Kitabı oku: «Skizzen aus dem Londoner Alltag»

Yazı tipi:

Charles Dickens

Skizzen aus dem Londoner Alltag

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Scenen - Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Eilftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebenzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Charaktere - Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Eilftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Erzählungen - Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Eilftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Impressum neobooks

Erstes Kapitel
Der Kirchspieldiener. – Die Kirchspielfeuerspritze. – Der Schulmeister.

Wie viel ist nicht in dem einzigen kleinen Wörtchen »Kirchspiel« enthalten? Wie viele Geschichten von Kummer und Elend, von vernichtetem Glück und zu Grabe getragenen Hoffnungen, nicht selten aber auch von eisenstirniger Schuftigkeit und triumphirender Büberei knüpfen sich an dasselbe. Da ist ein armer Mann mit großer Familie, der nur geringen Verdienst hat, welcher gerade hinreicht, um von der Hand in den Mund, das heißt, von einem Tage zum andern zu leben; er kann nur so viel erwerben, um die Bedürfnisse des Augenblicks zu befriedigen, ohne im Stande zu sein, etwas für die Zukunft zurückzulegen; seine Steuern kommen in Rückstand; das erste Quartal geht vorüber; ein anderes kommt heran, er hat selbst nichts mehr zu leben – nun wird er vor das Kirchspiel berufen.

Seine Habseligkelten werden verkauft, seine Kinder jammern vor Kälte und Hunger, und das einzige Bett, auf dem sein krankes Weib darnieder liegt, wird unter ihr weggenommen. – Was kann er thun? An wen kann er sich um Hilfe wenden? Darf er die Unterstützung der Privaten angehen? sich an einzelne wohlthätige Personen wenden? Gewiß nicht, dafür ist sein Kirchspiel da.

Da ist die Kirchspiels-Verwaltung, das Kirchspiels-Spital, der Arzt, die Beamten und der Diener des Kirchspiels. Vortreffliche Einrichtungen und edle, liebreiche Menschen. Das Weib stirbt – sie wird auf Kosten des Kirchspiels beerdigt. Die Kinder haben keinen Beschützer – das Kirchspiel übernimmt die Sorge für sie. Der Mann vernachlässigt im Anfange seine Arbeit, am Ende kann er keine mehr bekommen – er erhält Unterstützung vom Kirchspiel; und wenn Elend und Trunkenheit ihr Werk an ihm völlig gethan haben, so ist endlich das Kirchspiels-Irrenhaus sein Ziel, das ihn als einen harmlos plappernden Blödsinnigen erhält.

Der Kirchspielsdiener oder Büttel ist eines der wichtigsten, vielleicht das wichtigste Mitglied der Gemeindeverwaltung. Er ist freilich weder so hoch gestellt, als die Kirchenvorsteher, noch so gelehrt, als der Kirchspielschreiber, auch steht es ihm nicht so vollständig zu, den Gang der Gemeinde-Angelegenheiten anzuordnen, wie einer von diesen; aber seine Macht ist nichts destoweniger sehr ansehnlich, und nie vergibt er seiner Seits der Würde seines Dienstes etwas, was dazu beitragen könnte, diese zu behaupten. Der Diener unseres Kirchspiels ist ein vortrefflicher Kerl. Es ist höchst ergötzlich ihm zuzuhören, wenn er an Sitzungsabenden den alten, tauben Weibern im Vorzimmer des Sitzungssaales die Armengesetze erklärt; wie er ihnen mittheilt, was er zu dem Kirchenältesten sagte, und was der Kirchenälteste zu ihm gesagt hat, und wie »wir« (nämlich der Büttel und die anderen Herren) endlich einen Beschluß gefaßt haben.

Ein elend aussehendes Weib, deren Aeußeres von der fürchterlichsten Noth zeugt, wird in das Sitzungszimmer berufen. Sie gibt an, daß sie eine Wittwe mit sechs kleinen Kindern sei. »Wo ist Eure Wohnung?« fragt einer der Kirchspielsaufseher. »Schon seit sechzehn Jahren wohne ich bei Herrn Brown, Nummer 3, König Wilhelmsgäßchen, zwei Treppen hoch nach hinten, meine Herrn: dieser kennt mich als sehr fleißig und unverdrossen, und wie mein Mann noch am Leben war, meine Herrn, der im Hospitale starb . . .« »Schon gut, schon gut,« unterbricht sie der Aufseher, indem er sich die Angabe notirt; »ich werde morgen früh Simmons, den Kirchspielsdiener, hinschicken, um sich zu erkundigen, ob Eure Angaben wahr sind; ist dem so, so werden wir Euch in das Armenhaus aufnehmen. – Simmons, gehen Sie morgen früh vor allem Andern in die Wohnung dieser Frau. Vergessen Sie's nicht.« Simmons nickt bejahend und führt das Weib ab. Die Ehrfurcht, welche ihr die Mitglieder der Kirchspielsversammlung eingeflößt, die alle hinter großen Büchern mit den Hüten auf dem Kopfe dasitzen, löst sich dem Respekte vor ihrem mit Borten geschmückten Begleiter gegenüber in Nichts auf; und ihre Erzählung von dem, was im Sitzungssaale vorgekommen, erhöht – wenn es je noch möglich ist – die hohe Achtung, welche diesem ausgezeichneten Bediensteten von den anwesenden Armen erwiesen wird.

Es wäre aber auch rein unmöglich, einen Auftrag im Namen des Kirchspiels gleich Simmons zu besorgen. Er weiß alle Titel des Lordmajors auswendig, richtet seine Aufträge aus, ohne nur einmal zu stottern, ja man will sogar wissen, daß er sich einst einen Scherz mit ihm erlaubt habe, der, wie des Lordmajors erster Kammerdiener (welcher zufällig zugegen gewesen) nachher einem genauen Freund im Vertrauen mittheilte, fast einem Scherze des Herrn Hobler gleichkam.

Man muß ihn aber vollends Sonntags in seinem Staatskleide, mit seinem dreieckigen Hute auf dem Kopfe, den Staatsstock mit einem großen Knopfe in seiner Linken und ein kleines spanisches Rohr zum Gebrauche in seiner Rechten sehen.

Wie feierlich er die Kinder an ihre Plätze weist; mit welch' scheuer Ehrfurcht die kleinen Knirpse nach ihm blicken, wenn er sie, nachdem Alle sitzen, mit einer Amtsmiene überschaut, die nur Kirchspielsdienern eigen ist. Haben die Kirchenvorsteher und Aufseher nach der Ordnung in ihren verhängten Kirchenstühlen Platz genommen, so nimmt auch er seinen eigenen für ihn bestimmten Mahagonisitz, ganz oben im Kirchgange, ein, und theilt seine Aufmerksamkeit zwischen seinem Gebetbuche und den Knaben.

Plötzlich, gerade beim Anfange des Gottesdienstes, während die ganze Versammlung in tiefes Schweigen versunken ist, das blos durch die Stimme des Geistlichen unterbrochen wird, hört man an dem Platze der Kinder mit weit sich verbreitendem Klange einen Penny auf das steinerne Pflaster des Kirchganges fallen. Alles sieht auf den Büttel. Unfreiwillig drückt er einigen Schrecken aus, zeigt aber im Augenblick eine so vollkommene Gleichgültigkeit, als wenn er die einzige Person wäre, die den Klang nicht gehört hätte. Die List gelingt. Der Schuldige, der die Münze hat fallen lassen, fühlt bald mit dem rechten bald mit dem linken Fuß darnach, und wagt es dann sogar, sich ein paar Mal nach ihr zu bücken; der Kirchspielsdiener aber hat sich inzwischen leise näher geschlichen, und so wie der kleine runde Kopf wieder über den Sitzen emporkommt, begrüßt er ihn etwas unsanft mit dem vorbesagten spanischen Rohre, zum ausnehmenden Vergnügen dreier jungen Leute, die in einem Kirchenstuhle in der Nähe sitzen und bis zum Ende der Predigt hie und da von einem heftigen Husten befallen werden.

Dieß sind einige wenige Züge von der Wichtigkeit und dem Ernste eines Kirchspielsdieners – ein Ernst, von dem er sich, so viel wir haben beobachten können, nie und unter keinen Umständen trennt, den einzigen Fall ausgenommen, wenn die Dienste jener besonders nützlichen Maschine, der Kirchspielsfeuerspritze, in Anspruch genommen werden. Dann hört man freilich nichts, als einen rührigen tollen Lärm. Ein paar kleine Knaben laufen, so schnell als sie ihre Füße tragen können, zum Kirchspielsdiener und hinterbringen ihm, daß sie selbst einen benachbarten Schornstein hätten brennen sehen. Die Feuerspritze wird nun schleunig hervorgezogen, eine hinreichende Menge von Knaben herbeigeholt, mit Stricken vor die Spritze gespannt, und fort rasselt diese über das Pflaster. Der Kirchspielsdiener rennt – wir übertreiben nicht – rennt athemlos neben her, bis man vor einem stark nach Ruß riechenden Hause anlangt, an dessen Thüre der Würdenträger mit unabweichlichem Ernste eine halbe Stunde lang klopft. Wenn die Hausbewohner diesen Manipulationen keine Aufmerksamkeit schenken, so wird Wasser herbeigeschafft, die Spritze gegen das Haus gerichtet, und nachdem sie eine hinreichende Menge Wasser ausgeworfen, unter dem Lärmen der Knaben wieder nach dem Armenarbeitshause gezogen. Der Büttel aber »zieht« des andern Tags nach der Wohnung des unglücklichen Mannes, und fordert den Betrag seiner gesetzlichen Belohnung. Wir haben nur ein einzigesmal eine Kirchspielsfeuerspritze bei einem wirklichen Brande gesehen. Sie rasselte mit einer Schnelligkeit von drei und einer halben Meile in der Stunde heran. An Wasser fehlte es nicht, und sie war die erste auf dem Platze. Die Pumpen arbeiteten Schlag auf Schlag – das Volk schrie erschrecklich – der Kirchspielsdiener troff von Schweiße; allein, als man eben das Feuer zu bewältigen dachte, machte man unglückseliger Weise die Entdeckung, daß sich Niemand auf das Füllen der Feuerspritze verstand – ein Umstand, welchem es zuzuschreiben war, daß sich achtzehn Knaben und ein Mann zwanzig Minuten lang im Pumpen erschöpft hatten, ohne nur die geringste Wirkung hervorzubringen.

Die Nächsten im Ansehen nach dem Kirchspielsdiener sind der Hausmeister des Armenhauses und der Schulmeister des Kirchspiels. Der Kirchspielschreiber ist, wie Jedermann weiß, ein kurzes, dickes Männchen, schwarz gekleidet, mit einer dicken goldenen Uhrkette von ansehnlicher Länge, an der zwei große Petschafte und ein Uhrschlüssel hängen. Er ist ein Rechtsgelehrter und gewöhnlich sehr geschäftig, doch nie mehr, als wenn er seine Handschuhe in der einen Hand zusammenwickelt und ein großes rothes Buch unter dem andern Arm zu einem Parochialgeschäft eilt. Was die Kirchenvorsteher und Aufseher anbelangt, so übergehen wir sie mit einander, weil wir Alle von ihnen wissen, daß sie in der Regel achtungswerthe Gewerbsleute sind, Hüte mit flachem Rande tragen, und gelegentlich merkwürdige Vorfälle der Kirche, wie z. B. das wichtige Ereigniß, daß eine Emporkirche vergrößert oder verschönert, oder eine Orgel neu gebaut wurde, mit goldenen Buchstaben auf blauem Grunde, an leicht in die Augen fallenden Stellen verewigen.

Der Hausmeister in unserem Kirchspiele – wie wohl auch in den meisten andern – gehört nicht zu jener Klasse von Menschen, die bessere Tage gesehen und sich mit dem, was davon übrig geblieben, in untergeordneter Lage hinschleppen, während ihnen gerade genug Erinnerung an die Vergangenheit bleibt, um sich gedemüthigt zu fühlen und mit der Gegenwart unzufrieden zu sein. Wir sind selbst nicht genau überzeugt, welchen Stand der Mensch früher eingenommen hat; doch glauben wir, daß er eine untergeordnete Art von Schreiber bei einem Advokaten war, oder etwa auch Lehrer bei einer Nationalschule: was er übrigens auch gewesen sein mag, so viel ist klar, daß seine gegenwärtige Stellung eine Verbesserung zu seinen Gunsten war. Sein Einkommen ist allerdings klein, wie der abgeschabte schwarze Rock und der abgetragene Sammetkragen darthun; allein er darf doch keine Hausmiethe bezahlen, erhält ein beschränktes Quantum von Kohlen und Licht, und eine unbeschränkte Autorität in seinem kleinen Königreiche. Er ist ein großer, hagerer Mann, trägt stets Schuhe und schwarze wollene Strümpfe zu seinem Oberrocke, und blickt Jeden, der an dem Fenster seines Wohnzimmers vorübergeht, an, gerade als ob er wünschte, daß er ein Kirchspielsarmer wäre, um ihn seine Macht fühlen zu lassen. Er ist das klare Muster eines kleinen Tyrannen – wunderlich, grob und übellaunig gegen seine Untergebenen, kriechend gegen seine Vorgesetzten, und eifersüchtig auf des Kirchspielsdieners Ansehen und Einfluß.

Unser Schulmeister ist gerade das Gegenstück dieses liebenswürdigen Würdenträgers. Es ist einer von jenen Menschen gewesen, von denen man zuweilen hört, daß auf sie das Mißgeschick sein besonderes Augenmerk gerichtet zu haben scheint, weil nichts, was er auch immer thun mochte, oder wobei er betheiligt war, gelingen wollte. Ein reicher alter Verwandter, der ihn erzogen und öffentlich seine Absicht ausgesprochen hatte, für ihn zu sorgen, vermachte ihm in seinem letzten Willen 10,000 Pfund, und widerrief diese Verfügung durch ein Codicill. Auf solche Weise unerwartet in die Nothwendigkeit versetzt, für sich selbst sorgen zu müssen, verschaffte er sich eine Anstellung im öffentlichen Dienste. Die jüngeren Angestellten, die er hinter sich hatte, starben, als wenn die Pest unter ihnen gewüthet hätte; aber die ältern vor ihm, auf deren Tod er sehnsüchtig wartete, blieben fort und fort am Leben, als ob sie unsterblich wären. Er spekulirte und verlor. Er spekulirte abermals und gewann, aber er gelangte nie zu seinem Gelde. Seine Talente waren ansehnlich, seine Gemüthsart liebreich, edel und freigebig. Seine Freunde benützten das Eine und mißbrauchten das Andere. Verlust folgte auf Verlust; Unglück häufte sich auf Unglück; jeder neue Tag brachte ihn in größere Noth, und die ehemaligen Freunde, welche gerade die wärmsten waren, so lange er etwas zu geben hatte, zeigten sich befremdend kalt und teilnahmslos, als nichts mehr von ihm zu erlangen war. Er hatte Kinder, die er liebte, und eine Gattin, die er anbetete; die ersten wandten ihm den Rücken zu, die Letztere starb gebrochenen Herzens. Er ließ sich von dem Strome fortreißen – es war von jeher sein Fehler gewesen, und er besaß nicht Muth genug, gegen so viele Stürme anzukämpfen – er hatte nie für sich selbst gesorgt, das einzige Wesen, das ihn in Armuth und Elend gepflegt, war ihm entrissen. Er war nun genöthigt, um die Unterstützung des Kirchspiels nachzusuchen. Einige edelherzige Männer, die ihn in besseren Zeiten gekannt hatten, waren gerade dieses Jahr zu Kirchenvorstehern gewählt worden, und auf ihre Verwendung erhielt er seine gegenwärtige Stelle.

Er ist nunmehr ein alter Mann geworden. Von den Vielen, die sich einst mit all' der hohlen Freundschaft einer so betitelten guten Kameradschaft um ihn drängten, sind einige gestorben, andere gleich ihm gefallen, wieder andere glücklich geworden – vergessen haben ihn Alle. Zeit und Unglück haben glücklicher Weise dazu beigetragen, sein Gedächtniß zu schwächen, und durch Gewohnheit ist ihm seine gegenwärtige Lage erträglich geworden. – Sanftmüthig, unverdrossen und eifrig in der Erfüllung seiner Pflichten, wie er ist, hat man ihm gestattet, lange über die gewöhnliche Altersperiode in seinem Amte zu bleiben, und es ist nicht zu zweifeln, daß er darin ausdauern wird, bis Gebrechlichkeit ihn dazu unfähig macht, oder der Tod ihn davon erlöst. Wenn der alte Mann mit seinem grauen Haupte auf der Sonnenseite seines kleinen Hofraumes zwischen den Schulstunden schwankenden Schrittes auf- und abgeht, dann würde es selbst den Vertrautesten seiner ehemaligen Freunde schwer werden, in der Person des Armenschulmeisters den einst so muntern und glücklichen Gefährten ihrer Lustbarkeiten wieder zu erkennen.

Zweites Kapitel
Der Pfarrer. – Die alte Dame. – Der Halbsold-Kapitän.

Wir begannen das vorige Kapitel mit dem Diener unseres Kirchspiels, weil wir keine geringe Meinung von der Würde und Wichtigkeit dieses Dienstes haben. Wir wollen nun das gegenwärtige mit dem Geistlichen anfangen. Unser Pfarrer ist ein junger Herr, von einnehmendem Aeußern und solch bezaubernden Wesen, daß kaum ein Monat nach seinem ersten Auftreten in dem Kirchspiele abgelaufen war, als auch schon die eine Hälfte unserer jungen Damenwelt in eine religiöse Schwermuth, und die andere Hälfte in hoffnungslose Liebe versank. Nie hatte man früher Sonntags eine solche Zahl junger Frauenzimmer in unserer Pfarrkirche gesehen, und nie war den niedlichen, runden Engelsgesichtchen auf Mr. Tomkins' Grabmale im Seitengange eine so inbrünstige Andacht zu Theil geworden, als wie sie die jungen Kirchengängerinnen jetzt an den Tag legten. Der Pfarrer war zu der Zeit, als er das erste Mal auftrat, um unsere Pfarrgenossen in Bewunderung und Erstaunen zu setzen, ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt; er trug sein Haar auf der Mitte der Stirn, nach der Form eines sächsischen Bogens gescheitelt, einen Brillant vom ersten Wasser an dem vierten Finger der linken Hand (die er stets an seine linke Wange hielt, wenn er Gebete las) und hatte eine ungewöhnlich feierliche, tiefe Grabesstimme. Unzählig waren die Besuche, welche kluge Mütter unserm neuen Pfarrer machten; unzählig die Einladungen, mit denen er bestürmt wurde und die er, wir müssen ihm Gerechtigkeit wiederfahren lassen, willfährig annahm. Hatten schon seine Manieren auf der Kanzel einen für ihn günstigen Eindruck hervorgebracht, so wurde derselbe durch sein Erscheinen in der Gesellschaft noch zehnfältig vergrößert. Die Kirchenstühle in unmittelbarer Nähe der Kanzel oder des Altars stiegen im Preise; Sitze im Mittelgange waren noch mehr werth; nur ein zollbreit Raum auf den vordersten Sitzen der Emporkirche konnte man sich aber weder durch Geld noch gute Worte verschaffen, und gewisse Leute gingen sogar so weit, zu versichern, daß sie die drei Miß-Browes, die einen dunkeln Kirchenstuhl dicht hinter dem der Kirchenvorsteher inne hatten, eines Sonntags auf den freien Plätzen am Altar bemerkt hätten, augenscheinlich, um den Pfarrer, wenn er in die Sakristei ging, an sich vorüber zu lassen. Dieser fing an Stunden zu halten, und nun ergriff die Ansteckung sogar die bedächtigen Väter. Einst verließ er in einer Winternacht nach halb ein Uhr das Bett, um an dem Kinde einer Wäscherin in einer Waschkufe die Nothtaufe vorzunehmen, und die Dankbarkeit der Pfarrgenossen kannte nun keine Gränzen mehr – sogar die Kirchenvorsteher wurden freigebig und brachten es dahin, daß die Kosten für einen Wagen, den der Pfarrer sich hatte machen lassen, um bei schlechtem Wetter den Leichengottesdienst besorgen zu können, von dem Kirchspiele übernommen wurden. Er schickte einer armen Frau, die auf einmal mit vier Kindern niedergekommen war, drei Pinten Fleischbrühe und ein Viertelpfund Thee – das Kirchspiel war entzückt. – Er veranstaltete eine Subscription für die Wöchnerin – ihr Glück war gemacht. Er sprach eine Stunde und fünfundzwanzig Minuten in einer Anti-Sklaverei-Versammlung im Wirthshause zum Gestiefelten Bock. Der Enthusiasmus hatte seinen höchsten Gipfel erreicht. Man machte den Vorschlag, dem Pfarrer für seine ausgezeichneten Dienste, die er dem Kirchspiele geleistet, mit einem Stück Silbergeschirr ein Geschenk zu machen. Die Subscriptionsliste blieb zwar lange leer, aber die Ursache rührte nicht daher, daß irgend Jemand der Subscription entrinnen wollte, sondern vielmehr davon, weil man nicht wußte, wer den Anfang mit dem Unterzeichnen machen sollte; kaum war aber dieß geschehen, so war der Subscriptionsbogen im Nu gefüllt. Man ließ ein prachtvolles silbernes Schreibzeug mit einer passenden Umschrift verfertigen und lud den Pfarrer zu einem öffentlichen Frühstück in dem, vorerwähnten Gestiefelten Bock ein, wo ihm das Schreibzeug durch Herrn Gubbins, den Exkirchenvorsteher, mit einer zierlichen Rede überreicht wurde, die sodann der Pfarrer in Ausdrücken beantwortete, welche allen Anwesenden Thränen entlockten, so daß selbst die Kellner vor Rührung zerschmelzen wollten.

Man sollte nun wohl annehmen dürfen, daß der Gegenstand der allgemeinen Bewunderung unter solchen Umständen bereits den höchsten Gipfel der Beliebtheit erreicht hätte. – Keineswegs! Der Pfarrer fing an zu husten, – eines Morgens hustete er vier Mal zwischen der Litanei und Epistel, und fünf Mal beim Nachmittagsgottesdienste. – Da war es klar – der Pfarrer hat die Schwindsucht. Welch interessante Schwermuth! Waren die jungen Damen vorher bis zur Ueberspannung gereizt, so kannte ihre Sympathie und ihre Bekümmerniß nun keine Gränzen mehr. So ein Mann wie der Pfarrer – so ein theurer – so ein liebenswürdiger Mann sollte schwindsüchtig sein! Es war zu viel. Anonyme Geschenke, bestehend aus bewährtem Brustthee und Hustenzucker, elastische Westen, Flanellwämser und warme Strümpfe kamen in Haufen in das Haus des Pfarrers, bis er so vollständig mit Winterkleidern ausgestattet war, als hätte er im Sinne, eine Reise nach dem Nordpol zu unternehmen. Bulletins über seinen Gesundheitszustand liefen des Tags ein halbes Dutzend Mal im ganzen Kirchspiele umher, und der Pfarrer befand sich im Zenith seiner Popularität.

Um diese Zeit trat in den Gesinnungen des Kirchspiels eine Veränderung ein. Ein sehr ruhiger, achtungswürdiger, stiller, alter Mann, der seit zwölf Jahren die Predigerstelle in der Kapelle versehen hatte, starb an einem schönen Morgen plötzlich, ohne daß er von diesem Todesvorhaben etwas hätte vorher merken lassen. Dieser Umstand gab Veranlassung zum ersten Gegeneindruck, und die Ankunft seines Nachfolgers zum zweiten. Dieser war ein blasser, schmächtiger, leichenhaft aussehender Mann, mit großen schwarzen Augen und langem, straffem, schwarzem Haare; seine Kleidung war nachlässig bis zum Uebermaße, seine Manieren tölpisch, seine Vorträge abscheulich, kurz, er war in jeder Hinsicht das Gegenstück des Pfarrers. Unsere weiblichen Pfarrgenossen strömten haufenweise hin, um ihn zu hören; zuerst weil er ein so sonderbares Aussehen hatte, dann, weil sein Gesicht so ausdrucksvoll war; ferner, weil er so gut predigte; und endlich, weil sie wirklich glaubten, daß etwas ganz Unbeschreibliches in seinem Wesen läge. Was nun den Pfarrer anbelangt, so war dieser ohne Zweifel gerade wie vorher; aber doch ließ sich trotz dem nicht läugnen, daß – daß – kurz der Pfarrer war nicht mehr neu, und der andere Geistliche war es. Die Unbeständigkeit der Volksgunst ist zum Sprichworte geworden; seine Zuhörer verließen ihn, Einer nach dem Andern. Der Pfarrer hustete, bis er ganz schwarz im Gesicht wurde, – es war vergeblich. Er konnte nur mit Anstrengung Athem holen – es war eben so unwirksam, Theilnahme für sich zu erwecken. Man kann nun auf ein Mal wieder in jedem Theile unserer Pfarrkirche Sitze bekommen, während man damit umgeht, die Kapelle zu erweitern, da sie jeden Sonntag bis zum Ersticken angefüllt ist.

Von allen Bewohnern des Kirchspiels ist Niemand bekannter und geachteter, als eine alte Dame, die in unserem Kirchspiele schon lange gewohnt hat, ehe noch unser Name ins Taufregister eingetragen wurde. Unser Kirchspiel gehört zu den Vorstädten, und die alte Dame bewohnt ein Haus in einer hübschen Reihe – zur Straße fehlt nämlich noch die zweite – in der lebhaftesten und angenehmsten Gegend des Kirchspiels. Das Haus ist ihr Eigenthum und trägt noch innen und außen – mit Ausnahme der alten Dame selbst, die etwas weniges älter aussieht, als vor zehn Jahren – vollkommen dasselbe Aussehen, wie es zu Lebzeiten des alten Herrn war. Das kleine Wohnzimmer an der Vorderseite, der gewöhnliche Aufenthaltsort der alten Dame, ist das treffendste Muster von Stille und Sauberkeit; der Bodenteppich ist mit einem Stücke grauer Leinwand bedeckt; die Spiegel und die Gemälderahmen sind sorgfältig in gelbem Musselin eingehüllt; die Tischteppiche dürfen nie weggenommen werden, als wenn die Tischblätter mit Terpentin abgerieben und gewichst werden, ein Prozeß, der einen Tag um den andern Morgens um halb zehn Uhr vor sich geht; Alles, vom Kleinsten bis zum Größten, hat seinen bestimmten Platz und darf nicht verrückt werden, namentlich auch die niedlichen Sächelchen, deren größerer Theil aus Geschenken besteht, welche die alte Dame von kleinen Mädchen, deren Eltern in derselben Reihe wohnen, erhalten hat, in deren Besitz sie zum Theil schon seit vielen Jahren ist, wie z. B. die beiden altmodischen Uhren (von denen die eine gewöhnlich eine halbe Stunde zu spät, die andere eine halbe Stunde zu früh geht), das kleine Gemälde, das die Prinzessin Charlotte und den Prinzen Leopold vorstellt, wie sie sich in der königlichen Loge des Drurylane-Theaters zeigen, u. dgl. Hier sitzt nun die alte Lady, mit der Brille auf der Nase, und emsig mit Nähtereiarbeit beschäftigt, zur Sommerzeit am Fenster, und wenn sie dich, lieber Leser, die Stufen der Treppe heraufkommen sieht, und du hast das Glück, zu ihren Günstlingen zu gehören, so trippelt sie hinaus, um dir die Hausthüre zu öffnen, ehe du klopfst, und nöthigt dir, wenn dich das Gehen in der Hitze ermüdet hat, ein paar Glas Xeres auf, ehe sie dich zum Sprechen gelangen läßt. Besuchst du sie Abends, so findest du sie zwar nicht minder liebenswürdig, doch ein wenig ernster als sonst; dann liegt eine Bibel auf dem Tische vor ihr aufgeschlagen, aus welcher »Sarrah«, die eben so niedlich gekleidet, und eben so pünktlich als ihre Herrschaft ist, regelmäßig zwei oder drei Kapitel laut vorliest. Die alte Dame sieht, mit Ausnahme der vorerwähnten kleinen Mädchen, selten Gesellschaft bei sich; von diesen aber hat jedes seinen bestimmten Tag, an dem es zum Thee kommen darf, und auf den sich die Kinder im Voraus freuen, als wenn sie zum größten Feste geladen wären, oder als ob ihre Existenz davon abhinge. Sie macht selten entferntere Besuche, als in ihre beiden Nachbarwohnungen zur rechten und linken Seite, und wenn sie dorthin zum Thee geht, so springt Sarah voran und klopft zwei Mal heftig, um jeder Möglichkeit vorzubeugen, daß »Missiß« sich durch Warten vor der Thüre erkälte.

Sie ist sehr gewissenhaft darin, jede Einladung pünktlich zu erwiedern, und wenn sie Herrn und Madame So und So und Herrn und Madame Der und Die zu sich bitten läßt, so wird von ihr und Sarah die Theemaschine und das schönste chinesische Theeservice und das Theebrett mit der Päbstin Johanna sorgfältig abgestäubt, und die Gäste werden im größten Putze und im Besuchszimmer empfangen. Sie hat nur wenige Verwandte, die in verschiedenen Theilen des Landes zerstreut wohnen, und die sie daher selten sieht. Sie hat einen Sohn in Ostindien, den sie Jedermann als einen sehr hübschen, liebenswürdigen, jungen Mann schildert – dem Gemälde seines armen seligen Vaters, das an der Wand hängt, sprechend ähnlich; aber die alte Dame fügt mit traurigem Kopfschütteln hinzu, daß er ihr viel Leid angethan und ihr das Herz fast gebrochen; doch habe es Gott gefallen, sie darin zu bestärken, daß sie nur das Bessere von ihm glaube, weßhalb sie bitte, ja des Gegenstandes nimmer zu erwähnen. Sie hat eine große Menge Hausarme, und wenn sie des Sonnabends vom Wochenmarkte zurückkehrt, so findet sie auf der Hausflur eine regelmäßige Versammlung alter Männer und Frauen, die auf ihr wöchentliches Almosen warten. Ihr Name steht auf allen Subscriptionslisten für wohlthätige Zwecke immer obenan, und ihre Beiträge zu der Winter- Feuerungs- und Suppen-Vertheilungs-Gesellschaft sind stets die freigebigsten. Sie unterzeichnete zwanzig Pfund zur Errichtung einer Orgel in unserer Pfarrkirche und wurde am ersten Sonntag, als die Kinder nach derselben sangen, so ergriffen, daß sie durch den Kirchenstuhlschließer nach Hause geführt werden mußte. Ihr Eintritt in die Kirche ist stets das Zeichen zu einem kleinen Geräusch im Seitengange, welches durch das gemeinsame Aufstehen der armen Leute veranlaßt wird, die gebückt und höflich stehen bleiben, bis der Kirchenstuhlschließer die alte Dame in ihren gewöhnlichen Kirchenstuhl begleitet, sich ehrfurchtsvoll verbeugt, und die Thüre wieder geschlossen hat. Dieselbe Ceremonie wiederholt sich, wenn sie die Kirche verläßt und mit der ihrem Hause zunächst wohnenden Familie heimkehrt, mit welcher sie auf dem ganzen Wege über die Predigt spricht, nachdem sie unabänderlich die Unterredung dadurch eröffnet hat, daß sie den jüngsten Knaben nach dem Texte fragt.

Auf diese Weise bringt die alte Dame ihr Leben hin, mit der einzigen Abwechslung, daß sie jedes Jahr einen kurzen Ausflug nach der Seeküste macht, und dort einige Zeit ein stilles Häuschen bewohnt. Ihr Leben ist nun in demselben unveränderten wohlthätigen Laufe so viele Jahre dahin gerollt, und dessen Ende wird wohl nimmer sehr ferne sein, dem sie übrigens mit Ruhe und ohne Zagen entgegen sieht. Sie hat Alles zu hoffen und Nichts zu fürchten.

Sehr verschieden von der alten Dame ist einer ihrer nächsten Nachbarn, der sich in unserem Kirchspiele einen großen Ruf erworben hat. Es ist ein alter Seeoffizier auf halbem Sold und sein rauhes und rücksichtloses Benehmen bringt in die häuslichen Gewohnheiten der alten Dame nicht wenig Störung.

Zuvörderst raucht er im Vorhofe Cigarren, und wenn es ihm zuweilen einfällt, dazu zu trinken, was keineswegs ein ungewöhnliches Ereigniß ist, so hebt er mit seinem Spazierstocke der alten Dame Thürklopfer in die Höhe und bittet, ihm ein Glas Ale über das Geländer zu reichen. Dann kommt noch, zu diesem unmanierlichen Betragen, daß er eine Art von Tausendkünstler, oder um sich seiner eigenen Worte zu bedienen, »ein förmlicher Robinson Crusoe« ist, und nichts macht ihm mehr Vergnügen, als an dem Eigenthum der alten Dame Experimente anzustellen.

Eines Morgens stand er frühzeitig auf und pflanzte auf jedes Beet ihres Hausgartens drei oder vier Ringelblumenstöcke in voller Blüthe, so daß die alte Dame, die sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen bemerkte, als sie beim Aufstehen aus dem Fenster sah, nicht anders glaubte, als sie seien während der Nacht durch irgend ein Wunder aus der Erde hervorgeschossen. Ein anderes Mal legte er die Achttageuhr am ersten Treppenabsatze auseinander, unter dem Vorgeben, sie reinigen zu wollen, und er setzte sodann das Werk durch einen bis dahin unentdeckten Prozeß auf eine so wundervolle Weise wieder zusammen, daß der kleine Zeiger seitdem dem großen, so oft er demselben kleinen begegnet, ein Bein stellt. Sofort fiel es ihm ein, sich in der Seidenwürmerzucht zu versuchen, die er täglich zwei oder drei Mal in kleinen Papierdüten herüberbrachte, um sie der alten Dame zu zeigen, wobei er in der Regel ein paar der Thierchen verlor. Die Folge war, daß eines Morgens ein ungewöhnlich großer Seidenwurm gefunden wurde, der gerade im Begriffe war, die Treppe hinaufzukriechen, wahrscheinlich in der Absicht, sich nach seinen Freunden zu erkundigen, denn wirklich machte man bei genauerem Nachsuchen die Entdeckung, daß sich fast in allen Zimmern des Hauses bereits einige seiner Stammesvettern eingebürgert hatten. Die alte Dame reiste in der Verzweiflung nach der Seeküste, und während ihrer Abwesenheit machte der Kapitän an ihrer messingenen Thürplatte so erfolgreiche Polirversuche mit äzenden Wassern, daß es ihm gelang, den eingegrabenen Namen vollständig auszutilgen.

Aber all dieses ist noch nichts im Vergleiche mit seinem aufwieglerischen Benehmen im öffentlichen Leben. Er legt dieß bei jeder Kirchspielversammlung an den Tag, die er alle besucht, widersetzt sich stets den bestehenden Autoritäten, wirft den Kirchenvorstehern allerlei Schlechtigkeiten vor; fängt mit den Kirchspielsschreibern Streitigkeiten über gesetzliche Punkte an; läßt sich vom Steuereinnehmer an seine Schuldigkeit stets erinnern, und erst, wenn dieser mit seinen Erinnerungen aufhört, sendet er die Steuer; findet jeden Sonntag an der Predigt etwas zu tadeln; sagt laut, daß sich der Organist seines Spiels schämen müsse, und erbietet sich zu jeder Wette, die Psalmen weit besser singen zu wollen, als die Kinder männlichen und weiblichen Geschlechts zusammengenommen; kurz er beträgt sich auf höchst unruhige und aufrührerische Weise. Das Schlimmste dabei ist, daß er sich unaufhörlich bemüht, die alte Dame, da er so ausgezeichnete Achtung gegen sie hegt, für seine Ansichten zu gewinnen und deßhalb mit den Zeitungs-Neuigkeiten in der Hand täglich in ihr kleines Zimmer eindringt und heftige, stundenlange politische Reden hält. – Trotz dem Allem ist er im Grunde seines Herzens ein biederer, offenherziger, menschenfreundlicher alter Knabe und harmonirt im Ganzen mit der alten Lady, obgleich er ihr zuweilen gar zu viel zumuthet, sehr gut; und wenn ihr Unmuth vorüber ist, so lacht sie so herzlich, als irgend Jemand, über seine Kunststückchen.

Drittes Kapitel
Die vier Schwestern.

Dieselbe Reihe, in welcher die Häuser der alten Dame und ihres gewaltthätigen Nachbars stehen, umfaßt unstreitig eine größere Anzahl Originale als der ganze Rest unseres Kirchspiels zusammengenommen. Da wir aber nach dem uns vorgesteckten Plane die Zahl unserer Parochialskizzen nicht über sieben ausdehnen können, so wird es wohl am besten sein, die besonders ausgezeichneten auszuwählen, und sie auf ein Mal ohne weitere Erläuterung unsern Lesern vorzuführen.

Die vier Miß Willis wohnen bereits dreizehn Jahre in unserem Kirchspiele. Es ist eine fatale Betrachtung, daß das alte Sprichwort: »Ebbe und Fluth warten auf Niemand«, sich mit gleicher Macht auf die schönere Hälfte der Schöpfung anwenden läßt; und gerne wollten wir die Thatsache verschweigen, daß sogar schon vor jenen dreizehn Jahren die vier Miß Willis bereits über ihre Jugendblüthe hinausgerückt waren; allein unsere Pflicht als Parochialchronikschreiber überwiegt jede andere Rücksicht, und wir können nicht umhin, kund zu thun, daß die Autoritäten in Heirathsangelegenheiten schon vor dreizehn Jahren des Dafürhaltens waren, daß es um die Aussichten der jüngsten Miß Willis sehr prekär stände, während die der ältesten Schwester, als über alle menschliche Hoffnung hinausgehend, vollkommen aufgegeben werden müßten.

Die vier Miß Willis also mietheten ein Haus; es wurde von oben bis unten neu gemalt und tapezirt, die gemalten Piecen wurden vollständig getäfelt, der Marmor gesäubert; die alten Kamine abgenommen und durch Registeröfen ersetzt; in dem Garten hinter dem Hause wurden vier Bäume gepflanzt, der Platz vor dem Hause mit einigen kleinen Körben Kies überschüttet, große Vorräthe eleganter Möbeln langten an, Federn-Jalousien wurden an den Fenstern angebracht; die Zimmerleute, welche verschiedene Zubereitungen, Veränderungen und Reparaturen vorgenommen hatten, erzählten den verschiedenen Mägden des Quartiers von der Pracht, mit welcher die Miß Willis ihre Einrichtungen getroffen hätten; die Mägde theilten es ihren »Mississes« und die Mississes ihren Freundinnen mit, und das Gerücht verbreitete sich mit reißender Schnelle durch das ganze Kirchspiel, daß sich in Nr. 25 auf dem Gordonplatze vier unverheiratete, unermeßlich reiche Damen eingemiethet hätten.

Endlich zogen die vier Miß Willis ein, und das Besuchemachen nahm seinen Anfang. Das Haus war der Inbegriff alles Niedlichen und Säuberlichen – die vier Miß Willis waren es gleichfalls. – Alles war förmlich, steif und kalt, – das waren die vier Miß Willis auch. Immer stand jeder einzelne Stuhl an seiner bestimmten Stelle, – und immer befand sich jede Miß Willis auf dem ihrigen. Sie saßen stets auf derselben Stelle und thaten genau dasselbe zu ein und derselben Stunde. Die älteste Miß Willis war gewohnt zu stricken, die zweite zu zeichnen, die beiden jüngsten vierhändige Sonaten auf dem Fortepiano zu spielen. – Sie schienen blos ein einziges unabgesondertes Dasein zu haben und entschlossen zu sein, ihr Leben vereint durchzuwintern. Es waren die drei Grazien, freilich nicht in Kostüme und etwas hochgewachsen, zu denen sich eine vierte gesellte – gleich einem Schulmittagessen, wo zum dritten langen Gratias noch ein viertes hinzukommt – die drei Parzen mit einer vierten Schwester – die Siamesenzwillinge durch zwei multiplizirt. Wurde die älteste Miß Willis gallsüchtig, so wurden es im Augenblicke auch die andern drei. Die älteste Miß Willis wurde übellaunig und andächtig – sogleich waren auch die drei jüngeren Miß Willis übellaunig und andächtig. Was auch immer die älteste that, das thaten ihr die jüngeren nach, und was irgend sonst Jemand that, wurde von Allen getadelt. – So vegetirten sie – in einer Harmonie, wie man sie nur bei einer Nordpolexpedition trifft, und wenn sie zuweilen in eine Gesellschaft gingen, oder eine stille Gesellschaft bei sich sahen, so wurden die Nachbarn durchgehechelt. Drei Jahre waren auf diese Weise hingegangen, als ein unvorhergesehenes, unerwartetes Phänomen eintrat. Die Miß Willis zeigten Symptome von Sommer; das Eis ging nach und nach auf; ein vollständiges Thauwetter trat ein. War es möglich? eine der vier Miß Willis war im Begriff sich zu verheirathen.

Aus welchem Welttheile aber der Zukünftige gekommen, welche Gefühle und Beweggründe den armen Mann geleitet haben mochten, oder durch welchen Verstandesprozeß die vier Miß Willis dahin gelangt waren, sich zu überzeugen, es sei möglich, daß Eine von ihnen einen Mann heirathe, ohne daß er alle vier zugleich mitehelichte? – dieß sind Fragen, die uns zu tief liegen, um sie analisiren zu können. Soviel ist übrigens gewiß, daß die Besuche Herrn Robinson's (eines Gentlemans, der eine Anstellung im Staatsdienste mit einem guten Gehalt hatte und einiges eigenes Vermögen besaß) angenommen wurden – daß den vier Miß Willis von besagtem Herrn Robinson in aller Form der Hof gemacht wurde – daß die Nachbarn vor Begierde fast rasend waren, zu entdecken, welche von den vier Miß Willis die Beglückte wäre, und daß die Schwierigkeiten, die sich der Lösung dieses Problems entgegenstellten, nicht sehr durch die Eröffnung der ältesten Miß Willis gehoben wurden: »Wir sind im Begriff Herrn Robinson zu heirathen.«

Es war wirklich ein außerordentlicher Fall – es war die Eine mit der Andern so vollständig identifizirt, daß die Neugierde der ganzen Reihe – sogar der alten Dame selbst – fast nimmer auszuhalten war. Man brachte den Gegenstand bei jeder noch so geringfügigen Gelegenheit, am Spieltische, beim Thee u. s. w. zur Sprache. Der alte Seidenwürmerzucht-Gentleman säumte nicht, seine Meinung entschieden dahin auszusprechen, daß Herr Robinson aus dem Orient komme, und sämmtliche Schwestern zumal zu heirathen gedenke; und die Bewohner der Reihe schüttelten ernsthaft den Kopf, und erklärten, daß die Sache äußerst geheimnißvoll wäre. Man hoffte, es werde alles gut enden; zwar hätte es wahrlich einen höchst sonderbaren Anschein, aber noch würde es ungerecht sein, eine vielleicht unbegründete Meinung darüber auszusprechen, auch wären die Miß Willis unstreitig vollkommen alt genug, um sich selbst am besten berathen zu können; Jedermann müsse selbst am besten wissen, wo ihn der Schuh drücke, und dergleichen mehr.

Endlich fuhren eines schönen Morgens, eine viertel Stunde vor acht Uhr, zwei Glaskutschen bei den Miß Willis vor, in deren Wohnung Herr Robinson schon zehn Minuten früher in einem Cabriolet angelangt war. Er trug einen hellblauen Rock und doppelt gewalkte Kersey-Pantalons, ein weißes Halstuch, Schuhe, und Glacé-Handschuhe, und war sehr erregt, wie das Hausmädchen von Nr. 23 bemerkt haben wollte, das zur Zeit seiner Ankunft gerade die Thürtreppe abgekehrt hatte. Durch dieselbe Gewährsperson erfuhr man auch die weitere Neuigkeit, daß die Köchin, die ihm die Hausthüre geöffnet, eine ungewöhnlich große, prächtige, weiße Schleife an einer weit schmuckeren Kopfbedeckung trage, als gewöhnlich durch das Haubenreglement der vier Jungfern dem im Allgemeinen allerdings etwas übertriebenen Geschmacke der Dienstboten gestattet werde.

Diese Neuigkeiten verbreiteten sich rasch von Haus zu Haus. Es unterlag nun keinem Zweifel mehr, daß der ereignißvolle Morgen endlich angebrochen war; alle Bewohner der ganzen Reihe stellten sich im ersten und zweiten Stockwerke hinter den Jalousien oder Vorhängen an die Fenster, und warteten der Dinge, die da kommen sollten, in athemloser Spannung.

Endlich that sich die Hausthüre der vier Miß Willis auf und zugleich wurde der Schlag des vordersten Glaswagens geöffnet; zwei Herren und zwei Damen (der Gleichheit wegen) – ohne Zweifel Anverwandte der Familie – erschienen; stiegen ein, der Schlag schloß sich, der Wagen fuhr ab, und der zweite vor.

Abermals that sich die Hausthüre auf; die Spannung der ganzen Reihe hatte ihren höchsten Grad erreicht. – Herr Robinson und die älteste Miß Willis erschienen. »Das dachte ich mir,« sagte die Dame in Nr. 19; »ich habe es ja immer gesagt, es werde Miß Willis sein.« – »Das hätte ich in meinem Leben nicht geglaubt.« rief die junge Dame von Nr. 18 der jungen Dame von Nr. 17 zu. – »Wer hätte das gedacht, meine Theure!« antwortete die junge Dame von Nr. 17 der von Nr. 18. – »Es ist zu lächerlich!« rief ein Mädchen, über deren Alter man nicht recht in's Klare kommen konnte, aus Nr. 16 dazwischen. Wer aber vermag das Erstaunen auf dem Gordonplatze zu beschreiben, als Herr Robinson allmählig sämmtliche Miß Willis, Eine nach der Andern, in den Wagen hob, und sich darauf selbst in einen spitzigen Winkel der Glaskutsche drückte, die nun im raschen Laufe der ersten nachfuhr, welche schon die Richtung nach der Pfarrkirche eingeschlagen hatte. Wer vermag die Bestürzung des Geistlichen zu beschreiben, als sämmtliche Miß Willis am Altar niederknieten und die bei der Trauungsliturgie üblichen Antworten mit lauter Stimme aussprachen? – Oder wer vermag die Verwirrung zu schildern, die nun folgte, als nach kaum erfolgter Schlichtung der vorerwähnten Schwierigkeiten – sämmtliche Miß Willis am Schlusse der Feierlichkeit in lautes Schluchzen ausbrachen, so daß die Hallen des heiligen Gebäudes von ihrem vereinten Wehklagen wiederhallten.

Da die vier Schwestern und Herr Robinson nach diesem merkwürdigen Ereignisse dasselbe Haus zu bewohnen fortfuhren, und da die verheirathete Schwester, welche es nun auch sein mochte, sich nie ohne die andern drei öffentlich zeigte, so ist es uns nicht völlig klar, ob die Nachbarschaft erfahren haben würde, welche die wirkliche Mistreß Robinson sei, wenn nicht ein Umstand eingetreten wäre, von dem sich am sichersten Aufschluß erwarten ließ – ein erfreulicher Umstand, der sich zuweilen in den geordnetsten Familien ereignet. Drei Vierteljahre waren abgelaufen, als die weiblichen Bewohner der Reihe, welchen schon seit einiger Zeit ein neues Licht aufgegangen zu sein schien, mit einer Art Zurückhaltung darüber zu sprechen, und ihre Neugierde auszudrücken anfingen, wie Mistreß Robinson – nämlich die jüngste Miß Willis – sich befinde. Jeden Morgen sah man zwischen neun und zehn Uhr die Mägde der Reihe die Treppe des Hauses hinaufrennen, »Missis' Empfehlungen überbringen, und Missis' wünschen zu wissen, wie sich Mistreß Robinson heute befände?« Und die Antwort lautete stets: »Mistreß Robinson ließe sich ebenfalls empfehlen, befände sich sehr wohl und im Geringsten nicht schlimmer als gestern.«

Das Fortepiano hörte man nicht mehr – die Stricknadeln waren bei Seite gelegt – das Zeichnen wurde vernachlässigt – und Kleider- und Putzmacherei in der kleinst denkbaren Miniaturskala schien die Lieblingsbeschäftigung der ganzen Familie geworden zu sein. Im Wohnzimmer herrschte nicht mehr die strenge Ordnung, die man sonst gewohnt war, und wenn man des Morgens zum Besuche kam, konnte man auf einem Tisch zwei bis drei besonders kleine Häubchen in ein altes Zeitungspapier sorgfältig eingewickelt liegen sehen, – sie waren ein klein wenig größer, als wenn sie für eine mittelmäßig große Puppe bestimmt gewesen wären, und mit einem kleinen Stückchen Band verziert, das in der Gestalt eines Hufeisens hinten hinunterhing; vielleicht bemerkte man auch ein weißes Kleidchen nicht sehr groß im Umfange, aber von unverhältnißmäßiger Länge mit einem Spitzenbesatze, der oben rings herumlief, unten aber mit einer Stickerei garnirt war; ja, als wir einst hinkamen, wurden wir sogar eines großen weißen Wickelbandes mit bläulichem Seitenrande ansichtig, dessen Nutzen wir nicht zu ermitteln vermochten. Ferner glaubten wir die Bemerkung zu machen, daß Herr Dowson, der Wundarzt u. s. w., welcher vor seinem Hause an der Ecke der Reihe eine große Laterne, deren jede Scheibe aus anders gefärbtem Glas besteht, ausgehängt hat, öfters als gewöhnlich bei Nacht herausgeklopft wurde; und einst wurden wir noch mehr beunruhigt, als Morgens um halb drei Uhr eine Miethkutsche vor Herrn Robinsons Hausthüre vorfuhr, aus welcher eine dicke alte Frau in Mantel und Nachthaube, mit einem Packete in der einen und einem Paar Ueberschuhen in der andern Hand herausstieg; eine Person, die ganz so aussah, als wenn sie plötzlich zu einem besondern Zwecke aus dem Bette geholt worden wäre.

Als wir am andern Morgen hinkamen, sahen wir den Thürklopfer der Miß Willis mit einem alten weißen Lederhandschuh umwickelt, und dachten in unserer Unschuld (wir leben nämlich im Junggesellenstande), was in aller Welt das wohl zu bedeuten haben möge, bis wir die älteste Miß Willis in eigener Person mit großer Feierlichkeit als Antwort auf die zunächst erfolgende Erkundigung sagen hörten: »Meine Empfehlung und Mrs. Robinson befände sich so wohl, als es die Umstände erwarten ließen, und das kleine Mädchen nehme wunderbar zu.« Hiermit war auf ein Mal unsere Neugierde sowohl als die der ganzen Reihe befriedigt, und wir fingen nun an, uns zu wundern, daß uns bis daher die wahre Ursache gar nicht eingefallen war.

Viertes Kapitel
Die Kirchspieldieners-Wahl.

Ein großes Ereigniß hat sich unlängst in unserem Kirchspiel zugetragen. Ein Streit von höchster Wichtigkeit ist soeben beendigt worden; eine Parochial-Erschütterung hat stattgefunden, auf die ein glorreicher Triumph gefolgt ist, dessen sich das Land – oder wenigstens das Kirchspiel, was wohl dasselbe ist – noch lange erinnern wird. Wir haben eine Wahl gehabt – die Wahl eines Kirchspieldieners. Die Vertheidiger des alten Kirchspieldiener-Systems sind auf das Haupt geschlagen worden, und die Kämpfer für die großen neuen Kirchspieldieners-Prinzipien haben einen stolzen Sieg errungen.

Unser Kirchspiel – das wie alle andern Kirchspiele eine kleine Welt für sich bildet – war seit langer Zeit in zwei Parteien getheilt, deren Streitigkeiten, wenn sie auch eine Weile schlummerten, unfehlbar bei der nächsten besten Veranlassung, wo sich die Möglichkeit einer Erneuerung zeigte, mit unverminderter Heftigkeit wieder ausbrachen. Nachtwächter-, Beleuchtungs-, Pflaster-, Wasserleitungs-, Kirchen-, Armen-Steuern, – kurz alle Arten von Steuern, wie sie heißen mochten, sind der Reihe nach Gegenstände großer Umtriebe gewesen; und was dafür gethan wurde, sie in Schutz zu nehmen, wie auch die Heftigkeit und Entschlossenheit, womit man sie bekämpfte, so oft irgend ein Amt neu zu besetzen war, ist kaum zu glauben.

Der Vorkämpfer der Beamtenpartei – der unerschütterliche Fürsprecher der Kirchenvorsteher, die unbeugsame Stütze der Aufseher – ist ein alter Herr, der in unserer Reihe wohnt. Er besitzt ungefähr ein halbes Dutzend Häuser darin, und geht stets auf der entgegengesetzten Seite der Straße, um immer sein ganzes Eigenthum mit einem Blicke überschauen zu können. Er ist eine große, hagere, klapperdürre Figur mit einer wahren Spürnase und kleinen, stets beweglichen, neugierigen Aeuglein, die ihm die Natur blos zu dem Zwecke gegeben zu haben scheint, um damit in anderer Leute Angelegenheiten hineinzugucken. Er ist von der Wichtigkeit unserer Kirchspiel-Angelegenheiten tief eingenommen, und bildet sich nicht wenig auf seine Vorträge in unseren Kirchspiel-Versammlungen ein. Seine Ansichten sind eher beschränkt, als großartig; seine Grundsätze eher engherzig, als liberal. Man hat ihn sehr laut zu Gunsten der Preßfreiheit, und der Aufhebung des Zeitungstempels sprechen hören, weil die jetzt bestehenden Zeitungen, welche das Monopol der Oeffentlichkeit haben, nie die Debatten der Kirchspiels-Versammlungen wörtlich wiedergeben. Er möchte, wie er sagte, vor der Welt nicht selbstgefällig erscheinen; könnte aber doch zu bemerken nicht unterlassen, daß Reden in derselben gehalten würden – wie z. B. seine berühmte Rede über die Emolumente und Pflichten der Todtengräber – welche verdienten, öffentlich bekannt zu werden, um zum Glücke des Volks und zur Verbesserung seines Zustandes mitzuwirken.

Sein Hauptgegner im öffentlichen Leben ist Kapitän Purday, der alte Seeoffizier auf halbem Solde, den wir unseren Lesern schon vorgeführt haben.

Da der Kapitän ein entschlossener Gegner aller bestehenden gesetzmäßigen Autoritäten, wer sie auch immer sein mögen – unser Freund aber, mit gleicher Beiseitsetzung ihrer persönlichen Verdienste, ihr unerschütterlicher Vertheidiger ist, so darf man wohl nicht zweifeln, daß es an Gelegenheiten, hintereinander zu kommen, nicht mangelt, ohne daß sie weit hergeholt zu werden brauchten. Sie brachten in vierzehn Kirchspiel-Versammlungen aus Veranlassung der Motion, ob die Kirche mit warmem Wasser oder mit Steinkohlen zu heizen sei, Stimmengleichheit zuwege, und hielten Reden über Freiheit und Ausgaben, Verschwendung und heißes Wasser, wodurch das ganze Kirchspiel in eine gewaltige Aufregung versetzt wurde. Als der Kapitän Mitglied des Prüfungs-Ausschusses und sein Gegner Aufseher war, brachte er gewisse besondere und namentliche Fälle vor, um die schlechte Verwaltung des Arbeitshauses darzuthun, sprach sich unverholen dahin aus, daß er kein Vertrauen zu dem bestellten Verwaltungspersonal habe, und verlangte eine Abschrift des Küchenreceptes, nach dem die Armensuppen gekocht würden, nebst allen hierauf bezüglichen Dokumenten. Der Oberaufseher verweigerte deren Ausfolge hartnäckig; er steckte sich hinter die Vorgänge, berief sich auf den hergebrachten Gebrauch, und führte namentlich an, daß der öffentliche Dienst leiden würde, wenn Dokumente rein privativer Natur, die zwischen dem Hausmeister des Arbeitshauses und dem Koche hin- und herliefen, auf solche Weise nach dem Antrage eines einzelnen Mitgliedes der Kirchspiels-Versammlung an's Licht gezogen würden. Die Motion des Kapitäns fiel mit einer Mehrheit von zwei Stimmen durch, worauf er, der nie zugab, daß er geschlagen wurde, auf die Niedersetzung einer Untersuchungscommission antrug. Die Angelegenheit wurde ernsthaft; Zusammenkünfte über Zusammenkünfte, und Versammlungen über Versammlungen fanden statt, bei denen über diese Frage debattirt wurde; Reden wurden gehalten, Angriffe zurückgewiesen, persönliche Herausforderungen gewechselt, Erklärungen gegeben, kurz das ganze Kirchspiel gerieth in die schrecklichste Aufregung, bis zuletzt, gerade als die Endentscheidung nahe war, die Kirchspiels-Versammlung die Entdeckung machte, daß ein wesentlicher formeller Punkt übersehen worden und die Sache dadurch in eine solche Verwickelung gerathen sei, daß man mit Ehren nimmer weiter fortzufahren vermöge. So ließ man die Motion fallen; Jedermann gab sich das Ansehen großer Wichtigkeit, und schien in Betracht der Verdienstlichkeit des ganzen Verfahrens vollkommen zufrieden gestellt.

So war der Stand der öffentlichen Angelegenheiten in unserem Kirchspiele vor ein paar Wochen, als der Kirchspielsdiener Simmons plötzlich das Zeitliche segnete. Der tiefbetrauerte Hingeschiedene hatte sich einen oder zwei Tage vor seinem Tode, beim Abführen einer alten, stark berauschten Weibsperson in den strengen Arrest des Arbeitshauses, über seine Kräfte angestrengt. – Die hierdurch veranlaßte Abspannung, verbunden mit einer starken Erkältung, die sich dieser unermüdliche Diener in seiner Eigenschaft als Dirigent der Kirchspiels-Feuerspritze zugezogen hatte, indem er sie unachtsamer Weise über sich spielen ließ, statt sie nach dem Feuer zu richten, waren zuviel für seine überdieß bereits durch Alter geschwächte Gesundheit; er mußte unterliegen. Eines Abends kam daher der Kirchspiels-Versammlung die Nachricht zu, daß Simmons gestorben sei und sonach seinen Dienst quittirt habe.

Kaum hatte der verstorbene Diener seinen letzten Athemzug gethan, als sich die Straßen mit Schaaren von Bewerbern um die vakante Stelle anfüllten, die sämmtlich ihre Ansprüche auf die Zahl ihrer Kinder stützten, als wenn der Dienst eines Kirchspieldieners ursprünglich als ein Aufmunterungsmittel für die Vermehrung des menschlichen Geschlechts eingesetzt worden wäre. »Bung, vorgeschlagen als Kirchspielsdiener. – Fünf kleine Kinder!« – »Stopkins, empfohlen als Kirchspielsdiener. – Sieben kleine Kinder!!« – »Timkins, zum Kirchspielsdiener. – Neun kleine Kinder!!!« So lauteten die Anschläge, die in unendlicher Zahl in großen, schwarzen Buchstaben auf weißem Grunde an die Mauern der Häuser angeklebt und an den Fenstern der besuchtesten Kaufladen aufgehängt waren. Timkins' Wahl wurde für ausgemacht erachtet. Verschiedene Familienmütter sagten schon ihre Stimmen halb zu, und die neun kleinen Kinder würden ohne Zweifel den Sieg davon getragen haben, wenn nicht ein neuer Anschlag das Auftreten eines noch weit verdienstvolleren, mehr zu berücksichtigenden Bewerbers angekündigt hätte. »Spruggins, zum Kirchspielsdiener. – Zehn kleine Kinder (worunter zwei Zwillinge) und eine Frau!!!!« Da war natürlich an keinen weitern Widerstand zu denken. Zehn kleine Kinder würden an sich schon fast unwiderstehlich gewesen sein, ohne die Zwillinge; aber die rührende Parenthese über diese interessante Productionskraft der Natur und die noch mehr ergreifende Hindeutung auf Frau Spruggins mußten ihm den günstigsten Erfolg im Voraus versichern. Herr Spruggins wurde auf einmal der Günstling aller Damen, und die Gestalt seiner Ehehälfte, die herumging, Stimmen für ihren Gemahl zu werben, wobei sich die zuversichtliche Hoffnung darthat, daß eine noch weitere Vermehrung des Hauses Spruggins in einer nicht sehr entfernten Periode stattfinden würde, trug nur dazu bei, die bereits zu seinen Gunsten vorgefaßte Meinung noch mehr zu vergrößern. Die andern Kandidaten, mit einziger Ausnahme Bungs, gaben in der Verzweiflung jede fernere Bewerbung auf. Der Tag zur Wahl wurde angesetzt, und das Sollicitiren von beiden Seiten mit Eifer und Beharrlichkeit fortgesetzt.

Man konnte nicht wohl erwarten, daß die Mitglieder der Kirchspiels-Versammlung als Wahlcollegium von der ansteckenden Aufregung frei bleiben würden, die von einer solchen Veranlassung unzertrennlich war. Die Mehrheit der weiblichen Einwohnerschaft des Kirchspiels erklärte sich einstimmig für Spruggins, und der vorbesagte, das alte Herkommen verteidigende Oberaufseher schlug sich um so mehr zu der Partei, weil Männer mit großen Familien von jeher zu diesem Dienste erwählt worden wären, und weil, obgleich er zugeben müsse, daß Spruggins in andern Beziehungen von den beiden Kandidaten die am wenigsten empfehlenden Eigenschaften besitze – dieß der alte Brauch sei, und er keinen Grund einsähe, warum man sich von einem alten guten Brauche trennen wolle. Dieß war genug für den Kapitän. Er ergriff augenblicklich Bungs Partei, warb auf allen Seiten persönlich Stimmen für ihn, schrieb Spottschriften über Spruggins, veranlaßte seinen Fleischer, sie an den einladensten Bratenstücken seines Ladens am Fenster zu befestigen, schüchterte seine Nachbarin, die alte Dame, durch die heftigsten Anklagen gegen Spruggins Partei ein, wodurch er sie so in Schrecken jagte, daß sie Herzklopfen bekam, und rannte ein und aus, auf und ab, rückwärts und vorwärts, so daß alle besonnenen Einwohner des Kirchspiels nichts Anderem entgegensahen, als daß er noch lange vor dem Beginn der Wahl an einer Hirnentzündung sterben würde.

Der Wahltag kam endlich heran. Es handelte sich aber nun nicht mehr um einzelne Personen und deren Interessen, der Kampf war vielmehr zum Parteienkampf geworden, in welchem die Herren im Amt den nicht Beamteten gegenüber standen. Die Frage war, ob man zugeben wolle, daß der schädliche Einfluß der Aufseher, die Herrschsucht der Kirchenvorsteher und der verabscheuungswürdige Despotismus des Kirchspielschreibers die Wahl eines Kirchspielsdieners zu einer bloßen leeren Förmlichkeit machen dürfe; ob man dem Kirchspiele einen von der Kirchspiels-Versammlung erwählten Kirchspielsdiener aufdringen lassen wolle, der blos den Befehlen und Zwecken derselben lebe, oder ob die Kirchspielsgenossen furchtlos an ihren unbezweifelten Rechten festhalten und einen unabhängigen Kirchspielsdiener nach ihrer eigenen Wahl ernennen wollen?

Es war bestimmt worden daß die Wahl in der Sakristei stattfinden solle; der Andrang der auf den Ausgang gespannten Zuschauer wurde aber so groß, daß man für nöthig erachtete, die Kirche selbst hierzu einzuräumen, wo sofort die Handlung mit einer passenden Feierlichkeit begann. Die Erscheinung der Kirchenvorsteher oder Aufseher, und der Ex-Kirchenvorsteher und Ex-Aufseher, begleitet von Spruggins, erregte allgemeines Aufsehen. Spruggins war ein kleiner, schmächtiger Mann mit einem langen, blassen Gesichte; er trug einen groben, schwarzen Rock, und sah bekümmert und niedergedrückt aus, war es, daß er an seine Familie dachte, oder weil er sich in so ängstlicher Erwartung befand. Sein Mitbewerber erschien in einem abgelegten blauen Rock des Kapitäns mit großen Knöpfen, weißen Beinkleidern und jener Gattung von Stiefeln, die man allgemein unter der Benennung »Tiefhohen« kennt. In Bungs anständiger Haltung lag eine Ruhe, – eine Art moralischen Gefühls seiner Würde, ein gewisser ermutigender Ausdruck in seinen Blicken, der zu sagen schien: »Ich, ich bin der Mann für das Aemtchen« – lauter Ostentationen, die seiner Partei Vertrauen einflößten und seine Gegner augenscheinlich entmutigten.

Der Ex-Kirchenvorsteher erhob sich, Thomas Spruggins zum Kirchspieldiener vorzuschlagen. Er habe ihn schon lange gekannt, ihn seit Jahren schon genau beobachtet, und seit Monaten mit doppelter Schärfe bewacht. (Ein Kirchspiels-Angehöriger bemerkte hier, man könnte dieses eine »doppelte Aufsicht« nennen, aber die Bemerkung wurde durch den lauten Ruf »zur Ordnung« unterdrückt.) Er wolle wiederholen, daß er ihn seit Jahren im Auge gehabt, und daher mit Recht sagen könne, daß er nie einen Mann kennen gelernt habe, der sich anständiger betrage, der eine bessere Aufführung gehabt, der nüchterner und ruhiger sei, der eine edlere Gesinnung besitze. Ein Mann mit einer zahlreicheren Familie sei ihm nie bekannt gewesen (Heiterkeit). Das Kirchspiel brauche einen Kirchspieldiener, auf den man sich verlassen könne. (»Hört«, von den Anhängern Spruggins; durch ironisches Lächeln von Bung's Partei beantwortet.) Einen solchen Mann schlage er nun vor. (»Nein!« – »Ja!«) Er wolle nicht auf Personen hindeuten; (der Ex-Kirchenvorsteher fuhr in dem bekannten Negativ-Style fort, dessen sich große Redner mit Erfolg bedienen;) er wolle nicht von einem Herrn reden, der einst einen hohen Rang im Dienste Seiner Majestät eingenommen; wolle nicht sagen, daß dieser Herr kein Gentleman sei; nicht behaupten, daß dieser Mann kein Mann wäre; nicht sagen, daß er ein aufwieglerischer Kirchspielsgenosse sei; nicht behaupten, daß er sich nicht blos bei dieser, sondern auch bei frühern Gelegenheiten sehr tadelnswerth benommen habe; wolle nicht sagen, daß er zu jenen mißvergnügten, meuterischen Köpfen gehöre, welche überall Verwirrung und Unordnung anrichteten, wo sie hinkämen; wolle nicht sagen, daß in seinem Herzen Neid, Haß, Bosheit und Lieblosigkeit ihren Wohnsitz aufgeschlagen hätten. Nein! Er wünsche Alles zufrieden und vergnügt, und wolle daher gar nichts weiter sagen. (Beifall.)

Der Kapitän entgegnete im ähnlichen parlamentarischen Tone. Er wolle nicht sagen, daß er über die so eben vernommene Rede erstaunt sei, nicht sagen, daß sie ihn empört habe. (Beifall.) Er wolle die schönen Epitheta, die auf ihn abgeschossen worden seien, nicht wieder zurückschleudern (erneuerter Beifall); er wolle nicht auf Männer zielen, die einst im Dienste gewesen, aus dem sie nun glücklicherweise entfernt worden wären; die das Arbeitshaus schlecht verwaltet, die Armen gedrückt, das Bier verdünnt, schlecht gebackenes Brod und Knochen statt Fleisch gegeben, die Arbeit vermehrt und die Suppenportionen vermindert hätten. (Stürmischer Beifall.) Er wolle nicht fragen, was Leute dieser Art verdienten. (Eine Stimme: »Nichts für den Tag, und das Uebrige mögen sie sich suchen!«) Er wolle nicht sagen, daß ein Ausbruch des allgemeinen Unwillens sie aus dem Kirchspiele treiben sollte, das sie mit ihrer Gegenwart befleckten. (»Recht so!«) Er wolle nicht von dem unglücklichen Mann reden, der vorgeschlagen sei – er wolle nicht sagen, zum dienstbaren Werkzeug des Kirchspielvorstandes, sondern zum Kirchspielsdiener. Er wolle nicht auf dessen Familienverhältnisse hindeuten, wolle nicht sagen, daß zehn Kinder, Zwillinge und eine Frau ein schlechtes Beispiel zur Nachahmung für die Armen wären. (Lauter Beifall.) Er wolle sich ebensowenig auf Herzählen der Fähigkeiten Bungs einlassen. Der Mann stehe vor ihm, und er müsse in seiner Gegenwart verschweigen, was er von ihm sagen möchte, wenn er abwesend wäre. (Hier winkte Bung einem ihm nahe stehenden Freunde unter seiner Kopfbedeckung vor, indem er sein linkes Auge zudrückte und seinen rechten Daumen an seine Nasenspitze legte.) Es sei wider Bung die Einwendung gemacht worden, daß er nur fünf Kinder habe. (»Hört! Hört!« von der Gegenpartei.) Es müsse ihm aber noch bewiesen werden, daß die Gesetzgebung eine bestimmte Kinderzahl festgesetzt habe, welche für die Stelle eines Kirchspielsdieners befähige. Aber auch zugegeben, daß eine große Familie ein wesentliches Erforderniß sei, so bitte er, Thatsachen und Umstände in Betracht zu ziehen, über die wohl kein Zweifel obwalten könne. Bung zähle fünfunddreißig Jahre, Spruggins, von dem er gerne mit aller möglichen Achtung zu sprechen wünschte, fünfzig. Er frage nun, ob es nicht als sehr möglich, ob es nicht als sehr wahrscheinlich anzunehmen sei, daß Bung, wenn er Spruggins Alter erreicht hätte, eine Kinderzahl um sich erblicken könnte, die sogar noch größer wäre, als die, auf welche Spruggins gegenwärtig seine Ansprüche begründete? (Betäubender Beifall und Schwingen der Taschentücher.) Der Kapitän schloß unter lautem Beifall und Zuruf mit der Aufforderung an die Kirchspielsgenossen, die Sturmglocke zu läuten, und frei und ohne alle Einflüsterungen zur Abstimmung zu schreiten, sich von der Diktatur des Vorstandes los zu machen, oder zu gewärtigen, Sclaven zu bleiben.

Am folgenden Tage begann das Abstimmen, und nie haben wir in unserem Kirchspiele einen solchen Tumult erlebt, seit wir unsere berühmte Petition gegen die Sclaverei durchsetzten, die für so wichtig erachtet wurde, daß das Haus der Gemeinen auf die Motion des Mitgliedes für den Bezirk ihren Druck verfügte. Der Kapitän bestellte zwei Miethkutschen und ein Cabriolet für Bung's Partei – das Cabriolet für die betrunkenen Stimmgeber, und die zwei Kutschen für die alten Frauen, deren Mehrzahl in Folge des ungestümen Benehmens des Kapitäns zu der Abstimmung und wieder nach Hause gefahren wurden, ehe sie sich von dem plötzlichen Sturm zu erholen im Stande waren, und hinreichend und mit einigem Grad von Klarheit zur Ueberzeugung gelangen konnten, was sie gethan hatten, oder was mit ihnen vorgegangen war. Die Gegenpartei vernachlässigte solche Vorsichtsmaßregeln gänzlich, und die Folge davon war, daß eine große Menge Damen, die gemächlich – denn es war ein sehr heißer Tag – nach der Kirche spazierten, um für Spruggins zu stimmen, listig in die Kutschen gelockt wurden und für Bung stimmten. Hatte des Kapitäns Rede schon keine gewöhnliche Wirkung hervorgebracht, so veranlaßte der Versuch des Kirchspielscollegiums, einen besondern Einfluß zu üben, eine noch größere. Eine Drohung des Kirchspielsschreibers, einer Familie ihren Gewerbsverdienst zu entziehen, wurde diesem klar nachgewiesen; es war ein Versuch der feigsten, niederträchtigsten Gewaltthätigkeit. Es ergab sich nämlich, daß der Angeschuldigte gewohnt war, alle Wochen für sechs Pence Theekuchen bei einer armen, alten Frau, die ein kleines Haus im Kirchspiele gemiethet hatte und mit der eigentlichen Besitzerin des Hauses zusammenwohnte, kaufen zu lassen; bei dem letzten wöchentlichen Einkaufe, kurz vor der Wahl, war ihr nun durch die Vermittlung der Köchin, zwar in geheimnißvollen, aber doch hinreichend klaren Andeutungen zu verstehen gegeben worden, daß des Kirchspielsschreibers Begehr nach Theekuchen in Zukunft lediglich von ihrer Stimme bei der Kirchspieldienerswahl abhängen würde. Dieß gab den Ausschlag. Der Strom hatte sich schon vorher gewendet, und der durch diese Entdeckung hervorgebrachte Eindruck regulirte seinen Lauf vollends. Bung's Partei schlug vor, den Betrag zusammenzulegen, um der alten Frau, so lange sie lebte, wöchentlich für einen Schilling Theekuchen abzunehmen; die Kirchspielsgenossen stimmten laut bei, und Spruggins Schicksal war entschieden.

Es war vergeblich, daß sich Frau Spruggins mit den ganz gleich gekleideten Zwillingen auf den Armen, den Knaben auf dem rechten und das Mädchen auf dem linken, an der Kirchthüre aufstellte – Frau Spruggins selbst war nicht länger mehr Gegenstand der Theilnahme. Bung wurde mit einer Mehrheit von vierhundert achtundzwanzig Stimmen erwählt, und die Sache des Kirchspiels feierte, den Vorständen gegenüber, seinen Triumph.

Fünftes Kapitel
Des Auspfänders Gehülfe.

Nachdem sich nun die durch die letzte Wahl herbeigeführte Spannung gelegt hat und unser Kirchspiel wieder in den ihm angemessen ruhigen Zustand zurückgekehrt ist, sind wir erst im Stande, unsere Aufmerksamkeit denjenigen Kirchspielsmitgliedern zuzuwenden, die an unseren Parteikämpfen wenig Antheil nehmen und sich von den Wirren und dem Geräusche des öffentlichen Lebens ferne halten. Und wir gestehen hier mit aufrichtigem Vergnügen, daß wir in unseren Bemühungen, zu diesem Zwecke Materialien zu sammeln, besonders durch Herrn Bung selbst unterstützt worden sind, dem wir dadurch zu einer Schuld verpflichtet wurden, deren wir uns wohl schwerlich jemals werden entledigen können.

Das Leben dieses Mannes ist eines der buntesten gewesen: er hat Uebergänge erduldet – nicht von der Trauer zur Freude, denn er war nie traurig; nicht vom Launigen zum Ernsthaften, denn Ernst bildet keinen Theil seiner Gemüthsart, seine Schicksalswechsel haben vielmehr zwischen äußerster und modificirter Armuth hin- und hergeschwankt, oder – um seinen eigenen bezeichnenden Ausdruck zu gebrauchen – zwischen »gar nichts zu essen, und gerade nur halb genug.« Er gehört nicht, wie er treffend bemerkt, »zu jenen glücklichen Leuten, die, wenn sie auf der einen Seite eines Schiffes splitternackt in's Wasser geworfen werden, auf der andern mit einem nagelneuen Anzug wieder hervorkommen und noch eine Suppenmarke in der Westentasche vorfinden«; eben so wenig aber auch zu denen, deren Muth gebrochen wird, wenn sie keiner Erlösung vom Mißgeschick und Mangel entgegensehen. Er ist einer von den sorglosen, gutmüthigen, glücklichen Gesellen, die korkleicht stets oben schwimmen, damit die Welt Possen mit ihnen treiben kann, die da und dort und irgendwo anklopfen, bald bei dem Rechten, bald bei dem Unrechten, manchmal in die Luft geschleudert werden und gleich wieder auf die Erde fallen, aber auch gleich wieder oben sind und stets munter und vertrauungsvoll mit den Wellen des Stromes forttanzen. Einige Monate vorher, ehe er die Bestimmung erhielt, bei der Kirchspielsdienerwahl einen Hauptkämpfer abzugeben, veranlaßte ihn die Noth, in die Dienste eines Auspfänders zu treten; und gerade darauf, daß er hier Gelegenheit hatte, sich Kenntniß von dem Zustande der meisten armen Einwohner des Kirchspiels zu verschaffen, gründete sein Gönner, der Kapitän, seine ersten Ansprüche auf öffentliche Unterstützung.

Der Zufall führte diesen Mann kurze Zeit nachher mit uns zusammen. Wir waren gleich im ersten Augenblick durch seine bei der Wahl bewiesene Zuversicht für ihn eingenommen worden und daher nicht sehr erstaunt, bei unserer näheren Bekanntschaft in ihm einen pfiffigen, gescheidten Mann mit nicht unbeträchtlicher Beobachtungsgabe zu finden. Als wir uns in ein Gespräch mit ihm einließen, waren wir, wie es uns auch in andern Fällen schon gegangen, einigermaßen betroffen, die Fähigkeit oder das Talent, das gewisse Menschen wirklich zu besitzen scheinen, bei ihm zu entdecken, mit Gefühlen, die ihnen völlig fremd sind, nicht allein zu sympathisiren, sondern sie sogar ganz zu verstehen.

Wir hatten dem neuen Diener unser Erstaunen darüber ausgedrückt, daß er je in der Eigenschaft, die wir kaum erwähnt haben, Dienste geleistet, und ihn nach und nach dahin gebracht, uns einige Vorfälle aus seinem vorigen Gewerbe mitzutheilen. Da wir bei weiterer Ueberlegung uns zu der Ansicht bewogen fanden, daß sie sich wohl besser hören lassen werden, wenn wir genau seinen Worten folgen, als wenn wir sie noch weiter ausschmücken, so wollen wir sie nunmehr betiteln:

Herrn Bung's Erzählung.

»'s ist ganz richtig, wie Sie sagen, Sir,« begann Herr Bung, »daß das Leben des Gehülfen eines Auspfänders nicht zu beneiden ist; Sie wissen es natürlich so gut, als ich selbst, obgleich Sie es nicht sagen wollen, daß das Volk sie haßt und verachtet, weil sie die Werkzeuge sind, arme Leute noch unglücklicher zu machen. Aber was konnte ich thun, Sir? Die Sache wurde dadurch nicht schlechter, wenn ich sie statt eines Andern that, und wenn ich mich in den Besitz des Hauses eines Andern setzte, so brachte es mich in den Besitz von drei Shilling sechs Pencen des Tags, und wenn ich Beschlag auf das Vermögen eines Andern legte, so erleichterte ich dadurch meine Noth und die meiner Familie. Es sagte mir, Gott weiß es, nie zu; ich sah mich stets nach irgend etwas Anderem um, und sobald ich ein anderes Geschäft zu erlangen wußte, gab ich's auf. Wenn es Unrecht ist, sich zu solchen Dingen brauchen zu lassen – ich glaube übrigens, daß das Unrecht nur auf Seite des Anstifters liegt, – so ist doch so viel gewiß, daß ich schon als Anfänger die Strafe dafür fühlen mußte. Ich wünschte immer und immer, daß die Leute mich prügeln oder hinauswerfen möchten, denn so etwas bin ich gewöhnt und ich hätte mir nicht viel daraus gemacht: aber fünf Tage lang, in einem Hinterstübchen eingeschlossen, auf Execution zu liegen, und sich selbst überlassen zu sein, ohne was Anderes zu thun zu haben, als eine alte Zeitung zu lesen und dabei nichts zu sehen, als die Dächer und Schornsteine der Rückseite des Hauses, nichts zu hören, als etwa das Picken meiner alten Schwarzwälder Uhr, hier und da das Seufzen der Frau vom Hause, das Zischeln von Verwandten in der nächsten Stube, die leise zusammen flüstern, damit es »der Mann« nicht höre; höchstens noch das gelegenheitliche Aufgehen der Thüre, durch die ein Kind hereinschleicht, um Einen anzusehen, welches dann halb erschrocken wieder davon springt – das Alles ist's, was Einen fühlen macht, daß man irgend etwas Unrechtes vorhat, vor dem man sich selbst schämen muß. Ist es gerade Winterszeit, so gibt man Einem gerade Kohlen genug, um den Wunsch rege zu machen, noch mehr zu haben; bringt man Einem Brei, so ist er so gekocht, als wenn man Einen damit ersticken wollte. Sind die Leute noch höflich genug, so schlagen sie Einem des Nachts ein Bett im Zimmer auf, und thun sie es nicht, so schickt der Auspfänder eines; und so muß man die ganze Zeit über an einem und demselben Orte bleiben, ohne sich waschen oder den Bart abnehmen zu können. Man wird von Jedermann gemieden, kein Mensch spricht mit Einem, wenn nicht allenfalls Jemand zur Essenszeit kommt und fragt, ob man noch mehr begehre, aber in einem Tone, der deutlich genug sagt: »Ich will nicht hoffen,« oder des Abends, um zu fragen, ob man nicht Licht zu haben wünsche, nachdem man schon den halben Abend in der Finsterniß gesessen hat. Befand ich mich in einer solchen Lage, so pflegte ich niederzusitzen und darüber zu grübeln, bis ich mich in meiner Hinterstube so einsam fühlte, wie ein Kätzchen im kupfernen Waschkessel, mit dem Deckel drauf; aber ich glaube, die alten Auspfänderleute, die gewöhnlich dazu erzogen sind, denken an Alles dieses nicht. Ich habe Einige von ihnen sagen hören, daß sie von so was nichts wissen.

»Ich mußte während meines Dienstes viele Auspfändungen vornehmen und fand im Laufe derselben bald, daß viele dieser Leute nicht so sehr zu bemitleiden sind, als Andere, und daß Diejenigen, welche, wenn sie in Noth kommen und sich von Tag zu Tag und von Woche zu Woche hinzuhalten vermögen, dieß mit der Zeit so gewohnt werden, daß sie es kaum mehr fühlen. Ich erinnere mich noch sehr wohl des ersten Hauses, wo ich Beschlag zu legen hatte; es war im Hause eines Gentlemans, hier im Kirchspiele, von dem Jedermann glaubte, es könne nicht fehlen, daß er Geld genug haben müßte, wenn er nur wollte. Ich ging hin mit dem alten Fixem, meinem Principal, etwa nach halb neun Uhr Morgens, zog die Hausglocke, und ein Livreebedienter öffnete uns die Thüre. ›Der Herr zu Hause?‹ – ›Ja,‹ sagt der Bediente, ›aber er ist gerade noch am Frühstück.‹ – ›Hat nichts zu sagen,‹ erwiederte Fixem; ›sagen Sie ihm nur, 's wäre ein Gentleman hier, der ihn allein zu sprechen wünsche.‹ – Der Bediente riß die Augen sperrweit auf und starrte ihn von allen Seiten an, als ob er den Gentleman suchen wolle, – denn ich kann nicht verhehlen, daß nur ein Stockblinder Fixem für etwas Anderes, als für das, was er wirklich war, hätte halten können; und was mich anbelangt, so sah ich so abgemagert aus, wie eine Kirchenmaus. Wie dem aber auch sei, er drehte sich um und ging in das Frühstückzimmer – ein enges Stübchen am Ende des Hausganges, und Fixem und ich (wie wir es bei diesen Geschäften immer machen) folgten ihm, ohne auf die Anmeldung zu warten, auf dem Fuße nach. Er hatte noch nicht herausgebracht – ›Erlauben Euer Gnaden, es ist ein Mann da, der Sie zu sprechen wünscht,‹ als wir wie alte Bekannte eintraten.

»›Wer zum Teufel seid Ihr, und wie könnt Ihr Euch unterstehen, ohne Erlaubniß in eines Gentlemans Haus zu kommen?‹ schrie der Herr zornig wie ein gereizter Stier. – ›Mein Name,‹ sagte Fixem, indem er dem Herrn zuwinkte, den Bedienten fortzuschicken, und ihm seine Vollmacht zur Auspfändung überreichte, die er wie eine Rechnung zusammengefaltet hatte, ›mein Name ist Smith, und ich bin von Johnson wegen jenes Geschäfts mit Thompson geschickt.‹ – ›O,‹ sagte der Andere, augenblicklich ganz demüthig, ›wie geht's Thompson? Ich bitte Sie, setzen Sie sich, Herr Smith. John, verlasse das Zimmer.‹ Der Diener ging hinaus, und der Gentleman und Fixem sahen einander so lange an, bis sie sich genug gesehen hatten; dann veränderten sie ihre Unterhaltung und sahen mich an, der ich die ganze Zeit über auf der Strohplatte an der Thüre stehen geblieben war. ›Hundert und fünfzig Pfund, wie ich sehe,‹ sagte der Herr endlich. – ›Hundert und fünfzig Pfund,‹ sagte Fixem, ›nebst den Erhebungskosten, der Sherifstaxe und allen anderen zufälligen Gebühren.‹ – ›Hm,‹ sagte der Herr weiter, ›ich werde vor morgen Nachmittag nicht zahlen können.‹ – ›Sehr fatal, aber ich werde genöthigt sein, bis dorthin meinen Gehülfen hier zu lassen,‹ erwiederte Fixem, indem er sich bemühte, so betrübt als möglich auszusehen. – ›Das ist mir sehr unangenehm,‹ sagte der Herr, ›denn ich erwarte heute Abend eine große Gesellschaft, und ich bin zu Grunde gerichtet, wenn meine Freunde nur eine Ahnung von dem Vorfalle bekommen. – Ein Wort, Herr Smith,‹ fuhr er nach einer kurzen Pause fort, trat darauf mit Fixem an das Fenster, und nach ziemlich langem Flüstern mit dem Herrn, und nachdem ich einige Souverains hatte klingeln hören und sie mich eine Weile angesehen hatten, kam Fixem auf mich zu und sagte: ›Bung, Ihr seid ein gewandter Bursche, und ich weiß, daß Ihr Euch sehr anstellig dabei zu benehmen wißt. Dieser Gentleman bedarf eines Menschen, sein Silbergeschirr zu putzen und heute bei Tisch aufzuwarten. Wenn Ihr Euch heute nicht besonders versagt habt,‹ sagte der alte Fixem, indem er das Gesicht auf eine närrische Weise verzog und ein Paar Souverains in meine Hand gleiten ließ, ›so wünscht der Herr sehr, daß Ihr's übernehmt.‹ Ich lachte, der Gentleman lachte, und wir Alle lachten. Ich ging nun nach Hause, um mich so gut als möglich anzukleiden, während Fixem so lange dort blieb; und als ich wiederkehrte, entfernte er sich. Ich polirte das Silbergeschirr, wartete bei Tische auf, mystificirte die Dienerschaft, und Niemand dachte entfernt daran, daß ich das Haus in Beschlag hatte; und doch kam es trotz all' dem am Ende fast an den Tag. Einer der Gentlemen nämlich, die am längsten blieben, kam die Treppe herab in die Halle, wo ich ganz spät in der Nacht in aller Bequemlichkeit saß, und sagte, während er mir eine halbe Krone in die Hand drückte, zu mir: ›Hier, mein Freund, lauft und besorgt mir eine Kutsche – wollt Ihr?‹ Ich glaubte, es sei ein abgemachter Handel, um mich aus dem Hause zu schaffen, und war gerade im Begriffe, es ihm frei heraus zu sagen, als der Hausherr (der an Alles dachte) schnell voll Angst die Treppe herabkam. ›Bung,‹ rief er, sich anstellend, als ob er sehr aufgebracht wäre. – ›Sir,‹ erwiederte ich. – ›Was zum Teufel seht Ihr nicht nach dem Silberzeuge?‹ – ›Ich wollte ihn so eben nach einer Kutsche fortschicken,‹ sagte der andere Herr. – ›Und ich wollte so eben sagen . . .‹ fing ich an; – aber der Hausherr unterbrach mich – ›Schicken Sie jeden Andern, lieber Freund,‹ sagte er und schob mich nach der Hausflur, um mich aus dem Wege zu bringen; ›allein diesem Manne habe ich die Aufsicht über mein Silbergeschirr und alle Sachen von Werth anvertraut, und ich kann durchaus nicht zugeben, daß er das Haus verlasse. Bung, Gott verd . . . . Euch, wenn Ihr nicht augenblicklich geht und die Gabeln im Frühstückzimmer zählt.‹ Sie können sich einbilden, daß ich mich lachend davon schlich und Alles in der Ordnung fand. – Das Geld wurde am andern Tage bezahlt und für mich etwas dazu gelegt, und dieß war das beste Geschäft, das ich (und ich vermuthe auch der alte Fixem) je gemacht hatte.

»Doch dieß war die Lichtseite des Gemäldes, Sir,« fuhr Mr. Bung fort, indem er den listigen Blick und das strahlende Angesicht, mit dem er die vorstehende Anekdote erzählte, ablegte, »und es schmerzt mich, sagen zu müssen, daß es die Seite ist, die man im Vergleich mit der Schattenseite leider nur zu selten zu sehen bekommt. Die Höflichkeit, die man sich durch Geld kaufen kann, trifft man selten bei Denen, die keines haben. Selbst darin liegt ein Trost, eine Verlegenheit dadurch zu heben, daß man sich eine andere für die Zukunft bereitet; doch auch dieser Trost bleibt ganz armen Leuten fremd. – Ich wurde einst in ein Haus in George's-Yard unten – jener kleinen schmutzigen Sackgasse hinter der Gasbeleuchtungs-Anstalt – gesendet; ach du mein Himmel, ich werde nie das Elend jener Leute vergessen. Es war eine Pfändung wegen einer Halbjahrsmiethe von zwei Pfund und zehn Schillingen, glaube ich. Es waren blos zwei Zimmer im Hause, und da es keine Hausflur hatte, so mußten die Bewohner des obern Zimmers beim Ein- und Ausgehen – was während meines Auftrags ungefähr viermal in jeder Viertelstunde vorkam – immer durch das untere Wohnzimmer gehen, und so oft sie durchkamen, jammerten sie fürchterlich, denn auch ihnen war Alles mit Beschlag belegt und zum Verkaufe bestimmt. Das Wenige, was vorhanden war, befand sich aber im elendesten Zustande. An der Vorderseite des Hauses war ein kleines Stückchen Garten, aber im Zustande völliger Vernachlässigung, mit einem Kohlenschlackenweg, der zur Hausthüre führte, und auf der andern Seite stand ein unbedecktes Regenwasserfaß. Ein aus Lumpen zusammengeflickter Vorhang hing vor dem Fenster an einem schlaffen Bindfaden, und ein kleines dreieckigtes, zerbrochenes Spiegelglas war an der Wand angebracht. Ich glaube aber nicht, daß die Leute je so viel Muth hatten, hineinzublicken, denn sie sahen so erbärmlich aus, daß sie es schwerlich ein zweites Mal gewagt haben würden, wenn sie je den Schrecken überlebt hätten, es einmal gethan zu haben. Da waren ferner zwei oder drei Stühle, die in ihren besten Tagen acht Pence oder einen Schilling das Stück werth gewesen sein mochten, ein kleiner tannener Tisch, ein alter Brodschrank mit Nichts darin, und eine jener Bettstellen, die nur halb aufgeschlagen sind, wo die Bodenbrettchen so weit heraussehen, daß man sich daran den Kopf zerstoßen oder den Hut aufhängen kann. Von Betten und Weißzeug war keine Rede. Endlich war noch ein alter Sack vorhanden, der die Stelle einer Bettdecke vertrat und vor dem Kamin lag; vier oder fünf Kinder krabbelten darauf und auf dem Sande des Bodens herum. Die Execution war blos eingelegt worden, um die Leute aus dem Hause zu bringen, denn es war nicht einmal so viel zu nehmen, um die Kosten zu bezahlen. Und in diesem Hause mußte ich drei Tage lang bleiben, obgleich auch dieß eine leere Form war, da ich natürlich so gut als Jedermann wußte, daß sie das Geld nie auftreiben konnten. Auf einem der Stühle, an der Stelle, wo das Feuer eigentlich hätte sein sollen, saß eine alte Frau – die häßlichste und schmutzigste, die ich je sah – die sich während des Sitzens immerfort rückwärts und vorwärts und vorwärts und rückwärts bewegte, ohne nur einmal stille zu halten, als etwa hie und da einen Augenblick, um die verwelkten Hände zusammenzuschlagen, welche sie, diese Ausnahmen abgerechnet, beständig gebrauchte, um ihre Kniee zu kratzen, und sie krampfhaft zusammenzupressen. Ihr gegenüber saß die Mutter mit einem Kinde auf den Armen, das so lange fortschrie, bis es sich in den Schlaf geschrien hatte und, wenn es erwachte, wieder schrie, bis es sich abermals überschrien hatte. Von der alten Frau hörte ich nie einen Laut. Das Elend schien sie verrückt oder vollständig stumpfsinnig gemacht zu haben. Was die Mutter anbelangt, so wäre es wohl besser gewesen, wenn sie sich auch in diesem Zustande befunden hätte, denn Noth und Elend hatte sie in einen Teufel verwandelt. Wenn Sie gehört hätten, wie sie die kleinen nackten Kinder, die sich in dem Sande herumwälzten, verfluchte, und wenn Sie gesehen hätten, wie grausam sie das Kind auf ihrem Arme schlug, wenn es vor Hunger schrie – es würde Sie geschaudert haben wie mich. So blieb es die ganze Zeit über. Die Kinder bekamen ein- oder zweimal einige Brodbrocken, und ich gab ihnen den größten Theil von dem Essen, das mir gebracht wurde; aber die Mutter aß keinen Bissen, sie legte sich auch nicht nieder, und eben so wenig wurde die ganze Zeit über, die ich dort zubrachte, das Zimmer gereinigt. Die Nachbarn waren alle selbst zu arm, um helfen zu können, und wie ich von der Frau in dem obern Stocke zu erfahren Gelegenheit hatte, so schien der Familienvater einige Wochen vorher deportirt worden zu sein. – Als die Zeit um war, machten der Hausbesitzer und der alte Fixem, denen selbst vor der Familie bange zu werden schien, Anzeige von ihrem Zustande, und brachten es dahin, daß sie in das Arbeitshaus aufgenommen wurden. Der alten Frau schickte man den Krankenwagen, und Simmons holte die Kinder bei Nacht. Erstere kam in das Hospital und starb bald hernach. Die Kinder befinden sich bis zu diesem Tage im Arbeitshause, und sind im Vergleiche mit ihrem vorigen Zustands sehr gut aufgehoben; was aber die Mutter betrifft, so war sie durchaus nicht zu bändigen. Ich glaube, daß sie vorher ein ruhiges, arbeitsames Weib war, aber ihr Elend hatte sie vollständig toll gemacht; denn nachdem sie ein halbes dutzendmal wegen Drohungen gegen die Aufseher, Lästerungen gegen die Kirchenvorsteher und Schimpfens auf Jedermann, der ihr nahe kam, in die Corrections-Anstalt gebracht worden war, sprang ihr eines Morgens ein Blutgefäß, woran sie starb, und dieß war eine glückliche Erlösung, nicht sowohl für sie, als für die alten Armen männlichen und weiblichen Geschlechts, die sie bei allen Gelegenheiten so herumzukugeln pflegte, als ob sie eben so viele Kegel und sie die Kugel gewesen wäre.«

»Nun, dieß war schlimm genug,« bemerkte Bung, indem er einen halben Schritt gegen die Thüre zu machte, als ob er damit anzeigen wollte, daß er nahe am Ende sei; »dieß war schlimm genug, ich traf aber auch eine Art heimlichen Elends – Sie werden mich wohl verstehen, was ich damit meine, Sir – das war noch weit herzbrechender. Wir hatten unter Anderem einst eine Auspfändung bei einer Dame, und noch schaudert mir das Herz, wenn ich daran denke. Ich will es so kurz als möglich machen; der Name thut nichts zur Sache. Möchte ich doch lieber gar nichts davon sagen dürfen! Es betraf den Rückstand einer Jahresmiethe. Ich ging wie gewöhnlich mit Fixem hin; ein sehr kleines Dienstmädchen öffnete uns die Thüre, und drei oder vier allerliebste Kinder spielten in dem Vorderzimmer, in das wir gewiesen wurden. Das Zimmer war sehr sauber, aber eben so spärlich ausgestattet, gerade wie die Kinder selbst. ›Bung,‹ sagte Fixem leise zu mir, als man uns ein Paar Minuten allein ließ; ›ich kenne diese Familie einigermaßen, und nach meiner Meinung wird es hier nicht gut gehen.‹ – ›Glauben Sie, sie werde nicht zahlen können?‹ erwiederte ich ganz ängstlich, denn die Kinder hatten mir gefallen. Fixem schüttelte den Kopf und war gerade daran, mir zu antworten, als eine Dame hereintrat, so weiß wie ich Tag meines Lebens nie eine gesehen, blos mit Ausnahme ihrer Augen, die vom Weinen geröthet waren. Sie trat so festen Schrittes einher, als ich es gethan haben könnte, schloß die Thüre sorgfältig, und setzte sich mit einem so ruhigen Gesicht, als wäre es von Stein gewesen, nieder. ›Was steht zu Ihren Befehlen, meine Herren?‹ fragte sie mit ruhiger aber eine gewisse Ueberraschung ausdrückender Stimme. ›Ist es wohl eine Auspfändung?‹ Fixem bejahte verlegen. Die Dame sah ihn starr an und schien ihn nicht verstanden zu haben. Fixem bejahte nochmals, sagte dann: ›Hier ist meine Vollmacht zur Pfändung‹ – und überreichte sie ihr eben so höflich, als ob es ein Zeitungsblatt gewesen wäre, das sich irgend ein Herr von ihm erbeten hätte.«

»Die Lippen der Dame bebten, als sie ihm das gedruckte Papier abnahm. Sie überlief es mit den Augen, und der alte Fixem fing an, ihr den Inhalt auseinander zu setzen; aber ich sah deutlich, daß sie nicht las; – das arme Ding! ›O mein Gott! was soll aus uns werden,‹ rief sie endlich, brach plötzlich in Thränen aus, ließ die Vollmacht zur Erde fallen, und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. ›O mein Gott, was soll aus uns werden?‹ Ihr Klageruf führte ein junges Frauenzimmer von ungefähr neunzehn bis zwanzig Jahren in das Zimmer, die, wie ich vermuthe, an der Thüre gehorcht hatte. Sie trug einen kleinen Knaben auf den Armen, den sie, ohne ein Wort zu sagen, der Dame auf den Schooß setzte. Letztere drückte das Kind gegen ihren Busen und überschüttete es mit Thränen, so daß sogar der alte Fixem seine blaue Brille abnahm, um die zwei Thränen, die, je eine auf jeder Seite, über sein schmutziges Gesicht herabtropften, abzuwischen. ›Liebe Mama,‹ sagte das junge Frauenzimmer, ›Sie wissen ja, wie viel Sie schon erduldet haben. Nehmen Sie alle unsere Sachen, – denn Papa's Sachen,‹ sagte sie, ›dürfen Sie nicht weggeben.‹ – ›Nein, nein, das werde ich nicht,‹ erwiederte die Lady, sich schnell sammelnd und ihre Augen trocknend; ›ich bin sehr thöricht, aber ich fühle mich schon besser, viel besser.‹

»Sie stand nun schnell auf und begleitete uns in alle Zimmer, während wir das Inventar aufnahmen, öffnete bereitwillig alle Schubfächer, schied Kinderzeug aus, um das Geschäft zu erleichtern, und sah dabei, ausgenommen daß sie Alles mit einer befremdlichen Hast that, eben so ruhig und gefaßt aus, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Als wir wieder die Treppe herabgekommen waren, zögerte sie ein paar Minuten und sagte endlich: ›Meine Herren, ich befürchte ein Unrecht begangen zu haben, das Sie vielleicht in Verlegenheit bringen möchte. Ich habe gerade das Einzige, was ich in der Welt noch Werthvolles besitze, verheimlicht – hier ist es.‹ Bei diesen Worten legte sie ein kleines, in Gold gefaßtes Miniaturgemälde auf den Tisch. ›Es ist das Bild meines armen, theuren Vaters,‹ fuhr sie fort. ›Ich dachte wohl einst nicht daran, daß ich je Gott dafür danken würde, daß er mich des Originals beraubte; doch jetzt thue ich's, und habe es schon seit Jahren auf's inbrünstigste gethan. Nehmen sie es hin; es ist ein Bild, das nie von meiner Seite wich, weder in Krankheit noch in Noth; jetzt aber bin ich stark genug, mich von ihm zu trennen und, Gott weiß es, auch diesen Verlust mit möglichster Kraft zu ertragen.‹ Ich war nicht im Stande, ein Wort hervorzubringen, und blickte von dem Inventar, das ich eben auszustellen beschäftigt war, zu Fixem auf. Der Alte nickte mir bezeichnend zu; ich nahm meine Feder, machte einen dicken Strich durch das »Mini,« das ich eben geschrieben, und ließ das Miniaturbild auf dem Tische liegen.«

»Nun, Sir, um die lange Geschichte kurz zu machen, ich wurde als Execution zurückgelassen, und obgleich ich nur ein unwissender und der Hausherr ein gelehrter Mann war, so sah ich doch, was er nicht sah, und wofür er jetzt alle Schätze der Welt geben würde (wenn er sie hätte), um es zu jener Zeit gesehen zu haben. Ich sah, Sir, daß seine Frau unter den Sorgen, über die sie sich nie beklagte, und unter dem Kummer, den sie nicht mittheilen mochte, dahin schwand. Ich sah, daß sie langsam vor seinen Augen dem Tode entgegen ging, wußte, daß er die Mittel in Händen hatte, sie zu retten, aber ich durfte ihn nicht darauf aufmerksam machen. Ich tadle ihn nicht, denn ich glaube nicht, daß er sich selbst hätte ermannen können. Sie war so lange allen seinen Wünschen zuvorgekommen, und hatte so lange für ihn gehandelt, daß er, sich selbst überlassen, ein verlorener Mensch sein mußte. Ich pflegte, wenn ich sie in ihren Kleidern, die an ihr bettelhaft genug aussahen, und sogar bei jeder Andern kaum anständig ausgesehen hätten, zu Gesicht bekam, zu denken, wenn ich ein Gentleman wäre, so würde es mir das Herz abdrücken, meine Frau, die ein so munteres, fröhliches Mädchen gewesen, als ich ihr den Hof machte, nun durch ihre Liebe zu mir so verändert zu sehen. So kalt und regnerisch die Witterung auch war, und trotz dem, daß ihre Kleider sehr dünn und ihre Schuhe nicht zu den besten gerechnet werden konnten, lief sie während der ganzen drei Tage vom Morgen bis zum Abend von Haus zu Haus, um Geld aufzutreiben. Endlich war es beisammen und die Execution wurde aufgehoben. Die ganze Familie drängte sich, als es ankam, in das Zimmer, in dem ich mich befand. Der Vater war ganz glücklich, als die Unannehmlichkeit gehoben war – ich darf sagen, er wußte nicht wie? – die Kinder sahen wieder fröhlich und heiter aus; die älteste Tochter war überaus beschäftigt, Vorbereitungen zur ersten wieder behaglichen Mahlzeit seit der Einlegung der Pfändung zu treffen, und die Mutter sah vergnügt darein, Alles wieder so heiter zu sehen; aber wenn ich je den Tod im Angesicht einer Frau gelesen habe, so sah ich ihn an jenem Abend in dem ihrigen.«

»Ich hatte mich nicht geirrt, Sir« schloß Herr Bung, während er hastig mit dem Rockärmel über das Gesicht fuhr; »die Familie wurde glücklicher, günstigere Umstände traten ein. Aber es war zu spät. Jene Kinder sind nun mutterlos, und ihr Vater würde Alles, was er seither erlangt hat – Haus, Heimath, Geld und Gut, kurz Alles, was er hat oder je noch erwerben wird, darum geben, um das Weib wieder zurückzuerkaufen, das er für immer verloren hat.«

Sechstes Kapitel
Die Damen-Vereine.

Unser Kirchspiel ist äußerst fruchtbar an Damen-Wohlthätigkeits-Anstalten. Für den Winter, wenn nasse Füße gewöhnlich und kalte nicht selten sind, haben wir den Damen-Suppen-Vertheilungs-, und den Damen-Bettzeug-Vertheilungs-Verein. Für den Sommer, wann viel Steinobst genossen wird und Magendrücken vorherrscht, haben wir den Damen-Arznei-Vertheilungs- und den Damen-Kranken-Besuchs-Verein; während des ganzen Jahrs aber den Damen-Kinderprüfungs-, den Damen Bibel- und Gebetbuchs-Vertheilungs- und den Damen-Kindbettweißzeug-Monats-Leih-Verein.

Die beiden letztgenannten sind entschieden die bedeutendsten. Ob sie größere Wohlthaten verbreiten, als die Uebrigen, vermögen wir nicht zu beurtheilen, aber wir können es auf uns nehmen, feierlichst zu versichern, daß sie weit mehr Unruhe und Bewegung verursachen, als alle anderen zusammengenommen.

Wir sind, fast mit einigem Erröthen, genöthigt zu sagen, daß der Bibel- und Gebetbuchs-Verein nicht so populär ist, als der Kindbettweißzeug-Verein; doch hat sich der Bibel- und Gebetbuchs-Verein nichts destoweniger innerhalb der letzten beiden Jahre ansehnlich vergrößert und an Bedeutung zugenommen, da ihm durch die aufwieglerische Opposition des Kinderprüfungs-Vereins eine ansehnliche Verstärkung zugekommen ist, welche faktiöse Opposition in folgendem Umstande ihren Ursprung hatte.

Zur Zeit, als der junge Pfarrer noch populär war und der Geschmack aller unverheiratheten Damen des Kirchspiels eine ernste Richtung genommen hatte, wurden auf einmal die Kinder der Versorgungs-Anstalt Gegenstände besonderer und wesentlicher Teilnahme. Die drei Miß Browns (enthusiastische Verehrerinnen des Pfarrers) lehrten, übten, prüften und überhörten die unglückseligen Kinder, bis die Knaben vor Anstrengung blaß und die Mädchen schwindsüchtig wurden. Die drei Miß Browns konnten es sehr gut ausdauern, weil sie einander ablösten; aber bei den Kindern, denen durchaus keine Erleichterung zu Theil wurde, zeigten sich verschiedene Symptome von Erschlaffung und andere besorgliche Erscheinungen. Der gleichgültigere Theil der Kirchspiels-Angehörigen lachte zu all' dem, der einsichtsvollere Theil aber enthielt sich, irgend eine Meinung zu äußern, bis sich der Pfarrer darüber ausgesprochen hatte.

Die Gelegenheit blieb nicht lange aus. Der Pfarrer hielt eine Wohlthätigkeitspredigt zu Gunsten der Schule der Kinderversorgungs-Anstalt; und in dieser Rede verbreitete er sich mit glühender Beredtsamkeit ausführlich über die preiswürdigen und unermüdlichen Anstrengungen gewisser achtungswürdiger Personen. Man hörte ein vernehmliches Schluchzen aus den Kirchstühlen der drei Miß Browns und sah den Kirchenstuhlschließer dieser Abtheilung eilig durch den mittleren Kirchgang in die Sakristei eilen und alsbald wieder mit einem Glase Wasser zurückkehren; ein leises Aechzen erfolgte; noch zwei weitere Kirchstuhlschließer eilten herbei, und die drei Miß Browns, jede auf einen Schließer gestützt, wurden aus der Kirche geführt und kehrten nach Verlauf von fünf Minuten mit weißen Taschentüchern vor den Augen wieder zurück, als wenn sie auf dem anliegenden Kirchhofe einem Leichenbegängnisse beigewohnt hätten.

Wenn auch der geringste Zweifel einen Augenblick existirt hätte, auf wen die Lobeserhebung anzuwenden sei, so war er nun auf einmal gehoben.

Der Drang, die armen Kinder zu erleuchten, wurde nun allgemein, und die drei Miß Browns wurden einstimmig angegangen, die Schule in Klassen abzutheilen und jede Klasse der Oberaufsicht zweier jungen Damen zuzuweisen.

Halbe Gelehrsamkeit ist eine gefährliche Sache, aber halbe Gunst noch viel übler. Die drei Miß Browns stellten lauter alte Jungfern an und schloßen die jüngern sorgfältig aus. Die alten Jungfern triumphirten; die Mütter geriethen an den Rand der Verzweiflung, und es ist unmöglich eine Vermuthung auszusprechen, in welche gewaltsame Handlungen der allgemeine Unwille gegen die drei Miß Browns noch ausgebrochen wäre, hätte nicht die Vorsehung einen Zufall herbeigesandt, der dem Strom der öffentlichen Meinung eine andere Richtung gab.

Frau Johnson Parker nämlich, die Mutter von sieben ausgezeichnet hübschen und sämmtlich unverheirateten Töchtern, hinterbrachte eiligst mehreren andern Müttern hübscher und unverheiratheter Töchter, daß fünf alte Männer, sechs alte Frauen und unzählig viele Kinder jeden Sonntag ohne Bibel und Gebetbuch zur Kirche kämen. Hatte man je so etwas in einem civilisirten Lande gehört? Konnten solche Dinge in einem christlichen Lande geduldet werden? Nimmermehr! Alsbald wurde ein Damen-Bibel- und Gebetbuchs-Vertheilungs-Verein gebildet. Zur Präsidentin wurde Frau Johnson Parker ernannt, die Schatzmeisters-, Controleurs- und Secretärsstellen aber den Misses Johnson Parker übertragen; es wurden Subscriptionen eröffnet; Bücher angekauft, und alle Bedürftigen damit versorgt, und als diese Bibeln und Gebetbücher am nächstfolgenden Sonntag nach diesen Vorfällen zum ersten Male in Anwendung kamen, gab es ein solches Auf- und Zuklappen der Bücher, ein solches Rasseln mit den Blättern, daß es fünf Minuten lang lediglich unmöglich war, auch nur ein Wort von der Liturgie zu vernehmen.

Die drei Miß Browns und ihre Partei sahen die herannahende Gefahr und versuchten sie dadurch abzuwenden, daß sie die Gesellschaft durch Spott lächerlich machten. »Weder die alten Männer, noch die alten Frauen könnten die Bücher lesen, die ihnen geschenkt worden seien,« sagten sie. – »Hat nichts zu sagen; sie können's lernen,« erwiederte Mrs. Frau Johnson Parker. »Auch die Kinder können nicht lesen,« sagten die drei Miß Browns.– »Thut nichts; man kann sie auch lehren,« entgegnete Frau Johnson Parker. Man wog die Wichtigkeit der beiden Parteien gegeneinander ab, und die Parteien waren einander gleich. Die Miß Browns veranstalteten eine öffentliche Prüfung – die öffentliche Meinung neigte sich auf die Seite des Kinderprüfungs-Vereins. Die Johnson Parker's vertheilten öffentlich Bibeln und Gebetbücher – und es fand eine Reaction zu Gunsten des Bibel- und Gebetbuchs-Vertheilungs-Vereins statt. Eine Feder würde die Wagschale geneigt haben, und eine Feder neigte sich wirklich.

Ein Missionär kehrte aus West-Indien zurück; er sollte, bei Gelegenheit seiner Vermählung mit einer reichen Wittwe, der Dissenters-Missions-Gesellschaft für die Ausbreitung des Christenthums unter den Heiden vorgestellt werden. Den Dissenters wurden durch die Johnson Parkers Anerbietungen gemacht. Ihre Zwecke waren ja dieselben, warum sollte also nicht eine vereinigte Zusammenkunft beider Gesellschaften statt finden können? Der Antrag wurde angenommen, der Tag der Versammlung durch öffentliche Ankündigungen im Voraus gehörig ausposaunt, und der Saal war bis zum Ersticken voll. Der Missionär erschien auf der für ihn erbauten Rednerbühne und wurde mit Enthusiasmus empfangen. Er gab ein Gespräch zwischen zwei Negern zum Besten, das er mit angehört haben wollte; sie hatten hinter einem Gartenzaune über die Vertheilungs-Gesellschaften unterredet – der Beifall wurde zum Toben. Nun ahmte er vollends das englische Kauderwälsch der beiden Neger nach, und das ganze Haus erbebte von stürmischem Beifallsgeschrei.

Von diesem Tage an war die Popularität der Bibel-Vertheilungs-Gesellschaft in stets wachsendem Zunehmen begriffen, das durch die schwache und ohnmächtige Opposition der Prüfungs-Partei nur noch mehr gefördert wurde.

Was nun den wichtigen Punkt der Kindbetts-Weißzeug-Monats-Leih-Vereine betrifft, so beruht seine Bedeutsamkeit hauptsächlich darauf, daß er weit weniger dem Schwanken der öffentlichen Meinung unterworfen ist, als der Bibel-Vertheilungs- und der Kinder-Prüfungs-Verein; und mag es kommen, wie es will, so wird es ihm nie an Veranlassung zur Wohlthätigkeitsübung fehlen. Unser Kirchspiel gehört, wie bereits früher erwähnt worden, zu dem volkreichsten, und wenn irgend eines zur Vermehrung der Gesammtzahl der Hauptstadt und ihrer Umgebungen beiträgt, so möchten wir fast behaupten zu dürfen glauben, daß unseres eher mehr leistet, als seine gerechte Schuldigkeit ist. Die Folge davon ist, daß der Kindbetts-Verein blüht, und seine Mitglieder bedeutenden Einfluß ausüben. Der Verein (dessen Gebrauch, seine Geschäftszeit in Monate einzutheilen, ihr den Namen gegeben hat) hält monatlich große Thee-Gesellschaften, bei denen der Monatsbericht verlesen, eine Sekretärin für den folgenden Monat gewählt und das in diesem Monat nicht ausgeliehene Weißzeug sorgfältig gestürzt wird. Wir waren nie bei einer dieser Versammlungen zugegen, denn Herren sind, wie wir kaum bemerken zu müssen glauben, völlig ausgeschlossen; allein Herr Bung ist ein paar Mal zu den Sitzungen berufen worden; und wir können auf seine Autorität hin versichern, daß es bei den Verhandlungen mit großer Ordnung und Regelmäßigkeit zugeht, indem unter keinerlei Vorwand gestattet wird, daß mehr als vier Mitglieder zu gleicher Zeit sprechen.

Der regelmäßige Ausschuß besteht ausschließlich aus verheiratheten Damen, dagegen wird eine ganze Legion junger, unverheiratheter Damen von achtzehn bis fünfundzwanzig Jahren als Ehrenmitglieder zugelassen – theils weil sie sich durch ihre Beiträge und Besuche der Kindbetterinnen sehr nützlich machen, theils weil es von großem Interesse ist, sie schon bei Zeiten in die ernsteren Pflichten ihres späteren Lebens einzuweihen, und endlich, weil kluge Mütter nicht selten Gelegenheit gefunden haben, die Erfahrung zu machen, daß ihnen dieser Umstand bei Heirathsspeculationen wundervolle Dienste geleistet hat.

Außer den Monats-Weißzeug-Körben (die alle blau gemalt sind, und auf deren Deckel der Name des Vereins mit großen, weißen Buchstaben prangt) vertheilt der Verein zuweilen unter seine Kindbetterinnen auch Bouillon und eine Art warm Bier, mit Gewürze, Eiern und Zucker, gewöhnlich unter dem Namen »Caudle« bekannt, wozu die Dienste der Ehrenmitglieder abermals in Anspruch genommen und auch mit großer Bereitwilligkeit geleistet werden. Deputationen von zwei oder drei werden ausgesendet, um die Kindbetterinnen zu besuchen, und bei dergleichen Besuchen sieht man ein solches Kosten von Caudle und Bouillon, ein solches Vertheilen in kleine Portionen und Umrühren in kleinen Gefäßen, ein solches An- und Auskleiden der Kleinen und ein solches Binden und Halten und Heften, ein solches Pflegen und Wärmen kleiner Beine am Kamine, einen so fröhlichen Wirrwarr von Geplauder und Kochen, Lärmen, Wichtigthun und Geschäftigkeit, wie man es in seinem Leben nicht lustiger gesehen hat.

Im Bestreben, diesen beiden Anstalten nachzueifern, und um noch einen letzten Versuch zu machen, sich in der verlorenen Gunst des Kirchspiels wieder festzusetzen, beschlossen die Mitglieder des Kinder-Prüfungs-Vereines vor einigen Tagen, eine große öffentliche Prüfung mit den Waisen zu veranstalten, wozu der große Unterrichts-Saal des National-Seminars, mit Zustimmung der Kirchspiels-Autoritäten, eingeräumt wurde. Einladungs-Circulare wurden bei allen angesehenen Kirchspiels-Angehörigen herumgeschickt, und dabei natürlich die Häupter der andern beneideten Vereine nicht vergessen, da das Ganze zu ausgedacht war; man erwartete mit Zuversicht eine zahlreiche Versammlung. Der Fußboden wurde den Tag zuvor unter der unmittelbaren Oberaufsicht der drei Miß Browns mit großer Sorgfalt gescheuert; Bänke wurden zur Bequemlichkeit der Zuhörer rings um den Saal aufgestellt und die besten Schreibbücher sorgfältig ausgelesen und so lange durchgegangen, verbessert, und zugestutzt, bis selbst die Kinder, die sie geschrieben hatten, noch mehr darüber erstaunt waren, als es allem Vermuthen nach die sein konnten, die sie lesen sollten. Zusammengesetzte Rechnungs-Exempel wurden eingeübt, wiederholt, und so lange wiederholt, bis sämmtliche Schüler die Facits vollständig auswendig wußten; kurzum, die Vorbereitungen waren so umfassend und mühselig, als es nur immer möglich sein konnte.

Der Morgen kam; die Kinder wurden mit Oelseife geseift, mit Flanell gerieben, und mit Handtüchern abgetrocknet, bis ihre Gesichter glänzten; man kämmte eines jeden Waisen Haar sorgfältig gegen seine Augen hin; die Mädchen wurden mit schneeweißen Halskrägen geschmückt, und ihre Hüte mit einem einfachen, purpurfarbenen Bande festgebunden, die Hälse der Knaben aber in eine Halsbinde von ungeheurer Höhe gezwängt. Als sich die Thüren aufthaten, erblickte man die Miß Browns und Comp. in einfachen, weißen Mousselinkleidern und ditto Hauben – die Kinderprüfungs-Uniform. Der Saal füllte sich; man grüßte sich laut und herzlich; die Austheilungspartei zitterte, denn ihre Popularität stand auf dem Spiele.

Der älteste Knabe trat vor und stotterte eine auswendig gelernte Anrede aus seiner Halsbinde hervor, worin er die Anwesenden um ihre Gunst bat. Sie war aus Herrn Henry Brown's Feder, der Beifall allgemein, und die Johnson Parkers voller Bestürzung und banger Erwartung. Die Prüfung hatte den besten Fortgang und endigte mit einem vollkommenen Triumphe. Der Kinderprüfungs-Verein hatte also für dieß Mal den Sieg erlangt, und die Johnson Parkers entfernten sich in Verzweiflung.

Noch am selbigen Abend wurde aber ein geheimer Rath des Austheilungs-Vereins unter Frau Johnson Parker's Präsidium zusammen berufen, um die besten Maßregeln zu berathschlagen, wie der Boden, den sie in der Gunst des Kirchspieles verloren, wieder zu erlangen sei. Was war zu thun? Sollte man eine abermalige Versammlung berufen? Ach, nein! Es war zu befürchten, daß sie von Niemand besucht würde. Vom Missionär war zum zweiten Male ein Effekt zu hoffen, und die Sclaven waren emancipirt. Ein kühner Schritt mußte gethan und das Kirchspiel auf die eine oder die andere Weise in Erstaunen gesetzt werden; aber Niemand war im Stande einen solchen Schritt anzugeben. Endlich hörte man eine sehr alte Dame in kaum verständlichen Tönen murmeln: »Exeter-Hall.« Augenblicklich ging der Versammlung ein Licht auf. Es wurde einstimmig beschlossen, daß eine aus alten Damen bestehende Deputation zu einem als Redner berühmten Irrländer sich verfügen und ihn um seinen Beistand und um die Gefälligkeit einer Rede bitten, nebenzu aber auch einige andere alte, schwache Frauen, die nicht im Kirchspiele wohnten, aufsuchen und dieselben bitten solle, sich dabei einzufinden. Die Bemühungen der Deputation hatten Erfolg; die Versammlung wurde anberaumt; der Irländer ließ nicht auf sich warten. Er redete von grünen Inseln – fernen Gestaden – dem unermeßlichen Ocean – der bodenlosen Hölle – christlicher Liebe – Blut und Vertilgung – Barmherzigkeit im Herzen – bewaffneten Herren – Alter und häuslichem Herd – heimischen Göttern. Er trocknete seine Augen, blies die Nasenlöcher auf, und flocht lateinische Brocken ein. Die Wirkung war ungeheuer – das Latein aber der entscheidendste Schlag. Kein Mensch verstand zwar, was er sagen wollte, aber Jedermann war überzeugt, daß es rührend sein müsse, weil ja sogar der Redner ganz ergriffen war.

Die Popularität des Vertheilungs-Vereins unter unsern Damen ist ohne Beispiel; – und der Kinderprüfungs-Verein geht seinem vollständigen Verfall entgegen.

Siebentes Kapitel
Unser nächster Nachbar.

Bei unsern Spaziergängen durch eine Straße machen wir uns gern unsere Gedanken über den Charakter und die Beschäftigung Derjenigen, welche in derselben wohnen, und nichts unterstützt uns dabei so wesentlich, als das Aeußere der Hausthüren. Das verschiedene Gepräge des menschlichen Gesichtes bildet einen schönen und interessanten Stoff für das Studium; aber es liegt fast eben so viel Charakteristisches und kaum weniger Trügliches in der Physiognomie der Thürklopfer. So oft wir Jemand zum ersten Mal besuchen, so betrachten wir die Umrisse seines Thürklopfers mit der angelegentlichsten Neugierde, denn wir wissen wohl, daß zwischen dem Mann und seinem Klopfer nothwendig ein gewisser Grad von Aehnlichkeit und Sympathie stattfinden muß.

So gehe ich z. B. eben an einem Thürklopfer vorbei, der zu der gewöhnlicheren Sorte gehört: er ist groß und rund, und ruht auf dem lustigen Gesichte eines zutraulichen Löwen, der einem freundlich zulächelt, wenn man mit den Fingern in den Haarlocken dreht, oder an dem Hemdkragen zupft, bis die Thüre geöffnet wird. Wir sahen nie einen solchen Klopfer an der Thüre eines filzigen Mannes, und unserer Erfahrung zufolge, verkündet er immer, daß man bei einer Flasche gern gesehen ist.

Man bemerkt einen solchen Klopfer nie an der Thüre eines kleinen Anwalts oder eines Papiermäklers, denn diese lieben eine andere Art von Löwen, eine wildaussehende Bestie mit groben Zügen, in denen sich viehischer Stumpfsinn ausdrückt: dieser ist eine Art Großmeister unter den Klopfern und das Lieblingssymbol eines selbstsüchtigen Grobians.

Dort ist ein kleiner naseweiser Aegyptier mit langem, schmalem Gesichte, aufgestülpter Nase und sehr spitzigem Kinn, den man vorzugsweise bei den Regierungsbeamten mit ihren hellbraunen Beinkleidern und Steifcravatten vorfindet. Diese sind kleine, sparsame, superkluge Leute, welche gewaltig von sich eingenommen sind und das non plus ultra aller Wichtigkeit zu sein wähnen.

Vor einigen Jahren wurden wir nicht wenig in Verlegenheit gesetzt durch eine neue Art von Thürklopfer, ganz ohne Gesicht, der nur aus einem von einer Hand oder von einem kleinen Stab herunterhängenden Ring bestand. Einiges Nachdenken setzte uns jedoch in die Lage, die Schwierigkeit zu überwinden und die Neuerung unserer Lieblingstheorie einzuverleiben. Man findet diesen Klopfer ohne Unterschied an den Thüren kalter, förmlicher Leute, die Einen immer fragen, warum man sie nie besuche, während sie Einen doch nie einladen.

Alle Welt kennt den Thürklopfer der Landhäuser in Vorstädten und ausgedehnteren Kostschulen: er bildet die hervorstechendste und bezeichnendste Species.

Einige Phrenologen behaupten, daß die Thätigkeit des menschlichen Gehirns bei verschiedenen Leidenschaften entsprechende Veränderungen in der Form des Schädels veranlasse. Man darf uns jedoch nicht so verstehen oder unsere Theorie so weit auf die Spitze treiben, daß, unserer Behauptung zufolge eine Veränderung in dem Charakter eines Menschen, eine erkennbare Wirkung auf die Physiognomie seines Thürklopfers übe; denn unsere Ansicht ist blos die, daß in einem solchen Falle der magnetische Rapport, der zwischen dem Mann und seinem Thürklopfer besteht, Ersteren veranlassen wird, den Letzteren zu entfernen, und ihn mit einem solchen zu ersetzen, der seiner veränderten Sinnesart angemessen ist. Findet man je, daß Jemand seine Wohnung ohne einen vernünftigen Grund wechselt, so kann man sich darauf verlassen, daß es deßhalb geschehen ist, weil der Bewohner nicht mehr mit seinem Klopfer übereinstimmte, obgleich dieß der Betheiligte vielleicht selbst nicht einmal ahnt. Unsere Theorie ist zwar neu, aber wir halten sie dem ungeachtet fest, und betrachten sie für ebenso geistvoll und untrüglich, als viele tausende der philosophischen Spekulationen, welche täglich zum Besten des allgemeinen Wohles und des häuslichen Glückes in's Leben treten.

Da die Klopfer für uns eine solche Wichtigkeit haben, so kann man sich leicht denken, mit welcher Bestürzung uns die Entfernung eines solchen von der Thüre unseres Nachbarhauses erfüllte, da derselbe vor einiger Zeit durch eine Klingel ersetzt wurde. Das war ein Strich durch unsere Rechnung, den wir nicht voraus gesehen hatten. Schon der bloße Gedanke, daß Jemand ohne Klopfer existiren könnte, erschien uns so träumerisch, daß wir ihn nicht einen Augenblick für möglich gehalten hätten.

Wir verließen unmuthig die Stelle und lenkten unsere Schritte nach Eaton Square, das eben im Entstehen begriffen war. Aber man denke sich unser Staunen und unsern Unwillen, als wir daselbst fanden, daß die Klingel zur Regel gehörte und der Klopfer nur eine Ausnahme bildete. – Unsere Theorie erlitt hiedurch einen gewaltigen Stoß. Wir eilten nach Hause, und da wir in den nächsten Zeiten schon dem gänzlichen Außerbrauchkommen einer solchen Thürzierde entgegen sehen zu müssen glaubten, so entschlossen wir uns, von Stund an unsere Forschungen an unsern nächsten Nachbar in Person anzustellen. Das Haus zu unserer Linken war unbewohnt, und wir hatten daher volle Muße, unsern Nachbar zur Rechten zu beobachten.

Das Haus ohne den Klopfer gehörte einem Stadtbediensteten, und in dem Fenster des Parterrezimmers stak ein zierlich geschriebener Zettel mit der Nachricht, daß hier eine Wohnung für einen ledigen Herrn zu vergeben wäre.

Es war ein niedliches, ziemlich kleines Haus auf der Winterseite, mit neuen, schmalen Bodentüchern in der Hausflur und neuen schmalen Teppichen auf der Treppe in den ersten Stock. Tapeten, Malerei und Hausgeräthe waren neu, und alle drei verkündigten die beschränkten Mittel des Bewohners. In einem der Zimmer lag ein kleiner roth und schwarzer Teppich, der nicht den ganzen Boden bedeckte; und ein paar eingelegte Sessel, ein Pembroketisch und zwei kleine Pfeilercommoden, auf deren jeder eine rosenfarbene Schaale stand, bildeten, nebst dem Theeservice, der Zuckerdose, einigen Muschelschaalen auf dem Kamingesims und drei geschmackvoll übereinander gelegten Pfauenfedern über demselben, die Ausstattung des Gemachs.

Dieß war das Zimmer, welches den ledigen Herrn den Tag über beherbergen sollte, während eine kleine Hinterstube auf demselben Boden das Schlafappartement abgeben sollte.

Der Zettel hatte noch nicht lange in dem Fenster gesteckt, als sich ein wohlbeleibter, gutmüthig aussehender Gentleman von ungefähr Fünfundvierzig als Bewerber um das Logis meldete. Die Bedingungen waren bald bereinigt, und unmittelbar nach diesem ersten Besuche wurde der Zettel wieder weggenommen. Ein paar Tage nachher zog der ledige Herr ein, und bald darauf erfuhr man auch, wessen Geistes Kind er wäre.

Zuerst ließ sich bemerken, daß er eine außerordentliche Vorliebe für das Aufbleiben bis drei oder vier Uhr Morgens hegte, wobei er Wiskey und Wasser trank und Cigarren rauchte; dann machte er auch gerne Einladungen an seine Freunde, welche sich um zehn Uhr einzustellen pflegten und ungefähr nach Mitternacht lustig zu werden anfingen, indem sie Lieder sangen, wobei der Chor mit voller Kraft und in einer sehr lärmenden und enthusiastischen Weise einfiel – zum großen Verdruß der Nachbarn, und insbesondere zur nicht geringen Störung eines andern ledigen Herrn, welcher gerade über ihnen wohnte.

Das war allerdings schlimm genug, da es im Durchschnitt mindestens dreimal in der Woche vorkam – aber es war noch nicht Alles. Denn wenn sich die Gesellschaft entfernte, so unterhielt sie sich, statt, wie andere ehrliche Leute thun würden, ruhig ihrer Straße zu ziehen, damit, daß sie einen schrecklichen Lärm machte und den Angstruf von Wehen befallener Frauen nachahmten. Und eines Nachts pochte sogar ein Gentleman mit rothem Gesicht und einem weißen Hute auf die empörendste Weise an die Thüre des alten puderköpfigen Herrn in Nummer 3. Der puderköpfige alte Gentleman meinte, einer seiner verheiratheten Töchter möchte zu früh etwas zugestoßen sein, weßhalb er die Treppen hinuntertappte und nach vielem Riegel- und Schlüsselgetöse die Thüre öffnete, vor der er aber Niemand anders als den Mann mit dem rothen Gesichte und dem weißen Hute traf, welcher ihn um Entschuldigung bat, daß er ihm so viele Mühe mache, aber er würde ihm sehr verbunden sein, wenn er die Güte haben wollte, ihm ein Glas frisches Brunnenwasser zu geben und einen Shilling zu leihen, damit er sich in einem Cabriolet nach Hause fahren lassen könne. Der alte Herr schlug ihm die Thüre vor der Nase zu, ging wieder die Treppe hinauf und goß stracks den Inhalt seines Wasserkrugs aus dem Fenster herunter, wobei übrigens zu bedauern war, daß er den Unrechten traf, was denn abermals die ganze Straße in Alarm brachte.

Ein Scherz ist ein Scherz; und selbst handgreifliche Späße mögen in ihrer Art gar nicht übel sein, wenn man nicht unter diejenigen gehört, auf deren Kosten er geübt wird. Aber die Bevölkerung unserer Straße fürchtete so sehr für ihre eigene Haut, daß ihr das Drollige dieser Scene durchaus nicht einleuchten wollte; und die Folge davon war, daß unser Nachbar sich genöthigt sah, dem ledigen Herrn zu erklären, er möge sich, wenn er seine nächtlichen Gelage nicht aufgeben wolle, nach einem anderen Quartier umsehen. Der ledige Herr nahm diesen Verweis in der besten Laune von der Welt hin und versprach, künftig seine Abende in einem Kaffeehaus zuzubringen, – ein Entschluß, der allgemeine Zufriedenheit veranlaßte.

Die nächste Nacht verlief ruhig, und männiglich freute sich dieses Wechsels; aber in der darauf folgenden war der Lärmen größer als je. Da die Freunde des ledigen Herrn ihn nicht mehr alle andere Nacht in seinem eigenen Hause besuchen konnten, so entschlossen sie sich, ihn fortan jede Nacht nach Hause zu begleiten; und das geräuschvolle Abschiednehmen der Freunde, und die Art, wie der ledige Herr die Treppe hinauf polterte, und die Mühe, welche es kostete, bis er die Stiefel von den Beinen gestreift hatte – mit einem Worte, es war nicht mehr auszuhalten. Unser Nachbar kündigte dem ledigen Herrn, der in jeder andern Beziehung ein sehr guter Miethsmann war, das Quartier auf; und der ledige Herr zog aus, um seine Freunde in einer andern Wohnung zu unterhalten.

Der nächste Bewerber um den vacanten ersten Stock war ein ganz anderer Mann, als der ledige Störenfried, welcher denselben eben verlassen hatte. Er war ein hoher, schmaler, junger Gentleman, mit einer Fülle braunen Haares, röthlichtem Backenbart und nicht sehr entwickelten Schnurrbart. Er trug einen Uniformrock mit eingefaßten Knopflöchern, hellgraue Beinkleider, waschlederne Handschuhe und hatte überhaupt ein ziemlich militärisches Aeußere. Also ein ganz anderer Mann, als der polternde ledige Herr. So gewinnend in seinen Manieren, so angenehm im Umgang, und noch obendrein so gesetzt in seinem Wesen! Als er die Wohnung einsah, erkundigte er sich zuvörderst, ob er sich auch darauf verlassen könne, einen Sitz in der Kirche zu bekommen; und als der Miethvertrag abgeschlossen war, wünschte er auch, eine Liste der verschiedenen Lokalwohlthätigkeits-Anstalten zu erhalten, da er dem verdienstlichsten davon beizutreten gedächte.

Wer war glücklicher als unser Nachbar? Er hatte endlich einen Miethsmann gefunden, der ganz seine Gesinnung theilte – einen gesetzten, ernsten Herrn, der kein Freund von lauten Belustigungen war und die Einsamkeit liebte. Er nahm den Zettel mit einem leichten Herzen vom Fenster weg und träumte sich schon eine lange Reihe von ruhigen Sonntagen, an denen er sich mit seinem Miethsmanne unterhalten und in seiner Gesellschaft die Sonntagsblätter lesen konnte.

Der gesetzte Herr langte an, und sein Gepäcke sollte des andern Morgens durch die Landfuhre nachkommen. Er borgte von unserem Nachbar ein reines Hemd und ein Gebetbuch und begab sich zeitig zur Ruhe, nachdem er zuvor gebeten hatte, man möchte ihn des andern Morgens Punkt zehn Uhr wecken – nicht früher, da er sehr ermüdet sei.

Das Letztere geschah, aber es erfolgte keine Antwort; man pochte wieder, aber alles blieb stille. Unser Nachbar wurde unruhig, und ließ die Thüre aufbrechen. Der gesetzte Mann hatte das Haus ganz geheimnißvoll verlassen und das Hemd, das Gebetbuch, einen Theelöffel und die Bettleinwand mitgenommen.

Ob dieser Vorfall in Vereinigung mit den Unregelmäßigkeiten seines früheren Miethsmannes unserem Nachbar einen Widerwillen gegen ledige Herrn einflößte, wissen wir nicht; wir können nur so viel sagen, daß der nächste Zettel in dem Fenster des Parterrezimmers nur im Allgemeinen andeutete, daß ein paar möblirte Gelasse in dem ersten Stock zu vergeben seien. Die Anzeige verschwand bald wieder, und die neuen Insassen erregten zuerst unsere Neugierde, später aber unsere Theilnahme.

Sie bestanden aus einem jungen Menschen von achtzehn oder neunzehn Jahren und seiner Mutter, die etwa fünfzig, vielleicht auch etwas weniger zählen mochte. Mutter und Sohn waren tief in Trauer gekleidet. Sie waren arm – sehr arm; denn ihr ganzer Unterhalt beschränkte sich auf den kümmerlichen Verdienst des jungen Mannes, den er sich durch Abschreiben und Uebersetzen für Buchhändler erwarb.

Sie hatten früher auf dem Lande gelebt und sich nach London übersiedelt, zum Theil, weil es dem jungen Mann bessere Aussichten zu Beschäftigung bot, zum Theil vielleicht auch, weil sie einen Ort zu verlassen wünschten, wo sie bessere Tage gesehen hatten und wo man ihre Verarmung kannte. Sie waren für ihre Verhältnisse stolz und mochten keinen Fremden ihren Mangel wissen lassen. Welche bittere Entbehrungen sie zu erleiden hatten und wie angestrengt der junge Mann arbeiten mußte, um der größten Nothdurft abzuhelfen, war Niemand als ihnen selbst bekannt. Man konnte alle Nacht bis zwei, drei, ja vier Uhr hin und wieder das spärliche Feuer nachschüren hören oder den hohlen, halberstickten Husten vernehmen, welcher verkündigte, daß der junge Mann noch bei der Arbeit war; und mit jedem Tage sah man deutlicher, daß die Natur jenes unirdische Licht über seine Jammermiene gegossen hatte, welches das Kennzeichen ihrer verheerendsten Krankheit ist.

Wir leiteten, wie wir hoffen, von einem höheren Gefühle als dem der bloßen Neugierde veranlaßt, eine Bekanntschaft mit den armen Fremden ein, welche bald in die innigste Vertrautheit überging. Unsere schlimmsten Befürchtungen waren verwirklicht; der junge Mensch schwand rasch dahin. Er setzte seine Arbeiten den Winter über, durch das Frühjahr und bis in den Sommer hinein fort, und die Mutter versuchte es, durch die Arbeit ihrer Nadel Brod zu erwerben.

Aber Alles, was sie verdienen konnte, bestand nur hin und wieder in einigen Shillingen. Der junge Mensch arbeitete ohne Unterlaß und starb mit jeder Minute mehr dahin; aber kein Murren, keine Klage kam über seinen Mund.

An einem schönen Herbstabende machten wir unsern gewöhnlichen Besuch bei dem Kranken. Die wenigen Kräfteüberreste hatten in den letzten zwei oder drei Tagen schrecklich abgenommen, und er lag, in den Anblick der untergehenden Sonne vertieft, an dem offenen Fenster auf dem Sopha. Seine Mutter hatte ihm aus der Bibel vorgelesen und schloß bei unserem Eintreten das Buch, um uns zu begrüßen.

»Ich habe William gesagt,« sprach sie, »wir müßten Sorge tragen, ihn irgendwo aufs Land zu bringen, damit er sich erholen könne. Er ist nicht krank, wie Sie wissen, aber sehr geschwächt, denn er hat sich in der letzten Zeit zu sehr angestrengt.«

Arme Frau! die Thränen, die unter ihren Fingern niederfielen, während sie sich zur Seite wandte, als wolle sie sich ihre Haube zurecht setzen, zeigten zu deutlich, wie vergeblich der Versuch war, sich zu täuschen.

Wir setzten uns oben an das Sopha, ohne etwas zu sprechen, denn wir sahen den Athem des Lebens, zwar sanft, aber schnell aus der Gestalt des jungen Mannes entweichen. Mit jedem Athemzug schlug sein Herz langsamer.

William legte eine Hand in die unsrige, umfaßte mit der andern seine Mutter, zog sie an sich, und küßte sie glühend auf die Wange. Es erfolgte eine Pause. Dann sank er auf sein Kissen zurück, und sah lange und ernst seiner Mutter in's Gesicht.

»William! lieber William!« flüsterte die Mutter nach einem langen Schweigen; »sieh mich nicht so an – sprich mit mir, Lieber!«

Der junge Mann lächelte matt, aber einen Augenblick nachher nahmen seine Züge denselben kalten und feierlichen Ausdruck wieder an.

»William, lieber William! Fasse dich! Sieh mich nicht so an, mein Herz! – thu es nicht! O mein Gott! was soll ich thun?« rief die Wittwe, die Hände verzweifelnd zusammenschlagend. »Mein liebes Kind! es stirbt!«

William machte eine gewaltsame Anstrengung, sich aufzurichten, und faltete die Hände:

»Mutter! liebe Mutter!« hauchte er. »Laß mich in dem freien Felde begraben – überall, nur nicht in diesen schrecklichen Straßen. Ich möchte wohl sein, wo du mein Grab sehen könntest, aber nicht in diesem Straßengedränge; es hat mich getödtet. Küsse mich noch einmal, Mutter; schlinge den Arm um meinen Hals – –«

Er sank zurück, und ein seltsamer Ausdruck stahl sich über seine Züge – nicht der des Schmerzes oder des Leidens, sondern ein unbeschreibliches Starrwerden jeder Linie und jeder Muskel.

William war todt.

Scenen - Erstes Kapitel
Der Morgen in den Straßen.

An einem Sommermorgen, eine Stunde vor Sonnenaufgang, bieten die Straßen von London selbst den Wenigen, die der unglücklichen Jagd nach Genuß oder der beinahe ebenso unglücklichen Jagd nach Erwerb eine genaue Bekanntschaft mit den vorkommenden Auftritten verdanken, einen höchst ergreifenden Anblick dar. In den geräuschlosen Straßen, welche zu anderen Zeiten von einer geschäftigen, munteren Menschenmenge wimmeln, und auf den stillen, festverschlossenen Gebäuden, die den Tag über von Leben und Lärmen strotzen, liegt das Trauergepräge der Verlassenheit und des Todes.

Der letzte Trunkenbold, der noch vor Tagesanbruch seinen Heimweg finden will, ist soeben schwerfällig vorübergetaumelt, den Refrain des Trinkliedes, das in der vergangenen Nacht gesungen wurde, zu Ende brüllend: der letzte heimathlose Landstreicher, den der Mangel und die Polizei ohne Obdach gelassen, hat in einer gepflasterten Straßenecke, wo er von Speise und Wärme geträumt, seine frostigen Glieder aufgerafft. Trunkenbold, Wollüstling und Vagabund sind verschwunden, und der mäßigere und geordnetere Theil der Bevölkerung ist noch nicht zu den Mühen des Tages erwacht. Die Stille des Grabes schwebt über den Straßen; sie scheinen die natürliche Farbe derselben angenommen zu haben – so kalt und leblos liegen sie im grauen Zwielichte der Morgendämmerung da. Die Kutschenstände in den größeren Durchfahrten sind verlassen: die Nachthäuser sind geschlossen; und die Lieblingsspaziergänge des muthlosen Elends sind leer.

Hie und da sieht man an den Straßenecken einen vereinzelten Polizeidiener, der den öden Schauplatz mehr mit dem Gehör als mit dem Gesicht beobachtet; und dann und wann stiehlt sich ein verstört aussehender Kater eilig über die Straße und läßt sich von seinem Tummelplatze mit einer Vorsicht und Schlauheit herunter – zuerst auf den Wasserstein, dann auf das Kerichtfäßchen und endlich auf die Pflastersteine springend – als wäre er sich bewußt, daß sein Ruf davon abhänge, seine nächtlichen Liebesabenteuer dem Auge der Oeffentlichkeit zu entziehen. Hin und wieder bemerkt man ein halboffenes Fenster an einem Schlafzimmer, das ebensowohl von der Wärme der Luft, als von dem unruhigen Schlafe seines Bewohners zeigt, und der matte Schimmer des Nachtlichtes, der durch den Vorhang dringt, bezeichnet das Gemach der Schlaflosigkeit oder Krankheit. Mit diesen wenigen Ausnahmen verrathen die Straßen kein Lebenszeichen und die Häuser scheinen ausgestorben.

Eine Stunde geht vorüber; die Spitzen der Kirchen und die Giebel der Hauptgebäude sind vom Lichte der aufgehenden Sonne schwach beleuchtet, und die Straßen nehmen in beinahe unmerklicher Stufenfolge allmälig ihr gewöhnliches Leben und Treiben wieder an. Marktkarren rollen langsam dahin, indeß der schläfrige Kärrner die ermüdeten Rosse ungeduldig antreibt oder vergebliche Versuche macht, den Jungen zu erwecken, der, auf den Deckeln der Obstkörbe hingestreckt, in schwelgerischer Ruhe die lang genährte Begierde nach dem Anblicke der Wunder von London in selige Vergessenheit begräbt.

Rohe, schläfrig aussehende Geschöpfe von seltsamem Aeußeren, welche zwischen Schenkwirthen und HauderernA1 die Mitte zu halten scheinen, lassen die Läden der Frühkneipen nieder; und kleinere tannene Tische, worauf man die gewöhnlichen Vorbereitungen zu einem Straßenfrühstück sieht, werden an ihren gewohnten Plätzen sichtbar. Eine Menge Männer und Weiber (hauptsächlich die letzteren), mit schweren Obstkörben auf dem Kopfe, plagen sich auf ihrem Wege nach Covent-Garden die Parkseite von Piccadilly hinab und bilden in reißender Aufeinanderfolge eine lange wogende Linie von dort bis zur Wendung der Straße bei der Ritterbrücke.

Hie und da eilt ein Maurergeselle, das Mittagessen in einem Taschentuche tragend, an sein Tagewerk, und dann und wann klappert eine kleine Bande von drei oder vier Schuljungen munter über das Pflaster nach einer verstohlenen Badeexpedition, und ihre lärmende Fröhlichkeit sticht gegen das Benehmen des jungen Schornsteinfegers gewaltig ab, der sich Anfangs den Arm müde gepocht und geschellt hat und nun, seitdem ihm von der erbarmungslosen Gesetzgebung die Gefährdung seiner Lungen durch Schreien niedergelegt worden, geduldig auf der Thürschwelle sitzt, bis die Hausmagd die Güte haben wird, zu erwachen.

Der Markt im Covent-Garden sammt seinen Zugängen ist mit Karren von allen Arten, Größen und Formen, vom schwerfällig dahinrollenden Wagen mit seinen vier starken Pferden bis zum schleichenden Obstkarren mit seinem schwindsüchtigen Esel, vollgepfropft. Das Pflaster ist bereits mit abgehauenen Krautblättern, zerrissenen Grasbändern und dem ganzen namenlosen Geschnipfel eines Gemüsemarkts übersäet, und Männer schreien, Karren ächzen, Pferde wiehern, Knaben balgen, Obstweiber schnattern, Pastetenbäcker preisen die Vortrefflichkeit ihrer Pasteten an und Esel schreien. Diese und hundert andere Töne bilden ein Gemisch, das einem Londoner Ohre wehe genug thut, aber dem Bewohner der Provinz, der zum erstenmale auf dem HummumsA2 schläft, wahrhaft entsetzlich ist.

Eine zweite Stunde geht vorüber, und der Tag beginnt nun in vollem Ernste. Die Dienstmagd, welche unter der Maske eines sehr festen Schlafes ganz vergessen hat, daß die Frau schon eine halbe Stunde läutet, hört vom Herrn (den die Frau zu diesem Zwecke in seinem Negligé die Treppe hinaufgeschickt hat), daß es bereits halb sieben Uhr sei, worauf sie, mit wohlberechnetem Schrecken, plötzlich aufsteht und verdrießlich die Treppe hinuntergeht, während des Lichtschlagens den Wunsch ausdrückend, das Prinzip der Selbstentzündung möchte sich auch auf Kohlen und Feuerherd ausdehnen. Nachdem das Feuer angemacht ist, öffnet sie die Hausthüre, um die Milch herein zu nehmen, als sie bemerkt, daß die Nachbarmagd vermöge des sonderbarsten Zusammentreffens von der Welt ebenfalls gerade die Milch herein nimmt und daß im gegenüberstehenden Hause Herrn Todd's Knecht, durch einen ebenso außerordentlichen Zufall, seines Herrn Läden niederläßt. Die unvermeidliche Folge davon ist, daß sie mit dem Milchkruge in der Hand gerade in einer solchen Entfernung stehen bleibt, um Betsy Clark einen »guten Morgen« zu wünschen, und daß Herrn Todd's Knecht über die Straße herüberkommt, um beiden einen »guten Morgen« zu wünschen; und da vorbesagter Knecht des Herrn Todd beinahe so hübsch und so bezaubernd ist, wie der Bäcker selbst, so wird die Unterhaltung bald sehr anziehend und würde wahrscheinlich noch anziehender geworden sein, hätte nicht Betsy's Frau, welche sie immer beobachtet, zornig an das Fenster ihres Schlafzimmers gepocht, worauf Herrn Todd's Knecht gleichgültig zu pfeifen sucht, während er weit schneller in seinen Laden zurückkehrt, als er aus demselben hervorgetreten ist, und die beiden Mädchen in ihre betreffende Häuser eilen und in aller Stille die Thüre verschließen, aber eine Minute später ihre Köpfe im Vorderzimmer zum Fenster hinausstrecken, dem Anscheine nach, um die Miethkutsche zu betrachten, welche eben vorüberfährt, der That nach aber, um noch einen Blick von Herrn Todd's Knecht aufzufangen, welcher, ein großer Freund von den Postkutschen, aber ein noch größerer von den Frauenzimmern, einen kurzen Blick auf die Postkutsche und einen langen auf die Mädchen wirft, womit sämmtliche Betheiligte ganz zufrieden sind.

Die Postkutsche selbst fährt in ihrem vorgeschriebenen Trab nach der Post, und die Passagiere, welche mit dem Frühwagen abreisen, starren erstaunt die Passagiere an, welche mit dem Frühwagen ankommen, trüb und verdrießlich aussehen und augenscheinlich unter dem Einflusse jenes seltsamen, durch das Reisen hervorgerufenen Gefühls stehen, welches die Vorfälle des vorhergehenden Tages am folgenden Morgen in einem Lichte darstellt, als hätten sie sich wenigstens schon vor einem halben Jahre ereignet, und uns mit großer Verwunderung über die Veränderungen erfüllt, die mit den Freunden und Verwandten, von denen wir vor vierzehn Tagen Abschied genommen, seit unserem letzten Zusammentreffen vorgegangen sind. Der Posthof ist ganz lebendig und die Kutschen, welche eben abgehen wollen, sind wie immer von einer Menge Juden und Judengenossen umgeben, die, der Himmel weiß warum, die Ansicht zu haben scheinen, als wäre es ganz unmöglich, daß irgend Jemand eine Kutsche besteigen könne, ohne wenigstens für sechs Pfennige Pomeranzen, ein Federmesser, eine Brieftasche, einen Almanach vom vergangenen Jahr, ein Bleistiftfutteral, ein Stück Schwamm oder ein paar Heftchen Carrikaturen mit sich zu nehmen.

Noch eine halbe Stunde, und die Sonne wirft ihre hellen Strahlen lustig in die noch immer halbleeren Straßen und hat eine hinreichende Kraft, um die verdrießliche Schläfrigkeit des Lehrburschen zu verscheuchen, welcher seine Versuche, den Laden auszukehren und die Steinplatten vor dem Eingange desselben mit Wasser zu besprengen, alle zwei Minuten unterbricht, um einem andern auf dieselbe Weise beschäftigten Lehrlinge zu sagen, wie heiß es heute werden würde, oder um, mit der rechten Hand seine Augen überschattend und mit der linken sich auf den Besen stützend, dem »Wunder« oder dem »Tally-Ho« oder dem »Nimrod« oder irgend einem anderen Schnellwagen nachzugaffen, bis er ihm aus den Augen kommt, worauf er in den Laden zurückkehrt, um die Passagiere auf der Außenseite der Schnellwagen zu beneiden und an das alte backsteinerne Haus im »Unterlande« zu denken, wo er in die Schule ging: sein Elend bei Milch und Wasser, grobem Brod und altbackenen Brocken schwindet in Nichts zusammen vor der süßen Erinnerung an das grüne Feld, auf dem die Knaben spielten, an den grünen Teich, der ihm einmal Schläge eingetragen, weil er sich herausgenommen hatte, hineinzufallen, und an manche andere Scenen aus seiner Knabenzeit.

Kabriolete, mit Koffern und Schachteln zwischen den Beinen des Kutschers und auf dem Spritzleder, rasseln auf ihrem Wege nach den Posthöfen oder den Kajen der Dampfpacketboote eiligst auf und nieder; und die Kabrioletinhaber und Miethkutschenbesitzer, welche sich auf ihrem Stande befinden, putzen die Verzierungen ihrer schmutzigen Gefährte – wobei die ersteren sich verwundern, wie es sich Jemand einfallen lassen könne, die »Menageriekästen von Omnibus einem regulären Kabriolet mit einem schnellen Renner« vorzuziehen, und die letzteren erstaunen, »wie es Jemand wagen könne, seinen Hals einem gebrechlichen Kabriolet anzuvertrauen, wenn er eine respektable Miethkutsche mit ein paar Pferden haben könne, welche mit Niemanden davonrenne« – ein Trost, welcher sich zweifelsohne auf die Thatsache gründet, daß man überhaupt noch niemals eine Miethkutsche rennen sah, »ausgenommen,« wie der schmucke Kabrioletinhaber an der Spitze der Reihe bemerkt, »ausgenommen eine, und diese rannte rückwärts.«

Die Läden sind jetzt ganz geöffnet, und Lehrbursche und Ladenbesitzer sind eifrig beschäftigt, die Fenster für den Tag zu reinigen und zu verzieren. Die Bäckerläden in der Stadt sind mit Mägden und Kindern angefüllt, welche auf den ersten Schuß Wecken warten. – In der Vorstadt ist dieser Auftritt wegen der Frühschreiberbevölkerung von Somers und Camden Towns, Islington und Pentonville, die eiligst in die City rennen, oder ihre Schritte nach der Kanzleistraße und dem Gerichtsviertel lenken, bereits seit einer vollen Stunde vorüber. Männer von mittlerem Alter, deren Gehalt keineswegs im Verhältniß mit ihrer Familie gewachsen ist, eilen schnell die Straße entlang, offenbar nichts Anderes vor sich sehend als die Schreibstube: sie kennen beinahe Jeden von Gesicht, dem sie begegnen oder den sie überholen, denn sie haben ihn während der letzten zwanzig Jahre (Sonntags ausgenommen) beinahe jeden Morgen gesehen; aber sie sprechen mit Keinem, und wenn sie an einem persönlichen Bekannten vorüberkommen, so tauschen sie nur geschwind einen Gruß aus, und gehen entweder neben ihm her oder vor ihm voraus, wie es seine Gewohnheit mit sich bringt. Stehen zu bleiben um ihm die Hand zu schütteln oder des Freundes Arm zu ergreifen, dazu fühlen sie sich nicht befugt, weil es nicht in ihre Dienstpflicht miteingeschlossen ist. Kleine Schreiberlehrlinge in großen Hüten, welche Männer geworden, ehe sie Knaben waren, eilen mit ihrem ersten Rock, der sorgfältig gebürstet ist, und ihren weißen Hosen vom letzten Sonntag, welche mit Koth und Tinte überschmiert sind, paarweise vorüber. Es erfordert offenbar einen schweren inneren Kampf, der Versuchung zu widerstehen, einen Theil ihres täglichen Speisegeldes auf den Ankauf altgebackener Torten zu verwenden, welche so lockend auf staubigen Zinnplatten an der Thüre des Zuckerbäckers ausgestellt sind; aber das Bewußtsein ihrer Wichtigkeit und ihrer wöchentlichen Einnahme von sieben Shillingen mit der Aussicht einer baldigen Erhöhung auf acht, kommt ihnen zu Hilfe. Sie setzen ihre Hüte kühner auf's Ohr und sehen allen Lehrmädchen der Putzmacherinnen und Modehändlerinnen, denen sie begegnen, unter die Hauben: – arme Mädchen! – die geplagteste, am schlechtesten bezahlte und auch oft am schlechtesten behandelte Klasse der menschlichen Gesellschaft.

Eilf Uhr, und eine neue Klasse von Leuten erfüllt die Straße. Die Waaren sind einladend hinter den Ladenfenstern aufgestellt; die Ladenbesitzer mit ihren weißen Taschentüchern und ihren zierlichen Röcken sehen aus, als wäre es ihnen unmöglich ein Fenster abzureiben, und wenn ihr Leben daran hinge; die Karren sind aus dem Covent-Garden verschwunden, die Kärrner heimgefahren und die Obsthändler nach ihren gewohnten »Schlägen« in der Vorstadt gegangen; die Schreiber sind auf ihren Schreibstuben, und Gigs, Kabriolete, Omnibusse und Reitpferde tragen ihre Herrn an denselben Bestimmungsort. Die Straßen sind mit einer ungeheuren Menge Menschen, aufgeputzten und schäbigen, reichen und armen, faulen und fleißigen vollgepfropft; und wir kommen nun zu der Hitze und dem lärmenden Treiben des Mittags.

1 Hauderern: Droschkenkutschern

2 auf dem Hummums: im türkischen Bad

Zweites Kapitel
Der Abend in den Straßen.

Aber die Straßen von London müssen, um sie in ihrem eigentlichen Glanzpunkte zu sehen, an einem dunklen, trüben, düstern Winterabende besucht werden, wenn sich gerade genug Duft auf den Boden senkt, um das Pflaster schlüpfrig zu machen, ohne es von irgend einer seiner Unreinigkeiten zu säubern, und wenn der schwere, träge Nebel, der auf jedem Gegenstand liegt, das Licht der Gaslampen und die brillante Beleuchtung der Kaufläden durch den Contrast gegen die ringsum herrschende Dunkelheit stärker hervorhebt.

Wer an einem solchen Abende zu Hause ist, scheint geneigt, es sich so bequem und behaglich als möglich zu machen, und diejenigen, welche auf der Straße sind, haben triftige Gründe, die Glücklichen zu beneiden, welche vor ihrem Kamine sitzen.

In den breiteren und besseren Straßen sind die Fenster der Speisezimmer dicht verhängt, das Feuer in der Küche lodert hell empor, und schmackhafte Dünste warmer Speisen kitzeln die Nasenlöcher des Hungrigen, der draußen steht und müde sich an das Geländer der Haustreppe lehnt. In den Vorstädten schellt der Semmeljunge die kleine Straße hinab, indem er weit langsamer geht, als er sonst gewohnt ist; denn Frau Macklin in Nummer 4 hat nicht sobald ihre Hausthüre geöffnet und mit aller Macht »Semmeln!« gerufen, als Frau Walker in Nummer 5 ihren Kopf aus dem Fenster ihres Wohnzimmers steckt und ebenfalls »Semmeln« ruft; und Frau Walker hat kaum das Wort über ihre Lippen springen lassen, als Frau Peplow auf der andern Seite der Straße Master Peplow losläßt, welcher mit einer Eile, zu der nur die Aussicht auf Buttersemmeln begeistern kann, die Straße herabschießt und den Jungen gewaltsam mit sich fortreißt, worauf Frau Macklin und Frau Walker, um dem Jungen eine Mühe zu ersparen und zugleich mit Frau Peplow einige freundnachbarliche Worte zu wechseln, über die Straße rennen und ihre Semmeln an Frau Peplows Hausthüre kaufen, wobei es sich aus der freiwilligen Aeußerung der Frau Walker ergibt, daß gerade ihr Kessel siedet und Tassen und Teller bereit sind, und daß sie sich, weil es draußen so unangenehm sei, entschlossen habe, ihren Nachbarinnen mit einem Täßchen comfortablen Thee's aufzuwarten – ein Schluß, zu welchem, vermöge des sonderbarsten Zusammentreffens der Umstände, zugleich auch die beiden andern Damen gekommen waren.

Nach einer kurzen Unterhaltung über die Schlechtigkeit des Wetters und die Verdienste des Thee's mit einer vergleichenden Abschweifung auf die Ungeschliffenheit der Knaben als Regel, und die Liebenswürdigkeit Master Peplows als Ausnahme, sieht Frau Walker ihren Gemahl die Straße herabkommen, und da der arme Mann nach seinem schmutzigen Weg von der Werfte gleichfalls seinen Thee nöthig hat, so eilt sie augenblicklich, mit ihren Semmeln in der Hand, davon, und Frau Macklin thut dasselbe, und nach wenigen Worten an Frau Walker, schlüpfen alle in ihre kleinen Wohnungen und schließen ihre kleinen Hausthüren zu, welche den ganzen Abend über Niemand mehr geöffnet werden, als dem »Neunuhrbierjungen,« der mit einer Trage, vor welcher eine Laterne hängt, herumgeht, und, während er Frau Walker das gestrige Wochenblatt einhändigt, die Meinung äußert, er wolle verdammt sein, wenn er den Krug noch halten könne oder das Papier in seinen Händen spüre, denn es sei eine der schneidendsten Nächte, die er je empfunden, mit Ausnahme derjenigen, wo der Mann auf dem Brickfield erfroren sei.

Nach einer kurzen prophetischen Unterhaltung mit dem Polizeidiener an der Straßenecke, welche von der Wahrscheinlichkeit einer Wetterveränderung und des Eintritts einer großen Kälte handelt, kehrt der Neunuhrbierjunge zu seinem Herrn zurück und bringt den Rest des Abends mit dem Geschäfte zu, unaufhörlich das Feuer in der Wirthsstube anzuschüren und ehrerbietig an dem Gespräche der um dasselbe versammelten Großen Theil zu nehmen.

Die Straßen in der Nähe des Marschthores und Victoriatheaters haben in einer solchen Nacht ein schmutziges und widerliches Aussehen, zu dessen Milderung die Gruppen, welche dort herumlungern, wenig beitragen. Sogar der kleine Blockzinntempel, der den gebratenen Kartoffeln geweiht ist und unter einem glänzenden Farbenspiel bunter Lampen steht, sieht nicht so lustig aus, als gewöhnlich; und was den Nierenpastetenstand betrifft, so ist seine Glorie ganz dahin. Das Licht in der Transparentlampe, einem Fabrikat aus mit Charakteren dekorirtem Oelpapier, ist schon fünfzigmal ausgeblasen worden; der Nierenpastetenverkäufer, der es endlich müde ist, in die benachbarten Weingewölbe zu laufen, um wieder anzünden zu können, hat in der Verzweiflung bereits den Gedanken an Beleuchtung aufgegeben, und die einzigen Zeichen seines »Hierherums« sind die hellen Funken, welche jedesmal, wenn er seinen tragbaren Backofen öffnet, um einem Kunden eine warme Nierenpastete einzuhändigen, in einem langen unordentlichen Zuge die Straße hinabwirbeln.

Die Verkäufer von Plattfischen, Austern und Obst schmachten hoffnungslos hinter der Gosse, vergeblich bemüht Käufer anzulocken; und die zerlumpten Jungen, welche sich gewöhnlich auf den Straßen herumtreiben, kauern sich in einem vorspringenden Thorwege, oder unter dem zwilchenen Vorhang der Käsebude zusammen, wo große flackernde Gaslichter, unbeschattet von einem Glase, hohe Beugen hellrother und blaßgelber Käselaibe, untermengt mit kleinen Stücken schwarzbraunen Specks zu fünf Pencen, verschiedenen Tonnen Wochen-Dorseter und düstere Rollen »vom Besten« beleuchten.

Hier belustigen sie sich mit theatralischen Vorstellungen, die sie ihrem Besuche der Victoriagallerie ums halbe Geld verdanken, bewundern den fürchterlichen Kampf, welcher allnächtlich wiederholt wird, und preisen die unerreichbare Vortrefflichkeit, mit der Bill Thompson den »Doppelaffen« macht oder die geheimnißvollen Involutionen des Matrosenhornpipe durchführt.

Es ist nahe an eilf Uhr, und der kalte feine Regen, welcher so lange nebelartig niedergesunken ist, beginnt nun in vollem Ernste herabzuströmen. Der Verkäufer der gebratenen Kartoffeln hat sich entfernt – der Nierenpastetenmann ist so eben mit seinem Waarenhause auf dem Arm weggegangen – der Käsekrämer hat seinen Vorhang zugezogen und die Knaben haben sich zerstreut. Das beständige Klappern von Ueberschuhen auf dem schlüpfrigen und unebenen Pflaster und das Rauschen von Regenschirmen, wenn der Wind gegen die Ladenfenster stößt, verräth die unangenehme Nacht; und der Polizeidiener mit dem wachstaffetenen Kragen, den er fest umgebunden hat, hält seinen Hut auf dem Kopf, macht eine Wendung, um dem Andrange des Windes und Regens, der an der Straßenecke wider ihn stößt, auszuweichen, und gibt durch diese Manipulationen zu erkennen, daß er weit entfernt ist, sich zur Aussicht, die er vor sich hat, Glück zu wünschen.

Der kleine Kramladen mit der zerbrochenen Schelle hinter der Thüre, deren melancholisches Geklingel durch jede Kundenansprache um einen Vierling Zucker oder ein Loth Kaffee comandirt wird, ist nun geschlossen. Die Menschenmenge, welche den ganzen Tag hindurch ab und zuströmte, vermindert sich mit reißender Schnelligkeit, und das lärmende Geschrei, welches aus den Wirthshäusern dringt, ist beinahe der einzige Laut, der die melancholische Stille der Nacht unterbricht.

Doch nein, man hörte noch einen andern, aber er ist jetzt verstummt. Das unglückliche Weib mit dem Kind auf den Armen, dessen abgezehrte Gestalt sie mit den Enden ihres eigenen, knappen Halstuches sorgfältig umhüllt, hat den Versuch gemacht, eine Volksballade zu singen, in der Hoffnung, dem mitleidigen Vorübergehenden einige Pence zu entlocken. Ein fühlloses Gelächter über ihre schwache Stimme ist alles, was sie ersungen hat. Große Thränen strömen über ihr blasses Gesicht, das Kind friert und hungert und sein leises, halbunterdrücktes Gewimmer erhöht das Elend seiner unglücklichen Mutter; sie schluchzt laut und sinkt verzweiflungsvoll auf eine kalte nasse Thürschwelle nieder.

Singen! Wie wenige von denjenigen, welche an einem solchen bedaurungswürdigen Geschöpfe vorübergehen, denken an die Angst des Herzens und die Gedrücktheit der Seele und des Geistes, welche eine solche Anstrengung zum Singen hervorruft. Bitterer Spott! Krankheit, Verwahrlosung und Hunger murmeln die Worte des fröhlichen Liedes, welches, Gott weiß wie oft, eure Stunden beim Schmauß und Gelage belebt hat! Es ist kein Gegenstand zum scherzen. Die schwache zitternde Stimme erzählt eine furchtbare Geschichte von Mangel und Hunger; und die kranke Sängerin eures Zechliedes wendet sich weg, um vor Frost und Hunger zu sterben.

Ein Uhr. Gruppen, welche aus den verschiedenen Theatern kommen, waten durch die kothigen Straßen; Kabriolete, Miethkutschen, Wagen und Theateromnibusse rollen schnell vorbei; Wassermänner mit trüben, schmutzigen Laternen in der Hand und große Messingplatten auf der Brust, welche während der zwei letzten Stunden mit lautem Rufen hin und her gerannt sind, ziehen sich nach ihren Wasserstuben zurück, um sich mit ihren Lieblingen, der Pfeife und dem Wermuthbier, zu trösten; die Theaterbesucher, welche um's halbe Geld auf's Parterre und in die Logen gehen, drängen sich nach den verschiedenen Restaurationshäusern; und unter einer geräuschvollen Verwirrung von Rauchen, Rennen, Messerklappern und Kellnerplappern, das völlig unbeschreiblich ist, werden zahllose Rostrippchen, Nieren, Kaninchen, Austern, Doppelbier, Cigarren und »Budeln« herumgereicht.

Der musikalischere Theil der Schauspielbesucher begibt sich in eine Harmoniegesellschaft. Aus Neugierde wollen wir sie für einige Augenblicke dorthin begleiten.

In einem hohen, geräumigen Saale sitzen achtzig bis hundert Gäste und klopfen mit zinnernen Trinkkrügchen kleine Melodieen auf den Tisch, oder hämmern mit den Messerheften, als wären sie eben so viele FaßbinderA3. Sie applaudiren einem lustigen Lied, welches so eben von den drei »Vorständen« am oberen Ende der im Mittelpunkt stehenden Tafel gesungen worden ist. Einer dieser Vorstände nimmt den Präsidentenstuhl ein – es ist der kleine, pompöse Mann mit dem Kahlkopfe, der gerade noch aus dem Kragen seines grünen Rockes hervorragt; ihm zur Rechten und zur Linken sitzen die beiden anderen – der starke Mann mit der schwachen Stimme und der finstere Mann mit dem hageren Gesichte in schwarzem Anzug. Der kleine Mann im Präsidentenstuhl ist eine höchst amüsante Personage – eine solche Herablassung bei einer solchen Größe, und eine solche Stimme!

»Tief!« wie unser Nachbar, der junge Herr mit dem blauen Rock seinem Gefährten kräftig bemerkt, »tief! das will ich glauben. Er kann tiefer hinunter, als irgend Jemand; zuweilen so tief, daß Sie ihn nicht mehr hören können.« Und er thuts. Ihn so allmälig tiefer und tiefer hinunterbrummen zu hören, bis er nicht mehr zurück kann, das ist der größte Genuß auf der Welt, und es ist eine reine Unmöglichkeit, den ergreifenden Ton, mit dem er seine Seele in »mein Herz ist im Hochland«, oder »der brave alte Hoak« ausströmt, ohne Rührung zu hören. Der starke Mann neigt sich auch zur Sentimentalität hin und trillert »flieh, flieh aus der Welt Bettili mit mir«, oder irgend eine andere Arie, mit der süßen Stimme einer Dame und in den bezauberndsten Tönen, die man sich denken kann.

»Bestellen Sie jetzt, meine Herren, was sie wünschen – bestellen Sie« – sagt der rothhaarige Mann mit dem blassen Gesichte; und die Bestellungen von »Budeln« Wachholder, und »Nudeln« Branntwein und Pinten Doppelbier und Cigarren von besonderer Milde erschallen jetzt lärmend aus allen Theilen des Zimmers. Die »Vorstände« haben den Höhepunkt ihres Glanzes erreicht und beglücken die bekannteren Besucher des Saales mit der schmeichelhaftesten Gönnermiene, mit herablassenden Verbeugungen, oder sogar mit einem, ja mit zwei Worten dankbarer Anerkennung.

Der kleine Mann mit dem runden Gesichte und dem kurzen braunen Ueberrock, weißen Strümpfen und Schuhen, ist in seiner komischen Laune; die Miene der Selbstverläugnung, verbunden mit dem Bewußtsein seiner Würde, womit er seinen Beruf für das Präsidium anerkennt, ist besonders einnehmend. »Meine Herren,« sagt der kleine, pompöse Mann, diese Worte mit einem Schlage des Präsidentenhammers auf den Tisch begleitend – »meine Herren, erlauben Sie mir, Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. – Unser Freund, Herr Smuggins, will uns etwas zum Besten geben.« – »Bravo!« ruft die Gesellschaft. Und Smuggins hustet eine Symphonie und schnüffelt ein paar Mal auf eine höchst witzige Weise, was beides mit allgemeinem Beifall aufgenommen wird; dann singt er ein komisches Lied, mit einem »Vivallallerachor«, der weit länger ist, als der Vers selbst. Er erntet ein unmäßiges Beifallsgeschrei, und nachdem ein strebender Geist aus freien Stücken eine Recitation gegeben und erschreckliche Mißtöne hervorgebracht hat, schlägt der kleine, pompöse Mann abermals auf den Tisch und sagt, »meine Herren, ein Lustiges, wenn es Ihnen gefällig ist!« Diese Aufforderung ruft einen stürmischen Beifall hervor und die energischen Geister drücken ihre unbedingteste Zufriedenheit dadurch aus, daß sie ein oder zwei Biergläser auf ihren Beinen zerschlagen – ein humoristisches Sinnbild, das jedoch häufig zu einem kleinen Wortwechsel Anlaß gibt, wenn von Seiten des Kellners eine Anforderung wegen Entschädigung gestellt wird.

Dergleichen Scenen dauern bis drei oder vier Uhr Morgens fort; und sogar, wenn sie ausgespielt sind, so eröffnen sich für den wißbegierigen Neuling wieder neue. Doch da eine Schilderung aller, wenn sie auch noch so skizzenartig gegeben würde, einen ganzen Band einnähme, dessen Inhalt, wenn auch noch so belehrend, doch keineswegs gefällig sein dürfte, so machen wir unsere Verbeugung und lassen den Vorhang nieder.

1 Faßbinder: Küfer

Drittes Kapitel
Die Kramläden und ihre Miether.

Welch unerschöpfliche Quellen bieten die Straßen London's dem Beobachter dar! Wir können nicht mit Sterne übereinstimmen, der den Mann beklagt, welcher vom Dan nach Beersheba wanderte und sagen konnte, Alles sei unfruchtbar; wir haben nicht das geringste Mitleid mit dem Manne, der seinen Hut aufsetzen, seinen Stock in die Hand nehmen und vom Covent-Garden bis zum St. Pauls-Kirchhof und wieder zurück auf den Marktplatz gehen kann, ohne auf dieser Wanderung sich irgend eine Unterhaltung – wir hätten fast gesagt Belehrung – verschafft zu haben. Und doch gibt es solche Geschöpfe – wir begegnen ihnen alle Tage. Hohe, schwarze Cravaten und helle Westen, etwa auch ein schwarzes spanisches Rohr, vor allem aber ein mißvergnügtes Aussehen – dieß gehört zu den charakteristischen Kennzeichen dieser Rasse. Andere Leute eilen rasch an Einem vorüber, stets eifrig in irgend einem Geschäfte begriffen, oder fröhlich dem Vergnügen nachlaufend; jene Menschen dagegen schleichen verdrossen einher und legen etwa dieselbe Fröhlichkeit und Lebhaftigkeit an den Tag, wie Polizeidiener, die in ihrem Dienste begriffen sind. Nichts scheint auch nur den geringsten Eindruck auf sie zu machen, und ihr Gleichmuth bleibt ungestört, selbst wenn sie von einem Lastträger niedergerannt oder von einem Kabriolet zu Boden gefahren werden sollten.

Man trifft sie vornehmlich an schönen Tagen in irgend einer der Hauptdurchfahrten; sieht man des Abends durch das Fenster eines Cigarrenladens in West-End – wenn je zwischen den blauen Vorhängen, die dem neugierigen Auge wehren sollen, ein freies Plätzchen zu finden ist, um einen Blick hineinzuwerfen – so findet man sie in dem einzigen Genusse, den ihnen ihr Dasein bietet. Da lungern sie in den Rauchstübchen um einige runde Fässer herum, in all jener Würde, die ihnen mächtige Knebelbärte und große goldene Uhrketten verleihen können, wobei sie nichtssagende Worte leise der jungen Dame in dem Ambrakleide mit den großen Ohrringen zuflüstern, welche auf ihrem Sitze hinter dem Comptoir einen Strahlenglanz von Anbetung und Gasbeleuchtung um sich verbreitet, der die Bewunderung aller Mägde der Nachbarschaft und den Neid aller Handlungslehrlinge innerhalb zweier Meilen in der Runde erregt.

Zu unsern Lieblingszeitvertreiben gehörte bisher, die allmäligen Fortschritte einzelner solcher Kramläden – sei es nun zum Emporkommen oder zum Falle – zu beobachten. Wir haben uns von dem Zustande mehrerer, in verschiedenen Theilen der Stadt gelegener unterrichtet und sind mit ihrer ganzen Geschichte auf's Genaueste bekannt. Wir könnten zum wenigsten zwanzig öffentlich nennen, von denen wir bestimmt überzeugt sind, daß sie während der letzten sechs Jahre keine Steuern bezahlt haben. Sie sind nie länger als ein paar Monate von denselben Miethern bewohnt und haben deßhalb ohne Zweifel schon allen Arten von Kleinhandel zum Tummelplatze gedient.

Ich führe beispielsweise einen derselben auf, an dessen Schicksal wir besondern Antheil genommen, da wir denselben fast von jeher als Laden zu kennen die Ehre haben; und so mag er denn als der Repräsentant für alle übrigen gelten. Er liegt auf der Surreyseite der Themse, nur in geringer Entfernung von dem Marsh-Thore. Das Haus war ursprünglich eine wohleingerichtete Privatwohnung, die hübsch genug aussah; der Hausbesitzer kam in Verlegenheiten, das Haus in die Hände der Gerichte, der Besitzer mußte es verlassen und so kam es in Verfall. Zu dieser Zeit beginnt unsere Bekanntschaft mit dem Hause. Der Verwurf war völlig abgefallen, die Fenster waren zerbrochen, die Area durch Vernachlässigung und das Ueberlaufen des Wassertrogs mit Priestleyscher Materie überwachsen, der Wassertrog selbst ohne Deckel und die Hausthüre das leibhaftige Bild des Elends. Die Kinder der ganzen Nachbarschaft wußten sich keinen besseren Zeitvertreib zu machen, als sich in Massen auf der Treppe vor dem Hause zu versammeln und den Thürklopfer mit kräftigen Doppelschlägen zu handhaben – zum großen Aerger der ganzen Nachbarschaft im Allgemeinen, und einer alten nervenschwachen Dame im zweitnächsten Hause in's Besondere. Zahlreiche Klagen kamen dagegen ein, und verschiedene Gefäße mit Flüssigkeiten wurden über die Tobenden herabgegossen, aber alles ohne Wirkung. In diesem Zustande der Dinge brachte der Pfänderverleiher an der Straßenecke das unglückliche Haus endlich in Aufstreich, und als es nun verkauft war, sah es erst mehr als je einer Baracke ähnlich.

Wenige Wochen vorher hatten wir diesen unsern Freund ganz seinem Schicksale überlassen; wie groß war daher unser Erstaunen, als wir bei unserm Wiederzusammentreffen keine Spur von seinem frühern Dasein mehr antrafen! An seiner Stelle stand ein hübscher Laden, der sich fast dem Stande der Vollkommenheit näherte, und an den Fensterläden waren große Anschläge angeklebt, die dem Publikum kund thaten, daß der Laden in Kurzem mit einer großen Auswahl von »Leinenzeugen und kurzen Waaren« eröffnet werden sollte. Er wurde auch, wie die Ankündigung besagte, eröffnet, und der Name des Inhabers »und Comp.« war in großen goldenen, fast zu glänzenden Buchstaben über dem Eingange zu lesen. Aber was für Bänder und Shawls! – was für elegante junge Männer hinter dem Ladentische, – jeder mit einem zierlichen Vatermörder und weißer Halsbinde, gleich dem ersten Liebhaber in einem Lustspiele. Was den Prinzipal anbelangt, so schien er weiter nichts zu thun zu haben, als im Laden auf und ab gehen, den Damen Sitze anzubieten und mit dem geputztesten der anwesenden jungen Männer, der von den Nachbarn pfiffigerweise für die »Comp.« gehalten wurde, unbedeutende Gespräche zu führen.

Mit Besorgniß sahen wir all' dieses mit an; ein finsteres Vorgefühl, daß auch dieser Laden zu den verurtheilten gehöre, drängte sich uns auf – und so war es auch. Sein Verfall kam nach und nach, aber desto sicherer. Nachgerade erschienen Zettel an den Fenstern, dann wurden Flannelballen mit angehefteten Preisbezeichnungen an der Thüre ausgestellt, welche sich zuletzt auch zu einem Träger für eine Ankündigung hergeben mußte, daß der erste Stock unmöblirt zu vergeben wäre. Dann verschwand einer der jungen Männer, der andere vertauschte seine weiße Halsbinde mit einer schwarzen und der Eigenthümer legte sich auf den Trunk. Der Laden wurde unreinlich, zerbrochene Fensterscheiben blieben unausgebessert, und die Vorräthe verschwanden Stück für Stück. Endlich kam der Brunnenmeister des Viertels, um wegen Nichtbezahlung der Wassertaxe die Brunnenröhre zu vernageln, und der Leinwandhändler machte sich unsichtbar, dem Hausbesitzer seine Empfehlungen und den Schlüssel zurücklassend.

Der nächste Miether war ein Schreibmaterialienhändler; der Laden wurde bescheidener ausgemalt als vorhin, aber er war wenigstens säuberlich. Doch, wie es nun immer kommen mochte, so oft wir vorbeigingen, drängte sich uns unwillkürlich der Gedanke auf, daß er aussähe, wie ein mit Armuth und Elend Kämpfender. Wir wünschten dem Manne alles Gute, aber wir befürchteten einen schlechten Ausgang. Augenscheinlich war er ein Wittwer und mußte irgendwo eine Beschäftigung haben, denn er verließ jeden Morgen sein Haus, um in die Stadt zu gehen. Das Geschäft zu Hause wurde durch seine älteste Tochter geführt. Das arme Mädchen! Sie hatte keinen Beistand. Wir bemerkten im Vorübergehen gelegenheitlich noch zwei oder drei andere Kinder, die, gleich ihr selbst, in Trauer gekleidet waren und in dem Zimmer hinter dem Laden saßen. Nie gingen wir des Nachts vorüber, ohne die älteste Tochter beschäftigt zu sehen, um entweder für die Kinder etwas zu arbeiten, oder kleine, zierliche Spielsachen zum Verkaufe zu verfertigen. Wann ihr bleiches Gesicht bei dem trüben Lichtschimmer trauriger und nachdenkender aussah, dachten wir oft, wenn jenen gedankenlosen weiblichen Geschöpfen, die auf das dürftige Geschäft eines armen Wesens, wie dieses, mit Verachtung herabsehen, das Elend, das sie erdulden, die bittern Entbehrungen, denen sie sich in der edeln Absicht unterziehen mußte, ihrer Familie einen ärmlichen Unterhalt zu gewinnen, nur halb bekannt gewesen wäre, so würden sie vielleicht lieber jede Veranlassung vermieden haben, vor dieser Dulderin mit Eitelkeit und unbescheidenem Hochmuthe zu prunken, um sie nicht zum letzten schrecklichsten Hülfsmittel zu treiben, dessen Namen nur zu hören schon die zarten Gefühle dieser barmherzigen Damen erschüttern würde.

Doch wir haben den Laden völlig vergessen. Wir fuhren also fort, ihn zu bewachen, und jeder Tag bewies die Zunahme der Armuth seiner Miethsleute nur zu klar. Die Kinder waren allerdings reinlich, aber ihre Kleider abgetragen und zerlumpt; es konnte kein Miethsmann für den obern Stock aufgetrieben werden, von dessen Beitrag doch ein Theil der Hausmiethe hätte bestritten werden können, und eine langsam schleichende Abzehrung, die bereits weit um sich gegriffen hatte, gestattete dem ältesten Mädchen nimmer, ihre Geschäfte fortzusetzen. Das Vierteljahr kam herbei; der Hausbesitzer hatte durch die Uebertriebenheit des vorigen Miethers Schaden genug gelitten und daher mit der Noth seines Nachfolgers kein Mitleiden; er ließ ihm Execution einlegen.

Als wir eines Morgens vorübergingen, waren die Auspfänder gerade beschäftigt, die wenigen Mobilien, die noch im Hause waren, fortzuschaffen, und ein neuer Anschlag unterrichtete uns, daß das Haus abermals »zu vermiethen« sei. Was aus dem Miether geworden, konnten wir nie erfahren; wir glauben aber, daß das Mädchen aller Leiden enthoben und aller Sorgen frei wurde. Gott sei ihr gnädig! wir hoffen, daß unsere Vermuthung wahr ist.

Die Neugierde trieb uns, zu erfahren, wie das Schauspiel weiter verlaufen würde – denn daß auf diesem Platze kein Glück zu hoffen war, darüber waren wir vollkommen im Reinen. Der Anschlag wurde bald darauf ab- und im Laden einige Veränderungen vorgenommen. Wir befanden uns in einem vollständigen Erwartungsfieber – wir erschöpften uns in Vermuthungen, – stellten uns alle möglichen Handelsgeschäfte nach der Reihe vor, und keines wollte vollkommen mit unserer fixen Idee übereinstimmen, daß dieser Miethsladen nothwendig nach und nach zu Grunde gehen müsse. Endlich wurde er eröffnet, und wir mußten uns nicht wenig wundern, daß uns seine nunmehrige wirkliche Gestaltung nicht früher beigefallen war. Der Laden – zu seinen bessern Zeiten schon keiner der größten – war nun in zwei verwandelt; den einen hatte ein Hutformenschneider inne, den andern ein Tabakshändler, der auch Spazierstöcke und Sonntagsblätter hielt. Die beiden Abtheilungen waren durch eine dünne Tapetenwand von einander getrennt.

Der Tabakshändler blieb länger im Besitze als irgend ein Miethsmann aus unserer Erinnerung. Er war ein schamloser, nichtsnutziger Kerl, mit einem Kupfergesicht; augenscheinlich gewohnt, alles anzunehmen, wie es kam, und zum schlechten Spiele gute Miene zu machen. Er verkaufte so viele Cigarren, als er konnte, und rauchte die übrigen selbst; dabei behauptete er seinen Laden so lange, als ihm der Hausbesitzer Frieden ließ, und so bald dieß aufhörte, schloß er ganz ruhig die Thüre und ging davon.

Von dieser Zeit an waren die beiden kleinen Höhlen unzähligen Veränderungen unterworfen. Auf den Tabakshändler folgte ein Haarkräusler, der die Fenster mit einer großen Mannigfaltigkeit von »Charakteren« und schrecklichen Schlachten verzierte; der Hutformenschneider machte einem Gewürzhändler Platz, und der hanswurstartige Haarkünstler hatte einen Schneider zum Nachfolger. Kurz, der Wechsel war so zahlreich, daß wir zuletzt weiter nichts zu thun hatten, als die besonderen aber sicheren Anzeigen zu beobachten, daß das Haus der Schauplatz der Armseligkeit war. Diese hatte auch in der That fast unbegreifliche Fortschritte gemacht. Die Bewohner traten nach und nach Zimmer für Zimmer ab, so daß sie sich zuletzt blos noch das kleine Wohnzimmer vorbehielten.

Zuerst zeigte sich an der Hausthüre eine Messingplatte, auf der leserlich geschrieben war: »Damenschule«; gleich daneben bemerkten wir eine zweite Messingplatte; dann eine Glocke und noch eine zweite Glocke.

So oft wir vor diesem unserm alten Freunde stille hielten, und diese Zeichen seines Verfalles beobachteten, die nicht fehlgedeutet werden konnten, so dachten wir beim Fortgehen, daß dieses Haus auf dem äußersten Gipfel seiner Erniedrigung angelangt sei. Wir hatten aber nicht Recht, denn als wir neulich vorübergingen, war eine »Melkerei« auf dem Hofe errichtet, und eine Partie schwermüthig aussehenden Geflügels unterhielt sich damit, zur Vorderthüre hinein und zur Hinterthüre heraus zu spazieren.

Viertes Kapitel
Scotland-Yard.

Scotland-Yard ist ein kleiner – ein sehr kleiner Strich Landes, auf der einen Seite durch die Themse, auf der andern durch die Gärten von Northumberland House begrenzt, und am einen Ende an den Anfang der Northumberland Street, am andern an die Rückseite von Whitehall-Place stoßend. Als dieses Gebiet zuerst von einem Landedelmann, der sich auf dem Strand verirrt hatte, vor mehreren Jahren zufälligerweise entdeckt worden war, ergab sich, daß die ersten Ansiedler ein Schneider, ein Zolleinnehmer, zwei Speisewirthe und ein Obstpastetenbäcker waren; auch ergab sich, daß der Platz von einem kräftigen Schlage Männer besucht wurde, welche regelmäßig jeden Morgen zwischen fünf und sechs Uhr auf den Löschplätzen von Scotland-Yard erschienen, um schwere Wagen mit Kohlen zu beladen, welche sie in die Umgegend verführten, um die Einwohner mit dem nöthigen Brennstoffe zu versehen. Wenn sie ihre Wagen abgeladen hatten, fuhren sie wieder zurück, um neuen Succurs zu holen, und dieser Handel dauerte das ganze Jahr hindurch fort.

Da die Ansiedler diesen ersten Handelsleuten ihre Bedürfnisse lieferten, um ihren Unterhalt dadurch zu gewinnen, so sah man es den zum Verkauf ausgestellten Gegenständen und den Verkaufsplätzen von Außen deutlich an, daß sie ausdrücklich dem Geschmack und dem Wunsche derselben angemessen waren. Der Schneider legte an seinem Fenster ein liliputisches Paar Ledergamaschen und eine runde Miniaturjacke aus, während jeder Thürpfosten mit einem angemessenen Modell eines Kohlensacks verziert war. Die beiden Speisewirthe stellten ZiemerA4 von einer Größe und Puddinge von einer Solidität aus, welche nur Kohlenträger zu schätzen vermögen, und der Obstpastetenbäcker entfaltete auf seinem wohlgescheuerten Fenstergesimse weißes Backwerk aus feinem Mehl und Bratenfett, mit fleischfarbenen Karten dekorirt, welche das Obst, das darin war, auf eine Weise anpriesen, daß den Vorübergehenden der Mund wässerte und die Füße beinahe den Dienst aufkündeten.

Aber der besuchteste Platz in ganz Scotland-Yard war das alte Wirthshaus im Winkel. Hier saßen in einem dunklen getäfelten Zimmer von altväterischem Aussehen, das durch die Flamme eines gewaltigen Feuers erheitert wurde und mit einer ungeheuren Uhr geziert war, welche ein weißes Zifferblatt mit schwarzen Figuren hatte, die kräftigen Kohlenträger, lange Züge des besten Barkleytabaks in sich trinkend und Rauchmassen hervorstoßend, welche sich über ihren Köpfen kräuselten und das Zimmer in eine dichte, finstere Wolke einhüllten. Von diesem Gemach aus drang der Laut ihrer Stimmen in einer Winternacht bis an das Ufer des Stroms, wenn sie einen vollen Chor anstimmten oder den Schlußreim eines Volksliedes brüllten, auf den letzten wenigen Worten mit einem starken, lang gehaltenen Nachdruck verweilend, welcher die Decke über ihnen erbeben machte.

Hier erzählten sie sich auch alte Legenden von dem, was die Themse in früheren Zeiten gewesen, als die Patentschrotfabrik noch nicht erbaut war und noch Niemand an die Waterloobrücke dachte; und dann schüttelten sie zur großen Erbauung des nachwachsenden Kohlenträgergeschlechts, das um sie versammelt war, mit bedeutsamen Blicken die Köpfe und waren begierig, was das Alles noch für ein Ende nehmen würde; worauf der Schneider seine Pfeife feierlich aus dem Mund nahm und sagte: er hoffe, es möchte ein gutes Ende nehmen, obgleich es sehr zweifelhaft wäre, ob dieß der Fall sein würde oder nicht; und er könne nicht mit Bestimmtheit angeben, was er davon denken solle – eine geheimnißvolle Meinungsäußerung, und dazu mit einer halb prophetischen Miene vorgebracht, welche nicht ermangelte, der versammelten Gesellschaft ihre vollste Beistimmung zu entlocken. Und so tranken sie denn und waren begierig, bis die zehnte Stunde herbeikam und mit ihr des Schneiders Ehefrau, um ihren Gemahl heim zu holen, worauf denn die kleine Gesellschaft aufbrach, um am folgenden Abend zur nämlichen Stunde in der nämlichen Stube wieder zusammen zu kommen und wieder ganz das Nämliche zu sprechen und zu thun.

Um diese Zeit begannen die Barken, welche den Fluß heraufkamen, unbestimmte Gerüchte nach Scotland-Yard zu bringen, es habe Jemand in der Stadt davon reden hören, daß der Lordmayor einige Worte habe fallen lassen, als wolle er die alte Londoner Brücke abbrechen und eine neue aufrichten. Anfangs achtete man wenig auf diese Gerüchte; man hielt sie für müßige Mährchen, die aller Begründung ermangelten, denn in Scotland-Yard zweifelte Niemand daran, der Lordmayor würde, wenn er solche schwarze Pläne hegte, unfehlbar acht bis vierzehn Tage lang in den Tower gesetzt und dann wegen Hochverrats hingerichtet werden.

Nach und nach jedoch wurden die Berichte bestimmter und häufiger, und endlich brachte eine Barke, die mit unzähligen ChaldronsF1 der besten WallsendkohlenA5 beladen war, die positive Nachricht, daß mehrere Bogen der alten Brücke bereits gesperrt wären und die Vorbereitungen zu einer neuen ihren Fortgang nähmen. Welch' eine Aufregung zeigte sich an diesem denkwürdigen Abend in der alten Schenkstube! Jeder sah seinem Nachbar in das schreckensbleiche Gesicht und las darin den Abdruck der Gefühle, die seine eigene Brust schwellten. Der älteste anwesende Kohlenträger suchte darzuthun, daß im Augenblicke, wo man die Pfeiler abtrüge, alles Wasser der Themse rein verschwinden würde, um das Bette trocken liegen zu lassen. Was sollte aus den Kohlenbarken, aus dem Handel von Scotland-Yard, aus der ganzen Existenz seiner Bevölkerung werden? Der Schneider schüttelte den Kopf mit einer weiseren Miene, als gewöhnlich, und sagte, finster auf ein vor ihm liegendes Messer deutend, sie mögen nur der Dinge warten, die da kommen sollen; er sage nichts – gar nichts; aber wenn der Lordmayor als ein Opfer der Volkswuth fallen sollte, so würde es ihn nicht sehr Wunder nehmen, und damit Punktum.

Sie warteten; Barke um Barke kam an und immer noch keine Nachricht von der Ermordung des Lordmayors. Der Grundstein war gelegt; es war durch einen Herzog – des Königs Bruder geschehen. Jahre gingen vorüber, und die Brücke ward von dem Könige selbst eingeweiht. Im Laufe der Zeit wurden die Pfeiler abgetragen; und als die Bewohner von Scotland-Yard am folgenden Morgen in der zuversichtlichen Erwartung hinauf gingen, trockenen Fußes nach Pedlar's Acre hinüber zu kommen, fanden sie zu ihrem unbeschreiblichen Erstaunen, daß das Wasser immer noch an derselben Stelle war, an der es von jeher gewesen.

Ein Resultat, das von demjenigen, welches sie von dieser ersten Verbesserung unfehlbar erwartet hatten, so unendlich weit abwich, übte seine volle Wirkung auf die Einwohner von Scotland-Yard. Einer von den Speisewirthen begann der öffentlichen Meinung zu huldigen und sich in der neuen Klasse der Bevölkerung nach Kunden umzusehen. Er legte weiße Tischtücher auf seine kleinen Speisetafeln und gewann einen Malerlehrling, der ihm etwas »von warmen Fleischspeisen zwischen zwölf und zwei Uhr« auf eine der kleinen Scheiben seines Ladenfensters malen mußte. Die Verbesserung schritt rasch bis an die Schwelle von Scotland-Yard vor. Ein neuer Markt erhob sich zu Hungerford und die Polizeicommissäre errichteten ihr Bureau auf dem Whitehall-Place. Der Handel in Scotland-Yard nahm zu; die Zahl der Abgeordneten in das Haus der Gemeinen wurde vermehrt, die Repräsentanten der Hauptstadt fanden, daß der Weg über Scotland-Yard näher sei, und eine Menge Fußgänger folgten ihrem Beispiele.

Wir bemerkten die Fortschritte der Civilisation und betrachteten sie mit einem Seufzer. Der Speisewirth, welcher der Neuerung mit den Tischtüchern einen so mannhaften Widerstand entgegengesetzt hatte, verlor jeden Tag mehr Boden, während sein Gegner ihn eroberte, und eine tödtliche Fehde entbrannte zwischen Beiden. Der Vornehmere nahm seinen Abendtrunk nicht mehr in Scotland-Yard, sondern wässerte seinen Wachholder in einem »Gastzimmer« der Parlamentsstraße. Der Obstpastetenbäcker besuchte immer noch die alte Stube, aber er rauchte jetzt Cigarren, nannte sich Tortenkoch und las die Zeitung. Die alten Kohlenträger versammelten sich noch um die alte Feuerstätte, aber ihr Gespräch war düster, und der laute Gesang und das fröhliche Geschrei ließ sich nicht mehr hören.

Und was ist Scotland-Yard jetzt? Wie haben sich seine alten Gewohnheiten verändert; und wie ist die alte Einfalt seiner Bewohner hinweggestorben! Das alte, baufällig gewordene Wirthshaus ist in ein geräumiges und hohes »Weingewölbe« verwandelt; bei den Buchstaben, welche die Außenseite verzieren, ist goldenes Laub verwendet und die Dichtkunst in Requisition gesetzt worden, um die Gäste darauf aufmerksam zu machen, daß sie sich nach dem Genusse einer gewissen Art von Ale fest am Geländer halten müßten. Der Schneider hat an seinem Fenster ein Exemplar von einem ausländisch aussehenden, braunen Ueberrock mit seidenen Knöpfen, einem Pelzkragen und ditto Aufschlägen ausgehängt. Er trägt Streifen auf beiden Seiten seiner Beinkleider, und wir sahen seine Gehülfen (denn er hat jetzt Gehülfen) in derselben Uniform auf dem Schneiderstisch sitzen.

Am andern Ende der kleinen Häuserreihe hat sich ein Stiefelmacher in einem backsteinernen Häuschen, das seit neuerer Zeit mit einem ersten Stocke versehen ist, etablirt, und hier stellt er Stiefel – leibhafte Wellingtonstiefel – einen Artikel, von dem noch vor wenigen Jahren Keiner von den Ureinwohnern je etwas gesehen noch gehört hatte, zum Verkauf aus. In den jüngsten Tagen hat auch ein Damenkleidermacher eine kleine Bude mitten in der Häuserreihe aufgeschlagen, und als wir schon der Meinung waren, der Geist der Neuerung könne keine höhere Veränderung mehr hervorbringen, erschien gar noch ein Juwelier, der, nicht zufrieden, eine Unzahl vergoldeter Ringe und messingener Armspangen auszustellen, eine Karte aufsteckte, die noch an seinem Fenster zu sehen ist, des Inhalts: »hier werden den Damen die Ohrenringlöcher gestochen.« Der Damenkleidermacher hat eine junge Dame in seinen Diensten, welche eine Schürze mit Taschen trägt; und der Schneider benachrichtigt das Publikum, daß sich die Herren hier Kleider machen lassen können, wenn sie das Tuch dazu geben.

Mitten unter diesen wechselvollen, rastlosen Neuerungen steht nur noch ein alter Mann, der den Verfall des alten Platzes zu betrauern scheint. Er unterhält sich mit keiner Seele, sondern beobachtet auf einer hölzernen Bank in der Ecke der Mauer, welche mit dem Querweg von Whitehall-Place parallel läuft, stillschweigend die Sprünge seiner glatten, wohlgefütterten Hunde. Es ist der Genius loci von Scotland-Yard. Jahre und Jahre sind über seinem Haupte dahingerollt; aber bei gutem oder schlechtem, warmem oder kaltem, nassem oder trockenem Wetter, bei Hagel, Regen oder Schnee sitzt er immer an seinem gewohnten Platze. Elend und Mangel liegen auf seinem Gesichte; seine Gestalt ist vom Alter gebeugt, sein Haar von langer Trübsal grau, aber dort sitzt er Tag für Tag, brütend über der Vergangenheit; und hin wird er seine wankenden Glieder schleppen, bis sich seine Augen über Scotland-Yard und über der ganzen Welt geschlossen haben werden.

Noch einige Jahre, und der Alterthumsforscher einer anderen Generation mag bei Durchlesung einer modernden Chronik der Streitigkeiten und Leidenschaften, welche die Welt in diesen Zeiten bewegt haben, auch einen Seitenblick auf die Blätter werfen, die wir so eben ausgefüllt: denn bei all' seiner Kenntniß der Geschichte der Vergangenheit helfen ihm seine Stubengelehrtheit oder Belesenheit, alle trockene Studien eines langen Lebens oder die staubbedeckten Bände, die ihn ein Vermögen gekostet haben, nicht zu demjenigen Wissen, das man hier von Scotland-Yard oder irgend einem von den Gränzpunkten, die wir bei der Schilderung desselben angeführt haben, zu erwerben Gelegenheit hat.

1 Ein Kohlenmaaß von 36 Scheffeln.

1 Ziemer: Rückenbraten

2 Wallsendkohlen: Wallsend: eine Stadt in Nordengland

Fünftes Kapitel
Seven Dials.F2

Wir sind immer der Meinung gewesen, wenn Tom King und der Franzose Seven Dials nicht unsterblich gemacht hätte, so würde sich Seven Dials selbst unsterblich gemacht haben. Seven Dials! Die Gegend des Gesangs und der Dichtkunst – Erstlingsfrüchte und Schwanenlieder: geheiligt durch die Namen Catnac und Pitts – Namen, welche unmittelbar mit Obsthändlern und Drehorgeln zusammenhängen, wenn die Pfenningmagazine die Pfenningliederbögen verdrängt haben werden und die Todesstrafe nicht mehr sein wird!

Werft einen Blick auf die Gestaltung des Platzes. Der gordische Knoten war gewiß einzig in seiner Art: deßgleichen war es das Labyrinth von Hampton-Court: deßgleichen ist es das Labyrinth von Beulah-Spa: deßgleichen waren es die Zipfel der steifen weißen Halsbinden, bei denen die Schwierigkeit, sie zu knüpfen, nur mit der offenbaren Unmöglichkeit, sie wieder aufzulösen, verglichen werden konnte. Aber welche Verwicklungen können denen von Seven Dials an die Seite gesetzt werden? Wo gibt es noch ein solches Labyrinth von Straßen, Höfen, Gassen und Winkeln? Wo noch eine solche reine Mischung von Engländern und Irländern, als in diesem verwickelten Theile von London? Wir behaupten es frei, daß wir die Wahrhaftigkeit der Legende bezweifeln, auf die wir die Aufmerksamkeit gelenkt haben: wir können uns einen Mann denken, der vorschnell genug ist, in einem Hause mit Miethsleuten auf's Gerathewohl nach einem Herrn Thompson zu fragen, während er an Alles denkt, nur nicht an die Gewißheit, in einem Hause von mäßigem Umfang wenigstens zwei oder drei Thompson's zu finden; aber einen Franzosen – einen Franzosen in Seven Dials! Pah! Es war ein Irländer. Tom King's Erziehung war in seiner Kindheit vernachlässigt worden, und da er nicht die Hälfte von dem verstand, was der Mann sagte, so hielt er es für ausgemacht, der Mann spreche französisch.

Der Fremde, welcher sich zum erstenmale in Seven Dials befindet und gleich Belzoni am Eingange von sieben dunkeln Durchgängen steht, ohne zu wissen, welchen er zu wählen habe, sieht genug vor sich, um seine Neugierde und Aufmerksamkeit auf geraume Zeit wach zu halten. Aus dem unregelmäßigen Viereck, in das er getreten ist, laufen die Straßen und Höfe strahlenförmig nach allen Richtungen, bis sie sich in dem ungesunden Dunste verlieren, der auf den Häusern liegt und die dunkle Perspective mit schwankenden Umrissen begränzt; und in jeder Ecke stehen Individuen, deren Persönlichkeit und Wohnung jeden Menschen, außer einen eingefleischten Londoner, mit Entsetzen erfüllen würde, gruppenweise versammelt, als wären sie hieher gekommen, um einige Züge jener frischen Luft zu erschnappen, die ihren Weg so weit hin gefunden hat, aber bereits zu erschöpft ist, um sich noch in die schmalen Nebengäßchen hineinzuzwängen. Auf der einen Seite hat sich eine kleine Truppe um ein paar Damen versammelt, welche im Lauf des Morgens verschiedene »Budel« Wachholder und Bittern in sich gesogen, endlich lange über einen gewissen Punkt der Hausordnung uneins geworden und eben im Begriff sind, den Streit durch Berufung auf's Faustrecht satisfactorisch beizulegen, wobei sich andere Damen, die in demselben Hause und in anstoßenden Gemächern wohnen, sehr interessiren, indem sie sämmtlich die eine oder die andere Seite begünstigen.

»Warum steckst du ihr nicht eine, Sara?« ruft eine halbgekleidete Matrone aufmunternd. »Wenn mein Mann sie in der letzten Nacht mit einer Kanne bewirthet hätte, ohne mein Wissen, ich würde ihr die sauberen paar Augen aus dem Kopfe reißen – der Hexe!«

»Was ist los, Madame?« frägt ein anderes altes Weib, welches so eben auf den Kampfplatz gestürmt ist.

»Was los ist?« erwiederte die erste Sprecherin, ohne sich von der Kämpferin, welche der Stein des Anstoßes gewesen, abzuwenden. »Hier ist die arme, liebe Frau Sulliwin, welche fünf lebendige Kinder hat und daher eines Nachmittags nicht in's Taglohn kann; aber was für Vetteln müssen das sein, die hergehen und ihr ihren Mann abspannen, nachdem sie zwölf Jahre verheirathet ist – nächsten Ostermontag jährt sich's, ich sah das Certificat erst letzten Dienstag, als ich eine Schale Thee mit ihr trank. Ich sage so unter Anderem, ›Frau Sulliwin‹ sage ich – –«

»Was wollen Sie mit den Vetteln?« unterbricht sie eine Schildträgerin der andern Partie, welche eine starke Neigung an den Tag gelegt hat, auf eigene Rechnung einen Nebenkampf zu eröffnen.

»Holla,« ruft ein Laufbube episodisch, »schlag' ihr den Schlüssel in den Kopf, Marie!«

»Was wollen Sie mit den ›Vetteln‹?« wiederholte die Schildträgerin.

»Nichts,« erwiederte die Gegnerin mit Nachdruck. »Nichts; gehen Sie heim, und wenn Sie wieder nüchtern sind, so stopfen Sie Ihre Strümpfe.«

Diese gewissermaßen persönliche Anspielung, nicht nur auf die Neigung der Dame zur Unmäßigkeit, sondern auch auf ihre Garderobe, reizt ihren Zorn im höchsten Grade, und sie macht sich nach dem drängenden Aufruf der Umstehenden »los!« durch große Tätigkeit Luft. Das Handgemenge wird allgemein und schließt, um die Phraseologie der Comödienzettel in Anwendung zu bringen, mit »Auftreten der Polizei; das Innere des Amthauses und interessante Entwickelung.«

Außer den zahlreichen Gruppen, welche um die Schnappsbuden herumstehen und sich mitten auf der Straße streiten, hat jeder Pfosten auf dem offenen Raume seinen Eckensteher, welcher sich stundenlang regungslos daran lehnt. Es ist seltsam genug, daß eine gewisse Klasse von Menschen in London keinen andern Genuß zu haben scheint, als sich an einen Pfosten zu lehnen. Wir sahen noch nie einen gewöhnlichen Maurergesellen eine andere Erholung genießen, wir müßten denn das Balgen ausnehmen. Geht man an einem Wochentagabend durch St. Giles's, so stehen sie da in ihren mit Ziegelmehl und Tünche besprenkelten Barchentkleidern und lehnen sich an einen Pfosten. Geht man an einem Sonntagmorgen durch Seven Dials, so stehen sie da, in ihren Hosen von grobem Tuch oder leichtem Corduroy, ihren Blücherstiefeln, blauen Röcken und großen gelben Westen, und lehnen sich an einen Pfosten. Es ist etwas Seltsames, sich einen Mann in seinen besten Kleidern Tag für Tag an einen Pfosten gelehnt denken zu müssen.

Der eigenthümliche Charakter dieser Straßen und die auffallende Aehnlichkeit, welche die eine mit der andern hat, ist keineswegs dazu geeignet, das Erstaunen zu vermindern, in welches der Neuling gesetzt wird, der Seven Dials durchwandert. Er kommt durch schmutzige Straßen, an regellos zerstreuten Häusern und dann und wann an einem unerwarteten Hofe vorüber, der aus Gebäuden besteht, die eben so sehr allen Verhältnissen und Schönheitsregeln spotten, wie die halbnackten Kinder, die sich in den Gossen wälzen. Hie und da trifft er einen finstern Kramladen mit einer zerbrochenen Schelle hinter der Thüre, um den Eintritt eines Kunden anzukündigen oder die Anwesenheit eines jungen Gentleman zu verrathen, in welchem sich schon von Kindheit an eine Vorliebe für Ladenkassen entwickelt hat; dann wieder andere Häuschen, die sich, um nicht umzufallen, an ein schönes, hohes Gebäude lehnen, welches die Stelle eines niederen, rauchfarbenen Wirthshauses usurpirt; lange Reihen von zerbrochenen und geflickten Fenstern, hinter welchen Pflanzen, die zur Zeit der Erbauung von Seven Dials geblüht haben mögen, in Töpfen paradiren, die eben so schmutzig sind, als Seven Dials selbst; und Läden, in denen Lumpen, Knochen, alt Eisen und Kochhäfen verkauft werden, und die an Reinlichkeit mit den Vögel- und Kaninchenbuden wetteifern, die man für eben so viele Käfige halten könnte, wobei sich jedoch der Gedanke von selbst aufdrängen müßte, daß kein Vogel, dem es gestattet würde, sie zu verlassen, je wieder freiwillig zurückkehren würde. Trödlerbuden, welche aus der wohlwollenden Absicht errichtet worden zu sein scheinen, verlassenen Wanzen eine Zufluchtsstätte zu gewähren, untermengt mit Ankündigungen von Tagsschulen, Pfenningtheatern, Petitionschreibern, Mangen und Tanzmusiken, vollenden das »Stillleben« des Ortes; und schmutzige Krämer, schlumpige Weiber, schmierige Kinder, fliegende Federbälle, knarrende Thürklopfer, rauchende Pfeifen, faules Obst, stinkende Austern, scelettartige Katzen, ausgehungerte Hunde und abgemagertes Geflügel bilden die heiteren Nebenpartien des Gemäldes.

Wenn das Aeußere der Häuser oder ein Blick auf ihre Bewohner nur wenig Anziehendes darbietet, so ist eine nähere Bekanntschaft mit diesen oder jenen nicht sehr darauf berechnet, den ersten Eindruck zu schwächen. Jedes Zimmer hat einen besonderen Miethsmann, und jeder Miethsmann ist durch dieselbe geheimnißvolle Fügung, welche einem Landgeistlichen den Spruch »seid fruchtbar und mehret euch« so angelegentlich an's Herz legt, gewöhnlich das Haupt einer zahlreichen Familie.

Der Mann im Laden ist vielleicht für Kost und Brennmaterial zu achtzehn Pencen täglich oder darüber abonnirt und wohnt nebst seiner Familie im Laden und im kleinen Hinterstübchen derselben. Dann ist hier ein irischer Taglöhner mit seiner Familie in der Hinterküche, und ein Hausirer, Kleiderausklopfer u. s. w., mit seiner Familie in der Vorderküche. Im Vorderzimmer des ersten Stocks wohnt ein weiterer Mann mit Frau und Familie, und im Hinterstübchen des ersten Stocks »ein junges Frauenzimmer, welches im Sticken und Kleidermachen Unterricht ertheilt«; sie spricht sehr viel von ihrem Freund und kann »durchaus keine Gemeinheit leiden«. Der zweite Stock und der übrige Theil der Miethsleute ist nur eine zweite Auflage des Erdgeschoßes, mit Ausnahme eines schäbig-gentilen Mannes im Hinterstübchen, der alle Tage ein halbes Nösel Kaffee aus dem anstoßenden Kaffeeladen holen läßt, wo man eine kleine Vorderhöhle mit dem prahlenden Namen Kaffeezimmer belegt, in welchen ob der Feuerstätte eine Inschrift zu lesen ist, die höflich bittet, »man möchte sogleich bezahlen, um allen Irrungen vorzubeugen.« Der schäbig-gentile Mann ist ein Gegenstand des Geheimnisses; aber da er in Abgeschiedenheit lebt, und man ihn außer seinem halben Nösel Kaffee, Pennylaiben und halben Schoppen Tinte nie etwas Anderes kaufen sah, als gelegentlich eine Feder, so ziehen seine Zimmernachbarn den Schluß daraus, es müsse ein Schriftsteller sein, und in den Dials sind Gerüchte im Umlauf, er schreibe Gedichte für Herrn Warren.

Wer an einem warmen Sommerabend durch die Dials wanderte und die verschiedenen im Hause wohnenden Weiber auf den Treppen miteinander plaudern sah, mußte beinahe auf den Gedanken kommen, sie lebten alle in der besten Eintracht, und ein partriarchalischeres Völkchen lasse sich gar nicht denken, als die Eingeborenen von Seven Dials. Aber ach! der Mann im Laden mißhandelt seine Familie; der Kleiderausklopfer dehnt seine gewerbliche Thätigkeit auch über sein Weib aus, das vordere Beletagezimmer hat eine tödtliche Fehde mit dem Vorderzimmer des zweiten Stocks, weil das Vorderzimmer des zweiten Stocks beharrlich über seinem (des Beletagezimmers) Kopfe tanzt, wenn sich die Bewohner desselben zur Ruhe gelegt haben. Das Hinterzimmer des zweiten Stocks kann die Kinder in der vorderen Küche nicht leiden. Der Irländer kommt alle andere Tage betrunken nach Haus und bindet mit Jedermann an; und die Bewohnerin des Beletagezimmers fängt bei jeder Kleinigkeit ein Geschrei an. Feindseligkeiten entspinnen sich zwischen Stockwerk und Stockwerk; sogar der Keller mischt sich darein. Frau A. bläut das Kind der Frau B., weil es »Gesichter schneidet.« Frau B. schüttet sofort Wasser über das Kind der Frau A., weil es »Schimpfnamen austheilt.« Die Männer kommen mit in's Spiel – der Streit wird allgemein – eine Schlägerei ist die Folge und ein Polizeidiener das Resultat.

1 Die sieben Sonnenuhren. Ein Platz, in dessen Mittelpunkt eine Säule mit sieben Sonnenuhren steht, deren jede nach einer der hier sich concentrirenden Straßen gerichtet ist.

Sechstes Kapitel
Gedanken in der Monmouthstraße

Wir haben von jeher eine besondere Anhänglichkeit an die Monmouthstraße, als dem einzig reellen Emporium für alte Kleider gehabt. Die Monmouthstraße ist ehrwürdig wegen ihres Alterthums und achtungswürdig wegen ihrer Gemeinnützigkeit. Die Holywellstraße ist verächtlich; wir verabscheuen die rothköpfigen und rothbärtigen Juden, welche die Vorübergehenden mit Gewalt in ihre schmutzigen Häuser hineinzerren und ihm einen Anzug aufdringen, mag er ihn nun wollen oder nicht.

Die Bewohner der Monmouthstraße bilden ein eigenes Völkchen; es sind friedliche, zurückgezogene Leute, welche sich die meiste Zeit über in tiefe Keller oder kleine Hinterstübchen einmauern und nur selten an's Licht der Welt treten, außer in der Dämmerung und Kühle des Abends, wo sie in Lehnstühlen vor ihren Häusern sitzen, ihre Pfeife rauchen oder die Luftsprünge ihrer jubelnden Kinder überwachen, welche sich in den Gossen balgen, eine glückliche Truppe junger Straßenfeger. Auf ihrem Gesichte drückt sich Nachdenken und Achtlosigkeit auf ihr Aeußeres aus, sichere Zeichen ihrer Liebe zum Handel; und ihre Wohnungen unterscheiden sich durch Vernachlässigung des äußeren Gepränges und der persönlichen Bequemlichkeit, eine Gewohnheit, die bei Leuten so häufig vorkommt, welche beständig über tiefen Speculationen brüten und mit Geschäften überhäuft sind, welche nicht viel Bewegung erfordern.

Wir haben auf das Alterthum unserer Lieblingsstraße hingedeutet. »Ein Tressenrock aus der Monmouthstraße« sagte man schon vor einem Jahrhundert; und immer noch ist die Monmouthstraße dieselbe. Lotsenüberröcke mit hölzernen Knöpfen haben die Stelle der gewichtigen Tressenröcke mit voller Einfassung eingenommen; gestickte Westen mit großen Knöpfen sind den doppelten Brusttüchern mit Rollkrägen gewichen; und Dreispitze von seltsamem Aussehen haben den niederen, breitkrempigen Kutscherhüten Platz gemacht; aber es ist die Zeit, welche diese Veränderung hervorgebracht hat, nicht die Monmouthstraße. Bei jeder Umwandlung, bei jedem Wechsel ist die Monmouthstraße stets die Begräbnißstätte der Moden gewesen, und dem ganzen gegenwärtigen Anscheine nach wird sie es bleiben, bis es keine Moden mehr zu begraben gibt.

Wir wandeln gerne zwischen diesen weiten Gräbern der erlauchten Todten und geben uns den Gedanken hin, die sie in unserem Geiste erwecken. Wir messen bald einen hingeschiedenen Rock, bald ein todtes Paar Hosen, bald die irdischen Ueberreste einer Staatsweste einem Wesen an, das wir selbst heraufbeschwören, und suchen aus der Gestalt und Façon des Gewandes auf seinen früheren Eigenthümer zu schließen und denselben unserem inneren Auge vorzuführen. In solche Gedanken vertieften wir uns so lange, bis ganze Reihen Röcke von ihren Nägeln herabsprangen und sich aus eigenem Antrieb um den Leib eingebildeter Träger schloßen; Linien von Hosen hüpften herunter, um sich ihnen anzureihen; Westen zerprangen beinahe vor Begierde, sich umzuhängen, und ein halber Morgen Schuhe fand plötzlich Füße, denen sie sich anpaßten, und humpelten mit ihrem Gepolter die Straße hinab, das uns beinahe aus unserer süßen Träumerei geweckt und mit einem wilden Starrblicke langsam fortgedrängt hätte, worüber das gute Völkchen in der Monmouthstraße höchlich erstaunt und der Polizeidiener an der gegenüber liegenden Straßenecke nicht wenig argwöhnisch geworden wäre.

Mit solchen Gedanken beschäftigten wir uns eines Tages, für ein Paar umgestülpte Halbstiefel aus der Vorrathskammer unserer Einbildungskraft eine Person hervorholend, der sie, redlich gestanden, um die Hälfte zu klein waren, als uns einige vor einem Ladenfenster ausgehängte Anzüge in die Augen fielen. Es war uns auf der Stelle klar, daß sie alle einem und demselben Individuum angehört, in verschiedenen Lebensperioden von ihm getragen worden und nun durch eine jener seltsamen Verknüpfungen der Umstände, die uns so oft vorkommen, in einem und demselben Laden miteinander zum Verkauf ausgestellt waren. Die Idee schien uns phantastischer Natur zu sein, und wir betrachteten die Kleider wieder mit dem festen Entschlusse, uns nicht so leicht hinreißen zu lassen. Aber nein; wir hatten Recht. Je länger wir sie betrachteten, desto mehr wurden wir von der Wahrheit unserer ersten Vermuthung überzeugt. Des Mannes ganzes Leben war so leserlich auf diesen Kleidern geschrieben, als hätten wir seine Selbstbiographie auf Pergament gedruckt vor uns.

Das erste war ein geflickter und stark beschmutzter Skeletanzug; eines von jenen engen, blauen Tuchgehäusen, in welche die Jungen gesperrt zu werden pflegten, ehe Gürtel und Kinderröcke auf- und alte Gebräuche abkamen – eine sinnreiche Erfindung, die volle Symmetrie einer Knabengestalt hervorzuheben, indem man ihn in eine enganschließende, auf beiden Seiten der Brust mit einer Reihe Knöpfe dekorirte Jacke steckt, über welcher die Hosen zugeknöpft werden, daß es den Anschein gewinnt, die Beine seien gerade unter den Achselhöhlen eingefügt. Dieß war der Anzug des Knaben: – er hat nämlich einem Knaben aus der Stadt gehört, das konnten wir sehen; die Beinkleider und die Aermel hatten eine Kürze und die Kniee eine Fülle, welche der aufwachsenden Jugend der Londoner Straßen eigenthümlich ist. Es war offenbar ein kleiner Privatschüler. Hätte er eine öffentliche Knabenschule besucht, so würde man nicht geduldet haben, daß er so viel auf der Hausflur spielte und seine Kniee so abrutschte. Auch hatte er eine nachsichtige Mutter und keinen Mangel an Halbpencestücken, wie die vielen, von einer klebrigen Substanz herrührenden Schmutzflecken im Umkreis der Taschen und unter dem Kinn, die sogar die Geschicklichkeit des Verkäufers nicht herauszubringen vermochte, zur Genüge bewiesen. Seine Eltern waren wohlhabend, aber nicht mit Reichthum überladen, sonst hätten sie ihn den Anzug nicht so lange tragen lassen, bis er in jene Corduroys mit der runden Jacke überging, worin er eine öffentliche Knabenschule besuchte, in der er schreiben lernte und zwar mit einer Tinte von nicht sehr übertriebener Schwärze, wenn man die Stelle, wo er seine Feder abzuwischen pflegte, für einen Beweis gelten lassen mag.

Ein schwarzer Anzug und die Jacke wichen einem Diminutivrock. Sein Vater ist gestorben, und die Mutter hat den Knaben als Laufburschen in eine Schreibstube gethan. Ein lange getragener Anzug; abgeschabt und fadenscheinig, bevor er abgelegt wurde, aber reinlich und fleckenlos bis an's Ende. Armes Weib! Wir können uns ihre verstellte Freude über das spärliche Mahl und die Verkleinerung ihrer eigenen Portion zu Gunsten des hungrigen Knaben vorstellen. Ihre beständige Sorge für seine Wohlfahrt, ihr Stolz auf sein Heranwachsen, zuweilen mit dem quälenden Gedanken vermischt, wenn er ein Mann sein würde, könnte seine alte Liebe erkalten, seine alte Zärtlichkeit abnehmen und seine alten Versprechungen vergessen werden – der stechende Schmerz, den ihr schon jetzt ein liebloses Wort oder ein kalter Blick verursachen würde – das Alles drang sich unserem Geiste so lebhaft auf, als hätten wir den ganzen Auftritt vor Augen.

Diese Dinge ereignen sich zu jeder Stunde und wir Alle wissen es; und doch fühlten wir so viel Kummer, als wir die Veränderung, die jetzt Platz zu greifen begann, sahen, oder zu sehen uns einbildeten – was auf Eins hinausläuft – als hätten wir eben erst die bloße Möglichkeit begriffen, daß so etwas zum ersten Male vorkommen könnte. Der folgende Anzug – schmuck, aber nachlässig, anscheinend flott, aber nicht halb so anständig, als sein fadenscheiniger Vorgänger, und traurig über das müßige Herumlungern und die schlechte Gesellschaft – erzählte uns, wie wir uns vorstellten, daß die Hoffnungen der Wittwe eilends von dannen flohen. Wir konnten uns vorstellen – doch was sage ich vorstellen? Wir konnten es sehen; wir haben es hundertmal gesehen – wie dieser Rock in Gesellschaft von drei oder vier anderen Röcken von demselben Schnitt irgend einen Tempel der nächtlichen Sünde besucht.

Aus demselben Laden statteten wir im Augenblicke noch ein Halbdutzend Jungen von fünfzehn bis zwanzig Jahren aus, und beobachteten sie, wie sie, die Cigarre im Mund und die Hände in den Taschen, die Straße hinabschlenderten und in einer Ecke herumlungerten, und sich mit schamlosen Scherzen und wiederholten Flüchen unterhielten. Erst als sie, ihre Hüte auf die Seite gedrückt, in das Wirthshaus gepoltert waren, verloren wir sie aus dem Gesicht und traten dann in ihr verlassenes Vaterhaus, wo die Mutter noch spät in der Nacht in der Einsamkeit trauerte; wir sahen, wie sie in fiebrischer Angst das Zimmer auf und ab lief, alle Augenblicke die Thüre öffnete, sehnsüchtig auf die finstere und menschenleere Straße hinaussah und wieder zurückkehrte, um wieder und wieder getäuscht zu werden. Wir sahen den Blick der Geduld, womit sie die fühllose Drohung, ja den Schlag des Betrunkenen ertrug, und wir hörten das angsterpreßte Schluchzen unter den Thränen, die aus der Tiefe ihrer Brust empordrangen, als sie in ihrem verlassenen und elenden Gemach auf die Kniee sank.

Ein langer Zeitraum ist verflossen und eine größere Veränderung hat Statt gefunden, als er den Anzug ablegte, der dort oben hing. Es war der Anzug eines starken breitschulterigen Mannes; und wir sahen im Nu, wie jeder bei dem ersten Blick auf den breitschößigen grünen Frack mit den großen Metallknöpfen erkennen mußte, daß sein Träger selten ohne einen Hund hinter sich und einen müßigen Raufbold, das wahre Ebenbild von ihm selbst an der Seite ausging. Die Laster des Knaben sind mit dem Manne groß geworden und wir stellten uns seine dermalige Wohnung vor – wenn ein solcher Ort diesen Namen verdient.

Wir sahen das nackte, erbärmliche Zimmer, von allem Geräthe entblößt, mit seiner Familie angefüllt, Weib und Kind bleich, hungrig und abgemagert; der Mann, ihre Wehklagen verfluchend, nach der Bierstube taumelnd, von der er eben zurückgekehrt ist, gefolgt von seinem Weib und einem siechen Kinde, das nach Brod schreit; und hörten den Zank auf der Straße und die überlauten Vorwürfe, die sein fühlloses Benehmen hervorruft. Und dann führte uns die Einbildungskraft nach einem Arbeitshaus in der Hauptstadt, mitten in einem Labyrinthe von Straßen und Gassen, die mit schädlichen Dünsten angefüllt sind. Lärmendes Geschrei dringt zu unseren Ohren, während ein altes, schwaches Weib, um Gnade für ihren Sohn flehend, in einem engen, finsteren Gemache mit dem Tode ringt, ohne ein Kind, ihre Hand zu drücken und ohne ein frisches Lüftchen, ihre Stirne zu kühlen. Ein Fremder drückte die Augen zu, welche in einem kalten, gläsernen Blick erstarben, und fremde Ohren empfingen die Worte, die über die weißen, halbgeschlossenen Lippen zitterten.

Eine grobe und abgeschnittene Jacke, mit einem abgetragenen baumwollenen Halstuch und andern Kleidungsstücken der gemeinsten Art vollendeten die Geschichte. Ein Gefängniß und das Urtheil – Verbannung oder der Galgen. Was würde jetzt der Mann gegeben haben, um die zufriedenen, bescheidenen Kinderjahre noch einmal zurückzurufen, nur noch eine Woche, einen Tag, eine Stunde, eine Minute, nur noch so viel Zeit übrig zu haben, als erforderlich wäre, der kalten, bleichen Gestalt, die auf dem Armenkirchhofe modert, ein Wort seiner tiefen Reue zu sagen und einen Laut der Vergebung von ihr zu vernehmen! Die Kinder wild auf der Straße, die Mutter eine verlassene Wittwe; beide gebrandmarkt mit der Schande des Gatten und Vaters, und von der nackten Noth an den Rand des Abgrundes gedrängt, der ihn einem langsamen, vielleicht noch Jahre lang zögernden Tode, manches tausend Meilen von hier, entgegenführt. Wir haben die Geschichte nicht bis zum Ende verfolgt, aber ihr Schluß ist leicht zu errathen.

Wir gingen einen oder zwei Schritte weiter, versetzten uns wieder in unsere natürliche, heitere Stimmung und begannen eingebildete Füße in ein ganzes Magazin voll Stiefeln und Schuhen mit einer Eile und Genauigkeit einzufügen, welche die erfahrensten Lederkünstler in Erstaunen gesetzt haben würden. Da war ein Paar Stiefel, welches unsere Aufmerksamkeit besonders auf sich zog – ein lustig, gutmüthig aussehendes Paar, das unsere wärmste Theilnahme erweckte; und ehe wir eine halbe Minute lang die Bekanntschaft derselben gemacht, hatten wir auch schon einen feinen jovialen Burschen von Marktgärtner mit einem rothen Gesichte für sie gefunden. Sie waren gerade für ihn da. Seine dicken, feisten Beine schwellen über der Oeffnung, und da diese etwas zu eng ist, um sie in die Röhre schlüpfen zu lassen, so ist letztere nicht straff angespannt, sondern faltig und läßt zwischen ihrem Ende und dem Knieband noch einen Streifen des Strumpfes gewahr werden; seine blaue Schürze ist rund und seine Weste aufgerollt; und da steht er nun in seiner rothen Halsbinde, seinem blauen Rock und einem weißen Hut, der seitwärts auf seinem Kopfe sitzt, und verzieht sein breites, rothes Gesicht, verpfeift aber alsbald seinen Verdruß, als wäre nie ein anderer Gedanke, als der Gedanke an Wohlbehagen und Lust in sein Gehirn gekommen.

Dieß war ein Mann nach unserem Herzen; wir kannten alle seine Verhältnisse; wir hatten ihn schon ein Halbdutzendmal in seiner grünen Chaise, mit dem fetten, runden Rößchen nach Convent-Garden kommen sehen; und sogar in diesem Augenblicke, wo wir einen zärtlichen Blick auf seine Stiefel werfen, springt plötzlich der Fuß einer zierlichen Dirne in ein Paar Dänemarksatlasschuhe, die daneben stehen, und wir erkennen sogleich dasselbe Mädchen, dem er letzten Dienstag Morgen, als wir von Richmond in die Stadt ritten, gerade an dieser Seite der Hammersmither Hängebrücke einen Sitz in seinem Chaischen anbot.

Ein schmuckes Frauenzimmer mit einer glänzendweißen Haube schlüpfte in ein Paar graue Tuchstiefelchen mit einer schwarzen Einfassung und Franzen von derselben Farbe, und streckte die Fußspitzen coquettirend auf der andern Seite der Stulpenstiefel aus, augenscheinlich in der Absicht, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen; aber wir bemerkten nicht, daß unser Freund, der Handelsgärtner, durch diese Schmeicheleien gefesselt worden wäre; denn außer einem Winke der Erkennung, wodurch er vielleicht darauf hindeuten wollte, daß er ihren Endzweck wohl einsehe, nahm er keine weitere Notiz davon. Seine Gleichgültigkeit wurde jedoch durch die ausgezeichnete Galanterie eines sehr alten Herrn mit einem silberbeschlagenen Stock reichlich ersetzt, welcher in ein Paar große Randschuhe trippelte, die auf dem Rande des Brettes stunden, und seine Bewunderung der Dame in den Tuchstiefelchen durch eine Menge ausdrucksvoller Geberden an den Tag legte, zum unermeßlichen Ergötzen eines jungen Burschen, den wir in ein Paar Tanzschuhe mit hohem Fersenleder steckten, und welcher mit seinem Gelächter den Rock zu zersprengen drohte, der herabsprang, um sich um seinen Leib zu schließen.

Wir hatten dieser Pantomime einige Zeit lang mit großem Vergnügen zugesehen, als wir zu unserem unaussprechlichen Erstaunen bemerkten, daß sich die ganze Gesellschaft mit Einschluß eines zahlreichen Balletcorps von Stiefeln und Schuhen im Hintergrund, in welche wir eiligst so viel Füße steckten, als wir zu unserem Dienste aufbringen konnten, zum Tanzen in Ordnung stellten, und im Augenblicke eine Musik ertönte, der sie sich unverzüglich fügten. Es war höchst ergötzlich, die Gliederfertigkeit des Handelsgärtners zu beobachten. Fort flogen die Stiefel zuerst auf der einen und dann auf der andern Seite, bald seitwärts, bald in's Gedränge, bald gegen die Dänemarksschuhe, dann vorwärts, dann rückwärts, dann ringsherum, und wenn alle diese Evolutionen ausgeführt waren, fing er die Reihe von vorn an, ohne daß er nur im Mindesten unter der Heftigkeit der Bewegung zu leiden schien.

Auch die Dänemarksschuhe blieben nicht zurück, denn sie hüpften und sprangen in allen Richtungen umher; und wenn sie gleich weder so regelmäßig, noch so taktfest tanzten, als die Tuchstiefelchen, so sah man es ihnen doch an, daß es von Herzen ging, und daß sie mehr Lust daran hatten, und darum, wir bekennen es frei, gefiel uns ihre Tanzweise besser.

Aber der amüsanteste Gegenstand in der ganzen Gesellschaft war der alte Herr in den Randschuhen; denn abgesehen von seinen grotesken Versuchen, jugendlich und verliebt zu erscheinen, welche an sich unterhaltend genug waren, wußte es der junge Bursche in den Tanzschuhen so künstlich anzustellen, daß er dem alten Herrn, so oft sich dieser der Dame in den Tuchstiefelchen näherte, mit dem ganzen Gewicht seines Körpers auf die Zehen trat, so daß dieser vor Schmerz laut aufschrie und die Uebrigen sich todt lachen wollten.

Wir waren im Vollgenusse dieser Feierlichkeiten, als wir eine gellende, keineswegs musikalische Stimme rufen hörten, »ich hoffe, Sie werden mich jetzt kennen, Sie unverschämter Gaffer!« Wir warfen forschende Blicke um uns, um zu sehen, woher der Laut kam, und bald fanden wir, daß er nicht, wie wir anfangs zu vermuthen geneigt gewesen, von der jungen Dame in den Tuchstiefelchen ausgegangen war, sondern von einer großen, ältlich aussehenden Dame herrührte, welche oben an der Kellertreppe auf einem Stuhle saß, offenbar um den Verkauf der dort aufgestellten Gegenstände zu überwachen.

Eine Trommel, welche hart hinter uns mit voller Kraft geschlagen worden war, verstummte; die Leute, welche die Schuhe und Stiefel angezogen hatten, ergriffen bei dieser Unterbrechung die Flucht; und da wir uns bewußt waren, in der Tiefe unseres Nachdenkens die alte Dame, ohne daran zu denken, vielleicht eine halbe Stunde lang unverschämt angestarrt zu haben, ergriffen wir ebenfalls die Flucht und befanden uns bald in der dichtesten Finsterniß der angrenzenden Dials.

Siebentes Kapitel
Miethkutschen-Stände.

Wir behaupten, daß die Miethkutschen – d. h. die eigentlichen Miethkutschen – eine ausschließlich der Hauptstadt angehörige Eigenthümlichkeit sind. Man wird uns zwar entgegenhalten, – daß es auch Miethkutschen-Stände in Edinburgh gäbe; ja, um den Widerspruch unserer Behauptung nicht einmal so weit aufzusuchen, so wird man uns in Erinnerung bringen, daß Liverpool, Manchester »und andere große Städte« – wie der parlamentarische Ausdruck laute – gleichfalls ihre Miethkutschen-Stände hätten. Wir geben gerne zu, daß diese Orte im Besitze gewisser Fuhrwerke sind, die fast eben so schmutzig aussehen und eben so langsam fahren, als die Londoner Miethkutschen; daß sie aber auch nur die geringsten Ansprüche hätten, sich mit denen der Metropolis, sei es im Punkte der Stände, oder der Kutscher, oder der Pferde, gleichzustellen, dieß müssen wir mit der gebührenden Verachtung zurückweisen.

Man nehme einmal eine regelmäßige, schwerfällige, gebrechliche Londoner Miethkutsche von dem ächten alten Schlage an, und irgend ein Mensch soll die Kühnheit haben, aufzutreten und zu behaupten, daß ihm je irgend ein Gegenstand auf der Welt vor Augen gekommen sei, der jener Maschine auch nur entfernt ähnlich wäre – eine andere Miethkutsche von demselben Stande ausgenommen. Wir haben zwar schon auf verschiedenen Ständen – und sagen es mit tiefem Schmerze – hellgrüne Wagen und gelblackirte Kutschen mit vier Rädern von derselben Farbe, wie die Kutsche, beobachtet, während es doch Jedermann, der diesen Gegenstand studirt hat, vollkommen bekannt ist, daß jedes Rad von verschiedener Farbe und verschiedener Größe sein muß. Dieß sind aber blos Neuerungen und, gleich anderen unberufenen Verbesserungen, gewichtige Zeichen von der Veränderlichkeit der öffentlichen Gesinnungen und der geringen Achtung vor unserem guten alten Herkommen. Warum sollten denn die Miethkutschen reinlich sein? – Unsere Vorfahren hatten sie so. Warum sollten wir mit unserem überspannten Streben nach »Fortschritten« verlangen, in einer Stunde sechs Meilen zu machen, während unsere Vorfahren sich mit vier begnügten? Dieß sind sehr bedenkliche Meinungen. Miethkutschen sind specielle Theile und Gegenstände unserer Landesgesetze – durch die Gesetzgebung begründet – und bezeichnet und nummerirt durch die Weisheit des Parlaments.

Wie sind endlich diese Institute durch Kabriolets und Omnibusse besudelt worden? Oder – warum soll dem Volk gar gestattet sein, eine ganze Meile für 18 Pence im Fluge zu fahren, nachdem einmal das Parlament feierlich entschieden hat, daß es einen Shilling für die Meile bezahlen soll, um langsam zu fahren? – Wir halten hier inne, um eine befriedigende Antwort auf diese Frage aufzufinden – und da es nicht gelingen will, so beginnen wir einen neuen Absatz.

Unsere Bekanntschaft mit den Miethkutschen schreibt sich schon von lange her. Wir sind ein wanderndes Buch, das immer auf der Fahrt begriffen ist, und fühlen uns gleichsam halb in die Miethkutschen gefesselt, um stets hierüber auf dem rechten Standpunkte zu bleiben. Wir kennen alle regelmäßigen Miethkutscher innerhalb dreier Meilen um Covent-Garden von Person, und möchten fast zu dem Glauben versucht werden, daß selbst alle Miethkutschenpferde in diesem Distrikte uns vom Ansehen kennen würden, wenn nicht die Hälfte blind wäre. Wir fühlen eine außerordentliche Theilnahme für die Miethkutschen; aber wir kutschiren selten selbst, da wir einige Geschicklichkeit besitzen, uns umzuwerfen, wenn wir es uns je beigehen lassen. Wir sind den Pferden nicht minder zugethan, als der renomirte Obsthändler Martin, und doch reiten wir nie. Wir halten kein anderes Pferd, als ein KleiderpferdF3, – lieben keinen Sattel so sehr, als den von einer gebratenen Gans – und da wir blos unsern Neigungen zu folgen gewöhnt sind, so folgen wir nie den Hatzhunden bei Fuchsjagden. Wir überlassen dergleichen Flugmaschinen – gemacht, um schneller über den Boden wegzusetzen, oder schneller auf ihn hinabgesetzt zu werden – denen, die dieß lieben, und nehmen unsern Stand bei den Miethkutschen-Ständen.

Ein solcher befindet sich hart unter dem Fenster, an dem wir schreiben. Nur noch eine Kutsche befindet sich da, aber sie ist das leibhafteste Bild derjenigen Gattung von Fuhrwerken, von der wir sprechen, ein großer, viereckigter Rumpelkasten von braungelber Farbe, gleich einer gallichten Brünette, mit sehr kleinen Fenstern, aber desto größeren Rahmen. Die Kissen sind mit einem verschossenen militärrothen Tuche geschmückt und in der Form einigermaßen einer in der Mitte durchschnittenen Fledermaus ähnlich; die Achsen sind roth und die Mehrzahl der Räder grün. Der Bock ist zum Theil mit einem alten Oberrock, mit verschiedenen Stücken von Mantelkrägen und mehreren ganz absonderlich aussehenden Kleidungsstücken belegt, und das Stroh, mit dem die Segeltuchkissen ausgestopft sind, sticht an verschiedenen Stellen hervor, als ob es mit dem Heu, das aus den Rissen der Kutschenschläge heraussieht, wetteifern wollte. Die Pferde, deren Mähnen und Schwänze – ähnlich vielgebrauchten Wiegenpferden – nur etliche Haare zählen, stehen mit gesenkten Köpfen geduldig auf etwas Stroh, und schlagen gelegentlich ein wenig hinten aus, oder rütteln ihre Geschirre; hie und da erhebt wohl auch eines sein Maul zu dem Ohr seines Gefährten, als wenn es ihm zuflüstern wollte, daß es Lust hätte, den Kutscher todt zu schlagen. Dieser selbst befindet sich in dem Brunnenhause, und der Brunnenmann, der seine Hände in die Taschen gesteckt hat, so tief sie hineingehen wollen, tanzt vor dem Brunnen den »Double-Shuffle«, um seine Füße warm zu halten.

Ein Dienstmädchen aus Nummer 5 mit bunten Haubenbändern öffnet plötzlich die Hausthüre; alsbald springen vier kleine Kinder heraus und kreischen aus Leibeskräften »Kutsch'!«

Der Brunnenmann verläßt pfeilschnell die Pumpe, ergreift die Pferde bei ihren Zügeln, und schleppt sie nebst der Kutsche zum Hause heran, während er die ganze Zeit über seine Stimme bis zur äußersten Höhe, oder vielmehr Tiefe anstrengte – denn er ist ein tiefer Baßbrummer – um den Kutscher herbeizurufen. Endlich läßt sich eine Antwort aus der Schenkstube hören – es ist die des Kutschers, der in seinen Schuhen mit Holzsohlen abermals die Straße wiederhallen läßt, die er durchrennt – und dann folgt ein solches Hin- und Herbewegen, Schieben und Zerren, um die Kutsche gerade vor die Hausthüre hin zu bringen, daß die Kinder vor Vergnügen fast närrisch werden. Welche Rührigkeit! Die alte Dame, die sich seit dem letzten Monate hier aufgehalten hat, reist wieder in ihre Heimath zurück. Eine Schachtel nach der andern wird herausgebracht, und die eine Seite des Fuhrwerks ist im Augenblick mit Gepäcke angefüllt; die Kinder sind Jedermann im Wege, und das jüngste, das im Bestreben, einen Regenschirm herbeizuschleppen, hingefallen ist, wird verwundet und schreiend fortgetragen. Es entsteht eine kurze Pause, während welcher die alte Dame ohne Zweifel im Hinterzimmer – Alle nach der Reihe abschmatzt. Endlich erscheint sie, gefolgt von ihrer verheiratheten Tochter und allen Kindern, so wie von den beiden Mägden, die es mit der vereinten Beihilfe des Kutschers und des Brunnenmanns endlich dahin bringen, die Großmutter in die Kutsche hinein zu schaffen. Ein Mantel wird ihr nachgereicht, und ein Körbchen, das – wie wir fast darauf schwören wollten – eine kleine, schwarze Flasche und ein Papier mit Sandwich-Butterschnitten enthält. Die Tritte werden aufgeschlagen und der Schlag geschlossen. – »Goldencross, Charingcross, Tom,« sagt der Brunnenmann. – »Adieu, Großmama!« rufen die Kinder; und fort wackelt die Kutsche, ungefähr drei Meilen in der Stunde – und die Mama und die Kinder ziehen sich wieder in's Haus zurück, mit Ausnahme eines kleinen Bösewichts, der mit der größten Geschwindigkeit – von der oben besagten Magd, der es nicht wenig Vergnügen macht, eine Gelegenheit zu haben, ihre Anziehungskräfte spielen zu lassen, verfolgt – die Straße hinabrennt. Sie erwischt ihn endlich und bringt ihn zurück; und nachdem sie zwei bis drei graziöse Blicke über die Straße entsendet hat, die entweder uns oder dem Laufburschen über uns gegolten – wir wissen dieß nicht ganz genau – schließt sie die Thüre – und der Miethkutschenstand ist nun abermals in sein voriges Stillschweigen versunken.

Häufig schon haben wir uns an dem überschwenglichen Vergnügen ergötzt, das ein nach einer Miethkutsche gesendetes Dienstmädchen an den Tag legt, wenn sie sich hineinsetzen darf; deßgleichen auch an dem unaussprechlichen Behagen, womit Knaben, denen ein ähnlicher Auftrag zu Theil geworden, die Kutsche besteigen. Doch hat uns nie irgend eine Miethkutschenpartie mehr unterhalten, als eine, von der wir neulich eines Morgens in Tottenham-Court-Street Augenzeuge waren. Es war eine Hochzeitsgesellschaft, die aus einer der untern Straßen in der Nähe von Fitzroy-Square heraufkam. Die Braut trug ein dünnes, weißes Kleid, und hatte ein stark rothes Angesicht; und die Brautjungfer, ein kleines, stilles, gutmüthiges, junges Mädchen, war natürlich ganz in dasselbe Costüme gekleidet; der Bräutigam, sowie der von ihm erwählte Freund, trugen blaue Fräcke, gelbe Westen, weiße Beinkleider und dazu passende Berliner Handschuhe. Sie hielten an der Straßenecke und riefen mit unbeschreiblicher Gravität nach einer Miethkutsche. Im Augenblick waren sie eingestiegen; die Brautjungfer ließ einen rothen Shawl, den sie ohne Zweifel zu diesem Zwecke gekauft hatte, nachlässig über die Nummer des Kutschenschlags herabhängen, augenscheinlich in der Absicht, um die Vorbeigehenden glauben zu machen, es sei ein Privatwagen – und fort rollten sie, vollkommen zufrieden, daß die Täuschung so gut gelungen war, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß hinten auf einer Messingplatte, so groß wie die Schiefertafel eines Schulknaben, die Nummer gleichfalls in schönen, groben Zügen zu lesen war. Ein Shilling die Meile! Die Fahrt war fünf werth – wenigstens für sie!

Was für ein interessantes Buch könnte eine Miethkutsche schreiben, wenn sie so viel in ihrem Kopf zu führen vermöchte, als in ihrem Leibe! Die Selbstbiographie einer zu Grunde gegangenen Miethkutsche würde sicherlich eben so unterhaltend sein, als die eines zu Grunde gegangenen gemietheten Dramatikers; und ohne Zweifel könnte sie uns vielerlei Geschichten von den verschiedenen Leuten zum Besten geben, die sie in Geschäfts-, Profit-, Vergnügens- oder Trauerangelegenheiten geführt hat! Und wie manche traurige Geschichte über dieselben Personen in verschiedenen Perioden! Das Landmädchen – die prächtige, modisch gekleidete Dame – das betrunkene Freudenmädchen! – Der unerfahrene Lehrbursche – der verschwenderische Prasser – der Dieb!

Kommen wir auf die Cabriolets! – Cabriolets mögen sehr gut sein in Fällen, wo es rasche Beförderungen gilt, wenn es sich um den Hals oder um nichts – um Leben oder Tod – um zeitliche oder ewige Heimath handelt. Aber, abgesehen davon, daß ein Cabriolet des ehrwürdigen Ansehens, das eine Miethkutsche auszeichnet, gänzlich ermangelt, so darf man nie vergessen, daß ein Cabriolet eine Sache von gestern ist, welche nie vorher bessere Tage kannte. Ein Miethcabriolet ist von seinem Eintritt in's öffentliche Leben an stets nur ein Miethcabriolet gewesen, während eine Miethkutsche das Ueberbleibsel ehemaliger Gentilität – ein Opfer der Mode – ein Erbstück einer alt-englischen Familie ist, deren Wappen sie noch trägt. Sie wurde in bessern Tagen von Leuten begleitet, die Livreen trugen; jetzt aber ist sie ihrer Schönheit entkleidet, und in die Welt hinausgestoßen, gleich einem ehemals stattlichen Bedienten, wenn er für seinen Dienst nicht mehr jugendlich genug ist, und sinkt immer tiefer und tiefer in ihrer vierrädrigen Entwürdigung herab, bis sie endlich auf einen »Stand« kommt.

1 Zum Ausklopfen der Kleider.

Achtes Kapitel
Doctor's Commons.

Als wir vor einiger Zeit ohne einen bestimmten Zweck über den St. Pauls-Kirchhof gingen, lenkten wir zufälligerweise in eine Straße ein, welche den Namen »Paulskette« führt, und nachdem wir einige hundert Schritte geradeaus gegangen waren, befanden wir uns, durch eine natürliche Folge, bei Doctor's Commons. Nun ist aber Doctor's Commons dem Namen nach Jedermann als derjenige Ort bekannt, wo man liebekranken Pärchen Heirathslicenzen und untreuen Gatten Ehescheidungen bewilligt, die Testamente von Leuten zu Protokoll bringt, welche ein Eigenthum zu hinterlassen haben, und hitzige Herrn bestraft, welche den Damen unbeliebige Namen geben. Wir entdeckten nicht so bald, daß wir in ihren Umgebungen waren, als wir ein löbliches Verlangen in uns verspürten, näher mit ihnen bekannt zu werden; und da der Gerichtshof, dessen Beschlüsse sogar die Bande der Ehe auflösen können, der nächste Gegenstand unserer Neugierde war, so beschlossen wir hinzugehen und lenkten unsere Schritte unverweilt nach demselben.

Einen ruhigen, schattigen, gepflasterten Hofraum durchschreitend, welcher mit alten backsteinernen Häusern umschlossen war, an deren Thüren die Namen mehrerer ausgezeichneter Rechtsgelehrten standen, hielten wir vor einer kleinen mit grünem Flanell und messingnen Nagelköpfen beschlagenen Thüre, welche einem leichten Drucke nachgab und uns sogleich in ein altes seltsam aussehendes Gemach mit zurückstehenden Fenstern und schwarzem geschnitztem Täfelwerk führte, an dessen oberem Ende auf einer erhabenen, halbkreisförmigen Plattform sich ungefähr ein Dutzend feierlich aussehender Herrn in karmoisinrothen Mänteln und Perücken befanden.

An einem höher stehenden Pult in der Mitte saß ein sehr fetter Mann mit einem rothen Gesichte und einer mit Schildkrot eingefaßten Brille, dessen würdevolles Aeußere den Oberrichter ankündigte; und an einer langen mit grünem Tuch überzogenen unten stehenden Tafel, die gewissermaßen einem Billardtische ohne Bande und Beutel glich, befand sich eine Anzahl höchstwichtig aussehender Personen in steifen Halsbinden und schwarzen Mänteln mit weißen Pelzkrägen, die wir sogleich als Anwälte bezeichneten. Einen am untern Ende des Billards stehenden Armstuhl nahm ein Individuum mit einer Perücke ein, in welchem wir nachher den Registrator entdeckten; und hinter einem kleinen Pult neben der Thüre saß ein achtbar aussehender, schwarz gekleideter Mann, der ungefähr drei Centner im Gewicht halten mochte, und eine schmunzelnde, höflich aussehende Person mit feistem Gesicht in einem schwarzen Mantel, schwarzen bockledernen Handschuhen, kurzen Hosen und seidenen Strümpfen, mit einer Hemdkrause am Busen, Locken auf dem Kopfe und einem silbernen Stab in der Hand, in welcher wir ohne Schwierigkeit den Kanzleidiener erkannten. Wirklich setzte uns der Letztere auch alsbald über diesen Punkt außer Zweifel, denn unserem Ellbogen nahe kommend und sogleich eine Unterhaltung eröffnend, hat er uns in weniger als fünf Minuten mitgetheilt, daß er der Gerichtsdiener und der andere der Kanzleiaufwärter; daß dieß das Obergericht ist und deßwegen die Räthe rothe Mäntel und die Anwälte Pelzkrägen tragen, und daß, wenn die andern Gerichtshöfe hier ihre Sitzungen halten, weder jene mit rothen Mänteln noch diese mit Pelzkrägen erscheinen; Mittheilungen, die er noch mit manchen andern nicht minder interessanten vermehrte. Außer diesen beiden dienstbaren Geistern sahen wir noch ein altes, hageres Männchen mit langem, grauem Haar, das sich in eine entfernte Ecke drückte und, wie uns unser mittheilsamer Freund zu wissen that, die Obliegenheit hatte, wenn der Gerichtshof des Morgens die Sitzung eröffnete, mit einer großen Handglocke zu läuten, und das, wenn auch sein Aussehen der Vermuthung widersprach, wenigstens bereits zwei Jahrhunderte lang zu ähnlichen Verrichtungen verwendet worden war.

Der Herr mit dem rothen Gesichte und der Schildkrotbrille hatte gerade die ganze Unterhaltung an sich gerissen, die er auch sehr gut führte, nur sprach er sehr laut, aber das machte die Gewohnheit, und nahm den Mund etwas voll, aber das machte das gute Leben. So hatten wir also Zeit genug uns umzusehen. Es war ein Individuum, das uns höchlich ergötzte: eines von jenen Perückenhäuptern in den rothen Gerichtsmänteln, welches im Mittelpunkte des Saals in der Attitude des Coloß von Rhodus vor dem Feuer stand, von dem er dadurch jeden andern ausschloß. Er hatte, um die volle Wärme des Feuers zu empfinden, seine Robe hinten etwas hinaufgeschlagen, etwa wie es eine schlumpige Weibsperson bei schlechtem Wetter mit ihrem Unterrocke machen würde. Seine Perücke war ganz verschoben; und sein Zopf zog sich um seinen Nacken; seine knappen, grauen Hosen und kurzen schwarzen Gamaschen, welche die möglich schlechteste Façon hatten, vollendeten die Geschmacklosigkeit seiner Person und sein langer, schlecht gestärkter Vatermörder diente seinen Augen zu einer Art von Scheuleder. Wir wollen durchaus keinen Anspruch auf Physiognomik machen, aber nach einer sorgfältigen Prüfung seines Gesichts waren wir auf den Schluß gekommen, daß er nur dünkelvollen Unsinn schwatzte, als uns unser Freund mit dem silbernen Stab in's Ohr flüsterte, »er sei nicht weniger als Doktor des römischen Rechts und der Himmel weiß, was noch weiter.« Wir hatten also natürlich fehlgeschossen; es mußte ein sehr talentvoller Mann sein. Indessen verbarg er dieß so gut – vielleicht in der menschenfreundlichen Absicht, um gewöhnliche Leute nicht zu sehr in Erstaunen zu setzen – daß man ihn für einen der größten Dummköpfe, welche existiren, hätte halten können.

Nachdem der Herr mit der Brille seinen richterlichen Spruch von sich gegeben und einige Minuten hatte verfließen lassen, um dem Geflüster, das im Gerichtssaale herrsche, Zeit zu gönnen, sich zu legen, rief der Registrator den nächsten Rechtsstreit aus: »Klagsache Bumple's gegen Sludberry.« Bei diesem Aufruf bemerkte man eine allgemeine Bewegung im Saal, und der gefällige Gerichtsdiener mit dem Stabe flüsterte uns zu, das werde einmal einen Spaß geben, denn es sei eine Tumultsache.

Durch diese Belehrung waren wir nicht viel klüger geworden, bis wir aus der Rede des vortragenden Anwalts, der nun das Wort nehmen durfte, erfuhren, daß nach einer verjährten Bestimmung eines der Eduarde der Gerichtshof ermächtigt war, eine Person, welche des Verbrechens des »Tumultuirens« oder »Stoßens« in einer Kirche oder der dazu gehörigen Sakristei überwiesen würde, mit der Strafe der Exkommunikation zu belegen; und es ergab sich aus etlichen achtundzwanzig eidlichen Aussagen, welche zu diesem Behufe aufgenommen wurden, daß an einem gewissen Abende bei Gelegenheit der Abhaltung einer Versammlung der Genossen eines gewissen Kirchenspiels in einer gewissen Sakristei der Beklagte Thomas Sludberry sich dieses Verbrechens schuldig gemacht und an den Kläger Michael Bumple die Worte gerichtet: »wartet, ich will Euch,« und daß auf die Gegenvorstellungen des besagten Michael Bumple's und anderer, welche den besagten Thomas Sludberry die Unschicklichkeit seines Benehmens verwiesen, besagter Thomas Sludberry den vorbesagten Ausdruck: »wartet, ich will Euch,« wiederholt und ferner noch zu wissen verlangt, ob der besagte Michael Bumple »etwas von ihm wolle;« mit dem Zusatz, »daß, wenn besagter Michael Bumple etwas von ihm wolle, er, besagter Thomas Sludberry, der Mann wäre es ihm zu geben;« zugleich noch andere sündliche und ruchlose Ausdrücke gebrauchend, worauf sich Bumple beschieden und auf Geist und Absicht der Akte bezogen, und er also, zur Wahrung des Seelenheiles und zur Bestrafung Sludberry's, um den Spruch der Exkommunikation gegen denselben gebeten.

Ueber diese Thatsachen wurde dann zur großen Erbauung einer Menge bei den Pfarrgemeindestreitigkeiten betheiligten Personen, welche den Gerichtssaal erfüllten, von beiden Seiten eine lange Verhandlung eröffnet; und nachdem einige sehr lange und eindringliche Reden pro und contra gehalten worden waren, reassumirte der Herr mit dem rothen Gesichte und der Schildkrotbrille den Fall, was länger als eine halbe Stunde dauerte, und sprach dann über Sludberry das furchtbare Urtheil eines vierzehntägigen Kirchenbanns, nebst Verfällung in die Proceßkosten aus. Auf dieses wendete sich Sludberry, das ein kleiner Ingwerbierverkäufer mit einem rothen Gesichte und schelmischen Augen war, mit den Worten an den Gerichtshof, »wenn Sie die Güte haben möchten, ihm die Proceßkosten zu erlassen und dagegen den lebenslänglichen Kirchenbann über ihn auszusprechen, so würde ihm dieß weit angenehmer sein, denn er ginge überhaupt nie in die Kirche.« Dieses Gesuch beantwortete der Herr mit der Brille nur durch einen Blick tugendhafter Entrüstung, und Sludberry zog sich mit seinen Freunden zurück. Da uns der Mann mit dem silbernen Stabe die Mittheilung machte, das Gericht sei im Begriff, auseinander zu gehen, so zogen wir uns ebenfalls zurück und überdachten unterwegs den guten Geist dieser alten Kirchengesetze, die liebevollen und nachbarlichen Gesinnungen, die sie zu erwecken berechnet waren, und das feste Anschließen an kirchliche Institutionen, das sie hervorzurufen nicht ermangeln konnten.

Wir waren so sehr in diese Betrachtungen vertieft, daß wir auf die Straße gekommen und wider einen Thürpfosten gerannt waren, ehe wir uns erinnerten, wohin wir eigentlich gehen wollten. Wir hoben unsere Augen empor, um zu sehen, auf welches Haus wir gestoßen waren: da fiel uns das Wort »Prärogativgericht«, mit großen Buchstaben geschrieben, in die Augen, und da wir nun einmal schaulustiger Laune waren und der Zutritt Jedermann offen stand, so gingen wir hinein.

Das Zimmer, in welches wir traten, war ein langer, geschäftsmäßig aussehender Saal, welcher auf beiden Seiten in eine Menge kleiner Verschläge abgetheilt war, worin einige Schreiber Urkunden durchstöberten oder abschrieben. In der Mitte des Zimmers standen mehrere Pulte von beinahe Brusthöhe, an deren jedem drei bis vier über großen Bänden brütende Personen standen. Da wir wußten, daß sie Testamente untersuchten, so zogen sie im Augenblick unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Die träge Gleichgültigkeit der Anwaltschreiber, welche eine gerichtliche Sache untersuchten, stach sonderbar gegen den Ernst und das Interesse ab, womit die anwesenden Fremden auf das Testament eines hingeschiedenen Verwandten sahen: die Ersteren nur dann und wann ungeduldig gähnend, oder ihre Köpfe erhebend, um nach den Aus- und Eingehenden zu sehen, die Letzteren über das Buch hingebeugt und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit Namenreihen herablesend.

Wir sahen einen kleinen Mann mit einem schmutzigen Gesicht und einer blauen Schürze, welcher den ganzen Morgen lang ein auf etliche und fünfzig Jahre zurückgehendes Register durchsucht und eben das Testament, welches er wollte, gefunden hatte. Einer von den Schreibern las es ihm mit leiser, hastiger Stimme aus einem dicken in Pergament gebundenen Buche mit großen Klampen vor. Es war augenscheinlich, daß, je mehr der Schreiber las, destoweniger der Mann mit der blauen Schürze von der Sache verstand. Als der Band zuerst herabgenommen wurde, nahm er seinen Hut ab, strich sich die Haare nieder, lächelte äußerst vergnügt und sah in des Schreibers Gesicht mit der Miene eines Mannes, welcher sich vorgenommen hat, kein Wort von dem zu verlieren, was er hört. Die zwei oder drei ersten Linien waren vernehmlich genug; aber dann begannen die Verwicklungen und der kleine Mann nahm einen etwas zweifelhaften Blick an. Dann kam eine ganze Reihe verworrener Pfandverschreibungen und jetzt war er ganz im Blauen. Als der Leser fortfuhr, war es augenfällig, daß es ein hoffnungsloser Fall war, und der kleine Mann mit seinem offenen Munde, die Augen auf das Gesicht des Schreibers geheftet, sah mit einem Ausdrucke der Verwirrung und des Geistesbankerotts darein, der unwiderstehlich zum Lachen reizte.

Ein anderer kleiner Mann, ein Greis mit harten Zügen und tiefen Furchen im Gesicht durchlas aufmerksam ein langes Testament mit Hülfe einer in Horn gefaßten Brille: von Zeit zu Zeit seine Untersuchung unterbrechend und irgend eine kurze Notize aus den darin enthaltenen Vermächtnissen zu Papier bringend. Jede Runzel um seinen zahnlosen Mund und seine scharfen, durchdringenden Augen zeugte von Geiz und Verschlagenheit. Seine Kleider waren fadenscheinig, aber es war leicht zu sehen, daß er sie aus freier Wahl und nicht aus Noth trug; alle seine Blicke und Geberden bei den äußerst kleinen Prisen, welche er dann und wann aus einer kleinen zinnernen Dose nahm, erzählten von Wohlstand, Entbehrung und Habsucht.

Als er langsam den Band verschloß, seine Brille zurückschob und seine Papierschnipsel in eine große lederne Brieftasche legte, dachten wir an den hübschen Handel, den der Wucherer mit armen Vermächtnißerben trieb, welche, des jahrelangen Wartens auf das Fälligwerden einer Rente müde, vom Mangel niedergedrückt, ihre Ansprüche, gerade als sie am meisten im Werthe stiegen, um den zwölften Theil desselben verkauften. Es war eine gute Spekulation – eine sehr sichere. Der Alte steckte sein Schreibbuch in die Brusttasche seines Ueberrocks und humpelte mit triumphirendem Blicke davon. Das Testament hatte ihn zum Wenigsten um zehn Jahre jünger gemacht.

Nachdem wir unsere Beobachtungen einmal begonnen, würden wir sie gewiß auf wenigstens noch ein Halbdutzend Personen angewendet haben, hätte uns nicht das plötzliche Aufräumen und Einschließen der wurmstichigen alten Bücher darauf aufmerksam gemacht, daß es jetzt Zeit sei, die Schreibstube zu schließen. Unserer Schaulust wurde dadurch ein Ziel gesteckt – vielleicht im Interesse unseres Lesers, indem wir ihn jetzt nicht länger mit unseren Beobachtungen langweilen können.

Auf unserem Heimwege stieg unwillkürlich eine Reihe von Betrachtungen über die seltsamen alten Zeugnisse des Wohlwollens und des Uebelwollens, der Mißgunst und der Rachsucht, der den Tod überlebenden Liebe und des das Grab überschreitenden Hasses in uns auf, welche hier niedergelegt sind; stumme, aber augenfällige Beweise von Herzensgüte und Seelenadel auf der einen, und traurige Beispiele der verwerflichsten Leidenschaften der menschlichen Natur auf der andern Seite. Wie Mancher würde auf dem Sterbebette, auf dem er sprach- und hülflos ausgestreckt liegt, Welten dafür gegeben haben, hätte er die stumme Urkunde seiner Rachsucht und seines Verfolgungsgeistes vertilgen können, die jetzt wider ihn zeugt in den Registraturen von Doctors' Commons.

Neuntes Kapitel
London's Erholungsörter.

Nicht selten gibt das Streben gewisser Personen der niedern Stände, die Sitten und Gewohnheiten Solcher nachzuäffen, welche das Glück über sie gestellt hat, zu allerlei Bemerkungen und nicht selten sogar zu Klagen Anlaß.

Man darf ziemlich sicher annehmen, daß eine Neigung der Art unter den sich Aristokraten dünkenden Mitgliedern der Mittelstände fast durchgängig verbreitet ist. Krämer und Schreiber mit Familien, die fashionable Novellen lesen, und Töchtern, welche auf Leihbibliotheken abonnirt sind, besuchen kleine, den Almacks bescheiden nachgebildete Assembleen und stolzieren in dem unscheinbaren »großen Saale« irgend eines Gasthauses zweiten Ranges mit eben so viel Selbstgefälligkeit auf und ab, als die beneidenswerthen Wenigen, denen das Vorrecht gegönnt ist, ihre Pracht in jenen ausschließlichen Orten der Mode und der Thorheit zur Schau zu stellen. Hochstrebende junge Mädchen werden in Folge der Lectüre glühender Schilderungen irgend einer »Romanheldin aus den höhern Ständen« plötzlich verzweifelt wohlthätig gestimmt; Traumbilder von Anbetern und Heirath flimmern vor ihren Augen, von irgend einem über die Maßen hochverdienten Institute, von dem man durch den sonderbarsten Zufall von der Welt bisher nie ein Sterbenswörtchen gehört, wird die Entdeckung gemacht, daß es seinem Verfalle nahe sei; alsbald wird Thomson's großer Saal oder auch Johnson's Garten gemiethet, und die vorbesagten jungen Mädchen präsentiren sich hier, aus bloßer Wohlthätigkeit, drei Tage lang von zwölf bis vier Uhr um den geringen Eintrittspreis von einem Shilling die Person! Wir sind jedoch der Ansicht, daß, mit Ausnahme dieser Ständeklassen und etwa noch einiger weniger anderer, schwacher und unbedeutender Personen die erwähnte Nachahmungssucht in keinem namhaften Grade vorherrsche. Die Eigentümlichkeit der Erholungsweisen unter den verschiedenen Ständen hat uns bei unsern Spaziergängen und in sonstigen Mußestunden schon manche Unterhaltung gewährt; und wir haben daher eine kurze Schilderung derselben, in der Hoffnung, daß sie auch unsern Lesern einige Unterhaltung verschaffen werde, zum Gegenstande dieser Skizze gewählt.

Wenn man von dem eigentlichen Citybewohner, der Lloyds um fünf Uhr verläßt und nach Hackney, Clapton, Stamford-Hill, oder irgend einem andern Orte nach Hause fährt, je sagen kann, daß er außer seinem Mittagsessen noch irgend eine andere tägliche Erholung habe, so ist es sein Garten. Zwar arbeitet er in diesem nie etwas mit eigener Hand; dennoch setzt er seinen größten Stolze in denselben; und wer etwa einer seiner jüngern Töchter die Cour machen will, darf unter keiner Bedingung versäumen, über jede Blume, über jeden Strauch seines Gartens in Entzücken zu gerathen. Kommt man in den Fall, zwischen seinem Weine und seinem Garten eine Wahl zu bestimmen, und versteht es nicht, beide in gleichem Grade zu würdigen, so können wir unbedingt empfehlen, dem letztern den Vorzug vor jenem zu geben. Jeden Morgen macht er, ehe er sich in die City begibt, einen Spaziergang durch seinen Garten und trägt besonders dafür Sorge, daß der Fischbehälter ausnehmend reinlich gehalten wird. Besucht man ihn des Sonntags, etwa eine Stunde vor dem Mittagessen, so wird man ihn auf dem Grasplatze hinter seinem Hause, den Strohhut auf dem Kopfe und ein Sonntagsblatt in der Hand, in seinem Lehnstuhle sitzend treffen. In geringer Entfernung von ihm wird man, eher als nicht, einen hübschen Papagei in einem großen Messingkäfig bemerken. Zehn gegen Eins ist zu wetten, daß seine beiden ältesten Töchter, von ein paar jungen Leuten begleitet, welche Sonnenschirme über ihnen tragen – natürlich nur, um die Sonne abzuhalten – auf einem der Seitengänge lustwandeln, während die jüngern Kinder, unter Aufsicht der zweiten Kindsmagd, sich sorglos im Schatten herumtummeln. Außer dergleichen Veranlassungen scheint das Vergnügen an seinem Garten mehr aus dem Bewußtsein, ihn zu besitzen, als aus dem wirklichen Genuß, den er von demselben hat, zu entspringen. Wird man von ihm an einem Wochentage zum Mittagsessen mit nach Hause genommen, so findet man ihn von seinen Morgengeschäften ziemlich angegriffen und obendrein etwas verdrießlich; sobald aber der Tisch abgedeckt ist und er drei bis vier Gläser von seinem Lieblingswein getrunken hat, so läßt er die Jalousien in seinem Speisezimmer öffnen (dessen Fenster, wie sich von selbst versteht, nach dem Garten hingehen), legt ein seidenes Taschentuch über seinen Kopf, lehnt sich in seinem Armsessel zurück, und verbreitet sich mit unendlicher Weitläufigkeit über die Pracht seines Gartens und über die Kosten, welche seine Unterhaltung erfordert. Dieß geschieht natürlich nur, um seinem Gaste – einem jungen Freunde seiner Familie – einen richtigen Begriff von der Vortrefflichkeit seines Gartens und von dem Reichthume des Besitzers einzuprägen. Wenn er diesen Gegenstand hinlänglich erschöpft hat, so schläft er ein.

Es gibt aber auch noch eine andere, von der eben geschilderten sehr verschiedene Menschenrasse, deren Hauptvergnügen gleichfalls ihr Garten ist. Ein Individuum dieser Art wohnt in geringer Entfernung von der Stadt – etwa in Hampstead-Road, oder in Kilburn-Road, oder in irgend einer andern Straße, deren Häuser klein und niedlich sind, und Hintergärtchen haben. Er und seine Frau – ein eben so niedliches und compactes Persönchen, wie er selbst – bewohnen dasselbe Haus schon seit zwanzig Jahren, seit er sich nämlich von den Geschäften zurückgezogen. Sie haben keine Kinder – einst hatten sie wohl einen Sohn; er starb aber, als er kaum fünf Jahre alt war. Sein Porträt hängt über dem Kamingesims im schönsten Zimmer, und ein kleines Wägelchen, das er zu ziehen pflegte, wird sorgfältig als Reliquie aufbewahrt.

Bei schönem Wetter hält sich der alte Herr fast beständig in seinem Gärtchen auf, und wenn es zu naß ist, um in dasselbe gehen zu können, so sieht er stundenlang zum Fenster nach ihm hinaus. Er hat immer etwas darin zu thun, und man wird ihn ohne Unterlaß mit augenscheinlichem Behagen darin graben und hacken, schaufeln und pflanzen sehen. Zur Frühlingszeit nimmt das Säen und Einstecken kleiner Holzpflöckchen mit kleinen Papierstreifen, die sich über den beerdigten Sämereien gleich Epitaphien ausnehmen, kein Ende, und des Abends, wenn die Sonne untergegangen, ist es wahrhaft zum Erstaunen, mit welcher Beharrlichkeit er große Gießkannen voll Wasser herbeischleppt, um die neue Saat zu begießen. Seine einzige sonstige Unterhaltung sind Zeitungen, die er jeden Tag von Anfang bis zu Ende durchblättert, und woraus er beim Frühstücke seiner Gattin die interessantesten Neuigkeiten vorliest. Die alte Frau ist, wie die Hyacinthengläser im Wohnzimmer und die Geranientöpfe im kleinen Vorderhofe beweisen, eine große Blumenfreundin. Auch ist sie nicht wenig stolz auf ihren Garten, und wenn einer der vier Stachelbeerstöcke eine größere Frucht trägt, als gewöhnlich, so wird diese sorgfältig unter einem Weinglase auf einem Wandtischchen aufbewahrt, um die Besuche von dem Wunder zu überzeugen; indem man sie auf's Genaueste unterrichtet, daß Herr So und So, den Stock, der die Frucht erzeugt, mit eigenen Händen gepflanzt habe. An einem Sommerabend, wenn die große Gießkanne ungefähr vierzehnmal gefüllt und eben so oft ausgegossen worden ist, und das alte Paar sich durch Hin- und Hertrippeln erschöpft hat, kann man sie ganz glücklich bei einander in ihrem Gartenhäuschen sitzen sehen, an der Ruhe und dem Frieden des Zwielichts sich erfreuend, und die auf den Garten niederfallenden Schatten betrachtend, wie sie allmälig immer größer und ihre Umrisse düsterer werden, und den Farbenschimmer ihrer Lieblingspflanzen verdunkeln – kein übles Sinnbild der Jahre, die geräuschlos über ihren Häuptern dahingerollt und in ihrem Laufe die glänzendsten Farben früherer Hoffnungen und Gefühle – die seitdem längst abgestorben – verdüstert haben. Dieß sind ihre einzigen Erholungen, und weitere verlangen sie nicht; sie tragen die Mittel zur Annehmlichkeit des Lebens und zur Zufriedenheit in sich selbst; ihre einzige Sorge ist, daß das Eine vor dem Andern sterben möchte.

Es ist dieß in der That keine ideale Skizze; nach dieser Zeichnung gab es sonst viele alte Leute, obgleich sich ihre Anzahl vermindert haben mag und vielleicht noch mehr abnehmen wird. Ob wohl die Richtung, welche die weibliche Erziehung heutzutage genommen, indem sie mehr nach schalen Frivolitäten und eiteln Nichtigkeiten haschen lehrt, ein Grund ist, warum unsere Weiber zu jenem stillen häuslichen Glücke, worin sie sich in weit größerem Glanze zeigen können, als in den geräuschvollsten Assembleen, unfähig sind? – Dieß ist eine Frage, die näher zu untersuchen wir keinen Beruf in uns fühlen: wir hoffen nicht.

Wir wollen uns nun zu einem anderen Theile der Londoner Bevölkerung wenden, deren Erholungen wieder eben so verschiedenartig sind, als man sie sich nur immer einbilden kann – wir meinen die Sonntagsfreuden; und somit bitten wir nun unsere Leser, sich einzubilden, als ob sie in einem wohlbekannten ländlichen »Theegarten« an unserer Seite ständen.

Die Hitze ist diesen Tag außerordentlich, und die Leute, die jeden Augenblick in großen Partien anlangen, sehen eben so erhitzt aus, als die frisch angestrichenen Tische, die ganz den Anschein haben, als ob sie rothglühend wären. Welcher Staub, welches Getümmel! Männer und Frauen, Knaben und Mädchen, liebendes und verheirathetes Volk – Püppchen auf dem Arme und Kinder in den Chaischen – Pfeifen und Krabben, Cigarren und Austern – Thee und Tabak! Dort gehen drei Gentlemen in schreienden Westen, mit stählernen Uhrketten Arm in Arm auf und ab spazieren, geben sich ein erstaunliches Air (oder, wie der Gentleman in der nächsten Hütte witzig bemerkt, »treten ungewöhnlich dick auf!«) – Damen, mit großen, langen, weißen Taschentüchern – von der Größe kleiner Tischtücher – in den Händen, jagen sich – in der Absicht, die Aufmerksamkeit vorerwähnter Herren zu erregen – auf das Possierlichste und Interessanteste in dem Grase umher. Ehemänner bestellen – in ihrer ungeheuern Verschwendung die Kosten gar nicht beachtend – Flaschen mit Ingwerbier für die Gegenstände ihrer Liebe, und die besagten Gegenstände drücken große Quantitäten Krabben und Austern hinunter, und denken eben so wenig an ihre eigene körperliche Gesundheit, als an die üblen Folgen. – Knaben mit großen, gerade nur auf ihren Köpfen balancirenden Seidenhüten rauchen Cigarren, und bemühen sich, auszusehen, als ob diese ihnen sehr gut bekämen – Herren mit blauen Westen und rothen Hemden, welche bald sich selbst, bald Anderen mit ihren langen Röcken zwischen die Beine kommen!

Ueber das gezierte Wesen einiger dieser Leute müssen wir zwar freilich ein wenig lächeln, Alle aber sind wenigstens reinlich gekleidet, glücklich, und eifrig bemüht, gesellig und guter Laune zu sein. Jene beiden mütterlich aussehenden Frauen mit den schreienden Kleidern, die so zutraulich plaudern und bei jedem vierten Wort ein »Ma'am« einschalten, haben seit ungefähr einer Viertelstunde Bekanntschaft geschlossen, die durch die Bewunderung entstanden ist, welche die Eine dem kleinen Knaben der Andern zollte – jenem kleinen Holden mit dem dreikantigen Rosasammthütchen und schwarzen Federn. Die beiden Männer in den blauen Röcken und kothfarbigen Beinkleidern, die dort auf- und abgehen und ihre Pfeifen rauchen, sind ihre Männer.

Die Gesellschaft in jener gerade gegenüberliegenden Hütte aber bietet uns das genaueste Bild der Mehrzahl der anwesenden Gäste dar. Hier sind Vater und Mutter, die alte Großmutter, ein junger Mann und ein junges Frauenzimmer, und eine Person, die stets bei dem wohllautenden Namen »Onkel Bill« gerufen wird – augenscheinlich der Witzbold der Gesellschaft – bei einander versammelt. Sie haben etwa ein halbes Dutzend Kinder bei sich; aber es ist kaum nöthig, dieses Umstandes zu erwähnen, da er hier eine zu natürliche Sache ist. Jede Frau in »den Gärten« muß, wenn sie eine Zeitlang verheirathet ist, wenigstens zwei- oder dreimal Zwillinge geboren haben, denn sonst wäre es unmöglich, daß die jugendliche Bevölkerung so zugenommen haben könnte. Man beobachte, welch' unaussprechliches Vergnügen der Großmutter Onkel Bill's glänzender Witz macht: »Thee für vier und Brod und Butter für vierzig Personen«; und was für ein lauter Ausbruch von Fröhlichkeit, wenn er ein Papier zusammenwickelt und es dem Aufwärter als »Zopf« am Kragen befestiget! Der junge Mann ist augenscheinlich »der Verlobte« von Onkel Bill's Nichte, und Onkel Bill's Winke: – »Vergessen Sie meiner bei dem Mittagsessen nicht, Sie wissen schon« – »Ich werde mich wohl nach dem Hochzeitkuchen umsehen müssen, Sally« – »Ich bitte mir die Taufpathenstelle bei deinem Erstgeborenen aus« – »Ich wette, es ist ein Knabe,« und so weiter, brachten die jungen Leute eben so sehr in Verwirrung, als sie den Alten Vergnügen machten. Was die alte Großmutter betrifft, so lebt sie in völligem Entzücken und lacht in Einem fort fast zum Ersticken, bis man endlich mit dem Wachholder und Wasser gehörig »den Magen erwärmt« hat, worauf Onkel Bill vorschlägt, nach dem Thee das Glas noch einmal herumgehen zu lassen, blos um sich gegen die Abendluft zu schützen und einen so erstaunlich heißen Tag »comfortabel, und wie es sich gehört, zu beschließen.«

Es ist nun finster geworden und die Leute fangen an, aufzubrechen. Das Feld nach der Stadt hin ist völlig von ihnen übersäet; die Kinderchaischen werden langsam nachgeschleppt; die Kinder sind müde und unterhalten sich und die Gesellschaft durch Schreien, oder wenden sich zu einem angenehmeren Auskunftsmittel – sie schlafen; die Mütter wünschen, wenn sie nur schon zu Hause wären; die Liebhaber werden sentimentaler als je, denn die Zeit der Trennung naht heran; bei der Beleuchtung von zwei Laternen, die zur Bequemlichkeit der Raucher an den Bäumen hängen, sehen die Gärten gewaltig düster aus – und die Aufwärter, die während der letzten sechs Stunden unaufhörlich hin und her jagten, fühlen sich ein wenig ermüdet, wenn sie endlich ihre Gläser und ihre Einnahme zählen.

Zehntes Kapitel
Der Fluß.

»Sind sie ein Freund von Wasserpartien?« wird man in heißen Sommertagen von wahrhaft amphibienähnlich aussehenden jungen Leuten gefragt. »Ein großer«, ist die gewöhnliche Antwort; »Sie nicht auch?« – »So oft es mir möglich ist,« hört man erwiedern, »bin ich auf dem Wasser.« Und dann kommen allerlei Redensarten, welche des Sprechers außerordentliche Bewunderung und Vorliebe für dieses Element ausdrücken. Haben wir nun auch alle Achtung vor den Wasserpartien im Allgemeinen, und vor denen der Kutter-Clubbs im Besondern, so können wir doch die leise Bemerkung nicht unterdrücken, daß gewiß Jedem, der sich schon zuweilen der Themse anvertraut hat, von derlei Wasserpartien einige schmerzliche Erinnerungen geblieben sind. Wer hat je von einer vollkommen glücklich ausgefallenen Wasserpartie gehört? – oder, um die Frage noch verständlicher zu stellen – wer hat je eine gesehen? Wir haben unzähligen solchen Wasserausflügen mit angewohnt, können aber auf das Feierlichste versichern, daß wir uns auch nicht Einer Veranlassung dieser Art erinnern, die nicht mit mehr Unannehmlichkeiten verknüpft gewesen wäre, als man in einem so kleinen Zeitraume von acht oder neun Stunden billigerweise hätte erwarten sollen. Irgend etwas ist stets dabei schlimm abgelaufen. Entweder ist der Kork aus der Salatiere herausgesprungen, oder das sehnsüchtigst erwartete Mitglied der Gesellschaft nicht gekommen, oder hat sich ein höchst widerwärtiger Mensch angeschlossen, oder sind ein paar Kinder in's Wasser gestürzt; oder der Herr am Steuerruder hat die ganze Fahrt über Alles in die größte Lebensgefahr gebracht; oder die Herren, die sich freiwillig zum Rudern erboten, konnten nicht damit umgehen und machten in der That ganz gefährliche Evolutionen, stießen ihre Ruder in's Wasser und konnten sie nicht mehr herausbringen, oder machten erschreckliche Schläge, ohne daß sie diese etwas genützt hätten, purzelten aber in jedem Falle gewaltsam hinterrücks hinein, und streckten den Uebrigen im Boote auf höchst unhöfliche Weise ihre Schuhsohlen entgegen.

Wir müssen übrigens zugeben, daß die Ufer der Themse sehr schön sind, insbesondere bei Richemond, Twickenham und andern entfernteren Orten, wohin man oft will, aber selten kommt; auch ist von »Red-us« rückwärts bis zu der Blackfriars-Brücke ein prachtvoller Wechsel der Scenerie. Das Penitentiary ist ohne Anstand ein stattliches Gebäude, und die fröhliche Jugend, welche diese Flußpartie an Sommerabenden besonders gerne zum Baden erwählt, mag sich von Ferne gar nicht übel ausnehmen; wenn man aber bei der Heimfahrt sich hart am Ufer zu halten genöthigt ist, und die jungen Damen erröthen und beharrlich auf die andere Seite sehen, die verheiratheten Ditto's aber ein wenig zu hüsteln anfangen und ganz starr auf das Wasser blicken, so fühlt man sich gewiß recht unbehaglich – besonders wenn man es sich etwa seit ein paar Stunden nur entfernt hat beigehen lassen, den Sentimentalen zu spielen.

Obwohl nun aber Erfahrung und manche ausgestandene Widerwärtigkeiten uns zu diesem Resultate gebracht haben, so sind wir doch keineswegs für das eigenthümliche Vergnügen und für den Spaß blind, den man als bloßer Zuschauer bei den Freuden der Wasserpartien haben kann. Was kann man wohl Unterhaltenderes finden, als Searle's Yard an einem schönen Sonntagmorgen? Die Fluth ist günstig nach Richmond, und ein Dutzend Boote rüstet sich zur Aufnahme der Gesellschaften, von denen sie bestellt worden sind. Zwei oder drei Burschen in weiten groben Beinkleidern und Guernseyhemden treffen Vorbereitungen zur Abfahrt, ohne sich übrigens sehr zu beeilen, sie kommen mit ein paar Rudern und einem Kissen den Hof herab, treiben dann Possen mit dem »Jack«, der, wie Alle seines Gleichen, zu nichts als zum Herumlungern nütze zu sein scheint, gehen hierauf zurück, und bringen eine Ruderleine und einen Fußstock, treiben abermals neue Possen und stehen dann herum, die Hände in ihren weiten Taschen, und wundern sich, wo die Herren wohl bleiben, die den Sechsruderer bestellt haben. Einer von ihnen, der Oberbootsmann, der seine Beinkleider sorgfältig unten aufgestülpt hat – wie wir vermuthen, um das Wasser zuzulassen, denn in diesem Elemente ist er weit mehr zu Hause, als auf dem Lande – ist ein Charakter ganz wie der dahingeschiedene Austernverschlinger Dando, dessen berühmten Namen er auch führt. Man beobachte ihn nur, wenn er einige Minuten von seinen Beschwerden ausruht, sich dazu nachlässig in einen Winkel des Bootes setzt, und seine breite, behaarte Brust mit einer kaum halb so zottigen Mütze fächelt. Man sehe seinen stattlichen, wenn gleich etwas röthlichen Bart, und gebe auf seinen, ihm gewissermaßen angeborenen Humor Acht, mit dem er die Jungen und Lehrlinge neckt, oder von den Gentlemen listig etwas zu einem Glase GeneverA6 herauszulocken weiß, von dem er, wie wir wohl annehmen dürfen, so viel in einem Tage zu sich nimmt, als sechs gewöhnliche Menschen, ohne daß es im Geringsten schlimmer um ihn stände.

Endlich kommt die Gesellschaft, und Dando wird aus seiner Ungewißheit gerissen und in Thätigkeit versetzt. Die Herren rücken in vollständigem Wassercostüme an – mit runden, blauen Jacken, gestreiften Hemden, und Mützen von allen möglichen Größen und Formen, von der schlafkappenähnlichen Sammetmütze französischen Fabrikats, bis zu der leichten Kopfbedeckung, welche, wie denen bekannt, die sich noch des alten Abcbuchs bedient, nach Maßgabe des vorgesetzten Porträts einen Theil von dem Costüme des ehrwürdigen Mr. Dilworth ausgemacht hat.

Dieß ist die amüsanteste Zeit, um eine der regelmäßigen Sonntags-Wasserpartien mit anzusehen. Ohne Zweifel haben bisher Alle sehr mit ihren Kenntnissen vom Schifffahrtswesen geprahlt; plötzlich kühlt aber der Anblick des Wassers ihren Muth, und es ist nun höchst ergötzlich anzusehen, mit welcher Selbstverläugnung Jeder den Andern auffordert, ein Ruder zur Hand zu nehmen. Wenn endlich, nach vielem Wechseln und Hin- und Herrennen, die Wahl der Ruderer getroffen ist, kann der Eine nicht auf dieser, der Andere nicht auf jener Seite, und ein Dritter gar nicht rudern; aber die Mannschaft sitzt einmal. »Abgestoßen!« ruft nun der Bootsmann, und sieht eben so unbefangen und behaglich aus, als ob er in der Bai von Biscaya steuerte. Der Befehl wird befolgt; das Boot dreht sich alsbald völlig rund um und dahin geht es durch die Westmünsterbrücke mit einem so unerhörten Spritzen, Ringen und Wogen, wie man noch nie gesehen, außer wenn der Royal George die Themse hinabfährt. »Rückwärts gerudert, Sir!« schreit Dando; »rückwärts, Sir, Sie dahinten;« worauf Jeder glaubt, er sei gemeint, und das Boot geht nun rückwärts, den Stern voran, gerade dem Platze zu, den sie soeben verlassen haben. – »Rückwärts gerudert, Sie, Herr, da hinten; wenden Sie, Sir, vorne; können Sie nicht?« schreit Dando, halb rasend. »Wenden Sie doch, Tom, können Sie denn nicht?« ruft Einer aus der Gesellschaft. »Nein, er kann nicht,« sagt ein Anderer. – »Ja, ja, jetzt geht's,« ruft ein Dritter; und der unglückliche junge Mann rudert, auf die Gefahr hin, ein Blutgefäß zu zersprengen, unaufhaltsam darauf los, bis das Boot endlich ganz hübsch die Richtung nach der Vauxhall-Brücke hat. »So ist's recht – nun lustig zugerudert!« ruft Dando wieder, und sagt leise zu Einem neben ihm: »Ich will des Henkers sein, wenn ich je so muffige Kerls gesehen habe.« Und fort juckt das Boot im Zickzack, während jedes der sechs Ruder zu verschiedenen Zeiten in's Wasser kommt. Der Hof ist nun leer, bis wieder eine neue Gesellschaft anlangt.

Ein gut ausgeführtes Wettrennen auf der Themse mit Ruderbooten ist ein hübscher und interessanter Anblick. Das Wasser ist mit Fahrzeugen jeder Art übersäet – alle Kohlenbarken auf den verschiedenen Werften sind mit Zuschauern angefüllt – Bier und Tabak in Hülle und Fülle – Männer, Weiber und Kinder sehen dem Beginnen in athemloser Erwartung entgegen – sechs- und achtruderige Kutter gleiten leicht und zierlich hin und her, und warten nur darauf, ihre Protégés während des Rennens zu begleiten – Musikbanden tragen viel zur Belebung, wenn auch nicht zur Harmonie der Scene bei – zahllose Schiffleute stehen gruppenweise auf den zu den Docks führenden Treppen bei einander und handeln die verschiedenen Verdienste der Canditaten ab – und das Preisboot, das langsam von ein paar Bootsleuten herumgerudert wird, ist der Gegenstand des allgemeinen Interesses.

Es schlägt zwei Uhr, und Jedermann sieht ängstlich nach der Brücke hin, durch welche die Preiscanditaten kommen sollen – halb drei Uhr – die allgemeine Aufmerksamkeit, die sich so lange erhalten hat, beginnt nachzulassen, als man plötzlich einen Kanonenschuß und mit ihm den Lärm des entfernten Hurrahrufens auf beiden Ufern des Flusses hört – Alles reckt die Köpfe – der Lärm kommt näher und näher – die Fahrzeuge, die an der Brücke gewartet haben, werden plötzlich lebendig – eine wohlbemannte Galeere fährt durch den Bogen und ruft den Booten hinter ihr, die man noch nicht sehen kann, ermunternd zu.

»Da kommen sie,« schreit Alles – und wie ein Pfeil schießt das erste Boot – dessen Bemannung fast bis auf's Hemde entkleidet ist und jede Muskel anstrengt, um den bereits erlangten Vorsprung nicht zu verlieren – durch den Brückenbogen – vier weitere Boote folgen hart nach ihm – kaum zwei Bootslängen hinter dem ersten – das Geschrei ist fürchterlich und die Theilnahme allgemein. »Fahr' zu, Nelke!« – »Stich' sie, Rother!« – »Sullivin, hoch!« – »Bravo, George!« – »Nun, Tom, nun, – warum ist denn dein Kamerad so faul?« – »Zwei Krüge Porter gegen eine Pinte, der Gelbe gewinnt« – und so weiter. Jede Kneipe am Strand feuert ihre Böller ab und hißt ihre Flagge auf, und wen der Durst hineintreibt, der kommt mitten in einen wahren Teufelslärm und in eine Verwirrung sonder Gleichen, welche sich Niemand, der sie nicht selbst mit angesehen hat, denken kann, und von der jede Schilderung nur ein schwaches Bild zu geben vermag.

Zu den amüsantesten Plätzen, die wir kennen, gehört unstreitig die Dampfschiffwerft an der London-Bridge, oder der Kay der St. Katharinens-Dock-Compagnie, an einem Sonnabendmorgen zur Sommerszeit, wo die Gravesend- und Margate-Dampfboote gewöhnlich bis zum Uebermaße angefüllt sind; und da wir eben einen Blick über die Brücke auf den Fluß geworfen haben, so hoffen wir, unsere Leser werden nichts dagegen haben, uns an Bord eines Gravesend-Packetschiffes zu begleiten.

Jeden Augenblick halten Kutschen am Eingange des Kay's, und es ist fast zum Todtlachen, wenn man sieht, in welch verblüfftem Staunen sich die Passagiere darin ergeben, wenn ihnen die Träger ohne Weiteres, als wenn sich dieß von selbst verstände, ihr Gepäck entreißen und damit fortrennen, der Himmel weiß wohin. Ein Margateboot hat an dem Werft angelegt, das Gravesendboot (das zuerst abgeht) liegt unmittelbar an diesem, und da durch übergelegte Planken mit einem Geländer einstweilen eine Verbindungsbrücke zwischen beiden Booten hergestellt ist, so trägt dieß nicht wenig dazu bei, die Verwirrung der Scene, welche ohnedieß schon groß genug ist, noch zu erhöhen.

»Gravesend?« fragte der starke Vater einer nicht minder starken Familie, die ihm unter dem Schutze der Mutter und einer Magd nachfolgt, wobei kein kleines Risico ist, daß nicht zwei oder drei von den Kindern in der Verwirrung verloren gehen. »Gravesend?«

»Gehen Sie nur gefälligst zu, Sir,« erwiederte der Aufseher. – »Das zweite Boot, Sir.«

Der Herr Papa, der nun eigentlich erst nicht weiß, woran er ist, und die Frau Mama, die eigentlich vor Besorgniß um ihre Küchlein ganz weg ist, sammt der ganzen Gesellschaft lassen sich nun in dem Margate-Boote nieder, wünschen sich Glück, daß sie noch so bequeme Sitze erhalten haben, und dann eilt der besorgte Vater zu dem Dampfkamine, um nach seinem Gepäcke zu sehen, von dem ihm eine dunkle Erinnerung vorschwebt, daß er es irgend einmal einem Manne gegeben habe, um es irgend wohin zu tragen. Aber kein Packet, das auch nur die entfernteste Aehnlichkeit mit dem seinigen weder in Größe noch Gestalt hätte, kann er entdecken, worauf der starke Vater sich sehr laut an einen Angestellten des Boots wendet und ihm den Fall in Gegenwart des Vaters einer andern Familie vorträgt, der ein kleiner schmächtiger Mann ist und vollkommen mit ihm (dem starken Vater) derselben Meinung ist, es sei hohe Zeit, daß endlich einmal etwas mit diesen Dampfboot-Compagnien geschehe, und wenn es die Corporationsbill nicht thun wolle, so müsse es Jemand anders thun; denn wahrlich, so dürfe man mit dem Eigenthum der Leute nicht umgehen; wenn das Gepäck nicht im Augenblick zur Stelle geschafft würde, so wolle er Sorge tragen, daß es in den Zeitungen bekannt gemacht werde, denn das Publikum brauche sich nicht zum Opfer solcher Monopolien machen zu lassen; worauf der Angestellte erwiedert, daß die Compagnie stets, seit sie als St. Kat'rine's Dock Company bestehe, Leben und Eigenthum in Schutz genommen hatte; wenn es die London-Bridge-Wharf-Company gewesen wäre, dann würde es ihn freilich nicht Wunder nehmen, denn er wisse leider wohl, daß die Moralität dieser Compagnie gar keine Garantie darbiete (sie sind nämlich Konkurrenten); er sei indeß überzeugt, daß hier nur ein Mißverständniß obwalte, und erbiete sich, einen feierlichen Eid abzulegen, daß der Herr sein Gepäcke finden werde, noch ehe er nach Margate komme.

Hier glaubt nun der starke Vater einen kapitalen Einwurf zu machen, wenn er erwiedert, daß er zufällig gar nicht im Sinne habe, nach Margate zu fahren, und daß auf dem Gepäcke mit schönen großen Buchstaben geschrieben stehe: »Passagiersgut nach Gravesend,« worauf der Angestellte hastig das Mißverständniß auseinandergesetzt und die Mutter, Magd und Kinder mit aller möglichen Eile an Bord des Gravesend-Boots spedirt werden, welches sie gerade noch zeitig genug erreichen, um die Entdeckung zu machen, daß wohl ihre Effecten aber die bequemen Sitze nicht mehr da sind. Jetzt ertönte die Glocke, welche das Zeichen zur Abfahrt des Gravesend-Bootes gibt, wie rasend, und es ist die höchste Zeit für die Leute, im Doppelschritt hinein oder heraus zu rennen; die Glocke schweigt, das Boot fährt ab; Leute, die von ihren Bekannten an Bord Abschied nehmen wollten, werden gegen ihren Willen mit fortgenommen, und andere, die sich von ihren Bekannten am Ufer verabschiedet haben, finden, daß dieß eine sehr unnöthige Ceremonie war, denn sie werden gar nicht mitgenommen. Die regelmäßigen Passagiere, welche Billete für die ganze Saison haben, gehen zum Frühstücke hinab; wer Morgenblätter gekauft hat, schickt sich an, sie zu lesen; und wer vorher noch nie den Fluß hinabgefahren ist, denkt, daß sowohl die Schiffahrt als das Wasser in der Ferne sich doch um ein Ziemliches besser ausnähmen.

Sind wir aber endlich in die Gegend von Blackwall gekommen, wo die Bewegung lebendiger zu werden beginnt, so ermuntern sich auch allmälig die Lebensgeister der Passagiere. Alte Frauen mit großen geflochtenen Handkörben gehen ernstlich an's Werk, tüchtigen Butterbroden den Garaus zu machen, und lassen dazwischen ein Weinglas herumgehen, welches häufig aus einer wie ein Magenwärmer aussehenden Flasche wieder gefüllt wird, wobei dann nicht wenig Fröhlichkeit herrscht; sie reichen es zuerst dem Gentleman mit der Fourragiermütze, der die Harfe spielt, theils zum Zeichen ihrer Zufriedenheit mit seinen bisherigen Leistungen; theils damit er dem »Alick,« der darnach tanzen möchte, den Dumbeldumdery spiele. Dieß geschieht sofort auch, und Alick in rothen wollenen Socken macht, zur unaussprechlichen Zufriedenheit des ganzen Familienzirkels, einige schwerfällige Sprünge auf dem Decke.

Junge Frauenzimmer, die den ersten Band eines neuen Romans im Arbeitsbeutel mitgebracht haben, werden außerordentlich sentimental, und verbreiten sich gegen Herrn Brown oder den jungen Herrn O'Brien, der ihnen über die Schulter gesehen, in sehr weitläufigen Redensarten über den blauen Himmel und die Klarheit des Wassers, worauf Herr Brown oder Herr O'Brien, wie es sich gerade trifft, in schmachtendem Tone erwiedert, daß er gegenwärtig kein Gefühl für die Schönheiten der Natur habe, und daß alle seine Gedanken und Wünsche sich nur in Einem Gegenstand concentrirten, worauf die junge Dame aufsieht, da ihr aber der Versuch, sich den Anschein zu geben, als merke sie nicht, was jener damit sagen wolle, nicht gelingt, so sieht sie wieder auf ihr Buch und kann das folgende Blatt nur mit großer Schwierigkeit umwenden, um Gelegenheit zu geben, ihre schöne Hand noch länger bewundern zu lassen.

Perspektive, Sandwiches und Grog (warm und kalt) werden nun sehr in Requisition gesetzt, und die blöden Leute, welche durch die Lucke zur Maschine hinabgesehen haben, sind nun sehr froh, endlich einen Gegenstand gefunden zu haben, über den sie mit Jemand sprechen können – und dazu noch einen sehr reichhaltigen Gegenstand – nämlich den Dampf.

»Wunderbares Ding, der Dampf, Sir.« – »Ja! (tiefer Seufzer) Allerdings, Sir.« – »Große Gewalt, Sir.« – »Ungeheuer – ungeheuer!« – »Viel geleistet durch Dampf, Sir,« – »Ja! (ein abermaliger Seufzer, um damit die ungeheure Großartigkeit des Gegenstandes zu bezeichnen, und pfiffiges Kopfschütteln) das darf man wohl sagen, Sir.« – »Und noch in seiner Kindheit, wie man sagt, Sir.« Diese und andere dergleichen neue Beobachtungen und Bemerkungen bilden gewöhnlich die Eröffnung einer Unterhaltung, die bis zum Schlusse der Fahrt dauert, und vielleicht den Grund zu einer oberflächlichen Bekanntschaft zwischen einem halben Dutzend Herren legt, welche, da ihre Familien in Gravesend wohnen, Saisonbillete genommen haben, und regelmäßig jeden Nachmittag an Bord speisen.

1 Genever: Gin

Eilftes Kapitel
Astley's Cirkus.

Nie sehen wir so einen großen, steifen, schwarzen, römischen Anfangsbuchstaben in einem Buche, an einem Ladenfenster, oder auch auf einem Mauerplakate, ohne daß er augenblicklich eine unbestimmte und verworrene Rückerinnerung an jene Zeit in uns hervorriefe, wo wir zuerst in die Mystereien des Alphabetes eingeweiht wurden. Wir bilden uns fast ein, noch die Nadel in der Hand der Lehrerin zu sehen, womit sie den Buchstaben zu folgen pflegte, um ihre Form unserer verwirrten Einbildungskraft noch fester einzuprägen, und stampfen unwillkürlich auf den Boden, wenn wir uns der harten Knochenfinger erinnern, mit denen die ehrwürdige alte Dame, die uns die ersten Grundsätze der Erziehung für wöchentlich neun Pence oder vierteljährig zehn Shilling und sechs Pence beibringen sollte, gewohnt war, unser jugendliches Haupt gelegentlich zu klopfen, um die konfusen Ideen, mit denen es gewöhnlich angefüllt war, in Ordnung zu bringen. Ein ähnliches Gefühl drängt sich uns in vielen anderen Fällen auf, aber es gibt keinen Ort, der die Rückerinnerung an unsere Kindheit uns so genau hervorzurufen vermöchte, als »Astley's Cirkus.« Damals gab es noch kein »königliches Amphitheater«: ebensowenig war bereits ein Ducrow aufgestanden, um das Licht klassischen Geschmacks und portablen Gases über die Sägespäne des Cirkus zu verbreiten; allein der Charakter des Platzes war im Ganzen derselbe – die Stücke des nämlichen – die Späße des Bajazzo ebenfalls – die Stallmeister waren eben so großartig – die Komiker eben so witzig – die Tragiker eben so heiser – und die wohlgearbeiteten Rosse mit demselben Geiste beseelt. Astley's Cirkus hat sich zu seinem Besten verändert, wir dagegen sind schlechter geworden. Unser theatralischer Geschmack ist dahin; und mit Scham müssen wir es gestehen, daß uns jetzt die Zuschauer weit mehr Spaß und Unterhaltung machen, als der Prunk, welchen wir einst so hoch schätzten.

Wir wollen einmal eine gewöhnliche Astley's-Gesellschaft an einem Oster- oder Johannisfeiertage beobachten: – Pa' und Ma', und neun bis zehn Kinder von fünf Fuß sechs Zoll bis zu zwei Fuß eilf Zoll herab, zwischen vierzehn und vier Jahren. Wir hatten gerade eines Abends unsern Sitz in einer Mittelloge eingenommen, als die nächste Loge genau von einer solchen Gesellschaft besetzt wurde, wie wir sie geschildert haben würden, wenn wir unser beau ideal einer Gruppe von Astley's-Besuchen abgezeichnet hätten.

Voran gingen drei kleine Knaben und ein kleines Mädchen, welchen Pa' – in sehr vernehmlicher Stimme unter der Logenthüre – die Anweisung ertheilte, die Vorderbank einzunehmen; dann wurden zwei kleinere Mädchen von einem jungen Frauenzimmer – augenscheinlich der Gouvernante – hereingeführt. Hierauf kamen abermals drei kleinere Knaben – gleich den ersten in blauen Jacken und dergleichen weiten Beinkleidern, mit übergeschlagenen Hemdkrägen – dann wurde ein Kind in einem langen Spitzenröckchen, das alle Zeichen des Staunens von sich gab und seine großen runden Augen so weit als möglich aufriß, über die Bänke herüber gehoben, wobei seine kleinen rothen Beinchen bedeutend zum Vorschein kamen; – endlich Ma' und Pa' und zuletzt der älteste Sohn, ein Junge von etwa vierzehn Jahren, der sich offenbar das Ansehen gab, als ob er gar nicht zu der Familie gehörte.

Die ersten fünf Minuten gingen darüber hin, den kleinen Mädchen die Shawls abzunehmen und ihre Haarschleifen in Ordnung zu bringen. Der sorgsamen Frau Mama entging es nicht, daß einer der kleinen Knaben hinter einem Pfeiler saß, wo er nichts sehen konnte: daher mußte sich die Gouvernante bequemen, hinter den Pfeiler zu kriechen und der Knabe wurde auf ihren Platz gehoben; dann musterte Pa' die Knaben und wies sie an, ihre Taschentücher einzustecken, und nachdem Ma' zuvor der Gouvernante mit Nicken und Winken angedeutet hatte, den Mädchen ihre Kleider mehr über die Schultern herab zu ziehen, erhob sie sich nun auch, um die kleine Truppe Revue passiren zu lassen – eine Inspektion, die ganz zu ihrer Befriedigung auszufallen schien, denn sie sah mit wohlgefälliger Miene auf Pa', der an dem andern Ende des Sitzes stand. Pa' gab den Blick zurück und blies mit vieler Emphase die Naslöcher auf; die arme Gouvernante aber guckte hinter dem Pfeiler hervor und suchte Ma's Augen, mit einem Ausdruck, der ihre Bewunderung für die ganze Familie aussprach. Zwei von den kleinen Knaben, die sich darüber in Erörterungen eingelassen hatten, ob Astley's Cirkus mehr als zweimal so groß als Drury Lane wäre, vereinigten sich endlich darüber, es »George« zur Entscheidung vorzulegen, worüber »George« – der kein anderer als der vorerwähnte junge Gentleman war – sehr ungehalten wurde und ihnen nicht gerade in den artigsten Ausdrücken zu verstehen gab, wie es höchst unschicklich wäre, seinen Namen mit so lauter Stimme an einem öffentlichen Orte zu rufen, worüber alle Kinder recht herzlich lachten und einer der kleinen Knaben der Meinung war, »George fange an, sich schon völlig für einen Mann zu halten,« wozu Pa' und Ma' selbst lachten. George (der einen Spazierstock trug und einen Bart zu cultiviren strebte) murmelte, »daß William stets noch in seiner Unverschämtheit bestärkt würde,« und nahm eine Miene tiefer Verachtung an, die er auch den ganzen Abend über beibehielt.

Die Vorstellung begann und das Interesse, welches die kleinen Knaben daran nahmen, war gränzenlos; Pa' interessirte sich augenscheinlich nicht minder dafür, obschon er sich – jedoch ohne Erfolg – viele Mühe gab, gleichgültig zu erscheinen. Was Ma' anbelangt, so war sie vollkommen außer sich über die Possen des Hauptcomödianten und lachte, daß die ungeheuren Schleifen auf ihrem großen Hute zitterten, worauf die Gouvernante abermals hinter ihrem Pfeiler hervorschielte und, so oft sie Ma's Blicken begegnen konnte, ihr Taschentuch vor den Mund nahm, um pflichtschuldigst ebenfalls in Lachkrämpfe auszubrechen. Als der Mann in dem glänzenden Waffenschmuck schwur, die Dame zu befreien, oder dabei unterzugehen, applaudirten die kleinen Knaben aus Leibeskräften, besonders ein kleines Kerlchen, das dem Anschein nach bei der Familie auf Besuch war und die ganze Zeit über mit einer kleinen Kokette von zwölf Jahren charmirt hatte, die ganz das Modell ihrer Mama in verjüngtem Maßstabe war. Sowohl sie, als die andern kleinen Mädchen, welche im Allgemeinen sogar mehr Koketterie besitzen, als viele ältere – waren ganz besonders erbost, als des Ritters Schildknappe die Kammerzofe der Prinzessin küßte.

Als die Vorstellungen im Cirkus begannen, stieg die Lust der Kinder auf's Höchste, und die Begierde, das, was vorging, genau zu sehen, trug über Pa's Gravität einen so vollständigen Sieg davon, daß er sich in der Loge erhob und eben so laut, als irgend Einer, applaudirte. So oft ein Reiterkunststück vorüber war, bog sich die Gouvernante nach Ma' herum und ließ sich von den Kindern ihre munteren Bemerkungen über das, was vorgegangen war, wieder erzählen, – und Ma' bot der Gouvernante in ihrer Freigebigkeit ihr Riechfläschchen an. Die Gouvernante, schon damit zufrieden, daß man nur Notiz von ihr genommen, zog sich wieder mit verklärtem Gesicht hinter ihren Pfeiler zurück, und die ganze Gesellschaft schien äußerst glücklich zu sein, mit einziger Ausnahme des Vortrefflichsten, der im Hintergrunde der Loge stand. Zu erhaben, sich um die Kinder zu bekümmern, und zu bedeutend, als daß sich Jemand um ihn bekümmert hätte, beschäftigte er sich damit, von Zeit zu Zeit an dem Orte, wo der Bart sein sollte, zu reiben, und stand in seinem Glanz völlig allein.

Wir fordern einen Jeden auf, der zwei- oder dreimal bei Astley's gewesen und demnach im Stande ist, die Beharrlichkeit zu würdigen, mit der genau dieselben Scherze, Abend für Abend und Saison für Saison, wiederholt werden, ob er nicht wenigstens durch einen Theil der Darstellungen unterhalten worden – nämlich durch die Scenen im Cirkus.

Wir unserer Seits gestehen gerne, daß wir, wenn der Kronleuchter mit seinen Gasstrahlen herabgelassen und der Vorhang aufgezogen ist, damit die außerhalb des Kreises Sitzenden um den halben Preis auch etwas sehen, und wenn die Orangenschalen aufgelesen und die Sägespähne mit mathematischer Genauigkeit in einen vollkommenen Zirkel ausgebreitet sind, uns in dieselbe heitere Stimmung versetzt fühlen, wie das jüngste Kind, und stimmen gewiß mit in das Lachen ein, das auf des Bajazzo's gellendes Geschrei »da bin ich!« folgt, wäre es auch nur um der alten Bekanntschaft willen. Wir können uns sogar unseres früheren Gefühls von Ehrfurcht gegen den Stallmeister nicht ganz erwehren, der dem Bajazzo mit einer langen Peitsche folgt, und mit würdevoller Grazie vor den Zuschauern seine Verbeugung macht. Hier ist aber von keinem unserer untergeordneten Stallmeister in Nankinröcken mit braunen Borten die Rede, sondern von dem wirklichen Stallmeister, der die ersten Reiter während ihrer Produktionen zu Fuß begleitet, stets eine auf der Brust mit einem Tischtuche wattirte Militärsuniform trägt und in diesem Costüme unwillkürlich an einen zum Braten hergerichteten Vogel erinnert. Er ist – aber warum wollten wir etwas beschreiben, von dem keine Feder auch nur eine annähernde Idee geben kann? Jedermann kennt ihn, und Jedermann erinnert sich seiner blank gewichsten Stiefeln, seines graziösen Wesens (einige Uebelwollende sind so bösartig, es steif zu nennen), des herrlichen Kopfes mit den schwarzen über der Stirne hoch gescheitelten Haaren und des Antlitzes mit der Miene tiefsten Denkens und poetischer Schwermuth. Dazu steht seine sanfte, angenehme Stimme im vollkommenen Einklange mit seinem noblen Benehmen, wenn er sich mit dem Bajazzo abgibt, und sich herabläßt, seinen Scherz mit ihm zu treiben; und die Art, wie er sich plötzlich im wiedererwachten Gefühl seiner Würde zusammennimmt und ausruft: »Nun, Monsieur Bajazzo, ist es Ihnen gefällig sich zu erkundigen, ob Miß Woolford bald kommt?« wird Jedermann ewig unvergeßlich sein. Der edle Anstand, mit dem er dann Miß Woolford in den Cirkus einführt, und wenn er ihr in den Sattel geholfen, ihrem fee'nhaften Renner rings im Kreise folgt, kann und wird gewiß nie verfehlen, einen tiefen Eindruck in dem Busen jedes anwesenden Dienstmädchens zu hinterlassen.

Wenn nun Miß Woolford und das Pferd und das Orchester, alle mit einander Athem schöpfen, so läßt er sich zu einem Dialog mit dem Bajazzo herab, ungefähr wie folgt: – (Bajazzo fängt an) »Herr Patron!« – »Nun, Monsieur Bajazzo?« (stets mit größter Höflichkeit) – »Wissen Sie wohl auch, daß ich in der Armee gedient habe, Herr Patron?« – »Nein, Monsieur Bajazzo.« – »Freilich hab' ich das, Herr Patron; ich kann auch exerciren.« – »Wirklich, Monsieur Bajazzo?« – »Soll ich es Ihnen etwa vormachen, Herr Patron?« – »Wenn Sie Lust dazu haben, Monsieur Bajazzo; lustig, – machen Sie!« (ein Hieb mit der langen Peitsche, und ein »da bedanke ich mich! – das ist nicht meine Liebhaberei!« von Seite des Hanswurstes.)

Nun wirft er sich auf den Boden und macht eine Menge gymnastischer Wendungen, krümmt sich ganz zusammen und wickelt sich wieder auf, macht schreckliche Grimassen, wie einer, der die fürchterlichsten Schmerzen hat, alles zum lauten Ergötzen der Gallerie, bis er durch einen abermaligen Hieb mit der langen Peitsche unterbrochen wird und den Auftrag erhält, nachzusehen »was Miß Woolford wünsche?« Jetzt schreit er zur unaussprechlichen Freude der Gallerie: »Nu, Miß Woolford, nach was darf ich gehen? was darf ich holen? was darf ich bringen? was darf ich suchen? was darf ich tragen, Ma'am?« Auf die mit bezauberndem Lächeln ausgesprochene Bitte der Dame, daß sie die beiden Fahnen wünsche, holt und überreicht er diese unter allerlei Grimassen; und wenn diese Ceremonie beendigt ist, bemerkte der Bajazzo witzig: – »he, he! o Herr Patron, Miß Woolford kennt mich; sie hat mich angelacht.« Abermals ein Hieb mit der Peitsche – das Orchester bricht auf einmal los – das Pferd bäumt sich, und Miß Woolford beginnt wieder ihren Rundritt mit aller Grazie – zum Entzücken sämmtlicher Zuschauer, jung und alt. Bei der nächsten Pause gibt es wieder Gelegenheit zu ähnlichen Witzen, wozu blos noch die weitere Posse kommt, daß, so oft Bajazzo gegen den Stallmeister drollige Grimassen macht, er ihm jedesmal den Rücken zuwendet; und wenn er endlich den Cirkus verläßt, springt er über seinen Kopf weg, nachdem er vorher seine Aufmerksamkeit anders wohin zu richten gewußt hat.

Hat einer unserer Leser wohl je die Classe von Leuten bemerkt, welche sich den Tag über unter den Thüren unserer kleinen Theater aufhalten? Selten wird man vorübergehen, ohne eine Gruppe von drei bis vier Menschen, die sich auf der Straße mit unbeschreiblicher Aufgeblasenheit, wie man sie kaum in den Gesellschaftszimmern der Gasthäuser trifft, und mit der wegwerfenden Miene des Bewußtseins ihrer Wichtigkeit, welche Leuten dieser Gattung so eigenthümlich ist, unterhalten. Sie scheinen stets zu glauben, sie seien auf der Bühne; sie sehen immer die Lampen vor sich. Jener junge Bursch in dem abgetragenen braunen Rocke und den ungeheuer weiten hellgrünen Beinkleidern trägt die Manschetten seines blau gestreiften Hemdes so prahlerisch zur Schau, als ob sie vom feinsten Linnen wären, und stülpt den weißen Hut vom vorletzten Sommer so zuversichtlich über das rechte Auge, als wenn er ihn erst gestern gekauft hätte. Man betrachte die schmutzigen weißen Berliner Handschuhe und das ärmliche seidene Taschentuch, das aus dem Busen seines knappen Rockes hervorsieht. Kann man ihn auch nur einen Augenblick ansehen, ohne zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß er derselbe herumwandernde Gentleman ist, der eine halbe Stunde lang einen blauen Oberrock, eine weiße Halsbinde und Beinkleider trägt, um dann wieder in seine abgetragenen dürftigen Kleider zu kriechen; der Abend für Abend von seinem großen Reichthum spricht – mit dem peinlichen Bewußtsein, daß er wöchentlich nur ein Pfund zu verzehren und seine Stiefel selbst zu putzen hat; der von seines Vaters Landhaus prahlt, mit der trübseligen Erinnerung an sein eigenes Hinterstübchen im New-Cut; und der als der begünstigte Liebhaber einer reichen Erbin flattirt und beneidet wird, während er sich erinnern muß, daß der Ex-Tänzer von der Familie erhalten werden muß und nun außer Engagement ist?

Neben ihm wird man vielleicht einen schmächtigen blassen Mann mit langem hageren Angesichte in fadenscheinigen schwarzen Kleidern erblicken, der in Nachdenken versunken mit einem Eschenstocke auf den Theil seines Stiefels klopft, wo sich einst der Absatz befand. Er hat die schwierige Aufgabe, prosaische Väter, tugendhafte Bediente, Pfarrer, Wirthe u. dgl. darzustellen.

Da wir gerade von Vätern reden, so möchten wir wohl den Wunsch aussprechen, einmal ein Stück zu sehen, in dem alle Personen Waisen wären. Die Väter sind immer große Hindernisse auf der Bühne und stets muß sich der Held oder die Heldin, wenn der Vorhang in die Höhe gegangen, in weitläufige Erörterungen über das einlassen, was vorgegangen ist, ehe der Vorhang aufgeht. Gewöhnlich fängt dieß so an:

»Es sind nun neunzehn Jahre, mein theures Kind, seit dich deine geliebte Mutter (hier wankt des alten Schelms Stimme) meiner Pflege anvertraut hat. Du warst damals noch ein Säugling« etc. etc. Oder haben sie – doch stets plötzlich – die Entdeckung zu machen, daß Jemand, mit dem sie während drei Akten in genauer Verbindung gestanden sind, ohne daß sie vorher die geringste Ahnung davon gehabt hätten, ihr eigenes Kind ist, in welchem Falle sie dann ausrufen: »Ha! Was sehe ich! Dieses Armband! Dieses Lächeln! Diese Papiere! Diese Augen! Darf ich meinen Sinnen trauen? Es muß es sein! – Ja – es ist's – es ist's – mein Kind!« – »Mein Vater!« ruft das Kind aus; dann fallen sie sich in die Arme, sehen einander über die Schultern, und das Haus zittert von drei Beifallsstürmen.

Um von dieser Abschweifung wieder zurückzukommen, – wir wollten nämlich sagen, daß es derlei Leute sind, die man vor den Thüren unserer Theater niedern Ranges in verschiedenen Conversationen und Attituden begriffen sieht. Bei Astley's sind sie stets zahlreicher als an andern Orten. Man wird in der Regel ein paar Burschen am Fenstergesimse sitzen sehen, während zwei oder drei Gentlemen in schmutzigschäbiger Eleganz mit gewürfelten Halstüchern und vergelbtem Linnenzeug umherlungern und vielleicht ein paar nachlässig in altes Zeitungspapier eingewickelte Tanzschuhe unter dem Arme tragen. Einige Jahre früher pflegten wir hinzustehen und diese Männer mit offenem Munde und geheimnißvoller Neugierde anzustaunen, – die Erinnerung daran nöthigt uns sogar in dem Augenblicke, wo wir dieses schreiben, noch ein Lächeln ab. Wir konnten damals nicht glauben, daß diese in lichtvoller Pracht strahlenden Wesen, in schneeweiße Tunica, salmenfarbigen Beinen und blauer Schärpe, die des Abends in all' dem Glanze der Beleuchtung, der künstlichen Blumen und der rauschenden Musik auf schneeweißen Rossen vor uns herumjagten, die liederlich aussehenden Creaturen sein könnten, wie wir sie beim Tage erblickten.

Wir können dieß kaum jetzt noch glauben. Von der niedrigern Klasse der Schauspieler haben wir Einiges gesehen, und man braucht seine Einbildungskraft nicht gewaltig anzustrengen, um sich zu überzeugen, daß der Liebhaber mit dem aufgeblasenen Schmutzigel, der komische Sänger mit dem Kerl, der bei dem Kruge das große Wort führt, oder der erste Tragöde mit dem bettelarmen Trunkenbolde dieselbe Person ist; – allein jene Andern sind geheimnißvolle Wesen, die man außer dem Cirkus nie sieht, und nie anders erblickt, als im Costüm von Göttern und Sylphen. Denn, wer hat je – mit Ausnahme Ducrow's, der wohl kaum unter diese gerechnet werden kann – einen Reiter von Astley's kennen lernen, oder wer sah einen solchen je anders, als zu Pferde? Kann unser Freund in der Militäruniform sich in einem abgetragenen Anzuge zeigen? oder sich zu den vergleichungsweise unwattirten Kleidern des gewöhnlichen Lebens herablassen? Unmöglich! Wir können – wir wollen es nicht glauben.

Zwölftes Kapitel
Der Jahrmarkt zu Greenwich.

Wenn – wie man zu sagen pflegt – die Parks die Lungen Londons sind, so möchten wir wohl fragen, was der Jahrmarkt von Greenwich ist? – Ein periodischer Anfall, etwa ein Frühlingsexanthem, ein dreitägiges Fieber, durch welches das Blut auf sechs Monate hinaus abgekühlt wird und an dessen Ende London eben so schnell und vollständig wieder zu seinen alten Gewohnheiten und zu seiner unermüdeten Industrie zurückkehrt, als ob gar keine Unterbrechung dazwischen gekommen wäre. In unseren jüngeren Jahren waren wir stets ein treuer Gast auf der Messe von Greenwich. Wir sind in allen möglichen Gattungen von Fuhrwerken hin und wieder heim gefahren und können mit gutem Gewissen nicht in Abrede ziehen, daß wir einst diesen Weg auf einem großen Leiterwagen, in Gesellschaft von dreizehn Herren und vierzehn Damen, einer Unzahl von Kindern nebst einem Bierfasse gemacht haben; und es schwebt uns eine dunkle Erinnerung vor, daß wir uns sogar später einmal auf dem achten Außenplatze, nämlich auf der Decke einer Miethkutsche, nach vier Uhr Morgens mit einer ziemlich verwirrten Idee von unserem Namen und unserer Wohnung erblickt haben. Seitdem sind wir älter, ruhiger und gesetzter geworden, und bringen unsere Oster- und alle andern Feiertage nirgends lieber zu, als in einer stillen Ecke, mit Leuten, deren wir nie überdrüssig werden; doch wird uns wohl noch etwas von dem Jahrmarkte zu Greenwich und dem, was sich dort zusammenfindet, erinnerlich sein. – Wenigstens wollen wir es versuchen.

Die Straße nach Greenwich stellt während des ganzen Ostermontags eine Scene ewiger geräuschvoller Lebendigkeit dar. Cabriolets, Miethkutschen, Chaisen, Kohlenwägen, Postkutschen, Omnibusse, Gesellschaftswägen, Gigs, Eselfuhrwerke, alle gepfropft voll Menschen – denn es kommt nie darauf an, was das Pferd ziehen, sondern nur was der Wagen fassen kann – rollen mit möglichster Eile auf der Straße hin – Wolken von Staub verfinstern die Luft – Ingwer-Bier-Pfröpfe fliegen knallend in die Höhe – die Balkone aller Wirthshäuser sind mit Rauchern und Trinkern angefüllt – die Hälfte der Privathäuser sind in Theeschenken umgewandelt – alle Fidler sind in Bewegung – jeder Obstladen ist mit vergoldeten Pfefferkuchen und Pennywaaren angefüllt – die Schlagbaumwärter sind in Verzweiflung – hier Pferde, die nicht mehr ziehen, dort Fuhrwerke, welche herein wollen – Damen auf »Caravanenwagen« schreien bei jedem neuen Stoße, als ob sie am Spieße stäken, und ihre Verehrer halten es für Pflicht, sich so dicht als möglich an sie anzuschließen, um ihnen Muth zu machen; Dienstmädchen aller Art, die sonst nicht ausgehen dürfen, erhalten heute Urlaub, und widmen ihre ganze Zeit dem getreuen Liebhaber, der sonst jeden Abend an der Straßenecke einer verstohlenen Zusammenkunft entgegenharrt, wenn seine Schöne nach Bier geschickt wird – die Lehrbursche werden sentimental und die Strohhutflechter zart; – Jedermann sorgt nur dafür, den Tag so viel als möglich zu genießen, und der allgemeine Wunsch ist, so bald als nur immer möglich auf den Markt oder in den Park zu kommen.

Fußgänger machen gruppenweise an der Straße Halt, unvermögend den Lockungen der wohlbeleibten Eigenthümerin des »Schachtelmännchens – drei Shilling für einen Penny,« oder den noch glänzenderen Anträgen des Mannes zu widerstehen, welcher drei Fingerhüte und eine Erbse auf einem runden Brettchen vor sich hat und die neugierige Menge ungefähr mit folgenden Worten in Erstaunen setzt, »hier ist zu sehen ein Spiel, das euch noch sieben Jahre nach eurem Tode zum Lachen bringen wird, und wovon jedes Haar auf eurem Kopf vor Lust grau werden soll! Drei Fingerhüte und eine kleine Erbse – mit eins, zwei, drei, und mit zwei, drei, eins: fange sie, wer kann, paß't 'mal auf, macht eure Augen auf! Nur lustig herbei; Keinen wird sein Geld reuen: all's hübsch 'ran, immer 'ran; wer nicht wagt, gewinnt nicht, – wer das Glück hat, führt die Braut heim! Wettet, Gentl'm'n, von 'ner halben Krone bis zu 'nem Souv'rän, es kann mir keiner sagen unter welchem Fingerhut die Erbse ist.« Hier flüstert ein Gelbschnabel seinem Freunde zu, daß er genau bemerkt habe, wie die Erbse unter den mittlern Fingerhut gerollt sei; – ein in der Nähe stehender Herr mit Stulpstiefeln bestätigt dieß sogleich und setzt in leisem Tone hinzu, er bedaure, nicht selbst wetten zu können, er habe leider seine Börse vergessen; der Fremde solle aber ja diese goldene Gelegenheit nicht vorüber gehen lassen. Der Same ist nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen; die Wette wird angenommen, der Fremde verliert natürlich, und während der Gentleman mit den Fingerhüten das Geld einstreicht, tröstet er ihn, mit der Versicherung, »so ist das Glück im Spiel! Dießmal gewinn' ich, 's nächstemal Sie. Wer wird den Verlust von zwei Schillingen und sechs Pencen anschlagen! Setzen Sie nochmal, so können Sie's wieder holen. Allhier können Sie sehen das Spiel u. s. w.« und er richtet seinen beredten Vortrag mit allerlei Variationen, wie sie dem Sprecher seine Phantasie eingibt, abermals an die gaffende Menge, welche durch neue Ankömmlinge sich immer mehr vergrößert.

Der Haupttummelplatz den Tag über ist, nächst den Wirthshäusern, der Park, wo die vorzüglichste Unterhaltung darin besteht, die jungen Damen den steilen Hügel, der zum Observatorium führt, hinauf zu schleppen und dann mit reißender Schnelligkeit wieder herab zu zerren, so daß Locken und Hüte zur augenscheinlichsten Erbauung der unten Stehenden in die äußerste Unordnung gerathen. »Küssen im Kreise,« und »der Großmutter die Nadel einfädeln« gehören ebenfalls zu den beliebtesten Spielen. Liebeskranke Schäfer, deren zarte Neigung unter dem Einflusse des Grog noch wächst, werden gewaltsam zärtlich und zuthunlich, und die zarten Gegenstände ihrer Verehrung steigern den Werth der gestohlenen Küsse noch durch Sträuben und Abwenden des Kopfes: »Ach! lassen Sie mich doch gehen, George – O, kitzle ihn doch, Mary! – Warum nicht gar, das fällt mir nicht ein!« und ähnliche, einer Lukretia würdige Stoßgebetlein. Alte Männlein und Weiblein, mit einer kleinen Korbflasche unter dem Arme und einem Weinglase ohne Fuß in der andern Hand, bieten den verschiedenen Gruppen »einen Tropfen vom Aechten« an, und junge Damen, welche man beredet hat, einen Tropfen von vorbesagtem Aechten zu kosten, sträuben sich auf die ergötzlichste Weise dagegen, einen zweiten »zu nehmen« und husten nachher mit großem Anstand.

An die alten Invaliden, welche für die mäßige Belohnung von einem Penny das Mast-Haus, die Themse, den Einschiffungs-Platz, den Platz, wo die Kriegsschiffe vor Anker liegen und andere interessante Ansichten durch ein Teleskop sehen lassen, werden Fragen über die verschiedenen Gegenstände innerhalb des Sehkreises der Gläser gestellt, deren Beantwortung einen Salomo in Verlegenheit bringen könnte, denn man verlangt von ihnen, daß sie besondere Häuser in besonderen Straßen herausfinden sollen, die zu entdecken selbst für Herrn Horner (nicht der junge Gentleman, der Fleischpastetchen mit dem Daumen ißt, sondern der Mann, der vom Colosseum her bekannt ist) schwierig gewesen wäre. An manchen Orten, besonders wo etliche Liebespaare beisammen auf dem Grasboden sitzen, sieht man ein sonnverbranntes Weib in rothem Mantel, welches wahrsagt und Männer prophezeit, deren Personal-Beschreibung gerade keine besonders genaue Observation erfordert, da sie die Originale vor sich hat. Die betreffende Dame lacht und erröthet, verbirgt ihr Gesicht hinter einem unechten Cambric-Taschentuche, und der ihr prophezeite Herr ist über die Maßen entzückt, drückt ihr die Hand, und belohnt die Zigeunerin reichlich; diese geht ganz zufrieden fort, läßt die hinter ihr eben so zufrieden zurück und die Prophezeihung geht ihrer Zeit eben so gut in Erfüllung, wie andere Prophezeihungen von größerer Wichtigkeit.

Doch nun beginnt es dunkel zu werden. Die Menge hat sich nach und nach verloren und nur noch einige Herumstreicher bleiben zurück. Die von der Gegend der Kirche herkommende Helle beweist, daß der Marktplatz schon beleuchtet ist, und an dem Lärmen hört man, daß es sehr voll sein muß. Der Platz, auf dem eine halbe Stunde früher das Toben ausgelassener Fröhlichkeit herrschte, ist nun so still und ruhig, als ob seine Ruhe nie gestört worden wäre; die herrlichen alten Bäume, die majestätischen Gebäude zu ihren Füßen und der im Mondschein glänzende stattliche Fluß stellen sich uns in all' ihrer Schönheit und ihrer günstigsten Beleuchtung dar; die Stimmen der ihr Abendlied singenden Knaben dringen sanft zu unseren Ohren und der niedrigste Handarbeiter, welcher von dem weichen Grasteppiche nicht wegkommen kann, weil es den Füßen, die gewohnt sind, von Woche zu Woche dieselbe dämische Runde auf dem Londoner Straßenpflaster zu machen, so wohl thut, fühlt sich, wenn er um sich blickt, von Stolz durchdrungen bei dem Gedanken, daß er einem Lande angehört, welches einen solchen Ort zum Ruhesitze für seine ältesten und ausgezeichnetsten Vertheidiger ausgesucht hat, damit sie die Neige ihres Lebens dort in Muße genießen können.

Ein Gang von fünf Minuten bringt dich auf den Markt, zu einer Scene, die darauf berechnet scheint, Gefühle ganz anderer Art zu erwecken. An dem Eingang zu beiden Seiten sitzen Pfefferkuchen- und Spielwaarenhändler, ihre Buden sind lustig beleuchtet; die anziehendsten Sachen liegen in Menge umher und junge Mädchen ohne Hüte fassen dich, in ihrem Eifer für das Interesse ihres Herrn, beim Rocke und wenden alle mögliche Ueberredungskünste an, z. B. »Mein schöner Herr – kaufen Sie 'was Hübsches – Gehen Sie nicht so vorbei u. s. f.,« um dich zu verleiten, ein halbes Pfund ächter Pfeffernüsse zu kaufen, von denen die Mehrzahl der gewöhnlichen Marktgäste ein oder zwei Pfund zu Geschenken in einem baumwollenen Taschentuche mit heim trägt. Gelegentlich kommst du an einem tannenen Tische vorüber, auf dem Stückchen eingepöckelter Salmen (mit Fenchel) in kleinen weißen Näpfchen aufgestellt sind; Austern mit Schalen, so groß als Käseteller und eine mannigfaltige Auswahl einer Art Schnecken (Trompetenschnecken genannt) schwimmen in einer fast wie Galle aussehenden grünen Flüssigkeit. Auch nach Cigarren ist große Nachfrage, denn die Gentlemen müssen ganz natürlich geraucht haben, und hier kann man sie ja haben – zwei für einen Penny und zwar aus einem ächten authentischen Cigarrenkistchen von Havannah; ein auf dem Tische stehendes brennendes Talglicht erleichtert das Anzünden.

Bilde dir nun ein, lieber Leser, du befändest dich in einem ungewöhnlich dicht gedrängten Haufen, der dich hin und her und heraus und hinein schiebt, kurz jeden Weg, nur den rechten nicht; denke dir dazu das Gekreisch der Weiber, das Schreien der Knaben, das Rasseln der Trommeln, das Abfeuern der Pistolen, das Läuten der Glocken, das Schmettern der Trompeten, das Quäcken der Pennypfeifen, das Lärmen von einem halben Dutzend Musikbanden, deren jede drei Trommeln hat und die alle zu gleicher Zeit je verschiedene Stücke spielen, das Ausrufen von Männern mit Raritäten, dazwischen das Gebrüll der wilden Thiere in der Menagerie – und dann bist du im eigentlichen Mittelpunkte, im Herzen des Marktes. Jene ungeheure Bude mit der großen Schaubühne, die du so glänzend mit bunten Lampen und brennenden Fettämpelchen illuminirt siehst, ist die von »Richardson«, wo dir ein Melodrama (in dem drei Mordthaten und ein Geist vorkommen), eine Pantomime, ein komisches Singspiel, eine Ouvertüre und allerhand andere Musik – Alles in fünfundzwanzig Minuten aufgetischt wird.

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