Kitabı oku: «Kalypsos Liebe zum kalten Seerhein»

Yazı tipi:

Chris Inken Soppa

KALYPSOS LIEBE ZUM KALTEN SEERHEIN

Roman

Literaturverlag Josefine Rosalski, Berlin 2015

INHALT

Cover

Titel

SEERHEIN

PARADIES

WOLLMATINGEN

PARADIES

SEERHEIN

BAHNHOFSTRASSE

INDUSTRIEGEBIET

HAUPTFRIEDHOF

BODANPLATZ

MARKTSTÄTTE

MUSIKERVIERTEL

PARADIES

SEERHEIN

PARADIES

MUSIKERVIERTEL

MÜNSTERPLATZ

PARADIES

PETERSHAUSEN-WEST

PARADIES

NIEDERBURG

PETERSHAUSEN-OST

SEERHEIN

PARADIES

Impressum

SEERHEIN

Fluss-Seeschwalben stürzen sich auf die Wellen. Ein Vater in Wanderschuhen, grauer Hose und kariertem Hemd hält seinen kleinen Sohn Richtung Himmel und ruft, schau mal, Harry, so viele Vögel! Das Kind reagiert mit piepsendem Lachen und greift ins Leere. Schmale, weiße Flügel kämpfen um Auftrieb, zierliche Körper stechen im freien Fall nach unten.

Niks tut es den Vögeln nach und wirft sich Kopf voran ins Wasser. Die Kälte hüllt sie von allen Seiten ein, blau-grünes Sonnenlicht und Luftblasen machen ihr klar, wie abrupt die Tiere hier unten gebremst werden. Sie entdeckt keinen einzigen Fisch, obwohl sie die Augen weit offen hält. Nur schwimmende Ahornblätter, deren Schatten flüchtige Punkte auf dem klaren Kiesgrund ergeben. Niks schwimmt langsam und geduldig. Die Fluss-Seeschwalben sind viel schneller, doch auch sie beweisen Geduld. Ein erfolgloser Sturz nach dem anderen, erneutes Gen-Himmel-Steigen, Flügelanlegen, Fallenlassen.

Die Oktoberkälte zwingt Niks, sich trockenzureiben, bis ihre Haut heiß und rot wird. Beide Arme wirbeln im Kreis, Blut und Wärme müssen zurück in die Fingerspitzen. Niks legt sich das Handtuch über die Schultern, drückt Wasser aus ihren Haaren. Ein gelbes Ahornblatt ist mitgekommen und klebt an ihrem Oberschenkel. Sie nimmt den Stiel zwischen Daumen und Zeigefinger, löst das Blatt, lässt es zu Boden trudeln. Über dem Wasser fallen immer noch Vögel vom Himmel, machen letzte Beute vor ihrem langen Flug nach Süden.

Die Kälte ist ein sicheres Mittel gegen die alltägliche Trübsal des Alterns. Wenn ein Körper verfällt, wird er traurig. Dumpf drückende Gliedmaßen, die morgens nicht aus dem Bett kommen wollen. Ein Mund, der nicht sprechen möchte, weil er trocken ist und klebt. Unklare Schmerzen, die auftauchen und wieder spurlos verschwinden, um sich an anderer Stelle festzusetzen.

Noch vor knapp acht Monaten saß Niks im regionalen Nachrichtenstudio und las stündlich Meldungen in den Äther. In kurzen und längeren Berichten kam die Welt zu ihr auf den Bildschirm. Niks wählte die Texte aus, schrieb sie um und schickte sie mündlich weiter, ohne ernsthaft zu glauben, dass ihre Worte nach draußen gelangten. Durch die Glasscheibe ihrer schallgepolsterten Zelle sah sie nur die Techniker. Es waren die Techniker, denen sie vorlas. Nette Jungs, höflich, aufmerksam, immer ein wenig altmodisch wirkend, mit ihren langen, zum Zopf zurückgebundenen Haaren, ihren Streberbrillen und karierten Hemden. Fast alle spielten in einer Band, wenn sie freihatten. Oder sie produzierten elektronische Musik auf ihren Rechnern, Stücke mit hoher Frequenz und gelegentlichem Flimmern.

Zum Schluss hatte Niks selbst mit der Weitsichtbrille Mühe, die kleinen Zeichen auf dem Monitor zu verstehen. Manchmal sehnte sie sich zurück in die Zeit, als Meldungen noch per Telex und Tonband bei ihr eintrafen, Worte und Stimmen noch gegenständlich waren. Man konnte Satzteile abschneiden, neu zusammenkleben und in den Müll werfen, wo sie als braune Magnetbänder so lange offen liegen blieben, bis die Putzfrau sie holte. Manchmal ließ Niks ein Stück Band in den Mülleimer rutschen und stellte später fest, dass sie es doch noch brauchte. Ein achtlos weggeworfener Tonschnipsel verbarg sich perfekt zwischen hundert stummen, teilnahmslosen, nahezu identischen anderen. Man musste den Mülleimer auf dem Studioboden ausleeren, alle Schnipsel aus dem Haufen ziehen, mit der Hand entwirren und sie dann durchs Tonbandgerät laufen lassen. Man stieß auf Versprecher, Knacklaute, Atmen, Schmatzen oder Flüche. War der entscheidende Schnipsel schließlich gefunden, hatte man ihn sicher. Kein Zentralcomputer konnte ihn mehr löschen.

PARADIES

Niks wickelt sich in ihr Handtuch, steigt in Socken und Schuhe und überlegt, in welcher Jackentasche sie ihren Hausschlüssel vergessen hat. Sie braucht nur fünf Minuten bis nach Hause, kommt in ihre Wohnung, hängt die nassen Klamotten über den Badezimmerständer, bringt den Wohnzimmerofen zum Brennen und lässt sich seufzend mit einer Tasse Tee an ihrem Küchentisch nieder. Die Wohlfühlkälte in ihrem Körper wirkt wie eine aufputschende Droge, von der sie nur sparsam kosten darf.

In ihrer Wohnung ist es still, ganz anders als in der Kindheit bei ihren Großtanten. Das Ticktack der Standuhren musste damals in den Abendstunden gestoppt werden, damit ein kleines Mädchen namens Nikola Berger ruhig schlafen konnte. Bei Niks sind heute alle Uhren stumm, Radio und Fernseher ausgeschaltet, Fenster und Türen fest geschlossen. Als es klingelt, zuckt sie zusammen. Öffnet nur zögernd.

Wie eine bunte Woge platzt ihre alte Freundin Ulla Laurenz ins Zimmer: plumpe Glieder, viel Stoff, eine wuchtige Erscheinung, die schwer an sich selbst trägt. Sie runzelt die Stirn. Warst du etwa wieder im Seerhein baden?

Niks nickt. Komm doch rein.

Ulla zieht sich umständlich die Schuhe aus. Dein Herz wird dir das noch mal heimzahlen.

Kannst sie ruhig anlassen bei mir.

Ulla ächzt ein wenig, während sie sich schwankend auf den linken Fuß stellt, um den rechten Schuh von sich zu wuchten. Überall heißt es doch, wir sollten wieder barfuß gehen.

Niks schließt die Tür. Aber nur mit ärztlichem Attest. Möchtest du Tee?

Zimperlich lässt sich Ulla auf einem Küchenstuhl nieder. Sie bewegt ihre Zehen, als fürchtete sie, etwas Gefährliches könne sich von dort auf ihrem ganzen Körper ausbreiten. Es ist nicht einfach, in Niks’Vorratsschrank eine Teesorte zu finden, die Ullas Gemütslage entspricht. Doch endlich hält sie eine Tasse dampfenden Honig-Rooibos in den Händen und ist bereit, einen Schokokeks zu sich zu nehmen. Wenigstens Niks weiß, was Ulla sich wünscht. Ihre drei unmöglichen Kinder hingegen haben keine Ahnung. Sie wollen mir eine Donau-Kreuzfahrt zum Geburtstag schenken, stell dir das mal vor! Eine Donau-Kreuzfahrt! Dabei wollte ich immer nach Alaska fahren und kalbende Gletscher sehen. Mein ganzes Leben lang wollte ich das. Mein ganzes Leben lang bin ich von meinen eigenen Kindern verkannt worden.

Niks ist sich nicht sicher, was man von Kindern zu erwarten hat. Zwischen ihr und ihrer eigenen Mutter gab es nur selten innige Momente. Mit ihrer Ankunft am 30. April 1945 hat Niks das Leben ihrer Mutter zerstört. Welch böses Geschick – und nicht einmal ein Vater dazu, hieß es hinterher in der Verwandtschaft. Angeblich weinte ihre Mutter tagelang, als sie vom Tod des Führers erfuhr. Wir haben uns furchtbar um sie geängstigt, erzählten die Großtanten. Als sie mit dir in den Wehen lag, schrie sie unaufhörlich seinen Namen. Sie war so schwach, hatte so viel Blut verloren, und dann so ein Schlag, davon erholte sie sich nur langsam. Du warst ein greinendes, kümmerliches Ding. Wir hielten es für unsere Pflicht vor dem Herrgott, dich hochzupäppeln, dabei hatten wir ja selbst nichts mehr. Mit unseren letzten Groschen kauften wir Milch, die du sofort wieder ausgespuckt hast. Du warst immer schon starrsinnig, genau wie deine Mutter.

Ulla schiebt sich den Keks in den Mund, kaut rasch und gründlich. Ihre Enttäuschung untermalt sie mit großer Geste. Einst war Ulla die Frau mit der größten, erotischen Wahlfreiheit an der frisch gegründeten Universität. Kommilitonen beiderlei Geschlechts pflegten ihr heimlich Zettel zuzustecken. Trugen ihr die Bücher. Luden sie zum Essen ein. Ständig wurde sie von neuen Verehrern angesprochen. Und sie erwartete so viel von sich! Während Niks träumerisch abwesend einen Schritt rückwärts trat, war Ulla mittendrin, lebendig, redend, gestikulierend. Voller Andacht las sie die Werke von Marx und Descartes, Freud und Wittgenstein und war gleichzeitig überzeugt, jünger, kühner und weiser zu sein als sie alle. Es schien damals kaum etwas zu geben, das sie sich nicht zugetraut hätte. Doch nach ihrer Affäre mit einem Jahrzehnte älteren Geschichtsprofessor versank Ulla im Traditionellen. Heiratete einen Doktoranden. Statt eines Verlages gründete sie eine Familie. Legte ihre Dissertation unfertig beiseite. Sie hielt sich für zu intelligent, zu sensibel und von neuen Reizen zu schwer ergriffen, um sich nur auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Ein Nervenzusammenbruch folgte, diverse Klinikaufenthalte, schließlich die Diagnose ADS. Sie legte sich ein perfektes Leben zurecht, das sie bis heute nachzuspielen versucht.

Meine Kinder denken nur an sich selbst, sagt Ulla bitter, und Niks schiebt sich die Ärmel ihres Bademantels über die Ellenbogen. Die Erfrischung, die der Seerhein ihr mitgegeben hat, ist schon längst dahin.

Die jungen Techniker vor der Glaszelle hatten oft neue Klänge für Niks dabei. Fühlten sie sich geschmeichelt, weil sich eine Frau für ihre Musik interessierte, die so deutlich älter war als sie selbst? Das Meiste blieb für Niks unverständlich. Reihen tonloser Lieder, die häufig so klangen, als ließe sie jemand rückwärts durch einen Kassettenrecorder laufen. Doch manchmal war ein Stück dabei, das ihr die Welt farbiger machte. Dann zog sie sich eine Kopie, um die neu entdeckte Musik stundenlang mit sich herumtragen zu können, und signalisierte den Jungs ihre Dankbarkeit. Darüber schienen sie sich zu freuen.

Nur wenige Männer fanden einst Gefallen an Niks. Ihr Körper war zu geradlinig, um als »fraulich« bezeichnet zu werden, und sie nickte und lächelte nicht gerne. Männer bevorzugten weiche, runde Frauen wie Kissen, in die sie hineinfallen und in denen sie herumwühlen konnten. Frauen, die sich so zart und kindlich kichernd gaben, als hätte die Realität sie bereits überwältigt.

Deine Augen sind so klar, sagte Ferdinand an Niks’ einundzwanzigstem Geburtstag. Er war der erste »Bekannte« ihres Lebens. Er brachte ihr mitten im Winter einen Fächer mit. Einen dunkelbraunen, verziert mit stilisierten Abbildungen von Vögeln und Schmetterlingen. Sobald sie ihren Griff ein wenig lockerte, fiel der Fächer in ihrer Hand auseinander. Sie wusste nicht, was sie damit anfangen sollte, und vergaß ihn im Café.

Du bist so unaufmerksam, klagte Ferdinand, als müsste ihr Blick ständig auf ihm ruhen, ihm folgen, ihm applaudieren. Manchmal packte er sie am Kinn und zwang ihr Gesicht zu sich. Sie schloss die Augen. Er trug den strengen Seitenscheitel der frühen sechziger Jahre, dazu graue, enge Anzüge und eine dicke Hornbrille. Er redete von Autos, seinem alten VW Karmann, den er durch einen Mercedes ersetzen wollte. Von einer Eigentumswohnung und seinem wichtigen Job bei Siemens. Seine knöcherne Unförmigkeit ging Niks bald auf die Nerven. Sie verstand ihn nicht. Wieso erzählte er ihr das alles, wo er doch nie von Liebe sprach? Oh ja, von Heirat redete er ständig. Vom Verlobungsring, den er ihr kaufen wollte.

Ihre Frage brachte ihn aus der Fassung.

Liebe, sagte er mit langen Zähnen, als hätte er etwas Ekliges gegessen. Darüber spricht man nicht. Das macht man bloß.

Niks ließ es zu, hinten auf dem Rücksitz seines Karmanns. Ferdinand war noch trockener als sie selbst. Zu allem Unglück wurden die beiden von einem berittenen Polizisten entdeckt, der an das Fahrerfenster klopfte und wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses mit einer Verwarnung drohte. Das Zittern in Ferdinands Stimme verriet Niks, was in seinem aufgescheuchten Hirn vor sich ging. Eine Anzeige, Entlassung, kein Daimler, keine Eigentumswohnung. Und keine Heirat. Jedenfalls nicht mit ihr. Wenn ich das gewusst hätte, sagte er. Dass du dich so schnell mit jemandem einlässt. Es überraschte Niks, wie erleichtert sie sich fühlte. Einem Mann offen ins Gesicht zu sehen und dabei Nein zu sagen, war eine schwierige Übung für ein gerade erst volljährig gewordenes Fräulein.

Andere Bekanntschaften folgten, doch immer schien etwas zu stören. Vielleicht lag es an ihrer Stimme, zu durchdringend, zu sonor für eine junge Frau. Erst Jahre später durfte sie ans Radiomikrofon. Du bist ein echter Charakter, sagte ihre Freundin Ulla, und Niks wusste nicht einmal, ob das freundlich gemeint war.

Morgens fühlt sie sich, als wäre das Alter tatsächlich bei ihr angekommen, einem fremden Organismus gleich, der sich ungefragt und mitleidlos in ihr breitmacht. Tagsüber versucht sie, über ihre sechsundsechzig Jahre zu lachen, sie als bloße Zahl zu verstehen, doch das Aufwachen zeigt ihr brutal, was noch vor ihr liegt. Ihre Knochen scheinen spröde, ihr Gaumen ist schuppig und heiß und schmeckt nach vergammeltem Fleisch. Ihre Gelenke wirken eingerostet. Niks liegt minutenlang flach auf dem Rücken, starrt in die beginnende Helligkeit hinter den Lamellen der Fensterläden, denkt über Inkontinenzwindeln, Treppenlifte und Rollatoren nach. Irgendwann gelingt es ihr, sich vorsichtig zu drehen, zu wenden, einen Schluck Wasser zu trinken, ihre Beine dem neuen Tag entgegenzurecken, bis ihr Körper wieder ganz ihr selbst gehört. Es verblüfft sie, wie schnell sie das Alter doch noch abstreifen kann, als wäre es ein schwerer, unansehnlicher Fetzen, den sie ungestraft mit Füßen treten darf.

In den siebziger Jahren interviewte sie eine Frau, deren Ehemann als Chauffeur bei einer Terrorattacke ums Leben gekommen war. Die Frau reagierte überraschend sanft.

Ich trauere nicht um ihn.

Sie wirkte schmal, vom Leben aufs Nötigste abgeschliffen. Ihre Hände lagen demütig und flach auf dem Tisch. Zwei glückliche Familien beim Sonntagsspaziergang, hatte Niks als Kind beim Betrachten ihrer eigenen Hände gedacht. Der Mittelfinger war Papa, der Ringfinger Mama, der spitz zulaufende Zeigefinger die ältere Tochter, der kleine Finger der Sohn und der Daumen der Familiendackel. Auch die Hände der Chauffeursfrau stellten Familien dar. Die linke Tochter war der linken Mama allerdings schon über den Kopf gewachsen. Dafür war die rechte Tochter blau, blutunterlaufen und gestaucht und der rechte …

Ein lebloser Daumen, der in unerhörtem Winkel nach unten stand, als hätte ihn jemand mehrfach aus- und wieder eingerenkt. Die Haut spannte sich gelb, lila und weiß glänzend darüber. Dazwischen die roten Sprenkel gerissener Äderchen.

Sein Leben war hart. Die Chauffeursfrau klang gleichgültig. Tag und Nacht wurde er hinausgeklingelt, musste stundenlang im Auto warten. Zuerst hat er gelesen, um sich die Zeit zu vertreiben. Dann fing er an zu trinken …

Niks hielt ihr Mikrophon fest, starrte auf die verletzte Familie, bis die Frau erneut zu sprechen begann.

Eine schreckliche Arbeit. Diese anspruchsvollen, hohen Herren, die immer alles sofort haben wollten. Er war nicht geschaffen dafür. Er kam mit Albträumen wieder, weil er Sachen erfuhr, die er gar nicht hätte wissen dürfen. Ich sollte zu Hause bei den Kindern bleiben. In Sicherheit. Das hat er mir schließlich missgönnt.

Die Stimme der Frau wurde kieselhart. Es geht niemanden etwas an. Oh ja, das hat er mir selbst gesagt. Die Familie, die Familie. Ich solle die Familie nicht zerstören. Das habe ich auch nicht, und jetzt bin ich frei.

Zwischen ihren Lippen brach ein strahlendes Lächeln hervor.

Als das Telefon klingelt, hat sich Niks gerade ein Hörnchen in Alufolie auf der Herdplatte erwärmt und ist dabei, es in eine große Tasse Milchkaffee zu tunken.

Niks? Nikola Berger? Eine Frauenstimme.

Am Apparat. Als spräche Niks in ein Bakelit-Wandtelefon! Wer ist denn da?

Karen. Karen Eno. Weißt du noch? Ich bin die Freundin von Nadine.

Nadine. Die Praktikantin, die vor über zwanzig Jahren beim Nachrichtensender arbeitete und in Konstanz kein Zimmerfand. Niks nahm sie für vier Wochen auf und betreute ihre Arbeit. Im darauffolgenden Jahr kam Nadine als Volontärin wieder und brachte ihre Freundin Karen mit, die ihr erstes Radiopraktikum absolvieren wollte. Niks besorgte den beiden ein WG-Zimmer. Viele Stunden ihrer knapp bemessenen Freizeit verbrachten die jungen Frauen damals mit Niks. Erst als Nadine und Karen heirateten und Familien gründeten, verloren sie einander aus den Augen. Aus den Weihnachts- und Osterpostkarten, die gelegentlich bei ihr eintreffen, hat Niks erfahren, dass Nadine in Genf wohnt, zwei Töchter hat und mit einem Doktor der Teilchenphysik liiert ist. Über Karen weiß sie weniger. Karen ist geschieden, hat ihren Mädchennamen wieder angenommen und lebt mit ihrem Sohn irgendwo im Thurgau.

Karen? So eine Überraschung!

Also erinnerst du dich noch an mich?

Aber natürlich. Karen Eno. Die dänische Primaballerina.

Karens deutsche Mutter starb früh; ihr dänischer Vater investierte viel Zeit und Geld in das Ballettprogramm seiner Tochter. Mit siebzehn war sie so magersüchtig, dass ihre Knochen brachen wie Glas. Die lange Therapie bohrte eine Pause in ihr ehrgeiziges Trainingsprogramm, von der sich ihre tänzerischen Leistungen nie wieder erholten. Da stand sie nun, mit einem auf Normalmaß hochgemästeten Körper, ohne die geringste Ahnung, wie ihr Leben weitergehen sollte. Zum Radio kam sie durch Nadine. Ihre Härte, die einst eine vielversprechende Tänzerin aus ihr gemacht hatte, zahlte sich nun aus. Schon als Praktikantin kannte sie keine Gnade. Altgediente Redakteure gaben zu, sich vor ihr zu fürchten. Niks jedoch empfand Mitleid mit ihr, dieser schlanken, zierlichen, jungen Frau mit dem hochgesteckten, dunklen Haar und dem kühlen Blick, deren schnappende Atemzüge von der Angst zeugten, erneut zu versagen.

Du hast mich nie tanzen sehen. Selbst heute klingt Karen noch einschüchternd.

Niks erkundigt sich nach dem Sohn.

Gut. Es geht ihm gut, sagt Karen. In zwei Tagen wird er einundzwanzig. Stell dir das vor. Ab übermorgen darf er eine Lok fahren, ein Kind adoptieren und sich zum Landrat wählen lassen. Es macht mich alt, Niks.

Niks seufzt in ihre Sprechmuschel und fragt sich, wer ihr eigentlich verbietet, einfach aufzulegen. Der Milchkaffee ist sicher nur noch lauwarm, das Hörnchen hoffentlich nicht in die Tasse gerutscht.

Ich mach mir Sorgen um ihn, sagt Karen. Wir haben ihn ohne Fernseher aufwachsen lassen, ohne Computer und den anderen technischen Kram. Mit sechzehn hat er einem anderen Jungen das Notebook geklaut. Na ja, ich musste ihn dann für ein Jahr aufs Land schicken. Auf eine Montessori-Erdkinder-Erfahrungsschule. Ein Jahr körperliche Arbeit auf dem Feld und im Stall. Es tat ihm so gut, weißt du. Er hat hinterher sein Abi gemacht, und nun will er Journalist werden. Ich bin richtig stolz auf ihn. Aber vielleicht kommt er unter die falschen Leute. Deshalb wollte ich dich bitten …

Er braucht einen Praktikumsplatz?

Er fängt nächsten Monat beim Sender an, als Volontär. Könnte er nicht anfangs bei dir wohnen, bis er sich eingelebt hat? Die Zimmer sind ja teurer denn je. Am liebsten würde ich mitkommen, aber ich habe gerade bei unserer evangelischen Gemeinde eine neue Stelle als Internet-Redakteurin angenommen. Außerdem finde ich, dass Hek endlich auf eigenen Füßen stehen sollte.

Niks schließt die Augen. Hätte Hektor nicht lieber ein Zimmer in einer WG mit Gleichaltrigen, fragt sie. Ich weiß ein paar Leute, die bestimmt etwas für ihn auftreiben würden.

Für den Anfang sollte er erst mal bei dir sein. Karen klingt ungerührt. Dann können wir ja sehen. Du wohnst doch immer noch in deiner großen Wohnung, oder? Hek könnte für dich einkaufen gehen oder deine Fensterscharniere reparieren oder so was. Er kann jetzt gut mit den Händen arbeiten.

Er müsste aber trotzdem Miete zahlen.

Aber bitte einen Freundschaftspreis. Mein Lohn bei der Gemeinde ist nämlich nicht so doll, sagt Karen gespielt ergeben. In ihrer Härte und Beharrlichkeit ist ihre Stimme kaum gealtert. Niks erinnert sich an eine gemeinsame Wanderung im Mainauwald mit Karen und Nadine. Karen trug den Rucksack mit den Flaschen, mit Würsten, Brot, Kuchen und hartgekochten Eiern auf dem Rücken. Sie stolperte über eine Baumwurzel und landete bäuchlings im Farn. Nadine und Niks zogen sie hoch, wollten ihr den Rucksack von den Schultern nehmen, doch Karen wehrte sich. Es ist nichts, ist okay, gehen wir weiter. Sie stopfte sich das herausgerissene Hemd zurück in die Hose und ging vor den beiden anderen her, als wäre nichts passiert. Den Rest des Tages blieb sie stiller als sonst. Selbst der mitgebrachte Heidelbeerlikör, der Nadine und Niks schon nach wenigen Gläsern an den Rand der Geistlosigkeit gebracht hatte, schien bei ihr nicht anzuschlagen. Irgendwann fing Nadine an, Karen zu foppen. Niks war zu betrunken, um sich einzumischen. Sie saß auf ihrem Baumstumpf und hörte zu. Du Musterschülerin, sagte Nadine, gehst du zum Lachen eigentlich in den Keller? Hast du schon mal was Sinnloses getan, bloß weil es dir möglich ist? Du bist ja zerfressen von Ehrgeiz. Ich wette, du kannst das Wort Freude nicht mal buchstabieren. Soll ich es für dich tun? F-R-E-U-D …

Irgendwann stand Karen dann auf, packte Essensreste, Schnapsflasche, Gläser und Geschirr wortlos in ihren Rucksack und ging davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Am nächsten Tag kam sie mit einem Leistenriss ins Krankenhaus. Eine Woche später gab Nadine ihr Volontariat vorzeitig auf, Niks hat nie erfahren, warum. Und Karen übernahm die freigewordene Stelle.

Am Mittwochnachmittag also will sie ihren Sohn zu Niks bringen.

WOLLMATINGEN

Am Abend veranstaltet der Naturschutzbund sein Herbstgrillfest. Die Fluss-Seeschwalben haben die installierten Brutflöße dieses Jahr gut angenommen, das feiert man mit einem Freudenfeuer, Stockbrot und Biowürstchen. Im Tipi gibt es Zwiebelkuchen und Apfelmost. Die Sonne verkriecht sich hinter roten Wolken, die ersten Fackeln brennen bereits, und Niks hüllt sich fester in ihren alten Wollponcho, der den Rauchgeruch früherer Feste in sich trägt. Alle um sie herum sind jünger als sie. Anfangs fühlte Niks sich fremd zwischen den engagierten Ehepaaren. Deren lebhafte Erzählungen von Sitzblockaden in Gorleben, am Frankfurter Flughafen oder im Wendland erinnerten Niks vor allem an die Glaszelle, in der sie Tag für Tag saß, um das Geschehene in trockene, verständliche Sätze zu packen.

Neben ihr sitzt Julia, eine schmale Ornithologin mit fünf Kindern und einem Mann, der sein halbes Leben auf der Rainbow Warrior verbracht hat. Heute kauert er vor dem Feuer und hält fünf Stockbrote in die Flammen. Julias Blick ist liebevoll-nachsichtig. Sie zieht eine Tupperdose aus ihrem Rucksack und bietet ihren zwei jüngsten Kindern Apfelstückchen daraus an. Nächstes Jahr könnten wir noch mehr Brutflöße bauen, sagt sie zu Niks. Herrmann wird das beantragen.

Als hätte Herrmann sie gehört, nimmt er die fünf Stöcke in die rechte Hand, dreht den Kopf und winkt mit der Linken. Dann wendet er sich wieder dem Feuer zu.

Ich hoffe, dass er dieses Jahr daheim bleibt, nickt Julia. Max ist in der vierten Klasse und wird sie nicht so leicht schaffen wie die zwei anderen. Es ist eine schwierige Zeit für ihn und für uns, und Herrmann muss mithelfen. Er hat eine Vollzeitstelle bei Greenpeace angeboten bekommen. Das Meiste wäre einfacher Redaktionskram, den er von daheim aus erledigen kann. Höchstens ein Mal in der Woche würde er nach Stuttgart fahren. Er wollte unbedingt fünf Kinder, also soll er sich auch Zeit für sie nehmen. Julias hageres Gesicht ist alltäglich, ein Gesicht, das sich in sprechende Quer- und Längsfalten legen lässt.

Klingt prima. Niks nimmt Herrmann zwei Stockbrote ab und reicht sie weiter. Julias jüngste Kinder Noah und Lena tauchen unter der Bierbank hervor und krähen lautstark nach Futter. Ungestüm schiebt sich Lena ein Brot in den Mund, verbrennt sich die Lippen. Das Brot fällt zu Boden.

Ruhig, Lena, ruhig. Julia hält ihre heulende Tochter mit der linken Hand auf der Sitzbank und kramt mit der Rechten in ihrer Handtasche aus Lastwagenplanen, um ein winziges, braunes Fläschchen hervorzuholen. Sie schraubt es auf, ohne die Linke zu Hilfe zu nehmen, und träufelt Lena ein paar Tropfen auf die verbrannte Stelle. Das Kind brüllt. Der Bruder steht dicht daneben und nagt gedankenvoll an seinem Brot. Schmeckt’s, fragt Niks, doch Noah hat kein Interesse an ihr. Die Aufmerksamkeit, die seine Schwester erregt, scheint ihn zu ärgern. Lena tut der ganze Mund weh, und ihre Mutter redet beschwichtigend auf sie ein. Greenpeace-Herrmann kauert mit den verbliebenen Stockbroten vor dem Feuer, umringt von seinen drei Ältesten. Niks muss an ein Wolfsrudel denken, hochkonzentriert und gleichzeitig halb wahnsinnig vor Hunger. Doch als Herrmann vorsichtig über die Brote bläst und sie seinen Kindern überreicht, nehmen sie die Stöcke behutsam entgegen. Nacheinander fragen sie ihn, ob er auch mal beißen will, und jedes Mal nickt er und knabbert mit geschürzten Lippen ein kleines Stückchen ab. Dann essen die Kinder. Herrmann sieht ihnen zu. Im warmen Feuerschein wirken ihre Gesichter kupfern und schattig.

Wie wär’s mal mit Glühmost?

Niks nimmt den angebotenen Becher dankbar entgegen; die Herbstkälte zieht ihr in die Finger und lässt sie taub werden, doch Julia schüttelt den Kopf. Nicht für mich.

Alex, der Zivi, hält sein Glühmosttablett hoch und erklärt Julia, dass es auch alkoholfreien Kinderpunsch gebe. Er zeigt mit ausgestrecktem Finger auf das fackelbeleuchtete Tipi. Dort drin haben sie einen Riesentopf voll.

Niks trinkt ein paar Schlucke Most und schlägt Noah und der tränenverschmierten Lena vor, für Mama Punsch zu holen. Sie steht auf, nimmt die klebrigen Pfoten der beiden Kinder links und rechts in ihre Hände, steuert auf das Tipi zu. An Fasching bin ich auch Indianer. Lena tapst vorsichtig durch den Rindenmulch vor dem Zelteingang.

Du bist gar kein richtiger Indianer. Noah stößt sie in die Seite. Indianer heulen nie.

Gar nicht. Die Kinder weinen auch manchmal. Die Indianer haben doch auch Kinder, oder? Lena sieht bittend zu Niks hoch. Klar, sagt Niks. Jedes Kind weint mal. Und Erwachsene auch.

Aber Mama weint nie. Lena geht durch den Zelteingang und bleibt stehen, überrascht von der Wärme und dem strahlenden Licht der Glühlampen, die von der Decke baumeln. Die schimpft bloß immer. Noah trampelt Lena unsanft in die Hacken. Geistesabwesend tritt Lena zurück und trifft Niks am Schienbein.

Seid doch vorsichtig. Niks legt Lena die Hand in den Nacken und schiebt sie weiter.

Hinter der Theke steht eine junge Frau in Haremshose und Wolljacke, die in einem großen, dampfenden Kessel rührt. Sie lächelt freundlich auffordernd. Hallo Niks, sagt sie. Hast du deine Enkel dabei? Das ist ja nett! Niks schüttelt den Kopf, während Lena und Noah lautstark protestieren. Die sind von Julia. Wir wollen drei Mal Kinderpunsch, nicht wahr?

Die junge Frau schöpft Punsch in drei Tonbecher und stellt sie auf ein Tablett. Niks bezahlt. Noah versucht, das Tablett mit beiden Händen anzuheben, dann verlässt ihn der Mut, und er setzt es wieder ab.

Ich trage es schon, sagt Niks beruhigend. Aber ihr müsst mir die Zeltklappe aufhalten. Danke schön.

Die junge Frau winkt ihnen mit dem Stiel ihres Schöpflöffels hinterher. Niks nimmt das Tablett, lässt sich von den Kindern aus dem Zelt lotsen und ist verwirrt von der Dunkelheit draußen. Das Feuer brennt noch, aber sein Schein dringt nur trübe in die Gesichter der im Kreis sitzenden Menschen. Niks blinzelt. Ihre Augen brauchen so lange, sich an Helligkeitsunterschiede zu gewöhnen. Lena zerrt ungeduldig an einem Zipfel ihres Ponchos, und Niks lässt sich mitziehen, unsicher, halb blind, immer darauf bedacht, das Tablett in der Waage zu halten. Als sie wieder sehen kann, merkt sie, dass sie Tränen in den Augen hat.

PARADIES

Grünflächen machen eine Menge Lärm. Um sieben Uhr morgens rücken Laubbläser an, Äste werden gekappt und die Rasenmäher verabschieden sich röhrend in den Winter. Niks fragt sich, warum man die gefallenen Blätter nicht einfach lassen kann, wo sie sind. Ein durchschnittlicher PKW-Motor bringt es im Wohngebiet vielleicht auf sechzig Dezibel. So ein Laubbläser dröhnt gut und gern das Doppelte. Die Männer in Orange unten auf der Straße halten ihre Schläuche in den Händen, tragen Gehörschutz und tun so, als ginge sie das alles gar nichts an. Sie sind beauftragt, welke Blätter vor sich herzutreiben.

Niks steht am offenen Schlafzimmerfenster. Sie würde am liebsten etwas werfen. Stattdessen geht sie nach unten, tritt auf einen der orangefarbenen Männer zu. Ein Außerirdischer. Er hat eine bedeutende Nase, lächelt sie an, schiebt sich den Gehörschutz in den Nacken und stellt sogar den Laubbläser ab.

Die Kastanien, sagt er ernst. Sind von Miniermotten befallen. Wenn wir das Laub nicht wegmachen, nisten die sich im Winter dort ein und nächstes Jahr werden es noch mehr. Niks ist verblüfft, wie logisch das klingt. Als wäre er eigens geschult, die Fragen lästiger Anwohner zu beantworten.

Diese Bäume werden jedes Jahr früher gelb. Wenn sie absterben und wir sie weghauen müssen, wäre Ihnen das auch nicht recht, oder? Niks ist uninformiert. Doch der Mann in Orange scheint es ihr nicht übelzunehmen. Er lächelt noch immer.

Sehen Sie. Er startet seinen Motorbläser neu. Damit Sie auch im nächsten Jahr noch Freude daran haben. Die letzten Worte versteht Niks kaum mehr. Der orangefarbene Mann deutet eine Verbeugung an, tritt einen Schritt zur Seite und widmet sich wieder seiner Arbeit. Es verschließt ihr den Mund. Im Lärm trudelnde Blätter setzen sich mitten auf der Straße zu einem langen Streifen ab. In ein paar Minuten wird das Räumfahrzeug kommen und sie holen.

Der Gedanke an Karen und ihren Sohn lastet auf ihr. Sie will ihren Alltag nicht aufgeben, so eintönig er auch sein mag. Vielleicht sollte sie sich einen Hund kaufen und sagen, sie habe es sich anders überlegt. Niks stellt sich den Hund vor, einen blitzgescheiten Jack-Russell-Terrier mit hoher Sprungkraft, der unermüdlich Bälle apportiert und nach Steinen taucht. Sie würde ihn Förster nennen und ihm ein grünes Lodenjäckchen kaufen. In seinen Barthaaren würde er die Jahreszeiten mit nach Hause bringen: getauten Schnee, Blüten und Pollen, Laubfetzen. Sein Schlafplatz wäre im Flur oder in der Küche, und wenn ein Fremder unangemeldet einträte, würde er bellen.

Doch dann denkt Niks an Häufchen und schwarze Plastiktüten und muss lachen. Es ist zu demütigend, öffentlich hinter einem Hund herzuräumen. Soll sie sich das antun, bloß um einen jungen Mann loszuwerden, der garantiert sehr bald eine eigene Bleibe finden wird? Vielleicht hat sie Glück, und er ist einer von denen, die sich tagein tagaus hinter ihren Rechner verkriechen. Denn was sollte sie mit ihm reden? Wird Karen erwarten, dass sie ihm abends etwas zu Essen macht? Niks genießt ihre einsamen Mahlzeiten, die sie manchmal direkt aus dem Topf isst, den Löffel in der einen und ein Buch in der anderen Hand. Gemeinsame Mahlzeiten mag sie nicht. Sich mit anderen zu unterhalten und dabei verschmierte Münder und verklebte Zähne zu sehen, hat ihr schon in jungen Jahren den Appetit geraubt. Auch sie selbst bietet keinen schönen Anblick mehr. Nach jedem Bissen muss sie ihre Zähne heimlich mit der Zunge überprüfen, das gebietet der Anstand.

Sie nimmt sich vor, den Jungen zur Selbstständigkeit zu ermuntern und ihm die Küche zu überlassen. Vorausgesetzt, er macht sie hinterher wieder sauber. Hektor. Von Achill getötet und drei Mal um die Stadt geschleift. Was für eine Grausamkeit!

Niks tritt in ihr Gästezimmer. Ein bordeauxfarbenes Ausziehsofa, weiße Wände, an den hohen Fenstern Gardinen mit winzigen Blumenmustern. Kein Teppich, nur ein lackierter Dielenfußboden. Ein Biedermeiersekretär, den Niks vor Jahren in einem Auktionshaus gefunden hat, und an dem sie ihre immer kümmerlicher werdende Briefpost erledigt. In einem Fach steht ein Portraitfoto ihrer Mutter, in einem anderen ein buntes Bild von Karen und Nadine, Arm in Arm vor der untergehenden Sonne, verwuschelte Haare, bis in die Spitzen erleuchtet. Zwei erwartungsvolle, junge Frauen, in deren Blicken die ersten Zweifel bereits aufscheinen. Ein Einundzwanzigjähriger würde in diesem Zimmer lächerlich wirken. Sie stellt sich ihn vor, wie er mit schweren Schritten über den Dielenboden geht, sich auf den zierlichen Holzstuhl wirft, dessen Sitzfläche Niks erst kürzlich mit einem blau-grauen Streifenstoff hat beziehen lassen. Wenn er nun aggressiv ist, Drogen nimmt, seine wodkaverschwitzten, lärmenden Kumpels nachts um drei mit auf die Bude nimmt und alles kaputt haut? Was dann? Karen wird ihren Sohn in Schutz nehmen und Niks vorwerfen, sie sei viel zu empfindlich, zu verschroben, zu allein.

In der Nacht wacht sie auf, weil ihr wieder einmal einfällt, wie alt sie ist, wie wenig Zeit ihr noch bleibt. Der Gedanke überfällt sie im Halbschlaf. Ein weiterer Tag will zornig von ihr wissen, warum sie ihn so vergeudet hat. Die Angst vor dem unbekannten, endgültigen Datum lässt sie nicht wieder einschlafen. Sie denkt an ihren Phantasiehund Förster und beneidet ihn um seine Ahnungslosigkeit. Hunde träumen nicht vom Tod. Hunde müssen sich auch keine Götter ausdenken. Ab und zu kommen Niks nächtliche Tränen, die stumm und unbemerkt in ihr Kopfkissen sickern. Ein ganzes Leben war sie allein, erst jetzt fühlt sie sich einsam. Falls sie demnächst sterben sollte, wird der junge Mann wenigstens den Bestatter rufen können. Sie lacht verhalten, mit Tränen im Mundwinkel, und schläft wieder ein.

Nun steht sie auf ihrem wettergeschützten Balkon und wartet auf Karen und deren Sohn. Feiner Nieselregen knistert auf den vertrockneten Kastanienblättern, die auf dem Holzrost liegen wie himmelwärts gekrümmte, gelbe Hände. Niks schließt die Balkontür, geht durch den Flur, rückt eine Blumenvase zurecht, schenkt sich ein Lächeln durch den Garderobenspiegel. Das Gästezimmer ist blitzsauber, gerade hat sie es noch einmal kontrolliert. Absurde Vorstellung, dass hier ein Einundzwanzigjähriger leben soll! Er wird laut auflachen und seiner Mutter hinter Niks’ Rücken vielsagende Blicke zuwerfen. Karen wird wütend sein, sich aber beherrschen. Sie werden zusammen Kaffee trinken und den Kuchen essen, den Niks vorhin vom Bäcker geholt hat. Danach werden sie sich für immer voneinander verabschieden.

Es klingelt. Niks geht zur Tür, drückt auf den Summer und hört Stimmen. Die von Karen klingt ernst und bestimmt. Der Junge hat den weichen Ton junger Studenten, deren lässige Wortwahl von einer überkorrekten Aussprache konterkariert wird. Zwei Hände rutschen auf dem Treppengeländer hintereinander her nach oben. Niks sieht einen roten Ärmelaufschlag, Karens Hand. Die Finger des Jungen werden von einem schwarzen Bündchen fast verdeckt.

Dann steht Karen vor ihr. Ihr dunkles Haar zeigt graue Strähnen, um den Bauch ist sie etwas voller geworden, doch die gespannte Haltung ihrer schmalen Arme und Beine verrät die einstige Tänzerin.

Karen lächelt. Hallo Niks. Das ist mein Sohn Hektor.

Niks weiß nicht, ob sie erst Karen oder den Sohn umarmen soll. Herzlich willkommen, tretet ein. Sie drückt Karen ein ungeschicktes Küsschen auf die Backe. Über Karens Schulter hinweg sieht sie dem Jungen ins Gesicht. Hektor, Sohn des Priamos. Der Trojaner. Ist das nicht eigentlich eine Kondom-Marke? Er hat strubbelige, hellblonde Haare, ungewöhnlich dunkle Augen und lächelt verlegen.

Hallo, Hektor, sagt Niks. Wie schön, Sie zu sehen.

Es folgt ein längeres Trara um die Aufbewahrung von Karens rotem Mantel. Der Nieselregen hat Mutter und Sohn völlig überrascht, und Karen befürchtet, das Mantelfutter könne einlaufen, wenn man es nicht sofort ins Warme bringt. Niks holt einen breiten Kaufhausbügel, um den Mantel im Bad aufzuhängen.

Ist es auch warm genug da drin, ruft Karen. Ich weiß doch, wie spartanisch du lebst. Aber wenn Hektor jetzt hier ist, wirst du hoffentlich nicht an der Heizung sparen.

Kopfschüttelnd hängt Niks den Mantel über den Bügel. Dem Jungen ist das alles deutlich peinlich. Er zerrt am Bündchenärmel seines feuchten Parkas.

Sie können ihn dort an die Garderobe tun. Niks zeigt auf einen Haken.

Die beiden sind mit leeren Händen gekommen; Hektors Gepäck liegt vermutlich noch im Auto.

Aufmerksam sieht sich Karen in der Wohnung um. Du hast ja ein modernes Wohnzimmersofa. Schön, wenn keine Kinder da sind. Die würden so einen weißen Bezug ganz schnell dreckig machen.

Ich bin mir sicher, Hektor macht keine Bezüge mehr dreckig, sagt Niks.

Karen wirft ihr einen todernsten Blick zu, während der Junge einen verklemmten Gluckser ausstößt und sich die schwarze Kapuze über den Kopf zieht. Ha ha, sagt Karen. Dein Humor war früher mal besser.

Niks möchte Karen missverstehen und nickt. Du hast recht. Früher war so vieles besser. Erinnerst du dich noch an unsere schönen Spaziergänge am See und im Mainauwald? Wie still es damals noch war. Heute haben sie überall diese Laubbläser.

Aus dem Gluckser des Jungen ist ein unwilliges Schnaufen geworden. Früher, früher, murrt er unter seiner Kapuze hervor, dann attackiert er seine Mutter: Wenn man euch zuhört, glaubt man, früher war das reinste Paradies. Die Sätze kommen stoßweise wie angestrengter Atem.

Karen legt ihm entschuldigend den Arm um die Schulter. Hek ist manchmal sehr emotional, das hat er von mir. Auf dem Land musste ich ihn jedes Wochenende besuchen. Und jetzt steht er davor, das Nest endgültig zu verlassen. Das ist schwer für uns beide, nicht wahr, Hekie?

Mit zuckenden Achseln duckt sich der junge Mann unter ihrer Umarmung weg. Karen bleibt allein stehen und fragt: Und? Was meinst du?

Niks sieht zu dem Jungen. Das müsst ihr entscheiden.

Er lächelt sie zum ersten Mal an. Er hat verstanden. Doch Karen lässt sich das Gespräch nicht entgleiten. Ich muss gar nichts entscheiden. Ich war von Anfang an dafür.

Niks legt sich einen Finger über die Lippen und sieht Hektor an.

Der Junge schiebt sich die Kapuze in den Nacken. Mal sehen, sagt er.

Hek, mahnt Karen. Weißt du eigentlich, wie viel die Zimmer in Konstanz kosten? Mit deinem Volontärssalär wirst du da nicht weit kommen.

Der junge Mann erstarrt, ihm stehen verstohlene Tränen in den Augen.

Niks hält es für das Beste, Karen nachzugeben. Nach drei, vier Wochen wird sie Hektor ein günstiges Zimmer zur Zwischenmiete suchen und ihm die langersehnte Freiheit schenken.

Sie sind hier jederzeit willkommen, Hektor. In der Hoffnung, dass er sie auch zum zweiten Mal versteht, zwinkert Niks ihm verstohlen zu.

Ich hätte Lust auf eine Tasse Kaffee, sagt Karen. Wir haben selbstgebackenen Kuchen mitgebracht.

Hektor sitzt im Gästezimmer auf dem Ausziehsofa und studiert den grauen Novemberhimmel. Da gibt es überhaupt nichts zu sehen, nur gelbe Linden und Hausfassaden in Gelb und Dunkelrot mit hellgrauen Einfassungen. Seine Mutter ist vor einer halben Stunde abgefahren, mitsamt ihren Vorschlägen und Anweisungen. Sie hat die beiden gedrängt, einander zu duzen und sie dann sich selbst überlassen. Auf welche Weise aber soll man einen einundzwanzigjährigen Jungen ansprechen, der sein ganzes Leben abwechselnd verhätschelt und herumkommandiert worden ist? Niks beschließt, den träumenden Hektor mit dem neugewählten Du und einer Schockfrage aus seiner Starre zu reißen.

Wie viele Mädels pro Nacht willst du denn mitbringen?

Er wendet sich langsamer um, als sie erwartet hat. In seinem lethargischen Blick glaubt sie, sich selbst zu erkennen: eine nutzlose, einsame, alte Frau, voller Neid auf die vielfältigen Vergnügungen der Jugend. Hektors Antwort ist leise und zögernd. Er hebt die Schultern. Seine braunen Augen liegen dunkel in seinem dämmerigen Gesicht. Niks schaltet die Lampe ein. Er blinzelt in das unangenehm grünliche Zwielicht der warm werdenden Energiesparbirne.

Sie wollen … du willst mich nicht hier haben, stellt Hektor fest. Das Licht überzeichnet seine blonden Haare so grell, als gehörten sie nicht zu ihm. Seine Schultern sind breit wie die eines Surfers oder Landarbeiters, sein dunkler Pullover ist großmaschig und zu einem dünnen Netz auseinandergezerrt; darunter entdeckt Niks ein helles T-Shirt, das lange Ärmel haben muss, sonst wäre ihm doch viel zu kalt. Nichts an ihm erinnert sie mehr an Karen; die unausgefüllte Stille ist der einzige Beweis, dass Karen eben noch hier war.

Hektor wendet den Blick wieder zum Fenster. Er wirkt viel gelassener, wenn Karen nicht dabei ist. Als wäre es ihm piepegal, was Niks von ihm hält. Niks kennt die jungen Leute, die sich Zeit lassen beim Reden. Aus deren Pausen keine Furcht spricht. Die sich phlegmatisch immer wieder korrigieren, bis sie ihren Gedanken korrekt formuliert haben. Unbeirrt gehen sie davon aus, dass man ihnen bis zum Ende zuhört.

Ich werd bestimmt bald etwas anderes finden. Hektor fährt sich mit den Fingern durch die Haare. Er stützt die Ellenbogen auf die Knie, sein Kinn in die Hände und starrt auf die dämmrigen Lindenwipfel, die im Lampenschein zu dunklen, spitz zulaufenden Silhouetten geworden sind..

Du kannst hier bleiben, solange du möchtest, sagt Niks.

Vielen Dank. Hektor richtet sich auf. Es ist nur …

Bitte?

Hektor lächelt. Ich muss morgen früh aufstehen. Kann ich zuerst ins Bad?

Ulla ist in Tränen aufgelöst. Ihre Stirn lehnt an Niks Schulter, sie heult wie eine Katze im Sack. Niks atmet mit Ullas Schluchzern mit, tätschelt Ullas Schulter. Ihr Pulli ist vorne schon ganz durchweicht, und sie versteht nicht, was Ulla ihr sagen will. Ulla atmet Schleim und Pulloverstoff ein, ihre Äußerungen sind dumpf und unerfreulich.

Alte Leute sollten sich nicht so gehen lassen, findet Niks, das ist im wahrsten Sinne des Wortes überflüssig.

Was los sei, fragt sie.

Ulla legt den Kopf zurück und zeigt rotgeränderte, wässrige Augen. Mein Sohn. Er wird heiraten.

Ullas Sohn geht auf die Vierzig zu, ganz in Grau und zuverlässig. Sein Haaransatz hat sich bereits vor Jahren Richtung Tal verschoben. Niks hat es nicht für möglich gehalten, dass er jemals heiratet. Dabei ist er nett. Er sammelt alte Feuerwehrhüte und zur fünften Jahreszeit probiert er sie aus.

Die Schlampe kennt ihn noch nicht mal ein halbes Jahr, und jetzt ist sie schwanger von ihm, schluchzt Ulla.

Niks zupft an den feuchten Stellen ihres Pullovers. Das müsste dir doch bekannt vorkommen. Außerdem wünschst du dir einen Enkel.

Ulla schüttelt den Kopf. Meine Töchter sind beide Mitte dreißig und wissen genau, in welcher Welt sie leben. Da kann ich mich auf sie verlassen. Susi hat ihren Produktdesigner, und Gabi arbeitet bei der Deutschen Bank. Sie haben genügend Geld, Erfahrung und tickende biologische Uhren. Was passiert also?

Niks hebt beide Hände und mimt trockene Ratlosigkeit.

Gar nichts passiert, fährt Ulla fort. Die beiden sind völlig ausgereift. Ich hab keine Ahnung, worauf sie warten. Stattdessen ausgerechnet Peter.

Womöglich ist es seine letzte Chance, erwachsen zu werden.

Das sagst ausgerechnet du, kreischt Ulla.

Niks fürchtet, Ulla könnte sie wie früher an den Haaren ziehen. Was hast denn du der Welt gegeben? Kein Kind, keine Familie, keine Wärme, nichts, das bleibt und weitergeht. Und da erlaubst du dir, über meinen Sohn zu urteilen!

Niks schenkt Kräutertee nach, gönnt sich ein Plunderteilchen mit Sahnekringel obendrauf. Der Sohn von Karen wird für eine Weile bei mir wohnen. Sie hofft, Ulla mit diesen Worten aus ihrer ichbezogenen Trübsal herauszureißen, doch Ulla hört nicht. Niks mustert Ullas Säulenkörper, das verschwindende Kinn, die wässrigen Beine, die sie unter weinroten Samthosen versteckt hält. Die frühere Ulla hatte fliegende, seidige Haare; sie ging mit drahtiger Anmut ihres Weges, und die dunklen Ringe unter ihren Augen schienen gewollt, als Spiegelung ihrer immerschwarzen Klamotten, die ihren Blick noch intensiver machte. Es ist anstrengend, einen Menschen lange zu kennen. Die Erinnerung verwandelt Ullas Anblick in ein Kippbild der Vergänglichkeit.

Was ist dein Problem?

Mein Problem? Ulla streicht sich sichtbar angewidert über ihre künstlichen, grauen Locken. Mein Sohn ist viel zu gutmütig. Das hat er von mir. Und jetzt kommt diese … diese …

Frau, sagt Niks.

Meinetwegen. Ich hatte ein anderes Schimpfwort im Sinn. Auf jeden Fall ist sie nicht in der Lage, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Sie hält sich für eine Künstlerin, dabei ist sie bloß faul. Und Peter soll es ihr richten, damit sie nie wieder arbeiten muss.

Dafür bekommt sie sein Kind. Das ist der Deal.

Was heißt schon Deal! Du hast so eine mechanistische Ansicht von der Liebe. Hier geht es um Schöpfung. Ulla hustet und putzt sich lautstark die Nase. Niks muss schmunzeln. Auf ihre alten Tage ist Ulla ungemütlich fromm geworden. Nicht schlecht für eine Frau, die über den Tod von Andreas Baader einst bittere Tränen vergoss, weil sie keinen Himmel für ihn wusste.

Das Kind wird dich sicher mögen, beruhigt Niks.

In vielen Filmen und Theaterstücken gehört Bewegung zum Charakter. Menschen rennen oder klettern in unpassender Kluft. Entführte Jungfrauen krabbeln im zerrissenen Hochzeitskleid Mauern hoch. Anwälte, von Gangstern verfolgt, springen im Smoking von einem Hausdach zum nächsten. Romantiker tragen Blumensträuße, lassen sich vom Regen durchnässen und laufen dem nächstbesten Taxi nach, um die verpasste Liebe doch noch einzuholen. Der Blick des Zuschauers landet auf muskulösen Waden unter flatterndem Rocksaum, auf der anmutigen Kurve, die ein Körper beschreibt, wenn er fast aus der Bahn fliegt, auf schlenkernden Armen und wippenden Haaren: winzige Ausschnitte, wie von Blitzlicht gemalt, kürzer und eindringlicher als die träge Wirklichkeit. In Ullas Gesicht schienen die Gefühle einst ineinanderzufließen, beim Reden lief ihre lebhafte Gestik den Betonungen ihrer Stimme entgegen, was einen erst recht dazu brachte, ihr zuzuhören. Ihr Gang war orthopädisch korrekt, er machte sie schnell. Niks erinnert sich, wie sie vor Ulla davonlief. Sie hatte versprochen, nach der Vorlesung am Haupteingang der Universität auf sie zu warten. Doch als sie Ulla männerumringt auf sich zukommen sah, in ihrer Alltagstracht aus reichem Haar und schwarzen, zipfeligen Klamotten, mit ihrer Ledertasche unter dem Arm und dem freien Lachen, das sich hell über die anderen Stimmen erhob, hielt es Niks nicht länger aus. Sie wandte sich ab, stieß so heftig gegen die Drehtür, dass sie davon auf die Straße katapultiert wurde, stürzte beinah, fand ihr Gleichgewicht wieder und rannte in Richtung Parkplatz, bis ihr die Kehle brannte. Doch Ulla hatte keine Mühe, sie einzuholen. An der Schranke packte sie Niks am Kragen und brachte sie unsanft zum Stehen. Sie flocht ihre Finger durch Niks’ Haare und zerrte sie zurück.

Was soll das? Willst du mich hier vor allen Leuten lächerlich machen?

Niks gab keine Antwort. Der Schmerz auf ihrer Kopfhaut erinnerte sie an Ohrfeigen und ausgerissene Strähnen und trieb ihr demütigendes Wasser in die Augen.

Ich hab drei Verabredungen abgesagt, nur damit ich mit dir einen Kaffee trinken kann, und jetzt rennst du vor mir davon. Bist du verrückt?

Niks hob die Hand und versuchte, Ullas Finger aus ihren Haaren zu lösen. Sie sah Wasser auf Ullas Jacke tropfen. Einen Moment stand es glänzend auf dem schwarzen Stoff, dann sickerte es weg. Ich muss heim, sagte Niks. Es geht mir nicht gut.

Sofort nahm Ulla ihre Finger zurück. Ihr Zorn schlug in neugierige Besorgnis um. Was ist los? Bist du krank? Niks schüttelte den Kopf und schämte sich. Ihre Mutter hatte ihr früher verboten, Blessuren oder Unwohlsein vorzutäuschen. Nein, mir fehlt nichts. Ich möchte nur allein sein.

Nichts hinderte Niks am Gehen. Ihre Haare waren längst wieder frei.

Ulla zuckte mit den Achseln. Wie du willst.

Im Schutz des Kollektivs durfte man neugierig aufeinander sein, der Einzelne war austauschbar. Wie leicht würde Ulla eine neue Freundin finden. Sie wandte sich zum Gehen, überzeugt, Niks würde ihr folgen. Sie machte große, lässige Schritte. Niks erwartete, hinter ihr immer kleiner zu werden. Ullas Haare wehten, ihre Rockfransen schmiegten sich an ihre schwarzen Beine und rissen sich wieder los. Ein verlängerter Schritt brachte sie auf die Straße. Da kam auch schon der Bus, der zur Haltestelle abbremste; er traf Ulla von der Seite. Sie wurde zu Boden geschleudert und blieb auf dem Gesicht liegen.

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
170 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783937881768
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