanziert bekam und dabei nicht von den Erträgen der Landwirtschaft abhängig war. Für die Bauern hatte die Steuerpacht fatale Folgen, weil die Steuerpächter ihre finanziellen Investitionen ohne Rücksicht auf Missernten oder ähnlich bedingte Ertragseinbußen einzutreiben versuchten. Angesichts des Umstandes, dass das Osmanische Reich zum Großteil agrarisch geprägt war, sollte sich die Verschlechterung der Situation der Bauern auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung fatal auswirken. (Vgl. Zürcher, 2004: 17)
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Die osmanische Gesellschaft
Die osmanische Gesellschaft unterteilte sich grob in zwei Klassen. Die Staatsklasse, askeri, wörtlich das Militär, sowie die Klasse der Untertanen, reaya.
Die Staatsklasse (askeri) umfasste all jene Personen, die durch den Sultan mit exekutiver oder religiöser Macht betraut wurden. Die askeri unterteilte sich wiederum in drei unterschiedliche Gruppen, die nach ihren staatlichen Funktionen unterschieden wurden: Die Vertreter der hohen Verwaltung (kalimiye), die militärische Spitze (seyfiye) und die hohe Geistlichkeit (ulema). Während die Verwaltung mit administrativen Aufgaben betraut war, sprach die ulema (die hohe Geistlichkeit) Recht und überwachte rechtliche und finanzielle Angelegenheiten. Beide dieser Arme des Staatsapparates unterstanden der Zentralgewalt, waren aber unabhängig voneinander. So konnte ein vom Sultan ernannter Vali (Gouverneur) z. B. dem lokalen Kadi (Richter) keine Anweisungen geben. (Vgl. Inalcik, 1995: 124) Die ulema wiederum wurde in drei Gruppen von Funktionen unterteilt: Die Kadis (die Rechtsverwalter), die muftis (die Gelehrten und Interpreten des Rechts) und die imame (die Prediger). (Vgl. Ubicini, 1853: 82)
Die osmanische Staatselite hob sich von der breiten Masse der Bevölkerung durch Sprache, Kleidung, Speisen sowie eine osmanische höfische Kultur ab. All diese Eigenschaften der Elite konnten durch Bildung erworben werden. Der Umstand, dass es im Reich keine erbliche Aristokratie gab, förderte eine gewisse soziale Mobilität. Der Aufstieg in die Staatsklasse war nicht abhängig von familiärer, regionaler oder ethnischer Herkunft, sondern beruhte vielmehr auf persönlichem Ehrgeiz, Tüchtigkeit, Verdienste um den Staat und die Gunst des Sultans. Dies ermöglichte es auch Angehörigen unterer sozialer Schichten sowie Vertretern nicht-türkischer Volksgruppen, in hohe Staatsämter aufzusteigen. Ein wichtiges Kriterium war dabei die Angehörigkeit zur islamischen Religion. Wenn auch historisch belegt ist, dass es durchaus auch Beispiele von Nicht-Muslimen gab, die in die Staatsklasse aufgestiegen waren, waren es meist Konvertiten, die im Staatsdienst standen. Der Islam fungierte als eine Art Förderband an die Spitze. (Vgl. Rodrigue, 1996)
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In der klassischen Periode setzte sich die osmanische Herrschaftselite sogar zum Großteil aus christlichen Konvertiten, die aus den Balkanländern stammten, zusammen. Die herrschende Klasse verdankte ihren Status, ihre politische Macht und ihren wirtschaftlichen Wohlstand zur Gänze dem Staat. Dies schuf ein besonderes Loyalitätsverhältnis zu diesem. Die zentrale Stellung von Hof und Staat und die Abhängigkeit der Staatsklasse von den Zuwendungen, wie z. B. Landvergabe, durch den Sultan bedingten eine gewisse Distanz zur Bevölkerung. Der Staat als Wahrer des Rechtes, der Ordnung und nicht zuletzt der Religion galt als das wichtigste Gut, das es zu schützen, bewahren und, wenn notwendig, zu verteidigen galt.
Traditionell hegten die türkischen Staatseliten gegenüber individuellen und sozialen Bewegungen Misstrauen, da sie darin eine Gefahr für die Stabilität und Einheit des Staates sahen.
Die Staatselite fühlte sich einer über den regionalen und ethnischen Unterschieden stehenden osmanischen Hochkultur verpflichtet, die sich aus einem bestimmten Verhaltenscode, Werten, Bildung, Geschmack und dem Bewusstsein der Verantwortung gegenüber dem Staat und seinem Wesen zusammensetzte. Die Elite übte demnach nicht nur Macht aus, sondern sie war auch die Bewahrerin einer klassischen Zivilisation, einer großen Tradition, die einerseits auf den schriftlichen Quellen des Islams und andererseits auf adab, einem angemessenen Verhalten basierte. Während ersteres durch die ulema, die Gelehrten des Islams in den religiösen Schulen, den medresse weitergegeben wurde, wurde adab informell durch Ausbildung und Training den osmanischen Eliten weitergegeben. Die Hochkultur der osmanischen Staatseliten bildete ein wichtiges integratives Element in einem Reich, das durch so viele unterschiedliche ethnische Gruppen geprägt war. (Vgl. Zürcher, 2004)
Der Staatsklasse stand die Gruppe der Untertanen (reaya) gegenüber. Diese Klasse umfasste alle Subjekte des Sultans, die auf osmanischem Territorium lebten, Steuern zahlten und nicht Teil der herrschenden Klasse (askeri) waren. In der großen Gruppe der Untertanen (reaya) wurde zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, Stadtbewohnern, Bauern, sowie Sesshaften und Nomaden unterschieden. Je nach Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Kategorie unterschieden sich Status und die daraus resultierenden Steuerpflichten. (Inalcik, 1995: 124ff.)
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Das Osmanische Reich war wie weiter oben erwähnt agrarisch geprägt. Der Großteil der Bevölkerung lebte in ländlichen Gebieten. Die einzelnen konfessionellen und ethnischen Gruppen lebten meist isoliert voneinander in getrennten Dörfern. Die relativ wenigen Städte des Reiches hingegen, vor allem jene, die in den levantinischen Küstengebieten lagen, waren meist kosmopolitisch geprägt. Allerdings waren auch hier die Wohnorte von Griechen, Armeniern, Juden und Muslimen getrennt. Vor allem zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen herrschte nur eingeschränkt Austausch. Während Nicht-Muslime über eine gewisse Autonomie verfügten, hierzu weiter unten, galten Muslime allein aufgrund des islamischen Charakters des Reiches als den Nicht-Muslimen übergeordnet.
Der Historiker Aron Rodrigue meint in diesem Zusammenhang, dass es völlig falsch ist, in der vormodernen Periode des Osmanischen Reiches in diesem Zusammenhang Begriffe wie Mehrheit und Minderheit anzuwenden. Diese Kategorien hatten in der damaligen Epoche nicht dasselbe Gewicht in politischen Beziehungen wie heute. Zwar bildeten bestimmte Gruppen oder Bevölkerungsgruppen in manchen Regionen des Reiches eine Mehrheit, und auch die Osmanen waren sich laut Rodrigue durchaus der Bevölkerungsverteilung in den einzelnen Regionen des Reiches bewusst. Zu diesem Zweck benutzten sie auch das Mittel der Verbannung, bei dem einzelne Gruppen von einem Ort im Reich an einen anderen ins Exil gehen mussten; allerdings spielte Mehrheit dahingehend keine Rolle, als die Osmanen ihre Herrschaft nicht durch eine demographische Mehrheit legitimierten. (Vgl. Rodrigue, 1996)
Rodrigue weist zudem darauf hin, dass fälschlicherweise Historiker immer wieder über das Osmanische Reich so schreiben, als ob es sich um einen Nationalstaat, in dem eine Mehrheit von Türken über Minderheiten herrschte, handelte. Stattdessen umfasste das System eine Vielfalt unterschiedlicher Gruppen, die alle als „unterschiedlich“ anerkannt wurden. Unterschiede wurden nicht horizontal aufgehoben, sondern vertikal in das politische System integriert. Zwar hatten dadurch manche Gruppen leichteren Zugang zur Macht als andere, aber auch die übrigen Gruppen waren nicht zur Gänze aus dem System ausgeschlossen. Auf diese oder jene Weise verfügten die unterschiedlichen Gruppen im Reich über Verbindungen zur politischen Hierarchie des Systems, entweder
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indirekt über Vermittler bei Hofe oder aufgrund ihrer wirtschaftlichen Position direkt, wie z. B. die griechischen Phanarioten. Dabei handelte es sich nicht um Gleichheit, ein Konzept, das laut Rodrigue in dieser Organisationsform irrelevant war, vielmehr war der Unterschied etwas Vorbestimmtes und Normatives. Dies war allerdings auch kein Pluralismus, so Rodrigue, da Unterschiede nämlich nicht auf der Basis von Rechten artikuliert wurden. (Vgl. Rodrigue, 1996)
Während dieses sozio-politische System in der vormodernen Epoche Gültigkeit hatte, sollte mit der Modernisierungsbewegung zusehends das Konzept eines von der westlichen Aufklärung inspirierten wertneutralen universalistischen öffentlichen Raumes Anwendung finden, das in Opposition zur „Unterschiedlichkeit“ stand und darauf abzielte, die bestehenden Unterschiede weitgehend auszulöschen. (ebda)
Der Großteil der muslimischen Bevölkerung der Städte setzte sich entweder aus Angehörigen des Haushalts des Sultans zusammen oder gehörte dem Haushalt eines seiner Beauftragten, wie z. B. Valis an, oder es handelte sich um Gewerbetreibende wie Handwerker oder Kleinproduzenten. Traditionell gewährten die Osmanen Vertretern des Gewerbes einen besonderen Status. Handwerker und Gewerbetreibende waren meist in Handwerksgilden (ahi) organisiert, die nicht nur den Zugang zu bestimmten Berufsgruppen regelten, sondern ihren Mitgliedern auch einen gewissen Schutz boten. Die Gilden vertraten die Anliegen ihrer Vertreter gegenüber den Behörden. Diese Netzwerke stellten angesichts eines mächtigen Staates, der den Einwohnern gegenüberstand, eine frühe Form einer Interessensvertretung bzw. Zivilgesellschaft dar.
Nicht-muslimische Einwohner wie Griechen, Juden oder Armenier betätigten sich vornehmlich als Händler. Diese Gruppe der nicht-muslimischen Kaufleute sollte im Laufe des 19. Jahrhunderts die einzige soziale Schicht darstellen, die in Ansätzen einem städtischen Bürgertum nahe kam. Allerdings waren die armenischen, jüdischen und griechischen Kaufmannsfamilien aufgrund ihrer konfessionellen Zugehörigkeit Muslimen in Rechten und Pflichten nicht gleichgestellt und kulturell weitgehend von diesen isoliert.
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Staat und Religion
Das Osmanische Reich galt als dar-ül Islam, das Haus des Islam. Damit galt das Reich als islamisches Reich, in dem der Islam den kulturellen, formellen und legalen Rahmen bildete und islamisches Recht galt. Damit waren sämtliche Bereiche des politischen und sozialen Lebens den Regeln des Islams unterworfen. Die Idee des dar-ül Islam verlieh dem Herrscher und seinen Untertanen die Aufgabe, die islamische Gemeinschaft nach außen hin zu verteidigen und innerhalb der Gemeinschaft für Recht und Ordnung zu sorgen. Die Übernahme der Funktion des Kalifats durch die Osmanen im Jahr 1517 hatte eine weitere Aufwertung des islamischen Charakters des Reiches bedeutet. Der Sultan bekleidete in Personalunion das Amt des Kalifats. Er war damit nicht nur Herrscher über das Reich, sondern auch Führer der umma, der islamischen Gemeinschaft.1 Damit stand er an der Spitze der weltlichen sowie der geistlichen Hierarchie. Während für weltliche Belange ihm der Großwesir unterstand, folgte in der geistlichen Hierarchie des Staates dem Kalifen der Seyh ül-islam. Der Seyh ül-islam war damit der oberste Würdenträger der religiösen Verwaltung und war verantwortlich für das Religions-, Rechts- und Erziehungswesen.
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Die Aufrechterhaltung von Gerechtigkeit und Ordnung waren zentrale Elemente des osmanischen Staatsverständnisses. Die ulema, die Geistlichkeit, spielte dabei eine wichtige Rolle. Sie war ein integrierter Teil des Systems. Die ulema interpretierte die Scharia – das islamische Recht. Trotz der theoretischen Vorherrschaft der Religion verfügte die Geistlichkeit aber über keinen eigenständigen organisatorischen Körper, vielmehr war sie in Bezug auf Ernennungen, Beförderungen und Bezahlungen vom Staat abhängig. Man kann sogar feststellen, dass die ulema als Diener des islamischen Staates galt. Obwohl die ulema theoretisch damit befasst war, das islamische Recht zu interpretieren und anzuwenden, war sie damit in ihrem Handeln weitgehend den weltlichen Interessen des Staates unterworfen. Die enge Verknüpfung der religiösen Autoritäten mit der weltlichen Macht hatte sich unweigerlich zu Ungunsten religiöser und spiritueller Anliegen und zu Gunsten der Vorherrschaft weltlicher, politischer Interessen ausgewirkt. Die Integration der Geistlichkeit in den Staatsapparat bewirkte langfristig, dass die ulema religiöse und juristische Entscheidungen oft den politischen Bedürfnissen der staatlichen Autorität unterordnete.
Auch wenn in der Theorie ausschließlich die Scharia galt, so hatte sich doch früh gezeigt, dass die Scharia keinesfalls sämtliche Aspekte des politischen und sozialen Lebens abdecken konnte. Das öffentliche Recht und vor allem aber die Fragen des Kriminalrechts wurden durch säkulare Verordnungen, die auf der weltlichen Macht des Sultans beruhten, die sogenannten Örf und Kanun, geregelt. Um die Beziehungen zwischen dem Staat und seinen Untertanen näher festzulegen, sowie um Kleidungsvorschriften, Pflichten und Verpflichtungen festzuschreiben, konnte der Sultan sogenannte Fermans (Verordnungen) erlassen. Diese wurden dann in Rechtskodizes, den sogenannten Kanun, gesammelt. Die Kanun stellten eine Art säkularer und administrativer Gesetze dar, zu deren Erlass der Herrscher aufgrund seiner Berechtigung, im Namen der Gemeinschaft Recht zu sprechen, befähigt war. (Vgl. Lapidus, 1999: 260ff.) Das muslimische Rechtssystem des Reiches war damit ein kompliziertes Netzwerk, bestehend aus der Scharia, ihrer Interpretation und einer Reihe säkularer Gesetze, die in das islamische Rahmenwerk integriert wurden. (Vgl. Rodrigue, 1996) Die Gesetze, die durch die weltliche Macht erlassen
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wurden, mussten durch den Seyh ül-islam auf ihre Übereinstimmung mit der Scharia überprüft werden.
Sami Zubaida stellt fest, dass, auch wenn die Religion im osmanischen Staat eine besondere Rolle spielte, das Reich aufgrund der Einschränkungen der geistlichen Vormacht durch Verordnungen des Sultans und die Unterordnung des Islams unter die Interessen des Staates dennoch so islamisch war, wie die europäischen Pendants des Osmanischen Reiches zu jener Zeit christlich waren. (Vgl. Zubaida, 1989: 42) Der Fortbestand des Staates und die Aufrechterhaltung von Ordnung und Recht waren Güter, denen es die Religion unterzuordnen galt bzw. denen die Religion diente. Es herrschte die Überzeugung, dass ohne den Staat auch der Islam nicht leben könne.
Während die ulema vornehmlich mit Fragen der Rechtsprechung, der Interpretation der heiligen Schrift, der Überprüfung von Gesetzen auf deren Übereinstimmung mit der Scharia und ähnlichen Fragestellungen des staatlichen und rechtlichen islamischen Systems beschäftigt war, sozusagen den staatlichen Islam vertrat, wurden Riten, Zeremonien, individuelle Zugänge zu Gott sowie Regeln und Gebote im Bereich der Ernährung, Reinlichkeit und der Lebensweise wesentlich durch religiöse Scheichs, Orden und Bruderschaften des mystischen Islams – des Sufismus – geprägt.
Schon zu Zeiten des Propheten versuchten Mystiker eine direkte und persönliche Erfahrung von Gottes Existenz zu machen. Der Sufismus spielte in Anatolien seit Beginn der Islamisierung eine Rolle. Sufis hatten türkische Stämme auf deren Wanderung oft angeführt und auch eine wesentliche Rolle in der Sesshaftwerdung gespielt. Sie bauten Hospize und Mühlen, unterhielten Schulen und vermittelten zwischen verschiedenen Stämmen. Sufis im ländlichen Bereich entwickelten oft eine tolerante Haltung gegenüber Christen und erleichterten so deren Übertritt zum Islam. (Vgl. Lapidus, 2002: 249) Viele Praktiken des mystischen Islams spiegeln teilweise lokale vor-islamische Riten wider, enthalten aber oft auch Rituale, Ansätze und Muster, die dem Schamanismus oder Buddhismus entlehnt sind. Der Sufismus als eine Bewegung im Islam bietet dem Einzelnen verschiedene Möglichkeiten, in direkte Verbindung mit Gott zu treten. Dabei stehen manche dieser Praktiken in Gegensatz
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zu einer orthodoxen Auslegung des von der höheren ulema vertretenen sunnitischen Islams.
Die Entstehung von Orden fiel in dieselbe Zeit mit der Entstehung verschiedener islamischer Rechtsschulen. Die mystischen Praktiken und die metaphysischen Ansätze sufistischer Orden wurden zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert entwickelt. Die meisten sufistischen Orden in der heutigen Türkei fanden Eingang über den Iran. Mystische Orden und Bruderschaften bildeten sich meist um die Lehre eines religiösen Führers, eines Scheichs. Einzelne Orden und Bruderschaften wie z. B. die Naksibendi blieben nicht nur lokal auf eine Region oder Stadt begrenzt, sondern konnten sich über das gesamte Territorium des Reiches ausbreiten. Es bildeten sich in einzelnen Städten und Regionen Logen, die oft auch mit den dort vorhandenen Handwerksgilden verschmolzen. Während die Naksibendi vor allem unter städtischen Kaufläuten und Handwerkern Zulauf fanden, waren die alevitischen Orden vielmehr im ländlichen Bereich verbreitet.
Die Bektasis hingegen, die ihren Namen von Haci Bektas (verstorben 1297) (Lapidus, 2002: 249) ableiteten und sich auf seine Lehren bezogen, konnten enge Beziehungen zu dem unter Sultan Murat II. ins Leben gerufenen Janitscharenkorps, den Elitetruppen des Reiches, die sich mehrheitlich aus Söhnen christlicher Familien zusammensetzte, aufbauen. Oft setzen sich diese meist undurchsichtigen religiösen Netzwerke, die durchaus auch in Rivalität zueinander standen, über soziale Klassen, ethnische und regionale Unterschiede hinweg. Aufgrund der relativen sozialen Durchlässigkeit des osmanischen Systems gibt es auch Beispiele von Bruderschaften, die ihren Einfluss bis in die höchsten Kreise innerhalb des Hofes ausweiten konnten.
Die große nicht-muslimische Bevölkerung des Reiches hatte den Status der sogenannten dhimmi (Schutzbefohlenen). Demnach galten die Angehörigen der Religionen des Buches, also Christen und Juden, als Schutzbefohlene des islamischen Staates. Im Allgemeinen wurden Christen und Juden nicht zum Konvertieren zum Islam gezwungen, stattdessen erhielten sie, im Gegenzug für die Entrichtung einer Kopfsteuer, das Recht, innerhalb der Grenzen des osmanischen Staates zu leben. Sie waren damit auch vom Militärdienst ausgeschlossen. Die Nicht-Muslime
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waren demnach in der vormodernen Epoche nicht gleichberechtigte Bürger des Staates, sondern geduldete Einwohner in einem Staat, der sich explizit als islamisch definierte. Dies sollte sich allerdings mit den Reformen im 19. Jahrhundert ändern.
Christen und Juden waren nach Konfessionen in sogenannten Millets organisiert. Innerhalb dieser Millets genossen sie eine gewisse Autonomie, die es ihnen erlaubte, ihre rechtlichen Angelegenheiten selbst zu lösen. So waren die religiösen Würdenträger auch für die Gerichtsbarkeit innerhalb der religiösen Gemeinschaft verantwortlich. Ehe- und Erbrechte wurden z. B. von Priestern oder Rabbis abgehandelt. Ebenso repräsentierten die Geistlichen auch die Gemeinschaft nach außen hin gegenüber dem osmanischen Staat.
Erik Zürcher stellt fest, dass lange Zeit die Funktionen des Millet-Systems fehlinterpretiert wurden. Während man in Anlehnung an offizielle osmanische Dokumente gedacht hatte, dass sich das Millet-System aus autonomen Körperschaften nach konfessioneller Angehörigkeit zusammensetzte, die für das gesamte staatliche Territorium galten und an deren Spitze das religiöse Oberhaupt der jeweiligen Kirche in Istanbul stand, legten Forschungen im lokalen Bereich dar, dass diese Autonomie vielmehr als eine der lokalen christlichen oder jüdischen Gemeinschaften gegenüber den lokalen staatlichen Autoritäten zu verstehen ist. (Vgl. Zürcher, 2004: 10)
Aron Rodrigue weist darauf hin, dass all diese beschriebenen Bestandteile des vormodernen osmanischen Systems fließend waren, das heißt, dass es einerseits eine Vielzahl von Übergängen zwischen den einzelnen Institutionen gab und zum anderen sich auch das System selbst stetig veränderte. So konnte es durchaus passieren, dass Christen und Juden sich, falls sie es für ihren Vorteil hielten, an muslimische Gerichte wandten. Der muslimische Kadi urteilte dann entweder nach allgemein anerkanntem islamischem Recht oder interpretierte das christliche oder jüdische Recht. Dass umgekehrt ein Muslim sich an ein christliches oder jüdisches Gericht wandte, war allerdings nicht möglich, schließlich bildete der Islam das hegemoniale System. (Vgl. Rodrigue, 1996)
Dadurch, dass sich der rechtliche Status eines Individuums von der Religionszugehörigkeit ableitete und auch als primäre Quelle der Identität
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diente, kam es kaum zu Vermischungen unter den unterschiedlichen konfessionellen Gruppen. Dhimmis wurden durch das islamische Recht nicht gezwungen, in Ghettos zu leben, ebenso wenig gab es explizite Berufsverbote für Nicht-Muslime. Dennoch kam es zu einer weitgehenden räumlichen Trennung. Nicht-Muslime tendierten dazu, sich in bestimmten Stadteilen anzusiedeln und betätigten sich in Berufen, die von Muslimen kaum ausgeübt wurden und nach denen großer Bedarf bestand; dazu zählte unter anderem der Handel mit „Ungläubigen“. (Vgl. Lewis, 1981: 28)
In Bezug auf dhimmis galten allerdings lange Zeit Kleidungs- und Verhaltensregeln, die dazu dienen sollten, sie von den Muslimen zu unterscheiden. So durften Nicht-Muslime Kleidungen, Stoffe und Farben, die Muslimen vorbehalten waren, nicht tragen. Juden und Christen sowie ihr gesamter Haushalt waren dazu angehalten, bestimmte Kopfbedeckungen zu tragen und Stoffe in bestimmten Farben an ihren Oberröcken anzubringen. Diese Praxis, die eine früh-islamische war, war von den Osmanen aus Sicherheitsüberlegungen übernommen worden und sollte dazu dienen, dass sich Muslime, die sich seit der rasanten territorialen Expansion des Reiches zahlenmäßig in der Minderheit befanden, gegenseitig erkennen konnten. Bestimmungen, die dhimmis vorschrieben, auf Eseln zu reiten, das Verbot in Städten zu reiten bzw. seitlich, im Frauensitz, im Sattel zu sitzen, das Verbot Waffen zu tragen und ähnliches dienten dazu, sichtbar zu machen, dass dhimmis nicht der Klasse der Waffenträger angehörten. (Vgl. Lewis, 1981: 36) Die spezifischen Verhaltens- und Kleidungsregeln wurden in verschiedenen Epochen unterschiedlich strikt geahndet. Durch wachsenden westlichen kulturellen Einfluss und das Eindringen der westlichen Moderne hatten sie sich bis ins 19. Jahrhundert fast vollständig aufgelöst.
Dennoch hatte die dhimmi-Tradition bzw. die politische Organisation in millets dazu geführt, dass Nicht-Muslime zwar ihre Traditionen, Sprachen und vor allem religiösen Praktiken trotz jahrhundertelanger islamischer Oberherrschaft erhalten konnten, aber im Gegenzug dazu isoliert von der muslimischen Bevölkerung blieben. Daraus ist auch zu erklären, dass sogar mehr als 500 Jahre nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen, viele Nicht-Muslime in der Stadt der türkischen Sprache kaum oder nur bescheiden mächtig waren, bzw. das Türkische mit einem starken Akzent sprachen.
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1 Das Kalifat als Funktion des Nachfolgers des Propheten und Führers und Herrschers der Gemeinschaft der Muslime verband von Beginn an religiöse und weltliche Funktionen im selben Amt. Der Herrscher über die Gemeinschaft der Muslime und über das islamische Reich bekleidete damit auch eine religiöse Funktion als Führer der Glaubensgemeinschaft. Schon bald war allerdings die spirituelle Bedeutung des Amtes zugunsten der weltlichen Herrschaft in den Hintergrund getreten. Der Titel wurde vermehrt als ein Herrschaftstitel betrachtet und geriet mit dem Niedergang des Abbasidischen Großreiches beinahe zur Gänze in Vergessenheit.
Die Osmanen begannen nach der Übernahme des Kalifats ihre Abstammung zwar auf den Propheten zurückzuführen, aber auch sie machten kaum Gebrauch vom Titel des Kalifen. Vielmehr wurden die osmanischen Sultane als Padischah, als König der Könige, bzw. Kaiser verehrt. Im 19. Jahrhundert sollte Sultan Abdülhamit das Kalifatals ein Mittel zur Mobilisierung der muslimischen Massen für den Kampf gegen den westlichen Imperialismussehen. Hierzu weiter unten.
II. Modernisierung – ein Paradigmenwechsel
Zerfallserscheinungen
Der Friedensvertrag von Küçük Kaynarca, unterzeichnet 1774 nach der verheerenden Niederlage der Osmanen gegen die russische Armee Katharinas der Großen, leitete eine neue Epoche in der osmanischen Geschichte ein. Der Vertrag beendete die osmanische Kontrolle über das Schwarze Meer, öffnete es für russische Handelsschiffe und zwang den Sultan dazu, die Halbinsel Krim abzutreten. Weiterreichende Folgen sollte vor allem jene Bestimmung des Vertrages haben, die Russland die Funktion einer Schutzmacht über die christlich-orthodoxen Subjekte des Sultans einräumte.
Damit wurde nicht nur die Souveränität des Sultans über einen Teil seiner Untertanen eingeschränkt, sondern zudem einer ausländischen Macht völkerrechtlich die Möglichkeit eingeräumt, zum Wohl der christlich-orthodoxen Gruppen zu intervenieren und damit in die internen Angelegenheiten eines anderen Landes einzugreifen. Der Vertrag von Küçük Kaynarca schuf damit einen Präzedenzfall. In den folgenden Jahren sollten mit der zunehmenden Schwäche des Reiches auch andere europäische Großmächte die Rolle einer Schutzmacht über einzelne nicht-muslimische Gruppen, die Bürger des Reiches waren, übernehmen.2
Die Lage der nicht-muslimischen Gruppen im Reich, ihr rechtlicher und politischer Status sowie ihr Schutz und ihre Sicherheit begannen
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seit Küçük Kaynarca verstärkt die Außenbeziehungen des Reiches mit den europäischen Großmächten zu dominieren.
Die europäische Öffentlichkeit begann in der Formulierung der Außenpolitik eine wachsende Bedeutung zu spielen. Ein wachsendes liberales Bildungsbürgertum interessierte sich vermehrt für Weltpolitik und begann sich außenpolitisch zu engagieren. Als Beispiel dafür gelten die philhellenischen Gruppen und deren Einfluss auf die Haltung der Großmächte in der Frage des Unabhängigkeitskampfes der Griechen.
In Folge der Aufklärung war es zu einer gewissen „Neuentdeckung“ der großen antiken Denker wie Aristoteles, Platon und Sokrates gekommen. Goethe, Schiller und Hegel und später Victor Hugo und Lord Byron hatten sich in ihren Werken mit dem antiken Griechenland auseinandergesetzt. Für die liberalen Denker, Philosophen und Dichter waren das antike Athen und die griechische Demokratie idealisierte Modelle. Griechenland wurde als die Wiege der europäischen Kultur und die griechische Demokratie als ein Ideal, zu dem es zurückzufinden galt, wahrgenommen. Obwohl nur die wenigsten Griechenland bereisten, kam es zu einer Sensibilisierung der europäischen Öffentlichkeit für die griechische Freiheitsbewegung. In den einzelnen europäischen Städten bildeten sich starke philhellenische Bewegungen. Der Ausbruch des griechischen Aufstandes gegen die Osmanen im Jahr 1821 führte zu einer Welle der Solidarität mit den Aufständischen. Einzelne philhellenische Vereine, die sich in den verschiedenen Städten gebildet hatten, sammelten Geld für die Rebellen und mobilisierten die Öffentlichkeit. Es galt, die griechische Freiheitsbewegung, ein Produkt des intellektuellen Gärungsprozesses Europas im 18. Jahrhundert und stark beeinflusst durch den französischen republikanischen Nationalismus, gegen den „despotischen“ osmanischen Staat, der jegliche individuelle Freiheit und Autonomie zu unterdrücken schien, zu unterstützen. (Vgl. Grigoriadis, 2011: 168) Einer der prominentesten Philhellenen, der sich aktiv am Kampf gegen die Osmanen beteiligte, war Lord Byron. Byron starb 1824 in Griechenland an Sumpffieber.
Der heldenhafte Kampf der Griechen wurde von einem wachsenden europäischen Bildungsbürgertum aufmerksam mitverfolgt und sollte die Wahrnehmung des Osmanischen Reiches und die Politik der Großmächte
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gegenüber diesem langfristig prägen. Die Großmächte sollten im Laufe des 19. Jahrhunderts mehrmals nicht nur zur Unterstützung der Griechen, sondern auch anderer christlicher Volksgruppen, die unter osmanischer Herrschaft lebten, eingreifen. Auch wenn diese Interventionen meist für sich beanspruchten, im Namen der Verteidigung der Menschenrechte zu erfolgen, betrafen sie zum einen meist nur christliche Subjekte des Reiches und waren zum anderen von einer Ausweitung bzw. Festigung des Einflusses der Großmächte begleitet.
Die offensichtliche militärische, politische und wirtschaftliche Schwäche des Reiches gegenüber dem europäischen Imperialismus führte dazu, dass das agrarisch geprägte Reich für das jahrhundertelang Expansion und Beute wichtige wirtschaftliche Faktoren dargestellt hatten, zunehmend in eine semi-koloniale Abhängigkeit gegenüber dem europäischen Westen geriet. Handwerklich hergestellte Produkte konnten dem Preisdruck durch europäische Industriegüter kaum standhalten. Zusehends entwickelte sich das Reich zu einem Absatzmarkt für europäische Industrie- und Textilgüter und zu einem Exporteur von Rohstoffen. Parallel zur wirtschaftlichen Integration erfolgte auch eine schrittweise intellektuelle und kulturelle Öffnung und Neuorientierung. Auch wenn einige Bewegungen eine Stärkung durch eine Rückkehr bzw. Rückbesinnung zu den islamischen Wurzeln propagierten, sollte sich unter den Eliten eine starke Reformbewegung durchsetzen, die den Ausweg aus der Krise in einer weitgehenden Anpassung an eine als universell betrachtete Moderne sah. Demnach galt es den scheinbar unaufhaltsamen Niedergang des Reiches und damit der islamischen Kultur durch Modernisierung im Sinne der Anpassung und der Kopie des Westens aufzuhalten.
Damit wandelte sich das Bild vom „Westen“ von dem eines Ortes, den es zu erobern galt, in den einer Inspirationsquelle, eines Modells und Vorbilds, das es in immer mehr Teilbereichen zu kopieren und imitieren galt.
Wie weiter unten näher erläutert, wollten die osmanischen Reformer die Ergebnisse des Modernisierungsprozesses aus Europa importieren. Sie waren weniger an den gesellschaftlichen, sozialen und politischen Prozessen, die hinter der Moderne steckten interessiert. Was sie interessierte, waren jene modernen Institutionen, Strukturen und Organisationsformen, die in Folge der Moderne entstanden waren und die zur globalen
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Hegemonie des europäischen Westens geführt hatten. Die Reformer betrachteten daher die durch sie eingeleitete Modernisierung zunächst eher als einen technischen Prozess. Sie übersahen dabei den Einfluss, den dieser Prozess auf die eigene Kultur wie Mode, Musik, Literatur, Alltagsleben und sogar Verhaltens- und Wertenormen haben würde.
Die Bemühungen von Generationen an osmanischen Reformern hatten das Ziel, das letzte islamische Großreich zu erhalten. Es galt, ein mittelalterliches Staatswesen, in dem Macht, Status und Privilegien alleine vom Herrscher verliehen wurden und in dem es kein Staatsbürgerschaftswesen gab, sondern Rechte und Pflichten vielmehr auf religiöser Zugehörigkeit basierten, in einen starken Staat nach dem Vorbild der europäischen Großmächte wie Frankreich oder Großbritannien umzuwandeln. Das Konzept des westfälischen Staates, der sich auf das Territorialitätsprinzip bezieht, der über starke zentralstaatliche Institutionen, ein absolutes Machtmonopol, Steuerhoheit und volle Souveränität nach innen und nach außen verfügt, stellte dabei ein Ideal dar.
Die Reformen sollten, so hoffte man, indem sie die staatliche Autorität stärkten, einerseits dem europäischen Imperialismus und Kolonialismus entgegenwirken und damit die Einflussnahme externer Akteure einschränken und andererseits auch dezentralistischen, sezessionistischen Kräften innerhalb des Reiches entgegenarbeiten.
Neben den enormen Anstrengungen, die mit diesem Modernisierungsprozess verbunden waren, war dies zudem ein teures Unterfangen, das mit hohen finanziellen Kosten verbunden war. Die Modernisierung von Verwaltung und Militär sowie das zunehmende Interesse an europäischen Waren verschlangen Unsummen. Das traditionelle Steuer- und Verwaltungssystem verhinderte eine effiziente Steuereintreibung. Weil die Einkünfte aus Tributzahlungen, von Beutezügen und ähnlichem stetig zurückgingen und auch die Steuereinnahmen bei weitem nicht die hohen Kosten der Modernisierung decken konnten, nahm der osmanische Staat Kredite bei europäischen Staaten und Banken auf. Die zum Teil äußerst ungünstigen Kreditbedingungen sowie die anhaltende militärische Schwäche und der damit verbundene Bedarf nach mehr Geld führten dazu, dass das Reich in eine Schuldenspirale gelangte, die es sogar zum Staatsbankrott führen sollte.
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Lokale Machtfaktoren
Aufgrund der wachsenden Schwäche der Zentralmacht, der damit einhergehenden Schwäche der zentralstaatlichen Strukturen, dem Fehlen einer modernen Verwaltung, mangelnden modernen Verkehrsverbindungen sowie einer nicht bestehenden einheitlichen Finanz- und Wirtschaftspolitik mangelte es dem Hof auch zunehmend an Durchsetzungskraft gegenüber seinen Untertanen. Es wurde für den Sultan immer schwieriger, seinen Willen auch in den weitläufigen Provinzen des Reiches durchzusetzen. Es mangelte im Reich nicht nur an gut ausgebauten Verkehrsverbindungen, sondern auch an modernen Kommunikationsmitteln, die für eine moderne Verwaltung unerlässlich geworden waren. Zudem war es im Laufe der Zeit zu einem Verfall der staatlichen Institutionen gekommen. Ämterkauf, Korruption und Bestechung waren an der Tagesordnung. Der Absolutismus des Sultans, sowie die starke Ausrichtung des politischen Systems auf den Hof und auf seine Angehörigen begünstigten die Günstlingswirtschaft.
Während der Hof von Intrigen und Seilschaften geprägt war und all zu oft mit sich selbst, bzw. mit der Frage der Rettung des Reiches beschäftigt war, konnten angesichts der schwindenden Durchsetzungskraft des Zentrums in mehreren Regionen des Reiches lokale Notabeln, meist Großgrundbesitzer, ihren wirtschaftlichen und politischen Einfluss auf regionaler Ebene ausbauen. Diese sogenannten ayan waren Familien, die sich zu lokalen Macht- und Wirtschaftsfaktoren entwickelt hatten und die autonom vom osmanischen Staat, respektive dem Sultan Macht über die lokale Bauernschaft ausübten.
Einige ayan-Familien wurden so über Generationen hinweg zu einem Machtfaktor, den es zu berücksichtigen galt. Immer wieder kam es dazu, dass einige ayans auch militärischen Widerstand gegen den Sultan leisteten.
Das Ziel der meisten ayans war es, ihren Besitz, ihren Status und ihre Macht zu festigen und über Generationen hinweg für ihre Nachkommen zu sichern. So sehr sich auch einige von ihnen lokal zu wichtigen Machtzentren entwickelt hatten, benötigten sie dafür die Anerkennung durch den Hof. Es etablierte sich dadurch auf lokaler Ebene, ganz entgegen der osmanischen Tradition eine Art erblicher Landadel.
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Der Hof und damit die Zentralmacht waren stets bestrebt, diesen Tendenzen entgegenzuwirken. Die Reformen, die im Zuge des 19. Jahrhunderts eingeleitet werden sollten, sollten auch das Ziel der Re-Zentralisierung der Macht und der Entmachtung der ayan verfolgen.
Der Hof war allerdings dabei in seinen Möglichkeiten eingeschränkt. Es fehlte angesichts der permanenten externen Bedrohung nicht nur an freien militärischen Kapazitäten, sondern man war auch abhängig von den Steuerabgaben, die die ayans einsammelten und ablieferten. Ebenso benötigten die Sultane die lokalen Machthaber dazu, um Soldaten zu rekrutieren, Einheiten aufzustellen und die lokale öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.
Als Beispiele für ayans, die zu erheblicher Macht gelangen konnten, gelten die Karaosmanoglu Familie, die sich in Westanatolien eine Machtbasis schuf, bzw. Ali Pascha von Yanina, dessen praktische Herrschaft sich über ein Territorium erstreckte, das ganz Albanien und das heutige Nordgriechenland einschloss. Ali Pascha agierte selbstbewusst und eigenständig von der osmanischen Staatsmacht. Ali Pascha trat sogar unter Umgehung des Sultans in direkte diplomatische Verhandlungen mit ausländischen Mächten ein.
In den Balkanprovinzen hatten die Osmanen weitgehend auf die Unterstützung durch die Bauernschaft bauen können. Das Osmanische Reich hatte die Region stabilisiert und den Bauern Schutz und Sicherheit vor lokalen Machtfaktoren geboten. Aufgrund der anhaltenden Schwäche des Reiches konnte die osmanische Staatsmacht dieser Verpflichtung nicht mehr zur Genüge nachkommen. Die Bauernschaft war in Folge der Schwäche der osmanischen Staatsmacht zunehmend dem Druck und der Willkür der lokalen Großgrundbesitzer ausgesetzt. Es war wiederum die Ausbeutung und der wirtschaftliche Druck, der von diesen lokalen Eliten ausging, der die Bauernschaft dazu verleitete, sich gegen das Osmanische Reich zu stellen. Aufstände in den Balkanprovinzen des Reiches, wie der serbische Aufstand, gingen nicht von den städtischen Eliten aus, sondern wurden im Wesentlichen von der Bauernschaft getragen. (Vgl. Inalcik & Seyitdanlioglu, 2006: 26)
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Die ersten Zeichen der Öffnung
Seit Beginn des 18. Jahrhunderts drehten sich die Gedanken und Ansätze der osmanischen Staatsklasse vermehrt um die Frage der Abwendung des militärischen, wirtschaftlichen und kulturellen Niedergangs des Reiches. Während die islamischen Gelehrten die Niederlagen als Folgen der Entfernung von den Prinzipien des Islams interpretierten und für ein strengeres Islamverständnis eintraten, setzte sich unter den weltlichen Vertretern der Staatseliten eher die Überzeugung durch, dass es die technische Überlegenheit des Westens war, die zum territorialen Rückgang des Reiches geführt hatte. Aus heutiger Sicht kann dabei festgestellt werden, dass zu diesem frühen Zeitpunkt noch kaum die Mängel des osmanischen Systems als Gründe für die eigene Schwäche hinterfragt und analysiert wurden. Vielmehr wurde technischer Fortschritt nicht unbedingt als eine westliche Errungenschaft, sondern als ein universelles Produkt, das mehr oder weniger zufällig aus dem Westen kam, betrachtet. Es galt, diese Technologie zu adaptieren und umzusetzen.
Es sollte sich jedoch relativ bald erweisen, dass die bloße Übernahme von Technologie die eigene Schwäche nicht überbrücken konnte. Ab dem 18. Jahrhundert sollte die Frage, wie weit auch Institutionen, Konzepte, Denk- und Handlungsweisen, Kleidung, Verhalten, Musik und Lebensweisen zu übernehmen oder anzupassen seien, eine zentrale Rolle in den Überlegungen der osmanischen Eliten spielen. Die Frage der Anpassung an die westliche Zivilisation sollte weit über die Zeit des Osmanischen Reiches hinaus einen zentraler Punkt des politischen Diskurses darstellen.
Im 19. Jahrhundert galt Japan, das sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert sah, den konservativen und traditionalistischen Kreisen im Reich, aufgrund des Umstandes, dass Japan zwar westliche Technologie, Militärtechniken, Methoden und Konzepte übernahm, aber gleichzeitig eine kulturelle und moralische Annäherung an den Westen ablehnte als Vorbild.
Im Gegensatz zu Japan war aber das Osmanische Reich nicht geographisch isoliert, vielmehr stand es seit seinem Entstehen stets in regem wirtschaftlichen und auch kulturellen Austausch mit dem christlichen Kulturraum. Allerdings war dieser Austausch entweder aus einer
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Position der militärischen Überlegenheit oder zumindest Gleichwertigkeit heraus erfolgt. Die nun offensichtliche technische und wirtschaftliche Unterlegenheit gegenüber dem Westen und die Einsicht, dass die Übernahme westlicher Technologien, westlicher Militärkonzepte und Institutionen unumgänglich für den Erhalt des Reichs war, bedeutete für das Selbstverständnis der osmanischen Eliten, die Jahrhunderte lang den christlichen Westen als moralisch unterlegen und vor allem in Fragen der Hygiene als rückständig betrachtet hatten, einen dramatischen Paradigmenwechsel.
Der Eintritt des Reiches in das nach europäischen Maßstäben entstehende Völkerrechtssystem erfolgte durch die Aufnahme ständiger diplomatischer Beziehungen mit den europäischen Staaten. Das Reich entsandte Anfang des 18. Jahrhunderts Botschafter in die Hauptstädte der wichtigsten europäischen Staaten. Eine wichtige Aufgabe, die die osmanischen Vertretungen übernahmen, war es, neben den diplomatischen Kontakten mit den Regierungen auch die Verhältnisse und Verwaltungssysteme der jeweiligen Staaten zu studieren und darüber Bericht zu erstatten. So wurde z. B. Mehmet Çelebi 1720 von Ahmed III. mit dem Auftrag nach Frankreich entsandt, dort „die Methoden der Verwaltung und Bildung zu studieren und über solche, die auch im Osmanischen Reich anwendbar wären, zu berichten.“ (Vgl. Mardin, 2000: 137)
Als eine Folge der Mission Mehmet Çelebis gelangte auch der Buchdruck in den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts in das Osmanische Reich. Damit die Druckerei ihre Arbeit aufnehmen konnte, musste allerdings zunächst der Seyh-ül Islam, Abdullah Effendi, eine fetva (ein religiöses Urteil) aussprechen, das den Druck nicht-religiöser Schriften legitimierte.3 Der Druck von Büchern in türkischer Sprache ermöglichte es vor allem dem Hof, der höheren Bürokratie und dem Militär, ihre Kenntnisse über westliche Beispiele der Staatsführung und der militärischen Organisation zu erweitern.
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Die Herrschaft Ahmeds III. (1703 –1730) war gekennzeichnet durch einen wachsenden kulturellen Einfluss des Westens. Europäische Mode, Architektur, Geschmack und Lebensstil übten auf die Angehörigen der Staatselite eine Faszination aus. So galt es in den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts unter den Angehörigen des Hofes als chic, europäische Manieren und Gewohnheiten nachzuahmen. Europäische Güter galten als Luxusgüter und signalisierten Wohlstand und Status. Vergnügen wie Ausflüge und Picknicks galten als Ausdruck des neuen Lebensgefühls der Staatseliten.
Diese Ära sollte wegen der Vorliebe für Tulpen, die auf das Reich aus Europa übergeschwappt war, als die „Tulpenära“ (Lale Devri) bezeichnet werden. Diese Periode wird im Nachhinein aufgrund der Zurschaustellung eines von Vergnügungssucht gekennzeichneten Lebensstils der höfischen Eliten und der durch Tulpen geprägten floralen Ornamente bei Bauten dieser Ära als türkisches Barock bezeichnet.
Die Tulpenära wurde durch den sogenannten Patrona-Halil-Aufstand (1730) beendet.4 Der Aufstand, wurde von den Janitscharen, der einstigen Elitetruppe des Reiches initiiert und blieb im Wesentlichen auf die Hauptstadt beschränkt. Die Janitscharen gehörten zu jenen Gruppen im Reich, deren Einfluss und Stellung durch die Öffnung zum Westen und die damit einhergehende Modernisierungsbewegung bedroht war.
Im Patrona-Halil Aufstand verbündeten sich die Janitscharen mit anderen sozial benachteiligten Schichten in der Hauptstadt. Der Zorn dieser Menschen richtete sich vor allem gegen die eigene wirtschaftliche Misere. Die Übernahme europäischer Gepflogenheiten durch die Eliten und vor allem ihre Vergnügungssucht und ihr verschwenderischer Lebensstil wurde von jenen, deren Status und wirtschaftliche Basis bedroht war, als unmoralisch empfunden.
Damit stellt der Patrona-Halil-Aufstand das erste Beispiel einer wirtschaftlich-sozial motivierten reaktionären Bewegung dar, die von den ärmeren und benachteiligten Schichten getragen wurde und die sich gegen die wirtschaftlichen Umwälzungen richteten, die mit der Öffnung des Reiches zum europäischen Westen und der Übernahme westlicher
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Lebensstile durch die eigenen Eliten einher gingen und die sich kaum zum Wohl der breiten Bevölkerung auswirkt hatten. In den Janitscharen, die angesichts der Umwälzungen ihre Rolle und ihren Einfluss als gefährdet betrachteten, fanden sie einen Verbündeten zur Abwehr weiterer Veränderungen und zur Bewahrung des traditionellen sozialen Systems. Die Abweichung vom traditionellen System, sowie die Annäherung des Lebensstils und des Geschmacks der eigenen Eliten an jenen der Europäer wurden als unmoralisch und damit als eine Abweichung vom Islam empfunden. Mangels anderer bekannter politischer Konzepte und Ideen beriefen sich solche sozio-politisch motivierten spontanen Reaktionen auf den Islam, der als das wahre, überlieferte, moralische und gerechte System wahrgenommen wurde. Die eigene wirtschaftliche Misere, bzw. die herrschende soziale Ungerechtigkeit wurden damit mit einer Entfernung von diesem System gleichgesetzt.
Wallerstein weist in Anlehnung an Hodgson darauf hin, dass die Tulpenära auch eine neue Art von Zentralismus und Absolutismus begünstigte. Hodgson sieht in der Berufung auf den Islam einen wissentlichen Schlag gegen jene Handelsverbindungen mit dem Westen, die durch das verstärkte Interesse des Hofes an Luxusgütern entstanden waren und welche längerfristig die Macht des Hofes hätten vergrößern können. (Vgl. Wallerstein, 2004: 193) Weitere Beispiele von reaktionären Aufständen gegen die schleichende kulturelle Verwestlichung und die damit einhergehende Oligarchisierung des Systems durch die aufstrebenden bürokratischen Eliten, stellen später der Kabakçi-Aufstand im Jahr 1807, der Kuleli-Vorfall 1859 sowie die Vorkommnisse um den 31. März 1909 dar. (Vgl. Mardin, 2008)
Trotz der starken politischen Rolle, die der Religion dabei zugewiesen wurde, kann man hier allerdings noch nicht von einem ideologischen Islamismus sprechen. Viel mehr als um eine ideologische Bewegung handelte es sich dabei um spontane reaktionäre Ausbrüche von Wut und Enttäuschung durch jene gesellschaftlichen Schichten, die die Annäherung an den Westen bzw. das westliche System in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Stellung gefährdete. Die „Moralisierung“ sozialer und wirtschaftlicher Missstände sollte allerdings bis in die heutige Zeit einen Bestandteil des politischen Diskurses darstellen.
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Die Neue Ordnung
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte sich das Osmanische Reich bereits so tiefgreifend verändert, dass das traditionelle osmanische System und seine Institutionen nur mehr in degenerierter Form Bestand hatten. (Vgl. Inalcik; 1995: 123) Während der Bestand des Reiches von innen her immer mehr durch separatistische Kräfte und aufstrebende Lokalfürsten herausgefordert wurde, entwickelte sich Russland zu der größten militärischen Bedrohung von außen. Seitdem Russland die von Muslimen bewohnten nördlichen Ufer des Schwarzen Meeres erobert hatte, baute es stetig seine Dominanz über die Region aus und bedrohte zudem die vom Schwarzen Meer aus leicht zugängliche Hauptstadt Istanbul. Die wachsenden inneren und äußeren Bedrohungen für den Fortbestand des Reiches und der klägliche Zustand der Armee machten Reformen dringend notwendig.
Sultan Selim III., der 1789, im Jahr der Französischen Revolution, den osmanischen Thron bestieg, sollte jener Monarch sein, der den Modernisierungs- und Reformprozess einleiten sollte, der heute als Verwestlichung bezeichnet wird.5
Selim III. war ein aufgeklärter Herrscher und ein Erneuerer. Das westliche Zivilisationsmodell als ein Vorbild für die Umgestaltung des eigenen, sich in einer tiefen Krise befindlichen Reiches, hatte bereits früh Faszination auf ihn ausgeübt. Sofort nach seiner Thronbesteigung berief er einen Zirkel an Beratern und Freunden in wichtige staatliche
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Positionen, die sein Interesse an Europa und vor allem Frankreich, das als Inbegriff eines modernen Staates galt, teilten. Selim wies zudem seine Botschafter in den einzelnen europäischen Hauptstädten an, umfassende Berichte über die militärischen, administrativen und technischen Entwicklungen und Neuigkeiten in den jeweiligen Ländern zu verfassen. Diese Berichte sollten später eine Vorlage für die Reformpläne darstellen. (Vgl. Zürcher, 2004: 21)
Im Jahr 1792 rief Selim III. das Reformprogramm der „Neuen Ordnung“ (Nizam-i Cedid) aus. Die Reformen hatten das Ziel, die Autorität des zerrütteten osmanischen Staates wieder herzustellen. Durch eine „Neue Ordnung“ sollten der Korruption und der Misswirtschaft der Garaus gemacht werden. Dies sollte vor allem durch die Reformierung und Modernisierung der osmanischen Armee, einer der zentralsten Institutionen der osmanischen Herrschaft, erfolgen. Das Heer stellte zwar innenpolitisch einen wichtigen Machtfaktor dar, war aber in Bezug auf Ausrüstung, Ausbildung und Disziplin in einem kläglichen Zustand. Im Vergleich zu Gegnern wie Russland, das einen Modernisierungsprozess hinter sich hatte, mangelte es in der osmanischen Armee vor allem an zeitgemäßem Kriegsgerät.
Selim unternahm zunächst den Versuch, die bestehenden militärischen Einheiten der Janitscharen, die Sipahis, und die Spezialeinheiten zu reformieren und sie dadurch kriegstüchtiger und effizienter zu machen. Gleichzeitig sollte es zu einer Entflechtung von militärischen und administrativen Funktionen kommen. Wie weiter oben erwähnt, war es im Lauf der Jahrhunderte zu einer Vermischung von militärischen und bürokratischen Ämtern gekommen. Viele der höheren Stellen in der Verwaltung waren von Janitscharen und Sipahis besetzt, die enge Machtnetzwerke gebildet und so ihre Macht zementiert hatten. Korruption, Misswirtschaft und Ämterkauf waren gang und gäbe. Die Reformversuche Selims III. scheiterten jedoch bald am Widerstand der traditionellen Institutionen, die um Macht, Status und Einfluss fürchteten. (Vgl. Zürcher, 2004: 22) Selim entschloss sich daraufhin im Jahr 1794, eine neue Armee, die außerhalb der traditionellen Strukturen stand, zu schaffen. Mehr als jeder Herrscher zuvor vertraute Selim III. dabei auf europäische Konzepte und Erfahrungen. Zu diesem Zweck holte er
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erstmals europäische Militärberater ins Land. Sie sollten bei der Gründung einer modernen Armee eine wichtige Rolle spielen.
In den Dekreten, die die Reformen einleiteten, rechtfertigte er die Übernahme europäischer Konzepte und die Rolle, die ausländische Militärberater spielten, indirekt, indem er darauf hinwies, dass ihm bereits seine Vorfahren das Beispiel geliefert hätten, dass es die Scharia Muslimen erlaube, „die Tricks und Methoden der Feinde“ anzuwenden um diese zu besiegen. (Vgl. Inalcik, 1995: 129)
Die Reformen, die unter dem Namen „Neue Ordnung“ eingeleitet wurden, beschränkten sich nicht nur auf die bloße Übernahme moderner europäischer Waffentechniken und das Training an diesen, sondern sie gingen viel weiter. Es galt, einen neuen Soldaten zu schaffen. Dieser sollte nicht nur moderne Waffentechniken und Methoden der Kriegsführung beherrschen, sondern auch in modernen Wissenschaften und Sprachen bewandert sein. Äußerlich sollten die neuen Einheiten von den traditionellen durch moderne Uniformen nach westlichem Vorbild zu unterscheiden sein.
Für die Ausbildung von Offizieren für die neuen Einheiten wurden Militär- und Marineakademien nach westlichem Vorbild gegründet. Dadurch entstand parallel zu den bestehenden Einheiten nicht nur eine neue moderne Armee, sondern es bildete sich auch eine neue, in westlichen Wissenschaften, Techniken und Methoden ausgebildete Elite heraus.
Die Gründung einer neuen, modernen Armee parallel zu den bestehenden Einheiten schuf einen Dualismus innerhalb des Systems. Das Verhältnis zwischen neuen und alten Institutionen war durch Rivalität, Neid und Ablehung geprägt. Die neuen Einheiten konnten ihren Einfluss allerdings rasch ausbauen. Ihr Aufstieg ging zu Lasten der Vormachtstellung traditioneller Institutionen wie der Janitscharen, der Sipahis und der ulema.
Dennoch sollte es eine Weile dauern, bis der Dualismus, also das Bestehen alter und neuer rivalisierender Parallelstrukturen im Heer aufgehoben wurde. Erst Mahmut II. (1808 –1839) beendete 1826 diesen mit einem blutigen Massaker, bei dem beinahe alle führenden Janitscharen ermordet wurden.
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In den folgenden Jahren sollten die Militärakademien zu Kaderschmieden für Generationen von Reformern werden. Damit kann festgestellt werden, dass die Reformen Institutionen schufen, die Kader für den Staatsdienst ausbildeten, die wiederum weitere Reformen vorantrieben. Die Modernisierungsbewegung perpetuierte, beschleunigte und radikalisierte sich dadurch von Generation zu Generation. Während die ersten Generationen Modernisierung als einen technischen Veränderungsprozess verstanden hatten, sollten spätere Generationen wie die Republiksgründer rund um Mustafa Kemal Modernisierung als ein zivilisatorisches Projekt, ja als eine Kulturrevolution betrachten, in der es als rückständig geltende orientalische Muster abzulegen und westlich-moderne, als fortschrittlich geltende, anzunehmen galt.
Die von Selim III. initiierte neue Armee gilt als erste Institution, die sich nach modernen westlichen Maßstäben orientierte. Sie sollte sich zu einem Motor der Modernisierungs-Bewegung bzw. der Verwestlichung im Staat entwickeln.
Auf die Militär- und Marineakademien sollten bald Verwaltungsakademien folgen. Die osmanischen Herrscher erkannten, dass eine moderne Armee alleine den bedrängten Staat nicht retten konnte. Vielmehr war es zur Stärkung der Zentralmacht notwendig, auch eine moderne staatliche Verwaltung zu schaffen. Eine moderne Administration sollte zudem bessere Steuereinnahmen gewährleisten. Denn es galten die Prämissen „Ohne Armee keine Macht“ und „Ohne ausreichende Einnahmen keine Armee“. Außerdem sollte eine moderne Verwaltung Gerechtigkeit und Prosperität unter den Subjekten steigern. Auch die neue Bürokratie sollte sich, ebenso wie auch die neuen Militärs, von den Vertretern der traditionellen Institutionen sichtbar unterscheiden. Dafür wurde 1828 eine neue Kleidervorschrift erlassen, die den Beamten das Tragen von traditioneller Kleidung untersagte und stattdessen das Tragen eines dem Frack nachempfundenen Gehrocks und des Fes, einer ursprünglich aus Marokko stammenden Kopfbekleidung, vorschrieb.
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Der Aufstieg Ägyptens
Die Invasion Ägyptens durch die napoleonischen Truppen im Jahre 1798 leitete die Ära des europäischen Kolonialismus im Nahen Osten ein. Auch wenn die französische Okkupation nur knapp drei Jahre dauerte so hinterließ sie dennoch tiefe kulturelle Spuren und gilt als Auslöser für die Entstehung eines modernen ägyptischen Staatswesens.6
Die Gründung eines modernen ägyptischen Staates steht mit diesem Ereignis in Zusammenhang und geht auf Muhammed Ali Pascha zurück. Muhammed Ali war ein in Albanien geborener osmanischer Offizier, der zusammen mit osmanischen Truppen nach der französischen Invasion Ägyptens durch Napoléon zur Wiederherstellung der osmanischen Autorität ins Land am Nil entsandt worden war. Anstatt die Vormacht des Sultans herzustellen, konnte Muhammed Ali rasch und geschickt die Rivalitäten zwischen den einzelnen lokalen Machtfaktoren wie den Mamelucken, lokalen Notabeln und der ulema für sich selbst nutzen und sich als neuer Herrscher Ägyptens etablieren. Muhammed Ali schuf in kürzester Zeit eine solide Machtbasis, die es ihm erlaubte, auch gegen den Sultan aufzutreten.
Nach einigem Widerstand blieb dem Sultan nichts anderes übrig, als Muhammed Alis faktische Macht über Ägypten, das nach dem Abzug der Franzosen wieder ins Reich eingegliedert worden war, anzuerkennen und ihn als Vali (Statthalter) von Ägypten zu bestätigen. Muhammed Ali war damit zwar formell ein Statthalter des Sultans und damit ein Beamter des osmanischen Staates, faktisch regierte er aber als ein unabhängiger Herrscher. Er lieferte lediglich Tributzahlungen an den Hof in Istanbul ab, sonst agierte er weitgehend autonom. Muhammed Ali strebte danach die Herrschaft über Ägypten für seine Familie zu sichern und damit eine erbliche Dynastie zu begründen.
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Unter seiner Herrschaft erlebte Ägypten den Aufstieg zu einer regionalen Größe. Muhammed Alis Ägypten bedrohte nicht nur die Interessen der europäischen Größmächte, sondern entwickelte sich auch zu einer ernsthaften Konkurrenz für den Sultan.
Der Aufstieg Ägyptens unter Muhammed Ali war bedingt durch ein umfassendes Reformprogramm, das dieser im Land umgesetzt hatte. Ähnlich wie der Sultan hatte auch Muhammed Ali eine sogenannte „Neue Ordnung“ ausgerufen und ein modernes ägyptisches Militärwesen mit neuen Einheiten und Militärakademien geschaffen.
Eine starke ägyptische Armee sollte nicht nur seine Autorität über Ägypten gegenüber dem Sultan gewährleisten, sondern auch die ägyptische Unabhängigkeit gegenüber den imperialistischen Ansprüchen und Interessen der europäischen Großmächte garantieren.
Allerdings gingen seine Reformen weiter. Er initiierte neben einer Militärreform auch eine umfassende Verwaltungsreform und ein wirtschaftliches Entwicklungsprogramm. Das Modernisierungsprogramm Muhammed Alis war stark vom Merkantilismus geprägt. Das Ziel war es eine moderne ägyptische Industrie zu schaffen. Die Verstaatlichung von Land, die Modernisierung der landwirtschaftlichen Produktionsmethoden sowie die Schaffung von Monopolen leiteten zunächst zu einem Entwicklungsboom. Allerdings war dieser nicht von unabhängigen privaten Kräften getragen. Muhammed Ali sicherte sich als unumschränkter Herrscher auch die wirtschaftliche Vormacht. Als größter Landbesitzer gründete er landwirtschaftliche Musterunternehmen und behielt das Monopol über die Produktion mancher Produkte. Muhammed Ali wurde dadurch auch zum größten Unternehmer des Landes. Durch die umfassenden Reformen wurde die ägyptische Wirtschaft zwar modernisiert und Ansätze für eine Industrialisierung geschaffen, gleichzeitig wurde das Land aber mehr oder weniger in einem wirtschaftliches Unternehmen des Herrschers verwandelt. Ein privates ägyptisches Unternehmertum konnte sich erst später, nach dem Tod Muhammed Ali Paschas, herausbilden.
Muhammed Alis Reformen schufen damit zwar die Grundlage für eine Industrialisierung Ägyptens, diese war aber sehr stark mit politischem Absolutismus und der Monopolisierung der wirtschaftlichen Macht und des Landbesitzes in den Händen des Herrschers verbunden.
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Längerfristig betrachtet scheiterten Muhammed Alis Reformen. Auch Ägypten konnte durch staatliche Reformen und Modernisierungsansätze nicht gegenüber dem Westen aufholen, das Land schlitterte in eine Schuldenspirale, musste nach Muhammed Alis Tod Staatsbankrott anmelden und geriet schließlich sogar unter britische Herrschaft.
Dennoch war Ägypten zu einem neuen Machtfaktor im östlichen Mittelmeer aufgestiegen. Muhammed Alis selbstbewusstes agieren forderte nicht nur die Autorität des Sultans in Istanbul heraus sondern störte auch die Interessen der europäischen Großmächte in der Region. In den folgenden Jahren sollten die europäischen Großmächte immer öfter in die innenpolitischen Entwicklungen des Reiches eingreifen.
Der griechische Aufstand (zwischen 1821 und 1829) bildete den Auftakt für eine von ethnischen Nationalismen getragene Bewegung unter den christlichen Untertanen des Balkans, die sich alle gegen die osmanische Herrschaft richteten.7 Die Misswirtschaft, Korruption, die Sicherheitsprobleme und die Willkür der osmanischen Behörden, alles Phänomene, die durch die Zerrüttung der osmanischen Staatsgewalt zugenommen hatten, spielten den nationalistischen Bewegungen, die Freiheit und Unabhängigkeit propagierten, in die Hände.
Die Osmanen waren alleine zu schwach, um die aufständischen Griechen, die massive Unterstützung aus Europa erfuhren, niederschlagen zu können. 1824 musste sich Sultan Mahmud II. an seinen mächtigen Vasallen Muhammed Ali in Ägypten um Hilfe wenden. Dieser entsandte daraufhin seine Flotte zur Unterstützung der osmanischen Truppen. In der
Schlacht von Navarino wurde die türkisch-ägyptische Flotte durch die britisch-französisch-russischen Alliierten vernichtend geschlagen, die auf Seiten der Griechen eingegriffen hatten, um den Sultan zu einem Waffenstillstand zu zwingen. Muhammed Alis Flotte war damit beinahe zur Gänze vernichtet worden. Als Kompensation für diesen schweren Verlust forderte Muhammed Ali vom Sultan die Übertragung der Herrschaft
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über Syrien. Als der Sultan dies ablehnte, im Übrigen stemmten sich auch Frankreich und Großbritannien gegen einen territorialen Zuwachs der Macht Muhammed Alis, entschloss sich dieser, die Provinz Syrien durch Gewalt einzunehmen. Die ägyptischen Einheiten eroberten Syrien in kürzester Zeit. Als der Sultan weiterhin zu keinerlei Zugeständnissen, geschweige denn Gesprächen, mit Muhammed Ali bereit war, ließ dieser seine Armee weiter in Richtung Norden marschieren. Die ägyptischen Einheiten drangen bis weit in das osmanische Kernland in Anatolien ein. In Konya in Zentralanatolien, südlich von Ankara gelegen, schlugen die ägyptischen Truppen (1832) erneut die Osmanen vernichtend. Die osmanische Niederlage bei Konya öffnete den Ägyptern den Weg nach Istanbul. Muhammed Ali stand knapp davor die Hauptstadt zu erobern, den osmanischen Sultan zu stützen und die eigene Herrschaft über das gesamte Reich einzunehmen. Bedrängt durch Muhammed Ali wandte sich der Sultan nun verzweifelt an die Großmächte um Hilfe.
Nachdem Großbritannien, Österreich und Frankreich nicht bereit waren, aktiv in den Konflikt einzugreifen, mussten sich die Osmanen schließlich an den Erzrivalen Russland wenden. Russland intervenierte zur Rettung der osmanischen Dynastie, weil es kein Interesse an einer Neuverteilung der Macht hatte, allerdings waren die eilig herbei geeilten russischen Truppen zahlenmäßig zu schwach um die Ägypter auch zurückzudrängen. In Folge dessen war der Sultan gezwungen in Verhandlungen mit Muhammed Ali zu treten und seinen Forderungen ihn als Statthalter von Syrien zu bestätigen nachzugeben.
Im Jahr 1839 versuchte Mahmud II., die Machtverhältnisse wieder umzukehren und griff die ägyptischen Truppen in Syrien an. Die osmanische Armee wurde allerdings neuerlich in der Schlacht von Nizip von den Ägyptern vernichtend geschlagen. Kurz darauf verstarb Mahmud II. Ihm folgte sein Sohn Abdülmecit I. auf den osmanischen Thron.
Muhammed Alis Aufstieg zu einem regionalen Machtfaktor, der sogar den Fortbestand des schwächelnden Osmanischen Reiches herausfordern konnte, lag nicht im Interesse der europäischen Großmächte und störte das politische Gleichgewicht zwischen den einzelnen politischen Interessen. So war Großbritannien über den wachsenden Einfluss Russlands, der sich in Folge der Hilfestellung durch russische Truppen für den Sultan
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ergeben hatte, besorgt. Die europäischen Großmächte waren weder an einem Zerfall des Reiches interessiert, denn das hätte ernsthafte Konflikte unter den Großmächten verursacht, noch daran, dass die Region von einem lokalen Emporkömmling wie Muhammed Ali dominiert wird.
Das im Jahr 1840 zwischen Großbritannien, Österreich, Preußen und dem Osmanischen Reich unterzeichnete Londoner Abkommen sollte daher Muhammed Alis Herrschaft ein für alle mal auf Ägypten beschränken. Im Gegenzug dafür räumte das Abkommen aber der Dynastie Muhammed Alis das Erbfolgerecht für Ägypten ein. Die internationale Anerkennung der Dynastie Muhammed Alis kam einer Unabhängigkeit Ägyptens gleich. Auch wenn Ägypten nominell noch immer als ein Teil des Osmanischen Reiches galt und Tribut an den Hof abliefern musste, bestätigte das Abkommen die Selbständigkeit des Landes in allen übrigen Belangen. (Vgl. Ayubi, 2001)
Die Tanzimat-Ära
Nach der verheerenden Niederlage des Reiches gegen Russland 1768 und dem Vertrag von Küçük Kaynarca (1774) hatten die traditionellen osmanischen Machtinstitutionen wie der Hof und die ihm angeschlossenen Haushalte (bab), die durch die Rekrutierung von Angehörigen und die Weiterdelegierung von staatlicher Autorität ein Patronagenetzwerk über persönliche Verbindungen aufgebaut hatten und erhebliche Macht ausübten, sukzessive zu Gunsten einer neuen bürokratischen Elite und zu Gunsten der neuen Institutionen an Einfluss verloren. Dennoch waren die Zahlen der an den neuen Akademien ausgebildeten Eliten bei weitem nicht ausreichend, um eine moderne und effiziente Verwaltung zu gewährleisten. Auch die Reformen im militärischen Bereich hatten zwar einen Paradigmenwechsel und eine Neuorganisation nach europäischem Vorbild eingeleitet und zur Entstehung einer neuen, in westlichen Techniken und Methoden ausgebildeten Offiziersklasse geführt, aber dadurch war noch keine moderne Armee geschaffen. Vielmehr mangelte es auch weiterhin an modernen Waffen, Gerätschaft, Uniformen und vor allem an Disziplin in den Einheiten.
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Auch im Bereich der Verwaltung mangelte es oft, trotz Verbesserungen, an der Umsetzung der Reformen. In weiten Bereichen war der Staat bei der Umsetzung der Neuerungen gerade auf jene korrupten Behörden auf lokaler Ebene angewiesen, deren Misswirtschaft es zu vermeiden und einzuschränken galt. Zwar hatte die Auflösung der Janitscharen einen Durchbruch bedeutet und weiteren Reformen den Weg geebnet, dennoch beschränkte man sich im Wesentlichen auf die Ausarbeitung neuer Gesetze und die Schaffung neuer Institutionen, während die alten beibehalten wurden. (Vgl. Zürcher, 2004: 46) Auch weiterhin sollte der staatliche Bereich durch einen Dualismus zwischen neuen und alten Institutionen und Strukturen geprägt sein, ein Umstand, der die Umsetzung der Reformen und ihre Effizienz verzögerte.
Die durch Selim III. im militärischen Bereich eingeleiteten und unter Mahmut II. fortgeführten Reformen konnten die Niederlagen nicht aufhalten. Erik Zürcher führt an, dass mit den Reformen zwar Maßnahmen zur effektiven Kontrolle über das Reich geschaffen wurden, dass es allerdings weitere 50 Jahre dauern sollte bis diese Maßnahmen zu greifen anfingen. In der kurzen Zeit hatten weder die Militär-, noch die Verwaltungsakademien im benötigten Maß Absolventen, die in modernen Kriegs- und Verwaltungstechniken bewandert waren, hervorbringen können, noch war die Reformbewegung über eine kleine Zahl an hohen Beamten bei Hofe hinausgegangen. Zürcher berichtet zudem, dass die Reformen zwar versuchten den Traditionalismus in der Verwaltung durch Legalismus zu ersetzen, dass sie aber nicht die patrimonialistischen Netzwerke abschaffen konnten. (Vgl. Zürcher, 2004: 45ff.)
Die Niederlage der osmanischen Armee gegen die Truppen Muhammed Alis stärkte jene Kräfte, die weitere und vor allem weitergehende Reformen gefordert hatten. Die sogenannten Tanzimat (Reorganisation) Reformer standen zwar in der Tradition jener, die auch schon die Neue Ordnung eingeleitet hatten, gingen aber in ihrem Ansinnen weiter. Um einen modernen Territorialstaat mit einer starken Verwaltung und einer Wirtschaft, die dem westlichen Handel standhalten konnte, zu schaffen, bedurfte es einer Ausweitung der Modernisierung von militärischen und administrativen Fragen auf den wirtschaftlichen, sozialen und sogar religiösen Bereich.
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Deshalb kam es in den folgenden Jahren nicht nur zu wichtigen Veränderungen im rechtlichen Bereich, sondern die Reformer förderten auch den Bau von Fabriken zum Aufbau einer osmanischen Textilerzeugung, begünstigten den Bau von Eisenbahnverbindungen sowie eines Postwesens und erteilten Konzessionen für die Errichtung von Dampfschifffahrtslinien. Sie beendeten zudem staatliche Monopole und versuchten durch die Senkung der Zölle den internationalen Freihandel zu stimulieren. (Vgl. Lapidus, 2002: 493 –505) (Vgl. Göcek, 1996) (Vgl. Zürcher, 2004: 46ff.)
In der Regierungszeit Mahmuts II. hatte der Einfluss europäischer Großmächte auf das Reich erheblich zugenommen. Vor allem Großbritannien, das, um einen weiteren Aufstieg Russlands zu verhindern, am Erhalt des Reichs interessiert war und eine pro-türkische und anti-russische Politik verfolgte, konnte als ein Unterstützer der osmanischen Staatsmacht seinen Einfluss wesentlich ausbauen. Großbritannien und die übrigen Westmächte, die den osmanischen Markt erschließen wollten, forderten nicht nur die Öffnung des Reiches für den internationalen Handel und damit Erleichterungen für die Einfuhr industrieller Produkte, sondern auch Rechts- und Finanzsicherheit für ausländische Investitionen. 1838 kam es zur Unterzeichnung eines Freihandelsabkommens mit Großbritannien, das den osmanischen Markt dem britischen Handel öffnete. Es waren vor allem pro-britische Gruppen bei Hofe, die während der Regierungszeit Mahmuts II. Einfluss hatten, der Sultan spielte aber immer wieder diese gegen pro-französische und pro-russische Fraktionen aus. (Vgl. Zürcher, 2004: 45) Dadurch dauerte es nicht lange, bis auch Freihandelsabkommen mit den übrigen Großmächten unterzeichnet wurden.
Die Freihandelsabkommen sowie Begünstigungen für ausländische Unternehmer führten zu einer Benachteiligung der einheimischen Produzenten. Während das Reich vor allem teure Industriegüter aus Europa importierte, wurde es immer mehr zu einem Lieferanten für Landwirtschaftsprodukte. Eine einheimische Industrie konnte sich angesichts des harten Wettbewerbs kaum etablieren. Von der Öffnung des Handels profitierten vor allem Kaufmänner und Händler, die Angehörige der nicht-muslimischen Minderheiten waren. Diese Gruppe hatte bereits zur Zeit der napoleonischen Kriege vom Ausfall europäischer Händler
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profitiert und sich nachhaltig als Mittler im Handel zwischen Europa und dem Reich etablieren können. Dadurch entstand langsam eine osmanische Handelsbourgeoisie, die sich mehrheitlich aus Griechen, Armeniern und Juden zusammensetzte und die den Außenhandel des Reiches dominierte. In den vergangenen Jahren hatten Angehörige dieser neuen Handelsbourgeoisie durch den Eintritt in den Dienst der einen oder anderen europäischen Macht Schutz und Rechtssicherheit vor der Willkür osmanischer Herrscher gesucht. Dadurch waren Angehörige von Minderheiten oft von der osmanischen Kopfsteuer ausgenommen und erlangten Privilegien, wie niedrige Handelsabgaben, die eigentlich ausländischen Staatsbürgern, die sich im Reich niedergelassen hatten, vorbehalten waren.
Im Gegensatz dazu verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der breiten muslimischen Bevölkerung, die mehrheitlich im Agrarsektor tätig war. Neid und Missgunst, sowie Unzufriedenheit mit der Ordnung sollten im Jahr 1859, sogar zu einem Putschversuch, dem sogenannten Kuleli-Vorfall führen.8
Die Reorganisation (Tanzimat) von Staat und Gesellschaft erfolgte vor diesem Hintergrund. Eingeleitet wurde die Tanzimat-Ära durch das Gülhane Hatt-i Scherif, das sogenannte Rosengarten-Edikt, benannt nach dem Garten vor den Toren des Topkapi Palastes, in dem es am 3. November 1839 verlesen wurde. Das Hatt-i Scherif war eine Grundsatzerklärung, die das Recht auf Leben, Privateigentum und Ehre anerkannte, Gerechtigkeit und Regulierung im Bereich des Steuerwesens versprach, den Wehrdienst und die Wehrdienstzeiten genau definierte und für alle Untertanen des Sultans, unabhängig von deren konfessioneller Zugehörigkeit, Gleichheit vor dem Gesetz versprach.9 Das Edikt wurde in alle
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Provinzen des Reiches verschickt und die Gouverneure (Valis) aufgefordert, die Erlässe umgehend umzusetzen.
Damit sollten die Reformen, indem sie die staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten definierten, nicht nur die staatliche Autorität wieder herstellen, sondern sie kamen auch den Forderungen des internationalen Freihandels nach Rechtssicherheit und dem Schutz von Privateigentum entgegen. Ohne Zweifel waren die Reformen damit auch eine Antwort auf den Druck durch die Großmächte. Durch die Reformen wollte man den Forderungen der Europäer nach moderner Rechtsstaatlichkeit entgegenkommen und dadurch den Druck, den sie auf das Reich ausübten, abschwächen. Vor allem im Bereich der Stellung der nicht-muslimischen Minderheiten forderten die europäischen Großmächte Verbesserungen.
1843 wurde ein neues Strafgesetz eingeführt, das Muslime und Nicht-Muslime vor dem Gesetz gleichstellte. 1844 wurde die Todesstrafe für den Abfall vom Islam abgeschafft. 1850 wurde ein neues Handelsgesetz eingeführt und 1867 Ausländern das Recht eingeräumt, im Reich Landbesitz zu erwerben. (Vgl. Zürcher, 2004: 56ff) Auch wenn weiterhin die Scharia Gültigkeit hatte, wurde ihr Geltungsbereich beinahe ausschließlich auf den Bereich des Familienrechts reduziert. Weitere wichtige Schritte stellten die Abschaffung des Timar-Systems, sowie eine umfassende Verwaltungsreform dar.
Mit dem am 18. Februar 1856 erlassenen Islahat Hatt-i Hümayun, (dem kaiserlichen Edikt) wurden die Rechte der Nicht-Muslime weiter ausgebaut. Das Edikt war eine Antwort auf den zunehmenden Druck durch die europäischen Mächte. Das Islahat Hatt-i Hümayun gilt als Fortsetzung und Vertiefung des mit dem 1839 durch das Gülhane Hatt-i Scherif eingeleiteten Tanzimat-Reformprozesses. Es eröffnete Nicht-Muslimen den Weg in den Staatsdienst. Nicht-Muslimen wurde dadurch die Möglichkeit eingeräumt, in der zentralen sowie lokalen Verwaltung zu arbeiten bzw. Mitglieder der Verwaltungsversammlungen zu werden. (Vgl. Inalcik, 2006: 281)
Die gesetzliche Gleichstellung von Muslimen und Nicht-Muslimen kam einem Paradigmenwechsel gleich. Während bislang Nicht-Muslime als Millets toleriert wurden, aber keinesfalls Muslimen gleichgestellte Bürger waren, führten die Tanzimat-Reformen das Konzept einer
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über-konfessionellen osmanischen Staatsbürgerschaft ein. Dieser Umstand führte in weiterer Folge zu einer Säkularisierung der Millets. Die einzelnen Millets erließen ihre eigenen Verfassungen und säkulare Vertreter übernahmen von den religiösen Würdenträgern die Ämter innerhalb der Millet-Organisation. Dadurch kam es zu einer Institutionalisierung der Millets wie es sie in der klassischen Periode des Osmanischen Reiches zuvor nie gegeben hatte. Der Umstand, dass Laien immer mehr Ämter innerhalb der religiösen Gemeinschaften gewannen, stimulierte indirekt separatistische, nationalistische Bewegungen, die unter den jeweiligen Eliten innerhalb der Millets Unterstützung fanden.
Die rechtlichen Reformen im Laufe der Tanzimat-Ära führten zu einer weiteren Abweichung von der islamisch geprägten Staatstradition. Die Einführung von weltlichen Gerichten, die Entfernung vom Prinzip der millet-i hakime, der herrschenden Nation, zu Gunsten der Gleichberechtigung von Muslimen und Nicht-Muslimen, sowie die Reform des Bildungswesens, das zu Lasten der religiös geprägten Schuleinrichtungen wie mektebs und medresses ging 10, bedeuteten wichtige Schritte in Richtung Säkularisierung. Der Islam bildete zwar weiterhin den Rahmen für das Reich und sein Rechtswesen, institutionell und kulturell kam es aber zu einer wachsenden Anpassung an nicht-islamische Normen und Konzepte der europäischen Moderne.
Dadurch sollte der Übergang von einem lose organisierten mittelalterlichen Reich, in dem Souveränität, Rechte und Pflichten mit der religiösen Zugehörigkeit verbunden waren und das sich primär auf die
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Gemeinschaft der Muslime als politische Gemeinschaft bezog, zu einem modernen Konzept des westfälischen Staates mit Territorialitätsprinzip, starken zentralstaatlichen Institutionen, einem absoluten Machtmonopol, Steuerhoheit und voller Souveränität nach innen und nach außen erreicht werden.
Die Tanzimat-Reformen waren stark von den in Europa in Folge der Aufklärung etablierten Gedanken des Bürgerrechts und der damit einhergehenden Stärkung des Eigentumsrechts, der Beseitigung des Feudalismus und dem Drang des Bürgertums nach mehr Mitsprache beeinflusst. Die osmanischen Reformer hofften, durch die Übernahme des rechtlichen Rahmens und der dazugehörigen Institutionen Bedingungen zu konstruieren, die einen Modernisierungsprozess auslösen würden. Damit kehrten sie den Entwicklungsprozess um. Während die modernen staatlichen Institutionen in den als Vorbild betrachteten westeuropäischen Ländern als Ergebnis des Kampfes gesellschaftlicher Gruppen, insbesondere des aufstrebenden Bürgertums nach mehr Freiheit, Gleichheit und politischer und wirtschaftlicher Mitsprache entstanden waren, hofften die osmanischen Reformer, einen umgekehrten Prozess von oben her durch die Übernahme jener bürgerlichen rechtlichen Freiheiten, Errungenschaften und Institutionen auszulösen. Die Modernisierung des Reiches sollte durch ein modernes rechtliches Rahmenwerk und eine moderne Verwaltung begünstigt werden.
Die Reformen, deren ideelle Grundlagen unter dem Einfluss der europäischen Aufklärung standen, verfolgten aber nicht das Ziel der Etablierung einer bürgerlichen Gesellschaft, sondern sie betrachteten die Institutionen und das System, die durch eine bürgerliche Gesellschaft geschaffen worden waren, als notwendige Bestandteile für die Konstruktion eines modernen und starken Staates. Angesichts des drohenden Niederganges des Reiches lag der Fokus der bürokratischen Eliten daher nicht auf der Übernahme der gesellschaftlichen Ideale von Freiheit und Gleichheit, sondern auf der Übernahme der modernen Institutionen, die die Modernisierung und Zentralisierung des Staatswesens gewährleisten sollten.
In diesem Sinne sind die Bestrebungen der Modernisierer vom Wesen her als staatsorientiert und konservativ zu bewerten. (Vgl. Trimberger, 1978: 88)
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Im Laufe der Zeit drängte die auf den neuen Verwaltungs- und Militärakademien nach westlichen Maßstäben ausgebildete neue Elite die absolute Macht des Herrschers zurück. Die Schaffung von Institutionen wie eines Schatzamtes führte dazu, dass Steuereinnahmen nicht mehr direkt dem Sultan zustanden, sondern vielmehr wurden sie nun von der neuen Bürokratie eingehoben und verwaltet und dem Sultan wurde eine festgelegte Apanage zugewiesen. Für die Angehörigen der neuen Elite ersetzte das Konzept des Staates und der Nation immer mehr den Sultan als zentralen Referenzpunkt der Gesellschaft.
Die Reformen führten zu einer überdimensionalen Stärkung der Macht der neuen bürokratischen Eliten im Zentrum. Damit führten die Reformen zwar zur Einschränkung der Allmacht des Herrschers, aber es kam dadurch nicht zu einer Demokratisierung, vielmehr erfolgte eine Machtverschiebung innerhalb des Zentrums vom Sultan in Richtung hoher Bürokratie. Damit wanderte mit den Tanzimat-Reformen das Machtzentrum vom Sultanspalast zur Hohen Pforte, dem Sitz des Großwesirs, dem Chef der osmanischen Regierung und Verwaltung. Es kam zur Gründung mehrerer Ministerien und zum Aufbau der dazu gehörigen Beamtenschaft.Ministerien mit einem Tross an Beamten ersetzen die traditionellen Haushalte. Sie übernahmen die patrimonialen Funktionen dieser und bedienten die klientalistischen Netzwerke weiter. Eine der wichtigsten Rollen spielte das Außenministerium, das nicht nur die Außenbeziehungen definierte, sondern auch in der Definition und Ausarbeitung der Reformen im Inneren eine wichtige Rolle spielte.
Aufgrund der außenpolitischen Implikationen der Minderheitenfrage konnte sich unter der bürokratischen Elite des Reiches kaum ein Vertrauen in die Angehörigen der nicht-muslimischen Minderheiten entwickeln. Vielmehr wurden sie oft als verlängerte Arme der imperialistischen Großmächte betrachtet und es wurde ihnen Misstrauen entgegengebracht. Die neue Bürokratie blieb daher im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten, in denen Nicht-Muslime, die sich dem Sultan gegenüber loyal verhielten, in hohe Posten des Staates hatten aufsteigen können – obwohl die Reformen auf diesem Gebiet nun die gesetzlichen Grundlagen lieferten – beinahe ausschließlich muslimisch dominiert.
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Der Modernisierungsprozess förderte einen gewissen Elitismus. Die neuen Machteliten im Zentrum begründeten ihre Stellung auf dem Zugang zu Bildung nach westlichen Methoden und Maßstäben. Die neuen Eliten waren nicht nur Fremdsprachen, wie meist des Französischen, mächtig, sie waren vor allem auch in europäischer Literatur und in Naturwissenschaften bewandert. Die neuen Tanzimat-Eliten verdrängten erfolgreich die traditionellen Eliten im Zentrum des Reiches. Zu diesen gehörten neben den im Jahr 1826 aufgelösten Janitscharen auch die ulema, die hohe Geistlichkeit.
Die Säkularisierung des Bildungs- und Rechtssystems im Zuge der Reformen beraubte nun die ulema, die seit der verstärkten Hinwendung zum Westen ohnehin an Ansehen und Status eingebüßt hatte, nun auch wichtiger gesellschaftlicher und rechtlicher Funktionen. Ubicini weist in seinen Briefen darauf hin, dass durch die Trennung von religiösen und weltlichen Funktionen die ulema auch ihrer finanziellen Einnahmen beraubt wurde. (Vgl. Ubicini, 1853: 93) In weiterer Folge sollte die ulema zu einem wichtigen Zentrum des Widerstands gegen die Bewegung der Verwestlichung werden.
Die islamischen Gelehrten, die als die Hüter des überlieferten islamischen Wissens gegolten hatten, nahmen angesichts der rasanten gesellschaftlichen Veränderungen eine immer konservativere Stellung ein. Immer wieder stellten sich hohe Würdenträger gegen Neuerungen. Als Beispiel dafür kann die Geschichte der unterirdischen Bahn, die das Hafenviertel von Karaköy an der Galatabrücke mit Pera verbindet, erwähnt werden. Dieses frühe Beispiel einer kurzen Untergrundbahn wurde durch ausländische Anleihen finanziert und sollte die beschwerliche Verbindung zwischen den zwei Bezirken, die bis dahin nur über eine Stiege und einen steilen Weg möglich war, erleichtern. Als die Bahn allerdings im Jahr 1875 fertig gestellt wurde, erließ der Seyh-ül Islam eine Fetwa, die besagte, dass der Transport von Menschen unter der Erde aus religiöser Sicht nicht erlaubt sei. Daraufhin wurden mit der Bahn in der ersten Zeit nur Tiere und Waren befördert. Erst als sich der Transport als ungefährlich erwies, änderte der Seyh-ül Islam seine Fetwa und öffnete den Betrieb auch für den Personenverkehr.
Solche Beispiele für konservative Entscheidungen der ulema führten dazu, dass sich unter den Reformern immer mehr die Idee durchzusetzen
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begann, dass die Religionsgelehrten ein Hindernis für den Fortschritt darstellten. Diese kritische bis ablehnende Haltung gegenüber der Funktion von Religion sollte sich vor allem später in der frühen republikanischen Ära niederschlagen.
Während die Geistlichkeit dadurch in den Augen der Reformer immer mehr an Ansehen verlor und sich verstärkt in einen gegen den Modernisierungsprozess gerichteten Konservativismus flüchtete, wurden die in westlichen Wissenschaften und Techniken ausgebildeten neuen Eliten zu einem Motor für weitere Modernisierungsmaßnahmen. Die Reformen brachten weitere Reformen hervor.
Die Reformer definierten die Moderne als ein allumfassendes universelles zivilisatorisches Konzept, das dadurch auch universelle Gültigkeit habe und das es ohne Wenn und Aber zu übernehmen galt. Aufgrund der Universalität der westlichen Moderne sahen die Reformer auch keine Unvereinbarkeit mit der islamischen Religion. Die Übernahme westlicher Konzepte, Normen, Kleider, Stile, Verhaltensweisen und Gewohnheiten wurde daher als eine Notwendigkeit der Modernisierung betrachtet. Nicht-westliches Verhalten galt zunehmend als unmodern und sogar rückständig. Es galt also, sich zu verwestlichen (batililasmak) und dadurch modern zu sein.
Das Konzept der Verwestlichung war nicht das Ergebnis diesbezüglicher Forderungen aus der breiten Bevölkerung, sondern vielmehr war es das Resultat des Despotismus der in westlichen Wissenschaften und Literatur ausgebildeten neuen Eliten, die ihre eigene, weitgehend bäuerliche Gesellschaft als rückständig und ungebildet betrachteten. Folglich ist es nicht verwunderlich, dass die Reformbewegung einen autoritären Charakter annahm.
Während der Islam und die islamische Tradition eine Verbindung zwischen der höfischen osmanischen Elitenkultur, die sich durch Sprache, Kleidung, Bildung, Lebensweise, ja sogar Musik und Speisen von jener der Untertanen unterschied, zumindest formal herstellen konnte, vertiefte die Übernahme westlicher Kleidung, Lebensweisen und Verhaltenscodices durch die neuen Eliten und ihre Abweichung von der islamischen Tradition die kulturelle Kluft zwischen diesen und der breiten muslimischen Bevölkerung, deren Alltagsleben durch islamisch geprägte Traditionen bestimmt war.
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Die Vewestlichung veränderte nicht nur die intellektuelle Ausrichtung und Denkkonzepte, sondern betraf auch die Einrichtung, die Verhaltensweisen, das Vergnügen und die Mode der Eliten. Neben dem Fes und dem modernen Gehrock, dem Markenzeichen der neuen bürokratischen Eliten, änderte sich vor allem die Frauenmode in wohlhabenden Kreisen. In der städtischen Gesellschaft wurden traditionelle Kleidervorschriften, die das Tragen bestimmter Stoffe, Muster und Modelle bestimmten Ständen bzw. konfessionellen Gruppen vorbehielten, immer mehr zu Gunsten der angesagten Modetrends aus Paris und London vernachlässigt. Kleider der damaligen internationalen Mode ersetzten zunehmend die traditionelle Bekleidung wohlhabender Frauen im städtischen Umfeld. Unter den Damen der neuen Eliten verkümmerte der Schleier oft zu einem Tüll, der mehr modischen als religiösen Zwecken zu dienen schien. Auch klassische europäische Musik fand immer mehr Eingang in die Kreise der höheren städtischen Bürokratie. All dies blieb nicht ohne Auswirkungen auf den Palast selbst. Das öffentliche Auftreten und Verhalten der Sultane ähnelte immer mehr jenen europäischer Monarchen. Plötzlich begannen sich die osmanischen Sultane bewusst ihrem Volk zu zeigen. So unternahm z. B. Sultan Abdülmecit (Reg. 1839 –1861) mehrere Reisen quer durch sein Reich, um den Stand der Provinzreform vor Ort zu inspizieren. Sein Bruder und Nachfolger Abdülaziz (Reg. 1861 –1876) unternahm sogar mehrere Reisen nach Europa, bei denen er mit europäischen Monarchen zusammen kam.
Die Verwestlichung spiegelte sich nicht nur in der Kleidung und dem Verhalten der Oberschicht, sondern auch in der Architektur wider. Vor allem in den von Angehörigen der Minderheiten, sowie ausländischen Diplomaten und Kaufleuten bewohnten Istanbuler Bezirken Galata und Pera entstanden in dieser Zeit moderne Stadthäuser, Geschäftspassagen und Theater, die sich am französischen Baustil der Zeit orientierten. Vor allem Cafés und Restaurants nach europäischem Vorbild veränderten nachhaltig den öffentlichen Raum, da sie von Männern und Frauen gleichzeitig frequentiert wurden. Allerdings blieben solche Einrichtungen, ebenso wie Theater und Geschäftspassagen fast ausschließlich auf die sogenannten europäischen Bezirke der Hauptstadt beschränkt. Damit blieben die Umwälzungen im Zuge der Verwestlichung weitgehend auf
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das Zentrum und die Angehörigen der Staatseliten und auf die durch Nicht-Muslime dominierte Handelsbourgeoisie beschränkt. Modernisierung durch Verwestlichung war ein Konzept, das von den neuen Eliten im Staat vertreten wurde; es handelte sich damit um einen Ansatz, der von oben her, von den höchsten staatlichen Organen ausging, die Auswirkungen auf die einfache Bevölkerung der Peripherie blieben bescheiden.
Trotz des Versuches, auch im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich einen Modernisierungsschub zu erzeugen, hatte die Tanzimat-Ära keine industrialisierte Wirtschaft hervorbringen können. Die sich am Freihandel orientierende, offene und vom Wirtschaftsliberalismus geprägte Wirtschaftspolitik lieferte das Reich durch Handelserleichterungen, niedrige Tarife und Zölle weitgehend den Interessen des westlichen Imperialismus aus. Vor allem das mit Großbritannien im Jahr 1838 abgeschlossene Freihandelsabkommen lieferte die auf traditionellen Herstellungsmethoden beruhende Wirtschaft schutzlos der Konkurrenz mit britischen Industriegütern aus. Dies hatte verheerende Folgen für die Produktion im Reich. Da man mit den Preisen der industriell produzierten europäischen Massenwaren nicht mithalten konnte, wurde das Reich immer mehr zu einem Lieferanten für Naturgüter, die in Europa verarbeitet und deren Produkte wieder ins Reich zurück exportiert wurden. Dadurch vergrößerte sich das Handelsdefizit und es wuchs die Abhängigkeit von den europäischen Märkten.
Das Osmanische Reich gelangte dadurch im Laufe des 19. Jahrhunderts in eine semi-koloniale Abhängigkeit, die sich insbesondere durch eine wirtschaftliche und finanzielle Schwäche manifestierte. Unter diesen Bedingungen blieb der Grad der Industrialisierung gering. Selbst lebenswichtige und strategisch bedeutende Bereiche wie das Postwesen wurden von ausländischen Gesellschaften betrieben. Es waren auch hauptsächlich europäische Ausländer, die die leitenden Positionen in wichtigen Unternehmen innehatten.
Gleichzeitig dazu verlangten die Umstellung des Rechtswesens, der Verwaltung und der Armee nach immer größeren Finanzmitteln. Die osmanische Regierung konnte kaum die Effizienz im Steuerbereich in dem notwendigen Ausmaß anheben. Stattdessen griff man auf ein altbewährtes Mittel, die Verringerung des Silbergehalts in den osmanischen
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Münzen, zurück; das führte wiederum zu einer steigenden Inflation. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts musste das Reich Auslandsanleihen aufnehmen. Der Staat verschuldete sich in einem solchen Ausmaß, dass er im Jahr 1875 Zahlungsunfähigkeit anmelden musste. Im Jahr 1881 wurde die Administration de la Dette Publique Ottomane gegründet, eine Institution, die unter britisch-französischer Kontrolle die Überwachung der osmanischen Staatsfinanzen übernahm, wodurch das Reich in noch größere Abhängigkeit von den Großmächten und deren wirtschaftlichen und politischen Interessen geriet.
Die Jungosmanen
Die Tanzimat-Reformen hatten die Macht der zentralen Bürokratie weiter gestärkt. Dies war zu Lasten des Hofes und des Sultans geschehen. Die Macht wanderte in dieser Ära vom Palast zur Hohen Pforte, dem Sitz des Großwesirs. Ministerien mit einem Tross an Beamten ersetzen die Haushalte. Sie übernahmen ihre patrimonialen Funktionen und bedienten die klientalistischen Netzwerke. Es etablierte sich ein aufgeklärter Absolutismus der hohen Bürokratie. Die wichtigsten Vertreter des Tanzimat-Regimes waren Mehmet Emin Ali und Mehmet Fuat Pascha (Keçecizade), sie regierten autoritär und eisern. Es gab kaum Opposition aus der Bevölkerung.
Kritik am Despotismus der Tanzimat-Reformer wuchs vor allem aus den Reihen der Reformer selbst. Es waren jene Vertreter der aufgeklärten Bildungseliten, denen meist aufgrund ihrer Herkunft, der Aufstieg in die Machtzirkel verwehrt blieb. (Vgl. Zürcher, 2004: 66ff) Der Absolutismus der Reformer hatte einen gewissen Nepotismus gefördert. Es waren meist die Angehörigen, Verwandten und Protegées eines kleinen Zirkels um den Hof und die hohe Tanzimat-Bürokratie, die bevorzugt wurden und in wichtige Posten kamen. Die Söhne von Angehörigen des Haushaltes des Sultans und prominenter Funktionäre hatten einen privilegierten Status und wurden bei Beförderungen gegenüber Studenten, die aus der Bevölkerung rekrutiert worden waren und durch ein Stipendium an die Akademien gelangten, bevorzugt. (Vgl. Göcek, 1996: 77) Jene Vertreter
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der Bildungseliten, denen aufgrund ihrer Herkunft der Aufstieg in die Machtzirkel verwehrt blieb, besetzten entweder die niedrigeren Ränge in der Bürokratie oder sie betätigten sich als Journalisten.
In Folge der Öffnung zum Westen hatte sich erstmals ein reges Pressewesen herausgebildet, das nicht nur eine Chronik der Ereignisse wiedergab, sondern in dem auch vermehrt regierungskritische Kommentare Platz fanden. Damit übernahm die Presse in gewisser Weise mangels anderer Möglichkeiten der politischen Meinungsäußerung die Funktion einer liberalen Opposition zu den autokratisch regierenden Tanzimat-Reformern. Die Leserschaft der neuen Blätter blieb allerdings aufgrund des hohen Analphabetismus auf den zwar wichtigen, aber zahlenmäßig kleinen Kreis der städtischen Bildungseliten beschränkt.
Die Ereignisse um die bürgerlichen Revolutionen des Jahres 1848, in denen das Bürgertum in den einzelnen europäischen Staaten gegen die nach der Restauration entstandenen aufgeklärten absolutistischen Regimes revoltierte, hatte einen großen Einfluss auf die unzufriedenen Vertreter der Bildungseliten gehabt. (Vgl. Zürcher, 2004: 67) Anders als in den west- und mitteleuropäischen Staaten sollten die liberalen Forderungen nach Konstitutionalismus und Parlamentarismus nicht von einem aufstrebenden Bürgertum, sondern von den von der Macht ausgeschlossenen Vertretern derbürokratischen Eliten getragen werden. Die Zeitungen und Journale, die neu entstanden waren und die liberalen Vertretern der bürokratischen Eliten ein Betätigungsfeld geboten hatten, sollten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung dieser Ideen spielen. Seit seiner Entstehung sollte das türkische Pressewesen eher durch politischen Liberalismus geprägt sein und nicht nur ein Betätigungsfeld für kritische und oppositionelle Intellektuelle bieten, sondern auch ein wichtiger Vermittler liberaler Werte und Diskurse sein.
Die Opposition zum aufgeklärten Absolutismus der Tanzimat-Reformer sammelte sich in der Bewegung der Jungosmanen. Die Jungosmanen waren keine homogene, bzw. organisierte Bewegung, vielmehr handelte es sich um eine lose Vereinigung junger Intellektueller unterschiedlichster Herkunft und Ansichten. Was sie vereinte war die Opposition gegen den Despotismus und Nepotismus des Tanzimat-Regimes und die Forderung nach einer Verfassung und einem Parlament. Damit
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knüpfte die jungosmanische Bewegung an die freiheitlichen Ideen und Ziele der 1848er Bewegungen in Europa an. Zudem verband sie der Umstand, dass ihnen der Aufstieg in die höchsten Spitzen des Staates verwehrt geblieben war.
Die Jungosmanen waren in dem Sinn keine Revolutionäre, die den islamischen Charakter des Staates oder gar die Autorität oder Legitimität der osmanischen Dynastie in Frage stellten, vielmehr wollten sie diesen Staat retten. Auch sie betrachteten Reformen als unausweichlich. Anders als die Tanzimat-Eliten, die sie des Despotismus und der unkritischen Übernahme westlicher Institutionen beschuldigten, versuchten sie aber liberale Konzepte wie Konstitutionalismus und Parlamentarismus und ein Staatsbürgerschaftswesen mit der osmanisch-islamischen Tradition des Staates zu verbinden. Die Tanzimat-Reformer kritisierten sie vor allem dafür dass sie das Reich politisch und wirtschaftlich an die europäischen Großmächte auslieferten und dass sie vom Westen nicht etwa liberale Konzepte wie den Konstitutionalismus oder die Pressefreiheit übernommen hatten, sondern so oberflächliche Aspekte der europäischen Kultur wie Theater, Tanzsäle oder die Benutzung von europäischen Toiletten mit Verwestlichung verwechselt hätten, wobei diese noch dazu schwer mit den islamischen Moralvorstellungen der osmanischen Gesellschaft zu vereinbaren wären. (Vgl. Mardin, 2000: 115ff.)
Die Werte der Aufklärung wie Fortschritt, Wissen und Wissenschaft betrachteten sie nicht als spezifisch westliche Errungenschaften, sondern als universelle Werte, die es, um gegenüber dem Westen aufholen zu können, zu übernehmen und sich anzueignen galt. Dies sollte aber nicht mit einer kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Auslieferung oder Selbstaufgabe einhergehen. Vielmehr sollten kulturelle Eigenheiten bewahrt werden. Sitten, Traditionen, sowie moralische Normen würden nämlich keinem Universalismus unterliegen. Der islamische Charakter der Kultur sowie die eigenen Wertvorstellungen sollten bewahrt und gegen Angriffe von außen beschützt werden. Japan, das es geschafft hatte, trotz technischer Modernisierung und Industrialisierung seine eigenen Werte und Traditionen aufrechtzuerhalten, galt den Jungosmanen als ein Vorbild für die Modernisierung des Osmanischen Reiches. Die Jungosmanen waren laut Zürcher liberale Intellektuelle, gläubige Muslime
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und osmanische Patrioten, die an die goldene Ära des Osmanischen Reiches anknüpfen wollten. (Vgl. Zürcher, 2004: 68)
Ähnlich wie die islamischen Reformer des 19. Jahrhunderts glaubten sie in der Frühzeit des Islam Beispiele für ihre liberalen Ansätze zu finden. Gamalettin al-Afghani und Muhammad Abduh, die prominentesten Vertreter der islamischen Reformer, wollten den Islam durch eine Rückbesinnung auf seine ursprüngliche pure Form in der Zeit des Propheten und seiner vier Nachfolger reformieren und eine Renaissance einleiten. Es galt, die Religion von dem Ballast der sich über die Jahrhunderte angehäuft hatte, zu befreien und zu den Wurzeln des Islam zurückzufinden. In der frühen islamischen Gesellschaft von Medina, glaubten sie Pendants für liberale demokratische Institutionen zu finden. So vertrat Abduh zusammen mit anderen die Wiedereinführung der Shura, eines Rats der Gläubigen, der dem Herrscher beratend zur Seite stehen sollte. Die Shura war zwar ein Gremium, das unter der Herrschaft des Propheten Mohammed Anwendung gefunden hatte, das dann aber durch autokratische Herrscher abgeschafft worden war. Demnach sahen sie den Parlamentarismus nicht als eine Errungenschaft des Westens, sondern in Form der Shura als eine bereits im ursprünglichen Islam verankerte Institution, die es wiederzubeleben galt. (Vgl. Günay, 2008: 216ff)
Ähnlich versuchten auch die Jungosmanen ihre liberalen Ideen, die von den bürgerlichen Revolutionen in Europa inspiriert waren, islamisch zu begründen und zu rechtfertigen. Die Jungosmanen setzten in ihrer Argumentation die Einführung eines konstitutionellen Systems der Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit gleich. Laut Jungosmanen hatte die ulema, als Verteidiger islamischer Prinzipien und Verfechter der Rechte der Muslime im osmanischen System ein Gegengewicht zu den realpolitischen Interessen der politischen Macht gebildet. Die Opposition der ulema zum kaiserlichen Privileg des Erlassens weltlicher Gesetze hätte demnach im Rahmen des traditionellen osmanischen Systems eine gewisse Rechtsstaatlichkeit bzw. Gewaltentrennung gewährleistet. Durch die weitgehende Entmachtung der ulema im Zuge des Modernisierungsprozesses wäre nun dieses traditionelle Gleichgewicht zerstört worden und den bürokratischen Eliten, die sämtliche Macht in ihren Händen vereinen konnten, stünde nun kein Gegengewicht mehr
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gegenüber. Demnach würden Verfassung und Parlament zur Aufhebung des Ungleichgewichts beitragen und damit die Wiederherstellung einer gerechten Ordnung im Sinne des islamischen Rechtssystems, der Scharia bedeuten. (Vgl. Mardin, 2000: 105ff)
Während die islamischen Reformer eine Renaissance der islamischen Religion einzuleiten hofften und damit einen eher theologischen Ansatz vertraten – sie waren islamische Gelehrte – waren die Jungosmanen zwar gläubige Muslime, Intellektuelle und Vertreter einer neuen Bildungselite, aber keine Religionsgelehrten. Im Gegensatz zu den islamischen Reformern drehten sich ihre Gedanken vornehmlich um die politische Frage, wie der Staat zu retten sei.
Serif Mardin meint, dass die Elemente der politischen Weltanschauung der Jungosmanen nur dann zu verstehen sind, wenn man diese Bewegung in den historischen Kontext der ehrlichen und allumfassenden Sorge um das Wohlergehen der islamischen Gemeinschaft setzt, einer Gemeinschaft, die als in ihrer Tradition sowie ihrem wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Fortbestehen als gefährdet wahrgenommenen wurde. Dieses Gefühl, so Mardin, hatte sich seit dem Aufstieg der Osmanen zur Führungsnation der islamischen Welt in eine Hingabe zum bzw. Sorge um den osmanischen Staat gewandelt, der sich als dar-ül islam, die Heimstätte des Islam, definierte. Die Sorge um das Wohlergehen der Gemeinschaft beinhaltete auch die Bereitschaft, die Interessen des Individuums unter jene des Staates unterzuordnen. Laut Mardin fand diese Haltung im weit verbreiteten Ausspruch Allah din-ü devlete zeval vermesin! („Gott möge Religion und Staat schützen!“) Ausdruck. Mardin weist in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass der Fokus auf den Vater Staat (devlet baba) auch eine Tradition des Gehorchens und das Fehlen von weithin akzeptierten Theorien des Widerstandes mit sich brachte. (Vgl. Mardin, 2000: 105ff)
Die Jungosmanen betrachteten den Nationalismus als größte Gefahr für den Fortbestand des Vielvölkerreiches. Namik Kemal, der Schriftsteller, Poet und Journalist und der wohl prominenteste Vertreter der Jungosmanen, schrieb, dass sich kein Land seiner Zukunft sicher sein könne und dass jedes Land unterschiedlichen Schwierigkeiten und Gefahren entgegen blicke. Während es aber für Länder wie England die Angst vor
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dem irischen Separatismus, in Frankreich der Versuch, Ordnung und Freiheit unter einen Hut zu bringen, in Italien und Deutschland das Streben, die neu gewonnene Einheit zu halten, sei, fürchten wir aufgrund der Unterschiede in Rasse und Religion die totale Auflösung unseres Landes. (Vgl. Lewis, 2002: 338ff.)
Um dem entgegenzuwirken, propagierten Kemal und andere Vertreter der Jungosmanen einen osmanischen Patriotismus. Kemal entwickelte dazu sogar ein neues osmanisch-türkisches nationalistisches Vokabular, indem er alten Wörtern eine neue Bedeutung verlieh. So wandelte er z. B. das Wort Vatan, das im Arabischen Geburtsort bedeutet, in Heimat um. (Vgl. Zürcher, 2004: 68) Es galt die Idee eines osmanischen Vaterlandes zu etablieren, ein Konzept, das so bis dahin keinen Bestand gehabt hatte und für das es nicht einmal eine Terminologie gab. Ein osmanischer Patriotismus sollte die Kluft zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen überbrücken und dem ethnischen Nationalismus entgegenwirken, indem er die Menschen an die gemeinsame Heimat band. Allerdings wurden in Kemals Konzept eines osmanischen Vaterlandes osmanische Christen zwar toleriert, sie würden allerdings keinen konstituierenden Bestandteil der osmanischen Nation bilden. (Vgl. Grigoriadis, 2011: 174) Kemal gründete zu diesem Zweck zusammen mit anderen Jungosmanen 1865 die Geheimgesellschaft Ittifak-i Hamiyet, die Allianz für Patriotismus.
Es sollte sich allerdings erweisen, dass die Idee eines osmanischen Patriotismus zwar unter den liberalen Vertretern der bürokratischen Eliten Anklang fand, allerdings keine Konstruktion war, die den einzelnen nationalistischen Bewegungen, vor allem nicht jenen in den Balkanprovinzen, ernsthaft etwas entgegenhalten konnte. Dort waren es vor allem die wachsende Ineffizienz der lokalen osmanischen Behörden, die wachsende Steuerlast, sowie Korruption und Misswirtschaft, die den nationalistischen Bewegungen in die Hände arbeiteten.
Die im Jahr 1862 gegründete Zeitung Tasvir-i Efkar (Darstellung der Meinung) galt als ein Sprachrohr der jungosmanischen Bewegung. Namik Kemal hatte ihre Leitung übernommen. Über die Zeitung gelangten seine Ideen an eine breitere Öffentlichkeit.
Aufgrund des wachsenden politischen Drucks mussten die meisten prominenten Vertreter der Jungosmanen das Reich verlassen und ins
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europäische Exil gehen. Die meisten von ihnen fanden in Frankreich Zuflucht, wo sich bereits früher Mustafa Fazil Pascha, der Bruder des ägyptischen Khediven und ein prominenter Vertreter der Bewegung, niedergelassen hatte. Mustafa Fazil Pascha nahm eine wichtige Rolle bei der Finanzierung der oppositionellen Bewegung ein. Vom Exil aus veröffentlichten die Jungosmanen weiterhin ihre Schriften, die unter intellektuellen Kreisen Anklang fanden.
Nach dem Tod des Großwesirs Mehmet Emin Ali Pascha im Jahr 1871, der dominierenden Figur der Tanzimat-Ära, kehrten die meisten Vertreter der Jungosmanen wieder aus ihrem europäischen Exil zurück. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang war, dass die meisten der ehemaligen Exilanten nach ihrer Rückkehr Funktionen in der Verwaltung übernahmen und einige sogar in Ministerposten aufstiegen. Die Forderungen der Jungosmanen nach einer osmanischen Verfassung und einem Parlament konnten allerdings erst in Folge einer weiteren Verschlechterung der Sicherheitssituation des Reiches durchgesetzt werden. Damit war die Einführung des Parlamentarismus, ebenso wie auch frühere Reformen, deren Inhalt den Geist der Aufklärung widerspiegelten, nicht die Folge eines wachsenden Drucks aus der Bevölkerung, sondern eine Maßnahme, die den Druck, den die europäischen Großmächte auf das Reich ausübten, verringern sollte. Wieder einmal spielte in diesem Zusammenhang die Sorge der Großmächte um die Lage der christlichen Untertanen des Reiches eine Rolle.
Die erste Verfassungsperiode
Eine verheerende Hungersnot in Folge von anhaltender Dürre und dem Ausfall von Ernte in Anatolien und den arabischen Provinzen, sowie die große internationale Finanzkrise, die das von ausländischen Krediten stark abhängige Osmanische Reich besonders schwer traf, veranlassten die Regierung dazu, die im Osten des Reiches entstandenen Verluste durch die Anhebung der Steuern in den Balkanprovinzen zu kompensieren. Es kam zu mehreren Aufständen in den europäischen Provinzen des Reiches, die blutig niedergeschlagen wurden.
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Die osmanischen Truppen gingen in Serbien und Bulgarien besonders brutal gegen die Aufständischen vor. Während des bulgarischen Aufstandes kam es in der Stadt Batak zu einem Massaker osmanischer Einheiten an der Zivilbevölkerung.
Das brutale Vorgehen der osmanischen Einheiten und insbesondere das Massaker von Batak empörten die europäische Öffentlichkeit, es kam zu Protesten. Russland verfolgte eine pan-slawische Politik und nahm verstärkt die Rolle einer Schutzmacht der auf dem Balkan lebenden Slawen und orthodoxen Christen wahr.
Der Druck auf die osmanische Regierung, die Lage der Nationen auf dem Balkan zu verbessern, wuchs. Russland drohte sogar mit Krieg, für den Fall, dass das Osmanische Reich keine weiteren Reformen durchführen würde, die den Status der slawischen Christen auf dem Balkan verbessern würden. Die europäischen Großmächte befassten sich mit der Frage der Unabhängigkeit Bulgariens und der übrigen Balkanprovinzen. Es wurde diesbezüglich eine Konferenz in Istanbul einberufen, die allerdings durch die osmanischen Verantwortlichen torpediert wurde.
Vor diesem Hintergrund sollte die Einführung einer Verfassungsordnung und eines osmanischen Parlaments den Forderungen der europäischen Großmächte nach mehr Freiheit und Rechtsstaatlichkeit entgegenkommen und sollte vor allem eine drohende Intervention abwenden. Schließlich sollten eine Verfassung und eine parlamentarische Vertretung den Wandel des Reiches in einen Rechtsstaat mit Normen, die für alle Bürger, unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion gültig sind, bestätigen bzw. garantieren.
Auch innenpolitisch kam Sultan Abdülmecit I. immer mehr unter Druck. Die Jungosmanen hatten mit dem Tod Mehmet Ali Emin Paschas an Einfluss gewinnen können. Ihre Forderungen nach Konstitutionalismus und Parlamentarismus wurden auch von den europäischen Großmächten unterstützt.
Sultan Abdülmecit I. wurde schließlich durch einen Putsch durch die Konstitutionalisten abgesetzt und statt ihm sein Sohn als Sultan Murat V. eingesetzt. Allerdings erwies sich recht bald, dass Murat V. psychisch nicht dem Druck, der auf ihm lastete, Stand halten konnte. Er wurde nach nur wenigen Monaten durch seinen Bruder Abdülhamid II. ersetzt.
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Abdülhamid sollte mehr als 30 Jahre (1876 –1909) über das Reich herrschen.
Im Dezember des Jahres 1876 rief Abdülhamid II. die erste Verfassung des Osmanischen Reiches aus. Dies leitete die sogenannte erste konstitutionelle Periode der türkischen Geschichte ein. Die Verfassung orientierte sich an der belgischen Verfassung aus dem Jahre 1831.11 Auch das erste osmanische Parlament wurde gegründet. Dieses Parlament wurde nach dem Vorbild westeuropäischer Staaten in zwei Kammern unterteilt: Die gewählte Kammer, das Meclis-i Mebusan, sowie das durch den Sultan ernannte Oberhaus, das Ayan Meclisi. Die ersten Mitglieder des Parlaments wurden vorübergehend aus den Verwaltungsräten der einzelnen Provinzen und Bezirke gewählt. Provinzen, die zwar formal unter osmanischer Hoheit standen, de facto aber eigenständig agierten und sich dem Reich wenig bis gar nicht verpflichtet fühlten, wie z. B. Serbien, Ägypten, Tunesien oder Montenegro, entsandten nicht einmal Abgeordnete. Dennoch beherbergte das erste osmanische Parlament nicht nur eine Vielzahl unterschiedlicher ethnischer Nationalitäten, sondern auch viele nicht-muslimische Abgeordnete und spiegelte somit die ethnische und religiöse Vielfalt des Reiches wider.
Das Parlament war in seinen Möglichkeiten allerdings stark eingeschränkt. Die Verfassung räumte dem Parlament keinerlei Kontrollrechte gegenüber der Regierung ein, auch die Autorität des Sultans blieb weitgehend gewahrt. Die Verfassung hatte kaum seine Herrschaftsrechte beschränkt. Er konnte weiterhin nach Belieben das Parlament auflösen und Neuwahlen ausrufen. Auch das Recht, den Großwesir, also den Kopf seiner Regierung, oder aber auch einzelne Minister nach Belieben ein- bzw. abzusetzen, blieb gewahrt. Damit bedeutete zwar die Einführung des Parlamentarismus eine Öffnung des politischen Systems und die Miteinbeziehung einer breiteren Elite, in vielen Bereichen blieb diese Öffnung aber nur formal. Dennoch ist festzuhalten, dass der Übergang
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zu einer Verfassungsordnung und zu einem, wenn auch beschränktem, parlamentarischen System einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung Modernisierung bedeutete bzw. der Annäherung an europäische Normen und Werte gleichkam.
Die Lebensdauer des ersten osmanischen Parlaments war nur sehr kurz. Nur ein Jahr nach der seiner ersten Konstituierung wurde das Parlament 1878 wieder durch den Sultan aufgelöst. Sultan Abdülhamid hatte der russisch-türkische Krieg 1877/1878 bei dem das Reich weitere große Gebietsverluste in den Balkanprovinzen hinnehmen musste, als Vorwand gedient.12
Der Parlamentarismus war nie im Interesse des Sultans gestanden, vielmehr hatte der Sultan gehofft, durch die Gründung eines Parlaments und die Ausrufung einer Verfassung vor allem den Forderungen der europäischen Großmächte entgegenzukommen und dadurch militärischen Interventionen vorzubeugen. Der Krieg und die schmerzlichen Gebietsverluste schienen Abdülhamid zu beweisen, dass nicht Liberalismus und
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Parlamentarismus die Lösung waren. Er sollte für die nächsten 30 Jahre die Verfassung aussetzen und das Parlament suspendieren.
Die hamidische Ära (1878 –1908)
Aus Sicht der Eliten der islamischen Welt war das 19. Jahrhundert durch militärische Niederlagen, territorialen Rückzug, wirtschaftliche Unterlegenheit, kulturellen Abbau und politische Unterwerfung geprägt. Die Invasion Napoleons in Ägypten 1798 hatte die Schwäche des Reiches noch einmal offen gelegt und die Ära des direkten Kolonialismus über muslimische Gesellschaften eingeleitet. In den folgenden Jahren waren Muslime quer über den Globus, in Europa sowie auch in islamischen Kernregionen wie dem Nahen Osten, Zentralasien, Indien und im fernen Indonesien, unter europäische Fremdherrschaft gelangt.
Die Frage, wie die islamische Welt, bzw. das Osmanische Reich als größter und bedeutendster unter den islamischen Staaten, zu retten sei, beherrschte die Gedanken von Herrschern, Intellektuellen und Bürokraten.
Für viele Muslime hatten die Reformen keine Verbesserungen mit sich gebracht, sondern vielmehr dazu geführt, dass die europäischen Großmächte nun noch mehr politischen und wirtschaftlichen Einfluss ausüben konnten. Vor allem die rechtliche Gleichstellung von Muslimen und Nicht-Muslimen hatte zu großem Unmut unter der muslimischen Bevölkerung geführt. Viele Muslime betrachteten diesen Schritt und seine Folgen als eine einschneidende Abweichung von der islamischen Staatstradition und vom Prinzip der millet-i hakime, der Vorherrschaft der Muslime in einem muslimischen Staat. Der im Zuge der wirtschaftlichen Öffnung des Reiches gewachsene Wohlstand der Handelsbourgeoisie, die sich fast ausschließlich aus Angehörigen nicht-muslimischer Minderheiten zusammensetze, verstärkte die Spannungen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen noch weiter.
Mit Abdülhamid II., der 1876 mit der Ausrufung des Konstitutionalismus quasi den Höhepunkt der liberalen Politik einleitete, war kein liberaler Reformer auf den Thron gekommen. Vielmehr fand der Sultan nur ein Jahr nach der Ausrufung des Konstitutionalismus im
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russisch-türkischen Krieg einen willkommenen Vorwand, um eine Politik einzuleiten, die statt auf liberale Reformkonzepte auf die islamische Religion als Ideologie, Traditionalisten als Verbündete und einen absolutistischen Zentralismus als System aufbaute. (Vgl. McDowall, 2009: 57) Die hamidische Ära (1878 –1908), die auf die Abschaffung des Parlamentarismus und Konstitutionalismus folgte, kann als Periode des Neo-Absolutismus bezeichnet werden. In dieser Zeit wanderte das Machtzentrum wieder zurück in den Palast. Der Sultan regierte absolut, jegliche Opposition wurde unterdrückt, das Pressewesen kontrolliert. Abdülhamid II. verfolgte bei gleichzeitiger Fortsetzung des Modernisierungsprozesses eine konservative Politik. Anstatt eines osmanischen Patriotismus baute Abdülhamid auf einen Panislamismus unter der Führung der osmanischen Dynastie. Unter seiner Regierung verschlechterte sich die Lage der christlichen Untertanen des Reiches. Er brachte ihnen, da sie immer wieder den europäischen Großmächten als Vorwand zu Interventionen gedient hatten, eine große Skepsis entgegen bzw. misstraute er ihnen. Sultan Abdülhamid sah sich und sein Reich den Verfolgungen und Feindseligkeiten der christlichen Welt ausgeliefert und er war fest entschlossen, es gegen diese Angriffe zu verteidigen. Die Opferrolle, in der man den osmanischen Staat und die islamische Gemeinschaft angesichts des europäischen Imperialismus sah, verhinderte eine umfassende Selbstkritik, die die Gräueltaten die osmanische Einheiten begangen hatten bzw. die Verfehlung der osmanischen Beamten ausreichend miteinbezog.
In Folge der massiven Gebietsverluste auf dem Balkan war der Anteil der Christen im Reich sukzessive geschrumpft. Seit dem Verlust der bevölkerungsreichen Balkanprovinzen hatte sich bevölkerungsmäßig der Schwerpunkt des Reiches in die östlichen, arabischen Provinzen verschoben. Die Araber stellten inzwischen die zahlenmäßig größte ethnische Gruppe im Reich dar. Abdülhamid hielt seine übriggebliebenen christlichen Untertanen als für das Reich bereits verloren. Er glaubte an keinen osmanischen Patriotismus, der Muslime und Nicht-Muslime an die Dynastie hätte binden können. Stattdessen verfolgte er, um aufkeimenden nationalistischen Strömungen unter den Arabern vorzubeugen, eine panislamische Politik, die sich auf die muslimischen Subjekte
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im Reich konzentrierte und das Ziel hatte diese unter der Führung des Hauses Osman zu vereinen. (Vgl. Akçam, 2006: 67)
Abdülhamid betonte im Gegensatz zu den liberalen Reformern wieder den islamischen Charakter des Reiches. Er verfolgte damit eine Retraditionalisierung der Legitimierung der osmanischen Herrschaft. Zu diesem Zweck besann man sich des Kalifats, der Führerschaft über die muslimischen umma, die Gemeinschaft der Muslime. Das Kalifat war wie weiter oben erwähnt 1517 mit der Eroberung Kairos von den Mamelucken an die Osmanen gewandert. Historisch betrachtet hatte die Funktion des Kalifats zu Gunsten der weltlichen Funktion des Sultanats beinahe jegliche politische Bedeutung verloren. Erst angesichts der Bedrohung des Reiches durch den europäischen Imperialismus und den aufkeimenden Nationalismus besannen sich die Osmanen seiner Bedeutung.
Abdülhamid versuchte durch die Wiederbelebung des Kalifats die Legitimität der osmanischen Herrschaft über ihre muslimischen Untertanen zu festigen und dadurch nicht nur den Bestand des Reiches, sondern auch den Fortbestand der Dynastie zu sichern.
Das Kalifat war bereits mit dem Friedensvertrag von Küçük Kaynarca (1774) neuentdeckt worden. Damals hatte Sultan Abdülhamid I. als Kompensation für den Verlust der Halbinsel Krim eine Art religiöses Pontifikat über die dort lebenden muslimischen Tataren beansprucht. Diese Forderung war neu und hatte keinerlei historische Vorbilder und stellte damit den ersten Schritt für den Versuch, eine universelle Führerschaft über die islamische Welt, über die Grenzen des eigenen realen politischen Herrschaftsbereiches hinaus zu schaffen, dar. (Vgl. Lewis, 2002: 324)
Abdülhamid II. versuchte nun als Kalif, diesen universellen Führungsanspruch über die muslimische Welt gezielt für außenpolitische Interessen des Reiches zu funktionalisieren. Vor allem hoffte man, durch die Aktivierung eines islamischen Gemeinschaftsgeistes die muslimische umma über die Grenzen des Reiches hinweg für den Kampf gegen den westlichen Imperialismus zu mobilisieren. Die Mobilisierung von Millionen von Muslimen wie z. B. in Indien, die dem britischen Kolonialismus ausgeliefert waren, im Namen der Religion und der religiösen Solidarität sollte eine mächtige globale anti-imperialistische Waffe für die Interessen des Osmanischen Reiches sein. Abdülhamid entsandte zu
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diesem Zweck Agenten in die gesamte islamische Welt, allerdings blieb diese Politik ohne konkrete Erfolge.
Die von Misstrauen geprägte Haltung des Regimes gegenüber seinen verbliebenen christlichen Subjekten hatte schwerwiegende Folgen für diese. Die Haltung Abdülhamids verstärkte die schwelende Missgunst und Vorurteile gegenüber Angehörigen nicht-muslimischer Minderheiten in den Provinzen. In einzelnen anatolischen Provinzstädten hatte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts eine Kaufmanns- und Handwerkerschicht, bestehend aus Angehörigen der griechischen, armenischen und anderer christlicher Minderheiten, herausgebildet, die es im Gegensatz zu der breiten muslimischen Bevölkerung zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht hatte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts spitzte sich die sogenannte Armenierfrage immer mehr zu. Der Funke des Nationalismus hatte die Armenier, als eine der letzten unter den vielen nicht-muslimischen ethnischen Gruppen im Reich, erfasst. Erst mit dem Ende des 19. Jahrhunderts richteten die Armenier, die in einem recht weitläufigen Gebiet von Zentral- bis Ost- und Südostanatolien lebten und über wenig politische Organisation verfügten, als Gruppe politische Forderungen an den osmanischen Staat. Die Armenier forderten besseren Schutz vor Übergriffen und Besserbehandlung vor den staatlichen Institutionen. In ihren Forderungen wurden sie hauptsächlich von Russland, aber auch durch andere Großmächte, unterstützt.
Frust über die wirtschaftliche Besserstellung der Armenier, sowie über die Gebietsverluste, die sich nun seit mehreren Jahrhunderten zu Gunsten der Christen und zu Ungunsten der Muslime entwickelten, förderten einen muslimischen Nationalismus, der sich gegen nicht-Muslime wandte und sich vor allem an der armenischen Minderheit, die nach mehr Rechten und mehr Sicherheit strebte, entlud. In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts kam es in einigen Provinzstädten Anatoliens zu blutigen Übergriffen auf die lokale armenische Zivilbevölkerung. Die Skepsis Abdülhamids gegenüber christlichen Minderheiten im Allgemeinen und Armeniern im Speziellen begünstigte ein Wegsehen des Staates und seiner Organe von diesen Ereignissen.
Die Wiederherstellung des Absolutismus des Sultans war mit der Errichtung eines Überwachungsstaates einhergegangen. Ein dichtes Netz
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an Geheimagenten und Polizisten kontrollierte Schulen, Militär und Verwaltung und zensurierte die Presse. Es galt, jegliche Opposition zu unterdrücken, dazu zählten Konstitutionalisten ebenso wie z. B. armenische Nationalisten. Abdülhamid II. fürchtete, wie einige seiner Vorfahren durch Gewalt abgesetzt oder gar ermordet zu werden. Aus Angst vor einem Attentat 13 lebte er zurückgezogen im Yildiz Palast in Istanbul und zeigte sich kaum der Öffentlichkeit.
Trotz absolutistischer Herrschaft, politischer Repression, einer feinseligen Haltung gegenüber den christlichen Untertanen und einer pan-islamischen Ausrichtung war die hamidische Ära dennoch eine Periode der Stabilität und einer gewissen Regeneration des Reiches. Wie weiter oben erwähnt war die konservative Ausrichtung des Sultans und seine Skepsis gegenüber dem Ausland, aber auch gegenüber den eigenen nicht-muslimischen Untertanen und auch den Intellektuellen kein Hindernis für die Fortsetzung der technischen Modernisierung. Die Haltung des hamidischen Regimes in der Frage der Modernisierung fasst Serif Mardin als „die Technologie des Westens übernehmen, aber seine Moral ablehnen“ zusammen. (Vgl. Mardin, 1994:163)
Vor allem im Bereich des Kommunikations- und Verkehrswesens kam es zu einem massiven Ausbau. Das neu ausgebaute Telegraphenwesen verband nun die einzelnen, selbst weit entfernten Provinzen mit der Hauptstadt. Der Umstand, dass Entscheidungen in kürzester Zeit an entlegene Orte übermittelt werden konnten, stärkte ein einheitliches Staatswesen. Auch der Ausbau des Eisenbahnnetzes sowie des Schiffverkehrs wurden in dieser Zeit vorangetrieben. Der Ausbau des Verkehrswesens sollte einerseits den Binnenhandel in dem bis dahin nur sehr schlecht vernetzten Reich fördern, andererseits kamen bessere Verkehrsverbindungen aber durchaus auch strategisch-militärischen Überlegungen entgegen. So sollten z. B. Zugverbindungen in die entlegenen arabischen Provinzen
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schnellere Truppentransporte gewährleisten, d. h. zu einem effektiveren Militärwesen beitragen. All diese wichtigen Infrastrukturprojekte konnten allerdings nicht durch den hoch verschuldeten osmanischen Staat alleine bewerkstelligt werden. Deshalb waren ausländische Kreditinstitute bzw. ausländische Großunternehmen maßgeblich an den Infrastrukturmaßnahmen beteiligt. Der Staat vergab Lizenzen für die Errichtung und den Betrieb von einzelnen Strecken bzw. Verbindungen an ausländische Unternehmer. So lag der Schiffverkehr innerhalb des Reiches zur Gänze in der Hand von ausländischen Unternehmen, aber auch die meisten Eisenbahnstrecken wurden von ausländischen Konsortien oft, wie im Fall der Bagdadbahn oder von Streckenlinien in den verbliebenen europäischen Provinzen, durch deutsche Unternehmer betrieben.
Auch im Schul- und Bildungswesen wurden die zuvor eingeleiteten Reformen weitergeführt. Mehr denn je benötigte das Reich technisch versierte Militärs und gut ausgebildete Beamte. Es kam zu einem Ausbau des säkularen Schulwesens und zur Gründung von neuen Akademien. Unter Abdülhamid wurden die neuen Kriegs- und Verwaltungsakademien Harbiye und Mülkiye sowie eine Schule für Militärmedizin, Askeri Tibbiye, gegründet. Diese modernen Bildungsinstitutionen, die mit dem Zweck, fähige Offiziere und Beamte für den Staatsdienst heranzubilden, gegründet worden waren, entwickelten sich zu den neuen Kaderschmieden des Reiches. Abdülhamid misstraute allerdings diesen Kadern.
Seinen Geheimagenten waren die liberalen und oppositionellen Tendenzen, die unter der Studentenschaft der Akademien grassierten, nicht entgangen. Der Sultan sah sich mit dem Dilemma konfrontiert, dass moderne Bildungseinrichtungen eine Notwendigkeit waren und ihren Absolventen wichtige Aufgaben im Militärwesen sowie in der Bürokratie zukamen, sich diese Bildungsinstitutionen gleichzeitig aber zu einem Hort des Widerstandes gegen seine autoritäre und konservative Politik entwickelten. Da er die Absolventen der Akademien als potenzielle Umstürzler betrachtete, vertraute er bei Postenbesetzungen und Beförderungen weitgehend auf Personen, die nicht von den Akademien kamen. Der Sultan sicherte sich dadurch die Loyalität der Führungsschichte innerhalb der Armee. Der Umstand, dass der Sultan systematisch die Gruppe der alayli, also jener, die keine Absolventen der Akademien waren den mektepli, den
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Absolventen vorzog, förderte wiederum die Frustration und Ablehnung der Bildungseliten gegenüber dem Sultan und seiner Politik.
Das Offizierskorps sollte sich in Folge zu einem der wichtigsten Zentren der Opposition gegen die absolutistische Herrschaft Sultan Abdülhamids entwickeln. Vor allem der schlechte Zustand einiger Truppeneinheiten, die Disziplinlosigkeit, die sich innerhalb der Armee breit machte, und die Niederlagen, die die Armee deshalb erleiden musste, sollten den Zorn der durch den Sultan benachteiligten mektepli zum Überschwappen bringen.
Die Jungtürken
Trotz strenger Zensur und Überwachung hatten sich die Akademien zu Hochburgen der Opposition gegen das hamidische Regime entwickelt. Unter den Studenten erfreute sich verbotene Literatur wie die Werke französischer Philosophen und Aufklärer sowie die Schriften Namik Kemals großer Beliebtheit. Unter großer Geheimhaltung zirkulierten diese Bücher in der Studentenschaft. Aufgrund der strengen Überwachung durch die Spitzel des Sultans trafen sich die Oppositionellen geheim im Untergrund. Es bildeten sich verschiedene Geheimbünde und Zirkel, in denen politisiert wurde. Die Debatten unter den zukünftigen Staatskadern waren geprägt von der Sorge um den Fortbestand des Reiches und damit auch von der Sorge um die eigene Zukunft. Die Ära Abdülhamids zeichnete sich zwar durch eine gewisse Stabilität aus, aber das Reich befand sich weiterhin in einer äußerst misslichen Lage. Der Nationalismus unter den einzelnen ethnischen Gruppen des Reiches setzte dem Vielvölkerstaat zusehends zu, zudem schränkten die nur allzu oft einseitigen bzw. von eigenen Interessen geleiteten Interventionen der europäischen Großmächte die Souveränität des Reiches ein und verletzten das Ehrgefühl der osmanischen Eliten, die vom Eifer getrieben waren, diesen gemeinsamen Staat zu retten. Die jungen Offiziere und Beamten, die auf den Akademien ausgebildet worden waren, um den immer noch riesigen Staat, der in seinen letzten Zügen lag, zu lenken, versuchten Lösungen für diese Probleme zu finden. Wie auch bei früheren Generationen von Reformern
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drehten sich auch ihre Gedanken dabei primär um den Staat und dessen Erhalt. Die wenigsten Oppositionellen hinterfragten dabei die Legitimität der osmanischen Dynastie oder die des Staates, oder vertraten gar radikalere Ideen wie z. B. eine sozialistische Revolution oder die Errichtung einer Republik, vielmehr forderten die meisten von ihnen einfach mehr Freiheit. Wie diese aussehen sollte, war nicht klar definiert. Eine zentrale Forderung der oppositionellen Bewegung war aber die Wiedereinsetzung der Verfassung und die Wiedereinberufung des Parlaments. Die Opposition, die sich unter den gebildeten Eliten gegen den Sultan und die Ordnung, die er verkörperte, bildete, stand also in der geistigen Tradition der Jungosmanen. Im Gegensatz zu ihren politischen Vorgängern waren sie allerdings eher naturwissenschaftlich orientiert. Insbesondere die Ideen des französischen Positivismus sollten einen großen Einfluss ausüben.
Immer mehr sahen die jungen Kader einen Grund für die Schwäche des Reiches im autokratischen Stil des Sultans. Die Unterdrückung jeglicher politischer Opposition, die Bespitzelung, die Benachteiligung von qualifizierten, ausgebildeten Offizieren und Beamten und die Bevorzugung von treuen Gefolgsleuten, die allerdings kaum Qualifikationen mitbrachten, sowie die weitverbreitete Korruption und Misswirtschaft unter der Beamtenschaft und der Umstand, dass oft die Gehälter von Beamten und Offizieren nicht ausbezahlt wurden, sowie dass unliebsame Staatsbedienstete willkürlich in entlegene Provinzen ins politische Exil geschickt wurden, waren alles Faktoren, die der Opposition gegen den Sultan zuarbeiteten.
Die erste organisierte Oppositionsgruppe scheint die durch vier Studenten der militärischen medizinischen Akademie im Jahre 1889 gegründete Ittihad-i Osmani Cemiyeti (Komitee für osmanische Einheit) gewesen zu sein. Darunter waren ein Albaner, ein Kurde und ein Tscherkesse. (Vgl. Zürcher, 2004: 86f.) Die Gruppe, die sich vornehmlich für die Wiedereinsetzung der Verfassung und des Parlaments einsetzte wuchs langsam, aber stetig. Die meisten ihrer Mitglieder wurden allerdings verfolgt. Während einige verhaftet und eingesperrt wurden, konnten sich andere ins Exil retten. Die meisten von ihnen strandeten in Paris. Hier schlossen sie sich mit einer anderen Gruppe von Exilanten zusammen, die sich ebenfalls für den Konstitutionalismus einsetzte. Gemeinsam
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sollten sie das Komitee für Einheit und Fortschritt (Ittihat ve Terakki Cemiyeti) bilden. Während sich der Begriff der Einheit auf die Einheit der ethnischen Elemente des Reiches bezog und damit auf einen osmanischen Patriotismus hindeutete – eine alte Forderung, auch der früheren Generation der Jungosmanen – beschrieb der Fortschritt die positivistische Ausrichtung der Bewegung. (Vgl. Zürcher, 2004: 86f.) Die Führung der Exilbewegung übernahm Ahmet Riza. Ahmet Riza, Sohn eines ehemaligen Parlamentsabgeordneten, Positivist und Konstitutionalist, lebte aufgrund seiner oppositionellen Ansichten im Pariser Exil. Ab 1895 veröffentlichte die Gruppe die Zeitung Mesveret (Beratung), die in Französisch und Türkisch erschien. Die Exilgruppe bezeichnete sich als Jeunes Turcs („die Jungtürken“). (Vgl. Zürcher, 2004: 86f.)
Die Bewegung erfuhr auch innerhalb des Reiches regen Zulauf. Ein Putschversuch der Istanbuler Gruppe im Jahr 1896 scheiterte jedoch und die meisten Vertreter wurden entweder verhaftet oder in entlegene Regionen und Orte innerhalb des Reiches verbannt. (Zürcher, 2004: 87) Trotz des harten Durchgreifens des Regimes konnte die Organisation allerdings innerhalb der Armee und Verwaltung in Geheimzellen weiterbestehen. Der Kontakt bzw. die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen über das Reich zerstreuten Zellen und den Exilgruppen in Europa war eher gering. Auch wenn die organisatorische Zusammenarbeit und Koordination eher schwach war, so ist allerdings der gedankliche Einfluss, der von den Exilgruppen auf die jungtürkischen Zellen im Reich durch Schriften, die von Hand zu Hand weitergegeben wurden, ausging, unbestritten. Eine wichtige Rolle spielten dabei Zeitungen und Zeitschriften, wie die Zeitung Mesveret (Beratung).
Wie auch schon zuvor die Jungosmanen, waren auch die Jungtürken eine Bewegung, die sich also vornehmlich unter den Bildungseliten, den Absolventen der Akademien, in Militär und Bürokratie ausbreitete. Während die Jungosmanen zum Teil äußerst unterschiedliche Ansätze zur Rettung des Staates vertreten hatten und die Forderung nach Parlamentarismus und Konstitutionalismus den kleinsten gemeinsamen Nenner der Bewegung dargestellt hatte, waren die Jungtürken eine einheitlichere politische Bewegung. Im Gegensatz zu den Vertretern der Jungosmanen, unter denen sich sogar auch Angehörige des Hofes bzw. von Kreisen, die
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dem Hof nahe standen, befanden, baute die jungtürkische Bewegung vornehmlich auf Absolventen der Militär- und Verwaltungsakademien auf, die aus der Mittelschicht stammten. Die unter Abdülhamid gegründeten Akademien, Harbiye, Mülkiye und Tibbiye hatten vor allem jungen Menschen aus der Mittelschichte Aufstiegschancen geboten. Mit dem Eintritt in den Staatsdienst verbanden sie nicht nur sozialen Aufstieg und Statusgewinn, sondern angesichts einer in modernen Wissenschaften weitgehend ungebildeten Gesellschaft empfanden sie sich als eine Avantgarde der Moderne. Aufgrund ihrer Ausbildung und aufgrund des Status und der Chancen, die ihnen der Staat bot, fühlten sie sich diesem gegenüber verpflichtet.
Ausgestattet mit den Werkzeugen, die sie durch ihre Ausbildung erworben hatten, sahen sie sich als befähigt, eine Führungsrolle in einer weitgehend ungebildeten Gesellschaft einzunehmen. Sie lehnten das konservative und autokratische Regime Abdülhamids als unzeitgemäß und unmodern ab und sprachen dem Sultan die Fähigkeit ab, das Reich aus seiner Krise zu führen. Ihre Loyalität galt nicht dem Sultan, sondern dem osmanischen Staat. Sie waren damit Patrioten des osmanischen Staates, die sich der Mission des Erhalts dieses Staates verpflichtet fühlten.
Ebenso wie ihre Vorgänger waren auch die Jungtürken keine demokratische Bewegung, vielmehr glaubten sie an eine Modernisierung der Gesellschaft von oben herab. Als eine reformistische Bewegung, die von den Staatseliten ausging machten sie keine Anstrengungen, um die Gesellschaft zu verändern, vielmehr war auch für die Jungtürken der Staat selbst das Ziel der Modernisierung. Sie beschäftigten sich kaum mit sozialen oder gar klassentheoretischen Fragen.
Sie standen damit zwar in der Tradition der Jungosmanen sowie der Tanzimat-Reformer, im Gegensatz zu diesen waren sie aber weit besser mit Fremdsprachen, europäischer Literatur sowie den neuesten Errungenschaften auf dem Gebiet der Naturwissenschaften vertraut. Sie waren in diesem Sinne stärker als ihre Vorgänger durch westliche Diskurse geprägt. Die Naturwissenschaften und ihre Erkenntnisse stellten einen zentralen Bestandteil ihrer Überlegungen und Ansätze dar. Geprägt durch den französischen Positivismus standen sie der Religion und ihrer sozialen Rolle gegenüber weit kritischer als die Jungosmanen.
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Die Umsetzung der Ideen der Aufklärung war für sie weniger Bestandteil einer ideologischen Anschauung als vielmehr eine notwendige Voraussetzung für die Rettung des Staates. Nach Ellen Trimberger verfolgten die Jungtürken weder eine bestimmte Ideologie noch ein bestimmtes politisches Programm. Das wesentliche Ziel war es, das multi-ethnische Reich ihrer Vorfahren – wenn auch in einer etwas liberalen Ausformung – zu bewahren. (Vgl. Trimberger, 1978: 88)
Der Verlust der Insel Kreta an Griechenland im Jahr 1897 stellte ein einschneidendes Ereignis dar. Griechenland hatte bewaffnete Gruppen zur Unterstützung von Aufständischen auf Kreta, das zum Osmanischen Reich gehörte, entsandt. Die Osmanen erklärten daraufhin Griechenland den Krieg. Die osmanischen Streitkräfte erzielten rasch einen Sieg über die Griechen. Auf Intervention der Großmächte mussten die Osmanen aber auf Gebietsgewinne ebenso verzichten wie auch auf Kreta, das zwar formell unter osmanischer Herrschaft blieb, aber einen Autonomiestatus erhielt. Die Großmächte setzten zudem den griechischen König als Kommissär ein. Der Umstand, dass selbst militärische Erfolge durch die Großmächte zunichte gemacht wurden, hinterließ tiefe Spuren bei den jungen Kadern. (Vgl. Mango, 1999: 42f) Für die meisten stellte das Ereignis ein weiteres Beispiel für die Schwäche des Reiches und die schlechte Regierung durch Sultan Abdülhamid dar. Der Verlust Kretas trotz erfolgreicher militärischer Operation auf dem Verhandlungstisch stärkte das Gefühl unter den jungen Offizieren, den europäischen Machenschaften ausgeliefert zu sein.
Der Sieg Japans über Russland in Port Arthur im russisch-japanischen Krieg im Jahr 1905 hinterließ einen großen Eindruck bei den jungen Militärs. Dies war schließlich das erste Beispiel dafür, dass eine asiatische Macht wie Japan nach einer umfassenden Modernisierung eine europäische Macht wie Russland mit den Waffen des Westens hatte schlagen können. Auch die Einführung des Konstitutionalismus in einer traditionellen Gesellschaft wie Russland war mit Interesse verfolgt worden. Diese Erfahrungen und Ereignisse auf nationaler und internationaler Ebene führten dazu, dass die Ideen der Jungtürken auf wachsendes Interesse stießen. Insbesondere in Militär und Verwaltung sollten sich trotz strenger Überwachung durch das Agentennetz des Sultans jungtürkische Zirkel verbreiten. Die Städte Saloniki und Damaskus entwickelten sich zu
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richtiggehenden Zentren der jungtürkischen Opposition. Die Vertreter der Jungtürken in Saloniki, der wichtigsten Stadt der Provinz Mazedonien sollten in weiterer Folge eine wichtige Rolle spielen.
Das Ende des Reiches zeichnete sich in Mazedonien ab. In Saloniki, einer Stadt mit einer besonderen kosmopolitischen Tradition, die die Vielfältigkeit des Reiches widerspiegelte, waren zur Jahrhundertwende die sich gegenseitig ausschließenden Nationalismen und deren Bedrohung für den Fortbestand des Reiches besonders stark zu spüren. Es ist daher kein Zufall, dass hier die jungtürkische Bewegung, die sich für den Fortbestand des Reiches einsetzte, großen Zulauf durch Offiziere, Offiziersanwärter, Kadetten und Beamte erfuhr.
Zunächst gab es eine Vielzahl an Zellen, die unabhängig voneinander von unterschiedlichen Personen gegründet worden waren. Auch Mustafa Kemal und Enver, die beide die Militärschule von Manastir (heute Bitola in Mazedonien) besucht hatten, waren voraussichtlich schon während ihrer Schulzeit mit einer der vielen jungtürkischen Gruppen in Kontakt gekommen. (Vgl. Mango, 1999: 42)
1906 gründete der ehemalige Post- und Telegraphenbeamte Talat in Saloniki die osmanische Gesellschaft für Freiheit (Osmanli Hürriyet Cemiyeti). So wie die von Talat in Saloniki gegründete osmanische Gesellschaft für Freiheit hatten sich in den osmanischen Provinzen mehr oder weniger zeitgleich verschiedene jungtürkische Organisationen etabliert, die größtenteils unabhängig voneinander das selbe Ziel verfolgten: Den Umsturz des hamidischen Regimes. Auf einem Kongress in Paris im Jahr 1907 schlossen sich die einzelnen oppositionellen Gruppen unter dem Dach des Komitees für Einheit und Fortschritt (Ittihat ve Terakki Cemiyeti) zusammen. Der Name der Organisation verband die wichtigsten Ideale der Bewegung: die Einheit des osmanischen Vaterlandes sowie den Glauben an den Fortschritt. Am Kongress nahmen auch Vertreter der oppositionellen armenischen revolutionären Föderation der Dashnak teil.
Die Vertreter des Komitees für Einheit und Fortschritt vernetzten sich nun immer stärker in der Armee und Bürokratie. Die mazedonische Frage entwickelte sich immer mehr zu einem Pulverfass für die gesamte Balkanregion und beschäftigte auch die Großmächte. Im Mai 1908 entschloss sich das Komitee dazu, aus dem Untergrund zu treten und die
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Dinge in die Hand zu nehmen. In einer öffentlichen Erklärung wandte sich das Komitee direkt an die Großmächte und forderte diese auf, sich aus Mazedonien herauszuhalten. (Vgl. Ahmad, 1969: 3)
Ein Treffen zwischen dem britischen Monarchen und dem russischen Zar und die Gespräche, die dort zur Lösung der mazedonischen Frage geführt wurden, beflügelten im Reich Gerüchte, die besagten, dass sich Russland und Großbritannien über die Aufteilung des Reiches geeinigt hätten. Dies bot den Anlassfall für das Komitee, aktiv zu werden. Im Juni 1908 kam es zu einem Aufstand in den makedonischen Einheiten. Da sich die eilig zur Niederschlagung entsandten Truppen mit den Aufständischen solidarisierten, rückten die Einheiten unter der Führung des Komitees für Einheit und Fortschritt schnell in die Hauptstadt vor. Das vorrangige Ziel der Jungtürken war die Wiederherstellung der Verfassung und die Wiedereinsetzung des Parlaments. Sultan Abdülhamid war gezwungen, einzulenken.
Die als jungtürkische Revolution geschilderten Ereignisse waren im Wesentlichen keine Revolution im klassischen Sinn, da jegliche Beteiligung durch die Bevölkerung fehlte, vielmehr kann sie als ein Putsch durch die konstitutionalistische Bewegung bezeichnet werden, der mit dem Umsturz der autokratischen Herrschaft des Sultans endete und mit der Inkraftsetzung des Kanun-i Esas (der Verfassung) am 23. Juli 1908 die zweite konstitutionelle Ära einläutete.
Die zweite Verfassungsperiode
Obwohl den jungtürkischen Revolutionären nun scheinbar Tür und Tor zur Macht offen standen, schreckten sie in dieser Phase davor zurück, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Die Jungtürken setzten weder den verhassten Sultan ab, noch besetzten sie die Regierungsämter selbst. Die Revolutionäre waren keine ranghohen Offiziere, noch fanden sich Generäle unter ihnen. Sie kamen von den mittleren und niedrigeren Rängen innerhalb der Armeerangordnung und die meisten von ihnen waren noch relativ jung. Vor allem das junge Alter bedeutete einen klaren Nachteil im türkischen gesellschaftlichen System, das
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dem Alter traditionell Ansehen und Ehrerbietung entgegenbrachte. (Vgl. Zürcher, 2004: 93ff.)
Anstatt selbst politische Posten zu besetzten, beschränkte man sich deshalb darauf, die Regierungsgeschäfte von hinter den Kulissen aus zu beeinflussen, was folglich das Aufkommen von Spannungen und politischen Krisen förderte. Vorrangiges Ziel des Komitees für Einheit und Fortschritt war es, das Parlament wiedereinzusetzen. Man hoffte, durch die Wiederbelebung des Parlamentarismus dem Auflösungsprozess des Staates entgegenzusteuern.
Dafür wurden relativ schnell Wahlen abgehalten und am 17. Dezember 1908, nur fünf Monate nach der Revolution, konstituierte sich das Parlament zu seiner ersten Sitzung. Nach mehr als 30 Jahren absolutistischer Herrschaft trat damit im Osmanischen Reich wieder der Parlamentarismus in Kraft. Wenn auch dieses osmanische Parlament die ethnische Vielfalt im Reich widerzuspiegeln versuchte, so waren nun doch mit mehr als 50 % die türkisch-stämmigen Abgeordneten eindeutig in der Überzahl. Die Vertreter des Komitees für Einheit und Fortschritt, mehrheitlich Angehörige der türkischen Volksgruppe, stellten eine überwältigende Mehrheit. (Vgl. Zürcher, 2004: 95) In realpolitischer Hinsicht litt das Komitee darunter, dass es sich nicht in eine politische Partei verwandelt hatte. Vielmehr gab es nun eine Zweiteilung in eine parlamentarische Fraktion sowie eine weiterhin in Armee und Verwaltung verankerte Geheimorganisation. Außerdem fehlte innerhalb der Parlamentsfraktion der Zusammenhalt. Schließlich war der Aufbau einer umfassenden Parteiorganisation recht schnell erfolgt, vor allem in den asiatischen Provinzen des Reiches. Dort hatte man sich vielerorts auf rasch geknüpfte Interessenkoalitionen verlassen müssen. So saßen nun mehrfach Clanführer oder andere lokale Autoritäten, die man als Unterstützer bzw. als Vertreter des Komitees gewinnen hatte können, als Abgeordnete des Komitees für Einheit und Fortschritt im Parlament. (Vgl. Zürcher, 2004: 95) Überhaupt stellte sich relativ rasch nach der Revolution heraus, dass innerhalb der jungtürkischen Bewegung ziemlich unterschiedliche politische Ideen und Vorstellungen existierten.
Bald wuchs vor allem unter der Bevölkerung der Hauptstadt der Unmut über das Komitee. Dazu trug neben einer rasant galoppierenden Inflation
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auch der Umstand bei, dass die Jungtürken viele Angehörige der Armee, die sogenannten alayli, die nicht Absolventen der Militärakademie waren und die in der hamidischen Ära befördert worden waren, entließen. Ähnlich erging es Tausenden von Agenten, die im hamidischen System einen Teil des umfassenden Spitzel- und Sicherheitssystems gebildet hatten.
Am 12. April 1909 (31. März 1325 nach islamischer Zeitrechnung) brach die aufgestaute Angst und Wut gegenüber dem jungtürkischen Regime in voller Wucht aus. Eingeleitet wurde der Aufstand durch den Aufmarsch von durch die Regierung entlassenen Unteroffizieren, die Seriat isteriz! („Wir wollen die Scharia!“) skandierten. Die Aufständischen forderten die Abschaffung des säkularen Schulsystems sowie die Wiederaufnahme der Unteroffiziere in die Armee. Der Aufstand wandte sich vor allem gegen das Komitee für Einheit und Fortschritt, getragen wurde er von islamistischen Motiven. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Ittihad-i Muhammedi, die erste organisierte islamistische Partei in der türkisch-osmanischen Geschichte.
Der gemeinsame Nenner von Protestbewegungen, die sich auf den Islam beriefen, wie auch schon zuvor der Kuleli-Vorfall oder der Kabakçi-Aufstand, kann auf den Wunsch zur Rückkehr zu einer alten, als gerechter empfundenen Ordnung reduziert werden. Allerdings handelte es sich dabei um keine organisierten bzw. ideologischen Bewegungen, vielmehr bedienten sich soziale Protestbewegungen mangels anderer Muster und Symbole islamischer Motive. Die Proteste richteten sich gegen die Modernisierungspolitik der Bildungseliten, die von wirtschaftsliberalen Maßnahmen begleitet wurden und die sich zum Nachteil der wenig gebildeten sozialen Schichten auswirkten. Die Forderung nach der Scharia kam der Forderung nach Gerechtigkeit, vor allem sozialer Gerechtigkeit gleich. Das säkulare Schulwesen und andere institutionelle Neuerungen, die im Zuge der Reformen eingeführt worden waren, galten als Symbole dieses ungerechten und damit unislamischen Systems.
Die islamischen Muster des Aufstandes vom 31. März konnten jene sozialen Schichten mobilisieren, die ebenfalls von wirtschaftlichem und sozialem Statusverlust bedroht waren. Dadurch breitete sich der Aufstand bald aus und fand die Unterstützung breiterer Bevölkerungsteile, wie von Studenten der religiösen Schulen, weiterer Angehöriger der Armee,
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sowie von Vertretern der ulema. Neben der Ittihad-i Muhammedi wurde auch Sultan Abdülhamid, der durch den Putsch der Jungtürken in seiner Macht eingeschränkt war, beschuldigt, mit den Konterrevolutionären zu sympathisieren. Hinter dem Aufstand vom 31. März steckte damit eine Koalition bestehend aus den sozial und wirtschaftlich benachteiligten Schichten und jenen traditionalistischen Kreisen, die während der hamidischen Ära mächtig waren und die durch die jungtürkische Revolution entmachtet worden waren.
Der Aufstand konnte schließlich nur mit Hilfe von eilig aus Mazedonien herbeigerufenen, den Jungtürken loyalen Truppen niedergeschlagen werden. Danach wurde Sultan Abdülhamid II. abgesetzt und statt ihm sein Bruder Mehmet V. eingesetzt. In Folge der Ereignisse vom 31. März wurden in der Verfassung radikale Veränderungen vorgenommen. So wurden die politischen Handlungsmöglichkeiten des Sultans auf eine rein symbolische Rolle reduziert. Das Recht des Sultans, das Parlament nach Belieben aufzulösen, wurde stark eingeschränkt. Minister waren fortan nicht mehr gegenüber dem Sultan, sondern gegenüber dem Parlament verantwortlich.
Die zweite Verfassungsperiode war eine für das Entstehen verschiedener politischer Parteien, Interessensvertretungen und Frauenorganisationen sowie die Entwicklung eines Pressewesens fruchtbare Ära. Unter anderem entstand in dieser Zeit auch die zuvor erwähnte erste islamistische Partei des Landes, die Ittihad-i Muhammedi Firkasi, die Partei der Union Mohammeds. Bemerkenswert dabei ist, dass im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern der islamischen Welt das Entstehen einer islamistischen Bewegung als das Ergebnis des Konstitutionalismus und Parlamentarismus und als eine Reaktion auf die durch die eigenen Eliten betriebene Verwestlichung zu betrachten ist.
Mehr als eine klassische politische Partei betrachtete sich die Union Mohammeds als die Partei des Propheten. Eine zentrale Frage stellte, wie auch bei den übrigen politischen Bewegungen, die Rettung des Osmanischen Reiches dar. Dabei war für die Union Mohammeds der islamische Charakter des Reiches von herausragender Bedeutung. Die Kritik der Partei richtete sich nicht nur gegen die Regierung, sondern gegen alles, was sich ihrer Meinung nach der Scharia entgegensetzte. Die Partei
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kritisierte die Verbreitung westlicher Sitten und Gewohnheiten wie das Trinken von Alkohol sowie die Laxheit städtischer Frauen in den Fragen der islamischen Kleidungsvorschriften. Als Alternative vertraten sie die Idee eines Staates der von der ulema geführt werden sollte. (Vgl. Günay, 2008: 68) Es ist daher kaum verwunderlich, dass sich besonders Mitglieder der ulema, der hohen Geistlichkeit, von der Bewegung angesprochen fühlten. Schließlich hatte die ulema durch die Reformen der vergangenen Jahrhunderte die Demontage ihres wirtschaftlichen und sozialen Status miterleben müssen. Das Wissen und Verständnis der islamischen Quellen und die Legitimität, diese zu interpretieren, hatten im Vergleich zu den Errungenschaften der westlichen Wissenschaften an Bedeutung und vor allem an Ansehen in der Gesellschaft verloren, was mit einem Statusverlust einherging.
Ein weiteres Charakteristikum dieser Periode war, dass das Militär aufgrund der Rolle, die es bei der Niederschlagung der Gegenrevolution gespielt hatte, und der starken Verflechtungen, die es zwischen Komitee und Armee gab, eine überdimensionale politische Funktion einnehmen konnte. Zeitweise saßen sogar aktive Armeeangehörige als Abgeordnete der Parlamentsfraktion im Parlament. Auch wenn sich die Parlamentsfraktion schließlich in eine politische Partei umwandelte, löste sich das Komitee, das im Grunde den Spielregeln der Demokratie misstraute, nicht auf, sondern bestand als Geheimorganisation mit weiten Armen, die bis tief in das Militär reichten, weiter. Gleichzeitig muss festgehalten werden, dass es gerade diese Verflechtung war, die die politische Position der Jungtürken stärkte und die Umsetzung weitreichender Reformen durch das Parlament ermöglichte.
Die Opposition, die sich aus Liberalen, Konservativen, Islamisten, Sozialisten und Abtrünnigen des Komitees zusammensetzte, vereinigte sich schließlich gegen das Komitee und schien die Dominanz der Jungtürken im Parlament herauszufordern. Um gerade diese Kontrolle über das Parlament zu garantieren, wandte das Komitee bei den Wahlen im Jahr 1912 Einschüchterung und Gewalt an, sodass diese Wahlen als sopali seçim (Stockwahlen) in die türkische Demokratiegeschichte eingingen. Dem Wahlsieg des Komitees fehlte dadurch jedoch die Legitimation. Schließlich kam es zur Gründung einer Einheitsregierung, deren vorrangiges Ziel
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es war, die Verflechtungen zwischen Armee und Politik aufzulösen. In diese Periode fiel allerdings auch der Ausbruch des Balkankrieges, der als der Anfang vom immer näher kommenden Ende des Osmanischen Reiches gesehen werden kann.
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