Kitabı oku: «Wehr dich!»

Yazı tipi:

Originalausgabe

1. Auflage 2020

Verlag Komplett-Media GmbH

2020, München

www.komplett-media.de

ISBN Print: 978-3-8312-0566-0

ISBN E-Book (PDF) 978-3-8312-7056-9

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-8312-7057-6

Text und Konzept: Nils Frenzel

Lektorat: Redaktionsbüro Julia Feldbaum, Augsburg

Korrektorat: Buch&media GmbH

Cover und Umschlaggestaltung: Heike Kmiotek, www.heike-kmiotek.de

Coverbild: Oliver Wand

Satz und E-Book: Daniel Förster, Belgern

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

Inhalt

Vorwort

Als ich anfing, mich zu wehren

Ein Blick zurück – Mobbing in der Schule

Die ersten Schulwechsel und der Sitzkreis

Schulzeit in Berlin und Abschluss

Wenn die eigene Tochter gemobbt wird

Randphänomen Mobbing?

Mobbing und seine Folgen

Cheyennes weiterer schulischer Weg

Wie mir das Modeln zu neuem Selbstbewusstsein verhalf

Und jetzt auch im Netz – Die ersten Anfeindungen auf Instagram

»Ist doch nur ’ne doofe Nachricht« – Problemfeld Cybermobbing

Arten von Cybermobbing

Langzeitfolgen von Cybermobbing

Wie kann ich mich wehren und vorbeugen?

Die Anfeindungen, die nicht endeten

»Jetzt werdet ihr leider von der Mama kastriert!«

»Unbedingt anzeigen!«

Wie arbeitet »HateAid« konkret?

Und was sagt das Gesetz zum Thema Cybermobbing?

Die Rechtslage in anderen Ländern

Wie kann ich mich rechtlich wehren?

Die Netzwerke im Fokus: Facebook, YouTube, Instagram

Digitale Zeitbombe vs. präventive Pilotprojekte – Über die Zukunft von Cybermobbing

Wehr dich!

Wichtige WWW-Adressen

Quellen

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

was im Februar 2020 als ein wütendes Ansage-Video auf Instagram begann, wird jetzt aufgeschrieben und in Buchform gepresst, worüber wir uns sehr freuen.

Damals reichte es uns. Die Hetze, die fiesen Nachrichten, der ganze Hass, den vor allem Cheyenne abbekam und der sie psychisch fertigmachte, das war einfach nur nervig. Als Mutter war ich es leid mitzubekommen, dass es für meine Tochter anscheinend dazugehörte, sich solchen Beleidigungen auszusetzen, und dass vonseiten der Plattformen nichts getan wurde, um dem Einhalt zu gebieten.

Umso erfreulicher waren die Reaktionen auf das Video: Zahlreiche Magazine und Tageszeitungen berichteten darüber, und mich und Cheyenne erreichten Unmengen positiver Zuschriften. Uns war klar, dass wir mit diesem Thema einen Nerv getroffen hatten und aussprachen, was viele dachten: dass Cybermobbing grenzüberschreitend und es ein Unding ist, das Ganze hinzunehmen. Man muss sich zur Wehr setzen. Wir mussten uns zur Wehr setzen. Du musst dich zur Wehr setzen!

In diesem Buch wird es zwei Perspektiven geben. Zum einen die von Cheyenne, die ihre persönliche Mobbinggeschichte erzählt, und zum anderen die von Natascha, die erklärt, wie es ist, wenn die eigene Tochter mit dem Tod bedroht wird.

Dieses Buch ist kein »Oje, uns geht es so schlimm«-Mitleidsbuch. Es ist eine klare Kampfansage. Es kann nicht sein, dass Mobbing und Cybermobbing immer noch Kavaliersdelikte sind und die Täter ungeschoren davonkommen. Und spätestens, seit Cheyenne jede Beleidigung bei der Polizei zur Anzeige gebracht hat, stand der Titel dieses Buches fest: Wehr dich!

Berlin 2020,

Cheyenne und Natascha Ochsenknecht

Als ich anfing, mich zu wehren
Cheyenne Ochsenknecht

Ein verregneter Dienstagmorgen in Berlin Ende März. Es ist kurz nach 10 Uhr, als ich endlich einen Parkplatz gefunden habe. Zuerst hatte ich Mamas Auto direkt vor der Polizeiwache unweit des Alexanderplatzes geparkt, aber die Polizeibeamten wiesen mich freundlich darauf hin, dass hier nur Einsatzwagen parken durften. Schade, dabei wäre der Parkplatz perfekt gewesen. Aber so nehme ich den prasselnden Regen, die Kälte und den verlängerten Fußweg in Kauf und gehe quer über den bereits ziemlich belebten Platz mitten auf das ockerfarbene Gebäude mit der Nummer 35 zu.

Ich habe nicht sonderlich gut geschlafen. Klar bin ich etwas angespannt. Es ist ja nicht so, dass eine Vorladung zu einer Zeugenaussage etwas Alltägliches ist. Trotzdem fühle ich mich nicht unsicher oder bin ängstlich, als ich mich dem Gebäude nähere. Im Gegenteil: Während ich durch den Regen laufe, fühle ich mich mit jedem Schritt stärker und selbstbewusster. Ich will heute mehr als einfach nur aussagen, was mir widerfahren ist. Ich will ein Zeichen setzen. Nicht nur für mich, sondern auch für andere Betroffene.

In zügigem Tempo überquere ich die Mollstraße und biege rechts ab in die Keibelstraße, begleitet vom immer stärker einsetzenden Regen. Als ich eine Ampel überquere, kommt mir ein Mann mit grauer Aktentasche und schwarzem Hut entgegen. Vor meinem inneren Auge sehe ich plötzlich einzelne Nachrichten der vergangenen Wochen aus meiner Instagram-Inbox aufflackern.

»Hure!« – »Du hässliche Fotze mit deinen fetten Schlauchlippen.« – »Ich will dich totficken!«

Das sind Nachrichten, die sich bei mir eingebrannt haben. Die ich immer wieder bekomme. Nicht nur einmal. Nein, regelmäßig. Und jetzt, in dem Moment, wo ich die Straße in Richtung Polizeistation überquere, kommen die Nachrichten wie böse Geister der Vergangenheit wieder hervor. Die Verfasser der Hassnachrichten benutzen Pseudonyme. Ihre Accounts haben sie meistens auf privat gestellt, sodass sie auf den ersten Blick unsichtbar sind. Sie fühlen sich sicher. Vielleicht ist er ja auch einer von denen, die mir in letzter Zeit geschrieben haben, denke ich mir, als der Mann mit der grauen Aktentasche und dem schwarzen Hut meinen Weg streift und mir im Vorbeigehen nett zulächelt. Vielleicht siehst du mich ja jetzt, hier im Regen auf dieser Kreuzung, lächelst mir freundlich zu, und wenn du zu Hause bist, schreibst du mir eine hasserfüllte Nachricht. Aus welchem Grund auch immer. Wäre doch möglich, dass du einer dieser Typen bist, oder nicht?

Ich schüttele mich wegen der Kälte, aber auch wegen der Gedanken in meinem Kopf, und die Nachrichten vor meinem inneren Auge verschwinden. Ich muss mich jetzt konzentrieren, denn ich habe eine Aufgabe. Ich will nicht mehr, dass Menschen, die andere im Internet mobben und so bösartig beleidigen, anonym bleiben. Verstecken ist ein Kinderspiel, aber ich will mich weder verstecken noch bin ich ein Kind. Ich will mich jetzt wehren. Viel zu oft wurde mir schon gesagt, ich soll diese Nachrichten »einfach« hinnehmen, aber wie kann ich es hinnehmen, wenn ich auf solch massive Art und Weise beleidigt und bedroht werde und den Kopf einziehen soll, anstatt mich zu wehren? Mein Wille ist an diesem Tag stärker denn je. »Ich will und ich werde mich wehren«, flüstere ich mir leise zu.

Nach einigen Metern bin ich an meinem Ziel angekommen. Polizeidirektion 5, Abschnitt 57 steht auf dem Schild des ockerfarbenen Gebäudes. Fest entschlossen drücke ich die Klingel. Nach einigen Sekunden ertönt eine verzerrte Stimme aus der Gegensprechanlage: »Polizeistation Berlin-Alexanderplatz, ja bitte?«

»Ochsenknecht«, antworte ich selbstbewusst und setze nach: »Cheyenne Ochsenknecht. Ich habe einen Termin um 10 Uhr. Es geht um die Vorladung zu einer Zeugenaussage bezüglich …«, ich schlucke kurz, »… bezüglich zweier Fälle von Cyber­mobbing, die ich gemeldet habe.«

Nach wenigen Sekunden öffnet sich surrend die Tür zur Polizeiwache. Ich gehe noch einmal in mich, atme tief ein und aus und trete dann ein. Ich bin froh, dass ich diesen Schritt an diesem kalten Märzmorgen mache. Ich hätte ihn früher nicht gemacht. Die Vergangenheits-Cheyenne hätte das, was in den letzten Wochen und Monaten passiert ist, einfach ausgesessen und ignoriert. »Ach, das ist doch nur wieder ein Idiot, der dich auf Instagram beleidigt hat«, hätte die Vergangenheits-Cheyenne zur Gegenwarts-Cheyenne gesagt und mich davon abgehalten, jetzt hier zu stehen und sich mit allen Mitteln des Rechtsstaats zur Wehr zu setzen. Aber in dieser Sache geht es um mehr als einen einzelnen Idioten. Es geht darum, heute und hier ein Zeichen zu setzen.

In der Polizeistation werde ich gebeten zu warten und verharre im Vorzimmer. Außer mir ist niemand hier. Ab und zu klingelt ein Telefon und gelegentlich gehen Türen auf und zu. Ich vernehme das leise Brummen einer Lüftung. Ansonsten herrscht eine nahezu gespenstische Stille. Ich setze mich auf einen der wenigen Besucherstühle mit schwarzem Sitzpolster, gehe aber nach wenigen Sekunden zu der plakatierten Wand gegenüber.

»Gesuchte Personen«, steht in dicker schwarzer Schrift auf dem Plakat, das an die Wand gepinnt ist. Mit dem Nachsatz: »In den folgenden Fällen bitten wir um Mithilfe und Hinweise zu gesuchten Personen.« Dabei geht es zum Teil um namentlich bekannte Straftäter, aber auch um die Identifizierung Unbekannter, zu denen uns lediglich Phantomzeichnungen oder Bilder aus Überwachungskameras vorliegen.

Darunter sind auf der linken Seite Menschen abgebildet. Oft sind es Aufnahmen von Überwachungskameras. Rechts daneben stehen die begangenen Verbrechen der Gesuchten: »Geldwäsche, Steuerhinterziehung, Raub, Totschlag.« Dafür werden sie gesucht und sind hier öffentlich abgebildet.

Während lediglich das Brummen der Klimaanlage den Raum akustisch ausfüllt, werde ich inmitten dieser allumfassenden Stille nachdenklich. Und was ist mit denen, die mir schreiben, dass sie mir »ins Gesicht pissen wollen«, und mich als »Nutte« beleidigen? Diejenigen, die mir und meiner Familie den Tod wünschen? Diese Menschen hängen hier nicht und werden es wohl auch nie tun. Sie sind nicht Teil der polizeilich erfassten und hier zur Schau gestellten Öffentlichkeit und keine einsehbaren Täter. Sie sind einfach anonyme Avatare, die mir bei Instagram schreiben. Sie sind nicht greifbar. Möglich, dass sie Zweitaccounts haben. Und somit eine zweite Identität.

Eine seltsame Vorstellung, denke ich mir, während eine Polizeibeamtin an mir vorbeigeht und ich wieder auf dem Besucherstuhl Platz nehme. Eine seltsame Vorstellung, dass es scheinbar wirklich Menschen gibt, die einerseits ein normales Leben, vielleicht eine Familie und ähnlich wie ich einen süßen liebenswerten Hund haben, und mir andererseits Hassnachrichten senden. Und dann ganz normal mit ihrem Hund Gassi gehen – so wie ich mit Cupcake.

Früher habe ich mich öfter gefragt, warum gerade ich solche Nachrichten bekomme. Das hat mich wirklich sehr lange beschäftigt. Warum ich? Diese Frage brannte sich in meinen Kopf ein, und ich suchte nach Erklärungen. Was hatte ich an mir? War ich am Mobbing vielleicht sogar selbst schuld? Was machte ich falsch?

Halt fand ich in diesen dunklen Stunden bei meiner Familie, insbesondere bei meiner Mutter. Sie hielt mich vehement von dem Gedanken ab, dass ich irgendeine Form von Schuld tragen würde, wofür ich ihr bis heute dankbar bin. Denn alles, was ich jemals tat, war, so früh wie möglich selbstständig zu werden und mein Leben in meine eigenen Hände zu nehmen. Den Stress in der Schule hinter mir zu lassen, die insgesamt vier Schulwechsel in Kauf zu nehmen und mir etwas Eigenes aufzubauen, auf das ich bis heute stolz sein kann. Eine Zeit lang dachte ich, wenn ich erst aus der Schule war, würde es einfacher werden. Mit dem Mobbing und mit dem Getratsche. Mit den Beleidigungen und dem Ärger. Aber eigentlich fing das Ganze ja erst nach der Schule an, beziehungsweise änderte sich. Es gibt keinen Termin, kein Datum, keinen besonderen Post, der dazu führte, dass auf einmal alles losging. Es war eher ein schleichender Prozess. Durch meine steigende Reichweite auf Instagram stiegen auch die Nachrichten, die ich bekam. Oft waren die Nachrichten positiv. Junge Mädchen, die in mir ein Vorbild sahen, oder Fans, die sich für die Produkte interessierten, die ich bewarb. Sicher waren immer auch einige negative oder abwertende Nachrichten dabei, aber das war relativ überschaubar. Aber irgendwann wurde es schlimmer. Direkter und asozialer. Die Hemmschwelle fiel. Bekam ich vor einem Jahr noch eine beleidigende Nachricht in einer Woche, wurden es auf einmal mehrere am Tag. Als Direktnachrichten, als Kommentare unter einem Foto – einfach überall. Mir wurden Messer-Emojis geschickt, mir wurde mit dem Tod gedroht und explizit beschrieben, wie man denn gedachte, mich zu vergewaltigen.

»Ochsenknecht? Cheyenne Ochsenknecht?«

Ich schrecke aus meinen Gedanken auf. Die Lüftung brummt noch immer. Am Ende des Flurs steht eine junge Polizistin mit Kurzhaarschnitt und lächelt freundlich. »Sie sind hier wegen Ihrer Zeugenaussage um 10 Uhr?«

Ich nicke bedacht.

»Etwas spät, oder?«, berlinert die Beamtin und grinst mich augenzwinkernd an.

Ich denke an die Suche nach dem Parkplatz und lächle verhalten zurück.

Freundlich setzt die Polizistin nach: »Na, dann folgen Sie mir doch bitte!«

Wenige Minuten später sitze ich in einem fast leeren Raum. An der Wand hängt ein einzelnes Präventionsposter gegen Gewalt an Jugendlichen. Mir gegenüber setzt sich die Polizistin auf einen Stuhl und schaut mich über ihren Schreibtisch hinweg an. Draußen prasselt weiter der Regen auf die Hauptstadt.

»So, Frau Ochsenknecht«, sagt die Beamtin. »Sie sind hier, weil Sie sich bei uns über die Internet-Wache der Polizei Berlin gemeldet habe.«

Ich nicke. Die Beamtin holt aus einer Schublade zwei Schnellhefter hervor. Aus den Augenwinkeln erkenne ich die Screen­shots von Instagram, die ich bereits online eingereicht habe. Beleidigungen, direkt an mich.

»Nun, da Sie ja noch etwas jünger sind, habe ich mir erlaubt, Sie vorzuladen.« Die Polizeibeamtin schaut mich an. Es scheint ihr Ernst zu sein. »Denn ich glaube, es ist gut, wenn ich Ihre Aussage noch einmal hier aufnehme, damit wir das quasi schwarz auf weiß haben und der Sache nachgehen können.«

Ich nicke. Dafür bin ich hier.

»Also«, sagt die Polizistin. Sie klickt kurz mit der Maus auf ihrem Monitor, dann rückt sie ihre Tastatur näher an sich heran. Sie schaut mich an und hat ihre Finger auf die Tasten gelegt, um das, was ich ihr in den nächsten anderthalb Stunden erzählen werde, zu protokollieren. Ich blicke aus dem geschlossenen Fenster.

»Na dann, erzählen Sie mal!«

Ich bin eine Person des öffentlichen Lebens. Das liegt nicht nur an meinen Geschwistern und meinen Eltern und daran, dass man den Namen »Ochsenknecht« in Deutschland mit irgendetwas verbindet, sondern ich bin auch deshalb eine Person der Öffentlichkeit, weil ich über 240.000 Instagram-Abonnenten habe. Eine Viertelmillion Menschen, vornehmlich in Deutschland, folgen mir. 44 Prozent davon sind zwischen achtzehn und vierundzwanzig Jahre alt, 62 Prozent Frauen und 38 Prozent Männer. Wann immer ich die Frontkamera an meinem Smartphone aktiviere und über mein Leben berichte, weiß ich, dass viele Menschen mir dabei zusehen. Ich bin damit groß geworden, dass ich eine Reichweite habe. Nicht weil ich mit meinen Abonnenten geboren wurde, sondern weil ich mir diese aufgebaut habe. Trotzdem ist die Geschichte meiner gestiegenen Reichweite auch eine Geschichte des Anstiegs an Cybermobbing gegen mich.

Ich glaube, jeder Mensch hat eine andere Art von Zugang zu diesem Thema. Vielleicht seid ihr ja gar nicht selbst betroffen und wurdet noch nie von jemandem im Internet beleidigt oder runtergemacht. Aber bestimmt habt ihr einen Freund oder eine Freundin oder jemanden aus eurem erweiterten Freundeskreis, dem oder der das in irgendeiner Art und Weise schon mal passiert ist. Ich denke, das Thema Cybermobbing ist eines von diesen Themen, von denen man immer mal wieder hört, sich aber nicht direkt damit befassen will, wenn man nicht selbst davon betroffen ist. Ich finde aber, dieses Thema ist so wichtig, dass es jeden etwas angeht. Angenommen, ihr seid gar nicht selbst Opfer von solchen Attacken – seien es jetzt Beleidigungen über soziale Netzwerke oder Schulhof-Mobbing –, jemand aus eurem Freundeskreis aber schon eher, dann ist es umso wichtiger, dass ihr für eure Freunde da seid und ihnen das Gefühl gebt, ihn oder sie und ihren Kummer ernst zu nehmen. Nur so kann die Person sich euch gegenüber öffnen und mit euch darüber reden. Das ist sehr wichtig, damit Betroffene diese Problematik nicht in sich hineinfressen und so der Kummer noch größer wird.

Mich persönlich betrifft das Thema Cybermobbing seit einigen Jahren massiv. Zu fast jeder Uhrzeit, zu jedem Bild, zu jeder Story, die ich machte, bekam ich neben vielen netten Nachrichten auch krasse Sprüche und wurde heftig beleidigt. Versteht mich nicht falsch: Ich kann mit Kritik schon umgehen, und wenn jemandem ein Bild von mir nicht gefällt – dann ist das eben so. Ich will ja auch nicht jedem gefallen. Wozu auch? Und ich meine auch nicht Nachrichten, in denen so etwas drinsteht, wie: »Hey, das Kleid finde ich nicht so toll«, denn solche Nachrichten kriege ich ziemlich selten. Ich spreche von den Nachrichten, die wirklich beleidigend sind. Plumpe, massive Beleidigungen der übelsten Sorte. Anfang 2020 reichte es mir schließlich. Das neue Jahr startete direkt mit einer Menge fieser Anfeindungen, die auch im Bildteil (siehe Seite 159 ff.) abgebildet sind, und dann wurde es mir zu viel. Also erstellte ich auf Instagram einen Highlight-Ordner mit dem Titel »bullying«. Dazu machte ich einen Screenshot von besagtem Highlight-Ordner, postete diesen in meiner Story und schrieb dazu: »Ich kriege ungefähr jeden Tag Hassnachrichten und Anfeindungen und Beleidigungen von fremden Menschen … nicht nur über Instagram, sondern auch in der realen Welt. Das Thema belastet mich seit meiner Schulzeit, ich habe mich immer gegen Hate und Mobbing eingesetzt. Aber jetzt noch mehr als sonst. Ich werde jede einzelne gemeine Nachricht veröffentlichen, und wenn der Ordner voll ist, werde ich einen neuen machen. Ich werde noch mehr hinter diesem Thema stehen (Vorsatz 2020).«

In der nächsten Story nahm ich das Bild eines roten Schriftzugs, auf dem »Fuck off« stand, und schrieb darüber: »Ach ja. Falls ihr euch fragt: Warum? Ich möchte euch zeigen, dass es nicht immer positiv ist, in der Öffentlichkeit zu stehen, auch wenn man sich dafür entschieden hat, ist es ein Risiko voller Negativität und Positivität. Und ich glaube, da spreche ich für viele Menschen, die in der Öffentlichkeit leben.«

Als die Anfeindungen mir gegenüber immer fieser und gemeiner wurden und ich mehr und mehr darunter litt, lud meine Mama in Absprache mit mir ein Ansage-Video auf Instagram hoch. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt bereits, dass es nicht reichte, einfach nur ein Highlight-Video für Instagram zu machen. Ich musste mehr tun. Es musste mehr passieren. Und so ging ich schließlich zur Polizei.

Bis zu diesem Gang, um das Thema Mobbing schließlich den Behörden vorzutragen, musste aber viel passieren. Denn das Thema Mobbing fing bei mir nicht erst an, als ich diesen Highlight-Ordner mit den persönlichen Anfeindungen auf Ins­tagram erstellte. Das Thema war in meinem bisherigen Leben eigentlich immer da gewesen, nur eben in anderer Form, und hatte auch dann stattgefunden, als es noch kein Facebook, kein Instagram oder Ähnliches gegeben hatte, sondern als ich einfach ganz normal wie jedes andere Kind zur Grundschule gegangen bin.

Ein Blick zurück – Mobbing in der Schule
Cheyenne Ochsenknecht

Blut. Ich spuckte Blut. Die grüne Wiese, auf der ich lag und mich schmerzverzerrt zur Seite drehte, färbte sich langsam, aber sicher rot. Ich hustete einzelne Speichelfäden aus. Ich bekam kaum Luft, und mir wurde schwarz vor Augen. Um mich herum war eine laute Geräuschkulisse, aber das nahm ich kaum wahr.

»Steh doch bitte auf!«, keuchte ich zum dritten oder vierten Mal, und aus meiner eigentlich sanften Stimme war mittlerweile ein gequältes Quietschen geworden. Es war die Wiese am Fußballplatz unweit des Schulhofs meiner Grundschule in München-Grünwald, und auf mir saß ein Junge, der eine Klasse über mir war. Es war das Ende der großen Pause, und wie fast immer hatte ich mich mit meinen Freundinnen oder denjenigen, von denen ich gedacht hatte, sie wären es, auf die Wiese nahe dem Fußballplatz gesetzt und geredet und gespielt. Bis diese andere Gruppe angekommen war, angeführt von dem Jungen, der gerade auf mir saß und Ärger machte. Wie genau das alles passiert war, wusste ich nicht mehr. Es hatte als Spaß angefangen. Aber die Situation war jetzt schon lange kein Spaß mehr. Der Junge auf mir wog wahrscheinlich doppelt so viel wie ich und zerquetschte mich gerade. Immer wenn er sich bewegte, hatte ich das Gefühl, meine Rippen wurden gebrochen. Mein Blick wurde glasig, und Tränen kullerten mir aus den Augen.

»Bitte, steh doch auf!«, rief ich mit letzter Kraft schmerzerfüllt und versuchte, mich von dem Jungen zu lösen, der mich als menschlichen Sitzsack benutzte, doch es gelang mir nicht. Meine Arme ragten wie blasse Streichhölzer unter seinem wuchtigen Körper hervor, sonst war ich komplett bewegungsunfähig. Aus dem Augenwinkel erkannte ich verschwommen mein Umfeld. Ich sah das hölzerne Fußballtor, das ein wenig mit Moos bewachsen war. Davor spielten einige Kinder, die sich aber auch mir und dem Geschehen zugewandt hatten. Direkt um mich herum stand meine Clique, meine Mädels, von denen ich nie so genau gewusst hatte, ob wir uns jetzt alle mochten oder eben nicht. Und jetzt, wo ich merkte, dass keiner etwas tat, sagte oder mir half und langsam alles dunkler und düsterer wurde – und der Druck auf meinen Brustkorb scheinbar bis ins Unendliche zunahm –, wusste ich, dass heute einer dieser Tage war, an dem sie mich nicht mochten. Keiner reagierte. Wie lange brauchte ein Mensch, bis er erstickte? Ich wusste es nicht. Alles, was ich wusste, war, dass meine Rippen schmerzten und ich das Gefühl hatte, gleich ohnmächtig zu werden.

»Bitte ...«, wimmerte ich unter dem Druck vom Gewicht des Jungen. Ich schaute auf das blutverschmierte Gras und versuchte, Luft zu holen, doch es gelang mir nicht. Es war ein warmer Frühlingstag in München, ich war neun Jahre alt, ging in die dritte Klasse, und ich hatte das Gefühl, jetzt war hier gleich alles vorbei.

Während ich nach Luft rang, hörte ich, wie der Junge, der auf mir saß, schallend lachte. Ich blickte noch einmal nach vorn und erkannte, dass sich von der Seite des Schulhofs eine größere Gestalt näherte. Mit einem Schlüsselbund in der einen und einem Pausenbrot in der anderen Hand. Es war einer der Lehrer. Ich spürte, wie der Druck von meiner Brust genommen wurde – der Junge war aufgestanden. Ich hustete, röchelte und zog ein wenig Luft durch meine Lungenflügel. Dann spuckte ich noch etwas Blut auf die Wiese. Gleichzeitig spürte ich einen Schmerz in meinem Mund. In dem Moment, als der Junge sich auf mich gesetzt hatte, hatte ich mir auf die Zunge gebissen, daher auch der blutige Auswurf.

»Was ist denn hier los?«, hörte ich die Stimme eines Lehrers aus der Ferne. Das Getuschel um mich herum verstummte. Ich setzte mich aufrecht hin und atmete tief ein und aus. Der Junge, der sich auf mich gesetzt hatte, zuckte mit den Achseln und trottete ganz langsam zu den anderen, die um mich herumstanden. Ich blickte zu meinem Lehrer hoch, der sah, wie ich auf dem Boden saß und weinte. Ich wischte mir über den Mund, und jetzt war auch auf meiner Handoberfläche Blut. Der Lehrer schaute erst mich und dann die anderen umherstehenden Kinder an. Den Jungen nahm er gar nicht wahr, und es schien auch so, als suchte er ihn nicht erst. Dann erhob er die Stimme und sagte: »So, jetzt ist aber auch gut! Die Pause ist vorbei! Geht bitte wieder in die Klassen, der Unterricht geht weiter.« Dann schaute er mich an und fragte: »Bei dir ist alles gut, oder?« Ich nickte und sagte: »Ja, ist alles gut«, während ich nur schwer Luft bekam und meine Rippen zu brennen schienen. Ich antwortete aus Reflex, nicht weil ich es wirklich glaubte. Aber ich kannte den Jungen und hatte keine Lust auf weiteren Stress. Denn morgen würde er wieder da sein. Und ich auch. Ich wollte vor den anderen nicht als Loser dastehen, als Petze, als Opfer. Deshalb nahm ich die letzten quälenden Minuten und den demütigen Fußweg zurück in die Klasse in Kauf. War halt so. Ich hatte Schmerzen in der Magengegend, und meine Zunge tat weh. Meine Freundinnen, die sich heute dafür entschieden hatten, nicht meine Freundinnen zu sein, gingen einige Meter vor mir. Es war, als wäre nichts geschehen, als wären die letzten quälenden Minuten einfach nicht passiert. Gemeinsam liefen wir alle vom Fußballplatz über den Schulhof zurück in die Klasse. Als ich mich in den Unterricht setzte, schmerzte mein Brustkorb noch immer. Meine Zunge hatte aufgehört zu bluten, aber eingetrocknetes Blut klebte an meiner Unterlippe. Ich setzte mich auf meinen Platz, und meine Klassenlehrerin betrat den Raum. Der Unterricht ging weiter. Mathe. Ich hatte Schmerzen.

Solche Situationen gab es in der Grundschule öfter. Aus Spaß wurde Ernst, aber der Ernst wurde nicht aufgearbeitet. Es »war dann eben so«. Ich war aber damals schon etwas kleiner und zierlicher, und mich belastete diese körperliche und psychische Erniedrigung sehr. Ich wurde zunehmend stiller und etwas scheuer, wenn ich die Schule betrat. Ich wusste auch manchmal nicht so recht, wem ich trauen konnte, da auch meine vermeintlichen Freundinnen sich manchmal auf die andere Seite schlugen oder mich nicht in Schutz nahmen.

Neben solchen einzelnen Aktionen, an die ich mich bis heute sehr bildhaft erinnere, gab es damals in der Grundschule aber noch eine Geschichte, die ich bis heute nicht vergessen habe und die auch den Grundstein dafür legte, dass ich mich in Schulen selten aufgehoben fühlte. Diese Geschichte ist eng an einen Jungen geknüpft, der dafür bekannt war, regelmäßig andere zu bedrohen und fertigzumachen. Dieser Junge hieß Anton. Er war von Anfang an in meiner Klasse, und es war bekannt, dass er aus schwierigen Verhältnissen kam. Nach Schulschluss fuhr er mit der Tram in ein nahe gelegenes Heim, in dem er betreut wurde und auch übernachtete. Dieser Junge war in der Schule sehr aggressiv und nutzte die große Pause und den Schulhof, um Krawall zu machen und andere Schüler der Grundschule zu schlagen und ihnen aufzulauern.

Ein beliebtes Ziel seiner zufälligen Aggressionen und Wutausbrüche war ich. Ich war für eine Neunjährige damals ziemlich klein und zierlich und auch nicht sehr selbstbewusst. Das war ja auch nicht einfach, schließlich hatte ich ja schon die Erfahrung gemacht, dass sich ältere Jungs auf mich draufsetzten und meine Freundinnen mir nicht wirklich zur Seite standen.

In seinen Augen war ich also ein einfaches Opfer, das sich nicht zur Wehr setzen konnte. Und so geschah es, dass er mich in den Pausen regelmäßig schlug, an den Haaren zog und anspuckte. Ich kannte ihn überhaupt nicht, und wir hatten ja auch keinen Kontakt. Nie hatte ich mich mit ihm unterhalten, aber ich wurde, vielleicht auch, weil ich mich nicht so gut wehren konnte, zu einem seiner Lieblingsopfer. Ich hatte solche Angst vor ihm, dass ich, bevor es zur Pause klingelte, manchmal noch länger im Klassenraum sitzen blieb.

»Cheyenne, es hat zur Pause geklingelt, geh an die frische Luft!«, sagte meine Klassenlehrerin, lächelte mich im leeren Klassenzimmer an und zeigte auf die Tür.

Die hatte ja keine Ahnung, was los war. Langsam und mit gequältem Gesichtsausdruck ging ich auf den Pausenhof. Ich wusste ja, was mich hier erwartete. Auf dem Schulhof war in der Pause immer viel los. Die Kinder spielten mit dem Hüpfgummi, malten mit bunter Kreide oder sprangen mit einem Ball herum. Manche spielten auch Verstecken oder Fangen. Es war ein richtiger Tumult, wie das eben nun mal in Grundschulen ist. Als Anton sah, wie ich auf den Pausenhof kam und scheu einen Schritt vor den anderen setzte, jagte er mir hinterher. Immer wenn ich vor ihm wegrannte, dachte die Pausenaufsicht wohl, das wäre ein Spaß. Ein Junge, der ein Mädchen jagt. Ein Fangen-Spiel. Aber für mich war das nie ein Spaß und auch nie ein Spiel. Ich hatte große Angst. Und selbst wenn Anton mir an einem Tag mal nichts tat, so war die Angst doch mein ständiger Begleiter auf dem Pausenhof.

Wenn er mich schließlich erwischt hatte, war das Prozedere fast immer das Gleiche. Der Junge zog mich in ein Gebüsch und schlug zu. Er trat nach, seine geballten Fäuste trafen mein Gesicht, und ich versuchte, mich mit Händen und Füßen zu wehren. Aber wenn ich das tat, zog er mich an den Haaren und spuckte mich an. Das tat weh und war demütigend zugleich.

Nach den ersten Attacken wurden die Lehrer auf ihn aufmerksam. Schließlich war ich ja auch nicht das einzige Opfer, auch wenn ich schon sehr im Fokus seiner Attacken stand. Er war ja bekannt dafür, ein Störenfried zu sein. Das Engagement meiner Lehrer hielt sich aber ziemlich in Grenzen. In meiner Erinnerung steht ein einzelner Lehrer mitten auf dem Pausenhof, isst einen Apfel und schaut gelangweilt durch die Gegend, während ich in einem Gebüsch liege und geschlagen werde, und kann gar nicht zwischen einem lustigen Versteckspiel und einer echten Bedrohung und echter Gewalt unterscheiden – und er hat auch nicht wirklich Interesse daran. Viel lieber will er seinen Apfel essen und eine ruhige Pause genießen.

Als andere Kinder der Pausenaufsicht schließlich sagten, was der Junge regelmäßig tat, wurde auch eingegriffen. Ich war kurz erleichtert, als ich in einer Pause mal wieder von dem Jungen ins Gebüsch gezogen und verprügelt wurde und im Hintergrund bemerkte, wie sich ein Lehrer näherte.

»Jetzt langt’s aba, Anton!«, sagte er in bayrischem Akzent und griff nach dem Jungen, der von mir abließ, es sich aber nicht nehmen ließ, mich zum Abschied noch anzuspucken. Ich wischte mir meine Tränen und seine Spucke aus meinem Gesicht. Anton trottete dem Lehrer, der einen Kaffeebecher in der Hand hielt, hinterher, drehte sich aber noch zu mir um und grinste fies.

Grins nicht so blöd, dachte ich mir. Jetzt kriegst du richtig Ärger, und dann war es das. Ab jetzt würde alles besser werden. Dachte ich zumindest.

Am nächsten Tag in der Schule läutete es wieder zur Pause. Anton war wieder da und machte da weiter, wo er am Vortrag unterbrochen worden war. Wieder zerrte er mich in ein Gebüsch und schlug zu. Ich versuchte, mich zu wehren, aber es gelang mir nicht. Dann rückte wieder ein Lehrer an. Derselbe wie vom Vortag, diesmal war er genervter als am Tag davor und sagte etwas lauter: »Jetzt langt’s aba, Anton.« Wieder trottete Anton dem Lehrer mit dem Kaffeebecher hinterher. Wieder drehte er sich um und grinste mich fies an. Ich spürte, wie mir der Atem stockte und ich wieder losweinte. Ich hatte das Gefühl, der Lehrer war genervt davon, dass er schon wieder seinen Kaffee nicht in Ruhe auf dem Pausenhof trinken konnte. Ich wurde einfach nicht ernst genommen. Die ganze Situation wurde nicht ernst genommen. Die Konsequenz für Anton war, dass er zum Direktor gehen und eine Strafarbeit schreiben musste. Aber das war ihm ziemlich egal. Ich weiß bis heute nicht, ob er seine Strafarbeit geschrieben hat, jedenfalls war er am nächsten Tag wieder auf dem Schulhof, und ich musste mal wieder die Flucht ergreifen. Für ihn gab es keine richtige Bestrafung, es war ihm einfach egal.

Neben diesen wirklich schlimmen körperlichen Sachen, die Anton getan hat, war es aber auch so, dass er zum Teil einfach gemein war und Kleinigkeiten durchzog, die wirklich nicht nett waren. Er versteckte liebend gern unsere Hausschuhe. Vor der Klassenzimmertür mussten wir unsere Schuhe ausziehen und in unsere mitgebrachten Hausschuhe schlüpfen. Das fand ich eigentlich immer ganz cool. Es gab mir das Gefühl, dass hier einige Regeln herrschten. Aber Anton warf nicht nur meine Schuhe, sondern auch die von anderen regelmäßig durch den Flur, sodass wir diese immer suchen durften. Aber Anton inte­ressierte das alles herzlich wenig.

Meine Mutter bekam das natürlich mit. Sie holte mich zu diesem Zeitpunkt immer von der Schule ab und fragte sich, warum ich seit Anfang des dritten Schuljahres so schlecht gelaunt war. Missmutig nahm ich hinten auf dem Kindersitz Platz und schaute aus dem Fenster.

»Hey, Cheyenne! Erzähl doch mal, wie war es so in der Schule? Wie war der Tag?«

Aber ich hatte keine Lust, von der Schule und vom Tag zu erzählen. Weil das Einzige, was ich vom Tag behalten hatte, meistens die Erinnerung an die Pause und die Schläge und die Demütigung von Anton waren. Also schwieg ich oft oder antwortete immer nur einsilbig.

»Hm, war okay« oder »Ja, war gut«, antworte ich und schaute dann aus dem Fenster. Nachdem sie mich eines Tages wieder von der Schule abgeholt und ich mal wieder ihre Frage nach dem Schultag mit »Hmm, ja, war gut« beantwortet hatte, lenkte sie den Wagen in eine Parkbucht unweit meiner Grundschule, drehte sich zu mir nach hinten um, sah mir tief in die Augen und sagte ganz ruhig: »Hör mal, Cheyenne. So geht das nicht weiter. Ich spüre doch, dass dich da irgendetwas bedrückt. Das geht doch schon seit ein paar Tagen so. Jetzt tu mir bitte den Gefallen und sag, was los ist. Du darfst es mir sagen. Es ist okay. Oder …«, sie fragte weiter, »hast du etwa Unsinn gebaut?«

Ich erschrak. Das hatte ich natürlich nicht. Also fing ich an zu erzählen. Ich berichtete von Anton und seinen Bedrohungen und von dem, was passiert war, und ließ kein Detail aus. Auch von der Angst, die ich manchmal hatte, zur Schule zu gehen, erzählte ich ihr. Auf einmal fügte sich Mamas Bild in ihrem Kopf, denn sie ahnte, dass da etwas in mir brodelte. Jetzt wusste sie, was Sache war.

»Und deine Lehrer«, fragte Mama, »sagen die nichts dazu? Was machen die denn?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Also er musste zum Direktor und eine Strafarbeit schreiben, glaube ich.«

Meine Mama schüttelte fassungslos den Kopf. »Das darf doch nicht wahr sein!«, sagte sie, und wir fuhren weiter nach Hause. Kurz war ich unsicher, was jetzt passieren würde, und stand etwas neben mir. Meine Mutter aber reagierte pragmatisch, telefonierte mit der Schule und sagte, was Sache sei. Sie bat darum, auf mich aufzupassen, doch es passierte nichts. Das Ganze ging wieder von vorn los.

Anton wartete, und ich wurde drangsaliert. Meine Mutter fuhr auch persönlich zur Schule und sprach vor, aber auch das half nichts. Der Junge wurde nicht bestraft, und es gab kein klärendes Gespräch oder Ähnliches. Wenn er auf frischer Tat ertappt wurde, musste er nachsitzen oder eine Strafarbeit schrei­ben. Mehr nicht. An seinem Verhalten änderte er nichts, wieso auch? Die Zusatzaufgaben interessierten ihn nicht, und es schien ihm egal zu sein, bei etwas Unrechtem erwischt zu werden. Heute weiß ich, dass meine Mutter dieses Nicht-Handeln vonseiten der Schule wahrscheinlich an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Aber das muss man sich auch einmal vorstellen. Ihre Tochter wird quasi vor ihren Augen gemobbt und bedroht, und die Lehrer reagieren nicht. Ich bin mir sicher, das bereitete ihr damals viele schlaflose Nächte.

Einige Tage nachdem ein weiteres Gespräch mit den Lehrern zu keinem Ergebnis geführt hatte, holte sie mich wieder von der Schule ab. Es lief wie immer. Mal waren die Quälereien ausgeprägter, mal wurde ich in Ruhe gelassen. Am heutigen Tag war es wieder schlimm gewesen. Ich schwieg und schaute aus dem Fenster. Ich spürte eine tiefe Traurigkeit in mir und hatte resigniert. Ich hatte keine Lust, über den Tag zu reden, auch wenn meine Mama mich danach fragte. Das hier, so dachte ich, wird jetzt erst mal der Normalzustand sein. Vielleicht wird es ja besser, wenn ich die Schule abschließe, vielleicht aber auch nicht. Das war jetzt eben so.

Nach einigen Minuten hielten wir an einer roten Ampel. Vor der Ampel befand sich eine Tramstation. Ein einziger Junge stand dort und wartete auf die nächste Tram. Ich erkannte ihn sofort. Es war Anton. Ich zuckte zusammen, weil ich direkt wieder Bilder davon im Kopf hatte, wie er mich schlug und anspuckte. Ich rutschte etwas den Sitz hinunter und stieß einen leisen Schrei aus.

»Was ist?«, fragte meine Mutter und drehte sich um.

Ich sah sie an und ihre starken Augen gaben mir plötzlich Mut. »Das ist er!«, sagte ich und schaute nach vorn. »Da ist er!« Ich zeigte auf Anton, der an der Tramstation wartete.

»Okay«, sagte meine Mama.

Als die Ampel auf Grün schaltete, fuhr sie rechts ran und hielt an einer Busspur direkt neben der Station. Sie aktivierte das Warnblinklicht im Auto, löste ihren Gurt und meinte: »Okay, Cheyenne, du kannst hier sitzen bleiben oder mitkommen, mir ist es egal, aber ich kläre das jetzt.«

Diese Worte meiner Mutter gaben mir Kraft. Sie wollte sich kümmern. Als wir uns der Tramstation näherten, fuhr die Bahn gerade ein. Die Tür öffnete sich, Anton stand vorn und wollte gerade einsteigen, aber da kam Mama auf ihn zu. Die Tür stand noch offen, aber als der Tramfahrer sah, dass Mama zu Anton ging, machte er die Tür zu und ließ ihn nicht rein. Er schaute aus dem Fahrerhäuschen zu Mama, und es war klar, dass selbst der Tramfahrer den Jungen kannte. Er schien sogar hier Mist gebaut zu haben.

»Hi, ich bin die Mutter von Cheyenne«, sagte Mama direkt. »Ich glaub, ich habe mal was mit dir zu klären. Also, ich würde sagen, du gehst zu weit. Denn das möchtest du auch nicht, dass einer mit dir so umspringt, wie du es mit den anderen Kindern tust. Und deshalb will ich dich bitten, meine Tochter in Ruhe zu lassen. Und auch alle anderen Schwächeren in der Schule. Denn jetzt stehe ich hier, und ich bin größer als du.«

Mama machte eine Pause. In dieser Pause, in der eigentlich nichts geschah, passierte eine ganze Menge. Ich spürte, wie Anton kleiner wurde. Auf einmal wirkte er gar nicht mehr so bedrohlich. Er schaute geradeaus. Sein Mund stand offen. Hatte er etwa Schiss?

»Und ich glaube, ich könnte dir jetzt eine richtige Ansage verpassen. Ich denke aber, dass du ein intelligenter Junge bist, und ich vertraue darauf, dass du mich verstehst und auch weißt, dass du Mist gebaut hast, dass du zu aggressiv vorgehst. Und wenn du ein Problem hast: Ich bin jeden Tag an der Schule und hole meine Tochter ab. Komm zu mir, rede mit mir, wenn du etwas klären willst. Dann kann ich dir vielleicht helfen.« Mama lächelte.

Anton sagte nichts.

Er dachte wahrscheinlich, dass meine Mama ihn jetzt packen und anbrüllen würde, aber das Gegenteil war der Fall. Mama war nett, aber deutlich und zollte ihm den Respekt, den er von anderen nicht bekam.

Meine Mutter nickte und ging wieder nach vorn zum Tramfahrer, reckte den Daumen hoch und sagte: »Alles klar, Sie können weiterfahren.«

Die Tür schloss sich, die Tram fuhr weiter, und wir gingen zurück zum Auto.

»So«, sagte sie und setzte sich hinters Steuer, »das wäre jetzt erst mal erledigt.«

Diese Aktion an der Tramstation war wie eine Art Befreiungsschlag für mich. Ich hatte das Gefühl, jetzt passierte da wirklich etwas. Ich glaube, Anton war eingeschüchtert vom Auftritt meiner Mama. Bis dahin hatte er sich sicher gefühlt. Bei den Lehrern wusste er ja, dass nie etwas passierte und er mit seinem Mobbing und seinen tätlichen Angriffen mir gegenüber durchkam. Oder anders gesagt: Er konnte sich eben darauf einstellen. Der Ablauf war immer derselbe. Er wurde ins Lehrerzimmer geholt, bekam Ärger, musste im schlimmsten Fall eine Strafarbeit schreiben, die er sowieso nicht schrieb, und am nächsten Tag ging es dann weiter. Er fürchtete die Konsequenzen nicht, weil er damit rechnete und sie fest einplante. Dass meine Mama irgendwann auftauchen und ihn zur Rede stellen würde, damit hatte er sicher nicht gerechnet. Und vielleicht hatte diese Aktion ihm auch erstmalig einen Spiegel vorgehalten, und er dachte darüber nach, was er falsch gemacht hatte. Vielleicht nicht direkt, sondern einige Stunden später, als er sich von dem Schock erholt hatte, dass eine erwachsene Frau, meine Mutter, ihn abgepasst hatte.

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, glaube ich, dass meine Mama ihm damals einfach ein Stück Lebensrealität gezeigt und ihm beigebracht hat, dass alles, was er tut, eine Auswirkung und eine Konsequenz hat. Von sich aus wäre ihm das sicherlich nicht aufgefallen, und die Lehrer hatten auch kein Interesse bewiesen, ihn hierüber aufzuklären. Und das ist ja die eigentliche Tragik. Ich meine, sicherlich war Anton nicht nett zu mir und zu anderen, aber dadurch, dass ihn keiner auf sein Verhalten hinwies, gab es eben auch keine Möglichkeit zur Einsicht. Ihm machte es ja Spaß, andere zu mobben und fertigzumachen, und er verstand einfach nicht, dass er mit seinem Verhalten andere verletzte. Dadurch, dass meine Mutter ihm so eine Ansage gemacht hatte, wurde ihm das, zumindest kurzfristig, klar.

Bestimmt war die Aktion von meiner Mutter pädagogisch auch nicht ganz korrekt, aber was hätte sie denn machen sollen? Von den Lehrern war wenig gekommen, und eigentlich hat sie ihm ja auch nichts getan, außer mit ihm zu sprechen. Sie hatte ihn nur spüren lassen, dass ich nicht allein war und er mich nicht einfach so behandeln konnte. Es war die letzte Möglichkeit gewesen, die Mama nach all den Wochen und Monaten, in denen sie die Schule angerufen hatte und sogar hingefahren war, gesehen hatte, und die einzige Maßnahme, die wirklich langfristig etwas bewegt hatte.

Die ersten Schulwechsel und der Sitzkreis

Am Anfang meines vierten Schuljahres zog ich mit meiner Mama schließlich nach Berlin. Ich freute mich sehr auf die Stadt, die ich schon ein wenig kannte, weil Mama beruflich öfter dort war und mich immer mitgenommen hatte – außerdem hatten wir damals schon öfter Wilson dort besucht. Der Umzug nach Berlin war auch mit meine Entscheidung gewesen, denn als meine Mama mich eines Tages fragte: »Mensch, Cheyenne, wo würdest du denn gern wohnen?«, antworte ich ohne Umschweife: »Berlin.« Für mich war das alles ein großes Abenteuer und der Startschuss in ein neues Leben.

Mein erster Schulwechsel stand an, und ich besuchte eine Waldorfschule. Und auch wenn ich kurz dachte, hier würde es besser laufen: weit gefehlt. Das lag vielleicht auch an den Umständen. Das Konzept der Waldorfschule passte einfach nicht wirklich zu mir. Wir Schüler durften dort keine bunten Farben tragen … und kein Glitzer, außerdem keine Kleidungsstücke mit »schwierigen« Motiven. Schon damals interessierte ich mich, wahrscheinlich auch beeinflusst durch meine Mama, für Mode und fand es spannend und cool, mich zurechtzumachen und neue Klamotten auszuprobieren. Und mit etwa zehn Jahren hatte ich eine kurze Totenkopf-Phase. Ich mochte einfach Anziehsachen, auf denen ein Totenkopf darauf war, aber in der Schule wurde mir sehr schnell klargemacht, dass das hier nicht gestattet war. Mürrisch passte ich mich zunächst an, aber nach einigen Wochen langweilten mich die immer gleichen dunklen farblosen Sachen, in denen ich mich nicht wohlfühlte.

Irgendwann reichte es mir, und aus Trotz zog ich eines ­Tages also ein Sweatshirt mit hellem Glitzer und Totenkopf an. Zudem zog ich mir einen schwarzen Eyeliner über meine Augenbrauen. Ich wollte mich schön fühlen und mich ausdrücken und den anderen zeigen, dass ich mir etwas ausgesucht hatte, was mir gefiel. Aber als ich so in die Klasse kam, stellte mich meine Lehrerin zur Rede, und ich bekam Ärger. So rumzulaufen, wie ich es damals getan habe, war einfach ein No-Go. Jedenfalls wurde mir das so gesagt.

In der Schule herrschte eine seltsame Stimmung. Es gab keinen richtigen Teamspirit. Ich hatte auch vermehrt das Gefühl, dass die meisten Lehrer sich untereinander nicht wirklich mochten und die Lehrer den Kindern auch egal waren. Zudem passten die Waldorfschule und ich nicht wirklich zusammen. Jeden Mittwoch gab es kaltes Müsli, und ich lernte, meinen Namen zu tanzen. Das war nicht wirklich bereichernd oder inspirierend. Im Gegensatz zu den Erfahrungen davor kann ich aber nicht sagen, dass es hier einen einzelnen Schüler gab, der mich aggressiv und regelmäßig mobbte. Hier gab es keinen Anton. Vielmehr spürte ich aber eine Kälte, die durch die Flure zog. Es gab von keiner Seite irgendeinen Plan, mich in die Schul- oder Klassengemeinschaft zu integrieren. Immerhin kam ich aus einer anderen Schule und einer anderen Stadt. Das muss man sich einmal vorstellen: Ich war die Neue. Aber für die Lehrer war ich eben einfach da, und auch wenn es eine Waldorfschule war und das Konzept »Denken, Fühlen und Wollen« unterrichtet und neben fachlichen Kenntnissen auch praktische, soziale und künstlerische Werte vermittelt werden sollten, wachte ich jeden Morgen mit einem schlechten Gefühl in meiner Magengegend auf, betrat die Schule mit einem schlechten Gefühl und ging mit einem schlechten Gefühl wieder nach Hause.

Anderthalb Jahre schleppte ich mich so durch die Schule. Für mich und meine Mutter stand schließlich fest, dass es so nicht weitergehen konnte. Schließlich nahm sie mich runter, und ich wechselte 2015 auf eine neue Schule.

An den ersten Tag dort kann ich mich bis heute noch sehr gut erinnern. Die Schule, auf die ich wechselte, war eine Grundschule, die bis zur sechsten Klasse ging. Ich wechselte zur fünften und wollte danach entscheiden, wie es weiterging. An meinem ersten Schultag trug ich eine graue Jogginghose. Nicht aus Gemütlichkeit oder aus Style-Gründen. Nein, eher zum Schutz vor den Blicken der anderen. Die Sache ist nämlich: Seit ich zurückdenken kann, wurde mir von Außenstehenden gesagt, ich sei zu dünn. Viel zu dünn. Und weil ich schon damals diese Sprüche nicht mehr hören konnte, zog ich eine graue Jogginghose an. Damit, so dachte ich zumindest, konnten die anderen Schüler nicht sehen, dass ich dünne Beine hatte. Ich wollte mich verschleiern und bloß nicht auffallen.

Wenn ich heute daran zurückdenke, ist es schon seltsam, denn bevor ich irgendjemanden kennenlernte, war in meinem Gehirn schon direkt abgespeichert: Okay, die anderen Kinder werden dich gleich sehen, mustern und dann feststellen, dass du zu dünn bist. Tu irgendwas dagegen. Irgendwas!

Als ich in das Klassenzimmer kam, hatte ich sofort das Gefühl, alle würden mich anschauen. Aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Die Stühle waren zu einem Sitzkreis angeordnet, und in der Mitte stand ein einzelner Stuhl.

»Schön, dass ihr alle da seid«, sagte meine Klassenlehrerin, klatschte in die Hände und sah sich lächelnd im Raum um. Da standen wir nun. Zwanzig Fünftklässler an dieser neuen Schule in Berlin. Für viele war es wahrscheinlich der erste Schulwechsel, für mich bereits der zweite. Aber ich wollte mir nichts anmerken lassen. Vielleicht, so dachte ich es mir, würde ja jetzt alles einfacher und unkomplizierter werden. Ich war eine ganz normale Schülerin, eine von vielen. Hier würde ich vielleicht das erste Mal richtige Freunde finden. Das war nämlich noch so eine Sache, die ich bisher nicht wirklich gefunden hatte. Echte Freunde.

»Wie ihr seht, habe ich hier schon mal einen kleinen Stuhlkreis vorbereitet. Und weil wir uns noch nicht kennen, würde ich sagen, ihr stellt euch hier mal den anderen vor und dann dürfen Fragen gestellt werden. Cheyenne?«

Die Stimme der Klassenlehrerin riss mich aus meinen Gedanken. Woher kannte sie überhaupt meinen Namen? Sie lächelte mich an. »Wie wäre es, wenn du damit anfängst, dich vorzustellen?« Es folgte eine kurze Pause, in der die Lehrerin grinste und kicherte. »Na ja«, setzte sie wieder an und kicherte weiter. Dann fuhr sie lachend mit ihrem Satz fort: »Na ja, wobei, eigentlich kennen wir dich doch alle. Du bist ja hier unser kleiner Star, oder? Bei ›Die wilden Kerle 2‹ hast du doch auch schon mit deinen Brüdern mitgespielt. Das wissen wir doch alle hier!«, sagte sie und drehte sich nickend im Raum um. Ich war mir unsicher und rührte mich nicht. Worum ging es hier? Die Lehrerin trat an mich heran und sprach weiter: »Na, dann setz dich doch mal auf den Stuhl, ich bin mir sicher, hier haben alle eine Menge Fragen an dich!« Sie zwinkerte mir zu und deutete auf den Stuhl in der Mitte. Wie in Zeitlupe und unter den Augen der anderen ging ich wie ein Roboter auf den Stuhl in der Mitte zu und setzte mich. Um mich herum versammelten sich die anderen Schüler und nahmen Platz.

Was dann folgte, war eine fünfundvierzigminütige Fragerunde über mich und meine Brüder. Vor allem über meine Brüder Jimi und Wilson, die gerade mit der »Wilde-Kerle«-Kinofilm-Reihe einen enormen Erfolg hatten. Die erste Frage kam von einem Mädchen, die sich hektisch meldete.

»Ja, bitte, dann fang du doch an«, sagte die Lehrerin und bestärkte sie. Das Mädchen verschluckte sich fast, so aufgeregt war sie. »Wie geht es Jimi?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Gut.«

Dann die nächste Frage, diesmal von einem Jungen. Er schnipste mit den Fingern, und als er drangenommen wurde, rief er laut: »Wie ist das, wenn man berühmt ist?«

»Weiß ich nicht«, antwortete ich, zuckte mit den Schultern und wollte im Boden versinken. Ich wusste es wirklich nicht. Ich war ja nicht berühmt. Ich war einfach nur eine Fünftklässlerin, die ihren ersten Schultag genießen wollte, aber das hatte sich jetzt bereits erledigt. Ich blickte mich um, sah die sich meldenden Schüler, die irgendetwas fragen wollten, und die Lehrerin, die jeden Einzelnen drannahm und gar nicht bemerkte, dass sie mich wie ein Zootier vorführte.

So nahm die Fragerei ihren Lauf. Die gesamte Stunde lang. Erst ging es um meine Brüder, meine Eltern und dann wieder um meine Brüder. Die anderen Kinder fragten, wo ich wohnte, was ich gefrühstückt hatte, ob ich ein Autogramm von Jimi organisieren konnte, ob Wilson eine Freundin hatte und wie es meinen Eltern ging. All das musste ich beantworten. Ich kam mir vor wie auf einem Präsentierteller. Mit jeder Frage wurde ich trauriger und ruhiger und mein Blick wandte sich mehr und mehr dem geschlossenen Fenster zu. Meine Stimme senkte sich. Ich spürte, dass jede Frage, die aus dem Klassenraum kam, zwar an mich adressiert war, aber mich nicht meinte. Niemand hier wollte mich kennenlernen. Es ging nur um meine Familie, und ich verstand noch nicht so recht, warum. Das hier sollte doch mein Neustart werden. Ich hatte versucht, die schwierigen, schmerzhaften Erfahrungen der letzten Jahre hinter mir zu lassen, und jetzt saß ich hier im Raum und wurde mit Fragen gelöchert, die nichts mit mir zu tun hatten. Mit jeder Frage schwand in mir die Kraft zu antworten, und ich traute mich nicht zu fragen, ob nicht gleich vielleicht mal jemand anderes dran sei. Denn eigentlich wollte ich doch auch die anderen kennenlernen. Ich wollte Freunde finden und mich einer Klassengemeinschaft anschließen. Einfach ganz normal Zeit mit den anderen Kindern verbringen, spielen und lernen. Aber scheinbar war ich die Einzige, die das wollte. Wie benommen schaute ich auf die Uhr, die über dem Eingang der Klasse aufgehängt worden war, und betete, dass das alles hier bald enden würde. Dann die Erlösung. Es gongte zur Pause. Ich stand vom Stuhl auf. Ich war frei. Dieser Gong war befreiend.

»Alles klar, das war es. Jetzt bekommt ihr euren Stundenplan, und dann sehen wir uns morgen wieder«, sagte meine Klassenlehrerin freudestrahlend unter dem Gejubel der anderen Schüler, die alle ihre Stundenpläne vom Pult abholten und nach draußen stürmten.

Müde und traurig ging ich ans Pult und holte meinen Stundenplan ab. »Schön, dass du da bist, Cheyenne«, sagte die Lehrerin und lächelte mich noch an und setzte nach: »Das ist so toll und wertvoll, was wir alles heute von dir erfahren haben!«

Ich versuchte gar nicht erst zurückzulächeln. Ja. Für sie war es vielleicht schön, dass ich da war. Und dass sie etwas von mir oder von meiner Familie erfahren hatte. Sie konnte im Lehrerzimmer wahrscheinlich erzählen, dass »die von den Ochsenknechts« jetzt bei ihr in der Klasse war. Oder ihren Freunden und ihrem Mann. Aber was war denn mit mir? Schön, dass ich da war? Sie wusste doch überhaupt nichts von mir, und kennengelernt hatte ich auch niemanden. Und die anderen hatten ja auch mich nicht wirklich kennengelernt. Es war doch nur darum gegangen, sich ein Bild von mir mit nach Hause zu nehmen.

Ich war dort inmitten unter diesen Schülern und der Lehrerin gesessen, aber war gar kein richtiger Mensch gewesen, sondern einfach nur ein Name und ein sprechendes Lexikon für private Fragen. Die anderen hatten sich kein Bild von mir gemacht, sondern nur das Bild, das sie bereits von mir hatten, durch meine Aussagen ergänzen lassen. Und ich hatte schon jetzt das Gefühl, ich würde dieses Bild von mir zu keinem Zeitpunkt korrigieren oder geraderücken können.

Als mich meine Mama nach meinem ersten Schultag abholte, war das seltsam. Es war mein erster Schultag, und eigentlich sollte es ein guter, freudiger Tag werden. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass heute alles gut werden würde, aber es war überhaupt nichts gut. Ich hatte das Gefühl, niemand hatte mich wirklich kennenlernen wollen, sondern nur eine Hülle – die Person in der Öffentlichkeit. Die Cheyenne, deren Brüder gerade einen Kinofilm gedreht hatten. Es war nicht um mich gegangen.

Viele Menschen wissen nicht, was es heißt, seit jeher, ob gewollt oder ungewollt, in der Öffentlichkeit zu stehen. Die meisten glauben wahrscheinlich, dass es doch toll sein muss. Aber wieso sollte es das sein? Ich hatte zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, mich und meine Persönlichkeit vorzustellen. Mir wurde das Image der Öffentlichkeit aufgedrückt, und das war jetzt eben meine Rolle. Während die anderen Kinder eben normale Kinder waren, war ich halt »die da von den Ochsenknechts«, obwohl ich gerade einmal elf Jahre alt war und mein eigenes Leben noch vor mir hatte. So musste ich früh lernen, damit umzugehen, dass ich anscheinend eine Art Sonderling war. Und das lernte ich mit aller Brutalität an diesem ersten Schultag an meiner neuen Schule, an dem ich eigentlich dachte, dass hier alles einfacher und besser werden würde.

Trotzdem, und das will ich auch unbedingt betonen, habe ich meine Kindheit sehr geliebt. Meine Eltern haben mich auch immer sehr gut erzogen und beschützt, aber so etwas wie intensive Freundschaften hatte ich als Kind nicht wirklich. Und nach dem ersten Schultag an der neuen Schule, an dem ich insgeheim gehofft hatte, dass es jetzt vielleicht besser werden würde, war mir klar, dass ich auch hier keine Freunde fürs Leben finden würde.

Viele meiner heutigen Freundinnen und Freunde erzählen mir, dass sie ihre längsten Freunde schon seit der Grundschule oder noch früher kennen. Manche sogar aus dem Kindergarten. Ich kann bei solchen Gesprächen nicht mitreden, denn so was hatte ich nie. Gerade in jungen Jahren war das für mich alles andere als einfach. Später fand ich ein paar Freunde und Freundinnen. Allerdings musste ich hier auch relativ früh klarmachen, dass es eine Sache gab, über die ich sehr ungern sprechen wollte: meine Familie.

Meine Freunde akzeptierten das, und es war auch für sie in Ordnung, aber ein seltsames Gefühl blieb immer. So eine Ansage ist ja auch nicht unbedingt üblich, wenn man sich gerade kennenlernt: »Hey, ich bin Cheyenne, und es wäre cool, wenn wir nicht so viel über meine Eltern oder meine Brüder reden würden, okay?« Das klingt ja wirklich nicht sehr einladend, aber es war ein Selbstschutz. Dass das notwendig war, merkte ich, wenn ich mich mit mehreren noch Unbekannten verabredete und eine Person dabei war, die mich anstarrte. So fing es immer an. Und nachdem ich stundenlang schweigend angestarrt und beobachtet worden war, hieß es plötzlich wie aus dem Nichts: »Du bist die Ochsenknecht, oder? Wie geht es Jimi?!! Wann kommt sein neuer Film? Ich liebe ›Die Wilden Kerle‹ ja TOOOOTAL!!!«

Das tat mir nicht deshalb weh, weil ich den damaligen Kinoerfolg meiner Brüder nicht cool fand – im Gegenteil, ich bin nach wie vor mächtig stolz auf sie und auf das, was sie so früh schon geleistet hatten, aber es ging ja in dem Moment wieder nicht um mich. Ich war lediglich eine lebende Verbindung zu meinen Geschwistern, die zu diesem Zeitpunkt gerade in der BRAVO abgebildet waren und deren Kinofilm viele kannten. Keine leichte Ausgangslage, um »echte« Freunde zu finden.

Schulzeit in Berlin und Abschluss
Cheyenne Ochsenknecht

Ich blickte aus dem mit Graffiti überzogenen U-Bahn-Fenster nach draußen. Mittlerweile war es Herbst geworden und die Stadt zog an mir vorbei. Wie jeden Tag fuhr ich mit der U2 den Ku’damm entlang, Richtung Olympiastadion. Um 7:22 Uhr nahm ich die U-Bahn, und zehn Minuten später war ich schließlich da: an meiner neuen Schule am Schloss Charlottenburg. Hier ging ich jetzt seit einigen Monaten in die siebte Klasse. Ich hörte Musik, während ich U-Bahn fuhr, so, wie immer. Amerikanischen Hip-Hop. Von der Geräuschkulisse um mich herum bekam ich nicht viel mit. Vielmehr war ich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt. Es war seltsam. Die wirklich schlimmen Mobbingerfahrungen lagen schon etwas länger zurück, aber ich musste immer noch an den Schmerz in meiner Brust denken, als dieser Junge aus München sich einfach auf mich gesetzt und das Grün der Wiese sich rot gefärbt hatte. Damals in der Grundschule. Ein schreckliches Bild, das ich nicht aus meinem Kopf kriegte. Ich zuckte innerlich zusammen. Noch vor einigen Minuten war ich am Gleis gestanden und hatte überlegt, ob ich mich nicht einfach vor die U-Bahn stellen sollte. Einfach das Gleisbett hinunterhüpfen und warten, was passiert. Wenn die U-Bahn dann eingefahren wäre, dann wäre es eben vorbei gewesen für mich. Wirklich ausgeführt hatte ich diesen Gedanken aber nie – zu sehr hatte ich an meine Familie und meine Freunde gedacht. Das Bremsen des Zuges weckte mich aus meinem kurzen Tagtraum. Die nächste Haltstelle: Zoologischer Garten. Die metallenen Türen gingen zischend auf und die Menschen strömten herein. Die meisten trugen warme Mäntel und lange Jacken. Ich atmete tief ein und aus und richtete meinen Blick wieder aus dem Fenster. Mir war irgendwie auch kalt – nur eben innerlich. Während Drake durch meine Kopfhörer hindurchrappte und ich unwillkürlich mit dem Kopf nickte, kam auf einmal alles wieder hoch. Wie eine dunkle Wolke schoben sich meine Gedanken der Vergangenheit vor das U-Bahn-Fenster, durch das ich hinausschaute, und versperrten die Sicht nach draußen. Es waren keine konkreten Bilder, die sich in meinem Kopf manifestierten, sondern eher einzelne verschwommene Gedankenfetzen. Die Mobbingattacken aus der Vergangenheit, die Trennung meiner Eltern. All das vermischte sich zu einem seltsamen Brei, der mich nicht mehr klar denken ließ. Ich weiß selbst nicht, was mit mir los war, denn eigentlich sollte ich zufrieden sein.

Diese neue Schule am Schloss Charlottenburg war in Ordnung. Hier wurde ich in Ruhe gelassen. Immerhin. Trotzdem war ich unglücklich und ich wusste nicht recht, wieso. Wie konnte das sein? Die dunklen Wolken schoben sich wieder vor mein inneres Auge und erschwerten mir die Sicht. Ich sollte doch eigentlich zufrieden sein. Aber ich war es nicht. Was war nur los mit mir?

Ich verließ die U-Bahn, erreichte das große Schulgebäude und wartete noch ein wenig, bevor ich hineinging. Mit gemischten Gefühlen, von denen ich gar nicht so recht wusste, wo sie eigentlich herkamen.

Als ich dorthin gewechselt war, hatte sich schon ein Stück Nüchternheit eingestellt. Ich war älter und war bereits mit dem Gedanken in die Schule gegangen, dass sich hier eh nichts ändern würde, Spott und Häme mich begleiten würden. Warum auch immer.

Ich fühlte mich eingeschränkt und stand ständig unter Beobachtung, und alle Erlebnisse, die ich vorher gemacht hatte, waren zum größten Teil negativ. Ich schlief nachts sehr schlecht und konnte mich außer bei meiner Mutter bei kaum jemandem emotional öffnen. Einen richtigen Freundeskreis hatte ich zu diesem Zeitpunkt auch nicht, und ich wusste auch gar nicht, wie ich jetzt mit den anderen umgehen sollte, denn ich war immer noch ein Sonderfall und eher so etwas wie ein sprechendes Ochsenknecht-Lexikon für alle, die gerade eine Information brauchten.

Aber abseits der Schule fing ich an, eigene Interessen zu entwickeln. Ich befasste mich mit Mode, las Fachzeitschriften und fing an, selbst zu zeichnen und Röcke und Kleider aus Spaß zu designen. Als meine Mutter das mitbekam, nahm sie mich 2010 mit auf die Fashion Week. Ich war zwar noch sehr jung, aber hellauf begeistert von den schönen Kleidern, den kreativen Designern und der generellen Stimmung bei solchen Events. Hier, so hatte ich damals das Gefühl, waren alle Individualisten wie ich. Hier waren die Menschen irgendwie unangepasst und machten einfach ihr Ding. Wer besonders war, fiel auf, nicht derjenige, der am besten ins System passte. Ich hatte das Gefühl, in der Fashion- und Modewelt genau das gefunden zu haben, was ich in der Schule immer vermisst hatte. Das Gefühl, zu einer Gruppe zu gehören, in der alle aber irgendwie individuell und einzigartig waren. Ich wollte nicht mit der Masse schwimmen, ich wollte nicht so sein, wie andere mich gern gehabt hätten, ich hatte meine eigenen Gedanken zu Styles und Outfits, zu Looks und Mode. Aber vor allem die Waldorfschule in Berlin hatte dazu geführt, dass diese Gedanken direkt bewertet wurden. Der einheitliche Klamottenstyle, das Gefühl, einfach nur Teil einer Klasse zu sein, ohne als einzelne Person betrachtet zu werden – das fand ich schwierig.

Nach dem ersten Ausflug zur Fashion Week mit meiner Mutter wechselte ich mein Mindset. Ich machte jetzt mein Ding und saß oft mit Modezeitschriften auf der Tischtennisplatte des Pausenhofs und las, während die anderen spielten oder sich unterhielten. Klar spürte ich die Blicke der anderen, aber das war mir jetzt auch schon egal. Ich wusste, dass ich die Schule nicht mehr brauchte. Nicht weil ich etwa glaubte, Bildung sei falsch – ganz im Gegenteil. Aber ich hatte das Gefühl, für meinen weiteren Werdegang war die Schule einfach nicht mehr wichtig. Sie legte mir mehr Steine in den Weg, als dass sie mir neue Türen öffnen konnte.

Das spürte ich vor allem, als ich ungefähr in der neunten Klasse war. Wir hatten »Wirtschaft, Arbeit, Technik«. Kurz »WAT«. Hier sollte uns klargemacht werden, was für einen Beruf wir später ausüben wollten. Mir war allerdings, vor allem, nachdem ich mit Mama viel unterwegs gewesen war und sich auch schon in der Waldorfschule herauskristallisiert hatte, dass ich viel lieber kreativ war, ziemlich schnell deutlich geworden, dass ich Model werden wollte. Aber im »WAT«-Unterricht zählten meine Interessen relativ wenig. Vielmehr sollte ich aufschreiben, welchen Beruf ich ausüben wollte – und bekam einen entsprechenden Katalog mitgeliefert, in dem verschiedene Ausbildungsberufe aufgelistet waren. Dieser Katalog führte zu einigen Gesprächen mit Lehrern, denn Model stand dort nicht drin. Ich sagte also meiner Klassenlehrerin, dass das Angebot zwar nett sei, aber ich hier nichts raussuchen wollte, denn ich würde gern Model werden.

Damit hatte ich etwas losgetreten.

»Cheyenne, es geht um deine Zukunft!«, wurde mir unmissverständlich gesagt. Meine Klassenlehrerin meinte auch so etwas wie: »Cheyenne, das ist kein Weg! Du musst eine Ausbildung machen – wie willst du sonst Geld verdienen?« Schließlich gab ich nach, suchte mir aus dem Katalog den Ausbildungsberuf Friseurin aus und schrieb einen Aufsatz darüber, warum ich gern Friseurin werden wollte. Aber auch das wurde nicht akzeptiert, vielleicht auch, weil meine Klassenlehrerin sah, dass ich das nicht so richtig ernst meinte. Sie sprach mich nach dem Unterricht auf meinen Aufsatz an: »Cheyenne, hör mal. Das kannst du nicht so machen!« Ich entgegnete: »Ja, aber ich habe doch schon öfter gesagt, was ich gern machen will. Ich möchte Model werden. Aber da das in diesem Katalog nicht steht, habe ich was zum Thema Friseur geschrieben. Ist doch in Ordnung, oder nicht?« Meine Lehrerin lächelte nur milde. Von wegen ernst nehmen. Sie nahm mich ja am allerwenigstens ernst. »Aber das geht nicht so einfach«, entgegnete sie und wedelte mit meinem Aufsatz über meinem Kopf herum. »Doch«, sagte ich und verschränkte die Arme. »Ich gehe nach Paris und werde dort Model.«

Nachdem die Fronten hier einigermaßen geklärt waren, wurde das Klima in der Schule schwieriger. Meine Lehrer sahen ein, dass ich keinen Beruf aus dem Katalog ergreifen wollte, und schließlich rückte meine Abschlussprüfung näher. Nach meiner mündlichen Prüfung wurde mir mitgeteilt, dass ich einen Punkt zu wenig in Mathe hätte. Für den Realschulabschluss würde das nicht reichen. Ich bat also darum, in die Nachprüfung gehen zu können. Einen einzelnen Punkt würde ich sehr einfach ausbügeln können – und auch die anderen Schüler waren in die Nachprüfung gegangen. Das Lehrerkomitee sah mich nach meiner Bitte aber schweigend an. Schließlich erhob ein Lehrer das Wort und sagte dann das, was alle anderen dachten: »Na ja«, er schaute erst seine Kollegen und dann mich an, dann räusperte er sich und lehnte sich etwas nach vorn, »seien wir mal ehrlich. Du hast ja sowieso wenige Ambitionen, eine Berufsausbildung zu machen.« Dann sah er zu den anderen Lehrern, die steif auf ihren Stühlen saßen, als würde er Bestätigung für das suchen, was er als Nächstes sagte: »Also auch wegen deines Namens und so was.«

Ich schluckte. Das konnte er doch nicht ernst meinen? War ich jetzt durch die Schule gegangen, um mir das hier abzuholen? Ich sagte nichts, also sprach der Lehrer einfach weiter.

»Du hast ja auch gesagt, dass du Model werden willst, zumindest ist das das, was vom Pausenhof zum Kollegium herüberdringt ...«

Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Meine gesamte schulische Karriere war mir meine Familie übergestülpt worden, und jetzt wurde meine Schullaufbahn auch mit diesem »Argument«, das niemals von mir gekommen war, beendet – während ich hier fragen wollte, ob ich in die Nachprüfung gehen konnte. Ich war weder gefördert noch auf meine Fähigkeiten angesprochen worden. Und diese Szenerie war die Krönung. »Alles klar«, sagte ich und lächelte. Dann stand ich vom Stuhl auf und ging direkt zur Tür. Bevor ich rausging, drehte ich mich noch einmal um und sah meinen Lehrern in die Augen. »Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag!« Ich schlug die Tür zu. Dann war das jetzt eben so.

Ich ging quer über den Schulhof. Während ich vor mich hin lief und das Gefühl hatte, mit jedem Schritt die Schule auch symbolisch hinter mir zu lassen, reifte in mir ein ehrgeiziger Gedanke. Jetzt wollte ich es allen zeigen. Den Lehrern, aber auch meinen Mitschülern, die mich jahrelang gemobbt hatten. Jetzt wollte ich zeigen, dass man es auch im Leben zu etwas bringen konnte, wenn man einen unkonventionellen Weg ging – und vor allem, dass ein Nachname völlig egal war.

Schließlich bekam ich meinen erweiterten Hauptschul- statt meines Realschulabschlusses, aber das blendete ich aus. Ich ging auch nicht zum Abschlussball oder zur Zeugnisvergabe, sondern gestand mir ein, dass ich meinen eigenen Weg gehen musste. Mein Zeugnis hat meine Mama im Übrigen erst letztes Jahr für mich abgeholt. Zwei Jahre nach der letzten Prüfung haben die Lehrer noch nachgefragt, wie es mir ging, und meine Mama hat geantwortet: »Cheyenne geht es gut, sie ist jetzt Model in Paris«, woraufhin die Lehrer gemeint haben: »Ach, wie schön, ja, wir haben immer an sie geglaubt.«

Na ganz bestimmt!

Aber ich denke, die meisten Lehrer hatten eh schon über die Presse mitbekommen, dass ich jetzt tatsächlich Model geworden war, und wollten das Ganze nur von meiner Mutter bestätigt haben, um ihren Senf dazuzugeben. Aber okay.

Ich habe mein Zeugnis für keine Bewerbung und keinen Job jemals gebraucht.

Bis heute verbinde ich die Schulzeit vor allem mit unschönen dunkeln Gedanken. Meine allerersten Mobbingerfahrungen brannten sich tief in mich ein, und später, als die vielen Anfeindungen und der Hass durch mein Smartphone zurück in mein Leben kamen, war ich gedanklich sofort wieder in der Schule und hatte das Gefühl, mich wieder vor Anton im Gebüsch verstecken zu müssen. Nur dass es diesmal nicht mal einen Lehrer gab, der Pausenaufsicht hatte und mir zumindest temporär Schutz geben konnte, sondern dass oft niemand da war.

Die Beleidigungen und die bösartigen Nachrichten, die heute auf mich einprasseln, haben eine andere Qualität als irgendwelche Hänseleien in der Schule. Irgendwann, als ich anfing zu modeln und Fotos von Kooperationspartnern hochlud, gab es zum Teil anstößige und sexuell aufgeladene Kommentare. Über meine angeblich aufgespritzten Lippen, über mein Gesicht. So, als wäre das gar nicht ich, sondern nur eine Figur, an der man seinen Hass entladen konnte. Die Leute, die mir auf Instagram schrieben, sahen sich auch oft im Recht. Für die war und ist es bis heute normal, mir Beleidigungen an den Kopf zu werfen, und ich bin in ihren Augen das Problem.

»Selbst schuld, wenn du solche Fotos hochlädst«, ist da oft der vorherrschende Tenor – bevor mir dann von einem anonymen Nutzer gesagt wird, wie unfassbar hässlich ich denn sei. Über die Jahre belastete mich die ständige Auseinandersetzung mit solchen Nachrichten psychisch, denn sie kamen ständig und zu jeder Tageszeit – von mir unbekannten Männern oder Typen, für die ich in diesem Moment kein Mensch war, sondern nur jemand, der plötzlich im Newsfeed auftauchte.

Im Entstehungsprozess dieses Buches, das Betroffenen, die Cybermobbing erfahren, helfen soll, war der Hass wieder da. So lud ich beispielsweise während der Corona-Pandemie ein Foto in Unterwäsche hoch – das Ganze war mit einem Kooperationspartner entstanden. Ich taggte das Bild unter »my Corona Body« und dachte mir nichts weiter dabei. Ich legte das Handy auf den Tisch und fing an zu kochen. Aber als ich die Inbox meines Handys aufmachte und die Kommentare las, war ich geschockt. Die Worte unter dem Bild waren zum Teil nett, aber zum Teil mehr als grenzwertig. Da standen Sachen wie: »Deine Vagina sieht schön aus, einfach nur pretty!« oder »Richtig geile Fickschnitte, die Cheyenne!«

In diesem Moment stand ich am Küchentisch in meiner mittlerweile eigenen Wohnung in Berlin und begann, unkon­trolliert zu zittern. Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen Moment. Mein Freund stand in der Küche und war damit beschäftigt, rote Zwiebeln zu schneiden. Wortlos legte ich mein Handy wieder weg und ging, ohne etwas zu sagen, ins Bad. Als ich mich im Spiegel sah, spürte ich, wie mir die Tränen kamen. Ich weinte. Erst schluchzte ich kurz, dann konnte ich die Tränen nicht mehr stoppen. Es war nicht so, dass ich meine Gefühle gegenüber meinem Freund zurückhalten wollte, aber ich hatte nicht damit gerechnet, einfach so losweinen zu müssen. Aber in diesem Moment wurde mir einfach alles zu viel.

Als ich verheult aus dem Badezimmer kam, sah mich mein Freund erschrocken an. »Cheyenne?! Ist alles okay bei dir?!« Er nahm mich fest in den Arm und drückte sich an mich. Und in diesem Moment, als er mich fragte ob »alles okay« war, kam diese tiefe Traurigkeit, die seit den ersten Mobbingattacken in der Grundschule in mir schlummerte, wieder zum Vorschein. Ich musste wieder weinen. Aber diesmal richtig. Ich bekam einen Nervenzusammenbruch und fiel meinem Freund in die Arme. Unter Tränen rief ich meine Mama an, und wir fuhren zu ihr. Sie zeigte mir eine spezielle Atemübung, und nach einer Stunde hatte ich mich wieder beruhigt. Aber bis dahin war ich wie blockiert. Als ich wieder zu Hause war, löschte ich das Bild, das ich aufgenommen hatte, und speicherte in meinem Highlight-Ordner eine Notiz, dass ich das Bild aufgrund sexueller Kommentare löschen musste. Ich fühlte mich einfach besser damit. Gern würde ich jetzt dazu erzählen, dass diese Geschichte eine Geschichte aus meiner späten Vergangenheit ist. Etwas von früher, ein Relikt aus grauer Vorzeit. Aber dem ist nicht so.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
30 temmuz 2025
Hacim:
217 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9783831270576
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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