Kitabı oku: «Die Siebte Sage»
CHRISTA LUDWIG
Die Siebte Sage

Inhalt
Flucht mit einem Schuh
Freundschaft
Flucht ins Gefängnis
Hinter der Blumenmauer
Ein Aramine mit Herz zerbeißt seine Zunge
Geheimnisse
Glückstag
Die geprügelte Sonne
Der weiße Lakai
Das Gesetz
Januãos letzte Augenblicke
Träume
Das Hdorigo-Rot
Blindenschule
Ein Wieder-Sehen
Das Zeichen von Leben oder Tod
Wasser
Abwasser
Der Tod ist da, wo du daheim bist
Im Saal der weichen Stimmen
Katzenorgel
Das Gastmahl unter der Erde
Lesen ist lebenswert
Auf der Suche nach dem verborgenen Schmutz
Das dreimal gewendete Blatt
Ein paar Wörter, die du vielleicht nicht kennst?
Meinen jungen Lektorinnen und Lektoren
Alles erfunden?

Flucht mit einem Schuh
Wasser!
Dshirah liebte Wasser. Daheim in der weiten Ebene am Fluss, wo man immer rechtzeitig sah, ob sich jemand näherte, durfte sie die Schuhe ausziehen und im Wasser planschen. Sie konnte sogar ein wenig schwimmen. Die fünf Jungen, die vor ihr in dem schmalen künstlichen Bach mitten in der Stadt herumsprangen, konnten das bestimmt nicht.
«Dshirah!», schrie Silbão und spritzte ihr Wasser ins Gesicht. Er war ein Freund ihres Bruders und sie mochte ihn. Doch sie wandte sich ab.
Ich hätte nicht mit den Jungen gehen sollen, dachte sie. Aber in einer Stadt wie Al-Cúrbona ist es nicht leicht, allein nach Hause zu gehen, wenn die Schule zu Ende ist. Jenseits des kleinen Platzes sah sie die Mädchen aus ihrer Klasse gerade in einer Straße verschwinden. Eine drehte sich um und winkte ihr zu. Beinahe hätte Dshirah zurückgewinkt, es zuckte in ihrer Hand, aber sie presste noch rechtzeitig den Arm an den Körper. Drei Tage hintereinander war sie mit diesem Mädchen bis zur Plaza de las Poemas gegangen, drei Tage, das war fast der Beginn einer Freundschaft. Und Dshirah hatte den Eltern doch fest versprochen, dass sie nie nie nie eine Freundin haben würde, sonst hätte sie nicht zur Schule gehen dürfen.
Ein nasser Ball traf sie im Rücken. Silbão lachte. Das Wasser reichte ihm bis zum Knie. Es floss hier mit nur leichter Strömung am Rand der sacht abfallenden Straße in einem kunstvollen Bachbett aus bunten Fliesen mit Schnörkeln und Ornamenten. Silbão bückte sich, patschte auf das Wasser, dass es spritzte und sprühte. Im Regen der Tropfen sah er noch schöner aus, allerdings nicht klüger. Er war ein Aramine mit schwarzem, gewelltem Haar und dunklen Augen.
«Dshirah, Dshirah wasserscheu …», rief er, «wasserscheu, wasserscheu, wasser-, wasser-, scheu, neu, freu?»
Er kam nicht weiter. Im Verse-Machen war Silbão ein völliger Versager. Er schaute hilflos auf den kleinen Kirr, der auf den Randfliesen saß. Kirr hatte helle Haare, er war ein Barde wie Dshirah. Er hob den Kopf und sagte: «Dshirah, Dshirah wasserscheu, fasst keinen Tropfen Wasser an, es sei denn, dass man’s trinken kann.»
«Fasst keinen Tropfen Wasser an …», schrie Silbão.
«Ich bin nicht wasserscheu», unterbrach Dshirah und trat näher an den Bach.
Ich muss gehen, dachte sie, weg! Weg!
Aber sie war elf Jahre alt und wollte mit anderen Kindern spielen, nicht immer nur daheim mit ihrem Bruder und mit – oh, sie hatte eine Freundin! Doch das durfte niemand wissen.
Silbão sprang an einer bunten Schlange aus mehreren Fliesen entlang, die sich am Boden des Bachbettes ringelte. Er lachte.
Ich muss gehen, dachte Dshirah und sagte: «Ich kann nur nicht ins Wasser, weil meine Schuhe dann so rutschig werden.»
«Zieh sie aus!»
Die Sandalen der Jungen lagen alle auf der Straße.
«Das geht nicht. Meine Mutter bindet sie immer so fest. Ich krieg sie nicht auf.»
Niemand kriegt sie auf, dachte sie, die auch nicht.
Denn Dshirah trug keine Sandalen, sondern weiche Lederschuhe. Bänder waren über Kreuz ihre Unterschenkel hinauf gewickelt und unter ihrem Knie mit einem Knoten zusammengehalten, den niemand öffnen konnte, nicht einmal ihre Mutter. Die schnitt ihn jeden Abend auf und zog neue Bänder ein.
Silbão hörte auf zu planschen.
«Warum hast du nur diese Schuhe an?», fragte er.
Er kam häufig Dshirahs Bruder besuchen und wusste, dass sie diese Schuhe immer trug.
«Hast du keine Sandalen?»
«Das geht dich nichts an», sagte Dshirah. «Und überhaupt – du hast mir gar nichts zu sagen.»
Das stimmte. Zwar war Silbão ein Aramine und gehörte damit zu jenem Volk, das vor über vierhundert Jahren die Südbarden überfallen und das Land erobert hatte, aber das war inzwischen kaum noch wichtig. Viel bedeutsamer war, dass Silbãos Hemd auf der rechten Schulter einen Ziegenkopf trug, während auf Dshirahs linke Schulter ein Pferdekopf gestickt war. Hirtenkinder waren sie alle in der Hirtenschule, aber sie waren damit nicht alle von gleichem Rang. Die Ziegenhirten waren die niedrigsten. Unter ihnen standen nur noch die geächteten Metzger, aber deren Kinder gingen in eine andere Schule. Dshirahs Familie hütete die Halbblutfohlen des Kalifen, und nur der kleine Kirr mit dem Pferdekopf auf der rechten Schulter war höher gestellt als sie, denn sein Vater betreute die Vollblutfohlen.
Silbão war ein friedlicher Junge. Er lachte noch immer und rief: «Dshirah, Dshirah wasserscheu …»
«Ich kann schwimmen!», schrie Dshirah.
Da lachten sie alle.
Weg, dachte sie, weggehen.
Aber sie sprang ins Wasser, hüpfte über die roten und goldenen Fliesenfische, spritzte Silbão Wasser ins Gesicht, lachte und spritzte, lachte und spritzte, rannte den Bach hinunter, die Jungen folgten und lachten, sie hüpfte, rutschte und fiel.
«Glaubt ihr es jetzt?», fragte sie.
Silbão nickte. «Ich komme heute zu euch und du zeigst mir, wie du schwimmst.»
Sie hätte es nicht sagen dürfen.
Weg, dachte sie, weg.
Sie sprang aus dem Bachbett und merkte nicht, dass sich am Rand eine Fliese gelöst hatte. Das Band ihres rechten Schuhs blieb daran hängen, und sie hatte das Bein so heftig aus dem Wasser geschwungen, dass es riss.
«He», sagte Silbão, «jetzt kannst du den Schuh ausziehen.»
Und Kirr grinste: «Und auf einem Bein hüpfen, ohne zu rutschen.»
Dshirah hielt die losen Enden zusammen, humpelte ein Stück, sagte: «Ich muss heim.»
Aber die Jungen folgten ihr. Da rannte sie. Sie gewann einen kleinen Vorsprung, weil die Jungen verblüfft stehen blieben. Als sie sich aber umdrehte, sah sie, dass sie ihr nachliefen. Sie bog in eine Seitenstraße. Sollte sie versuchen, das Schuhband wieder zu verknoten? Silbãos Kopf erschien am Ende der Straße, da jagte sie in wilder Angst davon. Sie fühlte, wie das Band sich ihren Schenkel hinunterringelte, sie versuchte die Schuhsohle mit den Zehen zu halten, doch dadurch wurde sie langsam, und die Jungen holten auf. Sie sprang über die mit glatten Steinen gepflasterten Straßen. Es war am frühen Nachmittag. Die Menschen kamen gerade erst wieder aus ihren Häusern gekrochen, noch war es heiß. Nicht heiß genug, um ihre Schuhe schnell zu trocknen. Sie glitt aus, fiel einem fremden Mann in den Weg und fühlte an ihrem rechten Fuß keinen Schuh. Er war weg. Sie zog das rechte Bein an, setzte sich auf den Fuß, der Mann reichte ihr eine Hand, um ihr aufzuhelfen, sie nahm sie nicht. Dicht hinter dem Fremden sah sie ihren Schuh liegen. Da stießen die Jungen gegen den Mann. Der schimpfte, drehte sich um. Dshirah sah, wie Silbão nach ihrem Schuh griff. Sie sprang auf und rannte, schneller jetzt, noch schneller.
Al-Cúrbona war eine schöne Stadt. Sie lag am Hang über dem Fluss. Hoch über allen Häusern schwebte die Palaststadt des Kalifen. Neben den größeren Straßen flossen auf einer oder auf beiden Seiten die kleinen Bäche in ihren bunten, kunstvollen Betten. Ihr Wasser sammelte sich in Brunnen, schoss in Kaskaden und kleinen Wasserfällen über die Hänge und sprühte Fontänen an Straßenecken. Obwohl die Häuser sich nach außen schlicht gaben und fast allen ihren Schmuck in den Innenhöfen zeigten, hatten auch die Fassaden ihren eigenen Stil. In vielen Farben gewebt waren die Vorhänge vor den Türen, um den Türrahmen war eine Leiste mit bunten Ornamenten in den weißen Putz gemalt, und vor den wenigen Fenstern hingen Blumen.
Dshirah blieb stehen.
Die schmale Gasse, in die sie sich geflüchtet hatte, war menschenleer. Sie keuchte. Ein heftiger Schmerz stieß in ihre linke Seite. Aber die Jungen schienen ihr nicht mehr zu folgen.
Sie haben nichts gemerkt, dachte sie, nur, wie komme ich jetzt nach Hause?
Sie versuchte herauszufinden, wo sie war. Neben den Türen hingen Schilder: Schneider, Weber, Schuster – sie überlegte, ob sie in eines der Schusterhäuser schleichen und ein paar Schuhe stehlen sollte, doch das schien ihr noch gefährlicher, als mit einem Schuh weiterzugehen. Sie kannte diese Gasse nicht, aber solange sie abwärts- und der Sonne entgegenlief, war sie auf dem Heimweg. Sie bemühte sich, weiterhin durch unbelebte Gassen zu gehen, doch immer mehr Vorhänge wurden beiseite geschoben. Um diese Zeit drängten die Menschen hinaus. Es war also besser, wieder zu rennen.
«Da! Da ist sie!»
Silbão und die anderen Jungen! Sie lief genau auf sie zu. Dshirah drehte sich um und stürmte planlos durch die Gassen und Straßen. Schon füllten die sich mit Leuten, schon musste sie sich im Zick-Zack um fremde Körper schlängeln. War das ein Vorteil? Konnte sie so den Jungen leichter entkommen? Aber jedes Paar Augen war genauso gefährlich wie Silbãos schwarze Pupillen. Und da hörte sie ihn wieder. Erschrocken sprang Dshirah geradeaus, dahin, wo Platz war, wo niemand ging –
«He, du!», schimpfte eine Männerstimme – und Dshirah merkte nicht, dass sie den schlimmsten aller Fehler gemacht hatte. Sie war über eine Baustelle gelaufen, ein kleines Geviert, das auf einer Kreuzung für ein neues Muster von Fliesen vorbereitet wurde. Man hatte den Boden mit frischem Sand bestreut. Den hatte man nass gemacht, geebnet. Als Dshirahs rechter Fuß darauf trat, fühlte sie kurz die feuchte Kühle einer glatten Fläche, fest, aber nicht hart.
Wieder rennend, schaute sie zurück, sah die Jungen aus der Menge kommen, sah – nur im fernsten Winkel ihres Blicks –, wie die Arbeiter sich über den Sandboden beugten, wie Kirr stehen blieb. Sie hörte, dass er etwas rief, verstand es aber nicht. Da tat sie, womit die Jungen nicht rechnen konnten: sie verschwand hinter dem Vorhang des nächsten Hauses, sie fühlte schon am Stoff, dass es ein Adelshaus war.
Ein Hirtenkind in einem Adelshaus, ohne Auftrag, etwas zu holen oder abzugeben – natürlich wusste sie, wie streng das verboten war. Trotzdem atmete sie auf. Hierhin würden ihr die Jungen auf keinen Fall folgen. Sie würde durch das Haus und den Patio schleichen und das Gebäude auf der anderen Seite wieder verlassen – denn Dshirah wusste genau, wie ein Adelshaus von innen aussah, und sie wusste ziemlich genau, wer sich um diese Tageszeit wo aufhielt.
Wenn jemand kommt, sage ich, ich soll die Geburt eines Fohlens melden, dachte sie. Dann bin ich eben im falschen Haus, ich habe mich verlaufen.
Ein paar Frauen kamen ihr entgegen, die beachteten sie nicht, also war sie im Gesindetrakt und damit immerhin auf der richtigen Seite. Aber dann kam ein Mann vorbei und trat ihr in den Weg. Und leider gab es hier Fenster. Wer den ganzen Tag arbeiten muss, braucht Licht. Sie schob den bloßen Fuß hinter die Ferse des Schuhs.
«Was machst du hier?», fragte der Mann.
Sie zeigte auf ihre linke Schulter.
«Ich bin Dshirah, die Tochter von Tazihlo, dem Hüter der Halbblutfohlen. Ich soll die Geburt des Fohlens melden.»
Der Mann nickte.
«Geh durch den Patio. Die Verwalter sitzen am Teich der Goldfische. Einer wird dich zum Herrn führen.»
Glück gehabt! Jetzt wusste sie genau, wohin sie nicht gehen würde.
Sie lief der Nase nach, fort von dem Geruch nach gebratenem Fleisch und auf den Duft von Blumen zu. So erreichte sie den Patio. Er war sehr groß. Wer hier wohl wohnte? Die Bäume und Hecken schützten sie, eine gelbe Katze putzte sich im Schatten, mitten im Garten rauschte der Springbrunnen, sonst war es still. Sie mied den Teich und kam zum Hauptgebäude. Hier war es dämmrig, man hielt die Sonne und die Hitze fern. Aber nun durfte ihr niemand mehr begegnen. Der Herr war also wahrscheinlich im Haus. Hoffentlich in seinen Arbeitsräumen. Die mussten rechts sein. Links ging es zur Halle und von da auf die Straße. Wenn jetzt nicht von oben eine der Frauen herunterkam …
Dshirah schlüpfte an den Wänden entlang, lautlos über dicke Teppiche, durch den Flur, durch den Vorhang – sie stand auf der Straße und – vor der Plaza de las Poemas. Im ersten Augenblick wusste sie nicht, was größer war, ihr Schrecken oder ihre Erleichterung. Sie musste durch das Haus eines Ministers gegangen sein, aber den Jungen war sie entwischt. Auf keinen Fall würde auch nur einer ihr auf diesem Weg folgen. Nur – sie war noch lange nicht zu Hause. Sie stellte sich dicht an die weiße Hauswand und trat mit dem Schuh über den bloßen Fuß. Wie sollte sie weitergehen? Hier rannte niemand, weder auf dem endlosen Platz noch auf den Wegen um ihn herum. Und – oh! – sie hatte jetzt nicht mehr die Jungen hinter sich, keinen Grund zu rennen, keine Möglichkeit vorzutäuschen, dies sei ein Spiel.
Die Plaza de las Poemas war kein Ort der Hast, sondern eine Stätte des geruhsamen Schreitens. Nur den kleinen Kindern, die in den Bächen planschten, war das Laufen gestattet. Die Männer saßen auf den Steinbänken. Die meisten trugen das araminische Tuch um den Kopf gebunden, doch es waren auch bardische Gesichter darunter. Sie redeten, besprachen philosophische, mathematische und rechtliche Fragen, zwei spielten Schach mit lebendigen Figuren, der eine mit Dunkelleuten aus Afrika, der andere mit hellen Figuren aus dem Norden, die Dshirahs Volk ähnlich sahen. Auch die wenigen Frauen, die sich verhüllt und tief verschleiert am Rande bei den Kindern aufhielten, bewegten sich langsam und gemächlich. Dshirah schaute, ob sie eine Strecke fand, auf der niemand ging, eine Schlangenlinie quer über den Platz, immer weit genug entfernt von Augen, die ihr auf den nackten Fuß schauen konnten. Sollte sie sich in die Nähe der Philosophen begeben, die vielleicht darüber nachdachten, ob der Himmel oder ob das Wasser blau sei? Oder lieber an den Rechtsgelehrten vorbeigehen, die sich mit Sicherheit – wie immer – darüber stritten, ob man zum Tode Verurteilte köpfen sollte, wie es bei den Araminen üblich war, oder erhängen, wie die Barden verlangten?
Sie schaute nach links.
Da war die Fassade eines alten araminischen Gotteshauses, das gut gepflegt, aber seit der Zeit von Armei dan Hasud leer war. Sie schaute nach rechts. Da war das größte der prachtvollen Bäder dieser Stadt, in der es fast 800 öffentliche Bäder gab, und nicht eines hatte Dshirah jemals von innen gesehen. Nirgendwo ein Weg, frei von Menschen und deren Blicken. Und dann erkannte sie rechts neben sich auch noch das vergoldete mannshohe Gitter im Maul eines Mosaiklöwen. Hier endete der Löwengang, der bis zu dem Käfig mit den beiden Löwen oben im Palast von Kalif Hisham III. führte. Wenn sie nicht bald einen Fluchtweg fand, brauchten die Rechtsgelehrten nicht mehr über Schwert und Strick zu verhandeln. Wenn man sie so, wie sie hier stand, erwischte, würde man ihre Familie weder köpfen noch hängen, dann würden die Löwen endlich einmal wieder etwas zu jagen haben, bevor sie es fraßen.
Von links kam Lärm, Unruhe, Bewegung. Rettung? Eine Gruppe kleiner Kinder, Dshirah sah das Zeichen der Bäcker und Köche auf ihren Hemden. Sie wurden vielleicht zum ersten Mal auf die Plaza geführt, der Lehrer gab ihnen ein Zeichen und sie stürmten los. Sie sollten hier lesen lernen. Denn der Platz war mit Buchstaben, Silben, Worten gepflastert. Die Dichter kamen hierher und erfanden im gemächlichen Schreiten hin und her, kreuz und quer über den Platz endlose Gedichte, die entstanden und vergingen und die außer der Sonne niemand las. Aber man glaubte in Al-Cúrbona, dass die kurzlebigen Gedichte die Luft durchtränkten, das Atmen würzten, die Lungen reinigten.
«Ich helfe euch!», rief Dshirah und warf einen fragenden Blick auf den Lehrer. Der schaute auf ihre Schulter, sah den Pferdekopf, ja, sie war vom selben Rang wie die Kinder der Bäcker und Köche, und er nickte.
So sprang Dshirah mit den Kindern über den Platz, von Buchstabe zu Buchstabe, sagte: «Gota, alef, fora …», die Kinder sprachen ihr nach und hüpften. Sie hatte keine Angst, dass die Kleinen ihr Geheimnis entdeckten, denn in Al-Cúrbona lernten alle immer zuerst lesen und dann zählen. So sprangen sie an dem Brunnen vorbei und um die große marmorne Statue von Armei dan Hasud herum. Der Gelehrte saß nachdenkend, den Kopf auf die rechte Hand gestützt, ein stilles, freundliches Lächeln lag auf seinem Gesicht. Dshirah blieb stehen und grüßte ihn mit einem leichten Neigen des Kopfes, und das taten auch die kleinen Kinder. Armei dan Hasud zu achten, lernte man in Al-Cúrbona so früh, wie den Kalifen zu ehren.
Dshirah erreichte das südwestliche Ende des Platzes. Durch die anschließenden Straßen würde sie wieder rennen dürfen.
«Geht denselben Weg zurück», sagte sie, winkte dem Lehrer auf der anderen Seite noch einmal zu, wollte in den Gassen verschwinden, hörte einen Schrei: «Dshirah!!!» Silbãos Stimme. «Warte! Warte doch! Dshirah!!!» Und sie rannte.
Er wird mich einholen, dachte sie, er ist schneller als ich, er weiß ja, in welche Richtung ich laufe, ich muss nach Haus, wo soll ich sonst hin?
Es war jetzt nicht mehr so voll in den Gassen. Die meisten, die nicht mehr arbeiten mussten, hatten sich schon mit ihren Freunden auf der Plaza oder auf den anderen Plätzen bei den Springbrunnen getroffen. Dshirah kam gut voran. Aber was nützte ihr das? Sie konnte versuchen, Silbão zu täuschen, und in die kleinen quer liegenden Gassen verschwinden, doch das würde ihr nicht helfen. Auch Silbão war klug genug, um zu wissen, dass er sie auf der weiten Ebene zu ihrem Elternhaus sehen und einholen konnte. Er musste sie nur überholen und dann am Stadtrand warten.
Zaiira, dachte Dshirah, es tut mir leid, ich will dir das nicht antun, aber nur du kannst mich retten.
Zaiira war ihre heimliche Freundin. Ihr Vater war ein adliger Aramine und der oberste Verwalter der Gestüte des Kalifen. Er hatte viel mit Dshirahs Vater zu besprechen, Zaiira begleitete ihn oft und Dshirahs Familie hatte nicht bemerkt, dass sich die beiden Mädchen mehr als nur vom Ansehen kannten. Zaiiras Haus war das letzte am Stadtrand vor den weiten Ebenen, in denen die halbwilden Sorraia-Pferde lebten.
Dshirah lief in eine schmale Seitengasse, dort wohnten Sattler. Vor den Häusern lagen Berge von gegerbtem Leder. Sie verkroch sich darin, sie war zu erschöpft und musste verschnaufen. So wartete sie, bis sie Silbão vorbeilaufen sah. Jetzt erst merkte sie, wie sehr ihr der rechte Fuß wehtat. Sie ging ja niemals barfuß wie die anderen Kinder, nie. Auf dem glatten Pflaster in der Stadt würde sie schon noch laufen können, aber nicht über das Feld in der Ebene. Sie ging langsamer weiter, die Gassen waren leer und sie kannte jetzt ihren Weg.
So erreichte sie Zaiiras Haus. Hier war sie ein gern gesehener Gast. Sie musste sich nur vor den Dienern verbergen, bis Zaiira ihr ein Hemd mit einem Schwert auf der Schulter brachte. Sobald sie das trug, war sie in diesem Haus die Tochter eines Offiziers. Zaiiras Eltern grinsten über den kleinen Betrug. Sie kümmerten sich wenig um die Rangordnung, sondern freuten sich mit ihrer einzigen Tochter an dieser Freundschaft. Zaiira war zwölf und das einzige Kind des Fürstenhauses Al-Antvari. Sidi Antvari hatte keinen Sohn. Seine Frau hatte nach Zaiira kein gesundes Kind mehr geboren. Ein Junge hatte drei Tage gelebt und war dann gestorben. Natürlich hätte Antvari sich eine zweite Frau nehmen können, eine dritte, eine vierte, aber er hatte sich entschieden, mit dieser und keiner anderen Frau zu leben. So war es Sitte gewesen im Volk der Barden, die meisten bardischen Familien hielten sich noch heute daran, und einige Araminen hatten sich ihnen angeschlossen.
Dshirah trat durch den Haupteingang ein, ging die Stufen hinauf zu den Frauengemächern. Auf der Treppe war es dunkel. Sie stolperte über etwas Weiches, hörte ein Fauchen und sah Zaiiras Falbkatze die Stufen hinunterlaufen, ein heller Streifen, fahlgelb wie die halbwilden Sorraia-Pferde. Dshirah trat in Zaiiras Zimmer. Aber ihre Freundin war nicht dort. Sie hörte Stimmen auf der Treppe. Zwei Dienerinnen stritten. Das würden sie nicht wagen, wenn die Herrschaft im Haus wäre. War Zaiira mit ausgegangen? Oder war sie hinten bei den Stallungen? Oder unten im Patio? Dshirah schaute aus dem Fenster hinunter in den Innenhof. Sie sah niemanden. Wenn sie aus dem Fenster kletterte, am Weinlaub hinunter bis in den Patio, sich dann weiter schlich bis zu den Stallungen … Oder sollte sie hier warten? Aber es war sehr leicht möglich, dass eine Dienerin kam, um zu putzen. Sie blickte noch einmal über den Patio. War wirklich niemand da? Nein. Sie schwang sich aus dem Fenster, ließ sich an den Ranken hinunter und das letzte Stück fallen. Sie fiel Zaiira vor die Füße, die mit einem Buch auf einer Bank an der Hauswand saß und ihr nicht ins Gesicht schaute. Zaiira war so blass, wie ihr dunkles araminisches Gesicht überhaupt blass sein konnte. Sie starrte auf Dshirahs bloßen Fuß, dann hob sie den Kopf und sagte: «Du?»
Dshirah verbarg den Fuß nicht mehr, sah der Freundin in die Augen und sagte: «Ja. Ich.»

Freundschaft
Ein paar Herzschläge lang saßen die beiden Mädchen schweigend nebeneinander. Dshirah kuschelte sich in das schützende Weinlaub und zog Blätter über das Zeichen des Hirten kindes auf ihrer Schulter. Sie war in Sicherheit und war froh, so froh …
Dann sprang Zaiira auf.
«Ich hole dir dein Hemd», flüsterte sie, «und – und – Schuhe …»
Sie lief ein paar Schritte über den knisternden Kiesweg, blieb stehen, kam zurück, wollte ihre Sandalen ausziehen.
«Besser als nichts», hauchte sie.
Ihr Gesicht hatte noch immer die erschrockene Blässe unter der araminisch dunklen Haut.
«Lass nur», sagte Dshirah, die Füße unter der Bank verborgen, «hier vertreibt mich doch niemand. Ich lese.»
Sie griff nach Zaiiras Buch, ließ ihre Augen über die Seiten gleiten. Lesen konnte sie die araminische Schrift kaum. Sie war bis jetzt nur zehn Tage zur Schule gegangen. Zaiira lächelte, legte eine Hand an Dshirahs linke Schläfe, ein kleines, leichtes Streicheln, dann ein deutlicher Schubs.
«Danke», lachte Dshirah, «ich passe auf.»
Oh ja, sie musste achtgeben. Wenn sie auch das Buch nicht las, so musste sie doch die Augen von rechts nach links über die Seiten führen. So schrieben die Araminen. Die Barden hatten eine andere Sprache, die inzwischen fast vergessen war. Sie hatten auch eine andere Schrift und sie schrieben von links nach rechts. Das aber hatten die herrschenden Araminen in diesem Land seit mehr als vierhundert Jahren verboten. Nur heimlich unterrichteten die Barden ihre Kinder in ihrer eigenen Schrift. So hatte Dshirah zuerst von links nach rechts lesen gelernt, bevor sie vor zehn Tagen in die Hirtenschule kam.
Zaiira war schnell zurück. Sie brachte das Hemd, das Dshirah in eine Generalstochter verwandelte, und ein paar Reitstiefel aus weichem gelbem Leder.
«Andere feste Schuhe habe ich nicht gefunden», sagte sie. «Damit kannst du nicht nach Hause gehen. Unser Zeichen ist in den Absatz gebrannt.»
Nein, Dshirah konnte auf dem Heimweg nicht zugleich ein Hirtenhemd tragen und auf allen feuchten, lehmigen Stellen am Fluss Spuren des Hauses Al-Antvari hinterlassen.
«Hier bei euch geht es», sagte Dshirah. «Silbão ist hinter mir her. Wenn er weg ist, kann ich barfuß nach Hause laufen.»
Sie wollte nach dem rechten Stiefel greifen, aber Zaiira zog ihn zurück.
«Warte», flüsterte sie.
Dann kniete sie vor Dshirah und nahm den rechten bloßen Fuß der Freundin in beide Hände. Ihre Finger glitten über die Zehen, zögernd, von einem zum anderen, als wollte sie es nicht glauben: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – und zurück: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs.
«Bitte», sagte sie, «Dshirah, lass mich drei Sonnenblicke lang genießen, dass meine Freundin das lang ersehnte Kind mit den sechs Zehen ist. Drei Sonnenblicke lang genießen. Bis das Unglück über dich hereinbricht.»
«Wirst du», Dshirah zitterte, «mich verraten?»
«Nie!», Zaiira schüttelte heftig den Kopf. Sie streifte den gelben Stiefel über Dshirahs Fuß.
«Dann wird es kein Unglück geben», sagte Dshirah. «Nur meine Eltern und mein Bruder wissen es. Silbão und die anderen Jungen haben nichts gemerkt, als ich den Schuh verlor. Hast du ein Messer? Ich muss das Band vom linken Schuh aufschneiden.» Zaiira lief über den Kiesweg bis zum Rosentor. Da sollte ein neues Mosaik gelegt werden, es mussten dort bunte Steine mit scharfen Kanten sein, und sie brachte eine leuchtend rote Scherbe.
«Deine Eltern sind nicht hier?», fragte Dshirah. «Und kommen auch nicht so bald?»
Zaiira schüttelte den Kopf: «Mein Vater ist beim Kalifen, und meine Mutter ist im Krankenhaus und besucht mal wieder bardische Kinder.»
Dann warf sie den Kopf zurück, schaute Dshirah an und stieß heraus: «Warum haben deine Eltern das getan? Warum halten sie dich verborgen? Dshirah, ich muss immer mit den Kindern des Kalifen spielen. Sie haben mir die goldene Wiege gezeigt, in der du hättest liegen sollen.»
«Wo ist die?», fragte Dshirah und hielt ihr den linken Fuß hin. «Wie sieht sie aus?»
«Sie steht mitten im Frauenpalast und – oh – sie ist ganz aus Gold mit einem Himmel aus goldener Seide. Sie steht auf Kufen, die enden in kleinen Schnecken, so …» Ihre Finger malten kleine Schnecken in die Luft. «… und wenn sie weit genug schwingt, so hin und her, schlagen die Schnecken an goldene Glöckchen, die machen Töne wie – wie – lachende Sonnenstrahlen, die über die Dächer von Palästen stolpern.»
Dshirah lehnte den Kopf an die Wand und murmelte: «Lachende Sonnenstrahlen, die über die Dächer von Palästen stolpern … Manchmal denke ich, es wäre schön gewesen.»
Zaiira säbelte mit der roten Scherbe an Dshirahs Schuhband.
«Warum haben deine Eltern das gemacht?», presste sie durch die Zähne. «Jetzt ist alles verloren. Oder …», sie schaute auf, «… kennst du vielleicht die Siebte Sage?»
Dshirah schüttelte den Kopf, und Zaiira säbelte weiter.
«Siehst du», murmelte sie, «siehst du. Jetzt ist alles verloren. Und wenn der Kalif jemals herausbekommt, dass das Kind mit sechs Zehen längst geboren ist, und es wurde ihm nicht gebracht – Dshirah, er muss euch töten, alle miteinander.»
«Ich weiß», flüsterte Dshirah. «Verrätst du mich?»
«Niemals! Ich bin deine Freundin. Aber du musst mir sagen, warum deine Eltern das gemacht haben.»
Sie zerriss das Band, zog Dshirah den linken Schuh aus, zuckte zusammen. Hatte sie gehofft, dass die Freundin an diesem Fuß nur fünf Zehen hätte? Es waren sechs. Sie blickte auf.
«Sag es mir!», verlangte sie. «Warum?»
«Weil wir Barden sind», erklärte Dshirah. «Wir glauben eben nicht, dass irgendein Kind mit sechs Zehen das Dshinnu aus den Sieben Sagen ist. Nur weil es auch sechs Zehen hat. Also haben meine Eltern auch nicht geglaubt, dass ich die verlorene Siebte Sage erzählen kann. Auch nicht, wenn ich in der goldenen Wiege schlafe. Und – was wäre dann gewesen? Der Kalif hätte mich doch getötet.»
«Ich weiß nicht», sagte Zaiira. «Kalif Hisham tötet gar nicht so gern.»
Doch Dshirah schüttelte den Kopf.
«Er hätte es getan! Wenn seine Richter und Gelehrten das Urteil fällen: das ist nicht die Siebte Sage, dann wird das Kind mit den sechs Zehen getötet. Und seine Familie dazu. Damit wieder ein Kind mit sechs Zehen geboren werden kann. Meine Eltern haben mir das alles erzählt.»
«Ja», meinte Zaiira, «aber vielleicht hättest du ja doch … Und Armei dan Hasud hat gesagt …»
«Nein!», Dshirah schüttelte heftig den Kopf. «Ich bin nicht das Dshinnu aus den sechs Geschichten. Ich habe sechs Zehen, na und? Wir Barden glauben das alles nicht.»
«Und was glaubt ihr?»
«Das wirst du doch wissen.»
«Nein! Dshirah, ich gehe auf eine araminische Fürstenschule. Von den Barden erzählen sie uns nichts.»
«Ah», sagte Dshirah, «so.»
Und dann sprudelte es aus ihr heraus.
«Die Sieben Sagen sind unsere Geschichten! Nicht eure! Ihr habt sie uns gestohlen wie unser Land. Ihr habt alle unsere Bücher zerstört. Dabei ist die Siebte Sage verschwunden. Und viele Jahre konnten wir nichts von unseren Geschichten erzählen, bis alles vergessen war. Dann endlich haben die Araminen gemerkt, dass Barden auch Menschen sind. Kalif Obajan war ein gerechter Herrscher. Und seitdem geht es uns hier gut, und sechs Geschichten von den sieben hat man gefunden. Aber die siebte Geschichte ist weg. Und dass ein Kind mit sechs Zehen kommt und nur weil es in einer goldenen Wiege beim Kalifen aufwächst, dann mit sieben Jahren diese Sage erzählen kann, das ist Unsinn, Zaiira, Unsinn!»
«Leise. Bitte», sagte Zaiira, «nicht so laut.»
«Mein Vater», murmelte Dshirah, «mein Vater meint, das ist nur, weil die Richter nicht wissen, wie sie ein – was für ein Todesurteil sie sprechen müssen. Es gibt da kein Gesetz. Darum soll das Dshinnu das machen. Die Siebte Sage erzählen, und dann haben sie ihr Gesetz. Das kann ich nicht. Das will ich nicht!»
Zaiira setzte sich neben Dshirah auf die Bank. Beide schauten in den Patio, aber Dshirah sah nichts, nicht das Rosentor, nicht die Pomeranzenbäume, auch nicht zwischen den Lorbeerbäumen die Fontänen des Brunnens, bunt gefärbt von Blumen und Fliesen.
«Aber Geschichten vergisst man doch nicht», sagte Zaiira. «Man erzählt sie weiter und immer weiter, auch wenn keine Bücher da sind. Das ist doch bei uns genauso.»
«Ja …», Dshirah zögerte, «ja … du weißt nicht viel von euch, Zaiira, sie erzählen euch in eurer Schule nichts von uns und nicht viel von euch. Aber wir reden ja auch nicht gern davon.»
«Wovon? Komm! Sag es mir!»
Aber Dshirah schüttelte den Kopf: «Meine Mutter sagt immer, ich soll das keinem araminischen Kind erzählen. Wir leben gut jetzt hier mit euch. Meine Mutter meint, das müssten die Araminen ihren Kindern selber sagen.»
Zaiira drängte nicht mehr.
«Mein Vater wird es tun, wenn es richtig ist», flüsterte sie. «Er hat mir beigebracht – du, jetzt verrate ich dir ein Geheimnis –, er hat mir gesagt, ich soll immer, wenn ich einen Barden begrüße, mit dazu denken: ‹Und ich bitte dich, verzeih mir.› Aber er hat mir nicht gesagt, warum.»
Die beiden Mädchen schauten sich an. In Zaiiras Blick lag eine Bitte. Dshirah nickte und hielt der Freundin die offene Hand hin. Zaiira legte einen Zeigefinger auf Dshirahs Handgelenk und suchte, bis sie den Puls fühlte. Da schloss sie die Augen. Sie saßen reglos, bis sie beide spürten, dass ihre Herzen im gleichen Takt und Rhythmus schlugen. Das war ein alter bardischer Brauch für Herzensfreunde. Niemand wusste, ob er aus uralten Zeiten stammte und im Gegensatz zu den Büchern nicht hatte zerstört werden können, oder ob er entstanden war, als die Araminen die Barden so schlimm unterdrückten.
Die beiden Mädchen nahmen ihre Hände wieder zu sich, und die schreckliche graue Blässe unter Zaiiras dunkler Haut war verschwunden.
«Du musst nach Hause», sagte sie. «Komm!»
Gemeinsam sprangen sie durch den Patio über knisternden Kies, über farbige Mosaike. Sie liefen durch den hinteren Teil des Hauses, wo die Verwalter und Diener wohnten, und wieder hinaus, nun auf sandigen Wegen, in die Dshirahs Absätze das Zeichen des Hauses Al-Antvari drückten. So hüpften sie am Reitplatz vorbei, wo ein paar Jungen mit den dreijährigen Fohlen übten, ruhig auf einem Fleck zu stehen. Als die Mädchen vorbeirannten, sprangen fünf junge Pferde zugleich in die Luft, schnaubten, prusteten, quietschten, buckelten, stiegen.
Zaiira legte einen Arm um Dshirahs Schulter.
«Wahrscheinlich hast du recht», zischte sie der Freundin ins Ohr. «Wenn Kalif Hisham wüsste, dass du sechs Zehen hast – er ahnt es nicht! Liebe Sonne, Dshirah, er ahnt es nicht, und ich weiß es! Ich glaube, er würde dich sofort den Rechtsgelehrten geben, damit sie aus dir herausquetschen, ob man die zum Tode Verurteilten nun hängen oder köpfen soll.»
«Das könnte ich ihnen sogar erzählen», sagte Dshirah. «Dazu brauche ich die Siebte Sage nicht. Ich weiß ja, dass sie aus unserem Volk kommt. Wenn wir die Siebte Sage fänden, würde die grässliche Köpferei endlich aufhören.»
«Ich glaube nicht, dass die Gehängten schöner sind», sagte Zaiira.
«Immerhin sind die Köpfe noch dran», meinte Dshirah.
Zaiira blieb stehen.
«Hast du mal einen gesehen?», fragte sie atemlos.
«Liebe Sonne nein!!!» Dshirah schüttelte sich. «Einen Toten! Nie!»
Sie liefen weiter und erreichten die Stallungen. Von hier konnte Dshirah über die Ebene laufen, ohne von der Stadt aus gesehen zu werden.
«Kann ich deine Sandalen haben?», fragte sie. «Es ist doch besser als nichts, und mein rechter Fuß tut mir weh. Kein Kind in Al-Cúrbona ist das Barfußlaufen so wenig gewöhnt wie ich.»
«Natürlich kriegst du die Sandalen. Aber nicht zum Laufen. Ich gebe dir Dshalla.»
Dshirah blieb stehen.
«Das kannst du nicht wagen. Ich kann sie heute nicht mehr zurückbringen.»
«Du lässt sie einfach bei der Herde. Sie fällt zwischen den wilden Stuten nicht auf. Und morgen bringst du sie zurück.»
Zaiiras eigene Stute Dshallalalama hatte die gleiche helle Falbfarbe wie die halbwilden Sorraia-Pferde, nur nicht die dunklen Querstreifen an den Beinen.
«Das geht», überlegte Dshirah, «Januão zählt die Herde immer schon auf dem Heimweg. Wenn da hinterher eines mehr ist, merkt das keiner. Und sie ist tragend, ja? Du bist sicher? Wir haben den Hengst.»
«Umso besser. Wenn sie noch nicht tragend ist, wird er sie decken. Er ist doch ein Vollblut.»
«Danke», sagte Dshirah. «Dann komme ich auch nicht gar so spät heim. Meine Eltern haben es nicht gern, wenn ich in der Stadt bin. Du weißt jetzt, warum.»
Dshallalalama war zusammen mit den anderen Stuten der Al-Antvaris im Sandauslauf. Sie langweilte sich und kam sofort, als sie die Mädchen sah. Zaiira legte ihr ein leichtes Schnurhalfter an. Das genügte Dshirah zum Reiten. Dann tauschten sie die Schuhe. Noch einmal hielt Zaiira einen von Dshirahs Füßen zwischen den Händen, die genauso heftig zitterten wie Dshirahs Fuß und Stimme, als sie wieder und immer wieder sagte: «Es ist nichts Besonderes. Es ist gar nichts Besonderes. Ich bin deine ganz gewöhnliche Freundin. Das einzige Besondere ist, dass ich ein Hirtenkind bin, und du bist eine Fürstentochter.»
Dann schloss sie die Schnalle der Sandalen. Die gelben Stiefel lagen noch am Boden, Zaiira hatte keinen Grund, ihre Füße zu verbergen. Dshirah schlüpfte aus dem Generalshemd. Sie führten die Stute zu dem Stein, den man zum Aufsteigen benutzte, und Dshirah sprang auf Dshallalalamas Rücken.
«Es stimmt nicht, was ich gerade gesagt habe», flüsterte sie. Dabei legte sie den Kopf an Dshallas Hals, so tief, dass sie fast Zaiiras Stirn berührte. «Das wirklich Besondere an unserer Freundschaft ist – ist –, dass du mir hilfst, auch wenn es für dich gefährlich ist. Zaiira, wenn irgendjemand erfährt, dass du es weißt …»
Zaiira nickte. Ihr dunkles Haar streifte Dshirahs Stirn. Sie führte die Stute durch den Torbogen hinaus ins freie Feld. Beide Mädchen blickten über das Gelände.
«Silbão ist längst nach Hause gegangen», sagte Dshirah.
«Jetzt reite!» Zaiira ließ ihr Pferd los. Dshirah zögerte.
«Zaiira», sagte sie, «jedes Mal, wenn ich dich grüße, werde ich jetzt denken: Ich danke dir, meine Freundin, ich danke dir.»
Und sie drückte der Stute die Schenkel in die Seite. Sie drehte sich nicht mehr um. Es war kein schwerer Abschied von der Freundin. Sie glaubte ja, dass sie sich bald wiedersähen.
Obwohl sie einen Umweg reiten musste, würde sie viel schneller sein als zu Fuß. Auf geradem Weg zu ihrem Elternhaus führte nur ein schmaler Steg über den Fluss. Da kam man mit einem Pferd nicht hinüber. Sie musste den Fluss überqueren, wo das Wasser niedrig war. Also lenkte sie die Stute nach Nordwesten. Nur einmal schaute sie nach rechts, sah in der Ferne an dem Steg einen Reiter stehen, wunderte sich kurz: Was wollte der Mann da mit einem Pferd? Aber dann sprang Dshalla die Böschung hinunter und sie konnte den fremden Reiter nicht mehr sehen.
Sie genoss den Ritt über die weite Ebene wie niemals zuvor. Sie saß auf einem Vollblutpferd, einem echten Vollblutpferd, und es war nicht irgendeines, es war Zaiiras. Sie hielt die dünnen Lederzügel mit der Rechten, das Handgelenk der Linken aber legte sie an ihre Schläfe, dahin, wo die Haut am dünnsten war. An dem Handgelenk hatten Zaiiras Finger den Puls gefühlt, bis ihre Herzen wie ein einziges doppeltes schlugen. Und sie ritt Zaiiras Pferd. Sie war so glücklich, dass sie nicht aufhören konnte, glücklich zu sein, als sie vor dem kleinen weißen Haus ihrer Eltern elf fremde Pferde sah. Die standen dort mit hängenden Zügeln und dem Zeichen der Polizei auf der Satteldecke. Sie waren nicht angebunden, sie standen und rührten sich nicht, als Dshirah an ihnen vorbeiritt. Das waren vorzüglich erzogene Pferde hoher Polizeioffiziere. Und Dshirah war so glücklich, dass sie immer noch keine Angst hatte.
Aber sie ritt um das Haus herum und mied den Eingang.
Elf. Elf Polizeioffiziere im Haus ihrer Eltern? Manchmal kam einer, um die Fohlen des letzten Jahres zu prüfen, denn die Polizei ritt immer Halbblüter, deren Mütter halbwilde Sorraia-Stuten waren und der Vater ein Vollbluthengst aus dem Stall des Kalifen. Aber elf ! Was konnte so wichtig sein, dass die auf einmal zu einem Pferdehirten kamen? Und elf war eine Zahl, die im ganzen Land gemieden wurde. Die Lieblingszahl des Kalifen war zwölf. Am Steg, dachte sie, der zwölfte Reiter steht am Steg.
Sie sprang vom Pferd. Run, Lont und Moia kamen ihr entgegen, die drei Hirtenhunde ihrer Familie, groß, gelb, mit langem, feinem Haar und mit einer schwarzen Maske im Gesicht, auch Beine und Schwanzspitze waren schwarz. Nur die Pferdehirten hatten solche Hunde, die eigentlich Windhunde waren aus dem Zwinger des Kalifen für die Jagd. Alle drei kamen lautlos, still – kein Bellen, kein Fiepen, kein wildes Begrüßen wie sonst, wenn sie Dshirah sahen. Run, die Jüngste, wedelte heftig mit dem Schwanz und hechelte, die anderen taten nicht einmal das. Also hatten ihr Bruder oder ihre Mutter oder ihr Vater den Befehl: «Still allem!!!», gesprochen. Die Hunde waren so gut erzogen wie die Pferde der Polizeioffiziere. Run leckte Dshirahs Hand und konnte gar nicht damit aufhören. Dshirah streichelte sie und band Dshallalalama an der Rückseite des Hauses an. Sie stieg durchs Fenster in das Zimmer, das sie sich mit ihrem Bruder teilte – und schaute in Silbãos dunkle, vor Schreck und Angst so weit aufgerissene Augen, dass sogar dieses Gesicht nur noch verzerrt und gar nicht mehr schön war.

Flucht ins Gefängnis
Silbão legte eine Hand auf seinen halb offenen Mund und stellte sich vor die Tür, die zum Patio führte. Er schaute auf Dshirahs Füße. Die Sandalen verdeckten die äußeren Zehen, ließen die mittleren frei, und nur wer genau hinsah, konnte erkennen, dass es hier nicht drei, sondern vier mittlere gab. Silbãos Hand fiel herunter.
«Es ist wahr», hauchte er.
Dshirah schluckte.
«Wie – wie hast du es gemerkt?»
«Du musst fliehen», sagte er. «Sofort! Sie sind schon da. Sie dürfen es nicht sehen. Nie! Dann haben sie keinen Beweis.»
Dshirahs Herz überschlug sich. Es verlor den Takt, der in Zaiiras Hand gepocht hatte. Wer hatte sie verraten? Wer? Die Jungen! Es mussten die Jungen gewesen sein. Sie hatten es also doch gesehen. Bevor sie die Gefahr spürte, die jetzt ihrem Leben drohte, hatte sie Angst, ihr Glück zu verlieren, das Glück, das Zaiira hieß.
Nein!, dachte sie. Zaiira war es nicht. Die Zeit war ja auch viel zu kurz. Nein!
Der Gedanke beruhigte sie und sie konnte fragen: «Was ist geschehen?»
«Du bist über die Baustelle gelaufen. Du bist auf den Sand getreten. Mit dem – dem Fuß da. Die Arbeiter haben geschimpft. Und als sie deinen Fußabdruck wegharken wollten, haben sie es gesehen. Kirr hat verraten, wer du bist.»
Kirr! Ein Barde wie sie!
«Ich bin dir weiter nachgelaufen», fuhr Silbão fort. «Ich wollte dich warnen. Ich glaube nicht, dass so eine Spur im Sand ein Beweis ist. Du musst weg. Wenn sie dich nie sehen … aber ich weiß nicht, wohin? Weißt du wohin?»
Sie schüttelte den Kopf.
«Der Kalif wird dich suchen lassen. Überall. Es gibt keinen Ort, wo er nicht suchen wird, wir müssen Januão fragen. Der ist klug. Ich bin nicht so klug.»
«Wo ist er?»
«Was? Was sagst du?»
Silbão konnte sie nicht mehr verstehen. Die Angst hatte angefangen, ihre Stimme zu zernagen. Sie schluckte.
«Wo ist er?»
«Im Patio. Ich glaube, ich kann ihn holen.»
Er öffnete die Tür einen Spalt. Geschützt vom Dunkel des Raumes blickte sie in den Hof und sah ihre Eltern an dem kleinen Brunnen sitzen. Das Gesicht der Mutter war so weiß wie der gekalkte Brunnenrand. Der Vater wandte ihr den Rücken zu. In dem kleinen Patio saßen die Polizeioffiziere, sie rauchten oder aßen Trauben, sie tranken Tee, sonst taten sie nichts. Sie warteten. Januão sah Dshirah nicht. Aber Silbão schien zu wissen, wo er war. Er schlüpfte durch den Türspalt und kam gleich darauf mit dem Freund zurück.
Die Geschwister schauten sich an.
Wie die sich anschauen konnten, die zwei! Es gab vielleicht im gesamten araminischen Reich keinen anderen Menschen, dem Dshirah oder Januão so gerade, so geradewegs in die Augen schauen konnten. Ihre Blicke passten zusammen. Sie hatten beide die gleichen weit auseinanderstehenden Augen. Es war, als seien ihre Augen nach außen gerutscht, an den Rand des breiten Gesichts, an die äußerste Grenze des menschlichen raubtierähnlichen Blicks. Ein wenig mehr noch und die Augen wären an der Seite gelandet, wie bei Pferden und Rindern und Hirschen, wie bei allen Tieren, die nicht jagen, sondern gejagt werden. Und zwischen den Augen war reichlich Platz für das strähnige helle farblose Haar, das ihnen von der Stirn fiel.
Manchmal aber brach Januão aus dem Geschwisterblick. Wenn er lautlos, tief im Innern, ein neues Lied sang, das er für sich und die Pferde spielen würde, dann verloren seine Augen jeden Blick. Er lief dann gegen den Tisch oder die Truhe oder die Tür, und seine Mutter Chomina musste ihm immer wieder sagen: «Vergiss das Schauen nicht. Verlern es nicht. Sonst wirst du noch blind.»
Januão war ein Jahr älter als seine Schwester, aber nicht größer, weil er so sehr kurze Beine hatte.
«Dir ist etwas eingefallen?», fragte Silbão. «Du weißt, wo wir sie hinbringen können?»
Januão nickte.
«En-Wlowa», sagte er, und Silbão wurde blass.
«Da geht niemand freiwillig hin.»
Januão zuckte die Achseln.
«Ich weiß kein anderes Versteck.»
«A-a-aber», wenn Silbão aufgeregt war, fing er immer an zu stottern, «aber ist es nicht besser, sie geht zu dem Kalifen? Du kannst so gute Geschichten erzählen. Warum erfindest du nicht die Siebte Sage?»
«Das haben schon viele versucht, aber noch nie haben die Richter und die Gelehrten so eine Geschichte als Siebte Sage anerkannt. Alle warten auf etwas – keine Ahnung auf was, ja, sie warten auf etwas, das sie nicht erwartet haben.»
Der Gedanke an En-Wlowa hatte Dshirah nur wenig erschreckt.
«Muss ich da lange bleiben?», fragte sie. «Ich kenne da niemanden.»
«Du musst bleiben, bis sie dich hier nicht mehr überall suchen. Dann hole ich dich und bringe dich übers Meer. Die Eltern kommen nach. Wir gehen alle nach Afrika. Die Mutter hat immer gewusst, dass dies eines Tages geschieht.»
Da erst erschrak auch Dshirah. Sehr!
«En-Wlowa», murmelte Silbão. «Oh, es ist schlimm. Wir kriegen sie rein, aber nie wieder raus.»
«Wir kriegen sie genauso raus, wie wir es immer mit dir gemacht haben», sagte Januão.
Silbão schüttelte heftig den schönen, störrischen Kopf.
«Ich habe immer gewusst, dass du am nächsten Tag um dieselbe Zeit die Pferde vorbeirufst. Wie soll sie das wissen, wenn sie Wochen da drin ist?»
«Indem du hineingehst, Silbão, und es ihr sagst. Wir brauchen dich.»
Dshirah erholte sich nicht von ihrem Schreck. Es war jedoch nicht En-Wlowa, was sie entsetzte. Sie kannte von dem Gefängnis des Landes nur die Blumenmauer. Es war der Gedanke an Afrika, der ihr alle Freude nahm.
«Wir gehen fort?», flüsterte sie.
Und sie dachte an Zaiira. Januão nickte.
«In der Wüste wissen sie nichts von den sieben Geschichten. Wir hätten längst gehen sollen. Mutter sagt, vor zwanzig Jahren ist ein bardisches Kind mit sechs Zehen da untergetaucht, ein Junge. Der Kalif hat es nie erfahren.»
«Es hat schon mal ein Kind mit sechs Zehen gegeben?» Dshirah wunderte sich. Ihr Bruder nickte: «Das ist gar nicht so selten in unserem Volk. Komm!»
Zum ersten Mal, seit das Unglück begonnen hatte, musste Dshirah weinen. Januão legte ihr die Hände auf die Schultern. Auch in ihre weinenden Augen passte Blick in Blick, denn auch in seinen standen Tränen.
«Wir werden dort keine Not leiden», versuchte er zu trösten. «Es gibt da wundervolle kleine Pferde. Ganz sicher folgen die mir so gut wie unsere hier. Und ganz gewiss brauchen sie dort einen Pferdepfeifer.»
Aber Dshirah schüttelte den Kopf.
«Du darfst dort barfuß gehen», versprach Januão, «und die Hunde können wir mitnehmen, und, Dshirah, du darfst dort eine Freundin haben, hörst du! Eine Freundin! Das war doch immer dein größter Wunsch.»
Er schloss die Augen, als er das sagte, und von Silbão hörten sie einen leisen Schluchzer.
«Ja», hauchte Dshirah, «ja.»
Januão ließ sie los.
«Wir gehen jetzt», sagte er.
Er holte aus der Kleiderkiste ein paar weiche geschlossene Lederschuhe, sie zog die Sandalen aus. Januão erstarrte.
«Wo hast du die her?», fragte er.
«Gestohlen», behauptete sie, «in der Schustergasse.»
«Gib her!»
Er drehte die Sandalen in seinen breiten, klotzigen Händen, von denen kein Fremder erwartet hätte, dass er damit Flöte spielte.
«Das ist gut», murmelte er. «Das ist gut.»
Er blickte auf, schaute seine Schwester an.
«Geh in dein Versteck!», befahl er.
«Mein Versteck!», rief Dshirah leise. «Ich kann doch einfach in meinem Versteck bleiben!»
Aber Januão schüttelte den Kopf.
«Nein! Da bist du nur sicher, solange dich Polizisten suchen. Polizisten sind dumm. Sie haben nichts zu tun. Die können nichts mehr, als ihre Pferde ausbilden. Morgen werden sie Soldaten schicken. Die finden dich dort. Geh.»
Sie stiegen beide auf die Truhe und schoben ein Brett in der Decke beiseite. Dann half er ihr in den doppelten Boden zwischen Decke und Dach. Da konnte sie nur liegen und warten, nichts sehen, aber hören. Doch es blieb still. Wie lange? Sie hatte hier manchmal liegen müssen. Zum Üben für den Notfall. Und jedes Mal war ihr die Zeit entsetzlich lang geworden.
«Im Notfall», hatte ihr Vater immer gesagt, «wirst du froh sein über jeden Herzschlag, den du da in Sicherheit bist.»
Sie war aber nicht froh. Es war eng und fast dunkel, nur durch die Ritzen der Bretter kam ein wenig Licht.
Ja, dachte sie, morgen kommen Soldaten, und die sind nicht dumm.
Polizisten galten als dumm in Al-Cúrbona. Es gab keine Mörder und keine Diebe im Land, fast nicht. Das lange Nichts-Tun hatte die Polizisten dumm gemacht.
Und dann hörte sie einen Schrei, einen Freudenschrei.
«Ich hab sie! Ich hab sie gefunden!»
Januãos Stimme.
«Was hast du gefunden?»
Das musste einer der Polizisten sein.
«Dshirahs Sandalen! Sie lagen beim Misthaufen. Dshirah lässt eben immer alles herumliegen.»
Es war eine Weile still. Dann hörte Dshirah den Polizisten.
«Und warum zieht sie in der Stadt keine Sandalen an? Der kleine bardische Junge hat gesagt, sie trägt nie Sandalen.»
«Sie geht doch erst seit zehn Tagen in die Schule.» Das war die Stimme ihres Vaters. «Sie wird schon noch mit Sandalen kommen.»
«Wir warten», bestimmte der Polizist. «Wir bleiben auf alle Fälle, bis sie nach Hause kommt.»
«Darf ich jetzt die Pferde reinholen?», fragte Januão.
Eine Antwort hörte Dshirah nicht, aber wenig später das leise Klopfen an dem losen Brett, das verabredete Zeichen. Sie schob das Brett beiseite.
«Diese Sandalen können uns retten», flüsterte Januão. «Jetzt schnell!»
Er drückte ihr die Lederschuhe in die Hand. Sie schlüpfte hinein, er verknotete die Bänder so fest wie die Mutter. Sie schaute zur Tür mit bittendem Blick.
«Nein!», er schüttelte den Kopf. «Du kannst dich nicht verabschieden. Du siehst sie erst in Afrika wieder.»
Sie kletterten aus dem Fenster. Silbão folgte, ohne zu fragen. Run stand sofort wieder neben Dshirah und leckte ihre Hand.
«Wo kommt das Pferd her?», fragte Januão.
«Ich habe es eingefangen», log Dshirah.
«Das ist ein Vollblut.»
«Ich weiß. Wahrscheinlich gehört es zum Haus Al-Antvari. Ich denke, der Reiter ist runtergefallen. Bring du es morgen zurück.» Januão nickte.
«Das hat dich gerettet», sagte er. «Am Steg über den Fluss steht ein Reiter und wartet auf dich.»
Er band die Stute los.
«Wir lassen sie bei unseren.»
Dshirah nahm ihm die Zügel aus der Hand. Sie legte Dshalla die Arme um den Hals, drückte ihr Gesicht in die dunkle Mähne, wühlte Stirn und Nase durch bis zu dem glatten gelben Fell, trocknete dabei ihre Tränen im feinen Mähnenhaar. Dabei legte sie der Stute eine Hand auf den Rücken. Morgen würde Zaiira wieder dort sitzen. Drei Herzschläge lang fühlte sie sich noch einmal, ein letztes Mal, der Freundin nah, so nah. Und Run stand hinter ihr und leckte ihre Kniekehlen, die ganze Zeit.
«Komm jetzt», flüsterte Januão und tippte leicht auf ihre Schulter.
«Ich muss ihr danken», sagte Dshirah. «Sie hat mich doch gerettet.»
Und sie ließ Januão nicht merken, dass sie nicht die Stute, sondern Zaiira meinte. Ihre Hände flatterten über Dshallas Brust und Hals, über Ohren, Stirn, Nüstern, sie konnte nicht aufhören zu streicheln, zu klopfen, überall da, wo Zaiiras Hände dieses Fell berührt hatten und wieder berühren würden. Und dann hätte sie eigentlich das Gesicht wieder in die Mähne drücken müssen, denn sie hatte sonst nichts, um die Tränen zu trocknen, aber Januão zog sie weiter. Er holte seine Flöte aus dem Schuppen, hängte sie sich um den Hals. Dshirah sah, dass er weinte. Er wählte drei Pferde und vier Halfter aus, gab Dshirah das vierte Halfter, er berührte dabei ihre Hand und hielt sie fest, das wäre nicht nötig gewesen. Dshirah verstand, dass dies ein Abschied war.
Run war ihnen nachgelaufen und wich nicht von Dshirahs Seite.
«Nieder!», befahl Januão leise, aber scharf, und er hob den Arm, als schwinge er eine Peitsche. «Nieder! Hart Leder sonst droht!»
Die Hündin zuckte zusammen und kauerte winselnd am Boden. Sie hatte diese schlimme Drohung aus Januãos Mund noch nie gehört. Dshirah wollte sich zu ihr setzen und sie trösten, aber sie hatte verstanden, was sie zu tun hatte.
Silbão saß als Erster auf dem Pferd. Er konnte am besten aufspringen, und das war gut so, denn er fiel am häufigsten hinunter. Dshirah und Januão führten ihre Pferde zu einem Stein und kletterten hinauf.
«Du erklärst ihr alles», sagte Januão zu seinem Freund, wendete sein Pferd nach Nordwesten und trabte davon, ohne Dshirah noch einmal anzusehen. Die wusste sofort, sie würde ihn so bald nicht wiedersehen. Nur hören. Sie schaute noch einmal auf ihr Haus, auf die Stallungen. Dann presste sie die Augen fest zu. Das Letzte, was sie von ihrem Zuhause wahrnahm, war Run, ein schwarz-gelber zitternder Fleck vor dem Stall.
Sie ritt mit Silbão nach Südwesten. Als sie sich ein einziges Mal umdrehte, war ihr Bruder nur noch ein kleiner Punkt in der Ferne. Silbão hielt sich mit einer Hand in der Mähne fest, führen musste Dshirah.
«Wir suchen die Herde?», rief sie ihm zu.
Er nickte.
Sie fand die Zuchtstuten schnell. Es ging auf den Abend zu, und die Herde war schon auf dem Heimweg. Es waren 24 Sorraia-Stuten, alles Falben. Sechs hatten schon ihre Fohlen geboren, dunklere, wollige Körperchen sprangen auf endlos langen Beinen um sie herum. Es führte sie Je-ledla, die alte Leitstute, es trieb sie von hinten ein weißer Vollbluthengst aus dem Stall des Kalifen. Dshirah ritt auf ihre alte Freundin Je-ledla zu. Auf ihr hatte sie reiten gelernt. Um den Hengst kümmerte sie sich nicht. Er würde folgen. Sie legte Je-ledla das Halfter an.
«Wohin?», fragte sie.
«Ich mache bestimmt alles falsch», sagte Silbão.
«En-Wlowa liegt ungefähr da», Dshirah zeigte nach Norden.
Silbão nickte: «Ja, aber wir müssen nach Westen.»
Dshirah ritt mit Je-ledla voraus. Die Herde folgte. Schon stand die Sonne am westlichen Himmel, aber noch hoch, sie zeigte keine rötliche Färbung. Es ging leicht abwärts, der Weg wurde steiniger, nah im Norden sahen sie den flachen Hügelzug, hinter dem En-Wlowa liegen musste. Plötzlich fiel Dshirah mit einem jähen Schrecken ein, dass sie sich freuen musste. Sie hatten bestimmt schon mehr als die Hälfte des Weges hinter sich, und sie hatte sich noch nicht ein kleines bisschen daran gefreut. Es war so wichtig, dass sie sich freute. Denn dies war ihr letzter Ritt auf einem Sorraia-Pferd.
In Afrika gibt es Pferde, hatte Januão gesagt.
Kleine, hatte Januão gesagt.
Sorraias gab es da offenbar nicht.
Ich muss mich freuen, dachte Dshirah, jetzt, schnell!
«Oh, wir müssen traben!», rief Silbão. «Wir müssen schneller sein als sonst. Ich muss dir ja noch alles erklären. Los!»
Er stieß seinem Pferd die Hacken in die Seite. Das machte einen Satz und hätte er nicht die Hand in der Mähne gehabt, wäre er hinuntergefallen.
Dshirah trabte an. Je-ledla lief ruhig neben ihr.
«Schneller!», rief Silbão. «Sonst fängt Januão an zu pfeifen und du weißt nicht wohin!»
Sie ritten der Sonne entgegen.
Freuen!, dachte Dshirah, ich muss mich freuen.
Sie schaute zurück. Hinter ihr wogten die Rücken der hellen Pferde wie ein gelber Fluss. Sie trabten, nur der Hengst – eine weiße Schaumkrone am Schluss – galoppierte. Er war ein ausgebildetes Reitpferd und beherrschte den langsamen Galopp. Dshirah beugte sich nach rechts und legte Je-ledla eine Hand auf die dunkle Mähne hinter den Ohren. Nie wieder würde sie dieses Pferd berühren. Nie wieder eines, das so ähnlich aussah.
«Da!», rief Silbão. «In die Senke.»
Jetzt verstand Dshirah, warum ihnen die Pferde so willig gefolgt waren. Die Senke war voller Silbergras. So nannten sie die langen, dünnen Halme, weil sie von einer Seite silbrig schimmerten. Alle Pferde liebten Silbergras. Da würden sie bleiben, bis Januão sie rief, obwohl daheim am Stall ihre salzigen Lecksteine auf sie warteten. Dshirah zog Je-ledla das Halfter über die Ohren. Nun musste sie auch die Stute gehen lassen. Sofort hatten alle Pferde ihre Nasen im Gras, nur die Fohlen ließen sich von den dünnen Halmen die Nüstern kitzeln. Dshirah und Silbão aber ritten davon, jetzt auf die Hügelkette zu. Sie folgten einem kleinen Bach, der von den Bergen kam und der am Fuß des Hügels in einer Höhle verschwand. Dort nahm Dshirah Je-ledlas Halfter auseinander und fesselte damit ihren beiden Pferden die Vorderbeine. Sobald die Januãos Pfeife hörten, würden sie versuchen, dem Ton zu folgen. Silbão kletterte schon den Hügel hinauf. Dshirah folgte.
«Wart mal», rief sie ihm leise nach. «Du musst nachher mit den Pferden zu Januão. Kriegst du sie über den Bach?»
Silbão nickte: «Mach ich immer!»
Verborgen hinter Felsen und Sträuchern schauten sie hinüber auf die Blumenmauer von En-Wlowa, mitten darin drei Blumentore, darunter je zwei Wächter in roter Uniform, bewaffnet mit Speer und Pfeil und Bogen, stehend neben ihren gesattelten Pferden.
Silbãos Unterlippe zitterte.
«Nicht stottern jetzt», sagte Dshirah und griff nach seiner Hand. «Du musst mir nun erklären, was ich tun soll.»
Er nickte, presste die Lippen zusammen, aber als er sie wieder öffnete, zitterten beide, und alles, was er schließlich herausbrachte, war: «I-i-i-ich mache alles falsch.»
Dshirah versuchte zu fragen.
«Januão wird gleich die Pferde rufen?»
Er nickte.
«Die Wächter werden ihre Pferde halten müssen. Oder die werden ihnen durchgehen. Und dann soll ich da irgendwie rein?»
Er nickte.
«Man kann durch die Mauer?»
Er nickte.
«Wo?»
Er zeigte nach Westen.
«Also», flüsterte Dshirah, «also laufe ich los, wenn die Herde dort vorbei ist?»
«Ja.»
Dshirah hielt den Atem an, immerhin, ein Wort hatte er wieder herausgebracht. Sie wartete, dass er weitersprach.
«Du musst nur hinter die Blumen. Da. Die hängen da runter. Dann sehen sie dich nicht mehr. Dann musst du gucken und das Loch finden. Aber schnell! Sonst bringen sie dich um.»
«Warum rennen die da drin dann nicht alle weg?»
«Sie rennen. Aber sie kommen nicht weit. Wenn die wegrennen, dürfen die Wächter sie erschießen. Januão sagt, das soll so sein. Wenn sie nicht immer mal welche erschießen, wird es da drin zu voll. Ist schon voll.»
«Was soll ich machen da drin?»
Silbão zuckte die Achseln.
«Warten. Bis wir dich rausholen. Sie kriegen zu essen.»
Er kroch auf dem Boden herum, hielt sich verdeckt von dem niedrigen Strauch, er hob kleine Steine auf, ließ sie fallen, behielt einen spitzen mit scharfer Kante.
«Komm!»
Er zog sie zu sich heran, säbelte mit dem Stein an dem Hirtenzeichen auf ihrer Schulter herum, bis er eine Ecke gelöst hatte, da riss er es ab.
«Jetzt siehst du aus wie die anderen. Nur dicker.»
«Ich habe Angst.»
Er nickte.
«Du gehst zum letzten Haus nach Nordosten, da fi-fi-fi-»
«Silbão!»
Sie schrie zu laut, sie wusste es. Sie packte seine Schultern und schüttelte ihn. Manchmal, wenn die Worte in ihm stecken blieben, konnte man sie herausschütteln.
«Ma-ma-ma-ma-meine Schwester. Du erkennst sie, man erkennt sie immer noch.»
Jetzt zitterte Dshirahs Unterlippe. Silbãos Schwester war seit fast zwei Jahren verschwunden.
«Deine Schwester?», fragte sie. «Ist die da? Da ist sie?»
Aber Silbão konnte nicht mehr reden. Er öffnete den Mund. Sie sah, wie seine Zunge darum kämpfte, Laute zu formen, er fasste sich an den Hals, aber er stieß nur tonlose Luft heraus, würgend, als hätte er eine Fischgräte in der Kehle.
Da hörten sie aus der Ferne einen langen, leisen, klagenden Ton. Sie wandten die Gesichter nach Osten. Dshirah schloss die Augen. Alles, was ihr Bruder spielte, erkannte sie am ersten Ton. Dies war sein traurigstes Lied. Wie hätte es auch anders sein können. Januão spielte Flöte, seit er das Instrument halten konnte, aber er hatte bis jetzt nicht gelernt zu spielen, was andere von ihm forderten. In seine Flöte floss immer, was er im selben Atemzug spürte. Dieses Lied hatte Dshirah zum letzten Mal gehört, als ihr winziges Schwesterchen vor zwei Jahren starb. Silbão stieß sie an und drehte ihren Kopf zur Blumenmauer. Auch die Wächter schauten nach Osten, alle. Ihre Pferde fingen an zu tänzeln. Und nun hörten sie von der anderen Seite das Wiehern des Hengstes. Es klang nicht schrill wie sonst, wenn er seine Stuten trieb, es klang dunkel wie die Töne aus den langen Holzröhren, die in manchen Patios hingen. Noch niemals hatte Dshirah ein solches Wiehern gehört. Auch die Wächter wandten den Kopf. Nun blickten sie gerade in die untergehende Sonne. Dshirah erkannte den Plan ihres Bruders: Die Wächter hatten nicht nur mit ihren unruhigen Pferden zu kämpfen, sie schauten auch der Herde entgegen und würden von der Sonne geblendet sein.
Silbão hatte den Kopf auf die Knie gelegt und die Hände über die Ohren gepresst. Dshirah starrte entsetzt auf die schwarzen Locken, die durch seine Finger quollen. Er musste ihr noch so viel erklären, und er brachte kein Wort mehr heraus. Da schlug die Angst wie schwere Pauken in ihrem Kopf und übertönte die Flöte.
«Silbão!» Sie packte und schüttelte ihn. «Was soll ich tun da drin? Und wie, wie komme ich wieder raus?»
Er blickte auf. Sein Gesicht schien zerstört, schief hing sein Mund und die Augen wirkten blöde. Sie schüttelte ihn. Aber es hatte keinen Sinn. Es sah aus, als ob dieser Junge noch niemals hätte sprechen können.
«Wo finde ich deine Schwester?»
Er zeigte nach Nordosten. Auch sein Arm zitterte. Da kamen die Pferde.
Man hörte sie kaum. Der Boden war sandig. Ihre unbeschlagenen Hufe machten fast kein Geräusch. Und immer wenn Januão spielte, wurden ihre Körper leicht wie Federbälle. Nur zögernd lösten sich die gelben Leiber der Stuten wie große goldene Tropfen aus der Sonne und flossen weiter über die Ebene. Dshirah konnte Je-ledla nicht mehr erkennen, denn es gab keine einzelnen Pferde mehr. Sie waren eine schwebende Schar von Wesen, die vielleicht von einem anderen Stern auf die Erde gefallen waren. Eine alte Geschichte erzählte, so seien Pferde entstanden.
Die Paukenschläge! Die trommelnde Angst! Das Einzige, was Dshirah retten konnte, war die laut lärmende Panik in ihrem Kopf. Wenn sie hier weiter lauschte und schaute, kam sie niemals nach En-Wlowa. Aber die Pauke war nur noch ein sanftes, tiefes Beben im Bauch, über dem hoch in der Luft Januãos Flöte schwebte. Auch Silbão neben ihr hatte wieder sein schönes Gesicht, nicht jedoch seine Sprache gefunden. Vier der Wächter hielten ihre tobenden Pferde am Zügel. Zwei waren aufgesessen, hatten aber die Speere verloren, ihre Pferde mischten sich unter die Sorraia-Stuten, weiße Flecken im gelben Fluss und darüber das Rot der Uniform. Von der anderen Seite des Hügels schrien die beiden gefesselten Reitpferde, im Osten ein einzelner Reiter. Die Musik wurde lauter.
Da sagte, klar und deutlich, Silbão ein einziges Wort: «Jetzt!»
Das war ein Befehl.
Dshirah sprang hinter dem Strauch hervor und stürzte den Hügel hinunter. Niemand würde sie sehen. Nicht ein einziger Blick ging in ihre Richtung. Und auch sie sah nichts mehr. Und hörte die Flöte nicht mehr. Die Angstpauken waren wieder laut und lärmend, und alles, was sie spürte, war der Schmerz im rechten Fuß, mit dem sie zu lange barfuß gelaufen war. Sie jagte über die Ebene. Ein gesatteltes Pferd galoppierte an ihr vorbei. Es hatte seinen Reiter abgeworfen. Sie sah einen großen roten Fleck reglos auf dem von Hufen zertrampelten Boden liegen. Ein Bündel Lumpen rannte ihr entgegen. Als sie aneinander vorbeiliefen, traf sie ein verwunderter Blick aus einem knochigen, schmutzigen, jungen Gesicht. Sie erreichte die Blumenmauer und schlüpfte unter den Blütenvorhang. Sie lehnte sich an die Mauer und schloss die Augen. Sie sah und hörte nichts mehr. Da war nur noch der Duft der Blumen, schwer, betäubend, wie starkes Parfüm.

Hinter der Blumenmauer
Dshirah saß und rührte sich nicht. Sie tat nichts als atmen, das war mühsam genug. Die Luft fühlte sich an, als hätte der schwere Duft der Blumen sie in einen zähen, klebrigen Brei verwandelt. Die Augen hatte sie geschlossen, denn da war ein unangenehmes Kitzeln auf ihren Augenlidern. Sie öffnete den Mund, weil sie durch die Nase nicht genügend Luft bekam. Es krabbelte auf ihren Lippen, sie atmete etwas ein, musste husten, schlug die Augen auf, da krochen ihr Fliegen in die Augen, sie schlug die Hände aufs Gesicht, vertrieb und zerdrückte Fliegen. Fort, nur fort, hier konnte sie nicht bleiben. Und sie sprang aus der Blumenmauer zurück in die Ebene.
Niemand sah sie, denn noch immer spielte ihr Bruder. Sie entfernte sich ein paar Schritte von der Blumenmauer, bis sie die Luft wieder atmen konnte. Auch die Fliegen blieben zurück. Nun hörte sie wieder Januãos Flöte und sah die Pferde nach Osten laufen. Das machte sie so traurig, dass ihr Herz klein wurde wie eine getrocknete Weinbeere. Sie stand mit hängenden Armen und vergaß, dass sie fliehen musste.
«Wenn du traurig bist», sagte ihre Mutter immer, «wird dein Herz so klein wie eine getrocknete Weinbeere.»
Und dann nahm sie meist eine trockene Weinbeere aus dem weißen Leinensack, die legte sie in eine Schale mit Honigwasser, und Dshirah durfte vor der Schale sitzen und zuschauen, wie die Weinbeere wieder groß und rund und prall wurde. Wenn sie die süße Kugel dann essen durfte, war sie nicht mehr traurig, schon lange nicht mehr.
Gab es Honigwasser in En-Wlowa? In Tränen getaucht konnte ihr verschrumpeltes Weinbeerenherz nur ein bitterer Trost werden. Und sie sollte hier nicht stehen mit hängenden Armen und hängendem Kopf. Sie sollte fliehen! Fliehen! Aber Januão spielte noch immer.
Würde es in Afrika Weinbeeren geben? Sie wusste nicht viel von Afrika. Sie wusste von Afrika nicht viel mehr, als dass es weit weit fort war von Zaiira. Und da waren die letzten Töne von Januãos Lied. Sie öffnete den Mund, um die verklingende Melodie einzuatmen, mitzunehmen – die konnte sie doch nicht auch noch verlieren –, aber das Lied verklang, es ließ keinen Rest in der Luft, nicht einmal Spuren im Sand. Drüben auf dem Hügel sah sie die magere Lumpengestalt im Gestrüpp verschwinden und Silbão sah sie, der wild mit den Armen winkte. Sie musste zurück in den schrecklichen Duft der Blumen und zu den Fliegen, in wenigen Herzschlägen würde der Zauber von Januãos Musik zerfallen. Aus dem Staub erhob sich die rote Uniform des gestürzten Wächters. Er taumelte halb bewusstlos, schien aber nicht schwer verletzt. Dshirah lief ein paar Schritte an den Blumen entlang weiter nach Westen. Vielleicht war es dort besser. Vielleicht war sie da näher an dem Loch in der Mauer. Und sie stürzte sich, Augen und Mund geschlossen, in die bunten Blüten. Sie drückte sich gegen die Mauer, hielt die Hände über den Mund, atmete durch schmale Schlitze zwischen ihren Fingern. Ihr Kopf wurde schwer, ihre Hände und Füße auch. Mit jedem Atemzug wurde sie müder. Sie hörte auf zu atmen, aber das ging nicht, nicht so lange, bis sie das Loch in der Mauer gefunden hatte. Sie schnappte nach Luft, nach der duftschweren, breiigen Luft, sie fühlte sich wie ein Stein, ihre Hände tasteten an der Mauer entlang, aber sie spürte kaum noch einen Unterschied zwischen ihren Fingern und dem Stein. Und Fliegen, Fliegen überall. Sie konnte die Augen nicht öffnen, sie sah dann auch nicht mehr, nur Fliegen, Fliegen überall. Sie sah und fühlte nichts mehr, sie konnte auch nichts riechen, ihr Geruchssinn war erschlagen von dem Duft der Blumen. Da versuchte sie zu hören, versuchte die allerletzten Reste von Januãos Lied aus der Luft herauszulauschen, aber das war längst verklungen. Stattdessen hörte sie tief in ihrem Innern die Stimme ihrer Mutter. Die hatte ihr einmal erzählt, es gebe Blumen, die seien so bunt und so schön, dass sie jeden zum Tanzen fröhlich machten, aber sie dufteten jeden zu Tode, der zu lang aus ihnen atmete. Sie hatte Angst, sie fiel, sie stürzte in die Mauer und in einen anderen Geruch.
Verfaultes und Faulendes stank und mischte sich mit dem Blumenparfüm. Sie blinzelte durch halb geöffnete Augen. Sie saß mitten in der Mauer. Die war so breit wie die Kruppe von zwei Arbeitspferden. Auf Händen und Knien kroch sie nach En-Wlowa. Die harten Steine schürften ihr die Haut auf. Das machte sie wach genug, durch den lähmenden Duft in den Dreck des Lagers zu krabbeln. Sie war in Sicherheit, in einer stinkenden, dreckigen, engen Sicherheit. Sie kroch weiter fort von den Blumen, von den Fliegen. Sie setzte sich auf den Boden, öffnete die Augen und den Mund. Sie konnte wieder atmen. Das hier war nur Gestank.
Über ihr schwankten schmutzige magere Gesichter mit lächelndem Mund und glücklichen Augen, aus denen ganz langsam wie zäh fließender Honig das Glück hinausfloss. Solche Blicke kannte Dshirah. Verzweifelte Menschen, die Januãos Musik gehört hatten, behielten noch viele Herzschläge lang die Freude in den Augen. Auch die Gefangenen hatten sein Spiel gehört, und so traurig seine Melodie heute gewesen war, so schön war sie doch. Dshirah streckte eine Hand aus.
«Bitte», sagte sie, «bitte …»
Vielleicht konnte sie noch ganz schnell, bevor der Zauber der Musik vollends verging, von diesen Leuten erfahren, wo Silbãos Schwester war. Sie wusste ja nicht, wie diese Leute waren, wenn sie nicht mehr unter dem Eindruck von Januãos Lied standen. Die sahen alle so eckig und kantig und spitz aus, und sie waren so grau, wie auch zehn Regentage die Berge nicht machen konnten. Und sie waren ja Verbrecher, alle miteinander, sonst wären sie doch nicht hier.
«Bitte», sagte sie, «wo …»
Aber sie hatte vergessen, wie Silbãos Schwester hieß. Da fiel ihr ein, dass es in wenigen Augenblicken dunkel sein würde, und im selben Atemzug merkte sie, wie hungrig sie war – sie hatte seit dem Morgen nichts mehr gegessen. Mit hastigen Augen schaute sie sich um. Zwischen den mageren Körpern der grauen Gestalten sah sie verfallende Hütten aus Holz. Sie erhob sich auf die Knie, aber dann blieb sie lieber sitzen. Eigentlich wollte sie sich verkriechen, wollte fort von diesen Leuten, die doch alle Mörder waren oder mindestens Diebe, fort – nur nicht zurück in die Blumen. Sie schaute sich um. Die Blumen wuchsen oben auf der Mauer, und auch hier innen hingen sie hinunter bis in den Dreck. Die Dämmerung begann den großen Blüten die Farben zu nehmen. Sie machte sie den Gesichtern und den Kleidern der Menschen ähnlich, nur nicht deren Geruch. Ein Mann trat auf Dshirah zu.
«Was kommst du hier rein?», fragte er. «Wir kennen nur welche, die rausgehen.»
Was sage ich ihm?, dachte Dshirah. Oh, wir haben nicht überlegt – ich kann ihm doch nicht sagen –
Da drängte sich eine Frau durch die Reihe.
«Hast du einen Jungen gesehen?», fragte sie. «Der rausrannte?»
Dshirah nickte.
«Ist er durchgekommen? Bis zum Hügel?»
Dshirah nickte: «Ja, ich habe ihn am Hügel gesehen.»
Die Frau schloss die Augen, taumelte, lehnte sich an einen anderen, fand nur wenig Halt, schwankte, flüsterte: «Danke. Danke.»
«Doch – es kommen welche rein», sagte eine andere Frau. «Dieser Junge. Er war schon dreimal hier.»
Dshirah horchte auf.
«Er besucht seine Schwester», sagte sie rasch. «Das will ich auch. Wisst ihr, wo seine Schwester …?»
Kopfschütteln. Achselzucken.
«Der ist ein ganz Schneller», sagte einer. «Der flitzt hier so durch. Der hat Kraft und keinen Hunger.»
Dshirah stand auf.
«Ich muss sie suchen», sagte sie, «seine Schwester. Sie wohnt da.»
Sie ging nach Nordosten. Noch konnte sie sehen, wo die Sonne untergegangen war. Niemand stellte Fragen, keiner hielt sie auf. Nur die Frau, die nach dem geflohenen Jungen gefragt hatte, griff nach ihrer Hand und drückte sie. Dshirah schaute in Augen, die aus der Dunkelheit leuchteten. Da hatte sie etwas weniger Angst.
Sie irrte durch die Gassen zwischen verfallenen Holzhäusern. En-Wlowa musste vor sehr langer Zeit einmal ein Dorf gewesen sein, als es hier noch Wälder gegeben und man mit Holz gebaut hatte. Sie fand keinen geraden Weg nach Nordosten, musste nach rechts, nach links und wusste schon bald nicht mehr, wo die Sonne untergegangen war. Es wurde kalt. Sie hatte nur Kleidung für die Zeit der Sonne am Himmel, und es war in diesem Land bei Tag so heiß, wie es nachts kalt war. Sie schloss das Hirtenhemd fest um den Hals, aber wenn sie sich den Hals damit wärmte, zog sie es von den Knien weg, und ihre Beine wurden kalt. In ihrem Bauch war die Blase so voll, wie der Magen leer war. Gab es hier Abtritte? Plötzlich war es ihr dringlichster Wunsch, einen Abtritt zu finden. Sie spürte keine Kälte mehr, keinen Hunger, keinen Durst. Aber sie fand einen Brunnen. Und sofort hatte sie wieder Durst. Doch trinken? Noch mehr in die Blase füllen? Und war das Wasser denn sauber? War es gut? Es glänzte dunkel im Mondlicht. Dshirah starrte auf den hellen Strahl, der aus dem Holzrohr in das steinerne Becken rann. Sie presste die Beine fest zusammen und drückte die Hände unter den Bauch. Sie durfte den Wasserstrahl nicht mehr anschauen, sie musste den Kopf abwenden und konnte es nicht – da rann es warm in ihre Schenkel. Sie hockte sich schnell auf den Boden und raffte das Hemd. Schaute ihr jemand zu? Bestimmt war es verboten, neben den Brunnen zu pinkeln, bestimmt. Eine dürre Gestalt beugte sich von der anderen Seite über den Brunnen, schnappte nach dem Wasserstrahl, ließ sich das Wasser in den Mund laufen, ging davon. Und im selben Herzschlag bedauerte Dshirah, dass die Wärme da aus ihr herauslief, es war ihre einzige Wärme, sie hatte sonst keine für diese Nacht. Sie sah diese Wärme als Rinnsal aus dem Brunnenschatten ins Mondlicht laufen. Sie erhob sich und trank aus dem Brunnen. Das Wasser war frisch. Und kalt.
Sie ging weiter. Sie dachte an die Frau, die sich so gefreut hatte, dass der Junge geflohen war. War er ihr Sohn? Hatten die Leute hier Kinder? Oder hatte sie ihn nur gern? Gab es hier Leute, die jemanden gern haben konnten? Würden die auch sie gern haben? Sie dachte an ihre Mutter und weinte. Nicht weit vom Brunnen, sie konnte ihn sehen, kauerte sie sich in einen Spalt zwischen zwei Häusern. Das Holz hatte noch etwas Wärme vom Tag. Sie zog ihr Hemd über die Knie, konnte aber die Füße nicht bedecken. Sie schlüpfte mit beiden Armen in das Hemd hinein. Aber da packte sie die Angst. Auf der anderen Seite der Gasse sah sie einen Mann an die Holzwand gelehnt sitzen. Wenn der jetzt käme oder ein Hund oder eine Ratte – sie hatte keinen Arm frei, um das abzuwehren, nicht einmal eine Hand, um ihr Gesicht zu bedecken. Der Mann bewegte sich nicht, vielleicht schlief er schon. Da dachte sie ganz fest an ihre Mutter. Sie stellte sich vor, dass die Mutter mit einer warmen Hand durch ihr Hemd, durch ihre Haut in ihre Brust griff. Es tat nicht weh. Die Mutter nahm ihr das getrocknete Weinbeerenherz aus der Brust und legte es in Honigwasser. Und während Dshirah zuschaute, wie es aufging, wie es groß und weich und dick wurde, weinte sie sich die allerletzte Wärme aus dem Körper, bis ihre Tränen schon kalt waren, als sie ihr aus den Augen flossen.
Sie erwachte am frühen Morgen und wusste, dass sie etwas geträumt hatte, aber sie wusste nicht mehr, was. Es war zu kalt, um sich an Träume zu erinnern. Träume hielten sich unter warmen Decken. Hier klemmte sie so steif gefroren zwischen Holzwänden wie vor zwei Jahren Je-ledlas verunglücktes Fohlen in den Felsen. Das war schon tot gewesen, als sie es gefunden hatten, aber es war wärmer als Dshirah, denn die Stute hatte über ihm gestanden und es geleckt mit ihrer warmen Zunge. Dshirah fühlte sich kälter als tot. Der Mann auf der anderen Seite der Gasse schlief noch. Er kauerte noch genauso wie am Abend zuvor.
Am Himmel erschien das erste Licht. Menschen kamen zum Brunnen, hielten Schalen unter den Wasserstrahl, tranken. Dshirah sehnte sich nach ihrem heißen Morgentee. Eine der grauen Gestalten trat auf sie zu und hockte sich neben sie.
«Ich habe dir Bruns Schale gebracht», sagte sie. «Er braucht sie ja jetzt nicht mehr. Ohne Schale bekommst du hier nichts zu essen.»
Dshirah erkannte die Frau, die gestern nach dem geflohenen Jungen gefragt hatte. Sie reichte ihr eine kleine hölzerne Schale. Dshirah wollte danach greifen, konnte aber den Arm nicht bewegen. Die Frau nahm ihre Hand, hielt ihre kleinen, dünnen Eiszapfenfinger, und in ihren Augen waren so ein Schreck und so ein weiches Mitleid, dass Dshirah tief in sich einen warmen Klumpen spürte, der immer größer wurde, als sei in ihrem Bauch die Sonne aufgegangen. Die Frau löste sie aus dem Holzspalt, hüllte sie in ihre weiten Lumpen und umfing sie mit den Armen, bis die richtige Sonne so weit in das Lager schien, dass ihre Strahlen zu wärmen begannen. Dshirah sah die Frau an, wie sie gern ihre Mutter angeschaut hätte. Dann reckte sie sich langsam in der Sonne. Allmählich konnte sie Arme und Beine wieder bewegen.
Am Brunnen war es voll geworden. Alle standen ruhig in einer Reihe, als aus einer Gasse sieben oder acht weitere Gestalten kamen, genauso grau wie die anderen, aber sie gingen schneller und kraftvoller. Sie stellten sich nicht hinten an, sondern liefen gleich nach vorn. Dort machte man ihnen Platz. Nur einer stellte sich ihnen entgegen. Den packten sie an der Kehle, warfen ihn zu Boden, traten ihm in den Bauch, auf den Hals, ins Gesicht. Er blieb liegen und krümmte sich im Dreck. Er blutete auch. Dshirah starrte ihn an, als die Frau an ihrem Arm zog. Die schaute woandershin und zerrte sie ans Ende der Schlange.
«Wenn wir noch länger warten, kriegst du nichts Warmes mehr zu essen», sagte sie. «Wir müssen immer mit Wasser in der Schale kommen. Wer mit leerer Schale kommt, kriegt keinen Brei.»
Sie kamen ziemlich schnell voran. Schon hatte sich hinter ihnen eine sehr viel längere Schlange gebildet. Sie näherten sich dem blutenden Mann am Boden.
«Da!», sagte Dshirah.
Aber die Frau fragte: «Weißt du, wann der Pferdepfeifer wieder kommt?»
Dshirah schüttelte den Kopf. Sie erreichten den Brunnen.
«Erst trinken», riet die Frau, «und dann mit halb voller Schale weitergehen.»
Sie gingen alle in dieselbe Richtung und trugen die Schalen mit Wasser vor sich her.
«Bevor sie dir Brei geben, musst du das Wasser ausgießen. Wir glauben, sie machen das so, damit die Kämpfe am Brunnen stattfinden und nicht da, wo sie das Essen austeilen. Mit halb vollen Wasserschalen kann man nicht kämpfen.»
Während sie durch die Gassen gingen, fiel Dshirah plötzlich ein, dass sie vergessen hatte, sich zu merken, wo die Sonne aufgegangen war.
«Weißt du, wo Nordosten ist?», fragte sie erschrocken.
Die Frau nickte.
Mitten auf einem kleinen Platz war eine steinerne Statue von Armei dan Hasud. Sie war schmutzig, wurde offenbar nicht gereinigt und sah aus, als hätte man sie mit Dreck beworfen. Zwei Männer, die genauso grau, aber weniger zerlumpt waren als die anderen, standen daneben. Sie waren deutlich dicker und kräftiger. Um sie herum wimmelte es von Fliegen. Vor ihnen war schon eine Wasserpfütze, weil alle dort ihre Schalen leer gossen. Jeder bekam eine Kelle Brei. Auch Dshirah erhielt einen Klecks. Sie verscheuchte die Fliegen und griff mit den Fingern in die gelbe Masse. Die schmeckte nach nichts, höchstens ein wenig bitter, wahrscheinlich war es Hirse, aber der Brei war warm. Sie aß sehr langsam, während sie weiterging, kaute, obwohl es nichts zu kauen gab, und dachte ans Essen und nur an das Essen, denn sie hatte die Stimme des Vaters im Ohr: «Denke beim Essen an nichts als an essen. Mit jedem Gedanken an Wetter, Arbeit, Sorge fütterst du Wetter, Arbeit, Sorge und nicht dich.»
So bald, das wusste sie, würde sie nicht wieder etwas zu essen bekommen, denn die Gefangenen sahen halb verhungert aus. Dieser Brei musste wahrscheinlich für den ganzen Tag reichen, aber sie versuchte, auch daran nicht zu denken, und als ihre Schale leer war, hatte sie die freundliche Frau verloren.
Sie stand und schaute, suchte das Gesicht der Frau, suchte ein anderes, das Silbão ähnlich war. Aber Silbão war schön, und die hier waren hässlich, alle. Solche Menschen hatte sie noch nie gesehen.
Die Sonne! Sie musste die Sonne beachten! Es war gewiss noch früh am Morgen. Noch konnte sie ungefähr erschließen, wo Nordosten war. Sollte sie sofort dahin gehen? Aber da war jetzt niemand. Alle drängten sich auf dem Platz zusammen. Wenn die Sonne jedoch erst einmal hoch am Himmel stand, würde sie sich nicht mehr zurechtfinden.
Dshirah brach auf. Die Hütten standen eng, aber sie waren niedrig, sie konnte immer die Sonne sehen. Sie schaute in alle Holzverschläge, ob vielleicht darin ein Abtritt war. Schon fühlte sie ein Drängen im Darm.
Was mache ich mit der Schale, wenn ich hocken muss?, dachte sie. Sie konnte nicht hoffen, dass sie hier einen Abtritt finden würde, in dem sie ihre Schale auf den Boden legen mochte. Daheim im Haus ihrer Eltern und in Al-Cúrbona war alles sauber. Sie kannte keinen Dreck.
Was machen die anderen mit den Schalen?, dachte sie.
Ihr war klar, dass sie die Schale auf keinen Fall verlieren durfte.
Hat jeder sein eigenes heimliches Versteck? Oder muss man sie abgeben und bekommt sie am Morgen ausgeteilt? Nein, die Frau hat gesagt, dies ist die Schale von –
Den Namen des geflohenen Jungen hatte sie vergessen.
Sie ging weiter nach Nordosten, scheuchte die Fliegen von der Schale und leckte sie sauber, bis es für die Fliegen da nichts mehr zu suchen gab. Sie schnüffelte. Aus der Richtung, in die sie ging, kam üblerer Gestank. Auch waren die Menschen, die ihr mit leeren, trockenen Schalen entgegenkamen, die elendsten von allen. Sie trugen Kittel wie sie. Bei einigen sah sie noch die hellere Stelle, wo das Klassenzeichen von der linken oder der rechten Schulter gerissen war. Einmal sah sie ein Kind. Ob es ein Junge oder ein Mädchen war, konnte sie nicht erkennen, es war bloß dünn und grau. Sie schauten sich kurz an, blieben aber nicht stehen.
Die Fliegen wurden nicht weniger, obwohl Dshirah nicht mehr den kleinsten Rest Brei in ihrer Schale hatte. Sie liefen auf ihren Händen herum, saßen in ihren Mundwinkeln, sie schlug um sich, die Schale fest in der Hand, da stand sie vor einem Bretterzaun. Von dort kam der Gestank. Und mit Würgen in der Kehle begriff sie, dass sie gefunden hatte, was sie suchte.
Da war alles voller Fliegen.
Ich muss da rein, dachte sie. Jetzt! Wenn sie gegessen haben, werden viele kommen.
Sie fand einen Eingang. Da waren nur dreckige Balken und Löcher.
Januão, Silbão, holt mich hier raus! Sofort!
Da drehte sich ihr Magen um. Sie spuckte den Brei vor den Balken. Sie konnte nur noch rasch die Schale hochhalten, wo die Luft etwas sauberer war, aber alles war voller Fliegen.
Sie floh aus dem Gestank, rannte durch die Gassen, lehnte sich zitternd an eine Holzwand, fühlte sich verdreckt und erniedrigt. So lebte in Al-Cúrbona kein Mensch und kein Tier, so konnte, so wollte sie nicht leben, aber die Schale hatte sie noch immer in der Hand. Sie stand in der Sonne, und sie blieb dort, bis ihr schwindlig wurde von dem grellen Licht. Da taumelte sie in den Schatten einer Hauswand, ließ sich auf den Boden sinken, starrte in den Staub. Sie würde hier warten, nichts essen, nichts trinken, um nie wieder dahin gehen zu müssen, wo die Fliegen und der Gestank waren. Sie hatte keinen Hunger, obwohl sie das Einzige, das sie seit gestern früh gegessen hatte, wieder ausgespuckt hatte. Hunger war ein entsetzlicher Feind, gegen den sie kämpfen würde. Hunger zwang zum Essen, und Essen hatte entsetzliche Folgen.
Dann lieber sterben, dachte sie, das macht nicht solchen Dreck.
Und während sie mit zitternden Lippen in den Staub starrte, fiel ihr etwas ein.
«Juja», murmelte sie. «Juja …»
Ihre Hände umklammerten die Schale. Das war ihr kostbarster Besitz, denn ohne diese Schale bekam man nichts zu …
«Juja», flüsterte sie, «Juja …»
Ihre Hände würgten die Schale, sie war ihr größter Feind, denn aus der Schale hatte sie gegessen – sie hob den Kopf.
«Juja!», rief sie. «Juja!»
Die Gefangenen kamen jetzt in Scharen von dem kleinen Platz zurück. Die meisten gingen in dieselbe Richtung. Dahin, wo Dshirah nie wieder sein wollte?
«Juja!», schrie Dshirah ihnen entgegen.
Sie schaute in die Gesichter, suchte nach einer jungen Frau und rief: «Juja! Juja!»
Sie schrie und schrie, bis eine Frau vor ihr stehen blieb und zu ihr hinunterschaute. Sie lächelte. Und sie war nicht grau wie die anderen, sondern trug ein blassbuntes Kleid. In den Händen hielt sie ein kleines Bündel voller roter, blauer und gelber Flecken.
«Juja», flüsterte Dshirah.
Ist sie es?, dachte sie. Ist das Silbãos schöne Schwester? Kann das sein? Sie sieht aus wie – wie – wie eine – Ruine …
Sie musste an die alte Bardenburg denken. Jenseits der Hügelkette hinter dem Kalifenpalast standen noch immer die Reste der alten Bardenburg. Vor vierhundert Jahren hatten die Araminen die Burg zerstört. Übrig geblieben waren Teile der Kuppel, die viele Barden besuchten. Dshirah hatte oft mitten in dem weiten Gewölbe gestanden, und da hatte sie ahnen können, wie schön dieser Bau einmal gewesen war.
«Ruine», flüsterte sie.
Auf sie hinunter schaute lächelnd die Ruine von Jujas schönem Gesicht.
«Wer bist du?», fragte eine andere, ältere Frau. «Ich habe dich hier noch nie gesehen. Woher kennst du Juja?»
«Silbão schickt mich», sagte Dshirah.
Da geschah etwas mit der Ruine von Jujas schönem Gesicht. Es war wie in der alten Burg. Dshirahs Familie war immer im Sommer dahin gegangen und hatte mittags auf den Höchststand der Sonne gewartet. Wenn dann das Licht durch das Loch im Scheitel der Kuppel schien, erstrahlte der Raum, und wenige Herzschläge lang wirkten die zerstörten Wände wie die Spitzenschleier, hinter denen der Kalif seine Frauen verbarg. Juja, die sich neben Dshirah auf den Boden hockte, war plötzlich schöner als ihr Bruder.
«Wie geht es meinem kleinen Abdalameh?», fragte sie.
«Abdalameh?», flüsterte Dshirah.
Das war ein Kalifenname. Selbst den vornehmsten Fürsten war es verboten, ihren Söhnen diesen Namen zu geben. Auch Zaiiras Bruder, hätte sie einen gehabt, wäre nicht Abdalameh genannt worden.
«Wer?», stammelte Dshirah. «Ich weiß nicht …»
Und genauso war das in der alten Bardenburg: Wenn das Mittagslicht über der Kuppel weiter wanderte, wurde die Burg wieder zur Ruine, ihre Schönheit war nur noch Erinnerung. Jujas Gesicht zerfiel in fremde, traurige Augen und zitternde Lippen.
«Komm mit», sagte die fremde Frau und reichte Dshirah eine Hand. Auch ihr Kleid war farbig, zwar nicht so voller bunter Flecken wie Jujas, aber blau, ein scheckiges Blau wie ein gefleckter Himmel mit ein paar grauen Wolken darin. Es tat Dshirah gut, an einer Hand zu gehen, dicht neben jemandem einfach mitzugehen. Sie kamen zu einem kleinen Verschlag.
«Hier leben wir», sagte die alte Frau. «Wenn man das leben nennen kann. Es gibt bessere Hütten, aber hier will außer uns keiner rein. Wir wollen allein sein. Weil Silbão manchmal kommt. Du kannst auf seinem Platz schlafen.»
Juja fasste Dshirahs Hand. Sie ließ das Bündel mit den bunten Flecken los. Es fiel auf den Boden und öffnete sich. Es war voller Blüten von der Blumenmauer. Juja achtete nicht darauf. Sie schaute Dshirah mit flehenden Augen an und sagte: «Wie geht es meinem kleinen Abdalameh?»
Dshirah wollte gern die Hand wegziehen und vor Jujas Augen weglaufen. Sie kannte keinen Abdalameh. Wie sollte sie so einen kennen? Und sie spürte, es war für Juja ein entsetzliches Unglück, wenn sie auf diese Frage keine Antwort bekam. Dshirah warf der alten Frau einen hilflosen Blick zu. Die sammelte die Blumen wieder in das Tuch, schob Juja sanft in eine Ecke, gab ihr die Blüten und ein graues Stück Stoff. Und Juja begann, den Blütensaft in den Stoff zu drücken, bis der Stoff und ihre Hände so bunt waren wie die Vögel, die zum Geburtstag des Kalifen in goldenen Käfigen auf der Plaza de las Poemas aufgehängt wurden. Da wandte sich die alte Frau wieder Dshirah zu.
«Du kannst mich Una nennen», sagte sie. «So heiße ich nicht, aber ich bin seit vielen Jahren hier, und ich hoffe noch immer, es wird mir eines Tages besser gehen, wenn ich mein früheres Leben und meinen Namen vergessen habe. Denn raus komme ich hier nicht mehr.»
«Warum bist du …», wollte Dshirah fragen. Aber Una unterbrach sie.
«Frag mich nicht, dann frage ich dich auch nicht.»
Dshirah nickte heftig. Das war ihr sehr recht.
«Aber warum Juja hier ist, muss ich dir erzählen», fuhr die Frau fort. «Woher hast du die Schale? Silbão hatte nie eine.»
Dshirah berichtete.
«Das ist gut», sagte Una. «Zieh das Hemd aus.»
Dshirah gehorchte. Una nahm das Hemd, stülpte es um und zog es Dshirah wieder an. Aus einer Ecke holte sie einen Fetzen Stoff, eine grobe Nadel und Faden. Sie biss und zerrte mit den Zähnen an dem Stoff herum, bis sie den Fetzen noch etwas kleiner genagt hatte.
«Messer haben wir nicht», erklärte sie, «Scheren auch nicht.»
Auf Dshirahs Brust nähte sie eine Tasche, steckte die Schale hinein, Dshirah musste das Hemd wieder ausziehen und wenden. Nun trug sie die Schale innen auf der Brust.
«Das ist hier Pflicht», erklärte Una. «Wer seine Schale verliert, ist tot.»
Juja hockte in einer Ecke. Sie sang leise vor sich hin. Dshirah erkannte die Melodie. Es war ein altes Kinderlied, aber Juja sang immer nur ein einziges Wort: «Abdalameh, Abdalameh …»
«Er ist ihr Sohn», flüsterte Una, und Dshirah erschrak. Das konnte nicht wahr sein.
«Juja war einmal sehr schön», erzählte Una.
«Ich weiß», Dshirah nickte.
«Der Kalif», fuhr Una fort, «sah sie, als sie auf dem Markt Ziegenkäse verkaufte. Er lässt sich ja manchmal durch die Straßen tragen, schaut, verborgen hinter seinem Spitzenstoff, und nimmt alles mit, was ihm gefällt: Früchte, Blumen, Krüge, Stoffe, Pferde, Frauen, Windhunde …»
Juja sang noch immer ‹Abdalameh, Abdalameh›, aber die Melodie änderte sich. Die Töne wurden länger und tiefer. Aus dem Kinderlied wurde ein Klagegesang. Una wandte ihr den Kopf zu und sang mit. Sie machte die Töne erst lauter und voller, dann wieder rascher, heller, bis ihre raue Stimme hüpfte und Juja jubelte: «Abdalameh! Abdalameh!» – ein Lied für fröhliche Kinder beim Spielen. Una rückte etwas näher an Dshirah heran. Sie sprach sehr leise: «Der Kalif ließ sie holen. Als eine seiner Nebenfrauen. Sie sollte sein dreizehntes Kind gebären. Das dreizehnte Kind des Kalifen wird gut versorgt, aber es bekommt keine Macht. Doch Juja wurde zu früh schwanger.
Sie gebar das zwölfte Kalifenkind. Und es ist ein Junge. Vielleicht, wenn es ein Mädchen wäre – vielleicht säße Juja im Palast und hielte ihr Kind am Arm. Aber wenn das zwölfte Kind des Kalifen ein Sohn ist, erbt er die Länder in Afrika. Da haben sie Juja verurteilt. Erbbetrug werfen sie ihr vor. Sie sagen, sie hätte sich mit diesem Kind Reichtum und Macht ergaunern wollen.»
Jujas Lied war wieder von Dur nach Moll geglitten. Una sang mit, bis aus dem Trauergesang ein Tanzlied wurde.
«Silbão kommt alle paar Monate», flüsterte sie Dshirah zu, «und erzählt ihr, dass es Abdalameh gut geht. Ich glaube nicht, dass er ihn je gesehen hat, aber es ist trotzdem keine Lüge. Wenn Jujas Sohn krank würde, müssten alle trauern im Land. Ihr Kind erbt Afrika, das kann auch Kalif Hisham nicht mehr verhindern. Dass Abdalameh so schön wird wie seine Mutter, mag ihm recht sein, aber der Kleine wird gewiss auch genauso lieb.»
Und vielleicht nicht sehr klug, dachte Dshirah.
Als Jujas Stimme wieder dunkel wurde, zog Una an Dshirahs Arm.
«Schnell! Sag ihr, dass es ihm gut geht. Ich kann nicht den ganzen Tag mit ihr singen, und es ist entsetzlich, wenn sie noch trauriger wird, es ist furchtbar. Ich kann es nicht ertragen.»
«Juja», sagte Dshirah, «Abdalameh geht es gut. Er …»
Wie alt konnte das Kind jetzt sein? Seit fast zwei Jahren war Juja verschwunden. Was hatte sie selber gemacht, als sie zwei war? «… er hat ein weißes Maultier bekommen und winkt immer, wenn es durch die Straßen geführt wird.»
Vielleicht stimmte das sogar. Vor einem Monat hatte sich die Familie des Kalifen offen in der Stadt gezeigt, und auf einem weißen Maultier hatte ein kleiner Junge gesessen, der schöner war als die anderen Kalifenkinder. Juja jubelte einen kleinen Triller. Dann blieb sie still in der Ecke sitzen, lächelte vor sich hin, und ihre bunten Hände lagen zwischen den letzten heilen Blüten.
«Gut», sagte Una. «Nun zu dir. Hast du heute gegessen?»
Dshirah schauderte.
«Ja», nickte sie, «aber …»
Und sie erzählte, wo der Brei geblieben war.
«Silbão holt mich bald wieder hier raus», sagte sie. «So lange muss ich nichts essen. Wasser reicht mir.»
Una schüttelte den Kopf.
«Du musst Kraft haben, wenn du zum Hügel rennst. Willst du dich waschen?»
«Man kann sich waschen?» Dshirah hob den Kopf.
«Nicht alle tun es, aber man kann, wenn man jemanden hat, der das Hemd mit der Schale solange hält. Komm. Jetzt ist Frauen-Waschzeit.»
Sie gingen durch die Gassen. Die sahen für Dshirah jetzt schon ganz anders aus. Ja, sie würde essen. Sie würde Kraft haben und zurücklaufen. Sie würde ihren Bruder wiedersehen und den Vater und die Mutter – niemals Zaiira … Fast hätte sie angefangen, sich zu freuen – aber Zaiira …
Da griff Una nach ihrer Hand und drückte sie sanft.
«Das war sehr lieb, was du Juja gesagt hast», flüsterte sie. «Du hast es ja sicher gemerkt, sie ist vor Sehnsucht nach ihrem Kind ganz krank im Kopf geworden.»
«Warum sind hier gute Menschen?», fragte Dshirah. «So wie du?»
«Hier sind Mörder, Diebe und Betrüger», antwortete Una. «Und Betrüger sind in Al-Cúrbona alle, die etwas gesagt oder getan haben, das dem Kalifen oder seinen Ministern nicht passt.»
«Aber warum rennt ihr nicht weg? Wenn man in einer dunklen Nacht durch das Loch geht, können die Wächter doch nicht schießen.»
Una lachte kurz und hart. «Nachts ist das Loch bewacht. Sie geben es nur frei, wenn sie auch schießen können.»
«Und warum könnt ihr nicht über die Mauer?», schlug Dshirah vor. «Könnt ihr nicht Leitern bauen?»
Aber Una schüttelte den Kopf.
«Das haben schon welche versucht. Niemand kommt durch diese Blumen. Der Duft macht dich ganz wirr im Kopf, und die Fliegen bringen dich um.»
«Aber im Winter? Die können doch nicht das ganze Jahr blühen.»
«Es sind fast immer Blüten da. Nur zwei Monate sind sie kahl. Und dann haben sie Stacheln – du kannst es jetzt noch nicht gemerkt haben, das fängt erst im Sommer an – fingerlange Stacheln, lauter kleine Dolche. Es kommt niemand durch. Kalif Hisham hält uns gefangen in bunter Blumenpracht. In den Geschichtsbüchern wird stehen, dass er ein guter Herrscher war, der seine Gefangenen von Blumen bewachen ließ. Aber das hat sein Vater ja auch schon getan und der –»
Sie sprach nicht weiter. So gingen sie durch die Gassen, die erst sandig, dann immer steiniger wurden. Einmal kam ihnen ein Kind entgegen, Dshirah wusste nicht, ob es dasselbe war wie vorhin, es sah genauso aus, aber die anderen Menschen sahen auch alle gleich aus. Sie bogen um eine Ecke. Vor ihnen war ein Bach. Das Wasser sprudelte aus einer Felsengrotte, wahrscheinlich war es dasselbe, das draußen vor dem Hügel in unterirdischen Höhlen verschwand, da, wo sie gestern die beiden Pferde angebunden hatten. Es floss zur Blumenmauer und verschwand durch ein vergittertes Loch. Auch das Wasser des Brunnens kam sicher aus diesem Bach. Da waren viele Frauen. Sie wuschen sich, und andere hielten ihre Hemden mit den Schalen. Alle Frauen im Wasser waren nackt.
Und keine hatte Schuhe an.

Ein Aramine mit Herz zerbeißt seine Zunge
Januão, die Flöte spielend auf seiner falbgelben Stute, sah zwei kleine Punkte zwischen dem Hügel und der Blumenmauer rennen. Seine Augen folgten Dshirah, die in das Gefängnis hineinlief. Nur im Winkel, fast im toten Winkel seines Blicks nahm er den anderen Punkt wahr, der aus En-Wlowa floh. In einer fernen Ecke seines Gehirns wunderte er sich ein wenig, denn seine Gedanken waren bei der Schwester. Nur ein kleines Erstaunen war da. Bisher war noch nie jemand geflohen, wenn er die Pferde diesen Weg entlang lockte. Aber warum nicht? Sie konnten im Lager inzwischen gemerkt haben, wie leicht während des Flötenspiels die Flucht war. Und nicht die entlegenste Gehirnwindung gab Januão eine Warnung, dass dieser winzige fliehende Punkt gefährlich werden könnte. Er musste ja auch Flöte spielen, nicht denken, spielen. Und nicht weinen jetzt. Er kämpfte die Tränen zurück. Das konnte er gut, denn das war er gewohnt. Jungen, die älter als fünf Jahre waren, durften in Al-Cúrbona nicht weinen. Manchmal wünschte er sich, ein Mädchen zu sein. Vielleicht war er der einzige Junge im Reich des Kalifen, der diesen völlig abwegigen Wunsch hatte. Oder war es möglich, dass es noch mehr gab, die so leicht weinten wie er? Ob das in Afrika erlaubt war? Er fühlte eine kleine, sehr kleine Freude.
Er sah den Dshirah-Punkt hinter den Blumen verschwinden. Da konnte er etwas aufatmen, und in sein Trauer-Klage-Todeslied mischten sich ein paar helle Töne. Die spürte er in seinen Fingerspitzen.
«Januão kann Musik anfassen», sagte seine Mutter immer.
Aber der Dshirah-Punkt kam zurück, kam wieder heraus aus den Blumen – oder war das ein anderer? Noch ein Flüchtling aus En-Wlowa? Aber warum lief der nicht weiter? Januão spielte, um den Punkt zurückzudrängen in die Blütenmauer, denn es war Dshirah, er sah es nicht, er spürte es. Aber trieb er sie wirklich mit seinem Spiel nach En-Wlowa hinein? War es nicht eher so, dass er sie zurückhielt? Er ließ die Flöte sinken. Da erreichten ihn auch schon die Pferde. Je-ledla lief voraus. Er beachtete sie nicht. Er sah den Punkt wieder in den Blumen verschwinden. Langsam wendete er sein Pferd.
Er führte die Herde nicht auf geradem Weg nach Haus, sondern ritt einen kleinen Bogen, Silbão entgegen. Der musste nun in die Stadt zurück laufen, denn Januão nahm seine beiden Pferde mit. Es wurde dunkel. Als er sein Elternhaus erreichte, hatte sich dort wenig geändert. Die elf Polizeipferde standen jetzt im Schatten. Sie hoben die Köpfe, als die Herde vorbeikam, eines schnaubte, eines wieherte, aber sie taten keinen Schritt.
Januão ließ die Stuten auf die Koppel. Je-ledla leckte an den salzigen Steinen, der Hengst begrüßte Dshalla. Januão ging von einem zum anderen, schaute, ob sie Wunden hatten und hob ihre Hufe. Da kam einer der Polizisten in die Koppel.
«Du hast die Pferde geholt?», fragte er.
«Das mache ich jeden Abend», nickte Januão.
«Deine Schwester hast du nicht gesehen?»
«Nein. Ist sie immer noch nicht da?»
«Nein. Was glaubst du, wo sie ist?»
«Das haben wir doch gesagt. Bei einer Freundin in der Stadt. Wahrscheinlich bleibt sie über Nacht. Sie ist so glücklich, dass sie zur Schule gehen darf. Wir leben hier ganz allein.»
Der Mann nickte.
«Du kommst in den Patio», bestimmte er.
«Darf ich erst die Pferde versorgen?»
«Ja.»
Januão beeilte sich. Es hatte keinen Sinn mehr, die Zeit zu verzögern. Dshirah war in Sicherheit. Als er in den Patio trat, zündete seine Mutter gerade die Öllampen an.
«Wann hast du deine Schwester zuletzt gesehen?», fragte der Polizeioffizier.
«Heute Morgen. Das habe ich doch schon alles erzählt.»
«Erzähl es noch einmal.»
«Wir sind zusammen mit der Herde bis zum Stadtrand geritten. Das machen wir meist so. Von da muss sie laufen. Ich bringe die Pferde auf die Weideplätze.»
«Warum bist du nicht zur Schule gegangen?»
«Ich bin ein guter Schüler. Ich gehe nicht jeden Tag zur Schule.»
«Was für Schuhe hatte deine Schwester an?»
Januão zögerte. Jetzt musste er aufpassen.
«Ihre leichten Lederschuhe, glaube ich. Ja, natürlich. Ihre Sandalen sind doch hier. Sie hat nur das eine Paar Sandalen.»
Er merkte, wie seine Mutter ihn von der Seite sehr aufmerksam beobachtete, aber er schaute sie nicht an.
«Warum trägt sie in der Stadt nie Sandalen», fragte der Offizier.
«Natürlich trägt sie in der Stadt Sandalen, aber …», sagte die Mutter sehr schnell.
Der Polizist unterbrach sie: «Ich habe den Jungen gefragt. Nun!»
«Natürlich trägt sie in der Stadt Sandalen», Januão sprach ruhig, er war jetzt nicht aufgeregt. Dshirah war in Sicherheit, und was er hier zu antworten hatte, wusste er, sie hatten das geübt, die Mutter hatte ihm das Stichwort gegeben.
«Wenn wir bis zur Stadt reiten und auch wieder zurück, zieht sie gern Sandalen an. Aber von der Schule zurück muss sie laufen, und dann will sie immer geschlossene Schuhe haben. Sonst kommen ihr Steine rein. Dshirah stellt sich ein bisschen an. Sie mag auch nur ganz feine Wolle auf der Haut.»
«Der kleine bardische Junge hat gesagt, dass sie nie Sandalen trägt.»
«Die kleine bardische Kröte hat gelogen», mischte sich einer der anderen Polizisten ein. «Der wollte sich nur wichtig machen. Und der Fußabdruck im Sand war doch ziemlich verwischt. Können wir nicht endlich gehen? Es gibt keinen Tee und keinen Kuchen mehr.»
Der Offizier nickte. «Morgen, wenn die Schulen schließen, sind wir wieder hier. Da wird das Kind ja wohl nach Hause kommen. Und wenn es nicht kommt – ja dann, dann stimmt es doch. Dann werden wir es suchen. Ein Kind mit sechs Zehen ist im gesamten Kalifenreich nicht zu verstecken.»
Endlich brachen sie auf und erlösten ihre Pferde.
Es blieben zurück: Januão, sein Vater Tazihlo, seine Mutter Chomina.
«Du weißt, wo sie ist?», fragte die.
Januão nickte. Und er erzählte von Silbãos Schwester und dessen heimlichen Besuchen in En-Wlowa.
«Dshirah in En-Wlowa», flüsterte Chomina. «Wie schlimm ist es dort?»
«Sie wird es überleben», sagte Januão.
«Was machen wir, wenn sie morgen wiederkommen?», überlegte Tazihlo. «Die Polizisten kommen nicht wieder, die nicht. Morgen weiß es der Minister, und der schickt Soldaten. Was können wir tun?»
«Fliehen?», fragte Januão. «Sofort. Nach Afrika. Wir haben alles vorbereitet. Und nach einem Monat, wenn sie die Suche nach Dshirah aufgegeben haben, komme ich zurück und hole sie.»
Aber sein Vater schüttelte den Kopf.
«Wir können jetzt nicht mehr heimlich fliehen. Sie merken ja gleich morgen, dass wir fort sind. Und wir sind nicht mehr irgendwelche Hirten. Sie suchen das Kind mit den sechs Zehen. Und seine Eltern. Und seinen Bruder. Sie haben Brieftauben. Mit denen schicken sie die Nachricht voraus. Wir kommen nicht mehr bis zum Meer und schon gar nicht auf ein Schiff.»
«Und wie willst du zurückkehren?», fragte die Mutter. «Und dann die Pferde an En-Wlowa vorbeipfeifen? Und Silbão brauchst du auch.»
Sie schwiegen so lange, bis die Stille Januão wehtat. Dann fragte Chomina: «Diese Sandalen. Wo hast du die Sandalen? Gib sie mir!»
Januão holte die Sandalen wieder aus der Kiste. Chomina hielt sie unter eine der Öllampen, drehte sie in den Händen, sagte:
«Und wie ist Dshirah hierher gekommen? Am Steg war ein Wächter.»
«Sie ist geritten», erklärte Januão. «sie hat ein frei laufendes Pferd eingefangen und ist durch die Furt geritten.»
«Am Stadtrand laufen keine Pferde herum», zweifelte sein Vater.
«Doch. Wahrscheinlich ist einer der Pferdejungen von Antvaris runtergefallen. Es ist ein Vollblut.»
«Bring es in den Patio», verlangte Tazihlo.
Auch für Januão war es nicht leicht, das fremde Pferd bei dem schwachen Mondlicht in der Herde zu finden. Der Mond war nicht mehr als ein dünner Haken am Himmel, und wenn man die Augen voller Tränen hatte, konnte man nicht viel sehen. Januão wusste nicht mehr weiter. Der Vater hatte recht, sie konnten nicht mehr fliehen. Sie waren verloren. Seine Füße waren schwer. Er stolperte über jeden Stein, und das Einzige, was ihn noch auf den Beinen hielt, war der Auftrag des Vaters. Noch hatte er etwas zu tun. Wenn das auch keinen Sinn mehr hatte, keinen Sinn … Er wischte sich die Tränen aus den Augen und erkannte den Hengst. Der schimmerte heller, auch in dem schwachen Licht. Er ging zu ihm. Wahrscheinlich hielt der Hengst die fremde Stute neben sich. Januão erkannte das Vollblut, es hatte einen helleren Kopf. Er legte der Stute ein Halfter an und führte sie in den Patio, ins Licht. Seine Eltern schauten das Pferd an, tauschten einen Blick.
«Sie ist es», sagte Chomina.
«Wer?», Januão verstand nichts mehr.
«Dshallalalama», erklärte Tazihlo. «Die hat Dshirah nicht herumstreunend gefunden. Niemand außer Zaiira reitet dieses Pferd, und wenn sie wirklich einmal runterfällt, dann bleibt die Stute neben ihr stehen.»
«Glaubst du, Dshirah hat sie gestohlen?», fragte Januão. «Sie hat sie ja dann nur ausgeliehen. Sie war in Not …»
«Niemals», sagte der Vater, «würde sie sich mit nur einem Schuh am Fuß in das Haus eines araminischen Fürsten wagen, wenn nicht …»
Er zögerte.
«Es sind Zaiiras Sandalen», sagte Chomina. «Ich kenne sie. Dieses helle Leder – und es ist hier auf eine Weise geflochten, wie man es selten sieht. Wenn die Polizisten nicht so dumm wären, hätten sie gemerkt, dass dies nicht die Schuhe eines Hirtenkindes sind. Zaiira hat ihr die Schuhe gegeben.»
«Und das Pferd», nickte Tazihlo. «Zaiira und Dshirah sind Freundinnen. Sie treffen sich heimlich. Wir haben es gemerkt und geduldet. Aber wir wissen nicht, wie Zaiiras Eltern dazu stehen.»
«Doch, wir wissen es», widersprach Chomina. «Zaiira kann sich nicht heimlich aus ihrem Haus entfernen wie irgendein Hirtenkind. Ich bin sicher, ihre Eltern dulden diese Freundschaft auch. Wenn uns jemand helfen kann, dann sind es Antvaris.»
«Wie?», fragte Januão.
Sein Vater zuckte die Achseln.
«Ich reite hinüber. Du kommst mit.»
«Wenn ihr mich hier allein zurücklasst, werde ich wahnsinnig», sagte Chomina.
«Du musst bleiben. Wir haben die Herde noch nie allein gelassen. Wir tun es auch jetzt nicht. Du hast die Hunde hier. Und du packst alles für unsere Flucht. Denn gehen müssen wir. Wie auch immer.»
Januão hatte die Sandalen zusammengeschnallt und trug sie am Gürtel. Sie ritten zwei Arbeitspferde und führten Dshallalalama am Halfter. Sie kannten den Weg, und die Pferde liefen sicher, sogar in der Nacht. Im Haus der Antvaris brannten die Öllampen. Auch in den Ställen war Licht. Man öffnete den späten Besuchern sofort. Mitten im Hof stand Zaiira. Sie sah schlimm aus.
«Da ist sie!», rief Sidi Antvari. «Zaiira! Tazihlo hat sie gefunden.»
Aber Zaiira rührte sich nicht. Sie blieb starr und steif und ging keinen Schritt auf ihr Pferd zu. Ihr Vater nahm sie in die Arme, hob sie hoch, trug sie zu ihrer Stute, dabei redete er: «Danke, Tazihlo, du bist unsere Rettung. Zaiira, siehst du, da ist sie wieder. Und wenn du sie noch so gut erzogen hast, eine Stute läuft zu der Herde, wenn da ein Hengst ist. Vielleicht ist sie wirklich noch nicht gedeckt. Und danke, Tazihlo, dass du sie sofort gebracht hast …»
Aber Zaiira starrte nur auf die Sandalen an Januãos Gürtel. Dann verkroch sie sich in den Armen ihres Vaters, weinte und schluchzte, dass ihr ganzer Körper geschüttelt wurde. Ihr Vater hob den Kopf, schaute hilflos, ratlos um sich und sagte: «Was geht hier vor? Was ist hier los?»
Tazihlo fasste seinen Sohn an der Schulter, zog ihn mit sich, als er dicht an Sidi Antvari herantrat und ihm, gerade so laut, dass Januão es hören konnte, zuflüsterte: «Sidi, lass uns von hier fortgehen, bevor die Pferdeburschen merken, dass deine kleine Tochter nicht um ihr Pferd gezittert hat.»
Antvari stellte Zaiira wieder auf ihre Füße, und Januão sagte laut: «Nun hör auf zu weinen, Zaiira. Dshalla ist nichts geschehen. Ich habe sie gründlich untersucht. Sie ist nicht verletzt, überhaupt nicht. Und sei nicht mehr traurig, dass sie dir davongelaufen ist. Das ist doch nicht so schlimm.»
Er schob sie sachte zu ihrem Pferd und leise flüsterte er ihr zu: «Dshirah ist in Sicherheit.»
«Nein», Zaiira musste husten, erst dann konnte man sie verstehen, und sie sprach jetzt laut genug, dass alle sie hören konnten. «Nein, das ist nicht so schlimm. Sie ist ja wieder da. Bringt sie in den Stall.»
«Tazihlo», sagte Antvari, «wir sind dir zu größtem Dank verpflichtet, weil du das Pferd gleich heute Abend gebracht hast. Dies wäre eine schlimme Nacht geworden. Kommt und trinkt noch einen Tee mit uns. Wir brauchen keine Bedienung. Die Siada wird den Tee selber bereiten.»
Erst jetzt entdeckte Januão Zaiiras Mutter. Sie stand abseits, reglos. Ihr Gesicht konnte man nicht sehen. Sie hatte den Schleier bis tief über die Augen gezogen. Sidi Antvari ging voran. Er führte sie in seine Arbeitsräume. Die Siada huschte lautlos neben ihnen durch die Flure und Korridore. Sie war in diesem Flügel des Hauses fremder als Tazihlo, denn hier gingen nur Männer ein und aus. Und Zaiira. Sie war das einzige Kind der Familie, und ihr Vater ließ sie aufwachsen wie einen Sohn. Im Arbeitszimmer setzte sich die Siada abseits auf ein Kissen. Sie nahm den Schleier vom Gesicht, sagte nichts, bereitete auch keinen Tee, saß nur da mit großen, dunklen, erschrockenen Augen. So schaute sie aus einem dunkelroten Gewand heraus, das ihr über die Füße und halb über das noch dunklere Sitzkissen fiel. Obwohl niemand sprach, schien sie noch stiller als die anderen. Zaiira hielt sich dicht neben ihrem Vater. Keiner verlangte Tee.
Sidi Antvari setzte sich. Langsam schob er sich die Kissen zurecht, breitete seinen hellroten Mantel darüber – er machte es sich behaglich, wie man es bei den Araminen gewohnt war. Aber dass er nicht nach Tee verlangte, störte die Gemütlichkeit. Und dass eine Frau im Zimmer war, passte noch weniger zu einem Gespräch in den Arbeitsräumen eines araminischen Fürsten. Und wie diese Frau – dunkelrot mit schwarzen Augen – saß und schaute, das passte zu gar nichts im ganzen Kalifenreich. Araminische Fürstinnen hatten keine Angst.
«Tazihlo», begann Sidi Antvari, «meinen Dank habe ich ausgesprochen. Nun schuldest du mir eine Erklärung.»
Tazihlo nickte, aber er antwortete nicht. Da schnallte Januão die Sandalen vom Gürtel, gab sie Zaiira zurück und fragte: «Was weißt du?»
«Ich habe am Fenster gestanden», sagte Zaiira, «den ganzen Abend. Und ich habe Polizisten gesehen. Zwölf. Sie kamen von euch. Da wohnt doch niemand sonst.»
«Sie kamen von uns», nickte Januão, «aber ich sage dir nicht, was sie wollten. Du sollst sagen, ob du es weißt.»
«Ich weiß es», flüsterte Zaiira.
Und da berichteten sie, Tazihlo, Januão und Zaiira, sie erzählten alles. Danach saßen sie noch genauso im Raum: Zaiira kauerte auf ihrem Kissen und zitterte wie zuvor im Patio, ihr Vater sah noch immer gelassen aus, lehnte scheinbar entspannt an einem kleinen Teetisch, auf dem jedoch der Tee fehlte, und auch die Siada hatte sich nicht verändert, denn noch verschreckter konnte sie nicht aus ihren schwarzen Augen schauen.
«Ihr dürft nicht zu eurem Haus zurück», sagte der Sidi. «Wenn morgen die Soldaten kommen, müsst ihr fort sein. Ich überlege, wo ich euch einige Wochen verbergen könnte, bis es für euch möglich wäre, nach Afrika zu fliehen. Ich habe einige Landgüter in der Ebene und Jagdhäuser im Gebirge.»
«Das darfst du nicht, Herr», sagte Tazihlo. «Sie werden auch die Jagdhäuser in der Sierra untersuchen. Es wäre gefährlich für deine Familie. Sehr!»
Antvari nickte. «Dshirah ist die Einzige, die in Sicherheit ist. Du bist wirklich klug, Januão.»
«Aber sie kommt nie wieder raus!», rief Januão. «Nie!»
«Könnt ihr nicht morgen, gleich früh, alle nach En-Wlowa?», überlegte Antvari.
«Ich nicht», Januão schüttelte den Kopf. «Ich muss die Pferde vorbeipfeifen.»
«Dich könnte ich am ehesten als Pferdeburschen auf einem meiner Gestüte verstecken. Du, Tazihlo, bist am meisten gefährdet. Alle, die mit Halbblutpferden zu tun haben, kennen dein Gesicht.»
«Ihr denkt falsch.»
Das war die leise Stimme der Siada.
Januão schaute sich erst suchend im Zimmer um. Er hatte vergessen, dass da noch jemand war. Und keiner hatte von dieser Frau ein Wort erwartet.
Die Siada sprach leise weiter, ruhig und ohne Zittern in der Stimme: «Wenn ihr jetzt flieht, seid ihr verloren. Sie finden euch. Sie werden suchen, bis sie euch finden. Was wir brauchen, ist ein bardisches Mädchen, das sie für eure Tochter halten und das nur fünf Zehen hat. Davon gibt es schließlich genug.»
«Du meinst, wir sollen irgendein bardisches Mädchen als Tazihlos Tochter ausgeben?», fragte der Sidi. «Gut, ja, das ist gut. Wir haben den Vormittag Zeit, eine bardische Familie zu suchen, die bereit wäre, euch zu helfen. Aber was ist, wenn sie fragen und forschen, wo Dshirah diese Nacht gewesen ist? Es ist doch verdächtig, dass sie nicht nach Hause gekommen ist.»
«Sie werden nicht forschen», sagte die Siada. «Wir erzählen ihnen, Dshirah sei bei der Flucht vor den Jungen über die Dächer geklettert und gestürzt. Ein Spiel mit einem bösen Ende, mehr nicht. Morgen früh, Tazihlo, wird ein Bote aus dem Krankenhaus euch einen Hirtenkittel mit eurem Zeichen bringen und fragen, ob er Dshirah gehört. Wir müssen den Kittel noch heute Nacht in das Krankenhaus schaffen. Und morgen führen wir die Polizisten oder Soldaten, wen immer sie schicken, zu jenem Kind, das ich heute besucht habe.»
Wer sehr genau hinschaute, konnte erkennen, dass Sidi Antvaris Hand jetzt wirklich entspannt auf dem Teetisch lag. Er lächelte und sagte: «Das ist deine Mutter, Zaiira. Es ist nicht das erste Mal, dass sie es ist, die den kühnsten und klügsten Gedanken hat. Sprich weiter, Amira.»
«Ein elfjähriges Mädchen ist heute von einem Baum gefallen. Es hat sich ein Bein gebrochen. Und es hat eine Kopfverletzung, die schlimm aussieht, aber es ist nicht gefährdet. Zu diesem Kind werden morgen die Männer geführt, die nach Dshirah suchen. Tazihlos Frau wird an ihrem Bett sitzen.»
«Und die wirkliche Mutter des Kindes?», unterbrach Antvari.
Die Siada zuckte die Achseln.
«Die müssen wir betrügen, es tut mir leid. Der Arzt könnte ihr sagen, dass sie ihr Kind jetzt nicht besuchen kann, weil er das Bein operieren muss. Nur eine kleine Operation, nur am Bein, nicht am Kopf. Wir wollen die Mutter nicht ängstigen.»
«Aber das Kind selber. Was wird es sagen?»
«Nichts. Es bekommt Opium, tut mir leid. Schmerzmittel geben sie ihm ohnehin. Dann kriegt es eben ein bisschen mehr. Es wird ihm nicht schaden. Der Arzt ist sehr gut.»
«Der – Arzt», begann Tazihlo zögernd, «er ist ein Barde?»
«Er ist Aramine», sagte die Siada, «und das ist gut. Ich weiß nicht, ob wir einen Barden für diesen Plan gewinnen könnten. Ich würde es auch nicht gern tun, denn er wagt viel. Dieser Arzt wird euch helfen. Er ist ein Aramine mit Herz und zerbissener Zunge.»
Januão verstand. Alle hatten verstanden. Bis auf Zaiira. Die starrte ihre Mutter an.
«Hast du keine Angst?», fragte sie. «Warum hast du auf einmal keine Angst?»
Amira lächelte. Sie sah ein wenig traurig aus.
«Meine Tochter kennt mich nicht», sagte sie. «Da habe ich dem Haus Al-Antvari keinen Sohn geboren. Das ist schlimm genug. Nun habe ich eine Tochter, und sie wächst mit ihrem Vater auf wie ein Sohn und kennt mich nicht. Nein, Zaiira, wenn ich weiß, dass es richtig ist, was ich tue, habe ich nie Angst. Und ein Aramine kann nichts Richtigeres tun als seine Zunge zerbeißen.»
‹Ein Aramine mit Herz zerbeißt seine Zunge.›
Alle im Land kannten diesen Satz. Nicht alle wussten, was er bedeutete. Ihren Kindern erzählten die Araminen es nicht gern. Sidi Antvari stand auf.
«Wir müssen es ihr jetzt sagen.»
Zaiira war sehr blass, aber sie hob den Blick und schaute zu ihrem Vater auf.
«Zaiira, deine Familie ist vornehm, aber nicht gut. Die Antvaris gehörten zu jenen Araminen, die vor vierhundert Jahren den Barden ein grausames Unrecht zugefügt haben. Damals hat man den Barden ihre Bücher verbrannt, ihre Sprache und ihre Schrift verboten. Nur sechs von den Sieben Sagen haben sie vorher aufgeschrieben, die haben ihnen gefallen, warum auch immer.»
«Du meinst, die Sieben Sagen sind wirklich bardisch?»
«Wir vermuten es. Aber es ist nicht ratsam, das laut zu behaupten. Vor ungefähr fünfzehn Jahren haben das welche getan. Sie haben es bereut.»
«Aber warum ist die Siebte Sage verloren gegangen?»
«Das ist sie nicht, glauben wir. Mit wir, Zaiira, meine ich jetzt nicht die Araminen in den Gerichtssälen oder an den Schulen. Es gibt ein heimliches Bündnis unter Araminen. Wir nennen es: ‹Ein Aramine mit Herz zerbeißt seine Zunge›. Und wir sind ziemlich sicher, dass die Siebte Sage damals vernichtet wurde, verboten, vernichtet, sie passte nicht in das Reich des Kalifen. Erst seit Kalif Obayan I. sucht man sie. Es war Armei dan Hasud, der gefordert hat, man müsse die Siebte Sage finden, aber es weiß keiner mehr, wovon sie erzählt.»
«Und warum soll ein Aramine mit Herz seine Zunge zerbeißen? Ich kenne den Satz, aber ich habe ihn nie verstanden.»
Ihr Vater schwieg.
«Du musst es ihr jetzt sagen», verlangte ihre Mutter.
Er nickte.
«Weißt du, Zaiira, man kann einem Volk seine Geschichten nicht nehmen. Sie werden weitererzählt, heimlich des Nachts, den Kindern in den Schlaf hinein. Das haben unsere, deine Vorfahren verhindert. Sie haben allen Barden so lange die Zungen herausgeschnitten, bis sie glaubten, dass alles vergessen sei. Nun, sie haben sich geirrt.»
Januão schaute Zaiira an. Sie hockte auf ihrem Kissen, und der Mund war ihr aufgefallen, so weit auf, dass er ihre Zunge sehen konnte. Er sah, wie sie die Zunge tief in den Hals zurückzog, bis sie würgen musste.
‹Ein Aramine mit Herz zerbeißt seine Zunge.›
Von nun an würde sie zu diesen Araminen gehören. Das machte das Lachen und Fröhlichsein sehr viel schwieriger. Sie tat ihm leid.
«Sag ihr alles!», verlangte die Siada.
Sidi Antvaris Hand verkrampfte sich am Rand des Tisches, auf dem immer noch kein Tee stand.
«Das muss nicht sein.»
«Doch», beharrte die Siada, «sie ist jetzt zwölf.»
Antvari nickte.
«Du musst nicht erschrecken, Zaiira, mehr wissen wir gar nicht. Armei dan Hasud schrieb vor ungefähr 250 Jahren sein berühmtes Buch über das Vergessen. Er wollte damit einen Schlussstrich ziehen unter alles, was gewesen war. Immerhin leben wir seitdem mit den Barden in Frieden und Gerechtigkeit. Das Seltsame ist nur – wir können nicht vergessen. Es gibt viele Araminen, die einfach nicht vergessen können, was sie den Barden angetan haben. Fällt das Vergessen den Barden leichter?»
Er warf Tazihlo einen zögernden Blick zu. Der wich ihm aus.
«Und, Zaiira», fuhr Sidi Antvari fort, «das Schlimmste ist: wir haben doch etwas vergessen. Und wir wissen nicht was. Wir haben es so gründlich vergessen, dass wir nicht einmal mehr wissen, was damals geschehen ist. Übrig geblieben ist ein quälendes Nicht-Wissen, ein zermürbendes Ahnen. Es muss da noch etwas gewesen sein, ein grausames Verbrechen, das die Araminen an den Barden begangen haben.»
«Schlimmer als das Herausschneiden der Zungen?», würgte Zaiira.
Ihr Vater zuckte die Achseln.
«Wir wissen es nicht.»
Die Siada stand auf.
«Ihr reitet jetzt zurück und holt ein Hirtenhemd von Dshirah», bestimmte sie. «Ihr gebt es nicht im Pferdehof ab, sondern bringt es zur Straße, wir erwarten euch. Ich schreibe inzwischen den Brief an den Arzt.»
«Und ich», sagte der Sidi, «bringe beides zum Krankenhaus. Niemand außer uns wird davon wissen.»
Mitten in Januão, in seinem Bauch, erklang ein kleines fröhliches Lied. Er lauschte und vergaß das Schauen. Kaum nahm er wahr, wie sein Vater dankte und sich verabschiedete. Er hätte jetzt gar zu gern Flöte gespielt. So stolperte er neben seinem Vater hinaus.
Zaiira blieb zurück und würgte an ihrer Zunge.

Geheimnisse
Dshirah schaute auf die badenden Frauen im Bach. Sie krampfte die Zehen in ihren Schuhen zusammen, als könnte sie dadurch einen wegdrücken. Sie wollte sich so gern waschen, aber sie blickte zu Una hinauf und sagte: «Ich kann nicht. Ich will das nicht. Ich kann meine …»
Fast hätte sie gesagt ‹Schuhe›, das durfte sie nicht, oh, das durfte sie nicht.
«… ich will meine Kleider nicht ausziehen.»
Una schaute auf die leere Stelle an Dshirahs linker Schulter.
«Was für ein Zeichen hast du da gehabt?», fragte sie. «Nun, das ist deine Sache. Ich will es nicht wissen.»
Sie trat an den Bach und sah sich die Frauen genauer an.
«Die Shenja und ihr Pack sind nicht da», stellte sie fest. «Ich glaube, ich kann dich ein paar Augenblicke lang allein lassen. Hör zu: Wer niemanden hat, der auf seine Kleider und seine Schale aufpasst, badet mit allem seinem Besitz. Wir haben ja sonst nichts. Ich bleibe in der Nähe. Wenn dich eine angreift, bin ich da. Geh nicht weiter den Bach hinunter. Für alle die da bist du nun ein schutzloses Kind. Und eil dich. Nur reinigen. Nicht planschen.»
Dshirah atmete auf. So einfach war das.
Das Wasser war kühl. Und da es in En-Wlowa unter der Erde floss und erst hier an die Oberfläche kam, war es sauber. Dshirah fühlte, wie es ihren Körper reinigte, den Schmutz davontrug, nein, sie hatte keine Lust zum Planschen. Sie dachte an das Spiel von gestern in dem bunten, gefliesten Bachbett mitten in der Stadt. Gestern? War das gestern? Silbão und die Jungen, Kirr, der kleine Barde, der sie verraten hatte – oh, hätte sie doch nie mit den Jungen gespielt, nie und schon gar nicht gestern – war das wirklich gestern? Es war seitdem mehr geschehen als in ihrem ganzen Leben. Ihr Herz wurde schwer wie ein Stein, und wenn sie noch lange an gestern dachte, würde der Stein in dem Wasser auf den Grund sinken. Sie schaute den Bach hinunter. Es ging nur sacht abwärts. Wo das Wasser En-Wlowa verließ, war ein Gitter in der Mauer, das bis in den Boden reichte. Dshirah merkte, dass alle Frauen aufgehört hatten, sich zu waschen, und sie anstarrten. Sie sprang aus dem Bach, schüttelte sich wie ein nasser Hund, wie Run, Lont und Moia es immer taten, wenn sie aus dem Fluss kamen, und quer durch ihre Angst schoss der Gedanke: Warum gibt es hier keine Hunde?
Sie lief zu Una, die verborgen hinter einer Ecke stand. Die nassen Kleider waren nicht unangenehm, denn die Sonne stand jetzt hoch am Himmel, aber die Blicke der Frauen stachen in ihren Rücken. Dshirah hatte viele Fragen, und doch fiel ihr nichts ein als: «Warum gibt es hier keine Hunde?»
Sie gingen nebeneinander her.
«Hast du Hunde gern?», fragte Una.
Dshirah nickte. «Wir haben drei Hunde, die brauchen wir …»
«Das will ich nicht wissen», unterbrach Una. «Manchmal kommen welche und fragen einen aus. Die meisten kümmern sich um nichts, aber manche glauben, es könnte ihnen was nützen, Geheimnisse herauszupressen. Ich glaube, es wäre dir nicht recht, wenn sie erfahren, wer du bist und warum du hier bist.»
Dshirah schüttelte heftig den Kopf.
«Und von den Hunden sag ich dir auch nichts», fuhr Una fort. «Weil du Hunde magst. Da sag ich dir nichts.»
Vom nächsten Tag an bekam Dshirah etwas zu essen. Und sie gehörte zu den Sattesten im Lager, denn allen wurde ungefähr die gleiche Menge Brei in die Schale gegeben. Das war für ein elfjähriges Mädchen genug. Am hungrigsten waren die jungen Männer, die gern das Vierfache gegessen hätten.
«Das wollen sie so», erklärte Una. «Sie wollen, dass die jungen Männer schwach sind und sich kaum auf den Beinen halten können.»
Dshirah schlief jetzt unter Decken, die alte Lumpen, aber gar nicht so unangenehm waren, denn Una wusch sie im Bach. Sie lag zwischen Una und Juja und hatte es warm und hätte gut schlafen können, wenn sie nicht immer hätte denken müssen: Januão hat jetzt die Pferde versorgt, die Hunde liegen vor den Ställen, die Mutter packt heimlich unsere Sachen für Afrika, und Zaiira hat heute Dshallalalama geritten und die ganze Zeit an mich gedacht.
Gleich am Morgen musste sie dann wieder Juja versichern, Abdalameh gehe es gut. Juja fragte mehrmals täglich. Sie verstand nie, dass Dshirah schon längst keine Neuigkeiten mehr mitteilen konnte. Una und Juja gingen immer zusammen zum Baden, damit sie sich gegenseitig Kleider und Schalen halten konnten. Dshirah wäre gern mitgegangen, aber Una schüttelte den Kopf.
«Bleib du hier», verlangte sie. «Wir haben auch unsere Geheimnisse.» Allein im Verschlag hatte Dshirah Angst. Dann verkroch sie sich unter den Decken. Da war es heiß und stickig.
Zum Essenholen ging sie niemals allein. Sie stand immer mit Una und Juja in der Schlange vor dem Brunnen. Manchmal kamen ihnen Kinder entgegen. Mit denen tauschte Dshirah dann einen Blick, aber stehen blieb sie nicht. Sie versuchte immer zu zählen, wie viele Kinder es gab, doch die sahen alle gleich aus. Una, Juja und Dshirah wurden von niemandem gegrüßt, nur die freundliche Frau, die Dshirah an ihrem ersten Morgen hier geholfen hatte, nickte ihr zu.
Es begegneten ihnen Menschen, wie Dshirah noch keine gesehen hatte.
«Die haben die Pocken gehabt», erklärte Una. «Schau sie dir nur an. Das ist eine gar nicht so seltene Krankheit. Wer sie überlebt, hat solch ein zerstörtes Gesicht.»
«Ist das ansteckend?», fragte Dshirah. «Wie Husten?»
Una lachte.
«Du kennst nichts Schlimmeres als Husten, ja? In der Hauptstadt des Kalifen gibt es keine Kranken. Wer krank wird oder hässlich durch Pocken, verschwindet.»
«Wohin? Kommen die alle nach En-Wlowa?»
Hässliche Leute gab es hier genug.
«Nein», sagte Una. «Es gibt in den Bergen Häuser für die Kranken. Da werden sie gut versorgt. Aber sie dürfen nicht zurück in die Stadt. Wer trotzdem geht, ist dann bald hier. Die einzigen hässlichen Menschen, die sich im Reich des Kalifen sehen lassen dürfen, sind die Sänger im Frauenpalast.»
«Warum?», fragte Dshirah und bekam keine Antwort.
Mitten auf der Gasse lag einer und schlief. Er hatte viele Fliegen im Gesicht. Dshirah schaute zu ihm zurück, aber Una zog sie weiter. Dshirah schwieg, bis sie den Platz erreichten.
«Warum ist die Statue von Armei dan Hasud dreckig?», fragte sie. «Warum kommt niemand und hält sie sauber?»
«Die Leute hier mögen Armei dan Hasud nicht besonders», sagte Una.
«Aber man muss ihn grüßen», verlangte Dshirah.
Da war es Una, die fragte: «Warum?»
«Weil – weil er der klügste Mann aller Zeiten war.»
«Das war er», nickte Una, «und der dümmste.»
Dshirah starrte sie entsetzt an.
«Glaub mir, Dshirah», sagte Una, «Klugheit schützt nicht vor Dummheit. Merk dir das.»
Und jeden Tag holten sie frische Blüten, umsummt von den Fliegen, an der Blumenmauer. Juja saß den größten Teil des Tages im Schatten und färbte Kleider, denn die Farbe verblasste immer schnell in der Sonne. Sie wollte auch Dshirahs Hemd färben, aber Una verbot es. «Die Farbe hält nicht im Wasser», sagte sie. «Du kannst dich dann nicht mehr mit dem Hemd waschen.» Aus Stoffen, die sie immer mal wieder hingeworfen bekamen, nähte Una neue Hemden. Sie hatte nur ihre kurze Nadel. Die Fäden musste sie aus den Stoffen herausziehen. Messer oder Scheren gab es nicht. Sie bissen mit den Schneidezähnen so lange auf den Stoffen herum, bis man sie reißen konnte. So vergingen die Tage.
Dshirah hatte ein kleines Stück Holz gefunden und malte damit Zeichen in den Dreck.
«Was malst du da?», fragte Una. «Das kenne ich nicht.»
«Mein Vater hat es mir gezeigt. Es ist ein altes bardisches Zeichen. Es ist noch älter als unsere Schrift. Ich glaube, es bedeutet ‹Leben›.»
«Kannst du noch mehr?»
«Nein oder vielleicht. Mein Vater hat mir noch mehr gezeigt, aber ich habe alles vergessen.»
Una hockte sich neben sie.
«Das möchte ich lernen», murmelte sie.
«Warum?», fragte Dshirah.
«Ja, warum?» Una zog mit dem Stock die Linien nach. «Das sollte ich vergessen.»
Das Baden wurde täglich schwieriger. Zu viele wussten inzwischen, dass Dshirah von Una begleitet wurde und es also keineswegs nötig hatte, mit Kleidern ins Wasser zu gehen. Und so kam der Morgen, an dem Shenja und ihr Pack im Bach saßen und sofort aufsprangen, als Dshirah vorsichtig aus dem Schatten einer Hauswand trat. Sie hatten auf sie gelauert. Dshirah floh zurück zu Una.
«Da ist Shenja», keuchte sie, «ich glaube, das ist Shenja.»
Und schon waren sie von nackten Frauen umstellt, die böse grinsten.
«Heute zieht sie das aus», sagte Shenja. «Kleider werden weiter unten gewaschen. Sie verdreckt uns das Wasser mit ihrem fleckigen Hemd.»
Die anderen nickten, grinsten, kamen näher. Una nahm Dshirah in die Arme.
«Lass sie los!», verlangte Shenja. «Wir ziehen sie aus. Wir nehmen ihr nichts weg.»
«Ihr rührt das Kind nicht an», sagte Una langsam und sehr deutlich.
«Gut», nickte Shenja, «zieh du sie aus. Wir wollen nichts von ihr. Wir wollen nur wissen, ob sie auch so eine ist wie du und Juja.»
«Bedeckt euch!», forderte Una. «Ich rede nicht mit nackten Frauen.»
Einige lachten, aber verstummten, als Una sie anschaute, einer nach der anderen lange und gerade in die Augen schaute. So gingen sie, schlüpften in ihre Kittel, hüllten sich in ein Tuch. Aber immer blieben so viele zurück, dass sie ihren engen Kreis um die beiden schließen konnten. Una fasste Dshirah an den Schultern, drehte sie den Frauen zu, sagte: «Sie ist keine von denen. Sie trägt einen gewöhnlichen Kittel, und das Zeichen ihrer Klasse ist abgerissen.»
«Jeder kann so ein Hemd anziehen», sagte Shenja. «So ein Kittel geht von einem zum anderen. Das Zeichen aber bleibt immer bei dem, der es hat. Wir wollen es sehen.»
«Es gibt nichts zu sehen.»
«Dann wollen wir sehen, dass es nichts zu sehen gibt.»
Unas Hände lagen fest auf Dshirahs zitternden Schultern.
«Los!» Shenja trat vor. «Sonst mache ich das.»
Unas Hände streichelten Dshirahs Oberarme. Ihre Daumen glitten unter den Stoff auf den Schultern, hoben ihn hoch –
Nein! Dshirah schrie nicht. Sie stand vollkommen stumm und steif und still. Aber in ihr schrie es: Nein! Und: Weg! Fort von diesen neugierigen Blicken, grinsenden Mündern. Fort! Wohin? Konnte sie sich ducken und zwischen zwei mageren Frauenhüften aus dem Kreis brechen? Und dann fliehen? Wohin? Weg von Una, der einzigen Hilfe, die sie in diesem Gefängnis hatte? Hätte sie Una alles erzählen sollen? Die wollte ihr nichts Böses. Die würde sie nicht ausziehen vor diesen Frauen, wenn sie wüsste, dass –
Sie hätte ihr alles erzählen sollen. Es war zu spät.
«Komm», flüsterte Una ihr zu, «heb die Arme. Komm. Sie gehen dann gleich fort.»
Dshirah presste die Arme an den Körper. Es war ja nicht das Hemd, das ihr Geheimnis verbarg. Aber wenn sie das Hemd ausgezogen hatte, konnte sie nicht mehr fliehen.
«Nun!?», lauerte Shenja.
Unas Hände waren so ruhig und so warm. Dshirah schmiegte sich in diese lieben, freundlichen Hände und Arme, die so gut zu ihr waren, die ihr immer geholfen hatten. Ihre Arme lösten sich vom Körper. Una zog ihr den Kittel über den Kopf.
Und dann – stand sie da, sah, wie Shenja enttäuscht die Achseln zuckte und verlangte: «Dreh sie um!»
Una drehte sie um, und Dshirah vergrub sofort das Gesicht in ihrer Brust. Wie aus weiter Ferne hörte sie: «Also nichts.»
Und Una sagte: «Was hättet ihr denn mit ihr gemacht?»
«Nichts. Wir wollten es nur wissen.»
Una schob Dshirah etwas von sich und ließ ihr den Kittel wieder über den Körper gleiten. Und Dshirah spürte, wie sich die lauernden Blicke von ihrem Rücken entfernten.
Gingen die fort? Ohne ihr die Schuhe …?
Sie zitterte, weinte, heulte, schluchzte, bis es Unas Händen gelang, sie ruhig zu streicheln.
«Ich weiß es doch», sagte sie, «ich habe es doch längst gemerkt. Du verbirgst nicht deinen Körper. Du versteckst deine Füße.»
Dshirah wäre am liebsten sofort zurück in den Verschlag gegangen, aber Una bestand darauf, dass sie erst badete.
«Denn dazu sind wir hergekommen. Das musst du nun auch tun. Sonst denken sie, wir hätten noch ein Geheimnis. Und …», sie lächelte, «wir haben gar keins. Es ist jetzt kein Geheimnis mehr. Nicht zwischen uns.»
Patschnass war Dshirah nach dem Bad, aber sie trocknete schnell, denn die Wärme kam jetzt nicht nur von außen. In ihr strahlte es warm, als sie an Unas Hand durch die Gassen ging.
«Wie hast du es gemerkt?», fragte sie. «Und wann?»
«So nach und nach. Wenn man dich immer um sich hat, merkt man, was du verbirgst. Wenn man gut aufpasst, meine ich. Hab keine Sorge, die anderen wissen es nicht.»
«Und Juja?»
«Juja weiß nichts und sollte nichts wissen. Sie ist so lieb, aber man kann niemals vorhersehen, was sie tut. Das bisschen Verstand, das sie noch hatte, als sie kam, hat sie hier gänzlich verloren. Nun sag, wie es weitergehen soll mit dir. Du hältst dich hier verborgen, weil der Kalif dich suchen lässt?»
«Ja. Ich muss bleiben, bis sie aufgeben. Dann holt Silbão mich hier raus, und ich gehe mit meinen Eltern und meinem Bruder nach Afrika.»
«Da ist schon so manches bardische Kind mit solchen Füßen untergetaucht», sagte Una. «Es sind diese Füße in deinem Volk ja gar nicht so selten. Hier bist du sicher. Aber – haben sie einen Verdacht? Suchen sie einfach nur nach einem Kind mit sechs Zehen oder wissen sie, wer deine Eltern sind?»
Dshirah nickte. Unas Finger, die Dshirahs Hand so leicht und doch so fest gehalten hatten, fühlten sich wie harte Klammern an, der ganze Arm wurde steif, und als sie die Hütte erreichten, blieb Una stehen und trat nicht in den Verschlag.
«Brun», sagte sie, «der Junge, der geflohen ist, als du reinkamst, Brun, er ist durchgekommen, ja?»
Dshirah nickte.
«Auch das noch», murmelte Una und bückte sich, denn die Tür war niedrig, «hoffentlich holt Silbão dich bald.»
In der Nacht, als sie zwischen Una und Juja lag, fiel Dshirah ein, was Shenja und die anderen Frauen an ihrem Körper gesucht hatten. Das Zeichen! Alle, die zum Haus des Kalifen gehörten, hatten das Sternbild des Löwen auf den Körper tätowiert. Juja musste es haben – und Una hatte es also auch.
In den nächsten Wochen ließ Shenja sie in Ruhe.
«Die sind wahrscheinlich gar nicht wirklich böse», überlegte Una. «Sie sind nur – nichts. Und dieses Nichts füllt sich hier mit En-Wlowa. Mit dem Dreck und dem Gestank. Das ist ein Teil von ihnen, und sie leiden nicht darunter. Sie weinen nicht um einen Abdalameh. Vielleicht haben sie längst aufgehört, ihre Kinder, ihre Freunde zu vermissen. Sie leiden nicht, also langweilen sie sich. Es geht ihnen schlechter als uns. Leiden ist ein Schmerz. Langeweile ist ein kitzelndes Jucken. Wahrscheinlich können sie an alles, was da draußen ist, nicht einmal mehr denken. Ich muss mich immer wieder mal an den Dorfrand setzen und auf die Mauer schauen. Die Blumen sind so schön.»
Sie gingen nun zusammen zum Baden, und Dshirah durfte mal mit Juja, mal mit Una planschen. Da sah sie denn auch das Sternbild des Löwen tätowiert auf Jujas linker und Unas rechter Schulter. Juja war nur eine unbedeutende Nebenfrau des Kalifen gewesen, Una musste etwas Höheres gewesen sein. Eine Verwandte? Oder im Frauenpalast von Hisham III. eine Dame hohen Ansehens?
Einmal kam, als sie mit Una badete, ein Gruppe junger Männer in den Bach gesprungen. Die Frauen flohen kreischend. Sofort waren andere Männer da, Dshirah hatte nicht gemerkt, woher sie so schnell kamen. Die vertrieben die Störer.
«Wer solche Dienste leistet, kriegt mehr zu essen», erklärte Una.
«Müssen wir keine Angst vor Mördern haben?», fragte Dshirah. «Es gibt hier doch Mörder?»
«Vielleicht. Wahrscheinlich. Aber ich glaube, es gibt hier mehr ehrliche Menschen als Verbrecher. Außerdem gibt es keine Waffen. Auch alle größeren Steine wurden eingesammelt. Morden kann man hier nur mit bloßen Händen. Das schaffen höchstens kräftige Männer. Die Männer hier sind aber nicht kräftig. Der Brei nährt die Frauen besser. Dies ist der einzige Ort im ganzen Kalifenreich, wo Frauen stärker sind als Männer.»
Und dann kam ein Regentag. Das war schlimm. Am Abend zuvor hatte es ein kurzes, heftiges Gewitter gegeben, und es regnete die ganze Nacht. Am Morgen war der Staub in den Gassen zu einem zähen Matsch geworden. Dshirah wollte mit Juja und Una zum Brunnen und weiter zum Platz gehen, um den Brei abzuholen, aber als sie spürte, wie der Matsch sich an ihren Schuhen festsaugte und daran zog, blieb sie stehen. Sie bückte sich, fühlte das Leder der Schuhe, prüfte die Bänder. Der rechte Schuh saß fest wie immer, aber der linke –
«Una», flüsterte sie, «das Band reißt ab. Da ist ein Riss im Schuh.»
Una führte sie zurück in die Hütte.
«Bleib hier», sagte sie. «Leg dich hin. Wenn jemand kommt, tust du, als wärst du krank. Wir holen den Brei und teilen ihn mit dir.»
«Immer?», fragte Dshirah. «Immer, wenn es regnet?»
«Du wirst die Regenzeit hier nicht erleben», tröstete Una. «Dann bist du längst da, wo es noch weniger regnet.»
Eines konnte Dshirah sich nicht abgewöhnen: beim Gang über den Platz die Statue des Armei dan Hasud zu grüßen. Dann wurde Una manchmal etwas unwillig und zog sie weiter, riss an ihrem Arm, fast ein wenig grob, und einmal sagte sie: «Du solltest dir das abgewöhnen.»
«Ist es gefährlich?», fragte Dshirah.
«Nein, nur dumm.»
«Aber ich verstehe das nicht.»
Una schüttelte den Kopf.
«Natürlich nicht. Wie dumm dieses Buch über das Vergessen ist, das der kluge Mann da geschrieben hat, kannst du wohl noch nicht verstehen. Aber, Dshirah, er ist doch schuld an deinem ganzen Elend.»
Das verstand Dshirah erst recht nicht.
«Hasud hat alles geregelt», erklärte Una, «und auch die Kalifen müssen sich an die Gesetze halten.»
«Das ist doch gut», unterbrach Dshirah.
«Ja, das ist gut. Aber es gibt ein Loch in diesem Gesetzbuch. Sie wissen nicht, wie sie ihre Verbrecher loswerden sollen. Köpfen, wie es bei den Araminen immer Brauch war? Oder hängen, wie die Barden das gemacht haben? Hasud hat das nicht festgelegt. Niemand in diesem Land will etwas mit Tod zu tun haben, und niemand will an so etwas schuld sein. Da schicken sie lieber alle nach En-Wlowa und machen ein Loch in die Mauer. Auf der Flucht erschießen geht schnell, niemand hat ein Todesurteil gesprochen, und der Flüchtende ist selber schuld.»
Dshirah schaute in das stille, friedliche Gesicht des steinernen Weisen. Es war fleckig. Jemand hatte es mit Dreck beworfen.
«Er hat es gut gemeint», fuhr Una fort, «ja, und dann hat er diese Sieben Sagen wieder bekannt gemacht. Weil die Sechste Sage genau mit der Frage endet, die er nicht beantworten wollte: Wie tötet das Gesetz die Verbrecher? Und, Dshirah, Armei dan Hasud kann alles mit seinem klugen Verstand erklären, er hat uns beigebracht, nur an das zu glauben, was wir mit eigenen Augen sehen können, aber wenn es um das Dshinnu geht, ist er ein Träumer, ein – Spinner! Das ist doch alles Unsinn mit dem Dshinnu in der goldenen Wiege oder mit den sieben Nächten, in denen das Dshinnu die Siebte Sage träumen soll! Du bist ein ganz gewöhnliches Kind.»
«Ja!», rief Dshirah. «Ich will ein ganz gewöhnliches Kind sein, das seine Mutter lieb hat und seinen Vater und seinen Bruder. Und meine Freundin. Und meine Hunde und meine Pferde und – dich!»
Sie warf sich in Unas Arme, aber am nächsten Tag grüßte sie den alten Weisen wieder. Er hatte von allen Menschen in En-Wlowa das friedlichste Gesicht.
Tage – oder Wochen – geschah nichts. Dshirah konnte nichts tun als warten und denken und denken und denken und denken. Sie drückte sich eng an Una. Dann konnte sie immer für eine halbe Stunde aufhören, an ihre Mutter zu denken. Manchmal setzte sie sich in den Schatten und dachte nur darüber nach, an was sie denken könnte. Es sollte etwas sein, das nicht wehtat. Aber alles, was ihr einfiel, tat weh: Zaiira und die Mutter, Januão und der Vater, die Pferde und die Hunde … Sie überlegte, warum es hier keine Hunde gab, sie fragte, erhielt keine Antwort, fragte wieder, fragte nicht mehr, als sie beobachtete, wie ein Mann Fliegen erschlug und aß.
Und dann wurde etwas anders.
Es waren zuerst nur Geräusche, die es vorher nicht gegeben hatte. Sie waren außerhalb der Blumenmauer, im Süden, an der Seite zum Hügel, Stimmen, Männerstimmen, sie kamen jeden Tag wieder. Man hörte auch Hämmern und Klopfen. Manche im Lager zeigten so etwas wie Hoffnung oder gar Freude. Sie hatten keinen Grund zur Freude. Aber konnte nicht alles, was ein bisschen anders wurde, etwas besser machen? Viele aber hatten Angst. Una wirkte besorgt.
«Sie machen dort hoffentlich nichts, was Silbão stören könnte», sagte sie. «Er sollte jetzt kommen und dich herausholen.»
«Silbão?» Juja schaute auf und lachte. «Er kommt bald.»
Viele kletterten auf die Dächer, aber sie konnten nicht über die Mauer schauen. Beim Essenholen sprach sich herum, dass eine Frau entschieden hatte, durch das Loch in der Mauer zu kriechen. Sie wollte nicht fliehen. Sie wollte nur, verborgen hinter den Blumen, ein Stück auf die Geräusche zugehen und sehen, was die Männer da machten. Man warnte sie:
«Du wirst ohnmächtig in den Blumen.»
«Die Fliegen bringen dich um.»
Aber sie versuchte es. Am Nachmittag verschwand sie in dem Blumenschleier an der Innenseite. Es war voll am Dorfrand. Una, Juja und Dshirah konnten nicht viel sehen, denn sie standen ganz hinten. Die Frau war bald zurück. Una hob Dshirah hoch, und Dshirah sah die Frau taumeln. Man hörte sie schreien, dann stürzte sie. Dshirah hatte nicht verstanden, was sie geschrien hatte. Sie reckte sich hoch in Unas Armen, versuchte zu sehen, zu hören. Aber da stellte Una sie grob auf die Füße, griff nach ihrer Hand und auch nach Jujas, zog beide fort, hinein ins Dorf. Es war eine Flucht. Aber es war zu spät. Hinter ihnen schrien jetzt die anderen, und die konnte man verstehen. Dshirah zappelte und schrie auch. «Una! Sie haben – sie haben –» Una drückte ihren Kopf fest gegen ihren Hals und flüsterte ihr zu: «Sag es Juja nicht. Sag es wenigstens Juja nicht.»
Es gab kein Loch mehr in der Mauer. Jetzt war Dshirah wirklich im Gefängnis.
Sie konnte nicht schlafen in der Nacht. Una auch nicht. Sie flüsterten miteinander, während Juja lächelte und wahrscheinlich von ihrem Kind träumte. Juja war die Einzige in En- Wlowa, die noch nicht wusste, dass es kein Loch mehr in der Mauer gab.
«Nicht verzweifeln», flüsterte Una Dshirah zu. «Das ist es nicht, was die Männerstimmen da gemacht haben, nicht nur das. Sie haben nicht nur das Loch zugemacht. Wir hören doch die Stimmen an einer anderen Stelle, viel weiter östlich, viel.»
«Und was glaubst du, was sie da machen?», fragte Dshirah.
Sie bekam keine Antwort. Una streichelte über ihren Kopf und fing an zu singen, wie sie Juja oft beruhigte, nur leiser.
Und am nächsten Tag vergaß sie eben dieses Singen.
Es war noch in den Morgenstunden. Da sahen sie, dass an der Südseite außerhalb der Mauer Balken aufgerichtet wurden, die hoch über die Blumen ragten. Dshirahs Blick hing voller Angst und Fragen an Unas Gesicht. Und sie sah in Unas Augen ein unruhiges Flackern. Da waren vielleicht weniger Fragen, aber genauso viel Angst.
«Silbão?», fragte Juja. Sie flüsterte: «Er kommt nicht.» Und sie schrie: «Nie wieder!»
Sie sank in sich zusammen und sang: «Abdalameh, Abdalameh.»
Una starrte auf das Gerüst im Süden, und Jujas Stimme glitt in den Totengesang.
Auf der Mauer stand ein Mann. Er schlug mit einem großen Messer, fast ein Schwert, auf die Blumen ein. Sie fielen hinab nach En-Wlowa, lange Girlanden aus riesigen Blüten. Jujas Lied zerbrach in Schluchzer. Una schwieg noch immer.
Und die anderen? Die vielen anderen? Sie schrien oder lachten oder fluchten oder tanzten oder zitterten – und keiner wusste warum.
An diesem Tag geschah nichts mehr. Sie hatten also noch eine Nacht, voller Grübeln, voller Angst – ohne Schlaf. Und eine kleine, verrückte, vollkommen sinnlose Hoffnung war auch dabei. Dshirah kuschelte sich an Una und träumte, sie läge wieder in den Armen ihrer Mutter.

Glückstag
Und dann begann: der Glückstag.
Früh aufgestanden war Dshirah ja schon immer. Die tief am Horizont stehende Morgensonne war eine Vertraute, eine Freundin, die eben jetzt in diesem Wimpernschlag auch das kleine weiße Haus in der Ebene erhellte und den Patio und den Hof mit den Pferden, die Januão gerade mit seiner Flöte … Hörte sie ihn? Sie stand zwischen Juja und Una in der Schlange am Brunnen, die Schale in der Hand, und dachte: Wenn der Wind nicht so ein träger Klepper wäre, wenn der Wind so flink wäre wie das Licht, dann könnte ich jetzt meinen Bruder hören, wenn –
Sie unterdrückte alle übrigen Wenns, denn vom Dorfinneren brachte der Wind andere Töne: Schreie, schrill und wütend.
Una, Juja und Dshirah waren immer kurz nach Sonnenaufgang, aber niemals als Erste am Brunnen. Auch waren sie heute – kampflos – zurückgetreten, als Shenja und ihre Truppe kamen, die sonst, an gewöhnlichen Tagen, viel länger schliefen. Dies war kein gewöhnlicher Tag. Noch traten welche von den Gefangenen, grau und mager, an das Wasser, hielten ihre Schale unter den Strahl, spülten sie aus, wenn sie noch Gewohnheiten ihres früheren Lebens in sich hatten, tranken aus dem staubigen Gefäß, wenn sie schon gar zu lange hier waren, und gingen mit halb gefüllter Schale weiter zum Platz. Von dort kam das Geschrei. Da lief eine Bewegung durch die knochige Reihe vor dem Brunnen, ein Zucken durch die schmerzenden Wirbel dieser alten, ergrauten Schlange, in der Jujas scheckiges Blau der einzige farbige Fleck war. Una – was erwartete sie? – versuchte Dshirah zu verbergen. Das Schreien kam näher, Frauenstimmen schrill: «Nichts! Nichts!», Männerstimmen hohl, dumpf: «Leer! Leer!»
Dshirah drückte sich an Una. Durch die Lücke zwischen zwei schmutzigen Kitteln vor ihr sah sie Shenja. Die trat zum Brunnen und hob ihre Schale – leer, kein Wasser, kein Brei.
«Trinkt!», schrie sie. «Füllt euch mit Wasser. Es gibt sonst nichts. Es ist niemand in der Bude. Sie lassen uns hungern, verhungern, und …», sie schob die beiden schmutzigen Kittel vor Dshirah mit leichtem Druck auseinander, zwei Männer taumelten zu Seite, «… und die da ist schuld.»
Rasch drückte Una Dshirah hinter sich und fragte: «Was habe ich getan?»
Shenja lachte, ein kurzes, bitteres, hungriges Lachen.
«Nicht du. Das Kind. Wir wissen es doch alle. Es ist was mit diesem Kind.»
Sie trat so dicht an Una heran, dass auch Dshirah ihren erhitzten Körper spürte.
«Wir tun dem Kind nichts, wenn du uns sagst, warum es immer mit seinen Kleidern badet.»
«Es hat etwas, das ihr nicht kennt: ein Schamgefühl.»
«Das die Frauen des Kalifen auch nicht kennen», keifte Shenja, «denn zwei baden hier nackt mit dem Zeichen auf der Schulter.»
Es sammelten sich mehr um Shenja, jeden Herzschlag mehr. Auch Männer. Juja fing leise an zu weinen. Wahrscheinlich weinte Dshirah auch, aber sie hatte zu viel Angst, um die Tränen zu fühlen.
«Sie hat recht», sagte ein Mann, «es ist was mit dem Kind.» Er fasste mit einer Hand Unas Arm und zog mit der anderen Dshirah hinter dem schützenden Rücken hervor. Shenja hielt Una ihre Finger unter die Nase.
«Guck!», kreischte sie. «Seit drei Wochen habe ich meine Nägel nicht gebissen, damit ich dem Kind das Gesicht kratzen kann. Dann sagt es uns selber, was sein Geheimnis ist.»
Ein lautes Krachen rettete Dshirah vor Shenjas Krallen. Es kam von der Mauer, und sofort rannte, wer laufen konnte, dahin. Zurück blieben ein paar lahme Alte. Ein Mann, der sich auf einen anderen Alten stützte, streckte den Arm nach Dshirah aus.
«Vielleicht befreist du uns ja», nuschelte er und lächelte. Als er versuchte, auf Dshirah zuzugehen, wäre er gestürzt, hätte Una ihn nicht gehalten.
«Danke», sagte er mit seinem fast zahnlosen Mund und einem sehr freundlichen Blick. «Es gibt gute Menschen, und solange es gute Menschen gibt, ist Hoffnung.»
«Es ist Hoffnung!», jubelte Juja. «Es ist Silbão, der kommt.» Die beiden Alten humpelten zum Brunnen, tranken aus ihren schmutzigen Schalen, der kräftigere, der gehen konnte, füllte sie halb mit Wasser und schleppte den anderen mit sich durch die Gasse zum Platz, wo es bis heute immer den Brei gegeben hatte. Die Schalen balancierten sie mühselig einer in der rechten, der andere in der linken Hand. Da krachte es wieder an der Mauer.
«Wo versteck ich dich?», murmelte Una.
«Musst du mich verstecken?», fragte Dshirah.
Una zuckte die Achseln. «Wir schauen das an. Wir müssen das wissen. Man muss wissen.»
Sie gingen auf den Lärm zu. Juja lief voraus, im blauen Kleid auf leichten Füßen. Sie sang. Es war voll am Dorfrand. Sie konnten nichts sehen.
«Ich will nicht nach vorn gehen», sagte Una. «Wir könnten nicht mehr zurück. Jujas blaues Hemd fällt überall auf.»
Da entdeckte Dshirah ihre erste freundliche Helferin in En-Wlowa, die für den geflohenen Brun eine Mutter gewesen war, wie Una für sie.
«Die können wir fragen», flüsterte sie.
Doch Una zögerte. Es war Abwehr, fast Feindseligkeit in dem Blick, mit dem sie Bruns Beschützerin begegnete. Aber sie hatten keine Wahl, und Una sprach die Frau an.
«Sie haben einen Widder aufgebaut», erfuhren sie. «Sie reißen die Mauer ein.»
Widder? Dazu fiel Dshirah nichts anderes ein als die lustigen Schafböcke, die in wildem Spiel die Köpfe gegeneinander stießen. Konnten die ein Grund sein, dass Una so blass wurde?
«Was für Widder?», fragte Dshirah.
Una antwortete nicht. Die andere Frau musste helfen.
«Ein altes Kriegsgerät», erklärte sie. «In dem Gerüst, das sie gebaut haben, hängt an langen Seilen ein schwerer Baumstamm. Der hat vorn einen Eisenkopf. Das ist der Widder. Den schwingen sie jetzt hin und her und rammen ihn gegen die Mauer. Da stehen schon alle und wollen rausrennen.»
«Komm!» Una wollte Dshirah wegziehen. Ein lauterer Krach hielt sie fest, ein Poltern, ein Steineschlagen, eine Felslawine und viele Stimmen, gebündelt zu einem einzigen tosenden Schrei. Die graue Masse vor ihnen brach auseinander, warf sich nach vorn, zersplitterte in Rennende und Stürzende. Lücken entstanden und gaben den Blick frei. Zwischen Mauerbrocken taumelten die Gefangenen, grau in grau. Was war Mensch? Was war Stein? Zu Boden gingen sie alle.
Soldaten in dunkelblauen Uniformen strömten durch das Loch. Sie räumten den Weg und warfen Menschen und Steine beiseite. Die Menschen waren leichter, flogen weiter, krachten nicht auf den Boden, machten andere Laute: Schreie.
Una hob Dshirah hoch.
«Wo kann ich dich verstecken?», flüsterte sie ihr ins Ohr.
«Warum muss ich weg?», fragte Dshirah. «Was wollen die? Was denkst du?»
«Was der Kalif denkt», murmelte Una. «Wenn hier jemand weiß, wie der Kalif denkt, bin ich das.»
Sie schaute sich um, sah Juja nah der Mauer.
«Wir lassen sie dort», sagte sie. «Das gilt nicht ihr.»
Sie stellte Dshirah wieder auf die Füße.
Durch das Mauerloch kamen Reiter in roten Jacken auf schnellen Pferden, die sicher durch das Geröll sprangen. Hinter ihren Sätteln hingen große Mengen dünner Lederbänder.
«Fessler!», hauchte Una. «Weg! Komm!»
Aber Dshirah starrte gebannt auf die Reiter. Die roten Fesselreiter! Wie oft hatte sie die schon gesehen! Hatte in der großen Arena zwischen Mutter und Vater gestanden und geschrien und gejubelt, wenn die Reiter ihre Beute jagten. Zuerst wurde immer die Herde hereingetrieben, Ziegen zum Beispiel, viele muntere hüpfende Ziegen, wie Silbão sie hütete. Dann folgten die roten Fessler, hetzten die Ziegen, sprangen von ihren kleinen, flinken Pferden, warfen ihre Opfer zu Boden und banden ihnen mit zwei Handgriffen die Beine zusammen. Dabei hatte jeder Bänder in seiner Farbe. Am Schluss wurde gezählt, wer die meisten Tiere gefesselt hatte. Das machten sie mit Ziegen, Schafen, Kälbern und den Dunkelleuten aus Afrika. Mit Fohlen nicht.
Una riss an Dshirahs Arm. Es schmerzte im Schultergelenk. Einige Fesselreiter sprangen von ihren Pferden und dann gar nicht wieder hinauf. Zu dicht gedrängt und zu langsam waren die grauen Gestalten. Die Fessler mussten nur greifen, werfen, fesseln und wieder greifen, werfen, fesseln … Schon lagen sie in den Gassen, nebeneinander, übereinander, Männer und Frauen, an Händen und Füßen zu einem Bündel geschnürt.
Es gelang Una, sich mit Dshirah durch zwei eng stehende Häuser zu drücken. Bevor sie die nächste Gasse erreichten, noch frei von Fesslern, hörten sie den Schrei eines Reiters: «Da! Da ist ein Kind!»
Sie pressten sich an die Holzwand. Dshirah konnte noch sehen, wie zwei, vielleicht mehr der Fessler in dieselbe Richtung rannten.
Sie jagen die Kinder, dachte sie und verstand: Sie jagen mich.
War es ein Glück, dass es Una gelang, Dshirah zu ihrem Verschlag zu führen? Es war ein nutzloses Glück. Was sollten sie da? So dumm war Shenja nicht, dass sie dort nicht suchen würde. Sie kam mit ihrer Truppe durch die Mittelgasse gerannt.
«Ich hatte recht!», schrie sie. «Sie suchen das Kind!»
«Hast du gesehen?», rief eine aus ihrem Gefolge. «Sie ziehen den Kindern die Schuhe aus!»
Dshirah floh in die Hütte und dort in Unas Arme.
«Wir schaffen das nicht», schluchzte sie. «Ich will nicht mehr wegrennen. Lass mich zu ihnen gehen.»
Aber Una presste sie fest an sich.
«Du weißt, was geschieht! Du hast dann sieben Tage im Kalifenpalast. Sieben Tage Angst in Pracht und Protz. Du weißt, was sie mit euch tun!»
«Sie ist da!»
Una sprang zur Tür und versperrte den Frauen den Eingang. Warum? Wozu? Dshirah war gefangen, mitten im Gefängnis gefangen. Hatte Una keine Kraft mehr, weil das alles so sinnlos war? Sie ließ sich beiseite schieben, und sofort war die dunkle Kammer voller Frauen. Eine warf sich vor Dshirah auf den Boden, griff einen ihrer Füße und versuchte, durch das weiche Leder ihre Zehen zu fühlen. Aber Dshirah zappelte und zog ihr die Füße weg. Da packten sie alle zu, rissen und zerrten an ihr herum.
«Wenn sie sechs Zehen hat», keuchte Shenja, «bringen wir sie ihnen. Dann lassen sie uns frei.»
An Dshirahs Hemd platzte die Schulternaht. In den Bändern ihres rechten Fußes verhakten sich Finger. Aber die Schnüre waren fest, bestes Leder, von ihrer Mutter ausgesucht, von Januão gebunden.
Sie sind schon einmal gerissen, dachte Dshirah, schon einmal zu viel.
Die Frauen fetzten ihr den Kittel vom Körper. Wieder stand sie nackt vor ihnen, nicht lange, Una ließ ihr das nächste Hemd, das sie greifen konnte, über den Kopf gleiten. Es war Jujas, das rote. Es war lang und fiel bis zum Boden. Unter dem roten Saum riss das Band ihres linken Schuhs. Zwei Frauen packten ihre Schultern, zwei verdrehten ihr die Arme hinter ihrem Rücken, eine krallte ihr linkes Bein, eine – war es Shenja? das konnte sie nicht sehen, sie hatte zu viele Tränen in den Augen – eine zog ihr den Schuh aus.
Und da war es plötzlich still. Die Griffe an Schultern, Händen, Bein lockerten sich zugleich, in einem Herzschlag, als wäre es nur eine einzige Person gewesen, die sie gehalten hatte. Und eine leise Frauenstimme sagte: «Das Dshinnu!»
Sie wichen zurück. Dshirah erkannte ihre letzte Möglichkeit zu fliehen. Sie raffte das lange Hemd, schoss zwischen zwei Hüften hindurch zur Tür und hinaus ins Freie.
Freie? War sie frei? Es waren keine Fessler in der Gasse. Sollte sie wieder mit einem Schuh fliehen, diesmal dem rechten? Wohin flieht man in einem Gefängnis? Das Loch in der Mauer war zugeschüttet. Es gab ein neues Loch, eine Bresche. Aber da stand alles voller Soldaten. Niemand kam hier herein oder hinaus.
Doch! Was einem alles einfällt in allerhöchster Not!
Das Wasser!
Es floss unter der Erde herein. Konnte sie nicht unter der Erde hinaus? Es musste zu der Höhle am Fuß des Hügels führen, wo sie damals – wie lange war das her? – mit Silbão die beiden Pferde gebunden hatte. Gab es unter der Erde einen Weg hinaus? Hätten das, wenn es denn ginge, nicht schon viele versucht?
Es gibt keine Luft da unten, dachte sie, während sie Richtung Bach lief, und niemand hielt sie auf.
Oder es ist zu eng, dachte sie, zu eng für die Großen, aber vielleicht kann ein Kind …
Dshirah sprang in den Bach und tauchte in die Höhle, aus der er kam. Es war keine Höhle, es war ein Kanal, aber nicht zu eng. Das Wasser füllte ihn ganz aus, sie musste kriechen, aber sie kämpfte sich gegen die Strömung. Und dann weitete sich die schmale Röhre. Sie spürte keine Strömung mehr und konnte sich aufrichten. Ihr Kopf stieß gegen Fels. Luft! Ihr Mund blieb unter Wasser, doch durch die Nase bekam sie Luft. Sehen konnte sie nichts. Es war vollkommen dunkel.
Kann ich hier bleiben, bis sie weg sind?, dachte sie. Aber niemals mehr holt Silbão mich hier raus. Nie niemals nimmermehr. Ich muss immer hier bleiben, und ohne meine Mutter, meinen Vater, meinen Bruder will ich nicht leben.
Sie versuchte weiterzugehen. Ihr Kopf schrammte an der Felsdecke entlang. Es tat weh. Sie stieß mit der Stirn gegen eine scharfe Kante. Was ihr da von oben warm in die Augen lief, musste Blut sein. Sie breitete die Arme aus, fühlte keine Seitenwände. Langsam ging sie vorwärts. Der Wasserspiegel sank unter ihre Oberlippe, Unterlippe. Sie konnte durch den Mund atmen.
Aber die Angst in der Enge und Finsternis, die Angst in der Finsternis und Enge.
Weg!, dachte sie. Weg!
Sie ging weiter, prüfte nach jedem Schritt, wo das Wasser stand. Näherte es sich dem Kinn? Es schwappte ihr in den Mund. Und da fühlte sie die Strömung wieder, das Wasser floss ihr kräftiger entgegen, ihr rechter ausgestreckter Arm stieß gegen eine Wand.
Zurück, dachte sie. Ich will leben. Was geschieht mir, wenn sie mich finden? Sie bringen mich in den Kalifenpalast. Da steht meine goldene Wiege, in der ich nie lag. Vielleicht tun sie mir nichts. Vielleicht lassen sie mich leben. Vielleicht töten sie nur die Mutter, den Vater, Januão … aber Zaiira töten sie nicht.
Wie lange hatte sie nicht mehr an Zaiira gedacht?
Sie drehte sich um. Da rutschte sie aus. Sie strampelte unter Wasser. Wo war oben? Wo war unten? Ihre Füße fanden den Boden, sie richtete sich auf, hatte wieder die Nase, nur die Nase frei – und wusste nicht mehr, aus welcher Richtung sie gekommen war.
Die Strömung! Ich muss die Strömung finden.
Sie ging vorsichtig, sie wusste nun, wie leicht sie ausgleiten konnte. Sie streckte die Arme zur Seite, nach vorn. Den Kopf an der Felsdecke und die Nase, nur die Nase über Wasser stieß sie gegen eine Wand. Und keine Strömung. Oder doch? Sie hielt den Atem an. Sie fühlte nichts.
Ich bin zur Seite gegangen, dachte sie, nicht vor, nicht zurück, zur Seite.
Sie tastete sich an der Wand entlang. Aber wo war das Loch, der enge Kanal, durch den sie gekommen war? Wasser lief ihr in die Nase. Das war gut. Sie musste dahin, wo sie keine Luft bekam, nur da ging es hinaus. Sie legte den Kopf zurück. Die Felsdecke schrammte jetzt ihre Stirn. Und das Wasser stieg. Noch einmal Luft holen, tief, dann musste sie tauchen, wohin?
An der Wand bleiben, weiter tasten, Augen öffnen …
Wozu? Kam Licht durch den Kanal? Sie wusste es nicht mehr. Hatte sie vorhin die Augen offen gehabt? Sie sah nichts. Und ihre Lunge schrie nach Luft! Sie konnte nicht länger tauchen. Ihre Brust fühlte sich an, als wollte sie platzen. Nie, nie würde sie den Weg durch den Kanal zurück schaffen.
Ich will leben, dachte sie, als sie stürzte und die Strömung fühlte, die sie weiterriss.
Ich werde sterben, dachte sie.
Dann dachte sie nichts mehr. Ihr Kopf prallte gegen den Fels.
Sie spuckte Wasser, immer mehr Wasser. Daran merkte sie, dass sie lebte. Una hielt sie in nassen Armen, drückte ihr die Brust zusammen, und Dshirah spuckte und spuckte. Und alles war rot. So viel Blut?
Sie saßen im Bach, da, wo das Wasser aus dem Kanal kam. Am Rand, auf der Gasse lagen gefesselte Menschen, einige ringelten sich, aber fortbewegen konnten sie sich nicht. Dshirah hörte auf zu würgen, sie schloss die Augen, blieb in Unas Armen liegen.
«Wie bin ich hierher gekommen?», flüsterte sie.
«Ich hab dich da rausgeholt», sagte Una.
Dshirah schaute sie verwundert an. Una lächelte.
«Ich sah, dass es rot aus dem Kanal strömte. Da wusste ich, wo du bist. Das war mutig, Dshirah, aber dumm.»
Dshirah schaute ihren Körper an, tastete ihren Kopf ab, fand keine großen Wunden.
«So viel Blut?», fragte sie.
Una schüttelte den Kopf.
«Das ist kein Blut. Es ist die Farbe aus Jujas Hemd. Zieh es aus.»
Dshirah gehorchte und schaute zu, wie Una das Hemd spülte, bis es nicht mehr so viel Farbe hatte. Dann zog sie es Dshirah wieder an.
«Besser geht es nicht», murmelte sie, «immer noch zu rot. Aber ich denke, jetzt kannst du dich damit verstecken.»
«Aber es gibt keinen Ort, wo ich mich verstecken kann», sagte Dshirah.
«Doch. Ich bringe dich zum Platz. Da liegen sie alle gestapelt übereinander. Du quetschst dich dazwischen. Niemand darf sehen, dass da noch ein Kind ist. Suchen werden sie da nicht. Dann lasse ich mich fangen.»
«Warum haben sie dich noch nicht erwischt?»
«Weil ich nicht vor ihnen davonlaufe. Ich gehe hinter ihnen her. Dass ich hier zum Bach kam und die Farbe von Jujas Hemd sah, war nur Glück.»
So viel Glück an diesem einen schrecklich fürchterlichen Tag!
Sie schlichen im Schutz der leeren Hütten und lauschten auf Hufschlag. Die Fessler saßen jetzt wieder auf ihren Pferden und sammelten letzte Flüchtlinge ein. Als Nächstes würden sie die Häuser durchsuchen, bald. Überall lagen Gefesselte, und einmal, als sie über eine Gasse in den Schatten eines Hauses huschten, schrie einer: «Ein Kind! Hier ist noch ein Kind!»
Da rannten sie schneller und erreichten – ein Glück! Welch ein Glück – den Platz, auf dem bis zu diesem Tag jeden Morgen der Brei verteilt worden war. Dshirah sah vor der Breihütte, getrennt von den anderen, die Kinder liegen.
«Da!»
Una stieß sie in eine Hütte. Dshirah stolperte über das zu lange, immer noch zu rote Hemd. Sie fiel in etwas Schmieriges. Es stank in der Hütte. Sie sah, wie Una eine Hand über die Nase legte und vorsichtig aus dem Loch schaute, das hier als Fenster diente.
«Komm!», flüsterte sie.
Dshirah drückte sich neben sie.
«Da rechts», sagte Una, «da – die liegen alle mit dem Gesicht zum Platz. Wir müssen noch zwei Hütten weiter, dann können wir uns dazulegen, und keiner sieht, dass du ein Kind bist. Ich bleibe bei dir und verberge dich. Dann musst du nicht unter Fremden liegen.»
Sie bleibt bei mir, dachte Dshirah, sie bleibt bei mir.
Mitten auf dem Platz, im Schatten des steinernen Armei dan Hasud, sah sie ein blaues Kleid. Da tat ihr das Herz noch einmal so weh.
Hinter den Hütten schlichen sie weiter, lauschten auf Hufschlag, nichts, Una zog Dshirah auf den Boden. Sie robbten bis an einen Haufen gefesselter Menschen und legten sich dazu. Jujas Hemd verbarg Dshirahs Kinderkörper, sie drückte den Rücken gegen Unas Bauch und versteckte ihren Kopf in Unas Armen. Die aber versuchte Arme und Beine so aneinanderzuhalten, als sei sie gefesselt.
«Tu das auch», zischte sie Dshirah zu, «krümm dich zusammen. Pass auf, dass man den Fuß ohne Schuh nicht sieht.»
Dshirah versuchte, ihre Arme und Beine unter fremde Körper zu schieben, die halb betäubt und verdreht im Dreck lagen. Una verdeckte den größten Teil ihres Körpers. Sich windend sah sie Unas Gesicht, sah Schmerz in ihrem Gesicht, als Una versuchte, ihre Hände und Füße in die Fesselhaltung zu bringen. Dshirahs jungem Körper fiel das leichter, aber schon nach wenigen Minuten fühlte auch sie einen Schmerz, und da fiel ihr etwas ein: die Dunkelleute.
Bei den Festen in Al-Cúrbona, wenn die roten Reiter um die Wette fesselten, jagten sie Ziegen, Schafe, Kälber und Dunkelleute aus Afrika. Und Dshirah, die sich jetzt den Rücken verkrümmte, als sei sie gefesselt, dachte: Aber das tut ihnen doch weh!
Sie verdrehte den Kopf, bis sie in Unas Gesicht schauen konnte, in stummem Schmerz. Die Dunkelleute hatten nicht geschrien. Die Ziegen hatten gemeckert, die Schafe hatten geblökt, die Dunkelleute hatten nicht geschrien. Dshirah schob den Mund an Unas Ohr.
«Una», sagte sie, «die Dunkelleute, die die Fessler immer jagen, das tut denen doch weh!»
Da war fast ein Lächeln auf Unas Gesicht.
«Ja», nickte sie, «das hast du verstanden.»
Von der Mauer näherten sich Geräusche, Hufschlag und anderes. Und ein Schrei.
«Brun!»
Und wieder: «Brun! Brun! Brun!»
«Ich wusste es», flüsterte Una, «ich hab’s gewusst.»
«Was?», fragte Dshirah.
«Brun. Der Junge, der geflohen ist, als du kamst. Natürlich haben sie ihn ergriffen. Sie haben ja das ganze Land durchsucht. Nach dir. Und er wusste, dass ein Kind nach En-Wlowa geflohen war. Darum sind sie jetzt hier.»
Und dann hörten sie eine kieksende, sich überschlagende Stimme, die es kaum gewohnt zu sein schien zu befehlen: «Da! Die Frau! Die da! Befreit sie!»
Dabei kam die Stimme näher, rief weiter: «Da hinten! Die!», kam näher, rief aus der Luft, von oben herab. Dshirah spürte die Anwesenheit von etwas Großem. Nicht weit von Unas Rücken hielt das Bein eines Elefanten. Der Junge, der hinter dessen Kopf saß, war ganz in weiße Seide gekleidet wie die weißen Lakaien, die Lieblingsdiener des Kalifen. Unter dem nach araminischer Art um den Kopf geschlungenen Tuch grinste ein bardisches Gesicht.
«Wir haben kein Kind mit sechs Zehen gefunden!», schrie jemand zu ihm hinauf. «Du hast uns betrogen!»
«Ich habe nichts davon gesagt!», kreischte die Stimme, die das Befehlen offenbar noch nicht lange gewöhnt war. Sie klang jetzt schrill wie die eines Jungen im Stimmbruch. «Ich habe nicht gesagt, dass ein Kind mit sechs Zehen hier ist, ich habe nur gesagt, dass ein Kind hierher gelaufen ist, ich …»
«Komm herunter! Guck dir die Kinder an und sag, ob du es erkennst.»
Unas Kinn drückte sich wie ein zuschnappendes Schloss in Dshirahs Hals. Von der entfernten Seite des Platzes kam ein anderer Ruf.
«Hier sind drei Frauen, die sagen, sie haben es gesehen!»
Und eine dünne Stimme, die nicht weit trug, krächzte Unverständliches über den Platz.
«Was?», rief einer zurück.
«Die Frauen hier. Sie sagen, sie haben es gesehen!»
«Macht sie los!»
Von fern heran, immer lauter, immer deutlicher, schließlich erkennbar, verstehbar, kam Shenjas Stimme: «… und den Schuh ausgezogen. Ihr müsst es finden. Es hat ein rotes Hemd an.»
«Da!»
Das ging schnell.
Es war auch nicht schwer für den Jungen auf dem Elefanten, das rote Hemd zu entdecken. Zu dicht lag es bei dem Tier, von dem er gerade herabgeklettert kam.
Unas Berührung wurde sanfter. Sie entließ Dshirah aus der Klammer und streichelte sie, Stirn über Stirn, und Dshirah spürte, Una gab sie nicht frei, sondern auf. Es war ein zartes, liebevoll trauriges Aufgeben: Wir haben verloren.
Soldatenhände zogen Dshirah aus dem Menschenhaufen, fassten sie vorsichtig an, ohne ihr wehzutun, hoben sie und stellten sie auf die Füße, einen mit und einen ohne Schuh. Der Junge war über den Kopf des Elefanten auf den Rüssel geklettert, saß da wie auf einer Schaukel, sprang herab und war der Erste, der vor Dshirah kniete.
«Sechs!», jubelte er und triumphierte. «Ich habe das Dshinnu gefunden!»
Da wurde es still. Und es blieb still. Die roten Fessler und die Soldaten schauten Dshirah mit stillen Augen an. Einer lächelte sogar. Shenja und die drei Frauen aus ihrer Truppe standen reglos. Eine sah nahezu hübsch aus. Der nächste Befehl kam leise und war dennoch gut zu hören: «Alle losbinden!»
Langsam gingen die Fessler von einem zum anderen. Und langsam erhoben sich die von den Fesseln Befreiten und rieben die Handgelenke. Zugleich schlangen ungeschickte Hände bunte Seidentücher um Dshirahs Kopf, Schultern, Brust und Bauch, und schon während einer ihr den rechten Schuh vom Fuß schnitt, fielen die schlecht gewickelten Tücher wieder von ihrem Körper. Da stand Una neben ihr und kleidete sie von Kopf bis Fuß mit wenigen Griffen und Schlaufen in ein fürstliches Gewand, und einer der Männer sagte «danke» zu ihr. Von Süden kamen Pferde, die zogen einen großen Wagen, und damit begann der Jubel, Freudengeschrei: «Brot! Brot! Sie verteilen Brot!»
«Ihr müsst nicht drängeln!», rief ein Soldat. «Zehn Tage lang bekommt ihr Brot. Für jeden mehr als genug.»
Una beugte sich zu Dshirah hinab, küsste sie auf die Stirn, flüsterte: «Für Hisham», und verschwand auf den Platz, nicht dahin, von wo der Wagen kam.
Hisham? Nicht Abdalameh? Dshirah kannte auch keinen Hisham, außer dem Kalifen natürlich, denn auch das war ein Kalifenname. Sie schaute dem Wagen entgegen und streckte die Hände aus. Plötzlich merkte sie, wie hungrig sie war. Aber kräftige Männerarme hoben sie am grauen Leib des Elefanten empor. Brun, der wieder oben saß, zog sie hinauf. Sie setzte sich auf die bestickte Decke hinter dem Kopf des großen Tieres, Brun kniete hinter ihr, ein weißer Lakai. So ritten sie durch die Gassen, durch jubelnde Menschen, die winkten mit Händen voll Brot und taumelten, während sie gingen.
«Du hast Hunger, ja?», flüsterte Brun ihr von hinten zu. «Oh, ich weiß noch, wie das ist. Und sie haben dir kein Brot gegeben. Sie denken an nichts. Hier!»
Er schob ihr seine Hand hin. Neben den Säulenbeinen des Elefanten lief ein blaues Hemd. Dshirah beugte sich hinab. Juja lief auf den Zehen, streckte ihr die Hände entgegen, beide Hände voller Brot, aber sie konnte Dshirah nicht erreichen.
«Hilf mir», sagte sie zu Brun, «halt mich.»
Und sie ließ sich nach unten hängen. Das war nicht schwer für sie. Der Elefant schwankte viel weniger als ihre halbwilden Pferde. Sie streckte beide Hände nach unten, Brun hielt sie an dem von Una sicher geschlungenen Tuch. Juja strahlte. Sie hüpfte. Dshirah konnte die Brote fassen, und in dem Jubel von allen Seiten hörte sie Juja sagen:
«Für Abdalameh. Für Abdalameh.»
Und dann saß Dshirah wieder auf dem Elefanten, hatte die Hände voller Brot, aber sie durfte es nicht essen.
«Wirf das weg», sagte Brun, «hier, nimm das!»
Und wieder schob er ihr die Hand hin.
Aber sie hatte beide Hände voll. Sie konnte nach dem bunten Ding in seinen Fingern, das aussah wie ein geschliffener Edelstein, nicht greifen. Und sie würde das Brot nicht wegwerfen.
«Bist du dumm», sagte Brun. «Dann mach den Mund auf.»
Das tat sie und schnappte nach dem schillernden Diamanten. Der war süß. Und war doch kein Honig, nicht nur. Er schmeckte nach anderem, das sie nicht kannte. Sie drehte ihn im Mund, und er schmeckte wieder nach anderem, das sie auch nicht kannte. Sie schob ihn in den Gaumen, sie schmatzte und lutschte, auf ihrer Zunge schmolzen 1000 unbekannte Welten, und jede schmeckte besser als alles, was sie jemals im Mund gehabt hatte.
«Na?», Bruns Kopf grinste neben ihr. «Lohnt es sich dafür, den Brei und die Hütten von En-Wlowa zu verlassen? Und in einer goldenen Wiege zu schlafen? Du passt nicht mehr rein, sicher nicht.»
Sie näherten sich dem Ausgang. Schon sah Dshirah das Loch, das man in die Mauer gebrochen hatte.
«Weißt du, wo meine Eltern sind?», fragte sie. «Hast du meinen Bruder gesehen?»
«Nein. Vielleicht sind sie im Palast. Der ist groß. Wenn du die Siebte Sage erzählst, werdet ihr da wohnen.»
Dshirah lutschte an dem süßen Edelstein.
Die Siebte Sage, dachte sie, erzählt die Geschichte von den süßen Diamanten. Was sonst. Es kann gar nicht anders sein.
Sie freute sich. Auf ihre Mutter, ihren Vater, ihren Bruder. Auf Zaiira, auf die Hunde, auf die Pferde. Die Freude saß tief drin in ihrem Bauch, genau da, wohin der immer wieder anders schmeckende Diamantensaft floss.
Was für ein Glückstag!
Das letzte Stück ihres Elefantenritts durch En-Wlowa winkte sie. Mit beiden Händen. Mit beiden Händen voller Brot.
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