Kitabı oku: «Vom Geheimnis der schönsten Liebe»

Yazı tipi:

Vom Geheimnis der schönsten Liebe

Predigten über das Hohelied Salomos

Charles H. Spurgeon


Impressum

© 1. Auflage 2021 ceBooks.de im Folgen Verlag, Langerwehe

Autor: Charles H. Spurgeon

Cover: Caspar Kaufmann

ISBN: 978-3-95893-282-1

Verlags-Seite und Shop: www.ceBooks.de

Kontakt: info@ceBooks.de

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Inhalt

Titelblatt

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Autor

Besser als Wein

Freude und Erinnerung

Die Gedächtnisfeier der Liebe Christi

Ein Bündlein Myrrhen

Die Rose und die Lilie

Die Lilie unter den Dornen

Die zarten Trauben

Ein Gesang unter den Lilien.

Der Liebe Wachsamkeit belohnt

Wie sieht der Herr seine Gemeinde?

Gnade zur Gemeinschaft

„Mein Garten“ ‒ „sein Garten“

Schlafend und doch wachend

Näher und teurer

Christi Vollkommenheit und Vorrang

Ganz lieblich

Die Wagen Ammi-Nadibs

Innere Konflikte

Auf unseren Geliebten gelehnt

Komm, mein Geliebter!

Letzte Seite

Autor

Charles Haddon Spurgeon wurde 1834 in Essex (England) geboren.

1850 kommt er zum Glauben und arbeitet bereits 1851 als Gemeindepastor in Waterbeach. 1854 bekommt er den Ruf in eine Londoner Gemeinde, wo er bis zu seinem Tod 1892 predigt. Er predigt gewaltig und mit Vollmacht. Seine Predigten üben einen großen Einfluss auf das geistliche Leben Londons aus und ziehen Leute aus allen gesellschaftlichen Schichten an. Seit 1855 werden sie wöchentlich in großen Auflagen über die ganze Welt verbreitet.

Abendmahlspredigten haben einen besonderen Glanz. Zu solchen Weihestunden versuchen die Boten Gottes, das Heiligste vom Heiligen wiederzugeben, um dann im Allerheiligsten dem Herrn zu begegnen.

C. H. Spurgeon wählte zum Abendmahl sehr oft Texte aus dem Hohelied Salomos. Das mag manchem unbegreiflich erscheinen.

Von den über 3500 veröffentlichten Predigten sind sie die tiefgründigsten Andachten, die der Fürst unter den Predigern gehalten hat. Sie sind das Kostbarste von all dem kostbaren, weil sie den verlangenden Christen direkt in die herrliche Gegenwart des ewigen Gottes und seines Sohnes Jesus Christus bringen.

Besser als Wein

„Deine Liebe ist besser als Wein.“ Hohelied Salomos l, 2

„Deine Liebe ist besser als Wein.“ In Erwägung dieser Worte, wie der inspirierte Schreiber sie hier gibt, will ich zunächst versuchen, euch zu zeigen, dass Christi Liebe besser ist als Wein in dem, was man darunter nicht verstehen sollte; zweitens, dass sie besser ist als Wein in dem, was sie ist. Außerdem wollen wir die mannigfaltigen Kundgebungen der Liebe Christi ins Auge fassen und schließlich die Liebe Christi wieder als ein zusammengehöriges Ganzes betrachten; denn obwohl es viele Formen derselben gibt, ist es doch immer eine und dieselbe Liebe.

I.

Ich möchte euch beweisen, dass Christi Liebe besser ist als Wein in dem, was man nicht darunter verstehen sollte.

Christi Liebe kann ohne Bedenken genossen werden. Es werden hinsichtlich des Weingenusses stets Fragen in der Welt aufgeworfen werden. Einige werden vielleicht wohlweislich sagen: „Lass die Hand davon“, während andere ausrufen: „Trinke reichlich davon“, und noch eine dritte Klasse sagt: „Gebrauche ihn mäßig.“ Aber hinsichtlich des vollen Genusses der Liebe Christi werden unter den wahren Christen keine Fragen auftauchen. Niemand unter ihnen wird sagen: „Halte dich fern davon“, und niemand von ihnen wird sagen: „Genieße sie mäßig“, sondern alle wahren Christen werden die Worte des himmlischen Bräutigams wiedergeben: „Trinkt, meine Lieben, trinkt reichlich.“ Die Weisheit, die Liebe Christi gern in uns aufzunehmen, wird nicht einmal von den reinen Geistern im Himmel angezweifelt werden; dies ist der Wein, den sie selbst aus ewigen Schalen zur Rechten Gottes reichlich trinken, und der Herr der Herrlichkeit fordert sie selber auf, reichlich davon zu trinken. Dies ist die höchste Wonne aller, welche Christus kennen und durch die neuschaffende Kraft des Heiligen Geistes neue Menschen geworden sind; dies ist die größte Freude hier auf Erden, und wir können nie zu viel davon haben. Viele glückliche Dinge, viele irdische Freuden, viele Vergnügungen dieser Welt sind sehr zweifelhafte Genüsse, und Christen tun wohl daran, sich fernzuhalten von allem, worin ihr Gewissen nicht vollkommen klar ist; aber im Blick auf den Herrn Jesus und die Liebe unserer Herzen zu ihm ist unser Gewissen rein, so dass in dieser Hinsicht seine Liebe besser ist als Wein.

Christi Liebe ist auch besser als Wein, weil sie ohne Geld zu haben ist. So mancher Mensch hat durch seine Liebe zu weltlichen Vergnügungen und besonders durch seinen Hang zum Wein sein Vermögen verschwendet und sich an den Rand des Ruins gebracht; nur die Liebe Christi ist ohne Geld zu haben. Was lesen wir in der Schrift? „Kommt und kauft beides, Wein und Milch, ohne Geld und umsonst.“ Die Liebe Christi ist nicht zu kaufen. Die Liebe Jesu kommt umsonst zu seinem Volk, nicht weil sie sie verdienen oder jemals verdienen werden, nicht weil sie sie durch ihre Verdienste oder Gebete gesichert haben; es ist freiwillige Liebe, die gleich einem Strom aus einer immer sprudelnden Quelle aus dem Herzen Christi fließt, weil sie kommen muss. Wenn ihr fragt, warum Jesus sein Volk liebe, können wir keinen anderen Grund angeben als diesen: „Also ist es wohlgefällig vor dir.“ Christi Liebe ist so weit wie der Sonnenstrahl, herrlich wie der Bergstrom, umfassend wie die Luft, die uns empfängt. Sie wird dem Kind Gottes ohne Kauf und ohne Verdienst zuteil, schon in dieser Hinsicht ist sie besser als Wein.

Darüber hinaus ist Christi Liebe besser als Wein, weil sie ohne Übersättigung zu genießen ist. Auch die süßesten Stoffe, die eine Zeitlang dem Geschmack angenehm sind, werden früher oder später widerlich. Wenn du Honig findest, magst du soviel davon essen, dass du die Süßigkeit nicht mehr ausstehen kannst; aber die Liebe Jesu ist einer neugeborenen Seele noch nie widerlich geworden. Wer am meisten von Christi Liebe hat, schreit: „Ich will mehr, mehr, mehr!“

Wir wünschen uns, in die Liebe Christi eingetaucht, in den Ozean der Liebe unseres Heilands eingesenkt zu werden. Kein Vertrauter des Herrn Jesus hat jemals gesagt, dass er von Christi Liebe genug habe. Armer Alkoholiker, wohl magst du des Teufels Kelch von dir werfen, weil du von dem tödlichen Trank übersättigt bist; wer aber von dem Wein der Liebe Christi trinkt, wird nie übersättigt oder auch nur befriedigt; er wünscht immer mehr und noch mehr davon.

Ferner ist Christi Liebe besser als Wein, weil sie ohne widerlichen Bodensatz ist. Jeder Wein hat etwas an sich, das ihn unvollkommen macht; da ist etwas, das sich setzen und abklären muss. So ist es mit allen Erden-freuden; es ist gewiss etwas in ihnen, das ihre Vollkommenheit stört. Die Menschen haben viele Künste bei ihren Freuden und Vergnügungen und Wonnen angewandt; aber sie haben immer irgendwo einen Haken oder Fleck gefunden.

Die Liebe Christi ist auch besser als Wein, weil sie nie sauer wird, was doch bei dem Wein der Fall sein kann. In gewissen Stadien der Entwicklung und unter gewissen Einflüssen bildet sich Essig anstatt Wein. Aber bei Christus sind solche Einflüsse wirkungslos. O, wie oft haben wir Ihn betrübt! Wir sind kalt und frostig gegen Ihn gewesen, wo wir wie im Feuer entzündete Kohlen hätten glühen sollen. Wir haben die Dinge dieser Welt geliebt, wir sind unserem Vielgeliebten untreu gewesen und unsere Herzen sind umhergeirrt; aber er ist nie sauer uns gegenüber geworden und wird es nie werden. Viele Wasser können seine Liebe nicht auslöschen und viele Ströme sie nicht ersäufen. Er ist jetzt noch derselbe liebende Heiland, der er gewesen ist und allezeit sein wird, und er wird uns zu der Ruhe bringen, die dem Volk Gottes noch vorhanden ist. Wahrlich, in allen diesen Beziehungen ist seine Liebe besser als Wein, weil keine dieser Unvollkommenheiten daran klebt.

Noch eins, Christi Liebe ist besser als Wein, weil sie keine schlechten Wirkungen erzeugt. Viele gewaltige Menschen sind vom Wein ruiniert worden. Salomo sagt: „Wo ist Weh? Wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursache? Wo sind trübe Augen? Wo man beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was eingeschenkt ist.“ Aber wer ist jemals von Christi Liebe ruiniert worden? Wer ist jemals durch diese Liebe elend gemacht worden? Wir sind nie berauscht davon gewesen, denn die Liebe Christi bewirkt oft eine so heilige Entzückung, dass man nicht sagen kann, ob man in oder außer dem Leibe gewesen ist, doch böse Wirkungen hat es nie gegeben. Wer da will, kann aus diesem goldenen Kelch trinken, und er mag trinken, soviel er will, denn je mehr er trinkt, desto stärker und besser wird er werden. Möchte Gott es uns gewähren, zu erkennen die Liebe Christi, die die Erkenntnis übertrifft.

II.

Aber Christi Liebe ist besser als Wein in dem, was sie ist. Lasst mich euch an den Nutzen des Weins im Morgenland erinnern. Oft wurde er als Medizin angewandt, denn er hat gewisse heilende Eigenschaften. Als der barmherzige Samariter den niedergeschlagenen Menschen fand, goss er „Öl und Wein“ in seine Wunden. Aber die Liebe Christi ist besser als Wein; sie mag nicht Wunden des Fleisches heilen, aber sie heilt die Wunden des Geistes. Denkst du noch daran, wie dein armes Herz durch das Wort des Moses durchstochen wurde, wie du die Wunden fühltest, die dir durch das Gesetz geschlagen wurden, die tödlichen Verletzungen, die durch menschliche Geschicklichkeit nicht geheilt werden konnten? Wie angenehm war da der Wein der Liebe Christi, der sich in deine klaffenden Wunden ergoss? Es waren heilende Tropfen wie diese: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“; oder: „Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde“; oder: „Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben“; oder: „Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet.“ Vielleicht kann ich das Wort nicht zitieren, das wie Öl und Wein in deine Wunden floss; aber du erinnerst dich sehr wohl des Textes, der in dein Herz kam: „Wendet euch zu mir, aller Welt Enden, so werdet ihr selig.“ Wein, von Menschen gemacht, kann einem gebrochenen Herzen keine Medizin sein, schon gar nicht einen verwundeten Geist heilen; aber die Liebe Christi kann es, und sie tut es vollkommen.

Wein wurde von Menschen oft gebraucht, um den Schwachen Kräftigung zu bringen. Ob nun der Wein wirklich stärkt oder nicht, gewiss ist, dass die Liebe Jesu Kraft gibt, denn wenn die Liebe Jesu Christi in eines Menschen Herz ausgegossen wird, kann er schwere Lasten und Trübsale tragen. Die Liebe Christi hilft einem Menschen, die Kämpfe des Lebens zu bestehen; sie macht das Leben trotz aller Leiden und Trübsale zu einem glücklichen Leben; sie setzt einen Menschen in den Stand, große Taten zu tun; sie macht ihn stark zum Dulden, stark zum Selbstopfer und stark zum Dienst.

Wein wurde auch oft als das Symbol der Freude angewandt, und gewiss, in dieser Hinsicht ist Christi Liebe besser als Wein. Was für Freuden es auch in der Welt geben mag ‒ und es wäre töricht zu leugnen, dass es eine gewisse Art der Freude gibt, die auch die schlechtesten Menschen kennen ‒, so ist die Liebe Christi ihr doch weit überlegen. Menschliche Freude, aus irdischer Quelle geschöpft, ist ein trüber, schmutziger Pfuhl, davon Menschen nicht trinken würden, wenn sie wüssten, dass es einen kühleren, weit erfrischenderen Strom gibt. Die Liebe Jesu bringt eine Freude, die die Erde dem Himmel gleich macht. Sie ist deshalb viel besser als Wein.

Sie ist besser als Wein wegen der heiligen Heiterkeit, die sie schafft. Die Liebe Christi befähigt den ohnmächtigen Menschen, sich von seiner Schwäche zu erholen, so dass er sogar das Lager der Trübsal und Schwer-mut verlassen kann, und sie gibt dem Müden wieder neue Kraft. Bist du müde, Bruder, und fühlst du dich matt? Du hättest nur nötig, dass Christi Liebe in dein Herz ausgegossen würde. Ich bete zu Gott, dass wir alle da-von voll werden wie jene Gläubigen am Pfingsttage, von denen die Spötter sagten, dass sie voll süßen Weines wären. Mit Recht sagte Petrus, dass sie nicht trunken waren, wie die Menschen annahmen, sondern dass der Geist Gottes und die Liebe Christi sie mit ungewöhnlicher Kraft und ungewöhnlicher Energie erfüllten, und dass darum die Leute nicht wussten, was es war. Gott gewähre auch uns diese große Kraft, und Christus soll die ungeteilte Ehre dafür haben!

III.

Denkt an die Liebe, die er zu uns hatte, ehe die Welt war. Christus ist den Seelen seines Volkes nicht neu in der Liebe, denn er liebte sie, ehe der Morgenstern seinen Platz kannte oder die Planeten die mächtigen Umdrehungen begannen. Jede Seele, die Jesus jetzt liebt, die hat er je und je geliebt. Welch eine wunderbare, unendliche, unbegrenzte, ewige Liebe war das, die ihn einen Bund mit Gott dahin eingehen ließ, dass er unsere Sünden tragen, unsere Strafen erleiden wollte, dass er uns erlösen wollte, auf dass wir nicht in die Hölle müssten! Manche Menschen fürchten sich, diese Wahrheit zu glauben; ich möchte sie überreden, in der Schrift zu forschen, bis sie sie finden! Denn von allen Lehren der Heiligen Schrift kenne ich keine, die, wenn wir sie richtig erkennen, dem Herzen tröstlicher wäre als die großen Grundwahrheiten der göttlichen Vorherbestimmung und der persönlichen Erwählung. Wenn wir sehen, dass wir von Ewigkeit her in Christus erwählt, von Ewigkeit her von dem Vater dem Sohn gegeben und angenehm gemacht sind in dem Geliebten und von Ewigkeit her von Christus geliebt sind, dann werden wir in heiliger Dankbarkeit sagen: „Solche Liebe ist wirklich besser als Wein, weil keine Hefe darin ist.“

Denkt sodann an Christi langmütige, nachsichtige Liebe, an die Liebe, die auf uns blickte, da wir geboren waren, die uns voller Sünde sah und uns dennoch liebte; an die Liebe, die uns sah, da wir von Mutterleibe an irre gingen; an die Liebe, die uns gottlos reden hörte und uns halsstarrig ungehorsam sah und uns dennoch liebte!

Aber wie köstlich war es uns, als wir Christi persönliche Liebe verwirk-licht sahen, als wir endlich zu den Füßen des Kreuzes lagen und demütig unsere Sünden bekannten. Wer von euch kann zu dem glücklichen Augenblick zurückgehen? Du lagst zerbrochen zu seinen Füßen und dachtest, es gäbe für dich keine Hoffnung; aber du blicktest auf zu dem gekreuzigten Christus, und aus seinen Wunden ergoss sich das köstliche Blut über dich, und du sahst, dass er um deiner Missetat willen verwundet und um deiner Sünde willen zerschlagen ward, dass deine Strafe auf ihm lag und du durch seine Wunden geheilt wurdest. In dem Augenblick waren alle deine Sünden weggenommen; du blicktest im Glauben auf zu dem blutenden Heiland, und jeder Fleck deiner Sünde verschwand und deine Schuld war auf immer vergeben.

Ich will dich nicht beleidigen mit der Frage, ob, als du zuerst Christi vergebende Liebe fühltest, diese Liebe nicht besser war als Wein. O, die unaussprechliche Freude, die unbeschreibliche Seligkeit, die du fühltest, als Jesus zu dir sagte: „Ich habe deine Sünden an meinem Leibe auf das Holz getragen; ich habe die schwere Last deiner Übertretungen getragen und habe sie getilgt wie eine Wolke, sie sind nun auf ewig weg!“ Das war eine Liebe, die unbegreiflich köstlich war; bei der Erinnerung daran hüpft unser Herz in uns und unsere Seele erhebt den Herrn.

Seit dieser glücklichen Stunde sind wir zum Gegenstand der wohlwollenden Liebe Christi gemacht, denn wir sind „angenehm gemacht in dem Geliebten“. Wir haben auch Christi leitende Liebe und fürsorgende Liebe und unterweisende Liebe erfahren. Seine Liebe ist uns in allerlei Weise geworden und hat uns wohlgetan und bereichert. Wir haben heiligende Liebe gehabt; uns ist geholfen worden, diese und jene Sünde zu bekämpfen und sie durch das Blut des Lammes zu überwinden.

Der Herr hat uns auch eine tragende Liebe unter sehr scharfen Trübsalen geschenkt. Manche unter uns könnten von dieser aufrechterhaltenden Liebe in Armut, in leiblichen Schmerzen, in tiefer Depression des Geistes oder unter grausamer Verleumdung und Schmähung von vielen Erlebnissen erzählen. Seine Linke lag unter unserem Haupt, während seine Rechte uns herzte. Wir haben die Leiden wegen der reichen Tröstungen fast willkommen heißen können.

Er ist uns ein so teurer und köstlicher Christus gewesen, dass wir nicht wissen, wie wir lobend genug von seinem lieben Namen reden können. Dann lasst uns mit beschämten Herzen der ausdauernden Liebe Christi zu uns gedenken. Selbst seitdem wir bekehrt sind, haben wir ihn unzählige Male betrübt. Wir sind ihm oft untreu gewesen, wir haben ihn nicht geliebt mit der Liebe, die er wohl von uns beanspruchen konnte; doch Christus hat uns nicht verworfen, sondern lächelt uns, seine Brüder, die er mit Blut erkauft hat, liebevoll an und sagt zu jedem unter uns: „In meine Hände habe ich dich gezeichnet. Ich will dich nicht verlassen noch versäumen.“ Er gebraucht uns gegenüber die zärtlichsten Ausdrücke, um uns zu zeigen, dass seine Liebe nie aufhören wird. Ehre sei dafür seinem heiligen Namen! Ist diese Liebe nicht besser als Wein?

Eins darf ich nicht unterlassen euch zu sagen, und das ist Christi züchtigende Liebe. Ich weiß, dass eurer viele, die ihm angehören, oft unter seiner züchtigenden Hand geseufzt haben; aber Christus hat euch nie im Zorn geschlagen. Wenn er je das Kreuz auf eure Schultern gelegt hat, so ist es geschehen, weil er euch so sehr liebte, dass er es nicht zurückhalten konnte. Er nahm euch nie eine Freude, ohne die Absicht zu haben, eure Freude dadurch zu vermehren. Vielleicht können wir jetzt noch nicht sagen, dass die züchtigende Liebe des Herrn uns segensreich gewesen ist, aber wir werden es eines Tages erkennen und ihm danken. Ich preise meinen Herrn für alles, das er mir getan, und ich kann nicht sagen, was ich alles dem Amboss, dem Hammer, dem Feuer und der Feile zu verdanken habe. „Ehe ich gezüchtigt ward, irrte ich, aber nun halte ich dein Wort.“ Darum wollen wir Christi züchtigende Liebe auch zu den übrigen Liebeserweisungen zählen und davon sagen: „Diese Liebe ist besser als Wein.“ Wir möchten doch lieber die Züchtigungen Gottes als die Vergnügungen der Welt haben. Wir ziehen es vor, Gottes linke Hand anstatt die rechte Hand der Welt zu ergreifen, und möchten lieber mit Gott im Dunkeln als mit der Welt im Licht wandeln. Wird nicht jeder wirkliche Christ das sagen?

Dann gedenkt der Liebe am Tage unserer Auferstehung, denn Christus liebt unsere Leiber wie unsere Seelen, und diese jetzt sterblichen Leiber werden in Herrlichkeit aus dem Grab auferstehen. O, welche Seligkeit, unserem Herrn gleich zu sein und bei ihm sein zu können, wenn er im Glanz seiner Wiederkunft erscheint und wir als die Beisitzer mit ihm die Welt und die Engel richten werden! Und dann an seinem Triumphzug teilzunehmen, wo er dem Vater das Reich überantworten wird und die vermittelnde Gnade ein Ende haben und Gott alles in allem sein wird! Und dann auf immer bei dem Herrn zu sein, ohne Furcht, dass die Seele sterben werde. Mit einem Leben, das gleich ist dem Leben Gottes, und einer uns von Gott verliehenen Unsterblichkeit werden wir die Sonne überleben, und wenn der Mond erbleicht und diese alte Erde und alles, was darinnen ist, verbrannt wird, werden wir noch immer bei ihm sein. Wahrlich, seine Liebe ist besser als Wein; sie ist das Wesen des Himmels; sie ist besser als irgendetwas, das wir uns erdenken können. Gott gewähre uns den Vorgeschmack von der Liebe des Himmels in der gegenwärtigen Verwirklichung der Liebe Jesu, welche ganz dieselbe Liebe ist und durch welche der Himmel selbst zu uns kommt.

IV.

Nun will ich noch ein wenig auf den letzten Punkt zu sprechen kommen, und das ist Christi Liebe als ein zusammengehöriges Ganzes ‒ ein Thema, das wenigstens zu einem halben Dutzend Predigten den Stoff liefern könnte. Seht euch den Text an, wie er dasteht: „Deine Liebe ist besser als Wein.“

Blickt auf die Liebe Christi im Korb, denn die Beeren müssen, ehe der Wein bereitet werden kann, im Korb gesammelt werden. Ich sehe, wie Jesus Christus hier auf Erden unter den Menschenkindern lebte, wie Er die Beeren, die alle von dem heiligen Weinstock in einen Korb gesammelt werden, vereinigt. O, die Liebe Jesu Christi in der Krippe zu Bethlehem, die Liebe Jesu in der Werkstatt zu Nazareth, die Liebe Jesu in seiner heiligen Wirksamkeit, die Liebe Jesu in der Versuchung in der Wüste, die Liebe Jesu in seinen Wundern, die Liebe Jesu in seiner Gemeinschaft mit seinen Jüngern, die Liebe Jesu in den Stunden seiner Schmach um unsertwillen, die Liebe Jesu in seiner Armut, die Liebe Jesu im Ertragen des Widersprechens von den Sündern! Ich kann auf diesen großen Gegenstand nicht näher eingehen, sondern ihn nur andeuten.

Aber wenn eure Herzen sensibel ihm gegenüber sind, dann denkt an die Liebe Christi in der Weinkelter. Seht ihn dort, wo die Beeren im Korb an-fangen, erdrückt zu werden! Welch ein Zertreten der Beeren, als Christi Schweiß wie große Blutstropfen wurde! Und wie schrecklich zerdrückte ihn die wuchtige Presse wieder und wieder, als er seinen Rücken darbot denen, die ihn schlugen, und seine Wangen denen, die ihn rauften, und als er sein Angesicht nicht verbarg vor Schmach und Speichel! Aber wie floss der rote Wein von der Presse, als Jesus ans Kreuz genagelt an seinem Leibe litt, in seinem Geist bedrückt und von seinem Gott verlassen wurde! „Eli, Eli, lama, sabachthani?“ das sind die Töne, die aus der Weinpresse kommen; und wie schrecklich und doch wie lieblich sind sie! Offenbare ihm deine Liebe und glaube, dass er alle deine Sünden getragen, dass er erduldet hat, was du hättest leiden müssen, und dass er als dein Stellvertreter für dich erdrückt worden ist. Ja, Christi Liebe in der Weinpresse ist besser als Wein.

Und dann, Geliebte, denkt nicht nur, sondern genießt die Liebe Christi im Kelch, darunter ich seine Liebe zu euch verstehe. Wenn ich an dieses Thema komme, ist es mir stets so, als ob ich mich setzen und euch bitten sollte, darüber nachzudenken, anstatt darüber zu sprechen. Seine Liebe zu mir! Liebes Kind Gottes, denke folgendermaßen darüber: Er liebt mich! Er, ein König, liebt mich! Ein König? Der König aller Könige, er liebt mich! Wahrer Gott vom wahren Gott, er liebt mich! Seltsame Vereinigung zwischen dem Unendlichen und einem Wurm! Wenn ein Engel eine Ameise lieb hätte, so wäre der Unterschied nicht so groß wie die Tatsache, dass Jahwe-Jesus uns liebt. Doch wenn wir sein gläubiges Volk sind, dann gibt es keine Tatsache unter dem Himmel oder in dem Himmel, die so unbestreitbar ist als die Tatsache, dass er uns liebt. Dafür haben wir die Erklärung der Inspiration, ja, wir haben mehr: wir haben als Beweis dafür seinen Tod am Kreuz. Seht, welch eine Liebe ist dort am Kreuz zu sehen! Welche wunderbare Liebe zeigt sich da! Lasst uns denn Christi Liebe im Becher haben, damit wir täglich davon trinken, damit wir jetzt persönlich in unsere Seelen trinken, die Liebe, die ganz uns gehört, als ob niemand anders in der Welt wäre, und die doch eine Liebe ist, an welcher Tausende und Abertausende mit uns gleichen Anteil haben.

Gott segne euch, liebe Freunde, und gebe es euch, von diesem Wein zu trinken! Und wenn jemand diese Andacht liest, der die Liebe Jesu Christi nicht kennt, so flehe zum Herrn, dass er dich zu dieser Erkenntnis führe. Möchte er dein Herz erneuern und dir Glauben an ihn schenken, denn wer da glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren. „Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet.“ Sein großes Evangeliumswort ist: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“ Möchte der Herr durch seinen Geist dieses Wort segnen um unseres Herrn Jesu Christi willen!

Knie jetzt betend nieder, und bekenne dem König aller Könige deine Liebe zu ihm!

Freude und Erinnerung

„Wir wollen frohlocken und uns freuen an dir; wir wollen deiner Liebe mehr als des Weines gedenken.“ Hohelied Salomos 1,4

Mir gefällt die Form des Ausdrucks, die hier in unserem Text gewählt ist, und ich freue mich sehr, mit Menschen zusammenzutreffen, die in einen so entzückenden Zustand der Gemeinschaft mit Christus gebracht sind, dass sie in dieser vertraulichen Weise zu ihm sagen: „Wir wollen frohlocken und uns freuen an dir; wir wollen deiner Liebe mehr als des Weines gedenken.“

I.

Wir wollen beachten, dass wir hier einen doppelten Entschluss haben: „Wir wollen frohlocken und uns freuen an dir; wir wollen deiner Liebe mehr als des Weines gedenken.“

Von diesem Entschluss möchte ich zunächst sagen, dass es ein notwendiger Entschluss ist, denn die menschliche Natur ist nicht so angelegt, dass sie sich in Christus freut, es ist nicht die Neigung unseres gefallenen Zustandes seiner Liebe zu gedenken. Hinsichtlich dieses Entschlusses ist ein Willensakt erforderlich; so lasst uns jetzt diesen Willen aufbringen: „Wir wollen uns freuen an dir; wir wollen deiner Liebe mehr als des Weines gedenken.“ Es gibt so viele Dinge, die zwischen unserer Seele und unseren Heiland zu kommen versuchen, soviel Kümmernisse, die uns daran hindern möchten, uns an ihm zu freuen, dass wir entschlossen sein müssen, uns zu freuen, welcher Art auch unsere Trauer sein mag. Hinweg mit euch, ihr Trauergeister, nieder mit euch! Wir haben zum Herrn gesagt, dass wir frohlocken und uns an ihm freuen wollen, und wir wollen unsere Worte zur Wahrheit werden lassen. Es gibt so viele unruhige Gedanken, die unsere volle Gemeinschaft mit unserem Herrn stören wollen. Wie dicht wir auch unsere Fenster und Türen schließen mögen, diese Gedanken finden doch Eingang, und wir werden an das kranke Kind daheim oder an den Kummer erinnert, der uns während der Woche bedrückte. Aber, Herr, wir wollen dieser Dinge jetzt nicht gedenken.

Wir sagen von Herzen zu dir: „Wir wollen deiner Liebe gedenken.“ Hinweg mit dir, Sorge und Kummer und Gram, hinweg mit dir! Heiliger Geist, komm zu mir und hilf mir, eine glückliche Stunde zu haben, dass ich frohlocken und meines Herrn mich freuen kann, dass ich eine heilige Stunde habe, um seiner Liebe gedenken! Ihr müsst es ernstlich wollen, liebe Freunde, sonst geschieht es nicht. Es genügt nicht, nur zur Stätte der Anbetung zu gehen und eine fromme Haltung anzunehmen und uns dann einzubilden, dass wir mit Jesus Gemeinschaft haben werden. Nein, o nein! Wir müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten und nicht in der Einbildung, nicht mechanisch anbeten, als ob wir ohne Ernst und inbrünstiges Verlangen wahre Gemeinschaft mit ihm haben könnten.

Wirklich, liebe Freunde, dieser wichtige Entschluss ist notwendig. Sollten wir nicht frohlocken und uns an Christus freuen? Warum sollen die Hochzeitsleute fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Soll die Braut sich nicht eines solchen Bräutigams freuen, wie sie ihn in Christo hat? Ich weiß, ihr habt viele Dinge, an denen ihr euch nicht freuen könnt. Aber ihr könnt euch an ihm freuen, an seiner Person, seinem Werk, seinen Ämtern, seiner Kraft, seiner Herrlichkeit, seinem ersten Kommen, seiner Wiederkunft. Gewiss, dies sind nicht Dinge, daran man ohne glückliche Empfindungen denken kann; es ist segensreich, dass wir frohlocken und uns an unserem Herrn freuen. Wir sollten unsere Freude verdoppeln und sie wiederholen; wir sollten frohlocken und uns an ihm freuen.

Es ist segensreich, dass wir uns freuen in dem Herrn, und was kann segensreicher sein, als dass wir seiner gedenken? Welche Torheit, dass wir je seiner vergessen konnten! Sein Name sollte so tief in unsere Herzen eingegraben sein, dass wir ihn nicht vergessen können. Lasst uns seiner Liebe gedenken, denn gewiss, wenn es etwas gibt, dessen wir uns stets erinnern sollten, so ist es die unsterbliche Liebe, die unser köstlichstes Gut auf Erden ist und die der Hauptbestandteil unserer höchsten Seligkeit im Himmel sein wird. So lasst uns denn mit Hilfe des Heiligen Geistes jetzt diesen Entschluss fassen. Meint ihr nicht auch, dass dieser Entschluss, wenn wir ihn ausführen, für uns selbst sehr segensreich sein wird? Welche Hilfe ist es für einen Christen, freudig in dem Herrn sein zu können! Ich weiß, was es heißt, niedergeschlagen zu sein. Zu solcher Zeit fühle ich, dass es keine Hilfe für mich gibt und keine Hoffnung für mein Leben und Wirken, es sei denn, dass ich aus diesem betrübten Zustand herauskomme und freudig in dem Herrn werde und zu mir sage: „Mein Herz, was ist denn mit dir? Warum bist du so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, der die Hilfe meines Angesichts und mein Gott ist.“

Es gibt keinen so vortrefflichen Weg, aus dem Sumpf der Verzagtheit herauszukommen, als die Freude am Herrn. Wenn ihr versucht, euch in euch zu freuen, werdet ihr einen dürftigen Grund zur Freude haben; aber wenn ihr frohlockt und euch am Herrn freut, habt ihr die wirkliche, bleibende, unveränderliche Quelle der Freude, denn wer sich an Christus freut, freut sich an dem, der gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit ist. Kommt denn zu eurem eigenen Besten, nehmt die Posaunen und die Zither zur Hand, und vergesst euren Kummer und alles, was euch in dieser ermüdenden Welt bedrückt. Was mich betrifft, so muss ich und will ich frohlocken und an meinem Herrn mich freuen, und ich hoffe, dass sich viele von euch mit mir zu dieser glücklichen Beschäftigung, die für euch so segensreich ist, verbinden werden.

Gewiss, es wird auch für andere zum Besten sein. Ich glaube, dass Gläubige viel Schaden anrichten, wenn sie sich in ihrem Missbehagen einfach gehen lassen. Wenn du aus deinem Kummer herauskommen und dich wirklich an deinem Herrn erfreuen kannst, wirst du viele zu den schönen Wegen Christi hinlocken, von denen sonst nicht gut gesprochen werden kann, wenn du deine Tage mit Trauern verbringst. Kommt, ihr Schwachen, kommt und nährt euch an dem Brot, das euch stark machen kann. Kommt ihr, deren Augen rot vom Weinen sind, nehmt ein Taschentuch, das eure Tränen trocknet und eure Augen strahlen macht. Gedenkt an den Herrn Jesus Christus, und freut euch an ihm.

Dies ist es also, was ich euch mit Nachdruck empfehle, dass ihr diesen doppelten Entschluss fasst und alle in Wahrheit zu unserem Herrn sagt: „Wir wollen frohlocken und uns freuen an dir; wir wollen deiner Liebe mehr als des Weines gedenken.“ Aber, teure Freunde, wir können diesen Entschluss nicht ohne die Hilfe des Heiligen Geistes ausführen. Dann lasst uns ihn dem Herrn im Gebet bringen, und indem wir ihm sagen, was wir zu tun beabsichtigen, lasst uns alle hinzufügen: „Ziehe mich dir nach, so laufen wir. Hilf uns, zu dir zu kommen; offenbare dich mir, und dann will ich frohlocken und mich freuen an dir.“

II.

Nun möchte ich einen Schritt weitergehen und sagen, dass der Entschluss des Textes ein dieser Veranlassung angemessener Entschluss ist: „Wir wollen frohlocken und uns freuen an dir, wir wollen deiner Liebe mehr als des Weines gedenken.“

Lasst uns demnächst bedenken, dass wir, wenn wir zum Abendmahlstisch kommen, auch die Auswirkungen dieses Todes Christi feiern. Ein Erfolg des Todes unseres Herrn ist, dass er seinem Volk Nahrung gibt; sein gebrochener Leib ist Brot für unsere Seelen geworden; ja, er ist rechte Speise. Sein Blut, das für viele vergossen ist zur Vergebung der Sünden, ist wirklicher Trank geworden. Durch seinen Tod hat Christus uns Leben gegeben und durch die Vollständigkeit seines Erlösungswerkes und durch seine beständige Fürbitte hat er uns Brot und Wein gegeben, wodurch dieses Leben genährt werden kann. Er hat alles vollbracht, und er ist in die Herrlichkeit eingegangen, um die Erfüllung seines vollendeten Werkes zu sichern. Indem wir um seinen Tisch sitzen, werden wir an die vollbrachte Erlösung erinnert; das Brot ist bereit, der Kelch gefüllt. Wir haben mit der Zubereitung des Festes nichts zu tun; alles, was wir zu tun haben, ist zu kommen, teilzunehmen und uns an der himmlischen Nahrung zu weiden. Wenn wir also, liebe Freunde, in rechtem Geist zu diesem Tisch kommen, müssen wir uns unseres Herrn freuen und seiner Liebe gedenken.

Ich denke auch, dass hier ein weiterer Grund ist, aus welchem wir uns unseres Herrn freuen und seiner Liebe gedenken sollten, weil nämlich unser Herr die Feier an diesem Tisch zu einem Fest gemacht hat. Wer da meint, dass das Knien um einen Altar der Inhalt des Abendmahls ist, hat den Sinn des Abendmahls nicht erkannt. Was hier beabsichtigt ist, das ist Gemeinschaft; wir kommen hierher, um Gemeinschaft mit ihm zu haben, der mit seinen Jüngern zu Tisch saß und sie bei diesem letzten Mahl zu seinen Leidensgefährten machte. Bei einem königlichen Fest ist Freude geboten. Wie, wollt ihr mit traurigen Gesichtern zu des Königs Tisch kommen? Wollt ihr kommen, um betrübt zu sehen, was er euch gebracht hat? Wenn er Brot und Wein als ein Fest für eure Seelen bereitet hat, wollt ihr kommen und eure Köpfe hängen lassen? Nein, macht dies zu eurem Entschluss: „Wir wollen frohlocken und uns an dir freuen; wir wollen deiner Liebe mehr als des Weines gedenken.“

Wenn Könige Feste veranstalten, dann erklingen die Gläser, und es gibt ein freudiges Jauchzen; und soll der armselige Weinstock dieser Welt, dessen Saft für den Menschen Gift gleich dem Wein von Gomorra ist, größere Freude bieten, als wir sie haben, die wir trinken von dem Wein, der von Gottes Weinstock kommt und dessen Trauben Christus in der Presse zerdrückt hat? Nein, unsere Freude an diesem Fest ist herrlicher, tiefer, wirklicher und wahrer als irgendetwas, das Wein oder Wohlstand jemals gewähren kann. „Wir wollen frohlocken und an dir uns freuen; wir wollen deiner Liebe mehr gedenken als des Weines.“ O Gott, hilf uns, diesen Entschluss auszuführen!

Lasst uns auch bedenken, dass wir, wenn wir zum Tisch des Herrn kommen, eine sehr glückliche Vereinigung feiern. Unser Text spricht in der Mehrzahl: „Wir wollen frohlocken und uns an dir freuen; wir wollen deiner Liebe mehr als des Weines gedenken.“ Ich weiß nicht, wie ihr empfindet, Brüder und Schwestern, aber ich möchte nicht gern allein zum Himmel wandern. Obgleich ich die Gemeinschaft meines Herrn haben würde, wenn ich sein einzig Geliebter wäre, so vermehrt es doch meine Freude wesentlich, wenn ich eure Angesichter sehen darf, die ich seit einer Reihe von Jahren kenne und mit denen ich lange Zeit in inniger Verbindung gestanden habe. Viele unter euch, die einst „voll bitterer Galle waren und verknüpft mit Ungerechtigkeit“, sind durch die Predigt des Evangeliums gleich brennenden Holzstücken aus dem Feuer gerissen worden, und es ist so herrlich, dass wir hier miteinander um den Tisch des Herrn versammelt sein dürfen.

Es gehört sich nicht, mit einem bedrückten Herzen zum Abendmahl zu kommen, wenn wir bedenken, dass es nicht nur eine Gedächtnisfeier, sondern ein Vorausgenuss ist. Wir tun dies, „bis dass er kommt“. Habe ich nicht heute früh versucht, die Posaune seiner Wiederkunft zu blasen? Es würde mich nicht in Erstaunen gesetzt haben, wenn er gekommen wäre, während wir versammelt waren und ich von der herrlichen Erscheinung des großen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi redete. Es sollte auch niemand unter euch in Erstaunen setzen, wenn ihr mitten in der nächsten Nacht den Ruf hörtet: „Siehe, der Bräutigam kommt!“, denn er kann jeden Augenblick kommen, und er wird kommen „zu einer Stunde, da ihr es nicht meint“. Lasst uns bei dem Gedanken an diese freudige Hoffnung vor Freuden hüpfen und das Fest in lebendiger Hoffnung feiern; und während ihr zum Tisch kommt, lasst eure Herzen sich am Herrn freuen, an dessen Liebe ihr euch bei diesem heiligen Fest besonders erinnert.

III.

„Wir wollen deiner Liebe gedenken.“ Lieber Heiland, das, woran wir zu denken haben, ist deine Liebe, deine Liebe von Ewigkeit her, deine voraussehende Liebe, die uns durch den Fall zugrunde gerichtet sah und uns trotzdem liebte. Wir gedenken deiner Liebe, da du dich deinem Volk vertrautest und dich entschlossest, dein Los mit deinen Erwählten zu teilen. Der Herr Jesus entschloss sich, mit seiner Gemeinde eins zu werden; zu diesem Zweck verließ er seinen Vater, damit er mit seiner Braut eins werden könne. Ich komme zu großen Tiefen, wenn ich fortfahre, über Christi Liebe zu sprechen.

„Wir wollen deiner Liebe gedenken“, der Liebe, die, nachdem sie einmal angefangen hat, nie wankend geworden ist, sich nie verringert und nie aufgehört hat.

Wir gedenken der Liebe, die Jesus in seinem Herzen hinauftrug in die Herrlichkeit zur Rechten des Vaters, der Liebe, die noch ebenso groß ist, als sie war, als er auf Golgatha hing, um uns zu erlösen. Das Wunderbare an dem allen ist mir, dass es die Liebe einer Person ist, wie Christus es ist. Dass eine so göttliche Person uns seine Liebe zuwenden konnte, ist unausdenklich wunderbar. Ich kann meiner Mutter Liebe verstehen, ich kann meines Kindes Liebe verstehen, ich kann die Liebe meiner Frau verstehen; aber Christi Liebe kann ich nicht verstehen. Brüder, wir sind alle abtrünnige Versager; doch dieser herrliche „Alles“, dieser „Alles in Allem“ hat uns tatsächlich seine Liebe zugewandt! Nehmt an, dass alle heiligen Engel uns geliebt hätten und dass alle Erlösten Gottes uns geliebt hätten; dies alles zusammengenommen würden nur soviel Stäublein sein, die die Waagschale nicht erschweren, aber Christi Liebe ist ein Berg, nein, sie ist mehr als alle Berge im Universum. Ich weiß nichts, womit ich sie vergleichen könnte.

Auf diese Art können wir zunächst diesen doppelten Entschluss ausführen; wir gedenken der Liebe Christi und freuen uns an ihr.

Demnächst möge jeder einzelne unter uns zu Christus sagen: „Ich will deiner Liebe zu mir gedenken.“ Brüder und Schwestern, ich kann glauben, dass Christus euch liebt; aber es gibt Zeiten, da es mir als ein großes Geheimnis erscheint, dass er jemals mich geliebt haben könne. Ich kann in Wahrheit sagen, dass ich oft gefühlt habe, dass ich es als himmlisch ansehen würde, zu den Füßen der Ärmsten, Geringsten der Knechte Gottes sitzen und ihnen dienen zu können, wenn ich nur der Liebe Christi zu meiner eigenen Seele gewiss wäre.

Ich sehe in meinen Brüdern und Schwestern so viele Schönheiten, dass ich die Gnade Gottes in ihnen bewundern kann; aber oft sehe und fühle ich so viele Unvollkommenheiten in mir, dass ich mich nur darüber wundern kann, dass Christus mich je geliebt haben soll. Ich nehme an, dass jeder unter euch ebenso empfindet; ich bin gewiss, dass ihr es tut, wenn euer Herzenszustand der rechte ist, denn um die Wahrheit zu sagen, gibt es keine Schönheit in jemand unter uns, die er wünschen könnte, und in keinem ist eine derartige Vortrefflichkeit, dass er es der Mühe wert halten sollte, für uns zu sterben. „Gott preist seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren.“ „Da wir noch schwach waren nach der Zeit, ist Christus für uns Gottlose gestorben.“ Kommt denn, wollt ihr nicht frohlocken und euch darüber freuen, dass Christus euch geliebt hat? Wollt ihr euch nicht darüber wundern, dass es ihm jemals möglich gewesen ist, euch „mit Banden der Liebe“ zu ziehen und euch in eine lebendige, liebevolle, ewige Verbindung mit sich zu bringen?

Doch selbst dies ist nicht alles. Der Text spricht nicht nur von Christi Liebe und Christi Liebe zu mir, sondern er spricht von Christus selbst. Wir frohlocken und freuen uns an dir, nicht nur an deiner Liebe, sondern an dir selbst. Versucht es, teure Freunde, eure Gedanken auf Christus zu lenken, auf seine zusammengesetzte Person als Gott und Mensch und auf alle die Wunder, die in dem Immanuel, Gott mit uns, eingehüllt sind. Dein Werk, Herr, ist schön; aber die Hand, die das Werk gewirkt hat, ist noch schöner. Alle deine Liebesabsichten sind glanzvoll; aber was sollen wir sagen von dem Geist, der solche Absichten hegte? Der Herr Jesus ist besser als alles, das von ihm kommt; seine Gaben sind unendlich köstlich, was aber muss er dann selber sein? Kommt denn, lasst uns frohlocken und uns an ihm freuen, und lasst uns seiner Liebe mehr gedenken als des Weines.

Der Text sagt: „Wir wollen gedenken“, aber einige unter euch können nicht gedenken, weil ihr nichts wisst. Ein Mensch kann nicht an etwas denken, wovon er nie gehört, wovon er nichts weiß.

Aber, Brüder und Schwestern, lasst uns dessen gedenken; was wir von Christi Liebe wissen. Ich gedenke des ersten Tages, da ich mir seiner Liebe zu mir bewusst wurde. Aber ich blicke zurück und gedenke der Fluten der Liebe, die auf mich herabströmten, als ich selbst nicht wusste, dass ich sie empfing, und ich gedenke der vielen Tage, die vergangen sind, seitdem ich in Erwiderung seiner Liebe den ersten Liebesblick zurückgeben konnte; aber was ist seine Liebe seitdem zu mir gewesen! Seine Liebe in meiner Krankheit, in meinem Schmerz, in meiner Arbeit, in meinem Abweichen, in meinem Gebet, in meinen Tränen, in meinem Unglauben, in meinem Glauben, in allerlei Veränderungen, die so zahlreich waren wie die Wechsel des Mondes! Doch seine Liebe ist stets dieselbe gewesen.

Schließlich möchte ich sagen, dass die Kinder Gottes, während sie sich um den Abendmahlstisch sammeln, versuchen sollten, zu frohlocken und sich an ihrem Herrn und keinem anderen zu freuen, seiner und keines anderen zu gedenken. Denkt nur an ihn. Setzt das Fernrohr an euer Auge und schließt die ganze übrige Landschaft aus und lasset das Glas nichts in sich aufnehmen als einzig das Angesicht des Vielgeliebten, den wir bald ohne eine dazwischenkommende Wolke zu sehen hoffen.

Gott segne euch, liebe Freunde! Ich wünschte, dass ihr alle diese Wahrheit verstündet, von der ich geredet habe. Einige unter euch verstehen sie nicht; möchte der Herr euch so führen, dass ihr es könnt; denn es gibt kein Leben, das dem gleicht, das zu Jesu Füßen gelebt wird, und es gibt keine Freude, die der Freude gleicht, die von unserem lieben Herrn kommt. Ich wünsche, dass ihr sie kennenlernt. Glaubt an ihn, und ihr werdet sie kennenlernen.

Die Gedächtnisfeier der Liebe Christi

„Wir wollen deiner Liebe mehr gedenken als des Weines; die Aufrichtigen lieben dich.“ Hohelied Salomos 1,4

Ich denke, dass ich über dieses Thema reden könnte, selbst wenn ich im Sterben läge, und wenn wir wieder auferstehen, wie werden wir wieder und immer wieder von Christi Liebe reden! Dies wird durch alle Ewigkeiten unser endloses Thema sein: Seine große Liebe, mit der er uns geliebt hat, da wir tot waren in den Sünden.

I.

Wenn der Heilige Geist mir hilft, möchte ich euch zunächst an die Vorbereitungen zu diesem heiligen Gedächtnismahl erinnern.

Das erste Wort ist: „Ziehe mich.“ Herr, ich möchte gern zu dir kommen, aber gleich Mephiboscheth bin ich an beiden Füßen lahm. Ich möchte gern zu dir hinfliegen; aber wenn ich überhaupt je Flügel gehabt habe, so sind sie zerbrochen. Ich kann nicht zu dir kommen. Ich liege schwerfällig und tot und kraftlos da, so ist denn die erste Vorbereitung: „Ziehe mich.“ Es ist eine milde, huldvolle, kräftige Erweisung der göttlichen Kraft, die ich nötig habe und erflehe. Ich sage nicht „Treibe mich“, sondern: „Herr, ziehe mich.“ Ich sage nicht: „Wirf mich hierhin, und zwinge mich dorthin“, sondern: „Herr, ziehe mich. Während du mich ziehst, bleibt mir die Freiheit zu laufen; ziehe mich, wir werden dir nachlaufen.“

Was wir nötig haben, das ist der sanfte Einfluss des Heiligen Geistes, uns näher zu Christus hinzuziehen, und darum rufe ein jeder den Herrn an: „Ziehe mich.“ Wir sind nicht tot; wir sind auferweckt und lebendig gemacht worden; selbst unser Weh und unser Schmerz darüber, dass wir nicht zu Christus kommen können, wie wir möchten, beweist, dass wir lebendig sind. Ich empfehle euch dieses Gebet: „Herr, ziehe mich; ziehe mich.“ Es ist Christi Werk, zu ziehen: „Wenn ich erhöht werde von der Erde, will ich sie alle zu mir ziehen.“ Es ist das Werk des Vaters. „Es kann niemand zu mir kommen“ sagte Christus, „es sei denn, dass ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat.“ Es ist das Werk des Heiligen Geistes, eine Seele zu Christus zu ziehen. Ich erflehe dies für mich selbst, und ich hoffe, dass ihr mit mir betet: „Komm, Gott, unser Vater und ziehe uns näher zu Christus; belebe unsere Hoffnungen; mache unsere Herzen geneigt; erwecke unsere Wünsche, und dann hilf uns, unser ganzes Wesen deinen gnadenvollen Einflüssen zu übergeben.“

Beachtet den Vers: „Ziehe mich, wir wollen dir nachlaufen.“ Mir gefällt die Veränderung in den Fürwörtern, als ob ich beten sollte: Herr, ziehe mich; ich bin unter deinen Kindern in dieser Versammlung der schwerfälligste, aber ziehe mich; wir wollen dir nachlaufen. Alle meine Brüder und Schwestern werden sogleich laufen, wenn du mich ziehst. Fühlst du nicht, mein lieber Bruder und meine Schwester, dass du diese Äußerung gebrauchen könntest? Herr, wenn du mich ziehen willst, werden alle meine Mit-geschwister mit mir laufen. Ziehe mich deshalb, mein gnadenreicher Herr!

Wenn wir völlig darauf vorbereitet sein möchten, Christi zu gedenken, müssen wir zu diesem Laufschritt kommen. In himmlischen Dingen sei schnell, meine Seele. Wenn du kriechen willst, so krieche hinsichtlich deiner weltlichen Beschäftigung, aber deinem Herrn musst du nachlaufen. Dass wir es alle zum Laufschritt bringen möchten und dass wir dem Herrn entgegeneilen möchten mit dem starken, stürmischen Wunsch, der uns nicht ruhen lässt, bis wir ihm nahe sind: „Ziehe mich, wir wollen dir nachlaufen.“

Wenn ihr den Vers durchlest, werdet ihr als weitere Vorbereitung finden, dass dem direkten Gebet eine Antwort folgt: „Der König hat mich in seine Gemächer geführt.“ Was ich erbat, das habe ich sogleich bekommen, und ich habe mehr erhalten als ich erbeten. Ich betete: „Ziehe mich!“ und er hat mich leibhaftig getragen. „Der König hat mich in seine Gemächer geführt.“ Ich bat nur darum, meinem Herrn ein wenig näher zu kommen; aber er hat mich in sein Hinterzimmer geführt. Er hat mich dahin geführt, wohin er seine Braut bringt. Er hat mich hingeführt wo er seine treusten Mitarbeiter empfängt. Der König hat mich in seine Gemächer geführt, und nun sehe ich, wie wahrhaft königlich er ist. Der König hat es getan. Der König, nicht ein König, sondern der König, der ein König ist aller Könige, „der Fürst der Könige auf Erden“, nämlich mein Herr Jesus hat mich in seine Gemächer geführt.

Wie schnell ist dies geschehen! Ich wünschte, ihr glaubtet, Geliebte, dass es in eurem Fall ebenso schnell geschehen kann. Betet: „Herr, ziehe mich. Mir ist, als wäre ich ganz untüchtig, zu deinem Tisch zu kommen.“ Ist es das, was du sagst? Dann bitte: „Ziehe mich!“ und ehe du das Gebet nur ausgesprochen, wirst du dich nicht nur gezogen fühlen, sondern dich in das Verborgene der Gemeinschaft geführt sehen. „Ich wusste nicht, dass meine Seele mich gesetzt hatte zu den Wagen Ammi-Nadibs.“ (Wahrscheinlich soll es heißen: „… meine Seele setzte mich auf den Wagen meines geliebten Volkes“. Hohelied 6,12) Ich weiß und etliche unter euch wissen leider, was das heißt, sich kalt und leblos zu fühlen; aber ich weiß auch und einige von euch wissen, was es heißt, in einem Augenblick voll Lebens, voll Liebe, voll Freude und voll himmlischer Entzückung zu werden, ihr, die ihr nur kriechen konntet, fangt an zu laufen. Die ihr nur seufzen konntet, ihr fangt an zu singen. Dass es doch heute mit jedem einzelnen so werden möchte! Und ihr, die ihr meint, vergessen zu sein, werdet inne, dass euer gedacht wird. Ihr, die ihr fast vergessen habt, was eine heilige Zeit der Gemeinschaft ist, könnt es wieder lernen und erfahren, wenn ihr betet: „Ziehe mich; wir wollen dir nachlaufen. Der König hat mich in seine Gemächer geführt.“

Es gibt nun noch eine weitere Vorbereitung auf die Erinnerung Christi, und das ist die, Freude und Wonne an ihm zu haben. „Wir wollen frohlocken und uns an dir freuen.“ Komm, tu die Asche hinweg von deinem Haupt, der du wegen deiner Leiden seufzest! Komm, der du die Gemeinschaft mit Gott verloren hast und demzufolge im Finstern bist, wirf alles zur Seite! Christus ist dein, wenn du an ihn glaubst. Er hat sich dir gegeben, und er liebt dich. Freue dich dieser herrlichen Tatsache. Bedenke, wer und was er ist: wahrer Gott vom wahren Gott und doch vollkommener Mensch, Gott in menschlicher Natur, Immanuel, Gott mit uns, jetzt in den höchsten Himmeln verherrlicht, obgleich er einst um unseretwillen in die Tiefen des Todes und des Grabes hinabsank. Lobe seinen teuren Namen! Freue dich, und sei fröhlich in ihm!

Nun bitte ich euch, lasst euren Mund voll Lachens, eure Zunge voll Rühmens und euer Herz voll heiligen Entzückens sein, indem ihr daran denkt, wer euer Vielgeliebter ist, wie groß er ist und welche Größe er kraft seiner Verbindung mit euch auf euch übertragen hat. Wir können nicht gut Christi gedenken, wie wir es sollten, solange wir ein schwer bedrücktes Herz mit uns herumtragen. Komm, betrübte Seele, freue dich in dem Herrn. „Freut euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich, freut euch!“ Wenn je eine menschliche Seele Grund zur Freude hat, so muss es die Seele sein, die an Christus glaubt. Wenn jemals eins der Kinder Adams Ursache hat, fröhlich zu sein und mit den Händen zu klatschen, dann ist es der Mensch, der in Christus sein Heil, sein ein und alles gefunden hat.

Dies sind also die Vorbereitungen zu der heiligen Feier, von welcher unser Text redet. Wenn sie gut getroffen sind, wird es euch keine Schwierigkeit bereiten, der Liebe Christi zu gedenken.

II.

Nun will ich weiterhin, wenn ich dazu gestärkt werde, über den göttlichen Gegenstand dieses heiligen Gedächtnismahles sprechen: „Wir wollen deiner Liebe gedenken.“

Wir wollen zunächst der Tatsache der Liebe Christi gedenken. Welche wundervolle Sache ist es, dass der Sohn Gottes uns liebt! Ich wundere mich nicht so sehr darüber, dass er jemand von euch liebt, aber ich verliere mich in der Bewunderung der Tatsache, dass er Liebe zu mir hat. Fühlt nicht jeder Gläubige, dass das Wunder der Wunder beständig ist, dass der Herr Jesus ihn liebt? Er war in der Herrlichkeit, im Schoße des Vaters, und genoss unaussprechliche Wonne. Wenn er es nötig fand, seinen Liebesblick einem seiner Geschöpfe zuzuwenden, so gab es Myriaden glänzender Geister vor seinem Thron.

Aber nein, er musste hinabblicken auf den Staub und uns ausfindig machen, die wir seiner Beachtung gänzlich unwürdig waren. Dann hätte er uns bemitleiden, uns in unserem verlorenen Zustand lassen können; aber das war bei einem, der ein solches Herz hatte, wie unser teurer Heiland es hat, nicht möglich; er musste uns unbedingt lieben. Was es für Gott ist, zu lieben, das weiß Gott allein. Infolge der Liebe, die in unserem Herzen für die Gegenstände unserer Liebe brennt, können wir nur schwach vermuten, was die Liebe Gottes sein muss. Die Liebe Gottes muss eine mächtige Leidenschaft sein. Ich gebrauche dieses Wort, weil ich kein besseres kenne. Ich bin mir bewusst, dass es nicht das rechte ist, denn die menschliche Sprache ist zu schwach, um die göttliche Liebe zu beschreiben. Die Liebe Christi! Es muss das Wunder der Wunder bleiben, dass Jesus Christus, der Liebling des Himmels, die Augen seiner Liebe Menschen von sterblichem Gebilde, sündigen Menschen, mir ‒ mir, das ist der Höhepunkt ‒ zugewandt hat.

Aber wir wollen auch der Wesenszüge der Liebe Christi gedenken. Welch eine Liebe ist es! Er liebte uns vor Grundlegung der Welt. Mit der Göttlichkeit seines Vorherwissens sah er unsere Existenz voraus und liebte uns, da wir noch nicht da waren. Da ging er mit dem Vater einen Bund unserethalben ein und verpflichtete sich, als Stellvertreter für uns einzutreten und uns von unserem Untergang durch die Sünde zu erlösen. O die Liebe, die ewige Liebe Christi! Vom ersten Augenblick an hat er nie aufgehört, uns zu lieben. Er hat seine Erwählten durch die Jahrhunderte hindurch jeden Augenblick geliebt und hat sie völlig geliebt. Könnt ihr die Anmut dieses Gedankens in eure Seele trinken? Ich bitte euch, gedenkt der Ewigkeit und der Beständigkeit der Liebe Christi zu seinem Volk! „Wir wollen deiner Liebe gedenken.“

Es war unverdiente Liebe, welche ihren Grund nicht in uns hatte. Er liebte uns, weil er uns lieben wollte. Es war die unbeschränkte Göttlichkeit seiner Liebe, die ihn veranlasste, die zu lieben, die zu lieben er erwählte. Er liebte sie frei, ohne Rücksicht auf das, was sie je tun würden, um seine Liebe zu verdienen. Aber er liebte ebenso völlig wie freiwillig; er liebte innig, göttlich, unermesslich. Du kennst deine Liebe zu deinem Kind; sie ist im Vergleich zu der großen Sonne der Liebe Christi zu dir nur ein schwacher Funke. Du kennst deine Liebe zu deinem Mann; sie ist im Vergleich zu dem Ozean der Liebe Christi zu seinem Volk nur ein winziges Bächlein. Geliebte, führt euch die wundervollen Eigenschaften der Liebe Christi zu euch vor Augen, und sprecht, während ihr an seinem Tisch sitzt: „Wir wollen deiner Liebe gedenken, denn das freudige Thema drängt sich uns auf.“

Wir wollen auch der Werke der Liebe Christi gedenken. Es ist eine erhabene, großartige Geschichte. Ich kann sie euch nicht erschöpfend erklären. Ihr wisst wie der Sohn Gottes, als die Zeit erfüllt war, aus der Herrlichkeit herabkam und in einem Stall Platz nahm. Er, der alle Welten gemacht hatte, lag an der Brust einer Frau, denn er ward Fleisch, um uns von unseren Sünden zu erretten. „Darinnen steht die Liebe!“ Seht ihn, wie er ein mühevolles Leben führte, umherzog und wohltat, wie er verachtet und misshandelt wurde und doch stets bereit war, den Unwürdigen noch mehr Gnade und Barmherzigkeit zu erweisen. Ihr kennt sein Leben, das wundervolle Leben Christi. „Darinnen steht die Liebe!“ Schließlich gab er sich selbst zu heftigem Kampf hin, der zum blutigen Schweiß führte. Er bot seinen Rücken dar denen, die ihn schlugen, seine Wangen denen, die ihn rauften, er verbarg sein Angesicht nicht vor Schmach und Speichel. Und dann gab er sich selbst: seine Hände den Nägeln, seine Füße dem Kreuz und dem grausamen Eisen, seine Seite dem Speer, seinen Leib dem Grab, seine Seele dem Vater. Hier ist unaussprechliche Liebe. Ich wünschte, ich könnte über dieses Thema predigen, wie es verdient, verkündigt zu werden. O dass ich es verstände, von Christi hingebender Liebe zu reden! Die Engel gelüstet, in das Geheimnis der Liebe Jesu zu schauen; aber selbst sie können die unermessliche Höhe und Tiefe und Länge und Breite nicht erfassen. Wollt ihr, die ihr die Auserwählten derselben seid, nicht seiner Liebe gedenken?

Aber Jesus ist auferstanden vom Grab. Er ist auferstanden mit derselben Liebe; er fuhr mit derselben Liebe auf und lebt mit derselben Liebe und bittet für uns. Er liebt uns jetzt. Er wird in Liebe wiederkommen. Die Liebe wird ihm Schwingen geben, wieder auf die Erde zu kommen. Er wird hier herrschen. Aber nicht ohne sein Volk. Er wird ewig in Liebe herrschen. Christus wird durch alle Ewigkeiten ruhen in seiner Liebe. Er wird seinem Volk auch Anteil an seiner Herrlichkeit geben, dass es mit ihm auf seinem Thron sitze und mit ihm herrsche immer und ewiglich.

O welch ein Thema ist dies, die Taten der Liebe Christi! Indem ich versuche, davon zu reden, komme ich mir vor wie ein armer Schulknabe, der hier steht und von einer Sache redet, die er lieb hat.

Ich möchte auch, dass ihr der Beweise der Liebe Christi gedenkt. Ihr wart fern, aber er suchte euch und brachte euch zurück. Ihr wart taub, aber er rief euch und öffnete eure Ohren, dass ihr seinen Ruf hören konntet. Ihr kamt zitternd und furchtsam, aber er tröstete euch, und in einem Augen-blick nahm er eure Last von euch und machte euch frei. Erinnert ihr euch dessen? Ich gedenke der Stätte, da ich den Herrn zuerst sah. Einige unter euch konnten nicht so bestimmt davon sagen, und ihr habt nicht nötig zu erröten, weil ihr es nicht könnt. Ist Jesus zu dir gekommen? Hat er dir deine Sünden vergeben? Hat er dich mit seiner Liebe getröstet? Dann gedenke heute daran. Gedenke seiner Liebe!

Seitdem Jesus zum ersten Mal zu dir kam und dich rettete, bist du manchmal in Trübsal gekommen, und er hat dich getröstet. Er hat dich in deiner Arbeit aufrechterhalten. Du bist verdächtigt und geschmäht worden, aber er hat dich geehrt. Du hast dich leider seiner Liebe unwürdig erwiesen, aber er hat dir dein Abweichen vergeben. Du bist von ihm abgeirrt, aber er hat dich zurückgebracht. Gedenke seiner großen Liebe!

Kommt denn und lasst uns zu dem köstlichen Gedenken der Liebe Christi verbinden. Die Predigt ist kurz, aber der Gegenstand ist lang, und ihr habt nun eine Veranlassung, zum Tisch des Herrn zu kommen und das Thema fortzusetzen, das ich euch angegeben habe: „Die Liebe Christi zu mir.“ Dann setzt es in Beziehung zu dem: „O meine armselige Liebe zu Christus.“ Wenn ihr eurer Liebe zu Christus gedenkt, sagt euch, wie gering das ist, woran ihr denkt. Seine große Liebe ist gleich der Sonne am Himmel. Eure Liebe ‒ und ihr werdet eure Sonnenbrille aufsetzen müssen, ehe ihr sie sehen könnt ‒, sie ist ein so kleines Ding. Gott gebe, dass sie heute wachse! Möchtet ihr am Tisch des Herrn eine solche Gnadenheimsuchung von Christus erfahren und so herrliche Gemeinschaft mit ihm haben, dass ihr imstande seid, in das Gelöbnis auszubrechen: „Wir wollen frohlocken und uns freuen an dir; wir wollen deiner Liebe gedenken.“

Ein Bündlein Myrrhen

„Mein Geliebter ist mir ein Bündel Myrrhen, das zwischen meinen Brüsten ruht.“ Hohelied Salomos 1,13

Gewisse Theologen haben die Inspiration des Hohenliedes angezweifelt; andere haben es für nichts anderes gehalten als eine Probe von alten Liebesgesängen, und etliche haben sich gar gefürchtet, darüber zu predigen, weil es einen so hochpoetischen Charakter trägt. Der wahre Grund für all dieses Fernhalten von einem der himmlischen Teile des Wortes Gottes liegt in dem Umstand. dass der Geist dieses Liedes nicht leicht zu erreichen ist. Seine Musik gehört dem höheren geistlichen Leben an, und diese hat für ungeistliche Ohren keinen Reiz. Dieses Hohelied umschließt ein heiliges Gehege, durch welches niemand unvorbereitet treten darf.

„Ziehe deine Schuhe aus von deinen Füssen, denn die Stätte darauf du stehest. ist heiliges Land“, das ist die warnende Stimme, die aus dem verborgenen Gezelt heraus ertönt. Die historischen Bücher möchte ich mit dem äußeren Vorhof des Tempels vergleichen; die Evangelien, die Briefe und die Psalmen führen uns in das Heilige oder in den Vorhof der Priester; aber das Hohelied ist das Allerheiligste, vor welchem noch für geistlich unreif Wirkende der Vorhang hängt. Es sind nicht alles Heilige, die hier eintreten können, denn sie sind noch nicht zu dem heiligen Vertrauen des Glaubens und zu der innigen Vertrautheit der Liebe gelangt, die es ihnen ermöglicht, in ehelicher Liebe mit dem großen Bräutigam zu verkehren.

Man sagt uns, dass die Juden es den jungen Studenten nicht gestatteten, dies Hohelied zu lesen, dass man die Jahre voller Reife für erforderlich hielt, ehe der Mann aus dem geheimnisvollen Liebesgesang den rechten Nutzen ziehen könne; vielleicht waren sie weise, auf jeden Fall aber schattete das Verbot eine große Wahrheit ab. Das Hohelied ist in Wahrheit ein Buch für ausgewachsene Christen; es bedarf eines Mannes von völligerem Wachstum, der sein Haupt an den Busen seines Meisters legt, um die erhabenen Berge der Liebe zu ersteigen, auf denen die Braut mit ihrem Geliebten steht. Das Hohelied wird vom ersten bis zum letzten Vers denen klar sein, die die Salbung empfangen haben von dem, der heilig ist, und dies alles wissen (1.Joh. 2.20).

Sie sind so von dem Geist der Liebe durchtränkt, der aus diesem Buch heraus duftet, dass die, welche in der Schule der Gemeinschaft nicht gelehrt sind, ausrufen: „Wir können es nicht lesen, denn es ist versiegelt.“ Dieses Hohelied ist ein goldenes Kästchen, zu welchem mehr die Liebe als die Gelehrsamkeit der Schlüssel ist. Möchte es Gott gefallen, uns in der Gnade wachsen zu lassen und uns viel von dem Heiligen Geist zu gehen, dass wir mit Füßen gleich denen der Gazellen auf den Höhen der Schrift stehen und innigen Umgang mit Jesus Christus haben können.

Lasst uns hinsichtlich unseres Textes sehr einfach handeln und zuerst bemerken, dass Christus den Gläubigen sehr köstlich ist; zweitens, dass guter Grund dafür vorhanden ist; drittens, dass gemischt mit dem Gefühl der Köstlichkeit hier das freudige Bewusstsein seines Besitzes ist und dass darum viertens sich ein ernstes Verlangen nach beständiger Gemeinschaft mit ihm zeigt. Wenn ihr noch einmal auf den Text blickt, werdet ihr diese Dinge darin finden.

I.

Zunächst: Christus Jesus ist den Gläubigen unaussprechlich köstlich. Die Worte schließen das offenbar in sich: „Mein Geliebter ist mir ein Bündel Myrrhen.“ Sie nennt ihn ihren „Geliebten“ und drückt so ihre Liebe auf das nachdrücklichste aus; er ist nicht nur der Geliebte, sondern der Vielgeliebte. Dann blickt sie sich um, um etwas zu finden, das an sich wertvoll und zugleich nützlich in seinen Eigenschaften ist, und Myrrhen erblickend sagt sie: „Mein Vielgeliebter ist mir ein Bündel Myrrhen.“ Ohne jetzt das Bild näher anzusehen, halten wir uns an den Ausspruch, dass Christus dem Gläubigen köstlich ist.

Beachtet zunächst, dass dem Gläubigen nichts soviel Freude macht als die Gemeinschaft mit Christus. Fragt euch ihr, die ihr an seinem Tisch gesessen, wo solche Freude zu finden, wie ihr sie in Gemeinschaft mit Jesus genossen habt. Der Christ hat in den gewöhnlichen Gnadenerweisungen ebenso gut Freude wie andere Leute. Er kann sich an Gottes Gaben und Werken der Schöpfung freuen wie jeder andere. Er ist nicht tot für häusliche Freuden; er findet an seinem eigenen Herd glückliche Verbindungen, ohne welche das Leben wirklich traurig wäre. Seine Kinder erfüllen sein Heim mit Frohsinn, seine Frau ist sein Trost und seine Wonne, und seine Freunde sind seine Erfrischung; aber er wird euch sagen, dass er in all diesem nicht so wesentliche Wonne findet als in der Person seines Herrn Jesus. Brüder, hier ist ein Wein, wie ihn kein Weinberg auf Erden jemals liefert; hier ist ein Brot, das selbst die Kornfelder Ägyptens nicht hervorbringen könnten. Wo wir sahen, dass andere ihren Gott in irdischen Annehmlichkeiten fanden, da sagten wir: „Ihr mögt euch des Goldes, des Silbers und der Kleidung rühmen; ich will mich freuen in dem Gott meines Heils.“

Nach unserer Überzeugung sind die Freuden der Erde im Vergleich zu Jesus, dem Himmelsmanna, wenig besser als die Treber für das Vieh. Ich wollte lieber ein wenig von Christi Liebe und von seiner Gemeinschaft als eine ganze Welt voll fleischlicher Wonnen. Was ist die Spreu gegen den Weizen? Was ein Traum gegen die herrliche Wirklichkeit? Was ist dieser Zeit Freude in ihrem besten Schmuck im Vergleich zu unserem Herrn in seinem verachtetsten Zustand? Wenn ihr etwas von dem inneren Leben wisst, werdet ihr alle bekennen, dass unsere höchsten, reinsten und beständigsten Freuden die Frucht von dem Baum des Lebens gewährt, der im Paradies Gottes wächst. Wie der Prediger sagte, so sagen wir: „Ich sprach zum Lachen: Du bist toll! und zur Freude: Was machst du?“ „Eitelkeit der Eitelkeiten; es ist alles eitel.“ Alle irdische Seligkeit ist von der Erde und irdisch, aber die Tröstungen der Gegenwart Christi sind gleich ihm himmlisch. Wir können unsere Gemeinschaft mit Jesus überschauen und finden keine Leere darin; in diesem Wein ist kein Bodensatz, in dieser Salbe keine tote Fliege. Die Freude am Herrn ist wirklich und fortwährend, und sie ist in Zeit und Ewigkeit wert, genannt zu werden „die einzige wahre Wonne“.

Wir können deutlich sehen, dass dem Gläubigen Christus so köstlich ist, weil es außer Christus für ihn nichts Gutes gibt. Gläubige Seele, hast du nicht inmitten der Fülle einen schmerzlichen Hunger empfunden, wenn dir dein Herr fehlte? Die Sonne schien, aber Christus hatte sich verborgen, und die ganze Welt war dir dunkel. O welche heulende Wüste ist diese Welt ohne meinen Herrn! Wenn er sich in seinem Zorn nur einen Augenblick vor mir verbarg, verdorrten die Blumen meines Gartens, meine schönen Früchte verfaulten, die Vögel ließen ihren Gesang verstummen und schwarze Nacht senkte sich auf alle meine Hoffnungen hernieder. Nichts kann die Gemeinschaft des Heiles ersetzen; alle Kerzen der Erde können keinen Tag machen, wenn die Sonne der Gerechtigkeit untergegangen ist.

Als andererseits dir alle irdischen Tröstungen versagt blieben, hast du da nicht Genüge in deinem Herrn gefunden? Sind deine schlechtesten Zeiten nicht deine besten gewesen? Dein Krankenbett machte Jesus zu einem königlichen Thron, auf welchem du mit ihm regiertest. Jene dunklen Nächte waren nicht dunkel. Denkst du daran, als du arm warst? Wie nahe war dir Christus, und wie reich machte er dich! Du bist von Menschen verachtet und verworfen worden, und niemand gab dir ein gutes Wort; aber seine Gemeinschaft war dir süß, und es war wonnig, ihn sagen zu hören: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott!“ Als du des Leidens viel hattest, wurdest du auch reichlich getröstet durch Christus. Ja. wir können in stiller Ergebung auf Armut, Krankheit und selbst auf den Tod blicken; denn wenn alle Tröstungen uns genommen werden sollten, würden wir doch gesegnet sein, solange wir die Gegenwart des Herrn, unseres Heilands, genießen dürfen.

Ich tue auch der Wahrheit keinen Zwang an, wenn ich sage, dass der Christ lieber alles andere aufgeben, als seinen Meister verlassen würde. Ich habe etliche gekannt, welche sich fürchteten, dem Wort ins Auge zu sehen, der da sagte: „Wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“ Ja, ich habe gefunden, dass gerade die, die sich am meisten fürchteten, es am häufigsten bewiesen, dass sie aufrichtige Liebe zu Jesus hatten. Vielleicht ist es die beste Art, nicht ruhig dazusitzen und unsere Liebe zu wägen, denn sie lässt sich nicht mit kühlem Urteil messen, sondern deine Liebe praktisch auf die Probe zu stellen. Wenn es nun dahin kommt, dass du Christus verleugnen oder das Liebste, das du hast, aufgeben sollst, würdest du erst überlegen? Aber auch, wenn es sich darum handeln sollte: „Willst du deine Augen verlieren oder Christus aufgeben?“ würde ich gern blind werden. Oder wenn es heißen sollte: „Willst du von heute ab stumm sein und nie mehr vor der Menge reden?“

Es ist besser, stumm zu sein, als ihn verlieren. Tatsächlich kommt es mir wie eine Beleidigung meines Herrn vor, Hände und Augen und Zunge mit ihm vergleichen zu wollen. Wenn ich gefragt werden sollte: „Willst du ohne Christus leben oder mit Christus sterben?“ so würde ich nicht erst überlegen, denn mit Christus sterben heißt, mit Christus ewiglich zu leben; aber ohne Christus leben hieße, des anderen Todes, des schrecklichen Todes, des ewigen Verderbens der Seele zu sterben. Nein, hier gibt es keine Wahl. Ich denke, wir könnten weitergehen und, wenn die Liebe inbrünstig ist und das Fleisch unterdrückt wird, sagen, dass wir irgendetwas mit Christus erdulden würden. Es liegt etwas Himmlisches in dem Leiden für Christus. In seinem Kreuz liegt eine solche Majestät und geheimnisvolle Wonne, die, je schwerer es wird, desto leichter auf den Schultern der Gläubigen liegt.

II.

Aber zweitens: die Seele hängt an Christus, und sie hat guten Grund da-zu, denn ihre Worte lauten: „Mein Geliebter ist mir ein Bündel Myrrhen.“ Wir wollen zuerst die Myrrhen nehmen und dann das Bündel betrachten.

Jesus Christus ist gleich Myrrhen. Diese sind wegen ihrer Köstlichkeit mit Recht ein Bild von Christus. Es ist ein überaus kostspieliges Arzneimittel. Die Schrift spricht davon als von einem seltenen und kostbaren Handelsgut. Aber keine Myrrhen lassen sich mit Jesus Christus vergleichen, denn er ist so köstlich, dass, wenn Himmel und Erde zusammengenommen würde, beides nicht einen anderen Heiland erkaufen könnte. Als Gott der Welt seinen Sohn gab, gab er das Beste, das der Himmel hatte. Christus war Gottes Alles, denn steht nicht geschrieben: „In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“! Wie unschätzbar köstlich der Leib, den er von der Substanz der Jungfrau annahm! Wie ist er als Myrrhe köstlich in der Darbringung seines großen Versöhnungsopfers! „Erlöst nicht mit Silber oder Gold, sondern mit dem teuren Blut Christi.“ Wie köstlich ist er auch in seiner Auferstehung! Er rechtfertigt sein Volk mit einem Schlag!

Diese herrliche Sonne zerstreute mit einem Aufgehen alle Nächte seines ganzen Volkes. Wie köstlich ist er in seiner Himmelfahrt, wie er das Gefängnis gefangen führt und den Menschen Gaben gibt! Und wie köstlich heute in seiner beständigen Fürbitte, infolge derer die Gnaden Gottes gleich Engeln auf Jakobs Leiter zu unseren bedürftigen Seelen herabkommen! Ja, er ist dem Gläubigen in jeder Hinsicht gleich den Myrrhen.

Myrrhe war sodann angenehm. Es war angenehm, in einem Raum zu sein, der von Myrrhen durchduftet war. Von Christus kann gesagt werden, dass seine Kleider duften wie Myrrhen, Aloe und Kassia; aber er hat nicht allein geistlichen Duft, sondern auch der Geschmack wird befriedigt, denn wir essen sein Fleisch und trinken sein Blut. Seine Stimme ist lieblich und das Ohr unserer Seele wird von seinen Melodien entzückt. Er ist ganz lieblich. Wir können ihn nur mit Myrrhen vergleichen. Er ist alles, was gut anzusehen oder zu schmecken oder zu fühlen oder zu riechen ist; er ist, alles zusammengenommen, der Hauptinhalt aller Wonnen. Wie alle Ströme ins Meer fließen, so haben alle unsere Wonnen ihr Zentrum in Christus.

Ferner macht die Myrrhe wohlriechend. Sie wird gebraucht, um anderen Dingen Duft zu verleihen. Sie wurde mit dem Opfer vermischt, so dass es nicht nur der Rauch von dem Fett der Widder und das Fleisch fetter Tiere war, sondern auch der liebliche Duft der Myrrhe, welcher mit dem Opfer zum Himmel emporstieg. Gewiss macht Jesus Christus sein Volk wohlriechend. Macht er nicht ihre Gebete wohlriechend, so dass der Herr den lieblichen Duft riecht? Durchduftet er nicht unsere Wirksamkeit, denn steht nicht geschrieben: „Er gibt uns allezeit Sieg in Christus und offenbart den Geruch seiner Erkenntnis durch uns an allen Orten; denn wir sind Gott ein guter Geruch Christi unter denen, die selig werden, und unter denen, die verlorengehen“. Unsere Personen werden von Christus durchduftet. Woher anders haben wir unsere Narde als von ihm? „Wir sind angenehm gemacht in dem Geliebten.“ ‒ „Ihr seid vollkommen in ihm ‒ vollkommen in Christus Jesus.“ ‒ „Er hat uns zu Königen und Priestern gemacht vor Gott, und wir werden herrschen in Ewigkeit.“

Myrrhen haben erhaltende Eigenschaften. Die Ägypter gebrauchten sie zur Einbalsamierung der Toten, und wir finden, dass Nikodemus und die Frauen Myrrhen und Aloe brachten, um den toten Leib des Heilandes darein zu hüllen. Sie wurde gebraucht, um der Verwesung vorzubeugen. Was kann die Seele anders bewahren als Jesus Christus? Welches ist die Myrrhe, die unsere Werke bewahrt, die an sich tot und verderbt und faul sind, so dass sie vor Gott nicht stinkend sind, wenn nicht Jesus Christus? Was wir aus Liebe zu Christus getan, was wir durch seine Vermittlung geopfert haben, was durch den Glauben an seine Person durchduftet ist, wird angenehm und annehmbar. Gott blickt auf alles, was wir sagen oder tun, und wenn er Christus darin sieht, nimmt er es an; aber wenn kein Christus darin ist, verwirft er es als etwas Schmutziges.

Achtet denn darauf, dass ihr nie ein Gebet betet, welches nicht mit Christus gewürzt ist. Ich möchte nicht eine Predigt halten, welche nicht zum Überfließen voll von Christus ist, denn was ist eine christuslose Predigt! Ein Bach ohne Wasser, eine Wolke ohne Regen, ein zwiefach entwurzelter Baum, ein Himmel ohne eine Wolke, eine Nacht ohne einen Stern. O Christ, wir müssen Christus haben! Achte darauf, dass du an jedem neu begonnenen Tag durch die Betrachtung der Person Christi einen frischen Duft von ihm an dir trägst. Lebe den ganzen Tag, indem du, soviel an dir ist, dein Herz mit ihm anfüllst. Es gibt nichts, das uns bewahren und uns von der Sünde abhalten und unsere Werke heilig und rein halten kann als dieses „Bündel Myrrhen“.

Myrrhen wurden als ein Desinfektionsmittel gebraucht. Wenn sich das Fieber ausbreitet, kennen wir Leute, die kleine Beutel mit Kampfer um den Hals tragen. Sie mögen gut sein; ich weiß es nicht. Aber die Orientalen glaubten, dass zu Zeiten der Pest und anderer Krankheiten ein kleines Bündelchen Myrrhen, zwischen den Brüsten getragen, von wesentlichem Nutzen für den Träger sei. Und in den Myrrhen ist ohne Zweifel irgendwelche Kraft, vor ansteckender Krankheit zu schützen. Ich bin gewiss, dass es hinsichtlich Christi der Fall ist. Ihr müsst in die Welt hinausgehen, die einem großen Lazarett gleicht; aber wenn ihr Christus mit euch nehmt, werdet ihr nie der Welt Krankheit bekommen. Ein Mensch mag noch so reich sein, aber er wird nie weltlich werden, wenn er Christus auf seinem Herzen behält. Ein Mensch mag sehr arm sein und schwer um sein tägliches Brot arbeiten müssen; aber er wird nie unzufrieden werden und murren, wenn er in Christi Nähe bleibt. Einige unter euch müssen mit Alkoholikern und Fluchern zusammen arbeiten. O nehmt meinen Meister mit euch, und die Plage der Sünde kann keinen Einfluss auf eure moralische Natur haben.

Aber die Ärzte der alten Zeit hielten von der Myrrhe noch mehr; sie hatte nicht nur vorbeugende, sondern heilende Kraft. Ich weiß nicht, wie viele Krankheiten sie damit heilten; ich nehme auch nicht an, dass diese orientalischen Ärzte Tatsachen berichteten, denn sie schrieben manchen Drogen Eigenschaften zu, die sie nicht hatten; doch selbst Ärzte neuerer Zeit glauben, dass die Myrrhe wertvolle medizinische Eigenschaften hat. Gewiss ist, dass euer Christus die beste Arznei für die Seele ist. Sein Name ist: „Ich bin der Herr, dein Arzt.“ Er rührte den Aussätzigen an, und er wurde gesund. Er sah nur die Lahmen an, und sie sprangen wie die Hirsche. Seine Stimme durchbrach die Stille des Hades und brachte die Seele zum Leibe zurück. Was könnte Christus nicht heilen? Ihr, die ihr an diesem Morgen krank seid von Zweifeln und Befürchtungen und Versuchungen, ihr, die ihr mit einem erregten Temperament oder mit einem todesähnlichen Schlaf der Trägheit zu kämpfen habt, nehmt Christus, und ihr seid geheilt. Hier treffen alle Dinge zusammen, und in allen diesen Dingen können wir sagen: „Mein Geliebter ist mir ein Bündel Myrrhen.“

Ich bin noch nicht fertig, denn Myrrhen wurden im Morgenland zur Verschönerung gebraucht. Wir lesen von Esther, ehe sie dem Ahasveros zugeführt wurde, dass sie samt den Jungfrauen die Weisung erhielt, sich vorzubereiten, und dazu gebrauchte sie u. a. Myrrhe. Die orientalischen Frauen glaubten, dass sie Falten und Flecken von dem Gesicht entferne, und sie gebrauchten sie beständig zur Vervollständigung ihrer Reize. Ich weiß nicht, wie das sein kann; aber das weiß ich, dass den Gläubigen nichts so schön macht als sein Umgang mit Jesus. Er ist schön in Gottes Augen, in den Augen der Engel und in den Augen der Menschen. Ich kenne einige Christen, mit denen umzugehen eine große Wohltat ist. Lasst mich euch sagen, dass der beste Maßstab für die Nützlichkeit eines Christen in dem Grad zu finden ist, in welchem er mit Jesus gewesen ist und von ihm gelernt hat. Sagt mir nicht, dass es der Gelehrte oder der Mann der Beredsamkeit oder der Reiche ist, sondern der wirklich starke Mann ist der Mann Gottes. Der mit Jesus gewesen ist, der ist eine Säule in der Gemeinde und ein Licht der Welt.

Und ich darf diesen Punkt nicht schließen, ohne zu sagen, dass die Myrrhe sehr wohl wegen ihrer Verbindung mit dem Opfer als ein Zeichen unseres Herrn angesehen werden kann. Die Myrrhe gehörte zu den köstlichen Rohstoffen, die zur Bereitung des heiligen Öls zur Salbung der Priester verwandt wurden, und ebenso zu dem Räuchwerk, das beständig vor Gott brannte. Es weist hin auf den Charakter Christi als das Opfer, welches allem zugrunde liegt, das Christus seinem Volk köstlich macht. Du Lamm Gottes, unser Opfer, wir müssen dein gedenken!

Mit dem allem ist sicherlich genug über die Myrrhe gesagt worden. Habt noch Geduld, da wir eben noch bemerken müssen, dass er ein Bündel Myrrhen genannt wird oder auch, wie einige übersetzen: ein Beutel Myrrhen oder eine Büchse Myrrhen.

Es gab drei Arten von Myrrhen: die Myrrhe im kleinen Zweiglein als Sträußchen, die, wenn sie verbrannt wurden, einen lieblichen Duft ausströmten; dann die Myrrhe als getrocknete Spezerei und dann drittens die Myrrhe als flüssiges Öl. Wir wissen nicht, auf welche Art hier Bezug genommen wird. Aber warum heißt es „ein Bündel Myrrhen“? Zunächst wegen der Menge. Es ist nicht ein Tröpflein, sondern eine Flasche voll, nicht ein winziges Stielchen oder Blüte, sondern ein ganzes Bündel. In Christus ist genug für meine Bedürfnisse.

Ein Bündel ferner wegen der Mannigfaltigkeit, denn in Christus ist nicht nur das eine, das not ist, sondern „ihr seid vollkommen in ihm“, in ihm ist das Nötige Nimm Christus in seinen verschiedenen Ämtern, und du findest eine wundervolle Mannigfaltigkeit: Prophet, Priester, König, Bräutigam, Freund, Hirte. Nimm ihn in seinem Leben, in seinem Sterben, in seiner Auferstehung, Himmelfahrt, Wiederkunft, in seinen Vollkommenheiten: Sanftmut, Mut, Selbstverleugnung, Liebe, Treue, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit ‒ in jedem Fall ein Bündel. Er ist wegen seiner Mannigfaltigkeit „ein Bündel Myrrhen“.

Er ist ferner ein Bündel Myrrhen wegen der Bewahrung und Erhaltung und Dauer ‒ nicht lose Myrrhen, die herabfallen, auf denen herumgetreten wird, sondern Myrrhen zusammengebunden, als ob Gott alle Vollkommenheiten und Vortrefflichkeiten in seinem Sohn zusammengebunden hätte; nicht auf die Erde geschüttete Myrrhe, sondern Myrrhe in einer Büchse, bewahrt in einem Kästchen. Die Kraft und Vortrefflichkeit, die von Christus ausgeht, ist heute noch ebenso stark wie an dem Tage, da die Frau seines Kleides Saum anrührte und geheilt wurde. Er kann heute noch „selig machen aufs völligste alle, die durch Ihn zu Gott kommen“.

Ferner ein Bündel Myrrhen, um zu zeigen, wie fleißig wir davon nehmen sollten. Wir müssen ihn gleichsam zusammenfassen, unsere Gedanken von ihm und unsere Erkenntnis von ihm wie unter Schloss und Riegel halten, damit uns der Teufel nichts davon stehle. Wir müssen seine Worte sammeln, seine Anordnungen schätzen, seinen Vorschriften gehorchen ‒ alles zusammenbinden und ihn als ein köstliches Bündel Myrrhen beständig bei uns behalten.

Und doch wieder ein Bündel Myrrhen wegen der Besonderheit, als ob er nicht für jedermann gewöhnliche Myrrhe wäre. Nein, hier ist auszeichnende, unterscheidende Gnade, ein Bündel zusammengebunden für sein Volk und bezeichnet mit dessen Name vor Grundlegung der Welt. Ohne Zweifel ist hier eine Anspielung auf das Riechfläschchen, das in jedem Land gebraucht wird. Jesus Christus gibt seinen Geruch nicht jedermann, sondern denen, die es verstehen, den Pfropfen zu lüften, die es verstehen, in die Gemeinschaft mit ihm einzugehen und vertrauten Umgang mit ihm zu haben. „Mein Geliebter ist mir ein Fläschchen Myrrhen.“

III.

Unsere dritte Wahrnehmung sollte sein, dass mit dem Gefühl von Christi Köstlichkeit ein Bewusstsein des Besitzes verbunden ist. Es heißt: „mein Geliebter“. Mein Zuhörer ist Christus ein Geliebter? Ein Heiland, das ist gut; aber mein Heiland, das ist das Beste von allem. Was nützt mir das Brot, wenn es nicht mein ist? Dann kann ich Hungers sterben. Was hat Gold für einen Wert, wenn es nicht mein ist? Dann kann ich doch im Armenhaus sterben. Diese Köstlichkeit muss mein sein. „Mein Geliebter.“ Hast du je mit der Hand des Glaubens Christus erfasst?

Brüder, wollt ihr ihn heute wieder erfassen? Ich weiß, ihr wollt. Ich wünschte, dass auch die, die ihn noch nie aufgenommen haben, ihn jetzt aufnehmen und sagen: „Mein Heiland!“ Hier ist sein Sühnopfer, das freiwillig für euch geopfert ist. Möchtet ihr Gnade genug haben, es anzunehmen und zu sagen: „Mein Heiland. Mein Heiland!“ Hat dein Herz ihn aufgenommen? Es ist wünschenswert, dass wir beide Hände gebrauchen, die Hand des Glaubens und die Hand der Liebe, denn das ist die rechte Umarmung wenn wir beide Hände um den Geliebten legen. Sprecht nicht von einer Religion, die im Kopf wohnt, aber nie ins Herz kommt; sie wird dir nie den Himmel bringen. Es muss nicht nur heißen: „Ich glaube dies und das“, sondern auch: „Ich liebe.“

Aber dies ist nicht das einzige Wort. „Mein Geliebter ist mir ein Bündel Myrrhen.“ Vielen ist er das nicht, sondern nur eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Ein dreibändiger Roman ist ihnen lieber als dieses Buch. Sie gehen lieber ins Theater oder zum Tanz, als dass sie Gemeinschaft mit ihm suchen. Nun, sie mögen erwählen, was sie wollen, denn jedes Geschöpf hat so sein eigenes Vergnügen; mir aber, mir ist er ein Bündel Myrrhen, und wenn kein anderer ihn so findet, mir wird und soll er es sein. Der Ungläubige sagt: „Es ist kein Gott.“ Der Atheist möchte mich verspotten. Sie mögen sagen, was sie wollen; aber mir ist mein Geliebter ein Bündel Myrrhen. Ich weiß, es gibt etliche, die da sagen, sie haben ihn erprobt und ihn nicht köstlich erfunden; sie haben sich deshalb von ihm gewandt und sind zur Welt zurückgegangen, weil sie nichts Begehrenswertes an Christus fanden; aber mir ist mein Freund ein Bündel Myrrhen. O Christ, was du nötig hast, das ist eine persönliche Erfahrung, eine positive Erfahrung, und keine Religion ist auch nur einen Strohhalm wert, welche nicht aus deiner Seele entspringt. Ja, du musst sagen können: „Mag die ganze Welt irregehen; aber ‚mir ist mein Geliebter ein Bündel Myrrhen’. “

IV.

Der praktische Punkt soll den Schluss bilden. Ein Bewusstsein des Besitzes und des Genusses wird den Christen stets veranlassen, beständige Gemeinschaft zu wünschen. „Er“ oder richtiger „es soll zwischen meinen Brüsten ruhen“. Die Gemeinde sagt nicht: „Ich will dieses Bündel Myrrhen auf meine Schultern nehmen.“ Christus ist dem Christen keine Last. Sie sagt nicht: „Ich will dieses Bündel Myrrhen auf den Rücken nehmen“ ‒ die Gemeinde hat nicht Ursache, Christus vor ihrem Angesicht zu verbergen. Sie wünscht ihn zu haben, wo sie ihn sehen kann, ihrem Herzen nahe. Das Bündel Myrrhen soll auf meinem Herzen liegen, und da soll er immer seinen Platz haben. Ich vermute, dass dieser Ausdruck drei Dinge bezeichnet. Es ist der Ausdruck des Verlangens, beständig das Bewusstsein von Christi Liebe zu haben. Trägst du nicht dasselbe Verlangen in dir? Wenn du erst einmal Christus geschmeckt hast, wirst du das Bedürfnis fühlen, solange du lebst, dich an ihm zu weiden. Mein Verlangen ist, dass Jesus von früh bis spät bei mir bleibe, und ist das nicht auch dein Verlangen?

Aber dann ist es auch ihr Vertrauen. Die Gemeinde scheint zu sagen: Er wird so bei mir bleiben. Ihr mögt die sichtbare Gemeinschaft mit Christus unterbrechen, aber Christus wird nie von seinem Volk sich zurückziehen, sondern wird ihm zu allen Zeiten treu bleiben. Er mag sein Auge schließen und sein Angesicht vor euch verbergen; aber sein Herz wird nie von euch weichen. Er hat euch wie ein Siegel auf sein Herz gedrückt und wird euch das je länger je mehr zum Bewusstsein bringen.

Gebt euch nicht mit Menschen zufrieden, liebe Freunde; ihr mögt Wünsche haben und nichts weiter. Lasst eure Augen nicht schlafen und eure Augenlider nicht schlummern, bis ihr Christus im einfältigen Glauben als euer Alles in Allem angenommen habt.

Die Rose und die Lilie

„Ich bin die Rose von Saron und die Lilie der Täler.“ Hohelied Salomos 2,1

Es ist unser Herr, der hier spricht: „Ich bin die Rose von Saron.“ Wie kommt es, dass er sich selbst empfiehlt, denn es ist doch ein altes und wahres Wort, dass Eigenlob keine Empfehlung ist? Nur eitle Geschöpfe loben sich selbst, und doch lobt sich Jesus wiederholt. Er sagt: „Ich bin der gute Hirte“ ‒ „Ich bin das Brot des Lebens“ ‒ „Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ Und so betont er in verschiedenen Reden seine eigenen Vortrefflichkeiten, und Jesus ist doch nicht eitel! Aber ich sagte, dass jedes Geschöpf, das sich selbst lobt, eitel ist, und das ist auch wahr. Wie sollen wir dieses Rätsel lösen? Ist nicht dies die Antwort, dass er überhaupt kein Geschöpf ist und darum nicht unter diese Regel fällt? Das Selbstlob des Geschöpfes ist Eitelkeit, wenn aber der Schöpfer sich lobt, wenn Gott der Herr seine Herrlichkeit offenbart, so ist das sein volles Recht. Regiert Gott nicht beides, die Vorsehung und die Gnade, zur Offenbarung seiner Herrlichkeit, und stimmen wir nicht freudig dem zu, dass nichts anderes des göttlichen Sinnes würdig ist? Weil denn Christus so von sich redet, dass kein Mensch ihn als ehrgeizig bezeichnen kann, so liegt darin ein indirekter Beweis für seine Gottheit, und ich beuge mich vor ihm und preise ihn, dass er mir diesen gelegentlichen Beweis davon gibt, dass er kein Geschöpf, sondern der Unerschaffene ist. Keine Worte kommen passender von seinen Lippen als diese: „Ich bin die Rose von Saron und die Lilie der Täler.“

Wenn der Herr sich selbst lobt, so tut er es ohne Zweifel aus einem vortrefflichen Grund, nämlich dem, dass niemand als er selbst ihn den Menschenkindern offenbaren kann. Keine Lippen können den Herzen die Liebe Christi erzählen, bis Christus selber innerlich spricht. Alle Beschreibungen sind matt und lahm, wenn der Heilige Geist sie nicht mit Kraft und Leben füllt; solange der Immanuel sich nicht dem Innersten des Herzens offenbart, sieht die Seele ihn nicht. Wenn ihr die Sonne sehen möchtet, würdet ihr zu dem Zweck eure Lichter anzünden: Der Weise weiß, dass die Sonne sich selbst offenbaren muss und nur in ihrem eigenen Glanz gesehen werden kann. So ist es mit Christus. Wenn er sich uns nicht offenbart, wie er es der Welt gegenüber nicht tut, können wir ihn nicht sehen. Er muss zu uns sagen: „Ich bin die Rose von Saron“, denn alle Erklärungen der Menschen, dass er die Rose von Saron ist, reichen nicht aus.

Ist es uns allen nicht klar genug, dass Jesus, da er Gott ist, sehr passend sich selber lobt, und dass er sich selbst notwendig empfehlen muss, da wir sonst als schwächliche Geschöpfe überhaupt nie imstande sein würden, seine Schönheit zu bemerken? Wohl dem Menschen, welchem der Herr seine Schönheiten enthüllt. Er ist die Rose, aber es ist nicht allen Menschen gegeben, seinen Duft zu empfinden. Er ist die schönste aller Lilien; aber es gibt nur wenige Augen, die seine unvergleichliche Reinheit angeschaut haben. Er steht vor der Welt da als ohne Gestalt noch Schönheit, als eine Wurzel aus dürrem Erdreich, von den Eitlen verachtet und von den Stolzen verworfen.

Die große Masse dieser kurzsichtigen Welt kann von den unvergleichlichen Herrlichkeiten Immanuels nichts sehen. Nur, wo der Geist das Auge mit Augensalbe berührt, das Herz mit göttlichem Leben belebt und die Seele zu einem himmlischen Geschmack erzogen hat, nur da wird das Liebeswort meines Textes gehört und verstanden: „Ich bin die Rose von Saron und die Lilie der Täler“ ‒ „Euch nun, die ihr glaubt, ist er köstlich.“ „Euch ist er der Eckstein, euch ist er der Fels des Heils, euer Alles in Allem; aber anderen ist er der „Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses, die sich stoßen an dem Wort und glauben nicht daran.“

Ehe wir einen Schritt weiter gehen, sei es unser Gebet, dass unser Erlöser sich nun seinem erwählten Volk offenbaren und es wenigstens mit einem Lichtblick auf seine alles überwindende Anmut beschenken wolle.

I.

Zuerst will ich, wenn der Heilige Geist mir hilft, ein wenig mit euch reden über die Beweggründe unseres Herrn, sich so selbst zu empfehlen.

Ich fasse es so auf, dass er Liebesabsichten in seiner Redeweise hat. Er möchte sein ganzes Volk reich an hohen und glücklichen Gedanken über seine herrliche Person haben. Jesus ist nicht damit zufrieden, dass seine Brüder niedrig von ihm denken; er wollte, dass wir verbunden mit den freudigsten und glücklichsten Gedanken ihm gegenüber auch anbetende Bewunderung für ihn haben. Wir sollen ihn nicht nur als eine bloße Notwendigkeit wie Brot und Wasser ansehen, sondern sollen ihn als eine Delikatesse, als eine seltene und entzückende Wonne betrachten, die etwa mit der Rose und Lilie vergleichbar ist. Ihr bemerkt, dass sich der Herr hier poetisch ausdrückt. „Ich bin die Rose von Saron.“ Dieses Buch des Hohenliedes ist dem geistlichen Sinn Poesie der höchsten Art, und das Erhabene und Schöne ist in der ganzen Heiligen Schrift so sehr zu Hause wie der Adler auf seinem Horst. Sicher nimmt der Herr die Redeform in diesem Hohenlied an, um zu zeigen, dass der höchste Grad poetischer Fähigkeiten ihm geweiht sein sollte und dass erhabene Gedanken und hochstrebende Auffassungen von ihm verbunden sind, ihm zu den Füßen seines Kreuzes zu huldigen. Jesus wollte, dass wir die höchsten Gedanken von ihm hegen sollten, die uns durch die erhabenste Poesie enthüllt werden könnten, und ich will mich bemühen, euch seine Beweggründe zu unterbreiten.

Ohne Zweifel empfiehlt er sich selbst, weil hohe Gedanken von Christus uns in den Stand setzen, in Übereinstimmung mit unseren Beziehungen zu ihm zu handeln. Die gerettete Seele hat sich mit Christus verlobt. Im Eheleben nun fördert es die Glückseligkeit sehr, wenn die Frau eine hohe Meinung von dem Mann hat. In der Verbindung zwischen der Seele und Christus ist dies außerordentlich notwendig. „Er ist dein Herr, und du sollst ihn anbeten.“ „Denn der Mann ist das Haupt der Frau, gleichwie auch Christus das Haupt ist der Gemeinde, und er ist seines Leibes Heiland.“ Wenn die Frau den Ehemann verachtet und auf ihn herabblickt, dann ist die Ordnung durchbrochen und der Haushalt außer Ordnung, und wenn unsere Seele Christus je verachten sollte, dann kann sie nicht länger in der rechten Beziehung zu ihm stehen; aber je erhabener wir Christus auf dem Thron sehen und je niedriger wir sind, wenn wir uns vor dem Thron beugen, desto wirklicher sind wir bereit, gegenüber dem Herrn Jesus zu handeln, wie es die Gnadenordnung erfordert. Unser Herr wünscht, dass wir hoch von ihm halten, damit ihr euch freudig seiner Autorität unterwerft und euch als die beste Braut diesem besten Mann erweist.

Ferner weiß unser Herr, dass hohe Gedanken von ihm unsere Liebe vermehren. Menschen werden das nicht sehr lieben, was sie nicht hoch schätzen. Lieben und Schätzen gehen miteinander. Es gibt eine Liebe des Mitleids, aber diese wäre in Bezug auf unser erhöhtes Haupt nicht am Platz. Wenn wir ihn überhaupt lieben, muss es die Liebe der Bewunderung sein, und je höher diese Bewunderung steigt, desto inniger wird unsere Liebe entflammen. Meine Brüder und Schwestern, ich bitte euch, denkt viel über eures Meisters Vortrefflichkeiten nach! Studiert ihn in seiner ursprünglichen Herrlichkeit, ehe er eure Natur an sich nahm! Denkt an die mächtige Liebe, die ihn von seinem Thronhimmel herabzog um am Kreuz der Schmach zu sterben! Bewundert ihn, wenn ihr seht, wie er in seiner Schwäche über alle Mächte der Hölle siegt und durch sein Leiden alle Heere eurer Sünden überwindet, so dass sie sich nie wieder gegen euch erheben können! Seht ihn auferstanden, um nie mehr zu sterben; gekrönt um nie wieder entehrt zu werden; verherrlicht, um nie mehr zu leiden! Beugt euch vor ihm, denn nur so wird eure Liebe zu ihm sein, wie sie sein sollte!

Ferner ist eine hohe Meinung von Christus sehr notwendig zu unserem Trost. Dann erscheinen euch die Dinge dieser Welt sehr unbedeutend, und ihr Verlust wird nicht so sehr empfunden. Wenn euch eure Verluste und Kreuze so gewichtig werden, dass die Schwingen der Liebe Christi euch nicht über den Staub zu erheben vermögen, dann habt ihr zuviel von der Welt und zu wenig von Christus. Wenn ihr durch eure Trübsale so bedrückt seid, dass ihr euch gar nicht freuen könnt, obgleich ihr wisst, dass eure Namen im Himmel angeschrieben sind, dann fürchte ich, dass ihr Jesus nicht lieben könnt, wie ihr solltet. Verschafft euch glückliche Gedanken von ihm, und ihr werdet gleich dem Mann fühlen, der einen Kieselstein verloren, aber seine Diamanten behalten hat. Ihr werdet euch in eurer tiefsten Not freuen, weil Jesus euer ist, d. h. wenn ihr ein hohes Bewusstsein von der Köstlichkeit eures Meisters habt. Jesus, Jesus, Jesus, sei du mit uns, und wir hören auf, unsere Plätze und Lagen selber zu erwählen; wirf uns in Nebukadnezars Ofen, und wir wollen kein Unglück fürchten, wenn Du als unser Gesellschafter bei uns sein willst.

Ferner möchte der Herr, dass wir große Gedanken über ihn in uns aufnehmen, weil dies alle Kräfte unserer Seele belebt. Ich sagte soeben, dass die Liebe infolge unserer Meinung von Jesus an Kraft gewinne, und ich könnte dasselbe vom Glauben oder von der Geduld oder von der Demut sagen. Wo Christus hoch geschätzt wird, da üben sich die Fähigkeiten des geistlichen Menschen mit Energie. Ich will eure Frömmigkeit nach diesem Barometer beurteilen: Steht Christus hoch oder niedrig vor euch? Wenn ihr gering von ihm denkt und damit zufrieden sein könnt, dass ihr ohne seine Gemeinschaft lebt, wenn ihr euch wenig um seine Ehre kümmert, wenn ihr gleichgültig seid hinsichtlich seiner Anordnungen, dann weiß ich, dass eure Seelen krank sind; Gott gebe uns, dass es keine Krankheit zum Tode sei! Aber wenn es euer erster Gedanke ist, wie ihr Jesus verherrlichen könnt, wenn es der tägliche Wunsch eurer Herzen ist: „Dass ich wüsste, wo ich ihn finden könnte!“ dann bin ich davon überzeugt, dass ihr sicher seid, weil ihr hoch von Jesus haltet. Wie denkst du über den König in seiner Schönheit? Hat er einen herrlichen hohen Thron in deinem Herzen? Möchtest du ihn noch höher heben, wenn du könntest? Würdest du bereit sein zu sterben, wenn du zu dem Chor, der seinen Ruhm verkündigt, noch eine Posaune hinzufügen könntest? Dann steht es gut mit dir. Was du auch immer von dir selbst denken magst ‒ wenn Christus groß in dir ist, dann wirst du bald bei ihm sein.

Hohe Gedanken von Christus werden uns zu hohen Unternehmungen zu seiner Ehre veranlassen. Was können Menschen nicht ausrichten, wenn sie von der Leidenschaft der Liebe beherrscht werden! Wenn der große Gedanke der Liebe zu Gott Besitz von der Seele genommen hat, sind Menschen imstande, tatsächlich auszuführen, was anderen nicht einmal in den Sinn gekommen ist.

Die Liebe hat über Unmöglichkeiten gelächelt, und sie hat bewiesen, dass viele Wasser sie nicht ersäufen und Ströme sie nicht ertränken können. Was hat die Liebe zu Christus in den verschiedenen Missionen zustande gebracht! Es ist nicht möglich gewesen, den Eifer der Himmelserben zu überwinden, obgleich sich alle Elemente mit der Grausamkeit der Gottlosen und mit der Bosheit der Hölle verbunden hatten. Christi Diener haben weit überwunden durch den, der sie geliebt hat, nachdem seine Liebe durch den Heiligen Geist in ihre Herzen ausgegossen worden war und sie erhabene Gedanken von ihrem Herrn in sich aufgenommen hatten.

II.

Welches auch immer der lobenswerte Beweggrund zu einem Ausspruch sein mag, er darf nicht getan werden, wenn er nicht genau richtig ist, und darum komme ich dazu, des Herrn Rechtfertigung für diese Empfehlung zu beachten, und sie ist überschwänglich befriedigend für alle, die ihn kennen.

Was unser Herr von sich sagt, ist durchaus wahr und keine Übertreibung. Beachtet jedes seiner Worte! Er beginnt: „Ich bin.“ Ich will nicht auf diesen beiden Wörtchen bestehen, aber man tut der Sprache keinen Zwang an, wenn man sagt, dass hier eine große Tiefe zu finden ist. Welches Geschöpf kann mit genauer Wahrhaftigkeit sagen: „Ich bin“? Der Mensch könnte eher sagen „Ich bin nicht“ als „Ich bin“. Wir sind so kurze Zeit hier und sind sobald dahin, dass die Eintagsfliege unsere Schwester ist. Jesus sagt: „Ich bin“, und gelobt sei sein Name, er kann die Eigenschaften der Selbstexistenz und der Unveränderlichkeit mit Recht für sich in Anspruch nehmen.

In den Tagen seines Fleisches sagte er: „Ich bin“, und er sagt uns zu dieser Stunde: „Ich bin“; was er jemals war, das ist er, und was er seinen Heiligen jemals gewesen ist, das ist er uns noch heute. Komm, meine Seele, freue dich deines unveränderlichen Christus, und wenn du nichts Weiteres als diese zwei ersten Worte des Textes erhältst, so hast du doch ein Mahl, das deinen Hunger stillt, so dass du in der Kraft dieser Speise mit Elias weitere vierzig Tage wandern kannst. „Ich bin“ hat sich dir in einer viel herrlicheren Weise geoffenbart, als er sich einst dem Moses im brennenden Busch offenbarte; das große „Ich bin“ im menschlichen Fleisch ist dein Heiland und dein Herr geworden.

„Ich bin die Rose.“ Wir verstehen darunter, dass Christus lieblich ist. Er erwählt eine der reizendsten Blumen, um sich selbst darzustellen. Alle Schönheiten aller Kreaturen sind in Christus in größerer Vollkommenheit zu finden als in den Kreaturen selbst. „Was wahrhaftig, was ehrbar, was gerecht, was rein, was lieblich, was wohl lautet“ ‒ alles ist in unserem Vielgeliebten zusammengefasst zu finden. Was an Schönheit in der materiellen Welt sein mag, das besitzt Christus alles in der geistlichen Welt, nur in einem vielfach größeren Maß. Er ist unendlich schöner in dem Garten der Seele und im Paradies Gottes, als die Rose im Garten der Erde sein kann, obgleich sie die allgemein anerkannte Königin der Blumen ist.

Aber der Bräutigam fügt hinzu: „Ich bin die Rose von Saron.“ Diese war die beste und seltenste der Rosen. Jesus ist nicht die Rose allein, sondern „die Rose von Saron“, ebenso wie er seine Gerechtigkeit „Gold“ nennt und dann hinzufügt: „Das Gold von Ophir“ ‒ das Beste vom Besten. Jesus ist also nicht nur positiv lieblich, sondern im Superlativ der Lieblichste. Der Sohn Davids nimmt unter den Schönsten unter den Zehntausenden den ersten Platz ein. Er ist die Sonne, und alle anderen sind die Sterne; vor ihm verbergen sich die schwächeren Lichter, denn sie sind nichts, und er ist alles in allem. Schämt euch eurer Entstellungen, ihr Schönheiten der Erde, denn seine Vollkommenheiten verdunkeln euch! Im Vergleich zu ihm sind die Himmel schwarz und der Tag ist dunkel. Oh, ihn von Angesicht zu Angesicht sehen zu können! Das wäre ein Anblick, für den man das Leben gern hingeben möchte.

Der Herr fügt hinzu: „Ich bin die Lilie“, so gibt er sich eine doppelte Empfehlung. In der Tat, Jesus Christus verdient, nicht nur doppelt, sondern siebenfältig gepriesen zu werden. Häuft alle Bilder auf, die Lieblichkeit ausdrücken, bringt alle Eigenschaften zusammen, die Herrliches beschreiben, und der ganzen menschlichen Sprache wird es fehlen, von ihm zu erzählen. Die Rose mit aller ihrer Röte ist nicht vollständig, bis die Lilie ihre Reinheit hinzufügt, und beide zusammen geben unseren Herrn nur dunkel wieder. Ich entnehme dem Text, dass ihr in Christus eine Verschmelzung gegenübergestellter Vortrefflichkeiten habt. Wenn er rot ist von der Glut mutigen Eifers oder rot in dem Triumph, mit welchem er von Edom zurückkehrt, ist er die Rose; aber wenn er ein Kämpfer ohne sündigen Zorn oder grausame Rache ist, so ist er so rein und fleckenlos wie die schüchterne Jungfrau, die mit der Taube spielt; er ist darum unsere schneeweiße Lilie. Ich sehe ihn rot wie die Rose in seinem Opfer; aber ich sehe ihn weiß wie die Lilie, wenn er in seiner vollkommenen Gerechtigkeit in die Höhe fährt in seinem weißen Siegesgewand, um Gaben für die Menschen zu empfangen. Unser Geliebter ist eine Mischung aller Vollkommenheiten zu einer Vollkommenheit.

Er ist die „Lilie der Täler“. Will er uns damit andeuten, dass er in seinem niedrigsten Zustand eine Lilie, eine Lilie des Tales ist? Ist der Sohn des Zimmermanns der in Armut lebt und das gewöhnliche Gewand der Armen trägt, die Lilie der Täler? Ja, er ist euch und mir, uns armen Bewohnern des Tieflandes, eine Lilie. Dort oben ist er eine Lilie auf den Bergesspitzen, wo alle himmlischen Augen ihn bewundern; hier unten in diesen Tälern der Sorgen und Befürchtungen ist er eine Lilie noch so schön wie im Himmel. Unsere Augen können seine Schönheit sehen, die Schönheit einer Lilie, wenngleich wir den König in seiner Schönheit nicht gesehen haben, sage ich euch dennoch, dass Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist, wie Jesus Christus in unseren Augen es wird, während wir den Blick im Glauben auf ihn richten.

Die Worte, die wir nacheinander besehen haben, lehren uns, dass Christus allen unseren geistlichen Sinnen lieblich ist. Die Rose ist dem Auge schön, aber ebenso erfrischend dem Geruch, und die Lilie ist es ebenso. So ist Jesus. Alle Sinne der Seele werden durch ihn erquickt und befriedigt; in Jesus ist alle Anmut. Selbst wenn wir den Gesalbten nicht gesehen haben, haben wir seine Gegenwart doch oft empfunden. Wenn wir ein Haus betreten, in welchem er geliebt wird, können wir, obgleich wir nichts in Bezug auf Christus hören mögen, doch deutlich genug merken, dass er da ist; ein heiliger Einfluss durchdringt das ganze Haus, so dass, wenn Jesus auch unsichtbar ist, es doch klar ist, dass er nicht unbekannt ist. In jedem Haus, wo Christus ist, wird sich, selbst wenn ihr seinen Namen nicht hört, der Einfluss seiner Liebe erkennbar machen.

Unser Herr ist so lieblich, dass selbst die Erinnerung an seine Liebe entzückend ist. Nehmt die Rose von Saron und pflückt ein Blatt nach dem anderen ab, und legt die Blätter in den Krug des Gedächtnisses, und ihr werdet noch lange nachher finden, dass jedes Blatt duftet und das Haus mit Wohlgeruch erfüllt.

Jesus ist lieblich sowohl in der Knospe als auch voll aufgeblüht. Ihr bewundert die Rose ebenso wie die Knospe, wenn sie sich völlig entwickelt hat, und mir scheint, Christus war euch in der ersten Röte eures Glaubenslebens nicht weniger köstlich als er euch jetzt ist. Der voll erblühte Christus hat in unserer reiferen Erfahrung nichts von seiner Vortrefflichkeit verloren. Und werden wir es nicht als unseren höchsten Himmel betrachten, immerfort auf ihn blicken zu können, wenn wir ihn im Garten des Paradieses voll aufgeblüht sehen?

Christus ist so lieblich, dass er keiner Verschönerung bedarf. Wenn ich höre, wie Menschen es versuchen, in glatt polierten Sätzen von ihm zu sprechen, wie sie diese Sätze in ihren Konzepten verbessern und wieder verbessern, möchte ich sie fragen, ob sie es für nötig halten, die Rose von Saron oder die Lilie der Täler zu bemalen. Lasst uns Christus, den Gekreuzigtem hochhalten, und er selbst ist ohne unsere Pinselei schön genug. Lasst die raueste Zunge aufrichtig von ihm, selbst in gebrochenem aber ehrlichem Ausdruck, sprechen, und Jesus selbst ist ein so strahlender Juwel, dass die Einfassung nebensächlich ist; er ist so herrlich, dass er am meisten geschmückt ist, wenn er uns als der vom Heiligen Geist geschilderte begegnet. Er bedarf deiner Nachhilfe nicht.

Er ist so lieblich, dass er den höchsten Geschmack der Gebildetsten aufs völligste befriedigt. Der größte Liebhaber von wohlriechenden Duftstoffen kann mit der Rose ganz zufrieden sein, und ich sollte meinen, dass kein Mensch von Geschmack jemals imstande sein wird, die Lilie zu kritisieren und ihre Form zu bemängeln Wenn die Seele zur höchsten Entwicklung des rechten Geschmacks gelangt ist, wird sie immer noch mit Christus zufrieden sein; sie wird besser imstande sein, ihn zu schätzen. Die Schönheit Christi ist so, dass, wenn wir zum Gottesdienst in eine Scheune gehen, wir ebenso befriedigt werden, als ob wir uns in einem Dom mit hohen Säulen und bunten Fenstern befänden, und wir sind zufrieden, wenn auch nichts da ist, das dem Auge wohlgefällt oder das Ohr entzückt. Wenn unsere Seele dem Geliebten nahekommt, ist sie mit ihm so zufrieden, dass sie allen äußeren Schmuck als bloße Kinderspielzeuge betrachtet, der wohl geeignet ist, diese arme Welt zu amüsieren, aber vergeblicher Tand für Männer in Christus Jesus ist, die durch Gewohnheit geübte Sinne haben und die gelernt haben, sich an edleren Dingen zu vergnügen als an äußerlichen Schaueffekten und Zeremonien. Gott gebe es euch zu erkennen, dass, wenn ihr Schönheit haben wollt, Jesus Sarons Rose ist, und wenn ihr fleckenlose Anmut haben wollt, um euren rechten Geschmack zu befriedigen, er die Lilie der Täler ist.

III.

Ich führe euch nun zu einer dritten Betrachtung, nämlich dem Einfluss seiner Empfehlung auf uns.

Christus wünscht, dass wir hohe und unübertroffene Ansichten von ihm haben möchten, und sein Wunsch hat unser Bestes im Auge, und weil dem so ist, sollten wir bemüht sein, nach solchen heiligen Gedanken über ihn zu trachten. Und wenn ihr mich fragt, wie man dazu gelangen könne, so hört mir einige Augenblicke zu. Vergegenwärtigt euch das Verderben dieser Welt, ehe Christus hinein kam. Mir ist, als sähe ich in einem Gesicht eine heulende Wüste, eine große und schreckliche Wüste wie die Sahara. Ich sehe nichts darin, was das Auge erfreuen könnte, ringsumher heißer, glühender Sand, bestreut mit Tausenden von gebleichten Skeletten von elenden Menschen, die in ihrer Verzweiflung starben, da sie sich in der erbarmungslosen Wüste verirrt hatten. Welch ein schrecklicher Anblick! Ein Sandmeer ohne Grenze und ohne eine Oase, ein trostloser Leichenacker für ein verlorenes Geschlecht!

Aber was sehe ich da? Ich sehe von dem brennenden Sand plötzlich eine Wurzel, einen Zweig, eine berühmte Pflanze aufsprießen, und indem sie wächst, beginnt eine Knospe zu schwellen, und die Knospe öffnet sich ‒ es ist eine Rose, und neben ihr neigt eine Lilie ihr bescheidenes Haupt, und Wunder der Wunder! Indem der Duft dieser Blumen sich über die Luft der Wüste verbreitet, werde ich gewahr, dass die Wüste in ein frucht-bares Feld verwandelt wird und dass es ringsumher grünt und blüht; die Herrlichkeit des Libanons ist ihr gegeben, der Schmuck des Karmels und Sarons. Nenne es nicht Sahara, sondern nenne es Paradies. Sprich nicht mehr davon als von dem Tal des Todesschattens, denn wo ich die Skelette in der Sonne bleichen sah, da sehe ich eine Auferstehung, und die Toten, ein gewaltiges Heer, erheben sich voll unsterblichen Lebens ‒ ihr könnt das Gesicht verstehen.

Christus ist die Rose, die alles verändert hat. Wenn ihr große Gedanken von Christus haben wollt, denkt an euer eigenes Verderben. Dort sehe ich dich als ausgesetztes ungewaschenes Kind, das in seinem Blut daliegt, zu schmutzig, um angesehen zu werden. Und was ist das, was dir in das Herz gelegt worden ist und dich plötzlich schön und lieblich gemacht hat? Eine göttliche Hand hat eine Rose in deine Seele gesenkt, und um ihretwillen bist du bemitleidet worden; du bist von deiner Befleckung gewaschen und gereinigt worden, bist in die himmlische Familie aufgenommen; das schöne Siegel der Liebe ist dir an die Stirn und der Ring der Treue dir an die Hand gegeben worden; du bist eine Prinzessin vor Gott, die du eben noch eine ausgestoßene Waise warst. O, schätze die Rose, die dich zu dem gemacht hat, was du bist.

Bedenke, dass du dieser Rose täglich bedarfst. Du lebst in der verpesteten Luft dieser Welt; nimm Christus weg, und du stirbst. Christus ist die tägliche Nahrung deines Geistes. Du weißt, dass du ohne deinen Herrn gänzlich kraftlos bist. Schätze ihn deshalb im Verhältnis zu deinen Bedürfnissen. Da du ohne seine Gegenwart nicht einmal beten oder einen annehmbaren Gedanken hegen kannst, so drücke ihn als den Geliebten deiner Seele fest an dein Herz. Getrennt von ihm bist du wie ein abgeschnittener oder verdorrter Zweig, der zum Verbrennen über die Gartenmauer geworfen wird; wenn du ihm aber nahe bist, kannst du Frucht zur Ehre Gottes bringen. Darum schätze ihn hoch!

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
301 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783958932821
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