Kitabı oku: «Kryptonit»
Kryptonit
1 Kapitel 1
2 Kapitel 2
3 Kapitel 3
4 Kapitel 4
5 Kapitel 5
6 Kapitel 6
7 Kapitel 7
8 Kapitel 8
9 Kapitel 9
10 Kapitel 10
11 Kapitel 11
12 Kapitel 12
13 Kapitel 13
14 Kapitel 14
15 Kapitel 15
16 Kapitel 16
17 Kapitel 17
18 Kapitel 18
19 Kapitel 19
20 Kapitel 20
21 Kapitel 21
22 Kapitel 22
23 Kapitel 23
24 Kapitel 24
25 Kapitel 25
26 Kapitel 26
27 Kapitel 27
28 Kapitel 28
29 Kapitel 29
30 Kapitel 30
31 Kapitel 31
32 Kapitel 32
33 Kapitel 33
34 Kapitel 34
35 Kapitel 35
36 Kapitel 36
37 Kapitel 37
38 Impressum
Kapitel 1
Als ich aufwachte schien die Sonne in den verschiedensten Tönen durch die Vorhänge unseres Zimmers. Ich schaute neben mich. Da war sie, meine Pia. Meine Liebe, mein Glück. Meine Freundin. Sie drehte sich in meinen Armen und schmatzte ein wenig. Zufrieden schloss ich noch einmal die Augen und schmiegte mich an sie. Ich glaube, das war die glücklichste Zeit, die wir zusammen hatten. Wir waren jung und einfach verliebt. Wir brauchten nur uns. Pia und Toby. Das war das Wichtigste auf der Welt für uns.
Ich musste wieder weg genickt sein, denn als ich wieder zu mir kam, war Pia über mich gebeugt und kitzelte mich mit ihren blonden Haaren im Gesicht. Ich schnaubte und drehte erschrocken meinen Kopf weg. Pia legte sich auf meine Brust und streichelte meine Hüfte.
„Morgen, Obielein.“ sagte sie sanft.
Ich küsste ihren Kopf und streichelte ihren nackten Rücken. Diese Morgen mit ihr waren einfach vollkommen. Es gab nur uns und unsere Berührungen. Wir redeten an manchen Tagen bis in den Mittag hinein. Und an manchen Tagen sprachen wir kein einziges Wort.
„Ich geh mal ins Bad.“ sagte sie mit einem Lächeln und küsste mich.
Dann stand sie auf und schwang sich aus dem Bett. Ich hielt ihre Hand fest und wollte sie nicht gehen lassen. Sie gab nach und fiel wieder aufs Bett. Wir lächelten uns verschmitzt an. Wir küssten uns noch einmal innig und ich hielt sie dicht an mich gepresst, bis sie sich schließlich aus meiner Umarmung wand und erneut zum Gehen ansetzte. Sie hatte schon beide Füße auf den Boden gesetzt.
„Geh nicht.“ bettelte ich mit herunter gezogenen Mundwinkeln. „Sieh nur all dieser Platz neben mir. Wie soll ich den nur füllen ohne dich?“
„Ach, Obie…“ sagte sie grinsend und gab mir noch einen Kuss, bevor sie sich entschlossen aus meiner Umklammerung löste.
Pia war die einzige Person, die mich Obie nannte. Es war ein ziemlich dummer Witz zwischen uns. In einer Liste wurde mein Anfangsbuchstabe vergessen und aus Toby wurde Oby. Es war wirklich nicht sehr lustig, aber so ein bisschen war das unsere Kennenlerngeschichte. Sie stand in der Uni vor der Liste und diskutierte mit einer Freundin darüber, wer seinen Sohn wohl Oby nennt.
„Vielleicht ein leidenschaftlicher Handwerker! Oder, oh! Vielleicht ist es sogar der Baumarktgründer selbst…“
Ich stand damals daneben und fragte mich, wer sich solche flachen Witze ausdenkt und sie auch noch laut ausspricht. Dann sah ich Pia. Ich stand mit verschränkten Armen neben ihr und nickte still lächelnd vor mich hin.
„Das heißt Toby. Die haben einen Buchstaben vergessen.“ sagte ich trocken.
„Oh. Stimmt, das könnte sein.“ gestand sie peinlich berührt.
„Ich bin übrigens Toby. Hi. Und meine Nummer steht ja auf der Liste… Direkt neben dem Wort Oby.“ zwinkerte ich ihr zu.
Pia sah mich beeindruckt an und machte vielsagend mit ihrem Handy ein Foto der Liste mit dem frechsten Grinsen, das ich kenne. Einen Tag später trafen wir uns auf ein Kölsch und zwei Tage später waren wir bereits ein Paar.
In unserer hellhörigen Wohnung hörte ich, wie Pia auf dem Weg ins Bad Sascha traf, der gerade nach oben kam. Sie unterhielten sich und lachten miteinander. In unserer WG war eigentlich immer reges Treiben. Wir waren sechs Leute in der Wohnung und man war nie alleine zu Hause. Obwohl immer jemand Uni oder Arbeit hatte, konnte man zu jeder Tageszeit jemanden im Wohnzimmer, der Küche oder auf dem Balkon antreffen. Ich liebte es, jederzeit ein spontanes Gespräch führen zu können oder auf die nächste Party eingeladen zu werden. Nicht selten fand diese direkt in unserem Wohnzimmer statt. Trotz meiner gelegentlichen ‚Verkopftheit‘ war ich meistens ziemlich spontan und lebte in den Tag, in den Abend, in die Woche hinein. Das Studentenleben war der Höhepunkt meines Lebens. Ich tat den ganzen Tag etwas, was ich liebte. Ich studierte ‚Film und Fernsehen‘ in Köln und arbeitete nebenbei für Filmprojekte an der Uni. Dort war ich vor allem für das Zeichnen von Storyboards zuständig, was ich noch mehr liebte als alle anderen Themen rund um den Film. Ich hatte wahnsinnig viel Freizeit und konnte mir meine Zeit frei einteilen. Die meisten meiner Vorlesungen waren erst nachmittags, so dass ich entweder lange schlafen oder vor der Uni arbeiten konnte. Oder bis mittags mit Pia im Bett liegen. Die Variante, für die ich mich meistens entschied. Kurzum: mein Leben war einfach perfekt. Ich hatte die beste Frau der Welt an meiner Seite und lebte in der schönsten Stadt Deutschlands. Ich studierte und arbeitete etwas, was mir Spaß machte und hatte die besten Freunde an meiner Seite. Ich dachte nicht, dass sich das jemals ändern würde. Aber in den folgenden Wochen wurde ich eines Besseren belehrt.
Ich hörte das Rauschen der Dusche und döste noch etwas vor mich hin, bevor ich mich auf das Fensterbrett setzte und meine erste Kippe ansteckte. Ich schaute hinaus auf die Straße und beobachtete die Leute, die vorbei gingen. Sie liefen geschäftig zum Supermarkt oder telefonierten beim Gehen. Einige waren auch mit Freunden oder ihrem Partner unterwegs und lachten oder unterhielten sich. Ich hatte es mir zum Hobby gemacht, Menschen zu beobachten. Ich betrachtete ihre Körperhaltung, ihre Mimik, ihre Art zu gehen. Ich malte mir Charaktere zu den Personen aus, die ich beobachtete. Manchmal machte ich mir sogar eine Skizze, wenn ich einen interessanten Gesichtsausdruck oder Gang bemerkte. Während ich am Fenster saß und in meine Studien vertieft war, kam Pia aus dem Bad. Sie hatte nasse Haare und nur ein Handtuch um ihren Körper geknotet. Sie stellte sich neben mich und lehnte sich an mich an.
„Na, Studien?“ fragte sie wissend.
Ich grinste sanft und löste die Stelle, an der ihr Handtuch festgesteckt war. Es fiel schwer zu Boden und Pia war nackt. Sie schaute sich erschrocken um, weil die Türe noch offen stand, aber ich zog sie trotzdem an mich und fing an, sie zu berühren. Sie drückte ihren Körper an mich und wir küssten uns innig, während wir rüber zum Bett wanderten. Auf dem Weg dahin schloss ich mit dem Fuß die Tür und wir fielen auf unser Bett. Wir gaben uns dem Anderen hin und bemerkten nicht, dass wir wohl etwas zu eindeutige Laute von uns gaben.
„Nehmt euch ein Zimmer!“ tönte eine Stimme ironisch, die an unserer Tür vorbei kam.
„Erledigt.“ rief Pia zurück und ich konnte ein leises Lachen hören.
Es klang nach Raffi, der eigentlich sowas wie „Ihr seid so süß. Macht ruhig weiter. Jeder hier kann jeden Ton von euch hören.“ als diskreten Hinweis geben wollte. Wir fuhren also die Lautstärke etwas zurück und beschlossen dann aufzustehen.
Raffi war ein besonderer Mensch für mich. Er kannte Pia schon vor mir und hat uns so etwas wie den letzten Stups gegeben, damit wir zusammen gekommen sind. Er war unser engster gemeinsamer Freund und derjenige mit dem ich alles über Pia teilte. Und vermutlich teilte sie auch alles über mich mit ihm. Er kannte uns und unsere Beziehung jedenfalls wie kein anderer und war so etwas wie unser größter Supporter. Wir liebten ihn beide. Er war der beste Mensch der Welt.
Ich erledigte meine Morgentoilette und fand Pia mit einigen unserer Mitbewohner in der Küche, wie sie das Frühstück vorbereiteten. Ich küsste sie nochmal und wünschte allen einen guten Morgen, als ich dazu kam. Raffi, Pia und ich wollten nach dem Frühstück in die Stadt gehen und ein paar letzte Besorgungen für unseren ersten WG-Urlaub machen. Morgen früh sollte es los gehen und wir waren mehr als gespannt, was auf uns zukommen würde. Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zur Bahn um in die Stadt zu fahren. Wir freuten uns alle schon sehr auf den Urlaub, weil es für uns alle eine neue Erfahrung war. Die erste Herausforderung war mit einer so verhältnismäßig großen Gruppe weg zu fahren. Würden wir überhaupt als Einheit den Urlaub verbringen oder würde es Grüppchen geben, wie sonst auch wenn wir zusammen unterwegs waren? Der zweite Punkt war die Art des Urlaubs. Wir hatten eine Gruppenreise nach Südfrankreich ins ‚Abenteuercamp‘ gebucht. Was das bedeutete, sollten wir erst richtig heraus finden, als wir da waren. Außer Alex und Sascha war keiner von uns besonders sportlich veranlagt oder in sonst einer Form ‚abenteuerlustig‘, was uns natürlich im so genannten Abenteuercamp etwas in die Quere kommen könnte. Wir hatten uns jedenfalls darauf eingelassen und freuten uns trotzdem total auf die zwei Wochen in der Sonne. Ich dachte an gemeinsame Nächte mit Pia unterm Sternenhimmel oder im Zelt. Wie wir zusammen eine Wanderung meisterten oder einfach im See badeten. Ich war der festen Überzeugung, dass uns dieser Urlaub noch mehr verbinden würde.
„Okay, Leute. Erster Stopp: dm. Waschzeug, Sonnencreme, Reisegrößen. Los gehts.“ delegierte Raffi uns.
Er war unser Organizer und wusste genau, wie man etwas strukturiert und klar angeht. Manchmal war er etwas gruselig dabei, aber er hatte es drauf.
„Alex meinte, sie braucht noch Zahnpasta und Mascara.“
„Was ist Masakara? Kann man damit jemanden masakrieren?“ fragte ich unwissend.
Pia verdrehte nur die Augen und ging zielstrebig Richtung Schminke.
Ich befasste mich derweil mit den Vorzügen der verschiedenen Sonnencremes und wägte ab, ob ein höherer UV-Faktor verhindern würde, dass man braun wird. Ich las angestrengt die Packungsrückseiten, als Pia mir die Flasche direkt aus der Hand nach unten in den Einkaufskorb schlug. Ich schaute verdutzt ins Leere und dann fragend zu Pia.
„Ist doch egal. Nimm einfach eine mit… Campinggeschirr!!!“ rief sie entzückt.
„Pia, wir brauchen kein Campinggeschirr. Wir nehmen Normales mit.“
„Weißt du wie schwer das ist? Zudem weiß dann keiner, welches ihm gehört. Bei diesem Geschirr allerdings hätten wir den Vorzug, dass du mein Lieber zum Beispiel blau nehmen kannst und ich rot.“
Sie kam ganz nah an mich heran und flüsterte mir ins Ohr, während sie mit dem Finger auf mein Brustbein tippte:
„Das blaue Geschirr gehört dann NUR DIR.“
Dann erklärte sie wieder laut:
„Und Raffi kann gelb nehmen. RAFFI?“ brüllte sie durch den Laden.
„Du magst doch gelb, oder?“
Raffi kam um die Ecke gestürmt und schaute uns fragend an. Er sah Pia, die mit einem gelben Teller in der Hand erwartungsvoll im Gang stand. Hinter ihr stand ich und gab ihm hastig zu verstehen, dass er einfach ja sagen sollte.
„Gelb ist voll okay. Wieso?“ fragte er verwirrt.
„Campinggeschirr!“ rief Pia erfreut.
„Sag einfach ja, Kumpel. Es hat eh keinen Sinn zu diskutieren.“ murmelte ich mit aufeinander gepressten Zähnen.
So wanderte Campinggeschirr, bestehend aus Tellern, Bechern und Schüsseln in den folgenden sechs Farben in unseren Einkaufskorb: blau, rot, gelb, orange, grün, pink. Ich war sicher, dass Pia schon genau wusste, welche Farbe zu welchem Mitbewohner gehörte. Wir gingen wieder unseren Besorgungen nach und ich war gerade völlig vertieft in eine weitere Verpackungsrückseite, als ich um die Ecke bog und gegen einen riesigen Teddy rannte, der sagte „Buh!“
Vor Schreck ließ ich den Einkaufswagen fallen. Ich schwöre, allen Menschen im Laden blieb für eine Sekunde das Herz stehen. Wer schon mal einen Einkaufswagen aus Metall mit sechs Sets Campinggeschirr und drei Sonnencremes auf einen Fliesenboden hat fallen hören, weiß sicher warum. Pia schaute vorsichtig hinter dem Teddy hervor und grinste mich mit einem knappen „Ups“ an. Ich schüttelte nur den Kopf über diese Frau, musste aber gleichzeitig lächeln. Das war typisch Pia. Erst machen, dann denken.
„Pia, du hast `nen Knall.“ raunte ich ihr zu und nahm sie an der Hand weiter durch den Laden.
Raffi hatte die Situation aus etwas Entfernung beobachtet und versuchte jetzt so zu tun, als ob er uns nicht kannte. Im Vorbeigehen flüsterte er.
„Ich hasse Einkaufen mit dir, Pia!“
Pia kicherte und gab Raffi einen Knuff an den Arm.
„Ich hatte Spaß!“ flüsterte ich ihr ins Ohr und wir gingen zur Kasse.
Raffi folge uns peinlich berührt und tat weiterhin so, als ob er nicht zu uns gehörte.
Pia tat eigentlich dauernd solche Dinge. Sie lebte einfach nach ihrem Gefühl und wenn sie eine verrückte Idee hatte, machte sie es einfach. Oft ging es schief. Aber lustig war es allemal. Wenn man mit ihr unterwegs war, musste man immer auf Überraschungen gefasst sein. Ich liebte diese Eigenschaft an ihr von Anfang an, obwohl oder vielleicht gerade WEIL ich eher ein vorsichtiger Mensch war. Ich fühlte mich mit ihr so lebendig und frei, wie ich es vorher nicht kannte. Sie weckte ständig meine Abenteuerlust und lies mich Dinge tun, die ich mich normalerweise nie getraut hätte. Mit ihr zusammen zu sein fühlte sich einfach unglaublich an.
Nachdem wir allerhand unnützes Zeug gekauft hatten und nun mit einer Hängematte unter dem Arm durch die Innenstadt wanderten, setzten wir uns in ein Café auf der Einkaufsstraße. Ich konnte also wieder meinem geliebten „People watching“ frönen und dabei auch noch die Gesellschaft der beiden mir wichtigsten Menschen genießen.
„Ich kann den Urlaub kaum abwarten. Ich brauche die Entspannung so dringend, das glaubt ihr nicht!“
Raffi ließ sich erschöpft in seinen Stuhl fallen und seufzte.
„Oooohh, tanzen die Kids dir auf der Nase rum?“ fragte Pia sarkastisch.
„Das sowieso. Aber das bin ich ja gewöhnt.“ antwortete Raffi mit einem Lächeln. „Ich muss einfach mal raus aus der Stadt und was anderes sehen. Darauf freue ich mich am Meisten.“
Raffi studierte Sozialpädagogik und arbeitete in einem Jugendzentrum mit sozial Benachteiligten oder verhaltensauffälligen Kindern als Betreuer. Er liebte das, weil er den Kids helfen konnte. Aber es war natürlich ein sehr kräftezehrender Job und nicht selten nahm er die Erlebnisse mit den Kindern mit nach Hause und erzählte uns davon. Ich konnte mir keinen Besseren für diesen Job vorstellen. Raffi war diplomatisch, engagiert und versuchte immer alle Seiten zu betrachten. Er zeigte Verständnis und konnte sich so gut in die Lage der jungen Leute hinein versetzen. Ich bewunderte ihn für seine Geduld und Hingabe. Die Kellnerin kam und nahm unsere Bestellung auf.
„Hey, was machst du denn hier? Ich dachte du bist schon im Urlaub!“ kam sie freudig strahlend auf Raffi zu.
„Morgen geht es los.“ lächelte er zurück. „Wir haben noch ein paar letzte Besorgungen gemacht. Und mit dieser jungen Dame im Schlepptau wird man sogar noch unerwartet stolzer Besitzer einer Hängematte.“
Raffi zeigte mit dem Kopf Richtung Pia und lachte. Pia zog ein breites Grinsen, winkte vorsichtig und verteidigte sich:
„Ihr werdet mir noch danken!“
Die hübsche Kellnerin lachte und schaute uns nun fragend an
„Was darf ich euch bringen?“
„Einen Milchkaffee.“ bestellte Pia.
„Für mich eine Cola.“
fuhr ich fort.
„Eine Cola… ja… Raffi, Ginger Ale?“ fragte sie mit dem Bleistift auf ihrem Block und schaute ihn neugierig an. Er nickte überrascht und lächelte sie an, während sie sich flotten Schrittes auf den Weg in die Küche machte, nicht ohne Raffi nochmal über die Schulter anzufunkeln. Ich war wirklich schwer beeindruckt. Er hatte absolut nichts gemacht oder gesagt und diese Frau lag ihm zu Füßen. Ich nickte anerkennend vor mich hin und klatschte leise in Raffis Richtung.
„Warum bist du eigentlich Single?“ fragte ich ihn überrascht.
„Wenn ich das wüsste. An irgendeiner Stelle geht es immer schief.“
„An dir kann es nicht liegen, Raffilein.“ baute Pia ihn auf.
Wir saßen noch eine Weile in der Sonne und planten den morgigen Abreisetag, überlegten, ob wir alles zusammen hatten, genug Zelte und Reisetaschen besaßen. All das mussten wir vorsichtig formulieren, damit Pia nicht wieder mit einer fixen Shoppingidee um die Ecke kam.
„Wann müssen wir eigentlich los?“ fragte Pia, nachdem sie den Rauch ihrer Zigarette ausgepustet hatte.
„Wann ist der Bus denn da?“
„Acht Uhr stand auf dem Zettel.“ wusste Raffi, unser Organisationstalent.
Pia und ich sahen uns schockiert an. Das hieß wohl früh aufstehen. Puh. Ich konzentrierte mich wieder auf meine Kippe und beobachtete die Menschen, die um uns herum saßen. Zwei Freundinnen saßen zusammen am Tisch und zeigten sich gegenseitig Fotos. Sie suchten das Schönste aus und gaben sich Komplimente. An einem anderen Tisch saßen zwei befreundete Paare, die Cocktails tranken und offenbar viel Spaß hatten. Sie lachten ausgelassen und wirkten sehr vertraut miteinander.
„Hey, hörst du zu?“ wurde ich aus meinen Gedanken gerissen
„Hm? Habt ihr mit mir geredet?“
„Wir haben für alle Anwesenden geredet. Auch für dich, du Träumer.“
„Sorry, hab nicht zugehört.“ gestand ich.
„Also dann bis später, ihr Zwei.“ Pia stand auf und nahm ihre Tasche.
„Wo gehst du hin?“
„Ich hab doch gesagt, dass ich gleich noch zur Vorlesung muss.“
„Echt? Okay, dann bis später.“
Wir küssten uns und Pia verschwand.
„Also können wir los?“ fragte Raffi und stand ebenfalls auf.
„Wohin?“ fragte ich verwirrt.
„Toby, Toby, heute ist nicht dein Tag, was?! Wir gehen noch Reiseproviant kaufen. Du solltest mal zuhören.“
Raffi ging zur Theke und bezahlte unsere Getränke bei der hübschen Kellnerin. Die setzte noch zum letzten Versuch an, einen bleibenden Eindruck bei Raffi zu hinterlassen.
„Dann viel Spaß im Urlaub, mein Lieber! Und wenn du wieder da bist, kannst du dich ja mal melden. Ich habe immer frisch gekühlte Ginger Ale zu Hause.“
Wow Raffi, einfach Wow!
Kapitel 2
Abends saßen wir noch alle zusammen und planten unsere Reise. Sarah war immer noch nicht angetan von der Idee campen zu fahren, aber auf irgendwas mussten wir uns ja einigen. Sarah war eher der All-Inclusive-Türkei-den-ganzen-Tag-am-Pool-liegen-Typ, was uns allen einfach nicht zusagte. So war Sarah schon immer gewesen. Wir kannten uns noch aus Schulzeiten und sie hatte mir auch den Tipp gegeben, dass bei ihr ein WG-Zimmer frei war. Wir waren sehr unterschiedlich und nicht gerade auf der gleichen Wellenlänge, aber als Mitbewohner kamen wir gut klar. Bei Pia und Sarah sah das allerdings anders aus. Sie gerieten ständig aneinander und führten einen Kleinkrieg nach dem Anderen. Was es genau war zwischen den beiden wusste keiner von uns. Sie provozierten sich einfach ständig und stritten dann oft lautstark. Wir Mitbewohner hatten oft versucht, etwas dagegen zu unternehmen und sind kläglich gescheitert. Wir hatten Unternehmungen geplant, bei denen wir hofften, dass sich die beiden besser kennen lernen und endlich warm miteinander wurden. Aber sie mieden sich oder zickten sich bei jeder Gelegenheit an. Wir waren im Escape Room und haben uns erhofft, dass Teambuilding die beiden zusammen bringen könnte. Aber am Ende gab es Streit darüber, wer den Hinweis übersehen hat. Auch in diesen Urlaub setzten wir wieder große Hoffnungen, dass die beiden sich annähern. Vielleicht würde ja irgendwann ein Wunder geschehen.
Unsere dritte Frau im Bunde war Alex. Sie war das genaue Gegenteil von Sarah und beschäftigte sich bei der Urlaubsplanung eingängig mit der Preisliste für die Extremsportarten. Sie hatte sich fest vorgenommen, ihren Adrenalinspiegel auf ein neues Level zu heben. Ich für meinen Teil wollte lieber weiterleben und würde mich mit etwas Kanufahren und Wandern begnügen. Alexandra war schwarzhaarig, sehr sportlich und hatte einen top Körper. Sie gehörte zu den Frauen, die nach einem Tag an der Sonne knackig braun waren und obwohl sie absolut natürlich war, immer gefragt wurde, ob sie etwas hatte machen lassen. „Nein, alles selbst gemacht.“ war stets ihre Antwort. Alex war eine der coolsten Frauen, die ich kannte und wir kamen super klar. Sie war immer dabei, wenn es was zu feiern gab und ich mochte ihre lebensfrohe und selbstbewusste Art.
Am nächsten Morgen stieg mein Stresspegel schon vor dem Aufstehen in unerwartete Höhen. Es war sechs Uhr und Raffi brüllte die ganze Zeit durch den Flur. Pia war schon aufgestanden und rannte von einem Raum zum anderen. Ich wollte einfach nur noch zehn Minuten schlafen. Aber ständig kam jemand ins Zimmer und kommentierte „Der alte Sack schläft ja noch.“ „Toby, Aufstehen! Wir fahren ohne dich.“
Endlich kam Pia an mein Bett und versuchte auf sanfte Weise mich da raus zu kriegen. Sie streichelte meinen Arm und bat mich aufzustehen, damit wir alles fertig packen konnten. Einen Kaffee hatte sie auch noch im Gepäck, also ließ ich mich überreden. Ich stellte mich mit Kaffee und Kippe in Boxershorts auf den Balkon und fühlte mich bereit, den Tag zu beginnen. Ich zog mir etwas über und nahm am spärlich besetzten Frühstückstisch Platz. Sarah, Pia und ich saßen zusammen und aßen schweigend unsere Brötchen. Diese gefährliche Mischung ging auch leider nicht lange gut.
„Ich würde gerne direkt nach dem Frühstück los fahren, damit wir noch ein bisschen Puffer haben, falls wir in den Berufsverkehr kommen.“ sagte Sarah nüchtern.
„Äh, dann musst du alleine fahren. Wir sind noch nicht fertig mit Packen.“ holte Pia zum Gegenschlag aus.
Ich hatte schon jetzt den Wunsch mir einfach die Ohren zu zu halten und laut mit Singen anzufangen, aber es war bereits zu spät.
„Du rennst doch schon seit einer Stunde durch die Wohnung. Was musst du denn noch packen?“
„Obie ist grad erst aufgestanden. Wenn er im Bad war können wir erst unser Waschzeug zusammen packen. Ist doch logisch.“
„Immer schiebst du Toby vor, wenn du deine eigenen Defizite nicht eingestehen willst.“
Pia platzte gleich der Kragen. Ihre Mundwinkel kräuselten sich und ich konnte sehen, dass sie kurz davor war, auszurasten. Pia konnte sehr temperamentvoll werden, wenn sie sich angegriffen fühlte. Sarah wusste das und provozierte sie gerne. Pia stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch und stand mit einem Satz von ihrem Stuhl auf. Sie hatte bereits ihren Mund geöffnet und wollte loslegen. Ich legte eine Hand auf ihren Arm und redete ihr gut zu.
„Pia, lass gut sein. Ich beeil mich einfach mit Packen.“ versuchte ich sie zu beruhigen. Sie atmete tief durch und verließ den Frühstückstisch. Sarah grinste selbstzufrieden vor sich hin. Ich sah sie kopfschüttelnd an. Warum musste sie es immer darauf anlegen, einen Streit anzufangen? Ihr Grinsen verflog und sie schaute etwas schuldbewusst in meine Augen.
Auch ich stand auf und kramte meine letzten Sachen zusammen. Nachdem auch wir fertig waren, setzte sich Pia wieder zurück an den Tisch und aß ihr angefangenes Brötchen zu Ende. Raffi schlenderte summend in die Küche und hielt einen Zettel in der Hand. Er ging langsam, aber leichten Schrittes zum Frühstückstisch und hielt direkt hinter Pia und Sarah. Er legte, immer noch summend, den Zettel genau zwischen die beiden, daneben einen Stift, ging bedeutungsschwer zwei Schritte rückwärts und wartete ab.
„Hm? Vertrag? Was ist das, Raffi?“
Pia nahm den Zettel in die Hand und las laut vor.
„Versichere ich, dass ich keinerlei Streitigkeiten mit meiner Mitbewohnerin anfangen werde. Ich werde aktiv dazu beitragen, dass unsere Wohngemeinschaft einen entspannten und reibungsfreien… Reibungsfrei, Raffi? Im Ernst?“
Er zuckte nur mit den Schultern und gab Pia zu verstehen, dass sie fortfahren sollte.
„Reibungsfreien Urlaub genießen können. Provokationen werde ich unterlassen oder gegebenenfalls ignorieren. Blablabla. Du hast sie ja nicht alle. Das unterschreib ich nicht.“
Pia warf den Zettel wieder auf den Tisch und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich hielt mir den Mund zu, weil ich kichern musste. Sarahs Miene hatte sich völlig verdunkelt. Sie sah Raffi genervt an. Dann nahm sie den Zettel, las ihn durch ohne ein einziges mal aufzuschauen oder einen Ton zu sagen. Schließlich schlug sie die Beine übereinander, nahm den Stift und unterschrieb. Sie schaute Pia vielsagend an, stand auf und ging.
Die meisten von uns beobachteten die Szene mit offenem Mund oder sahen Sarah beeindruckt an. Als sie aus dem Raum war, fielen unsere Blicke auf Pia. Sie hatte das ganze aus dem Augenwinkel betrachtet und mimte immer noch die beleidigte Leberwurst.
„Pia?“ sprach Raffi sie direkt an. Sie druckste. „Würdest du bitte auch unterschreiben?“
Pia reagierte kaum.
„Komm schon, Süße. Stell dich nicht so an und unterschreib. Es ist ein Friedensangebot von Sarah, dass sie unterschrieben hat. Nimm es an!“ versuchte ich nochmal auf sie einzureden.
Pia schnaufte und verdrehte die Augen.
„Es ist nur ein Waffenstillstand!“ lenkte sie ein und unterschrieb ebenfalls.
Ein sanfter Applaus ging durch die Küche und ich lächelte Pia aufmunternd an. Ich wusste, dass es sie abfuckte, sich darauf einlassen zu müssen. Aber die Vorstellung einen ruhigen Urlaub ohne Diskussionen zwischen Pia und Sarah zu verbringen, war wirklich zu reizvoll. Ich legte einen Arm um Pia, als sie aufstand und streichelte ihre Schulter. Raffi grinste sie selbstzufrieden an.
„Geniale Idee, Alter!“ flüsterte ich ihm zu.
„Wozu bin ich Sozialpädagoge, wenn ich die Kinder in meinem eigenen Haus nicht geregelt kriege.“ antwortete er schmunzelnd. Pia schaute immer noch leicht bedröppelt, sagte aber nichts mehr dazu.
„Können wir jetzt endlich los?“ fragte Sarah genervt, die angezogen und mit Reisetaschen in der Hand im Flur stand.
Raffi sah hektisch auf die Uhr.
„Fuck! Schon sieben Uhr! Okay, alle anziehen und Taschen in die Autos laden! Naviziel steht auf dem Zettel. Wir sehen uns am Parkplatz!“
Feldwebel Raffi war wieder voll in seinem Element und koordinierte und befehligte seine WG-Armee. Wir luden unser Gepäck in Pias gelben Beetle. Sascha fuhr mit mir und Pia und nahm auf der Rückbank Platz. Pia steckte ihr Handy an und drehte die Musik voll auf. Es lief „She Will Be Loved“ von Maroon 5. Ich war zu müde, um mich zu wehren. Sascha gab nur ein resigniertes Stöhnen von sich und steckte sich Kopfhörer in die Ohren. Pia sang bereits laut mit, bevor wir losgefahren waren. Nachdem Raffis Golf 4 endlich angesprungen war, fuhren wir los. Ich versuchte noch einige Minuten die Augen zu schließen, aber bereits an der ersten Kreuzung merkte ich, dass schlafen chancenlos war, wenn man in einem Auto sitzt, dass von einer völlig Verrückten gelenkt wird. Pia hatte wirklich einen äußerst turbulenten Fahrstil. Vollgas an jeder Ampel, in letzter Sekunde noch die Ausfahrt nehmen und von den Überholmanövern will und kann ich gar nicht gar nicht erst sprechen. Mit weit aufgerissenen Augen hielt ich mich am „Angstgriff“ fest und lauschte Pias Gesang. Es war herausfordernd, aber auch aufregend. So wie vieles mit Pia. Ich genoss vielleicht nicht die Fahrt, aber wenn wir angekommen waren, fühlte ich mich lebendiger als vorher. Für dieses Gefühl liebte ich sie letztlich. Sascha hatte die ganze Fahrt gleichgültig Musik gehört und war gänzlich unbeeindruckt von diesem Nahtod-Erlebnis. Wir parkten die Autos auf dem Park & Ride Parkplatz, auf dem uns auch der Bus abholen sollte. Pia und ich setzten uns auf unsere Reisetaschen und kuschelten uns aneinander. Ich hielt sie fest in meinem Arm und freute mich so sehr auf die kommende Zeit. Wir steckten uns jeder eine Zigarette an und verschwanden im Nebel. Es war noch frisch am Morgen und ich genoss die Wärme unserer Umarmung.
„Ich hab dich lieb.“ flüsterte sie mir zu.
„Ich dich auch.“ antwortete ich und ärgerte mich auch ein bisschen darüber, dass es wieder kein „Ich liebe dich“ gewesen war. Ich wartete darauf schon seit Monaten und fragte mich langsam, ob sie sich nur nicht traute es zu sagen oder es vielleicht auch nicht fühlte. Ich war definitiv an dem Punkt, an dem ich wusste, dass ich sie liebte. Ich wäre sogar soweit gegangen, zu sagen, dass ich mein Leben mit ihr verbringen will. Seit ich Pia kannte, hatte ich nicht mehr an irgend eine andere Frau gedacht und ich hatte das Gefühl, sie mittlerweile gut genug zu kennen, um einschätzen zu können, dass sie DIE Frau für mich war. Ich liebte alles an ihr. Sie war so besonders für mich. Aber so wie es aussah, war sie sich mit mir noch nicht so sicher. Es verletzte mich zwar, aber ich wollte ihr auch die Zeit geben, selbst an den Punkt zu kommen, an dem ich war. Wo ist bis dahin schon der Unterschied zwischen lieb haben und lieben?
Es dauerte noch eine ganze Stunde bis der Bus endlich kam. Nach und nach fanden sich immer mehr Mitreisende auf dem Parkplatz ein und es war spannend zu sehen, wer uns begleiten würde. Es waren viele Paare, aber auch Gruppen von Freundinnen oder gemischten Freundeskreisen. Nur zwei Jungs waren alleine unterwegs. Mit sechs Personen waren wir auf jeden Fall die größte Gruppe. Die WG unterhielt sich noch angeregt und mittlerweile hatten alle auf ihren Reisetaschen Platz genommen und wir saßen einträchtig im Kreis auf dem Boden. Wir waren voller Vorfreude und Neugier was uns erwarten würde.
Dann ging ein Raunen durch die Gruppen, als der Bus auf unseren Parkplatz abbog. Wir luden das Gepäck ein und besetzten unsere Plätze. Pia war genauso aufgeregt wie ich. Ich konnte spüren, wie ihr Herz schlug, als wir endlich auf unseren Plätzen saßen und der Motor gestartet wurde. Sie sah strahlend aus dem Fenster und funkelte mich an.
Wir waren unterwegs nach Südfrankreich.
Kapitel 3
Im Bus saßen bereits einige Fahrgäste, die der Bus auf dem Weg durch Deutschland abgeholt hatte, aus Hamburg, Berlin, Hannover. Trotzdem hatten wir uns gute Plätze gesichert und uns bequem eingerichtet. Nun trennten uns noch zwanzig Stunden von unserem Ziel. Wir unterhielten uns angeregt und lachten die ganze Zeit über irgendwelche Sachen, die wahrscheinlich außer uns niemand lustig gefunden hätte. Wir hatten uns über die WG-Zeit so einige Insider angeeignet. Der Rest des Busses sah uns teilweise finster an, weil wir so laut waren. Ich hatte schon Bauchschmerzen vom vielen Lachen.
„Und wisst ihr noch, der Abend als unsere Party von der Polizei aufgelöst wurde?“ erinnerte sich Sascha. „Wir hatten mehr als hundert Gäste im Wohnzimmer und irgendeiner hat immer wieder die Musik aufgedreht. Ich weiß nicht wie oft die Polizei kommen musste.“
„Ey, die haben unsere Wohnungstür ausgehebelt, weil wir nicht mehr aufgemacht haben, Leute! Das war nicht gerade die Glanzstunde unserer WG.“ ergänzte Raffi leicht beschämt.
„Aber der Abend war legendär, das musst du zugeben! Immerhin reden wir und alle die da waren heute noch davon. Ich finde, jede Unannehmlichkeit hat sich dafür gelohnt.“ verteidigte Alex unsere sagenumwobene Party.
„Ich wäre sooo gerne dabei gewesen.“ sagte Pia traurig, die noch nicht mit mir zusammen war, als die Party statt fand.
„Ach, du hast nichts verpasst. Es war echt ein bisschen over the top.“ beruhigte ich sie.
„Ha!“ Sarah lachte laut auf. „Das sagst du nur, weil du so voll warst, dass du schon nach dem ersten Polizeieinsatz in deinem Bett lagst und nichtmal mitbekommen hast, dass sie alle Gäste aus der Wohnung geholt haben.“
Das stimmte leider. Ich hatte an dem Abend zu viel Schnaps getrunken und war völlig ausgeknockt. Auch für mich war die Party keine Glanzstunde. Ich schaute verlegen zu Boden und nickte schuldbewusst. Pia lag in meinem Arm und streichelte lächelnd mein Bein. So vergingen die ersten drei Stunden wie im Flug und wir hatten schon die erste Raststätte erreicht.
Ich ging vor dem Bus auf und ab und rauchte. Nach einer Weile setzte ich mich auf den Bordstein und wartete auf Pia, die auf die Toilette gegangen war. Während ich dort saß, sah ich mir unsere Mitreisenden an. Es war eine ausgeglichene Mischung aus Frauen und Männern und einigen konnte man ansehen, dass sie sich gerade erst im Bus kennen gelernt hatten und alleine reisten. Viele lächelten mich freundlich an, während ich da saß und eigentlich wirkten die Meisten sehr nett. Da wir im Bus ja nicht gerade durch Zurückhaltung aufgefallen waren, waren natürlich auch einige abschätzige Blicke dabei, die ich aber an mir abprallen ließ. Spießer gibt es immer. Raffi kam mit einem blonden Typen auf mich zu, der mich auffallend freundlich anlächelte. Sie unterhielten sich und er nickte interessiert.
„Das ist Toby, einer meiner Mitbewohner.“
Der Unbekannte streckte mit die Hand entgegen und ich stand auf, um ihn auch zu begrüßen. Statt meine Hand zu nehmen, legte er seine auf meine Schulter. Ich war überrascht und schaute wohl auch leicht verwirrt.
„Hi, Toby! Ich bin Christoph. Rafael hat mir gerade ein bisschen von eurer WG erzählt.“
„Raffi!“ unterbrach er ihn. „Ich bin Raffi. Rafael sagt nur meine Oma. Und Toby, wenn ich was verbockt habe.“
„Sorry! Ich bin eigentlich auch nur Chris. Ich komme aus Berlin. Ihr seid in Köln zugestiegen. Wohnt ihr auch da?“
„Ja.“ sagten wir beide im Chor.
„Bist du allein unterwegs?“ fragte ich ihn.
„Ja, ich hab es dieses Jahr endlich gewagt. Ich dachte mir, ich bin ja kontaktfreudig und werde schon Anschluss finden. Mein Berliner Charme wird es richten.“ lachte er.
Naja. Berliner Charme war leider etwas, was ich noch nie mochte. Ich fand Berliner tendenziell distanziert und aufmüpfig. Die, die ich kennen gelernt hatte, gaben ständig freche Kommentare von sich und meinten dann sie wären ja nur ehrlich. Das hatten dann alle zu akzeptieren. Aber ich würde mich gerne eines Besseren belehren lassen. Trotzdem kam ich nicht umhin seine Aussage zu kommentieren mit:
„Berliner Charme, ja? Ist die Existenz mittlerweile bewiesen?“
Er lächelte, aber ich konnte spüren, dass er sich angegriffen fühlte.
„Bei euch merkt man jedenfalls, dass ihr rheinische Frohnaturen seid. Laut und trinkfest, was? Ich habe vorhin eure Geschichten von den legendären WG-Parties mitgehört. Das klingt auf jeden Fall nach Spaß… und Ärger.“
Er wirkte versöhnlich und ich beschloss, ihm eine Chance zu geben. Vielleicht war er ja gar nicht so übel und es konnte nicht schaden, neue Kontakte zu knüpfen. Pia und Sarah kamen gemeinsam vom Klo, aber sprachen kein Wort miteinander, als sie sich zu uns gesellten. Raffi stellte die beiden vor.
„Das sind Pia und Sarah, zwei von drei Mitbewohnerinnen.“
Pia reichte Chris die Hand. Er nahm sie mit beiden Händen und schüttelte sie freudig, während er sich vorstellte. Das gleiche tat er bei Sarah. Raffi und ich sahen uns abschätzig an. Was waren das nur für seltsame Begrüßungsformen, die der Typ an den Tag legte?
„Die Reise hat sich schon jetzt gelohnt, wenn ich nach nur drei Stunden solche bezaubernden Damen kennen lerne.“ sagte er und schaute die beiden bewundernd an.
Wow. Ich bin noch hier. Pia lächelte ihn dankend an und winkte ab. Sarah legte eine Hand auf seine Brust, schaute kokett zu Boden und spielte seine Bemerkung herunter.
„Ach, du übertreibst. Und eine der bezaubernden Damen ist außerdem schon vom Markt.“
Pia lehnte sich nickend an mich.
„Oh, sorry Bro. Ich wollte nicht…“
„Schon gut, Alter. Das ist bestimmt dieser berühmte ‚Berliner Charme‘, oder?!“
Wir lachten beide und gingen gemeinsam wieder in den Bus.
Chris gesellte sich zu uns und wir unterhielten uns über das Leben. Nach und nach legte ich meine Vorurteile ab und musste fest stellen, dass er eigentlich ganz nett war. Er war wie wir Student und liebte das Leben. Wie ich anhand seines Aussehens schon vermutet hatte, war er Surfer versprach sich ein paar windige Tage von unserem Urlaub. Generell war er sehr sportlich und spielte in Berlin in einem Basketballverein. Er schien sehr gut in unsere Gruppe zu passen, flirtete für meinen Geschmack aber etwas zu offensiv mit unseren ‚Damen‘. Diese genossen allerdings die Aufmerksamkeit, also ließ ich alle genießen, was sie wollten.
Alex hatte auf einem unserer Pinkelstopps anscheinend auch Bekanntschaft mit einem Mitreisenden gemacht, der es ihr direkt angetan hatte. Er war groß, dunkel, breit gebaut und hatte einen gepflegten Bart. Außerdem war er tätowiert bis an die Zähne und dass auf seiner Käppi nicht „Bad Boy“ stand, wunderte mich fast. Er war genau ihr Beuteschema und sie vermutlich seins. Sie passten wie Arsch auf Eimer und flirteten so offensichtlich miteinander, dass es fast schon unangenehm war. Gegen Abend kam sie mit ihm zu uns und stellte ihn uns als Dennis vor. Er war überraschend nett und man konnte gut mit ihm quatschen. Gegen Abend wurde es leiser im Bus und auch wir richteten unsere Plätze schlafgerecht ein. Ich hatte auf Reisen oder wenn ich woanders übernachten wollte, immer mein Kopfkissen dabei. Das hatte mir schon so einige Nächte den Arsch oder besser gesagt den Nacken gerettet.
Ich hörte Musik und Pia war an meiner Schulter eingeschlafen. Damien Rice sang ‚Cannonball‘ in mein Ohr und ich war glücklich. Wir hatten Deutschland hinter uns gelassen und irgendwie auch unseren Alltag los gelassen. Wir waren einfach wir selbst und hatten schon neue Kontakte geknüpft und trotzdem als Einheit Zeit verbracht. Ich war zufrieden mit unserer Truppe. Vorsichtig schaute ich Pia auf meiner Schulter an, weil ich sie nicht wecken wollte. Sie sah wunderschön aus und schnaubte zufrieden vor sich hin. Ich war so dankbar, diese Zeit mit ihr erleben zu dürfen und lächelte sie selig an. So glitt auch ich langsam ins Land der Träume.
Als ich nach circa zwei Stunden aufwachte, war es dunkel draußen. Ich kam langsam zu mir und spürte, wie sich verschiedene Schmerzen langsam in meinem Körper ausbreiteten. Ich hatte auf einem meiner Kopfhörer geschlafen und das machte sich nun durch einen fiesen Druck in meiner Ohrmuschel bemerkbar. Ich nahm den Ohrstöpsel heraus und hob vorsichtig meinen Kopf. Der Kopf war so ungefähr das Einzige, was ich überhaupt noch bewegen konnte. Pia hatte mich in die hinterste Ecke des Sitzes gedrängt und ein Bein um mich geschlungen. Mein linkes Bein war dadurch eingeschlafen und fing jetzt langsam an zu kribbeln und zu pochen. Meine Hand war unter Pia eingeklemmt und wenn ich mich befreien würde, würde sie aus dem Sitz rutschen. Der Rest meines Körpers schrie nur ‚Nikotin!‘ Ich hoffte so sehr, das wir bald anhalten würden, damit ich aus meiner misslichen Lage befreit werden konnte. Ich sah mich um beobachtete noch ein paar Minuten die schlafenden Menschen um mich herum. Alex lag halb auf Dennis und er schnarchte leise vor sich hin. Etwas Sabber hatte sich in Alex Mundwinkel gesammelt. Ich musste grinsen. Sascha saß mir gegenüber und hatte eine Hand halb in seinen Hosenbund gesteckt. Neben ihm schlief Raffi. Ich war erstaunt, wie normal er aussah. Er saß gerade in seinem Sitz und hatte den Kopf hinten angelehnt. Seine Hände hatte er auf seinen Beinen liegen und den Mund geschlossen. So wünscht sich jeder beim Schlafen auszusehen, dachte ich, als der Bus von der Autobahn abfuhr und endlich eine Raststätte ansteuerte. Ich drückte Pia vorsichtig von mir weg, um sie zu wecken. Ich gab den Vorwand an, dass sie doch bestimmt auf Toilette musste. Sie bejahte und ich stieß einen innerlichen Freudenschrei aus. Beim Aufstehen, kamen noch Schmerzen und Verspannungen an zwei bis drei Stellen hinzu. Aber das Anstecken der Kippe tat sein Übriges und ich fühlte mich wie neu geboren. Pia erledigte schnell ihr Geschäft und kuschelte sich dann rauchend in meine Arme. Sie zitterte. Es war sehr kühl in dieser Nacht und wir hatten nur T-Shirts an. Ich hielt sie ganz fest umklammert und streichelte ihre Arme, bis wir wieder einsteigen mussten. Das war der letzte Halt, bevor wir endlich an unserem Urlaubsort am Lac de St. Croix ankommen sollten.
Ich konnte es kaum erwarten.
Kapitel 4
„Achtung! Wir sind in etwa dreißig Minuten am Zielort angekommen. Der Bus kann leider nicht bis zum Camp hochfahren, aber euer Gepäck wird mit dem Auto vom Team hoch gefahren. Wenn ihr oben seid, könnt ihr dann erstmal eure Quartiere aufschlagen oder frühstücken. Diese Information wird nicht wiederholt. Ende.“
Der unglaublich dynamische Reiseleiter sprach mit gelähmter Stimme ins Mikrofon und man konnte ihm ansehen, dass er froh war, dass diese Tortur jetzt ein Ende hatte. „Augen auf bei der Berufswahl“ sagte ich immer. Das war wichtig, wurde aber nicht von Allen berücksichtigt.
Raffi hatte schon seit anderthalb Stunden jede Minute durchgeplant, wenn wir den Bus verlassen hatten. Dabei wussten wir noch nichtmal was genau auf uns wartete. Er rannte durch den Bus, wie ein eifriges Eichhörnchen auf der Suche nach dem Wintervorrat und suchte alles ab, ob wir etwas vergessen hatten. Pia saß einfach neben mir und strahlte vor sich hin. Sie hielt nervös meine Hand und küsste mich von Zeit zu Zeit. Auf den letzten Kilometern fuhren wir schon am See entlang. Er war perfekt. Er leuchtete im schönsten Türkis-Blau und war umgeben von hohen Bergen. Es war atemberaubend. Pia zeigte ständig mit dem Finger auf etwas und schrie
„Guck mal da!“
Ich zuckte jedes mal zusammen.
Wir stiegen aus dem Bus aus und ich war schockiert. Es war scheiß kalt. Pia stand neben mir und bibberte. Sie drückte sich an mich.
„Was ist hier los? Ich dachte wir sind im Süden.“ fragte sie zitternd.
„Keine Sorge! Ihr werdet die morgendliche Kälte noch genießen.“ sagte einer der Teamer, der neben dem Transporter stand und Pia gehört hatte.
Sie lächelte verlegen und kramte einen Pullover aus ihrer Reisetasche. Das Gepäck wurde derweil bereits in den Transporter geladen und einer der Betreuer ergriff das Wort:
„Hallo ihr lieben Camper! Ich bin Peter und das ist Caro. Wir sind unter anderem eure Teamer für den Urlaub. Wenn ihr Fragen habt, egal wie doof sie euch vorkommen mögen, könnt ihr sie jederzeit an uns stellen. Caro fährt euer Gepäck und ich laufe mit euch hoch. Eigentlich ist es aber leicht zu finden. Unser Camp ist ganz oben. Ansonsten wünsche ich euch schon mal ganz viel Spaß und einen unvergesslichen Urlaub in unserem Abenteuercamp.“
Ein verhaltenes Klatschen ging durch die Menge und wir brachen auf. Ich war nicht unbedingt total unsportlich oder schwerfällig, aber ich musste bereits nach zwei Kurven eingestehen, dass der Aufstieg mir doch ganz schön zu schaffen machte. Meine Raucherlunge tat ihr Übriges dazu. Es ging unendlich steil hinauf und ich schnaufte laut vor mich hin, während wir uns nach oben kämpften.
„Ich hab Hunger.“ brachte ich mit letzter Kraft heraus.
Pia strich mir aufmunternd über die Schulter.
„Wir schaffen das! Tu es für das Baguette. Und den Fromage. Wenn wir oben sind, kannst du essen. Ich glaube an dich, Obie.“
Irgendwie konnte ich nicht überhören, dass da ein wenig Sarkasmus mit schwang und Pia sich über mich lustig machte.
„Findest du das leicht, hier rauf zu gehen?“ fragte ich überrascht.
„Naja, es ist okay. Ich krieg das schon hin.“
Pfff. Okay. Ich war wohl doch unsportlich.
Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter und schrak zusammen. Es war Chris, der zum Überholmanöver ansetzte.
„Na, ihr Beden. Schon sind wa mitten im ersten Abenteuer, wa?“ berlinerte er.
Ich brachte nur ein angestrengtes Brummen heraus.
„Ja, mal sehen, was uns oben erwartet. Irgendwoher muss der Name Abenteuercamp ja kommen.“ lächelte Pia ihn über mich hinweg an.
Chris zog tatsächlich an uns vorbei und ich hatte das Gefühl, dieser Weg würde niemals enden. Nach einigen Minuten überholte uns auch Raffi, der einfach nur hämisch grinste und sich seines Triumphes durchaus bewusst war. Alex schlenderte mit Dennis ein paar Meter hinter uns und ich nahm an, dass sie nur so weit zurück geschlagen war, weil sie in ein Gespräch mit ihm vertieft war. Von Zeit zu Zeit legte sie ihre Hand auf seinen Arm und lachte verlegen. Es war echt süß. Ich hatte Alex selten verliebt gesehen, aber jetzt fühlte es sich tatsächlich so an.
Nach einiger Zeit blieb ich stehen und dachte: Rien ne vas plus. Ich stützte mich mit meinen Händen auf den Oberschenkeln ab und schaute den Hang hinab, um zu sehen, ob wir die Letzten waren. Ich sah Sascha, der mit einem ausdruckslosen Blick vor sich hin starrte und einen Schritt vor den Anderen setzte, während neben ihm Sarah ging, die sich aufregte und wild in der Luft herum fuchtelte. Ich hatte Mitleid, aber ich wollte nicht tauschen. Pia motivierte mich weiter zu gehen und zog mich ein paar Meter hinauf. Endlich war ein Ende in Sicht. Wir hatten die letzte Kurve erreicht und konnten tatsächlich das Camp sehen. Es war eine karge Landschaft aus Sand und Stein und vertrocknetem Gras, gesäumt von Caravans und Zelten. Mitten auf dem Platz lagen unsere Taschen auf einem Haufen gestapelt. Ich sah Pias Blick und wusste, dass sie sich Gedanken um ihren Fotoapparat machte. Pia studierte Mediendesign und hatte ihren Fokus auf das Fotografieren gelegt. Hoffentlich hatten sie die Taschen vorsichtig abgestellt und es war nichts beschädigt.
Oben angekommen musste ich mich erstmal auf eine der Bierbänke setzen. Ich sah, dass das Buffet für das Frühstück aufgebaut wurde und verzehrte mich nach einem Baguette und vor allem nach einem Kaffee. Während Pia ihre Tasche inspizierte, rauchte ich meine wohlverdiente Kippe und sah sehnsüchtig, wie einer der Teamer die Thermoskanne mit Kaffee aufstellte. Ich nahm mir einen Pappkaffeebecher und bediente mich direkt. Ich stand auf dem obersten Hügel des Camps und konnte wunderbar auf den See blicken. Ich hatte eine Tasse Kaffee in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand. Zwei meiner Lieblingssachen waren schon mal vorhanden. Ich sah Pia, meine dritte Lieblingssache die erleichtert war, dass mit ihrem Equipment alles in Ordnung war. Sie zeigte mir einen Daumen nach oben und machte sich rauchend auf den Weg zu mir. Ich konnte kaum glücklicher sein als in diesem Moment. Ich schaute über das Camp und sah, wie aus den Zelten und Caravans Menschen krochen und zerknittert auf den Sonnenaufgang schauten. Immer mehr Sonnenstrahlen breiteten sich über dem Camp aus. Es war magisch. Pia wurde auf dem Weg zu mir von Raffi und Chris aufgehalten und war in ein Gespräch verwickelt worden. Sie lachten herzlich über etwas, das Chris sagte und lehnte sich dabei an Raffis Schulter an. Sie war so wunderschön und sexy. Ich genoss den Anblick meiner Freundin, die offenbar sehr glücklich war, zwischen diesen beiden Männern zu stehen und sich zu unterhalten. Ich hatte es nicht so mit Eifersucht. Ich fand es anregend, wenn andere Männer mit Pia flirteten. Sie war meine Freundin und ich genoss das Gefühl, dass sie auch für andere begehrenswert war. Pia entschuldigte sich mit einem Griff an Raffis Rücken und kam zu mir hoch. Sie hatte bereits blaues und rotes Campinggeschirr mitgebracht und kam strahlend auf mich zu. Ich empfing sie lächelnd und nahm sie in den Arm. Einer der Teamer machte Musik an und es ertönte Nana Mouskouris ‚Guten Morgen Sonnenschein‘. Wir grinsten uns an, während wir zu Ende rauchten. Es war einer der vollkommensten Augenblicke meines Lebens. Das schiere Glück wehte mir um die Ohren.
Das Buffett war gedeckt mit Marmelade, Nutella, Butter, Salami, Kräuterfrischkäse und natürlich Baguette und Fromage. Ich war zufrieden mit dieser Auswahl und beschloss, dass das Buffett hiermit eröffnet war. Ich aß mich satt und erfuhr, dass zwei Baguettebrötchen alles waren, was wir tagsüber essen können. Ich war enttäuscht von der „Vollpension“, aber musste mich wohl damit abfinden. Wir saßen mit einigen Gästen am Tisch, die schon eine oder zwei Wochen da waren und erfuhren so lustige Sachen wie: es gibt nur kaltes Wasser in den Duschen, der Strand ist ein Steinstrand, tagsüber ist die Hitze kaum auszuhalten, nachts friert man dafür. Cool, cool, cool.
Nach dem Frühstück suchten wir uns Plätze für unsere Zelte aus. Chris und Dennis schlugen ihre Lager direkt in unserer Nähe auf. Da Pia und Alex schon des Öfteren Zelten waren und wussten wie der Hase läuft, übernahmen sie die Hauptarbeit und halfen direkt bei den umliegenden Aufbauten mit. Ich hielt hier und da mal einen Zipfel oder sowas. Auch Chris war anscheinend erfahren im Aufbau von Zelten und hatte sogar einen Hammer dabei, den wir für die Heringe auch brauchten, da der sandige, trockene Boden ziemlich hart war. Ich fühlte mich zwar schwach und unbrauchbar, aber unser Zelt stand und wir konnten einziehen. Wir breiteten unsere Luftmatratze und Schlafsäcke im Zelt aus und legten uns hinein. Für ein paar Sekunden lagen wir einfach glücklich nebeneinander und staunten über diesen perfekten Moment.
Dann sahen wir uns innig an. Ich rollte mich auf Pia und begann, sie zu küssen. Sie fuhr mit ihren Fingern durch meine Haare und massierte leicht meine Kopfhaut. Ich konnte ihre Erregung spüren und auch für sie muss es unverkennbar gewesen sein, dass ich sie wollte. Mein Penis drückte sich in ihren Schritt, als er immer härter wurde. Ich zog ihre Hose etwas herunter, während wir uns weiter küssten. Mit meiner Hand drang ich bis zu ihrer Unterhose vor und streichelte sie durch das Material hindurch. Sie seufzte laut und hielt sich im selben Moment den Mund zu, weil sie Sorge hatte, dass uns jemand hörte. Dieser Zustand machte mich noch heißer und ich glitt mit meinen Fingern unter ihren Slip. Ich spielte mit ihren Schamlippen und massierte ihre empfindlichste Stelle. Schließlich drang ich mit meinem Finger in sie ein und Pia gluckste vor Lust. Ich hielt ihr mit meiner Hand den Mund zu, um sie zurück zu halten, nicht zu laut zu sein. Das erregte sie noch mehr und ich begann, meine Finger rhythmisch in ihr zu bewegen. Sie gab unter meiner Hand angestrengte Laute von sich, bis sie schließlich kurz davor war zu kommen.
„Hey, Leute, wie läuft es bei euch?“ tönte Raffis Stimme in unseren Zelteingang.
Pia zuckte rhythmisch unter meiner Hand und versuchte angestrengt keinen Ton von sich zu geben.
„Mh, Mh, Mh.“ war alles, was sie sich nicht verkneifen konnte.
Ich grinste sie an und antwortete Raffi:
„Es läuft super! Wir… kommen jetzt.“
Wir verließen das Zelt und sahen wohl ziemlich glücklich aus. Raffi wartete vor dem Zelt auf uns. Wir grinsten verstrahlt vor uns hin.
„Ihr strahlt so! Der Urlaub tut euch gut.“
Wir grinsten weiter und sagten nichts.
„Toby, du siehst so zufrieden aus. So… Moment, habt ihr grade…? Oh, Shit. Sorry, Leute.“
„Keine Ahnung, was du meinst.“ log ich und schob Pia an der Hüfte zum Weitergehen.
Raffi kam uns peinlich berührt nach. Ich funkelte ihn nach hinten an. Er grinste wissend zurück, ließ das Thema aber gut sein. Raffi kannte uns beide so gut. Dadurch, dass er mit Pia schon befreundet war, bevor ich sie kannte, waren sie sich sehr vertraut und bei uns Männern war es einfach Liebe auf den ersten Blick. Er war vom ersten Abend in der WG mein Vertrauter und Freund. Ich konnte wirklich sagen, dass ich ihn liebte. Und im Gegensatz zu der Liebe, die ich für Pia empfand, konnte ich das auch ihm gegenüber laut aussprechen. Wir gingen rüber zu Saschas und Chris Zelt, die direkt nebeneinander standen.
„Ich glaube, wir gehen mal den Strand erkunden. Wer ist dabei?“ fragte ich in die Runde. Chris, Raffi und Alex stimmten zu. Nachdem Alex sich angemeldet hatte, tönte auch eine Stimme aus Dennis’ Zelt, die angab mitzukommen. Wir packten eine Strandtasche zusammen und machten uns auf den Weg nach unten. Mit jedem Schritt den wir machten, wurde mir bewusst, dass ich nachher den Hügel wieder hoch musste. Aber daran musste ich mich wohl früher oder später gewöhnen, wenn ich das Camp regelmäßig verlassen wollte.
Am Strand angekommen, musste ich feststellen, was es bedeutete, an einem Steinstrand zu liegen. Meine Knochen schmerzten, aber ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Ich wollte nicht undankbar sein für all diese perfekten Augenblicke. Es war einfach so ein wunderbarer erster Tag, was machte es da schon, wenn es etwas hart war, am Strand zu liegen. Ich lag mit Dennis in der Sonne und beobachtete die Anderen, die sich Richtung Wasser aufgemacht hatten. Pia sah so schön aus in ihrem Bikini. Ich liebte jeden Zentimeter an ihrem Po und ihrer Hüfte. Dann sah ich Chris, der neben ihr ging und mir fiel sein muskulöses Sixpack und seine trainierten Arme auf. Er schien wirklich viel Sport zu machen. Dabei war er aber, im Gegensatz zu Dennis kein bisschen breit, sondern einfach nur definiert und sportlich. Ich war neidisch. Aber ich wusste auch, dass Pia mich so liebte, wie ich war. Mein Körper war gut. Ich hatte zwar kein Sixpack, aber ich war auch weder speckig, noch fühlte ich mich zu schmal. Pia, Alex, Chris und Raffi hatten das Wasser erreicht und schrieen alle ein bisschen, als sie hinein gingen. Es schien kalt zu sein. Ich lächelte amüsiert. Dennis, der auf dem Rücken lag um sich zu bräunen, schaute auch auf und beobachtete die Szene. Alle lachten ausgelassen und ich war froh.
„Alter, auf die Kleine musst du aber aufpassen! Die ist heißes Material, das merken Andere auch.“ sagte Dennis plötzlich.
„Meinst du Pia oder Alex?“ fragte ich irritiert.
„Deine! Pia. Wie kannst du so entspannt sein, ich wäre schon längst im Wasser und würde meine Besitzansprüche klar machen.“
„Ich vertraue ihr.“ antwortete ich cool.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ entgegnete Dennis mir.
Ich legte den Kopf wieder ab und ließ die Sonne auf meinen Rücken scheinen. Hatte er Recht? Sollte ich mich in Acht nehmen? Ich war mir mit Pia wirklich sicher. Und ich wusste aus früheren Beziehungen, wie schädlich Eifersucht und Kontrolle für die Beziehung sein konnte. Ich blieb dabei. Ich wusste um das, was Pia und ich hatten. Ja, sie war heißes Material und zudem war es nicht selten, dass sie angeflirtet wurde. Aber ich wusste, dass sie nicht ersthaft darauf eingehen würde. Sie war frei in ihrem Handeln und hatte einen sehr offenen Charakter. Sie sprach oft mit anderen Männern und lachte mit ihnen. Aber ich empfand das als sexy, dass sie sich nicht ständig an mich klammern musste, sondern offen auf andere zu ging, ohne ständig zu thematisieren, dass sie vergeben war. Ich wusste, dass sie mit MIR zusammen sein wollte und glücklich war. Ja! Ich war nämlich auch gar kein so schlechter Fang. Ich war jung, Akademiker, hatte interessante Augen und war absolut leidenschaftlich. Die Leidenschaftlichkeit beschränkte sich zudem aktuell ausschließlich auf Pia und das wusste und genoss sie.
Worum sollte ich mir also Gedanken machen?
Kapitel 5
Ich hätte noch ewig so am Strand liegen können. Ich war tatsächlich ein bisschen weg genickt und wurde wach, weil Pias nasse Haare auf meinen Rücken tropften. Ich zuckte zusammen.
„Oh, Sorry. Hast du geschlafen?“
Pia stand neben mir und drückte das Wasser aus ihren langen Haaren. Sie lächelte mich an. Dann verschwand ihr Lächeln plötzlich und sie sah besorgt auf meinen Rücken.
„Obie, du hast ja totalen Sonnenbrand!“
Chris kam zu uns und beugte sich ebenfalls über meinen Rücken.
„Uuuhhh, das sieht aber nicht gut aus!“
Die beiden machten mir nicht gerade Mut. Ich musste wohl ein bisschen zu lange in der Sonne gelegen haben.
„Oh, echt? Sieht es so schlimm aus?“
Ich versuchte etwas zu erkennen, aber konnte meinen Rücken natürlich nicht sehen.
„Ich mach dir dann ein Spray drauf, wenn wir oben sind. Wir müssen auch glaub ich mal wieder zurück. Die wollten noch so ein Informationsding machen wegen der Touren und Verhaltensregeln und sowas.“
„Ja, gehen wir wieder hoch.“ stimmte Raffi zu. „Wir müssen nur noch Alex und Dennis bescheid sagen. Wo…“
Ich hielt den Finger vor den Mund und stieß Raffi an, während ich auf die beiden zeigte. Alex lag auf Dennis gekuschelt ein paar Meter entfernt unter einem Baum und es sah aus, als ob die beiden auch eingeschlafen waren. Sie sahen süß zusammen aus. Wir lächelten vor uns hin. Dann nahm ich Pias nasses Handtuch und schlich mich langsam an die beiden an. Ich wringte es direkt über ihren Köpfen aus und sie standen panisch auf.
„Toby, du Pisser!“ schrie Alex mir nach, während ich die Flucht ergriff.
Auf den spitzen Steinen kam ich barfuß nicht voran und plötzlich spürte ich einen beißenden Schmerz im Nacken. Alex hatte mich am Schlafittchen gepackt und hielt mich fest. Ich sog die Luft zwischen meinen Zähnen ein und murmelte nur vorsichtig.
„Au, au, au. Sonnenbrand. Bitte loslassen.“
„Mach das nicht nochmal.“ drohte sie mir, während sie mich ziehen ließ.
„Siehst du, Alter! Auf DIE Frau muss keiner aufpassen. Das schafft die schon selbst.“ kommentierte Dennis lachend und spielte auf seine Bemerkung an, dass ich auf Pia aufpassen sollte um meine Besitzansprüche deutlich zu machen. Ich kam zu Pia, Raffi und Chris zurück und sie lachten hart über die Szene. Nur Pia nahm mich tröstend in den Arm und strich sanft über meinen geplagten Nacken.
Wir schleppten uns wieder den Berg hoch und er fühlte sich diesmal gar nicht so steil an, weil ich durch mein Gespräch mit Chris abgelenkt war.
„Wie kommt man dazu, alleine zu verreisen?“
„Ach, ich bin eh oft so ein Eigenbrötler. Ich hab ein paar Kumpels gefragt, ob sie mitkommen wollen, aber irgendwie konnten wir uns auf kein Ziel einigen. Dann hab ich einfach beschlossen, es alleine zu versuchen.“
„Ich finde das total beeindruckend. Ich hätte mich das nicht so einfach getraut. Für uns war es aber auch echt schwer, uns auf was zu einigen. Sechs Leute, sechs Ideen. Wir haben dann einfach den Katalog genommen und per Zufallsprinzip eine Seite aufgeschlagen. Und das war hier.“ sagte ich.
„Ich habe mich schon gewundert, was so eine Truppe wie ihr im Aktivurlaub zu suchen hat. Nichts für ungut, aber bis auf Alex und euren anderen Mitbewohner macht ihr alle nicht den Eindruck, dass ihr auf sowas steht.“
Wow, das war ziemlich direkt. Ich fühlte mich etwas angegriffen, dass man uns die Unsportlichkeit so offen ansah. Ich war etwas verdutzt. Aber Pia verteidigte uns.
„Naja, Abenteuer und aktiv sein hat ja nicht immer was mit Sport zutun. Du wirst uns schon noch von unserer Action-Seite kennen lernen. Mach dich auf was gefasst!“ sagte sie forsch und fuchtelte mit erhobenem Zeigefinger vor Chris Gesicht herum.
„Hört, hört! Ich kann es kaum abwarten zu erfahren, was damit gemeint ist.“ lachte er uns an..
„Du wirst unsere Qualitäten noch kennen lernen. Nur so viel vorweg: Wir werden meist erst gegen Abend aktiv.“ versuchte Raffi zu erklären.
Chris lachte vor sich hin, während wir gemächlich wieder den Hang hinauf gingen.
Die Infoshow war sehr aufschlussreich. Die verschiedenen Touren wurden vorgestellt und der generelle Tagesablauf erklärt. Es gab ein Frühstück wie heute, eine Lunchtüte und abends immer warmes, frisch gekochtes Essen. Wir erfuhren einige Tipps, was in der Umgebung gut zu erreichen war und wo wir selbst etwas unternehmen konnten. Danach konnte man sich für die Touren einbuchen. Pia und ich wollten auf jeden Fall die zwei Kanutouren machen und Klettern trauten wir uns auch zu. Alex hatte natürlich die selbstmörderischsten Aktivitäten heraus gesucht und wollte sich die nächsten Tage mit Paragliding, Canyoning und Wildwasserschwimmen in Gefahr bringen. Dennis war total begeistert von ihren Plänen und trug sich direkt mit ein. Die zwei hatten sich echt gefunden.
Beim Abendbrot saßen wir alle zusammen an unserem Tisch und genossen die kühler werdende Luft, während die Sonne langsam am Horizont verschwand. Der Himmel wurde glutrot und das ganze Camp wurde in ein rotes Licht getaucht. Ich stand etwas abseits vom Tisch, als sich Pia vor mich stellte. Ich legte einen Arm um sie, während ich mit der anderen meine Zigarette rauchte. Wir sahen uns einfach verträumt den Sonnenuntergang an und lächelten vor uns hin.
„Boah, ist das schön!“ sagte sie.
„Du bist schön.“ erwiderte ich leise.
Pia drehte sich um und zog meinen Nacken zu ihrem Gesicht. Ihre Lippen schwebten nur einige Zentimeter vor meinem Gesicht, als sie mir noch einmal tief in die Augen sah. Dann küsste sie mich leidenschaftlich. Sie drückte ihren Körper fest an mich. Ich ließ sie einfach tun, was sie wollte und gab mich ihr hin. Ich umschloss ihren Kopf mit meinen Händen und vergrub sie in ihren Haaren. Ich wollte, dass dieser Kuss nie endet. Aber nach und nach kamen wir wieder im Hier und Jetzt an. Ich hörte wieder die Musik und sah die Menschen, die um uns herum saßen und sich unterhielten. Ich sah, wie Sarah uns abschätzig ansah und mit den Augen rollte. Wir genossen noch die letzten, roten Sonnenstrahlen und gingen dann wieder zu den Anderen an den Tisch.
„Wie war euer erster Tag im Abenteuercamp?“ fragte Sascha in die Runde.
„Voll gut.“ fing Raffi an, zu erzählen. „Wir waren am Strand und haben den See eingeweiht. Es war echt witzig. Toby hat sich voll den Sonnenbrand geholt.“
„Ja, echt witzig…“ nickte ich ironisch vor mich hin.
Raffi grinste mich frech an.
„Ich war im Nachbardorf, da hinter dem Hügel.“ erzählte Sascha und zeigte auf einen Berg. „Es ist echt schön dort. Man kann einkaufen und Souvenirs shoppen. Nächste Woche findet ein Jazzfestival dort statt.“
Das klang wirklich cool und ich nahm mir vor, auch unbedingt einen Ausflug dahin zu unternehmen. Sarah saß beteiligungslos auf der Bank und trank einen Apfelwein. Diese Zurückhaltung war eigentlich nicht ihre Art.
„Sarah? Wo warst du eigentlich? Wir wollten dich fragen, ob du mit zum Strand kommst, aber haben dich nicht mehr gesehen.“
Sarah schreckte aus ihrer Gedankenwelt auf und richtete sich auf ihrem Platz auf. Sie versuchte gefasst zu wirken und ihre gewohnte Haltung einzunehmen.
„Ach, echt? da war ich wahrscheinlich noch im Bad. Ich hatte nachher nach euch Ausschau gehalten, aber ihr wart alle verschwunden. Ich hatte angenommen, dass ihr mich nicht dabei haben wolltet.“
Sie lächelte, als ob sie einen Witz gemacht hatte, aber an der Art, wie sie ihren Blick abwendete, konnte ich sehen, dass etwas nicht mit ihr stimmte. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte, ihre Mimik zu deuten, aber ich konnte nichts erkennen.
„Nein, das ist doch Quatsch, Sarah! Wir haben echt noch gewartet, um dich zu fragen. Das war wirklich keine Absicht!“ entschuldigte uns Alex.
„Oh, okay. Ist schon gut.“ versuchte Sarah gefasst zu wirken.
Aber ich konnte sehen, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten. Sie versuchte, das zu unterdrücken, aber kam nicht dagegen an. Sie stand schnell auf und ging schnellen Schrittes zu den Zelten herunter. Alex rief ihr noch „Warte!“ hinterher und rannte ihr nach. Was war mit Sarah los? Hatten wir sie so verletzt damit, dass wir sie nicht gefragt hatten oder steckte etwas Anderes dahinter? Alle am Tisch waren sehr nachdenklich, sagten ein paar Minuten gar nichts. Raffi unterbrach unser Schweigen mit einem theatralischen Gähnen.
„Ich geh mal schlafen.“ sagte er trocken und verließ unseren Tisch.
„Ich werde mich auch mal in die Heia auf machen.“ klinkte sich Chris ein.
Dennis war schon direkt nach dem Essen verschwunden.
„Was denkt ihr, was mir ihr los ist? Ist sie sauer, weil wir nicht auf sie gewartet haben?“ fragte Pia Sascha und mich nach Rat.
Ich zuckte mit den Schultern. Vielleicht gab es wirklich etwas anderes, was sie beschäftigte.
„Keine Ahnung.“ gab Sascha zu. „Sarah ist schwer zu verstehen. Sie ist immer so darauf bedacht, die Haltung zu bewahren und nicht zu verletzlich rüber zu kommen, dass ich kaum einschätzen kann, was sie ärgert und was ihr egal ist.“
„Ich kenne sie ja von Bergheim noch. Da war sie auch schon ein Buch mit sieben Siegeln. Aber ich denke nicht, dass sie sich die Blöße geben würde zu weinen, nur weil wir sie nicht gefragt haben, ob sie mit zum Strand geht. Dafür ist sie zu stolz.“
Sarah war wirklich schon immer eine sehr elegante und bedachte Person gewesen. Sie würde sich nicht wegen einer Lappalie so gehen lassen und vor uns allen weinen. Sie machte sowas immer mit sich selbst aus.
„Ich hoffe, es wird sich alles aufklären.“ sagte Pia skeptisch.
Wir tranken noch ein Bier und sahen in den Nachthimmel. Dann gingen auch wir in unsere Zelte. Ich lag die halbe Nacht wach und dachte nach. Sarahs Verhalten verunsicherte mich aus irgendeinem Grund, aber ich konnte mir nicht wirklich erklären, was es war.
Dass ich so wenig geschlafen hatte, machte sich am nächsten Morgen bemerkbar. Ich konnte die Augen kaum öffnen und musste mich zwingen aufzustehen. Die Müdigkeit zerfraß mich fast. Pia hatte mich nicht geweckt. Sie war schon aufgestanden, als ich mein Waschzeug zusammen kramte. Ich machte mich in Boxershorts auf den Weg zu den Sanitäranlagen, als mich jemand am Hosenbund zurück zog. Es war Pia, die mich mit einem gewohnt fröhlichen
„Morgen, Obielein!“ begrüßte. Ich gab ihr einen Kuss auf die Wange und grinste sie müde an. Mit einem Klaps auf den Po schubste sie mich in das Sanitärhäuschen und ging weiter zu unserem Zelt.
„Wir sehen uns beim Frühstück.“ säuselte sie noch.
Nachdem ich den Schock der kalten Dusche am Morgen überstanden hatte, Zähne geputzt und meine Haare zurecht gezupft hatte, war ich bereit für den Tag. Ich traf Dennis am Waschbecken, der auch dabei war, seine Haare zu legen. Nur, um dann eine Käppi darauf zu setzen. Wir quatschten etwas und gingen zusammen zum Frühstück. Sarah war noch nicht da. Ich hatte gehofft, dass sie und Alex etwas klären konnten und sie wie gewohnt bei uns sitzen und uns abschätzig ansehen konnte. Dass mir das mal ein Gefühl von Vertrautheit geben würde…
Wir frühstückten also ohne sie und Alex und Pia gingen danach runter, um das Geschirr zu spülen. Ich unterhielt mich mit Dennis.
„Hast du überhaupt in deinem Zelt geschlafen?“ fragte ich ihn neugierig.
„Naja, ein Gentleman genießt und schweigt.“ antwortete er vieldeutig. Die beiden legten wirklich ein rasantes Tempo vor, aber wenn alles passte, warum sollten sie nicht Nägel mit Köpfen machen?
Ich beobachtete Alex und Pia, die sich beim Spülen aufgeregt unterhielten. Ich fragte mich, ob Alex Pia ins Vertrauen zog, was mit Sarah los war. Ich wusste nicht mal, warum mich das so beschäftigte. Ich kannte Sarah schon lange, ja. Aber nicht besonders gut. Wir hatten nie einen Draht zueinander. Vielleicht war es einfach die Tatsache, dass ich keine Streitereien in unserem Urlaub haben wollte. Ob Pia darin verwickelt war? Vielleicht stellte sich endlich heraus, warum die beiden so im Clinch standen.
Am Nachmittag hatten wir die Kanutour gebucht und ich war so gespannt, wie wir uns anstellen würden. Ab Mittag war es im Zelt nicht mehr auszuhalten und ich beschloss mich oben in den Essensbereich zu setzen. Sarah saß schon auf einer der Bierbänke und ich setzte mich neben sie. Sie las eine Zeitschrift und trank einen Kaffee.
„Hi, Sarah. Darf ich mich setzen oder willst du deine Ruhe?“
Sie sah von ihrem Magazin auf und klopfte lächelnd neben sich auf die Bank.
„Wie geht’s dir?“ fragte sie freundlich.
„Mir ist heiß.“ Ich prustete. „Sonst sehr gut. Ich bin irgendwie richtig im Urlaub angekommen. Und wie geht es dir? Du warst gestern Abend so traurig.“
„Mir war irgendwie alles zu viel. Ich bin ja sonst eher so der Einzelgänger und dann jetzt hier mit den ganzen Menschen… Aber es ist lieb, dass du fragst. Mir geht es jetzt schon besser.“
„Das ist gut zu hören.“ lächelte ich sie an.
„Achso! Hör mal, wir sind nachher auf der Kanutour. Hast du vielleicht Lust mitzukommen? Wir brauchen noch einen Steuermann – also Frau! Eine Steuerfrau. Sagt man das so?“
Sarah lachte und zog die Schultern hoch.
„Ich überlege es mir.“
Ich schaute über das Camp und jetzt um die Mittagszeit war wenig los. Viele Gäste waren an den See gegangen. Ich entdeckte Raffi, der zerknautscht aus seinen Zelt gekrochen kam. Er hatte wohl Mittagsschlaf gemacht und sah aus, als ob er von der Hitze aufgewacht war. Er blinzelte in die Sonne und schlappte dann Richtung Sanitärhäuschen. An der Tür kam Pia ihm entgegen und sie stießen zusammen. Beide lachten und Pia drehte sich nochmal um und rief irgendwas zur Tür hinein. Dann ging sie lächelnd wieder Richtung Zelte. Sie lief lange, schöne Schritte und ich genoss ihren Anblick, wie sie so verträumt über das Camp sah und ihre Haare versuchte im Wind zu richten. Dann sah sie uns und winkte.
Pia war bei uns angekommen und setzte sich neben mich. Mit einem „Hi.“ ließ sie sich neben mich auf die Bank fallen und legte eine Hand auf mein Knie. Sie grinste mich an, als ob sie mir etwas sagen wollte. Sarahs Miene verdunkelte sich wieder und sie fing an, in ihrer Zeitschrift zu blättern. Ich wollte versuchen, sie wieder aus der Reserve zu locken.
„Ich hab Sarah grad gefragt, ob sie nicht zur Kanutour mitkommen will. Als unsere Steuerfrau.“ erzählte ich Pia.
Die zog nur unauffällig die Augenbrauen hoch.
„Steuerfrau? Oh, ich hab Chris schon gefragt und er hat zugesagt. Aber ich kann nochmal hingehen und ihm sagen, dass wir jemand anderes haben.“ sagte sie schon halb am Gehen und zeigte runter auf die Sanitäranlagen. Sarah wedelte durch die Luft und meinte direkt:
„Nein, nein. Ist schon gut. Ich wusste eh noch nicht, ob ich mitkomme. Geht ihr nur mit Chris. Er kann das bestimmt auch viel besser als ich.“
„Ok, gut.“ antwortete Pia beruhigt.
Ich sah sie erwartungsvoll an, aber es kam nichts mehr.
„Sorry, ich wusste nicht, dass Pia schon jemanden gefragt hat. Vielleicht schaffen wir es ja die Tage mal, was zusammen zu unternehmen.“ lenkte ich noch ein und gab Pia einen unauffälligen Stoß mit dem Ellenbogen.
„Mh! Ja, Sorry.“ stotterte sie heraus.
Sarah winkte ab und lächelte peinlich berührt. Pia stand auf und holte sich eine Tasse Kaffee. Ich fand es schade, dass die beiden es einfach nicht schafften, auf einander zu zu gehen.
„Ich geh mal in mein Zelt. Wir sehen uns später.“ sagte Sarah, während sie ihr Kleid richtete.
Sie lächelte mich verhalten an und ging langsam nach unten. Es tat mir leid, dass Pia sie so abgesägt hatte. Jene kam mit einer Tasse Kaffee zurück zur Bank und setzte sich wieder. Sie nahm einen großen Schluck und schaute auf das Camp.
„Warum bist du so abweisend zu ihr? Sie will doch nur dazu gehören.“ fragte ich sie vorwurfsvoll.
Pia zuckte nur mit den Schultern und schaute in ihre Kaffeetasse.
„Ich habe sie nicht provoziert und ich habe mich nicht mit ihr gestritten. Ich hab doch sogar angeboten, dass ich Chris wieder absage. Was willst du von mir? Der Vertrag ist kein Freundebuch und ich schulde ihr nichts.“ verteidigte sie sich.
Sie hatte Recht, also konnte ich nichts sagen.
Die Kanutour war anstrengender als gedacht. Pia und ich ruderten in die komplett falsche Richtung. Chris tat sich dafür nach etwas Üben leicht mit dem Lenken des Kanus und wir lachten so viel, dass meine Mundwinkel schon weh taten. Wir ruderten tief in die Schlucht hinein und hielten an einer kleinen Bucht. Wir badeten im Meer und tollten im Wasser herum. Ich spürte die pure Lebensfreude in mir brodeln. Pia setzte sich auf einen Felsen und ich schwamm zu ihr ran. Ich zog mich hoch und fühlte mich ziemlich stark, wie ich mich mit der bloßen Kraft meiner Arme nach oben hievte. Pia sah mich auch bewundernd an und legte sich in meinen Arm, als ich oben angekommen war. Es war romantisch. Nach einer Weile kam Chris zu uns und fragte, ob wir wieder mit ins Wasser kämen. Wir schüttelten beide den Kopf. Chris sah uns mit großen Augen an und legte den Kopf schief. Ich glaube er zog sogar einen kleinen Schmollmund. Pia ließ sich erweichen und streckte die Hand nach Chris aus, der ihr mit einem Griff an die Taille runter half. Plötzlich schnappte er sie und lege sie sich auf die Schulter. Pia schrie laut auf. Ich musste lachen, weil ich genau wusste, was er vorhatte. Er schwang sie mit Anlauf durch die Luft und ließ sie ins Wasser plumpsen. Pia kam wieder nach oben und schwor Rache. Nach einer mittelgroßen Wasserschlacht, schwammen die beiden zur anderen Seite der Bucht. Dort angekommen, kletterten sie auf den gegenüberliegenden Felsen und winkten mir zu. Pia sah wunderschön aus. Ich liebte ihr freies Wesen und, dass sie immer machte, was sie wollte. Trotzdem konnte ich in ihren Augen immer sehen, dass wir verbunden waren. Sie war wie ein zahmer, wunderschöner Vogel, der den ganzen Tag durch die Lüfte flog und den Wind genoss und abends stets zu mir zurück kam in ihr Nest, um die Geborgenheit meiner Nähe zu genießen. Ich ließ sie fliegen und ich wusste, dass wenn sie bei mir blieb, es immer aus freien Stücken war. Es gab keine Abhängigkeiten zwischen uns. Sie war meine Freundin, weil sie es sein wollte. Und ich liebte sie so wie sie war, mit ihrem ganzen Wesen. Ich liebte sie so sehr. Und ich war mir sicher, dass es ihr genauso ging. Wir waren einfach Pia und Toby. Wir liebten uns.
Bevor wir zurück ins Camp gingen, holten wir uns im Restaurant noch eine Pizza. Wir saßen schließlich oben an den Bierbänken und schlugen uns den Bauch voll.
„Daf ift go lecker.“ schmatze Pia mich mit vollem Mund an.
Ich nickte nur inständig und kaute weiter. Was gab es Besseres, als nach einem langen Tag im Wasser nach Hause zu kommen und eine wundervolle Pizza zu verspeisen? Nach dem Essen waren wir so voll, dass wir uns für eine Siesta in unsere Zelte verzogen. Pia schlief auf meinem Bauch, nachdem wir versucht hatten möglichst leise Sex zu haben. Sie hatte in mein Kissen geschrien und wir hatten entschieden, dass es das wert war, auch wenn uns jemand gehört hatte. Ich genoss die Schwere ihres Körpers auf meinem und schloss die Augen.
Als ich wieder wach wurde, war es schon später Nachmittag und fast Zeit für das Abendbrot. Ich rollte Pia langsam zur Seite und wollte mich auf den Weg machen, um mich zu waschen. Nach dem Abendessen sollte noch eine Party mit den Teamern steigen. Ich ging vorbei an den Zelten unserer Mitbewohner, als ich aus Sarahs Zelt plötzlich Alex’ Stimme hörte.
„Sprich doch mit Toby. Vielleicht klärt sich dann alles.“ riet Alex Sarah.
„Nein, das will ich nicht. Es würde ja auch nichts ändern.“
Ich stand wie ein Spion hinter dem Zelt und versuchte leise zu atmen. Ich sollte dieses Gespräch wirklich nicht belauschen, vor allem weil es offensichtlich um mich ging. Oder sollte ich es gerade deshalb hören? Ich konnte mich einfach nicht vom Fleck rühren.
„Du hast doch ein Recht darauf zu erfahren, warum er so tut, als ob er sich nicht erinnert.“ redete Alex weiter auf Sarah ein.
„Vielleicht hat er es ja wirklich vergessen. Ich glaube es ist einfach schon viel zu spät, dieses Fass aufzumachen.“
„Toby! Was machst du da?“ rief Chris aus der Ferne, der auch gerade aus seinem Zelt gekommen war und mich gesehen haben muss, wie ich geduckt neben dem Zelt rumlungerte. Ich erschrak und versuchte lautlos ein paar Meter zu rennen, damit ich nicht direkt neben dem Zelt stand, wenn ich antwortete.
„Ich hab nur eine Grille beobachtet.“ log ich. „Die war mindestens SO groß.“ zeigte ich mit Daumen und Zeigefinger.
Chris sah mich ungläubig an und wir gingen zusammen Richtung Waschräume. Was hatte ich gerade mitgehört? An was konnte ich mich nicht erinnern? hatte ich Sarahs Geburtstag vergessen? Und wenn schon? War das Anlass für Drama?
Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.
Kapitel 6
Wir saßen am Frühstückstisch mit unserem bunten Campinggeschirr. Ich hatte blau. Die WG unterhielt sich und ich grübelte immer noch. Was hatte ich vergessen? Woran konnte ich mich nicht mehr erinnern? Warum war das wichtig und wer bin ich überhaupt? ich drückte auf meinem Baguette herum und sah rüber zu Sarah.
„Sarah, hattest du gestern Geburtstag?“ fragte ich schließlich.
Sie kaute angestrengt fertig und schluckte schließlich, während sie mich irritiert ansah. Sie kniff die Augen zusammen und runzelte die Stirn.
„Äh, nein. Wieso fragst du das?“
Ich sah resigniert wieder auf mein Baguette und sagte nur:
„Ach, nur so. Ich dachte, der wäre jetzt irgendwann.“
„Ich hab im September Geburtstag.“ sagte sie trocken.
Ich lächelte sie künstlich an und wendete wieder meinen Blick ab.
Mist. Das war mein einziger Ansatzpunkt. Ich kam nicht weiter mit meinem Rätsel. Und fragen konnte ich sie auch schlecht. Offiziell wusste ich ja gar nichts. Ich wollte unbedingt heraus finden, was es mit dieser Geheimniskrämerei auf sich hatte. Und ich wollte verdammt nochmal wissen, was ich vergessen hatte. Alex war wahrscheinlich meine einzige Chance, etwas heraus zu finden.
„Obie, hast du das Spülmittel schon mit hoch gebracht?“
Ich pulte noch immer mit dem Finger in meinem Baguette herum und fühlte das kalte Fleisch des Schinkens, wie es fettig zwischen meinen Fingern hin und her glibberte.
„OBIE!“
„Was?“ ich schrak auf und sah in fragende Pia-Augen.
„Das Spülmittel. Wo?“
„Äh, im Zelt.“
„Ist alles okay bei dir? Du stehst irgendwie neben dir.“
„Ich denk schon. Ich bin nur müde.“ flunkerte ich und biss in mein Baguette.
„Dann bis später.“
„Wo gehst du hin?“
Pia setzte sich neben mich und streichelte meine Haare, bei bei einem Kind.
„Pia fragt nach Spülmittel. Pia möchte Geschirr abwaschen. Pia geht zum Waschbecken.“
Es war witzig gemeint, aber ich sah nur betreten auf meinen Teller.
„Obielein, ist wirklich alles okay?“
„Ja, klar. Mach dir keinen Kopf. Ich habe nur schlecht geschlafen.“
Sie gab mir noch einen Kuss auf die Wange und verschwand zum Spülen.
Am Nachmittag beschlossen Pia und ich eine Wanderung zu machen. Ja! Eine Wanderung! Besonders lang und anspruchsvoll war unsere Wanderung selbstverständlich nicht. Wir hatten uns einfach den „Hausberg“ vorgenommen, der mehr oder weniger ein „Haushügel“ hinter dem Camp war. Aber wir mussten uns trotzdem durch unweges Gelände kämpfen und waren auch eine ganze Zeit unterwegs. Von oben konnte man das komplette Camp überblicken und den See sehen. Es sah plötzlich alles so klein und friedlich aus. Wir saßen auf dem Hügel und schwiegen und lächelten. Es war wieder einer dieser vollkommenen Momente, in denen es keine Worte brauchte. Wir saßen nur da und sahen auf den See. Ich hielt Pias Hand. Unser Glück war vollkommen. Nach dreißig Minuten sahen wir uns an und fielen einfach übereinander her. Pia knöpfte meine Hose auf und legte meine Errektion frei. Sie befreite sich von ihren Unterteilen und ritt mich. Sie nahm es sich so fest und intensiv, wie sie es gerne mochte. Kurz bevor wir soweit waren, stoppte sie und ließ nur noch meine Eichel leicht zwischen ihren feuchten Schamlippen hin und her gleiten. Als die Leidenschaft kaum mehr auszuhalten war und wir beide uns nur noch danach sehnten uns so intensiv und tief zu spüren, wie möglich, drückte ich sie von mir runter. Sie rollte unsanft auf den harten Boden, aber genoss sichtlich meine Grobheit. Sie sah mich mit flehenden Augen an, dass ich sie weiter vögele. Also drang ich wieder in sie ein und war so tief in ihr, dass kein Zentimeter mehr zwischen uns war. Gemeinsam wiegten wir uns mit harten Stößen zum Höhepunkt und ich war mir sicher, dass man Pias Schreien bis ins Camp hören konnte.
Wir blieben noch lange dort oben auf unserem Hügel. Pia’s Kopf lag auf meinem Schoß und wir beobachteten, wie die Sonne langsam am Horizont verschwand. Auch ich lag auf dem felsigen Untergrund und sah einfach in den Himmel. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einfach da gelegen hatte um die Wolken zu beobachten. Ich sah Formen, die sich nach einigen Minuten komplett verändert hatten und schließlich war es schon zu dunkel, um die Formen der Wolken zu erkennen.
„Wir müssen mal wieder nach unten, oder?“ schlug ich vor. „Nicht, dass wir noch im Dunkeln den Weg runter finden müssen.“
„Oh, du hast Recht! Es ist so schön, mit dir hier zu liegen. Ich will gar nicht gehen.“ sagte Pia und schmiegte sich noch fester an mich.
„Ich hab dich lieb.“ sagte sie schließlich und mein Herz bekam einen kleinen Stich.
War DAS nicht der perfekte Moment, um es endlich zu sagen. Wenn es ihr in DIESER Kulisse, nach DIESEM Tag nicht gelang, ‚Ich liebe dich‘ zu sagen, fühlte sie es wahrscheinlich noch nicht. Ich war heraus gerissen aus meiner romantischen Stimmung. Ich murmelte „Ich dich auch. Bis zum Mond.“ und schob sie nach oben, damit wir aufbrechen konnten. In Wirklichkeit liebte ich sie. Bis zum Mond. Und zurück.
Auf dem Rückweg wurde es immer dunkler und wir bekamen etwas Respekt davor, dass wir uns wirklich verlaufen könnten. Aber dann:
„Hörst du das?“
„Was?“
„Die Musik.“
„Höre ich. Kommt aus dem Camp.“
„Na, dann leg mal einen Gang zu. Die Party fängt noch ohne uns an.“
Pia nahm meine Hand und zog mich weiter. Sie folgte ihrem Gehör und die Musik kam immer näher. Im Camp sollte heute Abend eine Oldie-Party steigen und Pia war besessen von Oldies. Überhaupt konnte sie keine Party freiwillig verpassen. Sie liebte es zu tanzen und zu feiern. Ich war eher der stille Beobachter und becherte lieber Drinks an der Bar. Als wir im Camp ankamen, saßen unsere Freunde schon vereint an einer Sitzgruppe und schauten uns überrascht an.
„Habt ihr euch verlaufen?“ fragte Sascha gehässig.
„Nein!“ grinste Pia ihn an. „Alles läuft nach Plan. Wir kommen doch genau richtig, oder?!“ Sie führte mich mit ihrer Hand bis zum Sitzplatz, weil sie wusste, dass ich sie nicht auf die Tanzfläche begleiten würde. Dann löste sie ihre Hand, immer noch grinsend und schaute fragend in die Runde. Sascha stimmte nickend, aber schulterzuckend zu. Pia schaute Chris auffordernd an. Ich wusste bereits, dass er keine Chance hatte, aber er war unentschlossen. Pia legte den Kopf schief und streckte ihre Hand aus. Chris nickte widerwillig. Er konnte sich nicht wehren. Pia nahm seine Hand und entführte ihn auf die Tanzfläche.
Ihr lieben Leser werdet euch jetzt fragen, ob der Typ eigentlich nicht mitkriegt, dass dieser Chris voll auf Pia steht und sich an sie ran schmeißt… Leute! Hab ich mitgekriegt. Es ist nur so… Dass jemand auf Pia steht, war für mich nichts Neues. Sie genoss die Aufmerksamkeit. Und ich akzeptierte und liebte ihre Art. Ich hatte keine Angst vor Konkurrenz. Ich war mir meiner Beziehung bewusst und lebte sie so, wie sie sich gestalten wollte. Pia war frei und brauchte das auch. Wenn sie in die Enge getrieben wurde, von was auch immer, wurde sie wie ein kleiner Terrier, der knurrt und fixiert und wenn man sich ihm nähert, schnappte er zu. Ich hatte das unzählige Male erlebt, wenn Sarah oder Raffi sie provoziert hatten. Selbst, wenn ich das Verlangen danach gehabt hätte, eifersüchtig zu reagieren, hätte das nur dazu geführt, dass sie sich bedrängt fühlte und aus Trotz handelt oder mich weg stößt. Also, ja! Ich habe mitgekriegt, dass Chris mit ihr flirtete und, dass er offensichtlich etwas für sie übrig hatte. Und ich habe auch mitbekommen, dass Pia darauf einging und zurück flirtete und Kontakt zu ihm suchte. Ich hatte davor keine Angst. Ich war mir ihrer sicher. Ich war so, wie ich war und sie war so, wie sie war und so funktionierten wir.
Pia tanzte mit Chris und Sascha. Sie waren ausgelassen und Sascha und Chris alberten miteinander herum. Langsam füllte sich die Tanzfläche. Pia machte zwar ein paar klägliche Versuche, mich zum Tanzen zu bewegen, indem sie mich sexy antanzte, mich nickend herüber winkte oder einfach an meinem Arm zog. Nichts half. Ich tanzte nicht und das war auch gut so. Ich quatschte mit Raffi und Alex. Ich trank Cocktails und französisches Bier. Ich rauchte. Ich wippte im Takt mit. Ich hatte Spaß. Meine Art von Spaß. Und Pia hatte ihre Art von Spaß. Sie tanze, flirtete und trank Schnaps.
„Ihr wart wandern, oder?“ fragte Raffi mich.
Ich musste etwas lachen, weil ich wusste, dass unsere „Wanderung“ recht kurz und unser Sonnenuntergang Plus umso länger war.
„Ja, wir haben hier den ‚Haushügel‘ bestiegen. Man kann so gut den See sehen und alles, was im Camp vor sich geht. Wir haben total die Zeit vergessen. Plötzlich wurde es schon dunkel und wir haben uns fast verlaufen.“
Mir fiel auf, dass Sarah den ganzen Abend noch nicht aufgetaucht war. Ich spürte nach all dem Bier langsam den Harndrang und beschloss, auf dem Rückweg vom Klo mal nach ihr zu sehen. Vor dem Toilettenhäuschen unterhielten sich ein paar junge Franzosen. Es ging um etwas, was sie „fille“ nannten. Ich konnte kein Wort französisch. Leider. Dieses „fille“ schien ein spannendes Gesprächsthema zu ergeben. Als ich auf dem Rückweg an Sarahs Zelt vorbei ging, rief ich nach ihr. Dreimal. Keine Antwort. Panisch riss ich den Reißverschluss ihres Zeltes auf und war beruhigt, sie nicht darin zu finden. Ich fragte mich, warum ich mir überhaupt solche Sorgen um sie machte. Ich kümmerte mich ja sonst auch nicht um ihre Angelegenheiten. Irgendwie ließ mir diese Sache keine Ruhe. Ich spielte in ihrem Leben anscheinend eine Rolle. Vielleicht dachte ich deshalb, sie sollte in meinem Leben auch eine Rolle spielen. Jedenfalls machte ich mich auf zum Sanitärhäuschen und konnte sie auch auf den Toiletten nicht finden. Dafür war es ziemlich peinlich, wie ich in den Damenbereich stürmte und alle Kabinentüren aufschlug. Eine junge Französin stand gerade vor dem Spiegel und frischte ihr Make-up auf.
„Sorry. Äh, pardon. Je… looking for someone. Tu… äähh… speak english? Or german?“
Sie sah mich nur irritiert an und hielt die Hände beschwichtigend nach oben.
„Non, non, keine Angst! Ich suche nur jemanden. Hast du vielleicht eine Frau gesehen? So groß, blonde hair? Compris anything?“
Sie schüttelte verwirrt den Kopf und rief dann vorsichtig
„Au secours!“
Ich wusste zumindest, dass das „Hilfe“ heißt und entschloss mich, schnell wieder zu verschwinden. Ich hatte mich gerade leicht panisch auf den Weg zum See gemacht, drehte dann aber dann doch lieber um, damit ich Hilfe holen konnte. Alleine würde ich sie nie finden, wenn sie da unten war. Ich rannte nach oben zum Camp und direkt auf unsere Gruppe zu. Ich war völlig atemlos und konnte kaum sprechen.
„Pia! Raffi! Wisst ihr wo Sarah ist?“ Ich schnaufte ein paar Mal. „Im Zelt ist sie nicht, auf dem Klo auch nicht.“
Raffi unterbrach mich.
„Du warst auf dem Damenklo?“
„Ja, erzähle ich später. Jetzt müssen wir erstmal Sarah finden. Alleine werde ich sie am Strand niemals finden, also dachte ich, wir teilen uns auf.“
Pia und Raffi hatten meine Ausführungen teilweise irritiert verfolgt. Jetzt zogen sie eine Schnute, sahen sich an und versuchten, sich das Lachen zu verkneifen. Die hatten vielleicht Nerven. Ich schaute sie fragend an.
„Was geht hier vor, Leute?“
Raffi setzte sich neben mich und legte einen Arm um mich. Er versuchte immer noch nicht zu lachen, aber es gelang ihm eher schlecht.
„Du musst jetzt ganz stark sein, Toby. Weißt du, Sarah hatte Kopfschmerzen und hat sich nach dem Abendbrot ein bisschen ins Zelt gelegt. Jetzt steht sie an der Bar und lässt sich einen Tequila Sunrise mixen.“
„Was?“
„Einen Tequila Sunrise.“
Ich schaute auf und sah Sarah kerngesund und elegant wie immer an der Bar stehen. Ich sah Pia an, die sich bereits den Bauch hielt vor Lachen, dann Raffi, der neben mir saß und es immer noch versuchte, zu unterdrücken, aber ich spürte, wie sein Körper die ganze Zeit zuckte. Ich war beruhigt, aber kam mir unendlich doof vor.
„Wie peinlich…“ sagt ich leise vor mich hin.
Sarah hatte mich mittlerweile gesehen und winkte mir lächelnd von der Bar aus zu. Ich grüßte knapp zurück, indem ich die Hand hob und schlürfte dann weiter meinen Cocktail. Ich spielte mit dem Gedanken, Sarah einfach anzusprechen auf das, was ich gehört hatte. Es fickte meinen Kopf so krass, dass ich nicht wusste wo das hinführen würde. Aber ich wusste nicht, wie ich das anfangen sollte. Einfach die Wahrheit sagen? Dass ich am Zelt vorbei lief und zufällig das Gespräch aufgeschnappt hatte?
Ich beschloss erstmal eine Nacht drüber zu schlafen.
Kapitel 7
„Obielein! Zeit zum Aufstehen!“
Pia kroch im Zelt auf mir herum und säuselte direkt in mein Ohr. Ich war verkatert und todmüde. Der Cocktail-Bier-Mix hatte mir den Rest gegeben. Das Wort ‚Aufstehen’ fühlte sich in meinem Kopf an wie ‚Schlachtung‘. Ich grummelte vor mich hin und drehte mich weg.
„Komm schon, wir fahren gleich zum Supermarkt. Ich habe eine Mitfahrgelegenheit organisiert.“
„Was willst du denn im Supermarkt? Wir haben Vollpension gebucht.“ murmelte ich in mein Kissen.
Jetzt wurde sie grob. Sie riss den Reißverschluss meines Schlafsackes auf und schüttelte mich an der Schulter.
„Pia…“
„Steh jetzt auf!“
„Pia, bitte…“
Sie schüttelte mich immer noch und quengelte ungeduldig.
„Pia, verdammt! Was soll der Scheiß?!“ sagte ich und schubste sie von mit weg.
Sie saß auf ihrer Isomatte und sah mich verschüchtert mit großen Augen an.
„Sorry, Obie. Ich dachte nur, wir könnten da ein paar Snacks besorgen und Getränke. Und ich hab doch auch schon zugesagt…“
Ich war wach und erschrocken über mich selbst. Ich hätte sie nicht so anbrüllen sollen.
„Es tut mir leid. Mir dröhnt der Kopf. Deshalb bin ich etwas ausgerastet. Es ist ne gute Idee. Ich muss nur erstmal kurz klar kommen mit dem wach sein.“ sagte ich, während ich beruhigend ihre Schulter streichelte. Pia legte sich in meinen Arm.
„Die Ibuprofen sind in meinem Rucksack.“
„Du weiß doch, dass ich nichts nehme. Ich brauche nur Wasser und Kaffee.“
„Dann besorge ich dir schon mal einen Kaffee, während du dich fertig machst.“
„Danke!“
Ich küsste ihre Stirn und verschwand schnell im Sanitärhäuschen.
„Obie?“ schrie Pia in den Herrenbereich. „Ich hab hier deinen Kaffee.“
Ich stand unter der Dusche und sonst war keiner im Waschraum.
„Bring ihn hier rein.“ rief ich zurück.
„Dein Ernst?“
Ich öffnete leicht die Tür und grinste Pia verwegen an. Ich winkte sie zu mir rein. Sie lugte vorsichtig um die Ecke, ob sie auch niemand beobachtete und kam zu mir an die Duschkabinen-Tür. Ich nahm ihr den Kaffee ab und stellte ihn auf das Waschbecken. Dann zog ich sie zu mir in die Kabine und drückte sie gegen die Wand. Sie war überrascht, aber sichtlich angetan von der Idee und dem Gedanken, dass uns jemand erwischen könnte. Ich war nackt und ich denke, sie konnte auf den ersten Blick erkennen, was ich im Sinn hatte. Ich drückte meinen Körper gegen ihren und hielt ihre Hände mit einer Hand über ihrem Kopf an der Wand fest. Sie war sofort willenlos und stöhnte leise in mein Ohr.
„Psch…“ flüsterte ich, während ich ihre Brüste unter dem T-Shirt drückte und massierte und ihre harten Nippel zwischen meinen Fingern drehte.
Sie atmete schwer aus und ein, während ich sie leidenschaftlich küsste und meine Zähne sanft mit ihren Lippen spielten. Meine andere Hand wanderte runter zu ihrem Jeansrock und ich arbeitete mich zu ihrer Unterwäsche vor. Ich konnte spüren, dass auch Ihr Körper Blut in den Schritt gepumpt hatte. Ihre Vagina fühlte sich warm und angeschwollen an. Ich strich langsam über die Säume ihres Slips und konnte beiläufig ihre Schamlippen spüren. Auch ihre Hand hatte bereits ihren Weg an meinen Penis gefunden und sie massierte und streichelte ihn sanft. Meine Errektion wurde immer härter und mein Wille, das hier bis zum Äußersten zu treiben immer größer. Schließlich flüsterte sie mir ins Ohr
„Ich will dich in mir!“
Pia rieb sich bereits durch ihre Unterwäsche an meiner Latte. Ich schob ihren Slip zur Seite und hob sie an der Wand in die perfekte Position. Dann drang ich kraftvoll in sie ein. Pia stöhnte laut auf und auch ich konnte mir ein lautes „Mmmhhh“ nicht verkneifen. Wir sahen uns erschreckt an und kicherten dann etwas, weil wir kurz vergessen hatten, dass man jeden Ton in dem hellhörigen Sanitärhäuschen hören konnte. Wir hörten um uns herum das Wasser rauschen und dazu nur das gleichmäßige Geräusch unserer vereinten Körper und das schwere Atmen des Anderen. Pia fiel es immer schwerer keine Geräusche von sich zu geben und ich sah, dass sie sich auf die Lippe biss, um nicht zu stöhnen. Schließlich flüsterte sie
„Ich… komme… gleich… Ich kann nicht mehr… leise sein… Obie… Ah! Mh! Mh!“
Ich wurde von ihrem gleichmäßigen Zucken umschlossen. Ich stieß weiter rhythmisch in sie hinein und kam schließlich lautlos und atemlos. Wir versuchten wieder zu Luft zu kommen und sie ließ sich langsam an der Wand wieder auf den Boden sinken. Ich stand immer noch vor ihr und stütze mich gegen die Wand, bis ich wieder atmen konnte.
„Das war unglaublich.“ sagte sie leise und strahlte mich immer noch schwer atmend an. Ich küsste sie lange. Dann schlich sie sich wieder aus dem Herrenbereich und ich duschte ein zweites Mal, bevor ich endlich meinen kalten Kaffee trank.
Zusammen mit Chris standen wir pünktlich zur Mitfahrgelegenheit am Auto eines unserer Mitcamper bereit.
„Warum bist du so nass?“ fragte Chris Pia, deren Kleidung noch nicht ganz getrocknet war und hier und da noch einige Wasserflecken erkennen ließ.
„Ach, lange Geschichte.“ antwortete sie und wir grinsten uns heimlich an.
Chris nahm das mit einem Schulterzucken hin, ergänzte aber:
„Na, wenn du mal nichts damit zu tun hast, Toby du Schlingel!“
Ich hob nur unschuldig die Hände und legte einen Arm um Pias Taille.
Die Fahrt zum Dorf war kurz, aber es war trotzdem toll, etwas von der Umgebung zu sehen. Zu Fuß waren wir bisher ja nicht sehr weit gekommen. Der Supermarkt selbst, an dem wir zuerst hielten, war allerdings mehr als unspektakulär. Ein großer Parkplatz mit ein paar Bäumen und drinnen sah eigentlich alles aus, wie in Deutschland. Franzosen erwarteten Ost und Gemüse genauso im Eingangsbereich, wie Schokolade kurz vor der Kasse. Wir fanden uns gut zurecht und kauften allerhand Luxusgüter, an die wir im Camp nicht einfach so dran kamen. Obwohl ich ihr davon abgeraten hatte, wollte Pia sich unbedingt einen Schokoladenvorrat anlegen, der natürlich noch bevor wir wieder im Camp waren im Auto geschmolzen war. Raffi hatte angemerkt, dass er sich über Chips freuen würde. Außerdem holten wir noch ein paar Flaschen Wein und einige unverderbliche Snacks für den Tag.
Danach gingen wir noch durch das Dorf und bestaunten mit offenen Mündern die Häuser und Straßen. Das Dorf war komplett von Felsen und hohen Bergen umgeben und man hatte hier oben sogar einen fantastischen Blick auf den See und die Schlucht.
„Wow, guck dir die Häuser an! Ein Wunder, dass die alle noch stehen.“ flüsterte ich fast ehrfürchtig, als ob ich Angst hätte sie würden einstürzen, wenn ich zu laut sprach. Keines, der schmalen, aneinander gereihten Häuser stand mehr gerade. Aber alle waren bewohnt und in den unteren Etagen waren kleine Läden, in denen Stoffe oder Lampen verkauft wurden. Ein kleiner Bach führte durch den ganzen Ort und kleine, krumme Brücken gingen darüber.
„Ich liebe es hier! Lass uns nach einer freien Wohnung suchen und einfach hier bleiben. Wir stehen morgens am Fenster und schauen auf den See. Trinken einen Café au Lait und sitzen bei einem Croissant und Marmelade aus dem Laden nebenan auf dem Balkon. Ich trage nie mehr als Unterwäsche und nach dem Frühstück haben wir Sex bei offener Balkontür. Kannst du dir unser Leben bitte mal vorstellen?!“
Ich strahlte vor mich hin und träumte mich in diesen Gedanken hinein. Ich küsste Pia. Ich liebte ihre verrückten Ideen. Unser Leben wäre traumhaft. Aber es war eben nur eine verrückte Idee.
„Und womit bezahlen wir unsere Miete?“ flüsterte ich an ihre Lippen.
„Du könntest malen und ich könnte Postkartenmotive fotografieren. Wir wären das berühmte junge Künstlerpaar aus Moustiers, das man in den Morgenstunden immer hört. Die Nachbarn verdrehen die Augen, wenn sie bei ihrem Café sitzen. ‚Aber die Bilder sind wirklich schön.‘ würden sie untereinander munkeln. ‚Und die beiden sind auch wirklich so nett – dafür, dass sie Deutsche sind – Stets freundlich und immer ein Lächeln im Gesicht.‘ Und die alte Frau, die neben uns wohnt, würde hinter vorgehaltener Hand noch ergänzen: ‚Und eins muss man der talentierten, jungen Fotografin ja lassen: Diesen hübschen Maler würde ich auch nicht von der Bettkante stoßen.‘ Und dann würden sie kichern und beim nächsten Mal, wenn sie uns morgens hören wieder kopfschüttelnd lächeln, während sie einen Schluck von ihrem Café nehmen.“
Ich liebte sie so dafür, dass sie sich solche Geschichten ausdachte. Und, dass sie sie einfach so erzählen konnte. Weil sie es fühlte. Weil sie, wenn ich gesagt hätte „Lass uns das machen!“ versucht hätte, das zu machen. Sie lebte einfach und dachte nicht zu viel über die Zukunft nach. Alles was zählte, war das Hier und Jetzt. Die Zukunft würde schon von ganz alleine kommen. Das fand ich unglaublich attraktiv an ihr. Ich sah sie nur fasziniert an und strahlte. Dieses Leben mit ihr zu führen, wäre ein Traum. Und es würde genauso sein, wie sie es beschreibt.
„Ich liebe dich.“ sprudelte es einfach so aus mir heraus.
Oh, shit. Hatte ich das echt gerade einfach so gesagt? Während ich mir auf die Lippe biss, wartete ich auf eine Reaktion von ihr. Sie lächelte mich an und öffnete den Mund, um zu antworten.
„Ich…“
„Hey, ihr beiden! Da seid ihr ja.“
Verdammt! Chris kam um die Ecke und kam strammen Schrittes auf uns zu. Ich war beruhigt, dass meine Aussage jetzt nicht mehr im Fokus stand. Aber jetzt, wo ich es ausgesprochen hatte, schuldete sie mir irgendwie schon eine Antwort. Pia trennte ihren Blick von meinem und sah zu Chris.
„Hört mal, der Steffen will gleich wieder ins Camp fahren. Wir sollten schon mal zum Auto zurück gehen.“
Pia nickte und sah mich dann wieder an.
„Wir reden später, okay?“ sagte sie noch leise zu mir.
Ich nickte und wir gingen Hand in Hand zum Auto zurück. Die Rückfahrt war still und wir schauten nachdenklich aus den Seitenfenstern. Es kam mir vor, als ob es ihr gelegen kam, dass Chris uns unterbrochen hatte. Sie hatte die Gelegenheit sofort genutzt um die Spannung zwischen uns zu unterbrechen. Wahrscheinlicher war allerdings, dass ich nur etwas Schiss hatte, dass sie anders für mich empfinden könnte als ich für sie. Sie hatte gelächelt und meine Hand gehalten. Das waren erstmal gute Zeichen. Der Rest blieb abzuwarten.
Zurück im Camp saßen wir mit Chris bei den Bierbänken und unterhielten uns über das Dorf. Chris hatte allerhand über die Historie und Architektur von Moustiers gelesen und gab uns jetzt sein geballtes Wissen weiter. Ich sah währenddessen abwesend über das Camp zum See herunter und dachte an Pia in Unterwäsche auf unserem Balkon mit einem Café au Lait in der Hand, wie sie ins Schlafzimmer schaute und mich anlächelte. Ich lag noch im Bett und hatte einen Zeichenblock auf dem Schoß. Ich arbeitete an einer Bilderreihe über die Schlucht, in der ich die Gefahr der Natur betonen wollte und zeichnete Skizzen.
„Habt ihr euch die Kapelle oben angeschaut. Sie ist aus dem zwölften Jahrhundert. Könnt ihr euch das vorstellen? Das ist einfach mal scheiß achttausend Jahre her.“
„Wir sind einfach in den Gassen versackt.“ antwortete Pia, lächelte Chris aber anerkennend für sein Wissen an.
„Sagt mal, habt ihr heute noch was vor?“ fragte Chris uns beide und schaute gespannt zwischen uns hin uns her. Wir sahen uns an und zuckten mit den Schultern.
„Ne.“ antworteten wir beide im Chor.
„Wieso?“ wollte Pia wissen.
„Naja, ich dachte wir könnten ja eine sehr anspruchsvolle Wanderung den Hügel hinunter machen und diese atemberaubende Sehenswürdigkeit, namens Lac de St. Croix, vom Ufer aus betrachten. Oder sogar hinein steigen. Völlig ohne Schutzausrüstung. Wir sind ja schließlich im Aktivurlaub.“
„Strandtag?“ fragte ich sicherheitshalber.
Chris lachte und nickte inbrünstig. Pia stimmte auch nickend ein und schon fanden wir uns im Zelt wieder, wie wir eine Strandtasche packten. Also eigentlich packte Pia eine Strandtasche und ich versuchte mir im Liegen meine Badehose über meinen verschwitzten Körper zu ziehen. Als ich mich aufsetzte, beschloss ich, dass ich jetzt lange genug auf meine Antwort gewartet hatte.
„Pia?“ fragte ich zurückhaltend.
Sie sah mich nicht an und sagte nur „Hm?“, während sie weiter Sachen in die große Tasche stopfte. Ich legte meine Hand auf ihren Arm und drückte ihn leicht. Sie sah mich nun an.
„Ich habe dir vorhin gesagt, dass ich dich liebe. Das ist mir nicht so raus gerutscht. Ich fühle das so. Schon länger. Also sage ich es jetzt nochmal und hoffe, dass wir mehr als zwei Sekunden haben, bevor jemand deine Antwort unterbricht. Ich liebe dich, Pia.“
Es war raus und ich fühlte mich so selbstbewusst und ehrlich. Ich schaute sie erwartungsvoll an und sie lächelte wieder. Ich konnte ein Funkeln in ihren Augen erkennen. Trotzdem platzte ich fast vor Spannung.
„Obie, das ist so schön, dass du das empfindest und ich bin unendlich dankbar, dass du das mit mit teilst. Ich fühle mich geehrt, dass ich die Frau bin, die bei dir solche starken Gefühle auslöst.“
Sie machte eine Pause und ich war jetzt schon völlig desillusioniert. Das hörte sich nicht an, als ob darauf ein ‚Ich liebe dich auch‘ folgen würde. Mein Blick wandte sich traurig von ihr ab und ich zog die Augenbrauen zusammen. Pia legte eine Hand auf meine Wange und schob meinen Kopf wieder nach oben, damit ich sie ansah. Sie sah glücklich aus und sah mich aufmunternd an.
„Es tut mir leid, dass ich dir nicht das antworten kann, was du hören willst. Ich liebe nicht so einfach. Ich habe auch sehr starke Gefühle für dich. Ob es Liebe ist? Das kann ich noch nicht sagen. Aber ich bin mir sicher, dass es das Stärkste ist, was ich jemals für jemanden empfunden habe, Obie.“
Mein Baum kribbelte. Ich wusste, dass das alles war, was sie mir geben konnte. Und ich beschloss es dankbar anzunehmen.
„Du wirst mich schon noch lieben lernen.“ sagte ich neckisch zu ihr und nahm sie fest in meinen Arm. Sie schmiegte sich perfekt in meine Arme und wir lächelten beide. Ich konnte das akzeptieren.
Wir gingen zum Strand und richteten uns unsere Liegeplätze ein. Ich wühlte in unserer Tasche und fand einen Wasserball. Ich pustete ihn auf und sah Pia und Chris herausfordernd an.
„Leute, wie gut seid ihr so in Wasserball? Weil… Ich bin ziemlich gut. Mein Schlag ist hart und ich kann mit einer Hand fangen.“
Chris Blick verdunkelte sich und er sah mich mit gesenktem Kopf an, wie ein Stier, der zum Angriff überging.
„Challenge accepted, Loser.“ sagte er trocken und stapfte Richtung Wasser.
Pia und ich sahen uns überrascht an. In Windeseile zogen wir unsere Klamotten über der Badekleidung aus und folgten ihm ehrfürchtig und schulterzuckend. Chris war ohne eine Mine zu verziehen einfach in den See gelaufen, als wäre es nichts. Ich versuchte das gleiche, aber ich musste mir eingestehen: Es war scheiß kalt. Pia schrie mehrmals kurz laut auf, aber ging rein. Auch ich war schließlich bis zu den Beiden vorgedrungen. Wir begonnen unser knallhartes Match jeder gegen jeden. Diverse Wasserbälle flogen gegen Köpfe und jeder von uns ging unzählige Male unter und kam laut lachend wieder hoch. Wir hatten unglaublichen Spaß. Wir lachten unfassbar viel und mein Bauch tat schon weh, bis wir endlich entschieden hatten, dass es keinen Gewinner gab, sondern jeder von uns sich damit abfinden musste, von zwei absoluten Pros im Wasserball geschlagen worden zu sein. Ich wusste, dass eigentlich ich gewonnen hatte. Ich meine… Ich konnte mit einer Hand fangen! Also ließ ich den anderen beiden den Triumph. Wir gingen zurück zum Strand und lagen in der Sonne. Nach einer viertel Stunde kamen Sarah und Alex auch am Strand an und schlugen ihre Lager ein paar Meter von uns entfernt auf. Ich war geschafft vom Wasserball spielen und legte mich, diesmal eingecremt, auf mein Handtuch. Der Wind wehte mir um die Ohren. Es war so angenehm, nass auf dem Handtuch zu liegen und den kühlen Wind auf der Haut zu spüren. Es dauerte keine zwei Minuten, bis ich eingeschlafen war.
Als ich aufwachte, schnappte ich Wortfetzen eines Streits auf und meine Welt begann, sich langsam zu verändern.
„Was mein Problem ist? Dass du auf meinen Freund…“
Ich hörte Pias Stimme, wie sie jemanden anschrie. Ich wachte auf und versuchte etwas wahrzunehmen.
„Na, und? Was weißt du schon über uns…“
Immer wieder brachen die Stimmen ab und der Wind wehte stattdessen in meinem Ohr. Ich hörte jetzt auch Sarahs Stimme. Stritten Pia und Sarah sich?
„Verbindet?… Er würde dich niemals…“ Wind.
„Ach ja? Das sah vor ein paar Jahren aber noch anders aus! Was er dir nie erzählt hat…“ Wind.
Ich setzte mich auf und versuchte die Richtung auszumachen, aus der der Streit kam. Ich sah mich um und erblickte Sarah und Pia, die sich ein paar Meter entfernt am Strand wie Rivalen gegenüber standen.
„Das ist ja lächerlich… Wann soll das denn gewesen…“ Wind.
Ich musste näher heran, um etwas zu verstehen. Ich stand auf.
„Ich kenne ihn länger… Er war mal… Du würdest dich wundern…“
Ging es bei dieser Unterhaltung um mich? Ich näherte mich den beiden langsam und konnte immer mehr ihrer Wortre verstehen.
„Das ist doch Wunschdenken! Als ob er was mit dir anfangen würde.“
„Nicht würde! Wir haben…“ Wind.
Verdammt. Ich musste noch näher ran. Ich stand jetzt nur noch ein paar Meter von beiden entfernt und wunderte mich, dass mich keiner bemerkte. Pia lachte hämisch.
„Und warum hat er mir das nie erzählt?“
„Damit du nicht eifersüchtig wirst.“
„Auf dich?“ Pia lachte noch lauter.
Sie drehte sich um, um zu gehen. Dann stolperte sie fast über mich. Ich stand fassungslos neben den beiden und verstand die Welt nicht mehr.
„Obie! Hast du das gehört?“
Sarah sah erschrocken auf und versuchte die Fassung zu bewahren.
„Tobias…“
„Was ist hier los?“ fragte ich endlich.
Beide sahen mich mit großen Augen an. Sarah erlangte schließlich ein paar Sekunden später ihre Fassung zurück und antwortete.
„Erzähl ihr, was damals passiert ist!“ verlangte sie.
Ich hatte keine Ahnung wovon sie sprach. Beide Frauen sahen mich erwartungsvoll an.
„Was meinst du?“
„Auf der Party von Micha. Der Dachboden. Du musst nicht mehr so tun, als ob du dich nicht erinnerst.“
In meinem Kopf spielten sich im Zeitraffer Szenen aus meiner Jugend ab. Parties mit meinen Schulfreunden. Sarah war auch in unserer Clique. Jedes mal wenn eine Erinnerung aufblitzte, verdunkelte sie sich nach wenigen Sekunden. Ich wusste warum. Ich versuchte mich an eine Party von Micha zu erinnern. Ich versuchte. das Stichwort „Dachboden“ in meinem Gehirn hinzu zu fügen. Jedes Mal brach die Erinnerung ab. Ich wusste warum. Ich hielt meine Schläfen und gab zu:
„Ich erinnere mich nicht an diese Zeit.“
„Was meinst du damit? Du weißt gar nichts mehr?“ fragte Sarah ungläubig.
„Ich weiß nichts mehr von den Parties. Es war nicht meine hellste Stunde. Ich hab viel Scheiß gemacht zu der Zeit. Es tut mir leid, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, was auf dem Dachboden passiert ist.“
Sarah wirkte sehr resigniert. Sie sah nervös zu Boden und suchte Halt. Aber fand ihn nicht.
„Obie, was ist hier los? Sarah behauptet, ihr hättet etwas am Laufen gehabt damals.“
Oh, Fuck. Echt? Ich wusste warum ich mich nicht erinnern konnte. Aber jetzt war der Zeitpunkt gekommen, es allen mitzuteilen. Und ich hatte ein scheiß Angst. Ich schämte mich für mein damaliges Verhalten.
„Ich… Es war eine doofe Zeit. Ich war oft zugedröhnt. Ich habe…“ Ich brach ab. Und holte tief Luft. Alle warteten auf eine Erklärung.
„Ich hab damals einige Experimente mit Drogen gemacht und zu der Zeit habe ich Pillen geschluckt. Ich weiß wirklich nicht viel von den Abenden. Es tut mit leid.“
Es war mir peinlich wie Hölle. Ich fühlte mich wie ein Vollidiot. Vor allem, weil zwei Frauen vor mir standen mit den unterschiedlichsten Gefühlen und ich einfach nur gehen wollte. Aber beide sahen mich an, als ob ich noch so einiges zu erklären hatte. Ich stand weiter da und ließ mich anstarren. Chris war mittlerweile zu uns vorgedrungen und stand zusammen mit Alex einige Meter abseits und bot durch seine Anwesenheit seine Hilfe an. Keiner wusste, was er noch sagen sollte. Also entschloss ich mich dazu, den nächsten Schritt zu machen.
„Sarah, wollen wir ein Stück zusammen gehen und du erzählst mir alles, was damals passiert ist?“
Sie zog die Augenbrauen zusammen und sah mich verständnislos an.
„Du weißt es wirklich nicht mehr?“ fragte sie ungläubig.
„Es tut mit leid, ich weiß echt nichts mehr, Sarah.“
Pia stand neben mir und wusste nicht wie ihr geschah. Sie sah mich verwirrt an und dann wieder zu Sarah. Ich hatte ihr nie von meiner Drogensucht erzählt. Denn das war es damals. Ich habe die Tragweite zu dieser Zeit damals nicht erkannt, aber ich war drogensüchtig. Ich schluckte Pillen, weil ich süchtig war nach den Gefühl des Loslassens und der Freiheit, die es mir gab. Ich musste keine Konsequenzen tragen für mein Verhalten, denn ich wusste ja nichtmal, was ich getan hatte.
„Komm, wir gehen ein Stück.“ sagte ich zu Sarah.
Sie nickte und setzte sich in Bewegung. Pia lehnte sich an Chris. Er legte einen Arm um sie und ich war froh, dass sie jemanden hatte, der sie jetzt auffing. Sarah und ich gingen weiter den Strand runter.
„Es war eine Party bei Micha. Du warst gut gelaunt, wie immer. Und du hast mit mir geflirtet. Du hast meine Nähe gesucht. Definitiv. Du weißt, dass ich niemand bin, der sich leichtfertig hingibt, wenn jemand mit mir flirtet. Aber ich fand dich schon immer süß und habe einfach die Gelegenheit genutzt. Du warst ziemlich forsch und abenteuerlustig. Es gab einen Dachboden und wir sind einfach die Leiter hinauf gestiegen und haben rumgeknutscht. Und naja… Irgendwie ist dann noch mehr passiert.“
Ich konnte nichts mehr denken. Ich hatte mit Sarah geschlafen? Das war so jenseits von Gut und Böse, dass ich es kaum in Worte fassen konnte. Ich sah nur zu Boden und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Wir hatten Sex?“ fragte ich zur Sicherheit.
„Naja, nicht ganz. Aber alles andere außer das.“
Das beruhigte mich etwas. Wir waren jung und Sex mit jemanden zu haben, bedeutete noch mehr als heute. Ich nickte trotzdem schuldbewusst, weil es darauf gar nicht ankam.
„Sarah…“ fing ich schwer meine Entschuldigung an.
„Es tut mir so leid, dass ich das einfach vergessen habe. Ich hoffe, du weißt, dass das nichts mit dir als Person zutun hat, sondern, dass ich einfach nicht Herr meiner Sinne war. Das war so eine schwierige Zeit für mich. Ich habe total rebelliert und niemals an Konsequenzen gedacht. Ich hoffe, du kannst das verstehen.“
Sarah sah mich mit hoch gezogenen Augenbrauen an.
„Ob ich das verstehen kann? Es fällt mir ehrlich gesagt schwer. Wie kann es sein, dass du dich nicht erinnerst? Ich meine, ich dachte die ganze Zeit das wäre der Grund, warum du in die WG eingezogen bist.“
Wow. Das hatte sie gedacht? Sie dachte, ich würde ihre Nähe suchen. Zu dem Zeitpunkt war es Jahre her, dass das mit uns gelaufen sein muss.
„Okay?! Wie meinst du das?“
„Naja, ich dachte du stehst auch heimlich auf mich und willst in meiner Nähe sein. Und dann ist Pia dazwischen gegrätscht.“
„Was meinst du mit ‚auch‘?“
Sarah schluckte. Langsam wurde ihr klar, dass wir anscheinend völlig aneinander vorbei redeten.
„Ich… wie soll ich das sagen? Ich dachte das wäre offensichtlich. Ich stehe auf dich, Tobias. Ich habe die ganze Zeit versucht, dich zu erobern. Ich hatte ja keine Ahnung, dass du dich nicht mehr an unsere verbundenen Momente erinnerst. Ich dachte, das wäre ein Spiel oder so.“
Irgendwie tat jedes Wort von ihr weh. Weil sie so krass daneben lag, wie sie nur konnte. Aber auch, weil sie mir so leid tat, dass alles was sie sich bisher ausgedacht hatte, keinen Sinn mehr ergab. Und ich wusste was das bedeuten konnte.
„Sarah, ich weiß nicht, was ich anderes dazu sagen soll, als dass es mir leid tut! Ich war zu der Zeit zu nichts zu gebrauchen. Ich war völlig in meinem Tunnel. So hart es klingt… Aber vermutlich hatte all das nichts mit dir zutun. Du bist zufällig ausgewählt worden und mir hat es nichts bedeutet.“
Wow. Das war hart. Aber wahr. Und ich musste es einmal so klar sagen. Sarahs Augen füllten sich mit Tränen. Es schmerzte mich, sie so zu sehen, aber es brachte ja nichts, ihr etwas vor zu machen.
„Warte, Sarah!“ rief ich ihr noch hinterher.
Sie drehte sich nicht um. Sie ließ mich alleine stehen. Und es war ihr gutes Recht! Ich war alleine mit meinen Gedanken. Und ich war etwas froh darum. Ich ließ sie ziehen und ging in die andere Richtung des Strandes. Ich dachte über meine Zeit als Drogensüchtiger nach. Es klang so hart, aber es war wahr. Ich war süchtig nach den Pillen. Ich konnte keine Party ohne sie feiern. Ich tat Dinge, die ich nicht kontrollieren konnte. Und das, was ich über diese Dinge wusste, war nur die Spitze des Eisbergs. Nach dem, was ich von Sarah erfahren hatte, schossen mir so viele Dinge durch den Kopf, was sich alles noch im Verborgenen befand. Und ich fühlte mich so machtlos dabei.
Was hatte ich noch alles getan und dann vergessen?
Kapitel 8
Es war noch kalt an diesem Morgen und ich hatte einen Hoodie über gezogen. Es war nahezu windstill und so rauschten die Wellen heute ganz besonders ruhig. Ich ging barfuß durch das kalte Wasser und sah auf die Berge, die den See umgaben. Die Spitzen hingen in den Wolken fest und es lag ein feuchter Nebel auf dem Wasser. Wenn ich hier unten war und die unberührte Natur mich umgab, konnte ich mich wieder spüren. Ich war ehrfürchtig und beruhigt, dass es etwas Größeres gab als meine Gedanken. Die Gedanken an die dunklen Flecken in meinem Kopf, die ich nicht füllen konnte. Es zermürbte mich fast, dass ich das nicht mehr aufarbeiten konnte. Ich schämte mich. Sarah hatte mir erst klar gemacht, was ich in dieser Zeit, an die ich mich nicht erinnern konnte, alles hätte anstellen können. Es stellte einfach alles in Frage. Ich hatte das Gefühl, mich erst wieder selbst finden zu müssen und einen Weg zu finden, wie ich mit dieser Vergangenheit leben konnte. Wie ich es akzeptieren und mich wie vorher annehmen konnte. Um das zu erarbeiten kam ich jeden Morgen hier runter. Ich schlief ohnehin schlecht und weckte Pia oft mit meinem Herumgewälze morgens auf der Isomatte. Ich ging also früh morgens zum See und lief soweit ich wollte. Dann drehte ich wieder um. An manchen Tage hatte ich auch keine Lust zu gehen. Dann setzte ich mich einfach an den Strand und schaute den Wellen zu, wie sie auf und ab gingen.
Ich hatte in den letzten Tagen wenig Energie, um etwas zu unternehmen. Pia gab sich alle Mühe, mich aufzubauen und zu motivieren. Aber ich brauchte einfach diese Zeit um nachzudenken. Ich kapselte mich von Allen ab und zog mich zurück. Pia wusste langsam nicht mehr, was sie noch mit mir anstellen sollte. Sie unternahm viel mit Raffi oder Alex oder machte eine Tour mit Chris, während ich auf den Haushügel stieg und einfach stundenlang auf den See starrte. Ich war froh, dass die anderen sie auffingen, weil ich das gerade nicht konnte. Pia steckte mein Geständnis mit den Pillen nicht gerade leicht weg. Sie machte sich große Sorgen und versuchte mit mir zu sprechen. Mir fiel es schwer, etwas aus dieser Zeit mit ihr zu teilen. Sie warf mir vor, kein Vertrauen zu ihr zu haben und wir stritten viel. Es waren einige schwere Tage für uns.
Ich hatte mich mit Sarah nochmal ausgesprochen, aber irgendwie stand immer, wenn wir uns begegneten dieser Elefant im Raum und wir hatten uns letztlich noch mehr distanziert, als vorher.
Ich kam wieder nach oben und holte mein Handtuch und den Kulturbeutel aus dem Zelt. Pia wurde gerade wach und setzte sich in ihrem Schlafsack auf.
„Obie?“ fragte sie verschlafen. „Warst du wieder am Strand? Wie spät ist es?“
Ich gab ihr einen kleinen Kuss.
„Ich wollte dich nicht wecken. Ich gehe jetzt eben duschen und dann gibt es Frühstück. Willst du noch weiter schlafen?“
Sie streckte sich und gähnte.
„Nein, ich glaube ich stehe auf. Wie geht es dir?“ fragte sie und legte eine Hand auf mein Knie.
Ich wollte eigentlich nicht reden. Seit Tagen behandelte sie mich wie einen Kranken und sprach ständig in diesem mitleidigen Ton mit mir. Sie meinte es gut, aber es nervte mich.
„Mir geht es gut.“ sagte ich schroff und wandte meinen Blick ab. „Ich arbeite weiter an mir. Ich brauche einfach diese Zeit zum Nachdenken, Pia. Es gibt keinen Grund mich zu bemitleiden. Ich habe Fehler gemacht und muss jetzt damit klar kommen.“
Pia nahm schnell ihre Hand von mir.
„Ja. ICH muss auch damit klar kommen, Toby.“ entgegnete sie mir vorwurfsvoll. „Mir bietet dabei nur leider keiner Hilfe an, weil du dich immer mehr von mir entfernst und mich zurückweist. Wenn du doch nur mit mir reden würdest und mir erzählst, was dich beschäftigt… Stattdessen machst du alles mit dir selber aus. Ich fühle mich so alleine gelassen mit meinen Gedanken dazu.“
Es tat mir leid, dass auch sie darunter leiden musste, wie ich mich verhielt, aber ich konnte irgendwie nicht aus meiner Haut.
„Pia, ich will nicht, dass du diesen Teil von mir kennen lernst. Ich kann dir ja auch kaum was darüber erzählen, weil ich mich einfach nicht erinnere.“
„Ich verlange nicht, dass du mir alles darüber erzählst. Ich will nur wissen, was dich so beschäftigt, dass du stundenlang nachdenken musst. Dieser Teil deines Lebens gehört doch zu dir!“
„Das ist ja das Schlimme…“
„Nein, ist es nicht, Obie!“ Sie rutschte zu mir heran und legte ihre Stirn an meinen gesenkten Kopf. „Ich bin mit dir zusammen, weil ich dich so mag wie du bist. Was du getan und erlebt hast, hat dich doch zu der Person gemacht, die du bist. Ich akzeptiere das alles. Du wärst nicht du, wenn du das damals nicht erlebt hättest. Ich habe in meiner Pubertät auch rebelliert und so einiges getan, worauf ich nicht stolz bin. Ich habe geklaut und die Schule geschwänzt. Das sind ehrlich gesagt nur harmlose Beispiele. Ich verlange nicht, dass du aufhörst, darüber nachzudenken. Aber bitte komm zu mir zurück. Hör auf, mich auszuschließen, sprich mit mir und ich werde dir helfen.“
Mir kamen die Tränen und ohne den Kopf zu heben, weinte ich einfach an Pias Schulter. Ich ließ alle Emotionen raus, die ich zurück gehalten hatte und es tat so gut, einfach von ihr gehalten zu werden. Was sie gesagt hatte berührte mich so sehr. Und, was ich damals erlebt hatte oder auch der Moment in dem mir klar wurde, dass ich damit aufhören musste, hatte wirklich meine Persönlichkeit beeinflusst. Ich war seitdem vorsichtiger und umsichtiger. Ich hatte mehr Empathie für andere und lebte nicht mehr ohne Rücksicht auf Verluste. Ich hatte irgendwie verdrängt, welche starke Bindung Pia und ich hatten und wie vertraut wir uns sein konnten. Ich dachte wirklich, ich müsste das alles mir mir selbst ausmachen. Mir wurde bewusst, dass mein Verhalten auch eine Art war, mich selbst zu bemitleiden und zu bestrafen. Und, dass ich darin aufging. Ich musste das hinter mir lassen und nach vorne blicken. Pia hatte Recht. Es gehörte zu mir.
„Danke.“ war alles, was wir brauchten, um wieder zueinander zu finden. „Ich liebe dich.“ fügte ich hinzu ohne eine Antwort zu erwarten. Es war eine einseitige Aussage. Das machte sie nicht weniger wahr. Ich liebte Pia. Pia wollte gerade antworten, aber ich legte meinen Finger auf ihre Lippen und küsste sie.
„Nimm es einfach an.“ sagte ich noch und sie lächelte.
Als ich aus der Dusche kam, fühlte ich mich wieder wie ein normaler Mensch. Ich war bereit, die Vergangenheit hinter mir zu lassen. Ich ging zum Frühstück und setzte mich zu meinen Mitbewohnern an den Tisch.
„Morgen, Alter.“ begrüßte mich Raffi wie jeden Morgen. Ich hielt ihm meine Faust entgegen und er schlug ein. Raffi war der Einzige, der mich jeden Morgen so gut gelaunt begrüßte. Er schaute mich anerkennend und freundlich an und versuchte, sich einfach normal zu verhalten. Nachdem wir uns am Buffet eingedeckt hatten, saßen wir alle zusammen am Tisch. Einige schwiegen, einige quatschten. Ich schaute mir unsere Runde an und war froh, uns endlich mal wieder so bewusst wahr zu nehmen. Ich hatte die letzten Tage nur schweigend am Tisch gesessen und auf mein Baguette oder den See gestarrt. Alex und Dennis machten einen schwer verliebten Eindruck. Sie warfen sich innige Blicke zu und fummelten heimlich unter dem Tisch, während wir aßen. Sie dachten, es würde keiner sehen. Oder vielleicht war es ihnen auch egal. Ich freute mich sehr für Alex, dass sie jemanden gefunden hatte, mit dem sie sich so gut verstand. Ich lächelte den beiden zu. Sarah war leider noch distanzierter, als ich es gewohnt war. Sie saß aufrecht und gefasst und aß ihr Frühstück. Mich würdigte sie keines Blickes und Pia sah sie sogar abschätzig an. Ich versuchte, mich nicht zu sehr von ihr wieder in die negative Stimmung ziehen zu lassen. Sascha war wie immer ein Fels in der Brandung. Ich liebte das an ihm. Er war einfach immer Sascha, egal was auf ihn einprasselte. Ich beneidete ihn dafür. Und dann war da noch Raffi. Mein bester Freund. Auch er hatte die letzten Tage versucht, an mich heran zu kommen. Er hatte mir angeboten, etwas zu unternehmen. Mich morgens an den Strand zu begleiten. Mit mir im Camp zu bleiben, während die anderen eine Tour machten. Ich lehnte stets ab. Genau wie bei Pia. Ich war so froh, dass die beiden dran blieben, bis sie endlich an mich heran kamen. Raffi war der Einzige, der bemerkte, dass sich meine Stimmung verbessert hatte. Er schaute mich beiläufig an und dann veränderte sich sein Blick. Er bemerkte, dass ich glücklich in die Runde schaute und mit leicht zusammen gezogenen Augenbrauen, als ob er seinen Augen nicht traute, lächelte er mich fragend an. Ich nickte ihm zustimmend zu.
Nach dem Frühstück spülte Pia mit Chris das Geschirr ab. Die beiden diskutierten angeregt und ich konnte sehen, dass Pia angespannt war und Chris anmotzte. Ich konnte nicht erkennen, worum es ging. Aber ich hatte irgendwie das Gefühl, dass sich die Stimmung zwischen den beiden verändert hatte. Einerseits waren sie vertrauter, weil sie in den letzten Tagen viel Zeit zusammen verbracht hatten. Andererseits war – vielleicht gerade dadurch – das Konfliktpotenzial gestiegen. Sie stritten wie Freunde.
„Toby, mein Guter!“
Raffi setzte sich zu mir und legte mir einen Arm um die Schultern.
„Geht es dir besser? Bist du mit deiner Selbstreflexion voran gekommen.“
„Das war eine Sackgasse, glaube ich. Die Erinnerungen kommen ja nicht wieder zurück, also kann ich das auch nicht aufarbeiten. Aber die Zeit zum Nachdenken tat gut. Ich kann jetzt damit umgehen. Ich hatte heute Morgen aber vor allem mit Pia nochmal ein gutes Gespräch, bei dem mir einiges klar geworden ist.“
„Oh Mann, da bin ich echt froh. Sie hat ganz schön darunter gelitten, dass du sie so sitzen gelassen hast. Sorry, dass ich das so sage.“
Mein Lächeln verschwand und mir wurde schlagartig klar, dass ich wirklich einiges verpasst hatte. Als wäre ich nicht da gewesen. Raffi fuhr fort.
„Pia hat sich, genau wie ich totale Sorgen um dich gemacht, weil du dich so verschlossen hast. Wie geht es dir jetzt?“
„Gut. Ich denke, ich komme damit klar. Ich habe verstanden, dass ich es nicht ändern kann. Ich muss es akzeptieren. Am schwersten fiel mir die Frage, ob Pia diesen Teil meiner Vergangenheit annehmen könnte. Aber sie war so verständnisvoll und lieb. Ich habe echt die beste Freundin.“
„Ja, Mann. Du kannst dich wirklich glücklich schätzen. Aber lass sie nicht mehr so alleine mit ihren Gedanken. Ich weiß nicht, was das mit ihr gemacht hat.“
„Wie meinst du das?“
„Ich finde nur, sie hat sich die letzten Tage verändert. Was es ist, kann ich nicht sagen. Sie war auch zu mir sehr distanziert. Wollte nicht über dich sprechen. Ich meine nur, fang sie auf wenn sie fällt. Ihr hat das mehr zugesetzt, als sie zugeben mag. Sie braucht deine Nähe jetzt wieder, Toby.“
„Danke, Raffi. Ich glaube, das würde sie so nicht vor mir zeigen, weil sie denkt, ich habe genug mit mir selbst zutun. Ich bin jetzt wieder für sie da.“
Ich machte mir totale Sorgen um Pia. Ich war so mit mir selbst beschäftigt, dass ich mir kaum Gedanken machte, wie es ihr dabei ging.
Raffi stupste mich mit dem Ellbogen an.
„Ich organisiere jetzt etwas. Mach einfach mit!“
Er klatsche in die Hände wie ein Klassenlehrer, der das Getuschel der Pause unterbrechen wollte.
„Leute! Wir machen heute eine Mountainbiketour. Wir alle! Als WG. Naja, und Chris und Dennis… Keine faulen Ausreden. Also wer ist dabei?“
Ich wusste Raffis Engagement zu schätzen und hob die Hand. Sascha und Alex waren auch sofort dabei. Pia war gerade mit Chris vom Spülen nach oben gekommen und legte ihren Arm um meine Hüfte, während auch sie die Hand hob. Chris grinste Pia und Raffi an und hob mit einem „Klar!“ ebenfalls seine Hand. Sarah verdrehte die Augen und ging Richtung Zeltplatz nach unten.
„Sarah! Komm schon!“ rief ihr Alex nach.
„Nein, Danke.“ antwortete sie.
Alex zuckte nur mit den Schultern und schüttelte den Kopf. Kurzentschlossen rannte ich Sarah nach, um mein Glück zu versuchen.
„Sarah!“ rief ich ihr hinterher.
Sie ging weiter, als hätte sie mich nicht gehört.
„Sarah, warte mal kurz!“
Sie ignorierte mich weiter. Endlich erreichte ich sie und hielt sie an der Schulter zurück.
„Machst du das wegen mir?“
Sie drehte sich um und sah mich abschätzig an.
„Das heißt ‚meintwegen‘ und nicht ‚wegen mir‘. Und es ist nicht deinetwegen, sondern weil ich Mountainbike fahren, genauso wie alles andere an diesem Urlaub hasse. Beantwortet das deine Frage?“
„Es ist das erste Mal, dass wir alle was zusammen machen wollen. Spring über deinen Schatten! Raffi hat das extra für uns organisiert. Du kannst dich doch jederzeit ausklinken, wenn du nicht mehr kannst.“
Sie bekam große Augen und zog die Augenbrauen hoch.
„Wenn ich nicht mehr kann?! Denkst du, ich mag kein Fahrrad fahren, weil ich keine Kondition habe?! Ich war viele Jahre beim Ballett und habe zudem Schwimmen auf einem Leistungslevel betrieben, von dem die meisten hier träumen würden.“
Sie schob mich mit zwei Fingern an der Schulter zur Seite und ging wieder nach oben. Etwas perplex eilte ich ihr hinterher und war gespannt, was passierte.
„Ich bin dabei! Aber nur, wenn wir keine Kindertour machen.“
Raffi sah sie verwundert an. Alex und Dennis fingen laut an zu lachen.
„Recht hat die Frau! Ich hoffe du hast eine Herausforderung geplant.“ stimmte Sascha ihr zu.
Pia lächelte, aber verdrehte auch die Augen. Das mit den Beiden würde in diesem Leben wohl nichts mehr werden.
Die Tour fing gut an, denn es ging bergab. Der Wind blies mir um die Ohren und ich war hochmotiviert. Bis wir unten am See ankamen. Meine anfängliche Euphorie ebbte schon nach wenigen Kilometern ab und ich kämpfte mich von einem Tritt zum Nächsten. Ich versuchte natürlich, mir nichts anmerken zu lassen, aber es gelang mir nicht wirklich. Raffi fuhr ganz hinten, angeblich um zu überblicken ob wir alle zusammen bleiben. Aber er wusste auch, dass es einfach sein würde, hinter einer Schnecke wie mir her zu kriechen. Dabei wurde er auch nicht müde, schlaue Sprüche an die Gruppe zu richten.
„Leute, ihr müsst demmeln! Erst wenn ihr aufhört zu treten, bleibt ihr stehen.“
Als Feedback für seine ‚Motivation‘ erntete er genervte Blicke nach hinten, hochgehaltene Mittelfinger und ein „Halt die Fresse!“ von Alex. Die meisten ließen sich ihre Erschöpfung nicht anmerken, wenn sie sie überhaupt verspürten. Chris spielte seinen drahtigen Sportlerkörper voll aus und fuhr mit gemächlichen Tritten neben Sarah, die wirklich nicht zu viel versprochen hatte und keinerlei Probleme hatte mit ihm Schritt zu halten. Sie unterhielten sich dabei noch angeregt. Und lachten(!) Nur Dennis und Pia gaben mir annähernd das Gefühl, dass es angebracht wäre, erschöpft zu sein.
„Ich kann nicht mehr!“ stöhnte Pia nach hinten zu mir.
Im Chor bettelten wir:
„Raffiiii?!“
„Oookaaay. Wir machen eine Pause.“ hatte er ein Einsehen mit uns.
Dennis atmete erleichtert auf und wir fuhren die nächste Wiese an. Auf der Wiese setzten wir uns in die Sonne und tranken etwas Wasser. Pia lag mit ihrem Kopf auf meinem Schoß und atmete immer noch schwer. Sie hatte die Augen geschlossen und hielt sich an meinem Unterarm fest, während sie wieder zu Atem kam.
„Obie?“
„Hmmm?“
„Ich bin froh, dass ich dich wieder habe und es dir besser geht. Ich habe meinen Ruhepol vermisst. Es war schlimm für mich dich so nachdenklich und traurig zu sehen. Und vor allem, dass du dir nicht von mir helfen lässt.“
„Ja, ich bin auch froh, dass ich wieder ich bin. Es tut mir leid, dass ich nicht mit dir gesprochen habe. Ich hatte Angst, dass du mich verurteilst. Weil ich das selbst getan habe.“
Pia hatte sich aufgesetzt und sah mich an. Sie streichelte meine Wange mit dem Daumen und küsste mich dann. Alle Geräusche um uns herum verschwanden und ich fühlte mich frei mit ihr. Durch ein Händeklatschen direkt neben unseren Köpfen wurde ich wieder in die Realität zurück geholt. Wir zuckten zusammen und öffneten die Augen.
„So, Kölner Party WG! Packt mal langsam wieder zusammen! Wir müssen weiter fahren. Und sammelt mal eure Kräfte, ungeplante Pausen wie diese bringen den Tourenplan völlig durcheinander und halten außerdem die Gruppe auf.“
Raffi hatte wieder seine Rolle als Klassenlehrer eingenommen und grinste uns auffällig an, während er ein letztes Mal die Hände zusammen schlug und sich wieder auf sein Bike schwang. Im Vorbeigehen kniff ihm Pia ins Ohrläppchen und raunte ihm noch zu:
„Werd nicht frech, mein Freund!“
Wir fuhren weiter und leider ‚sammelten wir nicht unsere Kräfte‘, sondern riefen nach und nach alle irgendwann „Raffiiii?!“ Und er hatte mit jedem von uns ein ‚Einsehen‘.
Die Tour war wirklich toll und es fühlte sich super an als WG-Gruppe unterwegs zu sein. Pia und ich gingen zu Sarah auf Abstand, um keine unnötige Spannung zu erzeugen und dadurch funktionierte alles prima. Wir kamen schließlich an unserem Zielort an, einem weiteren kleinen Dorf. Ein paar von uns gingen in den Supermarkt um Mittagessen für uns alle zu organisieren. Ich hatte mich mit meiner Zigarette in den Schatten gesetzt und war froh, dass der schwierigere Teil der Strecke geschafft war. Ich war wieder hoch motiviert für den Rückweg. Als unsere Freunde wieder aus dem Supermarkt kamen, waren alle in schallendes Gelächter ausgebrochen. Chris hatte einen Arm um Pia gelegt und sie schaute lachend zu Boden.
„Pia, du bist so geil!“ rief Raffi, immer noch lachend.
Sie kamen auf mich zu und ich war gespannt, warum sie so lachten.
„Was hat sie jetzt wieder angestellt?“ fragte ich neugierig.
Chris ergriff das Wort.
„Pia wollte nach dem Wechselgeld fragen. Denke ich zumindest. Was wolltest du eigentlich genau sagen?“
„Wechseln. Changer heißt das doch. So wie im englischen change. Und wo ist mein heißt ‚Ou est mon‘ Naja, ich war nah dran.“
„Seit wann kannst du französisch?“ fragte ich sie ungläubig.
„Kann sie ja nicht.“ streute Raffi lachend ein.
„Was sie jedenfalls sagte war ‚Ou est mon jambe‘ statt ‚changer‘, was übrigens – nichts für Ungut – auch nicht Wechselgeld heißt, meine Liebe.“ fuhr Chris fort und brach wieder in Lachen aus.
„Die Kassiererin beugt sich jedenfalls angestrengt über die Kasse, zeigt an mir runter und sagt irgendwas mit ‚Voilá! Jambe.‘ Chris ist hinter mir schon völlig am Ausrasten vor Lachen und ich versteh gar nichts. Ich dachte, ich soll mir Geld vom Boden aufheben. Dann hat Alex mich endlich aufgeklärt.“
Alex löste auf:
„Pia hat gefragt ‚Wo ist mein Bein?‘ Und die Kassiererin wusste gar nicht wie ihr geschah. Aber sie hat sich auch echt ein bisschen über dich lustig gemacht.“
Ich musste auch lachen, aber es war so eine typische ‚da muss man dabei gewesen sein‘ Aktion. Und ich war nicht dabei. Stattdessen hatte Chris immer noch einen Arm um Pia gelegt und zog sie lachend an sich heran. Ich fühlte mich ausgeschlossen, aber versuchte nicht die Stimmung zu verderben. Ich lachte etwas mit der Gruppe mit. Dann stand ich auf und nahm Pias Hand, um sie aus seiner Umarmung heraus zu ziehen.
„Hey, sollen wir uns ein bisschen das Dorf ansehen?“ fragte ich sie und zog sie besitzergreifend zu mir und aus Chris Armen heraus. Wir gingen ein paar Meter von den Anderen weg. Ich wusste, dass das in unserem Fall sowas wie ‚eine Szene machen‘ war, aber mir hallten immer noch Dennis Worte durch den Kopf, der sagte ‚Auf die musst du aber aufpassen!‘ Pia sah mich sauer an. Damit hatte ich gerechnet.
„Was soll denn das?“ raunte sie mich flüsternd an, während ich sie von der Gruppe weg führte. „Ich bestimme immer noch selber, wann ich wo hin gehe, Obie. Du weißt, dass ich es nicht schätze, wenn du so eine Szene machst.“
„Sorry, ich komme grad nicht darauf klar, wie nah ihr euch seid.“
„Es tut mir leid, dass du dich dabei unwohl fühlst. Du kennst mich doch und du weißt, dass ich zu dir gehöre. Und du weißt auch, dass ich das nicht haben kann mit der Eifersucht.“
Das wusste ich alles. Ich nickte schuldbewusst, aber umklammerte immer noch ihre Hüfte. Ich wollte sie nicht loslassen. Ich hatte gehofft, sie spielt mit und macht mir später die Moralpredigt.
„Ich war die letzten Tage so abwesend, dass ich das Gefühl habe, ich müsste was mit dir aufholen. Ihr seid euch alle so vertraut.“
Pia sah mich an und wandte sich in meinem festen Griff mir zu. Sie küsste mich leidenschaftlich und lange, in dem Wissen, dass die Gruppe uns beobachtete, löste dann aber vorsichtig meine Hände von ihrem Körper und ging lächelnd wieder zu den Anderen zurück.
„Wir schauen uns später das Dorf an.“ erklärte sie ihnen. „Lasst uns erstmal alle zusammen essen!“
Das war deutlich. Der Kuss war ein Friedensangebot, aber meine Aktion fand sie gar nicht cool. Es war auch eigentlich gar nicht meine Art. Es war nur so über mich gekommen. Auch ich ging wieder zurück zur Gruppe und wir aßen Sandwiches und Wraps aus dem Supermarkt.
Bevor wir die Rückfahrt antraten, erinnerte Raffi mich noch an die nächste Herausforderung, die uns heute Abend bevor stand.
„Bist du bereit für heute Abend?“ fragte er lachend.
„Wieso, was ist denn heute Abend?“
„Karaoke!“
„Ich bin nicht bereit. Wobei ich ja nichts zu befürchten habe. Ich singe eh nicht.“
Raffi schaute mich enttäuscht an.
„Ach, komm schon! Warum denn nicht? Unter der Dusche singst du doch auch.“ forderte er.
„Die Antwort ist nein. Ich bin nicht dafür gemacht vor Publikum zu singen.“
„Es ist betrunkenes Publikum, das selbst auch vor Publikum singt. Also…“
„Raffi, nein!“ war mein letztes Wort zum Thema Karaoke.
„Ich habs dir gesahagt…“ sang Pia leise durch ihre Zähne hindurch, als sie neben mir ihr Fahrrad auf schloss.
Es war tatsächlich so, dass der Rückweg sich relativ angenehm gestaltete. Es ging tendenziell gerade oder bergab. Als wir am Camphügel ankamen, fiel mir wieder ein, dass da ja noch was war… Resigniert stieg ich ab, während Alex, Sascha, Chris und Sarah die Gänge nach unten schalteten und winkend nach oben fuhren. Wir anderen zogen es vor zu schieben.
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