Kitabı oku: «Eine Geschichte von zwei Städten»
Charles Dickens
Eine Geschichte von zwei Städten
Impressum
Covergestaltung: Olga Repp
Illustrationen: Hablot Knight Browne
Übersetzer: Carl Kolb
Digitalisierung: Gunter Pirntke
2017 andersseitig.de
ISBN
9783961183210 (ePub)
9783961183227 (mobi)
andersseitig Verlag
Dresden
www.andersseitig.de
info@new-ebooks.de
(mehr unter Impressum-Kontakt)
Inhalt
Impressum
Einleitung.
Erstes Buch. Ins Leben zurückgerufen.
Erstes Kapitel. Die damalige Zeit.
Zweites Kapitel. Der Postwagen.
Drittes Kapitel. Nächtliche Schatten.
Viertes Kapitel. Die Vorbereitung.
Fünftes Kapitel. Die Weinschenke.
Sechstes Kapitel. Der Schuhmacher.
Zweites Buch. Der goldene Faden.
Erstes Kapitel. Fünf Jahre später.
Zweites Kapitel. Ein Spektakel.
Drittes Kapitel. Eine getäuschte Erwartung.
Viertes Kapitel. Glückwünsche.
Fünftes Kapitel. Der Schakal.
Sechstes Kapitel. Hunderte von Leuten.
Siebentes Kapitel. Ein vornehmer Herr in der Stadt.
Achtes Kapitel. Ein vornehmer Herr auf dem Lande.
Neuntes Kapitel. Das Gorgonenhaupt.
Zehntes Kapitel. Zwei Zusagen.
Elftes Kapitel. Ein Kameradschaftsbild.
Zwölftes Kapitel. Der Mann von Zartgefühl.
Dreizehntes Kapitel. Der Mann ohne Zartgefühl.
Vierzehntes Kapitel. Der ehrliche Gewerbsmann
Fünfzehntes Kapitel. Strickzeug.
Sechzehntes Kapitel. Noch mehr Strickzeug.
Siebzehntes Kapitel. Ein Abend.
Achtzehntes Kapitel. Neun Tage.
Neunzehntes Kapitel. Ein ärztliches Gutachten.
Zwanzigstes Kapitel. Eine Bitte.
Einundzwanzigstes Kapitel. Widerhallende Fußtritte.
Zweiundzwanzigstes Kapitel. Immer höhere See.
Dreiundzwanzigstes Kapitel. Feuer hoch!
Vierundzwanzigstes Kapitel. Hin nach dem Magnetfelsen.
Drittes Buch. Der Lauf eines Gewitters.
Erstes Kapitel. Ins Geheimnis
Zweites Kapitel. Der Schleifstein
Drittes Kapitel. Der Schatten
Viertes Kapitel. Windstille im Gewitter
Fünftes Kapitel. Der Holzspalter
Sechstes Kapitel. Triumph
Siebentes Kapitel. Ein Klopfen an die Tür
Achtes Kapitel. Eine Handvoll Karten.
Neuntes Kapitel. Das Spiel geordnet
Zehntes Kapitel. Der Körper des Schattens
Elftes Kapitel. Dämmerung
Zwölftes Kapitel. Dunkelheit
Dreizehntes Kapitel. Zweiundfünfzig
Vierzehntes Kapitel. Ausgestrickt
Fünfzehntes Kapitel. Die Fußtritte verhallen für immer
Einleitung.
Nach »Klein Dorrit«, dem Roman, der sich ganz mit dem Privatleben befaßt, nämlich mit der Seele eines reinen Kindes und seiner armen Umwelt, ließ Dickens 1859 die Erzählung »Zwei Städte« ( Tale of two cities) folgen, die der Geschichte große Gegenstände zum Hintergrund der Handlung hat. Die zwei Städte sind London und Paris im Zeitalter der französischen Revolution, und wie nun Dickens diese schicksalsschwere Epoche, erlebt durch einzelne Menschen, darstellt, wie er den Widerhall dieses elementaren Gesellschaftsereignisses in London und in seiner Umwelt wiedergibt, das zeugt von einer schlechterdings kaum zu überbietenden Meisterschaft. Darum gibt es viele Literaturkenner, die dieses Werk Dickens' als seine beste Leistung überhaupt ansprechen.
Das tragische »Muß« der Revolution, ihre furchtbare Notwendigkeit wird von Dickens mit tiefem historischen Verständnis in seiner Darstellung aufgezeigt. Wenn die geduldigen unterdrückten Volksmassen nirgends Recht finden können, weil die herrschende Klasse in bösestem Egoismus ihnen keinen Raum zum Atmen läßt, dann wiederholt sich im Wandel der Jahrhunderte immer wieder das Phänomen der gewaltsamen Umwälzung und Befreiung. Dann aber springt mit dem Genius der Freiheit auch der Dämon der Gier und die Bestie im Menschen aus der Volksseele hervor, und die Ideen der Gleichheit und der Brüderlichkeit können sich nicht sündlos halten von pöbelhafter Blutgier. Die Sünde der Reichen wird heimgesucht an deren unschuldigen Kindern, und aus eben jener Sünde der Reichen erwächst die Sünde der Armen in Formen furchtbarer Rache. Das Geschlecht der Evrémondes hat in frivoler Genußsucht entsetzlich an den Untergebenen gesündigt, und nun führt Dickens aus, wie die Strafe oder die Vergeltung deren schuldlose Nachfahren trifft. Dickens zeigt, welche verheerende Wendung die Revolution bei den rasenden Volksmassen nimmt. Er malt die furchtbaren Tage, da die Guillotine ihre Triumphe feiert; aber er zeigt auch dem Adel, dessen Sittenlosigkeit und Tyrannei zu alledem führte, seine Schuld, seine Riesenschuld. Er schildert zuständlich; er ist mit ganzem Herzen dabei, ohne einseitig Partei zu nehmen. Er ist Dichter und »steht auf einer höhern Warte, als auf der Zinne der Partei«. Er ist »dichterisch-objektiv«, und darum ergreift dieses Werk den Leser in so besonderem Maße, weil dieser dadurch unmittelbar in die Tragik des Menschenlebens geschichtlich großen Stils geführt wird. Der Roman bietet hier dasselbe Beste, was das Drama hervorragenden Formats zu bieten hat: die Frage an das Weltenschicksal, das Warum, das uns auf den »Brettern, die die Welt bedeuten«, erschüttert und erhebt. – Nur am Rande angemerkt sei auch hier wieder die meisterliche Zeichnung der lebensechten Figuren. – Dadurch, daß das Ganze durch die Bande der Liebe nach England hinüberspielt, erhalten wir zugleich ein eindrucksvolles Spiegelbild der französischen Revolution im englischen Geistes- und Kulturleben.
Bei diesem vorletzten Band der Dickens-Werke aus dem Gutenberg-Verlag hat ebenso wie bei dem letzten Band, der die Weihnachtserzählungen bringt, Frau Clara Weinberg dem Herausgeber bei der Textrevision freundlichst mitgeholfen.
Paul Th. Hoffmann
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Erstes Buch. Ins Leben zurückgerufen.
Erstes Kapitel. Die damalige Zeit.
Es war die beste und die schönste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis. Es war der Frühling der Hoffnung und der Winter des Verzweifelns. Wir hatten alles, wir hatten nichts vor uns; wir steuerten alle unmittelbar dem Himmel zu und auch alle unmittelbar in die entgegengesetzte Richtung – mit einem Wort, die Periode glich der unsrigen so wenig, daß ihre lärmendsten Tonangeber im Guten wie im Bösen nur den Superlativgrad des Vergleichens auf sie angewendet wissen wollten.
Auf dem Thron von England saß damals ein König mit einem mächtigen Kieferwerk und eine Königin mit einem einfachen Gesicht. Den Thron von Frankreich zierte ein Herrscherpaar von ganz den nämlichen Eigenschaften. Und in beiden Ländern erschien es der königlichen Umgebung, Mundschenk, Truchseß und so weiter, klarer als Kristall, daß im allgemeinen der Stand der Dinge geordnet sei für alle Zeiten.
Es war das Jahr unseres Herrn Eintausendsiebenhundertundfünfundsiebenzig. England erfreute sich damals wie noch heute der Gnade geistiger Offenbarungen. Mrs. Southcott hatte eben ihren gebenedeiten fünfundzwanzigsten Geburtstag zurückgelegt, auf dessen erhabenes Herannahen ein prophetischer Leibgardist die Welt durch die Ankündigung hingewiesen hatte, man möge sich darauf gefaßt halten, daß London und Westminster von der Erde verschlungen werden würden. Sogar der Hahnengassengeist war erst seit einem Dutzend Jährchen zur Ruhe gebracht, nachdem er seine Botschaften in derselben Weise, wie seine übernatürlich unoriginellen Nachfolger erst im letztabgelaufenen Jahr noch getan, durch Klopfen kundgegeben hatte. Botschaften im irdischen Sinn des Wortes waren jüngst der englischen Krone und Nation von einem Kongreß britischer Untertanen in Amerika zugegangen und haben seltsamerweise einen weit wichtigeren Einfluß auf das menschliche Geschlecht geübt als alle Mitteilungen, die seitdem von der Sippe der Hahnengassengeister hervorgegackert worden sind.
Mit Frankreich, das, was geistige Dinge betrifft, im ganzen weit weniger begünstigt ist als sein Schwesterland mit dem Schild und dem Dreizack, ging es ungemein glatt und hurtig bergab, indem es Papiergeld machte und es verjubelte. Unter der Führung seiner christlichen Hirten vergnügte es sich nebenbei mit allerlei menschenfreundlichen Belustigungen, indem es zum Beispiel über einen jungen Menschen, der unter strömendem Regen zu Ehren einer fünfzig oder sechzig Schritt vor ihm vorübergehenden Mönchsprozession nicht in den Staub knien wollte, sein Urteil dahin aussprach, daß man ihm die Hände abhauen, die Zunge herausreißen und seinen noch lebenden Leib verbrennen solle. Wohl möglich, daß um die Zeit, in der dieser arme Unglückliche seinen grausamen Tod erlitt, der Holzhauer Schicksal in den Wäldern Frankreichs oder Norwegens bereits die Bäume zum Fällen und für die Sägemühle bezeichnet hatte, deren Bretter zur Herstellung eines in der Geschichte mit Schrecken genannten beweglichen Gerüstes mit einem Sack und einem Beil dienen sollten. Möglich auch, daß in der Umgegend von Paris unter den rohen Schuppen der bäuerlichen Gehöfte von ländlichem Staub bespritzte, von Schweinen umschnüffelte und als Hühnersteigen dienende Karren standen, die der Bauer Tod sich schon vorgemerkt hatte, um das Futter der Revolution herbeizuführen. Jener Holzhauer und jener Bauer sind unablässig in Tätigkeit; aber sie arbeiten im stillen fort, und niemand hört ihren leisen Tritt. Um so besser, denn der Argwohn, daß sie wach seien, hätte für atheistisch und hochverräterisch gegolten.
In England konnte man sich auf Ordnung und öffentlichen Schutz nicht eben viel zugute tun. Verwegene Einbrüche durch bewaffnete Kerle und Beraubungen auf offener Straße kamen selbst in der Hauptstadt fast jede Nacht vor. Man warnte die Familien, nicht aufs Land zu ziehen, ohne daß sie vorher ihre Einrichtung in einem Speditionsgeschäft geborgen hatten. Der nächtliche Räuber war bei Tag ein Geschäftsmann in der Stadt, und wenn er von irgendeinem Gewerbsgenossen, den er in seiner Eigenschaft als »Kapitän« anhielt, erkannt und mit mißliebigen Vorstellungen behelligt wurde, so schoß er ihn ritterlich durch den Kopf und spornte sein Roß weiter. Der Postwagen wurde von sieben Räubern angefallen; der Führer schoß drei davon nieder, erlag aber selbst den andern vieren, »weil ihm die Munition ausgegangen war«, und nun erst konnte der Wagen mit Behaglichkeit geplündert werden. Der Lord-Mayor von London, diese hochmächtige Person, mußte auf dem Turnhamer Rasen einem einzelnen Straßenräuber standhalten und angesichts seines Gefolges seinen werten Leib von dem Galgenstrick ausplündern lassen. Gefangene in den Londoner Gefängnissen lieferten ihren Schließern förmliche Schlachten, und die Majestät des Gesetzes ließ sie mit Musketensalven zu Paaren treiben. In den Salons des Hofes stibitzten Diebe den vornehmen Herren Diamantenkreuze von den Hälsen weg. Musketiere zogen nach St. Giles, um nach Schleichwaren zu fahnden, und wurden von einem Pöbelhaufen, den sie ihrerseits in der gleichen Weise bearbeiteten, mit Schüssen empfangen. Das waren lauter Dinge, die man für nichts Außerordentliches ansah. Dabei hatte der Henker alle Hände voll zu tun, indem er das eine Mal die unterschiedlichen Verbrecher in langen Reihen aufknüpfte, ein andermal sein Amt Samstags an einem einzelnen Hauseinbrecher übte, der am Dienstag ergriffen worden war, heute in Newgate dem Dutzend nach Leuten die Hand brandmarkte, morgen vor dem Tor von Westminsterhall Flugschriften den Flammen übergab, und dann wieder einen trotzigen Mörder und einen armen Strauchdieb, der einem Bauernbuben ein Sechspencestück abgejagt hatte, in die Ewigkeit beförderte.
Alles dies und noch tausend ähnliche Dinge geschahen, begannen und endigten in dem lieben alten Jahr Eintausendsiebenhundertundfünfundsiebenzig. Und auf dem Schauplatz dieser Ereignisse traten, während der Holzhauer und der Bauer unbeachtet fortarbeiteten, jene beiden mächtigen Kieferwerke und jenes Paar einfacher schöner Frauengesichter geräuschvoll genug auf und behaupteten ihre göttlichen Rechte mit gewaltiger Hand. So führte das Jahr Eintausendsiebenhundertundfünfundsiebenzig ihre Majestäten sowohl wie die Myriaden kleiner Wesenheiten, darunter auch die Personen unserer Geschichte, dahin auf den vor ihnen liegenden Pfaden.
*
Zweites Kapitel. Der Postwagen.
Es war die Doverstraße, die an einem Freitag des November spät abends vor der ersten der Personen lag, mit denen unsere Erzählung zu schaffen hat, und auf derselben Straße wackelte auch die Postkutsche von Dover Shooter's Hill hinan. Die Person stampfte gleich den übrigen Personen neben dem Wagen im Schlamm bergan – nicht weil den Umständen nach ein Spaziergang besonderes Vergnügen gewährte, sondern weil die Steigung so jäh, das Pferdegeschirr so lästig, der Schmutz so tief und die Kutsche so schwer war, daß die Rosse schon dreimal hatten halten müssen und außerdem einmal sogar die meuterische Absicht verraten hatten, mit Sack und Pack wieder nach Blackheath umzukehren. Doch kannten Zügel und Peitsche, Postknecht und Schaffner gemeinsam jenen Kriegsartikel, der die Annahme verbot, daß es mit Verstand begabte Tiere gäbe; und obgleich dieser Satz eher eine schonende Behandlung begründen sollte, hatte man doch durch die gegenwärtige erzielt, daß das Gespann kapitulierte und zu seiner Pflicht zurückkehrte.
Mit gesenkten Köpfen und zitternden Schweifen arbeiteten sich die Pferde durch den tiefen Straßenschlamm, indem sie zwischenhinein zappelten und strauchelten, als wolle bei ihnen alles aus den Gelenken gehen. Sooft der Kutscher sie mit einem behutsamen »Oha!« haltmachen ließ, schüttelte das nächste Handpferd ungestüm den Kopf und das dahinter befindliche Geschirr, gleichsam um mit ungewöhnlicher Emphase anzudeuten, daß die Kutsche da nicht hinaufzubringen sei. Und wenn das Roß in solcher Weise rasselte, fuhr der Passagier, wie ängstliche Reisende zu tun pflegen, zusammen und zeigte eine traurige Miene.
Auf allen Taleinschnitten lag ein qualmender Nebel, der sich in seiner Trübseligkeit bergan wälzte wie ein böser Geist, der Ruhe sucht, ohne sie finden zu können. Er war feucht und ungemein kalt und bewegte sich in langsam aufeinanderfolgenden kleinen Wellenzügen, denen eines faulen Seestriches nicht unähnlich, durch die Luft. Sein Gewölk ließ das Licht der Kutschenlaternen nur auf ein paar Schritte unterscheiden, und der Dampf der sich abmühenden Pferde ging darin auf, so daß man meinen konnte, die abgehetzten Tiere seien die Quelle des ganzen Nebelmeeres.
Außer dem gedachten Reisenden schritten noch zwei andere neben der Kutsche her. Alle drei waren bis über die Ohren verhüllt und trugen Stulpenstiefel. Keiner davon hätte nach dem Augenschein sich ein Urteil über das Aussehen des andern bilden können, und jeder war gegen die Geistesaugen seiner beiden Mitpassagiere ebenso verhüllt wie gegen ihre leiblichen. In jenen Tagen hütete man sich wohl vor allzu schneller Vertraulichkeit, da jeder, dem man auf der Straße begegnete, ein Räuber oder der Verbündete von Räubern sein konnte. Mit Charakteren der letzteren Gattung traf man besonders leicht zusammen, denn jedes Posthaus, jede Schenke konnte jemanden aufweisen, der im Solde des »Kapitäns« stand, mochte es nun der Wirt selbst oder irgendein unscheinbarer Stallbediensteter sein. So dachte auch der Lenker der Doverpost an jenem Freitagabend des Novembers Siebzehnhundertfünfundsiebzig, während er, Shooters Hill hinanholpernd, in seinem Kasten hinten auf dem Wagen stand, sich die Füße klopfte und weder Auge noch Hand von der Truhe vor ihm verwandte, in der auf einem Unterbau von Stutzsäbeln ein geladener Musketon und sechs oder acht geladene Reiterpistolen lagen.
Die Doverpost befand sich wie gewöhnlich in der angenehmen Lage, daß der Wagenführer die Reisenden und jeder Reisende seine Mitpassagiere und den Wagenführer, kurz, einer den andern beargwöhnte und der Postillion sich auf niemand als auf seine Pferde verlassen mochte, obschon auch er, sofern das liebe Vieh in Frage kam, es mit gutem Gewissen auf beide Testamente hätte beschwören können, daß es nicht für eine solche Reise paßte.
»Oha!« rief der Postillion. »So recht. Jetzt nur noch einen Zug, und ihr seid droben. Hol' euch der Teufel dafür, denn ich habe Not genug gehabt, euch hinaufzubringen. – Joe!«
»Holla!« entgegnete der Wagenführer.
»Wieviel Uhr schätzt Ihr, Joe?«
»Gut zehn Minuten über elf.«
»Oh, Mord und Tod«, rief der Postknecht ärgerlich, »und noch nicht einmal auf dem Shooter. Zu – hü! Vorwärts mit euch!«
Das emphatische Pferd, das in einem Akt der entschlossensten Verneinung von der Peitsche erreicht worden war, fing wieder kräftig an zu klettern, und die drei andern Rosse folgten seinem Beispiel. Noch einmal arbeitete sich die Doverpost vorwärts, und die Stulpstiefel der Reisenden klatschten nebenher. Sie hatten mit dem Wagen haltgemacht und demselben treulich Gesellschaft geleistet. Wäre einem von den dreien der vermessene Gedanke gekommen, den andern den Vorschlag zu machen, sie wollten in Dunkel und Nebel ein wenig vorausgehen, so hätte er sich damit sicher der Gefahr ausgesetzt, auf der Stelle als Straßenräuber niedergeschossen zu werden.
Der letzte Anlauf brachte den Postwagen auf die Höhe des Berges. Die Pferde hielten wieder an, um sich zu verschnaufen, und der Wagenlenker stieg ab, um für die kommende Bergsenkung den Radschuh einzulegen und den Passagieren den Kutschenschlag zu öffnen.
»Pst, Joe!« sagte der Postillion in warnendem Ton, indem er von seinem Bock niederschaute.
»Was wißt Ihr, Tom?«
Beide lauschten.
»Ich höre ein Pferd uns nachtraben, Joe.«
»Und ich sag', es galoppiert, Tom«, versetzte der Wagenlenker, indem er seinen Schlag losließ und hurtig nach seinem Platz hinaufkletterte. »Meine Herren, in des Königs Namen, geschwind eingestiegen!«
Der für unsere Geschichte vorgemerkte Passagier stand eben auf dem Kutschentritt und wollte hinein; die beiden andern hielten sich dicht hinter ihm und waren im Begriff, ihm zu folgen. Der erstere blieb halb in, halb außer der Kutsche auf seinem Tritt, das andere Paar drunten auf der Straße. Sie alle blickten lauschenden Ohrs von dem Postillion auf den Wagenführer und von dem Wagenführer auf den Postillion. Beide gaben ihnen die Blicke zurück, und selbst das emphatische Pferd spitzte die Ohren und schaute rückwärts, ohne einen Widerspruch zu erheben.
Die Stille, die auf das Aufhören des Rädergerassels und Rossegestampfs folgte, machte das Schweigen der Nacht nur um so eindrucksvoller. Das Schnauben der Pferde teilte der Kutsche eine zitternde Bewegung mit, als befände sie sich in einem Zustand von Aufregung. Die Herzen der Passagiere klopften vielleicht hörbar laut. Jedenfalls erzählte die stille Pause sehr verständlich von Leuten, die außer Atem waren, aber gleichwohl keine Luft einzuziehen wagten und unter beschleunigtem Herzschlagen dessen harrten, was da kommen sollte.
Man hörte, daß ein Pferd in wütendem Galopp den Berg hinaufjagte.
»Oho!« brüllte der Wagenlenker, so laut er konnte, in die Nacht hinaus. »Ihr dort – halt! – oder ich gebe Feuer!«
Der Hufschlag hielt plötzlich inne, und mit Not kämpfte sich die Stimme eines Mannes durch den Nebel:
»Ist das die Dover-Post?«
»Was kümmert's Euch, wer wir sind?« entgegnete der Wagenlenker. »Wer seid Ihr?«
»Ich frage, ob dies die Dover-Post ist.«
»Wozu braucht Ihr dies zu wissen?«
»Ich will zu einem ihrer Passagiere.«
»Wie heißt der Passagier?«
»Mr. Jarvis Lorry.«
Der Reisende auf dem Tritt ließ sogleich merken, daß dies sein Name sei. Der Wagenlenker, der Postillion und die beiden andern Passagiere betrachteten ihn mißtrauisch.
»Bleibt, wo Ihr seid«, rief der Wagenlenker der Stimme im Nebel zu, »denn wenn mir aus Versehen etwas passiert, so könnt' ich's Eurer Lebtage nicht wieder gutmachen. Der Gentleman namens Lorry soll unumwunden antworten.«
»Was gibt's!« fragte darauf der Passagier mit leiser, unsicherer Stimme. »Wer will etwas von mir? Ist es Jerry?«
»Die Stimme dieses Jerry gefällt mir gar nicht, wenn er wirklich so heißt«, brummte der Wagenlenker vor sich hin. »Der Jerry ist heiserer, als mir lieb ist.«
»Ja, Mr. Lorry.«
»Was gibt's?«
»Man hat mich Euch mit einer Depesche nachgeschickt. Von T. und Co.«
»Ich kenne diesen Boten, Schaffner«, sagte Lorry, wieder auf die Straße hinaustretend, wobei ihm die beiden andern Passagiere, die nicht geschwind genug in die Kutsche kommen, den Schlag schließen und das Fenster aufziehen konnten, von hinten her hurtiger, als sich eben mit der Höflichkeit vertrug, Beihülfe leisteten. »Laßt ihn herankommen: es ist nichts Unrechtes.«
»Ich will's hoffen, bin aber noch nicht so fest überzeugt davon«, sprach der Wagenlenker rauh vor sich hin. »He, Ihr!«
»Nun, was soll's?« entgegnete Jerry, noch heiserer als zuvor.
»Reitet im Schritt heran – habt Ihr mich verstanden? Und wenn Ihr an Eurem Sattel Halfter habt, so kommt mir ihnen mit der Hand nicht zu nahe; denn ich habe verteufelt hurtig etwas versehen, und wenn es geschieht, so nimmt es die Form des Bleis an. So, jetzt laßt mich Euch mustern.«
Die Gestalt des Reiters kam langsam durch den wirbelnden Nebel gegen die Seite des Postwagens her, wo der Reisende stand. Dann machte der Fremde halt, blickte zu dem Schaffner auf und händigte dem Passagier ein Brieflein ein. Das Roß des Boten schnaubte mächtig, und Mann und Tier waren vom Huf bis zur Hutspitze mit Schmutz bespritzt.
»Schaffner«, sagte der Passagier im Tone ruhiger Geschäftszuversicht.
Der wachsame Schaffner, der die Rechte am Schaft, die Linke am Lauf seines Musketons hatte und kein Auge von dem Reiter verwandte, antwortete kurz:
»Sir!«
»Es ist nichts zu befürchten. Ich gehöre zu Tellsons Bank. Ihr müßt Tellsons Bank in London kennen. Ich reise in Geschäftsangelegenheiten nach Paris. Hier ein Krone Trinkgeld. Darf ich dies lesen?«
»So macht nur rasch, Sir.«
Er trat an die auf seiner Seite brennende Kutschenlaterne, öffnete das Schreiben und las – zuerst für sich, dann laut:
»›Wartet in Dover auf Mamsell.‹ Ihr seht, dies ist nicht lang, Schaffner. Jerry, sagt, meine Antwort darauf sei: Ins Leben zurückgerufen.«
Jerry richtete sich in seinem Sattel auf. »Das ist eine verwettert kuriose Antwort«, sagte er in seinem heisersten Tone.
»Richtet das aus, und man wird daraus ersehen, daß ich den Brief erhalten habe, ohne daß ich Euch eine schriftliche Antwort mitgebe. Jetzt macht, daß Ihr wieder zurückkommt. Gute Nacht.«
Mit diesen Worten öffnete der Passagier den Wagenschlag und stieg ein. Diesmal halfen ihm seine Reisegefährten nicht, sondern taten, als ob sie schliefen, nachdem sie zuvor mit aller Behendigkeit Uhren und Börsen in ihren Stiefeln verborgen hatten. Ihr angeblicher Schlummer sollte sie wohl nur vor der Gefahr bewahren, zu einer andern Art von Tätlichkeit Anlaß zu geben.
Die Kutsche holperte wieder weiter, und da es jetzt bergab ging, wurde der Nebel immer dichter. Der Wagenführer legte den Musketon wieder in die Truhe, musterte ihren übrigen Inhalt, sah nach den Pistolen, die er noch als Zugabe in seinem Gürtel stecken hatte, und visitierte dann einen kleineren Behälter unter seinem Sitz, in dem sich einige Schmiedegeräte, ein paar Fackeln und eine Zunderbüchse befanden. Er war nämlich mit solcher Sorgfalt ausgestattet worden, um für den hin und wieder vorkommenden Fall, daß die Kutschenlichter vom Sturm ausgeblasen würden, sich einschließen und unter Vermittlung von Stahl und Stein mit leidlicher Sicherheit und Gemächlichkeit, wenn's gut ging, binnen fünf Minuten ein Licht zustande bringen zu können.
»Tom!« flüsterte es über das Kutschendach herunter.
»He, Joe?«
»Habt Ihr gehört, was da ausgerichtet werden soll?«
»Ja, Joe.«
»Was denkt Ihr Euch dabei, Tom?«
»Nichts, Joe.«
»Wie das so seltsam zusammentrifft«, sagte der Schaffner vor sich hin. »Mir geht es gerade ebenso.«
Sobald Jerry sich in Nacht und Nebel allein sah, stieg er ab, nicht nur, um es seinem Pferd leichter zu machen, sondern auch um sich den Staub aus dem Gesicht zu wischen und aus seinem Hutstulp die angesammelte große Wassermenge zu schütteln. So stand er, die Zügel seines Tieres über den schwer besudelten Ärmel geschlungen, da, bis er von dem weiterrollenden Postwagen nichts mehr hörte und die Nacht wieder mäuschenstill geworden war. Dann wandte er sich, um zu Fuß bergab zu gehen.
»Nach dem Galopp von Temple Bar her mag ich mich deinen vier Beinen nicht mehr anvertrauen, alte Mähre, bis ich dich wieder in der Ebene habe«, sagte der heisere Bote, sein Tier betrachtend. »»Ins Leben zurückgerufen«. Das ist eine verteufelt kuriose Botschaft, und du könntest dich nicht auf viele dergleichen einlassen, Jerry. Laß dir sagen, Jerry, du kämest in eine verzweifelt schlechte Karriere, wenn das Ins-Leben-Zurückrufen zur Mode würde.«
*
Drittes Kapitel. Nächtliche Schatten.
Es ist eine wunderbare, des Nachdenkens werte Tatsache, daß jedes menschliche Wesen seiner Eigenart nach für andere zu einem tiefen Geheimnis wird. Wenn ich nachts in einer großen Stadt anlange, so erfüllt es mich mit hehren Gedanken, daß jedes von jenen dunkel aufeinander gehäuften Häusern sein eigenes Geheimnis einschließt und jedes klopfende Herz in den Hunderttausenden von menschlichen Wesen irgendeine heimliche, ihm besonders teure Vorstellung birgt. Selbst das Grausen, das uns der Tod einflößt, hat in diesem Umstand seinen Grund. Ich kann nicht mehr in dem mir teuer gewordenen Buche blättern und darf nicht hoffen, es mit der Zeit zu Ende zu lesen. Ich soll nicht mehr schauen in die Tiefen des unergründlichen Wassers, in dem ich, je nachdem es durch augenblickliche Lichter erhellt wurde, manchen weit unter der Oberfläche befindlichen Schatz erschaute. Das Schicksal wollte es, daß das Buch sich schloß und für immer mit einer unlöslichen Klammer versehen ward, nachdem ich kaum eine Seite gelesen hatte. Es war bestimmt, daß das Wasser den starren Banden ewigen Eises verfiel, als das Licht noch auf seiner Oberfläche spielte und ich in ahnungsloser Unwissenheit am Ufer stand. Mein Freund ist tot, mein Nachbar ist tot, meine Liebe, der Schatz meiner Seele, ist tot. Wir haben da die unerbittliche Fortdauer eines Geheimnisses, das stets in jeder Persönlichkeit war und das ich bis zum Ende meines Daseins in die meinige übertragen habe. Und gibt es wohl auf irgendeinem Friedhof dieser Stadt, den ich durchwandle, einen Schläfer, der unerforschlicher wäre, als es mir der innern Persönlichkeit nach ihre rührigen Bewohner sind oder ich es ihnen bin?
Was dieses natürliche, unveräußerliche Erbe betrifft, so besaß es der Bote auf seinem Roß ebensogut wie der König, der erste Staatsminister oder der reichste Kaufmann von London. Nicht anders erging es den drei im engen Raum einer holperigen alten Postkutsche eingeschlossenen Passagieren, die sich wechselseitig so vollkommene Geheimnisse waren, als führen sie stundenweit voneinander jeder in einer eigenen sechsspännigen Equipage.
Der Bote ritt in leichtem Trab wieder zurück und hielt dabei fleißig vor den Wirtshäusern, um sich einen Trunk zu holen, zeigte aber dabei eine entschiedene Neigung, nicht viel Worte zu verschwenden und den Hutrand über den Augen aufgestülpt zu tragen. Freilich hatte er Augen, denen eine solche Dekoration recht gut stand: denn sie waren dunkel auf der Oberfläche, ohne Tiefe in Form oder Farbe und viel zu nah beieinander, als fürchte jedes, über etwas ertappt zu werden, wenn sie nicht treu zusammenhielten. Sie hatten einen finstern Ausdruck, und der alte Hut saß über ihnen wie ein dreieckiger Spucknapf, während unter ihnen die Flügel der dicken, Kinn und Hals umhüllenden Halsbinde fast bis zu den Knien niederfielen. Wenn er zu einem Trunk haltmachte, drückte er, solange er mit der Rechten sich den Branntwein in die Kehle goß, mit der Linken seine Hülle nieder, zog sie aber, sobald er sich angefeuchtet hatte, augenblicklich wieder in die Höhe.
»Nein, Jerry, nein«, fuhr der Bote auf seinem Ritt in dem alten Thema fort, »das wäre nichts für dich, Jerry. Du bist ein ehrlicher Handwerksmann, Jerry, und dies paßt nicht in deinen Kram. Zurückgerufen –! Ei der Kuckuck, man sollte meinen, er sei ein Trinker gewesen.«
Der Auftrag verwirrte ihm den Sinn dermaßen, daß er mehrmal den Hut abnehmen mußte, um sich den Kopf zu kratzen. Sein Scheitel war elend kahl; sonst aber hatte er ein steifes schwarzes Haar, das sich überall borstig emporsträubte und fast bis zu seiner stumpfen Nase bergab wuchs. Der Kopf schien aus einer Schlosserwerkstatt zu kommen; denn er sah weit eher einer oben mit Spitzeisen geschirmten Mauer als einem natürlichen Schopf ähnlich, so daß der beste Laubfroschspringer es abgelehnt haben würde, über diesen allergefährlichsten Menschen von der Welt einen Satz zu machen.
Während er mit dem Auftrag, den er durch den Wächter im Portierstübchen neben der Haustür von Tellsons Bank bei Temple Bar an die vornehmeren Personen drinnen ausrichten zu lassen hatte, seines Weges trabte, nahmen die Schatten der Nacht für ihn lauter Gestalten an, die aus seiner Botschaft hervorzuquellen schienen, während sie für sein Roß Umrisse gewannen, die aus dessen Privatbesorgnissen entsprangen. Letztere mußten wohl sehr zahlreich sein: denn das Tier scheute vor jedem Schatten am Wege.
Wie lange holterte und polterte, rasselte und schulterte der Postwagen mit seinen drei unerforschlichen Personen im Innern auf dem langweiligen Weg dahin! Und wem enthüllten sich die Schatten der Nacht in den Formen, die die schimmernden Augen und die unsteten Gedanken an die Hand gaben?
Tellsons Bank kam dabei in dem Postwagen nicht zu kurz. Während der Bankpassagier, den einen Arm durch die Riemenschlinge gezogen, die das ihrige tat, um ihn vor einem Zusammenstoß mit dem Nachbar oder vor einem Wurf in die Ecke zu bewahren, wenn die Kutsche einen besonders schweren Stoß erlitt, mit halbgeschlossenen Augen auf seinem Sitze nickte, wurden für ihn die kleinen Kutschenfenster, die durch dieselben trüb hereinblinkenden Kutschenlichter und der mächtige Reisesack des gegenübersitzenden Passagiers zu einer Bank mit eifrigem Geschäftsbetrieb. Das Rasseln des Pferdegeschirrs war das Geklingel des Geldes, und in fünf Minuten wurden mehr Wechsel bezahlt, als Tellson trotz seiner ausgedehnten in- und ausländischen Geschäftsverbindungen in dreimal soviel Zeit auszuzahlen gewöhnt war. Dann taten sich Tellsons unterirdische feste Räume mit ihren wertvollen Schätzen und Geheimnissen, wie sie dem Passagier bekannt waren – und er wußte nicht wenig davon – vor ihm auf. Er ging, die großen Schlüssel und das matt brennende Licht in der Hand, darunter umher und fand alles so sicher und wohlverwahrt, so still und in Ordnung, wie er es zuletzt gesehen hatte.
Aber obschon die Bank unablässig in seiner Phantasie arbeitete und auch der Postwagen ihn stets in unklarer Weise, wie etwa ein Schmerz, wenn man ein Betäubungsmittel genommen hat, an seine Gegenwart erinnerte, so war doch auch noch ein anderer Gedankenstrom vorhanden, der ihm die ganze Nacht hindurch keine Ruhe ließ. Er befand sich auf dem Weg, jemanden aus dem Grabe herauszugraben.
Die Schatten der Nacht zeigten ihm allerdings unter der Menge der Gesichter, die sie ihm vorführten, das wahre der begrabenen Person nicht. Dafür aber vergegenwärtigten ihm alle die Umrisse eines Mannes von fünfundvierzig Jahren, die hauptsächlich durch den Ausdruck der Leidenschaften und ihres unheimlichen Wesens sich voneinander unterschieden. Stolz, Verachtung, Trotz, Starrsinn, Unterwürfigkeit und Jammern folgten der Reihe nach. Ebenso der Wechsel in den eingesunkenen, leichenfahlen Wangen und in den abgezehrten Körperformen. Das Gesicht blieb jedoch in der Hauptsache dasselbe, und jeder der Köpfe war vor der Zeit weiß geworden. Wohl hundertmal fragte der schlummernde Reisende dieses Gespenst:
»Wie lange schon begraben?«
Und jedesmal lautete die Antwort in der gleichen Weise:
»Fast achtzehn Jahre.«
»Habt Ihr alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?«
»Längst.«
»Ihr wißt doch, daß Ihr ins Leben zurückgerufen seid?«
»So höre ich.«
»Ich hoffe, dies hat noch einen Wert für Euch?«
»Ich weiß darauf nichts zu sagen.«
»Soll ich sie Euch zeigen? Wollt Ihr mich zu ihr begleiten?«
Die Antworten auf diese Frage waren verschieden und widersprechend. Bisweilen lautete die gebrochene Erwiderung: »Halt! Es würde mich töten, wenn ich sie zu bald sähe.« Ein andermal wurde sie durch einen milden Tränenregen eingeleitet und klang: »Nehmt mich zu ihr.« Bisweilen folgte auf die Frage ein wirres Glotzen und die Entgegnung: »Ich kenne sie nicht – verstehe Euch nicht.«
Unter solchem eingebildeten Zwiegespräch konnte der Passagier in seiner Phantasie graben, graben und graben – jetzt mit einem Spaten, jetzt mit einem großen Schlüssel, oder wohl gar mit den Händen – um das unglückliche Wesen herauszuschaffen. Und war es endlich, Gesicht und Haare mit Erde beklebt, gehoben, so verfiel es plötzlich wieder zu Staub. Der Passagier konnte dann zusammenfahren und das Fenster niederdrücken, um sich durch den Regen und Nebel, die seine Wangen feuchteten, an die Wirklichkeit erinnern zu lassen.
Doch selbst wenn seine Augen sich für den Nebel und Regen, für den beweglichen Lichtstreifen auf der Straße und für die stoßweise weiter und weiter zurückweichenden Heckenpartien am Wege auftaten, pflegten die Nachtschatten außerhalb der Kutsche mit dem Gang der Nachtschatten im Innern wieder zusammenzutreffen. Da stand vielleicht das wirkliche Bankhaus bei Temple Bar, das wirkliche Geschäft des abgelaufenen Tages, der feste Kellerraum, der ihm nachgeschickte Eilbote und die Antwort, die er durch ihn zurücksagen ließ. Und mitten aus diesen Bildern trat dann wieder das gespenstige Gesicht hervor, das er abermals anredete:
»Wie lange schon begraben?«
»Fast achtzehn Jahr.«
»Ich hoffe, das Leben hat noch einen Wert für Euch.«
»Weiß nicht.«
Und er grub, grub, grub immerfort, bis ihn einer der Mitreisenden durch eine ungeduldige Bewegung mahnte, er solle das Fenster wieder aufziehen. Dann legte er seinen Arm aufs neue in die Lederschlinge und machte sich Gedanken über die beiden schlummernden Gestalten, bis zuletzt sein Geist wieder von ihnen abkam und abermals sich in die Bank und zu dem Grabe verirrte.
»Wie lange schon begraben?«
»Fast achtzehn Jahre.«
»Hattet Ihr alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?«
»Längst.«
Diese Worte klangen noch so deutlich in seinen Ohren wie nur irgendein wirklich gesprochenes Wort, als der müde Reisende zu dem Bewußtsein erwachte, daß es Tag und die Schatten der Nacht dahin seien.
Er ließ das Fenster nieder und schaute nach der aufgehenden Sonne hinaus. Da war ein Strich umgepflügten Landes und der Pflug noch an derselben Stelle, wo man am Abend zuvor die Pferde ausgespannt hatte, auf dem Acker. Jenseits desselben sah man ein Buschwäldchen, in dem noch viele Blätter von brennendem Rot oder goldigem Gelb an den Zweigen zitterten. Die Erde war kalt und feucht, der Himmel aber klar, und die Sonne erhob sich in ruhiger Pracht.
»Achtzehn Jahre!« sagte der Passagier, zu der Sonne aufblickend. »Barmherziger Schöpfer des Tages! Achtzehn Jahre lang lebendig begraben zu sein!«
*
Viertes Kapitel. Die Vorbereitung.
Als der Postwagen im Laufe des Vormittags glücklich Dover erreichte, öffnete wie gewöhnlich der Oberkellner des Royal-George-Hotel den Kutschenschlag. Er tat dies mit einem gewissen zeremoniösen Schnörkel; denn im Winter war eine Postreise von London her ein Unternehmen, zu dessen Vollbringung man einen wagehalsigen Reisenden wohl beglückwünschen konnte.
Diesmal galt der Glückwunsch nur einem einzigen Passagier; denn die zwei anderen hatten sich unterwegs an ihren Bestimmungsorten absetzen lassen. Das moderige Innere des Wagens mit seinem nassen, schmutzigen Stroh, dem widerlichen Geruch und seiner Dunkelheit nahm sich ungefähr wie ein großer Hundestall aus, während Mr. Lorry, der Passagier, als er sich aus dem Loch und aus den Strohfesseln herausschüttelte, in den dichten, zottigen Umhüllungen, den niederhängenden Hutkrempen und den schmutzbespritzten Beinen den dazu gehörigen Hund vorstellen konnte.
»Geht morgen ein Paketschiff nach Calais, Kellner?«
»Ja, Sir, wenn das Wetter hält und der Wind sich ordentlich macht. Die Flut wird nachmittags zwei Uhr der Ausfahrt zustatten kommen. Ein Bett, Sir?«
»Das werde ich heute nacht nicht brauchen. Doch wünsche ich ein Schlafzimmer zu haben. Schickt mir einen Barbier.«
»Und ein Frühstück, Sir? Ja, Sir. Hier hinauf, Sir, wenn's beliebt! Führt den Herrn ins Concord! Den Reisesack des Gentleman und heiß Wasser auf Concord! Zieht im Concord dem Gentleman die Stiefel ab! Ihr werdet ein schönes Seekohlenfeuer finden, Sir! Schickt den Barbier auf Concord! Hurtig da, auf Concord.«
Das Concordzimmer wurde immer den Postreisenden angewiesen und ließ in Anbetracht des Umstandes, daß die Postpassagiere vom Kopf bis zu den Füßen eingemummt anzukommen pflegten, die interessante Beobachtung machen, daß nur eine einzige Art von Menschen hineinzugehen schien, während doch die allerverschiedensten wieder herauskamen. Als daher zufällig ein anderer Kellner, zwei Portiers, mehrere Dienstmädchen und die Wirtin an unterschiedlichen Punkten des Weges zwischen dem Concord- und dem Kaffeezimmer einherschlenderten, sahen sie einen Gentleman von etwa sechzig in einem förmlichen, zwar ziemlich verbrauchten, aber doch gut erhaltenen, braunen Anzug mit breiten Ärmelaufschlägen und großen Taschen auftauchen, um unten sein Frühstück einzunehmen.
Selbigen Vormittag barg das Kaffeezimmer keinen anderen Gast als den Gentleman in Braun. Der Frühstückstisch war vor den Kamin gerückt, und als der Fremde in der vollen Beleuchtung des Feuers dasaß und der Bedienung harrte, verhielt er sich so regungslos, als sei er im Begriff, sich porträtieren zu lassen.
Die Hände auf die Knie gelegt, sah er sehr regelmäßig und exakt aus, und eine laute Uhr tickte in seiner Westentasche eine helltönende Predigt, als wolle sie ihre Würde und ihr hohes Alter zu dem Leichtsinn und der raschen Vergänglichkeit der lodernden Flamme in einen Gegensatz bringen. Er hatte einen hübschen Fuß und war ein bißchen eitel darauf, denn die braunen Strümpfe vom feinsten Gewebe lagen glatt und knapp an, und auch seine Schnallenschuhe nahmen sich trotz ihrer Einfachheit recht sauber aus. Eine flachsfarbige Stutzperücke mit kurzem krausem Haar, das jedoch eher aus Seiden- oder Glasfädchen als aus natürlichen Haaren zu bestehen schien, bedeckte seinen Kopf. Die Leinwand entsprach in Feinheit allerdings nicht den Strümpfen, war aber so weiß wie der Schaum der Wellen, die sich am nahen Ufer brachen, oder wie die von der Sonne beleuchteten Reusenpunkte weit draußen in der See. Ein an Ruhe gewöhntes Gesicht wurde unter der wunderlichen Perücke durch ein Paar feuchte klare Augen erhellt, mit denen ihr Eigentümer wohl manche Not gehabt haben mochte, bis sie im Lauf der Jahre an den zurückhaltenden und abgemessenen Ausdruck von Tellsons Bank gewöhnt waren. Auf seinen Wangen lag ein frisches Rot, und sein furchiges Antlitz trug nur wenige Spuren der Sorge. Nun, vielleicht hatten die unverheirateten Kontoristen in Tellsons Bank hauptsächlich mit den Sorgen anderer Leute, mit Sorgen zweiter Hand zu tun, die wahrscheinlich wie die Kleider aus zweiter Hand schneller ein Ende nehmen.
Um das Bild des Mannes, der einem Porträtmaler sitzt, vollständig zu machen, schlummerte Mr. Lorry endlich ein. Die Ankunft des Frühstücks weckte ihn wieder. Als er seinen Stuhl an den Tisch rückte, sagte er zu dem Kellner:
»Ich wünsche, daß Ihr Vorbereitungen trefft für die Aufnahme eines jungen Frauenzimmers, das heute noch hier anlangen wird. Sie fragt vielleicht nach Mr. Jarvis Lorry, vielleicht auch einfach nach einem Herrn von Tellsons Bank. Habt die Güte, mich von ihrer Ankunft in Kenntnis zu setzen.«
»Ja, Sir. Tellsons Bank in London, Sir?«
»Ja.«
»Ja, Sir. Die Herren Reisenden dieses Hauses beehren uns auf dem Hin- und Herweg von London nach Paris oft mit ihrem Besuch, Sir. Tellson und Kompanie lassen außerordentlich viel reisen, Sir.«
»Ja. Wir sind ebensogut ein französisches wie ein englisches Geschäftshaus.«
»Ja, Sir. Ihr selbst aber seid wohl an das Reisen nicht sehr gewöhnt, Sir?«
»In letzter Zeit nicht mehr. Es ist schon fünfzehn Jahre her, seit wir – seit ich – meine letzte Reise nach Frankreich machte.«
»Wirklich, Sir? Nun, damals war ich noch nicht im Hause; auch mein Chef noch nicht, Sir. Der George befand sich zu jener Zeit in andern Händen, Sir.«
»Ich glaube das gern.«
»Aber ich wollte eine schöne Wette darauf eingehen, Sir, daß ein Haus wie das von Tellson und Kompanie, ich will nicht sagen vor fünfzehn, sondern schon vor fünfzig Jahren florierte.«
»Ihr könnt die Zahl dreifach nehmen und hundertfünfzig sagen, ohne weit gegen die Wahrheit zu verstoßen.«
»Wirklich, Sir?«
Und Augen und Mund weit aufsperrend, trat der Kellner von dem Tisch zurück, warf seine Serviette vom rechten unter den linken Arm, nahm eine imposante Haltung an und betrachtete den Gast, während dieser aß und trank, wie von einem Wachturm oder einer Sternwarte aus, nach dem stereotypen Brauch der Kellner in allen Jahrhunderten.
Nach Beendigung des Frühstücks erhob sich Mr. Lorry, um einen Spaziergang am Ufer zu machen. Die kleine, schmale, winkelige Stadt Dover lag kaum beachtenswert an der Küste hin und verbarg wie eine Art Meeresanemone ihren Kopf in den Kalksteinklippen. Das Gestade war eine Wüste, in der Wasser und Steine sich untereinander tummelten; die See tat, was sie vermochte; und ihr Lieblingsgeschäft war Zerstören. Sie donnerte gegen die Stadt, donnerte gegen die Klippen und hauste wie toll an der Küste. Die Luft um die Häuser her hatte einen so starken Fischgeruch, daß man hätte meinen sollen, kranke Fische brauchten darin eine Luftkur, wie die kranken Menschen im Wasser drunten einer Seekur obzuliegen pflegten. In dem Hafen wurde etwas Fischerei betrieben; doch diente er noch weit mehr müßigen Spaziergängern zum Tummelplatz, die abends, namentlich um die Zeit der Fluthöhe, sich am Anblick des Meeres vergnügen wollten. Kleine Gewerbsleute ohne Geschäft kamen oft auf eine unerklärliche Weise zu großem Vermögen, und es war merkwürdig, daß in der ganzen Nachbarschaft niemand den Lampenanzünder ausstehen konnte.
Es wurde Nachmittag, und die Luft, die mitunter so klar gewesen, daß man die französische Küste sehen konnte, füllte sich aufs neue mit Dunst und Nebel. Auch Mr. Lorrys Gedanken schienen sich zu umwölken. Als er nach Einbruch der Dunkelheit neben dem Feuer des Kaffeezimmers saß, und wie am Morgen auf das Frühstück, so jetzt auf das Diner wartete, beschäftigte sich sein Geist emsig mit Graben, Graben und Graben in den glühroten Kohlen.
Eine Flasche guten Bordeaux' nach dem Essen konnte einem Kohlengräber bei so heißer Arbeit nicht schaden, indem sie höchstens dazu diente, ihm das Geschäft ein wenig zu verleiden. Mr. Lorry war schon geraume Zeit müßig gewesen und hatte eben mit einer so vollkommen befriedigten Miene, wie man sie nur bei einem ältlichen Gentleman mit frischer Gesichtsfarbe am Schluß einer Flasche finden kann, das letzte Glas voll eingeschenkt, als sich von der engen Straße her das Gerassel eines Wagens vernehmen ließ, der bald darauf in dem Wirtshaushof haltmachte.
Er stellte das Glas ungekostet wieder auf den Tisch und sagte zu sich selber:
»Dies ist die Mamsell.«
Einige Minuten später trat der Kellner ein, um zu melden, daß Miß Manette von London angelangt sei und sich darauf freue, den Gentleman von Tellson zu empfangen.«
»So bald?«
Miß Manette hatte unterwegs einige Erfrischungen zu sich genommen und brauchte für den Augenblick nichts, brannte aber vor Begier, den Gentleman von Tellson sogleich bei sich zu sehen, wofern es ihm gelegen und nicht unangenehm sei.
So blieb dem Gentleman von Tellson keine andere Wahl, als mit einer Miene stummer Verzweiflung sein Glas zu leeren, sein wunderliches Flachsperücklein zurechtzurücken und dem Kellner in Miß Manettes Zimmer zu folgen. Es war ein großes dunkles Gemach mit schwarzen Roßhaarmöbeln und schweren dunkelfarbigen Tischen, so, daß man an eine Trauerparade gemahnt wurde. Man hatte diesen Hausrat so lange geölt und geölt, bis die zwei hohen Lichter der mittleren Tafel auf jedem Tischblatt düster widerstrahlten, als seien sie tief in das schwarze Mahagoniholz eingesenkt und könne kein der Rede wertes Licht von ihnen erlangt werden, bevor sie ausgegraben wären.
Es war so dunkel, daß Mr. Lorry, der sich durch den abgenutzten türkischen Bodenteppich leiten ließ, schon glaubte, Miß Jeanette sei für einen Augenblick in das anstoßende Zimmer getreten. Als er aber die zwei hohen Kerzen hinter sich hatte, bemerkte er neben dem Tische zwischen diesem und dem Kamin, zu seinem Empfang bereit, eine junge Dame von nicht mehr als siebzehn in einem Reitkleid, die den Strohreisehut am Bande in der Hand hielt. Seine Augen ruhten auf einer kleinen, schmächtigen, hübschen Figur, einer Fülle goldenen Haars, einem Augenpaar, das dem seinigen mit fragenden Blicken begegnete, und einer Stirn, die die bei solcher Jugend und Glätte befremdliche Eigenschaft besaß, durch Heben und Zusammenziehen der Brauen eine Miene anzunehmen, die nicht gerade ein Ausdruck von Verwirrung, von Staunen, von Unruhe oder auch nur von gespannter Aufmerksamkeit genannt werden konnte, wohl aber etwas von allen diesen vier Eigenarten in sich faßte. Während nun seine Blicke auf diesem Bilde hafteten, fiel ihm plötzlich die lebhafte Ähnlichkeit mit einem Kinde auf, das er bei seiner Fahrt über eben diesen Dover-Kanal bei kaltem Hagelwetter und hochgehender See in den Armen gehabt hatte. Die Erinnerung war jedoch nur flüchtig und einem Hauch auf der Oberfläche des einzigen Pfeilerspiegels ähnlich, auf dessen Rahmen eine Spitalprozession von verkrüppelten und kopflosen schwarzen Genien einer Versammlung von schwarzen weiblichen Gottheiten in schwarzen Körben Früchte vom toten Meer darbrachten. Er machte Miß Manette eine förmliche Verbeugung.
»Ich bitte, nehmt Platz, Sir«, begann eine sehr helle und angenehme junge Stimme mit einem ganz leichten Anflug von ausländischem Akzent.
»Ich küß' Euch die Hand, Miß«, sagte Mr. Lorry mit den Manieren eines früheren Datums, während er nach einer abermaligen förmlichen Verbeugung seinen Sitz einnahm.
»Ich habe gestern von der Bank einen Brief erhalten, der von einer Neuigkeit oder einer Entdeckung spricht –«
»Das Wort ist nicht wesentlich. Miß; Ihr könnt es so oder so nennen.«
»Das kleine Eigentum meines Vaters betreffend, den ich nie sah und der schon lange tot ist.«
Mr. Lorry rückte auf seinem Stuhl und warf einen ängstlichen Blick auf die Spitalprozession der schwarzen Genien. Als ob sie für irgend jemand Hilfe bringen konnten in ihren abgeschmackten Körben!
»Es soll dadurch notwendig werden, daß ich nach Paris reise und daselbst gemeinschaftlich handle mit einem Herrn, der ausdrücklich wegen dieser Angelegenheit auch nach Paris geschickt worden sei.«
»Der bin ich.«
»Das habe ich erwartet, Sir.«
Sie machte einen Knix gegen ihn (damals knixten die jungen Frauenzimmer noch), um ihm damit zu verstehen zu geben, daß sie fühle, um wieviel älter und weiser er sei. Und er verbeugte sich abermals.
»Ich habe darauf der Bank geantwortet, Sir, wenn meinen sachverständigen freundlichen Beratern meine Reise nach Paris nötig erscheine, so werde ich als eine Waise, die keinen Verwandten hat, der sie begleiten kann, mich glücklich schätzen, diesem Auftrag unter dem Schutz des würdigen Herrn nachzukommen. Der Gentleman hatte zwar London schon verlassen; aber ich glaube, es ist ihm ein Bote nachgeschickt worden mit der Bitte, er möchte die Güte haben, mich hier zu erwarten.«
»Ich bin so glücklich gewesen, mit diesem Dienst betraut zu werden«, erwiderte Mr. Lorry. »Und noch glücklicher wird mich seine Ausführung machen.«
»Ich danke Euch, danke Euch von ganzem Herzen, Sir. Man hat mir in der Bank gesagt, der Herr werde mir die ganze Angelegenheit auseinandersetzen, und ich müsse mich darauf gefaßt machen, überraschende Dinge zu hören. Ich habe mein Bestes getan, um mich darauf vorzubereiten, und bin natürlich in hohem Grade auf Eure Mitteilungen gespannt.«
»Natürlich«, versetzte Mr. Lorry. »Ja – ich –«
Nach einer Pause fügte er, die Perücke gegen das Ohr rückend, bei:
»Es ist sehr schwer, den Anfang zu finden.«
Und so fing er lieber nicht an, begegnete aber in seiner Unschlüssigkeit ihrem Blicke. Die junge Stirn furchte sich zu jenem eigentümlichen Ausdruck, der zwar auffallend, aber doch hübsch und charakteristisch war; dabei erhob sie ihre Hand, als greife sie mit dieser unwillkürlichen Bewegung nach einem flüchtigen Schatten oder wolle ihn festhalten.
»Seid Ihr mir ganz fremd, Sir?«
»Bin ich's nicht?«
Mr. Lorry öffnete seine Hände und streckte sie mit einem beweisführenden Lächeln aus.
Die Linie zwischen den Brauen und unmittelbar über dem Mädchennäschen, die so zart und fein wie nur immer möglich war, wurde ausdrucksvoller, als sie nachdenkend sich auf den Stuhl niederließ, neben dem sie bisher gestanden hatte. Er verwandte keinen Blick von dem gedankenvollen Wesen, und sobald sie ihre Augen wieder erhob, fuhr er fort:
»Ich vermute, daß ich in Eurem Adoptivvaterland nichts Besseres tun kann, als wenn ich mich gegen Euch wie gegen eine junge englische Lady benehme, Miß Manette?«
»Wenn es Euch so beliebt, Sir.«
»Miß Manette, ich bin ein Geschäftsmann und als ein solcher beauftragt, ein Geschäft auszurichten. Diesem meinem Auftrag gegenüber braucht Ihr mich nicht anders zu betrachten, als ob ich eine sprechende Maschine sei – in der Tat, ich bin auch kaum etwas anderes. Mit Eurer Erlaubnis, Miß, will ich Euch die Geschichte eines unserer Kunden erzählen.«
»Geschichte?«
Er schien absichtlich das Wort, das sie wiederholt hatte, mißzuverstehen, indem er hastig fortfuhr:
»Ja, eines Kunden. Im Bankgeschäft nennen wir gewöhnlich diejenigen, die mit uns in Geldbeziehungen treten, unsere Kunden. Er war ein Herr aus Frankreich, ein Gelehrter, ein Mann von ausgedehnten Kenntnissen, ein Doktor.«
»Nicht aus Beauvais?«
»Nun ja, von Beauvais. Gleich Eurem Vater, dem Monsieur Manette, war der Herr aus Beauvais und wie Euer Vater auch in Paris sehr angesehen. Ich hatte die Ehre, ihn dort kennenzulernen. Unsere Beziehungen waren geschäftlicher, aber doch vertraulicher Art. Ich arbeitete damals in unserem französischen Haus und wäre nicht – oh! zwanzig Jahre.«
»Damals, Sir – darf ich fragen, was Ihr mit diesem damals meint?«
»Ich spreche von der Zeit vor zwanzig Jahren, Miß. Er heiratete – eine englische Dame –, und ich war einer der Administratoren. Seine Angelegenheiten befanden sich wie die vieler französischer Herren und Familien ganz in Tellsons Händen. So bin ich denn oder war ich in der einen oder anderen Weise Güterpfleger für viele unserer Kunden. Dies sind bloß geschäftliche Beziehungen, die mit besonderem Interesse, Gefühl und Freundschaft nichts zu schaffen haben. Ich übernahm im Laufe meines Geschäftslebens bald diesen bald jenen Dienst, geradeso wie ich im Laufe des Geschäftstages von einem unserer Kunden zum anderen übergehe. Kurz, ich habe keine Gefühle – bin eine bloße Maschine. Um fortzufahren –«
»Aber Eure Geschichte betrifft wohl meinen Vater, Sir, und ich fange an zu glauben« – die seltsam gefurchte Stirn war ihm mit großer Angelegentlichkeit zugewendet –, »daß Ihr es wart, der mich nach England brachte, als ich nach dem Tod meiner Mutter, die meinen Vater nur um zwei Jahre überlebte, verwaist in der Welt stand. Ja, ich bin fest überzeugt davon.«
Mr. Lorry ergriff die zögernde kleine Hand, die sich ihm vertrauensvoll genähert hatte, um die seinige zu ergreifen, und brachte sie mit einiger Förmlichkeit an seine Lippen. Dann führte er die junge Dame wieder nach ihrem Stuhl, stützte seine Linke auf die Lehne und benutzte seine Rechte abwechselnd, um sich das Kinn zu reiben, die Stutzperücke gegen das Ohr zu ziehen oder seinen Worten Nachdruck zu geben, während er auf das achtsam zu ihm aufschauende Gesichtchen niederblickte.
»Ja, ich war es, Miß Manette. Und Ihr werdet sehen, wie wahr ich eben von mir selbst gesprochen, als ich sagte, daß ich keine Gefühle habe und meine Beziehungen zu meinen Nebenmenschen bloß geschäftlicher Natur seien, wenn Ihr Euch vergegenwärtigt, daß ich Euch seitdem nie wieder gesehen habe. Nein, Ihr wart von jener Zeit an Tellsons Mündel, und ich hatte in anderen Geschäften des Hauses Tellson zu tun. Gefühle? Dafür finde ich weder Zeit noch Gelegenheit. Ich verbringe mein Leben damit, Miß, daß ich stets eine ungeheure finanzielle Waschanstalt im Gang halte.«
Nach dieser eigentümlichen Schilderung seines täglichen Geschäftslebens strich Mr. Lorry mit beiden Händen die flachsfarbige Perücke auf seinem Kopfe glatt (wohl ein unnötiges Bemühen, da ihre glänzende Oberfläche vorher schon nicht glatter hätte sein können) und nahm seine frühere Haltung wieder an.
»Wie Ihr bemerkt habt, Miß, paßt die seitherige Geschichte auf Euren bedauerten Vater; jetzt aber kommt der Unterschied. Wenn Euer Vater nicht gestorben wäre, als er – Ihr müßt nicht erschrecken. Warum fahrt Ihr so zusammen?«
Sie war wirklich zusammengefahren und faßte jetzt seinen Arm mit ihren beiden Händen.
»Ich bitte«, fuhr Mr. Lorry in beschwichtigendem Ton fort, indem er seine Linke von der Stuhllehne entfernte, um sie auf die flehenden Finger zu legen, die mit so heftigem Zittern seinen Arm umfaßt hielten – »ich bitte, bekämpft Eure Aufregung – eine Geschäftssache. Ich wollte sagen –«
Ihr Blick brachte ihn dermaßen außer Fassung, daß er innehielt, eine Abschweifung versuchte und dann von neuem anhub.
»Ich wollte sagen – wenn Monsieur Manette nicht gestorben, sondern nur plötzlich in aller Stille verschwunden und nach irgendeinem schrecklichen Platze entrückt worden wäre, den man wohl erraten, aber nicht ermitteln konnte; wenn er einen Feind gehabt hätte in einem Landsmann, dem ein Vorrecht zu Gebot stand, von dem zu meiner Zeit auch die kecksten Männer dort über dem Wasser drüben nur mit Flüstern sprachen – die Befugnis zum Beispiel, Förmlichkeiten auszufüllen, die irgend jemand für beliebige Zeit dem Vergessenwerden in einem Gefängnis überantworteten: wenn seine Gattin um Kunde von ihm sich vor König und Königin, Hof und Geistlichkeit in den Staub geworfen hätte, aber alles vergeblich – dann wäre die Geschichte Eures Vaters auch die jenes unglücklichen Mannes, des Doktor von Beauvais gewesen.«
»Ich bitte Euch flehentlich, mir alles zu sagen, Sir.«
»Es soll geschehen. Ich bin im Begriff. Könnt Ihr es ertragen?«
»Ich kann alles ertragen, nur nicht die Ungewißheit, in der Ihr mich schweben laßt.«
»Ihr sprecht gefaßt, und Ihr seid es wohl auch. Recht so.« Freilich schien er innerlich weniger befriedigt zu sein, als seine Worte ausdrückten. »Eine Geschäftssache. Betrachtet es als ein Geschäft, das abgetan werden muß. Wohlan, wenn die Frau dieses Doktors trotz ihres hohen Geistes und Mutes um dieses Umstandes willen so sehr gelitten hätte, daß sie noch vor der Geburt ihres Kindes« –
»Dieses Kind war eine Tochter, Sir.«
»Eine Tochter. Eine – eine – Geschäftsache – laßt Euch nicht beunruhigen, Miß. Wenn die arme Dame so furchtbar gelitten hätte, daß sie vor der Geburt ihres Kindes den Entschluß faßte, dem armen Wesen die Teilnahme an ihren eigenen Qualen zu ersparen, indem sie es in dem Glauben erzog, daß sein Vater tot sei – – Nein, kniet nicht nieder. Um Himmels willen, warum kniet Ihr denn vor mir?«
»Die Wahrheit. O mein lieber, guter, mitleidiger Herr, die Wahrheit!«
»Eine – eine Geschäftsache. Ihr bringt mich in Verwirrung, und wie kann ich ein Geschäft bereinigen, wenn mein Kopf nicht klar ist? Wir müssen uns zusammennehmen. Wenn Ihr nur so gut sein wolltet, mir zum Beispiel zu sagen, was neunmal neun Pence ausmacht, oder wie viele Schillinge man zu zwanzig Guineen braucht. Das wäre schon ermutigender und würde mich über den Zustand Eures Geistes beruhigen.«
Er führte sie sanft nach ihrem Stuhl; hier blieb sie, ohne auf seine Berufung unmittelbar zu antworten, so ruhig sitzen, und ihre Hände, die noch immer seinen Arm umfaßt hielten, zeigten gegen früher eine so augenfällig erhöhte Stetigkeit, daß er wieder ein Herz faßte.
»Recht so, recht so. Nur Mut. Geschäft – es handelt sich um ein Geschäft, um ein belangreiches Geschäft. Miß Manette, Eure Mutter hat es in der angeregten Weise mit Euch gehalten. Und als sie starb – ich glaube an gebrochenem Herzen, weil sie nie in dem fruchtlosen Forschen nach Eurem Vater innehielt –, konnte die von ihr zurückgelassene Waise zu einem blühend schönen, glücklichen Wesen heranwachsen, ohne daß die schwere Wolke der Ungewißheit, ob sich die Kräfte Eures Vaters im Kerker früh verzehrten oder eine Reihe von Jahren hinsiechten, Euer Dasein trübte.«
Während er diese Worte sprach, blickte er mit mitleidsvoller Bewunderung auf das wallende Goldhaar nieder, als komme es ihm vor, daß es sich bereits mit Grau zu mengen beginne.
»Ihr wißt, daß Eure Eltern kein großes Vermögen besaßen, und daß es Eurer Mutter und Euch gesichert worden ist. Etwas Neues, Gold oder sonstiges Eigentum betreffend, kann ich Euch also nicht mitteilen, wohl aber die Kunde –«
Er fühlte einen festeren Druck an seinem Handgelenk und hielt darum inne. Der Zug auf ihrer Stirn, der ihm schon so sehr aufgefallen war, hatte den Ausdruck des Schmerzes und Schreckens angenommen.
»Daß er – daß er aufgefunden worden ist. Er lebt. Daß er sich sehr verändert hat, ist freilich nur allzu wahrscheinlich; möglich, daß wir nur noch eine Ruine in ihm finden: doch wollen wir das Beste hoffen. Er lebt noch. Man hat Euren Vater nach dem Haus eines alten Dieners in Paris gebracht, und wir sind auf dem Wege zu ihm – ich, um seine Identität zu bestätigen, wenn ich kann. Ihr, um ihm durch Liebe und Kindesdienst das Leben ruhig und behaglich zu machen.«
Ein Schauder überströmte ihren Körper und ging von ihr aus auf ihn über. Vernehmlich zwar, aber mit leiser und angstvoller Stimme, als rede sie im Traum, sprach sie:
»Ich gehe hin, um seinen Geist zu sehen! Es wird sein Geist sein, nicht er.«
Mr. Lorry rieb ruhig die Hände, die seinen Arm festhielten.
»So, so. Jetzt wär' es heraus. Von dem Besten und dem Schlimmsten seid Ihr nunmehr unterrichtet. Ihr befindet Euch auf dem Weg zu dem armen, schwer mißhandelten Herrn; noch eine schöne Seereise und eine schöne Landreise, und Ihr werdet an seiner Seite sein.«
In demselben Ton, aber noch gedämpfter, fuhr sie fort:
»Ich bin frei, ich bin glücklich gewesen; und doch ist mir sein Geist nie nahe gekommen.«
»Noch eines«, sagte Mr. Lorry mit Nachdruck, als sehe er darin das beste Mittel, Aufmerksamkeit zu erzwingen; »er ist unter einem andern Namen aufgefunden worden. Sein eigener wurde entweder seitdem stets verheimlicht oder vergessen. Es wäre schlimmer als nutzlos, darüber Nachforschungen anzustellen – schlimmer als nutzlos, ausfindig machen zu wollen, ob er diese lange Reihe von Jahren übersehen oder absichtlich gefangen gehalten wurde. Solche Nachforschungen würden jetzt zu nichts Gutem führen, sondern im Gegenteil gefährlich werden. Besser, man schweigt ganz und gar über die Sache und schafft ihn, jedenfalls für eine Weile, fort aus Frankreich. Sogar ich vermeide es, davon zu reden, obschon mich meine Nationalität sicherstellt, und Tellsons nehmen sich in acht, trotz ihrer Bedeutung für den französischen Kredit. Ich trage keinen Fetzen Papier bei mir, der eine offene Beziehung darauf hätte. Es handelt sich ganz und gar um ein Dienstgeheimnis. Meine Beglaubigungs-, Einführungs- und Empfehlungsbriefe beschränken sich auf die paar Worte: ›Ins Leben zurückgerufen‹, und man kann unter ihnen alles verstehen. Doch was ist das? Sie hört mich nicht! Miß Manette!«
Sie saß vollkommen still und unbewegt unter seiner Hand und war nicht einmal gegen die Stuhllehne zurückgesunken, trotz des Zustandes von Bewußtlosigkeit, in dem sie sich befand. Ihre Augen standen offen und waren auf ihn gerichtet: auch schien der vorerwähnte Ausdruck mit dem Meißel oder dem Brandeisen in ihre Stirn eingegraben zu sein. Sie hielt seinen Arm so fest umschlungen, daß er sich, um ihr nicht weh zu tun, scheute, ihre Hände loszumachen, und in dieser Not rief er, ohne sich von der Stelle zu rühren, laut um Hilfe.
Eine wild aussehende Weibsperson – Mr. Lorry bemerkte sogar in seiner Aufregung, daß sie selbst bis auf die Haare ganz rot aussah, in eine merkwürdig knapp anliegende Tracht gekleidet war und eine höchst wundersame Haube von der Gestalt eines mächtigen hölzernen Grenadierkübels oder eines großen Stiltoner Käses auf dem Kopf hatte – kam als Vortrab des Wirtshausgesindes in das Zimmer gerannt und erledigte alsbald die Frage seines Gebanntseins an die arme junge Dame damit, daß sie ihm mit sehniger Faust einen Stoß vor die Brust versetzte, demzufolge er gegen die nächste Wand flog.
»Das muß wahrhaftig ein Mannsbild sein«, dachte der atemlose Mr. Lorry in seinem Innern, als er den Widerstand der Mauer fühlte.
»Was soll eure Gafferei da!« rief die Weibsperson, gegen die Gasthausdienerschaft gewandt. »Warum geht ihr nicht, um das Nötige zu holen, und steht hier, um mich anzuglotzen? Ist denn so viel an mir zu sehen, he? Warum bringt ihr mir nichts? Gebt acht, ich mach' euch Beine, wenn nicht rasch Riechsalz, kalt Wasser und Weinessig herkommt. Nun, wird's bald?«
Es flog alles auseinander, um die gewünschten Belebungsmittel herbeizuschaffen, nur die Frau legte in der Zwischenzeit die Ohnmächtige sanft auf das Sofa. Sie zeigte dabei viel Geschick und Zartheit, nannte sie ihr »Schätzchen«, ihr »Vögelchen« und streifte mit Sorgfalt und Stolz das goldne Haar aus dem Antlitz der Patientin gegen die Schultern zurück.
»Und Ihr, Brauner, da«, sagte sie, entrüstet sich gegen Mr. Lorry umwendend, »konntet Ihr dem armen Kind nicht sagen, was Ihr ihm zu sagen hattet, ohne es auf den Tod zu erschrecken? Schaut sie an mit ihrem hübschen, blassen Gesicht und ihren kalten Händen. Treiben es alle Bankiers so?«
Mr. Lorry war von dieser schwer zu beantwortenden Frage so übermäßig betroffen, daß er nur aus der Ferne mit viel schwächerer Sympathie und Zerknirschung zuzuschauen vermochte, während das Mannweib, nachdem es die Hausdienerschaft unter der geheimnisvollen Drohung verbannt hatte, sie etwas nicht namhaft Gemachtes wissen zu lassen, wenn sie gaffend stehenbleibe, ihren Pflegling allmählich zur Besinnung brachte und durch Schmeichelworte bewog, das haltlose Köpfchen auf ihre Schulter zu legen.
»Ich hoffe, es macht sich jetzt bei ihr«, sagte Mr. Lorry.
»Dann ist jedenfalls Euer brauner Rock unschuldig daran. Mein Herzkäferchen.«
»Ich hoffe«, bemerkte Mr. Lorry nach einer abermaligen Pause schwacher Sympathie und Zerknirschtheit, »daß Ihr Miß Manette nach Frankreich begleiten werdet?«
»Sehr wahrscheinlich«, versetzte die entschiedene Frau. »Wenn es mir je beschieden gewesen wäre, daß ich über das Salzwasser soll, meint Ihr, die Vorsehung hätte mir dann meine Bestimmung auf meiner Insel angewiesen?«
Abermals eine schwer zu beantwortende Frage, weshalb Mr. Jarvis Lorry sich zurückzog, um darüber nachzudenken.
*
Fünftes Kapitel. Die Weinschenke.
Ein großes Weinfaß war auf die Straße gefallen und geborsten. Der Unfall hatte sich zugetragen, als man es abladen wollte; man konnte es nicht mehr halten. Durch die Gewalt des Anpralls sprangen die Reifen, und da lag es nun unmittelbar vor der Kellertüre wie eine Nußschale zerschellt auf den Steinen.
Wer in der Nähe war, gab seine Arbeit oder seinen Müßiggang auf und eilte nach der Stelle, um von dem Wein etwas abzufangen. Die rauhen, unregelmäßigen Pflastersteine, mit denen die Straße überall belegt war und die ausdrücklich dazu bestimmt zu sein schienen, die Annäherung aller lebenden Wesen zu lähmen, hatten die kostbare Flüssigkeit in kleine Lachen abgedämmt, die nach dem Maßstab ihrer Größe von lärmenden Banden umlagert wurden. Dort knieten einige Männer nieder, machten aus den aneinandergefügten beiden Händen Löffel und schlürften daraus, oder versuchten den Weibern, die sich über ihre Schultern niederbeugten, zu etwas zu verhelfen, ehe der Wein zwischen ihren Fingern durchgelaufen war. Hier brauchten Männer und Weiber alte Topfscherben als Trinknäpfe oder tauchten die Kopftücher der Frauen ein, um sie in den Mund der Kinder auszuwringen. Die einen bauten kleine Schlammdämme, um den entströmenden Wein aufzuhalten, andere stürzten nach der Weisung von Leuten, die von den Fenstern aus zusahen, da und dorthin, um die Bächlein abzuschneiden, die eine neue Richtung einschlagen wollten, und wieder andere hielten sich an die mit Hefe gefärbten Faßdauben, deren vom Wein getränkte Teile sie mit besonderem Hochgenuß beleckten und sogar benagten. Man bedurfte keiner Rinnen, um den Wein abzulassen; aber gleichwohl verschwand er und mit ihm so viel Staub, daß kein Gassenkehrer sauberer hätte fegen können.
Während der Dauer dieses Weinspiels tönte helles Gelächter und der Schall fröhlicher Stimmen aus dem Mund von Männern, Weibern und Kindern durch die Straße. Es ging zwar ziemlich roh, aber auch spaßhaft genug her; denn rasch hatte sich geselliges Wesen und die augenfällige Neigung eines jeden, sich dem andern anzuschließen, entwickelt, so daß es namentlich unter den Glücklicheren oder Leichtherzigeren bald zu fröhlichen Umarmungen, wechselseitigen Toasten, Händedrücken und selbst zu lustigen Tänzen kam, zu denen man sich zu Dutzenden vereinigte. Die Demonstrationen hörten übrigens ebenso plötzlich wieder auf, wie sie begonnen hatten, sobald der Wein ausgeschlürft war und die rechenartig arbeitenden Finger jede Stelle, wo er besonders massenhaft gestanden, mit der Zeichnung eines Bratrostes versehen hatten. Der Holzspalter setzte die Säge, die er in dem Scheit hatte stecken lassen, wieder in Bewegung. Die Frau kehrte nach ihrem auf der Türschwelle abgesetzten Aschentopf zurück, mit dem sie an sich selbst oder an ihrem Kinde den Schmerz der durchfrorenen Finger und Zehen zu beschwichtigen versuchte; Männer mit nackten Armen, verfilzten Haaren und leichenfahlen Gesichtern, die aus Kellergeschossen an das winterliche Licht emporgekommen waren, verschwanden wieder in ihren Höhlen, und über den Schauplatz verbreitete sich ein Düster, das ihm weit natürlicher stand als der Sonnenschein.
Es war ein Rotwein gewesen und die Stelle, wo er ausgeflossen war, eine enge Straße der Vorstadt Saint Antoine in Paris. Er hatte auch viele Hände, viele Gesichter, manchen nackten Fuß und manchen Holzschuh gefärbt. Die Hände der Holzhacker ließen rote Fingerabdrücke an den Scheiten zurück, und die Stirn des Weibes mit dem Kind war von dem alten Lumpen befleckt, den sie sich wieder um den Kopf gewunden. Diejenigen, die sich an den Faßdauben erlabt hatten, zeigten ein getigertes Untergesicht, und ein auf diese Weise beschmierter, langer Spaßmacher, an dessen Kopfseite eine schmutzige, lange Zipfelmütze niederfiel, malte mit seinen in die trübe Weinhefe getauchten Fingern das Wort Blut an eine Wand.
Es sollte eine Zeit kommen, in der auch solcher Wein in den Straßen ausgegossen wurde und sein Rot viele Pflastersteine färbte.
Als nun auf Saint Antoine die Wolke wieder lagerte, die ein flüchtiger Sonnenblick von seinem Antlitz verdrängt hatte, trat abermals tiefe Finsternis ein; Kälte, Schmutz, Krankheit und Not waren die Kammerherrn des Heiligen – lauter mächtige Edle, namentlich der letztere. Abgezehrte Fabrikarbeiter standen fröstelnd an den Ecken, gingen in den Häusern aus und ein, schauten aus jedem Fenster und ließen ihre armseligen Fähnlein im Winde flattern. Die Fabrik, in der sie sich so heruntergearbeitet hatten, hatte nichts gemein mit jener fabelhaften Mühle, die alte Leute jung machte, sondern übte gerade die entgegengesetzte Wirkung aus. Die Kinder hatten alte Gesichter und tiefe Stimmen, und auf jedem derselben war mit stets erneuten, tiefen Furchen das Zeichen des Hungers eingegraben. Dies erschien als der vorherrschende Zug. Der Hunger sprach aus den hohen Häusern heraus in den armseligen Linnen, die an den ausgespannten Seilen hingen, und wurde mit Stroh und Lumpen, Holz und Papier in sie hineingeflickt. Hunger bedeutete jeder der kleinen Holzabschnitte, die unter der Säge des Holzhackers fielen. Hunger glotzte aus den rauchlosen Schornsteinen in die Tiefe und schoß aus der schmutzigen Straße auf, in deren Kehricht sich kein Abfall vom Essen befand. Hunger war die Inschrift der Bäckersimse, deutlich ausgedrückt in den kleinen Laiben und dem spärlichen Brotvorrat – die der Wurstläden, lesbar in den Präparaten aus krepierten Hunden, die zum Verkauf ausgeboten wurden. Der Hunger ließ seine dürren Knochen rasseln unter den in der gedrehten Walze röstenden Kastanien und zeigte sein Skelett auf jedem Teller mit schlechten, in einigen Tropfen widerstrebenden Öls gebratenen Kartoffeln.
Der Tummelplatz war in jeder Beziehung für ihn passend. Eine enge, krumme Straße voll Unflat und Gestank, die in die andern engen, krummen Straßen einmündete, alle bevölkert von Lumpen und Nachtmützen, alle riechend nach Lumpen und Nachtmützen, und in allen sichtbaren Dingen ein düsteres, brütendes Aussehen zeigend. In den abgezehrten Mienen der Menschen war da und dort noch so eine Art Raubtiergedanke von der Möglichkeit eines Widerstandes zu lesen. Wie gedrückt sie auch dahinschlichen, fehlte es ihnen doch nicht an Augen voll Feuer, an zusammengepreßten Lippen, blaß von dem, was sie unterdrückten, und an Stirnen, gefurcht nach Art des Stricks, den zu erdulden oder zu handhaben ihnen beschieden war. Die Geschäftschilde, deren es fast so viele gab wie Läden, zeigten lauter grauenhafte Schilderungen des Mangels. Der Rindvieh- und der Schweinemetzger hatten nur die magersten Fleischstücke, die Bäcker die kleinsten Laibe rauhen Brotes abbilden lassen. Die abgemalten Gäste in dem Schilde der Weinbuden krächzten in hohläugiger Vertraulichkeit über dem spärlich zugemessenen dünnen Wein oder Bier. Nichts war in einem ordentlichen Zustand dargestellt als das Arbeitsgerät und die Waffen; allerdings, die Messer und Äxte waren scharf, die Schmiedehämmer schwer und die Vorräte des Büchsenmachers mörderisch. Das lahmmachende Pflaster mit seinen vielen kleinen Schlamm- und Wasserpfützen hatte keine Trottoirs, sondern begann unmittelbar vor der Tür. Zur Schadloshaltung lief die Gosse durch die Mitte der Straße – das heißt, wenn sie überhaupt lief, und das geschah nur nach schweren Regengüssen, die dann auch gelegentlich durch ihre exzentrischen Kundgebungen die Häuser füllten. In weiten Zwischenräumen sah man quer über die Straßen je eine einzige schwerfällige Laterne an einem Seil und einem Klobenpfahl aufgehangen, und wenn sie dann nachts von dem Lampenwärter niedergelassen, angezündet und wieder aufgezogen wurde, pendelte über den Köpfen eine weit auseinandergezerrte Reihe von düster brennenden Dochten so krankhaft, als wären sie auf dem Meer. Und so konnte man es auch nennen; sie zitterten auf einem Meer, und Schiff und Mannschaft stand in Sturmesgefahr.
Denn es sollte eine Zeit eintreten, in der die hagern Vogelscheuchen jenes Stadtteils in ihrem Müßiggang und Hunger dem Lampenwärter so lang zugesehen hatten, daß ihnen der Gedanke kam, seine Methode zu verbessern und an jenen Seilen und Klobenpfählen Menschen in die Höhe zu ziehen, damit sie grell hineinleuchten möchten in die Nacht ihrer Lage. Aber die Stunde war noch nicht gekommen, und jeder Wind, der über Frankreich hinblies, schüttelte vergeblich die Lumpen der Vogelscheuchen; die Vögel mit ihrem schönen Gesang und Gefieder ließen sich nicht warnen.
Der Weinschank war ein Eckhaus von besserem Aussehen als die meisten anderen, und der Besitzer desselben stand in gelber Weste und grünen Beinkleidern vor der Tür und sah dem Kampf um den ausgelaufenen Wein zu. »Geht mich nichts an«, sagte er mit einem schließlichen Achselzucken. »Die Lieferung geschah auf Gefahr des Verkäufers; er mag für eine andere sorgen.«
Seine Augen fielen zufällig auf den langen Spaßmacher, als er mit seinem Witz die Wand bekleckste, und er rief ihm über die Straße hinüber zu:
»He, Gaspard, was macht Ihr da?«
Der Kerl schien in seinem Spaß, wie es bei Leuten seines Schlages gern der Fall ist, große Bedeutung zu sehen, verfehlte aber doch, wie es bei Leuten dieser Gattung gleichfalls oft zutrifft, vollständig seinen Zweck.
»Was soll das? Seid Ihr denn fürs Tollhaus reif?« sagte der Weinwirt, über die Straße hinübergehend und den Spaß mit einer Handvoll Gassenkot austilgend, den er aufnahm und darüber hinschmierte. »Warum schreibt Ihr das in offener Straße? Gibt es denn – hört Ihr – gibt es denn keinen andern Platz, um solche Worte hinzuschreiben?«
Während dieser Vorstellung ließ er, vielleicht zufällig, vielleicht auch nicht, seine reinlichere Hand in die Richtung von des Spaßmachers Herzen sinken. Dieser klopfte mit seiner eigenen darauf, tat einen hurtigen Sprung in die Höhe und nahm dann die Haltung eines phantastischen Tänzers an, schuppte sich seinen beschmutzten Schuh vom Fuß in die Hand, und streckte ihn aus ... Unter diesen Umständen erschien der Spaßmacher in einer außerordentlich, um nicht zu sagen wolfartig praktischen Rolle.
»Zieht ihn nur wieder an, zieht ihn an«, sagte der andere. »Bestellt Wein, Wein, und laßt's dabei bewenden.«
Nach diesem Rat wischte er sich ganz bedächtig seine beschmutzte Hand an dem Kleid des Spaßmachers ab, als sei dieser schuld gewesen an der Verunreinigung, kehrte nach seinem Haus zurück und trat in seine Weinstube.
Der Wirt war ein stiernackig, martialisch aussehender Mann von dreißig und mußte wohl von sehr hitziger Körperbeschaffenheit sein, da er trotz des bitter kalten Tages seinen Rock nicht auf dem Leib, sondern über die Schultern geschlenkert trug. Seine Hemdärmel waren aufgerollt und seine braunen Arme bis zum Ellbogen nackt. Auch hatte er keine andere Kopfbedeckung als sein kurzgeschnittenes, krauses, schwarzes Haar. Er selbst war ein dunkelfarbiger Mann mit grauen Augen und einer breiten, kühnen Nasenbrücke dazwischen. Im ganzen sah er gutlaunig, dabei aber auch unversöhnlich aus, und Entschiedenheit des Willens und des Entschlusses waren ihm auf die Stirne gezeichnet, Man mußte sich wohl vorsehen, ihm entgegenzutreten, wenn er eine enge Steige mit einem Abgrund auf jeder Seite hinabstürmte, da diesen Mann nichts zum Ausweichen gebracht haben würde.
Als er hereinkam, saß seine Frau, Madame Defarge, hinter dem Zahltisch der Gaststube. Sie war eine stämmige Frau von dem Alter ihres Gatten und hatte ein wachsames Augenpaar, das selten auf etwas hinzuschauen schien. Ihre große Hand war mit schweren Ringen geschmückt, und ihr gesetztes, derbzügiges Gesicht verriet große Selbstbeherrschung. Überhaupt zeigte Madame Defarge etwas so Charakteristisches, daß man von ihr zum voraus sagen konnte, sie mache in den Rechnungen, denen sie vorstand, nicht leicht einen Verstoß zu ihrem Nachteil. Da sie sehr empfindlich gegen Kälte war, hatte sie sich in einen Pelz gehüllt und außerdem ein mächtiges, hellfarbiges Tuch um den Kopf gebunden, das jedoch nicht bis zu den großen Ohrenringen niederreichte. Ihr Strickzeug lag müßig vor ihr, da sie eben mit dem Ausstochern ihrer Zähne beschäftigt war, und in dieser Arbeit mußte ihre linke Hand den rechten Ellenbogen unterstützen. Als ihr Eheherr eintrat, sagte sie nichts, sondern hustete nur ganz leichthin. Dies mit dem Erheben ihrer dunkel gezeichneten Augenbrauen um die Breite einer Linie über ihren Zahnstocher deutete dem Gatten an, daß er gut tun werde, sich im Zimmer nach den Gästen umzusehen, da während seiner kurzen Abwesenheit neue Kundschaft eingetreten sei.
Der Weinwirt ließ seine Augen umherschweifen, bis sie auf einem ältlichen Herrn und einem jungen Frauenzimmer, die in einer Ecke saßen, haften blieben. Es war auch andere Gesellschaft da; ein Paar spielte Karten, ein anderes machte eine Dominopartie, und drei standen neben dem Schenktisch und schlürften sparsam den kleinen Rest ihres Weines. Als der Wirt hinter den Tisch trat, fiel ihm auf, daß der ältliche Herr mit einem Blick auf die junge Dame die Worte fallen ließ:
»Dies ist unser Mann.«
»Was Teufels wollt ihr in dieser Galeere da?« sagte Monsieur Defarge zu sich selbst; »ich kenne euch nicht.«
Er stellte sich an, als nehme er keine Notiz von den beiden Fremden, sondern ließ sich mit dem Kundentriumvirat, das neben dem Schenktisch trank, in ein Gespräch ein.
»Wie geht es, Jacques?« sagte einer von den dreien zu Monsieur Defarge. »Ist aller ausgeflossener Wein schon versorgt?«
»Bis auf den letzten Tropfen, Jacques«, antwortete Monsieur Defarge.
Nach diesem Austausch von Taufnamen hustete Madame Defarge, die noch immer ihre Zähne mit dem Stocher bearbeitete, wieder ein klein wenig und zog die Brauen um eine Linie höher.

»Es kommt nicht oft vor«, bemerkte der zweite von den dreien gegen Monsieur Defarge, »daß dieser Haufe unglücklichen Viehs Wein oder überhaupt etwas anderes zu kosten kriegt als Schwarzbrot und Tod. Ist es nicht so, Jacques?«
»Jawohl, Jacques«, entgegnete Monsieur Defarge.
Nach diesem abermaligen Taufnamenaustausch hustete Madame Defarge, die in gründlicher Fassung noch immer ihren Zahnstocher handhabte, abermals ein wenig und erhob die Brauen um die Breite einer weitern Linie.
Nun brachte der Letzte von den dreien sein Sprüchlein an, nachdem er zuvor sein leeres Trinkglas schmatzend auf den Tisch niedergesetzt hatte.
»Ah, um so schlimmer. Dieses arme Gesindel hat immer einen bitteren Mund und ein saures Leben, Jacques. Hab' ich nicht recht, Jacques?«
»Sicherlich, Jacques«, lautete Monsieur Defarges Erwiderung. Dieser dritte Taufnamenaustausch war kaum beendigt, als Madame Defarge ihren Zahnstocher beiseite steckte, die Augenbrauen scharf in die Höhe zog und leicht in ihrem Sitze raschelte.
»Halt, da; richtig«, murmelte der Ehemann. »Messieurs, meine Frau.«
Die drei Gäste nahmen vor Madame Defarge die Hüte ab und schwenkten sie achtungsvoll. Sie dankte für diese Huldigung durch eine Verbeugung des Kopfes und durch einen raschen Blick, den sie über das Kleeblatt hingleiten ließ. Dann schaute sie sich rasch, als geschehe es nur zufällig, in der Zechstube um und nahm endlich mit dem Anschein großer Ruhe und geistiger Fassung ihr Strickzeug auf, in das sie sich alsbald völlig vertieft hatte.
»Meine Herren«, sagte ihr Gatte, der sein helles Auge nicht von ihr verwandte, »guten Tag. Das Zimmer für einen ledigen Herrn, das ihr zu sehen wünschtet und nach dem ihr mich fragtet, eh' ich hinausging, ist im fünften Stock. Die Treppe dazu findet ihr dort links in dem kleinen Hof (er deutete die Richtung mit der Hand an) neben dem Fenster meiner Wirtschaft. Doch ich erinnere mich – einer von euch ist ja schon dagewesen und kann den Weg zeigen. Adieu, meine Herren.«
Sie zahlten ihren Wein und entfernten sich. Monsieur Defarges Augen hafteten noch immer auf der strickenden Frau, als der ältliche Herr aus seiner Ecke hervortrat und um geneigtes Gehör bat.
»Recht gern, Herr«, versetzte Monsieur Defarge und trat ruhig mit ihm unter die Tür.
Ihr Gespräch war sehr kurz, aber auch sehr entschieden. Schon bei den ersten Worten fuhr Monsieur Defarge zusammen und wurde sehr aufmerksam. Er hatte keine Minute zugehört, als er nickte und hinausging. Der Herr winkte dann dem jungen Frauenzimmer und verließ mit ihr gleichfalls das Zimmer. Madame Defarge strickte mit hurtigen Fingern und ruhigen Augenbrauen und sah nichts.
Mr. Jarvis Lorry und Miß Manette trafen, sobald sie die Tür der Weinstube hinter sich geschlossen, in der Flur, nach der eben zuvor das Kleeblatt gewiesen worden war, wieder mit Monsieur Defarge zusammen. Die Flur führte zu einem stinkenden, kleinen Hinterhof und war der allgemeine Zugang zu einer ansehnlichen Häusergruppe, die von einer großen Menschenmenge bewohnt wurde. In dem dunkeln, mit Backsteinen gepflasterten Vorplatz zu der finsteren Backsteintreppe ließ sich Monsieur Defarge vor dem Kind seines alten Herrn auf ein Knie nieder und führte ihre Hand an seine Lippen. Die Handlung war zart, wurde aber nichts weniger als zart ausgeführt, und unmittelbar darauf kam eine merkwürdige Veränderung über den Mann. Sein Gesicht zeigte keinen Frohsinn, keine Offenheit mehr und verriet jetzt einen heimlichen, finsteren, gefährlichen Mann.
»Es ist sehr hoch und der Zugang etwas beschwerlich. Besser, wir fangen langsam an.« So sprach Monsieur Defarge mit rauher Stimme zu Mr. Lorry, als sie die Treppe hinanzusteigen begannen.
»Ist er allein?« flüsterte dieser.
»Allein! Gott behüte, wer sollte bei ihm sein?« antwortete der andere ebenso leise.
»Er ist also immer einsam?«
»Ja.«
»Auf sein Verlangen?«
»Aus Notwendigkeit. Wie er war, als ich ihn sah, nachdem man mich aufgefunden und befragt hatte, ob ich ihn aufnehmen und auf meine Gefahr hin verschwiegen sein wolle, – wie er damals war, so ist er auch jetzt.«
»Wohl sehr verändert?«
»Verändert!«
Der Wirt hielt an, um mit seiner Hand gegen die Mauer zu schlagen und einen schweren Fluch vor sich hinzumurmeln. Keine unmittelbare Antwort hätte nur halb so nachdrücklich sein können. Mr. Lorry fühlte sich bedrückter und bedrückter, je höher er mit seinen beiden Begleitern hinaufkam.
Eine solche Treppe mit ihren Zugaben in den älteren, übervölkerten Stadtteilen von Paris würde schon heutzutage schlimm genug sein, war aber damals für nicht daran gewöhnte und nicht abgehärtete Sinne etwas Abscheuliches. Jede kleine Wohnung innerhalb der großen Kloake eines einzigen hohen Hauses, das heißt jede Stube, jede Räumlichkeit hinter der nach der gemeinsamen Treppe hinausführenden Tür setzte ihren Haufen Unrat, den Rest von dem, was nicht zu den Fenstern hinausgeworfen wurde, auf ihrem Vorplatz ab. Die nicht zu bewältigende, hoffnungslose Masse von Fäulnis, zu der in solcher Weise die Bedingungen gegeben waren, würde die Luft verpestet haben auch ohne die nicht greifbaren Verunreinigungen, die im Gefolge von Armut und Elend auftreten. Beide zusammen aber bildeten ein fast unerträgliches Gemenge. Durch eine solche Atmosphäre und über Haufen giftigen Abfalls führte der Weg. Die Unruhe des eigenen Geistes und die Aufregung des Mädchens, die sich mit jedem Augenblick steigerte, bewogen Mr. Jarvis Lorry zweimal, haltzumachen und auszuruhen. Dies geschah jedesmal vor einem kläglichen Fenstergitter, durch das jedes noch gesund gebliebene Lüftchen zu entweichen und alle verderbten, eklen Dünste einzudringen schienen. Durch die rostigen Eisenstäbe gewahrte man eher durch das Geruch- als durch das Gesichtsorgan die aufeinander hockenden Nachbarhäuser, unter denen, soweit man sehen konnte, nichts auf gesundes Leben und Streben deutete als die beiden hohen Türme der Kirche von Notre-Dame.
Endlich war die Höhe der Treppe erreicht, und sie machten zum drittenmal halt. Aber es führte eine steilere und engere Obertreppe noch weiter hinauf, bis man in das Dachgeschoß gelangte. Der Wirt, der immer vorausging und sich auf der Seite hielt, auf der sich Mr. Lorry befand, weil er vielleicht von der jungen Dame befragt zu werden fürchtete, wandte sich hier um, betastete sorgfältig die Taschen des über seinen Rücken hängenden Rockes und nahm einen Schlüssel heraus.
»Ist denn die Tür verschlossen, mein Freund?« fragte Mr. Lorry erstaunt.
»Ja«, lautete Monsieur Defarges grämliche Antwort.
»Ihr haltet es also für nötig, daß der unglückliche Mann so zurückgezogen lebe?«
»Ich halte es für nötig, den Schlüssel umzudrehen«, flüsterte ihm Monsieur Defarge mit gerunzelter Stirn ins Ohr.
»Warum?«
»Warum? Weil er so lang eingesperrt gelebt hat, daß er sich fürchten, rasend werden, sich selbst in Stücke reißen, sterben oder weiß Gott welchen Schaden nehmen würde, wenn ich seine Tür offen ließe.«
»Ist es möglich!« rief Mr. Lorry.
»Ob es möglich ist?« entgegnete Defarge mit Bitterkeit. »Jawohl. Wir leben in einer sauberen Welt, wo so etwas möglich ist und wo so viele andere Dinge möglich und nicht nur möglich sind, sondern wirklich geschehen – ja, seht Ihr, unter diesem Himmel, jeden Tag wirklich geschehen. Es lebe der Teufel! Laßt uns weitergehen.«
Dieses Zwiegespräch war in einem so leisen Geflüster abgehalten worden, daß keine Silbe davon das Ohr der jungen Dame erreichte. Jetzt aber zitterte sie unter einer so gewaltigen Aufregung, und ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck von so tiefer Angst, vor allem aber von Furcht und Schrecken, daß Mr. Lorry sich für verpflichtet hielt, ein paar Worte der Ermutigung an sie zu richten.
»Mut, meine teure Miß! Mut! Geschäft! Das Schlimmste wird in einem Augenblick vorüber sein; es ist herum, sobald man die Schwelle überschritten hat. Dann beginnt all das Gute, das Ihr ihm bringt, aller Trost und alles Glück, das Ihr ihm schaffen könnt. Erlaubt unserem guten Freund hier, Euch auf der andern Seite zu unterstützen. Recht so, Freund Defarge. Kommt jetzt. Geschäft, Geschäft!«
Sie stiegen langsam und leise vollends hinan. Die Treppe war kurz und das Ende bald erreicht. Da sie jedoch auf dem halben Wege einen Winkel machte, wurden sie plötzlich drei Männer gewahr, die neben der Tür die Köpfe zusammengesteckt hielten und augenscheinlich durch einige Risse oder Löcher der Mauer in das dahinter befindliche Gemach hineinsahen. Die nahen Fußtritte bewogen die drei sich aufzurichten und umzuwenden; es waren die Männer mit dem gleichen Vornamen, die unten Wein getrunken hatten.
»In der Überraschung Eures Besuches habe ich sie vergessen«, bemerkte Monsieur Defarge erklärend. »Geht jetzt, meine guten Kinder; wir haben ein Geschäft da.«
Die drei glitten vorüber und leise die Treppe hinab.
Da sich auf diesem Boden augenscheinlich keine andere Tür befand und der Wirt, sobald sie allein waren, geradewegs auf diese einzige zuging, so fragte ihn Mr. Lorry flüsternd, aber mit einigem Unwillen:
»Stellt Ihr denn Monsieur Manette zur Schau aus?«
»Ich zeige ihn auf diese Weise, wie Ihr's gesehen habt, einigen wenigen Auserwählten.«
»Ist dies recht?«
»Ich denke wohl.«
»Wer sind die wenigen? Wie wählt Ihr sie?«
»Ich sehe dabei auf reelle Männer meines Namens – Jacques ist mein Name –, von denen ich glaube, daß ihnen der Anblick gut tun werde. Genug – Ihr seid ein Engländer; das ist etwas anderes. Habt die Güte, einen Augenblick hier stehenzubleiben.«
Mit einer abwehrenden Gebärde beugte er sich nieder und schaute durch den Spalt in der Mauer, erhob den Kopf aber bald wieder und schlug zwei- oder dreimal gegen die Tür, augenscheinlich in keiner andern Absicht, als um Lärm zu machen. Ebenso rasselte er etlichemal mit dem Schlüssel über die Tür hin, ehe er diesen derb in das Schloß stieß und so geräuschvoll wie nur möglich darin umdrehte.
Die Tür ging unter seiner Hand langsam nach innen auf. Er sah hinein und sagte etwas. Eine schwache Stimme antwortete darauf. Es konnte beiderseits wenig mehr als eine Silbe gesprochen worden sein.
Monsieur Defarge schaute über die Schulter zurück und winkte seinen Begleitern, einzutreten. Mr. Lorry schlang seinen Arm um den Leib seiner Begleiterin und hielt sie fest; denn er fühlte, daß sie ohnmächtig werden wollte.
»Ein – ein – ein Geschäft, Geschäft!« drängte er, und auf seiner Wange zeigte sich ein Naß, das jedenfalls dort kein Geschäft hatte. »Kommt mit – kommt!«
»Ich fürchte mich«, entgegnete das Mädchen schaudernd.
»Vor was?«
»Vor ihm – vor meinem Vater.«
Durch Miß Manettes Zustand und das Winken des Führers in Verzweiflung gebracht, schlang er den Arm, der auf seiner Schulter zitterte, um seinen Hals, hob sie ein wenig empor und eilte mit ihr in das Gemach; dann setzte er sie unmittelbar hinter der Schwelle wieder ab, ohne die sich an ihn Anklammernde loszulassen.
Defarge nahm den Schlüssel wieder heraus, machte die Tür zu und schloß sie von innen ab, dann zog er den Schlüssel ab und behielt ihn in der Hand. Alles dies tat er methodisch und so geräuschvoll wie nur möglich. Endlich ging er gemessenen Schritts durch die Kammer nach dem Fenster hin, wo er haltmachte und sich umwandte.
Die Dachkammer hatte ursprünglich die Bestimmung, zur Aufbewahrung von Brennholz und dergleichen zu dienen, und bestand in einem düstern, dunklen Gelaß. Das Fenster im Dach war eigentlich eine Tür mit einem kleinen Kran darüber, um von der Straße aus Vorräte in die Höhe ziehen zu können, hatte keine Scheiben und bestand wie jede andere Tür von französischer Konstruktion aus zwei Flügeln. Um die Kälte abzuwehren, war der eine Flügel fest geschlossen und der andere nur ein wenig geöffnet; durch den schmalen Spalt aber drang das Licht nur so spärlich ein, daß man unmittelbar nach dem Eintreten nichts sehen konnte, und nur lange Gewohnheit vermochte irgend jemand in die Lage zu bringen, bei solcher Beleuchtung eine Arbeit vorzunehmen. Und doch wurde in diesem Dachraume gearbeitet. Den Rücken der Tür und das Gesicht dem Fenster zugewandt, vor dem der Wirt zusehend stand, saß ein weißhaariger Mann auf einer niedrigen Bank. Er hatte den Körper vorwärts gebeugt und machte eifrig Schuhe.
*
Sechstes Kapitel. Der Schuhmacher.
»Guten Tag!« sagte Monsieur Defarge, auf den über einen Schuh hingebeugten weißen Kopf niederblickend.
Der Kopf richtete sich für einen Augenblick auf, und eine sehr schwache Stimme, als komme sie aus weiter Ferne, antwortete auf den Gruß:
»Guten Tag!«
»Ich sehe, Ihr seid eifrig beim Geschäft?«
Nach einer langen Pause erhob sich der weiße Kopf abermals, und die Stimme versetzte:
»Ja – ich arbeite.«
Diesmal hatten auch ein Paar hohle Augen den Frager angeblickt, ehe sich das Gesicht wieder senkte.
Die Schwäche der Stimme war erschütternd mitleiderregend. Man konnte sie keine körperliche Schwäche nennen, obschon langer Kerker und schlechte Kost ohne Zweifel mit zu den Ursachen gehörten. Ihre bejammernswürdige Eigentümlichkeit bestand in dem Umstand, daß sie eine Frucht der Einsamkeit und des völligen Mangels an Übung war. Die Stimme klang wie das letzte matte Echo eines lange zuvor ins Weite gerufenen Tons und hatte das Leben, den Klang der menschlichen Stimme so ganz und gar verloren, daß sie auf die Sinne den Eindruck einer Farbe machte, die einmal schön war, jetzt aber zu einem matten Fleck verblichen ist. Sie klang so gedämpft und verfallen, daß sie unter dem Boden hervorzukommen schien, und deutete so ausdrucksvoll auf ein hoffnungsloses, verlorenes Wesens, daß der Ton den Hörenden unwillkürlich an einen in der Wüste verirrten, verhungernden Reisenden erinnerte, der der Heimat und seinen Freunden noch ein Lebewohl zuruft, ehe er sich hinlegt, um zu sterben.
Einige Minuten stummer Arbeit waren vergangen, und die hohlen Augen hatten wieder aufgeblickt – nicht etwa aus Interesse oder Neugier, sondern vorläufig nur unter dem mechanischen Eindruck, daß die Stelle, wo der einzige zu ihrer Wahrnehmung gekommene Besuch stand, noch nicht leer sei.
»Ich möchte etwas mehr Licht einlassen«, sagte Defarge, der seinen Blick nicht von dem Schuhmacher verwandt hatte. »Könnt Ihr ein bißchen mehr Helle vertragen?«
Der Schuhmacher hielt in seiner Arbeit inne, schaute mit einer ausdruckslosen Miene des Horchens bald rechts, bald links von sich auf den Boden und sah endlich zu dem Sprecher auf.
»Was habt Ihr gesagt?«
»Ob Ihr mehr Helle vertragen könnet?«
»Ich muß wohl, wenn Ihr sie hereinlaßt.«
Er legte einen blassen Schatten von Nachdruck auf das zweite Wort.
Die angelehnte Halbtür wurde ein wenig weiter geöffnet und vorderhand unter diesem Winkel befestigt. Ein breiter Lichtstreifen fiel in die Kammer und beleuchtete den ruhenden Arbeiter mit einem unvollendeten Schuh auf seinem Schoß. Sein Werkzeug und einige Stücke Leder lagen zu seinen Füßen und auf der Bank. Er hatte einen weißen, struppigen, aber nicht sehr langen Bart, ein hageres Gesicht und ungemein helle Augen. Letztere hätten in den tiefen Höhlen, dem welken Zug unter den noch immer dunkeln Augenbrauen und unter dem weißen Haar groß erscheinen müssen, wenn sie auch das Gegenteil gewesen wären. Bei ihrer natürlichen Größe aber hatten sie ein wahrhaft unheimliches Aussehen gewonnen. Das zerfetzte gelbe Hemd ließ die Brust offen und zeigte einen völlig maroden Körper. Er, sein altes Kanevaswams, seine losen Strümpfe und die übrigen Kleiderlumpen waren in der langen Abgeschiedenheit von Licht und Luft zu einem so gleichförmigen Pergamentgelb verblichen, daß man kaum einen Unterschied mehr entdecken konnte.
Er hatte seine Hand zwischen seine Augen und das Licht gebracht, und sogar die Knochen schienen durchsichtig zu sein. So saß er mit leerem Blicke da und ließ seine Arbeit ruhen. Er schaute nie auf die Gestalt vor ihm, ohne vorher rechts und links an sich niederzusehen, als habe er die Gewohnheit verlernt, den Ton mit einem Ort in Verbindung zu bringen: auch sprach er nie, ohne sich zuvor in dieser unsteten Weise zu ergehen, die ihn gelegentlich auch das Reden ganz und gar vergessen ließ.
»Werdet Ihr wohl heute noch dieses Paar Schuhe fertigbringen?« fragte Defarge, indem er Mr. Lorry winkte, näher zu treten.
»Was habt Ihr gesagt?«
»Ob Ihr Eure Schuhe heute noch fertigzubringen gedenkt.«
»Ich kann nicht sagen, ob ich's imstande bin. Vermutlich. Ich weiß es nicht.«
Die Frage erinnerte ihn jedoch an seine Arbeit, und er beugte sich wieder darüber hin.
Mr. Lorry trat schweigend vor und ließ die Tochter an der Tür zurück. Er mochte ein paar Minuten neben Defarge gestanden haben, als der Schuhmacher wieder aufschaute. Dieser zeigte kein Erstaunen über das Vorhandensein einer weiteren Person; aber die unsteten Finger seiner einen Hand verirrten sich, während er so aufblickte, zu seinen Lippen, die mit den Nägeln die blasse Bleifarbe teilten. Dann ließ er die Hand wieder auf seine Arbeit sinken und beugte sich abermals über den Schuh. Das Aufsehen und die Gebärde hatte nur einen Augenblick gedauert.
»Ihr seht, Ihr habt einen Besuch«, sagte Monsieur Defarge.
»Was habt Ihr gesagt?«
»Hier ist ein Besuch.«
Der Schuhmacher schaute wieder wie zuvor auf, ohne jedoch die Hand von seiner Arbeit zu entfernen.
»Gebt her«, sagte Defarge, »Hier ist ein Herr, ein Kenner von guten Schuhen, wenn er welche sieht. Zeigt ihm die Arbeit, die Ihr vor Euch habt. Nehmt, Monsieur.«
Mr. Lorry nahm den Schuh in seine Hand.
»Sagt dem Herrn, was für ein Schuh dies ist und wer ihn gemacht hat.«
Es trat eine mehr als gewöhnlich lange Pause ein, bis der Schuhmacher endlich erwiderte:
»Ich vergaß, was Ihr mich fragtet. Was habt Ihr gesagt?«
»Ich sagte, ob Ihr nicht Monsieur darüber belehren wollet, was für ein Schuh dies sei.«
»Es ist ein Frauenzimmerschuh – ein Schuh zum Ausgehen für eine junge Dame. Ganz nach der gegenwärtigen Mode. Ich kenne zwar die Mode nicht aus eigener Anschauung, habe aber ein Muster in der Hand gehabt.«
Er blickte mit einem kleinen Anflug von Stolz auf seinen Schuh.
»Und wie heißt der Verfertiger?« fragte Defarge.
Da der alte Mann jetzt keine Arbeit zu halten hatte, so legte er zuerst die Knöchel seiner rechten Hand in die hohle Fläche der linken und dann die Knöchel der linken in die Fläche der rechten. Darauf fuhr er mit einer Hand über das bärtige Kinn. Dies trieb er eine Weile in regelmäßiger Abwechslung, ohne auch nur einen Augenblick auszusetzen. Die Aufgabe, ihn aus der Gedankenlosigkeit, in die er nach jeder seiner Reden versank, zu wecken, ließ sich mit den Belebungsversuchen an einem Ohnmächtigen oder mit der Bemühung vergleichen, den Geist eines rasch dahinsterbenden Menschen, von dem man noch eine Enthüllung wünscht, zurückzuhalten.
»Habt Ihr mich nach meinem Namen gefragt?«
»Jawohl.«
»Hundertundfünf, Nordturm.«
»Ist dies alles?«
»Hundertundfünf, Nordturm.«
Mit einem müden Ton, der weder ein Seufzen noch ein Stöhnen war, beugte er sich wieder vor, bis die Stille aufs neue unterbrochen wurde.
»Ihr seid kein Schuhmacher von Gewerbe?« sagte Mr. Lorry, ihn fest ansehend.
Die hohlen Augen richteten sich auf Defarge, als erwarteten sie von ihm die Beantwortung der Frage; da aber von dieser Seite her keine Hilfe kam, so suchten sie eine Weile den Boden und blieben endlich auf dem Frager haften.
»Ob ich ein Schuhmacher von Gewerbe sei? Nein, ich bin es nicht. Ich – ich habe es hier gelernt – aus mir selbst – ohne Lehrmeister. Ich bat um die Erlaubnis, mich –«
Er war aufs neue für einige Minuten weg und wiederholte während dieser Zeit die vorhin beschriebenen Gesten. Endlich kehrten seine Augen langsam zu dem Gesicht zurück, von dem sie abgeschweift waren, und ruhten darauf eine Weile, bis er zusammenfuhr und in der Art eines Schlafenden in dem Moment des Erwachens den unterbrochenen Gegenstand wiederaufnahm.
»Ich bat um die Erlaubnis, mich unterrichten zu dürfen, und erhielt sie auch lange Zeit nachher mit vieler Mühe. Seitdem habe ich immer Schuhe gemacht.«
Als er die Hand nach dem Schuh ausstreckte, der ihm abgenommen worden war, sagte Mr. Lorry, sein Gesicht unverwandt betrachtend:
»Monsieur Manette, erinnert Ihr Euch meiner nicht mehr?«
Der Schuh sank zu Boden, und der alte Mann starrte den Frager an.
»Monsieur Manette«, fuhr Mr. Lorry fort, indem er seine Hand auf Desarges Arm legte, »erinnert Ihr Euch nicht mehr dieses Mannes? Seht ihn an. Seht mich an. Entsinnt Ihr Euch nicht eines alten Bankiers, eines alten Geschäfts, eines alten Dieners und einer früheren Zeit, Monsieur Manette?«
Wahrend der vieljährige Gefangene dasaß und mit seinem starren Blicke bald Mr. Lorry, bald Defarge ansah, drängten sich allmählich in der Mitte der Stirne einige längst verwischte Spuren tätigen Verstandes durch die dichte Nebelhülle. Aber sie traten schnell wieder in den Schatten zurück, wurden schwächer und waren entschwunden. Jedoch sie waren wenigstens dagewesen. Und so genau wiederholte sich der Ausdruck auf dem Antlitz des schönen jungen Wesens, das an der Wand hin nach einer Stelle geschlichen war, von der aus es ihn sehen konnte, und wo es jetzt stand, die Hände anfangs nur in angstvoller Teilnahme, vielleicht wohl gar in der Absicht erhebend, ihn zurückzuhalten oder seinen Anblick auszuschließen, jetzt aber sie gegen ihn ausstreckend, zitternd vor Begier, das gespenstische Gesicht an die warme jungfräuliche Brust zu drücken und es durch Liebe dem Leben und der Hoffnung zurückzugeben – ich sage, der Ausdruck wiederholte sich, obschon in kräftigeren Zügen, so genau auf dem schönen jugendlichen Antlitz, daß es den Anschein gewann, als sei es wie ein bewegliches Licht von ihm auf sie übergegangen.
Bei ihm war es wieder dunkel geworden. Er betrachtete die beiden weniger und weniger achtsam. Seine Augen suchten in düsterer Zerstreutheit abermals den Boden und schauten aufs neue in der alten Weise umher. Endlich nahm er mit einem tiefen Seufzer den Schuh auf und arbeitete weiter.
»Habt Ihr ihn erkannt, Monsieur?« fragte Defarge flüsternd.
»Ja, für einen Augenblick. Anfangs hatte ich keine Hoffnung, aber ein einziger Augenblick zeigte mir unzweifelhaft das Gesicht, das mir früher gut bekannt war. Pst! Wir wollen uns ein wenig zurückziehen. Pst!«
Sie war von der Wand der Kammer weg- und der Bank nahegetreten, auf der er saß. Es lag etwas Unheimliches in dem Umstand, daß er, während er mit seiner Arbeit beschäftigt war, so gar keine Ahnung hatte von der Gestalt, die, wenn sie ihre Hand ausstreckte, ihn berühren konnte.
Kein Wort wurde gesprochen, kein Laut fiel; sie stand wie ein Gespenst an seiner Seite, und er arbeitete fort.
Endlich fügte sich's, daß er das Werkzeug in der Hand weglegen und die Zange nehmen mußte. Sie lag auf der andern Seite, nicht auf der, wo das Mädchen stand. Er hatte sie ergriffen und beugte sich wieder über seine Arbeit hin, als seine Augen den Schoß ihres Kleides bemerkten. Er richtete sich auf und sah ihr Gesicht. Die beiden Zuschauer wollten vorwärts eilen, aber sie winkte ihnen zurück. Sie fürchtete nicht, daß er sie mit der Zange beschädigen könnte; nur ihnen war nicht wohl zumute bei der Sache.
Er starrte sie mit einem besorgniserregenden Blick an, und nach einer Weile begannen seine Lippen einige Worte zu bilden, ohne jedoch Laute hervorzubringen. Endlich hörte man ihn während einer der Pausen zwischen seinen raschen und schweren Atemzügen sagen:
»Was ist das?«
Tränen entströmten ihren Augen, während sie ihre beiden Hände an die Lippen führte und ihm einen Kuß zuwarf. Dann drückte sie die Hände an die Brust, als wolle sie das welke Haupt hier zur Ruhe bringen.
»Ihr seid doch nicht des Schließers Tochter?«
»Nein«, seufzte das Mädchen.
»Wer seid Ihr?«
Der Kraft ihrer Stimme noch nicht trauend, setzte sie sich auf der Bank an seine Seite. Er wich zurück, aber sie legte ihre Hand auf seinen Arm. Ein seltsames Gefühl durchschauerte dabei seinen ganzen Körper; er legte sachte das Messer nieder und starrte sie an.
Sie hatte ihr goldiges Haar, das sie in langen Locken trug, rasch zurückgestrichen, so daß es über ihren Nacken niederfiel. Er brachte seine Hand allmählich näher und näher, faßte es an und betrachtete es. Dann aber wurde sein Geist plötzlich wieder irre, und er nahm mit einem abermaligen Seufzer aufs neue seine Arbeit auf.
Aber nicht für lange. Sie hatte seinen Arm losgelassen und die Hand auf seine Schulter gelegt. Nachdem er zweifelnd zwei- oder dreimal danach hingesehen, als wolle er sich überzeugen, daß sie wirklich daliege, schob er die Arbeit beiseite, griff nach seinem Hals und nahm von demselben eine geschwärzte Schnur, an der ein zusammengelegter Lappen befestigt war. Diesen breitete er sorgfältig auf seinem Knie auseinander und brachte ein kleines Löckchen hervor; es waren nur einige lange, goldige Haare, die er in irgendeiner alten Zeit wohl oft um seinen Finger gewunden hatte.
Er nahm ihr Haar wieder in seine Hand und betrachtete es aufmerksam.
»Es ist dasselbe. Wie kann dies sein? Wann war es? Wie war es?«
Die Furche auf seiner Stirn kehrte zurück, und er schien eines ähnlichen Ausdrucks auf der ihrigen sich bewußt zu werden. Er drehte sich voll gegen das Licht und sah sie an.
»Sie hatte ihr Haupt auf meine Schulter gelegt an jenem Abend, als ich hinausgerufen wurde – sie fürchtete sich, als ich ging, obschon ich unbesorgt war –, und als man mich nach dem Nordturm brachte, fand man dies auf meinem Ärmel. ›Ihr laßt sie mir doch? Sie können nichts dazu beitragen, daß ich mich körperlich den Kerkermauern entwinde, obschon sie mich ihnen vielleicht geistig entziehen.‹ Dies waren die Worte, die ich sagte. Ich erinnere mich ihrer recht wohl.«
Seine Lippen mußten oftmal ansetzen, bis sie diese Rede hervorbrachten. Nachdem er aber einmal die Worte gefunden hatte, kamen sie zwar langsam, aber doch zusammenhängend zur Äußerung.
»Wie war dies? – Bist du's gewesen?«
Abermals wollten die zwei Zuschauer sich ins Mittel legen, da er mit einer beängstigenden Hast sich zu ihr wandte. Sie aber rührte sich nicht unter seiner Hand, sondern sagte nur mit leiser Stimme:
»Ich bitte euch, meine guten Herrn, bleibt zurück – sprecht nicht, rührt euch nicht.«
»Horch!« rief er. »Wessen Stimme war dies?«
Bei diesem Ausruf ließen seine Hände sie los und fuhren nach dem weißen Haar, das sie wahnsinnig zerrauften. Doch auch diese Aufregung erstarb, wie alles in ihm erstorben war, sein Schuhmachen ausgenommen. Er faltete sein Päckchen wieder zusammen und versuchte, es in seiner Brust zu verbergen. Dabei sah er sie fortwährend an und schüttelte düster den Kopf.
»Nein, nein, nein: Ihr seid zu jung, zu blühend. Es kann nicht sein. Seht, was aus dem Gefangenen geworden ist. Dies sind nicht die Hände, die sie kannte. Dies Gesicht ist ihr fremd, und eine solche Stimme hat sie nie gehört. Nein, nein. Es sind Menschenalter, seit sie war – seit er war – vor den langsamen Jahren des Nordturms. Wie heißt Ihr, mein zarter Engel?«
Den sanfteren Ton, das mildere Wesen mit Freude begrüßend, fiel die Tochter vor ihm auf die Knie nieder und legte bittend ihre Hände auf seine Brust.
»Oh, Herr, zu einer andern Zeit sollt Ihr erfahren, wie ich heiße, wer meine Mutter, wer mein Vater war, und wie ich nie etwas von ihrer schmerzlichen Geschichte erfahren habe. Jetzt aber, und hier, kann ich Euch dies nicht sagen. Nur eines jetzt und hier – ich bitte, rührt mich an und segnet mich. Küßt mich, küßt mich! O Himmel! o Himmel!«
Sein kalter weißer Kopf kam in Berührung mit ihrem wallenden Haar, das ihn wärmte, als sei es das Licht der Freiheit, das auf ihn niederschien.
»Wenn Ihr in meiner Stimme – ich weiß nicht, ob es so ist, aber ich hoffe es – wenn Ihr in meiner Stimme eine Ähnlichkeit mit einer andern erkennt, die früher wie süße Musik in Eurem Ohre klang, so weinet, weinet um sie! Wenn Ihr durch die Berührung meiner Haare an ein geliebtes Haupt erinnert werdet, das an Eurer Brust lag, als Ihr noch jung und frei waret, so weinet, weinet darum. Wenn Euch der Hinweis auf eine Heimat, in der Euch meine treuen Dienste zuteil werden sollen, eine andere ins Gedächtnis ruft, die längst verödet ist, während Euer armes Herz verschmachtete, so weint, weint um sie!«
Sie hielt seinen Hals inniger umschlungen und wiegte ihn an ihrer Brust wie ein Kind.
»O mein Lieber, Guter, wenn meine Versicherung, daß Euer Jammer vorüber ist und daß ich hierher gekommen bin, um Euch fort, hinüber nach England zu nehmen, wo Ihr Frieden und Ruhe finden werdet – wenn diese Versicherung den Gedanken an Euer zugrunde gerichtetes nützliches Leben und an unser heimatliches Frankreich, das so schändlich an Euch gehandelt hat, in Euch wachruft, so weinet. Und wenn Ihr aus der Nennung meines Namens, aus dem Namen meines noch lebenden Vaters und dem meiner heimgegangenen Mutter erkennt, ich habe kniefällig einen verehrten Vater um Verzeihung zu bitten, weil ich mich nicht für ihn tagtäglich abmühte und um seinetwillen nachts die bittersten Tränen vergoß, weil die Liebe meiner armen Mutter mir seinen schrecklichen Zustand verborgen hatte, so weinet, weinet darüber. Ja, weint um sie – und um mich! Meine guten Herren, Gott sei Dank! Ich fühle diese heiligen Tränen auf meinem Antlitz, und sein Schluchzen schlägt gegen mein Herz. Oh, seht – danket, danket Gott statt unserer.«

Wiederfinden von Vater und Tochter.
Er war in ihre Arme und sein Haupt an ihre Brust gesunken – ein Anblick, so rührend und doch so schrecklich in dem Gedanken an die vorausgegangenen erschütternden Leiden, daß die beiden Zuschauer das Gesicht verhüllten.
Die Stille der Dachkammer erlitt keine Störung, und seine wogende Brust, sein erschütterter Körper hatte längst die Ruhe gefunden, die, ein Sinnbild des Menschenlebens, jedem Sturm folgt. Endlich kamen sie heran, um Vater und Tochter von dem Boden aufzuheben. Er war allmählich hingesunken und lag in der Ohnmacht der Erschöpfung da; sie hatte sich zu ihm niedergeworfen, damit ihr Arm ihm zum Kissen, ihr wallendes Haar zum Schirm gegen das Licht dienen möge.
»Man sollte ihn nicht weiter stören«, sagte sie, ihre Hand gegen Mr. Lorry erhebend, als sich dieser nach unterschiedlichen Schneuzversuchen zu ihnen niederbeugte, »sondern alles zur Abreise von Paris in einer Weise vorbereiten, daß man ihn von dieser Tür aus fortnehmen kann.«
»Aber bedenkt doch. Wird er eine solche Reise machen können?« fragte Mr. Lorry.
»Viel besser, denke ich, als wenn er länger in dieser für ihn so schrecklichen Stadt bleiben müßte.«
»Es ist wahr«, sagte Defarge, der neben dem Ohnmächtigen niedergekniet war. »Auch sprechen außerdem alle Gründe dafür, Monsieur Manette aus Frankreich fortzuschaffen. Soll ich einen Wagen und Postpferde bestellen?«
»Das ist ein Geschäft«, versetzte Mr. Lorry, der nicht lange brauchte, um sich wieder in sein methodisches Wesen zu finden, »und wo sich's um Geschäfte handelt, bin ich der Mann auf dem Platz.«
»Dann seid so gut, uns jetzt allein zu lassen«, drängte Miß Manette. »Ihr seht, wie ruhig er geworden ist, und habt wohl nichts mehr zu fürchten, wenn ich bei ihm bleibe. Warum auch? Wenn ihr die Tür abschließen wollt, um uns vor Störung zu bewahren, so zweifle ich nicht, daß ihr bei eurer Rückkehr ihn ebenso finden werdet, wie ihr ihn verlaßt. Jedenfalls will ich für ihn Sorge tragen, bis ihr wiederkommt, und dann werden wir ihn fortnehmen können.«
Sowohl Mr. Lorry als Defarge erhoben Einwände gegen diesen Vorschlag und wollten, daß wenigstens einer von ihnen bei ihr bleiben solle. Aber man hatte nicht nur einen Wagen und Pferde, sondern auch Reisepapiere zu besorgen. Die Zeit drängte, der Tag neigte sich zu Ende, und so kamen sie rasch zu der Übereinkunft, daß sie sich in die nötigen Geschäfte teilen und sich unverweilt an ihre Ausführung machen wollten.
Als nun die Dunkelheit einbrach, legte die Tochter an der Seite ihres Vaters das Haupt auf den harten Boden und wachte bei ihm. Es wurde immer dunkler, und sie beide lagen ruhig da, bis ein Lichtstrahl durch die Wandrisse blinkte.
Mr. Lorry und Monsieur Defarge hatten alles für die Reise vorbereitet und brachten außer einem Mantel und Schaltüchern auch Brot, Fleisch, Wein und heißen Kaffee mit. Monsieur Defarge stellte den Korb und die Laterne, die er bei sich hatte, auf die Schuhmacherbank – es war sonst außer dem Pritschenbett kein anderes Möbel mehr in der Kammer –, weckte den Gefangenen und half ihm unter Mr. Lorrys Beihilfe auf die Beine.
Kein menschlicher Verstand vermochte in der scheuen, leeren Verwunderung des Gesichtes die Geheimnisse seines Geistes zu lesen. Wußte er wohl, was vorgegangen? Erinnerte er sich dessen, was gesprochen worden? Hatte er eine Vorstellung davon, daß er frei war? Diese Fragen war kein Scharfsinn zu lösen imstande. Sie versuchten, mit ihm zu reden. Aber er war so verwirrt und konnte sich so wenig ins Antworten hineinfinden, daß sein Geisteszustand sie erschreckte und sie miteinander übereinkamen, ihn vorläufig nicht weiter zu behelligen. Er fuhr gelegentlich in einer eigentümlich wirren Weise, die man nie zuvor an ihm wahrgenommen, mit den Händen gegen den rasch vorgeschobenen Kopf, schien aber doch schon den bloßen Ton von seiner Tochter Stimme gern zu hören; denn er wandte sich demselben zu, sooft sie sprach.
In der unterwürfigen Weise eines Menschen, der durch langen Zwang zu gehorchen gewöhnt ist, aß und trank er, was man ihm vorsetzte, und legte den Mantel und die Schals um, die man ihm gab. Auch ließ er sichs gerne gefallen, daß seine Tochter ihren Arm in den seinigen legte. Er faßte dann ihre Hand mit den seinigen und hielt sie fest.
Sie begannen hinabzusteigen. Monsieur Defarge ging mit der Laterne voran, und Mr. Lorry bildete die Nachhut. Sie hatten auf der langen Haupttreppe noch nicht viele Stufen zurückgelegt, als er haltmachte und das Dach und die Wände anstarrte.
»Entsinnt Ihr Euch dieses Platzes, Vater? Ihr werdet Euch erinnern, daß Ihr hier heraufgekommen seid.«
»Was habt Ihr gesagt?«
Aber ehe sie ihre Frage wiederholen konnte, murmelte er eine Antwort, als ob es schon geschehen sei.
»Erinnern? Nein, ich erinnere mich nicht. Es ist schon gar so lange her.«
Es war klar, daß er nicht wußte, wie er aus seinem Gefängnis in dieses Haus gekommen war. Sie hörten ihn murmeln: »Hundertundfünf, Nordturm«, und wenn er umherschaute, sah er sich augenscheinlich nach den starken Festungsmauern um, die ihn so lange umschlossen hatten. Wie sie im Hof unten anlangten, änderte er instinktartig seinen Tritt in der Erwartung einer Zugbrücke, und als diese nicht kam und er dafür in der Straße draußen den harrenden Wagen sah, ließ er die Hand seiner Tochter fallen und fuhr wieder nach seinem Kopf.
Es war kein Gedränge um die Tür. An keinem der vielen Fenster ließ sich ein Menschengesicht blicken, und nicht einmal zufällig kam jemand durch die Straße. Es herrschte eine unnatürliche Stille und Verödung. Nur eine Person war um den Weg – Madame Defarge, die strickend an dem Türpfosten lehnte und nichts sah.
Der Gefangene war eingestiegen und seine Tochter ihm gefolgt. Als aber Mr. Lorry nachfolgen wollte, wurde er auf dem Tritt durch eine in kläglichem Ton vorgebrachte Frage angehalten, wo das Schuhmacherwerkzeug und die halbfertigen Schuhe seien, Madame Defarge rief ihrem Gatten zu, daß sie das Vermißte holen wolle, und hatte sich fortstrickend rasch im Dunkel des Hofes verloren, kam aber bald wieder zurück und langte Schuhe und Werkzeug in den Wagen hinein. Dann nahm sie ihren Posten wieder an der Tür, strickte und sah nichts.
Defarge lud den Koffer auf und gab das Zeichen: »Nach der Barriere!« Der Postillion knallte mit der Peitsche, und sie rasselten unter den mattblinkenden Straßenlaternen dahin.
Unter den Laternen hin – die in den besseren Straßen immer heller und in den schlechteren immer trüber brannten –, an den beleuchteten Läden, fröhlichen Menschenhaufen, lichtstrahlenden Kaffeehäusern und Theatertüren vorbei nach einem der Stadttore. Hier Soldaten mit Laternen vor dem Wachhause. »Eure Papiere, Reisende!« – »Bitte, Herr Offizier«, sagte Defarge, indem er ausstieg und den Mann ernst beiseite nahm, »dies sind die Papiere des weißhaarigen Herrn im Wagen. Man übergab sie mir mit ihm auf dem –«
Er dämpfte seine Stimme. Es fand nun ein hastiges Durcheinander unter den militärischen Laternen statt, und eine derselben drang an einem uniformierten Arm in den Wagen, um in dem weißhaarigen Herrn einen Anblick zu enthüllen, dem man nicht jeden Tag oder jede Nacht begegnete.
»Es ist gut. Vorwärts!« rief die Uniform.
»Adieu! Defarge.«
Und so ging es aus dem spärlicher und spärlicher werdenden Geflimmer der Laternen hinaus unter die Unzahl flimmernder Sterne.
Unter diesem Gewölbe mit seinen unbeweglichen ewigen Lichtern, von denen manche unserer kleinen Erde so fern sind, daß die Gelehrten uns versichern, es sei zweifelhaft, ob ihre Strahlen überhaupt schon als ein Punkt in dem Raum, in dem so viel Ringen und Leiden stattfindet, entdeckt seien – breiteten sich die Schatten der Nacht weit und dunkel hin. Während der ganzen kalten, ruhelosen Nachtfahrt bis zum dämmernden Morgen trieben sie wieder ihr Spiel mit Mr. Jarvis Lorry, der dem begraben gewesenen und nun ausgegrabenen Manne gegenübersaß, und flüsterten ihm, während er sich Gedanken über die vielleicht auf immer verlorenen und die vielleicht noch zu rettenden Geistesvermögen des Gefangenen machte, die alte Frage zu:
»Ich hoffe, es ist Euch lieb, wieder ins Leben zurückgerufen zu sein.«
Und die alte Antwort war: »Ich kann es nicht sagen.«
*
Zweites Buch. Der goldene Faden.
Erstes Kapitel. Fünf Jahre später.
Tellsons Bank bei Temple Bar war schon im Jahr eintausendsiebenhundertachtzig ein altmodischer Platz, sehr klein, sehr dunkel, sehr häßlich und sehr unbequem. Man konnte sie aber auch einen altmodischen Platz mit Beziehung auf die moralische Eigentümlichkeit nennen, daß jeder der Geschäftsteilhaber stolz war auf das kleine Gebäude, stolz auf seine Dunkelheit, stolz auf sein garstiges Aussehen und stolz auf seine Unbequemlichkeit. Diese Eigenschaften schienen ihnen sogar hohe Vorzüge zu sein, denn sie lebten der zuversichtlichen Überzeugung, daß die Bank, wenn man weniger an ihr zu tadeln wüßte, auch weniger achtbar wäre. Dies war aber nicht bloß ein passiver Glaube, sondern eine aktive Waffe, die sie gern auf bequemer eingerichtete Geschäftshäuser schleuderten. Tellsons (sagten sie) brauchen keinen überflüssigen Raum, kein Licht, keine Verschönerung. Noakes & Komp. oder Gebrüder Snooks werden es nötig haben: aber Tellsons? Dem Himmel sei Dank, nein!
Jeder von den Geschäftsteilhabern würde seinen Sohn enterbt haben, wenn dieser an einen Umbau von Tellsons gedacht hätte. In der Beziehung erging es dem Hause gerade wie England, das sehr oft seine Söhne enterbte, weil sie Verbesserungen in Gesetzen und Bräuchen beantragten, die nichts weniger als löblich, aber ebendeshalb nur um so achtbarer waren.
So war es denn dahin gekommen, daß Tellsons die triumphierende Vervollkommnung der Unbequemlichkeit war. Nachdem man eine blödsinnig hartnäckige Tür knarrend gesprengt hatte, fiel man bei Tellsons ein paar Stufen hinab und kam in einem erbärmlichen Lädchen mit zwei kleinen Zahltischen wieder zur Besinnung, wo in den Händen der ältesten Männer der Wechsel eines Kunden wie im Wind zitterte, solange sie die Unterschrift an den schmutzigsten von allen Fenstern prüften, die von der Fleetstraße aus unter dem Einfluß eines stetigen Schlammregenbades standen und vor den eigenen eisernen Gittern und in dem tiefen Schatten von Temple Bar sich nur um so schmutziger ausnahmen. War jemand genötigt, geschäftehalber mit dem »Haus« zu verkehren, so wurde er an der Hinterseite in eine Art Verbrecherzelle gesteckt, wo er über ein übel zugebrachtes Leben nachdenken konnte, bis das Haus, die Hände in den Taschen, erschien, in dem unheimlichen Zwielicht aber sich kaum erkennen ließ. Die Geldbehälter, die der Ein- oder Auszahlung dienten, bestanden aus alten hölzernen Schubladen, aus denen beim Herausziehen oder Zurückschieben das Wurmmehl einem in Nase und Kehle flog. Die Banknoten hatten einen modrigen Geruch, als seien sie im Begriff, rasch sich wieder in Lumpen zu zersetzen. Das anvertraute Silbergerät wurde unter die übrigen Schutzsafes gestellt und hatte da so eine ungeschliffene Kameradschaft, so daß es schon in einem oder zwei Tagen seine feine Politur verlor. Die Urkunden fanden ein Unterkommen in aus Küchen und Spülplätzen entstandenen Verließen, und ihre Pergamente verloren in der Bankhausluft vor Ärger all ihr Fett. Leichtere Faszikel mit Familienpapieren gingen die Treppe hinauf nach einem Barmakidenzimmer, in dem stets ein großer Speisetisch stand, aber nie etwas zum Speisen gereicht wurde; und es war in dem Jahr eintausendsiebenhundertachtzig noch nicht lange her, daß man die Familienbriefe, die der Engländer statt dem Notar dem Bankier zu übergeben pflegt, von dem Schrecken befreit hatte, durch die Fenster jenes Zimmers von den Köpfen angestarrt zu werden, die man mit der eines Abessiniers oder Aschanti1 würdigen unsinnigen Roheit auf Temple Bar auszustellen gewohnt war.
Doch damals war das Zu-Tode-Bringen ein bei allen Geschäftszweigen und Berufsarten sehr beliebter Prozeß und also auch bei Tellsons. Der Tod ist das Heilmittel gegen alles; warum sollte ihn nicht die Gesetzgebung in dem gleichen Lichte betrachten? Demgemäß traf den Fälscher Todesstrafe, den unrechtmäßigen Eröffner von Briefen Todesstrafe, den armen Schelmen, der vierzig Schillinge und sechs Pence stahl, Todesstrafe, den Burschen, der an Tellsons Tür ein Pferd hielt und sich damit davonmachte, Todesstrafe, den Münzer eines falschen Schillings Todesstrafe; kurz auf drei Vierteln der Noten in der Tonleiter des Verbrechens stand der Tod. Nicht daß dadurch auch nur im mindesten vorbeugend gewirkt worden wäre – man könnte fast eher das Gegenteil behaupten; sondern das summarische Verfahren räumte für diese Welt mit den Angelegenheiten jedes einzelnen Falles auf; und es wurde später nicht nötig, sich weiter damit zu befassen. So waren auch in ihrer Zeit Tellsons gleich andern größeren Geschäftshäusern jener Periode schuld an so vielen Todesurteilen, daß das bißchen Licht des Erdgeschosses wahrscheinlich in einer ziemlich bedeutsamen Weise beeinträchtigt worden wäre, wenn man statt der Einzelabfertigung die um ihretwillen gefallenen Köpfe insgesamt über Temple Bar aufgepflanzt hätte.
In alle Arten von dunklen Kästen und Verschlägen eingeengt, führten bei Tellsons die ältesten Männer gravitätisch das Geschäft. Nahmen sie je einmal einen jungen Menschen in Tellsons Londoner Haus auf, so versteckten sie ihn irgendwo, bis er alt war. Sie verwahrten ihn, gleich dem Käse, an einem dunkeln Platz, bis er den vollkommenen Geschmack und Charakter von Tellsons angenommen hatte. Dann erst wurde es ihm gestattet, öffentlich in den Hosen und Gamaschen des Etablissements, über großen Büchern brütend, sich sehen zu lassen.
Außen vor Tellsons – aber ja nie innen ohne eine besondere Berufung – sah man regelmäßig einen Aushelfer, bald Pförtner, bald Bote, der als lebendiges Hausschild diente. Er fehlte nie während der Bürostunden, wenn er nicht etwa einen Auftrag zu besorgen hatte, und in diesem Falle wurde er durch seinen Sohn, einen abscheulichen Knirps von zwölf Jahren, der sein getreues Ebenbild war, vertreten. Die Leute waren der Meinung, Tellsons duldeten dieses Anhängsel um der Ehre des Hauses willen, weil man immer eine Person in dieser Eigenschaft geduldet hatte und im Laufe der Zeit die gegenwärtige auf den Posten geschwemmt worden war. Sie hieß Cruncher mit dem Geschlechtsnamen und hatte bei einem jugendlichen Anlaß, als sie durch einen Bevollmächtigten den Werken der Finsternis entsagte, in der östlichen Pfarrkirche von Houndsditch die weitere Benennung Jerry erhalten.
Der Schauplatz war Mr. Crunchers Privatwohnung in Hanging-sword-Alley, Whitefriars. Die Zeit war halb acht Uhr an einem windigen Märzmorgen Anno Domini Siebzehnhundertachtzig (Mr. Cruncher selbst nannte das Jahr unseres Herrn Anna Domino, augenscheinlich unter dem Eindruck, daß die christliche Zeitrechnung sich von der Erfindung eines beliebten Volksspiels durch eine Dame herschreibe, die diesem ihren Namen beigelegt habe).
Mr. Crunchers Wohngelasse lagen in keiner durch gesunde Luft sich empfehlenden Gegend und waren nur zwei an der Zahl, selbst wenn man den mit einer einzigen Glasscheibe versehenen Alkoven mitrechnete. Doch sah es darin sehr anständig aus; denn trotz des windigen frühen Märzmorgens war die Stube, in der er noch zu Bette lag, bereits sauber gefegt, und über den wackligen Tannentisch, auf dem die Frühstückstassen standen, lag ein reinliches Tischtuch gebreitet.
Mr. Cruncher ruhte unter einer aus verschiedenfarbigen Fleckchen zusammengesetzten Decke wie ein Harlekin in seinem Heimwesen. Anfangs schlief er tief; aber allmählich begann er im Bett hin und her zu wogen, bis er mit seinem Spießhaar, das die Überzüge in Fetzen zu zerreißen drohte, über die Oberfläche auftauchte. Nachdem er soweit gekommen war, rief er in einem Tone, der grimmige Gereiztheit verriet:
»Alle Hagel, ist sie schon wieder dran!«
Eine Frauensperson von ordentlichem und emsigem Aussehen erhob sich in einer Ecke von ihren Knien, und zwar mit einer Hast und Ängstlichkeit, die andeutete, daß sie die gemeinte Person sei.
»Wie!« rief Mr. Cruncher, aus dem Bett heraus sich nach seinen Stiefeln umsehend, »bist du schon wieder dran, he?«
Nachdem er den Morgen mit diesem zweiten Gruß bewillkommt hatte, warf er als dritten der Frau einen Stiefel nach. Es war ein sehr schmutziger Stiefel, und wir können hier eine sonderbare Eigentümlichkeit aus Mr. Crunchers häuslicher Ordnung berühren, daß er nämlich, während er oft nach den Bürostunden mit sauberen Stiefeln nach Hause kam, nicht selten beim Aufstehen dieselben Stiefel beschmutzt fand.
»Nun«, rief Mr. Cruncher, nachdem er sein Ziel verfehlt hatte, mit einer Variation in seiner Apostrophe, »was tust du jetzt, du Ekel?«
»Ich habe nur mein Gebet gesprochen.«
»Gebet gesprochen – du bist mir ein sauberes Weibsstück! Was soll das heißen, daß du hinsackst und Rache gegen mich erbetest?«
»Ich habe nicht gegen dich Rache erbetet, sondern für dich gebetet!«
»Ist nicht wahr. Und wenn's auch wäre, so braucht man sich mit mir keine solche Freiheit zu nehmen. Hörst du, junger Jerry, deine Mutter ist eine feine Person und geht hin, um gegen deines Vaters Wohlfahrt zu beten. Ja, mein Sohn, du hast eine pflichtgetreue Mutter, du hast eine fromme Mutter, Junge – sie geht hin, sackt auf den Boden hin und betet, daß ihrem einzigen Kinde das Butterbrot aus dem Munde genommen werden möge!«
Der junge Herr Cruncher, der im Hemde dastand, nahm dies sehr übel und verbat sich, gegen seine Mutter gewandt, alles auf seine persönliche Verköstigung sich beziehende Gebet.
»Und was meinst du, du eingebildetes Weib«, fuhr Mr. Cruncher in nicht geahnter Inkonsequenz fort, »was wohl dein Gebet wert sein mag? Sag', wie hoch schlägst du dein Gebet an?«
»Es kommt nur aus dem Herzen, Jerry, und ist nicht mehr wert als dieses.«
»Nicht mehr wert als dieses?« wiederholte Mr. Cruncher. »Dann ist's mit seinem Wert nicht weit her. Wie dem übrigens sei, ich erkläre dir, daß nicht gegen mich gebetet werden soll. Ich kann das nicht brauchen für meine Haushaltung und will mich nicht durch deine Schleicherei unglücklich machen lassen. Wenn du einmal hinsacken willst, so tu es für deinen Mann und dein Kind und nicht gegen sie. Hätte ich nicht ein so unnatürliches Weib und dieser arme Knabe eine unnatürliche Mutter, so wär' mir sicherlich in der letzten Woche einiges Geld zugeflossen; statt dessen aber muß ich gegen mich beten, mich unterminieren und auf die schlimmste religiöse Weise zu Grunde richten lassen. Hol' mich der Henker!« sagte Mr. Cruncher, der diese ganze Zeit über mit Anlegen seiner Kleider beschäftigt gewesen war, »wenn ich nicht durch die Frömmigkeit und dies und jenes letzte Woche in so schlimmes Malheur hineingejagt worden bin, wie es nur je einem armen Teufel von einem ehrlichen Geschäftsmann zugestoßen ist! Junger Jerry, zieh dich an, Bursche, und hab' von Zeit zu Zeit, während ich meine Stiefel putze, ein wachsames Auge auf deine Mutter. Merkst du, daß sie wieder niedersacken will, so ruf mir; denn ich sage dir« – dies galt seinem Weibe – »ich leid's nicht, daß man mir immer so kommt. Ich werde so wacklig wie eine Mietkutsche, so schläfrig wie ein Murmeltier, und meine Glieder müssen dran, daß ich, wenn sie mir nicht so weh täten, nicht wüßte, ob sie mir oder jemandem anders gehören; und doch fährt bei alledem mein Portemonnaie nicht besser. Darum glaube ich, du hast von Morgen bis in die Nacht meinen Verdienst gehindert, so daß ich nicht vorwärtskommen kann. Nun, was sagst du jetzt, du Widerspruchsgeist?«
Unter weiter dazugefügten knurrenden Phrasen, als da waren: »Ah, ja. Du bist fromm. Du willst nicht gegen die Interessen deines Mannes und Kindes handeln – du natürlich nicht« und unterschiedlichen weiteren Geistesblitzen von dem schnurrenden Schleifstein seiner Entrüstung machte er sich ans Stiefelputzen und an die allgemeinen Vorbereitungen für sein Geschäft. Mittlerweile besorgte sein Sohn, dessen Kopf mit etwas feineren Spießen versehen war, und dessen junge Augen so nahe beieinander standen wie die seines Vaters, die ihm aufgetragene Wache über seine Mutter. Er ängstigte das arme Weib damit, daß er von Zeit zu Zeit aus dem Alkoven, wo er seine Toilette machte, mit dem Ruf herausfuhr: »Wollt Ihr wieder hinsacken, Mutter? – He, Vater!« und dann nach Erregung dieses falschen Lärms mit einem sehr unkindlichen Grinsen wieder hineinstürzte.
Mr. Cruncher war nicht in der besten Stimmung, als er sich endlich zum Frühstück niedersetzte. Das Gebet, das Mrs. Cruncher leise vor sich hin sprach, erregte bei ihm besonderen Anstoß.
»Nun, Ekel, was tust du? Schon wieder dabei?«
Sein Weib entgegnete, daß sie nur einen Segen gesprochen habe.
»Das läßt du mir bleiben!« rief Mr. Cruncher, indem er umherschaute, als erwarte er, daß unter der Wirksamkeit von seines Weibes Gebet der Laib vom Tische verschwinden werde. »Ich will nicht von Haus und Herd weggesegnet werden. Das segnet mir am Ende alle meine Lebensmittel vom Tisch. Ruhig also.«
Grämlich und mit ungemein roten Augen, als sei er die ganze Nacht auf und in einer Gesellschaft gewesen, in der es nichts weniger als gesellschaftlich zuging, würgte Jerry Cruncher sein Frühstück hinunter und brummte dazu wie nur irgendein vierfüßiger Menagerie-Insasse. Gegen neun Uhr glättete sich sein rauhborstiges Wesen. Er übertünchte sein natürliches Ich, so gut er konnte, mit einem Anstrich von Achtbarkeit und Geschäftseifer und trat seinen Tagesberuf an.
Man konnte diesen kaum ein Gewerbe nennen, obschon Mr. Cruncher es liebte, sich selbst als »ehrlichen Geschäftsmann« zu bezeichnen. Sein Geschäftsinventar bestand bloß in einem Schemel, gefertigt aus einem Stuhl, dessen zerbrochene Lehne abgesägt worden, und diesen hatte der junge Jerry jeden Morgen unter das zunächst an Temple Bar grenzende Bankhausfenster zu tragen, wo der Aushelfer mit ein paar Strohwischen als Zugabe, die er einem vorüberfahrenden Fuhrwerk ausraufte und mit denen er die Füße gegen Nässe und Kälte schützte, sein Standquartier aufschlug. Auf diesem seinem Posten war Mr. Cruncher der Fleetstraße und dem Temple so bekannt wie die Bar selbst und sah fast ebenso übel aus.
Um drei Viertel auf neun, also noch in guter Zeit, um vor den uralten Männern, wenn sie bei Tellsons eingingen, an den dreieckigen Hut zu greifen, bezog Jerry an jenem windigen Märzmorgen seinen Posten, und der junge Jerry nahm an seiner Seite seinen Stand, wenn er nicht gerade Streifzüge durch das Bar machte, um körperliche und geistige Verletzungen der wehtuendsten Art an vorübergehenden Knaben zu üben, die für seinen liebenswürdigen Zweck klein genug waren. Während Vater und Sohn, mit ihren Köpfen so nahe beieinander, wie bei jedem die Augen standen, schweigend dem Morgentreiben in der Fleetstraße zusahen, nahmen sie sich bei ihrer großen Ähnlichkeit auf und nieder wie ein paar Affen aus. Auch geschah dem Vergleich kein Abtrag durch den Umstand, daß der reife Jerry stets Stroh zerbiß und ausspie, während die zwinkernden Augen des jugendlichen Jerry aufmerksam auf ihm hafteten wie auf irgend etwas in der Fleetstraße.
Der Kopf eines regelmäßigen Hausdienstboten von Tellfons Etablissement tauchte durch die Tür auf und entsandte das Schlagwort:
»Portier, herein!«
»Heda, Vater! Schon ein frühes Geschäft zum Anfang!«
Nachdem der junge Jerry seinen Vater auf diese Weise ermutigt hatte, nahm er Platz auf dem Schemel, der in dem von seinem Vater gekauten Stroh ihm anwartschaftliches Interesse bot, und machte sich Gedanken.
»Immer rostig! Seine Finger sind immer rostig!« murmelte der junge Jerry. »Wo bringt nur mein Vater all den Eisenrost her? Es gibt doch hier keinen!«
*
Zweites Kapitel. Ein Spektakel.
»Ihr seid ohne Zweifel gut in Old Bailey bekannt?« sagte einer der Ältesten im Bankbureau zu Jerry, dem Aushelfer.
»Ja, Sir«, entgegnete Jerry brummig, »ich kenne mich aus in der Bailey.«
»Recht so. Und Ihr kennt auch Mr. Lorry?«
»Den Mr. Lorry, Sir, kenne ich viel besser als die Bailley. Viel besser«, fuhr Jerry in der Art eines unfreiwilligen Zeugen fort, der in der fraglichen Anstalt vernommen wird, »als ich, der ich ein ehrlicher Geschäftsmann bin, mit der Bailey bekannt zu werden wünsche.«
»Schön. Sucht die Tür auf, durch die man die Zeugen einläßt, und gebt dem Pförtner dieses Billett an Mr. Lorry. Man wird dann auch Euch einlassen.«
»In den Gerichtssaal, Sir?«
»In den Gerichtssaal.«
Mr. Crunchers Augen schienen noch enger zusammenzurücken und aneinander die Frage zu richten: »Was hältst du davon?«
»Muß ich im Gerichtssaal warten, Sir?« Diese Frage schien das Ergebnis der eben genannten Konferenz zu sein.
»Das sollt Ihr sogleich erfahren. Der Pförtner wird das Billett Mr. Lorry zufertigen, und Ihr macht Euch Mr. Lorry durch eine Gebärde bemerkbar, damit er weiß, wo Ihr steht. Dann habt Ihr weiter nichts zu tun, als dort zu warten, bis er Euch braucht.«
»Sonst nichts, Sir?« Mr. Cruncher sah schweigend zu, wie der alte Kontorist bedächtig daß Billett faltete und es überschrieb. Erst als endlich das Löschpapier zur Verwendung kam, erlaubte er sich die Bemerkung:
»Ich denke, man verhandelt diesen Morgen Fälschungen?«
»Hochverrat.«
»Darauf steht Vierteilen«, sagte Jerry. »Barbarisch!«
»So lautet das Gesetz«, entgegnete der alte Kontorist, erstaunt seine Brillengläser auf ihn richtend – »das Gesetz.«
»Es ist hart von dem Gesetz, einen Menschen so zuzurichten, denk ich. Es ist schon hart, einem das Leben zu nehmen, aber sehr hart, einen zu zerstückeln, Sir.«
»Durchaus nicht«, erwiderte der alte Kontorist. »Sprecht nicht uneben von dem Gesetz. Sorgt für Eure Brust und Eure Stimme, mein guter Freund, und laßt das Gesetz für sich selbst sorgen. Ich rate Euch dies wohlmeinend.«
»Es ist die Feuchtigkeit, die meiner Brust und meiner Stimme zusetzt«, sagte Jerry. »Ihr mögt selbst beurteilen, durch was für eine feuchte Hantierung ich meinen Unterhalt erwerben muß.«
»Na, schon gut, jeder muß sich auf seine eigene Art durch die Welt bringen. Bei dem einen ist der Weg feucht, beim andern trocken. Hier ist das Schreiben. Macht, daß Ihr weiter kommt.«
Jerry nahm das Billett und sagte mit weit weniger innerlicher Unterwürfigkeit, als er nach außen zur Schau stellte, zu sich selbst: »Jawohl, alter Knasterbart.« Dann machte er seinen Bückling, unterrichtete im Vorbeigehen seinen Sohn von dem ihm erteilten Auftrag und ging seines Weges.
Man hängte in jenen Tagen die Verbrecher zu Tyburn; die Straße von Newgate hatte also damals noch nicht die traurige Berühmtheit erlangt, die sie jetzt besitzt. Immerhin aber war das Gefängnis ein abscheulicher Platz, an dem Ausschweifungen und Schurkereien fast aller Art geübt und wo schlimme Krankheiten ausgebrütet wurden, die mit den Gefangenen in den Gerichtssaal kamen und bisweilen von dem Verbrecherverschlag aus geradewegs sogar auf den Lord Oberrichter zustürzten und ihn von der Bank herunterrissen. Mehr als einmal war es vorgekommen, daß der Richter in dem schwarzen Käppchen mit dem Urteilspruch über den Gefangenen selbst den Tod in sich aufnahm und sogar noch vor dem letzteren starb. Im übrigen stand die alte Bailey weit und breit im Rufe als eine Art Totenwirtshaus, von dessen Hof her man unaufhörlich bleiche Reisende auf Karren die Fahrt in die andere Welt antreten sah. Sie war ferner berühmt wegen des Prangers, einer weisen Einrichtung, die eine Strafe auferlegte, deren Ausdehnung niemand voraussehen konnte– wegen des Stäupepfahls, einer andern alten, lieben Einrichtung, deren Wirksamkeit einen recht humanisierenden, beruhigenden Eindruck übte –, und endlich wegen ausgedehnter Verhandlungen in Blutgeld, eines weiteren Bruchstücks von der Weisheit unserer Vorfahren, das systematisch Anlaß zu den schrecklichsten wohlfeilen Verbrechen gab, die unter der Sonne begangen wurden. Mit einem Wort, das Old Bailey jener Zelt war eine bündige Veranschaulichung des Grundsatzes, daß, was immer ist, auch recht ist – eine faule Lehre, die freilich schnell mit allem fertig wird, leider aber auch die unbequeme Konsequenz in sich faßt, daß von allem je Gewesenen nichts unrecht gewesen sei.
Der Bote bahnte sich einen Weg durch die unsaubere Menge, die sich in Gruppen um diesen unheimlichen Platz gesammelt hatte, mit dem Geschick eines Mannes, der sicher zu gehen gewohnt ist, fand bald die Tür, die er suchte, auf und bot sein Billett durch eine Falle hinein. Denn damals mußten die Leute ebensogut zahlen, wenn sie das Spiel in Old Bailey, wie wenn sie das in Bedlam sehen wollten, nur mit dem Unterschied, daß das erstere viel höher zu stehen kam. Deshalb waren auch alle Türen von Old Bailey wohl gehütet, natürlich die menschenfreundlichen Türen ausgenommen, durch die die Verbrecher hineinkamen, und die immer weit offen standen.
Nach einigem Verzug knarrte die Tür ärgerlich in ihren Angeln, ging aber nur so weit auf, daß sich Mr. Jerry Cruncher mit knapper Not in den Gerichtssaal hineinzwängen konnte.
»Was geht vor?« fragte er flüsternd seinen Nachbar.
»Noch nichts.«
»Was kommt?«
»Der Hochverratsfall.«
»Bei dem sich's ums Vierteilen handelt, he?«
»Ja«, entgegnete der Nachbar im Vorgenuß der Szene; »er wird auf einer Schleife hinausgeführt und halb gehenkt; dann nimmt man ihn wieder herunter, läßt ihn zusehen, wie man ihm den Bauch aufschlitzt, seine Eingeweide herausnimmt und sie verbrennt, schlägt ihm dann den Kopf ab und zerhackt seinen Leib in vier Stücke. So lautet das Urteil.«
»Wenn er schuldig erfunden wird, wollt Ihr sagen«, bemerkte Jerry verklausulierend.
»Oh, sie sprechen ihn schon schuldig«, versetzte der Nachbar. »Dies darf Euch keine Sorge machen!«
Mr. Crunchers Aufmerksamkeit wurde jetzt durch den Portier in Anspruch genommen, den er mit dem Billett in der Hand auf Mr. Lorry zugehen sah. Letzterer saß an einem Tisch unter Herren in Perücken, nicht weit von einem beperückten Gentleman, dem Anwalt des Gefangenen, der einen großen Aktenstoß vor sich hatte, und fast unmittelbar einem anderen beperückten Herrn gegenüber, dessen ganze Geistestätigkeit, Mr. Cruncher mochte ihn ansehen, sooft er wollte, von der Decke des Gerichtssaales in Anspruch genommen zu werden schien. Es gelang Jerry, durch einige rauhe Hustenstöße, durch das Reiben seines Kinns und durch Winke mit der Hand die Aufmerksamkeit Mr. Lorrys auf sich zu ziehen, der aufgestanden war, um sich nach ihm umzusehen, seine Zeichen kopfnickend erwiderte und dann wieder Platz nahm.
»Was hat denn der mit dem Fall zu schaffen?« fragte der Mann, mit dem er früher gesprochen hatte.
»Will des Henkers sein, wenn ich's weiß.«
Das Eintreten des Richters und das darauf folgende Geräusch, bis das Gerichtspersonal wieder Platz genommen, unterbrach dieses Zwiegespräch. Fortan wurde der Gefangenenverschlag der Hauptanziehungspunkt. Zwei Gefängniswärter, die dort gestanden hatten, gingen hinaus, führten den Angeklagten herein und stellten ihn vor die Gerichtsschranke.
Alle Anwesenden, mit Ausnahme des beperückten Herrn, der die Saaldecke betrachtete, starrten ihn mit großen Augen an. Jeder menschliche Atem in dem Raume wogte ihm wie ein Meer, ein Wind oder ein Feuer zu. Begierige Gesichter drängten sich um Säulen und Ecken, um seiner ansichtig zu werden; Zuschauer in den hinteren Reihen standen auf, um ja kein Haar von ihm zu verlieren. Leute in dem Parterre des Saals legten ihre Hände auf die Schultern ihrer Vordermänner, um sich auf irgend jemandes Kosten zu dem Anblick zu verhelfen; man stand auf den Zehen, suchte die Unterstützung von Leisten und stemmte sich sogar in die Höhe, um jeden Zoll von ihm zu sehen. Unter den letzteren stand Jerry wie ein lebendiges Stückchen von der mit Spitzeisen bewaffneten Newgate-Mauer und strömte in die Richtung des Gefangenen (er hatte nämlich im Herweg seinen Schnabel angefeuchtet) seinen Bieratem aus, auf daß er Bekanntschaft mache mit den wogenden Dünsten anderen Biers, Branntweins, Tees, Kaffees und so weiter, die dem Gegenstand des gemeinsamen Interesses zufluteten und an den großen Fenstern hinter ihm sich in der Form eines unreinen Nebels und Regens brachen.
Der Zielpunkt alles dieses Gaffens und Starrens war ein wohlgewachsener, gutaussehender junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, mit sonnverbrannten Wangen und dunklen Augen, der den besseren Ständen angehörte. Er war einfach in Schwarz oder Dunkelgrau gekleidet, und sein dunkles Haar wurde mehr um der Bequemlichkeit als um der Zierde willen an der Hinterseite seines Kopfes durch ein Band zusammengehalten. Wie eine Erregung des Geistes sich durch jede Hülle des Körpers bemerklich macht, so erkannte man die Blässe, die seiner Lage natürlich war, durch das Braun der Wange, zum Beweis, daß die Seele kräftiger ist als die Sonne. Im übrigen zeigte er eine vollkommene Fassung: er verbeugte sich gegen den Richter und blieb ruhig stehen.
Das Interesse, mit dem dieser junge Mann angegafft und angeatmet wurde, gereichte der Menschheit nicht eben zur Ehre. Wäre er nicht von einem so schrecklichen Urteil bedroht worden und wäre die Aussicht vorhanden gewesen, daß er mit einem oder dem andern Teil des grausamen Verfahrens verschont bleiben könnte, so hätte seine Persönlichkeit bedeutend an Reiz verloren. Die Gestalt, die so schändlich zerstückt werden sollte, war eine Augenweide, das unsterbliche Geschöpf, dem eine so entsetzliche Schlachtbank bevorstand, ein Kitzel für die Empfindung. Welchen Anstrich auch die verschiedenen Zuschauer nach Maßgabe der Kraft und Kunst ihrer Selbsttäuschung ihrem Interesse an dem Schauspiel beilegen mochten, seiner Grundwesenheit nach war es blutdürstig.
Stille im Gerichtssaal! Charles Darnay hatte sich für »Nicht schuldig« gegen eine Anklage erklärt, die ihm unter endlosem Geklingel und Geklapper zur Last legte, er sei ein falscher Verräter gegen unseren durchlauchtigsten, hochmächtigsten, erhabenen und so fort Fürsten, unsern Herrn, den König, weil er bei verschiedenen Gelegenheiten und auf unterschiedliche Weise dem französischen König Ludwig Beistand geleistet habe in seinen Kriegen und so fort; und zwar durch Ab- und Zugehen zwischen den Domänen unseres besagten, hochmächtigsten, erhabenen und so fort und denen des besagten französischen Ludwig in der boshaften, falschen, verräterischen und anderweitig hochverdächtigen Absicht, dem besagten französischen Ludwig zu enthüllen, welche Streitkräfte unser besagter, durchlauchtigster, hochmächtigster, erhabener und so fort nach Kanada und Nordamerika zu senden sich anschicke. So viel wenigstens fand Jerry, dessen Kopf unter den juridischen Ausdrücken immer spießiger wurde, mit großer Selbstbefriedigung heraus, wie er denn auch auf Umwegen zu dem Verständnis kam, daß der vorbesagte und aber- und abermal vorbesagte Charles Darnay hier vor Gericht stand, daß die Jury beeidigt wurde und daß der Herr Staatsanwalt sich anschickte, seinen Vortrag zu halten.
Der Angeschuldigte wußte recht wohl, daß er von jedem der Anwesenden im Geiste bereits als gehangen, enthauptet und gevierteilt betrachtet wurde. Trotzdem zagte er nicht vor seiner Lage und nahm ebensowenig ein theatralisches Wesen an. Er verhielt sich ruhig und aufmerksam, folgte dem Gang der Verhandlungen mit ernster Teilnahme und stand, die Hände auf den Sims seines Verschlags gestützt, so gefaßt da, daß auch nicht ein Blättchen von den darauf liegenden Kräutern verrückt wurde. Durch den ganzen Gerichtssaal waren dergleichen medizinische Pflanzen, die man noch obendrein mit Essig besprengt hatte, als Vorbeugungsmittel gegen Gefängnisluft und Nervenfieber ausgestreut.
Zu den Häupten des Gefangenen befand sich ein Spiegel, der das Licht auf ihn niederwarf. Scharen von Unglücklichen und Verworfenen haben sich schon darin bespiegelt und sind ebenso von seiner Fläche weg wie überhaupt von der Erde verschwunden. Das Dock müßte zum entsetzlichsten Spukplatz werden, wenn jener Spiegel je die in ihm reflektierten Gestalten nach Art des Meeres, das eines Tages seine Toten wieder ausfolgen wird, wieder zurückgeben könnte. Ein flüchtiger Gedanke an die Schmach und Entehrung, die durch die künstliche Bestrahlung beabsichtigt wurde, schien dem Angeklagten durch den Sinn zu gehen; denn als er bei einer zufälligen Veränderung seiner Stellung den Lichtschein über sich bemerkte, überflog beim Aufschauen sein Antlitz ein tiefes Rot, und seine Rechte schob die Kräuter beiseite.
Bei dieser Bewegung drehte sich sein Gesicht zufällig nach links. Ungefähr in gleicher Höhe mit seinen Augen saßen in dem Winkel der Gerichtsbank zwei Personen, auf denen sein Auge alsbald haften blieb. Dies geschah so plötzlich und mit einer so merklichen Veränderung in seinem Wesen, daß alle bisher ihm zugewandten Blicke ihm jetzt in dieser Richtung folgten.
Die Zuschauer entdeckten in den beiden Personen ein junges Frauenzimmer von wenig mehr als zwanzig und einen Herrn, der unverkennbar ihr Vater war. Dieser fiel namentlich auf durch das schneeige Weiß seiner Haare und durch einen gewissen unbeschreiblichen Ausdruck von Spannung in seinem Gesicht, der weniger einem tatkräftigen Affekt, als einem in sich gekehrten Brüten zu entstammen schien. Wenn dieser Ausdruck auf ihm lagerte, so sah er sehr alt aus; wich er aber für einige Augenblicke, wie dies zum Beispiel eben jetzt geschah, als er mit seiner Tochter sprach, so zeigte er sich als einen schönen, noch in der Vollkraft des Lebens stehenden Mann.
Die neben ihm sitzende Tochter hatte ihre eine Hand in seinen gebogenen Arm und die andere auf die Rückenfläche dieses Armes gelegt, auch aus Furcht vor dem bevorstehenden Auftritt und in ihrem Mitleid für den Gefangenen sich dicht an ihn angeschmiegt. Auf ihrer Stirn sprach sich ein unnennbarer Schmerz und eine Teilnahme aus, die für nichts weiter einen Sinn hatte als für die Gefahr des Gefangenen. Diese Züge taten sich so mächtig und naturgetreu kund, daß die Gaffer, die kein Mitleid für den Angeklagten hatten, doch für sie einiges empfanden, und das Geflüster ging im Kreise herum: »Wer sind sie?«
Jerry, der Aushelfer, der sich nach seiner Art seine Gedanken gemacht und dabei eifrig den Rost von seinen Fingern gesaugt hatte, streckte seinen Hals aus, um zu hören, wer sie wären. Das Gedränge um ihn her hatte durch Weitergeben die Frage allmählich bis zu dem nächsten Gerichtsdiener gebracht, und in derselben Wellenbewegung war die Antwort langsam zurückgekommen, bis sie endlich auch an Jerry gelangte:
»Zeugen.«
»Für welche Partei?«
»Gegen.«
»Gegen wen?«
»Gegen den Gefangenen.«
Der Richter hatte seine Blicke die allgemeine Richtung einschlagen lassen, jetzt aber wieder zurückgerufen; er machte sich breit in seinem Sitz und sah ständig auf den Mann hin, dessen Leben in seiner Hand lag, während der Staatsanwalt sich erhob, um den Strick zu drehen, das Beil zu schleifen und die Nägel in das Schafott zu hämmern.
*
Drittes Kapitel. Eine getäuschte Erwartung.
Der Staatsanwalt hatte den Geschworenen mitzuteilen, daß der Gefangene vor ihnen, obschon noch jung an Jahren, alt sei in den hochverräterischen Praktiken, durch die er sein Leben verwirkt habe. Seine Korrespondenz mit dem Feind des Landes stamme nicht bloß von heute oder gestern, ja, nicht bloß aus dem abgelaufenen oder dem vorletzten Jahre. Es sei gewiß, daß der Gefangene schon viel länger zwischen Frankreich und England Hin- und Herreisen gemacht habe in geheimen Angelegenheiten, über die er keine befriedigende Auskunft geben könne. Wenn es in der Natur verräterischer Schleichwege läge, zu einem Erfolg zu führen, was zum Glück nie der Fall sei, so wäre vielleicht die Schändlichkeit und Schuld seines Treibens unentdeckt geblieben. Die Vorsehung aber habe es einer Person, die erhaben sei über üblen Leumund und Menschenfurcht, ins Herz gegeben, den schlimmen Entwürfen des Gefangenen nachzuspüren und dieselben voll Entsetzen Seiner Majestät erstem Staatssekretär und einem höchstpreislichen geheimen Rat zu enthüllen. Dieser Vaterlandsfreund werde ihnen vorgestellt werden. Seine Stellung und sein Verhalten trage im ganzen den Charakter der Erhabenheit. Er sei des Gefangenen Freund gewesen; als er aber einmal in einer günstigen üblen Stunde dessen Ehrlosigkeit entdeckte, habe er beschlossen, den Verräter, dessen Freundschaft er nicht länger in seinem Busen tragen konnte, auf dem heiligen Altar des Vaterlandes zu opfern. Wenn in Britannien, wie es in dem alten Rom und Griechenland üblich gewesen, den Wohltätern des Landes Ehrensäulen errichtet würden, so hätte dieser treffliche Bürger zuverlässig den ersten Anspruch auf eine solche Auszeichnung. Da dies aber in England nicht Sitte sei, so werde er sie wahrscheinlich auch nicht erhalten.
Es sei von den Dichtern an verschiedenen Stellen, die, wie er wisse, die Geschworenen auswendig kennen (freilich war auf den Gesichtern der Geschworenen das Schuldbewußtsein ihres gründlichen Nichtwissens zu lesen), ausgesprochen worden, daß die Tugend in gewisser Art eine ansteckende Kraft besitze, besonders aber die leuchtende Tugend, die man Patriotismus oder Liebe zum Vaterland nenne. Das erhabene Beispiel dieses reinen und unanfechtbaren Zeugen für die Krone habe auch günstig auf den Diener des Gefangenen gewirkt und in ihm den ehrenvollen Entschluß geweckt, die Schubladen und Taschen seines Herrn zu untersuchen und seine Papiere zu unterschlagen. Er (der Staatsanwalt) sei zwar darauf gefaßt, daß man versuchen werde, diesen bewunderungswürdigen Diener etwas herabzuwürdigen. Ihm für seine Person aber sei im ganzen dieser Ehrenmann eine teurere Person als seine (des Staatsanwalts) Brüder und Schwestern, und er schätze ihn höher als seinen eigenen Vater und seine Mutter. Er könne daher mit Zuversicht die Geschworenen auffordern, das gleiche zu tun. Die Angaben dieser beiden Zeugen in Verbindung mit den von ihnen beigebrachten Dokumenten würden den Nachweis liefern, daß der Gefangene sich Listen über Seiner Majestät Streitkräfte und deren Verwendung zu Land und zur See verschafft habe, und es über allen Zweifel erheben, daß von ihm dauernd solche Mitteilungen an den Feind gemacht, worden seien. Zwar lasse sich in den besagten Listen nicht die Handschrift des Gefangenen erweisen: dies komme jedoch nicht in Betracht und spreche eher für die Anklage, sofern sich daraus nur die Schlauheit und Vorsicht des Verbrechers ergebe. Die Beweisführung werde bis auf fünf Jahre zurückgreifen und zeigen, daß der Gefangene sein verräterisches Treiben schon damals, einige Wochen vor der ersten Schlacht zwischen den britischen Truppen und den Amerikanern, geübt habe. Die Jury sei, wie er wisse, eine loyale und habe, wie ihr selbst bekannt sei, Pflichten der Verantwortlichkeit. Sie müsse also aus den angeführten Gründen den Gefangenen schuldig sprechen und, möge sie es gern tun oder nicht, mit ihm ein Ende machen. Die Geschworenen können nie wieder ihre Häupter auf ihre Kissen niederlegen, ja dürfen nicht einmal den Gedanken aufkommen lassen, zu dulden, daß ihre Weiber, ihre Kinder oder ihre ganze Verwandtschaft ihre Häupter auf Kissen niederlegen, bis der Kopf des Gefangenen gefallen sei. Er verlange diesen Kopf von ihnen, schloß der Staatsanwalt, im Namen alles nur Erdenklichen und kraft seiner feierlichen Versicherung, daß er den Angeklagten bereits für einen toten Mann ansehe.
Nachdem der Staatsanwalt seinen Vortrag geschlossen hatte, erhob sich in dem Gerichtssaal ein Summen, als umschwärme eine Wolke großer Schmeißfliegen den Gefangenen im Vorgefühl dessen, was er bald sein werde. Es legte sich wieder, und nun erschien der unanfechtbare Zeuge in der Zeugenloge.
Der Herr General-Prokurator nahm sofort, an dem Faden seines Vorgängers weiter spinnend, den Patrioten, John Barsad, Gentleman, mit Namen, ins Verhör. Die Geschichte seiner reinen Seele war ganz so, wie sie der Herr Staatsanwalt, wenn sie je einen Fehler hatte, nur zu genau vorgetragen. Nachdem er sein edles Herz erleichtert, wollte er sich bescheiden wieder zurückziehen. Aber der beperückte Gentleman mit dem Aktenstoß vor sich, der in Mr. Lorrys Nähe saß, bat um die Erlaubnis, ein paar Fragen an ihn richten zu dürfen. Der Gentleman in der Perücke, Mr. Lorry gegenüber, machte noch immer seine Studien an der Saaldecke.
War er nicht selbst schon ein Spion gewesen? Nein, er wies eine so schnöde Verleumdung mit Verachtung zurück. Von was lebte er? Von seinem Vermögen. Wo hatte er dieses Vermögen? Er konnte sich dessen nicht genau erinnern. In was bestand es? Ging niemanden etwas an. Hatte er geerbt? Ja. Von wem? Von einem entfernten Verwandten. Sehr entfernt? Ziemlich. Noch nie im Gefängnis gewesen? Gewiß nicht. Auch nicht in Schuldenhaft? Sah nicht ein, wie dies hergehörte. Nie in Schuldenhaft? Schon wieder diese Frage. Nie? Ja. Wie oft? Zwei- oder dreimal. Nicht fünf- oder sechsmal? Vielleicht. Von welchem Beruf? Gentleman. Nie Fußtritte gekriegt? Kann sein. Oft? Nein. Nie, die Treppe hinuntergeworfen worden? Gewiß nicht: nur einmal am Anfang einer Treppe einen Stoß erhalten und dann von freien Stücken hinuntergefallen. Bei jener Gelegenheit einen Fußstoß erhalten wegen Betrugs beim Würfelspielen? Etwas Derartiges wurde durch den betrunkenen Lügner ausgesprengt, der ihn angegriffen, war aber nicht wahr. Konnte dies beschworen werden? Zuverlässig. Nie von Betrug im Spiel gelebt? Nie. Nicht vom Spiel gelebt? Nicht mehr als andere Gentlemen auch. Nie von dem Gefangenen Geld geborgt? Ja. Ihn immer wieder bezahlt? Nein. War nicht die vertraute Beziehung zu dem Gefangenen nur eine sehr entfernte und dem Gefangenen in Postkutschen, Gasthäusern und Paketschiffen aufgedrungen? Nein. Wahrscheinlich sah er die Listen bei dem Gefangenen? Gewiß. Wußte er nichts Weiteres von den Listen? Nein. Hatte er nicht etwa selbst sie ihm geliefert? Nein. Hoffte er durch sein Zeugnis etwas zu gewinnen? Nein. Nicht in regelmäßigem Sold und Dienst der Regierung, um Fallen zu legen? O Himmel, nein. Oder sonst etwas zu tun? O Himmel, nein. Konnte dies beschworen werden? Zehn- für einmal. Keine andern Beweggründe als Patriotismus? Durchaus keine.
Der tugendhafte Diener schwur sich mit großer Geschwindigkeit durch die ganze Verhandlung. Er war voll guten einfältigen Glaubens vor vier Jahren bei dem Gefangenen in Dienst getreten. Er hatte denselben an Bord des Calais-Paketschiffes gefragt, ob er nicht einen geschickten Burschen brauche, und der Gefangene ihn angenommen. Von einer Bitte an den Gefangenen, er möchte an dem geschickten Burschen ein Werk der Barmherzigkeit üben, war keine Rede gewesen; an etwas der Art hatte er nie gedacht. Er begann bald nachher Argwohn zu schöpfen gegen den Gefangenen und hatte ein wachsames Auge auf ihn. Wenn er auf Reisen die Kleider des Gefangenen besorgte, gab sich ihm oft und oft Gelegenheit, in dessen Taschen ähnliche Listen zu sehen. Die vorliegenden hatte er einer Schublade in dem Pult des Gefangenen entnommen. Sie waren nicht zuerst von ihm hineingelegt worden. Er konnte als Augenzeuge bekräftigen, daß der Gefangene gerade diese Listen französischen Herren in Calais und ähnliche Listen französischen Herren zu Calais und Boulogne gezeigt hatte. Er liebte sein Land, konnte dies nicht ertragen und machte Anzeige. Er hatte nie im Verdacht gestanden, eine silberne Teekanne gestohlen zu haben; er war wohl boshafterweise wegen eines silbernen Senftopfes verleumdet worden, aber es hatte sich herausgestellt, daß es nur ein plattierter gewesen. Den letzten Zeugen kannte er seit sieben oder acht Jahren, aber dies war nur ein Zusammentreffen. Er nannte es nicht ein merkwürdiges Zusammentreffen; denn beim Zusammentreffen findet meist diese Eigenschaft statt. Auch erschien es ihm nicht als ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß bei ihm gleichfalls wahrer Patriotismus der einzige Beweggrund sein sollte. Er war ein echter Brite und hoffte, daß es noch viele geben werde wie er.
Die Schmeißfliegen summten wieder, und der Herr Staatsanwalt rief Mr. Jarvis Lorry auf.
»Mr. Jarvis Lorry, seid Ihr Bureaubeamter in Tellsons Bank?«
»Habt Ihr nicht an einem gewissen Freitag im November des Jahres eintausendsiebenhundertundfünfundsiebenzig nachts den Postwagen zu einer Geschäftsreise von London nach Dover benutzt?«
»Ja.«
»Reisten noch andere Passagiere mit?«
»Zwei.«
»Sind sie nicht im Laufe der Nacht unterwegs ausgestiegen?«
»Ja.«
»Mr. Lorry, seht den Gefangenen an. War er einer von den beiden Passagieren?«
»Ich kann dies nicht behaupten.«
»Hat er Ähnlichkeit mit einem von jenen zwei Passagieren?«
»Beide waren so eingehüllt, die Nacht so dunkel und wir alle so zurückhaltend, daß ich auf die Frage keine Antwort zu geben weiß.«
»Mr. Lorry, betrachtet Euch den Gefangenen noch einmal. Denkt Euch ihn so eingehüllt, wie jene beiden Reisenden waren – liegt in seinem Körperbau und in seiner Haltung etwas, was es unwahrscheinlich macht, daß er einer davon gewesen sein könnte?«
»Nein.«
»Wollt Ihr darauf schwören, daß er keiner von ihnen gewesen?«
»Nein.«
»Aber Ihr könnt wenigstens sagen, es sei möglich, daß er einer davon war?«
»Ja, mit Ausnahme des mir noch erinnerlichen Umstandes, daß jene Männer sich gleich mir sehr vor Straßenräubern fürchteten; der Gefangene sieht nicht furchtsam aus.«
»Habt Ihr schon ein Bild der Furchtsamkeit gesehen, Mr, Lorry?«
»Jawohl.«
»Mr. Lorry, betrachtet Euch noch einmal den Gefangenen. Könnt Ihr Euch nicht erinnern, ihn je gesehen zu haben?«
»O ja.«
»Wann?«
»Ich kehrte einige Tage später von Frankreich zurück. Der Gefangene kam zu Calais an Bord des Paketschiffes, das mich mit heimnahm, und machte mit mir die Reise.«
»Um welche Zeit kam er an Bord?«
»Ein wenig nach Mitternacht.«
»Bei totenstiller Nacht also. War er der einzige Passagier, der zu dieser ungewöhnlichen Stunde an Bord kam?«
»Er war zufällig der einzige.«
»Kümmert Euch nicht darum, ob es Zufall war oder nicht, Mr. Lorry. Er war also der einzige Passagier, der mitten in der Nacht an Bord kam?«
»Ja.«
»Reistet Ihr allein, Mr. Lorry, oder waret Ihr in Gesellschaft?«
»Ich hatte zwei Reisebegleiter, eine Dame und einen Herrn. Sie sind hier.«
»Sie sind hier. Habt Ihr mit dem Gefangenen Unterhaltung gepflogen?«
»Kaum. Wir hatten stürmisches Wetter, und während der langen Dauer der rauhen Überfahrt lag ich fast unausgesetzt auf dem Sofa.«
»Miß Manette!«
Die junge Dame, der sich jetzt wie früher alle Augen zuwendeten, stand von ihrem Sitze auf; ihr Vater, der ihre Hand mit seinem Arme unterstützt hielt, tat das gleiche.
»Miß Manette, betrachtet den Gefangenen.«
Die Konfrontation mit der ernsten, schönen, von Mitleid ergriffenen Jungfrau wirkte auf den Angeschuldigten weit erschütternder als das Begafftwerden durch die Menge. Er stand gewissermaßen beiseite mit ihr am Rande seines Grabes, und all die Neugier der maulaufsperrenden Zuschauer vermochte ihn nicht so weit zu kräftigen, daß er auch in jenem Augenblick ganz ruhig blieb. Seine Rechte teilte hastig die Kräuter vor ihm ab in eingebildete Gartenblumenbeete, und die Anstrengung, die es ihn kostete, seinen Atem gleichmäßig zu erhalten, machte seine Lippen beben, aus denen mit dem nach dem Herzen jagenden Blutstrom alle Farbe entwichen war. Die Schmeißfliegen summten wieder laut.
»Miß Manette, habt Ihr den Gefangenen früher gesehen?«
»Ja, Sir.«
»Wo?«
»An Bord des eben besprochenen Paketschiffes, Sir, und bei demselben Anlaß.«
»Ihr seid die junge Dame, von der die Rede war?«
»Leider ja.«
Der klagende Ton des Mitleids erstarb unter der weniger musikalischen Stimme des Richters, der etwas rauh entgegnete:
»Antwortet einfach auf die Fragen, die man an Euch stellt, und macht keine Bemerkungen dazu.«
»Miß Manette, habt Ihr Euch während jener Fahrt über den Kanal mit dem Gefangenen unterhalten?«
»Ja, Sir.«
»Vergegenwärtigt Euch dies wieder.«
Inmitten der tiefen Stille begann sie, mit tonloser Stimme:
»Als der Gentleman an Bord kam –«
»Meint Ihr damit den Gefangenen?« fragte der Richter, die Stirn runzelnd.
»Ja, gnädiger Herr.«
»Dann nennt ihn auch so.«
»Als der Gefangene an Bord kam, bemerkte er, daß mein Vater« – sie richtete ihre Blicke liebevoll auf den an ihrer Seite Stehenden – »sehr erschöpft und leidend war. Sein Gesundheitszustand flößte mir so viel Besorgnis ein, daß ich es nicht wagte, ihn aus der freien Luft fortzunehmen, sondern auf dem Deck neben der Kajütentreppe für ihn ein Bett herrichtete, an dessen Seite ich Platz nahm, um ihm Handreichungen leisten zu können. In jener Nacht waren keine anderen Passagiere an Bord als wir vier. Der Gefangene war so freundlich, um die Erlaubnis zu bitten, mir raten zu dürfen, wie ich meinen Vater besser gegen Wind und Wetter schützen könne, als ich getan habe; denn ich hatte mich nicht darauf verstanden, wie der Wind nach unserer Ausfahrt aus dem Hafen wehen würde, und er beriet mich jetzt. Er äußerte große Teilnahme für den Zustand meines Vaters, und ich bin überzeugt, daß er sie auch fühlte. So begann unsere Unterhaltung.«
»Laßt mich Euch für einen Augenblick unterbrechen. Kam er allein an Bord?«
»Nein.«
»Wer war bei ihm?«
»Zwei französische Herren.«
»Haben sie miteinander gesprochen?«
»Sie sprachen miteinander bis zu dem Augenblick, als die französischen Herren wieder in ihr Boot steigen mußten.«
»Habt Ihr in ihren Händen keine Papiere bemerkt, die Ähnlichkeit hatten mit diesen Listen?«
»Von Papieren habe ich wohl etwas gesehen, kann aber nicht sagen, welcher Art Papiere es waren.«
»An Form und Umfang etwa wie diese?«
»Möglich, aber ich weiß es in der Tat nicht, obschon sie in meiner unmittelbaren Nähe miteinander flüsterten; denn sie standen auf dem Absatz der Kajütentreppe, um das Licht der dort hängenden Laterne benutzen zu können. Das Licht brannte trüb, und sie sprachen sehr leise, so daß ich nicht verstand, was sie sagten. Ich sah nur, daß sie sich mit den Papieren befaßten.«
»Nun Eure Unterhaltung mit dem Gefangenen, Miß Manette.«
»Der Gefangene war sehr offen und zutraulich gegen mich; ich schreibe dieses meiner hilflosen Lage zu; denn er benahm sich sehr teilnehmend und suchte meinem Vater nützlich zu werden. Ich hoffe«, fügte sie bei, indem sie in Tränen ausbrach, »ich lohne es ihm nicht damit, daß ich ihm heute zum Schaden rede.«
Gesumm von seiten der Schmeißfliegen.
»Miß Manette, wenn der Gefangene nicht recht gut einsieht, daß Ihr das Zeugnis, das Ihr abzugeben verpflichtet seid, geben müßt und unter keinen Umständen umgehen könnet, nur mit Widerwillen ablegt, so steht er in diesem Saale mit seiner Anschauungsweise vollkommen vereinzelt. Ich bitte, fahrt fort.«
»Er sagte mir, seine Reise betreffe eine sehr zarte und verfängliche Sache, die leicht Leute in Angelegenheiten bringen könnte; er reise deshalb unter einem angenommenen Namen. Dann teilte er mir weiter mit, sein Geschäft habe ihn für einige Tage nach Frankreich geführt und werde ihm für die nächste Zeit ein öfteres Hin- und Herreisen zwischen Frankreich und England auferlegen.«
»Hat er nichts von Amerika gesprochen, Miß Manette? Ihr müßt auf Einzelheiten eingehen.«
»Er versuchte mir verständlich zu machen, wie der Streit entstanden war, und sagte, soweit er die Sache beurteilen könne, habe England dabei unrecht und töricht gehandelt. Auch fügte er scherzend bei, daß vielleicht Georg Washington in der Geschichte einen fast ebenso großen Namen erringen werde wie Georg der Dritte. In dieser Äußerung lag jedoch nichts Verfängliches; er hatte sie lachend getan, und man sprach eben, um sich die Zeit zu vertreiben.«
Jeder starkmarkierte Gesichtsausdruck einer Hauptperson in einer hochinteressanten Szene, auf der viele Augen haften, wird unbewußt von den Zuschauern nachgeahmt. Als sie dieses Zeugnis ablegte, zeigte sich ein Zug schmerzlicher Angst und Spannung auf ihrer Stirn, und während der Pausen, die durch das Aufzeichnen ihrer Angaben durch den Richter veranlaßt wurden, suchte sie die Wirkung derselben in den Gesichtern der Advokaten für und wider den Angeklagten zu lesen. Wo man nun in dem Gerichtssaal hinsehen mochte, begegnete man bei den Zuschauern demselben Ausdruck, und zwar in einem so hohen Grade, daß die große Mehrheit der Stirnen nur Spiegel der Stirn der Zeugin zu sein schienen, als der Richter von seinem Notizblatte aufschaute, um bei der schrecklichen Ketzerei über Georg Washington grimmig umherzublicken.
Der Herr Staatsanwalt bedeutete jetzt dem Lord Oberrichter, daß es aus formellen Rücksichten und vorsichtshalber notwendig sein dürfte, auch den Vater der jungen Dame, den Doktor Manette, zu vernehmen. Er wurde aufgerufen.
»Doktor Manette, betrachtet den Gefangenen. Habt Ihr ihn schon einmal gesehen?«
»Ja, einmal. Er besuchte mich in London. Dies mag vor drei oder vierthalb Jahren geschehen sein.«
»Erkennt Ihr in ihm einen Mitreisenden an Bord des Paketschiffes, oder wißt Ihr etwas von seiner Unterhaltung mit Eurer Tochter?
»Weder das eine noch das andere, Sir.«
»Warum dies? War vielleicht ein besonderer Grund dafür vorhanden?«
»Ja«, lautete die leise Antwort.
»Ihr habt in Eurem Vaterland das Unglück gehabt, ohne Urteilspruch, ja, sogar ohne Anklage eine lange Gefangenschaft durchmachen zu müssen, Doktor Manette?«
Er entgegnete in einem Ton, der jedem zu Herzen ging:
»Eine lange Gefangenschaft.«
»Ihr waret nur kurz vor dem fraglichen Anlaß in Freiheit gesetzt worden?«
»So sagt man mir.«
»Ihr erinnert Euch dessen nicht selbst?«
»Nein. In meinem Geist ist eine Lücke – ich weiß nicht, von welcher Dauer – von der Zeit an, als ich in meiner Gefangenschaft mich mit Schuhmachen beschäftigte, bis zu dem Augenblick, in dem ich mich hier zu London unter der pflegenden Hand meiner Tochter wiederfand. Ich hatte mich bereits an sie gewöhnt, als es dem Allbarmherzigen gefiel, mir mein geistiges Vermögen zurückzugeben, obschon ich nicht sagen kann, wie dies zugegangen war. Der ganze Vorgang meines früheren Verkehrs mit ihr ist in Nacht gehüllt.«
Der Herr Staatsanwalt setzte sich nieder, und der Vater und die Tochter folgten seinem Beispiele.
Nun ergab sich in der Verhandlung ein eigentümlicher Umstand. Das Beweisobjekt war, darzutun, daß der Gefangene mit einem noch nicht ermittelten Genossen vor fünf Jahren in jener Novembernacht den Postwagen benutzt habe und unterwegs zum Schein an einem Orte ausgestiegen sei, an dem er nicht blieb, sondern von wo aus er um fünf oder sechs Wegstunden nach einem Garnison- und Werftenplatze zurückreiste, um daselbst sich auf Spionage zu legen. Ein Zeuge wurde vernommen, der in ihm die Person erkennen wollte, die er genau um jene Zeit in dem Kaffeezimmer eines Gasthauses jener Garnison- und Werftenstadt in Erwartung eines anderen gesehen hatte. Der Verteidiger nahm diesen Zeugen scharf ins Verhör, konnte aber nichts weiter aus ihm herausbringen, als daß der Gefangene ihm von keiner andern Gelegenheit her bekannt sei. Jetzt beschrieb der beperückte Gentleman, der der Saaldecke ein so großes Interesse abgewann, einige Worte auf ein Stückchen Papier, rollte es zusammen und warf es dem Anwalt des Gefangenen zu. Dieser benutzte die nächste Pause, um das Röllchen zu öffnen und betrachtete darauf den Angeklagten mit großer Aufmerksamkeit.
»Ihr behauptet also wiederholt, Ihr wisset gewiß, daß es der Gefangene gewesen sei?«
Der Zeuge wußte es gewiß.
»Habt Ihr nie jemand gesehen, der Ähnlichkeit mit dem Gefangenen hatte?«
Wenigstens keine so große Ähnlichkeit, daß sie ihn hätte tauschen können, meinte der Zeuge.
»So betrachtet Euch einmal diesen Gentleman, meinen gelehrten Freund«, er deutete auf den Herrn, der ihm das Papier« zugeworfen hatte – »und dann den Gefangenen. Was sagt Ihr jetzt? Sind sie einander nicht sehr ähnlich?«
Abgesehen von dem Umstand, daß der gelehrte Freund eine ziemlich vernachlässigte, wo nicht liederliche Außenseite hatte, fand zuverlässig eine so große Ähnlichkeit statt, daß sie nicht nur den Zeugen stutzig machte, sondern auch allen Anwesenden auffiel. An den Lord Oberrichter erging nun das Ersuchen, er möchte dem gelehrten Freund befehlen, seine Perücke abzunehmen, was dann auch von seiten Seiner Gnaden, obschon in sehr ungnädiger Weise, geschah, und die Ähnlichkeit trat jetzt um so schlagender hervor. Der Lord Oberrichter fragte Mr. Stryver, den Verteidiger, ob sie etwa zunächst dem Mr. Carton (Name des gelehrten Freundes) wegen Hochverrats den Prozeß machen sollten; doch Mr. Stryver antwortete darauf dem gnädigen Herrn mit Nein: er beabsichtige bloß, den Zeugen zu fragen, ob ihm, was ihm einmal zugestoßen, nicht auch zum zweiten Male habe begegnen können – ob er so zuversichtlich aufgetreten wäre, wenn man diesen Beweis von Übereilung ihm früher vor Augen gestellt hätte, und so weiter. Die Folge davon war, daß diese Zeugenaussage wie ein irdener Topf zerschmettert und der Zeuge selbst, sofern er zu dem Prozeß in Beziehung kam, zu dem nutzlosen Gerümpel gestellt wurde.
Mr. Cruncher hatte in seiner Aufmerksamkeit für die Verhandlung ein ganzes Frühstück Rost aus seinen Fingern gesogen. Er verwandte kein Auge von Mr. Stryver, während dieser den Sachverhalt im Interesse des Gefangenen vor den Geschworenen wie einen vollständigen Anzug zurechtlegte. Er zeigte ihnen, daß der Patriot Barsad ein gedungener Spion und Verräter, ein keckstirniger Verkäufer von Blut und einer der größten Schurken sei, die je auf Erden umhergewandelt seien seit dem fluchwürdigen Judas, dem er sicherlich auch gleichsehe. Der tugendhafte Diener Cly sei sein Freund und ein seiner würdiger Gehilfe: diese beiden Fälscher, und meineidigen Wichte hätten sich den Gefangenen als ihr Opfer ausersehen, weil dieser, ein Mann von französischer Abkunft, in Familienangelegenheiten, die seine Anwesenheit jenseits des Kanals nötig machten, öfters Frankreich besuchte. Von diesen Angelegenheiten könne aus Rücksicht für andere, die ihm nahe und teuer seien, und wenn das Leben des Gefangenen davon abhänge, kein öffentlicher Gebrauch gemacht werden. Das Zeugnis, das man der jungen Dame abgerungen, von deren Kummer über diesen Zwang man sich habe überzeugen können, enthalte nichts als unschuldige Galanterien und Höflichkeitsbezeigungen, wie sie zwischen jungen Personen verschiedenen Geschlechts bei zufälliger Begegnung häufig vorkämen: nur die Hinweisung auf Georg Washington mache davon eine Ausnahme, aber der Inhalt jener Rede sei zu überspannt und unmöglich, als daß sie in einem andern Licht denn in dem eines ungereimten Scherzes aufgefaßt werden könne. Es wäre ein Makel für die Regierung, wenn sie in diesem Versuch, durch eine Einwirkung auf die niedrigsten nationalen Gehässigkeiten und Besorgnisse sich populär zu machen, unterläge, und deshalb habe der Herr Staatsanwalt den Fall möglichst schreiend darzustellen gesucht: gleichwohl liege gar nichts vor als die Aussagen feiler, ehrloser Zeugen, wie man sie in Prozessen ähnlicher Art zur Schande des Landes nur zu oft finde. Doch jetzt legte sich der gnädige Herr Oberrichter mit einer so gravitätischen Miene, als habe der Verteidiger mit der Hinweisung auf die englischen Staatsprozesse eine Unwahrheit gesprochen, ins Mittel und erklärte, er könne, solange er auf der Gerichtsbank sitze, solche Anspielungen nicht dulden.
Mr. Stryver rief nun seine wenigen Zeugen auf, und dann hatte Mr. Crunchers Aufmerksamkeit dem Herrn Staatsanwalt zu folgen, wie dieser an dem Anzug, den Mr. Stryver für die Geschworenen zurechtgelegt hatte, das Innere nach außen kehrte und dabei zeigte, daß Barsad und Cly hundertmal besser seien, als sie seiner Meinung nach gewesen, der Gefangene aber hundertmal schlechter. Zum Schlusse kam der gnädige Herr Oberrichter selbst, wendete den Anzug noch einmal und kehrte die Außenseite wieder nach innen, im ganzen aber entschieden mit einer Zustutzung, daß er zu einem Leichengewand für den Gefangenen paßte.
Und nun traten die Geschworenen zur Erwägung zusammen, und die großen Fliegen schwärmten wieder.
Mr. Carton, der so lange in Bewunderung der Saaldecke dagesessen hatte, änderte selbst bei der jetzigen Aufregung weder seinen Platz noch seine Haltung. Während sein gelehrter Freund Mr. Stryver die Akten vor sich wieder übereinanderlegte, mit den ihm zunächst Stehenden flüsterte oder von Zeit zu Zeit einen ängstlichen Blick nach den Geschworenen hingleiten ließ – während die Zuschauer mehr oder weniger durcheinanderwogten und immer neue Gruppen bildeten – während selbst der Lord Oberrichter sich von seinem Sitz erhob und langsam unter dem Verdacht des Publikums, daß er sich in einem fieberischen Zustand befinde, auf der Plattform hin und her schritt – saß dieser einzige Mensch abgewandt da, den zerschlissenen Mantel nur halb an sich tragend, die zerknüllte Perücke in einer Weise auf dem Kopf, als sei sie nach dem Abnehmen ihm gefällig wieder hinaufgeflogen, die Hände in den Rocktaschen und die Augen wie im Laufe des ganzen Tages gegen die Decke gerichtet. Etwas besonders Unbekümmertes in seinem Wesen verlieh ihm nicht nur ein ziemlich unachtbares Äußeres, sondern beeinträchtigte auch die große Ähnlichkeit, die er ohne Frage mit dem Gefangenen hatte und die durch seinen augenblicklichen Ernst in dem Moment der Vergleichung sehr erhöht worden war, dermaßen, daß von den Zuschauern, die jetzt Notiz von ihm nahmen, viele unter sich bemerkten, sie hätten kaum geglaubt, daß sie einander glichen. Namentlich machte Mr. Cruncher diese Bemerkung gegen seinen nächsten Nachbar und fügte hinzu: »Ich wette eine halbe Guinee, daß man dem nie einen Prozeß anvertraut. Oder meint Ihr, er sehe danach aus, daß er Advokatenarbeit kriegen kann?«
Gleichwohl interessierte sich dieser Mr. Carton mehr für die Einzelheiten der Szene, als es den Anschein hatte; denn Miß Manette ließ jetzt ihr Haupt auf die Brust ihres Vaters sinken, und da er es zuerst bemerkte, so sagte er vernehmlich:
»Gerichtsdiener, seht nach der jungen Dame, und helft dem Gentleman, sie hinausbringen. Bemerkt Ihr nicht, daß sie umsinken will?«
Sobald sie entfernt war, gab sich viel Mitleid mit ihr und Teilnahme für ihren Vater kund. Die Erinnerung an die Tage seiner Gefangenschaft hatten augenscheinlich einen sehr schmerzlichen Eindruck auf ihn gemacht. Als ihrer Erwähnung geschah, war seine Aufregung so augenfällig geworden und der düster brütende Ausdruck, der ihn so alt erscheinen ließ, einer schweren Wolke gleich, nicht mehr von seiner Stirn gewichen. Nach seinem Abgehen gaben die Geschworenen, die für eine kurze Weile zurückgetreten waren, durch den Obmann ihre Erklärung ab.
Sie waren nicht einig und wünschten, sich zurückzuziehen. Der Herr Oberrichter, den vielleicht noch der Georg Washington wurmte, zeigte einige Überraschung über ihre Unschlüssigkeit, genehmigte aber ihre Beratung hinter Wache und Riegel in Gnaden und zog sich selbst auch zurück. Die Verhandlung hatte den ganzen Tag gedauert, und im Saal wurden jetzt Lampen angezündet. Es verbreitete sich das Gerücht, daß die Geschworenen lange zu ihrer Beratung brauchen würden, weshalb die Zuschauer sich entfernten, um Erfrischungen einzunehmen. Der Gefangene ging nach dem Hintergrund seines Verschlags und setzte sich nieder.
Mr. Lorry hatte die junge Dame und ihren Vater hinausbegleitet und kehrte jetzt wieder zurück. Er winkte Jerry, der bei dem geminderten Interesse der Szene leicht zu ihm gelangen konnte.
»Jerry, wenn Ihr essen wollt, so könnt Ihr es tun: aber bleibt in der Nähe. Ihr werdet schon hören, wenn die Geschworenen wieder eintreten. Findet Euch dann eiligst ein, denn ich wünsche, daß der Wahrspruch unverweilt an die Bank gelange. Ihr seid der flinkste Bote, den ich kenne, und werdet lange vor mir Temple Bar erreichen.«
Jerry hatte gerade genug Stirne, um sich daran klopfen zu können; er stieg also in Anerkennung des Auftrages und des ihn begleitenden Shillings hinauf. In demselben Augenblick kam Mr. Carton heran und berührte Mr. Lorry am Arme.
»Was macht die junge Dame?«
»Sie ist sehr erschüttert: ihr Vater aber tröstet sie, und außerhalb des Gerichtssaales fühlt sie sich besser.«
»Ich will dies dem Gefangenen sagen. Ihr wißt, für einen achtbaren Bankherrn, wie Ihr seid, würde es sich nicht schicken, wenn man Euch öffentlich mit ihm reden sähe.«
Nr. Lorry errötete, als fühle er sich schuldig, gerade selbst diesen Gedanken gehabt zu haben, und Mr. Carton ging nach der andern Seite der Schranke hinüber. Der Hauptausgang des Saales lag in derselben Richtung, und Jerry folgte ihm, ganz Auge und Ohr.
»Mr. Darnay.«
Der Gefangene kam sogleich in den Vordergrund.
»Ihr seid natürlich begierig, etwas von der Zeugin Miß Manette zu hören. Es wird mit ihr schon wieder recht werden. Ihr habt das Schlimmste von der Aufregung gesehen.«
»Es tut mir sehr leid, die Ursache gewesen zu sein. Könntet Ihr wohl in meinem Namen ihr dies sagen und ihr zugleich meinen wärmsten Dank ausdrücken?«
»Ja, das kann ich wohl und will es auch tun, wenn Ihr es verlangt.«
Mr. Cartons Wesen war so unbekümmert, daß es fast an Unverschämtheit grenzte. Er stand halb von dem Gefangenen abgewendet da und hatte seinen Ellenbogen auf die Schranke gestützt.
»Ich bitte Euch darum. Nehmt meinen herzlichen Dank dafür.«
»Welche Hoffnung habt Ihr, Mr. Darnay?« fragte Mr. Carton, noch immer halb abgewandt.
»Eine schlechte.«
»Das ist klug von Euch, denn der schlimme Ausgang hat eine große Wahrscheinlichkeit für sich. Doch meine ich, das Abtreten der Geschworenen sei ein günstiges Zeichen.«
Da ein Stehenbleiben in den Gängen des Saals nicht gestattet war, so hörte Jerry nichts weiter; er verließ sie, wie sie nebeneinander standen und von dem Spiegel oben zurückgestrahlt wurden, beide sich so ähnlich an Gestalt und so unähnlich im Wesen.
Anderthalb Stunden entschwanden schleppend in den von Dieben und Spitzbuben wimmelnden Gängen unten, obschon Hammelpastetchen und Ale mithalfen. Der heisere Bote hatte, nachdem er die ebengenannte Stärkung eingenommen, auf einer unbequemen Bank Platz gefunden und war eingeduselt, als auf einmal ein Lärm ihn wieder weckte und ein Menschenstrom, der die zum Gerichtssaale führenden Treppen hinanwogte, ihn mit sich fortriß.
»Jerry! Jerry!«
Mit diesem Rufe empfing ihn Mr. Lorry schon an der Tür.
»Hier, Sir. Das hat Gewalt gebraucht, um wieder hereinzukommen. Hier bin ich, Sir!«
Mr. Lorry händigte ihm durch das Gedränge ein Blatt Papier ein.
»Hurtig! Habt Ihr's?«
»Ja, Sir.«
Auf das Blatt war in Eile das Wort geschrieben: »Freigesprochen.«
»Wenn er mich heute wieder hätte ausrichten heißen: ›Ins Leben zurückgerufen‹«, murmelte Jerry, indem er sich umwandte, »so würde ich verstanden haben, was er diesmal damit sagen will.«
Er hatte keine Gelegenheit, noch etwas Weiteres zu sagen oder auch nur zu denken, bis er die alte Bailey hinter sich hatte; denn die Menge strömte mit solcher Gewalt nach, daß sie ihn fast vom Boden aufhob. Das laute Summen fegte in die Straße hinaus, als ob die in ihrer Erwartung getäuschten Schmeißfliegen sich nach allen Richtungen zerstreuten, um ein anderes Aas zu suchen.
*
Viertes Kapitel. Glückwünsche.
Aus den trübbeleuchteten Gängen des Gerichtshofes suchte der letzte Rest des menschlichen Bratens, der da den ganzen Tag über geschmort hatte, herauszukommen, als Doktor Manette, seine Tochter Lucie Manette, Mr. Lorry, der Verteidiger Mr. Stryver und dessen Adjunkt um den eben auf freien Fuß gesetzten Mr. Darnay herstanden und ihm zu seiner Bewahrung vor dem Tode Glück wünschten.
Es wäre auch bei weit hellerer Beleuchtung schwer gewesen, in Doktor Manette, seinem geistvollen Gesicht und seiner aufrechten Haltung den Schuhmacher aus dem Dachstübchen in Paris zu erkennen. Doch konnte niemand zweimal nach ihm hinsehen, ohne es wieder und wieder zu tun, selbst wenn sich die Gelegenheit der Wahrnehmung auch nicht auf den wehmütigen Klang seiner leisen, ernsten Stimme und auf den Zug von Zerstreutheit ausdehnte, der in Anfällen ohne einen erkennbaren Grund sein Gesicht umwölkte. Während äußerliche Ursachen, sofern sie in Beziehung zu seinem nachhaltigen Wehe traten, wie zum Beispiel der Kriminalprozeß, stets diesen Zustand aus den Tiefen seiner Seele hervorriefen, konnte er auch von selbst entstehen und ein Düster über ihn hinbreiten, das für die mit seiner Geschichte nicht Bekannten so unbegreiflich war, als hätten sie in einer Sommersonne den Schatten der wirklichen, dreihundert Meilen entlegenen Bastille auf ihm bemerkt.
Nur seine Tochter vermochte dieses finstere Brüten aus seiner Seele zu bannen. Sie war der goldene Faden, der ihn mit einer Vergangenheit jenseits und einer Gegenwart diesseits seines Elends in Verbindung brachte, und der Ton ihrer Stimme, das Leuchten ihres Antlitzes oder die Berührung ihrer Hand übte fast immer einen sehr wohltätigen Einfluß auf ihn. Freilich, unfehlbar war dieser Einfluß nicht, denn sie konnte sich mancher Anlässe erinnern, bei denen er nichts ausrichtete; doch kamen solche Anwandelungen jetzt nur noch selten und in so leichtem Grade vor, daß sie dieselben für überwunden hielt.
Mr. Darnay hatte mit warmem Dank ihre Hand geküßt und dann sich an seinen Verteidiger gewendet, dem er gleichfalls aus tiefer Seele dankte. Mr. Stryver, ein Mann von wenig mehr als dreißig, obschon er um zwanzig Jahre älter aussah, war ein derber, stämmiger, lärmender, rotgesichtiger Mann, dem das Zartgefühl nicht eben viel zu schaffen machte, und er hatte eine Art an sich, moralisch und physisch sich in Gesellschaften und Unterhaltungen hineinzuschultern, die ihm beim Vorwärtskommen in der Welt nicht übel zustatten kam.
Er hatte noch seine Perücke auf und den Mantel an, als er sich neben seinem Klienten in einer Weise aufpflanzte, daß der unschuldige Mr. Lorry ganz aus der Gruppe hinausgeschultert wurde.
»Es freut mich, daß ich Euch mit Ehren davon gebracht habe, Mr. Darnay«, begann er. »Es war ein schändlicher und schamloser Versuch, der aber demungeachtet hätte gelingen können.«
»Ich bin Euch für mein Leben auf dessen ganze Dauer verpflichtet«, sagte der Klient, ihn bei der Hand nehmend.
»Ich habe mein Bestes für Euch getan, Mr. Darnay, und mein Bestes ist, glaube ich, so gut als das irgendeines andern Menschen.«
Da es jetzt irgend jemand oblag zu sagen: »Viel besser«, so übernahm Mr. Lorry diesen Dienst, vielleicht nicht ganz uneigennützig, sondern in der Absicht, sich wieder in die Gesellschaft hineinzubringen.
»Meint Ihr so?« versetzte Mr. Stryver. »Nun, Ihr seid den ganzen Tag zugegen gewesen und müßt es wissen. Schon als Geschäftsmann steht Euch ein Urteil zu.«
»Und als Geschäftsmann«, sagte Mr. Lorry, den der Rechtsgelehrte jetzt wieder in die Gruppe hinein-, wie zuvor hinausgeschultert hatte, »als Geschäftsmann ersuche ich Doktor Manette, diese Konferenz abzubrechen und uns alle nach Haus zu kommandieren. Miß Lucie sieht sehr übel aus, Mr. Darnay hat einen schrecklichen Tag gehabt, und auch wir sind erschöpft.«
»Ihr müßt nur von Euch selber sprechen, Mr. Lorry«, versetzte Stryver, »denn was mich betrifft, so habe ich noch die ganze Nacht durchzuarbeiten.«
»Ich spreche allerdings von mir selber«, antwortete Mr. Lorry, »und auch für Mr. Darnay und Miß Lucie und – glaubt Ihr nicht, Miß Lucie, daß ich von uns allen reden kann?«
Er brachte diese Frage mit besonderem Nachdruck vor und warf dabei einen Blick auf ihren Vater.
Das Gesicht des letzteren war gewissermaßen in der Anschauung von Mr. Darnay erstarrt; es lag ein Zug darauf, in welchem Abneigung, Mißtrauen und sogar Furcht sich zu mischen schien. Und während noch dieser befremdliche Ausdruck auf seiner Stirn lag, waren seine Gedanken weitergewandert.
»Vater«, sagte Lucie, ihre Hand sanft auf die seinige legend.
Er schüttelte langsam den Schatten ab und wandte sich ihr zu.
»Wollen wir nicht nach Hause gehen, Vater?«
Nach einem tiefen Atemzuge antwortete er mit Ja.
Die Freunde des losgesprochenen Angeklagten hatten sich unter dem falschen Eindruck zerstreut, zu dem er selbst Anlaß gegeben, daß er nicht noch am selben Abend auf freien Fuß gesetzt werden dürfte. Die Lichter in den Gängen waren meist erloschen, die eisernen Tore mit großem Lärm geschlossen worden, und der unheimliche Platz schien verödet, bis am andern Morgen das Interesse für Galgen, Pranger, Stäupepfahl und Brandeisen ihn aufs neue bevölkerte. Zwischen ihrem Vater und Mr. Darnay gehend, gelangte Lucie Manette ins Freie. Es wurde eine Mietkutsche angerufen, in der der Doktor mit seinem Kinde von hinnen fuhr.
Mr. Stryver war in dem Gang zurückgeblieben und schickte sich jetzt an, das Ankleidezimmer aufzusuchen. Eine weitere Person, die sich weder der Gruppe angeschlossen noch mit irgend jemand aus derselben ein Wort gewechselt, sondern im tiefsten Schatten des Ganges an der Wand gelehnt hatte, war schweigend den übrigen gefolgt und Zeuge gewesen, wie die Kutsche von dannen rasselte. Jetzt trat sie auf den Platz zu, wo Mr. Lorry und Mr. Darnay beisammenstanden.
»So, Mr. Lorry – können jetzt Geschäftsleute wieder mit Mr. Darnay sprechen?«
Bei Mr. Carton (er war es) hatte sich niemand für seine Beteiligung an dem Gange des Prozesses bedankt, ja, niemand von ihr auch nur etwas gewußt. Er war nicht mehr in seiner Dienstkleidung, und seine Außenseite wurde durch diesen Umstand sicherlich nicht gehoben.
»Ihr würdet lachen müssen, Mr. Darnay«, fuhr er fort, »wenn Ihr wüßtet, zu welchen Kämpfen es bisweilen in einem Geschäftsgeist kommt, wenn dieser zwischen einer Regung der Gutmütigkeit und dem Schein, den der Geschäftsmann wahren soll, in die Klemme kommt.«
Mr. Lorry errötete und entgegnete mit Wärme:
»Ihr habt dies früher schon angedeutet, Sir. Aber Geschäftsleute, die einem Hause dienen, sind nicht ihre eigenen Herren. Sie haben mehr an ihr Haus als an sich selbst zu denken.«
»Ich weiß das, ich weiß das«, versetzte Mr. Carton unbekümmert. »Ihr müßt nicht ärgerlich werden, Mr. Lorry. Ich zweifle nicht, daß Ihr so gut seid wie nur einer, vielleicht sogar besser.«
»Und in der Tat, Sir«, fuhr Mr. Lorry fort, ohne auf ihn zu achten, »ich weiß wahrhaftig nicht, was Euch die Sache angeht. Ihr werdet mir's zugut halten, wenn ich, der ich so viel älter bin als Sie, mir diese Bemerkung erlaube, denn ich sehe wirklich nicht ein, was Sie für ein Geschäft dabei haben.«
»Geschäft! Gott behüt' Euch – ich kein Geschäft!« sagte Mr. Carton.
»Es ist wirklich schade, daß Sie keines haben, Sir.«
»Kommt mir auch so vor.«
»Denn in diesem Falle würden Sie ihm vielleicht nachgehen«, fügte Mr. Lorry bei.
»Gott steh' Euch bei, nein, das tät' ich nicht«, sagte Mr. Carton.
»Wohlan, Sir«, rief Mr. Lorry, der ob der Gleichgültigkeit des andern ins Feuer geriet, »um ein Geschäft ist es etwas sehr Gutes, etwas sehr Achtbares. Und, Sir, wenn das Geschäft einem Zwang und Schweigen auferlegt oder andere artige Hindernisse bietet, so weiß ein hochherziger junger Gentleman wie Mr. Darnay diesem Umstande Rechnung zu tragen. Mr. Darnay, gute Nacht; Gott behüte Euch, Sir. Ich hoffe, daß mit diesem Tag ein Leben voll Glück und Wohlfahrt für Sie beginnt. – He, eine Sänfte hierher!«
Vielleicht ein wenig ärgerlich über sich selbst wie über den Advokaten, stürmte Mr. Lorry in seine Sänfte hinein und ließ sich zu Tellsons tragen. Carton, der nach Portwein roch und augenscheinlich nicht mehr ganz nüchtern war, lachte ihm nach und wandte sich gegen Darnay:
»Es ist ein seltsamer Zufall, daß wir beide, ich und Ihr, so zusammengeworfen wurden. Oder kommt es Euch nicht auch seltsam vor, daß Ihr in dieser Nacht allein mit Eurem Ebenbild hier auf dem Straßenpflaster steht?«
»Es ist mir noch immer«, erwiderte Charles Darnay, »als gehöre ich noch nicht dieser Welt an.«
»Das nimmt mich nicht wunder, sofern Ihr auf Eurem Weg nach der andern schon ziemlich vorgerückt wart. Eure Stimme klingt schwach.«
»Ich fange an zu fühlen, daß ich selbst auch schwach bin,«
»Dann, warum zum Teufel nehmt Ihr nichts zu Euch? Ich habe gespeist, während jene Hohlschädel miteinander in Erwägung nahmen, welcher Welt sie Euch zuweisen sollen, dieser oder einer andern. Ich will Euch nach einem Gasthaus in der Nähe führen, wo man trefflich bedient wird.«
Er nahm den Arm des anderen und führte ihn Ludgatehill hinab in die Fleetstraße und durch einen gedeckten Gang nach einem Wirtshause, wo ihnen sofort ein kleines Extrazimmer angewiesen wurde. Charles Darnay stärkte sich nun durch ein gutes einfaches Diner und ein Glas guten Weins, wahrend Carton mit seinem halbunverschämten Wesen am nämlichen Tisch hinter seiner eigenen Flasche Portwein ihm gegenüber Platz nahm.
»Fühlt Ihr jetzt, daß Ihr wieder dem irdischen System angehöret, Mr. Darnay?«
»In Beziehung auf Zeit und Ort bin ich noch schrecklich verwirrt; aber es hat sich schon so weit gebessert, daß ich dies fühle.«
»Das muß ein ungemeiner Trost sein.«
Er sprach dies mit Bitterkeit und füllte sein Glas wieder, das zu den großen gehörte.
»Was mich betrifft«, fuhr er fort, »so wünsche ich nichts sehnlicher, als zu vergessen, daß ich auch ein Glied dieses Systems bin; denn mir bietet es – etwa mit Ausnahme dieses Weines – nichts Gutes und ich ihm nichts. In dieser Beziehung sind wir einander ziemlich gleich. Indes fange ich an zu glauben, daß wir beide, Ihr und ich, in keiner Beziehung eine große Ähnlichkeit haben.«
Noch von der Aufregung des Tages verwirrt und seinem rohen Doppelgänger gegenüber sich wie in einem Traume befangen fühlend, wußte Charles Darnay nicht, wie er antworten sollte, weshalb er es lieber ganz unterließ.
»Ihr seid jetzt fertig mit Eurem Diner«, fuhr Carton fort. »Warum bringt Ihr nicht eine Gesundheit, einen Toast aus, Mr. Darnay?«
»Wessen Gesundheit – was für einen Toast?«
»Ei, er liegt Euch auf der Zungenspitze – es muß so sein: ich will darauf schwören.«
»Miß Manette also.«
»Ja, Miß Manette.«
Carton schleuderte, seinem trinkenden Gefährten voll ins Gesicht sehend, das geleerte Glas über seine Schultern gegen die Wand, wo es in hundert Stücke zersplitterte, rührte dann die Klingel und ließ sich ein anderes bringen.
»'s ist was drum, im Dunkeln einer schönen Dame in die Kutsche zu helfen, Mr. Darnay«, sagte er, sein neues Glas füllend.
Ein leichtes Stirnrunzeln und ein lakonisches Ja war die Antwort.
»'s ist was drum, von einer schönen jungen Dame bemitleidet und beweint zu werden. Wie fühlt man sich dabei? Verlohnt sich's, um der Gegenstand solcher Teilnahme und solchen Mitgefühls zu werden, der Mühe, einen Halsprozeß durchzumachen, Mr. Darnay?«
Abermals blieb Darnay die Antwort schuldig.
»Sie war ungemein erfreut über das, was ich ihr in Eurem Namen ausrichtete. Nicht daß sie dies äußerlich gezeigt hätte; aber ich vermute es.«
Diese Anspielung diente dazu, Darnay rechtzeitig daran zu erinnern, daß der widerwärtige Gefährte doch aus freien Stücken ihm in der Not des Tages Beistand geleistet hatte; er brachte deshalb das Gespräch auf diesen Gegenstand und drückte ihm seinen Dank aus.
»Ich verlange keinen Dank und verdiene auch keinen«, lautete die unbekümmerte Erwiderung. »Erstlich kostete mich's keine Mühe, und zweitens weiß ich nicht, warum ich's tat. Mr. Darnay, erlaubt mir eine Frage.«
»Recht gerne; es ist ein karger Lohn für Eure guten Dienste.«
»Glaubt Ihr, daß ich einen besonderen Gefallen an Euch finde?«
»In der Tat, Mr. Carton«, entgegnete der andere verblüfft, »ich habe mir diese Frage selbst noch nicht vorgelegt.«
»So tut es jetzt.«
»Ihr habt gehandelt, als ob es der Fall sei; und doch glaube ich nicht recht daran.«
»Ich auch nicht«, sagte Carton. »Ich fange an, eine sehr gute Meinung von Eurem Verstand zu gewinnen.«
»Es liegt jedoch, hoff' ich, nichts Arges darin«, fuhr Darnay fort, indem er sich erhob, um die Klingel zu ziehen, »wenn ich die Rechnung verlange, damit wir beide ohne Groll voneinander scheiden können.«
Carton entgegnete: »Nicht im geringsten«, und Darnay klingelte. – »Verlangt Ihr die ganze Rechnung?« fragte Carton – und fuhr auf das Ja des andern fort: »So bringt mir noch eine Pinte von diesem Wein, Kellner, und kommt um zehn Uhr zurück, um mich zu wecken.«
Nach Berichtigung der Rechnung erhob sich Charles Darnay und wünschte ihm gute Nacht. Ohne den Wunsch zu erwidern, stand Carton gleichfalls auf und sagte mit einem Anflug von Trotz oder Drohung:
»Noch ein letztes Wort, Mr. Darnay – haltet Ihr mich für betrunken?«
»Ich glaube, Ihr habt getrunken, Mr. Carton».«
»Glauben? Ihr wißt ja, daß ich getrunken habe.«
»Wenn Ihr es durchaus verlangt, so kann ich ja sagen, daß ich es weiß.«
»Und Ihr sollt nun auch erfahren, warum. Ich bin ein in seinen Hoffnungen getäuschtes Lasttier. Ich kümmere mich um keinen Menschen auf Erden, und kein Mensch auf Erden kümmert sich um mich.«
»Das ist sehr zu bedauern. Ihr hättet Eure Talente besser verwenden sollen.«
»Kann sein, Mr. Darnay; vielleicht auch nicht. Indes braucht Ihr Euch wegen Eures nüchternen Gesichtes nicht zu überheben; Ihr wißt nicht, was noch darüber kommen kann. Gute Nacht.«
Sobald dieses seltsame Wesen allein war, nahm es ein Licht auf, trat damit vor den Spiegel an der Wand und betrachtete sich dann aufs genaueste.
»Gefällt dir der Mensch so besonders?« murmelte er seinem Bilde zu. »Warum solltest du eine besondere Zuneigung zu einem Menschen haben, der dir ähnlich ist? Du weißt, du hast nichts Liebenswürdiges an dir. Ah, hol' dich der Henker, welche Veränderung hast du mit dir vorgenommen! Ein guter Grund, dich an einen Menschen zu halten, um stets vor Augen zu haben, wie tief du gesunken bist, und was du hättest sein können! Hättest du an seiner Stelle gestanden, hätten dich dann jene blauen Augen auch so angeblickt und das aufgeregte Gesicht so bemitleidet? Na, sprich's nur aus in einfachen Worten – du hassest diesen Kerl.«
Er erholte sich weiteren Trostes bei seiner Pinte Wein, die er in wenigen Minuten leerte; dann schlief er ein, den Kopf auf die Arme gesenkt und das Haar über den Tisch hinstrobelnd, während nach seiner Seite hin ein langes Leichentuch von der Kerze abtropfte.
*
Fünftes Kapitel. Der Schakal.
Es war eine trinklustige Zeit, und die meisten Männer tranken. Seitdem ist es in dieser Beziehung so viel besser geworden, daß in unsern Tagen eine mäßige Angabe der Menge von Wein und Punsch, die einer im Laufe der Nacht zu sich nehmen durfte, ohne den Ruf eines vollkommenen Gentleman zu schädigen, als eine lächerliche Übertreibung erscheinen würde. Die Rechtsgelehrsamkeit blieb in ihrer Liebhaberei für den Bacchusdienst hinter keiner der übrigen gelehrten Berufsarten zurück, und auch Mr. Stryver, der sich bereits in eine schöne und einträgliche Praxis hineingeschultert hatte, stand in dieser Beziehung seinen Kollegen so wenig nach als in den trockenen Partien des juridischen Wettrennens.
Ein Liebling zu Old Bailey und sogar in den Sessionen, hatte Mr. Stryver vorsichtig angefangen, die niederen Sprossen der Leiter, auf der er hinanstieg, abzubrechen. Die Sessionen und Old Bailey mußten namentlich jetzt die sehnsüchtigen Arme nach dem Liebling ausstrecken, und man konnte mit jedem Tag Mr. Stryvers rotem Gesicht begegnen, wie es aus dem Beet von Perücken, einer großen Sonnenblume ähnlich, die aus einem Garten voll grellfarbiger Kameraden dem Gestirn des Tages entgegenschoß, sich vor das Antlitz des Lord Oberrichters in dem Gerichtshof des Kings-Bench hinschulterte.
Seine Zunftgenossen wollten einmal die Wahrnehmung gemacht haben, Mr. Stryver sei zwar ein glatter, schnellfertiger, kühner und keine Skrupel kennender Mann; aber es fehle ihm doch an dem für einen Advokaten so wichtigen und notwendigen Geschick, aus einer Summe von Angaben das Wesentliche zusammenzufassen. In dieser Hinsicht hatte er sich jedoch merkwürdig vervollkommnet. Je mehr er ins Geschäft hineinkam, desto mehr schien sein Vermögen, aufs Mark einer Sache einzugehen, zuzunehmen, und wie spät er auch in die Nacht hinein mit Sydney Carton zechte, ging es bei ihm des andern Morgens doch wie am Schnürchen.
Sydney Carton, ein Faulpelz, von dem sich kein Mensch etwas versprach, war Stryvers großer Bundesgenosse. Was von den beiden zwischen Sankt Hilari und Michaelis zusammengetrunken wurde, hätte ein Kriegsschiff flottmachen können. Stryver hatte nie eine Verhandlung, ohne daß Carton mit den Händen in den Rocktaschen dabei war und die Decke des Gerichtssaals anstierte. Sie trennten sich selbst bei den Wander-Assisen nicht und hielten auch während dieser ihre gewöhnlichen Orgien bis tief in die Nacht hinein: ja, man sagte Carton sogar nach, daß man ihn gelegentlich bei hellem Tag unsteten Tritts und verstohlen wie einen ausschweifenden Kater nach Hause habe schleichen sehen. Endlich begann unter denen, die sich für die Sache interessierten, die Ansicht in Umlauf zu kommen, Sydney Carton werde zwar nie einen Löwen geben, sei aber ein erstaunlich guter Schakal und leiste Mr. Stryver in dieser bescheidenen Eigenschaft Dienst und Folge.
»Zehn Uhr, Sir«, sagte der mit dem Wecken beauftragte Kellner. »Zehn Uhr, Sir.«
»Was gibt's?«
»Zehn Uhr, Sir.«
»Was meint Ihr damit? Zehn Uhr nachts?«
»Ja, Sir. Euer Ehren haben befohlen. Euch zu wecken.«
»Ah, ich erinnere mich. Gut; sehr gut.«
Nach einigen trägen Versuchen, wieder einzuschlafen, die der Kellner geschickt durch ein anhaltendes und fleißiges Schüren im Feuer bekämpfte, stand er auf, drückte sich den Hut auf den Kopf und ging fort. Er bog gegen den Temple hin ein und begab sich, nachdem er, um sich aufzufrischen, zweimal den Spazierweg an dem Kings-Bench abgeschritten hatte, nach Stryvers Wohnung.
Stryvers Schreiber, der den nächtlichen Konferenzen nie beiwohnte, war nach Hause gegangen, und der Prinzipal öffnete selbst die Tür. Letzterer hatte Pantoffeln und einen weiten Schlafrock an und trug größerer Bequemlichkeit halber kein Halstuch. Er hatte einen gewissen wilden, schlaffen, welken Zug um die Augen, den man bei allen Libertinen seiner Klasse wahrnimmt, und der sich von dem Porträt des Jeffrins abwärts unter verschiedenen künstlerischen Verhüllungen durch alle Porträte jener trinkseligen Periode verfolgen läßt.
»Du bist ein wenig spät gekommen, Memory«, sagte Stryver.
»Um die gewöhnliche Zeit; vielleicht ein Viertelstündchen später.«
Sie begaben sich in ein rauchbraunes, von einem lodernden Feuer erwärmtes Zimmer mit Büchersimsen und umhergestreuten Akten. Ein Kessel dampfte auf dem Feuer, und mitten in dem Aktenwust stand einladend ein Tisch mit einem reichlichen Vorrat von Wein, Branntwein, Rum, Zucker und Zitronen.
»Ich sehe, du führst schon deine Flasche, Sydney.«
»Ihrer zwei sogar, heute abend, denk' ich. Ich habe mit dem Klienten des Tags diniert, oder doch seinem Diner zugesehen – es kommt auf eins hinaus.«
»Das war ein feiner Zug, Sydney, den du für die Identifizierung einführtest. Wie bist du darauf gekommen? Wann fiel dir's ein?«
»Ich dachte, er sei ein ziemlich hübscher Bursche, und es kam mir dabei der Gedanke, ich könnte nahezu auch so ein Kerl sein, wenn ich nur ein bißchen Glück gehabt hätte.«
Mr. Stryver lachte, daß ihm der frühreife Bauch schütterte. »Du und dein Glück, Sydney! Komm – ans Werk, ans Werk.«
Mit ziemlich verdrießlicher Miene erleichterte sich der Schakal seines Anzugs, ging in ein anstoßendes Zimmer und kam mit einem großen Krug kalten Wassers, einem Becken und ein paar Handtüchern wieder zurück. Er tauchte letztere ins Wasser, wrang sie ein wenig aus, belegte sich damit den Kopf, daß er ganz abscheulich anzusehen war, nahm an dem Tisch Platz und sagte:
»So; jetzt bin ich bereit.«
»Heute nacht gibt's nicht viel zu kochen, Memory«, sagte Mr. Stryver heiter, während er sich unter seinen Papieren umsah.
»Wieviel?«
»Nur zwei Gänge.«
»Gib mir den schlimmsten zuerst.«
»Hier ist er, Sydney. Losgefeuert!«
Der Löwe machte sich's auf einem Sofa hinter dem Trinktisch bequem, während der Schakal an einem andern sich niederließ, der mit Papieren bestreut war, aber doch in handgerechter Nähe der Flaschen und Gläser stand. Beide langten nicht kärglich zu, doch jeder in einer andern Weise. Der Löwe war meist zurückgelehnt, hatte die Hände in der Hosentasche stecken und schaute ins Feuer oder kokettierte gelegentlich mit einem kleineren Aktenstück; der Schakal dagegen war bald mit den gefurchten Zügen gespannter Aufmerksamkeit so sehr in sein Geschäft vertieft, daß seine Augen nicht der nach dem Glas sich ausstreckenden Hand folgten und er oft lange umhertasten mußte, bis er es an die Lippen führen konnte. Zwei- oder dreimal wurde der Gegenstand der Beschäftigung so schwierig, daß der Schakal die gebieterische Notwendigkeit einsah, aufzustehen und seine Tücher frisch anzufeuchten. Von diesen Wallfahrten zum Krug und Becken kehrte er mit einem so merkwürdigen feuchten Kopfzierat zurück, daß keine Worte ihn zu beschreiben vermögen; er nahm sich darin um so komischer aus, als das ernste, nachdenkende Gesicht so schroff dagegen abstach.
Endlich hatte der Schakal einen soliden Imbiß für den Löwen beisammen und bot ihm denselben an. Der Löwe nahm ihn bedächtig und vorsichtig hin, traf da und dort eine Auswahl und machte seine Bemerkungen darüber, wobei der Schakal treulich Beihilfe leistete. Nachdem der Imbiß gehörig bearbeitet war, steckte der Löwe seine Hände wieder in die Hosentasche und legte sich nieder, um nachzudenken. Der Schakal bediente jetzt seine Kehle mit ordentlichen Zügen und seinen Kopf mit einer frischen Anfeuchtung, worauf er ein zweites Mahl zu sammeln sich anschickte. Dieses präsentierte er schließlich dem Löwen in der früheren Weise, und es wurde drei Uhr morgens, bis auch das zweite versorgt war.
»Und nun wir fertig sind, füllst du deinen Humpen mit Punsch, Sydney,« sagte Mr. Stryver.
Der Schakal nahm die Tücher von seinem dampfenden Kopf, schüttelte sich, gähnte, schauderte und tat, wie ihm geheißen worden.
»Du bist heute in der Sache jener Kronzeugen sehr gut gewesen, Sydney. Jede Frage hat verfangen.«
»Bin ich nicht immer gut?«
»Dem will ich nicht widersprechen. Doch warum bist du heute so rauhborstig? Hilf mit Punsch nach, daß du geschmeidiger wirst.«
Der Schakal ließ ein verwahrendes Grunzen vernehmen und gehorchte abermals.
»Der alte Sydney Carton von der alten Shrewsbury-Schule«, sagte Stryver, mit dem Kopfe nickend, als er die Gegenwart seines Gefährten mit dessen Vergangenheit verglich, »die alte Schaukel Sydney. In der einen Minute oben, in der andern drunten, in dem einen Augenblicke heiter, im andern verzweifelnd.«
»Ach«, entgegnete der andere seufzend, »freilich derselbe Sydney mit dem nämlichen Glück. Damals schon machte ich andern Knaben ihre Aufgaben und kam selten an die meinigen.«
»Und warum nicht?«
»Das weiß Gott. Ich glaube, es lag in meiner Natur.«
Er steckte die Hände in die Taschen, streckte die Füße vor sich aus und sah ins Feuer.
»Carton«, sagte sein Freund, sich mit einer eisenfresserischen Miene erhebend, als sei der Kaminrost die Esse, in der feste Entschlüsse geschmiedet würden, und als fordere es die Freundschaftspflicht von ihm, den alten Sydney Carton von der alten Shrewsbury-Schule hineinzuschultern. »Deine Natur ist und war immer eine lahme. Du bietest keine Willenskraft, keine Energie auf. Sieh mich an.«
»Pah, Possen!« entgegnete Sydney mit einem leichteren und gutmütigeren Lachen; » du wirst doch nicht moralisieren wollen?« »Wie hab' ich's gemacht um durchzugreifen?« sagte Stryver. »Und wie mach' ich's noch immer?«
»Ich denke, du bezahlst mich, daß ich dir helfe. Aber es ist in die Luft gesprochen, wenn du mir mit solchen Vorstellungen kommst. Was du von mir verlangst, das tu' ich. Du warst immer in der Vorderreihe und ich in der hintern.«
»Ich mußte in die Vorderreihe zu kommen suchen; wurde ich denn darin geboren?«
»Ich bin bei der Feierlichkeit nicht zugegen gewesen, möchte es aber fast glauben«, sagte Carton. Er lachte wieder, und sein Kamerad lachte mit.
»Vor Shrewsbury, in Shrewsbury und seit Shrewsbury«, fuhr Carton fort, »bist du immer vorn gewesen. Selbst als wir im Quartier latin miteinander Französisch, französisches Recht und anderes französisches Zeug studierten, aus dem wir nicht eben viel Gutes holten, warst du immer irgendwo, und ich immer nirgends.«
»An wem lag die Schuld?«
»Meiner Seele, ich weiß nicht, ob ich sie nicht dir zuschreiben muß. Du hast immer so für dich gedrängt, getrieben und geschultert, daß mir nichts übrig blieb als Rost und Ruhe, 's ist übrigens etwas Trübseliges, bei anbrechendem Tag von seiner Vergangenheit zu reden. Bring' mich in eine andere Stimmung, eh' ich gehe.«
»Wohlan denn, stoß' mit mir an – der schöne Zeuge!« sagte Stryver, ihm das Glas hinhaltend. »Bringt dich dies nicht in einen angenehmeren Humor?« Augenscheinlich nicht, denn er wurde immer düsterer.
»Schöner Zeuge«, brummte er, in sein Glas hineinsehend. »Ich habe den Tag über und heute nacht genug mit Zeugen zu schaffen gehabt. Wer ist dein schöner Zeuge?«
»Die malerische Doktorstochter, Miß Manette.«
»Die und schön?« '
»Ist sie's nicht?«
»Nein.«
»Ei, Mensch, was fällt dir ein? Sie war ja ein Gegenstand der Bewunderung für das ganze Gericht!«
»Zur Hölle mit der Bewunderung des ganzen Gerichts! Was versteht Old Bailey von Schönheit? Sie war eine goldhaarige Puppe.«
»Laß dir was sagen, Sydney«, bemerkte Mr. Stryver, ihn scharf ansehend und mit der Hand langsam über sein blühendes Gesicht fahrend, »laß dir was sagen: es kam mir einmal vor, als sympathisiertest du mit der goldhaarigen Puppe. Hast du nicht im Augenblick bemerkt, was der goldhaarigen Puppe zustieß?«
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