Kitabı oku: «Drachenwispern», sayfa 8

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18

»Komm, setz dich mir gegenüber«, bat Lian, ihn, nachdem sie die Nachricht abgeschickt hatte.

Neugierig kam Ardun der Aufforderung nach und kniete sich ihr gegenüber auf die Erde.

»Die Ausbildung der anderen Novizen in Celion hat bereits vor Tagen begonnen«, eröffnete sie das Gespräch, »Und auch wenn ich hier natürlich nicht die gleichen Möglichkeiten habe wie die Lehrmeister in Celion und auch nicht deren Wissen, werden wir heute mit deiner Ausbildung zum Magier beginnen, damit der Abstand zu den anderen Novizen nicht zu groß wird. Dir muss aber bewusst sein, dass du trotzdem weit hinter den anderen zurückliegen wirst, wenn wir in Celion ankommen.«

Das war Ardun selbstverständlich klar, aber er war begierig darauf zu lernen. Denn wenn ihm die Magie zu Beginn ihrer Reise noch Angst gemacht hatte und sie ihm, wenn er ehrlich zu sich war, auch immer noch nicht geheuer war, so wollte er sie doch zumindest besser verstehen, um sie nicht mehr fürchten zu müssen. Ob er dabei nun selbst zum Magier wurde oder nicht, war ihm im Grunde herzlich egal.

»Sehr schön«, sagte Lian zufrieden, noch ehe er geantwortet hatte, und fuhr fort, »Erinnerst du dich noch an die verschiedenen Elemente, denen ein Magier angehören kann?«

Er nickte und zählte sie gehorsam auf: »Wasser, Wind, Feuer, Erde und Geist.«

»Genau. Bevor du ausgebildet werden kannst, müssen wir herausfinden, wo deine Begabung liegt, damit du dich spezialisieren kannst. Denn einem Feuermagier etwas über die Erde beizubringen, ist reine Zeitverschwendung, er wird es sowieso nicht anwenden können.«

Ardun wiegte nachdenklich den Kopf. Er verstand, dass es sinnvoll war, sich auf seine Begabung zu konzentrieren, aber er fand dennoch nicht, dass es Zeitverschwendung war, sich auch mit den anderen Bereichen der Magie auszukennen. Aber er vermied es zu widersprechen, denn er hatte keine Lust auf ein Wortgefecht, nach dem die Elfe vielleicht keine Lust mehr hatte, die Ausbildung am selbigen Tag zu beginnen. Daher stellte er stattdessen eine andere Frage, welche ihm auf der Zunge lag.

»Aber wie kann man feststellen, zu welchem Element ich gehöre?«

Lian blickte ihn schelmisch an. Dann meinte sie mit einem amüsierten Lächeln, welches sie um Jahre verjüngt aussehen ließ: »Nun, wir können es auf die traditionelle Art machen und einfach warten, bis du in eine Notsituation gerätst und deine Kraft einsetzt. Aber das kann Jahre dauern und wird vielleicht niemals geschehen.«

Sie machte eine kurze Pause und holte ein Gefäß mit einer dicken, gelben Flüssigkeit hervor, von dem sie den Deckel abschraubte und es offen vor Ardun hinstellte.

»Oder wir benutzen einfach dieses Utensil. Es ist eine magische Substanz, die wiederum auf die Anwendung von Magie reagiert. Verfärbt sie sich blau, gehörst du zu Wasser, wird sie schlammig, zu Erde, bei durchsichtig zu Geist, wenn sie sich kräuselt, zu Wind und wenn sie verdampft, zu Feuer. Alles was du machen musst, ist deine Hand darüber auszustrecken und dich auf dein inneres Wesen zu besinnen.«

Ardun tat wie geheißen und hielt seine offene Handfläche nah über die Oberfläche der Flüssigkeit. Obwohl er sie nicht direkt berührte, spürte er ein leichtes Kribbeln auf der Haut, welches von seiner Hand über den Arm fließend seinen gesamten Körper einhüllte. Er überlegte, was ein Magier wohl tun würde und sah vor seinem inneren Auge Szenen von Eisspeeren und Flammensäulen, die aus bloßen Fingern schossen. Also versuchte auch er, einen Kraftstoß gegen die Flüssigkeit zu richten. Aber zu seiner bitteren Enttäuschung passierte nichts. Zweifelnd blickte er zu Lian, doch die Elfe schien nichts anderes erwartet zu haben.

»Du musst dir Zeit nehmen«, erklärte sie geduldig, »geh in dein Inneres und lass deinen Geist schweifen. Sei einfach du selbst, erkenne dich in deinem eigenen Herzen.«

Er hatte keine Ahnung, was damit nun schon wieder gemeint war, aber er schloss folgsam die Augen und versuchte, an nichts zu denken. Das gestaltete sich jedoch sehr viel komplizierter, als er angenommen hatte, denn seine Gedanken blieben immer wieder an neuen Sachen hängen und wann immer er versuchte, seinen Geist zu leeren, kamen nur Bilder aus seiner Vergangenheit auf. Er wusste nicht, wie lange er still so dagesessen hatte, ob es Stunden, Tage oder auch nur Minuten gewesen waren, aber plötzlich verstärkte sich das Kribbeln auf seiner Handfläche. Ardun öffnete die Augen. Unter seiner Hand begann sich die Flüssigkeit zu verändern. Sie wurde immer dunkler, von orange bis hin zu schlammbraun, wie Lian es bei Erdmagiern beschrieben hatte. Aber damit endete es nicht. Die Farbe verdunkelte sich weiter, bis sie plötzlich tiefschwarz wurde, doch gleichzeitig blieb sie durchsichtig. Dann gab es ein leises Zischen und sie verschwand. Zurück blieb nur ein dunkler Bodensatz.

Unsicher sah er zu Lian.

»Ist sie verdampft?«, fragte er leise.

Die Elfe sah ihn völlig fassungslos an, dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf.

»Das war anders«, stammelte sie, »ich habe so etwas noch nie gesehen. Aber eins steht fest. Du bist definitiv ein Magier. Doch wie es scheint keiner wie der Rest von uns. Dein Ergebnis dürfte eigentlich gar nicht existieren. Es sollte nicht existieren. Es könnte sehr gefährlich werden, wenn die falschen Personen davon erfahren. Aber da die Flüssigkeit durchsichtig geworden ist, beherrschst du in jedem Fall das Geistelement.«

Ardun fühlte sich, als habe man ihm ins Gesicht geschlagen. War er ein Aussätziger? Eine Gefährdung, die besser weggesperrt gehörte? Wieso konnte er nicht sein wie alle anderen, das war schließlich das Einzige, was er sich immer gewünscht hatte. Aber im Leben bekam man schließlich nur selten, was man sich wünschte.

19

Wild heulte und pfiff der Wind um Elynia. Bibbernd zog sie die Kapuze tiefer ins Gesicht und hielt den Kopf gesenkt, um sich vor dem erbarmungslosen Regen zu schützen. Längst war ihr die Kälte bis auf die Knochen gekrochen, aber sie kämpfte sich unermüdlich weiter und weigerte sich, noch vor der Nacht einen Unterschlupf zu suchen. Doch es war nicht nur ihr Pflichtbewusstsein, welches sie vorantrieb, sondern vielmehr eine tiefe Freude, die ihr Herz wärmte. Sie hatten die anderen Rekruten und Novizen beobachtet und gesehen, welch enge Bindung sie schon nach so kurzer Zeit zueinander aufgebaut hatten, wie vertraut sie sich waren und sie war neidisch darauf gewesen. Aber das gehörte nun der Vergangenheit an, denn sie würde selbst bald einen Partner haben. Es war, als sollte der Bruder, den sie nie gehabt hatte, endlich in ihr Leben treten. Und das stimmte sie so froh, dass selbst der Sturm ihr nichts anhaben konnte. Nun hob sie kurz den Blick, um das Gebiet nach Landmarkierungen abzusuchen. Sie befand sich knapp unterhalb des Kamms des Sulgebirges, nach dessen Überquerung sie das Murùn in weniger als einer Woche zu erreichen hoffte. In der Ferne erblickte sie einen großen Felsen in Form eines Drachenkopfes. Eben diese Kontur hatte der Formation auch ihren Namen gegeben. Ein zufriedenes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Sie hatte gedacht, den Drachenkopf erst am Abend des nächsten Tages zu erreichen, doch es hatte ganz den Anschein, dass sie sogar schneller war, als ihre Planung es vorsah. Und das, obwohl sie bereits mit raschen Gehzeiten kalkuliert hatte. Unverdrossen nahm sie das letzte steile Stück bis zum Gipfel des Kamms auf sich. Dieses erwies sich als äußerst gefährlich, denn der Fels war von dem Regen nass und glitschig und erhob sich beinahe senkrecht in die Höhe. Hier half ihr auch ihre Soldatenausbildung nicht weiter, denn Bergtouren gehörten nicht dazu. Und Trittsicherheit war nicht ihre größte Stärke, aber Elynia zeigte keine Angst. Stattdessen befestigte sie ein Seil behelfsmäßig an einer Felsnase und zog sich Stück für Stück nach oben. Ihre Finger krallten sich in jede Unebenheit des Felsens, während sie mit den Füßen Halt suchte. Schwer atmend sah sie nach oben. Sie hatte erst die Hälfte des Weges geschafft, doch der Schweiß rann ihr bereits in Strömen übers Gesicht und vermischte sich mit dem fallenden Regen. Sie gönnte sich eine kurze Pause, aber in ihrer angespannten Kletterposition konnte sie sich kaum ausruhen. Als ihre Beine sich wieder etwas entkrampft hatten, zog sie das linke Bein an und stemmte es auf einen hüfthohen Vorsprung. Aber sie hatte die Stabilität des Steins überschätzt, denn der Fels bröckelte ab und sie wäre beinahe gestürzt. Nur mit purer Willenskraft gelang es ihr, bei dem heftigen Ruck, der durch ihre Arme lief, ihren Griff nicht loszulassen, obwohl sie die Haut an ihren Fingern aufplatzen spürte. Nach einem gefährlichen Augenblick des freien Baumelns gelang es ihr endlich, wieder festen Halt zu finden. Erleichtert stieß sie ihren Atem aus. Statt in den Tod zu stürzen, war ihr nur das Innenbein der Hose aufgerissen und die Haut darunter abgeschürft. Die Wunde brannte zwar wie Feuer, doch sie beeinträchtigte Elynia nicht weiter beim Klettern und so setzte sie ihren Aufstieg schon kurz darauf fort. Selbst das Wetter schien sie für ihre Mühe entschädigen zu wollen, denn der Himmel war zwar immer noch mit regengeschwängerten Wolken bedeckt, aber der Niederschlag wurde langsam schwächer und hörte schließlich ganz auf. Das erleichterte ihr das Klettern ungemein und so kam es, dass sie sich schließlich erschöpft über die Felskante ziehen konnte und sich ausgelaugt auf dem nassen Stein niederlegte, bevor sie einige große Schlucke Wasser zu sich nahm. Erst nach einer Weile richtete sie sich auf und blickte in die weite Landschaft tief unter sich. Viel erkannte sie nicht in den Schatten. Aber nachdem sie eine Zeit lang über den Grat gewandert war, sie vermutete, dass es gegen Mittag sein musste, tat sich ein Riss in der Wolkendecke auf. Die Sonne durchbrach das Dunkel, wie gleißende Bänder wirkten die Strahlen und in der Entfernung sah Elynia den Saum einer winzig wirkenden Grünfläche. Aber ihr war bewusst, dass das, was von hier oben so winzig aussah, in Wahrheit sehr viel größer war. Und ihrem Studium der Landkarten nach zu urteilen, war eben dieser grünliche Fleck ihr Ziel. Das gewaltige Waldgebiet Murùn. Sie nahm sich Zeit, den Ausblick auf sich wirken zu lassen und sog das Panorama förmlich in sich auf. Gegen Abend fand sie den Eingang einer Höhle dicht unterhalb des Grats. Glücklich ein trockenes und vor allem windstilles Quartier für die Nacht gefunden zu haben kroch sie hinein – und wurde von einem tiefen Knurren begrüßt. Allein ihrer Erfahrung im Kampf verdankte sie es, nicht zusammenzuzucken, als vor ihr plötzlich der Kopf einer riesigen Raubkatze erschien. Der Berglöwe schlich um sie herum, während er immer wieder leise knurrte. Elynia stand wie erstarrt und versuchte, möglichst flach zu atmen. Sie hatte Glück. Höhlen in den Bergen waren selten unbewohnt und wenn sie sich in eine Bärenhöhle verlaufen hätte, hätte sich der Bewohner sofort auf sie als Eindringling in sein Gebiet gestürzt, aber mit Berglöwen verhielt es sich anders. Die Wildkatzen stellten mögliche Rivalen immer erst auf die Probe. Wenn sie von dem Löwen für schwächer befunden wurde, würde er sie in Sekundenbruchstücken zerfleischen. Der Berglöwe ging leicht in die Hocke und fletschte angriffslustig die Zähne. Das war der Moment, in dem sie handeln musste.

»Bleib!«, befahl sie streng.

Gleichzeitig streckte sie dem Tier ruckartig die flachen Hände entgegen. Der Berglöwe stockte in der Bewegung und sah sie abwartend aus klugen Augen an. Sie erwiderte seinen Blick und ihr war bewusst, dass der Löwe nur ein einziges Gesetz kannte und akzeptierte. Das Gesetz des Stärkeren. Das Gesetz der Natur. Sie hielt die eine Hand auf den Knauf ihres Messers, bereit, es jederzeit zu zücken, mit der anderen holte sie ein Stück Trockenfleisch aus ihrem Rucksack und warf es der Bergkatze hin. Das Prinzip war einfach. Wenn der Löwe fraß, akzeptierte er sie als den Stärkeren und sie würde gefahrlos übernachten können. Wenn er aber das Fleisch nicht anrührte, würde sie wohl oder übel kämpfen müssen. Sekunden verstrichen, in denen sie sich nur anstarrten. Bereit zog sie die Klinge einen Fingerbreit aus der Scheide. Aber dann, endlich, senkte der Löwe den Kopf und begann zu fressen. Erleichtert warf Elynia ihren Rucksack zu Boden. Für die Nacht hatte sie eine sichere Unterkunft gefunden.

20

»Ich habe gute Neuigkeiten!«, eröffnete ihm Lian in freudigem Ton, »wir sind inzwischen weit genug vom Murùn entfernt, dass wir wieder nachts schlafen können.«

Ardun lächelte. Er hatte sich zwar inzwischen an den neuen Rhythmus mit dem Schlaf am Tage gewöhnt, aber wirklich warm war er mit dieser Neuerung nicht geworden. Und am Tage sah man auch viel mehr von seiner Umgebung, so wie jetzt. Der Weg, auf dem sie ritten, stieg seicht an und schlängelte sich durch grasige Hügel, von denen manche von ein wenig Gehölz bedeckt waren. Seit dem Vorfall mit den Goblins zwei Wochen zuvor war nichts Ungewöhnliches mehr passiert und Ardun genoss die sanften Sonnenstrahlen, die seine Wangen wärmten und ihn leicht in der Nase kitzelten. Als die Sonne plötzlich hinter einer weißen Wolke hervortrat, wurde es auf einen Schlag so hell, dass Ardun reflexartig niesen musste. Dabei zuckte er mit dem ganzen Körper zusammen und trieb dabei aus Versehen die Sporen in die Seite seines Pferdes. Vor Schreck machte dieses wiehernd einen Satz nach vorne und galoppierte einige Sekunden, ehe er es wieder unter Kontrolle bringen konnte.

»Menschen sind wirklich seltsam. Nicht einmal die einfachsten Triebe wie ein Niesen können sie unterdrücken«, grummelte Lian kopfschüttelnd in ihrer üblichen, humorlosen Art.

Ardun überging die Bemerkung, als habe er nichts gehört. Eine Weile ritten sie schweigend nebeneinander her. Dann tauchte hinter einem Hügel ein Bettler auf, der gebeugt auf sie zuhumpelte und mit einem zahnlosen Lächeln bat:

»Habt ihr wohl eine Münze, die ihr entbehren könnt?«

Der Mann stank fürchterlich und seine zerschlissenen Klamotten sahen wahrlich erbärmlich aus. Unsicher sah Ardun zu Lian, da er selbst kein Geld bei sich trug. Doch diese rümpfte angewidert die Nase und fuhr den Bettler an: »Verschwindet, alter Narr, bevor ich euch Beine mache!«

Während sie ihren Weg fortsetzten, hörte Ardun unentwegt die Verwünschungen des Bettlers hinter ihnen. Anfangs noch deutlich: »Denkt nur von euch als was Besserem, habt ja kein Mitleid mit einem armen Bettler! Ich hoffe, ihr erstickt an dem nächsten saftigen Steak, das ihr verschlingt! Und wenn euch die Geldbörse vom erkalteten Leichnam geschnitten wird, es geschieht euch recht!«

Dann wurden die Worte undeutlich und verklangen schließlich ganz.

»Warum habt ihr ihm nichts gegeben?«, verlangte Ardun wütend zu wissen, denn er kannte das beißende Gefühl des Hungers genau, wenn man tagelang nichts gegessen hatte. Lian bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick.

»Was hätte es geändert?«, fragte sie ihn hart, »er würde trotzdem morgen wieder auf der Straße stehen und betteln. Wenn ich ihm eine Münze gegeben hätte, wäre er doch nur schnurstracks ins nächste Wirtshaus gelaufen, um sein Elend im Alkohol zu ertränken oder hätte das Geld im Freudenhaus verhurt. Wenn du ihm wirklich helfen wolltest, müsstest du ihm eine Hacke in die Hand drücken und ihn zwingen, bei einem Bauern als Knecht anzuheuern und einer ehrlichen Arbeit nachzugehen.«

An diesen Worten wurden Ardun zwei Dinge sehr deutlich. Erstens, dass er lernen musste, dass nicht jedem Menschen mit einer einfachen Methode geholfen werden konnte, sondern man manchmal vorausschauend und langfristig denken musste und zweitens, dass die Elfe nie selbst hatte Hunger leiden müssen. Denn sonst hätte sie keine so schlechte Meinung von einem armen Bettler gehabt, denn solange der Magen knurrte und einem vor Hunger schwindelig wurde, dachte kein Mensch an ein Freudenhaus oder Alkohol, sondern einzig und allein an irgendetwas, was den Magen füllte. Aber in Celion waren solche Sorgen offensichtlich fremd. Er fragte sich, ob er sich während seiner Ausbildung wohl auch so verändern würde und er in einer neuen Welt leben würde, die Sorgen der kleinen Leute einfach vergessend. Und einmal mehr fragte sich Ardun, ob es wirklich eine gute Idee war, ein Magier zu werden und sich den Aquiron anzuschließen, auch wenn Lian nicht müde wurde zu beteuern, dass die Aquiron die freien Völker beschützten.

An diesem Tag sprachen sie nur noch wenig und als es Abend wurde, meldete Ardun sich freiwillig, um die erste Nachtwache zu übernehmen. Er saß mit dem Rücken zum Feuer im Gras und starrte hinaus in die Nacht, während er über all das nachdachte, was sich inzwischen ereignet hatte. Sein Blick richtete sich auf einen schwarzen Schatten in der Dunkelheit, wahrscheinlich handelte es sich um einen kleinen Findling, aber eigentlich sah er hindurch, in die weite Ferne seiner Gedanken. Doch als der Schatten plötzlich verschwand, erwachte er aus seiner Trance. Blitzschnell sprang Ardun auf und zog seinen Dolch. Er wartete und lauschte. Kein Geräusch war zuhören, außer dem Flügelschlag einer Eule auf Nahrungssuche. Einen Moment lang überlegte er, ob er die Elfe wecken sollte, aber dann entschied er sich dagegen. Stattdessen zog er einen brennenden Scheit aus dem Feuer und bewegte sich langsam auf die Stelle zu, wo er den Schatten gesehen hatte. Jeden Moment rechnete er mit einem Angriff, doch nichts geschah. Als er die Stelle ungefähr erreicht hatte, was im Dunklen nur schwer abzuschätzen war, bückte er sich und begann, mit seiner Fackel den Boden abzusuchen, den Dolch fest in der freien Hand. Das Gras war an einigen Stellen plattgedrückt, doch richteten die Halme sich bereits wieder auf. Gründlich suchte Ardun in der Umgebung nach Spuren, aber er wurde nicht fündig. Doch einer Sache war er sich sicher. Etwas hatte sie beobachtet. Und dieser Abdruck im Gras stammte nicht von einem Tier, sondern vielmehr von einem Menschen in der Hocke. Jemand hatte sie beobachtet.

In dieser Nacht weckte er Lian nicht zur Wachablöse, sondern er besetzte selbst den Posten und starrte angestrengt in die Dunkelheit. Aber der Schatten kehrte nicht wieder. Entsprechend müde und ausgelaugt fühlte er sich am nächsten Morgen, doch die Frage der Elfe, weshalb er sie nicht geweckt hatte, tat er mit einem einfachen Schulterzucken ab. Er erwähnte auch mit keinem Wort den nächtlichen Schatten, denn der Abdruck im Gras war längst verschwunden und er wusste, dass die Elfe es einfach als Einbildung abtun würde.

»Die Dunkelheit hat viele Gestalten, in denen sie das schwache Herz verwirrt«, hatte sie das letzte Mal gepredigt, als er fälschlicherweise einen Verfolger vermutet hatte. Daher brachte er die Sache diesmal gar nicht zur Sprache, sondern verspeiste wortlos sein Frühstück. Eigentlich hatte er geplant, bei ihrer Weiterreise im Sattel ein wenig zu dösen und den verlorenen Schlaf nachzuholen, aber dabei hatte er die inzwischen jeden Morgen anstehende Ausbildungsstunde bei Lian vergessen. Nach ihrem gescheiterten Versuch, seine Elementzugehörigkeit zu bestimmen, war die Elfe dazu übergegangen, ihm theoretischen Unterricht zu erteilen und hatte ihn über große Magier wie Ilreth oder Loki aufgeklärte, die zu den Begründern Celions gehörten. Heute aber wollte sie eine praktische Übung mit ihm machen.

»Es gibt einen gewissen Bereich der Magie, den jeder Magier beherrschen kann, egal zu welcher Klasse er gehört«, erklärte sie ihm, »und zwar die Beherrschung von Kalith. So nennen wir all jene Objekte und Stoffe, die einen natürlichen Speicher für die allgegenwärtigen Energie haben. Denn nichts weiter ist Magie, als die Manipulation von Energie. Und das Netz der Urenergie durchfließt die ganze Welt, alles und jeden. Wenn in einem Stoff eine besonders hohe Energiedichte ist, kann er von jedem Magier manipuliert werden. Und du wärst überrascht, wie viel Kalith es in den weiten Landen gibt. So manch eine Burg ist sogar daraus erbaut, da manche Gesteinsarten ebenfalls zu Kalith gehören. So wie dieser hier.«

Sie holte einen kleinen, kreisrunden Stein hervor und legte ihn auf ihre geöffnete Hand. Dann schloss sie die Augen. Kurz darauf erglühte der Stein in einem sanften Blauton. »Das passiert, wenn du einfach nur in die Energie des Kalith eintauchst. Wenn du diesen Schritt gemeistert hast, dann beginnen wir damit, die Energie zu manipulieren. Versuch es!«, forderte sie ihn auf und warf ihm den Stein zu.

Ardun fing den Stein auf. Er war überraschend schwer für seine geringe Größe, denn auch wenn er problemlos in seine Faust passte, war er so schwer wie ein kleiner Schmiedehammer. Doch die jahrelange harte Arbeit hatte Arduns Körper gestählt und so hatte er wenig Mühe damit, ihn auf der gestreckten Hand in die Höhe zu halten. Dann konzentrierte er sich. Er schloss die Augen und suchte in seinem Geist nach einer Verbindung zu dem Stein, aber er fand keine. Vielleicht dachte er einfach noch zu viel. Er stellte sich ein schwarzes Quadrat vor, welches sich vor seinem inneren Auge immer weiter ausdehnte und schließlich alles verschlang. Und dann sah er es. Eine kleine goldene Flamme in der Dunkelheit. Oder eigentlich sah er sie nicht, sondern er spürte sie, wusste einfach, dass sie da war. Und er war plötzlich von der Gewissheit erfüllt, dass es sich um den Stein handelte. Er bewegte sich auf die Flamme zu und tauchte ein in das Licht. Es war ein unglaubliches Gefühl. Um ihn herum wirbelte goldenes Licht auf wilden Bahnen umher, wie ein lebendiges Wesen und doch so einfach greifbar, so einfach zu verändern. Ardun schickte seinen Willen aus und versuchte, sich mit der Energie zu verbinden. Die Rotation wurde schneller und schneller, dann stürzte das goldene Licht auf ihn ein und Ardun riss erschrocken die Augen auf. Er sah zu dem Stein in seiner Hand. Er hatte es geschafft. Ein sanfter Blauton leuchtete ihm entgegen, etwas heller als jener, den die Elfe erzeugt hatte. Aber dann bemerkte er einen kleinen Unterschied. Das Leuchten ging nicht von dem Stein aus, sondern von seiner Hand. Er gab Lian den Stein zurück, aber das Leuchten blieb und seine Haut kribbelte wie elektrisiert. Die Elfe beobachtete ihn mit unverhohlenem Interesse, dann schloss sie abermals die Augen. Doch der Stein leuchtete nicht. Sie legte die Stirn in Falten und schien sich mit aller Kraft zu konzentrieren, aber noch immer passierte nichts. Ardun wartete.

»Interessant, höchst interessant«, murmelte die Elfe und lächelte ihm zu, »du hast gerade etwas Unglaubliches vollbracht. Du bist nicht nur in die Energie des Kalith eingetaucht, sondern du hast sie ihm entzogen. Du hast seine gesamte Magie in dich aufgenommen, nun ist es nur noch ein gewöhnlicher Stein. Ich kenne einige Meister, die ihr ganzes Leben damit verbracht haben, einen Weg zu suchen, Gegenständen die Magie zu entziehen, aber mir wäre nicht bekannt, dass es jemals jemandem gelungen wäre. Auch wenn sich einige der Gelehrten darüber streiten, ob es nicht in der Geschichte Andeutungen gibt, dass manche eben diese Kunst beherrschten.«

»Was bedeutet das für mich?«, fragte Ardun, während er sich die juckende Hand rieb, deren Leuchten allmählich schwächer wurde.

Lians Lächeln wurde noch breiter.

»Ich habe da einige Vermutungen, aber die kann ich dir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht mitteilen. Aber es heißt in jedem Fall, dass wir Außergewöhnliches von dir erwarten dürfen.«

Den restlichen Vormittag verbrachte sie wieder damit, ihm verschiedene Dinge zu erklären. Das Beste daran war, dass sie sich zwar immerzu darüber beschwerte, dass er ihr Löcher in den Bauch frage und es von schlechten Manieren zeuge, niemals zufrieden zu sein, aber sie hatte ihm schon früh erklärt, dass ein Lehrer die Frage eines Schülers nicht ignorieren dürfe und so erfuhr Ardun viele Dinge, zum Beispiel über die lange Dunkelheit.

»In den Geschichtsbüchern der Menschen heißt es, dass die Dunkelheit emporstieg und alles zu vernichten drohte, aber was war diese Dunkelheit? Und wer hat sie gelenkt?«, hatte er das Thema angeschnitten.

Die Elfe war daraufhin sehr ernst geworden, aber hatte ihm die Antwort nicht verweigert.

»Ob du nun in die Aufzeichnungen der Menschen, Elfen oder Zwerge studierst, sie alle sprechen nur von der Dunkelheit. Die Menschen und Zwerge nennen das Grauen von damals aus Furcht nicht beim Namen, die Elfen aus Scham. Denn gerade ihr Streben nach der perfekten, edlen Welt hat die Vernichtung mit sich gebracht. Aber ich sollte von vorne beginnen.« Sie machte eine kurze Pause und atmete einmal tief durch. »Zu Beginn war die Dunkelheit nichts weiter als eine Bedrohung durch Wesen der Finsternis. Drachen, Riesen und Schlimmeres trieben ihr Unwesen. Doch sie alle bluteten wie auch wir und so schlossen sich einige tapfere Seelen der freien Völker zusammen, um gegen sie in die Schlacht zu ziehen. Sie nannten sich die Aquain und fürchteten weder den Tod noch die Finsternis. Wahrscheinlich wären sie sogar siegreich gewesen, doch sie wurden alle verraten. Ein Elf, bekannt als ein ehrgeiziger Zauberer und beim Namen Panis gerufen, sah seine Chance gekommen, ein verbotenes Geheimnis der Magie zu ergründen. Die Unsterblichkeit. Er schloss einen Pakt mit den Kreaturen der Finsternis, auf dass sie unter seinem Namen die Welt ins Verderben stürzen sollten. Dafür nahm er die Dunkelheit tief in sein Herz auf und begann, mit ihr zu verschmelzen. Aber lange merkten die Aquain nichts von dem Verrat und als er in ihrem Rat darauf drang, dass sie endlich gegen die Kreaturen der Finsternis ziehen mussten, die sich plötzlich zu organisieren begannen, zweifelte keiner an seiner Loyalität. Doch mitten in der Schlacht verfinsterte Panis mit seiner verderbten Magie alles um sie herum und sie wurden niedergemetzelt. Nur wenige konnten fliehen und selbst sie wussten nicht, dass Panis ihren Untergang verschuldet hatte. Man nahm an, er wäre bei dem Massaker ums Leben gekommen. Bis er sich als dunkler Herrscher der Welt wieder offenbarte.«

Ardun hing wie gebannt an ihren Lippen. Es war das erste Mal, dass er jemanden offen über die finstere Vergangenheit sprechen hörte.

»Was passierte dann?«, fragte er begierig weiter. Lian sah ihn mit traurigen Augen an.

»Er kehrte zu den Überlebenden der Aquain zurück und erzählte ihnen, dass sie die Auserwählten seien und mit ihm die Magie und die Welt beherrschen könnten, um ein neues Reich zu schaffen. Ein Reich, in dem die Niedertracht in den Herzen aller ausgerottet werden würde. Ein Reich, welches mit Blut erschaffen würde, denn um neue fruchtbare Erde zu erlangen, müsse zunächst das faulige Geschwür, welches bereits wucherte, verbrannt werden.«

»Und wie haben die Aquain reagiert?«

»Manche verfielen seiner Ideologie und schlossen sich ihm an. Sie wurden seine getreuen Diener und rechtfertigten alle ihre Schandtaten damit, dass sie für ein höheres Wohl kämpfen würden. Sie wurden Panis’ Leibwachen und nannten sich fortan den schwarzen Zirkel. Manch andere nahmen sich das Leben, da sie keinen Ausweg aus dem Schrecken sahen. Doch einige leisteten weiter Widerstand, weil sie den Wahnsinn des Elfs erkannten. Sie nannten sich die Aquiron. Wer sich ihm anschloss, der wurde von ihm berührt. So hat Panis die Dunkelheit in die Herzen gepflanzt, wodurch die Unterworfenen unwiderruflich an ihren Herrn gebunden wurden. In den folgenden Jahren wurden die Aquiron verfolgt und Panis’ Truppen plünderten und brandschatzten und nichts und niemand schien sie aufhalten zu können. Bis es Jahre später zu einer letzten Schlacht kam. Aber alle Aufzeichnungen über diesen Kampf sind verloren. Wir wissen nicht einmal, wer Panis bekämpfte. Aber der Tyrann verschwand oder wurde getötet und die Dunkelheit endete.«

Enttäuscht runzelte Ardun die Stirn. Gerade das Wissen, welches ihn am meisten interessierte, war verloren. Dafür verstand er jetzt, wie weit der Kampf zurückreichte, in den er nun eingetaucht war. Denn der Zirkel, welcher ihn verfolgte, war derselbe wie damals und die Aquiron hatten offenbar noch nicht gewonnen. Aber das Grübeln über diese Dinge war nach einer Nacht ohne Schlaf zu anstrengend für ihn und als der Nachmittag begann, döste er im Sattel ein und hielt seine Wange an den Hals des Pferdes geschmiegt und träumte von wilden Schlachten und feuerspeienden Drachen.

Er erwachte erst wieder, als sein Pferd mit einem Ruck zum Stehen gebracht wurde, da Lian einen geeigneten Platz für das Nachtlager gefunden hatte. Eine flache Senke zwischen zwei Hügeln.

Sie befreiten die Pferde von den Sätteln und Ardun machte sich daran, sie abzubürsten. Dann aßen sie schweigend, ehe Ardun abermals die Nachtwache übernahm. Er hockte sich mit einer Fackel in der Hand auf die Spitze des Hügels und sah in die dunkler werdende Ferne. Er fragte sich, ob der Beobachter von der vorigen Nacht wohl wieder in der Nähe war. Einer Eingebung folgend kehrte er kurz zu ihrer Lagerstätte zurück und nahm etwas Brot, welches er ein Stück von ihrem Lager entfernt, aber deutlich sichtbar deponierte. Wenn der nächtliche Besucher wiedergekehrt war, sah er sie auch jetzt schon und würde das Essen vielleicht als Zeichen dafür verstehen, dass sie ihm nicht Böses wollten und ihn somit davon abhalten, ihnen etwas anzutun.

Die Nacht begann ruhig und ereignislos und diesmal ließ Ardun sich bereitwillig von Lian ablösen, als der helle Stern Luthian die Mitte der Nacht verkündete. Er wickelte sich fest in seine Decke und schlief alsbald ein.

Als Ardun am kommenden Morgen erwachte, lag der Geruch von frischer Erde in der Luft, denn es hatte in der Nacht leichten Regen gegeben. Sogleich lief er zu der Stelle, an der er das Brot ausgelegt hatte. Es war verschwunden. Dafür befand sich im weichen Wiesengrund ein schmaler Fußabdruck. Ardun untersuchte ihn und stellte prüfend seinen eigenen Fuß daneben. Der Abdruck war ein ganzes Stück kleiner. Zufrieden lächelte er. Ihr Verfolger war eine Frau. Oder zumindest ein weibliches Wesen. Die Erkenntnis erleichterte ihn, denn er hatte schon den wütenden Bettler vermutet, dem Lian die Almosen verweigert hatte.

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