Kitabı oku: «Asklepios»

Yazı tipi:

Charlotte Charonne

Asklepios

Thriller


Charonne, Charlotte: Asklepios. Thriller. Hamburg, edition krimi 2020

Originalausgabe 2020

Buch-ISBN: 978-3-946734-69-7

ePub-eBook-ISBN: 978-3-946734-70-3

Lektorat: Diana Itterheim

Umschlaggestaltung: © Anastasia Braun, BOD

Umschlagmotiv: © photocases.com/ Anja-S

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Die edition krimi ist ein Imprint der Bedey Media GmbH,

Hermannstal 119k, 22119 Hamburg.

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© edition krimi, Hamburg 2020

Alle Rechte vorbehalten.

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Prolog

„Willkommen!“ Ihre Stimme war cremig und süß wie ein Karamellbonbon. Sie observierte den vollständig ent­kleideten Mann, der auf dem Seziertisch festgeschnallt war: Körper und Kopf waren mit Lederriemen an das Metall fixiert, Hand- und Fußgelenke an das Gestell gefesselt.

Ihre Hände zierten hellgrüne Operationshandschuhe, die sich frühlingshaft gegen die weiße Einrichtung und die käsige Haut des Patienten abhoben. Fast zärtlich tätschelte sie seine Wange.

Langsam und leise, mit einem kaum merklichen Zucken der Augenlider, erwachte er aus der Anästhesie. Seine fettigen Wangen glänzten. Die ergrauten Haarsträhnen, die er sonst sorgfältig über die Halbglatze drapierte, hatten sich gelöst und flossen wie Kerzenwachs über seine Ohren.

Sie belauerte sein Erwachen und umkreiste ihn einige Male. Obwohl sie einen Operationskittel und klobige Hygiene­schuhe trug, bewegte sie sich selbstsicher und anmutig wie Asklepios, der Gott der Heilkunst, in seinem fließenden Gewand.

„Erinnern Sie sich an die Mädchen?“ Sie führte ihren Mundschutz an sein Ohr und hauchte ihm die Worte wie kleine Rauchwölkchen ein.

Seine Lider öffneten sich. Seine Augen wurden vom Neonlicht, das aus einer Röhre an der Kellerdecke strömte, geblendet und schlossen sich wieder. Ein Stöhnen kroch aus seiner Kehle. Es knirschte wie Schritte auf Glasscherben. Sein rechter Arm zuckte.

„Machen Sie sich nicht die Mühe, sich zu bewegen. Es wird Ihnen nicht gelingen.“ Der Mundschutz bedeckte ihr frostiges Lächeln. Ihre Stimmlage verlor mehr und mehr der anfänglichen Süße. „Hatten Sie Spaß mit den Kindern?“ Sie zog sein linkes Augenlid hoch und leuchtete mit einer Lampe in das Auge. Geübt wiederholte sie die Prozedur mit der anderen Pupille. „Mit Nicki? Mit Lisa?“ Die Fragen schnitten durch die Luft – scharf und biegsam wie ein Florett. „Mit Emma?“

Die Muskeln an seinem Kiefer zuckten.

Er röchelte.

„Entschuldigen Sie bitte. Mit dem Kieferspreizer können Sie mir natürlich nicht antworten.“ Sie griff an die Metallbügel und ruckelte sie sachte hin und her.

Er stöhnte.

„Aber das wissen Sie ja, stimmt’s? Schließlich haben Sie ein derartiges medizinisches Gerät ebenfalls verwendet.“ Ihr Tonfall war wieder kontrolliert; ihre Wut köchelte unterhalb der Haut.

Seine Augen quollen hervor. Sein nackter Körper schwängerte die Luft mit einem süß-säuerlichen Geruch. Instinktiv versuchte er, das Instrument mit der geschwollenen Zunge aus dem Mund zu schieben.

„Ich werde Sie von dem Mundspreizer befreien, damit wir uns in Ruhe unterhalten und die zu Ihrer Heilung notwendigen Eingriffe besprechen können. Sie sollten sich ruhig und vernünftig verhalten, damit wir eine Lösung in gegenseitigem Einvernehmen finden können. Falls Sie schreien, werde ich Sie zurück ins Traumland schicken.“ Sie löste die Feststellschrauben und entfernte das Metallgestell.

Er stieß einen Laut aus – irgendwo zwischen Angst, Erleichterung und Hoffnung.

„Beruhigen Sie sich. Es wird Sie ohnehin niemand hören. Ich denke, auch mit Schallisolation kennen Sie sich aus.“

Die Augen über dem Mundschutz betrachteten ihn fachmännisch.

Er schwitzte.

Dabei war der Raum auf zweiundzwanzig Grad, wie für Operationen vorgeschrieben, temperiert. Er erfüllte die speziellen Hygienevorschriften nach dem Infektionsschutz­gesetz und verfügte über eine raumlufttechnische Anlage. Er sollte sich während der chirurgischen Eingriffe keine Infektionen zuziehen. Schließlich wollte sie seine Gesundheit nicht gefährden.

Sie tupfte ihm den Schweiß von der Stirn und gönnte ihm den Luxus eines sterilen Lakens, um seine Nacktheit zu bedecken.

„Sie haben den Mädchen unsägliche Schmerzen zugefügt“, attestierte sie ihm, „und nun werde ich dafür sorgen, dass sich dies niemals wiederholt.“

Seine Panik war greifbar. Ein Schrei flog aus seiner trockenen Kehle und klatschte gegen die Fliesen. In dem Geräusch lag etwas Wildes, Verschlagenes wie in dem Lachen einer Hyäne.

„Sie brauchen keine Angst zu haben.“ Sie checkte seinen Blutdruck und seine Herzfrequenz. „Ich werde Sie nicht töten. Vertrauen Sie mir. Ich verstehe dieses Spiel besser als Sie.“

Teil 1

Kapitel 1
Samstag

„Tschüss, Emma!“ Paul warf seine Tochter hoch in die Luft, fing sie mit Leichtigkeit auf und stempelte ihre Wange mit einem Kuss. „Pass gut auf Oma auf!“

„Mache ich!“ Emma quietschte vergnügt und rannte in die offenen Arme ihrer Mutter.

„Bis Montag, Emma.“ Sophie strich ihrer Tochter eine hellblonde Strähne aus dem Gesicht. „Ich werde dich ganz doll vermissen. Ich habe dich lieb.“ Sie ging in die Knie und umarmte ihre Tochter.

„Ich hab’ dich auch lieb.“ Die Fünfjährige schlang die Arme um den Hals ihrer Mutter und presste ihr ein Küsschen auf die Backe. Sophie schnupperte ein letztes Mal an dem weichen Haar ihrer Tochter. Es roch nach Sonne und Frühling, nach Vertrautheit und Geborgenheit – einfach unbeschreiblich gut nach dem Emma-Eigengeruch. Sie bedachte den Scheitel mit einem Kuss.

„Macht, dass ihr fortkommt.“ Maria spornte sie mit einer wedelnden Hand zur Eile an. „Sonst verpasst ihr noch den Flieger. Wir kommen prima ohne euch klar.“

„Deine Mutter hat vollkommen recht.“ Paul ergatterte die Hand seiner Frau und zerrte sie zum Taxi. „Zwei Tage sind keine Ewigkeit. Im Gegenteil – viel zu kurz.“

„Genießt die Zeit!“ Maria hielt Emma an der einen Hand und winkte mit der anderen.

„Ganz bestimmt!“ Paul küsste Sophie auf den Mund und öffnete ihr die hintere Beifahrertür. „Wir fangen gleich hier auf der Rückbank an.“ Er zwinkerte ihr zu. „Seit fünf Jahren unser erstes zweisames Wochenende, und ich werde jede Sekunde auskosten.“

Sophie lachte. Er schlug die Tür zu, eilte auf die andere Seite des Wagens und verschwand im Innenraum.

„Tschüss, Emma. Danke, Mama!“ Sophie hatte die Scheibe heruntergekurbelt, lehnte sich aus dem Fenster und katapultierte ihren dichten Pferdeschwanz auf den Rücken. Eine lauwarme Brise wehte den Duft der Hyazinthen, die sie gemeinsam mit Emma im vergangenen Oktober gepflanzt hatte, in ihre Nase. In Blau, Weiß und Rosé grüßten sie jeden Besucher auf seinem Weg zum Eingang des Einfamilienhauses.

„Guck mal!“ Emma hatte den Haarschopf in den Nacken gelegt. „Da!“ Ihr Zeigefinger schoss in die Luft und zeigte auf einen Vogelschwarm.

„Das sind Schwalben.“ Marias Blick folgte dem kleinen Finger. „Sie kommen endlich zurück, um den Sommer bei uns zu verbringen.“

Sophie schützte ihre Augen vor den einfallenden Sonnenstrahlen. Statt den Schwalbenschwarm ebenfalls zu bewundern, hatte sie nur Interesse für ihre Tochter. „Tschüss!“, rief sie nochmals, während das Taxi die Einfahrt runterrollte.

„Tschüss, Mama!“ Emma kicherte. Ihr Händchen trudelte in der Luft.

Sophie winkte so lange, bis sie ihre Tochter nicht mehr sehen konnte.

„Und jetzt beginnt der Spaß!“ Maria blinzelte ihrer Enkelin zu. Womit fangen wir an?“

„Plätzchen backen!“ Sie hüpfte an der Hand ihrer Oma über die Steinplatten ins Haus.

„Wenn ich groß bin, werde ich Bäcker.“ Emma streute das Mehl großzügig auf die Arbeitsplatte und matschte genüsslich in dem Teig. „Dann kann ich den ganzen Tag backen.“

„Das ist eine großartige Idee.“ Maria unterdrückte einen Lachanfall und verlor fast das Gleichgewicht auf dem Tritthocker. Sie wankte. Um Haaresbreite wäre sie ins Leere getreten. Sie balancierte den Körper­schwerpunkt aus und zog die durchsichtige Dose mit den Plätzchen­ausstechern aus dem oberen Schrankbereich. „Einhundert­ein Cookie Cutters“ las sie und beäugte die bunten Plastikausstecher. „Das sind aber viele!“

„Ja, aber ich will nur die Tiere haben.“ Emma wischte sich einige Haarsträhnen aus der Stirn und verteilte dabei reichlich Mehl in ihrem Gesicht. „Für Mama und Papa – weil sie nicht mit uns in den Zoo gehen können.“

„Dann werde ich sie mal aus ihrem Gehege befreien.“ Maria schraubte den Deckel ab und schüttete den Inhalt auf die Küchentheke, an der sich oft Freunde oder Familien­mitglieder versammelten und an einem Glas Wein oder Aperitif nippten, während Emmas Eltern in der Küche werkelten und dem Essen den letzten Schliff verliehen.

Einige der Ausstecher schienen regelrecht zum Leben zu erwachen: Sie schlidderten über die Theke, fielen auf den Parkettboden und versuchten zu entkommen. Maria zuckelte auf die andere Seite der Theke und sammelte die Ausreißer ein. Anschließend verfrachtete sie Weihnachtsformen, Blumen und andere Motive zurück in die Box und baute die Ausbeute vor Emma auf. Zum Dank schenkte ihre Enkelin ihr ein breites Grinsen und gab die Aussicht auf ein noch lückenloses Milchgebiss preis.

„Ich will kein Arzt werden so wie du und Mama und Papa.“ Emma bemühte sich, den Teig mit ihren Händen platt zu pressen, wobei sie die Zungenspitze zwischen die Lippen klemmte. „Ich mag kein Blut.“ Sie packte das Nudel­holz und bearbeitete den Teigklumpen.

„Wir machen etwas Mehl an das Holz.“ Maria nahm ihr die Rolle ab und bestäubte sie mit dem weißen Pulver.

„Einmal habe ich mich geschnitten. Es hat geblutet und wehgetan.“ Emma hob demonstrativ einen mit Teig und Mehl überzogenen Finger in die Höhe. „Warum magst du Blut, Oma?“

„Oh, weißt du, eigentlich mag ich auch kein Blut sehen, aber mir gefällt es, Menschen zu helfen. Leider bluten viele von ihnen.“ Sie verstaute die Dose mit den restlichen Ausstechern wieder im Schrank.

„Vielleicht werde ich aber auch Kindergärtnerin.“ Emma klopfte mit den Fäusten auf den Teig. Dann kann ich ganz viel spielen, oder Kaninchenzüchter.“

„Kaninchenzüchter?“ Maria verkniff sich ein Lachen. „Das ist aber ein ungewöhnlicher Berufswunsch. Wie kommst du denn auf die Idee?“

„Weil ich ein Kaninchen haben möchte, aber Papa will das nicht.“

„Warum erlaubt er es nicht?“ Maria verfolgte die vergeblichen Bemühungen ihrer Enkeltochter, den Teig zu bezwingen. „Darf ich auch einmal rollen? Das habe ich schon so lange nicht mehr gemacht.“

„Okay.“ Emma reichte ihr das Nudelholz. „Papa meint, die sind sehr empfindlich und machen Dreck, und ich bin zu klein, um mich allein darum zu kümmern. Und wenn ich in die Schule komme, will Mama ihren Dacharzt machen. Dann hat sie auch keine Zeit, den Stall sauber zu machen.“

„Dacharzt?“ Maria grinste. „Ich dachte, wenn das Dach kaputt ist, kommt der Dachdecker. Meinst du möglicherweise einen Facharzt?“

„Genau. Darf ich wieder rollen?“ Emma walzte über den glatten Teig und grunzte zufrieden. „Jetzt ist es gut. Du darfst auch ausstechen!“

Sie füllten das Blech mit allerlei Zootieren und bugsierten es in den Ofen. Ein köstlicher Duft breitete sich in der Küche aus, während Emma die Ausstecher und allerlei Schüsseln in die Spülmaschine räumte und Maria die Küchenablage reinigte. Anschließend mischten sie Zuckerguss an und verliehen den Tieren einen kunterbunten Farbanstrich: Rote Löwen mit orangenen Mähnen tummelten sich friedlich neben grünen Giraffen mit pinken Flecken, Zebras mit farbenfrohen Streifen und anderen wilden Tieren. Beim Verzieren plapperte Emma fröhlich vor sich hin und füllte den Raum mit kindlichen Weisheiten und Gekicher.

Als die Tiere endlich auf den Plätzchenplatten grasten und die Küche von Mehlstaub und Farbkleksen befreit war, linste Maria erstmals auf die Uhr. „Was?“ Ihre Augen weiteten sich. „Schon ein Uhr? Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich glatt die Zeit vergessen habe. Was hältst du davon, wenn wir auf das Kochen verzichten und stattdessen sofort in den Zoo fahren? Auf dem Weg dorthin können wir bei meinem Lieblingsitaliener anhalten.“

„McDonalds?“ Emma neigte ihren Schopf zur Seite und ließ es auf einen Versuch ankommen.

„I-ta-li-e-ner!“ Maria betonte Silbe für Silbe, wobei ihre Augen größer und größer wurden.

„Gibt es da Eis?“ Emma kniff die Lippen zusammen und zog die Mundwinkel hoch.

„Aber hallo! Das beste Eis auf der ganzen Welt.“

„Echt?“ Emma riss die Augen auf.

„Wenn ich es sage! Also los!“

„Liest du mir noch eine Geschichte vor?“ Emma kuschelte sich in ihr Bett, das mit Prinzessin Lillifee-Bettwäsche und zahlreichen Kuscheltieren ausstaffiert war. Über ihr schwebte ein Himmel aus rosa-grün gestreiftem Stoff.

„Klar! Was möchtest du denn hören?“ Maria durch­forstete das Regal, in dem sich große und kleine, dicke und dünne Kinderbücher wie Wäschestücke auf einer Leine aneinanderdrückten. „Lauras Stern?“

„Der kleine Rabe Socke!“ Emma quetschte ihren Lieblings­hasen Flopsi in die Ellenbeuge und fingerte an dem abgegriffenen Ohr.

Maria verdrehte den Kopf, las die Titel auf den Buch­rücken und rupfte das gewünschte Buch heraus. Ihr Handy, das sie auf dem Nachttisch geparkt hatte, klingelte. Sie schaute auf das Display und zwinkerte Emma zu. „Unser Kontrollanruf – pünktlich wie die Maurer.“

Emma gluckste.

„Hallo, Sophie“, meldete sich Maria, „wie geht es euch?“

„Richtig gut! Wir hatten einen wundervollen Tag. Und ihr?“ Sophie saß in der Tower Bar des Hotel Hafen Hamburg und genoss das Panorama auf den Hamburger Hafen.

„Ebenfalls. Emma hat mich ordentlich auf Trab gehalten. Sie könnte glatt meinem Chefarzt Konkurrenz machen.“ Maria setzte sich auf die Bettkante und legte das Buch auf ihrem Schoß ab.

„Kann ich Emma mal sprechen?“ Sophie beäugelte das leere Champagnerglas, mit dem sie zuvor mit Paul angestoßen hatte. Sie hatten ihre Rückkehr in das Hotel, in dem sie vor sieben Jahren ihr erstes gemeinsames Wochenende verbracht hatten, gebührend gefeiert.

„Sie liegt neben mir. Ich gebe sie dir.“ Maria reichte das Telefon weiter.

„Hallo, mein Schatz“, sagte Sophie, „hattest du einen schönen Tag?“ Sie entdeckte den Kellner, der sich ihrem Tisch mit der Rechnung näherte. Sein feierliches Mienenspiel passte zu der schwarzen Fliege, dem weißen Hemd und den auf Hochglanz polierten Lackschuhen.

„Jaaaaa!“ Emma nickte. „Wir haben eine Überraschung für euch gebacken und Eis gegessen und waren im Zoo.“

„Das hört sich richtig spannend an. Was denn für eine Überraschung?“ Sophies Gesicht leuchtete, angesteckt durch die Begeisterung, die in der Stimme ihrer Tochter hüpfte.

„Das kann ich nicht sagen.“ Emma rollte mit den Augen. „Dann ist es doch keine Überraschung mehr!“

„Das stimmt“, lachte Sophie, „aber du hast mich ganz neugierig gemacht.“ Sie kuschelte sich in Pauls Arm. „Schlaf gut und träume etwas Schönes. Ich habe dich lieb und vermisse dich.“ Sophie schmiss ein Küsschen in die Leitung.

„Ich habe dich auch lieb, Mama.“

„Warte – Papa möchte dir auch Gute Nacht sagen.“ Sophie reichte ihr Telefon weiter.

„Emma?“ Paul drückte das Handy an sein Ohr. Mit der freien Hand streichelte er Sophies Arm.

„Hallo, Papa!“, fiepte Emma.

„Hallo! War Oma brav?“, scherzte Paul. Um die Augen in dem noch jungenhaften Gesicht tanzten winzige Lachfältchen.

Emma giggelte. „Ja, ganz brav.“

„Sie hat also alles gemacht, was du wolltest?“

Emmas Locken wippten zustimmend.

„Und was macht ihr jetzt?“ Pauls Blick klebte auf Sophies Dekolleté.

„Oma liest mir vor.“ Emma blickte zu dem Bilderbuch.

„Prima! Dann noch viel Spaß euch beiden. Schlaf gut. Bis morgen Abend.“ Paul riskierte einen weiteren Ausblick in Sophies Ausschnitt. „Den werden wir heute auch noch haben“, säuselte er in Sophies Ohr.

„Bis morgen“, trällerte Emma und reichte ihrer Großmutter das Telefon.

„Hallo?“ Maria sprach in die Muschel. „Keiner mehr dran“, erklärte sie Emma und beförderte das Telefon zurück auf den Nachttisch. „Dann können wir ja jetzt in Ruhe lesen.“

Sie blätterte das Buch auf und las ihrer Enkeltochter vor, wie der kleine Rabe Socke zu seinem Namen gekommen war. Dabei präsentierte sie das Buch so, dass Emma die Bilder ebenfalls betrachten konnte.

„Das ist eine schöne Geschichte.“ Maria klappte das Bilderbuch zu und stellte es zurück zu seinen Kameraden. „Die kannte ich noch gar nicht.“

Sie gähnte und bewunderte ihre Enkeltochter, die trotz des anstrengenden Tages noch absolut fit schien. „Bist du gar nicht müde?“

„Ich bin nie müde.“ Emma drückte Flopsi an sich.

„Das gibt es doch nicht.“ Maria hockte sich nochmals auf die Bettkante und koste Emmas weiches Haar.

„Aber damit ich einschlafen kann, singen Mama oder Papa mir immer etwas vor.“ Sie lächelte verschmitzt und fügte ernst hinzu: „Manchmal habe ich Angst im Dunkeln. Aber nicht vor Monstern. Die gibt es nicht.“

„Wovor hast du denn Angst?“

„Nichts sehen zu können. Und keine Luft zu bekommen. So wie in einem dunklen Keller ohne Fenster.“

„Ach so.“ Maria streichelte Emma über den Scheitel. „Das finde ich auch sehr unangenehm, und damit es nicht dunkel wird und du genügend Luft bekommst, lassen wir deine Tür einen Spaltbreit offen und das Licht im Flur an. Einverstanden?“

Emma nickte.

„Und singen kann ich auch.“ Maria glättete die Decke. „Als deine Mama klein war, mochte sie am liebsten La le lu.“

„Das mag ich auch am liebsten.“ Emma stemmte Flopsi in die Luft. „Und Flopsi auch.“

„Das trifft sich gut. Dann singe ich dir das Lied vor.“

„Ich muss aber erst noch beten.“ Emma legte den Hasen beiseite und faltete die Hände. Nachdem sie mit ernster Miene ein Nachtgebet gesprochen hatte, schloss sie die Augen, lauschte Marias Gesang und war bereits bei der zweiten Strophe eingeschlafen.

Maria küsste sacht ihre Stirn und ließ die Zimmertür, wie versprochen, offenstehen. Das Licht vom Korridor schlich auf Zehenspitzen in Emmas Zimmer und leistete ihr bis zum nächsten Morgen Gesellschaft.

Kapitel 2
Sonntag

„Wenn du möchtest, können wir heute Nachmittag in ein Freigehege fahren und die Rehe füttern. Das Wetter ist so herrlich.“

Maria stieg aus dem Sandkasten und klopfte sich den Sand von der Hose.

„Au ja!“ Emma quietschte vor Vorfreude und lief zur Schaukel, die Paul in einem greisen Baum für sie angebracht hatte. „Ich schaukle so lange, bis du die Nudeln gekocht hast!“

„Aber nicht zu hoch!“ Maria hob mahnend einen Finger.

„Dooooch!“ Emma umfasste die Stricke und hievte sich geschickt auf das Brett.

„Dann halte dich gut fest! Soll ich dich anschubsen?“

„Das kann ich alleine!“ Der Stolz in Emmas Stimme war unüberhörbar.

„Prima! Ich setze nur kurz das Nudelwasser auf und bin gleich wieder da.“

Maria überquerte die Wiese und die Terrasse, streifte die Schuhe auf der Fußmatte, die mit dem Schriftzug Willkommen grüßte, ab und eilte in die Küche.

Als sie die Sonnencreme für Emma endlich gefunden hatte, kochte das Wasser bereits. Rasch warf sie die Nudeln hinein, regelte die Temperatur der Herdplatte, durchkreuzte den Wohnraum und trat ins Freie.

Sie spähte durch den Garten zur Schaukel.

Das Schaukelbrett war leer.

„Emma?“ Maria lugte durch den Garten. „Emma?“ Ihre Stimme kletterte in einen höheren Oktavbereich. Sie lauschte.

Vögel zwitscherten. Irgendwo bellte ein Hund, und in der Ferne heulte ein Motor auf.

Kein Kichern von Emma.

Maria sauste durch die gepflegte Gartenanlage und suchte hinter Büschen und Bäumen sowie in der Gartenlaube.

Keine Spur von Emma.

Sie kehrte ins Haus zurück, ohne ihre Schuhe auf der Matte abzutreten.

„Emmaaaaaaaa?“ Mit Riesenschritten durchquerte sie den Wohnbereich, klopfte an die Tür des Gäste-WCs, zögerte für einen Moment und öffnete sie. Emma war nicht da.

„Emmaaaaaa?“ Maria stürmte die Treppe hinauf und wiederholte die Prozedur an der Badezimmertür. Das Bad war leer.

Sorge grub sich in jede Pore ihres Körpers und fraß sich bis ins Knochenmark, während sie Emmas Zimmer, das Schlafzimmer und das Arbeitszimmer betrat. Von Emma fehlte jede Spur.

„Emma? Ich kann dich nicht finden. Wo bist du?“ Eine eiserne Zange umklammerte Marias Magen und quetschte ihn zusammen. „Hast du dich versteckt? Komm raus. Du hast gewonnen. Dein Versteck ist zu gut.“

Kein Laut.

„Bitte, Emmaaaaa“, flehte sie.

Sie spitzte die Ohren. Gespenstische Stille erfüllte das Haus. Von unten drang ein zischendes Geräusch herauf. Das Nudelwasser kochte über.

Maria hastete die Treppe hinunter, schaltete den Herd aus und rannte in den Keller. „Emma?“, schluchzte sie, während sie Vorratskeller, Waschkeller und Heizungskeller begutachtete. „Emma, bitte, komm raus!“, wiederholte sie immer wieder, während sich hektische Flecken auf ihrer Haut abzeichneten.

Auf der Kellertreppe stolperte sie über ihre eigenen Füße und schlug hart mit dem Kinn auf. Sie presste die Hände gegen den pochenden Schmerz. Klebriges Blut glänzte in den Handflächen. Sie schmierte es achtlos an den Hosenbeinen ab.

„Emma?“ Sie weinte beinahe, als sie zurück in den Garten hetzte. „Ruhig bleiben“, mahnte sie sich. „Emma erlaubt sich nur einen Scherz. Sie findet es bestimmt lustig.“

Maria preschte zurück ins Haus und durchsuchte jeden Winkel. Sie tastete die Vorhänge ab, verrutschte alle Sitzgelegenheiten und durchwühlte jeden Schrank. Von Raum zu Raum wurde sie unruhiger. Panik nistete sich in ihrem Körper ein wie tiefziehende Wolken in einem Gebirge.

„Emma?“ Die Silben überschlugen sich.

Sie flitzte zurück in den Garten und durchkämmte nochmals alle Plätze, die für ein Versteck in Betracht kamen. Diesmal hob sie die achtlos zur Seite gelegte Plastik­plane hoch, die zur Abdeckung des Sandkastens diente. Darunter war nur das Gras.

Maria flog zurück ins Haus und stellte abermals alle Räume auf den Kopf. Mittlerweile ähnelten sie einem Napoleonischen Schlachtfeld: Auflagen und Kissen waren von dem Sofa gezerrt und Stühle weggerutscht worden, Schranktüren standen offen, Schrankinhalte überfluteten die Böden.

Im Badezimmer kreuzte ihre Suchaktion den Spiegel. Ihr Gegenüber hatte hektische rote Flecken im Gesicht. Schweißperlen rannen von der Stirn. Der Mascara war hinweggespült worden und hatte sich in gespenstische Augenringe verwandelt.

Maria lief zur Haustür, stopfte den Schlüssel, der im Schloss baumelte, in ihre Hosentasche und fegte zum Nachbarhaus. Emma spielte manchmal mit dem Nachbars­mädchen, obwohl dieses drei Jahre älter war. Sie drückte auf den Klingelknopf. Nach einigen ungeduldigen Sekunden läutete sie Sturm. Niemand erhörte den Lärm.

Sie wendete sich nach links, trabte an dem Haus ihrer Tochter vorbei und schellte bei den anderen Nachbarn. Das kinderlose Ehepaar war nicht zu Hause.

Maria jagte zurück zu Sophies Haus. Kalter Angstschweiß durchnässte ihre Bluse. Mit zittrigen Fingern führte sie den Schlüssel ins Türschloss und brüllte aus Leibeskräften: „Emmaaaaaaaaaaaaaa!“

Eisige Ruhe schlug ihr entgegen.

Sie hechtete zu ihrer Handtasche, wühlte nach dem Handy und wählte die Nummer ihrer Tochter.

Paul wickelte Sophies Haare mehrmals um seine Hand und bettete sie auf dem Kopfkissen. Dann küsste er sie auf den freigelegten Nacken. Von dort aus wanderten seine Liebkosungen ihre Wirbelsäule hinab. Sie erschauerte unter den zärtlichen Berührungen.

„Du riechst so verführerisch“, säuselte er.

„Immer noch?“ Sie schnurrte wie eine Katze vor dem Kamin. „Hast du noch nicht genug von mir?“ Sie räkelte sich.

„Oh nein!“ Seine Küsse erreichten ihren Po. „Niemals. Das Programm heute wird geändert. Zimmerservice …“

Aus den Augenwinkeln realisierte er ein Leuchten. Ihr Handy, das auf einem Sessel in der Nähe des Bettes lag, blinkte und vibrierte. Auf seinen Wunsch hin hatte sie den Störenfried auf leise gestellt. Er ignorierte das Gerät und widmete sich wieder seiner Frau.

„Du fühlst dich gut an.“ Seine geübte Hand liebkoste die Innenseite ihrer schlanken, festen Schenkel.

Sophie drehte sich auf den Rücken.

„Mist!“ Maria schleuderte das Handy auf den Esstisch und massierte ihre Schläfen und Augenbrauen. „Emma, wo steckst du nur?“, flüsterte sie. „Wie soll ich denn die Telefonnummern von deinen Freundinnen herausfinden, wenn deine Eltern nicht ans Handy gehen?“

Sie lief einige Male im Zimmer auf und ab. Schließlich griff sie das Telefon erneut und tippte die Zahlen­kombination eins eins null.

Kapitel 3
Zwei Wochen später

„Sitz!“ Britta verband das Kommando nachdrücklich mit dem erhobenen Zeigefinger. Der Beagle parierte und pflanzte sein Hinterteil auf den Waldweg. „Gut!“, lobte sie und belohnte das Tier mit einem Hundeleckerli.

„Und jetzt, Anton“, sie löste die Leine vom Halsband, „darfst du frei laufen, aber du bleibst dicht bei mir und kommst, wenn ich dich rufe. Genauso wie wir es mit der Schleppleine geübt haben. Hörst du?“

Der Beagle kippte den Schädel zur Seite.

„Prima! Dann los!“

Anton sprang auf, seine Ohren flatterten. Britta schritt zügig über den Weg. Der Boden war fest. Es hatte schon länger nicht geregnet. Über den Baumwipfeln thronte ein azurblauer Himmel, auf den ein unbekannter Künstler einige Zuckerwattewolken gemalt hatte. Die Sonne zwängte gelbe schräge Strahlen durch das Blätterwerk und zauberte filigrane Muster auf den Pfad.

Anton lief einige Meter vor ihr her und schnüffelte begeistert an Erde und Laub. Hin und wieder kurbelte er seinen braun-weißen Beaglekopf zurück und vergewisserte sich, dass der Abstand zwischen ihm und Britta nicht zu groß wurde.

Der intensive süßliche Duft der Maiglöckchen kletterte in Brittas Nase. Sie staunte über die großen Mengen der kleinen krautigen Pflanze, die aus dem Waldboden geschossen waren und ihre glockigen Blüten den Sonnenstrahlen entgegenstreckten.

„Hierher, Anton, komm!“

Anton parierte erneut aufs Wort, schoss auf sie zu und umgarnte sie mit seinen sanften haselnussbraunen Augen.

„Guter Hund!“ Britta kraulte den Rüden hinter den Ohren. „Das machst du super. Weiter!“

Der Beagle trabte einige Meter vorweg. Seine Rute wedelte fröhlich.

Britta bemerkte ein Rotkehlchen, das auf einem Ast wippte und trillerte. Seine orangerote Vorderbrust leuchtete unter dem Frack aus Federn. Perlende, reine Töne schwirrten über die Waldbühne, die Brittas Körper mit einem warmen Gefühl von Zufriedenheit erfüllten.

Anton vergrub seine Nase in der Walderde am Weges­rand. Abrupt schien er eine Fährte aufzunehmen. Er schnüffelte, schoss im Zickzack über den Boden und schien die Welt um sich herum vollkommen auszublenden.

„Anton, komm!“ Britta stützte die Hände in die Hüften.

Der Hund reagierte nicht. Stattdessen stob er in das Unterholz.

„Das darf doch nicht wahr sein!“, schimpfte sie leise und starrte zwischen Baumstämme und buschiges Grün. „Anton, komm!“ Britta versuchte abermals vergeblich ihr Glück. „Na super“, kommentierte sie laut. „Die in der Hundeschule haben gut reden, von wegen nicht hinterherlaufen und nicht schreien. Und jetzt? So ein Granatenmist!“

Sie verließ den Weg und stapfte einige Schritte hinter dem Hund her. „Verdammt und zugenäht! Komm, Anton, hierher!“ Sie blieb stehen und lauschte. Das Rotkehlchen sang aus lauter Kehle. In einem Sonnenstrahl, der durch das dichte Geäst fiel, tanzten Insekten. Aus der Richtung, in die Anton verschwunden war, kam das Scharren von Pfoten. Dann hörte sie ein Winseln.

Britta rannte los. Sie stolperte über einen Wurzel­ausläufer und verlor fast die Balance.

„Anton!“ Sie konnte das Tier nicht sehen. „Anton, komm, bitte!“, flehte sie. Eine beängstigende Stille senkte sich über das Waldstück.

Kein Scharren.

Kein Winseln.

Selbst das Rotkehlchen war verstummt.

„Anton?“ Die aufbrausenden Tränen raubten ihr die Sicht. Brittas Verstand füllte die Stille mit einem grausamen Szenario nach dem anderen. Was, wenn Anton immer tiefer in den Wald vordrang und sie ihn nicht mehr finden konnte? Wenn er ein vergiftetes Stück Fleisch gefressen hatte, das von einem Hundehasser ausgelegt worden war? Oder er einem Jäger über den Weg lief, der ihn gnadenlos erschoss? Ein gewaltiger Druck breitete sich hinter Brittas Stirn aus.

Da! Ein Winseln!

Britta stolperte darauf zu. Ein tiefhängender Zweig verfing sich in ihrem Haar. „Mist“, fluchte sie. „Anton?“ Sie befreite die Strähnen und kämpfte sich weiter zu dem Winseln vor. Endlich erspähte sie den Beagle. Tränen der Erleichterung verschafften sich Luft. Gleichzeitig spürte sie, wie kalter Angstschweiß über ihren Rücken rann. Sie zwang sich zur Ruhe, um Anton nicht ein weiteres Mal zu verlieren.

„Anton, komm. Hier!“ Es gelang ihr, den Befehl mit ruhiger, fester Stimme zu geben. Trotzdem reagierte er nicht. Wie von Sinnen scharrte er im Boden.

Britta näherte sich dem Tier langsam von hinten, um es nicht zu ängstigen und tiefer in den Wald zu treiben. Sie hatte den Hund fast erreicht. Noch zwei Schrittlängen. Sie fixierte das Halsband und streckte ihre Finger danach aus. Endlich bekam sie es zu fassen.

„Anton! Du böser Hund!“, schalt sie halbherzig und zog den Rüden zu sich heran.

Anton winselte, lehnte sein Gewicht gegen das Lederhalsband und wand sich wie ein Wurm am Angelhaken.

„Aus!“, befahl Britta. Sie konnte das Tier kaum halten. Ihre Aufmerksamkeit kroch vorsichtig zu der Stelle, an der Anton zuvor gegraben hatte. Sie sperrte den Mund auf und schnappte nach Luft. Entsetzen fraß sich in ihre Gesichtszüge. Ihr Blick heftete sich an ihre Hände, die ihrerseits an Antons Halsband Halt suchten. Die Fingerknöchel zeichneten sich weiß unter der Haut ab. Äste und Dornen hatten blutige Kratzer auf die Handrücken gezeichnet. Britta wurde schwindelig. Der Waldboden bebte und die Bäume schwankten. Gleichzeitig schien sich die gesamte Kulisse wie ein Karussell zu drehen. Sie presste die Augenlider zusammen und konzentrierte sich darauf, ruhig durchzuatmen.

Anton zerrte und zerrte an seinem Halsband.

Britta beruhigte sich allmählich. Fast zwanghaft wagte sie eine nochmalige Überprüfung. Es war noch da: Ein Unterarm mit einer Hand. Die Haut wirkte grünlich und marmoriert, als wollte sie sich ihrer Umgebung an­passen, um unentdeckt zu bleiben. Sie umklammerte Antons Leder­band mit beiden Händen und unterdrückte die aufkeimende Übelkeit.

Es war ein Arm.

Der Arm eines Kindes.

Eines kleinen Kindes.

Kapitel 4
Drei Wochen später

„Emma, Emma …“ Sophies Lippen bewegten sich fast lautlos. Sie stierte paralysiert auf den Sarg, der im Altarbereich aufgebahrt war. Auf dem weißen Holz tanzten Kornblumen, Heide-Nelken und andere bunte Wiesenblumen, deren Farben von dem Meer aus Kränzen und Blumen, das den Kindersarg umgab, aufgenommen wurden. Es wirkte geradeso, als würde Emma auf einer Frühlings­wiese ruhen.

Sophie war während der letzten Wochen zusehends schwächer geworden wie eine Rose, der Wasser fehlte. Am Ende war sie vollkommen verblüht.

In den ersten Tagen nach Emmas Verschwinden hatte sie eine Hyperaktivität an den Tag gelegt, die ihrer sonst besonnenen Art vollkommen fremd war. Um Emma zu finden, hatte sie mehrmals die Polizei aufgesucht, Flugblätter gedruckt und verteilt, mit der Presse sowie Radio- und Fernsehsendern Kontakt aufgenommen und sinnlos von früh bis tief in die Nacht die Gegend abgefahren. Darüber hatte sie das Essen vergessen. Paul kostete es alle Überredungskünste, ein paar Brocken in sie hineinzuzwängen, wenn er abends aus der Klinik nach Hause kam – falls er sie dann überhaupt antraf.

Mittlerweile ähnelte sie Grizabella aus dem Gedicht Rhapsody on a Windy Night von T.S. Eliot. Ihre Kleider baumelten lose an ihren Schultern wie auf einem Bügel. Unter ihren Augen lagen violette Ringe. Ihr Haar hatte seinen Glanz verloren und fiel büschelweise aus. Ihr Blick huschte nervös hin und her. Bei jedem Laut zuckte sie zusammen, fuhr aber bei dem Vorschlag, therapeutische Hilfe zu suchen, aus der zerknitterten Haut.

Paul umfing ihre Taille und presste sie an sich. „Komm, Sophie. Wir bleiben an Emmas Seite.“

Tiefes Schweigen erfüllte die überladene Kirche. Nicht nur Familienangehörige, Freunde, Bekannte und Kollegen waren zu der Beerdigungszeremonie erschienen, sondern auch zahlreiche Unbekannte.

Die Glocken begannen zu läuten. Der kleine Sarg wurde von Pauls Kollegen, die über die Jahre in der Klinik zu engen Freunden geworden waren, hinausgetragen. Die Ärzte hatten ihre weißen Kittel gegen schwarze Anzüge getauscht. Obwohl sie dem Tod stets nahe waren, spiegelten ihre Mienen tiefe Betroffenheit und Anteil­nahme wider.

Paul schob Sophie sachte von der Bank in den Mittelgang. Sie schaffte es, einen Fuß vor den anderen zu setzen und hinter dem Pfarrer, der dem Blumensarg unmittelbar folgte, herzuwanken. Tränen strömten über ihr Gesicht.

Ein Fußweg führte zu dem kleinen Friedhof hinter der Kirche. Das Knirschen von Kies, das die schweren Schritte erzeugten, mischte sich mit dem Glockenklang. Die Trauerprozession machte vor einem ausgehobenen Grab halt.

Der Pfarrer zitierte den Bibelvers, den Sophie und Paul für Emma ausgewählt hatten. Sophie umschlang ihren Oberkörper mit den Armen und wiegte sich vor und zurück. Paul hielt sie fest, aus Angst, sie könnte in das offene Grab fallen. Dann übergaben die Sargträger den Kindersarg Zentimeter für Zentimeter dem Erdreich.

Stille breitete sich aus. Sie schlich über den Friedhof und schien die Luft zum Atmen zu zerdrücken. Leise stellte sich ihr ein Sopran entgegen. Mit jeder Note wurde er lauter.

“La le lu

Nur der Mann im Mond schaut zu

Wenn die kleinen Babys schlafen

Drum schlaf’ auch du …”

Sophie und Paul hatten das Lied für Emma ausgesucht. Es war das Lied, das sie am liebsten gemocht hatte und das ihre Eltern ihr immer und immer wieder hatten vorsingen müssen, wenn sie keinen Schlaf finden konnte.

Pauls Bruder Thomas fügte persönliche Worte an, die er gemeinsam mit Paul niedergeschrieben hatte. Paul und Sophie hätten dazu in diesem Moment nicht die Kraft gefunden. Auch Thomas gelang es nicht, das Zittern aus seiner Stimme zu verbannen. Er war Emmas Patenonkel gewesen und hatte es nie als Pflicht, sondern als Freude empfunden, mit Emma zu spielen und kleine Überraschungs­ausflüge für sie zu organisieren.

„Aus der Erde bist du genommen, der Erde geben wir dich zurück, dein Gott wird dich rufen zu neuem Leben.“ Der Pfarrer trat vor und warf dreimalig Erde in das Grab, während er sprach. „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.“

Paul nahm mit der freien Hand Erde auf und lies sie durch die Finger auf den Sarg rieseln. Das leise Geräusch, als die Erdbröckchen auf den Sarg fielen, machte den endgültigen Abschied schmerzhaft deutlich.

Sophie presste sich die Hände auf die Ohren.

„Sophie?“ Paul drückte ihre Seite.

Sie zeigte keine Reaktion.

Behutsam umfasste er ihre Handgelenke und zog die Hände von ihren Ohren. „Sophie, hörst du mich? Nimm die Blütenblätter und streue sie auf Emmas Weg.“

Sophie verharrte reglos. Sie starrte mit weit aufgerissen Augen auf den Sarg.

Paul umschlang wieder ihre Taille, aus Angst sie könnte stürzen. „Sophie? Die Blumen!“

Wie eine von Fäden geführte Marionette versenkte Sophie ihre Finger in der Schale mit den zartrosa Pfingstrosen­blütenblättern, die Emma geliebt hatte. Mechanisch, von unsichtbaren Strängen geführt, tauchte die Hand aus dem Blättermeer auf. Langsam entkrampften sich die Finger, und Blüte für Blüte schwebte auf Emmas Sarg, bedeckte die Erde und verschmolz mit der Blumenwiese auf dem Holz.

„Komm, Sophie.“ Er lenkte sie von dem Grab weg und gab den Platz für Maria frei. Diese verabschiedete sich still von ihrer Enkeltochter. Dann ließ auch sie behutsam eine Handvoll Erde auf den Holzsarg prasseln.

Paul führte Sophie zum Auto, das vor der Kirche parkte. Sie hatten darum gebeten, von Beileidsbekundungen am Grab Abstand zu nehmen. Er öffnete die Beifahrertür und dirigierte Sophies Körper auf den Beifahrersitz. Sie schien ihre Umwelt nicht wahrzunehmen. Er startete den Motor und steuerte das Restaurant an, das sie für das gemeinsame Speisen der Trauergäste gebucht hatten. Er wusste nicht, wie Sophie den Tag überstehen sollte. Und auch nicht die Tage, Monate und Jahre, die nun folgen würden.

Kapitel 5
Ein Jahr später

Kölner Stadtschau, 31.5.2001

Lebenslang für Mord an Emma H.

Höchststrafe für Georg S.

Das Landgericht Köln hat das Urteil gegen Georg S. gefällt. Der Angeklagte wurde für den Mord an der fünfjährigen Emma H. zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Das Gericht hat die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Damit ist eine vorzeitige Entlassung auf Bewährung nur in besonderen Ausnahmefällen, wie zum Beispiel schwerer Erkrankung, möglich. Eine anschließende Sicherungsverwahrung nach Verbüßung der lebenslangen Haftstrafe (fünfzehn Jahre) wurde jedoch nicht verhängt.

Die Begründung für diesen Beschluss liegt in dem eingeholten psychiatrischen Gutachten, das die Kriterien für eine Sicherungsverwahrung im Falle des Georg S. nicht erfüllt sieht. Bei Georg S. besteht nach Auffassung des psychiatrischen Sachverständigen kein Hang, vergleichbare Handlungen in Zukunft aufs Neue zu begehen. Des Weiteren sei die Persönlichkeitsstörung des Mörders unter Therapie im Strafvollzug korrigierbar.

In seinem letzten Wort vor der Urteilsberatung äußerte der Angeklagte Einsicht und Reue, bat die Angehörigen des Opfers um Entschuldigung und erklärte sich bereit, das Therapie- und Hilfeangebot anzunehmen, was die Entscheidung der Richter beeinflusste.

Im April 2000 hatte Georg S. die fünfjährige Emma H. aus dem Garten ihres Elternhauses entführt. Er betäubte das Mädchen mit Chloroform und brachte es in sein nur wenige Kilometer entferntes Haus. Die Leiche des Mädchens wurde zwei Wochen später von einer Spaziergängerin und ihrem Hund in einem Waldstück entdeckt. Hinweise aus der Bevölkerung führten schließlich zur Festnahme des Mörders.

In seinem Keller stellten Polizeibeamte Sexspielzeuge sadistischer Natur wie Gummimasken, Silikon-Mundknebel und Maulsperren mit Lederbändern sowie Videos, die den Missbrauch dokumentieren, sicher.

Emma H. befand sich fünf Tage lang in der Gewalt von Georg S., bis er sie, laut Aussage des Angeklagten, erwürgte, weil sie zu stark blutete und ständig nach ihrer Mama rief.

Die Staatsanwaltschaft legte Revision ein.

Kapitel 6
Drei Jahre später

„Doktor Kaiser“, meldete sich Maria, nachdem ihr Piepser ein Schrillen von sich gegeben hatte. Sie hatte bereits seit zwei Stunden Dienstschluss. Anstatt direkt nach Hause zu fahren, hatte sie es vorgezogen, im Arztzimmer zu bleiben und gemeinsam mit einem Foto von Sophie und Emma auf ihre Schuldgefühle anzustoßen, bevor sie sich auf den Heimweg machte. Sie strich mit dem Zeigefinger über die Porträts und steckte das Foto zurück in die Brieftasche.

„Doktor Kaiser? Gott sei Dank! Autounfall. Not­aufnahme.“ Die routinierte Stimme geizte mit Worten.

„Ich komme.“ Maria gönnte sich einen letzten Spritzer Wodka, spülte das Glas mit Wasser aus und stellte es zum Abtropfen auf das Tablett neben der Kaffeemaschine. Sie verstaute die Flasche in ihrer Umhängetasche sowie ein Pfefferminzbonbon in ihrem Mund, verließ das Arzt­zimmer und hechtete zum Aufzug. Dort drückte sie auf den Knopf und wartete auf den Lift.

„Guten Abend, Doktor Kaiser.“ Die Nachtschwester sauste an ihr vorbei.

„Guten Abend, Schwester Susanne.“ Sie schaute der Krankenschwester, die das Zimmer 312 betrat, hinterher. Über der Zimmertür blinkte ein rotes Lämpchen.

Die Fahrstuhltüren glitten auseinander. Maria betrat das Gefährt und tippte den Knopf, der zur Notaufnahme im Erdgeschoß führte. Der Lift stoppte mit einem sachten Ruck, der ausreichte, um einen Kloß in ihren Hals zu befördern. Sie schluckte vergeblich und räusperte sich ­mehrere Male, während sie durch den leeren Flur eilte. Das Echo ihrer Tritte hallte vorwurfsvoll von den Wänden.

Maria erreichte die Notfallstation, trat an das Waschbecken, wusch ihre Hände und Unterarme und schrubbte ihre gekürzten Fingernägel. Sie trocknete sich mit Papier­handtüchern ab, rieb die Haut gründlich mit einem Desinfektions­mittel ein und blickte in den Spiegel. Über dem Mundschutz lauerte ein Augenpaar – skeptisch, vorwurfs­voll, resigniert. Geplatzte Äderchen hatten zwei rote Netze gewebt, in deren Mitte jeweils eine blaue Iris gefangen saß. Die geröteten Lider umrahmten die surrealistischen Kreationen. Sie unterbrach den Blickkontakt und wankte in den Raum.

Eine düstere Vorahnung hockte wie ein fetter schwarzer Rabe auf ihrer Schulter. Langsam stakte sie auf das Untersuchungsbett zu. Die Stimmen des Anästhesisten, zweier Assistenzärzte und mehrerer Schwestern drangen – von einer unsichtbaren Glasglocke gedämpft – in ihren Gehörgang. Sie wichen auseinander und ebneten ihr den Weg zu dem Patienten.

Marias Blick streifte das Gesicht der Verletzten. Unverzüglich spürte sie ein Flimmern vor den Augen und ein Zittern in den Beinen. Das Mädchen war ungefähr in Emmas Alter. „Wo sind die Unfallchirurgen?“ Maria schwankte kaum merklich und stützte sich am Bett ab.

„Sie sind nebenan. Autounfall mit fünf Schwerverletzten.“ Die Augen des Anästhesisten funkelten zwischen Mundschutz und Haube.

„Und der Kinderchirurg?“ Sie atmete einige Male tief durch. Das Schwindelgefühl wurde besser.

„Wir konnten ihn erst nicht erreichen.“ Die Schwester schlug die Augen nieder. Der Arzt war für seine zahl­reichen Eskapaden mit hübschen Krankenschwestern bekannt. „Er ist jetzt unterwegs.“

„Wie bitte?“ Maria versuchte, sich zu sammeln. „Und die Allgemeinchirurgen? Ich bin Ärztin für plastische Chirurgie. Das Kind ist höchstens fünf Jahre alt!“

„Einer ist ebenfalls in einem der anderen Räume! Und einige andere Kollegen nehmen an einem Ärztekongress teil.“

„Das kann doch nicht wahr sein!“ Die Hiobsbotschaft stach in Marias Trommelfell. Das Flimmern war zwar besser geworden, und sie konnte den kleinen Körper gestochen scharf sehen, aber ihre Beine bebten noch immer. Sie trat einen wackeligen Schritt näher.

„Verdacht auf Milzriss“, diagnostizierte sie und deutete auf einen Bluterguss entlang der Höhe des Sicherheitsgurtes im Oberbauch. „Kreislauf?“

„Instabil“, verlautete ein Assistenzarzt.

„Sonographie!“, befahl sie. „Schnell!“

Ihre Hände zitterten. Sie verknotete die Finger ineinander, um dem Zittern Einhalt zu gebieten. Das Notfallteam war in Schweigen gehüllt; alle Blicke klebten an Marias Händen.

„Sonographie! Sofort!“, donnerte eine Stimme. Der Kinderchirurg war scheinbar aus dem Nichts erschienen. Das Schweigen des Teams wurde durch Bewegung ersetzt. „Danke, Doktor Kaiser. Ich übernehme.“ Der Kinder­chirurg nickte ihr zu.

Maria starrte ihn an, als wäre er eine Halluzination, die ihre angetrunkene Fantasie heraufbeschworen hatte. Dann wandte sie der Szene den Rücken zu, torkelte aus der Station und flüchtete mithilfe des Fahrstuhls aus dem Schreckensbereich.

Zu ihrer Erleichterung fand sie das Arztzimmer verwaist vor. Sie sicherte die Tür im Schloss, befreite die Wodkaflasche aus der Tasche, füllte ein Glas mit dem klaren Heilmittel und leerte es in einem Zug. Sie schenkte sich einen weiteren Drink ein, platzierte ihn neben dem Computer auf der Arbeitsplatte und versteckte die Flasche wieder in der Umhängetasche. Dann schritt sie langsam durch das Zimmer, sank in den Schreibtischstuhl, lehnte den Schopf an die hohe Lehne und schloss die Lider. Der Alkohol entspannte ihren Körper. Das Zittern verebbte.

Der Computer schnarchte leise brummend. Ein Bildschirm­schoner behütete seinen Schlaf. Sie rüttelte an der Maus und störte damit die Fische, die über den Bildschirm schwammen. Anschließend öffnete sie Word, wählte eine leere Vorlage aus und schrieb ihre Kündigung.

Kapitel 7
Am Tag darauf

Paul klinkte die Haustür hinter sich zu. Eine schwindel­erregende Stille und der Geruch nach ranziger Pizza schlugen ihm entgegen.

„Sophie?“ Er horchte gebannt. Enttäuscht wischte er sich mit der Hand über die Augen. Auf dem Esstisch stand noch der Karton mit den Resten der Pizza, die er sich gestern Abend bestellt hatte. Zur Abwechslung hatte er sich eine Pizza Hawaii gegönnt, nachdem in der vorher­gehenden Woche zweimal die Sorte Salami seinen Hunger gestillt hatte. Daneben lag der Container der chinesischen Nudeln vom Vorabend. Teller, Bestecke und Gläser türmten sich auf dem Tisch. Offensichtlich war Sophie zu müde gewesen, um für ein wenig Ordnung zu sorgen. Gewohnheitsmäßig hörte Paul den Anruf­beantworter ab.

Keine Anrufe. Ihre Freunde, Bekannte und Nachbarn hatten sich einer nach dem anderen zurückgezogen. Die einen wussten nicht, wie sie sich den verwaisten Eltern gegenüber verhalten sollten, die anderen empfanden es als zu schmerzlich, einen möglichen Verlust des eigenen Kindes vor Augen geführt zu bekommen. Die nächsten hatten wiederum andere Gründe. Paul waren lediglich einige befreundete Arbeitskollegen geblieben. Doch der Kontakt beschränkte sich auf die Klinik. Er hatte keine Lust auf Partys, Bars und Ausgehen, und es war schier unmöglich, Sophie aus dem Haus zu locken.

„Sophie?“ Paul stapfte die Treppe hoch. Im oberen Stockwerk sah es genauso chaotisch aus wie im Rest des Hauses. Sophie schaffte es nicht, schmutzige Kleidungsstücke zu waschen, Körbe mit gereinigter Wäsche wegzusortieren, das Bett zu machen oder das Bad zu putzen. Ihre Haushaltshilfe hatte schon vor einem Jahr die Flucht ergriffen, und Sophie weigerte sich, eine neue Kraft einzustellen. Es war ihr zu unruhig. Sie wollte keine Menschen um sich haben.

Paul öffnete die Tür zu Emmas Zimmer einen Spalt. Sophie lag zusammengerollt auf dem kleinen Bett. Er fragte sich, ob sie heute überhaupt aufgestanden war.

„Hallo, Sophie.“ Er strich über ihr Stoppelhaar. Sie hatte die lange Haarpracht, die er so geliebt hatte, zu einem raspelkurzen Pixie geschnitten, da es ihr zu anstrengend geworden war, die Mähne zu pflegen. Statt den Gruß zu erwidern, rollte sie sich noch kleiner zusammen.

„Ich bestelle uns etwas zu essen. Okay?“ Paul streichelte über ihren Rücken. Die Wirbelsäule drückte sich spitz in seine Handfläche.

„Ich habe keinen Hunger. Mir ist übel“, murmelte sie.

„Soll ich dir ein Bad einlaufen lassen?“ Er setzte sich zu ihr auf das Bett und sichtete die Schüssel, die sie für den Fall, erbrechen zu müssen, in Greifweite deponiert hatte.

Sophie reagierte nicht.

„Schatz, es kann so nicht weitergehen. Wir sollten uns klinische Hilfe holen. Du musst mit deinem Therapeuten sprechen. Er kann uns helfen.“ Er stützte die Ellenbogen auf die Oberschenkel und die Stirn in die Hände.

Sie schüttelte den raspelkurzen Schopf.

Pauls Schultern fielen nach unten. Sie hatten diese Diskussion schon unzählige Male geführt. Er redete jedes Mal gegen eine Wand. „Sophie, bitte“, sagte er deshalb nur.

„Lass mir Zeit zum Trauern“, wisperte sie in die Kissen. „Ich kann nicht wie du einfach zur Tagesordnung übergehen und so tun, als hätte Emma nie gelebt.“

„Du weißt genau, ich vermisse Emma genauso wie du. Aber ich trauere anders. Ich muss arbeiten. Viel arbeiten. Es lenkt mich ab. Das habe ich dir bereits oft erklärt.“ Sein Daumen strich über ihre Wange.

„Ich bin anders.“ Ihre geröteten Augäpfel begegneten ihm flüchtig. „Die Schmerzen, die Emma ertragen musste – ich kann sie nicht vergessen. Der Gedanke, ihr nicht geholfen zu haben …“, raunte sie. “Ich bin so müde. Bitte lass mich schlafen.“ Sie drückte Flopsi gegen ihren Bauch und krümmte sich wie ein Embryo zusammen. „Bitte!“

Paul legte die Decke über sie und liebkoste ihr Stoppelhaar. „Nun gut. Ich räume ein wenig auf und bestelle uns etwas Leckeres. Sobald es da ist, werde ich dich damit aus dem Bett locken. Keine Widerrede!“ Er bedachte ihre Stoppeln mit einem Kuss.

Das Haustelefon klingelte. Bei dem ungewohnten Geräusch fuhr er zusammen. Sophie schien es hingegen gar nicht zu hören. Sie war schon wieder in den erlösendenden Schlaf abgedriftet.

Paul hetzte zwei Stufen auf einmal nehmend zum Telefon und hob den Hörer ab. „Hofmann!“

„Hallo, Paul, hier spricht Maria. Störe ich?“ Ihre Stimme taumelte wie eine vom Wind und Regen gepeitschte Möwe.

„Natürlich nicht. Sophie schläft, und ich wollte mir gerade etwas zum Essen bestellen.“ Er betrachtete den Stapel der Menüs, der neben dem Telefon lag.

„Geht es Sophie trotz der Therapie immer noch nicht besser?“ Maria liebäugelte auf ihrer Seite der Leitung mit der Weinflasche.

„Leider nicht. Ich habe es auch schon mit Kollegen diskutiert. Ich fühle mich machtlos. Was soll ich tun? Ich kann sie ja nicht einfach in die Psychiatrie einweisen lassen.“

„Wobei dies sicherlich das Beste wäre.“ Maria schwenkte die Flasche. Die Flüssigkeit quirlte in dem grünen Glas und erzeugte einen kleinen Strudel. „Sie wird allein nicht über den Verlust hinwegkommen. Auf der Skala des Schreckens rangiert der Verlust eines Kindes auf Rang eins. Und auch die Höchststrafe für den Täter kann das Leid nicht lindern.“

„Vielleicht solltest du noch einmal versuchen, mit ihr zu sprechen.“ Paul fächelte sich mit dem Flyer, der den Haufen zuvor gekrönt hatte, Luft zu und legte ihn nach einigem Hin und Her neben seinen Artgenossen ab. Auf der ersten Seite waren ein Pizzaofen, eine italienische Flagge und der Schriftzug Bella Napoli abgebildet. Die Verpackungen dieses Restaurants fanden sich nicht nur auf dem Esszimmertisch, sondern auch in der Küche.

Früher waren sie Stammkunden im Vesuvo gewesen, einem kleinen italienischen Restaurant, in dem sie auch ihr erstes richtiges Rendezvous gehabt hatten. Damals war Sophie neunzehn Jahre alt und im dritten Semester ihres Medizinstudiums gewesen. Er hatte sie während des Anatomiekurses kennengelernt, an dem sie als Studentin und er als betreuender Tischassistent teilgenommen hatte. Er hatte sich Hals über Kopf in das auffallend hübsche Mädchen verliebt, das stets behutsam und bedacht handelte. Einige Monate hatte er ihr mit allen erdenklichen Anatomie-Tipps und Charme-Tricks den Hof gemacht, bis sie sich letzten Endes bereit erklärte, mit ihm auszugehen.

Eineinhalb Jahre später wurde Emma geboren. Sie heirateten, als Sophie im dritten Monat schwanger war. Sie beendete zwar ihr Studium, verschob die Ausbildung zum Facharzt jedoch auf einen unbekannten späteren Zeitpunkt, um sich zunächst voll und ganz Emma widmen zu können.

„Sie hat seit drei Jahren nicht mit mir gesprochen und wird es jetzt wohl kaum tun. Sie gibt mir die Schuld.“ Maria füllte etwas von der dunkelroten Flüssigkeit in das Glas.

Paul sah sich in dem unaufgeräumten Wohnbereich um. Alte Zeitungen lagen zerfleddert rund um das Sofa. Die Zierkissen auf den Sitzpolstern purzelten durcheinander. Eine Gläserparade bevölkerte den Sofatisch. Dazwischen quetschten sich die Fernbedienungen von Fernseher und DVD-Player.

„Aber du weißt, das stimmt nicht. Es ist nicht deine Schuld.“

„Nur begrenzt. Ich habe Emma nicht nur zwei Minuten allein gelassen. Insgesamt waren es fünfzehn Minuten. Ich würde alles dafür geben, es rückgängig machen zu können.“ Sie haschte nach dem Glas und hielt es gegen das Licht, das aus der Wohnzimmerlampe strömte.

„Sie gibt auch mir die Schuld, weil ich sie zu dem Ausflug nach Hamburg gedrängt habe, und sich selbst, weil sie eingewilligt hat.“ Paul zog einen Stuhl vom Esstisch und setzte sich. „Du solltest versuchen, nochmals mit ihr zu sprechen.“

„Das werde ich. Ich habe nun viel Zeit.“ Maria nahm einen kräftigen Schluck und berichtete Paul von dem gestrigen Vorfall im Krankenhaus. „Deshalb habe ich eigentlich angerufen. Ich wollte nicht, dass du es von jemand anderem erfährst.“

„Du bist eine Koryphäe auf deinem Gebiet. Hast du dir das wirklich gut überlegt?“ Paul massierte seine Stirn mit der freien Hand.

„In meinem Zustand bin ich wohl eher eine Gefährdung.“ Sie ließ den Alkohol durch ihre Kehle rinnen.

„Was wirst du jetzt machen?“ Paul starrte auf einen leeren Pappkarton.

„Rosen pflanzen. Das wollte ich schon immer.“ Sie schickte eine zweite Fuhre hinterher.

Pauls Blick glitt über das Chaos, dem sein Zuhause gewichen war. Er schwieg.

„Und mich in einer karitativen Organisation einbringen. Du und ich, wir finden durch Ablenkung Trost. Aber Sophie …“ Sie leerte das Glas. „Ich werde morgen bei ihr vorbeischauen und versuchen, mit ihr zu reden. Falls sie mir dazu eine Chance gibt, werde ich probieren, ihr eine Einweisung in ein Krankenhaus schmackhaft zu machen.“ Sie schenkte sich Rotwein nach. „Falls sie mir überhaupt die Tür öffnet.“

„Danke, Maria.“ Er seufzte erleichtert.

„Bis bald, Paul.“ Sie beendete das Telefonat und machte es sich mit der Flasche Wein auf dem Sofa bequem.

Pauls Augen durchbohrten die Zimmerdecke mit der Intensität eines Steinbohrers, als könnte er auf diese Art und Weise einen Blick auf die schlafende Sophie erhaschen. Seine Halsschlagader trat hervor und pulsierte alarmiert. Die blonden Härchen an seinen Unterarmen richteten sich auf.

Er machte auf dem Absatz kehrt und brauste die Treppe hinauf in Emmas Zimmer. „Sophie?“

Sie lag als Kugel zusammengerollt auf Emmas Kinderbett. Er knipste das Licht an und stürmte zu ihr. Sie war kaltschweißig und nicht mehr ansprechbar. Neben ihr gewahrte Paul eine Spritze sowie eine Insulinflasche. Er zückte das Handy und wählte den Notruf.

„Hier spricht Doktor Paul Hofmann“, meldete er sich und gab seine Adresse durch. „Insulinvergiftung. Koma. Bitte schicken Sie sofort einen Krankenwagen.“

Eine Woche später wurde Sophie in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie eingewiesen.

Teil 2

Kapitel 8
Fünfzehn Jahre später

Sie drehte den Schlüssel im Schloss, drückte die Klinke herunter und betrat den Kellerraum, der sich über die Jahre in einen chirurgischen Bereich verwandelt hatte. Der Geruch von Desinfektionsmittel begrüßte sie. Sie legte die sterilen, in Plastikfolie eingeschweißten Laken auf dem Seziertisch ab. Ihr Patient würde bald eintreffen.

Er hatte ihr Leben gekreuzt wie ein unachtsamer Ellenbogen eine Glasvase, die durch den Schubs ins Wanken gerät, fällt und zerbricht. Sie hatte schließlich die Scherben und Splitter aufgesammelt und zusammengeleimt. Die sichtbaren Risse waren jedoch geblieben. Als Kitt hatte sie süße, klebrige Rachefantasien verwendet.

Der Keller in der alten Villa war Stück für Stück in einen perfekten Operationsraum verwandelt worden. Die dort gestapelten zahlreichen Kisten und Tüten mit Gegenständen, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr gebraucht wurden und aller Voraussicht nach auch niemals mehr Verwendung finden würden, wurden aus dem Haus geschafft. Meter für Meter wurde die Fläche von dem alten Tand befreit und Platz für Neues geschaffen: Alte, verstaubte Möbelstücke fanden ihren Weg zum Sperrmüll. Sie wurden von Koffern und Säcken, die mit ausrangierter Kleidung vollgestopft waren, begleitet. Morsche Gartenmöbel, Packen alter Zeitschriften, Küchengeräte, die der Fortschritt längst überholt hatte, und Krempelkisten, die mit Erinnerungen früherer Hausbewohner vollgepfercht waren, vervollständigten das Müll-Ensemble.

Das Aufräumen wirkte wie ein Befreiungsschlag, der Raum zum Atmen und für neue Ideen schuf, die bald darauf in Angriff genommen wurden und peu à peu einen Teil der Ersparnisse fraßen: Es wurde in eine Klimaanlage investiert, um in dem Kellerraum eine konstante Temperatur zwischen zweiundzwanzig und sechsundzwanzig Grad zu gewährleisten. Daraufhin wurde ein Wasser­anschluss installiert sowie ein Waschbecken zum Waschen und Desinfizieren der Hände. Desinfektionsmittelbeständige Fliesen verliehen dem neuen Hobbykeller den letzten Schliff.

Als das Grobgerüst stand, wurde es mit weiteren Accessoires gefüllt: Die Decke bekam einfache Neonröhren sowie eine Operationsleuchte, die das schattenfreie Ausleuchten des Eingriffsbereiches ermöglichte. Aus mehreren Optionen wurde ein Modell gewählt, das häufig oberhalb des Zahnarztstuhls eingesetzt wurde. Es würde dem Zweck ausreichend dienlich sein.

Die Bestellung zusätzlicher Requisiten erfolgte online bei verschiedenen Anbietern. Sie hatte für den baldigen Besucher einen zerlegbaren, fahrbaren Wasch- und Sezier­tisch geordert. Dieser hatte nun einen Ehrenplatz in der Mitte des Operationszimmers erhalten. Zweifelsohne hätte sie einem professionellen Operationstisch den Vorzug gegeben. Letztendlich hatte aber der Kostenfaktor den Ausschlag gegeben. Die jetzige Variante war erheblich günstiger und bei den relativ leichten Eingriffen konnte sie durchaus an diesem Tisch arbeiten. Zudem wollte sie ihrem Patienten nicht zu viel Bequemlichkeit bieten. Er würde auf Matten und Gelpolsterung verzichten müssen.

Sie rüstete den Tisch mit Gurten und Fixier­bändern aus, die den Patienten normalerweise vor dem Herunter­fallen bewahren sollten, und fand sogar mit dem ­Seziertisch kompatible Handablagen, die ebenfalls über Befestigungsgurte verfügten. Zudem bestückte sie ihren zukünftigen Arbeitsplatz liebevoll mit Skalpellen, Messern, Sonden, Zangen und Pinzetten, die sie zur Heilung ihres Gastes benötigen würde. Zufälligerweise traf das Paket mit dem Chirurgenwerkzeug ausgerechnet an ihrem Geburtstag ein. Sie packte die medizinischen Instrumenten­sätze mit freudig glänzenden Augen aus, als seien es Präsente, und arrangierte die OP-Bestecke zu einem großzügigen Gabentisch.

Einiges Kopfzerbrechen hatte ihr der Anästhesie­bereich bereitet. Die Idee, auf eine Narkose zu verzichten, hatte eine Weile ihre Gedanken beschäftigt. Genau genommen hatte er den Mädchen diese Gnade ebenfalls nicht zukommen lassen. Unter dem Strich konnte sie dies aber trotz allem nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren und entschied sich für die Einrichtung eines professionellen Narkosearbeitsplatzes.

Sie begutachtete den perfekt ausgestatteten Raum, löschte das Licht und versperrte die Tür.

Nun konnte sie nur noch eins tun: Warten, bis er kam.

Kapitel 9

„Geht es dir nicht gut?“ Carmen stellte die Kaffeetasse ab und musterte Paul besorgt. Der Gürtel ihres Bademantels umschlang ihre schmale Taille. Das tropfnasse rote Haar floss glänzend über ihre Schultern.

Die Zeitung zwischen seinen Händen zitterte.

Ihre Finger zwirbelten an dem Ehering. Seit neun Jahren zierte er ihre Hand. Als sie vor elf Jahren eine Stelle als Krankenschwester in der Klinik angenommen hatte, hatte sie sich von jetzt auf gleich in Paul verliebt. Damit hatte sie den Reigen der Schwestern erweitert, die ihn wegen seiner feinen Gesichtszüge, blauen Augen, blonden Surfersträhnchen und sportlichen Figur hemmungslos anhimmelten.

Paul schien jedoch keine von ihnen auch nur ansatz­weise wahrzunehmen. Er hatte sich mitsamt seinem Kummer um den Tod seiner Tochter Emma und die ­Depressionen seiner Frau Sophie sowie dem vergeblichen Kampf um seine Ehe unter einem Berg aus Arbeit verscharrt.

Carmen hatte ihn mit ihrer Lebensfreude besprenkelt und versucht, ihn nach Feierabend in einen Biergarten oder ein Lokal zu locken. Auf seine Ablehnungen reagierte sie stets heiter, als hätte er ihr anstelle eines abgenutzten Korbes ein Bündel Sonnenblumen überreicht, die pure Fröhlichkeit verströmten.

Eines Abends, als sie ihm erneut vorgeschlagen hatte, sich gemeinsam bei einem Glas Wein von der Arbeit und dem Alltag abzulenken, hatte er zugestimmt und sie damit mindestens so sehr überrascht wie sich selbst. Später hatte er ihr eingestanden, sie hätte ihn durch einen winzigen Einblick in ihre Seele überzeugt. Es war ein kurzer Moment emotionaler Nähe gewesen, und zwar als sie ihm anvertraut hatte, es gäbe wohl kaum jemanden außer ihr, der wirklich verstehen könnte, wie sehr ein wenig Zeitvertreib von Schmerzen ablenken kann.

Die Äußerung an sich hatte ihm freilich noch nicht gereicht, um ihrer Einladung Folge zu leisten. Paul verriet ihr, es seien ihre Augen gewesen, die für den Hauch einer Sekunde einen Anflug von Traurigkeit widergespiegelt hätten: Die blassgrüne Iris verdunkelt wie der mit kristall­klarem Schmelzwasser gefüllte Grüne See, wenn eine kaum sichtbare feine Schleierwolke über ihn hinwegfegt und die Sonnenstrahlen für einen Moment schwächt. Deshalb war er damals aus dem Kittel geschlüpft und ihr in ein Gartenlokal gefolgt.

Auch wenn sie einen bezaubernden Abend miteinander verbracht hatten und Paul seit Langem wieder einmal gelacht hatte, gab er Sophie nicht auf. Dies geschah erst, als er zu der Überzeugung gelangt war, seiner Frau würde es ohne ihn besser gehen: Sie ertrug es nicht, in sein Gesicht zu schauen, Emma darin wiederzufinden und tagtäglich daran erinnert zu werden, auf welch qualvolle Weise ihre Tochter gestorben war. Sie vermochte nicht, die Kraft aufzubringen, mit ihm ein neues Leben – ohne Emma – aufzubauen.

Ohne ihn, so glaubte er, hätte sie eine Chance, ihr Leid leichter zu verarbeiten und jemanden kennenzulernen, der ihr helfen konnte. Jemanden, mit dem sie sich ein neues Leben einrichten konnte. Jemanden, der sie nicht Stunde für Stunde an ihr verlorenes Glück erinnerte. Erst danach war es Carmen gelungen, ihn mehr und mehr für sich zu gewinnen.

„Paul?“ Ihre Brauen zogen sich zusammen und malten einen besorgten Balken auf ihre Stirn.

Er antwortete nicht, faltete die Zeitung zusammen, legte sie auf den Frühstückstisch und verschanzte das Gesicht in den Händen.

„Es geht gleich wieder“, flüsterte er.

„Was ist denn?“ Sie sortierte die Schulbrote für ihre Söhne in die Brotdosen. „Ich bin gleich wieder bei dir.“ Sie stand auf und stob – von Pauls Niedergeschlagenheit aus dem morgendlichen ruhigen Rhythmus gebracht – auf nackten Sohlen ins Treppenhaus. Das Versprechen brannte augenscheinlich unter ihren Nägeln, die ein warmer Orangeton zierte. „Max? Philipp? Wo steckt ihr denn? Ihr müsst los!“, schmetterte sie dem oberen Stockwerk entgegen.

Max polterte die Treppe herunter. Seine roten Locken bedeckten den Schalk im Nacken.

„Wo ist Philipp?“ Carmen sah ihren Erstgeborenen an.

„Keine Ahnung.“ Er feixte und schlüpfte in seine Schuhe.

„Hier ist dein Pausenbrot.“ Sie reichte ihm die Dose.

Max stopfte sie in den Schulrucksack.

„Warte bitte auf Philipp“, rief sie ihm über die Schulter zu, raffte den langen Bademantel auf und bewältigte die Treppe.

„Warum? Der ist so ein Baby“, beschwerte sich Max.

„Eben deshalb. Gut, dass er einen großen Bruder hat“, entgegnete Carmen dem Achtjährigen.

„Philipp?“ Sie flog die Treppe hoch, klopfte an seine Zimmertür und betrat den Raum. „Bist du fertig?“ Sie zwängte die Brotdose zwischen Hefte und Bücher.

Ihr Sohn nickte. Durch das Fenster fiel ein Sonnenstrahl auf sein hellblondes Haar.

„Du hast ja ein anderes T-Shirt angezogen.“ Sie regis­trierte das abgestreifte Shirt, das achtlos auf dem Boden herum­lungerte, hob es auf und legte es über die Stuhllehne.

„Das passt mir nicht mehr.“ Er lugte zu dem Oberteil, auf dem Ich bin 6 stand. Er hatte es beim Frühstück getragen, und es war keineswegs zu klein.

„Da steckt doch bestimmt etwas anderes dahinter?“ Carmen betrachtete ihren Sohn, der die feinen Gesichtszüge seines Vaters im Miniaturformat widerspiegelte.

„Max sagt, da kann ich gleich Baby draufschreiben“, tönte es zwischen den Zahnlücken. „Aber ich bin kein Baby.“

„Natürlich bist du kein Baby.“ Sie manövrierte ihren Jüngsten aus dem Zimmer. Noch vor Kurzem war er sehr stolz darauf gewesen, endlich sechs Jahre alt geworden und in die Schule gekommen zu sein.

„Komm endlich!“ Am Ende der Treppe stampfte Max ungeduldig von einem auf den anderen Fuß.

Carmen half Philipp, in die Schuhe zu steigen und lud den Rucksack auf seinen Rücken. „Sagt Papa noch Tschüss.“

Vier Füße trabten in die Küche.

„Bis heute Abend, ihr beiden“, hörte sie Paul sagen. Sie horchte auf. Es folgte kein weiterer Spruch, wie sonst für ihn üblich. Sie strich sich die nassen Haare hinter die Ohren und massierte ihre Schläfen.

„Tschö, Mama“, trompeteten ihre Söhne. Max riss die Haustür auf.

„Oh, oh! Einen Moment, meine Herren.“ Carmen erhaschte die Riemen, die über den Schultern ihres Ältesten lagen, wirbelte ihn zu sich und drückte ihm einen Kuss auf die Backe.

„Mama!“ Max rubbelte den Kuss mit dem Handrücken ab und flitzte durch die Tür.

„Bis heute Mittag.“ Sie versah Philipp mit einem Lippendruck.

Er schenkte ihr ein Zahnlückenlächeln und stolperte hinter seinem großen Bruder her. Sie schloss die Tür und kehrte zurück in die Küche. Paul hatte die Arme vor der Brust verschränkt und knetete gedankenverloren seine Unterlippe.

„Möchtest du mir nicht erzählen, was passiert ist? Gibt es Probleme mit einem Patienten oder in der Klinik?“ Sie füllte ihre Kaffeetassen.

Wortlos schob er ihr die Tageszeitung über den Tisch. Carmen faltete sie auf, blätterte die Seiten um und überflog die Überschriften, während sie an dem heißen Getränk nippte. Plötzlich schrie ihr die Botschaft entgegen. Sie stellte die Tasse ab. Die dunkle Brühe schwappte auf die Untertasse.

Kinderschänder Georg S. aus Justizvollzugsanstalt entlassen

Georg S., der vor fast sechzehn Jahren die fünf Jahre alte Emma H. aus ihrem Garten entführte, missbrauchte und tötete, wurde nach fünfzehn Jahren vorzeitig aus der JVA entlassen.

Die Strafvollstreckungskammer entschied, den Rest der Strafe auf Bewährung auszusetzen. Das Urteil begründet sich in einer positiven Sozialprognose des Verurteilten und keiner weiteren Gefährdung der Allgemeinheit, die durch einen forensischen Psychiater bescheinigt wurden.

Das Gericht ordnete jedoch eine vierjährige Führungsaufsicht an.

„Ich fasse es nicht.“ Carmen knallte die Zeitung auf den Tisch. Sie schnaubte vor Wut. Ihre Nasenflügel flatterten. „Sie haben das Schwein laufen lassen! Das darf doch nicht wahr sein.“ Sie schnappte sich die Tageszeitung und las den kurzgefassten Artikel abermals. „Das gibt es doch nicht!“ Sie sprang auf und lief vor dem Tisch auf und ab. „Welcher Idiot hat denn diese Prognose gestellt? Forensischer Psychiater! Pah!“ Sie stieß einen Schwall Bitterkeit aus und schöpfte neuen Atem, um ihrer Enttäuschung Luft zu verschaffen. „Der muss seinen gesunden Menschenverstand komplett ausgeschaltet und keine Kinder haben. Sonst zieht man solch ein Urteil noch nicht mal in Erwägung!“

Ihre Wut tobte mit Orkanstärke zwölf und flaute ab, sobald sie das Verhalten ihres Mannes wahrnahm. Er hockte auf dem Stuhl und malträtierte immer noch seine Unterlippe.

Carmen trat hinter ihn und schlang ihre Arme um seinen Oberkörper. Sie presste ihre Wange an seine und schaukelte ihn wie ein kleines Kind sachte hin und her. „Es tut mir leid, Paul.“ Sie küsste seine Wange und streichelte über sein dichtes Haar.

„Es hört nie auf.“ Er befreite sich sachte aus der Umarmung. „Danke, Carmen, aber ich fahre in die Klinik. Ich kann jetzt nicht darüber sprechen. Ich bin sowieso schon zu spät dran, und Arbeit ist für mich die beste Medizin.“

Sie nickte. „Und heute Abend wirst du auch nicht darüber sprechen können.“

Er drückte ihre Hand.

Carmen begleitete ihn zur Haustür. „Ich liebe dich.“ Sie wickelte die Arme um seinen Hals und küsste ihn auf die Lippen, bevor er aus dem Haus ging.

„Ich werde nicht zulassen, dass dieser Mann auch unsere Familie zerstört“, flüsterte sie der geschlossenen Haustür zu. „Niemals!“

Kapitel 10

„Wie fühlen Sie sich, Frau Ziegler?“ Sophie nahm die kalte Hand der Patientin und streichelte zärtlich über ihren Handrücken.

Die alte Frau öffnete die schweren Lider. Ihre Mundwinkel zuckten. „Es geht“, hauchte sie.

„Sie sind sehr tapfer.“ Sophie liebkoste die Hand, auf der das Alter dunkle Flecken und violette Venen hinterlassen hatte. „Auf unserer Skala von eins bis zehn – wie stark sind Ihre Schmerzen derzeit?“

„Neun“, formten die Lippen lautlos. Die Kranke raffte ihre hauchdünne Kraft zusammen. „Neun“, huschte es leise aus ihrem Mund.

Sophie bemerkte die glasigen Augen ihrer Patientin. „Ich werde Ihnen noch etwas Morphium und Valium spritzen. Sie müssen nicht solche Schmerzen erdulden. Ist das in Ordnung?“

Frau Ziegler deutete ein Nicken an.

„Ich muss Sie dazu aufdecken. Es wird also kurz kühl.“ Sie klappte die Bettdecke zurück, löste zwei Knöpfe der Pyjamajacke, reinigte die Injektionsstelle mit einem Alkohol­tupfer und injizierte das Schmerzmittel sowie das Beruhigungsmittel unterhalb des Bauchnabels. „Es wird gleich wirken“, versprach sie der Kranken, während sie diese wieder zudeckte. „Und bis dahin habe ich eine Überraschung für Sie. Einen Moment.“ Sie tätschelte den Arm der Frau und trippelte auf leisen Sohlen in den Korridor der Palliativstation.

Seit einiger Zeit war es den todkranken Patienten erlaubt, ihre Haustiere mit in das Krankenzimmer zu nehmen. Eigentlich waren Tiere im Krankenhaus tabu. Im Sterbebereich wurde allerdings eine Ausnahme gemacht, da die emotionale Unterstützung der Vierbeiner als enorm hilfreich eingestuft wurde.

Sophie hievte eine Tiertransportbox, die auf dem Flur wartete, hoch und bugsierte sie in das Krankenzimmer. Dort stellte sie den Behälter auf den Boden und entriegelte die Tür. Ein kleiner Mischlingshund sprudelte hervor und flitzte auf das Bett zu. Das kleine Energiebündel sauste am Bettrand auf und ab, unter dem Bett hindurch und wiederholte die Prozedur auf der anderen Seite, auf der Suche nach einem Aufstieg.

„Komm her, meine Hübsche, ich helfe dir.“ Sophie hockte sich hin und redete ruhig auf das Tier ein. Schließlich hoppelte es auf sie zu und warf sich vor ihr auf den Rücken. „Na, du bist ja echt allerliebst.“ Sie hob den Hund auf und legte ihn neben Frau Ziegler auf die Decke. „Schauen Sie, Frau Ziegler, hier ist Ihre Bella.“

Sophie knuddelte das Wollknäuel, das wiederum begeistert die Hand seiner Besitzerin leckte. Als würde das Tier die Schmerzen der Bettlägerigen spüren, wurde es urplötzlich ruhig und kuschelte sich an sie. Die Hand der Kranken wanderte langsam über die Decke und kraulte den Kopf des Hundes. Tränen liefen ihr über die Wangen.

„Ich habe Bella aus dem Tierheim geholt“, berichtete Sophie erfreut, „da ich mir dachte, der Hund vermisst Sie mindestens so sehr wie Sie ihn. Und ich verspreche Ihnen, dass Bella später einmal bei mir wohnen darf. Ich habe zwar nur einen kleinen Garten, aber in der Nähe meines Hauses ist ein großer Park, in dem wir spazieren gehen können. Das wird ihr gefallen. Außerdem bin ich allein.“ Das Lächeln auf Sophies Gesicht vermochte nicht die Melancholie, die zu ihrer treuen Begleiterin geworden war, zu übertünchen. „Dann könnten wir uns gegenseitig Gesellschaft leisten. Wäre das eine Idee?“

Frau Ziegler streckte die Hand nach ihr aus. Sophie umschloss sie und spürte einen leichten Druck.

„Danke, Frau Doktor.“

Sie konnte die Worte kaum hören. Die Züge ihrer Patientin entspannten sich. Das Medikament wirkte und ließ sie einen kurzen Schlaf finden. Bella hielt die Augen ebenfalls geschlossen und rührte sich nicht.

„Bis später.“ Sophie streichelte über den Rücken des Tieres und verließ das Krankenzimmer.

Sie tippte auf das Glas ihrer Armbanduhr. Vor einigen Jahren hatte sie die klassische goldene Damenuhr, die Paul ihr zu Emmas Geburt geschenkt hatte, gegen das einfache Accessoire aus Edelstahl getauscht. Die erhabenen silbernen Ziffern auf dem schwarzen Hintergrund verrieten den längst überschrittenen Dienstschluss. Vor dem Nachhauseweg würde sie sich noch eine Tasse Kaffee gönnen, wie meistens. Sie schlenderte durch den Krankenhauskorridor, den eine fast andächtige Ruhe erfüllte, zum Aufenthaltsraum des Personals.

„Hallo, Steffi“, grüßte sie beim Eintreten.

„Da bist du ja! Ich habe auf dich gewartet.“ Ihre Kollegin faltete die Tageszeitung hektisch zusammen. „Wie geht es Frau Ziegler?“

„Ich habe ihr ihren Hund gebracht. Sie hat sich natürlich riesig gefreut. Auch über mein Versprechen, ihn danach bei mir aufzunehmen. Ich glaube, das erleichtert sie sehr.“

„Gute Idee! Dann hast du jemanden, der dich begrüßt, wenn du nach Hause kommst. Obwohl …“, ihre Freundin lächelte, „ein Zweibeiner wäre besser.“

„Fängst du schon wieder damit an.“ Sophie verdrehte die Augen.

„Sollen wir heute Abend gemeinsam etwas essen gehen?“ Stefanie umklammerte die Zeitung.

„Meine Mutter hat mich heute zum Abendessen eingeladen. Sie ist gestern aus Afrika zurückgekommen. Wie sieht es mit morgen aus?“, schlug Sophie leichthin vor.

„Das ist gut. Dann seid ihr heute nicht allein.“ Auf Stefanies Stirn bildete sich eine Sorgenfalte.

„Was ist denn los?“ Sophie füllte eine Tasse mit Kaffee und gab einen Schuss Milch hinein. Beunruhigt rührte sie in dem Gemisch. Es bäumte sich auf und schwappte auf die Untertasse.

„Du hast die Zeitung heute noch nicht gelesen, oder?“ Sie legte den Unglücksboten vor sich ab.

„Ich hatte noch keine Zeit dazu. Warum? Ist etwas passiert?“ Sophie starrte auf das bedruckte Papier.

„Du wirst es ohnehin erfahren.“ Stefanie packte, wie üblich, das Herz auf die Zunge. „Ich denke, es ist besser, wenn du das nicht alleine liest.“

„Was?“ Die Tasse in Sophies Hand begann zu beben. Sie deponierte das Getränk auf dem Tisch, setzte sich zu ihrer Freundin und angelte nach den Neuigkeiten des Tages. Einige Strähnen des schulterlangen Bobs fielen in ihr Gesicht, als sie den Kopf beugte, um die Titelseite zu begutachten. Ihr sprang nichts ins Auge.

„Im Panorama-Teil.“ Stefanie zupfte an ihrem hellblond gefärbten Kurzhaarschnitt, den sie sich zugelegt hatte, um morgens mehr Zeit im Bett als im Bad verbringen zu können.

Sophie blätterte zu der genannten Rubrik. Als sie die Headline erfasste, hob und senkte sich ihr Brustkorb hektisch. Ihre Hände, die das Papier hielten, verkrampften sich zu Fäusten und zerknitterten die Kanten. Sie schwankte auf dem Stuhl wie Schilf im Wind. Stefanie rutschte ihren Stuhl an sie heran und legte einen Arm um ihre Schulter, aus Angst, sie könnte von dem Sitz fallen. Sophie fixierte die schwarzen Buchstaben. Schließlich faltete sie die Zeitung zusammen und strich sie wortlos glatt.

„Sophie?“, wisperte die Freundin.

„Es geht schon.“ Sie bemühte sich, ruhig zu atmen.

„Bist du sicher?“ Stefanie berührte ihren Arm.

„Ja.“ Sie stützte die Ellenbogen auf den Tisch und vergrub die Stirn in den Händen.

„Es ist ungerecht und schrecklich“, stellte Stefanie fest.

„Wäre er erst in drei oder fünf Jahren rausgekommen, wäre es ebenso ungerecht. Davon wird Emma nicht mehr lebendig.“ Sophie verknotete die Finger ineinander und verschanzte sie in ihrem Schoß.

„Das stimmt.“ Ihre Kollegin nickte. „Für diese Tat gibt es keine Gerechtigkeit.“

„Ich habe dieses Szenario mit meiner Therapeutin besprochen. Dieses und viele andere.“ Einige Tränen kullerten über Sophies Wangen.

Stefanie legte den Arm um sie, streichelte die Tropfen mit dem Daumen weg und küsste das dunkle Haar.

„Danke, dass du mich damit nicht allein gelassen hast.“ Sophie lehnte den Haarschopf an ihre Schulter. „Meinst du, du könntest mich nach Hause fahren? Ich würde die Straßenbahn und fremde Menschen gerne meiden.“ Sie blinzelte ihre Freundin an.

„Selbstverständlich. Das ist doch gar keine Frage. Möchtest du den Kaffee noch trinken?“

Sophie schüttelte den Kopf.

Stefanie stand auf, schüttete den Kaffee in den Abfluss und stellte die Tasse in das Spülbecken.

Im Umkleidezimmer tauschten sie die Arztkittel gegen Straßenkleidung. Sophie schlängelte sich in ein Wickelkleid mit blau-weißem Print, dunkelblaue Pumps und eine leichte Strickjacke, Stefanie in Jeans und eine weiße Bluse.

„Wann fährst du zu deiner Mutter?“ Stefanie steuerte den Wagen aus der Tiefgarage.

„Um sieben Uhr. Ich wollte mich davor noch frisch machen.“ Sophie schaute aus dem Seitenfenster, wo der Alltag seinen verführerischen, normalen Lauf nahm – geradeso als hätte ein Illustrator ihn für ein Wimmelbilderbuch erdacht. Passanten eilten über den Bürgersteig. Einige schleppten Einkaufstüten, andere Aktentaschen. Ein kleiner Junge leckte an einem Eis, das ihm über Hand, Arm und T-Shirt floss. Seine Mutter spuckte auf ein Papier­taschentuch, eifrig bemüht, die Eisflecken aus dem Shirt zu reiben, während es auf ihr Haar tropfte.

Eine Politesse mit windschiefem Käppi stellte einen Strafzettel aus. Der Autobesitzer redete wild gestikulierend auf sie ein, während ein Hund mit weißem Fell und schwarzen Flecken sein Bein am Hinterrad hob und einen gebogenen Strahl, der gegen den Reifen platschte, produzierte.

Sophie wunderte sich immer darüber, wie das Leben ohne Emma einfach weiterlaufen konnte. Ebenso erstaunte es sie, dass es ihr dank geduldiger Ärzte und Therapeuten tatsächlich gelungen war, mit dem Leben Schritt zu halten.

„Ich kann gern auf dich warten und dich zu ihr fahren. Ich habe nichts Besonderes vor.“ Stefanie reihte sich in den Verkehr ein.

„Das ist lieb von dir, aber ich komme schon klar. Ich würde gern ein paar Minuten allein sein.“ Ihre Finger verwebten sich ineinander.

„Und wie kommst du hin?“ Stefanie stoppte an einer roten Ampel und musterte ihre Freundin.

„Mit dem Taxi.“ Sophie erwiderte den Blick. „Du musst dir keine Sorgen machen.“

„Mache ich aber.“ Sie legte den ersten Gang ein. Der Volkswagen gewann langsam an Fahrt. „Hoffentlich nimmt sie die Hiobsbotschaft gut auf.“

Sie bogen in ein ruhiges Wohngebiet, in dem sich Ein­familienhäuser und Reihenhäuser tummelten. Sophie hatte vor zwei Jahren ein kleines Reihenhaus gekauft, nachdem sie zuvor einige Jahre in einer Wohnung gelebt, sich aber nach ein wenig Grün gesehnt hatte. Hinter dem Haus befanden sich eine kleine Terrasse und ein kleiner Garten. Dort verbrachte Sophie die dienstfreien Wochenenden und versteckte sich hinter Büchern. Sie verschlang Fachliteratur ebenso wie Romane, vor allem historische Erzählungen und Krimis. Liebesgeschichten mied sie hingegen wie die Pest.

Das Haus, in dem sie mit Paul und Emma gelebt hatte, hatte sie ihrem Mann bei der Scheidung überlassen. Der Schmerz, sich dort täglich ohne Emma aufhalten zu müssen, war für sie unerträglich gewesen. Trotzdem hatte sie ein Zimmer für Emma in dem Reihenhaus eingerichtet, in dem Emmas Sachen Platz gefunden hatten und in dem sie oft stundenlang in Erinnerungen schwelgte.

„Maria wird es schon wissen. Die Tageszeitung gehört bei ihr auf den Frühstückstisch.“

Der blaue Wagen rollte vor Sophies Häuschen. Stefanie stellte den Motor aus. „Brauche ich mir wirklich keine Sorgen zu machen?“

Sophie schüttelte sich wie eine nasse Katze. „Danke fürs Heimfahren.“

„Gern!“ Stefanie schürzte die Lippen. „Aber ich muss auf die Toilette, und ich habe Durst. Anschließend fahre ich dich zu Maria.“

„Du bist ein echter Quälgeist.“ Sophie zwang sich zu einem Lächeln. „Danke.“

Kapitel 11

„Hallo, Sophie.“ Maria sperrte die Tür auf, kurz nachdem die Glocke ihr Dingdong hatte ertönen lassen.

„Hallo, Mama.“ Sophie küsste die Wange ihrer Mutter und betrat ihr Elternhaus. Sie schlüpfte aus der leichten Jacke und verstaute sie in dem antiken Schrank, der als Garderobe diente. Aus alter Gewohnheit quietschten die Scharniere zur Begrüßung. Sophie rüttelte an dem Schloss, bis es klackte und die Holztüren zusammenhielt.

Im Wohnzimmer roch es wie üblich nach Rosen und Vanille – eine Duftmischung, die sie mit einer glücklichen Kindheit verband. Auf einem Beistelltisch entdeckte sie eine Vase mit einem üppigen Strauß der Blumen, die Maria mit etwas Grün arrangiert hatte. Duftstäbchen, die in verschiedenen Flaschen steckten, parfümierten die Luft zusätzlich mit einem Hauch Vanille.

„Ich habe einen großen Salat für uns vorbereitet und brate gleich den Lachs dazu.“ Maria lächelte entschuldigend.

„Danke. Das ist gut.“ Sophie blieb vor der Anrichte stehen, auf der zahlreiche Familienfotos ihren Platz gefunden hatten. Ihr Vater, ein promovierter Biologe, der bereits vor zwanzig Jahren frühzeitig gestorben war, lachte ihr von vielen Fotografien entgegen. Daneben erinnerten Fotos an verschiedene Familienurlaube und Ereignisse.

„Kannst du das Foto nicht endlich einmal wegtun?“ Sophie legte das Hochzeitfoto, auf dem sie Paul überglücklich anstrahlte, auf das Glas. Der Bilderrahmen hob die rückwärtige Stütze mahnend wie einen erhobenen Zeigefinger in die Luft.

Maria verneinte kopfschüttelnd. „Man kann nicht vor dem Leben davonrennen, weder vor der Zukunft noch vor der Vergangenheit. Das Einzige, was man versuchen kann, ist, alles so gut wie möglich zu verarbeiten.“

Sophie nahm einen Rahmen auf, der einigen Bildern von Emma ein Zuhause gab. Zärtlich glitten ihre Finger über die glatte Fläche über dem Fotopapier.

„Du hast es also gelesen.“ Maria blickte sie besorgt an.

Sophie nickte und wischte sich mit dem Handrücken einige Tränen aus den Augenwinkeln.

„Eigentlich ist es doch keine Überraschung“, Maria legte einen Arm um die Schultern ihrer Tochter, „sondern eins der möglichen Szenarien, die wir durchgespielt haben.“

„Das stimmt. Trotzdem kommt es etwas plötzlich.“ Der Fotorahmen in Sophies Händen vibrierte.

„Es hat auch sein Gutes.“ Maria schürzte die Lippen. „Es ist besser, einer unangenehmen Tatsache oder Aufgabe ins Auge zu schauen, sie hinter sich zu bringen und abzuhaken, als sie jahrelang vor sich herzuschieben. Das wirkt im Nachhinein wie ein Befreiungsschlag. Darauf sollten wir anstoßen. Wie wäre es also mit einem Glas Wein? Ich habe extra einen Chablis für dich gekühlt. Für mich gibt’s leider nur Gänsewein – dafür aber einen erlesenen Pellegrino.“

Sophie zuckte mit den Achseln und folgte ihrer Mutter in die Küche.

Maria wählte zwei Weingläser, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, aus dem Schrank aus. Die geschliffenen Römer schimmerten in Blau und Rot und erinnerten durch ihren opulenten Barock-Stil an berauschende Festtage längst vergangener Zeiten.

Sie konsultierte den Kühlschrank, entnahm ihm den Weißwein sowie das Mineralwasser und entkorkte den Wein gekonnt mit einem Flaschenöffner. Sie verzichtete darauf, am Korken zu riechen, und gab einen Schluck in das Glas.

Sophie schwenkte den Wein, schnüffelte mit ihrer zierlichen Nase an dem Alkohol und probierte das Getränk. Sie nickte beifällig, woraufhin ihre Mutter das Glas füllte und sich selbst Mineralwasser einschenkte.

Maria hob ihr Glas. „Was gibt es Neues in der Klinik?“, versuchte sie Sophie auf andere Gedanken zu bringen.

„Ich habe Frau Ziegler versprochen, mich um ihren Hund Bella zu kümmern.“ Sie genehmigte sich etwas Chablis, während Maria das Öl erhitzte, um die Lachsfilets zu braten.

„Das ist eine ausgezeichnete Idee. Frische Luft und Bewegung werden dir guttun. Was ist es für eine Rasse?“ Sie gab den Fisch in die Pfanne.

„Eine Promenadenmischung – das reinste Energie­bündel, aber kuschelig und einfühlsam.“ Sie beobachtete die Filetstücke, die schnell einen hellen Rosaton annahmen.

Maria warf ihr einen Blick aus den Augenwinkeln zu.

„Spar dir bloß die Bemerkung!“, warnte Sophie. „Den Hinweis hat Stefanie bereits angebracht. An mehr als einem Hund bin ich nicht interessiert. Erzähl mir lieber von deinem ehrenamtlichen Einsatz im Tschad.“

„Oh.“ Maria deckte den Fisch mit einem Glasdeckel ab und stellte zwei Teller bereit. „Ich habe mich seit Langem wieder richtig nützlich gefühlt. Da ein Chirurg kurzfristig abgesagt hatte, habe ich sogar seit Jahren erstmals wieder operiert“, jubilierte sie. „Ohne zittrige Hände.“

„Das freut mich für dich.“ Sophies Augen spiegelten die Worte wider.

„Ich habe einige Bilder gemacht. Nicht nur von den Kollegen und Patienten, sondern auch bei meiner Ankunft in N’Djamena und in der Region Tschadsee. Ich hatte noch keine Zeit, sie auszusortieren, aber sie sind bereits auf meinem Laptop. Wenn du Lust hast, kann ich sie dir nach dem Abendessen zeigen.“ Sie wendete den Lachs, schnitt eine Limone in Spalten und arrangierte sie auf dem Teller.

„Das würde mich sicherlich inspirieren. Eigentlich habe ich auch vor, mich bei Ärzte ohne Grenzen oder German Doctors zu bewerben, um möglichst weit wegzukommen.“ Sophie fuchtelte mit dem Glas und ertränkte ihre Überlegungen in der wirbelnden Flüssigkeit.

„Alles zu seiner Zeit.“ Maria salzte den Lachs. Dann peilte sie ihre Tochter an. „Außerdem gibt es noch andere Alternativen. Eine frühere Arbeitskollegin spielt zum Beispiel mit dem Gedanken, eine Wohltätigkeitsorganisation in einem uruguayischen Armenviertel zu gründen. Das könnte für dich unter verschiedenen Gesichtspunkten interessant sein.“ Sophies Aufmerksamkeit huschte vom Weinglas zu ihrer Mutter.

„Ich werde es beim Essen mit dir diskutieren.“ Maria schnitt ein Fischfilet an und prüfte den Garprozess. „Das sieht doch gut aus“, murmelte sie, beförderte je ein Stück auf die bereitstehenden Teller und marschierte Richtung Esszimmer.

Der Tisch war mit einer weißen Tischdecke bekleidet. Auf zwei gegenüberliegenden Plätzen in der Mitte der drei Meter langen Platte funkelten Silberbestecke. In einer Glasschüssel faulenzten verschiedene Salatblätter, Gurken, Mais, Tomaten und Paprikastücke. Rosenköpfe, die in Glastellern schwammen, und Kerzenhalter waren über den Tisch verstreut.

Maria stellte die Teller ab, schüttete die Vinaigrette über den Salat und vermengte die Zutaten.

„Was plant deine Kollegin genau?“ Sophie drapierte die Serviette über ihrem Schoß.

„Das Projekt steckt noch in der Anfangsphase. Sie würde gern ein kleines Krankenhaus am Stadtrand von Montevideo aufbauen, in dem Kinder aus den Slums kostenlos medizinisch versorgt werden können.“ Maria nippte an dem Wasser. „Zumindest einige. Es ist wohl ein Fass ohne Boden.“

Sophies Augen funkelten. „Wann?“

„Im nächsten Jahr. Ich könnte sie in der nächsten Woche einladen, damit ihr einander kennenlernt und sie dir die Details darlegen kann, wenn du möchtest.“

Sophie nickte.

„Aber …“, Maria legte das Besteck ab, faltete ihre Hände und fixierte ihre Tochter, „... nun machst du erst einmal hier die Türen sauber hinter dir zu. Sonst wird dir auch woanders keine offenstehen.“

Kapitel 12
Freitagvormittag

Sie parkte einige Meter von seinem Haus entfernt. Seit acht Wochen beschattete sie Schwarz aus dem Leihwagen wie ein Spionagesatellit die Erdoberfläche aus dem Weltall. Damit er möglichst keine Gefahr witterte, wechselte sie nicht nur ständig die Autotypen, sondern veränderte ebenfalls ihr Aussehen mittels Perücken, Brillen und Modeaccessoires.

Ihre Wandlungsfähigkeit stand der eines Chamäleons in nichts nach und war absolut varietéwürdig. Sie variierte nicht nur ihre Haarfarbe täglich, sondern – ebenso wie das Kriechtier – ihre Körperform. Diese Illusion kreierte sie mittels verschiedener Absatzhöhen, Bekleidungsstilen und Kleiderschnitten, wodurch ihr Alter ebenfalls beträchtlichen Schwankungen zu unterliegen schien.

Sie klappte die Sonnenblende herunter und taxierte die Frau im Spiegel. Kritisch zupfte sie an der roten Kurzhaarperücke und rückte die schwarze Hornbrille mit dem Fensterglas in Position. Ein Kontrollblick auf die Armbanduhr verriet ihr, dass er gleich das Haus verlassen würde. Zwar konnte sie ihn nicht ständig observieren, aber wann immer sich ihr die Gelegenheit bot, spionierte sie ihn aus. Bereits nach vier Wochen hatte sie eine Art Stundenplan für Schwarz erstellt, der die Wochentage sowie die Stunden enthielt, und alle Kästchen mit seinen jeweiligen Aktivitäten gefüllt. Nun inspizierte sie die Matrix akribisch. Bisher hatte es keine Abweichungen gegeben. Schwarz folgte dem Plan punktgenau wie ein Schweizer Uhrwerk.

Anfangs hatte das Glück ihr dabei geholfen, ihn ausfindig zu machen. Er war in das Haus zurückgekehrt, das er geerbt hatte und in dem seine Kindheitserinnerungen finstere Schatten warfen. Und die Schreie der Kinder sich tief in das Kellergemäuer gegraben hatten. Es lag nur zehn Kilometer von ihrem eigenen entfernt – ein sogenannter Katzensprung, der es ihm auch ermöglicht hatte, in ihrer Gegend auf Beutezug zu gehen.

Die Haustür öffnete sich. Das Holz wirkte morsch wie ein vermodertes Brett, das vom Meer nach viel zu langer Zeit an den Strand gespült worden war. Er zog die Tür hinter sich zu, steckte den Schlüssel ins Schloss und kurbelte ihn zweimal herum. Dann keilte er den Schädel zwischen die schmalen Schultern und konzentrierte sich auf seine braunen Halbschuhe, die über den kurzen Gehweg zur Straße schlurften. Ohne aufzuschauen, fügte er sich dem Verlauf der Straße, die nach fünfzig Metern wie ein vom Stamm abgebrochener Ast nach links abknickte.

Sie starrte auf seinen Rücken, der kleiner und kleiner wurde und schließlich aus ihrem Blickfeld ausradiert wurde. Langsam leerte sie den Becher Cappuccino, der ihr im McDonald’s Drive-in durch das Fenster gereicht worden war, verstaute ihn in dem Getränkehalter, kontrollierte zum x-ten Mal die Zeit und warf den Motor an. Falls er seinen Stundenplan beherzigte, würde er in zehn Minuten in den Bus mit der Nummer 154 steigen und zu seinem Bewährungshelfer fahren wie jeden Montag und Freitag.

Ihr Wagen folgte dem kurvigen Straßenverlauf und trudelte an dem Linienbus, der an der Haltestelle seine Fahrgäste einsammelte, vorbei. Gemächlich reihte sie sich in den Nachmittagsverkehr ein und suchte sich in der Richard-Wagner-Straße einen Parkplatz, der eine gute Aussicht auf die Hausnummer 14 gewährte.

Fünfzehn Minuten später näherte sich die Gestalt mit dem eingezogenen Haupt dem Gebäude. Der Mann rupfte die rechte Hand aus der Hosentasche, betätigte die Klingel und verschwand in dem Haus.

Sie schnappte sich das Buch, das auf dem Beifahrersitz lag, und tauchte mit einem Seufzer in die Lektüre ein. Sie hatte eine Stunde Zeit, um der tragischen ­Liebesgeschichte von Holly und Gerry zu folgen, bevor die Sitzung mit dem Bewährungshelfer beendet sein und er sich auf dem gleichen Weg, den er gekommen war, wieder in seine Höhle verkriechen würde.

Pünktlich erschien er auf dem Treppenansatz und trat den gewohnten Rückweg an. Wenige Meter vor seinem Domizil lauerte sie ihm bereits auf und beobachtete, wie er in dem Haus verschwand. Sie visierte die schmuddeligen Vorhänge an der Vorderseite des Gebäudes. Die Gardinen bewegten sich nicht. Anscheinend verspürte er nicht das Bedürfnis, nach einem eventuellen Verfolger Ausschau zu halten oder die missachtenden Blicke und Bemerkungen der Nachbarn einzufangen. Sie hatte längst bemerkt, dass diese eine Initiative gegründet hatten, um den Bewohner des Hauses zum Schutze ihrer Kinder zu observieren. Diese Vorsichtsmaßnahme konnte sie ihnen nicht verdenken.

Sie packte das Sandwich mit Käse, Salatblättern, Tomate und Ei aus, das sie sich als Mittagessen mitgebracht hatte, und wartete auf den nächsten Programmpunkt.

Er führte ein einsames Leben, empfing keinen Besuch und verkehrte lediglich mit seiner Therapeutin und seinem Bewährungshelfer. Am Freitagnachmittag radelte er mit dem Fahrrad zum Wald, wo er es auf dem Parkplatz abstellte und ein bis zwei Stunden spazieren ging. An den anderen Nachmittagen arbeitete er in seinem Garten und kämpfte gegen den Wildwuchs an, der dort wie Bambus wucherte.

Donnerstagmorgens erledigte er seine Einkäufe, montagnachmittags besuchte er seine Therapeutin. Ab 19:00 Uhr verriet das Licht des Fernsehers seine Aktivität. Zwischen 23:00 und 24:00 Uhr schaltete er das Gerät aus und begab sich vermutlich ins Bett. Was er die übrigen Stunden im Inneren seines Hauses trieb, entzog sich ihrer Kenntnis. Sie verspürte keinerlei Verlangen, ihr Vorstellungsvermögen diesbezüglich zu bemühen.

Sein Stundenplan ließ nur zwei Möglichkeiten, ihn zu überwältigen: Sie musste ihn entweder am Wald abpassen oder sich Zugang zu seinem Haus verschaffen, um ihn dort zu betäuben und in das Auto zu schaffen. Letzteres barg vor allem die Gefahr ungewollter Zeugen, die die Entführung beobachten könnten. Auch wenn die Nachbarschaft über das Verschwinden erfreut sein würde, bestünde die Wahrscheinlichkeit, dass sie der Polizei Auskünfte über sie erteilen könnte. Das wiederum barg die Gefahr einer frühzeitigen Festnahme. Aufgrund dessen war der Wald weniger gefährlich, da er außer am Wochenende kaum aufgesucht wurde. Sie entschied sich daher für diese Variante.

Um 14 Uhr verließ er das Haus und schwang sich auf sein Fahrrad. Fünfzehn Minuten später trennte sie sich von ihrer Lektüre und zuckelte zum Wald, wo sie am Parkplatz vorbeirollte und zufrieden verfolgte, wie er seine Routine absolvierte. Sie stoppte, zog ihren Kalender aus der Tasche, blätterte zum nächsten Freitag und tippte gedankenverloren mit der Fingerspitze auf das Datum. Schließlich startete sie das Auto und fuhr nach Hause. Es blieb ihr genau eine Woche, um die letzten Vorbereitungen zu treffen.

Kapitel 13
Freitagmittag – eine Woche später

Der Mercedes-Benz Sprinter parkte auf dem Waldparkplatz. Sie entnahm ihrer Umhängetasche einen Elektroschocker und versenkte ihn in der Hosentasche der weiten Leinenhose. Sie stieg aus und schmiss einen Blick auf die Straße, die zu dem Parkplatz führte.

Die Luft roch nach Frühsommer – nach Fichtennadeln und dem Geruch des Harzes, das durch die Sonnen­strahlen erwärmt wurde. Bauschige Sahnewolken wanderten über den blauen Himmel. Darunter spielten Vögel mit roten Bäuchen Fangen. Trotz der friedlichen Atmosphäre wuchs ihre innere Unruhe. Tausende von panischen Gnomen flitzten durch ihren Körper und beschleunigten ihren Puls. Ein leises Klacken drang an ihre Ohren. Sie drehte den Kopf in den Nacken und erspähte den erwarteten Fahrradfahrer, der die letzten Meter zum Parkplatz bewältigte.

Sie zog die Hecktür weit auf.

Er stellte das Rad an dem nur wenige Meter entfernten Fahrradständer ab und sicherte es mit einer Kette. Seine schlaffen Wangen glänzten von der vollbrachten Anstrengung. Auf seiner Stirn standen Schweißperlen.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte sie, während sie sich ihm näherte. Ihre Pupillen, die von einer Sonnenbrille verdeckt wurden, waren klein wie Stecknadelköpfe. „Könnten Sie mir den Kinderwagen aus dem Heck heben? Ich habe Probleme mit dem Rücken.“ Demonstrativ führte sie eine Hand zum Kreuz.

Er zuckte zusammen. „Ähm … ja.“ Die Laute klangen muffig wie eine verstimmte Oboe.

Sie machte auf dem Absatz kehrt und schritt zu dem Fahrzeug. Langsam folgte er ihr. Sie trat einen Schritt zur Seite und gönnte ihm einen Blick in das leere Heck.

„Aber …“, setzte er an. Den Rest des Satzes verschluckte er zuckend, als die Elektroschockpistole seinen Rücken traf und eine Million Volt durch seinen Körper rasten. Sie warf sich mit ihrem gesamten Gewicht gegen ihn. Er kippte vornüber und landete auf der Ladefläche, die sie mit einem Kunststofftuch, das normalerweise zur leichteren Umbettung eines Patienten diente, ausgelegt hatte. Seine Glieder waren schlaff wie nasse Lumpen.

Flink kletterte sie in den Wagen, schoss eine weitere Voltladung in ihn hinein, zerrte ihn wie einen Zentnersack Kartoffeln weiter in das Wageninnere und verschloss die Tür. Sie rupfte den Ärmel seines grauen Hemdes, das unangenehm nach Schweiß roch, über die Armbeuge und begutachtete die hervortretende Vene. Aus dem bereit­stehenden Arztkoffer wählte sie Tupfer und Desinfektions­alkohol aus und reinigte die beabsichtigte Einstichstelle. Mit ruhiger Hand injizierte sie das Schlafmittel, verstaute den Verpackungsmüll, den benutzten Wattetupfer und die leere Spritze in einem Plastikbeutel, knotete den Beutel zu und ließ ihn zurück in die Arzttasche gleiten.

Sie überwachte, wie das Schlafmittel langsam die Kontrolle über ihn gewann. Die Jahre im Gefängnis hatten an ihm gezehrt: Das Haar hatte sich zu einem Kranz ausgedünnt und war ergraut. In seine Stirn hatten sich Falten­täler gegraben. Die Wangen waren erschlafft, und die Kinnpartie zeigte eine Tendenz zum Doppelkinn. Die milchig weiße Haut leuchtete ungesund. Sein untrainierter Körper wirkte weich und schwammig. Bei der Vorstellung, wie dieser Körper die Mädchen bedrängt hatte, stieg Übelkeit in ihr auf. Sie unterdrückte einen Würgereiz.

Als sein Brustkorb sich gleichmäßig hob und senkte, checkte sie seinen Puls, öffnete schließlich die Hecktür und kletterte hinaus. Sie überzeugte sich kurz davon, keine unerwünschten Spaziergänger in der Nähe zu haben, postierte sich hinter dem Lenkrad und steuerte den Wagen ruhig über die Landstraße zur Autobahnauffahrt.

Bereits eine gute Stunde später hatte sie ihr Domizil erreicht und rollte über die Zufahrt zu einer Doppelgarage, die einen direkten Zugang zum Keller besaß. Sie dirigierte das Garagentor mit der elektrischen Fernbedienung, die an ihrem Schlüsselbund baumelte. Stück für Stück rollte es nach oben. Sie parkte den Wagen neben dem Sezier­tisch, stellte den Motor aus und schloss das Tor per Knopfdruck. Sie stieg aus und klappte die Heck­türen auf. Ihr Patient schlummerte tief. Sie manövrierte den Sezier­tisch hinter das Fahrzeug und befördert den Patienten mithilfe des Umbettungstuches auf die Metallplatte. Dabei wechselte sie die Griffe des Tuches kontinuierlich und verfrachtete ihn unter immenser Kraftanstrengung Stück für Stück auf seine neue Unterlage.

Mit dem Unterarm wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und karrte den Tisch von der Garage durch einen Zugangsschlauch in den ehemaligen Abstellkeller, der jahrelang in liebevoller Kleinarbeit für ihren Gast vorbereitet worden war. Dort schnitt sie ihm die Kleidung vom Leib und versenkte sie in einem blauen Müllsack, den sie mit einem Band zuknotete.

Sie examinierte den entkleideten Mann. Ekel ballte sich wie eine Faust in ihrem Magen und boxte auf ihren Kehlkopf. Sie fixierte seine Fußgelenke mit Schellen und Ketten am Gestell, legte seine Hände in die Ablagen und befestigte sie ebenfalls mit Bändern, schnallte seine Brust und seinen Bauch mit Lederriemen an den Tisch und positionierte seinen Schädel in einer Halterung, die sonst hauptsächlich bei Schulteroperationen zum Einsatz kam. Flink zurrte sie die Gurte dank der Easy-Click-Technik fest. Zur Krönung zwängte sie einen Spreizer zwischen seine Kiefer.

Sie bewunderte ihr Werk. Heiterkeit umspielte ihren Mund. Sie hatte es sich schwieriger vorgestellt. Was nun folgen würde, war im Vergleich zu der Entführung ein Klacks. Sie löschte das Licht. Dunkelheit legte sich wie eine schwarze Schneedecke über den Patienten und schien sogar das Rauschen der Klimaanlage zu dämmen. Sie schloss die Tür, damit er sich in Ruhe von den Strapazen der nachmittäglichen Reise erholen konnte, während sie das Auto zurückbrachte.

Teil 3

Kapitel 14
Samstag

Wie an jedem Morgen bereitete sie sich an diesem verheißungsvollen Tag eine Scheibe Toastbrot mit Butter und Käse, eine Tasse Cappuccino sowie ein Glas frisch gepressten Orangensaft zu und trug das Tablett zum Esstisch, wo die Tageszeitung auf sie wartete. Genüsslich biss sie in das warme Brot, während sie die Zeitung durch­blätterte und einige Artikel überflog. Sie umfasste die Tasse mit beiden Händen, senkte die Lider und inhalierte das Aroma des frisch gebrühten Kaffees, bevor sie an dem heißen Getränk nippte. Er schmeckte wie immer köstlich und verlieh dem Morgen einen Anstrich von Normalität.

Nachdem sie ihr Frühstück beendet hatte, räumte sie das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine, wischte über die Küchenoberfläche und versenkte die gelesenen Neuigkeiten im Altpapier. Die Küchenuhr verriet, dass es bereits neun Uhr war, also Zeit, sich ihrem Gast zu widmen. Sie atmete tief durch und ging in den Flur.

Die alten Dielen in dem hellen Entree grüßten sie knarzend. Auf Hochglanz poliert, gelang es ihnen dennoch nicht, ihr Alter zu verbergen. Hier und da zeigten sich Kratzer, die sich seit dem vorletzten Jahrhundert angesammelt hatten. Sechs Räume säumten den offenen Eingangsbereich, von denen sie nur die Küche und die Bibliothek nutzte. In den anderen Räumen der unteren Etage schlummerten antike Möbelstücke unter weißen Laken.

In der Mitte des offenen Bereiches führte eine Balustrade aus Holz zum Flur der oberen Etage, der sich wie ein Balkon an drei Seiten des Hauses entlangzog und den Zugang zu den Schlafzimmern bot, von denen sie sich eins für die Dauer ihres Aufenthaltes ausgesucht hatte.

Sie wagte einen Blick auf die Tür, hinter der sich der Zugang zum Keller verbarg, in dem sie ihren Patienten gestern willkommen geheißen und ihm das Spiel angekündigt hatte. Sie straffte die Schultern, drückte die Klinke herunter und stieg Stufe um Stufe ihrem Tagespensum entgegen. Vor der Tür des ehemaligen Vorratskellers befreite sie einen in Folie eingeschweißten OP-Kittel aus seiner Verpackung und schlüpfte hinein. Ihr Haar verschwand unter einer grünen Haube und ihre untere Gesichtspartie hinter einem Mundschutz. Leise entsperrte sie die Metalltür, ein Lichtkegel fiel in den dunklen Raum.

„Hallo?“ Seine Stimme schaukelte heiser. Seine Hilferufe waren während der letzten Stunden an den gefühlskalten Kacheln abgeprallt.

Die Dunkelheit roch trotz Klimaanlage nach Schweiß und Angst. Ein Blasenkatheter verhinderte das Ein­nässen, sodass der Geruch von Urin sich nicht in das Aroma mischte. Sie schaltete die Oberbeleuchtung an und beobachtete, wie er die Lider wegen der plötzlichen Neon­bestrahlung zusammenkniff.

„Guten Morgen.“ Sie eruierte den teigigen Körper, der sich unter dem Leinentuch, mit dem sie ihn bedeckt hatte, abzeichnete. Ihre Nase kräuselte sich.

„Wo bin ich?“ Seine Stimme zitterte.

Sie ignorierte die Frage, wusch und desinfizierte ihre Hände an dem kleinen Waschbecken und bekleidete sie mit Latexhandschuhen. Langsam trat sie an ihn heran.

Seine Augen gewöhnten sich zunehmend an die Hellig­keit. Unfähig sich zu bewegen, huschten seine Augäpfel bei dem Versuch, sie zu erfassen, hektisch hin und her.

„Bin ich in einem Operationsraum?“, versuchte er es erneut. „In einem ähnlichen Raum wurde mir der Blinddarm entfernt, aber der Saal damals war viel größer“, faselte er.

Sie antwortete mit Schweigen.

„Was ist passiert? Ich kann mich nicht erinnern.“ Die Worte überschlugen sich jetzt hysterisch.

Sie trat in sein Blickfeld. Er hechelte und wand sich in seinen Fesseln. Panik zeichnete seine Gesichtszüge wie ein Brandeisen ein Rind.

„Das habe ich Ihnen bereits gestern angedeutet, als Sie wach wurden. Ist davon nichts in Ihrem Gedächtnis haften geblieben? Soll ich es nochmals wiederholen?“ Sie beugte ihr maskiertes Gesicht über ihn. „Sie befinden sich in einem privaten Operationssaal, um ein paar chirurgische Eingriffe vornehmen zu lassen.“

„Was?“ Sein Brustkorb hob und senkte sich wie ein Blasebalg.

„Komme ich Ihnen nicht bekannt vor? Wir sind uns schon oft begegnet, aber die Zeit verfremdet, nicht wahr? Reizen die kleinen Mädchen Sie immer noch?“

„Nein, ich …“, krächzte er.

„Was nein?“ Ihre Stimme ohrfeigte ihn, und er verstummte. „Wissen Sie – ich bin keine Psychiaterin, sondern praktisch veranlagt. Pädophilie ist nicht heilbar. Der Betroffene kann lediglich lernen, seine Bedürfnisse in den Griff zu bekommen, das heißt, diese nicht auszuleben. Dabei ist die Unterdrückung der Hormonproduktion sehr hilfreich, da sie den Sexualtrieb des Mannes sowie seine Aggressivität steuert. Diese kann entweder medikamentös erfolgen – wobei eine kontinuierliche Ein­nahme der Medikamente gewährleistet werden muss – oder operativ. Beide Möglichkeiten wurden Ihnen bestimmt erörtert.“ Ihre Augen funkelten kalt wie Eissplitter.

Er starrte zurück, als wäre er hypnotisiert, und würgte einen unsichtbaren Kloß herunter. Im grellen Licht der Neonröhre glänzten Schweißtropfen auf seiner Stirn und perlten über seine Schläfen.

„Antworten Sie mir!“, herrschte sie ihn an.

„Ja.“ Ein Zucken lief durch seinen Körper.

„Wie ich bereits feststellen konnte, haben Sie die Möglich­keit einer Kastration nicht für sich in Anspruch genommen. Für mich liegt daher die Vermutung nahe, Sie wollen sich Ihre Fantasie weiterhin erhalten und hoffen auf deren Realisierung.“

„Nein!“ Er legte alle Kraft in seine Stimme.

„Dann werden Sie mir zustimmen, dass es sinnvoll ist, diesen Eingriff nun nachzuholen.“ Sie hatte die Fingerspitzen zusammengelegt und hielt sie auf Brusthöhe.

„Nein. Bitte, nein!“ Seine Lippen zitterten.

„Ihre Libido und Erektionsfähigkeit werden nach circa vier Wochen spürbar abnehmen, was Ihnen eine große Erleichterung bringen wird. Nach ungefähr zwei Monaten ist eine Erektion ohne die Gabe von Testosteron nicht mehr möglich.“

Er flennte.

„Es ist ganz einfach. Ich habe es zuvor zwar auch noch nie gemacht, aber glücklicherweise kann man es an verschiedenen Stellen nachlesen.“

Er winselte.

„Ich werde eine Orchiektomie durchführen, das heißt, Ihre Hoden entfernen.“

Er jaulte auf.

„Reißen Sie sich zusammen! Im Gegensatz zu den Mädchen müssen Sie keinerlei Schmerzen verspüren. Glauben Sie, durch Ihr Gejaule auf Mitleid zu stoßen? Hatten Sie Mitleid?“

Er wimmerte leise vor sich hin.

„Wir haben verschiedene Möglichkeiten, den Eingriff durchzuführen. Die Wahl liegt bei Ihnen, sofern Sie kooperieren. Ansonsten werde ich über das Vorgehen entscheiden. Haben Sie mich verstanden?“

Er antwortete nicht.

„Haben Sie mich verstanden?“ Ihr Tonfall verlangte Gehorsam.

„Ja.“ Er heulte.

„Gut. Zunächst könnten wir den Eingriff sehr barbarisch vollziehen. Zum Beispiel könnte ich Ihre Hoden zwischen zwei Ziegelsteinen, die hier bereitliegen“, sie rollte den OP-Tisch in seinen Blickbereich, „zermalmen.“

Er fixierte die Steine aus den Augenwinkeln. Seine Pupillen weiteten sich panisch. Seine Lippen verwandelten sich in einen schmalen Strich.

„Ich könnte auch einen kleinen Schnitt am Hodensack vornehmen, die Hoden herausdrücken, die Stränge abbinden und nahe der Hoden durchtrennen. Dies ist selbst ohne lokale Betäubung erträglich, und Sie bekommen das Prozedere mit.“ Sie senkte den Kopf und musterte ihn über den Mundschutz hinweg.

Er zitterte trotz der angenehmen Temperatur.

„Schließlich kann ich Ihnen noch eine lokale Anästhesie anbieten, die quasi wie eine Betäubung beim Zahnarzt wirkt, und eine anschließende Versorgung mit Schmerzmitteln, um den Wundschmerz auszuschalten. Nach einer Woche spüren Sie nichts mehr.“ Sie kutschierte den Tisch auf die Höhe seines Unterleibes und begutachtete die bereitliegenden Skalpelle. „Welche Methode präferieren Sie?“

Er schluchzte.

„Wenn Sie mir die Entscheidung überlassen, greife ich zu den Ziegelsteinen.“ Ihre Handschuhe bewegten sich auf die Steine zu.

„Betäubung!“ Seine Stimme klang löchrig wie ein Sieb.

„Das habe ich vermutet. Letztendlich haben Sie eine sadistische und keine masochistische Neigung.“ Sie deckte ihn auf, reinigte den Eingriffsbereich mit Desinfektionsmittel und injizierte das Lokalanästhetikum. Während das Medikament wirkte, erneuerte sie die Infusions­flasche, die an einem Metallgestell baumelte und ihn intravenös mit einer Elektrolytlösung versorgte. Anschließend entledigte sie sich der Gummihandschuhe. Das Flitschen peitschte durch die Stille.

Sie wusch und desinfizierte ihre Hände von Neuem und gönnte ihren Fingern ein Paar unbenutzte Handschuhe. Leise trat sie hinter ihn. Ihre Mundwinkel unter dem Mundschutz wanderten nach unten, und sie kniff die Augen zusammen, als sie ihren Patienten über seinen Schädel hinweg erforschte.

„Wissen Sie noch, wie Ihre Opfer hießen?“ Die Kühle in ihrer Stimme bedeckte ihn wie Schnee einen Hang.

Eine Gänsehaut überzog ihn. Seine Kiefer bewegten sich, als würde er die Namen, die sich auf seiner Zunge gesammelt hatten, zerkleinern, um sie ­herunterzuschlucken. Er beantwortete die Frage nicht.

„Sie haben Ihre Opfer gewürgt und verbrannt, wenn sie geweint haben. Hat das geholfen?“

Er blieb ihr eine Antwort schuldig.

„Das hat es nicht. Im Gegenteil.“ Die Worte hagelten auf ihn nieder.

Er kniff die Lider zusammen, um sich vor dem Hagelschlag zu schützen.

„Soll ich Ihnen einmal demonstrieren, warum es nicht hilft?“

„Nein. Es tut mir leid.“ Er stotterte wie ein defekter Motor. „Es tut mir leid.“

„Sie haben eine Kerze verwendet, nicht wahr? Ich habe einige Verletzungen gesehen.“ Die Erinnerung verdunkelte ihre Iris. „Wissen Sie noch, wie Ihre Opfer hießen?“, wiederholte sie.

Er antwortete nicht.

„Könnten Ihnen einige Brandmale auf die Sprünge helfen?“

„Em … ma“, winselte er.

„Und die anderen Mädchen?“

„W... w... welche anderen Mädchen?“

Sie schwebte zum Instrumententisch, entschied sich für eine lange weiße Kerze und zündelte mit einem Feuerzeug, bis der Docht Feuer fing. Gedankenverloren spielte sie mit der Lichtquelle, während das Wachs schmolz. Abrupt wendete sie sich ihm zu und ließ einen Tropfen der heißen Flüssigkeit auf seinen Arm tropfen.

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ISBN:
9783946734703
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