Kitabı oku: «Feuerwind»

Yazı tipi:

Spiegelmagie

Band 5

Feuerwind

C. Svartbeck


Hinweis:

Am Ende des Buches finden Sie einen Anhang mit einer Landkarte sowie Erläuterungen zum Land Karapak und seinen Bewohnern.

C. Svartbeck

Machandel Verlag

Neustadtstr.7, 49740 Haselünne

Bildquelle cover: Tithi Luadthong / www.shutterstock. com

Vignette: Fernando Cortez /shutterstock.comp

2019

ISBN 978-3-95959-321-2

Was bisher geschah
Band 1-3

Anmerkung: Sie können das Buch direkt zu lesen beginnen, ohne dass Sie deswegen die ganze Vorgeschichte kennen müssen. Falls es Sie aber doch interessiert oder Sie die ersten Bände nicht mehr so ganz im Gedächtnis haben: Die Grundlagen-Fakten sind in diesem Kurz-Kapitel aufgeführt.

Was gibt es in den ersten drei Bänden zu lesen?

Band 1 - Königsfalke

Ioro, ältester Sohn einer Konkubine König Kanatas (und daher nicht Erbe), ist zum obersten Feldherren bestimmt, sein jüngerer Bruder Tolioro als Sohn der Ersten Gemahlin ist Thronerbe.

Wie das Schicksal so spielt, scheint Ioro mehr Intelligenz und Ehre zu besitzen als Tolioro, was Vater Kanata wohlwollend vermerkt. Ebenso wohlwollend (da er es in seiner Jugend ebenso gehandhabt hat) sieht er allerdings zu, wie Söhnchen Tolioro einen potenziellen Konkurrenten nach dem nächsten aus dem Weg räumt. Und Mutter Iragana beseitigt unauffällig einige Leichen, die Tolioro bei seinen sexuellen Eskapaden produziert.

Da Tolioro auf Ioro eifersüchtig ist, wäre Ioro dem Weg aller Königssöhne in ein frühes Grab gefolgt sein, hätte er nicht in dem angehenden Zauberer Jokon einen tatkräftigen Freund gefunden. Dumm ist halt nur, dass auch Jokon sozusagen auf Messers Schneide lebt.

Band 2 - Falkenkrieger

Sowohl König Kanatas Ehe als auch die seines Sohnes Tolioro, aus Gründen der Staatsraison mit Sirit, der Tochter eines Nachbarkönigs geschlossen, sind unglücklich. Zudem versucht sich die halbe Familie und Schwiegerfamilie gegenseitig zu meucheln.

Am Ende stirbt der König von der Hand seines Sohnes, und Ioro, der jetzt keine Zukunft mehr für sich sieht im Reich, flieht zu den Wüstenkriegern, gegen die das Reich gerade Krieg führt.

Zauberer Jokon, der sich jetzt Jo nennt, hat derweilen einen kapitalen Fehler begangen, ist einer fremden, feindlichen Zauberer-Fraktion auf den Leim gegangen und sitzt im Körper eines Falken fest.

Band 3 - Wüstenkrieger

Ioro kämpft unter seinem neuen Namen Nior mit den Wüstenkriegern gegen seine alte Heimat Karapak. Hauptziel: Vernichtung seines Bruders Tolioro.

Bei diesem speziellen Ziel unterstützt ihn Tolioros Gattin Sirit aus ganzem Herzen.

Und Jo, der ihn im Körper eines Falken begleitet, bekommt dabei kaum mit, dass auch Karapaks Zauberer um ihr Überleben kämpfen, gegen einen Feind, den sie seit 500 Jahren vernichtet wähnten.

Am Ende verbleiben nur 3 der bekannten Akteure auf dem Schachbrett:

Sirit, jetzt Witwe Tolioros und Regentin Karapaks. Ihr Gatte hatte sie geblendet. Da sie einer Zauberin half, hat diese ihr Ersatz-Augen aus Spiegelscherben geschenkt, mit denen Sirit jetzt mehr sehen kann als vorher mit ihren natürlichen Augen. Zum Beispiel Geheimgänge in Mauern.

Weiter verbleiben noch:

Inagoro, ihr minderjähriger Sohn

Jo, der seinen Falkenkörper verloren hat und jetzt in einem Spiegel gefangen ist.

Und es beginnt eine neue Geschichte. Sozusagen „The next Generation“, die

Trilogie Blut der Drachenberge

1. Band: Hornstachler

Die großen Umwälzungen in Karapak haben nur drei Mitglieder der königlichen Familie überlebt: Sirit, ihr Sohn Inagoro, inzwischen König, und ihre Adoptivtochter Taephe. Die allerdings hat der Kronrat eiligst verheiratet mit Shioge, dem Herrn einer entlegenen Grenzburg im Norden.

Und genau dort, im Norden, im benachbarten Kirsitan, taucht eine uralte Bedrohung wieder auf, die Frostgeister. Horden vermehrungsfreudiger, fleischfressender kleiner Ungeheuer, denen zu allem Überfluss noch etwas Magie innewohnt. Sie fressen sich quer durch Kirsitan, entvölkern Meelas und bedrohen inzwischen auch Tolor massiv.

Wären nicht inzwischen die Drachenherrn und ihre ziemlich unheimlichen Nachkommen wieder aufgetaucht, hätten die Menschen überhaupt keine Chance.

Auch so ist sie gering genug. Shioge stirbt durch die Frostgeister. Taephe flieht mit ihren kleinen Söhnen vor dem Zugriff habgieriger Verwandter nach Kirsitan, das wiederum wegen der Frostgeister weitgehend nach Nord-Tolor evakuiert wird.

Inagoro, Karapaks junger König, befürchtet das Schlimmste für seine Schwester, kann aber den Thronrat nicht dazu bewegen, dem Norden zu Hilfe zu kommen.

Und Sirit macht sich Sorgen, ob der neue tolorische König Patta dieser Ausnahmesituation in seinem Land, ihrer alten Heimat, gewachsen ist.

Zauberer Jo, inzwischen wieder frei, hat dagegen ganz andere Sorgen. Die Kristallkammer ist sauer, dass er zusammen mit seiner Schülerin Fü Tolor ohne Bezahlung hilft. Soweit Jo weiß, kennt Großmeister für unbotmäßige Zauberer nur eine Strafe: Er verwandelt sie in Spiegel. Und genau davon hat Jo die Nase gestrichen voll.


Unerwünschte Verpflichtungen
1022

Draußen fiel eine wahre Sintflut vom Himmel herab. Das Wasser gurgelte über das Dach und platschte dann in einem dicken Strahl aus dem Wasserspeier an den sechs Ecken ihres Pavillons. Sirit zog fröstelnd den Schal enger um ihren Oberkörper. Mit jeder Regenzeit schien es schlimmer zu werden. Mehr Regen, dazu eine klamme, nasse Kühle, die schlimmer war als jede Winterkälte in den Bergen. Ihre Gelenke schmerzten, ihre Narben zogen und ihre Augen stachen. Sie seufzte. Es war nicht einfach, älter zu werden. Einen Moment wanderten ihre Gedanken zurück zu ihrer Mutter. Die hatte in Sirits Alter deutlich jünger gewirkt. Wie hatte Mirsken das bloß gemacht?

Sirit lauschte wieder auf den Regen. Dachte daran, dass das, was hier als Wasser herunterkam, in den Bergen als Schnee fiel. Es würde sehr viel Schnee geben. Und das, wo ohnehin schon so viel lag, wie sie gehört hatte. Ideale Voraussetzungen für die Frostgeister.

Botschafter Timpko war noch nicht zurückgekehrt. Hielt ihn der Schnee dort oben fest? Oder … Schlimmeres? Sirit fürchtete um ihre Heimat. Ob es richtig gewesen war, dass sie den politisch unerfahrenen Patta als König vorgeschlagen hatte? Aber Patta war ein Praktiker. Wenn er ein Problem sah, analysierte er es und versuchte dann, es zu lösen. So jemanden brauchte Tolor jetzt. Nein, es war richtig gewesen. es musste richtig gewesen sein.

Ihre Gedanken wanderten zu ihrem letzten Kind. Drachenbrut. Grau.

Würde dieser Drachenherr aussehen wie sein Vater? Oder würde er auch etwas von ihr haben?

Vermutlich würde sie es nie erfahren. Sie kam nicht weg von hier, und der junge Drachenherr würde ganz sicher nicht nach Sawateenatari kommen. Er wurde zu dringend in den Bergen gebraucht. Abgesehen davon war Sirit sich keineswegs sicher, wie Grau bei einer Begegnung reagieren würde. Immerhin hatte sie ihn als Larve in den Bergen ausgesetzt.

Sirit seufzte erneut. Wo bloß Inagoro blieb? Er hatte angekündigt, dass er etwas mit ihr besprechen wollte.

Sie rückte ein wenig dichter an das Kohlebecken und lauschte weiter auf den Regen.

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Endlich tauchte ihr Sohn hinten in dem überdachten Gang auf. Schnellen Schrittes näherte er sich ihrem Pavillon. Sirit zwang sich zu einem freundlichen Lächeln.

Inagoro kannte sie gut genug, um sie zu durchschauen. „Hast du schlimme Schmerzen, Mutter?“ Ungefragt setzte er sich auf den Schemel ihr gegenüber und sah sie an.

Es gab Sirit einen Stich, wie immer, wenn sie die Mehme-Nase sah, die Ähnlichkeit, die er mit Tolioro hatte. Wie immer versuchte sie, stattdessen seinen Großvater Kanata in ihm zu erkennen. Oft gelang es ihr. Aber nicht immer. Auch Tolioro hatte seinem Vater sehr ähnlich gesehen.

„Es ist das Wetter. Du weißt doch, dass mir der Regen nicht bekommt.“

Inagoro zuckte mit den Schultern. „Wir brauchen ihn. Ohne Regen gibt es keine Ernte.“

Sirit nickte stumm.

Inagoros Finger trommelten auf das Holz des Schemels. Überrascht stellt Sirit fest, dass ihr Sohn nervös war. Was, bei der Göttin, gab es Wichtiges, das er sich nicht traute, ihr zu erzählen? „Gibt es Neues aus den Bergen?“, fragte sie beklommen.

„Nein, nichts.“

Inagoro wirkte irgendwie geistesabwesend.

„Aus Tolor?“

„Da scheinen sie mit den Frostgeistern klarzukommen. Haben wohl jetzt ausreichend Zauberer-Unterstützung.“

Soviel hatten Botschafter Timpkos Briefe ihr bereits angedeutet.

„Was ist es dann, was dich so bedrückt?“

„Ich bin seit der Sonnenwende König.“ Inagoro sah überall hin, bloß nicht zu ihr. „Der Thronrat will, dass ich umgehend heirate. Sie sagen, die Erbfolge muss sichergestellt werden.“

Sirit hätte um ein Haar aufgelacht. Das war es also, was ihren sonst so mutigen Sohn so verschreckte. Die Aussicht, dass er eine Königin bekommen würde. Und in der Folge Kinder, natürlich. „Wen haben sie dir denn vorgeschlagen?“

Inagoro hob den Kopf und sah sie endlich wieder an. „Da wir durch mich jetzt ohnehin Zaubererblut auf dem Thron haben, sind eine Menge Restriktionen weggefallen. Jetzt sind praktisch alle Adelshäuser mit im Spiel.“

„Und?“

„Sie haben mir Ketere vorgeschlagen. Die Familie hat mindestens vier Töchter, die für mich infrage kämen. Oder Phukai. Die Enkelin des Herzogs ist zwar erst elf, aber mir wurde versichert, dass die Frauen der Phukai früh fruchtbar werden.“

Sirit zog zischend die Luft ein. Das roch zehn Tagesritte gegen den Wind nach Schwierigkeiten. Die Ketere waren durch Heiraten mit Herzog Komato verbunden. Und damit mit Mauro, der seinerzeit so plötzlich verstorben war, und der über seine väterliche Linie einen zwar schwachen, aber unbestreitbaren Thronanspruch gehabt hatte. Sirit spürte noch immer, wie ihr Blut kochte, wenn sie nur an Mauro dachte. Jemand aus dieser Familie mit freiem Zugang zu Inagoro? Dann würde sie keine ruhige Nacht mehr haben.

Phukai war auch nicht viel besser. Skadene, der alte Herzog, hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er mehr Macht wollte. Und mehr Land. Am besten in Narkassia, an das Phukai angrenzte. Wenn Inagoro eine Frau aus dieser Familie bekam, dann konnte Skadene in aller Ruhe einen Krieg vom Zaun brechen. Egal, wie berechtigt oder unberechtigt dieser Krieg war, Inagoro würde dem Großvater seiner Gemahlin Waffenhilfe nicht verweigern können. Ihr Sohn wusste das so gut wie sie.

„Dir ist so klar wie mir, Mutter, dass ich die Vorschläge des Thronrates nicht einfach ablehnen kann. Ich müsste schon einen verdammt guten Grund dafür haben. Und den habe ich leider nicht.“

„Lass mich überlegen.“

Sirit starrte in die Flammen des Kohlebeckens. Der Regen prasselte noch immer. In der Ferne hörte sie Donnergrollen. Hätten die Götter nicht noch etwas warten können, bevor sie ihr neue Steine in den Lebensweg legten?

Moment mal. Genau das war doch die Lösung!

„Ich habe auch keinen Rat anzubieten. Aber vielleicht jemand anderes. Diejenige, die bereits bei deiner Krönung eingegriffen hat.“

Inagoro zuckte zusammen. „Die Priesterin? Warum sollte sie?“

„Weil“, sagte Sirit sanft, „ganz offensichtlich den Götter von Anfang an etwas an dir gelegen war.“

*

Sirit betrat den Tempel der Flussgöttin mit sehr gemischten Gefühlen. Hier hatte sie mit ihrem Kind Zuflucht gefunden, damals. Ganz geheuer war er ihr deswegen trotzdem nicht.

Die Priesterin stand mitten im Tempel, als ob sie Sirit erwartet hatte, und breitete einladend die Hände aus. „Willkommen im Haus der Flussgöttin, Tochter der Drachenberge.“

Sirit neigte zum Gruß den Kopf. „Ich danke dir für das Willkommen. Es scheint, du hast mich bereits erwartet?“

Die Priesterin lächelte. „Diene ich nicht derjenigen, die durch die Zeiten sieht?“

Sirit lief es kalt über den Rücken. Die Priesterin hatte soeben ihren Verdacht bestätigt. Sie und Inagoro waren nichts weiter als Figuren in einem Spiel, dessen Dimensionen sie nicht einmal ahnen konnte. Aber Göttin oder nicht, Sirit war nicht bereit, sich einfach als Figur gebrauchen zu lassen. Und ihren Sohn schon gar nicht. „Dann weißt du auch, warum ich gekommen bin.“

Die Priesterin lächelte noch breiter. „Du suchst eine passende Frau für deinen Sohn.“

„Solltest du eine kennen? Oder muss ich fragen, ob die Göttin eine bestimmte Kandidatin befürwortet?“

„Ist das nicht dasselbe?“

Sirit antwortete nicht.

Das Lächeln verschwand vom Gesicht der Priesterin. „Komm mit mir, Tochter der Drachenberge. Wir werden uns ein wenig unterhalten müssen.“

Die Gemächer der Priesterin hatten sich nicht verändert. Was das anging, hatte sich auch die Priesterin nicht verändert, trotz der Jahre, die seitdem vergangen waren und die schwer auf Sirit lasteten. Warum war ihr das nicht schon früher aufgefallen?

Sirit beantwortete sich diese Frage selbst. Weil sie wenig mit den Priestern zu tun hatte, und sie nur selten den öffentlichen Zeremonien beiwohnte. Es gab eine weitere Bevölkerungsgruppe, die ähnlich alterlos war. Die Zauberer. Aber die Priester waren keine Zauberer. Oder etwa doch?

Die Priesterin ließ ihr Zeit.

Ihre Augen. Das Geschenk einer Zauberin. Sirit fiel ein, dass die Priesterin nie auch nur im Geringsten vor ihren Spiegelaugen zurückgeschreckt war.

„Welches Interesse haben die Tempel an der zukünftigen Frau meines Sohnes?“, fragte sie bedächtig.

„Keines. Die Frau interessiert uns nicht. Im Grunde interessiert uns auch dein Sohn nicht.“

„Aber ...?“

„Die Generation, die nach ihm kommt. Eine Generation, die nirgendwo in Karapak überleben wird, wenn das Blut der Drachenberge nicht wieder den Thron beherrscht.“

„Das kannst du auch einfacher sagen. Entweder ein Zaubererkönig kommt auf den Thron, oder Karapak wird ausgelöscht.“

Die Priesterin lächelte schmallippig. „Meine Version klingt besser.“

Dieser Tempel war der Flussgöttin geweiht. Und die Flussgöttin sah den Zeitenstrom. Die Priesterin hatte damals auch gewusst, was Sirit viele Monde später brauchen würde, um Inagoros Anspruch auf den Thron zu beweisen. „Du hast die Zukunft gesehen.“

„Eine Zukunft von vielen möglichen.“

„Reicht es nicht, dass bereits mein Sohn Zaubererblut hat?“

„Das Drachenblut fließt nur als winziges Rinnsal in Inagoro. Er braucht die passende Frau, dass es in seinen Nachkommen zu einem Strom wird, der Karapak tragen kann.“

„Wen schlagen die Tempel also vor?“

„Nur dieser Tempel. Die anderen sähen es lieber, wenn der Palast schwach bliebe. Aber sie sehen nicht, was ich sehe, und sie wissen es. Sie werden mich nicht unterstützen, aber sie werden sich auch nicht gegen den Rat meiner Göttin stellen. Ich schlage vor, dein Sohn sucht sich seine Frau in den Grauen Schluchten.“

Sirit zuckte zusammen. „Das ist nicht dein Ernst! Die Vorschläge des Thronrates waren schlecht. Aber deiner ist tödlich.“

„Nicht für Inagoro. Auch für dich nicht. Nur für die Frau, die dein Sohn in sein Bett holen wird.“

Sirit holte zittrig Luft. „Und du … bist sicher? Ganz sicher? Es gibt keine andere Möglichkeit?“

Die Priesterin beugte sich vor und legte Sirit zwei Finger auf die Stirn. Ihre Finger waren kalt wie das Flusswasser der Berge. Um sie herum waberte die Luft. „Es gibt tausend andere Möglichkeiten, Tochter der Drachenberge. Aber bei jeder dieser anderen Möglichkeiten stirbt entweder dein Sohn sehr bald, oder Karapak wird vernichtet, oder beides.“

Einen Moment rebellierte Sirits tolorisches Herz. Was wäre schon dabei, wenn die Feinde ihres Heimatlandes vom Antlitz der Welt verschwänden? Aber dann fiel ihr Rainas herzliche Umarmung ein. Und Taephes Lächeln, wenn sie wieder etwas ausgeheckt hatte und glaubte, ihre Ziehmutter hätte es nicht gemerkt. Und … und Inagoro, der ihr, nachdem sie ihm von den Bergen erzählt hatte, Berge an die Wand ihres Schlafzimmers gemalt hatte. Unbeholfene Berge, von einem Sechsjährigen gemalt, der in seinem ganzen Leben noch keinen richtigen Berg gesehen hatte.

Dieses Spiel musste sie mitspielen.

Sie sah die Priesterin mit festem Blick an. „Dann sei es, wie du sagt. Eine Frau aus den Grauen Schluchten. Allerdings befürchte ich, um das durchzusetzen, wird die Priesterschaft sich offen äußern müssen. Denn mich wird der Thronrat in dieser Entscheidung ganz sicher nicht hören wollen.”

Die Priesterin lächelte. „Gibt es irgendeinen Mann im Thronrat, der sich dem Orakel der Flussgöttin widersetzen würde?”

Sirit lächelte zurück, trotz jener Ahnung in ihr, die von bösen Folgen schrie. „Vermutlich nicht.”

*

Es gab in der Tat keinen, auch wenn mehr als ein Mitglied des Thronrates aussah, als ob es dem Schlaganfall nahe war. Selbst von ihrem Beobachtungsplatz oben auf der versteckten Galerie konnte Sirit genau sehen, wie die Männer die Lippen zusammenkniffen und die Fäuste ballten, wie sie, je nach Gemütslage, rot anliefen oder blass wurden, als die Priesterin im Namen der Göttin ihre Empfehlung gab.

Ausgerechnet die Grauen Schluchten! Das Land am Meer von Narkassia. Ein Land, das nur nominell zu Karapak gehörte. In dem, allen Berichten nach, die hinterlistigsten Halsabschneider den Abschaum des Reiches um sich gesammelt hatten. Ein Land, das in erster Linie von der Seeräuberei lebte. Und ein Land, dessen Fürsten dem Haus Mehme seit zwei Generationen Blutfehde geschworen hatten.

Keine Frage, die Grauen Schluchten würden einem offiziellen Antrag des Thronrates nachkommen und dem Haus Mehme eine Prinzessin liefern. Immerhin gehörten sie nach Recht und Gesetz zum Reich. Aber Inagoro würde von da ab gut daran tun, niemals wieder im Sommerharem zu schlafen, dort weder zu essen noch zu trinken und seine Gattin vor jedem Beischlaf nach versteckten Waffen zu durchsuchen.

Sirit war sich nicht sicher, was schlimmer war: Ihre eigene Ehe mit Tolioro, oder das, was Inagoro als Ehe aufgezwungen wurde. Selbst die Kandidatinnen des Thronrates wirkten gegen diese Alternative wie harmlose Vergnügungsdamen.


Ein unerwarteter Besuch

Marle erwachte von einem ungewohnten Geräusch. Sie lauschte irritiert? Was war das für ein regelmäßiges Klopfen? Dann begriff sie und schoss förmlich von ihrem Lager hoch. Es taute! Sie griff hastig nach einem Schal und lief zur Tür. Ungewohnt warme Luft und ein strahlend blauer Himmel empfingen sie. Und es tropfte. Von allen Dächern.

Marle holte tief Luft. Auf zittrigen Beinen ging sie ein paar Schritte, drehte sich, sah sich um. Überall standen die Menschen und sahen in den Himmel. Allen stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Der Winter war endlich, endlich vorbei. Auch wenn es noch einen halben Mond brauchen mochte, bis die Gefahr endgültig gebannt war und die Frostgeister sich für den Sommer zurückgezogen hatten, sie konnten jetzt wieder Hoffnung schöpfen.

Marle dachte an das, was sie würde tun müssen. Aber nicht heute. Zuerst gab es andere Dinge zu regeln.

Nachher.

Marle blieb reglos stehen, schloss die Augen und bot ihr Gesicht den warmen Sonnenstrahlen und dem sanften Talwind dar.

Es gab Widerstand gegen ihre Anweisungen. Nicht, dass Marle mit etwas anderem gerechnet hätte. Die Sippenfrauen weigerten sich rundweg, Ganen als letztes Ort Kirsitans zu verlassen und das Land damit endgültig aufzugeben.

„Die Hornstachler sind alle fort“, sagte Marle nur. „Wir wissen, dass wir uns ohne sie nicht ausreichend gegen die Frostgeister wehren können.“

„Wir werden neue bekommen diesen Sommer. Die Schwangeren sind fast so weit.“

„Aber sie werden keinen Grund haben, den Winter über bei uns zu bleiben. Und es wird keine neuen Drachenbruten bei uns geben.“

„Deine Schuld!“, zischte die Frau.

„Meine Schuld“, stimmte Marle mit gesenktem Kopf zu. Dann sah sie hoch, sah die Frau an. „Aber hättest du anders entschieden als ich? Ich wusste es nicht besser. Keiner von uns wusste es besser. Nur, dass ich die Verantwortung trage und du nicht.“

„Vielleicht bleiben die neuen Hornstachler ja doch. Jedenfalls weigere ich mich, ohne zwingende Notwendigkeit von hier fortzugehen.“

„Ein Kompromiss, Duka“, warf die alte Betha ein. „Lass uns bis zur Sommersonnenwende warten. Bis die Kinder Graus geboren wurden. Bis wir wissen, ob sie bei uns bleiben werden.“

„Gut“, sagte Marle nach kurzem Nachdenken. „Wir warten solange. Aber sollte auch nur ein einziges dieser Wesen vorher verschwinden, tun wir, was ich gesagt habe. Und wir tun es dann sofort. Wir können es uns einfach nicht leisten, allzu lange zu warten.“

Sie hoffte, dass sie sich irrte. Oh, wie sehr sie das hoffte! Aber Marle war sich ziemlich sicher, dass ihre Hoffnung sich nicht erfüllen würde. Und so sandte sie Botschaft an die nach Karapak evakuierten Mitglieder ihres Volkes, vorerst – und vielleicht auch für immer – in jenem fremden Land zu bleiben.

Als Antwort kam unerwarteter Besuch.

Zu sagen, dass Marle erstaunt war, wäre eine Untertreibung gewesen. Die karapakische Burgherrin, allein, ohne ihren Gatten, in Ganen? Noch dazu mit ihren beiden Söhnen?

Reglos hörte sie zu, was Taephe ihr zu erzählen hatte. Und mit jedem Wort der karapakischen Frau spürte Marle ihre Schuld schwerer lasten.

„Grau hätte dich beschützt“, sagte sie. „Dich und deine Kinder. Wenn er noch bei euch gewesen wäre. Du hättest nicht hierher fliehen müssen.“ Sie senkte den Kopf. „Es ist meine Schuld, dass Grau euch verlassen hat.“ Und sie erzählte ihrerseits Taephe, was in diesem Winter in Kirsitan geschehen war.

Als sie fertig war, seufzte Taephe. „Vielleicht hätte ich nicht fliehen müssen. Aber mein Gatte wäre dennoch tot. Und bei allem, was du getan oder nicht getan hast, war es Unwissenheit und nicht Absicht, die dich dazu gebracht hat. Wie soll ich dir zürnen? Die Götter haben es so gewollt.“

„Das sehen die Drachenherren anders.“

„Die Drachenherren sind keine Menschen. Sie denken nicht so wie wir. Sie können sie wahrscheinlich nicht einmal vorstellen, was es bedeutet, ein so kurzes Leben wie das unsere zu haben. Ich jedenfalls werde dir keinen Vorwurf machen.“

Marle nickte müde. „Ich selbst mache mir Vorwürfe. Viele der Sippenfrauen tun es ebenfalls. Aber ändern können wir nichts mehr. Und ich fürchte, wir werden Ganen tatsächlich ebenfalls evakuieren müssen. Bis dahin kannst du natürlich als mein Gast bleiben. Und danach – ich denke, wenn Tolor uns aufnimmt, kommt es auf eine Frau und zwei Kinder mehr auch nicht an, selbst wenn diese aus Karapak stammen.“

„Und wenn Tolor euch nicht aufnimmt?“

„Dann gehen wir über die Berge in die Wüste. Die Wüstenkrieger können auch nicht unerbittlicher sein als die Drachenherren. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, damit mein Volk überlebt.“

„Und ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, dass meine Söhne überleben.“

Die beiden Frauen sahen sich an und erkannten verwandte Geister.

*

Taephe erschloss sich eine neue Welt. Eine Welt, in der Frauen nicht nur gleichberechtigt waren, sondern hochangesehene Führerinnen ihrer Sippen. Eine Welt, in der Frauen wie selbstverständlich Waffen trugen und kämpften. Und in der es die Frauen, und alleine die Frauen, waren, die entschieden, mit welchem Mann sie das Lager teilen wollten. Die kirsitanischen Exilfrauen in der Burg hatten ihr davon erzählt. Aber es erzählt zu bekommen und es selbst zu erleben, das war zweierlei.

Taephe begann zu begreifen, warum die Mutter des Königs so war, wie sie war.

Und sie lernte, dass es in den Bergen keinen Platz für adelige Frauen oder untätig, nur Vorräte vertilgende Gäste gab. Damit die Sippen überleben konnten, musste jeder mit anpacken. Die karapakischen Soldaten, die sie begleitet hatten, reparierten die von den Frostgeistern beschädigten Häuser. Sie waren nicht traurig darüber, dass bei der Gelegenheit die eine oder andere Frau an ihnen Gefallen fand und sie unter ihre Decke lockte. Taephe, die Organisieren von Shioges Burg gewohnt war, bereitete derweilen mit Marle die anstehende Evakuierung Ganens vor.

Sie war auch dabei, als die ersten Hornstachler dieses Jahres geboren wurden. Sie sah, wie die Mütter dieser Wesen sie zusammen mit Marle hinaus brachten zu einem offenen, nur von niedrigen Mauern umgebenen Platz. Es war immer das Gleiche. Drei, vier Tage blieben die jungen Hornstachler auf diesem Platz. Dann setzten sie sich in Bewegung, fort aus Ganen, auf schnurgeradem Weg über Steine, Hügel, Berge und Schluchten, als ob etwas sie gepackt hatte und zu sich zog. Den ersten folgten sie noch, solange, bis das Gelände für Menschen zu unwegsam wurde. Bei den Folgenden standen die Frauen und Männer nur noch am Stadtrand und sahen ihnen wortlos nach.

Marle sandte erneut Boten nach Tolor. Sie hatte noch keine Antwort bekommen.

Inana

„Du verwöhnst deine Söhne!“

Taephe drehte sich um. „Ist das schlimm?“ Die Frau vor ihr war mindestens doppelt so alt wie sie und unübersehbar schwanger. Vermutlich im letzten Mond.

„In Karapak vielleicht nicht. Aber die Männer sind schwach und zerbrechlich. Wenn du deine Söhne derart verwöhnst, werden sie in den Bergen nicht lange leben, sobald sie deinen Schutz verlassen.“ Die Frau lächelte, um die Schärfe ihrer Worte zu mildern. „Ich bin übrigens Inana, vom Steinweidenclan.“

Taephe erwiderte das Lächeln. „Dann zeige mir, wie ich meine Söhne behandeln muss, damit sie auch in den Bergen überlegen.“

Inanas Lächeln wurde breiter. „Gerne – wenn du mir dafür etwas über die Ebenen erzählst. Ich wollte immer einmal dorthin reisen, habe es aber nie geschafft, Und jetzt sind meine zwei Schwestern nach Karapak gegangen. Erzähl mir, wie sie dort leben werden.“

Inana war lustig. Ihr Lachen steckte an. Taephe fand, dass ihr diese Gesellschaft gut tat. Sie kam auf andere Gedanken, wenn sie mit Inana zusammen war.

Umgekehrt hörte die ältere Inana ihr zu, wenn Taephe von Zuhause erzählte. Zuhause, das war für sie, zu ihrem eigenen Erstaunen, immer noch der königliche Palast in Sawateenatari.

„Du vermisst deinen Bruder.” Es war eine Feststellung, keine Frage.

Taephe senkte bejahend die Hand. „Es ist … nicht üblich. Eine Frau verlässt bei ihrer Heirat die Sippe ihres Vaters und gehört von da an zur Sippe ihres Gatten.” Sie zögerte. „Es ist auch nicht üblich, dass Brüder und Schwestern miteinander reden. Nur, in unserem Falle war niemand sonst da. Alle unsere anderen Geschwister und Halbgeschwister waren tot.”

„Weil dein Vater sie getötet hat.”

Taephe nickte nur.

Inana schauderte sichtlich. „Ein Vater, der seine eigenen Kinder umbringt? Sogar die Töchter? Karapak muss ein fürchterliches Land sein.”

„Genau dasselbe sagen sie bei uns über Kirsitan. Wilde in den Bergen, die sich von Frauen regieren lassen und die Köpfe ihrer karapakischen Opfer am Wegrand stapeln, anstatt sie ehrenhaft zu verbrennen.”

„Oh, normalerweise verbrennen wir sie schon.” Inana nagte an ihrer Unterlippe. „Aber wir haben festgestellt, dass diese Totenköpfe ein besserer Schutz für unsere Grenzen sind als noch so viele Bewaffnete.”

„Ihr lasst euch von Geistern schützen?”

„Es gibt Schlimmeres als Geister. Geister versklaven keine Kinder. Geister vergewaltigen keine Frauen.” Inanas zögerliches Lächeln versuchte, ihren Worten die Schärfe zu nehmen.

Taephe seufzte. „Vermutlich hast du Recht.” Mit einer zornigen Geste wischte sie sich eine unbotmäßige Träne weg. „Aber ich vermisse meinen Bruder trotzdem.”

Inana rückte zu ihr und umarmte sie. „Du darfst ruhig weinen”, sagte sie. „Bei uns wird keiner dich wegen ein paar Tränen missachten.” Sie strich der jüngeren Frau sanft über das Haar. „Taephe, dein Bruder wird niemals hierher kommen können. Erlaube mir, stattdessen deine Schwester zu sein.”

So kam es, dass Taephe Marles Gästebank verließ und in Inanas Sippenhaus zog. Sehr zur Freude von Ortege, der sich sofort Inanas jüngstem Sohn Prui anschloss und ihm auf Schritt und Tritt folgte. Der elfjährige Prui ließ den Kleinen gutmütig gewähren.

Taephe lernte, dass eine karapakische Burgherrin und eine kirsitanische Sippenfrau tatsächlich engste Freundinnen werden konnten. Freundinnen genug, dass Inana ihr anvertraute, dass sie Drachenbrut in sich trug. Und dass sie Angst hatte vor der Geburt.

Taephe war zu betroffen, um darauf zu antworten.

Inana musste wohl ahnen, was Taephe bewegte, denn sie lächelte, wenn auch etwas verzerrt. „Ich weiß, dass längst nicht alle Frauen die Drachenbrut überleben. Und dass wir uns nicht mehr auf den Schutz der Hornstachler verlassen können. Es mag also durchaus sein, dass ich mein Leben umsonst opfere. Aber meine Mutter hat mir immer gesagt, wir Menschen hoffen, solange wir leben, und wir leben, solange wir hoffen. Was sonst könnte ich Besseres tun, um meinen Kindern eine Chance zu geben, dass die Drachenberge ihre Heimat bleiben können?“

Taephe schluckte. Dann dachte sie an ihre Söhne. Und sie stellte fest, dass sie an Inanas Stelle genauso gehandelt und gedacht hätte.

*

Beim Schafe füttern spürte Inana die ersten Wehen. Sie redete erst darüber, als die Arbeit getan war. Taephe sorgte umgehend dafür, dass eine der Hebammen kam, die Erfahrung mit Drachenbrut hatte. Sie hielt Inanas Hand, als diese trotz des betäubenden Tranks ihre Schmerzen hinausbrüllte. Und sie sah mit fasziniertem Grauen das merkwürdige Raupenwesen, das aus Inana geschlüpft war und nun als seine erste Mahlzeit seine eigene Plazenta verschlang.

Inana überlebte, wenn auch sehr geschwächt von dem Blutverlust. Taephe übernahm es für ihre Freundin, den Hornstachler zu füttern. Das Tier – war es wirklich ein Tier? – schien sie zu erkennen. Bereits am zweiten Tag robbte es jedes Mal zu der Mauer, wenn Taephe in Sicht kam. Einmal hatte sie nichts zu Essen dabei. So blieb sie nur eine Weile stehen und redete mit dem Wesen. Es sah fast so aus, als ob es zuhörte.

Der vierte Tag kam. Der gut gefütterte Hornstachler hatte seine Größe fast verdoppelt. Taephe sah zu, wie er mit Appetit ein Huhn verspeiste. Wie merkwürdig! Trotz seiner Hässlichkeit verspürte sie ein Gefühl von Bedauern darüber, dass auch dieser Hornstachler vermutlich bereits am nächsten Tag in die Berge aufbrechen würde.

Am fünften Tag nahm sie zwar einen Brotfladen mit, rechnete aber nicht wirklich damit, das Wesen noch in dem Pferch vorzufinden. Zu ihrem größten Erstaunen wartete es wieder an der Mauer. Sie fütterte es. Es fraß den Brotfladen sanft aus ihrer Hand, ohne ihr auch nur einen Kratzer zu versetzen.

Marle entging das natürlich nicht. Sie wartete gespannt.

Auch am sechsten Tag war der Hornstachler noch da. Marle ging zu dem Pferch und beobachtete ihn. Vielleicht gab es ja doch neue Hoffnung.

Aber der nächste Hornstachler, der in den Pferch gesetzt wurde, machte sich nach drei Tagen auf in die Berge. Auch der übernächste. Nur der, den Taephe fütterte, blieb.

In dem Sippenhaus, in dem Taephe jetzt lebte, wurde ein zweiter Hornstachler geboren. Auch der blieb. Nur er, und sein älterer Bruder, Inanas Kind. Alle anderen wanderten fort.

Marle erkannte das Muster. Grau hatte Shioge Schutz für seine Familie versprochen. Der Drachenherr hielt sein Versprechen durch seine Kinder. Aber der Rest von Kirsitan blieb auf sich alleine gestellt.

Es war eine Erlösung, als endlich Antwort aus Tolor eintraf. König Patta war mit einer Übersiedlung einverstanden, solange die kirsitanischen Sippen in Nord-Tolor in den von Toloriern geräumten Ortschaften blieben. Sie konnten die Weiden, die Vorratshäuser und alle sonstigen Gebäude nutzen, die leer standen. Und sie würden von den Patrouillen und den Zauberern Hilfe gegen die Frostgeister bekommen. Mehr versprach Patta nicht. Auch nicht, wie viel Hilfe sie erwarten duften. Seine eigene Bevölkerung hatte immer noch Vorrang.

Marle reichte es. Eine Chance, egal wie klein, war besser als gar keine Chance. Sie begann ihr Volk gen Süden zu schicken.

Einige wollten nicht. Trotz der Forstgeistergefahr bestanden sie darauf, in Ganen zu bleiben. Die alte Betha sprach für sie. „Solange auch nur ein einziges Sippenhaus bewohnt bleibt, solange wird Kirsitan existieren. Solange werdet ihr einen Ort haben, an den ihr zurückkehren könnt.“

„Ihr seid viel zu wenige.“

Betha schüttelte den Kopf. „Du irrst, Duka. Es bleiben nicht nur etliche von uns hier. Es kommen auch noch viele aus Karapak zurück. Und sie sagen, dass sie ihre Heimat niemals wieder verlassen wollen.“

„Dann werden sie sterben.“

„Besser, wir sterben“, mischte sich ein Mann ein, „als dass wir als Geduldete oder sogar als Sklaven in einem anderen Land leben. Die Karapakier werden uns niemals erlauben, dort Kirsitaner zu bleiben.“

„Außerdem bin ich nicht so sicher, dass wir tatsächlich sterben werden“, nahm Betha den Faden wieder auf. „Immerhin gibt es ein Sippenhaus hier, das weiterhin unter dem Schutz der Drachenherren steht.“

Marle sah sich um. Taephe stand neben ihrer Freundin Inana. Sie ging zu ihr. „Heißt es das, was ich denke?“

Taephe schlug bejahend die Augenlider nieder. „Ich werde bleiben. Wenn ich weiter nach Süden gehe, werden meine Söhne vielleicht niemals ihr Erbe sehen. Wenn ich jetzt zurückgehe nach Karapak, werden sie es zwar sehen, aber mit Sicherheit dabei sterben. Also bleibe ich hier, an dem Ort dazwischen, der mir alle Möglichkeiten offenlässt.“

Betha war Marle nachgekommen. Sie sah der Duka gerade in die Augen. „Diejenigen, die bleiben wollen, werden zu Taephe und Inana in das Sippenhaus des Steinweidenclans ziehen. Wir werden das Haus entsprechend vergrößern. Wir werden es so bauen, dass wir es besser verteidigen können. Und wir werden es groß genug machen, dass Tiere und Vorräte unter dem gleichen Dach Platz finden.“

Marle nickte. „Der Plan klingt vernünftig.“ Sie ging zurück zum Feuer. „Hört mich, meine Schwestern! Ihr kennt Bethas Vorschlag, und ich heiße ihn gut. In einem halben Mond werden alle, die nach Tolor gehen wollen, Ganen verlassen. Wir müssen noch vor dem Einbruch des Winters dort sein. Auch ich werde Ganen verlassen. Aber Kirsitan braucht eine Duka. So will es unser Gesetz. Und da ich keine Töchter habe, und weil ich, genauso wie die vorherige Duka, meine Großmutter, Fehler gemacht habe, die mein Volk teuer zu stehen kamen, schlage ich vor, dass die neue Duka aus einer anderen Sippe gerufen wird. Ich schlage eine Frau vor, die überlegter handeln wird als ich. Eine Frau mit ausreichender Erfahrung. Betha soll eure neue Duka sein.“

Zwölf Tage später brachen die Bewohner von Ganen nach Tolor auf, Menschen Tiere, Hab und Gut. Eine lange Karawane schlängelte sich durch die Täler und über die Bergpässe. Die, die zurückblieben, sahen ihnen lange nach, bevor sie wieder an ihre Arbeit gingen.

„Haben wir richtig gehandelt, hierzubleiben?“, fragte Inana, als die Sippenfrauen abends um das gemeinsame Feuer saßen.

„Ich weiß es nicht“, sagte Taephe leise. „Aber immerhin haben wir Hoffnung. Und ein Versprechen.“

„Du hast ein Versprechen. Wir nicht.“

„Dann bleibe ich solange, bis auch ihr ein Versprechen habt.“

Betha spuckte ins Feuer. Es zischte kurz. „Adoptivtochter Sirits, bist du dir im Klaren über das, was du da gerade gesagt hast? Wir haben jetzt ein Versprechen. Deines.“

Taephe korrigierte ihre Worte. „Ich bleibe solange, bis auch ihr sein Versprechen habt.“

In Betha gluckste ein Lachen auf. „Du lernst schnell, Frau aus der Ebene. Deine Ziehmutter hat dich anscheinend gut ausgebildet. Vielleicht hätte Marle nicht mich, sondern dich zur nächsten Duka machen sollen.“

Taephe schüttelte den Kopf. „Meine Söhne sind Karapakier. Wenn schon nicht für meine Ehre, dann schulde ich es auf jeden Fall ihrer Ehre, dafür zu sorgen, dass sie ihr Erbe eines Tages erhalten werden.“

Betha spuckte erneut ins Feuer. „Söhne, Töchter“, brummelte sie. „Das bedeutet nichts, so wenig wie die Ehre. Wichtig ist nur, dass sie unsere Kinder sind und dass wir versuchen, ihnen einen Platz zum Leben zu geben.“

Taephe schwieg und rückte enger an Inana heran.

Drachenbrut

Endlich Frühling. König Patta war sich nicht sicher, wann er das letzte Mal dermaßen erfreut über Tauwetter gewesen war. Frühling, das bedeutete, dass die Frostgeister sich in die Höhenlagen zurückzogen. Dass die Bergbauern die Almwiesen wieder nutzen konnten. Frühling bedeutete auch, dass es nicht mehr lange dauern würde bis zur Geburt der ersten Drachenjungen.

Die Drachenherren selbst hatten sich den ganzen Winter nicht wieder in Tolor blicken lassen. Was immer er bislang von den karapakischen Zauberern gedacht hatte, Patta war bereit, zuzugeben, dass zumindest diese beiden hier, Jo und Fü, wirklich alles in ihrer Macht stehende getan hatten, um die Frostgeister aufzuhalten. Abgekämpft sahen sie aus. Jo war hager geworden. Scharfe Linien hatten sich in sein Gesicht gegraben. Fü wirkte erschöpft und ausgelaugt, gleichzeitig ein wenig traurig. Und so sehr sie ein Kind zu sein schien, ihre Augen erzählten etwas anderes.

Tolor schuldete diesen beiden Zauberern etwas. Patta war sich nur noch nicht sicher, wie er diese Schuld zurückzahlen konnte. Vorerst behielt er sie erst einmal als seine persönlichen Gäste im königlichen Palast, in dem praktischerweise auch gleich alle Frauen untergebracht waren, die Drachenbrut in sich trugen.

Ein wenig unheimlich war es ja schon, wie schnell diese Brut wuchs. Nach dem, was die Hebammen und Zauberin Fü sagten, würde die Drachenbrut volle zwei Monde früher geboren werden als ein Menschenbaby. Patta hatte keine Einwände. So würden sie lange genug vor dem nächsten Winter geboren werden, um im Sommer zu einer sehr kampftüchtigen Größe heranzuwachsen, und alles, wirklich alles, was Frostgeister aufhalten konnte, brauchte Tolor verzweifelt.

Noch aber waren die beiden jungen Zauberer seine größte Sorge. Hoffentlich kamen sie nicht auf die Idee, wieder nach Karapak zurückzukehren. Pattas Geheimkorrespondenz mit Sirit hatte mehr als einen Hinweis seitens der Königinmutter enthalten, dass die Kristallkammer keineswegs einverstanden war mit dieser unbezahlten Hilfe für Tolor.

*

Großmeister Ro schrieb erneut einen Brief nach Tolor. Dieses Mal hochoffiziell. Wenn dieser wohlmeinende Idiot Jo nicht von alleine auf die Idee kam, dass er in die Kristallkammer zurückkehren musste, würde er ihn daran erinnern. Ro konnte nicht tolerieren, dass dieser noch nicht einmal fertig ausgebildete Zauberer zusammen mit einer bloßen Adeptin Tolor sozusagen im Alleingang und außerhalb seiner Einflusssphäre rettete. Zumal Jo damit auch so ziemlich alle Regeln gebrochen hatte, die die Zauberer in den letzten achthundert Jahren für den Verkehr mit bloßen Menschen aufgestellt hatten. Wenn das Schule machte, bekam die Kristallkammer womöglich den nächsten Aufstand. Oder, schlimmer noch, die Leute würden irgendwann erwarten, dass die Kristallkammer nur noch gratis für sie arbeitete. Das ging auf keinen Fall. Ro sah seine Spiegel dank der Frostgeisterplage schon jetzt schneller schwinden, als ihm lieb war.

…erwarte ich daher, dass du unverzüglich zurückkehrst, um deine unterbrochene Ausbildung wieder aufzunehmen und endlich ordnungsgemäß zu beenden. Adeptin Fü hat sich ebenfalls hier einzufinden, widrigenfalls werde ich sie nur noch als Spiegelmaterial betrachten.

Ja, das klang deutlich genug. Nur wusste Ro verdammt gut, dass er auf Jos freiwillige Kooperation angewiesen war. Was konnte er schon machen, wenn der Junge ihm den Gehorsam verweigerte? Nichts. Zumindest zunächst.

Jos Antwort kam umgehend. Ro starrte düster auf die Zeilen. Es war wie befürchtet. Der Junge gehorchte nicht. Schrieb, er müsse Feuerbälle auf Vorrat arbeiten für den nächsten Winter, und zudem benötige Tolor Hilfe bei den ersten Drachenbruten, weswegen es auch für Adeptin Fü unmöglich sei, Ros Aufforderung Folge zu leisten. Er habe einfach keine andere Möglichkeit, seine Ehrenschuld gegenüber Tolor habe Vorrang vor seiner Ausbildung.

Ehrenschuld? Was für eine Ehrenschuld?

Was gab es da noch alles, was dieser Jo nicht für nötig gehalten hatte, ihm zu erzählen?

Aber wenigstens hatte Ro jetzt eine Begründung für diese zuvor so unverständliche Gratis-Hilfe. Eine Ehrenschuld, das war etwas, was selbst der dümmste Bauer im hinterletzten Dorf Karapaks verstehen würde. Ehrenschulden mussten bezahlt werden. Ohne Ausnahme. Selbst von Zauberern.

*

Unbemerkt von Großmeister Ro hatte ein zweiter Brief die Kristallkammer in Richtung Tolor verlassen. Dieser Brief, der auf den ersten Blick nur ein paar höfliche Nachfragen nach dem Stand der Dinge enthielt, trug eine magiegeschützte zweite Botschaft in sich. Zeilen, die erst sichtbar wurden, als Fü den Brief persönlich öffnete. Ihrer Mentorin Pi bat um ein informelles Treffen. In einem kleinen, unscheinbaren Gasthaus nahe der Zollstation zwischen Karapak und Tolor am Hufeisenpass. Unter dem Mantel völliger Verschwiegenheit.

Pi wartete geduldig mit einem Krug lauwarmen Bieres. Außenstehende würden nur den Zauber sehen, den sie über sich gelegt hatte, eine abgearbeitete mittelalte, nichtssagend aussehende Händlerin mit einem kümmerlichen Sortiment an Tontöpfen in einer Kiepe.

Fü war pünktlich. Auch sie kam getarnt, als jene weder explizit weibliche noch männliche graue Gestalt, die so gut wie kein merkfähiges Detail zeigte, ganz so, wie sie es von Pi gelernt hatte. Die Zauberin war zufrieden. Fü war eine gute Schülerin.

Ein wenig größer war das Mädchen geworden, und so, wie sie sich bewegte, musste sie ein paar Muskeln entwickelt haben. Das war zu erwarten gewesen, nachdem die Kleine sich fast ein ganzes Jahr in den Bergen bewegt hatte.

Noch etwas hatte sich geändert, und Pi schaute zweimal hin, bevor sie glaubte, was sie sah. Füs Signatur war drastisch stärker geworden. Stark genug für einen voll ausgebildeten Zauberer. Aber genau das war Fü noch lange nicht! Pi wusste nicht, was sie davon halten sollte, aber eines wusste sie ganz sicher.

„Du darfst vorerst nicht nach Sawateenatari zurückkommen.“

Fü musterte sie verblüfft. „Das hatte ich doch ohnehin nicht vor.“

„Ich weiß.“ Pi seufzte. „Aber Ro hat bereits einen Versuch gestartet, dich und Jo zurückzubeordern. Denkt euch Ausreden aus, schiebt Verpflichtungen vor, was auch immer, aber kommt auf keinen Fall jetzt zurück.“

„Warum nicht?“

„Weil ihr eine Entwicklung begonnen habt, die außerhalb von Ros Kontrolle liegt. Und weil unser verehrter Großmeister dafür am Ende nur eine einzige Lösung kennt. Spiegel.“

Einen Moment erzitterte nicht nur das junge Mädchen, sondern auch ihre Illusion. Dann stabilisierte sie sich wieder.

„Übrigens wäre da noch etwas.“

Fü sah sie nur wartend an.

„Diese Drachenbrut in Tolor. Du wirst die schlüpfenden Larven beruhigen können, stärker als die Kräuter der Hebammen. Kümmere dich um sie, damit ihre Mütter überleben. Und danach … kümmere dich um die Mütter. Jene unter ihnen, die nach der Drachenbrut noch gebären können, menschliche Kinder gebären können, werden zukünftige Zauberer zur Welt bringen. Zauberer, die Tolor gehören, und die Tolor dringend braucht. Pass auf sie auf, lehre sie, was immer sie wissen müssen, denn außer dir und Jo kann das in Tolor niemand.“

„Und wenn wir nicht hier wären?“

„Dann würde die Kristallkammer diese Kinder für sich fordern. Und Ro würde kein Risiko eingehen. Die Kinder wären schneller Spiegel, als du dir vorstellen kannst. Ro mag keine potentielle Konkurrenz.“

Eine Weile schwiegen beide. Pi nahm einen Schluck von dem Bier. Es schmeckte nicht.

Dann fragte Fü leise: „Meisterin Pi, warum sagt Ihr mir all das? Warum schützt Ihr mich und jene Ungeborenen in Tolor? Würde der Großmeister Euer Verhalten nicht als Verrat ansehen?“

„Ro hat mich zuerst verraten.“ Pi erhob sich. Es gab Dinge, über die sie nicht zu reden bereit war.

Außerdem war ihre Mission hier beendet.

*

Die Drachenbrut würde ziemlich früh in diesem Sommer schlüpfen. Nach Pis Instruktionen wusste Fü jetzt mit Sicherheit, dass ihre Mitarbeit bei den Hebammen bitter nötig sein würde. Vermutlich würde sogar Jo helfen müssen. Fü war sich bloß noch nicht sicher, wie sie den tolorischen Frauen beibringen sollte, dass bei diesen speziellen Geburten tatsächlich auch ein Mann anwesend sein musste.

Die erste Geburt war ein Schock. Trotz aller Warnungen, trotz aller Berichte aus Kirsitan waren weder die Hebammen, noch die Frauen, noch die beiden Zauberer wirklich vorbereitet auf das, was da schlüpfte. Die Gebärende brüllte ihren Schmerz hinaus und war von den vier Frauen, die sie festhielten, kaum zu halten. Ihr geschwollener Leib beulte sich aus in einer Weise, die kein menschliches Kind geschafft hätte, und sie blutete schon vor Beginn der Geburt stark. Die Hebammen halfen pressen, verabreichten ihr den bitteren Tee, der das Wesen in ihrem Leib ruhigstellen sollte, und sprachen ihr Mut zu. Fü griff mit ihren Gedanken nach dem Ungeborenen. Zu ihrer Verblüffung bekam sie einen aktiven Kontakt. Was immer in diesem Bauch steckte, hatte bereits ein waches Bewusstsein, auch wenn es kaum mehr als Gefühle und Eindrücke vermitteln konnte. Fü zeigte dem Wesen, was seine Bewegungen anrichteten. Es reagierte umgehend und wurde ruhig, fast reglos, während sein Bewusstsein eine Frage bildete, ein diffuses, erstauntes Warum.

Weil die, die dich austrägt, ein denkendes Wesen ist wie du.

Erstaunen, Zweifel, wieder Fragen.

Sie ist von einer anderen Art als du.

Eine drängendere Frage, Suche nach Bestätigung.

Nein, ich bin nicht von deiner Art. Oder nur ein winziges bisschen. Aber ich kenne deinen Erzeuger, und ich weiß, was du bist. Besser, was du sein wirst.

Zögern, erneut Zweifel, dann Entschlossenheit.

Der Rest der Geburt verlief erträglich, auch wenn das Wesen durch seine Höcker weitere starke Blutungen verursachte. Zusammen mit den Hebammen gelang es Fü, das Schlimmste zu verhindern. Die Frau blieb am Leben.

Das Wesen, das seine Mutter fast getötet hätte, konnte beim besten Willen nicht als Mensch bezeichnet werden. Allerdings auch nicht als Drachen. König Patta musste sich zusammenreißen, um seine Abscheu nicht offen zu zeigen. Die fette, mit spitzen Höckern besetzte Made krümmte sich vor ihm auf dem Boden, bewegte das, was vermutlich ihr vorderes Ende war, sacht hin und her und wedelte mit einem Stummelärmchen, das mitten aus dem unförmigen Leib wuchs. Fü legte dem Wesen ein totes Entenküken hin. Patta schluckte, als sich am Vorderende ein Rachen öffnete, der fast über die gesamte Breite des Wesens ging und zwei Reihen dicht stehender, nadelspitzer Zähne zeigte. Das Entenküken verschwand in einem Stück.

„Zum Winter sind sie größer und stärker, wenn wir sie gut füttern“, sagte Fü. „Dann können sie so schnell springen, wie ein Pferd galoppiert. Und Frostgeister verschlingen sie dann noch schneller als dieses Küken.“

Patta dachte an Eishaar. War der etwa auch einmal so eine Missgeburt gewesen? Eines war sicher. Hätte er nicht genau gewusst, was er da vor sich hatte, er hätte Befehl gegeben, dieses scheußliche Neugeborene und alle ihm folgenden zu töten, sie vom Erdboden zu vertilgen. So aber … Tolor konnte es sich nicht leisten, auf irgendwelche Hilfe zu verzichten. Egal, wie hässlich sie einher kam.

Außerdem war da immer noch die Aussicht auf zukünftige eigene Zauberer.

Die weitere Drachenbrut wurde in kurzen Abständen geboren, in einem Zeitraum von nur wenigen Tagen, als ob ein Signal sie alle zur Geburt rief. Ohne Jos Hilfe wäre das schiefgegangen. Alleine hätte Fü kaum ein Drittel der Frauen betreuen können, und unter den restlichen hätte es mit Sicherheit Tote gegeben. Auch wenn sich die Hebammen zunächst heftig gegen die Einmischung eines Mannes in ihre Arbeit gesträubt hatten, überzeugte sie das Ergebnis. Alle Frauen überlebten, etliche so wenig verletzt, dass die Hebammen ihnen die Möglichkeit weiterer Kinder versprechen konnten.

König Patta sorgte diskret dafür, dass die Ehemänner dieser Frauen schnellstmöglich wieder mit ihren Gattinnen zusammenlebten, unter seiner Aufsicht, in seinem Schloss, verstand sich. Und dass jene Frauen, die zurzeit keinen Ehemann hatten, willige Bettpartner fanden. Kaum zwei Monde nach der Geburt der Hornstachler wusste Patta mit Sicherheit, dass Tolor im kommenden Jahr einige potentielle Zauberer bekommen würde.

Und die würden sie brauchen. Weder Eishaar noch ein anderer Drachenherr hatte sich in Tolor wieder blicken lassen.

*

Pi hatte Recht gehabt. Die Drachenbrut reagierte auf sie. Fü war mehr als froh, zur Abwechslung mal für Leben und nicht für Tod zu sorgen. Und auch wenn die jungen Hornstachler abgrundtief hässlich waren, ihre Gedanken fühlten sich warm und weich an, und im Gegensatz zu menschlichen Kindern konnte Fü sie in den Arm nehmen, ohne ihnen dabei versehentlich Lebenskraft zu rauben. Fü genoss es, sich uneingeschränkt kümmern zu dürfen.

Die Mütter hatten auch absolut nichts dagegen, dass die junge Zauberin bei der Versorgung der Drachenbrut mithalf. Einige waren dermaßen entsetzt über das, was sie geboren hatten, dass sie ihre Kinder kaum ansehen mochten. Zwei der Frauen flohen sogar aus dem Palast.

Danach kümmerte sich Fü auch um die Mütter, hörte sich ihre Sorgen und Ängste an und schaffte es, sie wieder zu stabilisieren.

Allerdings gab es jetzt ein anderes Problem, wie Fü und Jo König Patta schonend beibrachten. Die Hornstachler würden nur einen einzigen Winter als Hilfe zur Verfügung stehen. Bei so vielen Frostgeistern würden sie danach so gut im Futter stehen, dass sie sich bereits im zeitigen Frühjahr in die Hochtäler absetzen konnten, um sich dort zu verpuppen. Wenn also keiner der Drachenherren in diesem Jahr nach Tolor zurückkehrte und für neuen Nachwuchs sorgte, würde Tolor im folgenden Jahr diese zusätzliche Unterstützung nicht mehr haben.

Marle

Marle begleitete ihr Volk nach Tolor. Bis zur Grenze ging sie ihren Leuten voran. Die tolorischen Grenzfesten waren leer. Keine Posten bewachten die Pässe. Patta brauchte seine Soldaten dringender zur Bekämpfung der Frostgeister. Marle beriet sich mit den Sippenältesten. Sie beschlossen, zusammenzubleiben und die nächste größere unter den Ortschaften aufzusuchen, die von den Toloriern aufgegeben worden war. Immer vorausgesetzt, diese Ortschaft war gut gegen Frostgeister zu verteidigen. Danach würden sie König Patta Botschaft schicken, wo seine unfreiwilligen Gäste den Winter verbringen würden, und um ein oder zwei Feuerbälle für den Notfall bitten. Nach dem letzten Winter waren selbst die Sippenältesten bereit, den karapakischen Zauberern notfalls dafür einige Kinder zu geben.

Marles Kopf war während dieser Besprechung immer tiefer gesunken, und als die Ältesten von den Kindern sprachen, verließ sie die Runde, gebeugt wie eine alte Frau. Ihre Mutter eilte ihr nach und versuchte, mit ihr zu reden. Marle antwortete ihr nicht.

Am nächsten Morgen war Marle verschwunden. Zwei Hunde hatte sie mitgenommen, und ein paar Vorräte. Mehr nicht.

Der Weg nach Tolor war lang und beschwerlich gewesen. Jetzt, wo sie ihn alleine zurückging, wirkte er endlos. Nie zuvor hatte sie das Schweigen der Berge so drückend gefunden. Marle war froh, dass die Hunde bei ihr waren. Sie kuschelte sich in den kalten Nächten zwischen sie, sie sprach mit ihnen, und sie fand es tröstlich, dass wenigstens die Hunde sie nicht vorwurfsvoll ansahen.

Vier Tagesreisen vor Ganen wechselte sie auf den Weg in die Hochlagen vor den Drachenzahnbergen. Dorthin, wo die Eisleute zuletzt zugeschlagen hatten.

Das zerstörte Dorf war von bunten Bergblumen überwachsen. Aus dem dachlosen Inneren eines Hauses ragte der Spross einer jungen Bergbirke. Außer einigen verkohlten Balken, den Scherben der Tontöpfe und den Knochen der Ziegen und Hunde deutete nur noch wenig auf die Tragödie hin, die sich hier abgespielt hatte. Marle suchte nach Hinweisen auf die Eisleute, fand aber keine. Natürlich nicht. Wenn hier Spuren gewesen waren, dann waren sie bereits vor etlichen Monden mit dem Schnee verweht.

Wo immer die Eisleute steckten, hier waren sie kein zweites Mal gewesen. Aber Marle würde sie finden. Egal, wie tief sie sich im Berg verbargen, auch die Eisleute mussten essen. Irgendwann mussten sie herauskommen. Und dann würden sie Spuren hinterlassen, die Marle finden konnte. Oder die Hunde. Marle machte sich daran, systematisch einen Berg nach dem anderen abzusuchen.

Sie brauchte fast einen ganzen Mond, bevor sie die ersten Hinweise fand. Einen Mond, in dem Marle und die Hunde fast nur von erbeuteten Mäusen und Vögeln lebten, weil die ganze Gegend leergejagt war und sämtliche Vorräte in den zerstörten Dörfern geplündert. Ein einziges Mal gelang es Marle, einen unzerstörten Vorratskrug mit Getreide vom Vorjahr zu finden. Sechs Tage lang konnte sie sich Brotfladen damit backen. Ein Festmahl.

Wenn der Winter kam, die Vögel fortzogen und die Mäuse unter dem Schnee verschwanden, würde sie verhungern. Allerdings war Marle sich ziemlich sicher, dass sie im Winter ohnehin nicht mehr hier sein würde.

Es war die braune Hündin, die die entscheidende Fährte fand. Hinter den Felsen lauerte Marle geduldig volle zwei Tage, bis endlich ein Jäger der Eisleute auf dem schmalen Pfad erschien, eine erlegte Bergziege auf dem Rücken tragend. Sie sah, wie er auf eine scheinbar geschlossene Felswand zuging und plötzlich darin verschwand.

Marle wartete bis kurz vor Sonnenuntergang, bevor sie ihm folgte. Hinter Brombeerranken in einer Mulde versteckt fand sie einen schmalen Eingang zu einer Höhle, den sie ohne ihre Beobachtung vermutlich vollkommen übersehen hätte. Gerade wollte sie hineinschlüpfen, als die braune Hündin Laut gab. Dann ertönte hinter ihr ein erstickter Schrei, und ein Pfeil prallte kaum eine Handbreit neben ihrem Gesicht auf den Felsen. Ein Wachtposten! Verdammt, das hätte sie sich eigentlich denken können. Marle fuhr mit gezücktem Dolch herum. Aber die Hunde hatten bereits ganze Arbeit geleistet. Der Rüde stand über einem liegenden Mann, die Zähne an dessen Kehle. Marle trat vorsichtig näher. Unweit des Mannes lag ein Bogen mit einem weiteren Pfeil am Boden. Die Hündin jaulte leise, weinerlich. Zwischen ihren Rippen steckte ein Messer. Marle sah den Mann an. „Wenn du leben willst, musst du reden.“ Der Mann zischte nur verächtlich und schloss die Augen.

„Mir auch recht.“ Mit sicherere Hand ließ Marle das Messer über seine Kehle fahren. Der Hund wich ein Stückchen zurück, hielt dann inne und begann, das sprudelnde Blut zu lecken.

Die Hündin war verloren. Marle hatte nicht die Mittel, ihre Verletzung zu versorgen. Ein rascher Blick zum Himmel – der Sonnenuntergang stand unmittelbar bevor. Die gleiche Klinge, die zuvor die Kehle des Eismannes zerschnitten hatte, gab jetzt der Hündin ein rasches Ende. Dann durchsuchte Marle die Habseligkeiten des Toten. Wie sie gehofft hatte, fand sie ein kleines Talglicht.

Der Hund winselte und zog ängstlich den Schwanz ein, folgte ihr aber in den finsteren Stollen. Es schien ein natürlicher Spalt im Fels zu sein. Der Boden war glatt, der Gang musste häufig benutzt worden sein. Vorsichtig schirmte Marle das Talglicht mit der freien Hand ab. Sie durfte auf keinen Fall bemerkt werden.

Ohne den Hund hätte sie es nicht geschafft. Sein leises Knurren warnte sie gerade rechtzeitig. Hastig drückte sie sich in eine Nische und löschte die Flamme.

Einer der Eisleute erschien, Bogen und Köcher auf dem Rücken, in der linken Hand ein weiteres brennendes Talglicht. Offenbar die Ablösung für die Wache. Wenn der Mann bis an die Oberfläche kam, würde er sofort Alarm schlagen. Marle zückte ihren Dolch.

Der Hund hätte sie beinahe verraten. Marle sah den Eismann vorbeigehen. Kaum einen Schritt hinter ihrem Versteck hielt er plötzlich inne, wendete den Kopf hin und her und sog prüfend die Luft ein. Marle sprang. Der Hund sprang gleichzeitig. Keiner von ihnen hätte alleine eine Chance gehabt. So aber packte der Hund das Handgelenk des Mannes, und Marles Dolch konnte ungehindert sein Ziel erreichen. Das Talglicht rollte über den Boden, erlosch aber nicht.

Marle spürte ihr Herz wild pochen. Das war knapp gewesen. Und es verringerte die Zeit, die sie hatte, denn es würde den Eisleuten auffallen, wenn der abzulösende Wachtposten nicht zurückkam. Sie sah den Hund an. So sehr es ihr widerstrebte, sie musste alleine weitergehen. Der Geruch des Hundes würde sie verraten. Die Eisleute hielten keine Hunde. Sie aßen sie nur.

Der Rüde gehorchte, wie er es gewohnt war, und legte sich neben dem Toten auf den Boden. Marle nahm das brennende Talglicht auf und ging weiter den Gang hinab.

Irgendetwas hatte sich verändert. Marle hielt inne und schirmte die kleine Flamme mit der Hand ab. Der Gang vor ihr war so dunkel wie der Gang hinter ihr. Aber jetzt, wo ihre eigenen Schritte sie nicht mehr ablenkten, hörte sie es. Leise, ferne Geräusche, die von Menschen kündeten. Vorsichtig ging sie weiter, zwei, drei Biegungen. Vor ihr war ein rötlicher Schimmer. Marle stellte das Talglicht auf den Boden und schlich weiter. Noch zwei Biegungen, und der schmale Felsspalt öffnete sich jäh zu einer gewaltigen Höhle, die zu einem unterirdischen Bach hin abfiel. Am Ufer dieses Baches standen fellbedeckte, halbkugelige Hütten. Kleine Feuer erleuchteten die Silhouetten von Menschen. Männerstimmen, Frauenstimmen, lachende Kinder. Einen Moment fühlte Marle sich in einen seltsamen Traum versetzt. Dann hörte sie ein ihr nur zu gut bekanntes Zischen. Hornstachler! Hektisch sah sie sich um. Zwei Mannslängen vor ihr bewegte sich etwas, was sie für einen Felsbrocken gehalten hatte, hob sich bis weit über ihren Kopf, wankte leicht und zischte wieder, bevor es mit einem schabenden Geräusch wieder zu Boden fiel. Marle regte sich nicht. Wenn der Hornstachler lauter wurde, würden die Eisleute nachsehen wollen, was hier los war, und sie entdecken. Sie wagte es nicht, auch nur den Kopf zu drehen. Systematisch suchte sie mit den Augen. Da hinten! Auch dort bewegte sich einer der Felsen. Ein zweiter Hornstachler. Sie wartete. Der erste Hornstachler kroch unruhig hin und her. Er schien weder angebunden noch verkrüppelt zu sein. Was also hielt ihn hier unten, in der für ihn so schmerzhaften Tiefe? Dann entdeckte sie es. In wenigen Schritten Abstand waren schlanke, mehr als armlange Ruten in den Boden eingelassen. Sie sahen aus wie Eis, konnten aber keines sein. Eis bog sich nicht derart. Eis summte auch nicht. Aber genau das taten diese Ruten. Und ihr Summen wurde lauter, wenn der Hornstachler näher kam. Was immer dieses Summen war, es schien die Hornstachler zu quälen, denn das Wesen wich sofort zurück, wenn das Summen lauter wurde. Marle versuchte, auszumachen, wie die Ruten verteilt waren. Sie waren rechts und links von dem Felsspalt aufgestellt. Als sie vorsichtig zur Seite sah, erkannte sie einen weiteren Felsspalt, der ebenfalls von zwei Ruten bewacht wurde. Und eine lange, dünne Reihe von Ruten, die das Innere der Höhle vor den Hornstachlern sicherte. Die Wesen hatten nur einen schmalen, steinigen Rand an der Höhlenwand, auf dem sie sich bewegen konnten. Einen Rand, der auf keinen Fall breit genug war, um ihnen irgendwo eine schmerzfreie Zone außerhalb der Reichweite der summenden Stäbe zu geben.

Marles Herz krampfte sich zusammen. Das war schlimmer, als sie gedacht hatte. Und jetzt? Sie war sich ziemlich sicher, dass sie die Eisruten nicht einfach entfernen oder zerstören konnte, ohne dass jemand es merkte. Entsetzt merkte sie, dass sie überhaupt keinen Plan hatte, wie sie diese Hornstachler befreien sollte. Sie hatte ja nie damit gerechnet, es überhaupt so weit zu schaffen.

„Verstehst du mich?“, flüsterte sie.

Der Hornstachler richtete sich wieder auf und kroch näher. Für einen Moment spielte der Widerschein der Feuer über seine Haut. Sie war schmutziggrau, mit dunkleren Stellen gesprenkelt. Aber auf dem Kopf hatte es rötlich geglänzt. Marle kannte diesen speziellen Hornstachler! Sie erinnerte sich an seine Geburt, hatte ihn sogar in ihren Armen gehalten, weil er so merkwürdig anders war als seine Geschwister. Keiner der anderen hatte mehr Farben als blassgrau und weiß gehabt. Dieser hatte sich unterschieden, durch einen unregelmäßigen, fleischroten Fleck mitten auf dem, was bei einem Menschen die Stirn gewesen wäre. Das hatte ihm auch, im Gegensatz zu allen seinen Geschwistern, einen Namen gegeben.

„Fleck!“, flüsterte Marle überrascht. Ob er sich erinnerte? „Fleck, erkennst du mich? Ich war bei deiner Mutter, als du geboren wurdest.“

Der Hornstachler wiegte seinen Körper, zischte aber nicht, als sie einen halben Schritt näher kam.

Marle versuchte, seine Ausmaße abzuschätzen. Würde er überhaupt noch durch den Gang durchpassen? Gerade noch, schätzte sie. Der andere, dunklere, der weiter hinten blieb, war ein wenig kleiner, der würde wohl kein Problem haben. Aber Zähne hatten die Hornstachler nur an einem Ende. Und sie waren zu groß, um sich im Gang umzudrehen. Auf ihrer Kehrseite waren sie wehrlos. Wenn diese Wesen eine Chance haben sollten, musste Marle ihnen den Rücken decken.

Bei den Eisleuten wurde es lauter. Jemand rief, fröhlich, fast übermütig. Marle zuckte zusammen. Feierten die etwa ein Fest? Aber dann begriff sie und verfluchte gleichzeitig ihre Dummheit. Die Eisleute waren nachtaktiv. Sie hätte es wissen müssen. Die Überfälle waren immer in der Nacht erfolgt. Das Lager war gerade dabei, richtig aufzuwachen. Und es konnte nicht mehr lange dauern, bis man die rückkehrende Wache vermisste und nachsah. Dann war sie geliefert.

Dann war auch die letzte Chance für diese Hornstachler vertan.

„Warte“; beschwor sie das Wesen. „Warte hier. Ich komme zurück, so schnell ich kann. Und dann hole ich dich hier raus.“

Sie hetzte zurück, so schnell es ging, ohne dass das Talglicht erlosch, zu der Stelle, wo sie den Hund bei dem Toten zurückgelassen hatte. Sie nahm alle Waffen des Toten an sich. Dann griff sie nach dem Halsband des Hundes und eilte mit ihm zurück.

Schon vor der letzten Biegung hörte sie die Hornstachler zischen. Natürlich, der Hund. Sie zerrte den Hund in eine Seitennische und beschwor ihn, sich nicht fortzurühren. Jetzt kam es nicht mehr darauf an, nicht entdeckt zu werden. Jetzt zählte nur noch Schnelligkeit. Sie nahm einen Stein auf, lief zu der ersten Eisrute, schlug zu. Ein hohes, helles Sirren und Klirren ertönte. Die Hornstachler kreischten auf. Marle spürte, wie ihre Ohren stachen und schmerzten. Egal. Die zweite Rute. Sie schlug erneut zu. Dieses Mal war das Sirren und Klirren so laut, dass Marle wie die Hornstachler gequält aufschrie. Sie lief zu den Wesen. „Kommt! Der Weg ist frei! Ihr könnt hier wieder heraus!“

Der zweite Hornstachler, dessen Haut überall schmutzigschwarz war, fauchte sie wütend an und zog sich zwei, drei Schrittlängen zurück. Der andere schnellte vor, landete direkt vor ihr und zischte. Marle sah hoch und blickte genau in den runden Schlund mit den vielen kleine, scharfen Zähnen. „Ich habe doch nur das zerstört, was euch hier gefangen hielt!“, schrie sie verzweifelt. „Ich will euch nichts tun. Ich will euch helfen! Seht doch, der Gang ist frei, ihr könnt hinaus!“ Der Hornstachler rührte sich nicht. Marle hörte die Rufe der Eisleute näher kommen. Denk nach, beschwor sie sich. Denk nach! Dann fiel es ihr ein. Sie begann, das Wiegenlied von den Windschwingen zu summen. Der Hornstachler erstarrte. Marle lief zurück zum Eingang, immer noch summend. Sie hörte ein Geräusch hinter sich, sah sich um. Der schwarze Hornstachler hatte sich nicht gerührt, aber Fleck folgte ihr. Jetzt hatte er den Gang erreicht, zögerte. „Geh schon endlich! Beeil dich, sonst kriegen sie dich wieder. Ich bin nicht sicher, ob ich sie lange aufhalten kann.“ Als er sich immer noch nicht vorwärts wagte, stemmte sie sich mit aller Kraft gegen ihn und schob. Das half. Endlich setzte er sich in den Gang in Bewegung. Marle legte einen Pfeil auf die Sehne. Keinen Moment zu früh. Der erste der Eisleute war bereits so dicht herangekommen, dass sie sein Gesicht erkennen konnte. Verzerrt, wütend, den Mund zu einem Schrei geöffnet, der ihr gellend in den Ohren klang. Marle schoss ihm genau in diesen Mund.

Hinterher wusste sie nicht, wie sie es durch den ganzen Gang geschafft hatte. Die meiste Zeit war es so dunkel gewesen, dass sie ohne den Hund, an dessen Halsband sie sich krallte und der sie führte, nicht einmal gewusst hätte, ob sie vorwärts oder zurück lief. Und wenn es zwischendurch hell wurde, dann nur, weil ihre Feinde wieder nahe genug herangekommen waren, dass ihre Lichter sie zu Marles Zielscheiben machten. Wieder und wieder musste sie warten, musste kämpfen, weil der Hornstachler an den engen Stellen nur langsam voran kam. Da machte es schon fast nichts mehr aus, dass sie selbst langsamer wurde, weil ein Pfeil ihre Hüfte getroffen hatte, und ein anderer ihre linke Hand. Sie brach beide Pfeile ab und machte weiter. Es gab keine andere Option. Endlich erreichte sie das Ende des Spalts und stolperte ins Freie. Sternenklar wölbte sich der Himmel über den Bergen. Es würde noch mindestens drei Kerzen dauern, bis die Nacht vorüber war.

Noch während sie in den Himmel sah, traf sie ein weiterer Pfeil im Rücken. Der Hund bellte scharf auf und stürzte zurück zum Höhleneingang. Sie hörte jemanden schreien. Wie dumm von mir, dachte sie, während sie sich aus dem taunassen Gras wieder aufzurichten versuchte. Ihre Silhouette musste vor dem Sternenhimmel eine ideale Zielscheibe geboten haben. Mühsam drehte sie sich um und spannte den Bogen. Weitere Schreie. Dann jaulte der Hund auf, verstummte jäh. Marle war alleine.

Bis zum Sonnenaufgang hielt Marle durch. Der Höhleneingang war schmal, mehr als ein Mann zur Zeit konnte ihn nicht passieren. Nach den ersten drei Toten waren die Eisleute vorsichtiger. Sie konnten es sich leisten, hatten Zeit. Marle nicht. Sie spürte, wie ihr Leben langsam im Gras versickerte. Wenn die Eisleute noch etwas Geduld hatten, würde Marle ihnen wie eine reife Frucht in die Hände fallen. Buchstäblich. Der Himmel wurde heller. Marle zwang sich, wach zu bleiben, weiter zu lauern, weiter zu leben. Sie wollte nicht im Nachtdunkel sterben. Wenn sie starb, dann sollte es unter der Sonne ihrer Heimat geschehen. Der Himmel rötete sich. Marle verschoss ihren letzten Pfeil. Dann konnte sie nur noch warten. Einer der Eisleute sah aus der Höhle. Als kein Pfeil heranflog, sprang er mit einem triumphierenden Heulen hinaus. Marle drehte sich schwerfällig um, sah dorthin, wo sich gerade ein goldfarbener Saum über die Berge schob, wo das Licht aufstrahlte und die Farben über den Himmel spielten, und wartete auf den Tod.

Ein weiterer Schrei hinter ihr, überrascht und wütend, der in einem Gurgeln abbrach. Marle rührte sich nicht. Niemand kam. Die Sonne schob sich höher. Schließlich löste sich die goldene Scheibe von den Berggipfeln. Und vor Marle wuchs eine dunkle Gestalt aus dem Boden. Der Hornstachler. Der rote Fleck auf seiner Stirn schien im Sonnenlicht zu leuchten. Die dunkle Haut seines Körpers war an verschiedenen Stellen aufgeplatzt, hing in Fetzen herab von dem schneeweißen Raupenkörper, der darunter wieder zum Vorschein kam. Wenigstens dieser hier war gerettet. Der andere … Eine Träne rann über Marles Wange. „Es tut mir so leid, dass ich deinem Bruder nicht helfen konnte. Er wollte einfach nicht … und ich … ich kann nicht zurück … es geht nicht mehr … ich sterbe … Es tut mir so leid!“

Der Hornstachler hob sein vorderes Ende höher und öffnete sein Maul. Wieder sah Marle seine Zähne. Die Hornstachler waren immer hungrig. Das wusste sie noch sehr gut. Weit und breit gab es hier keine Tiere mehr, die der Hornstachler hätte essen können. Und sie schuldete ihm etwas. „Ja“, flüsterte sie.

*

Hoch oben auf dem nahen Gipfel schauten zwei große weiße Drachen zu, wie der Hornstachler die Menschenfrau verschlang. Der kleinere von ihnen hob fast spielerisch eine Kralle, an der ein Leichnam hing. „Wir hätten meinem Sprössling doch auch die erlegten Eisleute geben können.“

Der größere kratzte sich im Nacken und streckte genüsslich seine Flugmuskeln. „Wozu? Die da wäre ohnehin gestorben. Und ich finde, so hat die ganze Sache etwas von einem gerechten Ausgleich.“

„Und jetzt?“

„Jetzt bringen wir deinen Sprössling an einen sicheren Platz, damit er sich verpuppen kann. Groß genug ist er schließlich geworden.“

„Das meine ich nicht. Was machen wir jetzt mit den Menschen? Denen, die in unseren Bergen geblieben sind, meine ich.“

Der größere Drachen entblößte die Zähne zum Drachen-Äquivalent eines Grinsens. „Wir werden sie etwas zappeln lassen. Aber wir lassen sie natürlich bleiben. Ohne Menschen wäre es hier einfach nur schrecklich langweilig.“

Eine königliche Hochzeit

Inagoro musste sich zur Ruhe zwingen. Seine Bräute würden gleich eintreffen. Bräute, die außer den Priestern keiner richtig wollte. Nicht einmal das Volk, das verdächtig still dem Hochzeitszug Spalier stand.

Niemand hatte damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde. Ein einziges, höfliches Anschreiben an Drakbur, den Herrn der Grauen Schluchten, mit dem Angebot, durch diese Heirat die vergangenen Unstimmigkeiten zwischen den Seefahrern und dem Reich zu beseitigen und zur Steigerung des allgemeinen Wohlstandes wieder besser zusammenzuarbeiten. Drakbur hatte geradezu begeistert reagiert und ihm nicht eine, sondern gleich zwei Frauen geschickt. Schwestern. Weil, wie der alte Seefuchs schrieb, die beiden ohnehin unzertrennlich waren, und es überdies Situationen gäbe, wo ein Mann zwei Frauen in seinem Bett bevorzugen mochte.

Inagoro hatte ein ganz, ganz übles Gefühl in der Magengrube. Zwei Töchter des Herrn der Grauen Schluchten gleichzeitig, das bedeutete Schwierigkeiten im Doppelpack.

Und es bedeutete eine neue Herrscherin im Sommerharem.

Ob seine Mutter sich sofort in den Winterharem zurückziehen würde?

Inagoro war sich ziemlich sicher, dass er das nicht wünschte. Irgendjemand musste ein Auge auf seine neuen Frauen haben. Wer war dafür besser geeignet als Sirit mit ihren Zauberaugen? Gesagt hatte er nichts. Seine Mutter war keine, der man Vorschriften machte. Und sobald seine neuen Gemahlinnen ihm einen ersten Sohn geboren hatten, konnten sie eh darauf bestehen, dass die Mutter des Königs sich in den Winterharem zurückzog. So war es immer schon gewesen.

Er meinte fast, spüren zu können, dass auch seine Mutter nervös war. Sehen konnte er sie nicht, sie stand hinter ihm, wie es das Protokoll vorschrieb. Aber auch die Herren des Thronrates wirkten angespannt, selbst die Abordnung der Kristallkammer. Die hatten auch allen Grund dazu. Die grauen Schluchten waren der Kristallkammer verschlossen, schon seit Jahrhunderten. Bereits vor dem Aufstand in den Drachenbergen hatten die Zauberer die Grauen Schluchten verlassen müssen. Und sie hatten niemals auch nur den kleinsten den Versuch gemacht, ihr Einflussgebiet wieder dorthin auszudehnen.

Was immer die Grauen Schluchten genau waren, eines wusste Inagoro bestimmt: Dort lag ein Machtzentrum unbekannter Stärke, dass sich gerade entschlossen hatte, wieder im Spiel der Politik aktiv zu werden.

Fanfarenstöße.

Der Brautzug bog auf den großen Platz vor dem Palasttor ein.

Inagoro spürte einen Schweißtropfen, der ihm den Nacken hinunterrann.

Zwei Sänften, über denen an langen Stangen die Wimpel der Grauen Schluchten flatterten. Eine Mannschaft Fußtruppen vor den Sänften, eine dahinter. Die Männer waren deutlich größer als karapakische Soldaten. Ein Mann zu Pferd, ebenfalls von ungewöhnlicher Größe, führte sie an. Seiner schmalen Statur und den schlanken, fast zarten Fingern nach hätte er eher in eine Schreibstube gepasst als zu einem Soldatentrupp.

Die Träger setzten die Sänften direkt vor Inagoro am Fuß er Palasttreppe ab. Der Reiter stieg vom Pferd und kam die Treppe hoch. Inagoro bemerkte, dass er leicht hinkte. In seinen Händen hielt er eine Rolle. Den Ehevertrag.

Der Gesandte verneigte sich leicht. Gerade genug, dass es nicht vollends unhöflich wirkte. „Inagoromehme, seid gegrüßt im Namen der Grauen Schluchten”, sagte er mit einer überraschend starken, weittragenden Stimme. „Ich bringe Euch, wie vereinbart, zwei Töchter Drakburs, des Herrn der Grauen Schluchten, dass Ihr unter ihnen Eure Erste Gemahlin und Eure Zweite Gemahlin wählt.” Er entrollte die Schriftrolle und hielt sie so, dass Inagoro sie lesen konnte. „Wie Ihr seht, ist der Vertrag ordnungsgemäß von meinem Herrn unterzeichnet worden. Unser Angebot gilt wie besprochen.”

Normalerweise hätte jetzt sein Vater den Ehevertrag unterschrieben. Aber der lebte nicht mehr. Schweigend griff Inagoro nach dem Pinsel, den der Hofmarschall ihm reichte, und setzte schwungvoll sein Namenszeichen auf das Papier.

Der Gesandte des Herrn der Grauen Schluchten lächelte kaum wahrnehmbar. Ein geringschätziges, leicht spöttisches Lächeln, wie Inagoro zu sehen meinte. Ein zweiter Schweißtropfen rann ihm in den Nacken. Auf was hatte er sich da bloß eingelassen?

Der Mann stieg die Treppe wieder herab, trat zu der ersten Sänfte und schob den Vorhang zur Seite. Die Frau darin nahm seine Hand und ließ sich heraushelfen. Ein weiter silberner Umhang hüllte sie ein, und ein Perlennetz verbarg ihr Gesicht. Als sie sich aufrichtete, sog Inagoro scharf die Luft ein. Die Frau war mindestens einen Kopf größer als er. Hatten die Grauen Schluchten etwa nur Riesen aufzubieten?

Der Führer des Brautzuges trat zu der zweiten Sänfte. Auch hier die gleiche Prozedur. Den Göttern sei Dank! Diese Frau wenigstens schien von normaler Größe zu sein. Damit war die Frage der ersten Gemahlin so gut wie entschieden.

Noch nie war ihm der Weg in den Sommerharem so lang vorgekommen. Seine beiden Gemahlinnen schritten in gebührendem Abstand hinter ihm, zudem bewacht von einem Dutzend der besten, zuverlässigsten Palastwachen. Und dennoch hatte Inagoro ständig das Gefühl, dass ihm Gefahr im Nacken lauerte. Bei den Göttern, so hatte er sich seine Heirat wirklich nicht vorgestellt. Einen flüchtigen Moment wanderten seine Gedanken zu seiner Mutter. Hatte Sirit sich ähnlich gefühlt, als man sie an den Thronfolger der Erbfeinde Tolors verheiratete? Er lauschte, aber er hörte nichts außer den Tritten der weichen Sandalen hinter sich. Kein Laut. Seine Gemahlinnen redeten nicht.

Dann hatten sie das Brautgemach erreicht. Ein frisch dekorierter Pavillon in den grünblauen Farben der Grauen Schluchten. Triste, uninteressante Farben. Seine Mutter hatte es so gewünscht. Inagoro war nicht ganz klar, warum, aber er hatte längst gelernt, seine Mutter nicht um Erklärungen zu bitten.

Der Raum war, bis auf das breite, einladende Bett, nicht möbliert, dafür aber über und über mit Blumengirlanden geschmückt, deren schwerer, sinnlicher Duft die Luft erfüllte. Neben dem Bett wartete ein kleines Tablett mit einer Weinkaraffe und einigen Gläsern. Die Fresken an den Wänden und an der Decke zeigten eindeutig, was hier erwartet wurde.

Inagoro trat in die Mitte des Raumes und drehte sich zu seinen Gemahlinnen um.

Die größere Frau schon die kleinere, die auf der Schwelle zu zögern schien, förmlich in den Raum hinein. Hinter den Frauen fiel der Seidenvorhang zu. Die Wachen würden vor dem Pavillon warten, so, wie Inagoro es angeordnet hatte. Solange, bis sichergestellt war, dass er die Ehe vollzogen und den Pavillon lebend wieder verlassen hatte. Inagoro war nicht geneigt, seinen beiden frisch angetrauten Gemahlinnen zu vertrauen.

Die beiden standen starr und schweigend vor ihm. Offensichtlich erwarteten sie, dass er die Initiative ergriff. Gut, also hatten sie zumindest eine brauchbare Erziehung genossen.

„Wir sind verheiratet“, begann er. „Und wir sind im Sommerharem. Hier brauchen meine Gattinnen sich nicht zu verbergen. Hier ist Euer Reich.“ Er trat zu der Kleineren und nahm ihr behutsam den Schleier ab. Die junge Frau, die er erblickte, war fast noch ein Kind, vermutlich jünger als er selbst. Ein weiches, rundes Gesicht mit großen, dunklen Antilopenaugen, weiche, geschwundene Wimpern, runde Wangen, auf denen die rot-goldene Brautbemalung sanfte Linien wob, volle, jetzt zitternde Lippen, hinter denen kleine, sehr weiße Zähne sichtbar wurden. Sie sah ihn nicht an.

Inagoro legte ihr sanft beide Hände auf die Schultern. „Ich habe Euch zu meiner Ersten Gemahlin erwählt“, sagte er. „Ihr werdet hier im Sommerharem herrschen, Ihr werdet den Erben meines Thrones gebären, Ihr werdet dem Namen meines Hauses Ehre bringen.“

Das Zittern erfasste jetzt ihren ganzen Körper, wie er spürte. Hatte sie nicht damit gerechnet? Hatte sie gedacht, dass ihre große Schwester die Erste Gemahlin werden würde?

Inagoro drehte sich zu der anderen Frau um. Einen Moment zögerte er. Wie sollte er mit dieser Riesin umgehen?

Die Frau nahm ihm die Entscheidung ab. Rasch und formlos zog sie ihren Schleier weg. „Da meine Schwester bereits als Erste Gemahlin ausgewählt wurde, können wir uns vermutlich kurz fassen“, sagte sie.

Schwestern?

Inagoro starrte die Frau entgeistert an. Sie war … alt. Alt genug, um die Mutter seiner frisch erworbenen Ersten Gemahlin zu sein. Scharf geschnittene Gesichtszüge, braungebrannt in der Salzluft der Küste. Muskeln, die nicht aussahen, als ob sie zum Sticken benutzt wurden. Hände, vernarbt und rau, die jetzt den Schleier zu einem Strick zusammendrehten. Einem Strick, der unangenehm lang und fest aussah. Scharfe, durchdringende Augen, die ihn zusammengekniffen musterten. Und ein schmaler Mund, dessen Worte so zusammengekniffen waren wie ihre Augen. „Euch scheint nicht zu gefallen, was Ihr seht, junger Gemahl.“

Inagoro wich zur Wand zurück. Würden die Wachen rechtzeitig kommen, wenn er sie rief?

Ein spöttisches Lächeln erschien auf dem Gesicht der Frau. „Keine Angst, junger Gemahl. Unser Vater hat uns zwar aufgetragen, Euch bei passender Gelegenheit umzubringen, aber zuerst braucht er einen Thronerben aus seinem Blut. Darüber hinaus töte ich prinzipiell keine Kinder. Ihr dürft Euch also zunächst noch sicher fühlen.“

Inagoro stieg das Blut in den Kopf. Er hörte den Pulsschlag in seinen Ohren hämmern. Deutlicher hätte der Herr der grauen Schluchten nicht zeigen können, was er von den Mehme hielt.

Sein Vater hätte diese beiden Frauen sofort getötet. Sein Großvater auch. Inagoro hatte nicht übel Lust, es ihnen gleichzutun. Wenn da nicht die Priester und ihr verdammtes Orakel gewesen wären, die irgendwie diese missratenen Ehen für nötig hielten. Und wenn Inagoro nicht aus den spärlichen Erzählungen seiner Mutter eines ganz sicher gelernt hätte: Es hatte keinen Zweck, sich gegen die Entscheidungen der Götter aufzulehnen. So oder so bekamen sie ihren Willen.

„Zieht Euch aus!“, presste er hervor. „Und dann zeigt Euch so, dass ich Euch von allen Seiten sehen kann.“

Die Augenbrauen der älteren Frau rutschen hoch. „Ihr befürchtet, dass wir Waffen tragen?“ Sie bog spielerisch den improvisierten Strick. „Ich denke nicht, dass das nötig wäre.“ Sie legte den Strick zur Seite und schob das weite Obergewand von ihren Schultern. „Wollt Ihr nicht vielleicht wenigstens wissen, wie wir heißen, bevor Ihr uns in Euer Bett nehmt?“

Inagoro wäre am liebsten aus dem Zimmer gerannt. Aber das kam überhaupt nicht infrage. Der ganze Hofstaat lauerte darauf, dass er diese Ehe vollzog. „Dann sagt mir schon Eure Namen!“, zischte er.

Die Frau ließ gerade das erste Untergewand fallen. „Mein Name ist Kaleka. Und meine kleine Schwester heißt Kikina.“

Auch ihr zweites Untergewand fiel. Sie drehte sich wie befohlen. In den Strahlen der Sonne, die durch das geschnitzte Fenstergitter in das Brautgemach fielen, glänzten harte Muskeln. Dann trat sie zu der Jüngeren, die sich nicht gerührt hatte. Langsam und liebevoll begann sie ihre Schwester zu entkleiden. Als auch Kikina nackt war, nickte sie ihr zu und berührte sie sanft an der Wange. „Nun dreh dich, kleine Möwe. Zeig unserem Gemahl, dass du ohne Waffen zu ihm kommst. Und keine Angst, ich werde aufpassen, dass er dir nicht weh tut.“

„Weh tut?“, brauste Inagoro auf. „Was denkt Ihr eigentlich von mir? Ich bin doch kein Barbar!“

„Mag sein“, gab Kaleka ungerührt zurück. „Aber Euer Vater war ganz sicher einer. Ihr könntet ja nach ihm schlagen.“

Inagoro stöhnte entnervt auf. Das auch noch! Warum mussten ihn die Götter mit dieser beleidigenden Frau schlagen? „Ich … bin . .. nicht … mein … Vater!“

„Fein. Nachdem wir das geklärt haben, könnten wir alle unsere Pflichten erfüllen.“ Kaleka gab ihrer Schwester einen Klaps. Gehorsam begann die junge Frau, sich zu drehen. Natürlich trug sie keine Waffe am Leib. Inagoro kam sich vor wie ein Trottel. Und wie sollte es jetzt weitergehen?

Kaleka nahm ihm die Entscheidung ab. Sie kam zu ihm, nahm seine Hand und zog ihn zum Bett. „Ich bin die Ältere, also ist es angemessen, dass Ihr mit mir beginnt.“

Kaleka war nicht nur die Ältere. Sie war auch mit absoluter Sicherheit keine Jungfrau mehr. Nicht, dass Inagoro das überhaupt noch erwartet hätte. Aber wäre nur diese Frau zu ihm geschickt worden, dann hätte er das als Beleidigung und offene Kriegserklärung des Herrn der Grauen Schluchten werten müssen.

Immerhin war sie geschickt wie die Sklavinnen, die ihn bislang in den Nächten verwöhnt hatten. Schon nach wenigen Berührungen dachte er nicht mehr an den Herrn der Grauen Schluchten. Er dachte überhaupt nichts mehr. Und als sie mit ihm fertig war, war er müde und erschöpft genug, um ihre jüngere Schwester nur noch in einem sanften, fast traumartigen Nachspiel zu beglücken, bevor er endgültig einschlief.

Es war das erste und zugleich einzige Mal, dass er Kaleka beiwohnte. In den Nächten danach verzichtete Kikina auf den Schutz ihrer älteren Schwester. Und kaum einen Mond später war sie schwanger. Inagoro war maßlos erleichtert, dass er fortan den Sommerharem weitgehend meiden konnte.

Hornstachler-Winter
Winter 1022-1023

Mit dem ersten Schnee nach dem viel zu kurzen Bergsommer waren auch die Frostgeister wieder da. Und Taephe lernte zwei Dinge:

Erstens, das, was sie in Shioges Burg als Winter betrachtet hatte, war hier in den Bergen bestenfalls ein laues Lüftchen.

Und zweitens, das Leben in einem Sippenhaus im Winter unter Frostgeisterbelagerung war nichts, was sie ihr ganzes Leben lang ertragen wollte.

Es war eng im einzigen noch bewohnten Haus Ganens. Daran konnten auch die Anbauten, die die Männer in den letzten Monden geschaffen hatten, nichts ändern. Eng, laut, und es stank, denn neben all den Menschen drängten sich auch noch die Hunde, die Ponys und die Hornziegen im Haus. Draußen hätten die Frostgeister sie gefressen. Drinnen fraßen sie Taephes Nerven. Keine Ruhe, tags nicht, weil dann alles im Haus herumwuselte, nachts nicht, weil dann die Frostgeister angriffen. Keine Möglichkeit, sich einfach einmal für ein paar Minuten alleine zurückzuziehen. Nicht einmal einem Tempel oder eine Kapelle kannte man in Ganen, nur einen Hausaltar, der – natürlich – mitten im Haus stand.

Da war es dann schon fast eine Erlösung, wenn sie Nachtschicht hatte und zusammen mit anderen Frauen und Männern draußen bei den Hornstachlern wachte. Wobei Taephe immer mehr den Eindruck bekam, dass die Hornstachler intelligent waren. Es war schon fast unheimlich, in ihre Augen zu blicken. Nur gut, dass sie diese meist unter fetten weißen Wülsten verborgen hielten. Taephe war, als ob die Hornstachler tief in ihre Seele blickten. Entnervend. Die Einzige, die ihr zuvor ebenfalls dieses Gefühl vermittelt hatte, war ihre Ziehmutter Sirit mit ihren Spiegelscherbenaugen gewesen.

Eines jedenfalls wusste Taephe nun: Sie würde sich nie, nie, absolut nie hier in den Bergen wirklich zuhause fühlen.

Zusammen mit den beiden Hornstachlern schafften sie es tatsächlich, die Frostgeister in Schach zu halten, auch wenn immer wieder einzelne der Tiere durchbrachen und es bis ins Haus schafften. Irgendeine gnädige Gottheit verfügte, dass sie dort nur Tiere töteten.

Aber auch so kostete der Winter einiges. Er kostete Leben, denn die Bisse der Frostgeister führten immer wieder zu üblen Entzündungen. Er kostete Nerven, bei denen im Haus, die langen Nächte zitternd den Kampfgeräuschen draußen lauschten, und bei denen draußen, die sich immer wieder dem gefräßigen Tod stellen mussten. Die Nerven aller Bewohner Ganens lagen blank.

Es war die reinste Erlösung, als die Tage wieder länger wurden und der Schnee endlich zu tauen begann.

Taephe schickten einen der Männer, die ihr verstorbener Gatte ihr als Schutz mitgegeben hatte, zurück nach Karapak. Er sollte Informationen einholen. Ob Grau oder irgendein anderer Drache irgendwo gesichtet worden war. Und wie es um Orteges Burg aussah.

*

Immer noch keine Spur von dem Drachenherrn. Missmutig starrte Jo in den nebeligen Abend hinaus. Das war jetzt die dritte Frostgeisterhorde, die er erledigt hatte. Alleine, denn Fü hatte der Schutz der Ostprovinz übernommen. Zusammen mit den meisten der Hornstachlern. Im Osten war Tolor am wärmsten. Dort lagen die größten Städte – und auch die größten Getreidefelder. Folglich lebten dort auch die meisten zu schützenden Menschen. Jo gab es ungern zu, aber König Pattas Planung war einleuchtend. Und trotzdem. Er vermisste Fü. Und das nicht nur, weil ein einzelner Zauberer unter Nicht-Zauberern immer alleine war.

Hinter ihm im Schnee bewegte sich eine plumpe Gestalt. Einer der Hornstachler. Sie hatten ihn anstelle der Hunde mitgenommen. Er bemerkte die Frostgeister deutlich früher als ein Hund. Und er kämpfte besser. Widerwillig hatte Hauptmann Hako eingestehen müssen, dass so ein einzelner Hornstachler mindestens ebenso viele Frostgeister erledigen konnte wie die Hälfte seiner Männer zusammen. Zudem schienen die Hornstachler niemals zu schlafen. Sie bewegten sich lediglich im Hellen langsamer und ungeschickter als im Dunkeln. Offenbar waren ihre Augen so extrem lichtempfindlich, dass sie es tagsüber vorzogen, sie zu verbergen.

Die Soldaten hielten den Hornstachler für eine Art Tier. Vielleicht etwas intelligenter als ein Hund, aber ein Tier. Jo wusste es besser. Er hatte den Geist des Hornstachlers gespürt. Das Wesen war intelligent. Beunruhigend intelligent. Jo war sich sicher, dass der Hornstachler die tolorische Sprache inzwischen einwandfrei verstand. Nur konnte er nicht sprechen. Noch nicht.

Eine breite Soldatenhand schlug den Eingang des Zeltes zurück. „Wollt ihr nicht endlich hereinkommen, Meister Jo? Unser beinloser Wachhund wird schon aufpassen. Wenn ihr da draußen bleibt, holt Ihr Euch noch den Tod.“

Als Jo nicht gleich reagierte, fügte Hauptmann Hako hinzu: „Wir haben auch eine schöne, warme Suppe fertig.“

Wie auf ein Stichwort knurrte Jos Magen. Hakos Argumente waren überzeugend.

*

„Die sieht nicht so aus, als ob sie irgendetwas kann. Kochen kann sie jedenfalls nicht.” Der Soldat ließ missmutig den Löffel sinken.

Fü zog unbehaglich die Schultern hoch. Was erwarteten diese Männer eigentlich? Kochen war nicht ihre Aufgabe. Die konnten von Glück sagen, dass sie überhaupt für Essen gesorgt hatte. Außer Frostgeisterfleisch und etwas geschrotetem Getreide war ja nichts dagewesen. Noch nicht einmal Holz. Sie hatte einen halben Feuerball verbraucht, nur, damit diese undankbare Brut einen warmen Eintopf kriegte. Und das, obwohl sie selbst zum Umfallen müde war.

„Ist vermutlich ganz gut, dass die eine Zauberin ist. Heiraten würde die eh keiner. Zu dünn, zu hässlich. Und sie kocht schlecht.”

Das reichte. Fü fuhr herum. „Mag sein, dass ich schlecht koche. Aber ich höre ausgezeichnet. Wollt ihr lieber mit leerem Magen gegen die Frostgeister antreten? Oder vielleicht sogar ohne Feuerbälle? Dann bräuchtet ihr nicht die ganze Zeit eine hässliche Frau anzuschauen.”

Die Männer tauschten unbehagliche Blicke. Dann klapperten die Löffel wieder in den Essgeschirren. Keiner sagte noch ein Wort.

„Ihr müsst sie von der Flanke aus angreifen.”

Der Hauptmann würdigte Fü keines Blickes und fuhr fort, seine Soldaten frontal aufzustellen.

„Das sind Frostgeister, keine Menschen. Sie kämpfen anders. Wenn ihr von vorne angreift, müsst ihr durch die Talsohle. Dann werden sie euch von oben anspringen. Und wenn sie über euch sind, kann ich die Feuerbälle nicht einsetzen.”

Der Hauptmann musterte sie mit eisigem Blick. „Das ist Männersache. Misch dich da nicht ein.”

Verdammt noch mal! In Karapak hätte kein einziger Mann gewagt, ihr so etwas zu sagen. Sie war schließlich eine Zauberin! Man merkte verdammt gut, dass Tolor schon Jahrhunderte keine Zauberer mehr gesehen hatte.

„König Patta hat mich aber zum Schutz der östlichen Hochlande abgestellt. Und ich bin mir absolut sicher, dass er Euch mitgeteilt hat, dass ich volle Weisungsbefugnis habe. Also …?”

Anstelle einer Antwort gab der Hauptmann den Angriffsbefehl.

Die Soldaten galoppierten ins Tal. Fü hockte sich auf einen Felsbrocken, der aus dem Schnee herausragte, und wartete.

Die ersten Pferde erreichten die Frostgeister. Dann war es, als ob eine Lawine ins Rollen kam. Schreiende Männer, kreischende Pferde, fauchende Frostgeister. Die Tiere sprangen auf die Soldaten herab, fünf, sechs von ihnen auf jeden einzelnen Reiter. Der Schnee färbte sich rot. Die Soldaten wendeten panisch, versuchten zu entkommen. Nur die hinteren Reihen schafften es.

Als die ersten von ihnen sich vor ihr den Hang wieder herauf mühten, stand Fü auf und hob die Hand. Wie ein gehorsamer Hund schwebte der Feuerball darauf zu. Sie konzentrierte sich und ließ ihn mit einer ausholenden, gleitenden Bewegung losfliegen, über die Köpfe der Männer hinweg, hinab ins Tal. Und dort unten zerplatzte er zu einer Walze aus Feuer, die zischend den Hang hinauf rollte und auf ihrem Weg jeden Frostgeist verschlang.

„Greift sie von der Seite an und treibt sie ins Feuer!”

Füs Stimme war so kalt wie ihre Gedanken. Narren. Starben lieber, als gleich auf eine Frau zu hören.

Die Soldaten gehorchten, mit verkniffenen Mienen. Lediglich der Hauptmann blieb zurück, saß auf seinem Pferd und starrte in das Tal, in dem seine Männer gestorben waren. Als er den Blick hob und Fü ansah, konnte sie den Hass in seinen Augen erkennen.

Fü hatte beschlossen, dass sie diesen Winter ohne weitere direkte Nachbarschaft zu den Soldaten verbringen wollte. Eine einzige Patrouille hatte gereicht, sie davon zu überzeugen. Trotz der Feuerbälle, die sie produzierte, nahmen die Soldaten eine Frau einfach nicht für voll, schon gar nicht, wenn sie noch sehr jung war. Na schön, sollten die Männer halt alleine kämpfen. Beziehungsweise zusammen mit den sechs Hornstachlern, die König Patta ihnen für die Patrouillen zugestanden hatte. Die restlichen Hornstachler hatten sie auf die Städte verteilt und die Dörfer für die Dauer des Winters evakuiert.

Es war ja nicht so, dass sie ohne die Patrouillen nichts tun konnte. Fü konzentrierte sich darauf, weitere Feuerbälle zu erschaffen, sowohl für die Soldaten als auch für die Bevölkerung, und den Leuten deren Gebrauch sowie elementare Verhaltensmaßregeln für das Überleben unter Frostgeisterbelagerung einzubläuen.

Sie erinnerte sich nur ungern an die Proteste der Bevölkerung wegen der Evakuierungen. Noch weniger gerne allerdings erinnerte sie sich an den Grund, weshalb es inzwischen keine Proteste mehr gab. Jener kleine Baron im Silbersteintal, der dem Befehl getrotzt hatte. Dessen Dörfer die Frostgeister vor der Patrouille und den Hornstachlern erreichten. Es war nicht viel übrig geblieben, was man dem Scheiterhaufen übergeben konnte.

Wie mochte es den Orten im Norden gehen, in denen jetzt die geflohenen Kirsitaner lebten? Patta hatte auch ihnen Feuerbälle zukommen lassen, aber keinen einzigen Soldaten. Die behielt er lieber für seine eigenen Leute. Und die Hornstachler weigerten sich, nach Norden zu gehen.

*

Kira sah die Flammen tanzen. Die Flammen sahen schön aus. Sie lachte, als sich die Gesichter formten. Doch als die Gesichter zu erzählen begannen, verstummte ihr Lachen, und als sie schwiegen und sich wieder in Funken auflösten, rannen ihr Tränen die Wangen hinab.

„Was hast du gesehen, Kind?“ Ihre Mutter strich ihr sanft über das Haar.

„Sie ist tot.“

„Wer ist tot?

„Die Frau, die uns hierher geführt hat.“

„Marle“, murmelte eine der älteren Frauen im Hintergrund. „Die Duka ist tot.“

„Vermutlich hatte sie es geahnt. Sie hat eine andere erwählt für Ganen.“

„Betha.“ Die Stimme der Alten war leise, aber in der Stille des Hauses gut zu vernehmen. „Betha ist aber nicht aus dem Blut der Duka. Nur jemand aus dem Blut der Duka kann ihr folgen. Betha ist nur eine Stellvertreterin.“

„Aber Marle hat keine Tochter.“

Die alte Frau wies mit dem Kinn auf Kira. „Die da ist aus dem Blut der Duka. Sie ist das Kind ihrer Mutterschwestertochter. Und sie hat die Gabe.“

Kira spürte, wie die Arme ihrer Mutter sich fest um sie schlossen.

„Wie kann das sein? Wenn es wirklich die Gabe ist, wie kann sie so stark sein? Seit Generationen hat keine Duka mehr direkt mit den Flammengeistern gesprochen.“

„Vielleicht hat es damit zu tun, dass der Bann auf den Drachenbergen gebrochen ist. Oder es liegt daran, dass wir jetzt in Tolor sind und nicht mehr in Kirsitan. Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass wir eine neue Duka brauchen. Eine richtige Duka. Wie es scheint, ist Kira geeignet.“

„Sie ist doch noch ein Kind. Mit kaum fünf Wintern ist sie noch viel zu jung. Und außerdem – müsste nicht die Duka selbst ihre Nachfolgerin wählen?“

„Diese Duka ist ihren Pflichten in mehr als einer Hinsicht nicht nachgekommen. Also werden wir für sie wählen.“

Die alte Frau erhob sich und kam näher. Direkt vor Kira kniete sie nieder und sah dem Mädchen aufmerksam ins Gesicht. „War es das erste Mal, dass die Flammen mit dir sprachen?“

„N-nein“, murmelte Kira verlegen.

„Und was haben sie dir vorher gesagt?“

„Sie haben mir erzählt, wo meine Puppe lag, als ich sie verloren hatte.“

Belustigtes Murmeln klang in der Runde der Frauen auf und verklang wieder.

„Antworten sie dir, wenn du Fragen stellst?“

„Na ja, manchmal.“ Kira versuchte sich zu erinnern. „Manchmal sagen sie dann auch Dinge, die ich nicht verstehe.“

Die Alte nickte bedächtig. „Kein Zweifel, dieses Kind hat die Gabe. Ich würde sagen, die Göttin selbst hat uns damit gezeigt, wer die nächste Duka sein soll. Was meint ihr, Schwestern?“

„Ich sage, wir warten noch mit unserer Entscheidung.“ Das war Sinene, eine Cousine von Kiras Mutter. „Wir leben derzeit auf fünf verschiedene Siedlungen verteilt. Vielleicht ist in den anderen Siedlungen noch jemand, der die Gabe hat. Jemand, der ein wenig älter ist als Kira. Oder wollen wir uns wirklich von einer Fünfjährigen leiten lassen?“

„Nun gut“, gab die Alte nach. „Wir werden warten. Vielleicht hast du Recht. Wenn ja, dann werden wir es im Frühling erfahren, wenn wir wieder Kontakt zu den anderen Sippen aufnehmen können. Aber wenn wir dann dort keine Frau finden, die den Platz der Duka einnehmen kann, wird es dieses Kind tun.“

„Immerhin ist sie dann wenigstens schon sechs Winter alt.“ Erneut flackerte leises Lachen auf.

Kira spürte, wie die Arme ihrer Mutter sie ein wenig fester drückten.

*

Es war ein langer, dunkler Winter.

Als der Winter vorbei war, gab es nur noch drei bewohnte Siedlungen im Norden Tolors. In einer davon lebte Kira. Und das erste, was die Flammen ihr sagten, war, dass sie die Kirsitaner aus den anderen beiden Siedlungen im nächsten Winter zusammenholen sollte. Nur vereint würden sie überleben können.

Die Burg ohne Herrn

Baron Jakai war so weit, dass er Pokorures Soldaten am liebsten eigenhändig erwürgt hätte.

Gut, vielleicht nicht alle Soldaten. Aber ganz sicher den Anführer der Truppen, Pokorures Bastard-Sohn Skitar. Hochnäsiger Idiot!

Patrouillen? Wofür? Gegen bloße Tiere?

Zusätzliche Wachen? Wer sollte eine befestigte Burg im Winter wohl angreifen wollen?

Ein Glück, dass wenigstens Zauberer Ku zu seinem Vertrag stand und seine Pflichten erfüllte. Ohne die Feuerbälle und die mageren Hilfstruppen, die Jakai jetzt noch zur Verfügung standen, hätten die Dörfer vermutlich keine Chance gehabt. Jakai war sich nicht einmal sicher, ob die Burg eine bessere Chance hatte als die Dörfer. Skitars erste Großtat war es gewesen, alle regulären Soldaten Shioges zu entlassen. Um, wie er mit kaum verhohlenem Grinsen verkündete, die Ressourcen der Schatzkammer für den abwesenden Burgherren Ortege zu schonen. Klar, das wird dem Jungen gefallen, hatte Jakai bei diesen Worten gedacht. Eine gefüllte Schatzkammer in einer zerstörten Burg. Genau das, was ein Burgherr braucht.

Nur gut, dass er in weiser Voraussicht ein paar Truhen Gold in Sicherheit gebracht hatte. Genügend Gold, um die offiziell entlassenen Soldaten inoffiziell weiter auf seiner Lohnliste zu halten. Jetzt steckten sie in den entlegensten Außenposten und verstärkten dort die Grenzwachen. So wie Jakai Skitar einschätzte, hatte der nicht die mindesten Ambitionen, sich selbst auf den beschwerlichen Weg in die Berge zu machen, um die Außenposten zu kontrollieren.

Blieb das Problem, die Burg gegen die Frostgeister zu halten.

Und draußen fiel der Schnee. Lautlos, sanft, tödlich.

Skitars Einschätzung der Frostgeister als vernachlässigbare Konstante hielt genau bis zu seinem ersten Zusammentreffen mit ihnen. Genauer gesagt, bis zum ersten Zusammentreffen seiner Soldaten mit den Tieren, denn Skitar zog es vor, hinter den sicheren Mauern der Burg zu bleiben. Von den Männern, die er an einem trüben, dunklen Tag entgegen Jakais Rat rausgeschickt hatte, um Berggazellen zu jagen, die man in den letzten Tagen um die Burg gesichtet hatte, kamen genau zwei zurück. So zerbissen, dass sie nach wenigen Tagen dem Wundfieber erlagen. Jakai hatte den jungen Hauptmann gewarnt. Berggazellen so weit unten im Tal, das konnte nur eines bedeuten: Die Tiere waren vor den Frostgeistern geflohen.

Und trotzdem begriff Skitar immer noch nicht, wie bedrohlich die Frostgeister tatsächlich waren.

Der Zauberer verteilte Feuerkugeln auf jedem Wachturm der Burg. Jakais eigene Männer verdoppelten die Wachen.

Dann kam der erste Schneesturm. Mit Frostgeistern.

Zwei Tage später, nach dem Abflauen des Sturmes, teilte ein ziemlich blasser Skitar Baron Jakai mit, dass man im kommenden Jahr unbedingt die entlassenen Soldaten zurückholen müsse. Es könne nicht angehen, dass er ausschließlich seine eigenen Truppen für einen noch nicht einmal anwesenden, vielleicht nicht einmal mehr lebenden Burgherren opfere.

Jakai enthielt sich eines Kommentars.

*

Mit dem ersten Tauwetter kamen Shioges Soldaten zurück in die Burg. Unter ihnen war einer, den nicht Jakai weggeschickt hatte. Überaus zufrieden hörte Jakai, dass sein Herr, der Sohn und Erbe Shioges, wohlauf war.

Der Soldat trug die Botschaft zurück zu Taephe, dass Orteges Erbe Bestand hatte und Jakai aktuell keine weiteren Schwierigkeiten erwartete.

Eine weitere Botschaft ging nach Süden. Königinmutter Sirit hatte diskret nach dem Befinden ihrer Adoptivtochter gefragt, die so merkwürdig lange nichts mehr von sich hatte hören lassen. Jakai war klar, dass Sirit, und mit ihr Inagoro, von Shioges Ableben wissen musste. Ebenso klar, wie sich das Königshaus vermutlich über die Folgen war.

Die offizielle Antwort hatte Skitar geschrieben.

Jakais Antwort trug eine vermeintliche kirsitanische Händlerin in die Hauptstadt.

*

„Sie lebt!“

Inagoros Erleichterung war fast mit den Händen zu greifen. Sirit sah ihren Sohn verwundert an. Bislang war ihr nicht klar gewesen, wie sehr Inagoro tatsächlich an seiner Halbschwester hing. Äußerst ungewöhnlich für einen Karapakier. Erst recht ungewöhnlich für einen König, der seine Schwestern, Tanten und Töchter in der Regel nur als Faustpfänder für gewinnbringende oder Allianzen schmiedende Heiraten zu betrachten hatte. „Ja, sie lebt, und ihre Söhne auch. Aber sie ist in Kirsitan. Und dort sind derzeit mehr Frostgeister als Menschen.“

„Sie wird einen Ausweg finden. Meine Schwester ist klug.“

„Sie ist nur eine Frau.“

„Das sagst ausgerechnet du, Mutter?

Sirit lächelte schmallippig. „Du weißt, wie unsere Gesetze aussehen. Der erste Mann aus Shioges Verwandtschaft, der Taephe auf karapakischen Boden zu packen kriegt, kann sie in seinen Harem zwingen. Sie hätte keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. Ich brauche dir wohl kaum zu sagen, wie winzig die Überlebenschancen ihrer Söhne dann wären. Egal, wer aus Pokorures Sippe sich Taephe krallt, in dem Moment, indem sie wieder verheiratet ist, kann sie ihre Söhne nicht mehr schützen. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Burg Pokorure völlig legal zufällt. Und ich glaube nicht, dass Taephe tatenlos zusehen würde, wenn es ihren Söhnen an den Kragen geht.“

Inagoro zog unbehaglich die Schultern hoch. „Sie kann sich wehren. Sie hat gelernt, mit Waffen umzugehen.“

„Ja.“ Sirit zögerte, bevor sie fortfuhr: „Und genau das ist es, was ein karapakischer Mann bei seiner Frau niemals dulden wird. In dem Moment, in dem sie sich wehrt, spricht Taephe ihr eigenes Todesurteil.“

Inagoro ballte die Fäuste. „Ich wünschte, ich könnte ihr irgendwie helfen“, flüsterte er.

„Das Gesetz erlaubt dir kein Eingreifen. Seit ihrer Heirat gehört Taephe nicht mehr zu deiner Sippe.“

„Das Gesetz!“

Aus Inagoros Mund klangen die beiden Worte wie ein Fluch. Sirit sah, dass seine Augen verdächtig glitzerten, bevor er sich jäh umwandte und mit harten, eiligen Schritten den Raum verließ. Sie seufzte. Es half nichts, dass sie die Erbitterung ihres Sohnes ob dieser Gesetze teilte. Sie mussten damit leben. Nicht einmal der König stand über dem Gesetz.

Allerdings musste man ein Gesetz nicht unbedingt brechen, um es zu umgehen. Noch war Taephe in Kirsitan. Noch war sie in Sicherheit. Und das gab sowohl Sirit als auch ihrer Pflegetochter die Zeit, zu überlegen.

Der Thronfolger
1023

Da war ja schon wieder diese unheimliche Frau mit ihren Spiegelaugen! Verborgen in den weiten Ärmeln ihres Kleides presste Kaleka ihre Hände zu Fäusten. Warum, bei allen Sturmwinden des Nordens, konnte ihre Schwiegermutter sich nicht in den Winterharem zurückziehen, wie es sich für eine alte Frau gehörte? Zugleich erkannte sie etwas anderes: Sirit steuerte geradewegs auf den Pavillon der Ersten Gemahlin zu. Kaleka ging schneller.

Kurz vor dem Pavillon hatte sie Sirit erreicht und stellte sich ihr in den Weg. „Bleibt, wo Ihr seid, Mutter des Königs!“

Sirit wirkte verwundert. „Was soll diese Aggressivität? Ich will doch nur sehen, ob es meinem zukünftigen Enkelkind gut geht.“

„Das ist nicht Eure Sache.“ Kaleka wusste, dass sie überreagierte, aber sie konnte nicht anders. Diese unheimlichen Zauberaugen sollten nie, nie Kontakt mit dem Kind ihrer kleinen Schwester bekommen. Nicht einmal jetzt, wo das Kind noch nicht geboren war. „Bleibt weg von meiner Schwester! Oder ich …“

„Oder du wirst was…?“ Sirits Stimme klang gefährlich ruhig. „Solange die Erste Gemahlin keinen Sohn geboren hat, bin ich die Herrscherin im Sommerharem. Willst du mir wirklich verbieten, dass ich in meinem eigenen Gebiet tun und lassen kann, was mir beliebt? Ausgerechnet du? Ich weiß, was mein Sohn nicht weiß – du bist von niedriger Geburt, Tochter einer Schwertfrau von den Inseln, gezeugt vom Herrn der Grauen Schluchten in einer Mittsommernacht. Als was hat man dich überhaupt mitgeschickt? Als Leibwächterin deiner Schwester? Als billigen Ersatz, falls sie es nicht schafft, den Thronfolger zu gebären? Oder ist dein einziger Zweck, meinen Sohn zu töten, sobald ein Erbe geboren wurde? Verrechnet euch nicht! Ich war schon einmal Regentin für einen König! Und glaube mir, bevor die Herren des Thronrates auch nur ansatzweise in Erwägung ziehen würden, eurem Vater eine Regentschaft anzutragen, würden sie es lieber erneut mit mir versuchen.“

Kaleka wünschte sich einen Dolch in ihrer Hand. „Mutter des Königs“, presste sie heraus, „ich hoffe inständig, es wird niemals nötig sein, dass ausgerechnet Ihr die Regentin für ein Kind meiner Schwester werdet. Ebenso, wie ich hoffe, dass Ihr Euch Eurerseits an Euren geziemenden Platz erinnert und Euch in den Winterharem zurückzieht, sobald meine Schwester ihre Pflicht erfüllt hat und Mutter eines Erben des Falkenthrones geworden ist.“

„Ich weiß, was ich zu tun habe“, gab Sirit kühl zurück. „Und jetzt gib mir den Weg frei, Zweite Gemahlin meines Sohnes.“

Zähneknirschend trat Kaleka zur Seite.

Sirit musterte die zarte Gestalt vor ihr. Die Erschöpfung durch die Schwangerschaft war dem Mädchen ins Gesicht geschrieben. Und so, wie Kikina sich in die Wand zu pressen versuchte, hatte sie Angst vor ihr. Sirit hätte nur zu gerne gewusst, ob es Angst vor ihren Spiegelaugen war – was sie gut verstanden hätte – oder etwas anderes. Etwas, was auf Absichten hindeutete, die nicht gut für ihren Sohn waren.

Die Schwangerschaft schien soweit problemlos zu verlaufen. Nichts an dem, was Sirit mit ihren Spiegelaugen sah, deutete auf Komplikationen. Sie blickte genauer hin. Ja, es war, wie sie es bereits vermutet hatte. Das Kind war eindeutig ein Junge. Sollte sie es der Kleinen sagen? Lieber nicht. Womöglich würde die Erste Gemahlin dann auf die Idee kommen, ihre Schwiegermutter jetzt schon in den Winterharem zu befehligen. So hatte sie noch zwei Monde Zeit, sich darauf vorzubereiten. Zeit, zu überprüfen, wie weit die Geheimgänge in den Winterharem hineinreichten. Zeit, ihre Quellen zu informieren und eventuell nötige zusätzliche Verbindungen aufzubauen.

„Möget Ihr einen gesunden Sohn gebären“, wünschte sie der Ersten Gemahlin ihres Sohnes förmlich und wandte sich wieder zum Gehen.

Draußen vor der Tür stieß sie fast mit Kaleka zusammen. Die ältere Schwester musste gewartet haben, bereit, einzugreifen, wenn ihre jüngere Schwester Hilfe brauchte. Auch wenn sie Kaleka nicht mochte, Sirit bewunderte sie dennoch. Die Frau zeigte Zuneigung und Treue. Zwei Dinge, die auch Sirit schätzen gelernt hatte. Zwei Dinge, die in dieser königlichen Familie nicht selbstverständlich waren.

Kaleka sah Sirit gerade lange genug hinterher, um sicherzugehen, dass die Mutter des Königs tatsächlich zu ihrem eigenen Pavillon ging. Dann beeilte sie sich, zu ihrer Schwester zu kommen, deren Schluchzen sie schon hören konnte.

„Hat sie dich angefasst?“

„Nein.“ Kikinas Tränen flossen reichlicher. „Aber ich habe Angst. Angst vor ihr, vor ihren Augen. Und Angst vor der Geburt. Alle Frauen sagen, dass es weh tut. Und sie haben auch immer gesagt, ich komme nach meiner Mutter. Und meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben, weil sie zu schmal gebaut war. Und … und …“ Ihr Schluchzen ließ den Rest unverständlich.

Kaleka umarmte die Jüngere liebevoll. „Schsch, ganz ruhig, kleine Schwester. Du bist nicht irgendeine Frau, auf deren Leben man nichts gibt. Du bist die erste Gemahlin des Königs von Karapak. Da werden sie alles tun, damit du die Geburt überlebst.“

„Und wenn ich doch sterbe?“

„Ich bleibe bei dir, kleine Schwester. Ich passe auf dich auf. Und auf dein Kind. Versprochen.“

Kikinas Tränen trockneten. „Ich hoffe, es wird ein Sohn.“ Sie löste sich aus Kalekas Armen und ging schwerfällig zu dem kleinen Tischchen, auf dem Süßigkeiten und frisches Obst bereitstanden. „Irgendwie habe ich immer das Gefühl hungrig zu sein.“ Sie steckte sich ein Stück Konfekt in den Mund. „Und irgendwie habe ich das Gefühl, immer dicker und schwerfälliger zu werden. Wie lange wird das noch so gehen?“

Kaleka seufzte. „Das weißt du so gut wie ich, kleine Schwester. Zwei Monde, bis das Kind geboren wird. Zwei Monde, bis du weißt, ob es tatsächlich ein Sohn ist.“

„Die Hexe vom Wasservolk hat prophezeit, ich würde einen Sohn bekommen.“

„Die Hexe hat dich auch gewarnt, nicht übereilt zu handeln, weil du es bereuen würdest.“

Kikina schob die Unterlippe vor. „Ich warte schon so lange!“

„Sieben Monde. Was sind schon sieben Monde.“

„Viel.“ Kikina legte eine Hand in ihr schmerzendes Kreuz und die zweite auf die vorspringende Wölbung ihres Leibes.

Kaleka musterte ihre Schwester schweigend. Ich hab’s gewusst, dass sie noch zu jung ist. Unser Vater hätte auf mich hören sollen. Er hatte doch genügend ältere Töchter. Ein Kind, das ein Kind bekommt. Das Erwachsenenarbeit leisten soll.

Sie seufzte erneut. Wann hatte ihr Vater je auf eine Frau gehört?

*

Eines war sicher. Jemand in unmittelbarer Nähe des Königs hatte eine ganze Menge dagegen, dass dieses Kind je geboren wurde. Das war jetzt schon der dritte Mordanschlag auf Kikina. Und dieses Mal hatte sie das nicht vor ihrem jungen Gatten verbergen können. Kikinas Vorkosterin lag verkrampft vor dem Tisch, grünlichen Schaum vor dem Mund und sehr, sehr tot.

Inagoro Hand krampfte sich um seinen Dolch. Kaleka war sich sicher, wäre der Schuldige jetzt hier, er würde nicht mehr sehr lange leben und dabei einen äußerst unschönen Tod finden.

„Doppelte Wachen. Und zwei neue Vorkosterinnen.“

Inagoros Befehle kamen abgehackt, sprachen von der Wut, die in ihm toben musste. Kaleka hätte ihm gerne gesagt, dass die zusätzlichen Wachen überflüssig waren. Vielleicht sogar gefährlich. Der erste Mordanschlag war ausgerechnet von einer Wache ausgegangen. Kaleka hatte den Mann diskret erledigt und seine Leiche im Flussviertel nahe der Hurenhäuser deponiert. Ein Mann, der schon seit den Zeiten König Kanatas im Palast diente. Jemand musste diese Infiltration von langer Hand geplant haben. Und dafür kam nur ein einziger infrage. Herzog Komato, der jüngere Bruder des verstorbenen Königs Kanata. Hier vertreten durch seine missratene Brut, Inagoros Erstem Feldherrn Katuro.

Die Schlampe, die den zweiten Mordanschlag auf Kikina versucht hatte, war weniger loyal zu ihrem Auftraggeber gewesen als der Wächter. Als das glühende Messer ihre Fußsohlen berührte, hatte sie ihre Antworten geradezu herausgesprudelt. Dummerweise hatte die Frau keinen Namen gewusst, auch wenn ihre Beschreibung ziemlich gut auf Katuro passte. So hatte Kaleka auf eine Benachrichtigung ihres Gatten und eine sinnlose Gerichtsverhandlung verzichtet und die Frau gleich auf den Grund des Flusses befördert.

Solange sie im Palast war, war Kikinas Leben sicher. Kein noch so guter Mörder in Karapak konnte einer Schattengeherin das Wasser reichen.

Sie sah zu ihrer Schwester hinüber. Kikina lehnte mit den Schultern an der Wand und hielt beide Hände schützend über ihren Bauch. Es würde nicht mehr lange dauern, bis dieses Kind geboren wurde. Hoffentlich war es wirklich ein Sohn.

*

Sirit sah belustigt zu, wie ihr Sohn nervös auf und ab tigerte. Ihr Vater hatte sich genauso benommen, als ihre jüngeren Geschwister zur Welt kamen. Einen Moment wallte Schmerz auf bei dem Gedanken an ihre ausgelöschte Familie. Sie verdrängte ihn rasch. Alle Beteiligten würden höchst zufrieden sein, dass Kikinas Kind der ersehnte Sohn war. Sie war sich ziemlich sicher, dass Inagoro auch eine Tochter akzeptiert hätte. Aber die Allianz mit den Grauen Schluchten würde nur ein Thronfolger besiegeln.

Und er würde das Ende ihrer Tage im Sommerharem besiegeln. Der Blick, mit dem die Schwester der jungen Ersten Gemahlin sie gemustert hatte, steckte ihr noch in den Knochen. War die Position von Inagoros jungen Gemahlinnen erst einmal gefestigt, würden sie keine Rivalin im Sommerharem dulden.

Nun, auch vom Winterharem aus gab es Möglichkeiten, unauffällig die Geschehnisse zu verfolgen und bei Bedarf ein wenig einzugreifen.

Endlich! Ein dünner, hoher Kinderschrei aus dem Pavillon der Ersten Gemahlin. Sirit folgte ihrem Sohn in das von Hofdamen belagerte Gemach. Inagoro hatte nur Augen für das Kind, das die Hebamme ihm mit einem stolzen Lächeln präsentierte. Ein Sohn! Ein Thronfolger! Überglücklich nahm er das Kind, hielt es stolz hoch, dass alle es sehen konnten. „Der Erbe des Falkenthrones!“

Sirit sah das Bett. Sah den riesigen Blutfleck darauf, der sich stetig weiter vergrößerte. Sah, wie blass die Haut der jungen Mutter war, wie verzweifelt die ältere Schwester die Hand der jüngeren an ihre Brust drückte. Der Erbe des Falkenthrones würde ohne seine Mutter aufwachsen müssen. Sie wandte sich ab, um den beiden in diesen letzten Momenten ihres Beisammenseins den Anblick ihrer Spiegelaugen zu ersparen.

Das Kind hatte sich gerade entschlossen, sein Missfallen an dieser Welt mit einem weiteren Protestschrei kundzutun. Inagoro sah lachend zu ihm auf. Aus den Augenwinkeln sah Sirit eine Bewegung vom Bett her. Eine Gestalt, die etwas hielt, die sich auf Inagoro stürzte. Inagoro handelte im Reflex. Er ließ das Kind los, versuchte, die Gestalt abzuwehren. Blut, Messer, Gekreisch, Chaos. Sirit hätte hinterher nicht mit Sicherheit sagen können, was überhaupt passiert war.

Und dann herrschte unheimliche Ruhe. Ruhe, die nur Kalekas Schluchzen durchdrang, die sich jetzt neben ihre Schwester auf den Boden kniete und den Kopf der Sterbenden in ihren Schoß bettete. Inagoro, aschgrau im Gesicht, der sich die Schulterwunde zusammenpresste, die der Dolch seiner Gemahlin ihm gerissen hatte. Die anderen Anwesenden, Hofdamen, Dienerinnen, Eunuchen, starr, zu schockiert, um sich zu rühren. Und das Kind am Boden, das keinen Laut von sich gab.

Sirit trat näher, bückte sich schwerfällig, nahm es auf. Der kleine Kopf pendelte haltlos. Der Sohn ihres Sohnes war tot. Das Kind hatte sich das Genick gebrochen.

Sie ging zu Kikina, legte ihr das tote Kind in den Arm, sah das Begreifen in ihren Augen aufflackern.

„War es das wert?“

„Ich … ich dachte, wenn ich ohnehin sterbe, kann ich genauso gut den Auftrag meines Vaters vollenden“, flüsterte sie. „Ich wusste nicht … ich dachte nicht …“

„Die Meereshexe hat dich gewarnt!“, schrie Kaleka verzweifelt auf. „Und jetzt hast du nichts erreicht, überhaupt nichts, und du stirbst, und sogar dein Kind ist tot!“

„… nicht … gewollt …“ Kikinas Worte verhauchten. Dann erschlaffte sie in den Armen ihrer Schwester. Kaleka zog sie dichter an sich, aber sie weinte nicht mehr.

Sirit nahm die Hand ihres Sohnes und führte ihn behutsam aus dem Pavillon heraus.

„Was, bei den Göttern, soll ich jetzt nur tun, Mutter?“ Während seine Wunde versorgt wurde, war Inagoro wohl trotz Trauer und Schock so langsam aufgegangen, was für mögliche Folgen dieser Tag haben konnte. „Ein Angriff auf den König, das ist Hochverrat. Ich müsste, wenn ich schon ihre sonstige Familie nicht direkt erreichen kann, die Schwester meiner toten Frau hinrichten lassen. Und vermutlich auch ihrem Vater offene Fehde erklären. Aber damit würde ich unwiderruflich das zerstören, was unsere Heirat eigentlich bewirken sollte. Vermutlich gäbe es dann sogar einen Krieg innerhalb des Reiches, denn ich glaube nicht, dass der Herr der Grauen Schluchten widerstandslos in die Verbannung gehen würde.“

„Der käme eher auf die Idee, seine Töchter rächen zu müssen“, stimmte Sirit zu. „Zumal die alte Blutfehde immer noch nicht erloschen ist.“

„Wenn ich nichts tue, verliere ich mein Gesicht. Dann werden mich alle für einen Schwächling halten. Auch das könnte zu einem Zusammenbruch des Reiches führen.“

Sirit dachte an die Priesterin. War das die verborgene Agenda der Priester? Wollten sie, dass das Reich sich auflöste? Und wenn ja, was würde die Kristallkammer dazu sagen?

Inagoro schlug wütend mit der Faust gegen einen Pfeiler. „Diese dumme, dumme Frau. Hätte sie nicht einmal ihren Verstand gebrauchen können? Unser Sohn hätte doch ihr und ihrer Familie alles gebracht, was sie sich nur wünschen konnten. Macht, Einfluss, Verbindungen in den Palast …“ Seine Stimme verklang. Leise fügte er hinzu: „Und ich hatte gerade begonnen, sie wirklich zu mögen.“

„Und sie hatte begonnen, Euch zu mögen, junger Gemahl. Leider wog ihr Eid schwerer.“

Im Eingang stand Kaleka, begleitet von zwei schwerbewaffneten Wachen. Ein dritter Wächter stand hinter ihr mit gezogenem Schwert. Inagoros Augenbrauen rutschten hoch. „Ist das wirklich nötig?“

„Sie stark, Herr“, verteidigte sich die Wache. „Es soll im Norden Frauen geben, die Kriegerinnen sind.”

„Selbst wenn – diese Frau hat Ehre. Sie wird mich hier und jetzt nicht angreifen. Lasst uns mit ihr alleine. Ihr könnt draußen warten.“

Einen Moment sah der Wächter aus, als ob er widersprechen wollte, aber dann verneigte er sich nur stumm und zog sich mit den anderen beiden wie befohlen zurück.

„Ihr irrt Euch, junger Gemahl.“

„In deiner Ehre?“

„In dem, was ich bin.“ Kaleka trat einen Schritt vor und hob beide Hände. „Ihr seht, dass ich keine Waffen trage.“ Inagoro nickte schweigend. „Ich brauche allerdings auch keine Waffen. Meine Waffen sind meine bloßen Hände. Was Ihr nicht seht, junger Gemahl, ist die Tatsache, dass ich keine Kriegerin bin, sondern eine Schattengeherin.“

Jetzt zuckten sowohl Inagoro als auch Sirit zusammen. Diese Frau, die mit einem schmallippigen Lächeln vor ihnen stand, konnte sie jederzeit in einem Herzschlag töten. Sie hätte es auch dann gekonnt, wenn die Wachen weiterhin im Raum geblieben wären.

„Worauf wartest du dann?“, fragte Sirit rau.

Kalekas Lächeln wurde breiter. „Für wie dumm haltet Ihr mich, Mutter des Königs? Ich habe meinen eigenen Verstand und Willen. Und im Gegensatz zu meiner unreifen kleinen Schwester habe ich unserem Vater nichts geschworen, auch wenn er vielleicht der Meinung ist. Er hat mich nie wirklich anerkannt. Die meiste Zeit hat er mich zu meiner Mutter auf die Schiffe abgeschoben, und als ich erwachsen wurde, hat er mich nur deshalb in seine Burg geholt, um mich als Heiratspfand zu gebrauchen.“ Das Lächeln verschwand von ihren Lippen. „Dieses Bündnis mit Euch ist nicht sein erster Versuch, mich nutzbringend zu verwerten.“

„Aber du warst frei und standest zur Verfügung, als unsere Anfrage kam“, sagte Sirit. „Wieso?“

„Meine ersten beiden Gatten hatten leider das Pech, schnell zu sterben. Bedauerliche Unfälle. So etwas kommt vor, besonders bei alten Männern.“

„Und dich hat niemand verdächtigt?“

Kaleka zuckte mit den Achseln. „Ich bin geschickt. Und mein Vater hatte immer mehr ehrgeizige Ziele als Töchter. Er nahm mich ohne Fragen zurück, zumal es nie Kinder gab, die mich hätten binden können. Schattengeher bekommen keine Kinder.“

„Du hättest dich weigern können, zurückzukehren. Da war immer noch das Volk deiner Mutter.“

„Auf den Meeren gibt es zu wenig Schatten und zu wenig Ziele.“

„Wusste dein Vater …“

„Nein. Hätte er es gewusst, hätte er mich auf der Stelle töten lassen. Die Schattengeher sind im Norden noch stärker gefürchtet als hier.“

„Also hast du ihn in dem Glauben gelassen, eine gehorsame Tochter zu sein, die einfach nur Pech mit ihren Männern hatte. Und er hat dich dann hierher abgeschoben.“

Kaleka lächelte in der Art einer Katze, die ihre Zähne fletschte. „Oh, das war kein Abschieben. Er hat mich sehr bewusst ausgewählt. Er hat wohl gehofft, das Pech, das meine Männer verfolgt, würde auch hier zuschlagen. Den Auftrag, Euren Sohn zu töten, gab er uns nur als zusätzliche Sicherheit. Vermutlich dachte er, dass der Eid, den Kikina aussprach, für uns beide galt. So konnte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Seiner Familie einen Thronanspruch verschaffen, und der alten Blutfehde Genüge tun.“

„Aber warum gleich zwei Töchter? Und warum ausgerechnet euch beide?“, fragte Inagoro.

„Wir waren die entbehrlichsten. Die älteste Tochter, unfruchtbar dazu, für andere Heiraten nicht mehr tauglich, aber stark genug, einen jüngeren Mann zu überwältigen, und als Beigabe gerade noch akzeptabel. Und die jüngste Tochter, geboren von einer Frau, deren Familie als sehr fruchtbar bekannt war. Schön genug, um eine Erste Gemahlin zu werden, fruchtbar genug, um schnell einen Thronfolger zu gebären, unerfahren genug, um sich leicht beeinflussen zu lassen und ein willfähriges Werkzeug für ihren Vater zu sein. Und als Jüngste schnell ersetzbar.“

Bei den letzten Worten klang Kalekas Stimme bitter. Sirit beschloss, diese Frau als ebenbürtig zu betrachten. „Und Ihr wart anderer Meinung.“

An der Art, wie Kalekas Augen aufblitzten, konnte Sirit sehen, dass ihre Botschaft angekommen war.

„Im Gegensatz zu unserem Vater habe ich Kikina wirklich geliebt. Ich habe sie auf meinen Armen gewiegt, als sie klein war. Ich habe mit ihr gespielt, als sie heranwuchs. Ich habe sie geschult in Frauendingen, als sie erwachsen wurde. Sie war mehr als nur eine Schwester für mich.“

„Sie war das Kind, das Ihr als Schattengeherin nie haben konntet.“

Kaleka nickte. Ihre Wangenmuskeln standen hart hervor.

„Ihr wisst, dass wir vor einem Dilemma stehen, wie wir mit Euch umgehen sollen.“

Kaleka nickte erneut. „Ja. Und ich bin gekommen, weil ich Euch eine Lösung anbieten kann.“

Inagoro sah seine Zweite Gemahlin nachdenklich an. Dann ging er zur Tür und befahl den draußen immer noch wartenden Wachen, sich endgültig zurückzuziehen. Die Schritte der Männer verhallten auf dem Gang.

*

Drakbur starrte auf den Brief, ohne die Schriftzeichen wirklich zu sehen. Das war ein übler Scherz der Götter. Etwas anderes konnte es gar nicht sein. Schwanger? Seine älteste Tochter? Die von keinem ihrer bisherigen Männer schwanger geworden war? Die, die er zwar anerkannt, aber nie legitimiert hatte, deren Kind ihm folglich auch keinerlei Anrecht auf den Thron Karapaks geben würde?

Aber sie war die rechtmäßige, offizielle Zweite Gemahlin Inagoros. Natürlich würde der König keine Frau töten, die womöglich seinen Erben trug. Und er würde auch den Vater dieser Frau nicht zur Rechenschaft ziehen für das, was dessen jüngste Tochter getan hatte. Genauso wenig, wie Drakbur seinerseits eine neue Blutfehde aufgrund des Todes seiner Tochter und seines Enkels erklären konnte. Genauso wenig, wie er mit dem Reich brechen konnte. Der Heiratsvertrag blieb gültig. Kaleka gehörte zwar nicht rechtmäßig zu seiner Familie, war aber dennoch von ihm selbst als seine natürliche Tochter anerkannt worden.

Drakbur ballte die Fäuste. In seinen Händen knitterte und riss das Papier. Fein, ganz fein! Da hatte er sich selbst in die perfekte Falle manövriert und sich wieder enger an den Thron gekettet, ohne die leiseste Aussicht, ihn für seine eigenen Zwecke ausnutzen zu können.

*

„Es sieht ziemlich echt aus“, befand Sirit, während sie Kaleka musterte. „Ich wusste gar nicht, dass Ihr in Handarbeiten so bewandert seid.“

„Als ob ich eine Wahl gehabt habe“, gab Kaleka mit einem schiefen Lächeln zurück. „Mein Vater wollte selbstverständlich, dass ich eine angemessene Ausbildung in allen Haushaltsdingen bekam. Immerhin verbessert das die Heiratschancen. Ich gebe zu, ich habe das Nähen gehasst – bis ich gemerkt habe, wie wenig Unterschied es macht, ob man ein Kleid zusammennäht oder eine Wunde. Auf dem Schiff meiner Mutter habe ich diese Fähigkeit tatsächlich gut gebrauchen können. Sie haben mich als Heilerin mitgenommen, als ich meinem Vater weglief.“

Sirit Augenbrauen schossen in die Höhe. „Und das hat Euer Vater toleriert?“

„Natürlich nicht. Aber auf dem Meer konnte er mich nicht erreichen.“

„Kein Schiff kann ewig auf dem Meer bleiben.“

„Das habe ich gemerkt. Und im Gegensatz zu mir hatte mein Vater in den drei Jahren, die ich weg war, nichts vergessen. Mutter befahl mir, auf dem Schiff zu bleiben. Ich war dumm genug, ihr nicht zu gehorchen. Am gleichen Abend stand ich in Ketten vor meinem Vater. Er erklärte mir unmissverständlich, dass ein verirrter Pfeil oder ein vergifteter Dolch meine Mutter treffen würde, wenn ich nicht als reumütige, gehorsame Tochter bei ihm bliebe. Ich willigte natürlich ein. Er ließ mich auspeitschen, bevor er mir höchstpersönlich die Ketten abnahm und mir ins Ohr flüsterte, dass er mich getötet hätte, wenn ich nicht auf seinen Wunsch eingegangen wäre.“

„Und womit hat er Euch erpresst, dass ihr als Braut zu uns kamt?“

„Dazu brauchte er mich nicht zu erpressen. Ich habe es gerne getan. Wegen Kikina.“

„Weil ihr Eurer Schwester helfen wolltet.“

„Ja.“ Nach kurzer Pause setzte Kaleka hinzu: „Und weil es für mich die einzige Möglichkeit war, von meinem Vater noch einmal wegzukommen.“

„Und er wollte Euch benutzen, um seinen König zu töten.“

„Kikina hat es ihm geschworen. Ich nicht. Sie hat ihren Eid geschickt formuliert. Er hat es nicht einmal gemerkt.“

„Und das hier?“ Sirit deutete auf die sichtbare Wölbung, die das Kissen unter Kalekas Kleidung hervorrief.

„Das zwingt ihn, dem Königshaus gegenüber loyal zu bleiben, was so ziemlich das Schlimmste ist, was ihn passieren kann.“ Kaleka zeigte ein Grinsen, das an das Zähnefletschen eines großen Hundes kurz vor dem Angriff erinnerte.

„Aber Ihr habt kein Kind.“

„Lasst das meine Sorge sein, Mutter des Königs. Wenn es soweit ist, werde ich ein Kind haben.“

Sirit zog es vor, keine weiteren Fragen zu stellen.

Kaleka suchte sorgsam. Schließlich hatte sie eine Sklavin gefunden, die ihr oberflächlich ein wenig ähnlich war und deren Schwangerschaft sich zeitlich mit ihrer eigenen, vorgetäuschten einigermaßen deckte. Nicht einmal Sklavinnen würden ein Kind so einfach aufgeben. Aber Kaleka kannte einen Preis, der verlockend genug war: die Freiheit. Die Sklavin zog in einen kleinen Raum im Winterharem ein und ließ sich nicht mehr im Sommerharem blicken. Eine Sklavin, die in Ungnade gefallen war. Niemand stellte Fragen.

Auf dem Höhepunkt der Sommerhitze, kurz vor Beginn der nächsten Regenzeit, wurde das Kind der Sklavin geboren. Kaleka nahm es persönlich in Empfang und inspizierte es. Leider nur eine Tochter. Aber vielleicht war das auch besser so, Inagoro wusste schließlich nur zu gut, dass dieses Kind nicht von ihm selbst gezeugt sein konnte.

Kaleka gab der Sklavin das Dokument, das ihre Freilassung bezeugte. Die Augen der Frau leuchteten, als sie es mit zitternden Fingern in Empfang nahm und an ihre Brust drückte.

„Hast du einen Ort, an den du gehen kannst?“, fragte Kaleka.

„Ich hab’ Verwandtschaft unten im Flussviertel. Einen Bruder.“

Kaleka nickte. Dann legte sie das Kind auf den Boden, trat zu der Sklavin und schnitt ihr mit einer geübten Bewegung die Kehle durch.

Flussviertel. Das Viertel der Gauner und Ganoven. Das Viertel der Armen. Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Frau selbst oder jemand aus ihrer Familie auf die Idee gekommen wäre, aus dieser Sache Geld zu schlagen. Die besten Mitwisser waren tote Mitwisser. Kaleka nahm das Dokument und stopfte es der Toten durch die zerschnittene Kehle in den Schlund. So, nichts mehr zu sehen. Die Frau hatte ein Anrecht auf ihre Freiheit, und Kaleka pflegte jeden Handel einzuhalten, den sie einging. Ihr Geist würde keinen Grund finden, zurückzukehren und Kaleka zu plagen.

Dann nahm sie das Kind wieder auf, wickelte eine Decke darum und brachte es eilig fort.

Wenig später bekam ein diskreter Eunuch den Befehl, im Winterharem einen Leichnam zu bergen und für seine Verbrennung und die Einbringung seiner Asche in eine Mauer des Flussviertels zu sorgen. Dann verkündete Kaleka die überraschende, weil überstürzt und ohne Zeugen, ja sogar ohne Hebamme geschehene Geburt ihrer Tochter.

Eine Tochter. Für einen Moment fühlte Sirit sich an ihre eigenen Kinder erinnert. Aber dann war sie erleichtert. Inagoro wurde nicht vor die fast unlösbare Aufgabe gestellt, ein Kind, das nicht sein eigenes war, aber als solches galt, vom Thron fernzuhalten. Sie konnte ihrem Sohn ansehen, dass er ähnlich dachte.

Zur Verblüffung des ganzen Palastes feierte Inagoro die Geburt seiner Tochter regelrecht. Geschenke für alle Diener und Dienerinnen, und ein Festmahl für die Sklaven.

Dass Kaleka trotzdem nur Zweite Gemahlin blieb, schien allen folgerichtig. Es war ja kein Sohn. Inagoro würde sich eine neue, junge Erste Gemahlin suchen, die ihm viele Söhne gebären konnte. Nur dass es nach dem letzten Debakel weder dem König noch den Thronrat eilig schien, sofort eine neue Heirat einzufädeln.

Nicht nur Inagoro feierte die Geburt seiner Tochter. Auch sein Erster Feldherr Katuro sah in der Geburt eines Mädchens einen Grund zum Feiern. Dieses Kind hatte ihm Zeit verschafft. Mädchen waren kein Hindernis auf dem Weg zum Thron. Eher eine schöne Draufgabe. Wer weiß, wenn die Kleine hübsch genug wurde, konnte er sie ja vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft einfach heiraten, um seinen Anspruch auf den Thron zu verstärken.

Noch besser war natürlich, dass Inagoro es überhaupt nicht eilig zu haben schien, erneut zu heiraten. Somit blieb nach wie vor nur eine einzige Person zwischen Katuro und dem Thron: der König selbst.

Katuro dachte an einige Andeutungen seines Vaters. Nein, er würde sich nicht wundern, wenn dem jungen König ein Missgeschick zustieß. Weit weg von ihm, außerhalb seiner Kontrolle, natürlich. Dafür würde sein Vater schon sorgen. Wie bedauerlich, wenn der junge Mann eine Situation oder seine Kraft falsch einschätzte. Noch bedauerlicher, wenn ein verirrter Jagdpfeil die königliche Kehle traf. Selbst wenn der ganze Thronrat Verdacht schöpfte, würde es niemand wagen, diesen Verdacht auch zu äußern.

Katuro nahm noch einen Schluck Wein. Während er mit der anderen Hand nach der willigen Sklavin griff, malte er sich genüsslich aus, wie viel besser dieser Wein ihm auf dem Thron schmecken würde.

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