Kitabı oku: «Windschwingen»
Spiegelmagie
Band 6
Windschwingen
C. Svartbeck

Hinweis:
Am Ende des Buches finden Sie einen Anhang mit einer Landkarte sowie Erläuterungen zum Land Karapak und seinen Bewohnern.
C. Svartbeck 2018
Machandel Verlag
Neustadtstr.7, 49740 Haselünne
Bildquelle cover: Vuk Kostic / www.shutterstock. com
Vignette: Fernando Cortez /shutterstock.comp
2019
ISBN 978-3-95959-322-9
Was bisher geschah
Band 1-3
Anmerkung: Sie können das Buch direkt zu lesen beginnen, ohne dass Sie deswegen die ganze Vorgeschichte kennen müssen. Falls es Sie aber doch interessiert oder Sie die ersten Bände nicht mehr so ganz im Gedächtnis haben: Die Grundlagen-Fakten sind in diesem Kurz-Kapitel aufgeführt.
Was gibt es in den ersten drei Bänden zu lesen?
Band 1 - Königsfalke
Ioro, ältester Sohn einer Konkubine König Kanatas (und daher nicht Erbe), ist zum obersten Feldherren bestimmt, sein jüngerer Bruder Tolioro als Sohn der Ersten Gemahlin ist Thronerbe.
Wie das Schicksal so spielt, scheint Ioro mehr Intelligenz und Ehre zu besitzen als Tolioro, was Vater Kanata wohlwollend vermerkt. Ebenso wohlwollend (da er es in seiner Jugend ebenso gehandhabt hat) sieht er allerdings zu, wie Söhnchen Tolioro einen potenziellen Konkurrenten nach dem nächsten aus dem Weg räumt. Und Mutter Iragana beseitigt unauffällig einige Leichen, die Tolioro bei seinen sexuellen Eskapaden produziert.
Da Tolioro auf Ioro eifersüchtig ist, wäre Ioro dem Weg aller Königssöhne in ein frühes Grab gefolgt sein, hätte er nicht in dem angehenden Zauberer Jokon einen tatkräftigen Freund gefunden. Dumm ist halt nur, dass auch Jokon sozusagen auf Messers Schneide lebt.
Band 2 - Falkenkrieger
Sowohl König Kanatas Ehe als auch die seines Sohnes Tolioro, aus Gründen der Staatsraison mit Sirit, der Tochter eines Nachbarkönigs geschlossen, sind unglücklich. Zudem versucht sich die halbe Familie und Schwiegerfamilie gegenseitig zu meucheln.
Am Ende stirbt der König von der Hand seines Sohnes, und Ioro, der jetzt keine Zukunft mehr für sich sieht im Reich, flieht zu den Wüstenkriegern, gegen die das Reich gerade Krieg führt.
Zauberer Jokon, der sich jetzt Jo nennt, hat derweilen einen kapitalen Fehler begangen, ist einer fremden, feindlichen Zauberer-Fraktion auf den Leim gegangen und sitzt im Körper eines Falken fest.
Band 3 - Wüstenkrieger
Ioro kämpft unter seinem neuen Namen Nior mit den Wüstenkriegern gegen seine alte Heimat Karapak. Hauptziel: Vernichtung seines Bruders Tolioro.
Bei diesem speziellen Ziel unterstützt ihn Tolioros Gattin Sirit aus ganzem Herzen.
Und Jo, der ihn im Körper eines Falken begleitet, bekommt dabei kaum mit, dass auch Karapaks Zauberer um ihr Überleben kämpfen, gegen einen Feind, den sie seit 500 Jahren vernichtet wähnten.
Am Ende verbleiben nur 3 der bekannten Akteure auf dem Schachbrett:
Sirit, jetzt Witwe Tolioros und Regentin Karapaks. Ihr Gatte hatte sie geblendet. Da sie einer Zauberin half, hat diese ihr Ersatz-Augen aus Spiegelscherben geschenkt, mit denen Sirit jetzt mehr sehen kann als vorher mit ihren natürlichen Augen. Zum Beispiel Geheimgänge in Mauern.
Weiter verbleiben noch:
Inagoro, ihr minderjähriger Sohn
Jo, der seinen Falkenkörper verloren hat und jetzt in einem Spiegel gefangen ist.
Und es beginnt eine neue Geschichte. Sozusagen „The next Generation“, die
Trilogie Blut der Drachenberge
1. Band: Hornstachler
Die großen Umwälzungen in Karapak haben nur drei Mitglieder der königlichen Familie überlebt: Sirit, ihr Sohn Inagoro, inzwischen König, und ihre Adoptivtochter Taephe. Die allerdings hat der Kronrat eiligst verheiratet mit Shioge, dem Herrn einer entlegenen Grenzburg im Norden.
Und genau dort, im Norden, im benachbarten Kirsitan, taucht eine uralte Bedrohung wieder auf, die Frostgeister. Horden vermehrungsfreudiger, fleischfressender kleiner Ungeheuer, denen zu allem Überfluss noch etwas Magie innewohnt. Sie fressen sich quer durch Kirsitan, entvölkern Meelas und bedrohen inzwischen auch Tolor massiv.
Wären nicht inzwischen die Drachenherrn und ihre ziemlich unheimlichen Nachkommen wieder aufgetaucht, hätten die Menschen überhaupt keine Chance.
Auch so ist sie gering genug. Shioge stirbt durch die Frostgeister. Taephe flieht mit ihren kleinen Söhnen vor dem Zugriff habgieriger Verwandter nach Kirsitan, das wiederum wegen der Frostgeister weitgehend nach Nord-Tolor evakuiert wird.
Inagoro, Karapaks junger König, befürchtet das Schlimmste für seine Schwester, kann aber den Thronrat nicht dazu bewegen, dem Norden zu Hilfe zu kommen.
Und Sirit macht sich Sorgen, ob der neue tolorische König Patta dieser Ausnahmesituation in seinem Land, ihrer alten Heimat, gewachsen ist.
Zauberer Jo, inzwischen wieder frei, hat dagegen ganz andere Sorgen. Die Kristallkammer ist sauer, dass er zusammen mit seiner Schülerin Fü Tolor ohne Bezahlung hilft. Soweit Jo weiß, kennt Großmeister für unbotmäßige Zauberer nur eine Strafe: Er verwandelt sie in Spiegel. Und genau davon hat Jo die Nase gestrichen voll.
2. Band: Feuerwind
Die Frostgeister nehmen derart überhand, dass Kirsitan komplett evakuiert werden muss. Kein Mensch weiß, ob es Meelas ähnlich geht. Jo macht sich auf, die Lage in dem Bergreich zu erkunden. Eine Aktion, die ihn fast das Leben kostet, denn dort haben sich die Laren verschanzt, alte Feinde der Drachenherren. Ganz offensichtlich sind diese auf Rache aus – und nicht ganz so offensichtlich haben sie irgendetwas mit den Frostgeistern zu tun. Was auch immer, Jo ist heilfroh, dass er am Ende wieder lebendig in Tolor landet.
Angenehm wird es allerdings auch da nicht. Jo muss schnell feststellen, dass die Erziehung von Zaubererkindern für Fü und ihn ein Knochenjob ist.
Um Nachwuchs geht es auch in Karapak. Königlichen Nachwuchs, denn Inagoro braucht Thronerben. Allerdings nicht unbedingt die zugehörige Mutter. So ist er auch nicht traurig, als Gattin Kaleka von der Bildfläche verschwindet.
Als gelernte Schattengeherin (Assassine) ist sie allerdings alles andere als tot. Tot sind dafür ziemlich bald andere, nämlich diejenigen, die ihrem Sohn, dem Thronprinzen, gefährlich werden können.
Taephe lebt auch nicht mehr in Ganen. Sie hat in Oke Bärentöter aus den Nordlanden einen neuen Gatten gefunden und hofft, dass dank Oke ihre Söhne zu Kriegern werden, die irgendwann imstande sind, das Erbe ihres Vaters Shioge einzufordern.
1026
Sommertochter
Zwei Jahre war es jetzt her, dass Taephes dritter Sohn im Feuerwind umgekommen war. Lange genug, dass die Welt wieder halbwegs normal aussah. Den Schatten, der immer noch auf ihr lag, schien außer Taephe niemand zu sehen. Ihre Mit-Gattinnen lachten, scherzten, arbeiteten und erzählten, und die beiden jüngeren bekamen weitere Kinder. Ortege und Okano wuchsen zu Kriegern heran, ihnen tat es gut, dass sie nicht mehr in den friedlichen Bergen Ganens lebten. Wenn Taephe sah, wie Ortege die Axt schwang, wusste sie, dass er einen Kampf um sein Erbe nicht zu scheuen brauchte. Oke behandelte die beiden nicht anders als seine leiblichen Söhne. Und wenn schon für nichts sonst, dafür liebte Taephe ihn.
Im Vorjahr waren die Herden fruchtbar gewesen. Im Winter hatte Okes Sippe reichlich zu essen gehabt und die Erdhäuser kaum verlassen müssen. Lange Tage und Nächte am Feuer, Honigwein, Lieder, Erzählungen. Und Nächte, in denen Oke nach anderem der Sinn stand als nach Schlaf.
Taephe wurde erneut schwanger.
Die Karapakierin gab eine bessere Gattin ab, als Oke befürchtet oder erhofft hatte. Nur ihr Aussehen und ihr Akzent verrieten noch, dass sie nicht im Norden geboren worden war. Sie nahm die Fische, die Oke gerade erst gebracht hatte, aus, als habe sie niemals in ihrem Leben etwas anderes getan. Ihre Haut war gebräunt von der Sommersonne, und ihre Wangen leicht gerötet, während sie lebhaft mit Ala diskutierte und dann über etwas lachte, das die ältere Frau gerade gesagt hatte. Oke trat hinter sie, zog sie an seine Brust. Ihr Körper war warm und weich. Seine Hand glitt von ihrer Brust nach unten. In dem Maße, in dem der Sommer voranschritt, hatte sich auch Taephes Bauch gerundet. Oke streichelte über die Wölbung. Das Kind trat kräftig. Ob es wieder ein Sohn werden würde? Taephe war fruchtbar. Oke freute sich schon auf eine ganze Horde schwarzhaariger Kinder.
Zuvor allerdings würde es zum Mittsommerfest eine ganz besondere Zeremonie geben.
Hier oben im Norden ging die Sonne in der Mitte des Jahres überhaupt nicht mehr unter. Ein Schauspiel, an dem Taephe sich nicht sattsehen konnte, auch wenn es ihr immer ein bisschen unheimlich blieb, genauso wie jene Tage im Winter, wenn die Sonne ganz fort blieb und bunte Feuer über den Himmel flackerten.
Im Winter kamen die Frostgeister. Im Winter war ihr dritter Sohn gestorben. Taephe war sehr froh, dass dieses Kind im Sommer zur Welt kommen würde. Okes Hand war hart und schwielig, aber warm, und sie bewegte sich behutsam über ihren Bauch. Oke war ganz anders als Shioge. Taephe war sich immer noch nicht sicher, warum Oke sie hatte heiraten wollen, aber er war freundlich zu ihren Söhnen, unterrichtete sie wie seine eigenen Kinder, gab seinen Frauen, was immer sie brauchten, und sorgte dafür, dass auch ihre Lust Erfüllung fand.
Ihre Söhne liebten Oke. Vermutlich betrachteten sie eher ihn als Shioge als ihren Vater. Shioge hatten sie ja kaum gekannt. Und jetzt wollte Oke ihren jüngeren Sohn Okano adoptieren. Eigentlich hatte er beide Jungen adoptieren wollen, aber Taephe hatte sich gesträubt. Sie war Shioge einen Erben schuldig. Wenigstens einer der Jungen sollte ein Karapakier bleiben.
Jedenfalls, es würde ein Fest geben. Ein großes Fest, und wenn sie die Nordleute richtig beurteilte, ein Fest, dass wie alle anderen auch in viel Met, lauten Liedern und ungehemmter Lust enden würde. Es sollte ihr recht sein. Oke war vorsichtig genug, wenn er sie in sein Bett rief. Und Taephe wusste aus Erfahrung, dass ein dicker Kinderbauch kein Grund war, keinen Spaß im Bett zu haben.
Okes Hand rutschte etwas tiefer auf ihrem Bauch. Unwillkürlich presste Taephe sich dagegen. Ja, es würde ihr sehr recht sein.
Der Schamane war extra gekommen. Auf einem der nahen Hügel wartete er neben einem großen Holzstoß. Festlich gekleidet und in bester Laune strebten alle Dorfbewohner dorthin, begleitet von tollenden Kindern und kläffenden Hunden. Ortege sah finster, wie sein kleiner Bruder, mit nichts angetan außer einem grob zusammengenähten Gewand aus Birkenrinde, von Okes älteren Söhnen vor den Schamanen geführt wurde. Dann war auch Oke da. Die Menschen rundum wurden still. Der Schamane hob die Hände gen Himmel und flehte um den Segen der Götter, bevor er mit der Zeremonie begann.
„Ein Fremder steht vor mir“, begann er mit weittragender Stimme. „Ein Fremder, der ein Freund geworden ist. Ein Fremder, der mit uns Feuer, Wasser und Fleisch geteilt hat, dessen Mutter zur Gattin Okes, unseres Torks, wurde. Sage mir, Oke aus dem Clan der Steinschleuderer, ist es dein erklärter Wille, diesen Fremden in deine Familie und deinen Clan aufzunehmen, ihn zu deinen Söhnen zu zählen und zu deinen Erben?“
„Das will ich!“, tönte Okes tiefe Stimme über den Hügel. „Dieser Fremde ist kein Fremder mehr. Ich habe für ihn gejagt, und er hat für mich gejagt. Ich habe ihm Geschichten am Winterfeuer erzählt, und er hat mir seine Träume erzählt. Ich habe ihn gelehrt, wie er zu kämpfen hat, und er hat mir versprochen, dass er für mich kämpfen wird. Er ist kein Sohn von meinem Blut, aber ich will ihn zu einem Sohn meines Herzens machen.“
„So sei es.“ Der Schamane trat zu dem Holzstapel und verstreute etwas darauf. Dann ging er zu Okano.
„Fremder, der du ein Freund geworden bist am Herdfeuer Okes aus dem Clan der Steinschleuderer, der du für ihn gejagt und mit ihm Wasser, Feuer und Fleisch geteilt hast, bist du gewillt, auch für ihn zu kämpfen und gegebenenfalls für ihn zu sterben, wenn es der Wille der Götter ist? Wirst du, wenn er dich als seinen Herzsohn annimmt, ihn als deinen Herzvater annehmen?“
„Das will ich!“ Okanos Stimme war hell, jungenhaft, aber fest und bestimmt und über den ganzen Hügel zu vernehmen.
Der Schamane nahm ihm das Gewand aus Birkenrinde ab und legte es auf den Holzstapel. Dann entzündete er das Holz. „Der, der ein Fremder war, ist nicht mehr“, verkündete er. „Okes Sippe hat ab heute einen neuen Sohn!“
Unter dem Jubel aller brachten Okes älteste Frauen ein neues Gewand aus frischem, hellem, bunt bemaltem und reich besticktem Leder herbei und zogen es Okano an. Dann gab Oke ihm Dolch und Bogen, während die Trommeln begannen und die Methörner gefüllt wurden. Und vor dem prasselnden Feuer standen Oke und sein neuer jüngster Sohn, stolz und aufrecht, in der Gunst der Götter.
Ortege wandte sich ab und entfernte sich verstohlen. In seinem Herzen glühte die Eifersucht. Warum durfte Okano Okes Sohn werden, warum nicht er? Lebte er nicht schon länger an Okes Herdfeuer? Hatte Okes ihm nicht schon viel früher einen Bogen gegeben? Er ging schneller und schneller. Am Ende lief er. Lief, bis er nicht mehr konnte, und irgendwo im hohen Gras erschöpft zu Boden fiel.
Wenigstens war hier nichts mehr von dem Fest zu hören.
Die Sonne berührte fast den Horizont. Dann kletterte sie wieder in den Himmel. Sie stand hoch oben, als Ortege eine Berührung an seiner Schulter spürte. Er öffnete die Augen. Oke stand über ihm.
„Du bist nicht bei dem Fest.“
„Es ist nicht mein Fest.“
„Es ist das Fest deines Bruders.“
„Ist er noch mein Bruder?“ Ortege konnte nicht verhindern, dass Bitterkeit durch seine Stimme klang.
Oke setzte sich zu ihm „Er ist dein Bruder durch euer gemeinsames Blut. Und das ist etwas, was sich niemals ändern wird.“
„Aber er ist jetzt einer von euch. Und ich nicht.“
„Denkst du, dass ich dich nicht liebhabe?“
„Du hättest auch mich zu deinem Herzsohn machen können.“
„Deine Mutter wollte es nicht. Und ich achte deine Mutter zu sehr, um ihre Wünsche zu missachten.“
„Wegen dieser blöden Burg irgendwo in Karapak. Einer Burg, an die ich mich kaum erinnern kann, die mir nichts bedeutet.“
„Sie gab ihrem ersten Gatten ihr Ehrenwort, dass sie dafür sorgen würde, dass einer seiner Söhne sein Erbe antreten würde. Willst du, dass deine Mutter wortbrüchig wird, dass sie ihre Ehre verliert?“
„N–nein. Aber … hätte es nicht eine andere Möglichkeit gegeben? Warum muss ich es sein?“
„Du bist der Älteste. Die Verantwortung lastet auf dir. So ist das nun mal.“
Beide schwiegen jetzt.
Schließlich seufzte Oke. „Vielleicht sollte ich dir etwas sagen. Etwas, was du wohl noch nicht begriffen hast. Du magst nicht mein Blutsohn sein und auch nicht mein Herzsohn, aber du bist mein Herdfeuersohn, und du sollst wissen, dass du auch ohne Eid immer meinem Herzen nahestehen wirst. Ich habe keine Verpflichtungen aus Blut und Familie dir gegenüber, aber ich verspreche dir, dass ich dir genauso in Worten und mit Waffen zur Seite stehen und dich unterstützen werde, als seist du mein Blutsohn. Bedingungslos. Und koste es mein Leben.“
Ortege sah Okes Augen. Sie sprachen von Wahrheit und Liebe. Er rückte näher an den Tork heran, umarmte ihn und flüsterte: „Ich werde es nie vergessen. Und wenn ich dich auch nie so nennen darf, Oke, in meinem Herzen wirst du für mich immer ein Vater sein.“
Oke drückte ihn kurz. Dann stand er auf. „Komm, Ortege. Das Fest ist noch lange nicht zu Ende. Ich erwarte, dass du genau das tust, was auch meine älteren Söhne getan haben. Du wirst dich für deinen Bruder und mit uns freuen und mit uns feiern und singen. Und du wirst ihm zeigen, dass er zwar Brüder gewonnen, aber keinen Bruder darüber verloren hat.“
Taephe erfuhr nie, was Oke mit Ortege besprochen hatte. Aber sie sah, dass ihr ältester Sohn seinen Bruder umarmte, ihm gratulierte, und sie sah, dass sein Lächeln echt war.
Einen Mond später gebar sie Oke eine Tochter. Sie fürchtete Enttäuschung, aber ihr Mann lachte nur. „Es können ja nicht immer nur Söhne sein. Ein kräftiges kleines Mädchen. Ich hoffe, sie wird wie ihre Mutter.“
Taephe nannte die Kleine Nitiri, nach den winzigen gelben kirsitanischen Bergblumen, die Wind und Eis und sengender Sonne trotzten und jeden Sommer an den steilsten Hängen der Drachenberge blühten.
*
Weit weg in den Bergen Kirsitans dachte in jenem Moment eine Frau an Taephe. Inana hatte seit Taephes Abreise nichts mehr von ihrer Freundin gehört. Die Händler waren ausgeblieben, die Nordleute hatten sich anderen Zielen zugewandt. Kein Wunder, in Kirsitan gab es nichts mehr zu handeln, und von Meelas hörte man erst recht nichts. Inana seufzte und sah zu ihrem Sohn. Zwei Monde nach Taephes Abreise war er zur Welt gekommen. Der Kleine hätte Taephe vermutlich gefallen.
Und Inana hätte eine Schwester an ihrer Seite gebrauchen können. Nicht einmal ihr Hornstachlerkind vorher hatte sie dermaßen erschöpft wie dieser Junge. Mako mochte erst zwei sein, aber er war groß und stark für sein Alter und kaum zu zähmen. Inana hatte manchmal den Eindruck, dass der Junge ihre Erziehungsversuche einfach auslachte.
Sie erhob sich, strauchelte und musste sich am nächsten Stützpfeiler des Hauses festhalten. Schwarze Wolken schienen vor ihren Augen zu tanzen. Irgendetwas stimmte da ganz gewaltig nicht. Sie war nicht krank, sie hatte weder Schmerzen noch Fieber. Und trotzdem war sie seit einiger Zeit praktisch ständig erschöpft und kaum noch fähig, ihre ganz normalen Arbeiten zu verrichten.
Es gab nur eine Stelle, die ihr Rat geben konnte. Inana suchte die Duka auf.
Kira saß schwatzend am Feuer ihres Sippenhauses und verlas zusammen mit drei älteren Frauen die Bohnen. Einwandfreie wanderten in die Vorratsgefäße, beschädigte kamen gleich in den Eintopf, der auf dem kleinen Feuer vor ihnen leise simmerte.
Inana setzte sich schweigend zu ihnen und wartete.
Zwei Handvoll Bohnen später wandte Kira sich an sie. „Ich habe dich während der letzten Monde selten gesehen. Du kommst kaum noch aus dem Haus. Und du bist dünner geworden und kraftlos. Was ist mit dir, Schwester?“
Inana öffnete ihre Hände dem Schein der Flammen. „Ich dachte, das könntest du mir sagen.“
Kira sah sie an, dann ihre Hände, dann die Flammen. „Du bist nicht die Einzige“, sagte sie schließlich leise. „Da sind andere, deren Leben genauso schwindet. Und ihr alle habt eines gemeinsam. Ihr habt zuvor Drachenbrut ausgetragen, und danach habe ihr ein menschliches Kind geboren.“
Inana wollte die Antwort, auch wenn sie sich davor fürchtete. „Was bedeutet das?“
„Das bedeutet, dass ihr sterben werdet, wenn eure Kinder bei euch bleiben. Das bedeutet, dass dein eigenes Kind dir das Leben stehlen wird. Die Flammen haben mich gewarnt. Das Drachenblut ist zu stark in euren Kindern. Ich habe versucht, so lange wie möglich zu warten. Es ist nicht unsere Art, Mütter von ihren Kindern zu trennen. Aber ich fürchte, uns wird keine andere Wahl bleiben.“
„Heißt das, ich muss meinen Sohn einer anderen Sippe geben?“ Das hieße, sie würde ihn nicht mehr jeden Tag sehen können. Würde sich nicht erfreuen können an jedem kleinen Fortschreiten seiner Entwicklung. Es würde schwer sein für sie.
„Das heißt, dein Sohn und alle anderen Kinder, die wie er sind, müssen Kirsitan verlassen.“
Inana sog erschrocken die Luft ein.
„Grau hat so etwas bereits angedeutet bei seinem letzten Besuch. Er sagte, die Drachenblütigen sind Zauberer und müssen als solche aufgezogen werden.“
„Aber … können wir das nicht hier machen? Notfalls in einem anderen Dorf?“
„In welchem denn? Über den Winter ist doch nur Ganen selbst bewohnt. Außerdem brauchen sie Erzieher, Lehrer, Vorbilder. Kirsitan hat keinen einzigen Zauberer. Wir können das einfach nicht.“
Inanas Herz schien zu stolpern. Mit gepresster Stimme fragte sie: „Wohin müssen unsere Kinder dann gehen?“
„Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Karapak oder Tolor. Nur in diesen beiden Ländern gibt es Zauberer. Und Karapak … Wir wissen, wie sehr die Karapakier uns mögen. Das Land kommt also nicht infrage. Es bleibt nur Tolor. Die beiden Zauberer dort würden unsere Kinder bei sich aufnehmen.“
„Wie lange?“ Inana konnte hören, wie dünn und verloren ihre Stimme klang.
„Für immer. Sie kehren niemals zurück.“
Jetzt flossen die Tränen.
Inana spürte, wie zwei der älteren Frauen an sie heranrückten und sie in die Arme nahmen.
Hätte sie aufgesehen, hätte sie den fast verzweifelten Blick ihrer Duka bemerkt.
Kira haderte mit den Flammen. Mussten sie ihr das sagen? Hätte es nicht schon gereicht, zu wissen, dass sie Kinder ihres eigenen Volkes wegschicken musste? Sie dankte den Göttern, dass Inana in diesem Moment nicht fähig war, weiter zu fragen. Wie hätte sie ihr erklären sollen, dass sie diese Kinder wissentlich in den Tod schickte?
Denn das hatten ihr die Flammengeister gesagt. Keines der Kinder würde Tolor überleben. Und trotzdem war es nötig, sie dorthin zu schicken. Das Überleben ihres ganzen Volkes hing davon ab. Die Zauberer im Süden waren das Zünglein an der Waage des Schicksals.
*
Als der Drachenherr nach seinem nächsten Besuch wieder fortflog, trug er fünf kleine Kinder in einem Korb mit sich.
So, wie in den nächsten Jahren auch, nur dass es immer weniger Kinder wurden, denn auch die Zahl der Frauen, die zuvor Drachenbrut austrug und danach noch ein menschliches Kind wagte, sank. Es tat zu weh, seine Kinder so rasch wieder zu verlieren.
Aber die Frauen fanden zu ihrer alten Kraft zurück, sobald die Kinder fortgeschafft waren.
1027
Nachwuchssorgen
Vio, seines Zeichens oberster Meister der Töpfe und Pfannen im Sommerharem, sortierte geistesabwesend seine Gewürze. Es waren mehr geworden als früher, die neue Erste Gemahlin des Königs hatte einige Kräuter aus ihrer Heimat mitgebracht, die sie in ihren Speisen wünschte. Bei einem der neuen Kräuterbüschel zögerte er kurz. War diese Pflanze nun als Zutat zu Fleisch oder zu Gemüse gedacht? Aber nein, jetzt fiel es ihm wieder ein. Dieses würzige, harte Blatt gehörte zu Fisch. Meeresfisch, wie die Erste Gemahlin betont hatte. Nun, dann konnte er das Kraut gleich ganz hinten in den Schrank hängen. Wenn man nicht gerade die Dienste eines Zauberers in Anspruch nahm, war es so gut wie unmöglich, Meeresfische in die Hauptstadt zu bekommen, die noch frisch genug waren, um sie zu essen.
Jetzt nur noch rasch die Töpfchen mit den Würzsamen überprüfen. Der Fenchel roch muffig. Vio warf ihn ins Herdfeuer und beauftragte einen Küchenjungen, unverzüglich zum Markt zu laufen und frischen zu holen. Beim achtzehnten Töpfchen hielt Vio erneut inne. Zirmetsamen. Noch so ein Fischgewürz. Allerdings rochen diese Zirmetsamen merkwürdig schwach. Er streute ein paar auf die weißgescheuerte Tischplatte. Seine Augen verengten sich. Das war kein Zirmet. Genauer gesagt, das war Zirmet, der mit einer ordentlichen Portion Möhrensamen gestreckt war. Vio war absolut sicher, dass die Königinmutter das interessant finden würde.
„Wer weiß alles, welche Gewürze die Erste Gemahlin meines Sohnes gerne und in größeren Mengen isst?“ Sirit besah die so unscheinbar und harmlos auf ihrer Hand liegenden Körner.
Vio zog den Kopf ein. „Praktisch jeder hier in der Küche. Und ihre Hofdamen. Und natürlich so gut wie alle Diener im Sommerharem.“
„Und du bist sicher, was die Wirkung betrifft!“
„Absolut.“ Vio zögerte kurz, bevor er hinzusetzte: „Meine Schwester hat die gegessen, als sie bereits fünf Kinder hatte und keine mehr wollte.“
„Das ist Sabotage. Schlimmer, Hochverrat. Ein Angriff auf das Haus Mehme. Der König muss davon erfahren.“
Vio wünschte sich ein Mauseloch, in dem er unverzüglich verschwinden konnte. Der König … Es waren schon Leute aus weniger guten Gründen hingerichtet worden.
Inagoro hörte mit versteinertem Gesicht, was seine Mutter ihm berichtete. „Ein Kraut, das unfruchtbar macht“, sagte er dann. „Für immer? Oder ist der Effekt vorübergehend?“
„Vorübergehend“, versicherte Sirit ihm.
„Wissen wir, wer es war?“
Sirit lächelte dünn. „Noch nicht. Aber vermutlich bald. Nur fürchte ich, dass der Anstifter zu dieser Tat von außen kommt. Wir beide wissen sehr genau, wer Interesse daran hat, dass du keine weiteren Söhne bekommst.“
Inagoros Wangenmuskeln spannten sich. Instinktiv wich Sirit einen Schritt zurück. So hatte Tolioro ausgesehen, bevor er zuschlug.
Die Lieferung war aus dem Süden gekommen. Wie die Erste Gemahlin. Niemand hatte Verdacht geschöpft. Die Gattin des Königs ließ viele Gewürze aus ihrer alten Heimat kommen und pflegte Unmengen davon über ihr Essen zu geben.
Der königliche Geheimdienst grub allerdings ein interessantes Detail aus. Der Händler, der normalerweise direkt vom Grünwassersee aus seine Waren anlieferte, hatte bei seiner letzten Fuhre massiv Schwierigkeiten gehabt. Ein verendeter Ochse, zwei gebrochene Wagenräder, eine merkwürdige Häufung von Durchfallerkrankungen unter seinen Angestellten. Auf halbem Wege hatte er sich einen Lohnunternehmer anheuern müssen, um seine Waren noch pünktlich zum Palast zu schaffen. Und dieser Lohnunternehmer stammte den Papieren nach rein zufällig aus einer Stadt im äußersten Norden des Lehens von Herzog Komato.
Noch viel zufälliger hatte dieser Lohnunternehmer auf seinem Heimweg einen äußerst tragischen Unfall gehabt und sich den Hals gebrochen, als seine Ochsen aus unerfindlichen Gründen plötzlich durchgingen.
Es gab also keine Beweise.
Inagoro wusste dennoch, woran er war. Die Wachen vor dem Sommerharem wurden verdoppelt, alle eingehenden Lieferungen mehrfach überprüft, eine zusätzliche Vorkosterin für die erste Gemahlin bestimmt.
Trotzdem dachten alle zuerst an einen Giftanschlag, als die erste Gemahlin am dritten Morgen der Regenzeit über massive Übelkeit klagte. Bis zum Nachmittag ging es ihr allerdings schon wieder besser.
Und am nächsten Morgen war ihr wieder übel.
Fabriele war schwanger.
Endlich. Es hatte schon ungutes Geflüster gegeben in Palast und im Thronrat, Erinnerungen an Inagoros Vater, der es nicht geschafft hatte, mehr als einen einzigen Sohn zu zeugen. Ein Königshaus ohne Söhne war ein Haus, das nicht mehr lange Bestand haben konnte.
Ein Königshaus mit vielen Söhnen hatte andere Probleme. Inagoro dachte daran, was er über seinen Vater und dessen Brüder erfahren hatte. Die meisten davon waren nicht einmal alt genug geworden, um Laufen zu lernen. War sein ältester Sohn in Gefahr?
Aber da war immer noch Sirit. Inagoro war sich sicher, dass seine Mutter über ihren ersten Enkelsohn wachen würde wie eine Löwin.
Das Problem war nur, mit der Geburt eines Sohnes würde Fabriele Sirit von ihrer Position als Erste Frau im Sommerharem verdrängen. Wenn Fabriele es so wollte, würde Sirit in den Winterharem ziehen müssen.
Und von da aus konnte sie nicht mehr über ihren Enkel wachen.
Inagoro ballte die Fäuste. Soviel unnützer Ballast an Sorgen alleine in seiner Familie! Bei allen Winddämonen, er war der König, er sollte Besseres zu tun haben. Beispielsweise einen kleinen Eroberungsfeldzug. Aber wo? Im Norden gab es nichts zu erobern. Bis tief hinein nach Kirsitan waren die Berge inzwischen fast menschenleer. Mit Tolor hatte Karapak einen Friedensvertrag. Mit den Wüstenstämmen auch. Inagoro starrte finster ins Nichts. Es gab nur noch eine einzige Stelle, an der Karapak tatsächlich kämpfen konnte. Das Delta. Jene Sumpfinseln, auf denen sich die Piraten verschanzt hatten.
So ziemlich die schlechteste Stelle für einen Krieg, wenn man normalerweise mit Fußsoldaten und Kavallerie kämpfte.
1028
Ein kleiner Feldzug
Am Ende waren es die Gilden, die den letzten Anstoß gaben.
Berichte über Piraterie waren ohnehin in den letzten Jahren an der Tagesordnung gewesen. Mit einer Regentin, auf die niemand so recht hören mochte, einem jungen handlungsunfähigen König und einen alten, handlungsunwilligen Thronrat, hatten die Piraten sich fast unbehelligt wieder ausgebreitet und große Teile des Landes erneut besetzt, dort, wo das Delta an das Meer grenzte. Schiffe wie Dörfer mussten Schutzgeld zahlen, um überhaupt einigermaßen unbehelligt zu bleiben, und selbst das nützte nicht immer. Die Piraten holten sich Lebensmittel und Frauen aus den Dörfern und Geld und Gut von den Kaufleuten. Wer sich wehrte, starb.
Die Seidengilde wurde vorstellig. Der Thronrat schmetterte ihr Hilfeersuchen ab, unter Hinweis darauf, dass die Seidengilde genug verdiente, um selbst mehr Wachen zu bezahlen. Den Gewürzhändlern ging es nicht besser.
Dann sprach jemand vor, mit dem überhaupt kein Mitglied des Thronrates gerechnet hatte.
Ein vierschrötiger, stiernackiger Mann, der so überhaupt nicht zu den ziselierten Alabastersäulen und den goldgeschmückten Kerzenständern passen wollte, zwischen denen er einherging.
„Prakat von der Steinmetzgilde!” Die Stimme des Herolds dröhnte durch den Audienzsaal.
Der Mann baute sich vor Inagoro auf, zwar mit einer angemessen demütigen Verneigung, aber seine Gestalt war keine, die höfische Formen verinnerlicht hatte. Er strahlte Kraft aus und tatkräftige Energie.
„Ihr müsst etwas gegen die Piraten unternehmen, Majestät!”, dröhnte sein tiefer Bass durch den Raum.
„Ich muss?”, fragte Inagoro betont sanft.
Prakat zuckte zusammen, verneigte sich hastig noch einmal. „Meine Worte waren schlecht gewählt, Majestät. Ich meinte damit, es ist in Eurem ureigensten Interesse, dass den Piraten das Handwerk gelegt wird.”
„Erläutere mir das.”
Prakat räusperte sich, fuhr sich mit der Hand über den Bart und begann dann zu reden, langsam zuerst. Aber mit jedem Wort wurde er sicher, schneller – und lauter. „Ich vertrete die Steinmetzgilde. Wir sind diejenigen, die Häuser, Tempel und Paläste in Sawateenatari bauen. Wie Ihr wissen dürftet, Majestät, wird in dieser Stadt – und auch an Eurem Palast – unentwegt gebaut. Die Steinbrüche aber, aus denen unser Material stammt, sind sehr weit weg.
Steine aus den Drachenbergen können wir natürlich den Tsaomoogra herabschiffen. Bei den begehrten weißen und roten Steinen aus den Drachenschwanzbergen oder gar dem schwarzen Basalt aus den grauen Schluchten aber geht das nicht. Da sind wir auf den Land- oder Seeweg angewiesen. Und während der Regenzeit, so wie jetzt, können wir nur den Seeweg nutzen. Trotz des großartigen Straßenbauprogramms Eures verehrten Großvaters Kanatamehme sind immer noch weite Teile unseres Straßennetzes unbefestigt. Die Wagen mit den Steinladungen sind einfach zu schwer, sie bleiben in dem Morast stecken. Wir müssen also den Seeweg nutzen – oder wir müssen aufhören zu bauen.
Damit aber wären weder Ihr noch unsere sonstigen Kunden einverstanden.
Auf dem Seeweg allerdings fangen uns seit einigen Jahren regelmäßig die Piraten ab und verlangen Schutzzoll. Unsere Schiffe sind durch die Steine so sehr beladen, dass sie nur schwerfällig manövrieren und die Piraten mit ihnen leichtes Spiel haben. Anfangs waren die Schutzzölle moderat, aber in diesem Jahr sind sie derart hoch geworden, dass sie unseren ganzen Gewinn auffressen. Eine Gilde ohne Gewinn kann nicht existieren. Und, wie ich vorsichtig anmerken möchte, Majestät, eine Gilde ohne Gewinn kann auch keine Steuern zahlen.”
Das war endlich ein Argument, das der Thronrat verstand. Bauwerke, die nicht ausgeführt werden konnte, Steuereinnahmen, die der Staatskasse fehlten. Der versammelte Thronrat empfahl dem König einstimmig, den Piraten den Krieg zu erklären.
*
Niemand, der seine Sinne beisammen hatte, führte während der Regenzeit Krieg in den Sümpfen. Inagoro wartete, bis die Regenzeit vorbei war und der Wasserstand des Tsaomoogra sich normalisierte.
Dann zog er seine Truppen zusammen.
Er deklarierte seinen Feldzug allerdings nicht als Krieg. Natürlich nicht. Alleine das Wort Krieg reichte schon, um die halbe Bevölkerung in Panik zu versetzen. Außerdem hätte er dann die Kaufleute und Händler empfindlich in Unruhe versetzt.
Nein, Inagoro deklarierte seinen Feldzug als Strafexpedition.
*
Piraten waren eine Sache. Mücken eine ganz andere. Falls Inagoro bislang gedacht hatte, dass Sawateenatari während der Regenzeit ein Mückenparadies war, wurde er jetzt eines Besseren belehrt. Das wahre Mückenparadies lag hier im Delta. Gegen die blutrünstigen kleinen Stechsauger waren selbst die Krokodile nicht mehr als eine unangenehme Randerscheinung. Fluchend schlug er wieder zu. Die Mücke war tot. Sein Arm juckte trotzdem. Wie machten die Einheimischen das nur, inmitten dieser Mückenschwärme so stoisch ruhig zu bleiben?
Einer dieser Einheimischen stand gerade vor ihm und behauptete dreist, dass es hier keine Piraten gäbe. Weit und breit nicht, im ganzen Delta nicht, und hier schon gar nicht.
„Ach ja?“ Inagoros Augenbrauen schossen in die Höhe. „Nun, dann bist du nutzlos für mich. Werft ihn den Krokodilen vor.“
Die Wachen ergriffen den Mann und zogen ihn fort.
„Halt, wartet, nicht! Mir fällt gerade doch noch einer ein!“
Inagoro gab den Wachen ein Handzeichen, den Mann wieder zurückzubringen. Sie schleiften ihn nicht gerade besonders sanft über die Schiffsplanken und warfen ihn vor Inagoro auf den Boden.
„Sieh an“, bemerkte er trocken. „Dein Gedächtnis ist offenbar doch noch nicht völlig zu Sumpfbrei geworden. Dann erzähl mir mal, was dir doch noch eingefallen ist.“
Der Mann presste seine Stirn auf dem Boden. „Majestät, verzeiht, bitte, mein Fehler, ich habe nicht nachgedacht. Da ist tatsächlich jemand, den ihr als Piraten bezeichnen könnte. Zumindest habe ich gehört, er hätte vor zwei Monden mit vorgehaltenen Waffen von den Schiffen der Gewürzgilde eine gute Summe Geld erpresst.“
„Würde mich auch ausgesprochen wundern, wenn es eine andere Bezeichnung als ‚Pirat’ für so jemanden gäbe.“
Der Mann murmelte etwas Unverständliches.
„Wie bitte?“
Er bekam keine Antwort. Inagoro winkte dem Zuchtmeister. Der Mann trat vor, holte aus. Der Peitschenhieb hinterließ auf dem Rücken des Knienden einen blutigen Streifen.
„Also, was hast du gesagt?“
Der Mann aus dem Delta hob den Kopf von den Planken und blickte trotzig hoch. „Steuereintreiber, habe ich gesagt.“
Einen Moment schien jeder auf dem Schiff den Atem anzuhalten. Dann lachte Inagoro los. Nach kurzem Zögern fielen die Soldaten verhalten mit ein.
„Steh auf“, bedeutete er dem Mann. „Wie heißt du?“
„Enki.“
„Enki, es gibt nicht viele Bürger Karapaks, die es wagen würden, so mit ihrem König zu reden. Ich honoriere deinen Mut und lasse dich leben. Du wirst, solange ich hier im Delta bin, als mein direkter Berater fungieren.“ Er trat an den Mann heran, fasste unter sein Kinn und zog ihn hoch, so dass sie sich Auge in Auge gegenüberstanden. „Allerdings solltest du dir einer nicht ganz unerheblichen Kleinigkeit bewusst sein, Enki. Wenn du mich je wieder belügst, bist du Krokodilfutter. Unwiderruflich.“
Enki belog ihn kein zweites Mal. Inagoro war sich jedoch sicher, dass der Sumpfbewohner ihm die eine oder andere Wahrheit schlichtweg verschwieg. Er wusste nur nicht, wollte Enki die Piraten schützen, oder tat er es aus Prinzip, weil die Bewohner des Deltas den karapakischen Eroberern auch nach zwei Generationen noch immer nicht trauten?
Enki führte ihn tatsächlich zu einem Piratennest.
„Leer. Ausgeflogen.“ Der Hauptmann starrte nicht weniger düster als Inagoro auf den leeren Platz zwischen den Hütten. Mit der Stiefelspitze schob er die Asche der Feuerstelle auseinander. Darunter glomm es noch schwach. „Sie sind gewarnt worden.“ Er sah zu Enki herüber.
„Unmöglich. Der Mann stand die ganze Zeit praktisch neben mir.“ Inagoro sah zu seinen Schiffen herüber. Die breiten, hohen Rümpfe leuchteten ochsenblutrot über das grüngelbe Schilf. Die Fahne hing schlaf am Mast, hier im Delta regte sich kein Lüftchen. „Sie brauchten wohl auch keine Warnung außer der, die wir ihnen selbst gegeben haben. Wie hoch ist das Schilf? Kaum mehr als zwei Köpfe über Mannshöhe. Unsere Schiffe liegen zweieinhalb Mannslängen über der Wasserlinie. Gut für Transporte, aber miserabel, wenn man in so flachem Gelände ungesehen irgendwohin kommen möchte. Wir brauchen andere Schiffe.“
Der Hauptmann runzelte die Stirn. „Schiffe zu bauen braucht Zeit.“
„Habe ich gesagt, dass ich sie bauen will? Hier im Sumpf hat so gut wie jeder ein Schiff. Wir werden die, die wir brauchen beschlagnahmen. Du wirst dafür sorgen. Wenn wir das nächste Mal losfahren, wird uns niemand vorzeitig sehen können.“
Die Sumpfleute waren nicht gerade begeistert, als die königliche Marine ihnen die besten Schiffe konfiszierte. Aber angesichts einer Tausendschaft schwer bewaffneter Soldaten beschränkten sich ihre Proteste auf leises Murren und ein paar geschüttelte Fäuste. Der Hauptmann beschlagnahmte auch gleich noch die notwendigen Arbeitskräfte, da seine Soldaten, wie er ganz richtig annahm, absolut keine Ahnung hatten, wie die flachen, schmalen Sumpfboote zu handhaben waren.
Den Soldaten war es nicht ganz geheuer, dass sie jetzt auf Augenhöhe mit den Krokodilen verkehrten. Aber was konnten sie schon tun, außer dem guten Beispiel ihres Anführers und Königs zu folgen?
Enki wusste, wohin die Piraten ausgewichen waren. In das große Schilfmeer an der rechten Uferseite flussabwärts. Eine eintönige Fläche, bewachsen mit hohem Schilfgras, die von keinem Baum und keiner Anhöhe unterbrochen wurde und sich bis zum Salzwasser erstreckte. Die Hütten der Dörfer darin waren mit Schilf gebaut und gedeckt und von ihrer Umgebung kaum zu unterscheiden. Die Dörfer waren so klein, dass die Soldaten auf den Booten übernachten mussten, und lebten ganz offensichtlich nur von Fisch, Krokodilfleisch und gerösteten Schilfwurzeln. Jedenfalls war es das, was man Inagoro und seinen Soldaten zu Essen vorsetzte.
Der Tsaomoogra floss so langsam, dass er fast stand, und das wenige Land, das aus seinen trübbraunen Fluten auftauchte, bestand aus stinkendem Schlick. Inagoro verlor fast die Geduld. Dank der zahllosen, ausgiebigen Mäander des Flusslaufes, waren sie am nächsten Abend kaum näher an der Mündung als am Tag zuvor, trotz eines ganzen Tages angestrengten Ruderns. Aber als er in dem dritten Dorf abends erwähnte, dass es vielleicht schneller sei, einfach eine Schneise durch das Schilf zu schlagen und zu Fuß zu gehen, sahen ihn Enki und die Dorfältesten an, als sei ihm ein zweiter Kopf gewachsen.
„Wenn Ihr unbedingt sterben wollt …“
„Wieso?“
„Im Schilf leben die schwarzen Büffel. Die greifen alles an, was sich in Ihrer Nähe bewegt.“
„Ich habe schon mehr als einen Büffel gejagt“, knurrte Inagoro.
„Und es sind Schlangen darin. Jede Menge. Jede einzelne von ihnen tödlich giftig. Nur Selbstmörder gehen durch das Schilf.“
Der Dorfälteste hatte plötzlich ein Messer in der Hand. Noch bevor auch nur einer von Inagoros Begleitern reagieren konnte, flog das Messer durch die Luft. Mit einem satten „Tokk“ landete es in einem der Stützbalken hinter ihm.
Inagoro hob die Hand. Der Soldat, der schon mit seinem Schwert ausholte, erstarrte, ließ dann das Schwert sinken. Der Älteste lächelte dünn, erhob sich und ging sein Messer holen. Er hielt es Inagoro unter die Nase. Etwas Grünes war daran aufgespießt, das mit acht dünnen Beinen zappelte.
„Und die sind dort auch. Hier im Dorf halten wir sie kurz. Aber im Schilf werdet ihr sie auf jedem zweiten Blatt finden. Ihr Biss ist nicht tödlich. Aber er schmerzt höllisch. Ich garantiere Euch, ein Soldat, der von einer Sumpfspinne gebissen wird, kämpft mindestens drei Tage nicht mehr.“
„Eure Argumente sind stichhaltig“, gab Inagoro zu. „Dann bleibt wirklich nur der Flusslauf.“
Besagten Flusslauf hätten sie am vierten Tag wohl ohne Enki nicht einmal gefunden. Der Tsaomoogra schien sich in tausend Arme zu verästeln. Die meisten von ihnen endeten als Sackgassen. „Das reinste Labyrinth. Wie finden die Handelsschiffe hier durch?“
Enki zuckte mit den Schultern. „Genauso wie Ihr, mein König. Sie brauchen einen Lotsen, der hier aus der Gegend stammt.“
Inagoro erschlug eine weitere Mücke. „Wie weit ist es noch?“
„Wir müssten den Schlupfwinkel der Piraten morgen erreichen.“
Dann war dieses elende Dorf vor ihnen die letzte Station. Den Göttern sei Dank. Inagoro war es gründlich leid, in stinkenden Schilfhütten zu schlafen.
Immerhin waren die Leute gastfreundlich. Sie versorgten ihren Herrn und König sogar mit einer jungen Frau, die sein Lager teilte und deren Gegenwart wundersamerweise die Mücken fernzuhalten schien. Sie lachte, als er sie darauf ansprach. „Das ist das Kaui-Öl. Jeder hier benutzt es.“
Inagoro hatte den Ältesten gesagt, dass er am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang los wollte. Die Piraten sollten gründlich überrascht werden. Die Dorfleute hatten sich nicht dazu geäußert, aber als Inagoro mit dem ersten grauen Streifen am Horizont aufstand, war das Frühstück für ihn und seine Soldaten bereits bereitet. Er aß schnell und mechanisch und war auf seinem Boot, sobald es hell genug war, die Umgebung einigermaßen zu erkennen.
„Herr, wartet!“ Das war die junge Frau, die ihn in der Nacht verwöhnt hatte. „Ihr habt doch darüber geklagt, dass die Mücken Euch förmlich auffressen. Wollt ihr nicht etwas von dem Kaui-Öl mitnehmen?“
Selbstredend wollte Inagoro. Er hieß die Ruderer zu warten. Die junge Frau eilte zur Hütte zurück und verschwand darin.
Der Himmel wurde heller. Der Horizont wies jetzt bereits einen rosa Streifen auf. Inagoro war drauf und dran, auch ohne das Öl aufzubrechen.
Dann kam sie wieder aus der Hütte, einen schweren Krug auf ihrer Hüfte. Sie balancierte ihn vorsichtig zu seinem Boot. „Ich habe mir gedacht, dass Ihr mehr davon brauchen könnt. Nicht nur für Euch, meine ich.“
Sieh an, die Kleine dachte mit! Inagoro lächelte, bedankte sich, ließ den Krug sorgfältig zwischen den Sitzbänken verstauen und gab endlich den Befehl zum Aufbruch.
Die Piraten waren ausgeflogen. Vermutlich unmittelbar vor ihrer Ankunft, denn die Kochfeuer brannten noch, die Töpfe hingen noch darüber. Sie mussten gewarnt worden sein. Und da dieses Mal ihre Schiffe sie nicht verraten haben konnten, gab es nur eine Möglichkeit.
„Die Dorfleute!“ Inagoro musterte den Krug mit dem Kaui-Öl mit finsterem Blick. „Sie haben mich reingelegt. Haben mich damit lange genug aufgehalten, dass eines ihrer eigenen Boote vor mir losfahren und die Piraten warnen konnte.“
Er ließ alles im Dorf der Piraten zerstören.
Auf dem Rückweg machten sie in dem gleichen Dorf wie am Abend zuvor wieder Halt. Die Dorfbewohner waren genauso spurlos verschwunden wie die Piraten. Inagoro ließ auch dieses Dorf zerstören.
Zweimal der gleiche Reinfall. Mit einem Gegner, den man nicht zu packen kriegte, war kein Staat zu machen. Inagoro verdoppelte seine Patrouillen. Irgendwie musste er doch die Piraten finden können!
Die Piraten fanden ihn. Genauer gesagt, seine Männer.
Als das erste Boot nicht zurückkam, dachte er sich nichts dabei. Ein Unglücksfall. Vielleicht hatten sie einen treibenden Baum gerammt. Oder sich mit einem besonders großen Krokodil angelegt.
Dann fehlten zwei Boote.
Inagoro ließ die Boote nur noch im Verbund ausfahren. Mindestens vier Boote zusammen.
Von den sechzehn Booten, die er dieses Mal losgeschickt hatte, kam ein einziges zurück, nur noch mit der Hälfte der Männer besetzt. Der Dienstälteste von ihnen, ein graubärtiger Soldat, erstattete Bericht.
„Wir sind vorschriftsmäßig gefahren, immer zwei Boote nebeneinander, keine fünf Bootslängen auseinander, alle vier. Und dann kamen sie plötzlich angeschossen, aus diesen schmalen Krokodilslöchern im Schilf, wo keines unserer Boote durchpasst. Schmale, leichte, hochbordige Plankenschiffe, nichts so Schwerfälliges wie diese Sumpf-Flachboote, mit denen wir unterwegs sind. Sie sind zwischen uns durchgeschossen wie Rennpferde zwischen Ochsen. Die Hälfte unserer Männer war bereits tot, bevor wir überhaupt nach den Waffen greifen konnten. Den Hauptmann haben sie zuerst erledigt. Danach wusste keiner von uns so recht, was wir machen sollten, und wir sind einfach zurückgerudert. Die haben uns die ganze Zeit umrundet. Das vordere linke Boot ist überhaupt nicht mehr weggekommen, da waren gleich drei von den Piratenbooten. Unsere Männer waren tot, bevor wir außer Sicht waren. Wir anderen drei sind kaum vorwärtsgekommen. Schließlich haben die ganz hinten angehalten und sich den Piraten zum Kampf gestellt, damit wir anderen wegkamen. Ich konnte noch sehen, wie das Boot geentert wurde. Und dann haben sie uns mit Pfeilen beschossen, und an den Pfeilen waren so kleine Behälter, und als die aufgeschlagen sind, sind die kaputtgegangen, und da waren diese kleinen Mistspinnen drin. Sie haben viele von uns gebissen, manche mehrfach. Die, die es am schlimmsten erwischt hatte, konnten sich vor Schmerzen nicht mehr rühren. Wir haben alle, die sich noch bewegen konnten, auf ein Boot gepackt und sind so schnell es ging weggerudert. Ich habe gesehen, wie die, die auf dem anderen Boot zurückblieben, von den Piraten ins Wasser geworfen wurden. Sie haben noch gelebt, als sie reingeworfen wurden.“
Und im Wasser hatten die Krokodile gewartet.
So ging es nicht weiter. Er brauchte endlich einen Erfolg. Nicht nur seine Soldaten wurden langsam mürbe. Er musste etwas ganz anderes versuchen.
Inagoros Finger trommelten auf den schmalen Tisch. Da war doch diese ganz spezielle Taktik gewesen, mit der seinerzeit der berühmte Feldherr Kaguiki die Nomadenstämme erfolgreich aus der Grasebene vertrieben hatte. Wenn er die ein bisschen abwandelte … So sehr unterschied sich der Schilfsumpf nicht von dem endlosen Grasmeer, das der Süden Karapaks damals noch gewesen war.
Er musste den richtigen Wind abwarten.
Es war ein zermürbendes Warten. Der Wind blies überhaupt nicht, oder aus der falschen Richtung. Nicht mehr lange, und die Regenzeit begann. Dann konnte er nur noch seinen Plan vergessen und sich zurückziehen. Inagoro wurde nervös und reizbar, die Männer gingen ihm aus dem Weg.
Dann kam der Morgen mit dem richtigen Wind. Befehle liefen von Boot zu Boot. Kleine Fässer wurden verteilt. Die rekrutierten einheimischen Ruderer schauten verblüfft auf die vielen Pfeile, die zusätzlich an Bord gebracht wurden. Die Boote fuhren los, ein jedes zu einem anderen Seitenkanal auf der windabwärts gelegenen Seite des Hauptarmes. Dort wurden zur Mittagszeit die Fässer geöffnet.
Als die einheimischen Ruderer sahen, was die Fässer enthielten, wurden sie unruhig, konnten nur mit Waffendrohungen niedergehalten werden. Auf einigen Booten kam es zum offenen Aufstand. Das waren diejenigen, deren Heimatdörfer auf der windabwärts gelegenen Seite lagen. Diese spontanen Aufstände wurden blutig beendet. Dann wickelten die Soldaten die pechgetränkten Lappen um die Pfeile, entzündeten sie und schossen die Flammen in den Schilfwald.
Wenig später stand das ganze Schilf auf dieser Seite des Tsaomoogra lichterloh in Flammen. Schwarzer Rauch ballte sich darüber, zog mit dem Wind und den Flammen in Richtung Meer. Enki stand an der Bordwand, beobachtete mit geballten Fäusten und zusammengepressten Lippen das Schauspiel und sagte keinen Ton.
Inagoro wartete.
Das Feuer erlosch spät in der Nacht, als es keine Nahrung mehr fand.
Am nächsten Morgen kamen Boote aus dem verbrannten Delta. Männer, Frauen und Kinder waren darauf, auch einige Hunde und Hühner. Sie sahen nicht auf, als sie an den karapakischen Booten vorbeiruderten.
Aber Enkis Fäuste lockerten sich.
Inagoro trat zu ihm. „Deine Leute?“
„Sieht so aus, als ob sie es überlebt haben.“
Enki klang nicht sonderlich glücklich darüber. „Willst du zu ihnen?“
„Wozu? Sie würden mich bestenfalls erschlagen.“
„Hast du gesehen, ob alle aus deiner Sippe dabei waren?“
Enki sah ihn ziemlich merkwürdig an. „Nein. Ein paar der Männer fehlten.“
Das konnte nur eines bedeuten. Sie waren zu den Piraten gegangen.
Die Sumpfleute kannten das Schilf, wussten wie schnell es sich in der Trockenzeit durch ein unachtsames Feuer oder ein Gewitter entzünden konnte. Es hatte nur wenige Opfer unter ihnen gegeben, ganz so, wie Inagoro es kalkuliert hatte. Schließlich wollte er seine Untertanen nicht umbringen, ihnen nur eine Lehre erteilen. Es sah nur nicht so aus, als ob sie das verstanden hatten. Etliche der Ruderer desertierten. Vermutlich würde er sie bei den Piraten wiederfinden.
Als ihm der nächste Deserteur gemeldet wurde, ließ er die ganze Rudermannschaft hinrichten. Danach war Ruhe. Aber es war eine ungemütliche Ruhe.
Gerade war Inagoro soweit, dass er auch die andere Hälfte des Schilfsumpfes niederbrennen wollte, da kamen endlich Unterhändler mit der grünen Fahne. Etliche der Dorfältesten aus dem Delta, und zwei, drei Gestalten, die ihm unbekannt waren, die, ihrer strohähnlichen Haarfarbe nach, wohl mischblütig waren. Vermutlich Abgesandte der Piraten. Sie stellten sich nicht vor, sie redeten auch nicht, beobachteten nur, und Inagoro hütete sich, sie anzusprechen. Er tat so, als gäbe es diese Männer überhaupt nicht.
Die Dorfältesten führten die Verhandlungen. Sie versicherten ihm, dass die Piraten sich zurückgezogen hatten. Die beiden Hauptarme des Tsaomoogra-Deltas waren wieder frei, hier würden die Handelsschiffe nichts zu befürchten haben. Bei den Seitenarmen mochte das anders aussehen, aber dort würden doch wohl ohnehin keine Handelsschiffe fahren. Die Flussarme dort waren viel zu eng, verwinkelt, der reinste Irrgarten, in dem außer ein paar Verrückten und den Krokodilen niemand freiwillig hineinschwamm. Und eine weitere Strafexpedition dort hinein sei unnötig, viel zu aufwändig für das Wenige, was man damit erreichen könne.
Inagoro verstand die unterschwellige Drohung. Mit steinernem Gesicht hörte er die Gesandten zu Ende an, hieß sie dann, in zwei Tagen zurückzukommen, wenn er sich entschieden habe.
Zwei Tage, in denen er auf Krokodiljagd ging.
Danach teilte er den Dorfältesten mit, dass er die Strafexpedition als erfolgreich betrachtete und sie jetzt beenden würde, da er keine Lust habe, noch länger in diesem mückenverseuchten Sumpf zu bleiben. Zuhause warteten wichtigere Dinge auf ihn.
Enki fuhr mit nach Sawateenatari. Er hatte nicht im Sumpf bleiben wollen, sich stattdessen freiwillig zur Armee des Königs gemeldet.
Auf der Fahrt den Fluss hinauf trommelten die Siegestrommeln der roten Schiffe. Die Handelswege waren wieder frei. Niemand erwähnte, dass dieser ganze Feldzug keinen einzigen Piraten eliminiert hatte.
*
Sirit hörte, dass ihr Sohn aus dem Delta zurück war, und ging, ihn zu begrüßen.
Inagoro stand am Kartentisch. Die steile Falte, die in der letzten Zeit so häufig seine Stirn durchfurchte, hatte sich vertieft. Er starrte auf die Karte, auf das Abbild des Deltas, das immer noch tiefrot schimmerte. Lediglich an den beiden Hauptarmen des Tsaomoogra durchbrach eine dünne braune Linie das Rot.
„Soll ich dich beglückwünschen?“, fragte Sirit.
„Wozu?“ Inagoro hob nicht den Kopf. „Dieser Kriegszug war ein Fiasko. Das weißt du so gut wie ich. Meine Truppen waren dreimal so stark wie damals die meines Großvaters. Er hat das Delta erobert. Ich habe es kaum geschafft, eine einfache Handelsroute wieder zu öffnen.“
„Den Händlern wird das reichen. Und die sind diejenigen, die dir Steuern zahlen.“
„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Piraten diesen Handelsweg wieder schließen.“
„Das werden sie nicht“, sagte Sirit.
Jetzt sah Inagoro sie doch an. „Was macht dich so sicher, Mutter?“
„Die Dörfer am Strom zahlen jetzt wieder Schutzgeld. So, wie vor ihrer Eroberung durch Kanata.“
„Das heißt, sie arbeiten mit den Piraten zusammen. Verdammt, ich hätte doch das ganze Schilfmeer abbrennen sollen.“
„Du siehst das falsch“, sagte Sirit sanft. „Es ist nicht ausschlaggebend, wer tatsächlich die Macht im Delta hat. Solange alle finanziellen Interessen abgedeckt sind, stört sich kein Pirat daran, wenn deine Fahne offiziell über dem Delta weht. Die Piraten brauchen das Geld der Dörfer. Die Kaufleute brauchen freie Handelswege. Die königliche Schatzkammer braucht die Steuern der Kaufleute. Und dein Stolz braucht die Fahne. Ihr habt doch alle bekommen, was ihr wolltet.“
Mit einem Lächeln, das die königlichen Wachen erblassen ließ, rauschte Sirit wieder hinaus. Inagoros Hand krallte sich in die Karte.
Das Volk feierte seinen erfolgreichen König. Die Vergleiche mit seinem ruhmlosen Vater wurden weniger. Die mit seinem verehrten Großvater häufiger.
Der Thronrat feierte ihn nicht. Der rechnete ihm stattdessen vor, wie teuer diese Strafexpedition gekommen war. Pro eingesetztem Soldat die fünffachen Kosten eines Soldaten im Vergleich zu Tolioros Zeiten. Und dessen Kriege hatten damals schon als exorbitant teuer gegolten.
So langsam begriff Inagoro die feindselige Haltung seiner Mutter. Ganz offenkundig diente der Thronrat nicht dazu, den König zu unterstützen, sondern sah seine Existenzberechtigung darin, ihn zu gängeln.
Das Spiel konnten zwei Seiten spielen. Der königliche Geheimdienst bekam Befehl, das Privatleben gewisser Mitglieder des Thronrates einmal näher unter die Lupe zu nehmen. Irgendwo würde sich schon ein wenig schmutzige Wäsche finden lassen. Und wenn nicht … Nach der letzten Debatte war Inagoro durchaus bereit, besonders lästigen Nörglern den einen oder anderen Beweis unterzuschieben.
*
Die Festlichkeiten aufgrund seines hochgespielten Erfolges im Delta waren kaum beendet, als Inagoro einen weiteren Grund zum Feiern bekam. Fabriele gebar ihr Kind, und wie bei seinen ersten beiden Gemahlinnen war es ein Sohn. Der zweite lebendige, gesunde Sohn. Inagoro gab ihm den Namen Tokana. Draußen in den Straßen tanzte das Volk ausgelassen. Die Götter blickten wohlwollend auf Karapak und auf das Königshaus. Wie sollte man da nicht feiern wollen!
Zum dritten Mal hielt Sirit einen Enkel in den Armen. Zumindest hatte dieser keine Mutter, die darauf aus war, die königliche Familie umzubringen. Fabriele brachte sogar ein schwaches Lächeln zustande, als sie ihre Schwiegermutter mit dem Kind sah. Sie atmete allerdings hörbar erleichtert auf, als Sirit das Kind der Amme zurückgab. Durchaus verständlich. Nicht einmal Inagoro konnte seiner Mutter völlig unbefangen ins Gesicht sehen. Ihre Spiegelaugen hatten sie vom Rest der Menschheit abgesondert.
Fabriele bemühte sich. Aber sie konnte nicht verhindern, dass ihre Unterlippe leicht zitterte, als sie Sirit jetzt ansprach. „Ihr habt mir diese Schwangerschaft überhaupt erst ermöglicht. Ohne Euch hätte ich noch immer keinen Sohn. Ich würde es begrüßen, wenn Ihr auch weiterhin in meiner Nähe bleibt und über die Familie Eures Sohnes wacht.“
Sirit neigte zustimmend das Haupt. Sie konnte sich denken, wie schwer der Ersten Gemahlin diese Worte gefallen waren. Aber die junge Frau hatte einen scharfen Verstand bewiesen. Sie wusste, wo sie Verbündete fand. Sirit würde ihrerseits zusehen, dass sie es Fabriele leicht machte und sich möglichst selten direkt bei ihr blicken ließ.
De facto änderte sich also nichts, auch wenn Fabriele jetzt offiziell die Erste Frau im Sommerharem war. Nur dass Sirit im Gegensatz zu den meisten früheren Königswitwen nicht im Winterharem verschwand, auch wenn sie sich dort vorsorglich einen weiteren Wohnsitz eingerichtet hatte, in den sie sich manchmal zurückzog.
Die Diener wussten anfangs nicht so recht, was sie davon halten sollten, stellten es aber nicht infrage. Es stand ihnen nicht zu, das Verhalten der Königlichen zu kritisieren.
Inagoro begrüßte es. Zum einen wusste er, dass seine Mutter ohnehin Mittel und Wege gefunden hätte, sich auch weiterhin überall einzumischen, zum anderen bereitete es ihm eine grimmige Freude, zu sehen, wie der Thronrat auf Sirits wiederholtes Auftauchen reagierte.
Noch jemand schien sich zu freuen. Sirit bekam erneut eine Blumenschale, dieses Mal mit Herzblättern. Der traditionelle tolorische Glückwunsch zur erfolgreichen Geburt eines gesunden Stammhalters. Sie tauchte verzückt ihre Nase in den würzigen Duft. Wann hatte sie das letzte Mal Herzblätter gerochen? Damals war ihr kleiner Bruder Pino geboren worden, und die Herzblätter hatte die Wöchnerinnenstube ihrer Mutter fast in eine grüne Wiese verwandelt.
Ihre jüngste Zofe Visari war geradezu entzückt, als sie die frischen Herzblätter roch. Kein Wunder, das Mädchen kam aus dem Norden und war vermutlich, ähnlich wie Sirit, der stickig-süßlichen Gerüche Sawateenataris herzlich überdrüssig. „Es wäre schön, wenn es hier mehr Dinge gäbe, die so herrlich frisch riechen“, bemerkte sie.
Sirit stellte auch diese Blumenschale auf das inzwischen recht volle große Tablett, zu den anderen Bergblumen, die in der künstlichen Kühle des Zaubers niemals zu welken schienen. Wer immer ihr diese Blumen schickte, er wusste, dass ein Teil ihres Herzens in Tolor geblieben war.
Intrigen
„Die Mutter des Königs hat schon wieder hinter dem Wandschirm gesessen. Oh, sie hat keinen Laut von sich gegeben, man hat keine Bewegung gesehen, aber ihr Sohn hat zwei- dreimal dorthin gesehen. Und die Wachen haben gesagt, sie sei hinterher bei ihm gewesen und habe mit ihm gesprochen. Und was immer sie gesagt hat, wir haben den Steuererlass danach jedenfalls nicht mehr durchbekommen.“
„Verdammte tolorische Berghexe. Kanata hätte seine Finger von den Bergen lassen sollen. Diese nutzlose Alte ist nicht einmal zivilisiert genug, um sich in den Winterharem zurückzuziehen.“
„Kunststück. Der König hat ja auch keine Erste Gemahlin aus dem Hochadel. Hätte er eine solche, wäre die Tolorierin längst an ihren Platz verwiesen worden. Aber so … Erst diese unzumutbaren Frauen aus den Grauen Schluchten, und dann diese Kleine aus niederem Provinzadel vom Grünwassersee.“
„Ganz zu schweigen davon, dass selbst unser König kein reinrassiger Karapakier mehr ist.“
„Gemach, gemach“, bremste Melechko seine illustren Gäste, während er den Sklaven winkte, ihnen erneut Wein einzuschenken. „Wir sind uns doch einig, dass das Königshaus selbst tabu ist. Immerhin wird es nach wie vor von den Priestern und Zauberern gestützt. Aber wer ist jene Stimme, die unserem jungen, unerfahrenen König immer wieder verderbliches Gedankengut einflüstert? Doch nur seine Mutter! Bei ihr müssen wir ansetzen.“
„Und wie? Seit unserem Versuch, seine derzeitige erste Gemahlin unfruchtbar zu halten sind die Wachen und die Kontrollen des Sommerharems verdreifacht worden. Außerdem heißt es, sie könne anderen Menschen böse Gedanken mit ihren Spiegelaugen förmlich ansehen. Wie sollen wir an diese Frau herankommen?“
Melechko schnippte mit den Fingern. Ein Sklave kam herbei, mit unsicherem, taumelnden Gang, in seinen Händen eine brennende Kerze. Die Kerze war schon tief abgebrannt, so tief, dass die Flamme über seinen Daumen leckte. Er schien es nicht zu spüren.
„Was seht Ihr, meine Herren?“
„Einen nutzlosen, kranken Sklaven“, knurrte Herzog Komato.
„Nutzlos mag er jetzt sein, aber krank ist er nicht.“
Komatos Gesicht wurde lauernd. „Weshalb geht er dann so merkwürdig?“
„Taubtod.“
Baron Fikarasi zischte anerkennend. „Teuer.“
„Und wirksam. Die Kerze ist damit imprägniert. Sie hatte eine Brenndauer von fünf kleinen Kerzen. Er hat sie die ganze Zeit gehalten.“
Der Sklave schien jetzt zu merken, dass sein Daumen geröstet wurde. Die Finger zuckten, er öffnete den Mund, als ob er schreien wollte, aber es kam nur ein Röcheln heraus, gefolgt von kurzen, stöhnenden Atemzügen.
„Wie wir alle wissen“, dozierte Melechko, „gibt es gegen Taubtod kein Gegengift. Und der Stoff ist wunderbar hautgängig.“
„Und wie“, fragte Komato spöttisch, „wollt Ihr die Mutter des Königs dazu bringen, stundenlang eine Kerze festzuhalten?“
„Es muss keine Kerze sein. Alles, was diese Flüssigkeit auf oder in ihren Körper bringt, wird funktionieren.“
„Der Sommerharem hat Vorkoster. Solche, die alle Lebensmittel und Getränke bereits bei der Anlieferung probieren, Tage, bevor sie im Harem gegessen werden.“
„Es gibt Dinge, die so harmlos sind, dass sie niemand verdächtigt. Gegenstände, Zutaten, mit denen die Mutter des Königs niemals selbst direkt in Kontakt kommen wird. Aber sie können das Gift weiterreichen an jene Dinge, die sie dann tatsächlich berührt.“
„Hmmm.“ Komato beobachtete den Sklaven, der jetzt seitlich einknickte. Sein Atem war hastiger geworden und gleichzeitig flacher. Er wirkte wie ein Fisch, der in der Luft vergeblich nach Sauerstoff schnappte. „Und das funktioniert sicher?“
„Er ist der Dritte, an dem ich es ausprobiert habe. Es funktioniert immer.“
„Wie lange hat er noch?“
„In dem Zustand? Gut eine kleine Kerze, vielleicht auch anderthalb.“
„Verliert er dabei das Bewusstsein?“
Ein verzerrtes Grinsen entstellte Melechkos Züge. „Oh nein! Das ist ja das Schöne an Taubtod! Man bleibt bei Bewusstsein, kann sich aber nicht mehr bewegen, nicht mehr reden und kaum noch atmen. Man merkt, wie man langsam erstickt.“
Herzog Komato hob sein Glas. „Ihr seid ein Mann mit vortrefflichen Ideen und gutem Wein!“
*
Einer der königlichen Hunde war vergiftet worden. Ausgerechnet die Waschfrauen erfuhren zuerst davon.
„Warum sollte jemand einen Hund töten wollen?“ Mai, die jüngste der Wäscherinnen, hob prüfend den Stoff aus dem Flusswasser. Nein, der Fleck war noch nicht weg. Sie tauchte den Stoff wieder ein und griff erneut zur Bürste.
„Vielleicht war ja gar nicht der Hund das Ziel. Es heißt, die Hunde hätten an dem Tag Reste der königlichen Tafel als Futter bekommen.”
Pashti, eine der älteren Waschfrauen, wedelte mit ihrer Bürste in Richtung Palast. „Der Zwingermeister hat es unter den Tisch gekehrt. Hat so getan, als wäre der Hund an einer Krankheit verreckt. Der junge König ist zwar nicht ganz so jähzornig wie sein Vater, aber er liebt seine Hunde.”
„Aha. Und woher weißt du das dann?”
„Ich habe eine Nichte, die arbeitet im Palast als Wasserträgerin. Und die kennt den Koch, und der hat von Marek, dem Meister der Innenhöfe, gehört, was geschehen ist.”
„Der arme Hund. Kann doch nichts dafür, dass sein Herr der König ist.”
„Besser, ein Hund stirbt, als unser König. Stell dir vor, wenn es den König wirklich erwischt hätte. Seine Söhne sind kleine Kinder. Womöglich hätten wir dann wieder die Mutter des Königs als Regentin!”
Mai erschauerte. „Bloß nicht. Sie soll Zauberaugen haben. Diese tolorische Berghexe ist mir nicht geheuer.” Sie spuckte auf einen besonders hartnäckigen Fleck und scheuerte dann etwas Asche in die Spucke. Der Fleck rührte sich nicht. Sie seufzte. „Ich werde wohl doch etwas Seife brauchen. Wenn die bloß nicht immer so teuer wäre.”
Pashti grinste. „Meine Nichte, die im Palast arbeitet, sagt, die Palast-Wäscherinnen haben da ein sehr gutes Rezept, nach dem man Seife selbst machen kann. Sogar welche, die duftet. Soll ich sie mal fragen?”
„Duftende Seife?” Mai sah auf die schmutziggelben Fluten des Tsaomoogra, deren Geruch man beim besten Willen nicht als Duft bezeichnen konnte. „Das wäre mal etwas. Frage sie!”
*
Düfte waren Frauensache. Aber selbst Inagoro fiel auf, dass seine Mutter plötzlich nach anderen Düften roch. Irgendwie … herber. Aber nicht unangenehm. Sirit lächelte, als er sie schließlich danach fragte. Ihre Zofe Visari hatte den Waschfrauen des Palastes verraten, welche Kräuter Sirit besonders liebte. Und die Waschfrauen hatten eine ganz spezielle Seife zusammengestellt, mit der nur die Gewänder der Mutter des Königs gewaschen wurden. Eine Aufmerksamkeit, die Sirit zu schätzen wusste.
Bei sich dachte Inagoro, dass das einer der ganz wenigen Augenblicke gewesen war, in denen seine Mutter sich wie eine ganz normale Frau benommen hatte.
Taubtod
Die Sitzung des Thronrates war lang und erschöpfend gewesen, selbst für sie. Und dabei hatte sie nichts weiter tun müssen, als ruhig hinter ihrem Wandschirm zu sitzen. Sirit hatte Durst und fühlte sich verschwitzt. Visari würde beidem abhelfen können. Eine Diskussion der Sitzung mit Inagoro konnte warten. Es war eh nichts Aufregendes dabei gewesen, nur die üblichen kleinlichen Zoll- und Etikettefragen und eine Diskussion, ob die Armee aufgestockt werden konnte, und wenn ja, um wie viele Soldaten.
In der Tat wartete Visari bereits mit herrlich erfrischendem heißen Kräutertee. Ungesüßt, ganz so, wie Sirit ihn liebte. Während sie ihre Tasse genüsslich leertrank, ließ Visari das Bad füllen. Das Wasser war leider nicht kalt. Selbst in der kältesten Jahreszeit war es immer noch wärmer als das Bergwasser im Hochsommer. Aber damit hatte Sirit sich längst abgefunden. Auch wenn es sich für sie fast lauwarm anfühlte, erfrischen tat es trotzdem.
Visari hielt bereits ein frisches Gewand bereit, als Sirit aus dem Wasser stieg. Sklavinnen trockneten sie behutsam ab, rieben sie dann mit Öl ein und kämmte ihr die Haare. Angenehm. Nein, Sirit hatte keine Lust, jetzt gleich zu Inagoro zu gehen. Eine kleine Erholungspause würde sie sich wohl noch gönnen dürfen. Sie nickte Visari zu, die immer noch geduldig lächelnd mit ihrem Gewand wartete, legte sich auf den Diwan und schloss die Augen.
Es hatte nur kurz sein sollen, aber als sie die Augen wieder öffnete, waren die Schatten eine Kerze weitergewandert. Jetzt wurde es wohl doch langsam Zeit, dass sie sich ankleidete und ihren Sohn aufsuchte.
Visari wartete immer noch, das frische Gewand auf den Armen. Sie lächelte, als sie sah, dass ihre Gebieterin sich erhoben hatte, aber ihr Lächeln wirkte irgendwie verzerrt.
„Kind, du hättest doch nicht die ganze Zeit hier stehen müssen!”
Visari öffnete den Mund. Aber statt Worten kam ein unverständliches Lallen heraus.
Sirit überflog es kalt. Sie sah genauer hin. Die Aura der jungen Frau hatte eine kranke Farbe angenommen. An deutlichsten war das an ihren Armen zu sehen. Und auf diesen Armen hing immer noch das Gewand, das Sirit seit einer Kerze hätte tragen sollen.
Sirit trat einen Schritt zurück. Visari wankte kurz und sackte dann fast lautlos zusammen. Sirits Schrei alarmierte den halben Sommerharem.
Der königliche Leibarzt, trainiert auch in der Erkennung und Behandlung von Vergiftungen, stellte ziemlich rasch eine Diagnose. „Taubtod.”
„Kannst du ihr helfen?”
Der Leibarzt schüttelte den Kopf. „Gegen Taubtod gibt es keine Hilfe. Sie ist schon so gut wie tot.”
Sirit seufzte. „Ich weiß, was Taubtod ist. Die erste Gemahlin und ich, wir hatten einmal eine sehr interessante Diskussion über Gifte. Taubtod wächst in den Hügeln östlich des Grünwassersees. Die Opfer ersticken bei vollem Bewusstsein, weil sie nicht mehr atmen können.”
Sie hockte sich vor Visari, sah ihr in die Augen. „Du weißt das, nicht wahr?”
Visaris Augenlider flatterten leicht.
Sirit erhob sich wieder und sah den Leibarzt an. Der Mann zuckte zusammen unter dem Blick der Spiegelaugen. „Niemand will so sterben. Also, kannst du ihr helfen?”
Der königliche Leibarzt zog seinen Dolch und schnitt Visari die Kehle durch.
*
Inagoro schäumte vor Wut. Eine viertel Kerze lang. Dann wich seine Wut eisiger Entschlossenheit. Niemand griff ungestraft seine Familie an. Egal, wen. Und da dieses Mal weder er selbst noch seine Söhne das Anschlagsziel gewesen waren, schied ausnahmsweise Herzog Komato als Urheber aus.
Inagoro ließ seinen Geheimdienst ermitteln.
Die Waschfrau, die Sirits Gewand mit tödlicher Seife imprägniert hatte, war bereits tot gewesen, als sie sie auffanden.
Der Händler, der die Waschfrau mit der Duftseife beliefert hatte, konnte sich an keine Besonderheiten erinnern. Erst, als ein wenig Folter seinem Gedächtnis nachhalf, fiel ihm ein, dass er eine Seifenlieferung nicht von dem üblichen Boten erhalten hatte. Sein miserables Gedächtnis reichte als Exekutionsgrund.
Der Bote war, wie sich herausstellte, nicht von der Seifenmanufaktur in Kamiataneeri gekommen. Der Geheimdienst folgte der Spur des Geldes. Münzen einer Prägung, wie sie in der Hauptstadt nicht gebräuchlich war, und die direkt nach der Auslieferung der vergifteten Seife in diversen Kneipen und Bordellen des Flussviertels aufgetaucht waren. Sie fanden den Boten.
Bevor der Mann starb, beschrieb er seinen Auftraggeber. Er hatte, wie viele zweibeinige Ratten des Flussviertels, ein hervorragendes Gedächtnis.
Und dann standen die Schergen des Königs vor Melechkos Tür.
Hätten Blicke töten können, Sirit wäre bereits beim ersten Schritt in das Zimmer leblos zu Boden gesunken. Melechko wusste, was ihre Gegenwart bedeutete.
„Mein Fehler”, erklärte sie Inagoro ruhig. „Ich war zu weichherzig.” Sie legte ihrem Sohn detailliert dar, wie Melechko den Thron betrogen und die königliche Schatzkammer zu seinen Gunsten geplündert hatte. Natürlich so geschickt, dass man es kaum nachweisen konnte. Wie sie ihn aus dem Amt gejagt hatte wegen jener anderen Sache, von der sie wusste. Jedes für sich sei vermutlich für Melechko bereits ausreichend Grund gewesen, sie töten zu wollen. Beides zusammen … „Ich hätte ihn nicht am Leben lassen dürfen.”
„Ein Fehler, der sich leicht korrigieren lässt.” Inagoro musterte Melechko kalt.
Die Gerichtsverhandlung war kurz. Das Urteil stand von vornherein fest. Tod. Inagoro überließ es Visaris Vater, die Art jenes Todes festzustellen. Der Mann erwies sich als ausgesprochen kreativ.
Melechko wurde ausgepeitscht, entmannt und gewaltsam um einige weitere Anhängsel seines Körpers erleichtert. Zum Schluss bekam er Taubtod in den Mund gesteckt. Zuerst erleichterte das Gift ihm das Sterben, als die Betäubung seiner Nerven den Schmerz linderte. Doch dann begann die Atemnot.
Kurz bevor ihm die Sinne endgültig schwanden, begann der Henker, Melechkos Brustkorb zu pressen wie bei einem Ertrunkenen. Melechko kam wieder zu sich. Das Ganze wiederholte sich noch ein halbes Dutzend Male, bevor auch Melechkos Herz von der Lähmung ergriffen wurde und seinen Dienst einstellte.
Inagoro ließ den Leichnam in einen Korb stecken und in eine Baumkrone am Flussufer hängen. Die Raben hatten ein Festmahl. Melechkos Geist wurde den Winden überlassen. Jenen Winden, in denen auch die Geister der von ihm getöteten Sklaven umherwehten.
1029
Wintertochter
Ihre nächste Schwangerschaft hatte auf sich warten lassen. Jetzt wuchs zwar wieder ein Kind in ihr, aber dieses Kind würde, wie Okes erstes Kind, mitten im Winter in der schlimmsten Frostgeisterzeit, geboren werden. Taephe hatte ein verdammt ungutes Gefühl. Winterkinder standen unter keinem guten Stern.
Ala versuchte, ihre Mit-Gattin zu beruhigen. „So ein Unglück wie dieser Feuerwind wird ganz bestimmt nicht wieder passieren. Der neue Schamane wird aufpassen. Ganz sicher. Es ist ja auch vorher noch nie passiert.“
Aber Taephe hatte dunkle Träume.
Der Winter schritt voran. Die Tage ohne Sonne kamen. Und an einem solchen Tag, als der Tag aus nichts bestand als einigen Stunden grauer Dämmerung, wurde das Kind geboren. Die Geburt war leicht, das Kind zart und klein. Es war wieder eine Tochter. Eine Tochter, die ihre Mutter aus großen, nachtschwarzen Augen ansah, mit einem Wissen und Erkennen, das überhaupt nicht zu einem Neugeborenen gehörte.
Oke sah auf das Kind, das seine älteste Frau Ala auf den Armen trug. Ala hielt das Kind nicht an ihre Brust gepresst, wie sie es mit allen Kindern sonst gemacht hatte, bei deren Entbindung sie zugegen gewesen war. Es war, als wollte sie es nicht mit ihrem Körper berühren.
Oke war verunsichert. Was war mit dem Kind? Was stimmte nicht? Hatte Taephe ihn betrogen?
Nein. Das Kind hatte jene kleine, ein wenig verwachsene Kerbe am linken Ohr, die fast alle seine Kinder von ihm geerbt hatten.
Waren die Frauen besorgt, weil es schon wieder ein Mädchen war? Oke hatte fast ein Dutzend Söhne. Da verkraftete er wohl auch noch eine weitere Tochter.
Er stupste das Kind vorsichtig mit dem Finger an. Es schlug die Augen auf. Oke fuhr entgeistert zusammen.
Eindeutig sein Kind. Aber es hatte tief nachtschwarze Augen. Augen, die es eigentlich nicht hätte haben dürfen. Oke sah verstohlen zu Taephe hinüber. Nicht einmal ihre Augen waren so dunkel. Wo kam diese Dunkelheit her?
Ihn schauderte.
So ein Kind wollte er nicht an seinem Feuer. Er könnte es töten. Es lag in der Hand eines Vaters, über seine Kinder zu entscheiden.
Aber würden die Götter das gutheißen?
Oke entschloss sich, den Göttern das Urteil zu überlassen. Er nahm das Kind samt dem Schaffell, in das die Frauen es eingewickelt hatten, und trug es hinaus, in die Kälte, in den Schnee. Weit fort vom Dorf, bis an den Rand des kleinen Wäldchens.
Taephe weinte nicht, als er zurückkam. Aber ihren Blick würde er so schnell nicht vergessen.
In dieser Nacht schliefen weder Oke noch Taephe.
*
Im Wald gingen Raubtiere um. Tiere auf vier Beinen, Tiere auf zwei Beinen. Die auf zwei Beinen waren schneller.
Der Eismann witterte. Es roch nach Kind. Sehr jung, es musste gerade erst geboren worden sein. Es kam vor, dass diese Stämme Kinder aussetzten, besonders im Winter, wenn so, wie jetzt, der Frost das Land beherrschte und nicht sehr viel zu essen da war. Der Eismann hatte keine Einwände. Fleisch, das keine anstrengende Jagd erforderte, war immer gut. Aber vielleicht war das eine Falle.
Er pirschte sich vorsichtig an den Waldrand, witterte wieder. Nichts. Nur der Geruch des Kindes. Ein warmer Geruch, es musste noch leben, aber es gab keinen Laut von sich. Er glitt näher. Das Kind lag ganz still. Wer auch immer es hier abgelegt hatte, hatte es zuvor in ein warmes Fell gehüllt. Nicht schlecht, so ein Fell war immer nützlich. Fleisch und ein fertig gegerbtes Fell. Seine Frau würde sich freuen.
Der Eismann überquerte die letzte Mannslänge Schnee, die ihn noch von dem Kind getrennt hatte, und hob den Dolch. Das letzte, was er brauchte, war lebende Beute, deren Geschrei ihn verraten konnte.
Das Kind öffnete die Augen und sah ihn an.
Der Eismann starrte das Kind an.
Dunkelauge!
Dann senkte er den Dolch.
Der Eismann nahm das Kind, vorsichtig, als sei es zerbrechlich wie sprödes Eis, schob es unter seinen Umhang und eilte so schnell er konnte zurück zu seinem Stamm.
*
Oke ging nachsehen am nächsten Morgen. Der Schnee verriet ihm, was geschehen war. Die Spuren waren deutlich genug. Eisleute. Als er zurückkam, teilte er es Taephe mit. Nur dieses eine Wort, mehr war nicht nötig. Jedermann hier wusste, was die Eisleute mit denen taten, die in ihre Hände fielen.
Taephe beherrschte sich mühsam. Vor den Ohren ihrer Mit-Gattinnen würde sie nicht mehr klagen über Okes Tochter als seinerzeit über Okes im Feuerwind verbrannten Sohn.
Sie ging hinaus. Weit hinaus. Und dann schrie sie.
1030
Eine Tochter verloren, eine Tochter gewonnen
Als der Frühling kam, teilt Taephe ihrem Mann mit, dass sie ihre Tochter nach Kirsitan bringen würde. Sie hätte dort noch ein Versprechen einzulösen. Oke zog den Kopf ein wenig ein, sagte aber nichts. Er gab ihr zwei Dutzend Männer als Begleitung mit und etliche schwer bepackte Ponys. Seine Tochter würde nicht als mittellose Bittstellerin in Ganen auftauchen.
Taephe war sich nicht sicher, wie die Sippen sie aufnehmen würden. Immerhin war sie bereits vor sechs Jahren fort gegangen und hatte seither nichts mehr von sich hören lassen.
Aber sie hätte sich keine Sorgen machen müssen.
Sieben Tagesritte vor Ganen trafen sie auf die ersten Hirten. Was immer die für ein Signalsystem besaßen, danach wusste jedenfalls jeder, auf den sie trafen, bereits Bescheid. Als sie Ganen erreichten, wartete ein großer Pulk Frauen bereits auf sie, an ihrer Spitze eine sehr junge Frau, fast noch ein Mädchen. Das musste die neue Duka sein. Und neben ihr standen Betha und Inana. Beide lebten noch! Taephe rollte ein zentnerschwerer Stein vom Herzen. Betha lachte über das ganze Gesicht. Inana breitete ihre Arme aus. Dann fühlte Taephe ihre herzliche Umarmung und wusste, sie war wieder zuhause.
„Natürlich kann Nitiri bleiben. Eine Tochter meiner Schwester ist auch meine Tochter.“ Inana nahm die Kleine auf den Schoß. Nitiri schnupperte an ihr wie ein kleines Hündchen und lehnte sich dann zufrieden an sie. „Spricht sie unsere Sprache?“
„Ich habe ihr im letzten Winter Kirsitanisch beigebracht. Nicht besonders gut, fürchte ich, denn es ist ja auch nicht meine Muttersprache. Aber Kinder lernen schnell.“
„Du hast ihr einen Namen in unserer Sprache gegeben.“
„Als ich ging, sagtest du, dass meine Tochter jederzeit meinen Platz an deinem Herdfeuer einnehmen kann. Ich hatte schon am Tag ihrer Geburt das Gefühl, dass sie hierher gehört.“
Inana legte einen Finger unter das Kinn des Mädchens und drehte sanft ihren Kopf so, dass Nitiri sie ansah. „Kleine Tochter, hat deine Mutter dir gesagt, dass auch ich deine Mutter bin?“
Nitiri nickte ernst.
„Und du weißt, dass du bei mir leben sollst?“
Wieder ein Nicken.
„Willst du denn auch bei mir leben?“
Nitiri steckte einen Finger in den Mund und dachte angestrengt nach. „Mama hat gesagt, du hast mehr Zeit für mich. Und mehr Geschichten.“
Inana wartete geduldig.
„Ich glaube, ich will hierbleiben.“
Die beiden Mütter sahen sich an und lächelten. Taephes Lächeln war durchsetzt von Trauer.
Kira sah die Handschrift der Schicksalsgöttin. Sie hatte alle Kinder mit Drachenblut fortschicken müssen. Und nun kam eine Frau, die ihre Vorgängerin seinerzeit als Schwester aufgenommen hatte, und schenkte ihnen eine Tochter, die über die Blutlinie ihres Vaters das alte Blut erneut in das Volk Kirsitans brachte. Nitiri war so viele Generationen von den ersten Drachenblütigen entfernt, dass ihr Blut keine Gefahr bedeutete. Sie und ihre Nachkommen würden das magische Erbe der Berge wieder in den Sippen erwecken.
Natürlich war sie trotzdem neugierig, was die Karapakierin dazu bewogen hatte, ihre Tochter ausgerechnet nach Kirsitan zu geben. Taephe erzählte es ihr.
„Er hat deine zweite Tochter einfach ausgesetzt?“ Kira war entsetzt. Konnte es wirklich Völker geben, denen das Leben einer Tochter so wenig bedeutete?
„Die Nordleute denken anders als wir.“ Taephe sah die Duka nicht an. „Es war Okes Recht als Vater, über das Leben seiner Tochter zu entscheiden. Was das angeht, hätte er genauso über das Leben eines Sohnes entscheiden können.“
„Wie kannst du das so hinnehmen?“
„Ich stamme aus Karapak. Da sind die Gesetze ähnlich. Die Väter entscheiden, wer in die Familie aufgenommen wird. Nur die Väter. Niemals die Frauen.“
„Wie grässlich! Jeder weiß doch, dass Kinder ein Teil ihrer Mütter sind!“
Taephe sah sie immer noch nicht an. „In Karapak glauben die meisten, dass die Frauen nur ein Gefäß für den Samen des Mannes sind.“
„Glauben die im Norden das auch?“
„Danach habe ich Oke nie gefragt.“
„Glaubst du das?“
Jetzt sah Taephe endlich auf. „Ich habe es geglaubt, bis ich nach Kirsitan kam.“
„Hast du deswegen deine Tochter zu uns gebracht? Damit sie am Leben bleibt?“
„Ihr Leben war nicht in Gefahr. Oke hat sie anerkannt. Ein anerkanntes Kind würde er niemals aussetzen. Im Gegenteil, er würde sie mit Zähnen und Klauen bis zum letzten Atemzug verteidigen. Einmal abgesehen davon, dass auch Ganen kein Leben garantiert, mit all den Frostgeistern in den Bergen. Nein, ich habe meine Tochter hierher gebracht, damit sie niemals in die gleiche Situation kommt wie ich. Dass andere über das Leben ihrer Kinder entscheiden.“
Taephes Stimme klang so traurig, dass Kira unwillkürlich die Hand nach ihr ausstreckte. Sie zog sie hastig wieder zurück, als hätte sie sich verbrannt. In Taephes Augen tanzten die Flammengeister.
„Was ist?“, fragte Taephe erstaunt.
„Nichts …“ Kira stand auf. „Ich habe beinahe vergessen, dass ich noch etwas Dringendes erledigen muss.“ So schnell sie konnte, verließ sie das Sippenhaus.
Am Abend, bevor Taephe wieder in den Norden aufbrach, sprach Kira mit Inana. „Du wirst deine Freundin und Sippenschwester nie wiedersehen.“
Inana sah sie verunsichert an. „Aber es klang nicht so, als ob ihr Mann sie daran hindern würde.“
Kira suchte nach den richtigen Worten. „Inana, über deiner Sippenschwester tanzen bereits die Flammen.“
Inana zuckte zusammen. Als sie sich abwandte, sah Kira in ihrem Gesicht verzweifelte Auflehnung. Traurig sah sie der davoneilenden Frau nach. Es schien ihr zunehmend eher ein Fluch als ein Segen, dass die Flammengeister mit ihr sprachen.
Taephe steckte einen hinreichenden Vorrat des Tees ein, dessen Gebrauch Hinen ihr damals empfohlen hatte. Sie war sich keineswegs sicher, dass Oke ihr erlauben würde, eine eventuelle dritte Tochter ebenfalls nach Ganen zu bringen. Da war es wohl besser, sie bekam überhaupt keine Kinder mehr.
Inana weinte, als sie sich von ihr verabschiedete. Nitiri, die erst jetzt begriff, dass sie sich tatsächlich von ihrer Mutter trennen musste, ebenfalls. Nach der letzten Umarmung floh Taephe förmlich. Auch wenn ihre Tochter noch lebte, sie gehörte ihr jetzt nicht mehr. Sie war halb blind vor Tränen, als sie auf das Pony kletterte. Die Nordmänner, die die weinenden Frauen nur mit einem etwas spöttischen Grinsen quittiert hatten, waren immerhin freundlich genug, sie während des ganzen langen Rittes zurück nicht mehr auf dieses Thema anzusprechen.
Oke verkniff sich ebenfalls jeden Kommentar. Er musterte nur schweigend die leeren Tragtaschen der Ponys und den leeren Kindersattel, griff dann nach seinem Jagdbogen und verließ das Haus. Es dauerte fast fünf Tage, bevor er zurückkam.
Nitiris Name wurde in Okes Familie nie wieder erwähnt.
Wie erzieht man einen Zauberer?
„Schule, immer nur Schule. Steck dir deine langweilige Schule sonstwohin!” Der Junge grinste Jo spöttisch an, bevor er zur Tür hinausflitzte. Kein unnormales Verhalten für einen halbwüchsigen Gassenjungen. Aber ein sehr unnormales Verhalten für werdende Zauberer.
Bevor der nächste sich ihm anschließen konnte, packte Jo den Bengel mit hartem Griff im Nacken und schleifte ihn eigenhändig zurück an seinen Tisch. „Du lernst!”, knurrte er und sah sich mit finsterem Blick um. „Und ihr anderen auch! Und was Koik angeht, den werde ich mir nachher vorknöpfen!” Seine Hand brannte wie Feuer. Diese Kinder hatten bereits jetzt Tricks drauf, von denen er in seinem ganzen Leben noch nichts gehört hatte. Und das schlimmste war, sie hatten sie nicht einmal lernen müssen. Diese Drachenbrut konnte das einfach so. Wie sollte ein Zauberer Kinder erziehen, die bereits ohne Ausbildung stärker waren als er selbst?
Am Abend diskutierte er die missliche Situation mit Eishaar.
„Die frisch Geschlüpften brauchen Disziplin. Sie lernen sie nicht von alleine”, dozierte der Drachenherr. „Das ist bei euren Jungen nicht anders als bei unseren.”
„Du hast gut reden”, murrte Jo. „Bei dir parieren sie. Du bist stärker.”
„Na und? Stärker sein alleine besagt überhaupt nichts. Du hast ihnen jahrelange Erfahrung voraus.”
„Deswegen kann ich sie immer noch zu nichts zwingen.”
„Tu´ ihnen weh. Pack sie da, wo sie es merken.”
„Und was sollte das schon sein?”
„Wenn dir der nächste von ihnen querkommt, mach´ ihn zu einem Spiegel.”
Jo starrte Eishaar entgeistert an. „Zu … einem Spiegel? Ist das dein Ernst?”
Eishaar zuckte mit den Achseln. „Du hast drei Dutzend frisch geschlüpfte, undisziplinierte Zauberer. Wenn du kein völliges Chaos willst, musst du ihnen zeigen, dass du es ernst meinst. Nur dann werden sie bereit sein, von dir zu lernen, was sie zum Überleben brauchen.”
„Zum Überleben?”
„Seit wann bist du so schwer von Begriff? Was glaubst du, was passiert, wenn du diese kleinen Zauberer so auf die Welt und sich selbst loslässt? An so etwas sind schon ganze Städte zugrunde gegangen.”
Jo schluckte. Dachte an seine eigene Zeit im Spiegel. Und dann daran, dass die Spiegel kein Gefängnis für ewig sein mussten. „Gut, ich denke, einige Zeit in einem Spiegel könnte dem einen oder anderen wirklich nicht schaden.”
„Falsch!”, fauchte Eishaar. „Du musst sie auch verbrauchen!”
Jo konnte fühlen, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich.
Eishaar deutete seine Reaktion richtig. „Du bist zu weich geworden hier in Tolor. Denk an das, was du gelernt hast. Es hat verdammt gute Gründe, weshalb deine Zaubererkollegen auf einer so harten Ausbildung bestehen. Ein Zauberer, der keine Disziplin lernt, ist wie eine offene Flamme in einer Pulverkammer. Und der einzige Weg, diese Disziplin nicht nur zu lernen, sondern auch zu verinnerlichen, ist Härte.”
„Aber … Fü?”
„Fü ist ein Sonderfall.” Eishaar fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Ehrlich gesagt, so jemand wie Fü ist mir in meinem ganzen Leben vorher nicht untergekommen. Und ich lebe schon verdammt lange, wie du weißt.”
Jo nickte stumm.
„Fü kann nicht hart sein. Das wäre völlig gegen ihr Naturell. Dieser Teil der Ausbildung unserer Jungzauberer wird also an dir hängenbleiben. Fü … Fü ist etwas Besonderes. Ich weiß nicht, warum die Götter sie geschaffen haben, aber sie hat etwas, das ich noch bei keinem Menschen zuvor gesehen habe. Sie trägt einen Lichtkeim in sich.”
„Lichtkeim? Was ist das?”
„Früher, als es noch mehr Windschwingen gab, hatten wir immer ein oder zwei Träger des Lichtkeims unter uns. Heute … Vielleicht sind wir einfach zu wenige. Und vielleicht sind die Menschen jetzt zahlreich genug, dass so ein Lichtkeim endlich auch einmal bei euch erscheint.”
Das Schweigen zog sich. Endlich hakte Jo noch einmal nach.
„Was ist ein Lichtkeim?”
„So etwas wie ein winziges Stück der Essenz der Flammenden Göttin. Die Lichtkeimträger sind Auserwählte.”
„Du klingst nicht besonders froh darüber.”
„Auserwählte der Götter zu sein, fordert manchmal einen hohen Preis. Bei den meisten schläft der Lichtkeim, solange sie leben. Er erwacht nur dann, wenn sich eine Katastrophe anbahnt. Wenn er erwacht, werden die Auserwählten zu Lichtaugen, ihre Magie wird stärker als alles, was du dir vorstellen kannst.”
„Was ist daran so schlimm?”
„Es brennt sie aus. Die Lichtaugen werden vom Feuer der Göttin verzehrt.”
Dieses Mal unterbrach Jo das Schweigen nicht wieder.
Es dauerte keine zwei Tage, bis Jo Eishaar Rat anwenden musste. Zwei Tage, in denen er wieder und wieder um Ruhe, Aufmerksamkeit und Konzentration bitten musste, zwei Tage, in denen die Kinder immer frecher und aufmüpfiger wurden. Schließlich riss ihm der Geduldsfaden. „Der nächste von euch, der nicht gehorcht, wird es bitter bereuen!“, verkündete er finster. Die Jungen und Mädchen tauschten irritierte bis belustigte Blicke. Aber für einen Moment waren sie tatsächlich still. Jo hegte schon Hoffnung, dass es gutgehen würde.
Nein. Natürlich tat es das nicht. Plötzlich brannte etwas in seinem Nacken. Er wischte mit der Hand und etwas Magie dahinter. Eine kleine Feuerkugel wurde weggeschleudert. Gerade noch rechtzeitig, es stank schon nach angesengtem Haar.
„Wer war das?“
Schweigen.
„Wenn ihr meint …“ Jo konzentrierte sich auf die Feuerkugel. Es war leicht zu sehen, mit wessen Aura sie in Verbindung stand. Marisi. Mit ihren noch nicht ganz acht Wintern war die Kleine jetzt schon stärker als mancher Blaue bei Meister Go. Er sah nicht hin, folgte nur der Energiespur, als die Feuerkugel zu ihrer Schöpferin zurückflog. Und als er bei der Kleinen war, griff er nach seinem Arbeitsspiegel.
Marisi starrte ihn an, eher verblüfft als beängstigt. Dann berührte der Spiegel sie. Ihr Ausdruck wechselte von Verblüffung zu Schrecken und weiter zu nackter Panik, während sie vergeblich gegen den Sog des Spiegels kämpfte. Ihr entsetzter Schrei brach in einem langgezogenen, hohen Wimmern ab, während ihr Körper sich verdrehte, auflöste und in den Spiegel gezogen wurde.
Dann war Marisi fort, der Spiegel um das Dreifache gewachsen.
„Das hier“, sagte Jo schroff und hob den Spiegel, so dass er für alle gut sichtbar war, „ist jetzt kein Arbeitsspiegel mehr. Es ist ein Seelenspiegel. Marisis komplette Energie ist jetzt darin, Seele wie Körper. Jedes noch so kleine Stück von ihr. Und wer immer von euch sich jetzt noch einmal muckt, kann ihr darin Gesellschaft leisten.“
Ein erschrockenes Aufkeuchen lief durch die Schülerreihen.
Jo ging zurück zu seinem Lehrpult. „Eigentlich solltet ihr das erst sehr viel später lernen. Aber da ich nun schon einmal einen Seelenspiegel in der Hand habe, werde ich euch zeigen, was die Unterschiede zwischen Seelen- und Arbeitsspiegeln sind und wie man sie benutzt.“
Bevor der Tag zu Ende ging, hatte Jo so gut wie alle Gegenstände im Raum in ihrer Substanz gewandelt. Holz zu Stein, Stein zu Metall, Papier zu Stoff … Alles, was viel Energie fraß. Der Spiegel war kleiner und kleiner geworden. Bei der letzten Umwandlung, als er sein Tintenfass in Gold wandelte, löste der Spiegel sich endgültig auf.
Niemand in der Gruppe rührte sich. Alle sahen ihn mit fast ängstlicher Spannung an.
„Marisi?“, fragte Koik schließlich. „Wo ist sie? Wann kommt sie wieder?“
„Sie ist nirgends“, sagte Jo hart. „Sie war in diesem Spiegel. Und wie ihr seht, habe ich den Spiegel verbraucht. Sie ist fort, für immer, nichts ist von ihr übrig.“
Ein kollektives Aufstöhnen. Koik zuckte sichtlich zusammen. Offenbar begriff er, dass er selbst nur ganz knapp an diesem Schicksal vorbeigeschrammt war.
Danach hielten die Kinder Disziplin.
Jo sah Füs traurige Augen, als er ihr davon erzählte. An jenem Abend konnte er nicht einschlafen. Wieder und wieder stand das Geschehen vor seinen Augen. Wenn es bloß nicht ausgerechnet Marisi gewesen wäre. Sie war eine der Bravsten gewesen, ein fröhliches, fast immer lachendes Kind. Warum musste es ausgerechnet sie sein? Warum nicht Koik oder ein anderer aus seiner Bande?
Aber Jo kannte die Antwort. Dass es Marisi getroffen hatte, war im Grunde für seine Zwecke ideal. Jetzt wussten alle Schüler, dass die angedrohten Konsequenzen stattfanden, egal, wen sie trafen. Dass weder früheres gutes Benehmen noch persönliche Zuneigung ihren Lehrer beeinflussen würde. Und dass sie Jo zu fürchten hatten.
So, wie er früher Meister Go gefürchtet hatte.
Jo fühlte, wie sich sein Magen umdrehte. Er schaffte es gerade noch bis zum Abort.
1031
Auf der Lauer
Der dünnste und jüngste der Laren stützte sich schwer auf den Kartentisch. „Es dauert mir zu lange! Können wir endlich losschlagen?“
„Willst du eine vollkommene Rache, oder nicht?“, fragte der Älteste missbilligend. „Jetzt haben wir schon so viele Jahrhunderte gewartet. Kommt es da wirklich auf ein oder zwei Jahre mehr an?“
„Und wenn die Drachenherren misstrauisch werden?“
„Weshalb sollten sie? Sie sind es gewohnt, dass die Menschen auch von alleine dazu neigen, sich gegenseitig kräftig Schwierigkeiten zu machen. Sie werden nichts merken, solange wir weiterhin um ihre direkten Aufenthaltsorte einen großen Bogen machen.“
„Aber sie haben neue Bruten.“
Der Andere lächelte kalt. „Ja. Und wie wir alle wissen, hängt der Termin ihres Schlüpfens von den Südwinden ab. Diese Winde aber werden vorerst nicht kommen.“
Jetzt beugten sich die vier anderen gemeinsam über den Kartentisch und studierten die Energielinien.
„Raffiniert!“, kommentierte schließlich einer von ihnen. „Und es sieht fast vollkommen natürlich aus. Sie werden keinen Verdacht schöpfen und einfach weiter warten.“
„Während wir unser Netz in Ruhe erweitern.“
Der erste Lare lehnte sich zufrieden zurück. „Wenn wir dann zuschlagen, haben sie keine Chance mehr. Der Plan ist brillant.“
„Ist ja auch von mir“, kommentierte der Älteste.
Und so wuchsen die Fäden weiter. Langsam, vorsichtig, fein dünn, unbemerkt. Fäden spannen sich durch Tolor, in die Eisberge, zu den Nordleuten, in die Randgebiete Karapaks. Fäden wanden sich durch die grauen Schluchten und durch Kirsitan. Fäden orteten und umzingelten die Bruttäler der Drachenherrn. Aber kein einziger Faden tastete sich hinab in diese Täler, so wenig, wie sie Ganen berührten oder Shioges Burg oder Tolor-Stadt. Die Drachenherrn erhielten keine Warnung.
1032
Die Ruhe vor dem Sturm
Tief unten im Süden, noch hinter den Drachenschwanzbergen, warf der Schamane der Wüstenstämme die Runenknochen. Er sah auf das Ergebnis, zuckte zusammen. Dann warf er die Knochen erneut. Aber das Ergebnis änderte sich nicht.
Ob die Zauberer in Karapak darum wussten? Vermutlich nicht, sonst wären sie sicher schon längst in panische Betriebsamkeit verfallen.
Ob er sie warnen sollte?
Unsinn. Der Schamane rief sich zur Ordnung. Er hatte mit Karapak nichts zu schaffen. Im Gegenteil, wenn die Zaubererbrut draufging, war das für ihn nur ausgleichende Gerechtigkeit. Aber sein Volk durfte auf keinen Fall darin verwickelt werden. Das war schon einmal geschehen, und sie hätten es fast nicht überlebt. Der Schamane konnte bis heute die Panik nicht abschütteln, die er damals gespürt hatte. Sein Volk musste geschützt werden, um jeden Preis. Er rief die Anführer aller Stämme zusammen.
Keiner der Wüstenkrieger verweigerte sich einem Aufruf des Schamanen. Allerdings war auch keiner von ihnen begeistert über das, was er ihnen sagte. Die Blicke reichten von mürrisch bis trotzig. Der Schamane stampfte mit seinem Stab auf den Boden.
„Ihr habt mich gehört. Bis auf Weiteres keine Raubzüge mehr in den Norden. Ihr meidet den Norden. Keine Raubzüge, kein Handel, keine Frauen, nichts. Was immer ihr tut, ihr werdet einen großen Bogen um die Drachenberge machen.“
Die Wüstenkrieger tauschen unsichere Blicke.
„Wenn wir weder nach Tolor noch nach Karapak können, dann bleibt aber doch nichts!“, bemerkte einer von ihnen vorsichtig.
„Geht nach Süden und schaut nach, ob ihr da andere Beute findet. Und wenn da niemand lebt, schlagt euch meinetwegen gegenseitig die Schädel ein, um Ruhm zu gewinnen“, grollte der Schamane. Aber IHR - GEHT - NICHT - IN - DIE - DRACHENBERGE! Habt ihr mich verstanden? Wenn euch euer Leben lieb ist, bleibt ihr hier. Jeden von euch, der es wagt, trotzdem in die Berge zu gehen, werde ich auf der Stelle aus dem Stamm verbannen und dafür sorgen, dass man ihn jagt und erschlägt wie einen räudigen Hund.“
Mehr als einer der Krieger zuckte zusammen. Offenbar meinte der Schamane es bitterernst.
„Warum …?“, echote es leise durch ihre Reihen. Der Schamane antwortete nicht. Sein Blick war auf die fernen Berge gerichtet, und seine Kiefer mahlten. Einer nach dem anderen wandten die Männer sich um und gingen leise fort.
Der Schamane sah auf die so täuschend friedlichen fernen Gipfel. Hinter den Gipfeln lag Tolor. Und dahinter Karapak. Er dachte an das, was er in den Knochen gesehen hatte. Lähmende, bleierne Angst erfüllte ihn. Was, wenn das, was er gesehen hatte, nicht in den Bergen Halt machte? Wenn es weiterzog? Wenn Karapaks Zauberer den Kampf verloren? Wie sollte er dann alleine etwas bekämpfen, das nicht einmal alle Zauberer Karapaks gemeinsam besiegen konnten?
Die Angst presste sein Herz mit schweren Fäusten zusammen.
Und ganz, ganz tief in ihm weinte ein winziger Teil seines Herzens um Karapak, seine alte Heimat, und um eine Frau mit Spiegelaugen und ihren gemeinsamen Sohn.
*
Weit oben im Norden im Reich Meelas war der kurze Bergfrühling gerade dabei, in den Sommer überzugehen.
Uzal hatte es in der Stadt nicht mehr ausgehalten. Bei so ungewöhnlich schönem, warmem Wetter sollte niemand zwischen Mauern leben. Das war die Gelegenheit, ihrem Bruder auf seiner Sommerwache einen Besuch abzustatten. Sie machte sich auf zum Grenzposten am Adlerpass. Eigentlich waren diese Wachen überflüssig. Nach Jo hatte niemand mehr versucht, Meelas zu betreten. Die südlichen Berge schienen menschenleer zu sein, und auch die Nordlandleute waren wie vom Erdboden verschluckt. Noch bemerkenswerter allerdings fand Uzal die Tatsache, dass auch von den Eisleuten weit und breit nichts mehr zu sehen war. Die Laren hatten Wort gehalten. Die Frostgeisterzäune schützten Meelas wirklich vor allem.
Im Dorf an der Schafschlucht übernachtete sie. Der Empfang war herzlich wie immer, aber irgendwie hatte Uzal den Eindruck, dass die Menschen etwas verstört schienen. Abends, als sie mit den Ältesten bei einem Honigwein zusammensaß, fragte sie danach. Die Ältesten tauschten Blicke. „Mhm, ja“, murmelte einer schließlich. „Wir haben ein paar unserer Weiden verloren.“
„Der Frostgeisterzaun!“, sprang ihm ein anderer bei. „Er schneidet sie vom Dorf ab.“
„Aber was soll das schon ausmachen?“ Uzal war verblüfft. „Das Vieh wird doch von den Zäunen nicht beeinträchtigt. Die Hirten haben doch in den vergangenen Jahren immer die Weiden zwischen den Zäunen genutzt.“
„In den vergangenen Jahren, ja.“ Das war Tonili, ihre Gastgeberin. Die alte Frau biss sich auf die Unterlippe, wusste offenbar nicht, wie sie weitererzählen sollte.
„Es ist ihr Enkel“, versuchte einer der Männer zu erklären.
„Mirko ist diesen Frühling mit unseren Ziegen zu den Weiden zwischen den Zäunen gegangen.“ Tonilis Stimme zitterte jetzt. „Die Ziegen sind zurückgekommen. Mirko nicht.“
„Vielleicht hatte er einen Unfall?“
Tonili schüttelte den Kopf. „Wir sind dreimal suchen gegangen, mit Hunden. Alles, was wir fanden, waren seine Tasche und Spuren eines Nachtlagers. Es sah aus, als hätte er dort übernachtet. Aber es führten keine Spuren wieder von dort weg. Wir fanden auch kein Blut. Nichts.“
„Er war nicht der Einzige“, ergriff einer der Männer wieder das Wort. „Wir haben noch drei weitere Hirten so verloren. Und seitdem geht niemand mehr zwischen die Frostgeisterzäune.“
Uzal dachte an ihren Bruder, der auf dem Weg zum Adlerpass alle drei Zäune queren musste.
In dieser Nacht schlief sie schlecht.
Den Göttern sei Dank, ihre Befürchtungen waren grundlos gewesen. Erleichterung durchflutete Uzal, als sie ihren Bruder heil und gesund in die Arme schloss. Birk war bei ihm, einer seiner Pelzjäger-Kumpane, der jetzt, genauso wie ihr Bruder, mangels Handel keine Abnehmer mehr hatte für seine Arbeit und sich so als Wache über Wasser hielt. Uzal blieb fünf Tage am Pass. Fünf Tage voller Lachen, laut gegrölter Lieder, Jagdgeschichten am abendlichen Feuer, sentimentaler Kindheitserinnerungen und neckischem Spott. Fünf Tage, in denen die Bedrückung, die sie auf dem Weg empfunden hatte, zu Nichts verblasste.
Als sie zurückkam in das Dorf an der Schafschlucht, schien ein Aufatmen durch die ganze Gemeinschaft zu gehen. Uzal wurde klar, dass die Leute nicht damit gerechnet hatten, sie wiederzusehen. „Ich habe die Schutzzäune zweimal durchquert“, sagte sie. „Es ist nichts passiert, und mir ist auch nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Allerdings“, schränkte sie ein, „bin ich auch nur bei Tage dort gewesen. Nachts mag das anders sein.“
Die Ältesten nickten. „Was immer es ist, es scheint also nur innerhalb der Zäune zu geschehen. Außerhalb der Zäune ist es sicher, egal, auf welcher Seite. Dann werden wir die Weiden dort eben nur über Tag nutzen.“
Tonili murmelte etwas Unverständliches. Die einzigen Worte, die Uzal heraushören konnte, waren „ … Steine … zu viele Steine …“
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