Kitabı oku: «Systematische Theologie»

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Christian Danz

Systematische Theologie

A. Francke Verlag Tübingen

A. Francke Verlag Tübingen

Inhalt

  Vorwort

 1 Einleitung1.1 Was kann eine Einführung leisten?1.2 Wozu Systematische Theologie?LiteraturAufgaben1.3 Die Systematische Theologie im Kontext der TheologieLiteraturAufgaben1.4 Die Gliederung der Systematischen Theologie1.4.1 Religionsphilosophie1.4.2 Dogmatik1.4.3 Ethik

 2 Systematische Theologie – Ein geschichtlicher Grundriss2.1 Die Anfänge der christlichen Theologie in der AntikeLiteraturAufgaben2.2 Das Zeitalter der großen SummenLiteraturAufgaben2.3 Die Reformation: Der große UmbruchLiteratur2.4 Theologie im Zeichen der Aufklärunga. Die Aufklärungsphilosophieb. Die Aufklärungstheologie2.5 Der Religionsbegriff als methodische Grundlage der Systematischen Theologie im 19. JahrhundertLiteratur2.6 Dogmatik als theologische Rekonstruktion der Religiona. Ernst Troeltsch und die Krisis des Historismusb. Die Dialektische Theologiec. Die theologischen Diskurse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

 3 Methoden der Systematischen Theologie3.1 Was sind Methoden?LiteraturAufgaben3.2 Die dogmatische Methode: Voraussetzungen und KonsequenzenLiteraturAufgaben3.3 Die historische Methode: Voraussetzungen und KonsequenzenLiteraturAufgaben3.4 Kulturwissenschaftliche Methoden: Voraussetzungen und KonsequenzenLiteraturAufgaben3.5 Systematische Theologie als methodische Reflexion des Wesens des ChristentumsLiteraturAufgaben

 4 Was ist Religion?4.1 Kultur- und sozialwissenschaftliche ZugängeLiteraturAufgaben4.2 Religiöse Formen4.2.1 Symbol4.2.2 Schrift4.2.3 Kultus4.3 Die Stellung des Christentums unter den Religionen4.3.1 Das Christentum als Religion4.3.2 Gibt es eine absolute Religion?

 5 Mensch und Gott: Der Glaube5.1 Was ist der Mensch?5.1.1 Humanwissenschaftliche und philosophische Perspektiven5.1.2 Der Mensch als Bild Gottes5.2 Welchen Sinn hat es, von Gott zu sprechen?5.2.1 Religiöse Rede von Gott5.2.2 Gott, der Transzendente und der Offenbare5.3 Gott und Mensch: Jesus, der Christus5.3.1 Jesus, der Jude aus Galiläa5.3.2 Die religiöse Deutung Jesu: Der Christus des Glaubens5.4 Die Realisierung des Glaubens: Der Heilige Geist5.4.1 Was ist Geist?5.4.2 Grundprobleme der pneumatologischen Lehrbildung5.4.3 Die Gabe des Heiligen Geistes5.5 Gott als Ereignis des GlaubensLiteraturAufgaben

 6 Glaube und Geschichte6.1 Individuum und Gemeinschaft6.1.1 Charisma und Institution: Sozialwissenschaftliche Zugänge6.1.2 Die religiöse Gemeinschaft6.1.3 Kirche in der Gesellschaft6.2 Schuld und Verzeihung6.2.1 Die Ambivalenzen menschlichen Zusammenlebens6.2.2 Die religiöse Deutung der Schuld6.2.3 Der Umgang mit Schuld6.3 Die christliche Hoffnung: Der Sinn des Lebens6.3.1 Erwartung und Enttäuschung6.3.2 Die religiöse Hoffnung6.3.3 Ewiges Leben

  Bibliographie

  Glossar

  Sach- und Personenregister

[V]Vorwort

Die Systematische Theologie gehört zu den Themenfeldern eines Studiums der evangelischen Theologie, welches vielen Studierenden zunächst als ein ‚Buch mit sieben Siegeln‘ erscheint. Dem kann nur eine Auseinandersetzung mit dem Fach abhelfen. Die vorliegende Einführung in Grundfragen und zentrale Themenstellungen der Systematischen Theologie möchte dazu einen Beitrag leisten. Das Ziel des Buches besteht nicht in der Präsentation von abschließenden Antworten, die man repetieren könnte. Es soll vielmehr zu eigenem Mit- und Andersdenken anregen. Ob das gelungen ist, kann sich allein bei der Lektüre sowie dem Studium der Ausführungen zeigen.

Ohne die vielfältigste Hilfe und Unterstützung wäre die Abfassung des Buches nicht möglich gewesen. Mehr als es mit Worten zu sagen ist, danke ich meiner Frau Uta-Marina Danz. Herr stud. theol. Friedrich Schumann (Wien) hat dankenswerterweise die Register erstellt. Danken möchte ich dem A. Francke Verlag Tübingen für die Aufnahme des Buches in sein Verlagsprogramm sowie die gute Zusammenarbeit.

Wien, April 2016 Christian Danz

[1]1 Einleitung
1.1 Was kann eine Einführung leisten?

Was man von der Philosophie behauptet hat, eine Einführung in sie sei selbst schon Philosophie, trifft auch auf die Systematische Theologie zu. Das scheint jeden Versuch, in eine solche Disziplin einzuführen, mit kaum lösbaren Problemen zu konfrontieren. Womit fängt man an, wenn stets schon das Ganze vorausgesetzt ist? Am besten beginnt man mit elementaren Grundbegriffen, Definitionen und Abgrenzungen des Fachs von anderen. Das erwartet man von einer Einführung in eine wissenschaftliche Disziplin, einen ersten umfassenden Überblick über ihren Gegenstand, ihre innere Gliederung sowie grundlegende Literatur. Es wird auch in der vorliegenden Einführung in die Systematische Theologie geboten. In elementarer Weise stellt das Buch zentrale Fragestellungen dieses theologischen Faches vor dem Hintergrund ihrer ProblemgeschichteProblemgeschichte vor. Die Präsentation von Basics sowie Grundinformationen zur Systematischen Theologie erschöpft sich freilich nicht darin. Die Darstellung zielt vielmehr auf das eigene Mitdenken und Durchdenken der präsentierten Themenstellungen. Ohne eine eigene Auseinandersetzung mit dem Fach sowie der Literatur ist das nicht möglich. Damit ist schon gesagt, was eine Einleitung nicht vermag. Sie kann dem Leser weder das eigene Denken noch die eigene Urteilsbildung abnehmen.

Die vorliegende Einführung in die Systematische Theologie bietet einen Leitfaden für den Studienbetrieb evangelische Theologie sowie im Unterrichtsfach evangelische ReligionReligionevangelische. Der Grundriss der Disziplin ist sowohl für Lehrveranstaltungen als auch für das Selbststudium konzipiert. Das Buch setzt ein mit einer knappen Skizze des akademischen Fachs Systematische Theologie, ihres Unterschieds zu anderen theologischen Disziplinen und ihrer Gliederung. Vor dem Hintergrund der theologiegeschichtlichen [2]Entwicklung erörtert der Band sodann die methodischen Grundlagen der Systematischen Theologie sowie ihren Gegenstand, die christliche ReligionReligionchristliche. Am Leitfaden des Glaubensaktes werden schließlich grundlegende Themen dieser Disziplin dargestellt. Sie sind durchweg auf den Glaubensvollzug bezogen und als dessen strukturierende Elemente verstanden. Die Religion als Glaube in der Spannung von Geschichte und jeweiliger Gegenwart ist das Thema der Systematischen Theologie. In dem Buch wird er auf eine wissenschaftliche Weise dargestellt.

Der Band bietet nicht nur grundlegende elementare Informationen zur Systematischen Theologie, er ist als ein Arbeitsbuch angelegt. Zu jedem Themenkomplex finden sich am Ende Aufgabenstellungen, die zum Teil schriftlich auszuarbeiten sind. Allein durch die eigene Auseinandersetzung mit Fragestellungen, klassischen Lösungen oder wichtigen Problemen kann sich ein eigenes Urteil bilden. Eine Verschriftlichung von Gedanken, der Versuch, diese in einen geordneten Zusammenhang zu bringen, ist das geeignetste Mittel zu deren eigener Durchklärung. Ausgewählte Literatur zu den in dem Buch vorgestellten Themen bietet dem Leser die Möglichkeit zur Vertiefung und eigenen Weiterarbeit. Zugleich sollen die Literaturhinweise den gegenwärtigen Forschungsstand in seiner Komplexität erschließen. Infoboxen informieren über grundlegende Themen- und Problemstellungen der Systematischen Theologie. Kolumnentitel erleichtern und strukturieren die Lektüre des Buches. Fremdwörter und einschlägige Fachbegriffe werden am Ende des Buches in einem Glossar erläutert. Im Text sind solche Begriffe mit einem Asterisk gekennzeichnet.

1.2 Wozu Systematische Theologie?

Wer ein Studium der evangelischen Theologie beginnt und sich mit seinem Studienplan vertraut macht, sieht sich mit einem Fach konfrontiert, welches sich Systematische Theologie nennt. Was verbirgt sich hinter dieser eigentümlichen Fachbezeichnung, und wozu studiert man ein solches Fach? Informiert sich der Studienanfänger in einschlägigen Lexika, so wird er bald feststellen, dass es sehr verschiedene Auskünfte darüber gibt, womit er es in dieser akademischen Disziplin zu tun bekommt. Jeder systematische Theologe scheint ein eigenes Verständnis seines Fachs zu haben. Aber nicht nur das. Systematische Theologie begegnet [3]einmal als Sammelbezeichnung für eine theologische Disziplin und zum anderen als Titel von Büchern. Im letzteren Fall meint der Begriff so viel wie Darstellung der christlichen Lehre und entspricht Bezeichnungen wie Dogmatik oder GlaubenslehreGlaubenslehre.

Die Systematische Theologie gehört zu dem Fächerkanon des akademischen Studiums der protestantischen TheologieTheologieevangelische, protestantische, wie er sich in der Moderne herausgebildet hat. Entstanden ist die Disziplin im Zusammenhang mit der Ausdifferenzierung der Wissenschaften um 1800 in der sogenannten *Sattelzeit der ModerneSattelzeit der Moderne. Seit dem fasste man an den evangelisch-theologischen Fakultäten eine Reihe von Einzeldisziplinen wie Religionsphilosophie, Dogmatik, EthikEthik u.a. unter der Bezeichnung zusammen. An katholisch-theologischen Fakultäten hingegen hat sich keine solche fächerzusammenfassende Disziplin etabliert. In der Regel werden hier FundamentaltheologieFundamentaltheologie, Dogmatik, MoraltheologieTheologieMoral-, SozialethikEthikSozial- u.a. als eigenständige Fächer gelehrt.

Womit beschäftigt sich die Systematische Theologie, und wozu ist sie für die theologische Ausbildung von LehramtsLehramt- und Pfarramtsstudierenden nötig? Sie thematisiert Religion, genauer gesagt, die christliche. Aber reicht dazu nicht eine Auseinandersetzung mit der Bibel in Form von biblischen Wissenschaften aus? Die biblischen Schriften sind ohne Frage die maßgeblichen Dokumente der christlichen ReligionReligionchristliche und ihrer diversen KonfessionsfamilienKonfessionsfamilien, Konfessionsparteien. In ihnen steht allerdings bekanntlich sehr viel, und selbst der Teufel beruft sich auf sie (vgl. Lk 4,1–13). Auch wem es um eine strenge Ausrichtung an der Bibel zu tun ist, der kommt nicht umhin, bestimmte Aussagen und Leitgesichtspunkte auszuwählen. Hierzu bedarf es eines Kriteriums. Dessen Bestimmung setzt Überlegungen voraus, die über den biblischen Text hinausgehen. Der Leser der Bibel und seine eigene Zeit gehören also irgendwie zu ihr hinzu. Ihr Verständnis ändert sich ebenso wie sich die Schwerpunkte der Lektüre verschieben. Für Kriterien der Bibellektüre haben sich in der Geschichte des Christentums sehr unterschiedliche Bezeichnungen eingebürgert. Man spricht von einer ‚Mitte der SchriftMitte der Schrift‘, von dem, ‚was Christum treibet‘ oder von dem ‚Wesen des ChristentumsWesen des Christentums‘. Nun wird man vielleicht einwenden wollen, wo hier das Problem liegt. Das Christliche bemisst sich aus seinem Bezug auf Jesus Christus, und das steht doch alles in der Bibel. Allein, wie ist Jesus Christus selbst zu verstehen? Hierauf gibt es sehr unterschiedliche Antworten, und es wird schnell klar, [4]dass die Frage nach dem wesentlich Christlichen von jeder Zeit neu zu beantworten ist. Darin besteht die Aufgabe der Systematischen Theologie. Sie fragt nach der Identität des christlichen Glaubens in der Spannung von Geschichte und eigener Gegenwart.

Die Systematische Theologie thematisiert die christliche ReligionReligionchristliche. Sie ist eine wissenschaftliche Disziplin und als solche von der Religion unterschieden. Seit der europäischen AufklärungAufklärung unterscheiden protestantische Theologen zwischen Theologie und ReligionTheologie und Religion.

Infobox

Unterscheidung von Theologie und Religion:

Die Unterscheidung von Theologie und Religion geht auf den Hallenser Theologen Johann Salomo SemlerSemler, Johann Salomo (1725–1791) zurück, und sie hängt zusammen mit der Etablierung von Fachwissenschaften am Ende des 18. Jahrhunderts. Die Theologie wird nun als eine professionelle Fachwissenschaft verstanden, die bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten voraussetzt und das alte, von Martin LutherLuther, Martin (1483–1546) geprägte Verständnis als oratio, meditatio, tentatio (beten, meditieren und anfechten) ersetzt. Dabei versteht Semler die Theologie und das von ihr ausgearbeitete Lehrsystem als geschichtlich wandelbar und partikular. Universal und zeitlos gültig ist hingegen die Religion. Unterschieden wird in der Theologie zwischen ihr und der Religion. Dadurch soll diese von einer theologischen Bevormundung befreit werden.

Mit der genannten Unterscheidung ist freilich ein Folgeproblem verbunden. Wie verhalten sich beide Größen zueinander? Sind beide das Gleiche, oder weiß die Theologie mehr als die Religion? Klärt jene den religiösen Menschen darüber auf, was er tut, wenn er glaubt? Nun betrachtet die Theologie als akademische Disziplin, die bestimmte Kenntnisse wie die der alten Sprachen, der Religionsgeschichte etc. voraussetzt, die religiösen Inhalte in der Tat im Kontext ihrer Geschichte. Insofern beschreibt sie das Gewordensein von religiösen Vorstellungsgehalten, indem sie zeigt, wo diese ihre geschichtliche Wurzel haben und wie sie entstanden sind. Dadurch wirkt die Theologie in allen ihren Einzeldisziplinen aufklärend auf die Religion. Gleichwohl wäre es fatal, wenn man der Theologie ein ‚höheres‘ Wissen zusprechen wollte als dem religiösen Menschen selbst. Würde man dann doch unterstellen, dem Glaubenden bleibt sein Glaube selbst unverständlich. Vielmehr ist dieser selbst schon als Erkenntnis zu verstehen, und die Systema[5]tische Theologie hat die Aufgabe, die Erkenntnis, welche die Religion selbst schon ist, darzustellen.

Die Systematische Theologie beschreibt Religion aus der Perspektive ihres Vollzugs. Sie hat folglich die Sichtweise der Teilnehmer einzunehmen. Da sie allerdings von der Religion unterschieden ist, kann sie deren Vollzug nur konstruieren. Sie arbeitet eine Deutung der ReligionDeutung der Religion aus der Perspektive der Glaubenden aus. Das gilt freilich auch für andere mit Religion befasste akademische Disziplinen wie ReligionswissenschaftReligionswissenschaft, EthnologieEthnologie, ReligionssoziologieSoziologieReligions- etc. Sie alle können Religion nur beschreiben und nicht selbst an deren Stelle treten oder einen besseren Zugang zu ihr für sich reklamieren. Die Systematische Theologie tut dies in einer Teilnehmerperspektive, die sie freilich methodisch reflektiert.

Fasst man die vorgestellten Überlegungen zusammen, dann kann man sagen, die Aufgabe der Systematischen Theologiedie Aufgabe der Systematischen Theologie besteht in der SelbstdarstellungSelbstdarstellung der christlichen ReligionReligionchristliche mit wissenschaftlichen Mitteln. Das Fachgebiet, mit dem Studierende der Theologie im Laufe ihres Studiums zu tun haben werden, widmet sich der wissenschaftlichen Kommunikation von Religion, indem es den religiösen Vollzug und dessen symbolische Darstellungsymbolische Darstellung in einem systematischen Zusammenhang erörtert. Die genannte Aufgabe leistet die Systematische Theologie in vier Kontexten: zunächst im Hinblick auf religiöse Gemeinschaften. Im Bereich des Christentums handelt es sich hier um die Kirchen. Sodann kommuniziert sie Religion im Kontext der Gesellschaft und schließlich im System der Wissenschaften sowie im Horizont der Theologie.

Literatur

Ingolf U. Dalferth: Kombinatorische Theologie. Probleme theologischer Rationalität, Freiburg i. Br./Basel/Wien 1991.

Wilfried Härle: Dogmatik, Berlin/New York 22000, S. 3–45.

Christoph Schwöbel: Art.: Systematische Theologie, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 7, Tübingen 2004, Sp. 2011–2018.

Konrad Stock: Einleitung in die Systematische Theologie, Berlin/New York 2011, S. 47–50.

Johann Salomo SemlerSemler, Johann Salomo: Versuch einer nähern Anleitung zu nützlichem Fleisse in der ganzen Gottesgelersamkeit für angehende Studiosos Theologiae, Halle 1757. ND Waltrop 2001.

[6]Aufgaben

1 Lesen Sie den Artikel von Christoph Schwöbel über Systematische TheologieTheologie.

2 Informieren Sie sich in einer neueren Dogmatik über das Verständnis der Systematischen Theologie.

3 Schreiben Sie einen Essay zu der Frage, was Systematische Theologie ist und womit sie sich beschäftigt.

1.3 Die Systematische Theologie im Kontext der Theologie

Dem Wortsinn nach bedeutet TheologieTheologie Rede von Gott (von griechisch: theo-logia). So wurde der Begriff von der antiken Philosophie geprägt und vom frühen Christentum übernommen. Dabei hat man bis ins 12. Jahrhundert unter Theologie lediglich die Lehre von Gott in seinen drei Personen (Trinitätslehre) verstanden. Erst im Zusammenhang mit der Entstehung der Universitäten wurde der Begriff in einem weiteren Sinne aufgefasst, indem man nun die christliche Lehre – die doctrina sacra – Theologie nannte. Deren Aufgabe bestand in der Auslegung der Bibel als verbindliche Texte der christlichen ReligionReligionchristliche. Daneben bildete sich zwar bereits im Mittelalter die Praxis heraus, Zitate der KirchenväterKirchenväter zu sammeln und zu kommentieren, aber erst in der Neuzeit kam es zu einer Ausdifferenzierung der Theologie in verschiedene Teildisziplinen. Das erfolgte im Zusammenhang der sich entwickelnden gesellschaftlichen Differenzierung. In diesem Prozess wurden in dem akademischen Lehrbetrieb die einzelnen theologischen Fächer institutionalisiert, die auch noch heute an den Theologischen Fakultäten gelehrt werden.

[7]Im gegenwärtigen Lehrbetrieb der evangelischen Theologie haben sich insgesamt fünf Fächer mit unterschiedlichen methodischen Instrumentarien etabliert, die selbst wiederum diverse Unterdisziplinen umfassen. Man kann diese Fächer in historische und gegenwartsbezogene Disziplinen der Theologiehistorische und gegenwartsbezogene Disziplinen untergliedern. Die historischen Fächer sind Altes und Neues Testament sowie KirchengeschichteKirchengeschichte, und die gegenwartsorientierten sind Systematische Theologie sowie Praktische TheologieTheologiePraktische.

Infobox

Theologische Disziplinen:


A. historische Disziplinen B. gegenwartsbezogene Disziplinen
1. Altes Testament 1. Systematische Theologie
Einleitung ins Alte Testament Religionsgeschichte IsraelsIsrael Theologie des Alten Testaments Religionsphilosophie Dogmatik EthikEthik
2. Neues Testament 2. Praktische TheologieTheologiePraktische
Einleitung ins Neue Testament Religionsgeschichte des Frühjudentums Theologie des Neuen Testaments *HomiletikHomiletik *PoimenikPoimenik ReligionspädagogikReligionspädagogik
3. KirchengeschichteKirchengeschichte
SozialgeschichteSozialgeschichte der Kirchen DogmengeschichteDogmengeschichte TheologiegeschichteTheologiegeschichte

Die historische Disziplinen der Theologiehistorischen Disziplinen der Theologie erkunden die geschichtlichen Grundlagen der christlichen ReligionReligionchristliche, deren Entstehung und Entwicklung in unterschiedlichen religionskulturellen Kontexten, die sich ändernden Sozialstrukturen der christlichen Religionsfamilie, die unterschiedlichen Konzeptionen von Religion und Politik und anderes. Auf vielfältige Weise rekonstruieren diese Disziplinen die Wandlungen des Christentums in der Geschichte. Die GeschichtsforschungGeschichtswissenschaft, Geschichtsforschung möchte wissen, „wie es wirklich gewesen ist“ (Leopold von RankeRanke, Leopold von [1795–1886]). Im Unterschied hierzu sind die gegenwartsbezogene Disziplinen der Theologiegegenwartsbezogenen theologischen Fächer an normativen Fragen interessiert. Sie fragen nach dem wesentlich Christlichen vor dem Hintergrund der Geschichte des Christentums und der jeweiligen Gegenwart.

Seit der europäischen Aufklärung sind die historischen und gegenwartsorientierten Disziplinen der Theologie in einen Gegensatz getreten. Die Etablierung der historisch-kritischen Methodehistorisch-kritische Methode in der protestantischen TheologieTheologieevangelische, protestantische im letzten Drittel des 18. Jahr[8]hunderts befreite die Auslegung der biblischen Schriften von den Vorgaben der DogmatikDogmatik. Die Bibel kam dadurch als ein rein religionsgeschichtliches Dokument in den Blick. Zu deren Verständnis bedarf es der Kenntnis der Sprachen, in der sie verfasst wurde, sowie eines religionskulturellen Wissens über die Religionen des alten Orients, ihrer Transformation im Zeitalter des *Hellenismus etc. Mit der Einordnung der Bibel in die Geschichte wird deren normative Geltung aufgelöst. Die biblischen Schriften sind ebensolche religionsgeschichtlichen Dokumente wie der KoranKoran oder die heiligen Texte der indischen ReligionReligionindischeen. Die Frage nach dem Wesen des ChristentumsWesen des Christentums, nach dem in unserer Zeit Verbindlichen lässt sich vor diesem Hintergrund nicht mehr mit einem Verweis auf die Bibel beantworten. Es besteht eine Differenz von Geschichte und NormativitätNormativität, von Genesis und Geltung.

Allerdings fällt der Unterschied zwischen den historischen und den gegenwartsorientierten Disziplinen der Theologie nicht einfach mit dem zwischen Geschichte und Geltung zusammen. Jedes Bild der Geschichte ist eine gegenwartsbezogene Konstruktion. Der Historiker konstruiert seine Sicht der Vergangenheit stets im Ausgang von seiner eigenen Gegenwart. Deshalb fließen in jedes Geschichtsbild Interessen, Überzeugungen und Normen ein, die nicht der Vergangenheit entnommen sind und die ihr Gemälde erst zu einem sinnvollen Zusammenhang formen. Die Konstruktion der Geschichte erfolgt selbst schon in einem gegenwartsbezogenen Interesse. Sodann entstehen alle Normen und Überzeugungen in der Geschichte. Wer heute über die Identität des Christlichen nachdenkt, der nimmt Denkweisen, Begriffe und Modelle in Anspruch, die selbst geschichtlich geworden sind. Schon die Sprache, in der das wesentlich Christliche formuliert wird, verdankt sich einer bereits vorgegebenen Kultur. Die Spannung zwischen Historie und Geltung lässt sich folglich nicht einfach auf die historischen und gegenwartsbezogenen Disziplinen der Theologie verteilen. Sie tritt in jeder von ihnen selbst noch einmal auf.

Der angedeutete der methodische Zirkel des Verstehensmethodische ZirkelZirkel des Verstehens – jedes Bild der Vergangenheit ist eine gegenwartsbezogene Konstruktion, und zugleich ist diese selbst das Resultat der Geschichte – wird in der Systematischen Theologie zum Thema der theologischen Reflexion. Ihre Voraussetzung ist die Geschichte der Theologie, [9]wie sie von historischen Disziplinen bearbeitet wird. Das Interesse an der Geschichte ist freilich kein rein historisches. Vielmehr geht es der Systematischen Theologie um eine Bestimmung der Identität des Christentums auf der Grundlage von dessen geschichtlicher Entwicklung und in Auseinandersetzung mit ihrer jeweiligen Gegenwart. Diese Aufgabe kann sie allein in Zusammenarbeit mit den anderen theologischen Disziplinen sowie im Gespräch mit nichttheologischen Fächern erfüllen.

Literatur

Ingolf U. Dalferth: Evangelische TheologieTheologieevangelische, protestantische als Interpretationspraxis. Eine systematische Orientierung, Leipzig 2004.

Hermann Deuser: Kleine Einführung in die Systematische Theologie, Stuttgart 1999, S. 177–184.

Wilfried Härle: Dogmatik, Berlin/New York 22000, S. 3–45.

Wolfhart Pannenberg: Wissenschaftstheorie und Theologie, Frankfurt a.M. 1987.

Friedrich SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kurze Darstellung des theologischen Studiums zum Behuf einleitender Vorlesungen (1811/1831), hrsg. v. Dirk Schmid, Berlin/New York 2012.

Konrad Stock: Die Theorie der christlichen Gewißheit. Eine enzyklopädische Orientierung, Tübingen 2005.

Aufgaben

1 Informieren Sie sich anhand der Kleine[n] Einführung in die Systematische Theologie von Hermann Deuser über die Gliederung der Theologie und die Aufgabe einer theologischen Enzyklopädie.

2 Lesen Sie den Abschnitt aus Wilfried Härles Dogmatik über die TheologieTheologie als Wissenschaft.

3 Schreiben Sie einen Essay zur Stellung der Systematischen Theologie im Kontext der Theologie.

1.4 Die Gliederung der Systematischen Theologie

Die Systematische Theologie umfasst als akademisches Fach verschiedene Unterdisziplinen der Systematischen TheologieUnterdisziplinen, die sich im Prozess der Ausdifferenzierung der Theologie herausgebildet haben. An den protestantischen Fakultäten werden vor allem drei Einzeldisziplinen unter dem Obertitel zusammengefasst: Religionsphilosophie, Dogmatik und EthikEthik. Alle drei haben sich erst in der Neuzeit als selbständige Disziplinen im akademischen Lehrbetrieb etabliert. In der Geschichte des Fachs zählte man allerdings noch weitere Disziplinen zu ihr. So bildete sich in der ReformationszeitReformation, Reformationszeit im Zusammenhang mit der Entstehung des protestantischen Dog[10]matikunterrichts die sogenannte PolemikPolemik heraus. Sie widmete sich der Auseinandersetzung mit den von der eigenen KonfessionKonfession abweichenden Lehrauffassungen. Mit dem Nachlassen der Prägekraft von konfessionellen Differenzen in der Aufklärungszeit wurde die Polemik in die KonfessionskundeÖkumenik, Konfessionskunde beziehungsweise Ökumenik überführt. Letztere bildet auch in der Gegenwart einen Bestandteil des Studiums der Systematischen Theologie an protestantischen Fakultäten. Aus der im 19. Jahrhundert entstandenen MissionswissenschaftMissionswissenschaften wurde im 20. Jahrhundert die ReligionswissenschaftReligionswissenschaft, die sich als eigenständige Disziplin sowohl an als auch außerhalb von theologischen Fakultäten etabliert hat. Ebenfalls in der Zeit der Aufklärung entwickelte sich in Auseinandersetzung mit dem modernen Zeitgeist die sogenannte ApologetikApologetik. Ihr oblag die Verteidigung des christlichen Glaubens gegenüber der Kritik seitens der modernen NaturwissenschaftenNaturwissenschaft oder des neuzeitlichen AtheismusAtheismus. Vor allem in der römisch-katholischen Theologie formierte sich hieraus die sogenannte FundamentaltheologieFundamentaltheologie. Deren Aufgabe besteht in der Demonstration der Vernunftgemäßheit der GlaubenslehreGlaubenslehre der Kirche. Auch in der protestantischen TheologieTheologieevangelische, protestantische haben sich in den letzten Jahrzehnten die Stimmen gemehrt, so etwas wie eine evangelische Fundamentaltheologie im akademischen Lehrbetrieb zu institutionalisieren. Bislang ist in dieser Frage jedoch noch kein Konsens erreicht.

1.4.1 ReligionsphilosophieReligionsphilosophie

Zu den klassischen Unterdisziplinen der Systematischen Theologie im Protestantismus gehört die Religionsphilosophie. Als ein eigenständiges akademisches Fach ist diese erst in den 1790er Jahren an deutschsprachigen Universitäten entstanden. Sie setzt die Kritik an der überlieferten *Metaphysik und *theologia naturalis (natürliche TheologieTheologienatürliche) durch Immanuel KantImmanuel KantKant, Immanuel (1724–1804) voraus. In seiner 1781 erschienenen Kritik der reinen Vernunft hatte der Königsberger Philosoph den Nachweis erbracht, dass Gott von der menschlichen Vernunft nicht erkannt werden könne. Intersubjektiv geltende Erkenntnis ist aufgrund ihrer beiden Quellen Anschauung und BegriffAnschauung und Begriff nur im Bereich der Erfahrung möglich. Aus dem Umfeld möglicher Erkenntnisgegenstände schieden damit die über die Erfahrung hinausgehenden göttlichen Dinge [11]aus. Hier knüpft die Religionsphilosophie an. Sie fragt nach dem Gottesverhältnis des Menschen und nicht mehr wie die natürliche Theologie nach einem metaphysischen Gottesbegriff. In der Philosophie der Religion kommt es also zu einer Perspektivenverschiebung. Deshalb ist die Religionsphilosophie keine einfache Fortsetzung der überlieferten Metaphysik und ihres Gottesgedankens. Sie hat mit dem religiösen Bewusstsein ein eigenes Thema.

Die die Aufgabe der ReligionsphilosophieReligionsphilosophie erkundet die Religion und ihre konstitutiven Merkmale, welche sie von anderen menschlichen Kulturgebilden unterscheidet. Indem die PhilosophiePhilosophie der Religion den Nachweis erbringt, dass Religion gleichsam zur conditio humanaconditio humana (Bedingung des Menschen) gehört, begründet sie deren Notwendigkeit und damit den Gegenstand der Theologie. In der protestantischen TheologieTheologieevangelische, protestantische wurde der Grundlagenwechsel von Gott zur Religion noch aus einem weiteren Grund notwendig. Für die ReformationReformation, Reformationszeit fungierte die Bibel als alleinige EntscheidungsinstanzEntscheidungsinstanz in theologischen und religiösen Fragen. Eine solche normative Kompetenz kann den biblischen Schriften allein dann zukommen, wenn sie selbst eine gleichsam göttliche AutoritätAutorität haben und klar, eindeutig und im Hinblick auf das Heil des Menschen vollständig sind. Durch die Einführung des kritischen Geschichtsdenkens in die protestantische Theologie im 18. Jahrhundert wurde diese Stellung der Bibel mit historischen Argumenten aufgelöst. Damit verlor jedoch die Theologie des Protestantismus ihr normatives Fundament. Es wurde im 19. Jahrhundert durch den [12]ReligionsbegriffReligionsbegriff ersetzt, der dadurch zur methodischen Grundlage der modernen TheologieTheologiemoderne avancierte.

Eine grundlegende Aufgabe der Religionsphilosophie besteht darin, eine umfassende Theorie der Religion auszuarbeiten. Freilich ist die philosophische Analyse der Religion von dem zugrundliegenden Philosophieverständnis abhängig. Je nachdem, was unter Philosophie verstanden wird, ergeben sich höchst unterschiedliche Verständnisse von Religionsphilosophie und deren Aufgabe.

Infobox

Typen der Religionsphilosophie:


1. transzendentaletranszendental: Religion ist Bestandteil des menschlichen Bewusstseins (Immanuel KantKant, Immanuel); religiöses Apriorireligiöses Apriori im Aufbau des menschlichen Bewusstseins (Ernst TroeltschTroeltsch, Ernst [1865–1923])
2. phänomenologische: religiöse Erfahrung / Idee des Heiligen (Rudolf OttoOtto, Rudolf [1869–1937])
3. sprachanalytische: Eigenart der religiösen Sprache / Sprachspiele (Ludwig WittgensteinWittgenstein, Ludwig [1889–1951])
4. pragmatische: Lebensfunktion der Religion (William JamesJames, William [1842–1910])
5. spekulative: Religion als SelbstbewusstseinSelbstbewusstsein Gottes (Georg W.F. HegelHegel, Georg Wilhelm Friedrich [1770–1831])

Die Religionsphilosophie fragt nach dem Wesen der Religion und versucht, diese auf philosophische Begründung der Religionphilosophische Weise zu begründen, also ohne Rekurs auf eine göttliche Offenbarung. Die geschichtlichen ReligionReligiongeschichtlicheen sind der philosophischen Analyse bereits vorgegeben. Sie werden nicht durch die Religionsphilosophie hervorgebracht. Um grundlegende Merkmale der Religion zu erschließen, ist die PhilosophiePhilosophie der Religion sowohl auf die ReligionswissenschaftReligionswissenschaft als auch auf Kultur- und SozialwissenschaftenSozialwissenschaften angewiesen. Ohne empirische Kenntnisse über die lebensweltlichen Religionen kann weder eine Untersuchung der Religion vorgenommen noch deren Begriff konstruiert werden. Religion gibt es allein in der Vielfalt der geschichtlich gewordenen Religionen und ihrer Traditionen. Die Religionsgeschichte ist folglich ein konstitutiver Bestandteil der philosophischen Reflexion der Religion. Eine weitere Aufgabe der Religionsphilosophie besteht in der Herausarbeitung der spezifischen KategorienKategorien (Philosophie), welche die religiöse Weltsicht konstituieren. Die religiöse Sprache und Erkenntnis unterscheidet sich von der Alltagssprache auf signifikante Weise. Deren Eigenart hat die philosophische Analyse der Religion zu klären. Und schließlich muss die Religionsphilosophie nach dem Zusammenhang und Unterschied von Religion und Kultur fragen. Geschichtliche Religionsfamilien wie das Christentum oder der IslamIslam sind stets mit Kulturen verwoben und ein Teil von ihnen. Zugleich beanspruchen Religionen, mehr als bloße Kultur zu sein. Auf diese Weise konzipiert die Religionsphilosophie einen kritischen Allgemeinbegriff der Religion, der auf diverse religiöse Phänomene angewendet werden kann. Nur so erfüllt er eine kritische Funktion.

Aber wie gelangt die Religionsphilosophie zu einem Begriff der Religion, der allgemeingültig ist und sich auf alle religiösen Phänomene anwenden lässt? Hierin besteht ihr das methodische Grundproblem der Religionsphilosophiemethodisches Grundproblem. Hatte man in der Aufklärungszeit den Begriff [13]der Religion weitgehend aus dem Christentum abgeleitet und ihn als universal behauptet, so ist das in der globalisierten Welt und vor dem Hintergrund der angewachsenen religionskundlichen Kenntnisse nicht mehr möglich. Der ReligionsbegriffReligionsbegriff soll ja als kritischer Allgemeinbegriff fungieren. Wie aber kann er das leisten, wenn er ausschließlich von einer bestimmten, geschichtlich bedingten Religionskultur abstrahiert wird? Seine Anwendung auf andere Religionen, so hat man argumentiert, würde lediglich den europäisch-nordamerikanischen Imperialismus und Kolonialismus mit anderen Mitteln fortschreiben. Kulturen, die weder Religion als Allgemeinbegriff kennen noch diese von anderen kulturellen Bereichen unterscheiden, wie es in Europa üblich ist, werden mit einem Konzept überformt, welches ihnen fremd ist. Sollte man also auf einen Begriff der Religion verzichten? Das kann freilich keine Lösung des Grundproblems einer Religionsphilosophie sein. Schon um bestimmte Kulturerscheinungen als Religion ansprechen zu können, ist ein VorverständnisVorverständnis von ihr vorausgesetzt.

Die seit gut zweihundert Jahren zwischen Theologen, Philosophen, Religions- und Kulturwissenschaftlern geführten Debatten über die Religion haben deutlich gemacht, dass sich in ihrem Begriff höchst unterschiedliche Dimensionen überschneiden und überlagern. In ihm bündeln sich Binnen- und Außensichten. Um einen gehaltvollen Begriff der Religion konzipieren zu können, kommt man nicht umhin, auf eine bestimmte Religion Bezug zu nehmen. Jeder Allgemeinbegriff lässt sich lediglich aus einer bestimmten, geschichtlich gewordenen Perspektive konstruieren. Das hat seinen Grund in dem zirkulären Charakter des Verstehens von kulturellen Phänomenen wie dem der Religion. Um Letztere identifizieren zu können, ist deren Verständnis bereits in Anspruch genommen. Darin dokumentiert sich die Abhängigkeit jeder ReligionsphilosophieReligionsphilosophie und jedes Allgemeinbegriffs der Religion von einer bestimmten religiösen Tradition und deren SelbstdarstellungSelbstdarstellung etwa in Form einer Theologie. Die Aufgabe der Religionsphilosophie besteht darin, den methodischen ZirkelZirkel, der für einen Begriff der Religion konstitutiv ist, bewusst zu machen. Ausschließen oder gar vermeiden lässt sich ein solcher Zirkel bei keinem geisteswissenschaftlichen Gegenstand. Der Begriff der Religion ist ein akademisches Konstrukt. Der Schwierigkeiten, die mit seiner Fassung verbunden sind, ungeachtet, ist er gleichwohl not[14]wendig, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Religionen zu beschreiben.

Literatur

Hermann Deuser: Religionsphilosophie, Berlin/New York 2009.

Johann Figl: Philosophie der Religionen. Pluralismus und Religionskritik im Kontext europäischen Denkens, Paderborn/München/Wien/Zürich 2011.

Winfried Löffler: Einführung in die Religionsphilosophie, Darmstadt 2006.

Thomas Rentsch: Religiöse Vernunft: Kritik und Rekonstruktion. Systematische Religionsphilosophie als kritische HermeneutikHermeneutik, in: Hans-Joachim Höhn (Hrsg.): Krise der Immanenz. Religion an den Grenzen der Moderne, Frankfurt a.M. 1996, S. 235–262.

Hartmut Rosenau: Art.: Religionsphilosophie I. Christliche Religionsphilosophie, in: TRE, Bd. 28, Berlin/New York 1997, S. 749–761.

Falk Wagner: Was ist Religion? Studien zu ihrem Begriff und Thema in Geschichte und Gegenwart, Gütersloh 1986. 21991.

Aufgaben

1 Welche methodischen Probleme sind mit der Fassung eines ReligionsbegriffsReligionsbegriff verbunden?

2 Informieren Sie sich anhand des Lexikonartikels von Hartmut Rosenau über die Themen der Religionsphilosophie.

3 Fassen Sie die Aufgabe der Religionsphilosophie in Thesen zusammen.

1.4.2 DogmatikDogmatik

Neben der Religionsphilosophie bildet die DogmatikDogmatik einen konstitutiven Bestandteil im Fächerkanon der Systematischen Theologie. Dogmatik nennt man die Darstellung der LehreDarstellung der Lehre einer der christlichen Konfessionen. In diesem Sinne hat sich der Begriff erst im 17. Jahrhundert zur Bezeichnung der Disziplin herausgebildet. Die klassische Schuldogmatik des Protestantismus versteht sich als eine zusammenfassende Darstellung der Bibel. Hieraus resultiert ihr sogenannter heilsgeschichtlicher Aufriss. In ihrer inhaltlichen Erörterung der Lehre setzt sie mit dem Gottesgedanken ein, erläutert die SchöpfungSchöpfung von Welt und Mensch, den AbfallAbfall des Menschen von Gott, um sodann mit den Lehren von Christus und der VersöhnungVersöhnung, Versöhnungswerk den Weg der Rückkehr des Menschen zu Gott zu beschreiben. Hieran schließen sich die Themen der Kirche und schließlich der Lehre von den letzten Dingen, der Eschatologie, an. Auf diese Weise bietet die Dogmatik eine [15]lehrhafte Zusammenfassung der Bibel, an deren Aufbau sie sich anlehnt. Den inhaltlichen Ausführungen der Dogmatik werden sogenannte ProlegomenaProlegomena (von griechisch: prolégein, vorher sagen, Vorwort) vorangestellt, welche die Erkenntnisquellen der theologischen Wissenschaft erörtert. Im Bereich des Protestantismus ist das vor allem die Lehre von der Heiligen Schrift. Sie stellt für die protestantische TheologieTheologieevangelische, protestantische die einzige EntscheidungsinstanzEntscheidungsinstanz in theologischen und religiösen Fragen dar. Infolge der Krise des SchriftprinzipsSchriftprinzipKrise des Sch.s seit der europäischen Aufklärung trat im 19. Jahrhundert an dessen Stelle der ReligionsbegriffReligionsbegriff. In den Prolegomena der Dogmatik wurde nun eine Religionsphilosophie traktiert. Ausgehend vom Begriff der Religion ordnet man das Christentum in die Religionsgeschichte ein und verstand es als Realisierung beziehungsweise höchstmögliche FormForm (Philosophie) der Religion. Damit war die Grundlage für die Entfaltung der materialen Dogmatik gegeben. In neuerer Zeit wird diskutiert, eine evangelische FundamentaltheologieFundamentaltheologie auszuarbeiten. Da diese nicht wie im römisch-katholischen Verständnis als Begründung der Vernünftigkeit der Kirchenlehre aufgefasst werden kann, wird sie zumeist als Einleitung in die Dogmatik konzipiert. Allerdings ist aufgrund der Zir[16]kelstrukturZirkelstruktur der geisteswissenschaftlichen Arbeit eine solche Einleitung selbst schon Dogmatik.

Die DogmatikDogmatik erörtert die theologische Lehre einer christlichen KonfessionKonfession in ihrem systematischen Zusammenhang. Man hat deshalb vorgeschlagen, ihren Gegenstand als DogmaDogmaDogma zu bezeichnen. Sie wäre dann eine Wissenschaft vom Dogma im Sinne von verbindlichen Lehrmeinungen. Dadurch wird der normative Charakter der Dogmatik hervorgehoben und unterstrichen.

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DogmaDogma:

Der Begriff DogmaDogma (griechisch: dokein, was jemand meint) stammt aus der antiken Philosophie und bezeichnet eine verbindliche Lehrmeinung beziehungsweise eine feststehende Aussage. In der Alten KircheKircheAlte wurde der Begriff zur Bezeichnung der wahren kirchlichen Lehre übernommen. Das wahre Dogma ist nun die christliche Lehre. Von ihr gilt, wie es Vinzenz von LerinumVinzenz von Lerinum (gest. zwischen 434 und 450) formulierte, „was überall, immer und von allen geglaubt worden ist“. Erst in der Neuzeit kommt es in der römisch-katholischen KircheKirchekatholische, Katholizismus zu einem Verständnis des Dogmas als verbindlichem, von Gott geoffenbarten Lehrinhalt (Erstes Vatikanisches KonzilKonzil, Erstes Vatikanisches1869–1870). In einem solchen Sinne – als von der Kirche formulierte autoritative Lehre – kann das Dogma im Protestantismus nicht verstanden werden.

Allerdings ist ein Verständnis der DogmatikDogmatik als Wissenschaft von den Dogmen nicht unproblematisch. In den protestantischen Kirchen gibt es im Unterschied zur römisch-katholischen KircheKirchekatholische, Katholizismus keine Instanz, welche ein DogmaDogma festlegen könnte. Zudem würde der Begriff des Dogmas als verbindlicher GlaubensinhaltGlaubensinhalt, der von dem Einzelnen zu glauben ist, dem protestantischen Verständnis des Glaubens widersprechen. Neben dem Dogma wurden deshalb Gott, die Offenbarung Gottes, das christlich-religiöse Bewusstsein und der christliche Glaube als Gegenstand der Dogmatik vorgeschlagen. Je nach dem, was man als Thema der Dogmatik ansetzt, ergeben sich unterschiedliche Konzeptionen.

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Konzeptionen der DogmatikDogmatik:


altprotestantische TheologieTheologiealtprotestantische: DogmatikDogmatik als zusammenfassende Darstellung der geoffenbarten WahrheitWahrheitgeoffenbarte der Bibel
GlaubenslehreGlaubenslehre: DogmatikDogmatik als systematische Entfaltung des christlich-religiösen Bewusstseins (Friedrich SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst [1768–1834])
spekulative TheologieTheologiespekulative: DogmatikDogmatik als logische Explikation des trinitarischen Gottesgedankens (Falk WagnerWagner, Falk [1939–1998])
OffenbarungstheologieTheologieOffenbarungs-: DogmatikDogmatik als Darstellung des Ereignisses der Offenbarung Gottes (Karl BarthBarth, Karl [1886–1968])
ErfahrungstheologieTheologieErfahrungs-: DogmatikDogmatik als Entfaltung des christlichen Wirklichkeitsverständnisses (Eilert HermsHerms, Eilert [geb. 1940], Wilfried HärleHärle, Wilfried [geb. 1941], Christoph SchwöbelSchwöbel, Christoph [geb. 1955])
analytische Formen: DogmatikDogmatik als Analyse der Sprachspiele der christlichen Rede

Nun kann Gott aufgrund seiner TranszendenzTranszendenz nicht zum Gegenstand einer Wissenschaft werden. Für die DogmatikDogmatik bleibt dann nur das Gottesverhältnis des Menschen als Themenfeld übrig. Es lässt sich auf unterschiedliche Weise thematisieren. Im 19. Jahrhundert avancierte das religiöse Bewusstsein und damit die Religion zur methodischen Grundlage der Dogmatik. Der Got[17]tesbegriff scheint auf diese Weise in eine Abhängigkeit vom Menschen zu geraten. Die theologische Entwicklung im 20. Jahrhundert hat deshalb im Interesse an der Unabhängigkeit Gottes einer solchen Konzeption der Dogmatik energisch widersprochen und die Offenbarung Gottes als Gegenstand der Theologie angesetzt. Die Alternative Religion oder Gottes Offenbarung als Ausgangspunkt und Thema der Dogmatik, welche die Debatten im 20. Jahrhundert beherrschte, ist jedoch abstrakt. Sie verkennt wesentliche Motive der Neubeschreibung der Religion als Offenbarung Gottes. Auch hier geht es um eine angemessene Fassung der Religion. Sie wird lediglich nicht mehr als anthropologische Anlage gefasst. Weiterführender ist es, die Alternative von Religion oder Offenbarung hinter sich zu lassen und die Dogmatik als Darstellung des GlaubensaktesDogmatik als eine SelbstdarstellungSelbstdarstellung des Glaubensaktes zu verstehen. Ihr Gegenstand ist die als Glaube weiterbestimmte Religion. Mit dem personalen GlaubensaktGlaubensakt und seiner reflexiven Struktur expliziert die Dogmatik das Wesen des ChristentumsWesen des Christentums.

Der Glaube ist ein menschlicher Akt, der in einer Kultur vollzogen wird, aber aus dieser nicht ableitbar ist. Die symbolischen Formen, in denen sich der Glaube darstellt und beschreibt, sind kulturell vermittelt und somit geschichtlich bestimmt. Christlich-religiöse Kommunikation steht wie jede andere in der Spannung von geschichtlicher Abhängigkeit und Transformation. Jegliches Verstehen ist abhängig von einem Standpunkt und seinen Voraussetzungen. Diesen methodologischen ZirkelZirkelmethodologischer expliziert die DogmatikDogmatik, indem sie den GlaubensvollzugGlaubensvollzug beziehungsweise das Wesen des ChristentumsWesen des Christentums darstellt. Das wesentlich Christliche ist nämlich nicht etwas, was bereits vorliegt und gewissermaßen an eine veränderte Zeit angepasst werden müsste. Es ist vielmehr eine SelbstbeschreibungSelbstbeschreibung, die es auch nur als eine solche gibt. Das Christentum und der christliche Glaube existieren allein in dem Vollzug ihrer SelbstdarstellungSelbstdarstellung und Kommunikation, nämlich als solche Weisen eines menschlichen Selbstverständnisses, die sich als christlich beschreiben. Wenn sich die christliche Kommunikation stets in der Spannung von geschichtlicher Einbindung der symbolischen Formen sowie deren Umformung vollzieht, dann stellt sich die Frage nach deren Grenzen. Wo hört eine religiöse Selbstdarstellung auf, christlich zu sein? Es ist die Aufgabe der theologischen Dogmatik, derartige Grenzreflexionen der christlichen Kommunikation zu reflektieren. Darin stellt sie die Iden[18]tität des Christlichen in der Spannung von Geschichte und eigener Gegenwart dar.

Literatur

Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen KircheKirchelutherische, Göttingen 91982 (= BSLK).

Christian Danz: Einführung in die evangelische DogmatikDogmatik, Darmstadt 2010.

Eilert HermsHerms, Eilert: Art.: DogmatikDogmatik, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 2, Tübingen 1999, Sp. 899–915.

Eilert HermsHerms, Eilert: Systematische Theologie. Das Wesen des Christentums: In Wahrheit und aus Gnade leben, Tübingen 2016.

Hermann Fischer: Systematische Theologie. Konzeptionen und Probleme im 20. Jahrhundert, Stuttgart/Berlin/Köln 1992.

Konrad Stock: Einleitung in die Systematische Theologie, Berlin/New York 2011, S. 55–61.

Henning Theißen: Einführung in die DogmatikDogmatik. Eine kleine Fundamentaltheologie, Leipzig 2015.

Aufgaben

1 Informieren Sie sich anhand einer Geschichte der protestantischen TheologieTheologieevangelische, protestantische über die Kontroversen zum ReligionsbegriffReligionsbegriff als methodische Grundlage der DogmatikDogmatik.

2 Informieren Sie sich über den Begriff sowie die Geschichte des Dogmas.

3 Nehmen Sie Stellung zu der Frage, warum das DogmaDogma nicht Gegenstand einer protestantischen DogmatikDogmatik sein kann.

1.4.3 EthikEthik

Die dritte Hauptdisziplin der Systematischen Theologie ist die EthikEthik. Auch sie hat sich erst im 17. Jahrhundert in Unterscheidung von der dogmatischen Theologie als ein eigenes theologisches Fachgebiet herausgebildet. Den Anlass hierzu bildete zunächst das Interesse, die Ethik in einer theologischen Perspektive zu behandeln. Im *konfessionellen Zeitalterkonfessionelles Zeitalter waren die theologischen Konzeptionen mit umfassenden normativen Leitbildern des gesellschaftlichen Gemeinwesens verbunden. Dieses Anliegen schlägt sich in den Entwürfen von theologischen Ethiken nieder. In der protestantischen Lehrtradition wurde die Ethik zunächst unter dem Titel der gute Werkeguten Werke behandelt. Dabei ließ man sich LutherLuther, Martin folgend von der Überzeugung leiten, dass die guten Werke unmittelbar aus dem Glauben fließen. Der Reformator kleidete den Zusammenhang von Glaube und Handeln im Anschluss an [19]Mt 12,33 in das Bild von dem guten Baum, der gute Früchte trägt. Allerdings vermochte auch der Wittenberger Theologe nicht deutlich zu machen, wie der Zusammenhang von Glaube und sittlichem Handeln genauer zu fassen ist.

Die Begriffe EthikEthik und MoralMoral wurden in der abendländischen Tradition weitgehend synonym verwendet. Erst in neuerer Zeit unterscheidet man terminologisch zwischen ihnen. MoralMoral bezeichnet die lebensweltlichen Orientierungen und Selbstverständlichkeiten, die das Leben des Einzelnen und von sozialen Gruppen prägen (im Sinne von griechisch: ethos, Gewohnheit, Brauch). Unter EthikEthik hingegen versteht man eine Theorie oder Reflexion der ihr vorgegebenen Moral. Die ethische Reflexion befragt das moralische Handeln, ob es dem sittlichen Kriterium des Guten entspricht oder nicht. Was das ethisch Gute ist und wie es sich von anderen kulturellen Sphären unterscheidet, das wird in den Theorien der Ethik unterschiedlich begründet. Für AristotelesAristoteles (385–322 v. Chr.), den Begründer der Ethik (Nikomachische Ethik), ist das Gute das höchste Guthöchstes Gut, summum bonum, und es besteht in der Glückseligkeit. Im modernen UtilitarismusUtilitarismus (Jeremy BenthamBentham, Jeremy [1748–1832], John Stuart MillMill, John Stuart [1806–1873]) wird das Gute in dem Nutzen erblickt, den das Handeln für die Gemeinschaft erbringt. Immanuel KantKant, Immanuel hingegen definiert das sittlich Gute ohne Rekurs auf inhaltliche Bestimmungen. Es besteht in einer formalen Verallgemeinerungsregel, der zufolge der Handelnde die Bestimmungsgründe seines Willens daraufhin zu befragen hat, ob sie sich verallgemeinern lassen (*kategorischer Imperativkategorischer Imperativ).

[20]In der Geschichte des ethischen Denkens wurden verschiedene Konzeptionen von Ethiken beziehungsweise praktischen Philosophien ausgearbeitet.

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Typen der EthikEthik:


IndividualethikEthikIndividual-: sie bemüht sich, Normen und Ziele zu begründen, die für das Handeln des IndividuumsIndividuum gelten sollen (Pflichten- und TugendethikEthikTugend-)
SozialethikEthikSozial-: sie sucht nach begründbaren Normen und Zielen für die Interaktionen zwischen Individuen und Großgruppen sowie der Großgruppen untereinander (GüterethikEthikGüter-)
MetaethikEthikMeta-: wissenschaftliche Erörterung der Bedingungen von ethischen Diskursen
angewandte EthikEthikangewandte: ethische Reflexion von Einzelproblemen z.B. der modernen MedizinMedizin oder der Wirtschaft

Ethische Reflexionen werden nicht nur in der Philosophie (praktische PhilosophiePhilosophiepraktische) angestellt, sie bilden auch einen zentralen Bestandteil der christlichen Theologien. Religionen wie die christliche enthalten immer auch Orientierungen für das Handeln (*DekalogDekalog). Für eine theologische EthikEthik ergibt sich nun ein besonderes Problem aus der Frage, ob es spezifische Normen des Handelns geben kann, die nur für Christen gelten. Wenn jedoch sittliche Normen den Charakter der Allgemeingültigkeit haben, dann kann es eine christliche Sonderethik ebenso wenig geben wie eine religiöse Mathematik oder LogikLogik. Welchen Charakter hat dann aber eine theologische Ethik? Ethisches Denken entwickelt sich zwar stets in bestimmten, geschichtlich gewordenen Religionskulturen, so dass religiöse Aspekte in die Herausbildung von Moralen und Ethiken mit einfließen. Aber das besagt nichts über die Geltung von ethischen Normen.

Im Bereich der Systematischen Theologie wird die EthikEthik in einem religiösen Horizont zum Thema. Dabei geht es stets auch um die Frage, in welchem Verhältnis Dogmatik und Ethik zueinander stehen. Ist letztere eine bloße Konsequenz der GlaubenslehreGlaubenslehre? Oder kommt der ethischen Reflexion gegenüber der Dogmatik eine selbständige Bedeutung zu? Je nachdem, wie die genannten Fragen beantwortet werden, ergeben sich unterschiedliche Konzeptionen der Dogmatik und der Ethik.

Mit der Herausbildung der modernen GesellschaftGesellschaftmoderne hat sich der Steigerung des Bedarfs an ethischer ReflexionBedarf an ethischer Reflexion erhöht. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt konfrontiert mit Problemen, die durch die überlieferte MoralMoral nur unzureichend beantwortet werden können. Im Hinblick auf Gentechnik und deren Folgen zum Beispiel ist die traditionelle, an der Bibel orientierte christliche Moral überfordert. Eine ethische Reflexion derartiger Problemkreise setzt einschlägige Fachkenntnisse voraus. Andernfalls würde die EthikEthik den Problemen der modernen Gesellschaft äußerlich bleiben. Vorausgesetzt ist hierbei allerdings auch eine kulturhermeneutische Kompetenz, welche es erlaubt, die unterschiedlichen kulturellen Formen der NaturwissenschaftNaturwissenschaft und der Ethik aufeinander zu beziehen. Die theologische Ethik gestaltet sich zu einer Art KulturhermeneutikKulturhermeneutik. Auf eine solche Weise sensibilisiert die [21]kulturhermeneutische Ethik für Normenkonflikte und ethische Problemlagen. Eindeutige Antworten und Normen zur Entscheidungsfindung kann unter den Bedingungen der komplexen Problemlagen der Moderne keine Ethik mehr geben. Ethiken haben mehr und mehr eine beratende Funktion.

Im Aufbau der EthikEthik schlägt sich der veränderte Problemhorizont in der Konzeption von hochspezialisierten angewandten EthikEthikangewandteen nieder. Sie haben prinzipientheoretische Fragen nach der Begründung der Ethik weitgehend verdrängt.

Literatur

Aristoteles: Nikomachische EthikEthik, Stuttgart 1986.

Reiner Anselm/Ulrich H.J. Körtner: Evangelische EthikEthik kompakt. Basiswissen in Grundbegriffen, Gütersloh 2015.

Gerfried W. Hunold/Thomas Laubach/Andreas Greis (Hrsg.): Theologische EthikEthiktheologische. Ein Werkbuch, Tübingen/Basel 2000.

Ulrich H.J. Körtner: Evangelische SozialethikEthikSozial-. Grundlagen und Themenfelder, Göttingen 1999.

Dietz Lange:EthikEthik in evangelischer Perspektive. Grundfragen christlicher Lebenspraxis, Göttingen 22002.

Wolfgang E. Müller: Evangelische EthikEthik, Darmstadt 22011.

Trutz Rendtorff:EthikEthik, 2 Bde., Stuttgart 21990.

Konrad Stock: Einleitung in die Systematische Theologie, Berlin/New York 2011, S. 287–473.

Aufgaben

1 Informieren Sie sich über Grundtypen der EthikEthik und deren Begründung des ethisch Guten.

2 Worin bestehen grundlegende Probleme einer theologischen EthikEthik?

3 Lesen Sie die EthikEthik von Trutz Rendtorff.

[23]2 Systematische Theologie – Ein geschichtlicher Grundriss
2.1 Die Anfänge der christlichen Theologie in der Antike

Die ersten Theologen des Christentums sind, auch wenn sie den Begriff Theologie nicht verwendet haben, die neutestamentlichen Autoren. Ihre unterschiedlichen Darstellungen von Geschichte und Wirken Jesu im Neuen Testament haben einen theologischen Charakter. Die Verfasser der Evangelien sind nicht an einem historischen Bericht interessiert. Ihre Deutungen und Erzählungen des Mannes aus Nazareth sind eher, wie man es genannt hat, „Gemeindedogmatik“ (William WredeWrede, William [1859–1906]). Es sind Bilder von Jesus, die aus der Perspektive des nachösterlichen Glaubens an den auferstandenen Christus in diversen christlichen Milieus entworfen wurden. Dabei betreiben die neutestamentlichen Autoren Schriftauslegung. Die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die *Septuaginta, bietet ihnen den Rahmen sowie die Vorstellungswelt, in dem die Geschichte des Nazareners verstanden und geschrieben wird. Die frühen Christen, die selbst Juden waren, stellten das Wirken Jesu als Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen von einem erwarteten MessiasMessias und dem Anbruch eines ewigen Friedensreiches dar.

Die Überlieferungen von Jesus ChristusÜberlieferungen von Jesus Christus sind von Anfang an sehr vielfältig und heterogen. Neben den vier Evangelien, von denen jedes eine sehr eigene Sicht auf Leben und Wirken des Nazareners wirft, kursierten zahllose andere Überlieferungen wie das sogenannte Thomas-Evangelium, die nicht in den neutestamentlichen Kanon aufgenommen wurden. Das kann auch gar nicht anders sein. Religion existiert stets in der Spannung von geschichtlicher Abhängigkeit von religiösen Traditionen und deren Transformation. Auf diese Weise entstehen in dem religionskulturellen Horizont des antiken JudentumsJudentum höchst diverse Narrative. Durch sie vergewissern sich die Gruppierungen im frühen Christentum ihrer eigenen Identität. Mit der Festlegung des [24]biblischen Kanons im vierten Jahrhundert wird ein bestimmter Umfang von Texten als normativ verbindlich definiert (vgl. unten 4.2.2). Die Varianz der Jesusüberlieferung wurde dadurch reguliert.

Durch die Etablierung des biblischen KanonsKanon von Altem und Neuem Testament kommt es also zur Unterscheidung von kanonischen und *apokryphen Evangelien. Auch die Differenz von OrthodoxieOrthodoxie und HäresieHäresie entsteht allein durch solche Selektionsleistungen. Der Kanon hat somit eine identitätsbildende Funktion für das frühe Christentum. Die Pluralität der Theologien des frühen Christentums hat sich freilich auch in dem neutestamentlichen Kanon noch erhalten. Die vier Evangelien präsentieren sehr unterschiedliche theologische Deutungen der Geschichte Jesu. Daneben steht die Briefliteratur. In ihr verdichten sich, wie in den Briefen des ApostelsApostel Paulus und seiner Schule, theologische Reflexionen auf den Gehalt des Wirkens des Nazareners. Im Fokus der religiösen Theologie des Völkerapostels stehen der Glaube und die GerechtigkeitGerechtigkeitGottesGerechtigkeit Gottes. Das Neue Testament enthält unterschiedliche theologische Konzeptionen, die sich nicht harmonisieren lassen. Es bietet identitätsbildende religiöse Narrative, aber keine expliziten theologischen Lehren von Gott, Christus oder dem Geist.

Literatur

Jan Assmann: Religion und kulturelles Gedächtnis. Zehn Studien, München 22004.

Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992.

Jörg Lauster: Religion als Lebensdeutung: Theologische Hermeneutik heute, Darmstadt 2005.

Gerd Theißen: Die Religion der ersten Christen. Eine Geschichte des Urchristentums, Gütersloh 2000.

William Wrede: Das Messiasgeheimnis in den Evangelien. Zugleich ein Beitrag zum Verständnis des Markusevangeliums, Göttingen 190141969.

Aufgaben

1 Informieren Sie sich in einer Einleitung in das Neue Testament über den unterschiedlichen Charakter der Evangelien.

2 Lesen Sie Jan Assmanns Studien zur Kanonbildung.

[25]a. Die Theologie der antiken Philosophie

Auch wenn schon im Neuen Testament theologische Deutungen vorliegen, so hat sich doch eine Theologie erst in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten herausgebildet. Einen wesentlichen Einfluss hierauf hatte die Rezeption der antiken PhilosophiePhilosophie. Von ihr wurde der Begriff Theologie geschaffen. Aus der Verbindung von christlicher Botschaft und griechischer Philosophie ging in einem komplexen und sich überlagernden Prozess die frühe christliche Theologie hervor. Die frühchristlichen Denker konnten dabei an die Theologie der Griechen anknüpfen. In Auseinandersetzung mit der polytheistischen Volksreligion arbeiteten griechische Philosophen einen monotheistischen GottesbegriffGottesbegriffGottesbegriff heraus. Gott ist für sie das erste und letzte Prinzip, die UrsacheUrsache (Philosophie) von allem, was ist. Insbesondere der KosmosKosmos und seine geordnete Struktur fungieren als Paradigma der Theologie. Im Unterschied zu dem Gott der jüdisch-christlichen ReligionReligionchristliche, der sich dem Menschen offenbart, ist der Gott der PhilosophenGott der Philosophen durch die VernunftVernunft zu erschließen. Das Göttliche als Ursache des Kosmos ergibt sich aus einem Rückschluss von der WeltWelt. Die wichtigsten philosophischen Theologien, welche einen prägenden Einfluss auf das junge Christentum ausübten, stammen von PlatonPlaton (428/427–348/347 v. Chr.), AristotelesAristoteles (384–322 v. Chr.) und der StoaStoa.

In Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Philosophie hatte PlatonPlatonPlaton in der Politeia (Staat) einen philosophischen Gottesbegriff ausgearbeitet. Das wahre Wissen gründet für ihn nicht in dem, was mit den Augen sichtbar oder durch die Sinne wahrnehmbar ist. Derartiges Wissen ist, wie er in dem DialogDialogPhaidon schreibt, stets voll Betrug. Es ist wandelbar und unterliegt dem Schein. Dem wandelbaren Wissen setzt Platon die Ideen entgegen. Sie sind unsichtbar, ewig und wahr. Die Ideen, die allein dem Denken zugänglich sind, sind der Grund des intersubjektiv verbindlichen Wissens. Wahres Wissen besteht in der Erkenntnis der IdeeIdee (Philosophie). In ihr erinnert sich die unsterbliche SeeleSeeleunsterbliche gleichsam der Ideen, die sie vor ihrer Geburt, nämlich ihrer Vereinigung mit dem LeibLeib, geschaut hat. Die Philosophie hat die Aufgabe, das Wissen durch einen Rückgang auf die Ideen als letzte Gründe zu begründen.

Allerdings belässt es PlatonPlaton nicht bei einem Rückgang zu den Ideen als Inbegriff des Wahren, Wesenhaften und Seienden. Er [26]fragt auch nach dem Grund des Ideenkosmos. Ihn nennt er die Idee des GutenIdeeIdee (Philosophie) des Guten. Von ihr gilt, wie es in dem Sonnengleichnis der Politeia heißt, sie gehe noch über das Wesen hinaus. Der letzte Grund alles Wissens ist transzendent. Er ist jenseits von WahrheitWahrheit, Wesen und Seiendem. Mit der Idee des Guten hat Platon einen philosophischen Gottesbegriff ausgearbeitet, in dem das Denken bei seiner Suche nach letzten Gründen gleichsam selbst zum Abschluss kommt. Gott steht hier für eine Aufgabe des Denkens. Es versichert sich in ihm seines eigenen letzten Grundes. Die Platonische Theologie fungiert als Grundlage einer Kritik an den überlieferten Mythen.

AristotelesAristoteles, der Schüler PlatonsPlaton, unterzog die Philosophie seines Lehrers einer radikalen Umformung. Für Platons philosophisches System ist nämlich ein DualismusDualismus von Ideen- und ErscheinungErscheinungswelt konstitutiv. Der Stagirit hingegen hat den platonischen Dualismus in ein empirisches Forschungsprogramm überführt. Statt von Ideen spricht er von der FormForm (Philosophie) (griechisch: morphe). Jede Form setzt etwas voraus, was geformt werden kann, den StoffStoff (Philosophie) (griechisch: hyle). Hieraus resultiert die Unterscheidung von FormForm und Stoff beziehungsweise PotenzPotenz (Philosophie)und AktAkt (Philosophie) (lateinisch: potentia und actus). Der Ausgangspunkt für diese Fassung der philosophischen Grundbegriffe ist die Überlegung, dass in unserem Erkennen der Begriff stets an einen sinnlichen Stoff gebunden ist. Die Ideen sind also nicht, wie Platon annahm, in einem Ideenhimmel zu lokalisieren, sie sind vielmehr den Dingen immanent, wie in unserer Auffassung der Dinge die Begriffe den sinnlichen Wahrnehmungen immanent sind.

Erst die beiden Momente Stoff und FormStoffStoff (Philosophie) und FormForm (Philosophie) zusammen bilden das wirkliche Sein der Dinge. In der Verbindung ist der Stoff die Möglichkeit oder PotenzPotenz (Philosophie) zu allem Wirklichen, die Form aber ist die Verwirklichung dieses Möglichen, der Aktus. Die Form ist also der Zweck. Aristoteles veranschaulicht das Verhältnis von Form und Stoff an dem Marmor, aus dem der Bildhauer die Statue meißelt. Der Marmor ist die Möglichkeit und die Statue die geformte Wirklichkeit.

Aristoteles hat in den Schriften, die später unter dem Titel MetaphysikMetaphysik zusammengefasst wurden, eine förmliche Theologie konzipiert. Sie resultiert aus dem methodischen Grundbegriff seiner Philosophie, der Bewegung. Dieser avanciert zum Prinzip der Erklärung des natürlichen KosmosKosmos und ersetzt PlatonsPlaton[27]an dem Ideenkosmos orientierte *KosmologieKosmologie. Alle Möglichkeit (griechisch: dynamis) strebt nach Verwirklichung. Hierzu bedarf es eines Prinzips, welches die zielgerichtete Bewegung erklärt (griechisch: entelecheia). Diese Funktion übernimmt der aristotelische Gottesgedanke, der unbewegte Bewegerder unbewegte Beweger. Das Göttliche ist für Aristoteles das „erste und vorzüglichste Prinzip“ und wird als reine Wirksamkeit (lateinisch: actus purus) bestimmt. Der aristotelische Gott ist kein Schöpfergott, der wie der platonische Demiurg bei der Erschaffung der WeltWelt den Ideenkosmos in die Materie einbildet, er hält vielmehr die selbst anfangslose Welt in ständiger Bewegung. Damit ist nicht nur der Gottesgedanke von Aristoteles auf der Grundlage seiner empirisch fundierten NaturwissenschaftNaturwissenschaft neu bestimmt, es ist auch ein gegenüber der platonischen Kosmologie neues kosmologisches Paradigma etabliert.

Das göttliche Sein ist für Aristoteles als UrsacheUrsache (Philosophie) und Grund aller Bewegung selbst unbewegt. Im 12. Buch der Metaphysik argumentiert er mit dem Gedanken, jede Bewegung muss eine Ursache haben, auf die man von der Wirkung aus zurückschließen kann. Allerdings kann in dem Rückgang auf die Ursachen der Bewegung kein unendlicher Regress angenommen werden. Es sei unmöglich, so Aristoteles, „dass das Bewegende und selbst von einem andern Bewegte ins Unendliche gehe; denn vom Unendlichen gibt es kein Erstes“. Folglich muss es eine erste Ursache aller Bewegung geben, die selbst unbewegt alles andere bewegt. Das ist Gott: der erste unbewegte Bewegende, das rein Wirkliche. Er ist der Ursprung, an dem der Himmel und die Natur hängen; die göttliche Kraft hält das All zusammen, aber nicht auf eine äußerliche Weise. Gott, als das letztlich Erstrebte, ist in allem Wirklichen anwesend. Der aristotelische Gott ist vollkommen. Er ist reine FormForm (Philosophie), actus purus, reines Denken. Da der Inhalt, den ein vollkommener Gott denkt, nur vollkommen und das Höchste sein kann, so denkt dieser Gott ewig sich selbst. Er hat sich selbst zum Gegenstand seines Denkens.

Die StoaStoaStoa bildet neben PlatonPlatonismusPlatonismus und AristotelismusAristotelismus die dritte wirkungsmächtig wichtige Strömung der antiken PhilosophiePhilosophie. Auf die Formierung des frühchristlichen Denkens hatte sie einen prägenden Einfluss, auch wenn sich deren Grundprämissen nur schwer mit dem christlichen GottesgedankenGottesgedanke vereinigen lassen. Die Philosophie der Stoa, deren Begründer Zenon von KitionZenon von Kition (333–264 v. Chr.) ist, ist fast ausschließlich durch spätere Bruch[28]stücke überliefert. Sie stellt eine Alternative sowohl zu Platon als auch zu AristotelesAristoteles dar und zeichnet sich insbesondere durch den Systemgedanken aus.

Infobox

StoaStoa:

Die Entwicklung des stoischen Denkens wird zumeist in drei Phasen untergliedert, zunächst die alte StoaStoa, eine mittlere Epoche und schließlich die Stoa der Kaiserzeit. Wichtige Vertreter der älteren Stoa sind neben Zenon KleanthesKleanthes (geb. um 331/330 v. Chr.) und ChrysippChrysipp (geb. zwischen 281 und 277 v. Chr.). DiogenesDiogenes von Seleukeia von Seleukeia (ca. 240–150 v. Chr.) und PanaitiosPanaitios (185–110 v. Chr.) sind wichtige Repräsentanten der mittleren Phase, die besonders durch eine Modifikation des älteren stoischen Denkens geprägt ist. Bekannte stoische Denker der Kaiserzeit sind vor allem SenecaSeneca (4 v. Chr.–65) und Marc AurelMarc Aurel (röm. Kaiser 161–182).

Im Zentrum der StoaStoa steht der Gedanke eines Lebens in Leben in Einklang mit der NaturEinklang mit der Natur. Darin besteht das Ziel des philosophischen Strebens. Die gesamte Wirklichkeit wird als ein geordnetes System verstanden. Das wird ausgehend von einem Prinzipiengefüge von Aktivität und Passivität in NaturphilosophiePhilosophieNatur-, KosmologieKosmologie, AnthropologieAnthropologie, EthikEthik und LogikLogik bis hin zur GotteslehreGotteslehre konstruiert. Dabei verstehen die Stoiker sowohl die Prinzipien als auch das durch sie konstituierte Sein einschließlich Gottes als körperliche SubstanzSubstanzen.

Die StoaStoa hat auch eine Theologie ausgearbeitet, deren einflussreichster Bestandteil die Lehre von der VorsehungVorsehungVorsehung (griechisch: pronoia) darstellt. Das Göttliche wird als Universalnatur verstanden, der sowohl eine vernünftige SeeleSeele als auch Glieder zukommen. Es ist im KosmosKosmos und seinen zweckmäßigen Strukturen präsent. Die Welt entspringt gleichsam der Vorsehung Gottes. In der Stoa erhält auch der Theologiebegriff eine weitere Ausdifferenzierung. Die stoischen Denker unterscheiden einen dreifachen Gebrauch (lateinisch: theologia tripertitia): (1.) die mythische Theologie der Dichter, (2.) die physische Theologie der PhilosophenPhilosophen, denen es um das wahre Wesen der Wirklichkeit (griechisch: physis) zu tun ist, und (3.) die politische Theologie, die sich mit der gesetzlichen OrdnungOrdnung, insbesondere mit dem öffentlichen staatlichen KultusKultus befasst.

[29]Literatur

Aristoteles: Metaphysik. Griechisch-Deutsch, 2 Bde., hrsg. v. Horst Seidl, Hamburg 21982/21984.

Robert Bees: Art.: StoaStoa, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 7, Tübingen 42004, Sp. 1739–1742.

Christian Danz: Wirken Gottes. Zur Geschichte eines theologischen Grundbegriffs, Neukirchen-Vluyn 2007, S. 17–35.

Stefan Dienstbeck: Die Theologie der StoaStoa, Berlin/Boston 2015.

Werner Jaeger: Die Theologie der frühen griechischen Denker, Stuttgart 1953.

Martin Pohlenz: Die StoaStoa. Geschichte einer geistigen Bewegung, 2 Bde., Göttingen 81992.

ClemensClemens von Alexandrien Zintzen (Hrsg.): Der Mittelplatonismus, Darmstadt 1981.

Aufgaben

1 Verschaffen Sie sich einen Überblick über den Aufbau von Platons Staat.

2 Informieren Sie sich in einer Geschichte der Philosophie über das Denken von Aristoteles.

3 Vergleichen Sie den Theologiebegriff der antiken Philosophen mit dem der frühchristlichen Theologen.

b. Die Herausbildung der frühchristlichen Theologie in der Alten KircheKircheAlte

Das frühchristliche Verständnis von Theologie formierte sich vor dem Hintergrund der biblischen Überlieferungen und der philosophischen Debatten im sogenannten mittleren PlatonismusPlatonismus. Der Theologiebegriff ist in jener Zeit allerdings noch nicht fixiert und wird kaum verwendet. Frühchristliche Denker wie Justin der MärtyrerJustin der Märtyrer (100–165) oder Clemens von AlexandrienClemens von Alexandrien (150–215) verstehen sich als Philosophen. Für sie ist das Christentum die wahre Philosophie. Dieser Grundzug wird bereits bei den sogenannten ApologetenApologetenApologeten sichtbar. Sie versuchen, im 2. und 3. Jahrhundert die christliche Überlieferung mit der antiken Philosophie zu verbinden, um den Christusglauben gegenüber Einwänden der heidnischen Philosophie sowie des Judentums zu verteidigen. Wichtige Vertreter sind neben Justin Aristides von AthenAristides von Athen (erste Hälfte 2. Jh.) und AthenagorasAthenagoras (133–190). Justin greift hierzu auf die philosophische Logoslehre des mittleren Platonismus sowie der StoaStoa zurück und verbindet sie mit dem Prolog des Johannesevangeliums. Platonismus und Christentum stehen nicht im Widerspruch zueinander, sie stimmen überein, da beiden derselbe LogosLogosLogos zugrunde liegt. Christus ist für Justin der Logos bezie[30]hungsweise die Weltvernunft (griechisch: logos spermatikos, Vernunftkeim), die zunächst bei Gott ist und sich in der SchöpfungSchöpfung in die Welt entäußert. Der Gedanke des Logos erklärt, warum sich auch im Denken der Heiden, zum Beispiel bei SokratesSokrates und Platon, WahrheitWahrheit findet. Sie alle haben Anteil an dem sich in die Welt entäußernden Logos. Freilich ist dieser in Jesus Christus Mensch geworden. In ihm ist folglich der ganze Logos offenbart, in dem Denken der Philosophen hingegen nur Bruchstücke. Die Logoslehre erlaubt es, sowohl die Wahrheit des Christentums mit den Mitteln der Philosophie zu begründen als auch an einer – wenn auch abgestuften – Wahrheit der Philosophie festzuhalten.

Bei den ApologetenApologeten tritt die *KosmologieKosmologie in den Vordergrund des Interesses. PlatonPlaton habe, wie Justin betont, die von ihm in seinem DialogDialogTimaios ausgeführte Schöpfungslehre direkt von MosesMose aus dem ersten Buch der Bibel übernommen. Der KosmosKosmos ist für die frühchristlichen Denker ein geordnetes Ganzes, von Gott geschaffen und von seiner Weltvernunft durchwaltet. Das Urteil Adolf von HarnacksHarnack, Adolf von (1851–1930), die Dogmenbildung der Alten KircheKircheAlte stelle eine verfremdende und überformende *Hellenisierung des Christentums dar, hat an den kosmologischen Spekulationen der Apologeten seinen Anhalt.

Wichtige Zentren der frühchristlichen KulturKulturfrühchristliche waren das ägyptische Alexandria und Nordafrika. In der Metropole am Nildelta formierte sich das Denken des griechisch sprechenden christlichen Ostens, in Nordafrika das des lateinischen Westens. Clemens von AlexandrienClemens von Alexandrien sowie OrigenesOrigenesOrigenes (185–254) markieren den Höhepunkt der apologetischen Strömung im Osten. Auch sie verstehen sich noch als Philosophen. Das Christentum ist ihnen die wahre Philosophie. Origenes führte nicht nur die Logoslehre zu ihrem Höhepunkt, er schuf mit seinem Werk Vier Bücher von den Prinzipien (lateinisch: De principiis) die erste umfassende Darstellung der Inhalte des christlichen Glaubens. Allerdings ist dieses Werk lediglich in einer lateinischen Übersetzung aus dem vierten Jahrhundert von Rufinius von AquileiaRufinius von Aquileia (ca. 345–411/412) überliefert. Origenes, der ein hochgebildeter Schriftsteller war – er studierte vermutlich bei dem neuplatonischen Philosophen Ammonius SakkasAmmonius Sakkas (gest. 241/42), dem Lehrer PlotinsPlotin (205–270) –, verfasste neben seinem systematischen Werk zahlreiche exegetische Abhandlungen, die für die Herausbildung der HermeneutikHermeneutik eine zentrale Rolle spielen. In den Vier Büchern von den Prinzipien[31]entwickelt er auf der Grundlage der platonischen Philosophie ein umfassendes theologisches System. Es nimmt seinen Ausgang bei der Trinitätslehre und geht dann weiter zur SchöpfungSchöpfung, deren AbfallAbfall von Gott und der durch Christus vermittelten Rückkehr der abgefallenen Welt zu Gott. Die sichtbare Welt ist für Origenes nicht das Werk des göttlichen Schöpferwillens. Sie verdankt sich dem Fall des Menschen.

Der aus Karthago stammende TertullianTertullianTertullian (150–nach 220), der sich in späteren Jahren der rigorosen asketischen Bewegung der *Montanisten anschloss, prägte das theologische Denken im lateinischen Westen des römischen Reiches. Ausgebildet in Jurisprudenz und Rhetorik schärfte er vor allem die lateinische theologische Begriffssprache. Die Grundbegriffe der Trinitätslehre sowie der ChristologieChristologie wurden von ihm geschaffen. Wichtige Charakteristika des westlichen theologischen Denkens begegnen bereits bei ihm: die ethische Zuspitzung des christlichen Glaubens sowie das Interesse an hierarchischen kirchlichen Ordnungsstrukturen. Von Bedeutung wird die sogenannte Glaubensregel (lateinisch: regula fidei). Sie gilt als Zusammenfassung der auf die ApostelApostel zurückgehenden christlichen Überlieferung, der autoritative Geltung zukommt. Deren Träger sind der zweiteilige biblische Kanon sowie die Kirche.

Der römische Kaiser KonstantinKonstantin (zwischen 277 und 288–337) machte das bislang verfolgte und später tolerierte Christentum zur Staatsreligion. Es fungierte von nun an als Integrationsmedium in dem kulturell und religiös heterogenen römischen Reich. Die neue Bedeutung der christlichen ReligionReligionchristliche bildet auch den Hintergrund der dogmatischen Entscheidungen der Alten KircheKircheAlte über das trinitarische und christologische Dogmadas trinitarische und christologische Dogmachristologisches Dogma im 4. und 5. Jahrhundert. Im Jahre 325 berief der römische Kaiser das KonzilKonzil (in Anlehnung an Apg 15 eine Versammlung von kirchlichen Amtsträgern) von Nicäa ein, um die theologischen Streitereien über die Gottheit Christi und dessen Verhältnis zu Gott dem Vater zu schlichten. Im Neuen Testament finden sich sehr unterschiedliche Aussagen über den Christus. Im Johannesevangelium sagt Jesus zum Beispiel, „Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10,30). Wenig später heißt es jedoch im selben Evangelium, „der Vater ist größer als ich“ (Joh 14,28). Wie sind solche divergierenden BekenntnisseBekenntnis des GottessohnGottessohnes zu interpretieren? Im sogenannten arianischen Streit kam der Konflikt der Interpretationen zum [32]Austrag. Der alexandrinische Diakon und PresbyterÄlteste, PresbyterAriusAriusArius (gest. 336) hatte behauptet, Christus sei zwar das höchste der Geschöpfe, aber – wie aus Stellen des vierten Evangeliums hervorgeht – Gott untergeordnet. Der Monotheismus, den der alexandrinische Denker vertrat, ließ neben dem einen Gott keinen zweiten zu. Christus wird dadurch zu einem Gott untergeordneten Mittlerwesen. Der Widerspruch gegen diese christologische Position wurde schnell laut. Auch er konnte sich auf das Neue Testament berufen. Insbesondere Athanasius von AlexandrienAthanasius von AlexandrienAthanasius von Alexandrien (um 298–373) machte gegen Arius geltend, Christus könne den Menschen nur dann erlösen, wenn er selbst ganz Mensch und ganz Gott sei. Der GottessohnGottessohn ist also nicht, wie sein alexandrinischer Widersacher behauptet, ein irgendwann geschaffenes Wesen, er gehört vielmehr von Ewigkeit an zu Gott. Auf dem Konzil von Nicäa wurde die Position des Athanasius durchgesetzt und die Anhänger des Arius exkommuniziert. Christus ist wesenseins (griechisch: homoousios, lateinisch: consubstantialis) mit Gott dem Vater. Allerdings fanden die Konzilsbestimmungen von 325, sie fixierten die dogmatischen Bestimmungen des dreieinigen Gottes, im griechisch sprechenden Osten des römischen Reiches nur wenig Zustimmung. Die Theologen der OstkirchenOstkirchen empfanden die Formulierungen als unbiblisch und häretisch. Erst die Bemühungen der sogenannten drei großen Kappadokier (*NeonizänianismusNeonizänianismus), Basilius von CaesareaBasilius von Caesarea (gest. 378), Gregor von NazianzGregor von Nazianz (gest. 390) und Gregor von NyssaGregor von Nyssa (gest. 395) führten zu einer Klärung. Während das BekenntnisBekenntnis von Nicäa lediglich die WesenseinheitHomoousie, Wesenseinheit, Wesensgleichheit von Gott dem Vater und dem Sohn formulierte, fügte das von Konstantinopel im Jahre 381 die Homoousie des Heiligen GeistesGeistHeiliger hinzu. Dem waren Streitigkeiten über das Verhältnis des Geistes zu Gott vorangegangen.

Die wichtigsten christologische Entscheidungen der Alten Kirchechristologischen Entscheidungen der Alten KircheKircheAlte fielen im 5. Jahrhundert. Schon im Neuen Testament wird Jesus von Nazareth mit Titeln bedacht (*christologische Hoheitstitelchristologische Hoheitstitel), die ihn auf eine Ebene mit Gott stellen. An sie knüpfte die weitere Diskussion an. In den ersten Jahrhunderten sind die Bestimmungen und Aussagen, die man von Christus machte, allerdings noch sehr im Fluss.

Infobox

Entwicklung der ChristologieChristologie in der Alten KircheKircheAlte:

Die frühchristlichen Denker arbeiteten sehr unterschiedliche Modelle und Konzeptionen aus, um die religiöse Bedeutung Jesu zu fassen. Die wichtigsten Modelle sind:


Adoptionschristologien: Gott hat Christus zu seinem Sohn adoptiert, zum Beispiel bei der Taufe durch Johannes (Paul von SamosataPaul von Samosata [gest. nach 272])
GnostizismusGnosis, Gnostizismus: Christus als göttliches Lichtwesen hat nur zum Schein einen menschlichen LeibLeib angenommen
Logoschristologien: Christus ist die InkarnationInkarnation der Weltvernunft (Justin, OrigenesOrigenes)
ModalismusModalismus: Christus ist eine Erscheinungsweise Gottes (SabelliusSabellius [nach 200])
ArianismusArianismus, Arianischer Streit: Christus ist zwar das höchste der Geschöpfe, aber Gott untergeordnet (subordiniert)

Nachdem das Konzil von Nicäa die WesenseinheitHomoousie, Wesenseinheit, Wesensgleichheit von Gott, dem Vater und Gott, dem Sohn dogmatisch verbindlich geregelt hatte, wurde in den folgenden Jahren die Frage virulent, wie vor diesem Hintergrund die PersonPerson Christi selbst zu fassen sei. Mit [33]der Feststellung seines wahren Gottseins ist nämlich noch nichts darüber ausgesagt, wie sich seine Gottheit zu seinem Menschsein verhält und wie beide Aspekte in einer Person zusammen bestehen können. Die Beantwortung dieser Frage führte zur Ausbildung der sogenannten Zwei-Naturen-LehreZwei-Naturen-LehreZwei-Naturen-Lehre. Deren Ausformulierung auf dem Konzil von ChalcedonKonzil von Chalcedon im Jahre 451 wurde ausgelöst durch den nestorianischen Streitnestorianischer Streit. NestoriusNestoriusNestorius (gest. um 450), PatriarchPatriarch von Konstantinopel, bezeichnete MariaMaria als Christusgebärerin (griechisch: christotokos). Den Hintergrund der von ihm gewählten Bezeichnung bildet die Theologie der Antiochener. In der ChristologieChristologie ging es ihnen darum, die beiden Naturen in der Person Christi zu unterscheiden. Christus ist eine Person in zwei Naturen. Offen blieb dabei scheinbar die Frage, wie die Einheit von göttlicher und menschlicher Natur näher zu bestimmen sei. Darauf legten die alexandrinischen Theologen den Finger. Allen voran Cyrill von AlexandrienCyrill von AlexandrienCyrill von Alexandrien (378–444) machte geltend, Christus bestehe zwar aus zwei Naturen, aber nach ihrer Vereinigung in der MenschwerdungMenschwerdung bilden sie eine Einheit. Maria sei deshalb Gottesgebärerin (griechisch: theotokos) zu nennen. In dieser Position schien den Theologen der antiochenischen Schule die Menschheit des GottessohnGottessohnes nach seiner Vereinigung mit der ewigen göttlichen Natur aufgehoben. In dem Menschgewordenen wäre [34]damit nur noch eine Natur, die göttliche. Sie ersetzt gleichsam die Menschheit in Christus. Aber widerspricht eine solche Auffassung des menschgewordenen GottessohnGottessohnes nicht den evangelischen Berichten von ihm, den Aussagen über sein LeidenLeiden, fragten die Antiochener nicht zu unrecht.

Die im Jahre 451 in ChalcedonChalcedon zusammengekommenen Theologen lösten den zwischen Alexandria und Antiochien schwelenden Streit durch eine Kompromissformel. Ein zwanzig Jahre zuvor in Ephesus von dem Kaiser einberufenes KonzilKonzil führte noch zu keiner Einigung der Parteien. Die Formel, die man in Chalcedon fand, Christus existiere in zwei Naturen, die in seiner PersonPerson unvermischt und unverwandelt sowie ungetrennt und unzerteilt seien, überzeugte allerdings die Theologen im Osten des Reiches nicht. Bald regte sich Widerstand, da man die dogmatischen Bestimmungen als nestorianisch empfand. Die neuen Kontroversen über die richtige Auffassung Christi kamen erst durch das dritte Konzil von KonstantinopelKonzil von Konstantinopel im Jahre 681 zu einem Abschluss.

Das wichtigste dogmatische Werk des christlichen Ostens stammt von Johannes von DamaskusJohannes von DamaskusJohannes von Damaskus (um 650–754) und trägt den Titel Quellen der Erkenntnis (griechisch: pege gnoseos). In ihm fasste er das Denken der griechischen Theologen der Antike in Form einer Sammlung ihrer Aussagen zusammen.

Literatur

Franz Dünzl: Geschichte des trinitarischen Dogmastrinitarisches Dogma in der Alten KircheKircheAlte, Freiburg i. Br./Basel/Wien 2006.

Adolf Harnack: Lehrbuch der Dogmengeschichte, 3 Bde., Darmstadt 1980 (ND der 4. Auflage Tübingen 1909).

Wolf-Dieter Hauschild: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte, Bd. 1: Alte KircheKircheAlte und Mittelalter, Gütersloh 1995.

Adolf Martin Ritter:DogmaDogma und Lehre in der alten Kirche, in: Carl Andresen/ders. (Hrsg.): Handbuch der Dogmen- und Theologiegeschichte, Bd. 1: Die Lehrentwicklung im Rahmen der Katholizität, Göttingen 21999, S. 99–283.

[35]Aufgaben

1 Informieren Sie sich in einer neueren Dogmengeschichte über die Lehrentwicklung in der Alten KircheKircheAlte.

2 Informieren Sie sich über die christologischen Streitigkeiten im fünften Jahrhundert sowie die Konzilsbeschlüsse von Chalzedon.

3 Vergleichen Sie Harnacks These, die Dogmenbildung im frühen Christentum sei dessen Hellenisierung, mit neueren Deutungen der dogmengeschichtlichen Entwicklung. Benennen Sie grundlegende Unterschiede.

2.2 Das Zeitalter der großen Summen

Von hoher Bedeutung für die Formierung der Theologie im lateinisch sprechenden Westen des römischen Reiches sowie des Theologieverständnisses im Mittelalter ist Aurelius AugustinAurelius AugustinAugustinus, Aurelius (354–430) aus Nordafrika. Streng chronologisch gesehen gehört der afrikanische Denker in die Alte KircheKircheAlte, aber aufgrund seines überragenden Einflusses auf die Theoriebildungen der westlichen Theologie markiert er den Anfang des mittelalterlichen theologischen Denkens. Genaue Abgrenzungen des medium aevum sind ebenso umstritten und unzureichend wie die Unterscheidung von Früh-, Hoch- und Spätscholastik. In den Jahrhunderten, die man in der Regel mit dem Epochenbegriff Mittelalter zusammenfasst, wurde der Begriff Theologie erst zur Bezeichnung der gedanklichen Bearbeitung der christlichen Lehre. Die altkirchlichen Denker verwendeten hierfür eher den Begriff Philosophie oder gar GnosisGnosis, Gnostizismus (griechisch: Erkenntnis). Mit dem griechischen Lehnwort theologia meinen sie heidnische Mythendichter wie HomerHomer (vermutlich um 850 v. Chr.) und HesiodHesiod (vor 700 v. Chr.).

Bei AugustinAugustinus, Aurelius, dem Bischof der Nordafrikanischen Stadt Hippo Regius, treten die Grundzüge des theologischen Denkens, die für die lateinische Christenheit zentral sind, prägnant hervor: Sünden- und GnadenlehreGnadenlehre, PrädestinationPrädestination, Erwählung, Kirche und SakramentSakramente. Als Denker verknüpfte er die biblische Überlieferung und Platonismusbiblische Überlieferung mit dem PlatonPlatonismusPlatonismus. Gott ist ihm, freilich im Unterschied zu Platon, die ewige WahrheitWahrheitewige. Aus der Verschmelzung von Bibel und Platonismus geht eine Art kontemplatives Denken hervor. Gottdenken ist in erster Linie Weisheit (lateinisch: sapientia). Es richtet sich auf das Unvergängliche und Bleibende und kehrt sich von der Welt des Vergänglichen ab. Der SündenfallSündenfall des Menschen besteht geradezu in seiner Ausrichtung auf das Sinnliche. Dadurch wird die von Gott geschaffene OrdnungOrdnung des KosmosKosmos, der Afrikaner versteht sie in den Spuren Platons und der StoaStoa, verkehrt. Das Vergängli[36]che wird an die Stelle des unveränderlichen Gottes gesetzt. Von sich aus kann der von Gott abgefallene Mensch sich Gott nicht wieder zu wenden. Der späte Augustin vertritt in Auseinandersetzung mit den Pelagianern, einer auf den englischen Mönch PelagiusPelagius (ca. 350–420) zurückgehenden theologischen Strömung, die den freien Willefreier WilleWillefreiern des Menschen betont, nach 396 eine Gnaden- und ErwählungslehrePrädestinationslehre, Erwählungslehre, in der Gott allein das Heil und das Unheil des Menschen wirkt. Von einer FreiheitFreiheit des Menschen im Hinblick auf die Herstellung seines Heils kann keine Rede sein.

Das augustinisch-platonische Denken bestimmte zunächst die Theologen des frühen MittelaltersTheologen des frühen Mittelalters. Die Zentren der theologischen Arbeit, also der Auseinandersetzung mit den biblischen Schriften und deren Kommentierung durch die KirchenväterKirchenväter, waren Klöster, in den Städten Kathedralschulen und später Universitäten. Hier wurden die Lehrmeinungen der alten Theologen gesammelt, kommentiert und überliefert. Auf diese Tätigkeit geht der Begriff ScholastikScholastik (von lateinisch: scholasticus, Gelehrter) zurück. Er bezeichnet sowohl Theologen und Philosophen, deren moderne Unterscheidung dem Mittelalter noch unbekannt ist.

Die von AugustinAugustinus, Aurelius geschaffene Verbindung von biblischem und platonischem Denken wird aufgenommen von Anselm von CanterburyAnselm von CanterburyAnselm von Canterbury (1033/34–1109). Der frühscholastische Denker bezeichnet die Auslegung der christlichen Lehrüberlieferung noch nicht als Theologie. Ganz im Sinne des Bischofs von Hippo Regius geht es ihm um eine gedankliche Durchdringung der Glaubensgehalte. In seinen bekannten Schriften Proslogion (1077/78) und Cur Deus Homo (1098) unternimmt er den Versuch, die ExistenzExistenz Gottes sowie die MenschwerdungMenschwerdung Gottes mit den begrifflichen Mitteln der VernunftVernunft zu begründen. Dadurch soll der Skeptiker, der solchen Glaubenswahrheiten mit dem Herzen zuzustimmen geneigt ist, im Kopf mit Argumenten überführt werden. Die von ihm geglaubte WahrheitWahrheitgeglaubte soll nicht nur eine solche sein, sie soll vielmehr auf einsichtige Weise verstanden werden (lateinisch: fides quaerens intellectum). Den gedanklichen Rahmen hierfür bietet der PlatonPlatonismusPlatonismus. Er ist die Voraussetzung für das sogenannte eine Argument (lateinisch: unum argumentum) von Anselm, mit dem er die Existenz Gottes aus dessen Begriff ableitet. Gott ist ihm das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann (lateinisch: id, quo nihil maius cogitari potest). Zum Begriff Gottes gehört jedoch dessen Existenz bereits hinzu, da die platonischen IdeeIdeen [37]das wahre Sein darstellen. Denkt man Gott als nicht existierend, dann – so die Konsequenz – hat man nicht ihn gedacht.

AnselmAnselm von Canterbury benutzte zur Durchführung seines philosophisch-theologischen Programms die didaktische FormForm (Philosophie) des Dialogs, Petrus AbaelardusPetrus AbaelardusPetrus Abaelardus (1079–1142) die DialektikDialektik. In seinem Werk Sic et non (Ja und Nein) stellt er konfligierende Lehrmeinungen der KirchenväterKirchenväter mit dem Ziel zusammen, deren Widersprüchlichkeit aufzuweisen. Solche Divergenzen können allein durch Interpretationen gelöst werden und nicht durch eine Berufung auf AutoritätenAutorität. Die von ihm geschaffene Methode regte die sogenannte Quaestionenliteratur (von lateinisch: quaestio, Frage) an. Abaelards Schüler Petrus LombardusPetrus LombardusPetrus Lombardus (1095/1100–1160) schuf mit seiner Schrift Liber sententiarum (Sentenzenbücher, von lateinisch: sententia, Meinung) eines der einflussreichsten Lehrbücher des Mittelalters. Bis hin zu Martin LutherLuther, Martin (1483–1546) wurden dessen Sententien im Lehrbetrieb von angehenden Theologen immer wieder kommentiert und um neue Fragestellungen erweitert. In den vier Teilen der Schrift erörtert der Lombarde durch eine Zusammenstellung von Meinungen der Kirchenväter die Gottes-, Schöpfungs-, Inkarnations- und SakramentslehreSakramentslehre. Jetzt etabliert sich auch der Begriff Theologie zur Bezeichnung der kirchlichen Lehre im Ganzen.

Zu einem Umbruch im WissenschaftsverständnisUmbruch im Wissenschaftsverständnis mit gravierenden Folgen für die Auffassung der theologischen Arbeit kam es im 13. Jahrhundert. Dem lateinisch sprechenden Abendland waren die Schriften des AristotelesAristoteles nur zu einem Teil bekannt. Ein wichtiger Übermittler von dessen Denken war BoethiusBoethius (480/485–524/526). Infolge der Expansion des IslamIslam wurde den lateinischen Gelehrten des Westens im 13. Jahrhundert das Corpus Aristotelicum vermittelt. Die Bekanntschaft mit dem Werk des Stagiriten löste zunehmend das platonische Paradigma des theologischen und philosophischen Denkens ab und führte zu einem neuen Verständnis der Theologie als Wissenschaft. Aristoteles zufolge hat jede Einzelwissenschaft Prinzipien, von denen sie ausgeht. Von welchen, so musste man in dem neuen aristotelischen Wissenschaftsparadigma fragen, geht die Theologie aus, wenn sie eine scientia (lateinisch: Wissenschaft) sein soll? Thomas von AquinThomas von AquinThomas von Aquin (um 1225–1274) gab auf die Frage die Antwort, die Theologie geht von den Glaubensartikeln aus. Diese sind deren Prinzipien. Die Artikel des Glaubens beziehen sich auf das Wissen, welches Gott von sich selbst hat, sind diesem jedoch untergeordnet. Gott hat [38]sein Wissen von sich selbst den Menschen zwar durch seine Offenbarung bekannt gemacht, es ist aber nur dem Glauben und nicht der VernunftVernunft zugänglich. Die Theologie ist folglich eine untergeordnete oder subalternierte Wissenschaft.

In seinem Hauptwerk, der unvollendet gebliebenen Summa theologica, hat Thomas in Anknüpfung an seinen Lehrer Albertus MagnusAlbertus Magnus (1193/1200–1280) sein neues Verständnis von Theologie als Wissenschaft etabliert. Die Aufgabe der Theologie besteht darin, die Lehrgehalte der Bibel, die nicht der VernunftVernunft zugänglich sind, auf eine vernünftige Weise auszulegen. Der Aquinate verknüpft die ihm überlieferte theologische Lehrtradition mit der aristotelischen Philosophie. Das ist nicht ohne Probleme. Der antike Philosoph kennt nämlich weder einen transzendenten Gott noch eine Welt, die von diesem aus dem Nichts ins Dasein gerufen wurde. Für den Philosophen ist die Welt anfangslos. Die von dem Aquinaten geschaffene Synthese von Aristotelismus und ChristentumSynthese von AristotelismusAristotelismus und Christentum blieb auch nicht unwidersprochen. 1277, nur drei Jahre nach dem Tod von Thomas, verurteilte der Pariser Bischof Stephan TempierStephan Tempier (gest. 1279) 219 theologische und philosophische Sätze, um den Einfluss der aristotelischen Philosophie auf die Theologie in die Schranken zu weisen.

Die Rezeption des aristotelischen Denkens, die in dem System von Thomas einen ersten Höhepunkt erreicht hatte, führte zu zahlreichen Kontroversen über philosophische und theologische Fragen. Der Platoniker AnselmAnselm von Canterbury hatte die Existenz Gottes aus dessen Begriff abgeleitet. Vor dem Hintergrund des aristotelischen [39]Denkens ist ein solcher Beweis des Daseins Gottes unverständlich. In der Summa theologica des Thomas findet dann auch der später ontologischontologisch genannte Beweis von AnselmAnselm keine Berücksichtigung. An dessen Stelle treten bei dem Aquinaten kosmologische Beweisverfahren, also solche, die von der WeltWelt als Wirkung auf Gott als deren UrsacheUrsache (Philosophie) zurückschließen. Intensive Debatten werden von den mittelalterlichen Denkern über die Frage geführt, ob Allgemeinbegriffen wie Mensch Realität zukommt.

Infobox

UniversalienstreitUniversalien, Universalienstreit:

UniversalienUniversalien, Universalienstreit (lateinisch: universalia) nennt man Gattungs-, Allgemeinbegriffe oder auch Eigenschaften. Schon im frühen Mittelalter wurde darüber diskutiert, ob solchen Begriffen Realität zukommt. Vor dem Hintergrund des PlatonPlatonismusPlatonismus legt es sich nahe, Allgemeinbegriffen wie Mensch oder GerechtigkeitGerechtigkeit Realität zuzusprechen. Ähnlich wie den IdeeIdeen Platons kommt ihnen im Unterschied zu den Einzeldingen wahre Realität zu. Diese Position nennt man RealismusRealismus: Real sind allein die nichtsinnlichen Wesenheiten. Den Einzeldingen kommt lediglich eine abgeleitete Weise von Realität zu. Die Gegenposition hierzu nennt man NominalismusNominalismus oder auch via moderna (moderner Weg) im Unterschied zum Realismus der via antiqua (alter Weg). Für den Nominalismus haben nur die Einzeldinge Realität, während Allgemeinbegriffe bloße Nomen, also Wörter sind. Letztere werden als Begriff von der SeeleSeele repräsentiert.

Das theologische System des Thomas, in dem AristotelismusAristotelismus und Christentum unter Beibehaltung grundlegender platonischer Überzeugungen kunstvoll miteinander verbunden waren, wurde im 13. Jahrhundert der Kritik unterzogen. Die aus der Philosophie PlatonsPlaton übernommene Annahme, der Bestand der Welt sei von EwigkeitEwigkeit her in den IdeeIdeen gleichsam festgelegt, empfand man zunehmend als Beschränkung der Allmacht Gottes. Der platonische Schöpfergott kann in der Tat keine andere Welt schaffen als die, die in dem Ideenkosmos präfiguriert ist. So lehrten es sowohl AugustinAugustinus, Aurelius als auch Thomas. Die von Gott geschaffene Welt ist in ihren Grundstrukturen rational. Andernfalls wäre es unmöglich, von dem Geschaffenen auf seinen intelligenten Welturheber als UrsacheUrsache (Philosophie) zu schließen. Im späten Mittelalter werden diese Überzeugungen vor dem Hintergrund der Rezeption der aristotelischen Philosophie unplausibel. Gott ist, wie die spätmittelalterlichen Autoren betonen, in seinem Handeln an keine Vorgaben gebunden, auch nicht an die Ideen als Garanten ewiger Wahrheiten. In seinem Oxforder Kommentar zu den Sentenzen des Lombarden unterscheidet Johannes Duns ScotusJohannes Duns ScotusJohannes Duns Scotus (um 1270–1308) zwischen einer absoluten und einer geordneten Macht Gottes (lateinisch: potentia Dei absoluta et ordinata). Mit der Differenzierung soll das intrikate Problem der Allmacht Gottes begrifflich geklärt werden. Im Rückgriff auf die genannte Unterscheidung lässt sich sagen, Gott handelt zwar stets nach einer OrdnungOrdnung, aber diese ist von ihm selbst gesetzt. Es steht ihm also völlig frei, sie jederzeit zu ändern und nach einer anderen Ordnung zu handeln. Der spätmittelalterliche Theologe Wilhelm von OckhamWilhelm von OckhamWilhelm von Ockham (1285–1349) hat diese Unterscheidung ebenso aufgenommen wie der in Tübingen lehrende Gabriel BielBiel, Gabriel (1415–1495). Die Differenzierung zwischen einer absoluten und einer geordneten Macht Gottes steigert freilich die *KontingenzKontingenz des göttlichen Handelns, und zwar ebenso im Hinblick auf das Weltverhalten wie das Heil des Menschen. Die [40]Wahrheiten der Mathematik sowie die der christlichen Heilslehre finden ihre Begründung im Willen Gottes. Gott kann jederzeit eine andere Ordnung setzen, da sein WilleWille durch nichts gebunden ist. Im Horizont eines solchen Gottesverständnisses werden Welt- und Heilserkenntnis unsicher.

Das hat Folgen für das Verständnis der Theologie als Wissenschaft. Duns ScotusJohannes Duns Scotus weist die Begründung des Thomas zurück. Theologie ist keine untergeordnete Wissenschaft. Bei einer solchen müssten die Prinzipien evident sein. Das ist bei den Glaubensartikeln allerdings nicht der Fall. Theologie als praktische WissenschaftTheologie ist folglich als eine praktische Wissenschaft zu begreifen und nicht als eine theoretische, spekulative Disziplin. Sie handelt von Gott, dem höchsten Guthöchstes Gut, summum bonum (lateinisch: summum bonum), unter dem Gesichtspunkt der LiebeLiebe zu ihm.

Literatur

Volker Henning Drecoll: Die Entstehung der Gnadenlehre Ausgustins, Tübingen 1999.

Kurt Flasch: Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin zu Machiavelli, Stuttgart 1986.

Wolf-Dieter Hauschild: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte, Bd. 1: Alte KircheKircheAlte und Mittelalter, Gütersloh 1995, S. 549–636.

Charles Lohr: Art.: Theologie II/3. Theologie im lateinischen Christentum des Mittelalters, in: TRE, Bd. 33, Berlin/New York 2002, S. 276–279.

Wolfhart Pannenberg: Wissenschaftstheorie und Theologie, Frankfurt a.M. 1987, S. 226–240.

Miriam Rose: Thomas von Aquin, Summa theologiae, in: Christian Danz (Hrsg.): Kanon der Theologie. 45 Schlüsseltexte im Portrait, Darmstadt 32012, S. 85–91.

Christoph Schwöbel: Art.: Theologie I. Begriffsgeschichte, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 8, Tübingen 42005, Sp. 255–266.

Aufgaben

1 Verschaffen Sie sich einen Überblick über die Entwicklung des Theologiebegriffs im Mittelalter.

2 Welche Bedeutung hat die Rezeption der Philosophie von Aristoteles für das Theologieverständnis im Mittelalter?

3 Informieren Sie sich über den Aufbau und die methodischen Grundlagen der Summa theologica des Thomas von Aquin.

[41]2.3 Die ReformationReformation, Reformationszeit: Der große Umbruch

Die ReformationReformation, Reformationszeit beinhaltet einen Epochenbruch. Durch sie entstanden unterschiedliche Auffassungen des wesentlich Christlichen in Europa, die sich gegenseitig ihren WahrheitsanspruchWahrheitsanspruch bestritten. In der Theologie kommt es dadurch zu einer *KonfessionalisierungKonfessionalisierung. In den dogmatischen Konzeptionen wird der Anspruch erhoben, die einzig verbindliche Deutung der WahrheitWahrheit der biblischen Offenbarung auf systematische Weise auszuarbeiten. Erst dadurch entsteht die Disziplin der Dogmatik als eine zusammenfassende Darstellung und Erörterung des aus der Bibel entnommenen Lehrbegriffs einer KonfessionKonfession. Durch die Reformation kommt es aber auch zu einer Verinnerlichung der Religion. Zwar halten die Reformatoren an der gleichsam objektiven Bestimmtheit der Inhalte der christlichen ReligionReligionchristliche fest, aber deren Fokus verschiebt sich in die InnerlichkeitInnerlichkeit des Glaubens. Gott begegnet allein im Glauben und nicht in äußeren sakramentalen Handlungen. Damit treten metaphysische Erwägungen über das Wesen GottesWesen Gottes in der Theologie zurück. Gott interessiert allein in seiner Beziehung zum einzelnen Menschen.

Literatur

Thomas Kaufmann: Geschichte der ReformationReformation, Reformationszeit, Frankfurt a.M./Leipzig 2009.

a. Martin LutherLuther, Martin

Für Martin LutherLuther, Martin ist Theologie als Erkenntnis Gottes und des MenschenTheologie die Erkenntnis Gottes und des Menschen. Dieses Verständnis von Theologie ist das Resultat seiner Auslegung der Bibel im akademischen Lehrbetrieb, zu der er durch die Übernahme der Wittenberger Professur im Jahre 1513 angehalten war. Seine Bibelauslegung stand im Kontext von Kloster und Universität. Sie führte ihn in den folgenden Jahren zu einem von der theologischen Lehrtradition abweichenden Verständnis des christlichen Glaubens. Glaube, so die Meinung des Wittenberger Reformators, ist die GerechtigkeitGerechtigkeitGottesGerechtigkeit Gottes. Diese ist keine göttliche Eigenschaft, sondern eine GabeGabe, die Gott dem Menschen umsonst gibt. Dadurch wird der Mensch vor Gott gerecht. Deshalb ist der Glaube bereits das Ganze des christlichen Heils im Gottesverhältnis. Außer und neben ihm bedarf [42]es keiner weiteren sakramentalen oder kultischen Handlungen. Sein neues Verständnis des Glaubens, der nun zu einem theologischen Zentralbegriff wird, ist Luther in seiner Auseinandersetzung mit dem BußsakramentBußsakrament der mittelalterlichen Theologie und Kirche erwachsen. Bereits in seiner ersten Vorlesung über die Psalmen, den Dictata super psalterium (1513–1515) rückt das Thema der BußeBuße in sein Blickfeld. Gegenüber den drei Bestandteilen des SakramentsSakrament, der Reue, dem BekenntnisBekenntnis und der Genugtuung (lateinisch: contritio, confessio und satisfactio), macht er geltend, die Buße erstrecke sich auf das gesamte Leben des Christen und keinesfalls lediglich auf den sakramentalen Akt. Sie ist Lebensbuße, wie es prägnant in der ersten der 95 Thesen über die Kraft des AblassAblasses heißt.

Die Bedeutung der BußeBuße für die Herausbildung des theologischen Denkens von LutherLuther, Martin wird deutlich, wenn man sein frühes Bußverständnis genauer in Betracht nimmt. In ihr entsteht bei dem einzelnen Menschen erst das Bewusstsein, dass er selbst ein Sünder vor Gott ist. Buße ist die SelbsterkenntnisSelbsterkenntnis des Menschen hinsichtlich seines eigenen Sünderseins. Darin gibt jedoch der Mensch Gott und seinem Urteil über ihn RechtRecht. Dem Urteil Gottes zufolge sind alle Menschen Sünder und Lügner (vgl. Ps 116,11; Röm 3,4). Der Mensch will dies jedoch nicht wahrhaben. Dadurch verschwindet gewissermaßen die Sünde. Der Einzelne belügt sich dadurch freilich selbst und – gravierender noch – widerspricht dem Urteil Gottes über ihn. Sündenerkenntnis hingegen und deren Bekenntnis entsprechen dem göttlichen Urteil. Der Mensch stimmt mit Gott überein, und darin ist er gerecht. Derjenige, der sich als ein Nichts vor Gott erkennt, vertraut nicht mehr auf sich selbst, sondern allein auf Gott und seine VerheißungVerheißung der SündenvergebungSündenvergebung. Die Übereinstimmung des Menschen mit Gott bildet den Kern von Luthers Verständnis des rechtfertigenden Glaubens. Er entdeckte es in seiner Auseinandersetzung mit dem mittelalterlichen Bußverständnis. In der weiteren Entwicklung seines Denkens zwischen 1513 und 1520 wurde das Verständnis der Buße zur Grundlage seines neuen Verständnisses des Glaubens.

Der Glaube ist das Ganze des christlichen HeilsGlaube ist das Ganze des christlichen Heils. Er beinhaltet die SelbsterkenntnisSelbsterkenntnis des Einzelnen hinsichtlich seines eigenen Sünderseins sowie das VertrauenVertrauen auf Gottes VerheißungVerheißung der SündenvergebungSündenvergebung. Zwischen den beiden Aspekten besteht eine *AntinomieAntinomie. LutherLuther, Martin hat sie in Anlehnung an 1Sam 2,6 stets so formu[43]liert: „Der Herr tötet und macht lebendig, er führt in die Hölle hinunter und wieder heraus.“ Sowohl die Erkenntnis des eigenen Sünderseins als auch das Vertrauen auf Gott führt Luther auf ein göttliches Handeln am Menschen zurück. Im *GesetzGesetz begegnet Gott dem Menschen als fordernder Anspruch. Es erheischt die bedingungslose LiebeLiebe zu Gott. Der Mensch vermag allerdings der Forderung des Gesetzes nicht zu entsprechen. In sein Handeln sind stets egoistische Motive eingelagert. Deshalb besteht die theologische Funktion des Gesetzes darin, den Abstand des Menschen zu Gott aufzudecken. Der unter der Forderung Gottes stehende Mensch erkennt sich auf diese Weise selbst als Sünder. Gott erscheint ihm unter und in dem Gesetz als unerbittlich fordernde Macht. Das *EvangeliumEvangelium hingegen bezieht sich auf eine doppelte Weise auf die Selbsterkenntnis des Menschen als Nichts vor Gott. Es bestätigt zunächst die WahrheitWahrheit dieser Erkenntnis. Alles Handeln des Menschen, auch das, welches der sittlichen Forderung äußerlich entspricht, ist durch selbstbezügliche Momente gebrochen. Zugleich verneint das Evangelium das mit dem Gesetz verbundene GottesbildGottesbild. Gott ist Liebe und keine unerbittlich fordernde Macht.

GesetzGesetz und EvangeliumEvangeliumGesetz und stehen in einer gedanklich unaufhebbaren Spannung. Sie löst sich nur im individuellen Vollzug des Glaubens auf. Das ist der Grundgedanke des Reformators. Glaube ist rechtfertigender GlaubeGlaube ist rechtfertigender Glaube (lateinisch: fides iustificans). Von ihm aus bildet LutherLuther, Martin die Theologie um und spitzt sie auf das individuelle Heil, den Glauben zu. Der GottesgedankeGottesgedanke wird von ihm auf die Entstehung des Glaubens bezogen. Gott ist allein im Glauben beim Menschen. Die AntinomieAntinomie von Gesetz und Evangelium muss folglich in das GottesbildGottesbild aufgenommen werden. Sie erscheint hier als Antinomie von Gottes fremdem und eigenem Werk. Gott offenbart sich stets unter dem Gegenteil verborgen. Er tötet, um lebendig zu machen. Entfaltet hat Luther diese Antinomie des göttlichen OffenbarungshandelnsOffenbarungshandeln in seiner theologia crucis (Theologie des Kreuzes).

Infobox

theologia crucis:

Die Theologie des Kreuzes stellt einen zentralen Bestandteil im Denken Martin LuthersLuther, Martin dar, der keineswegs auf dessen Frühwerk beschränkt ist. Ausgeführt hat er das Konzept vor allem in seinen frühen Vorlesungen, insbesondere der zweiten Vorlesung über die Psalmen (1518–1521). Die Forschungsliteratur erörtert die theologia crucis oft anhand der Thesenreihe, die der Wittenberger Theologe im Frühjahr 1518 in Heidelberg diskutierte (Heidelberger Disputation). In diesen Thesen stellt er die KreuzestheologieTheologieKreuzes- einer Theologie der HerrlichkeitHerrlichkeit entgegen und behauptet, wahre Theologie sei die des Kreuzes. Deren Bedeutung geht allerdings weit über die Probleme einer angemessenen theologischen Erkenntnis hinaus.

In dem Stichwort theologia crucis verschränkt LutherLuther, Martin sünden-, bußtheologische, soteriologische, christologische und theologische Motive zu einer Gesamtkonzeption. Sie beschreibt unter Aufnahme von biblischen Belegstellen (Ps 4,4; 1Kor 18,23; Jes 28,21 und Röm 5,4f.), die als systematische Platzhalter fungieren, die DialektikDialektik des göttlichen OffenbarungshandelnsOffenbarungshandeln. In die KreuzestheologieTheologieKreuzes- ist aufgenommen, dass Gott wundersam handelt. In seinem fremden Werk tötet er, um lebendig zu machen. Das innere Gefälle zwischen Gottes fremdem und seinem eigenen Werk, welches, da er stets unter dem Gegenteil verborgen handelt, nicht offen zu Tage liegt, bringt die theologia crucis ebenso zum Ausdruck wie eine mit dem Sündengedanken verbundene Dialektik von Sein und Schein.

Die theologia crucis fungiert ebenso als methodische Grundlage der ChristologieChristologieChristologie wie auch des Verständnisses der Kirche. Während der Reformator das ChristusbildChristusbild auf die Niedrigkeit des Kreuzes sowie die Anfechtungen Christi zuspitzt, ist die wahre KircheKirchewahre verborgen. Sie ist die Gemeinschaft der GlaubendenGemeinschaft der Glaubenden, die nur Gott kennt. Zwar ist die verborgene KircheKircheverborgene, unsichtbare auf die sichtbare bezogen, aber sie ist nicht mit der Institution identisch. Letztere verkündet [44]das Wort GottesWort Gottes. Das macht sie zur Kirche. Aus der äußeren VerkündigungVerkündigung folgt jedoch nicht unmittelbar der Glaube, die innere GewissheitGewissheit des Menschen.

Der Glaube als innere WahrheitWahrheitinnere des Menschen ist gebunden an das äußere WortWortäußeres der Bibel, deren gleichsam göttliche Dignität vorausgesetzt wird. Die grundlegende AutoritätAutorität und Norm in theologischen und religiösen Fragen ist für den Wittenberger Reformator die Heilige Schrift. Deren normative Funktion bahnt sich bereits in der ersten Psalmenvorlesung an, und sie verstärkt sich durch die Auseinandersetzung mit der römischen Kurie infolge des 1517/18 einsetzenden AblassstreitsAblassstreit. Die Bibel rückt jetzt in eine Prinzipienfunktion ein, die sowohl der Kirche als auch allen menschlichen Auslegern übergeordnet ist. Um eine solche Wahrheits- und Urteilsinstanz sein zu können, muss die Schrift in sich selbst klar und gewiss sein. Nur auf diese Weise kann sie als Appellationsinstanz und Richter in allen Streitfragen fungieren. So ist für LutherLuther, Martin zwar das GewissenGewissen des Menschen der Ort, an dem sich die innere WahrheitWahrheit durchsetzt, aber sie verdankt sich nicht dem Gewissen. Wahrheit kommt allein Gott und seiner Heiligen Schrift zu.

[45]Literatur

Ulrich BarthBarth, Ulrich: Die DialektikDialektik des Offenbarungsgedankens. LuthersLuther, Martin Theologia crucis, in: ders.: Aufgeklärter Protestantismus, Tübingen 2004, S. 97–123.

Christian Danz: Einführung in die Theologie Martin LuthersLuther, Martin, Darmstadt 2013.

Christian Danz (Hrsg.): Martin LutherLuther, Martin. Neue Wege der Forschung, Darmstadt 2015.

Dietrich Korsch: Martin LutherLuther, Martin zur Einführung, Tübingen 22007.

Bernhard Lohse:LuthersLuther, Martin Theologie in ihrer historischen Entwicklung und in ihrem systematischen Zusammenhang, Göttingen 1995.

Aufgaben

1 Informieren Sie sich über LuthersLuther, Martin Verständnis des rechtfertigenden Glaubens.

2 Lesen Sie den Aufsatz von Ulrich BarthBarth, Ulrich über LuthersLuther, Martintheologia crucis.

3 Lesen Sie LuthersLuther, Martin Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen, und skizzieren Sie deren Aufbau sowie die grundlegenden Thesen.

b. Johannes CalvinCalvin, Johannes

Während der Wittenberger Reformator den Glaubensvollzug in den Fokus seiner Umbildung der Theologie rückt, erhält dieser Gedanke bei Johannes CalvinCalvin, Johannes (1509–1564) eine andere Nuance. LutherLuther, Martin hat sein neues Verständnis von Theologie in erster Linie in seinen exegetischen Vorlesungen sowie in zahllosen Gelegenheitsschriften entfaltet. Die erste Darstellung einer reformatorischen DogmatikDogmatik liegt in Philipp MelanchthonsMelanchthon, Philipp (1497–1560) Loci communes von 1521 vor. Dem protestantischen Grundanliegen folgend, bieten die Loci eine zusammenfassende Darstellung des Römerbriefs des ApostelsApostel Paulus. Calvin schließlich hat mit seiner in erster Auflage 1536 erschienenen Institutio Christianae Religionis (Unterricht in der christlichen ReligionReligionchristliche) die erste umfassende systematische Darstellung reformatorischer Theologie vorgelegt. Der Aufbau der Schrift in vier Bücher lehnt sich an Luthers Katechismen von 1529 an. Es wurde das grundlegende Buch des reformierten Protestantismus und erschien in mehreren stark überarbeiteten Auflagen.

Ähnlich wie LutherLuther, Martin rückt auch CalvinCalvin, Johannes die RechtfertigungRechtfertigung des Menschen in das Zentrum seiner Umbildung der ihm überkom[46]menen Theologie, und wie der Wittenberger ist er der Auffassung, Theologie ist in erster Linie Auslegung der Heiligen Schrift. Allerdings bekommt der Gedanke des rechtfertigenden Glaubens bei dem Genfer Theologen einen anderen Akzent. Er verbindet ihn stärker mit der HeiligungHeiligungHeiligung des Einzelnen und fasst auf diese Weise den Zusammenhang von Glaube und Werk enger als Luther. Sodann ist Calvin der Auffassung, dass das GesetzGesetz sich nicht in seiner theologischen Funktion, den Sünder zu überführen, erschöpft. Auch für den Glaubenden hat es noch eine Bedeutung. Der Wittenberger Reformator hat einen solchen dritten Gebrauch des Gesetzes (lateinisch: tertius usus legis) für die Wiedergeborenen stets vehement abgelehnt. Für ihn hat das Gesetz nur zwei Funktionen. Es regelt das äußere Zusammenleben der Menschen. Von dieser politischen Funktion ist dessen theologische zu unterscheiden. Beim theologischen Gebrauch des Gesetzes geht es allein um die Erkenntnis der Sünde. Die Glaubenden sind frei vom Gesetz. Sie bedürfen seiner nicht mehr. Anders bei Calvin. Sein Beharren auf dem Gesetz für die Glaubenden verrät ein Interesse an den sozialen Konsequenzen des Glaubens. Folglich liegt beim Kirchenbegriff der Akzent auf der Gestaltung der Gesellschaft. Da dem Staat der Schutz der wahren ReligionReligionwahre obliegt, ist er auch für die Durchsetzung der OrdnungOrdnung der Kirche zuständig. Das führt zu einem theokratischen Modell, welches Calvin in Genf durchsetzte.

Anders als der Wittenberger konstruiert der Schweizer Reformator auch die ChristologieChristologieChristologie sowie darauf fußend die AbendmahlslehreAbendmahlslehre. Christus ist zwar eine PersonPerson in zwei Naturen, aber sie bleiben unterschieden. Die menschliche Natur erhält keinen Anteil an der göttlichen. Diese existiert aufgrund ihrer Unendlichkeit auch außerhalb der ersteren. Nicht so bei LutherLuther, Martin. Im Interesse an der leiblichen PräsenzPräsenz Christi im AbendmahlAbendmahl, Eucharistie betont er, die menschliche Natur habe Anteil an den Majestätseigenschaften der göttlichen. Ebenso wie für diese gilt vom LeibLeib Christi, dass er überall präsent sei. CalvinCalvin, Johannes bestreitet Luthers Christologie und Abendmahlslehre. Das Endliche, so das sogenannte *extra Calvinisticumextra Calvinisticum, kann das Unendliche nicht umfassen.

[47]Literatur

Johannes CalvinCalvin, Johannes: Unterricht in der christlichen ReligionReligionchristliche. Institutio Christianae Religionis, hrsg. v. Matthias Freudenberg, Neukirchen-Vluyn 2008.

Emanuel Hirsch: Hilfsbuch zum Studium der DogmatikDogmatik. Die Dogmatik der Reformatoren und der altevangelischen Lehrer quellenmäßig belegt und verdeutscht, Berlin/Leipzig 1937, S. 15f. 24–26. 47–50. 69–74. 105–117. 140–146. 166–172. 180–182. 189–192. 210–216. 238–246. 257–259. 267–271.

Georg Plasger: Johannes CalvinCalvin, Johannes, Institutio Christianae Religionis, in: Christian Danz (Hrsg.): Kanon der Theologie. 45 Schlüsseltexte im Portrait, Darmstadt 32012, S. 224–231.

Georg Plasger: Johannes CalvinsCalvin, Johannes Theologie. Eine Einführung, Göttingen 2008.

Herman J. Selderhuis (Hrsg.): Johannes CalvinCalvin, Johannes. Neue Wege der Forschung, Darmstadt 2010.

Aufgaben

1 Lesen Sie den Aufsatz von Georg Plasger, und skizzieren Sie den Aufbau von CalvinsCalvin, JohannesUnterricht in der christlichen ReligionReligionchristliche.

2 Informieren Sie sich in Emanuel Hirschs Hilfsbuch zum Studium der DogmatikDogmatik über die PrädestinationslehrePrädestinationslehre, ErwählungslehreCalvinsCalvin, Johannes.

3 Vergleichen Sie den theologischen Ansatz von LutherLuther, Martin und CalvinCalvin, Johannes, und benennen Sie grundlegende Unterschiede.

4 Was beinhaltet das extra Calvinisticum?

c. Die DogmatikDogmatik des AltprotestantismusAltprotestantismus

Die Lehrentwicklung in der altprotestantischen TheologieTheologiealtprotestantische knüpfte im Bereich des Luthertums zunächst an MelanchthonsMelanchthonsMelanchthon, PhilippLoci communes an. Damit trat das Heil des Menschen im Glauben in den Vordergrund der theologischen Reflexion. Spekulative Fragen nach dem Wesen GottesWesen Gottes oder der Trinitätslehre traten wie bereits bei LutherLuther, Martin und Melanchthon zurück. Der Praeceptor Germaniae (Lehrer Deutschlands) greift auch den Begriff Theologie nicht zur Beschreibung der reformatorischen Lehre auf. Diese nennt er doctrina christiana. Luther folgend wird sie als Schriftauslegung verstanden. Die Entstehung der DogmatikDogmatik, deren Begriff im 17. Jahrhundert geprägt wird, verdankt sich zunächst einer didaktischen Verlegenheit. Dem theologischen Nachwuchs in den von der ReformationReformation, Reformationszeit erfassten Ländern musste ein Leitfaden zum Studium der neuen Lehre an die Hand gegeben werden. Hierzu fungierten zunächst die Loci communes. Das änderte sich um 1600. Infolge zahlloser Lehrstreitigkeiten in den lutherischen Territorien, die [48]1577 durch die Konkordienformel zum Abschluss gebracht wurden, sowie einer nun einsetzenden Rezeption der aristotelischen Metaphysik kommt es zur Umbildung des Theologiebegriffs sowie zu Reflexionen über deren Status als Wissenschaft.

Der Begriff Theologie setzt sich zur Bezeichnung der Lehre durch. Die Rezeption der Metaphysik in der lutherischen und reformierten TheologieTheologiereformierte des 17. Jahrhunderts resultiert aus einem gegenüber den Reformatoren stärkeren Interesse an den Gegenständen der Theologie. Und schließlich etabliert sich die bereits von Duns ScotusJohannes Duns Scotus im späten Mittelalter vertretene Auffassung, Theologie ist eine praktische WissenschaftTheologie sei eine praktische Wissenschaft. Vorbereitet durch LutherLuther, Martin, der jegliche Spekulation in der Theologie ablehnte, MelanchthonMelanchthon, Philipp und den Jenaer Theologen Johann GerhardGerhard, Johann (1582–1637) findet das wissenschaftstheoretische Verständnis von dem praktischen Charakter der Theologie breite Zustimmung. Das hat auch methodische Konsequenzen. Die praktischen Wissenschaften, zu denen die MedizinMedizin oder die NaturwissenschaftenNaturwissenschaft gehören, arbeiten mit der sogenannten analytische Methodeanalytischen MethodeMethodeanalytische. In die Theologie wurde sie durch den in Heidelberg lehrenden reformierten Theologen Bartholomäus KeckermannKeckermann, Bartholomäus (1572–1608) eingeführt und dann im Luthertum auf breiter Front rezipiert, so auch von dem Helmstedter Theologen Georg CalixtCalixt, Georg (1586–1656) in seiner Epitome theologiae von 1619. Die analytische Methode ermöglicht es, die dogmatischen Gehalte in einen strengen systematischen Zusammenhang zu bringen. Ausgehend von dem Ziel der Theologie – Gott als höchstes Guthöchstes Gut, summum bonum (lateinisch: summum bonum) des Menschen – werden die materialdogmatischen Gehalte als Etappen auf dem Weg zu diesem Ziel angeordnet. Die Dogmatik erhält dadurch gegenüber Melanchthons Loci, der die materialen Gehalte einfach nebeneinander stellte, einen in sich geschlossenen und strukturierten systematischen Zuschnitt.

Die Theologie des Altprotestantismus geht von der objektiven Gegebenheit der theologischen Gehalte aus. Der Wissenschaftscharakter der Theologie besteht darin, dass ihr Gegenstand auf systematische Weise entfaltet wird. Hierzu muss nach dem Prinzip der theologischen Wissenschaft und dem von ihm abhängigen gefragt werden. Die Rezeption der aristotelischen Metaphysik bietet nun die Möglichkeit, jenen Gegenstand nach bestimmten Hinsichten zu entfalten. Das geschieht durch die Lehre von den vier Ursachen sowie Begriffsdistinktionen.

[49]Infobox

Aristotelische MetaphysikMetaphysik und die Lehre von den vier Ursachen:

Die aristotelische Philosophie bot den altprotestantischenAltprotestantismus Dogmatikern den begrifflichen Rahmen, den theologischen Lehrstoff systematisch zu entfalten. In der Rezeption des Philosophen, die durch die sogenannte spanische Barockscholastik (Francisco SuárezSuárez, Francisco [1548–1617]) vermittelt ist, dokumentiert sich das Interesse der Theologen an einer stärkeren Betonung der theologischen Sachgehalte. Grundlegend für die begriffliche Entfaltung des dogmatischen Lehrstoffes ist die aristotelische Unterscheidung von vier Ursachen: Wirk- (lateinisch: causa efficiens), Material- (lateinisch: causa materialis), FormForm (Philosophie)- (lateinisch: causa formalis) und ZielursacheUrsacheZiel- (lateinisch: causa finalis). Ein gegebener Gegenstand kann auf diese Weise in seiner Eigenart in bestimmten Hinsichten beschrieben werden. Zum Beispiel ist eine Tasse durch einen Töpfer hergestellt (WirkursacheUrsacheWirk-), sie besteht aus Porzellan (MaterialursacheUrsacheMaterial-), hat eine bestimmte Form (FormursacheUrsacheForm-), und schließlich dient die Tasse dem Trinken (Zielursache).

Durch die Anwendung des Ursachengefüges konnten die theologischen Themen in spezifischen Hinsichten begrifflich erläutert werden. So ist zum Beispiel Gott die WirkursacheUrsacheWirk- der Bibel als Heilige Schrift, die biblischen Autoren (ProphetenProphet und ApostelApostel) sind die MaterialursacheUrsacheMaterial-. Die FormursacheUrsacheForm- der Schrift sind die Sprachen, in denen sie abgefasst wurde, und schließlich wird das Heil des Menschen als ZielursacheUrsacheZiel- der Bibel verstanden.

Die theologischen Gehalte sind allein in und durch die Bibel dem Menschen gegeben. Sie ist die einzige Quelle und Norm theologischer Aussagen. Im Anschluss an LutherLuther, Martin wird Theologie als zusammenfassende Auslegung des Inhalts der Bibel als Heilige Schrift verstanden. Die altprotestantischen Theologen entfalten die Lehre von der Heiligen Schrift in den Prolegomena ihrer Dogmatiken. Die SchriftlehreSchriftlehre wird dabei zum SchriftprinzipSchriftprinzip ausgebaut und in ihren Voraussetzungen und Konsequenzen entfaltet. Um die Prinzipienfunktion der Bibel sicher zu stellen, wird diese als den biblischen Autoren von Gott wortwörtlich diktiert verstanden (InspirationslehreInspirationslehre). Dadurch ist die Heilige Schrift der Relativität der Geschichte entnommen und vermag als absolute EntscheidungEntscheidungs- und Urteilsinstanz in theologischen und religiösen Fragen zu fungieren. Die Pluralität möglicher Lesarten des biblischen Textes wird auf diese Weise restringiert. Es gibt nur eine wahre Lektüre, und sie legitimiert sich durch die Bibel selbst im sogenannten inneres ZeugnisZeugnis des Heiligen Geistes (lateinisch: testimonium spiritus sancti internum). Unterstellt werden ein bestimmter Sinn des biblischen Wortlautes sowie ein und derselbe Inhalt im Alten und im Neuen Testament. Für die altprotestantischen [50]Theologen gibt es nämlich nur einen Verfasser des Textes, den Heiligen Geist. Und der kann sich aufgrund seiner Vollkommenheit nicht widersprechen. Spannungen und Widersprüche in den biblischen Texten werden durch eine Anpassung des Heiligen Geistes an die Verstehensbedingungen der biblischen Zeugen erklärt (*AkkommodationAkkommodation). Das reicht in dieser Zeit noch aus, um Widersprüche im Text zu bewältigen.

Die theologischen Systeme des alten Protestantismus entstanden vor dem Hintergrund relativ geschlossener konfessioneller Milieus. Für sie konstruiert die Dogmatik ein umfassendes normatives Leitbild des gesellschaftlichen Ganzen. Der Gottesbegriff und die Möglichkeit seiner Erkenntnis sind noch nicht zum Problem geworden. Aufgrund der Voraussetzung einer von der Offenbarung unterschiedenen natürlichen GotteserkenntnisGotteserkenntnisnatürliche ist die ExistenzExistenz Gottes dem Menschen evident. Strittig ist zwischen den Konfessionen dessen wahres Verständnis. Das Nebeneinander und die damit verbundene Konkurrenz zu anderen Konfessionskulturen beschleunigen allerdings auch Rationalisierungsprozesse. Sie schlagen sich in der Theologie durch die Herausbildung von einzelnen Disziplinen mit eigenen methodischen Instrumentarien nieder. Die KonfessionalisierungKonfessionalisierung des Christentums in der frühen Neuzeit führt zur Entstehung von theologischen Disziplinen wie der PolemikPolemik, welche diese Pluralität reflektieren. Daneben formieren sich die KirchengeschichteKirchengeschichte, Dogmatik und EthikEthik als eigene Disziplinen.

Literatur

Emanuel Hirsch: Hilfsbuch zum Studium der Dogmatik. Die Dogmatik der Reformatoren und der altevangelischen Lehrer quellenmäßig belegt und verdeutscht, Berlin/Leipzig 1937, S. 272–374 (lutherische DogmatikDogmatiklutherische). 374–441 (reformierte DogmatikDogmatikreformierte).

Sven Grosse: Philipp Melanchton, Loci communes, in: Christian Danz (Hrsg.): Kanon der Theologie. 45 Schlüsseltexte im Portrait, Darmstadt 32012, S. 212–218.

Philipp Melanchthon: Loci Communes 1521. Lateinisch-Deutsch, hrsg. v. Horst Georg Pöhlmann, Gütersloh 21997.

Carl Heinz Ratschow: Lutherische Dogmatik zwischen Reformation und AufklärungAufklärung, 2 Teile, Gütersloh 1964/1966.

Johann AnselmAnselm von Canterbury Steiger: Leonhart Hütter, Compendium Locorum Theologicorum, in: Christian Danz (Hrsg.): Kanon der Theologie. 45 Schlüsseltexte im Portrait, Darmstadt 32012, S. 231–238.

[51]Aufgaben

1 Informieren Sie sich in dem Hilfsbuch zum Studium der Dogmatik von Emanuel Hirsch über grundlegende Lehrdifferenzen zwischen Lutheranern und Reformierten.

2 Lesen Sie den Artikel von Sven Große über Melanchthons Loci communes, und vergleichen Sie deren Aufbau mit dem Compendium Locorum Theologicorum von Leonhart Hütter.

3 Informieren Sie sich über das Schriftprinzip der altprotestantischen Theologie, und beschreiben Sie dessen Grundzüge.

2.4 Theologie im Zeichen der Aufklärung

Das 18. Jahrhundert war nicht nur das Zeitalter von Vernunft und AufklärungVernunftVernunft und AufklärungAufklärung, es führte auch zu einer grundlegenden Umformung der überlieferten Theologie des Protestantismus. Verantwortlich hierfür waren mehrere Umstände. Die Konfessionskulturen verloren vor dem Hintergrund des einsetzenden gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses an Prägekraft. Sodann traten Glaube und GeschichteGlaube und Geschichte in dem Jahrhundert zunehmend in einen Gegensatz, der eine neue Bearbeitung verlangte. Schließlich ersetzten nun die Vernunft und das eigene Verständnis die Orientierung an einer als autoritär und bevormundend verstandenen Tradition. Die Denker der Aufklärung unterschieden zwischen der ewigen WahrheitWahrheitewige der Vernunft und den kontingenten GeschichtswahrheitenGeschichtswahrheiten. Der Umgang mit dem neuen Problemhorizont gestaltet sich in Theologie und Philosophie unterschiedlich. In der protestantischen TheologieTheologieevangelische, protestantische stehen sich um 1800 zwei Richtungen einander gegenüber: auf der einen Seite der theologische RationalismusRationalismus und auf der anderen der SupranaturalismusSupranaturalismus. An diesem innertheologischen Gegensatz werden sich die Theologen noch bis weit in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts abarbeiten. In der Philosophie, die sich in den theologischen Debatten auswirkt, bilden sich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts der philosophische Rationalismus, deren Hauptvertreter Gottfried Wilhelm LeibnizLeibniz, Gottfried Wilhelm (1646–1716) und Christian WolffWolff, Christian (1679–1754) sind, und der EmpirismusEmpirismus heraus, vertreten durch den schottischen Philosophen David HumeHume, David (1711–1776), der einen starken Einfluss auf den philosophischen Schriftsteller Friedrich Heinrich JacobiJacobi, Friedrich Heinrich (1743–1819) hatte. Im sogenannten *PantheismusstreitPantheismusstreit[52]zwischen Jacobi und Moses MendelssohnMendelssohn, Moses (1729–1786) prallten die beiden philosophischen Strömungen aufeinander. Auslöser des Streits war eine Indiskretion Jacobis. Er hatte in seinem im September 1785 publizierten Buch Über die Lehre des SpinozaSpinoza, Baruch de in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn den Inhalt eines Gesprächs mit Gotthold Ephraim LessingLessing, Gotthold Ephraim (1729–1781) vom Sommer 1780 mitgeteilt, in dem dieser sich als Spinozist zu erkennen gegeben hatte. Im Zentrum der Streitsache stand ein Thema, welches auch für die Theologie und deren weitere Geschichte von grundlegender Bedeutung ist, nämlich die Frage, ob Gott durch das menschliche Denken erfasst werden könne. Jacobi bestritt das vehement, während der Rationalist Mendelssohn die Denkbarkeit Gottes verteidigte.

Das 18. Jahrhundert war nicht arm an Streitsachen. Der literarische Fehde-Handschuh wurde sowohl in der Theologie als auch in der Philosophie hingeworfen. Den problemgeschichtlichen Hintergrund der Kontroversen bilden die sich im Zusammenhang mit der europäischen AufklärungAufklärung vollziehenden geistesgeschichtlichen sowie gesellschaftlichen Umbrüche. Was war in diesem Jahrhundert geschehen?

a. Die AufklärungsphilosophiePhilosophieAufklärungs-

Die deutsche Schulphilosophie des 18. Jahrhunderts ist vor allem geprägt durch den Leibnizschen und Wolffschen RationalismusRationalismus. Bei ihm handelt es sich um eine Richtung, für die wahre Erkenntnis allein durch das begriffliche Denken möglich ist. Der neuzeitliche Rationalismus, der auf René DescartesDescartes, René (1596–1650) zurückgeht, erhielt seine grundlegende Ausprägung durch die Philosophie von Gottfried Wilhelm LeibnizGottfried Wilhelm LeibnizLeibniz, Gottfried Wilhelm. Wichtige Schriften von ihm sind die Monadologie von 1714 und vor allem sein Buch Versuche in der Theodicée über die Güte Gottes, die FreiheitFreiheit des Menschen und den Ursprung des ÜbelsÜbel von 1710. Leibniz unternimmt in diesem Buch den Versuch, die Güte Gottes angesichts der Übel in der Welt dadurch zu rechtfertigen, dass er zeigt, Gott habe die beste aller möglichen Welten geschaffen, aber zu dieser gehören notwendigerweise Übel hinzu. Er begründet seinen Versuch mit rein logisch-begrifflichen Mitteln. Gott ist ihm das ens summe perfectum (vollkommenste Wesen), er ist vollkommene Güte, Weisheit und allmächtig im Unterschied zur geschaffenen Welt, die end[53]lich und damit notwendig unvollkommen sein muss. Andernfalls wäre sie von Gott nicht unterschieden.

LeibnizLeibniz, Gottfried Wilhelm unterscheidet streng zwischen den Vernunft- und GeschichtswahrheitenGeschichtswahrheitenWahrheiten der VernunftVernunft und denen der Geschichte. Während jene ewig und unveränderlich sind, kommt diesen ein anderer Status zu. Sie sind kontingent, das heißt veränderlich, und können auch nicht sein. Die Aussage ‚Morgen geht die Sonne auf‘ bezieht sich auf eine Tatsache, von der man allein dann wissen kann, wenn sie eingetreten ist, aber ‚zwei mal zwei ist vier‘ ist unabhängig von aller Erfahrung immer und überall wahr. Geltende WahrheitWahrheit lässt sich folglich nicht durch Tatsachen begründen. Wirksam wurde der Leibnizsche RationalismusRationalismus insbesondere durch den Hallenser Philosophen Christian WolffWolff, Christian. Er baute die PhilosophiePhilosophie zur methodischen Leitwissenschaft aller akademischen Disziplinen aus. Dabei bediente er sich der mathematischen MethodeMethodemathematische des mos geometricus (EuklidEuklid [3. Jahrhundert v. Chr.]) als Inbegriff einer wissenschaftlichen Darstellungsart. Vernunft und Offenbarung, davon geht Wolff aus, widersprechen sich nicht. Sie stehen in Harmonie miteinander. Die göttliche Offenbarung stimmt mit der Vernunft überein, der strenge Allgemeinheit zukommt. Wolff hatte einen starken Einfluss auf die Theologie des 18. Jahrhunderts. Über den Hallenser Theologen Sigmund Jacob BaumgartenBaumgarten, Sigmund Jacob (1706–1757) wirkte er auf die sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts herausbildende NeologieNeologie.

Anders der EmpirismusEmpirismusEmpirismus. Er bestreitet, dass Erkenntnis durch das Denken möglich sei und behauptet, alles Wissen entspringe aus der Erfahrung. Die Quelle der ErkenntnisErkenntnis, Quelle der ist also nicht wie im RationalismusRationalismus der urteilende Verstand, sondern die Erfahrung. Die Hauptvertreter des Empirismus sind die englischen Denker John LockeLocke, John (1632–1704) und David HumeHume, David. Sie fassen den menschlichen GeistGeistmenschlicher, Menschen- als eine tabula rasa (leere Tafel) auf, die durch sinnliche Anschauungen gefüllt wird. Begriffe und KategorienKategorien (Philosophie) sind sekundäre Abstraktionen. Sie entstehen, indem der Geist aus den sinnlichen Eindrücken allgemeine Strukturen herauspräpariert und zusammenfasst. Auch der Gottesgedanke verdankt sich, wie Hume in seiner Schrift Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand von 1748 ausführt, einer solchen Operation des Geistes. Seine Philosophie wurde in Deutschland durch Friedrich Heinrich JacobiJacobi, Friedrich Heinrich rezipiert. In seinem Buch Über die Lehre des SpinozaSpinoza, Baruch de in Briefen an den Herrn Moses MendelssohnMendelssohn, Moses von 1785 behauptet Jacobi [54]unter dem Einfluss der Humeschen skeptischen Philosophie einen strikten DualismusDualismus von Glauben und Wissen beziehungsweise von VernunftVernunft und Offenbarung. Jacobi ist der erste, der die These vertritt, dass Gott nicht erkannt werden könne, sondern nur dem GefühlGefühl zugänglich sei. Das beinhaltet einen Frontalangriff gegen die Wolffsche Philosophie und die von ihr abhängige NeologieNeologie. Weitere Kritiker der aufklärerischen Synthese von Offenbarung und Vernunft sind der Königsberger religiöse Schriftsteller Johann Georg HamannHamann, Johann Georg (1730–1788) sowie der Züricher Prediger und Schriftsteller Johann Casper LavaterLavater, Johann Casper (1741–1801).

Literatur

Georg Essen/Christian Danz (Hrsg.): Philosophisch-theologische Streitsachen. PantheismusstreitPantheismusstreit – Atheismusstreit – Theismusstreit, Darmstadt 2012.

Gottfried Gabriel: Grundprobleme der ErkenntnistheorieErkenntnistheorie. Von Descartes zu Wittgenstein, Paderborn/München/Wien/Zürich 21998.

Helmut Holzhey/Wilhelm Schmidt-Biggemann (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie: Die Philosophie des 17. Jahrhunderts. 2 Bde.: Das Heilige Römische ReichRömisches Reich Deutscher Nation. Nord- und Ostmitteleuropa, Basel 2001.

Gottfried Wilhelm LeibnizLeibniz, Gottfried Wilhelm: Monadologie, Stuttgart 1954.

Michael Murrmann-Kahl: Der PantheismusstreitPantheismusstreit, in: Georg Essen/Christian Danz (Hrsg.): Philosophisch-theologische Streitsachen. Pantheismusstreit – Atheismusstreit – Theismusstreit, Darmstadt 2012, S. 93–134.

Heinrich Scholz (Hrsg.): Die Hauptschriften zum PantheismusstreitPantheismusstreit zwischen JacobiJacobi, Friedrich Heinrich und Mendelssohn, Berlin 1916. ND Waltrop 2004.

Aufgaben

1 Informieren Sie sich in dem Buch von Gottfried Gabriel über die erkenntnistheoretischen Debatten im Zeitalter der Aufklärung.

2 Schreiben Sie einen Essay über den Unterschied von Rationalismus und Empirismus.

3 Über welche Themen wurde in dem PantheismusstreitPantheismusstreit zwischen Friedrich Heinrich JacobiJacobi, Friedrich Heinrich und Moses Mendelssohn gestritten?

b. Die AufklärungstheologieTheologieAufklärungs-

Seit der frühen Neuzeit hatte sich das Wandel im WeltbildWeltbild grundlegend verändert. Infolge der kopernikanischen Revolution sowie der großen Entdeckungsreisen im 15. und 16. Jahrhundert wurde zuneh[55]mend deutlich, dass die Weltsicht der Bibel nicht mehr mit der der frühen Neuzeit übereinstimmt. Es kamen Völker in den Blick, die in der biblischen Darstellung der Völkergenealogien (Gen 10) keinen Platz finden. Gab es, so wurde in den Kontroversen gefragt, womöglich schon Menschen vor AdamAdam? Und wie lassen sich die Eskimos in die biblischen Völkertafeln einordnen? Die Inkongruenz zwischen der Bibel, die bis ins 17. Jahrhundert aufgrund ihrer wortwörtlichen göttlichen Inspiriertheit die grundlegende AutoritätAutorität und WahrheitsinstanzWahrheitsinstanz auch für naturwissenschaftliche Fragen darstellte, und den neuen Erkenntnissen führte im 18. Jahrhundert zu einer neuen Stellung zur Bibel. Man stand vor der Alternative, entweder die biblische Darstellung zu verwerfen oder ihr eine neue Deutung zu geben. Um unter den neuen Bedingungen an ihr als einem maßgeblichen Buch festhalten zu können, wurde sie von den aufgeklärten Theologen als ein altes historisches Dokument – als eine Urkunde aus der Kindheit des Menschengeschlechts – aufgefasst. Zeugnisse der Vergangenheit müssen jedoch mit den Mitteln der historischen Forschung erschlossen werden, damit man sie verstehen kann. Ein wichtiger Wegbereiter für die historische Bibelauslegung war Baruch de SpinozaBaruch de SpinozaSpinoza, Baruch de (1632–1677). In seinem theologisch-politischen Traktat (Amsterdam 1670) hatte er im siebenten Kapitel die Grundzüge einer grammatisch-historischen Bibelauslegung entwickelt. Spinoza votiert für eine rein historische Interpretation der Bibel und unterscheidet strikt die Frage nach dem Sinn eines biblischen Textes von der nach seiner WahrheitWahrheit. Dieses methodische Verfahren zielt auf eine EmanzipationEmanzipation der BibelexegeseBibelexegese von der Dogmatik. In der Mitte des 18. Jahrhunderts setzte sich diese Methode der Bibelinterpretation in der protestantischen TheologieTheologieevangelische, protestantische durch und führte zu einer völligen Umwälzung des überlieferten Verständnisses von Theologie. Diese etablierte sich am Ende des Jahrhunderts als professionelle Fachwissenschaft. Die wichtigsten Wegbereiter dieser Entwicklung sind der Leipziger Theologe Johann August ErnestiErnesti, Johann August (1707–1781) und vor allem Johann Salomo SemlerSemler, Johann Salomo (1725–1791).

Die Entwicklung der Theologie im 18. Jahrhundert untergliedert man zumeist in drei Phasen: eine Übergangsphase, sodann die NeologieNeologie und schließlich den RationalismusRationalismus.

Infobox

AufklärungstheologieTheologieAufklärungs-:


1. Übergangsphase: Sigmund Jacob BaumgartenBaumgarten, Sigmund Jacob
2. NeologieNeologie: Johann Salomo SemlerSemler, Johann Salomo, Johann Joachim SpaldingSpalding, Johann Joachim (1714–1804) und Johann Friedrich Wilhelm JerusalemJerusalem, Johann Friedrich Wilhelm (1709–1789)
3. RationalismusRationalismus und SupranaturalismusSupranaturalismus:
RationalismusRationalismus: Johann Friedrich RöhrRöhr, Johann Friedrich (1777–1848), der Hallenser Theologe Johann Heinrich TieftrunkTieftrunk, Johann Heinrich (1759–1837) sowie der Königsberger Philosoph Wilhelm Traugott KrugKrug, Wilhelm Trautgott (1770–1842)
SupranaturalismusSupranaturalismus: der Tübinger Theologe Gottlob Christian StorrStorr, Gottlob Christian (1746–1805), sein Schüler Friedrich Gottlieb SüskindSüskind, Friedrich Gottlieb (1767–1829)

Der wichtigste Vertreter der ÜbergangstheologieÜbergangstheologie war der in Halle lehrende Sigmund Jacob BaumgartenBaumgarten, Sigmund Jacob. Aus dem Halle[56]schen PietismusPietismus herkommend, knüpfte er in den 1740er Jahren an die Philosophie von Christian WolffWolff, Christian an und unternahm eine behutsame Modernisierung der Theologie und des überlieferten lutherischen Lehrbegriffs auf der Grundlage einer Öffnung für historische Fragen. Zwar hielt Baumgarten an dem formalen OffenbarungsbegriffOffenbarungsbegriff der lutherischen Lehrtradition fest, aber die Offenbarung und ihr Inhalt werden von ihm mit der VernunftVernunft harmonisiert. Er ist nicht nur einer der Begründer der modernen HermeneutikHermeneutik und der wissenschaftlichen Bibelauslegung, sondern auch ein wichtiger Vermittler des DeismusDeismus in Deutschland.

Der DeismusDeismusDeismus stellt eine hochkomplexe religiöse und theologische Modernisierungsbewegung dar, die sich infolge der KonfessionskriegeKonfessionskriege des 17. Jahrhunderts in England und Frankreich herausgebildet hat. Er darf als die erste von der kirchlichen Theologie unabhängige Religionsphilosophie gelten (Ernst TroeltschTroeltsch, Ernst). Sein Grundgedanke ist die Idee einer ‚VernunftreligionReligionVernunft-‘ oder ‚natürlichen ReligionReligionnatürliche‘, die unabhängig von der biblischen Offenbarung ist und jedem Menschen als einem Vernunftwesen eignet. Für die deistischen Denker ist diese die wahre ReligionReligionwahre, während die auf Offenbarung beruhenden geschichtlichen ReligionReligiongeschichtlicheen deren Verfälschungen sind. Ihre Entstehung verdankt sich einem Priesterbetrug, die sich durch die Erfindung von Offenbarungsreligionen Macht und Einfluss sichern wollen.

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Deismus:Deismus

Die grundlegenden Bestandteile der VernunftreligionReligionVernunft- sind: 1.) eine höchste Gottheit, 2.) die Verehrung Gottes, 3.) Tugend und FrömmigkeitFrömmigkeit als der wahre GottesdienstGottesdienst, 4.) die Wiedergutmachung der Sünden durch Reue und UmkehrUmkehr, und 5.) die Überzeugung, dass aus Gottes Güte und GerechtigkeitGerechtigkeit sowohl zeitlicher und ewiger Lohn als auch zeitliche und ewige Strafen fließen. Der zuletzt genannte Aspekt setzt die Überzeugung von einer unsterblichen SeeleSeele voraus. Da sich dieser Gedanke nicht in den Schriften des Alten Testaments findet, wurden erbitterte Kontroversen darüber geführt, ob man es bei dem alttestamentlichen Judentum mit einer Religion zu tun habe. Hermann Samuel ReimarusReimarus, Hermann Samuel (1694–1768), Immanuel KantKant, Immanuel und andere bestritten den religiösen Charakter der alttestamentlichen Texte. Andere wie LessingLessing, Gotthold Ephraim oder Johann David MichaelisMichaelis, Johann David (1717–1791) versuchten, diesen Nachweis zu erbringen.

Die wichtigsten Vertreter des englischen DeismusDeismus sind Edward Herbert von CherburyCherbury, Edward Herbert (1581–1648), John SpencerSpencer, John (1630–1693), John TolandToland, John (1671–1722), Matthew TindalTindal, Matthew (1656–1733).

Wichtige Vertreter des französischen DeismusDeismus sind VoltaireVoltaire (1694–1778) und Denis DiderotDiderot, Denis (1713–1784).

[57]Die deistischen Denker, die keineswegs alle christentumskritisch waren, trieben die Entwicklung des Instrumentariums der historischen Kritikhistorische Kritik voran. Deren Bibelauslegung wurde in der Mitte des 18. Jahrhunderts von den protestantischen Theologen in Deutschland rezipiert. Allerdings war der Mainstream der deutschen AufklärungstheologieTheologieAufklärungs- nicht so radikal wie die englischen und französischen Deisten. Ihnen ging es in erster Linie um einen konstruktiven Umgang mit der historischen BibelkritikBibelkritik, der man sich, das wurde den führenden Geistern schnell deutlich, nicht entziehen konnte. Mit BaumgartensBaumgarten, Sigmund Jacob Schüler Johann Salomon SemlerSemler, Johann Salomo verbindet sich die zweite Phase der Aufklärungstheologie, die NeologieNeologieNeologie. Er ist der bedeutendste Theologe des 18. Jahrhunderts, und mit ihm kommt die historische TheologieTheologiehistorische vollends zum Durchbruch. Semler ist der erste Theologe, der die historische Bibelauslegung zur Basis einer Umformung der gesamten Theologie erhebt. Dadurch werden die Grundlagen der DogmatikDogmatik des AltprotestantismusAltprotestantismus des 16. und 17. Jahrhunderts, die Schriftlehre und das KanonprinzipKanonprinzip von ihm kritisch aufgelöst. In deren Folge kommt es zu einer Umgestaltung des traditionellen dogmatischen Lehrbegriffs. Die WahrheitWahrheit des Christentums wird mit den Mitteln der historischen Wissenschaft begründet und nicht [58]mehr durch die Offenbarung. Jesus, so zeigt es sich dem historisch geschulten Blick auf die biblischen Schriften, bringt eine neue Religion. Ihr Kern, der sie von dem Alten Testament vollständig unterscheidet, besteht in einer vernünftigen MoralreligionReligionMoral-. Sie ist nicht an äußeren Satzungen orientiert. In ihrem Fokus steht die Autonomie. Durch die von Semler vorgenommene Unterscheidung von Religion und Theologie überwindet er nicht nur den Theologiebegriff des alten Protestantismus, er treibt dadurch auch die fachwissenschaftliche Professionalisierung der Theologie voran.

Mit der Durchsetzung der historischen BibelkritikDurchsetzung der historischen BibelkritikBibelkritik in der Theologie des späten 18. Jahrhunderts emanzipiert sich die ExegeseExegese vollends von der überlieferten Dogmatik. In deren Folge entstehen historisch grundierte Bibelwissenschaften wie Einleitungen in das Alte und das Neue Testament. Die neologischen Theologen tragen die AufklärungAufklärung in die Theologie hinein, und zwar mit dem Ziel einer zeitgemäßen Umgestaltung von Christentum und Theologie. Die historische Betrachtung der Bibel ist der Ausdruck dafür, dass die dogmatische Lehrgestalt des Christentums den Zeitgenossen unverständlich geworden ist. Das kirchlich-dogmatische ChristusbildChristusbild und die kirchliche Versöhnungslehre von dem stellvertretenden Sühnetod des GottmenschenGottmensch werden ersetzt durch den Menschen Jesus von Nazareth. Er wird verstanden als Lehrer der vollkommenen Religion, die durch seine VerkündigungVerkündigung in die Geschichte eintritt.

Eine andere Wendung nimmt die Anwendung der historischen Kritikhistorische Kritik auf die biblischen Schriften bei dem Hamburger Orientalisten Hermann Samuel ReimarusHermann Samuel ReimarusReimarus, Hermann Samuel. Zwischen 1774–1778 publizierte der Wolfenbütteler Bibliothekar Gotthold Ephraim LessingLessing, Gotthold Ephraim Auszüge aus dessen nachgelassenem Werk Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes. Die Publikation löste einen Skandal, den sogenannten FragmentenstreitFragmentenstreit aus. Der Hamburger Gelehrte hatte nicht nur den Offenbarungscharakter des Alten Testaments bestritten, er arbeitete auch die Differenz zwischen Jesus von Nazareth und dem Christus des kirchlichen Dogmas heraus. Den Nazarener rückte Reimarus in das Judentum ein und deutete ihn als politischen Messiasprätendenten. Das ChristusbildChristusbild haben seine Jünger erfunden. Sie stahlen nach seinem Tod seinen Leichnam und verkündeten, er sei auferstanden. Die Position von Reimarus initiierte die historische Rückfrage nach dem [59]Jesus der Geschichtehistorischer Jesus, Jesus der Geschichte, irdischer Jesus. Sie forderte einen neuen Umgang mit dem Problem von Glaube und Historie. Auch Lessing hebt diese Spannung hervor. Die christliche ReligionReligionchristliche lässt sich nicht durch historische Tatsachen begründen. Entscheidend ist für den Wolfenbütteler Bibliothekar die Idee des Christentums. Sie ist eine ewige VernunftwahrheitVernunftwahrheit.

Am Ende des 18. Jahrhunderts geht die NeologieNeologie in den theologischen RationalismusRationalismusRationalismus über. Mit diesem Begriff bezeichnet man die Theologie der Spätaufklärung. Sein Grundzug ist die Behauptung, die menschliche VernunftVernunft könne den Inhalt der Offenbarung aus sich selbst schöpfen. Für die Religion ist eine Offenbarung damit nicht notwendig. Diese wird als eine sinnliche Einkleidung von Vernunftwahrheiten verstanden. Im Unterschied zum Rationalismus behauptet der SupranaturalismusSupranaturalismusSupranaturalismus die Notwendigkeit einer Offenbarung für die Religion. In der biblischen Offenbarung liegt, so seine Überzeugung, ein Inhalt vor, welcher der Vernunft nicht von ihr selbst aus zugänglich ist. Der Streit zwischen beiden Positionen dreht sich somit um den OffenbarungsbegriffOffenbarungsbegriff und sein Verhältnis zur Vernunft. Beide Parteien nehmen die Vernunft in Anspruch, beurteilen allerdings deren materiale Rolle unterschiedlich. Auch die supranaturalistischen Theologen arbeiten mit den Instrumentarien der aufgeklärten BibelkritikBibelkritik. So hat der Tübinger Theologe StorrStorr, Gottlob Christian die historische Kritikhistorische Kritik zur Begründung der AutoritätAutorität der Heiligen Schrift herangezogen. Auch der Supranaturalismus konnte nicht mehr unmittelbar auf den altprotestantischen Lehrbegriff zurückgreifen. Die sittliche Integrität Jesu und der ApostelApostel, die ReimarusReimarus, Hermann Samuel bestritten hatte, begründen diesen Theologen die NormativitätNormativität der Bibel.

Literatur

Karl Aner: Die Theologie der Lessingzeit, Halle a.d. Saale 1929.

Christoph Bultmann: Bibelrezeption in der Aufklärung, Tübingen 2012.

Albrecht Beutel: Aufklärung in Deutschland, Göttingen 2006.

Emanuel Hirsch: Geschichte der neuern evangelischen Theologie, Bd. V, Gütersloh 1954, S. 3–144.

Gotthold Ephraim LessingLessing, Gotthold Ephraim: Die Erziehung des Menschengeschlechts, in: ders.: Werke in drei Bänden, hrsg. v. Herbert G. Göpfert, Bd. 3, München/Wien 1982, S. 637–658.

Christopher Voigt: Der englische Deismus in Deutschland. Eine Studie zur Rezeption englisch-deistischer Literatur in deutschen Zeitschriften und Kompendien des 18. Jahrhunderts, Tübingen 2003.

Daniel Weidner: Bibel und Literatur um 1800, München 2011.

[60]Aufgaben

1 Lesen Sie Gotthold Ephraim Lessings Schrift Die Erziehung des Menschengeschlechts.

2 Was unterscheidet das Bibelverständnis der Aufklärung von dem der altprotestantischen Theologie? Nennen Sie grundlegende Unterschiede!

3 Informieren Sie sich über die BibelkritikBibelkritik von Hermann Samuel Reimarus.

2.5 Der ReligionsbegriffReligionsbegriff als methodische Grundlage der Systematischen Theologie im 19. Jahrhundert

Um 1800 kam es wie in allen Wissenschaften so auch in der Theologie zu einer zunehmenden Professionalisierung und AusdifferenzierungProfessionalisierung und Ausdifferenzierung. Jetzt erst bildet sich ein Verständnis von Theologie als Fachwissenschaft im Unterschied zur Religion heraus. Zugleich avanciert der ReligionsbegriffReligionsbegriff zur methodischen Grundlage der Theologie. Er ersetzt sowohl die überlieferte natürliche TheologieTheologienatürliche als auch die Schriftlehre des alten Protestantismus. Beide konnten sich vor der aufgeklärten Kritik nicht mehr halten. Die Theologiegeschichtsschreibung bezeichnet diese Umformung, die mit dem gesellschaftlichen Wandel sowie dem Nachlassen der Präge[61]kraft der christlichen Konfessionsgegensätze seit der Aufklärung verbunden ist und zu einem neuen Typus von Theologie führte, als Übergang vom Alt- zum NeuprotestantismusNeuprotestantismus.

Infobox

Alt- und NeuprotestantismusNeuprotestantismus:

Die Unterscheidung von Alt- und NeuprotestantismusNeuprotestantismus stammt von Ernst TroeltschTroeltsch, Ernst. Er hat sie im Zusammenhang seiner Studien zur Bedeutung des Protestantismus für die Genese der modernen Welt unter anderem in seiner Schrift Protestantisches Christentum und Kirche in der Neuzeit (1906) herausgearbeitet. Die Unterscheidung zielt nicht allein auf eine bloße Epochenscheidung, sie hat einen kategorialen und normativen Status. Den Ausgangspunkt bildet die Frage nach der geschichtlichen Einordnung der ReformationReformation, Reformationszeit sowie die Beobachtung des Abstands dieser Epoche zur Welt des 20. Jahrhunderts. Der Protestantismus der Moderne sei „dem Altprotestantismus gegenüber ein vielfach grundverschiedenes Gebilde, das daher auch im Namen als Neuprotestantismus unterschieden werden muss und das die schwere Frage der religiösen ZukunftZukunft der europäisch-amerikanischen Völker immer deutlicher aus sich heraus entwickelt, je mehr der KatholizismusKirchekatholische, Katholizismus in seine mittelalterliche dogmatisch-philosophische Tradition sich wieder einspinnt und nur für Zwecke politischer Machtgewinnung sich modernisiert“ (Troeltsch 2004, 134).

Die reformatorische Epoche „trägt das Doppelgesicht der Herkunft vom Mittelalter und des Hinweises auf eine neue Geisteswelt und vereinigt noch beides in dem lebendigen Schaffen der großen Meister, vor allem in der Persönlichkeit LuthersLuther, Martin, der am reichsten ist an Ideen und am ärmsten an Organisation“ (TroeltschTroeltsch, Ernst2004, 133f.). Vor dem Hintergrund dieser Deutung der ReformationReformation, Reformationszeit lassen sich die seit der Aufklärung hervortretenden Elemente, die ihre geschichtliche Wurzel in den von den Reformationskirchen verfolgten Täufern und Spiritualisten sowie dem in der englischen Revolution umgeprägten CalvinismusCalvinismus haben, genauer bestimmen und in ihrem Beitrag zu einer neuen Bestimmung des Begriffs des Protestantismus würdigen. Der moderne Protestantismus hat für Troeltsch nicht so sehr seine Wurzeln in der Reformation, er wurde vielmehr durch die Aufklärung geprägt und erstmals von Gotthold Ephraim LessingLessing, Gotthold Ephraim und Johann Salomo SemlerSemler, Johann Salomo sowie John LockeLocke, John und Pierre BayleBayle, Pierre (1647–1706) formuliert. Sein normativer Gehalt ist „die FreiheitFreiheit des Geistes und GewissensGewissen, die persönliche GefühlsreligionReligionGefühls-, die Unabhängigkeit von DogmaDogma und Theologie, die Erprobung des Religiösen im Sittlichen, die ewige Gegenwart der religiösen WahrheitWahrheitreligiöse und ihre Freiheit gegenüber allem Geschichtlichen“ (Troeltsch 2004, 193). Diese neue Form des Protestantismus markiert gegenüber der Reformation und dem Protestantismus des 16. und 17. Jahrhunderts einen Bruch, der das Ende des mittelalterlichen Ideals einer geschlossenen kirchlich geleiteten Kulturidee in Folge der englischen Revolution und ihres misslungenen Versuchs, einen christlichen Staat zu errichten, zur Voraussetzung hat und der „Sebastian FranckFranck, Sebastian näher als seinem Helden Luther“ (ebd.) steht.

Der Begriff ‚NeuprotestantismusNeuprotestantismus‘ ist für TroeltschTroeltsch, Ernst ein normativer geschichtsphilosophischer Deutungsbegriff, der eine modernitätsgeleitete Umformung des Protestantismus, die ebenso seine Theologie wie seine SozialethikEthikSozial- umfasst, beinhaltet und der der veränderten gesamtgesellschaftlichen Situation in der Moderne infolge gesellschaftlicher Ausdifferenzierungsprozesse Rechnung tragen soll. Die geschichtliche Reflexion der Genese des modernen Protestantismus dient der eigenen Selbstvergewisserung und vor allem seiner Standortbestimmung in einer sich wandelnden Gesellschaft. Als wesentliche Gehalte des Protestantismus identifiziert Troeltsch den Gedanken eines ewigen WertesWert der individuellen Persönlichkeit. In deren Bewahrung und Rettung angesichts der mit der Moderne verbundenen Ambivalenzen sowie ihrer freiheitsgefährdenden Tendenzen besteht die Aufgabe der protestantischen Religion in der modernen KulturKulturmoderne.

Die theologischen Kontroversen im 19. Jahrhundert arbeiten sich an dem durch die AufklärungAufklärung virulent gewordenen Problem von Offenbarung und Geschichte ab. Das geschieht vor dem Hintergrund einer neuen Grundlegung der Theologie im ReligionsbegriffReligionsbegriff. Mit ihm ist eine Neuformulierung des Theologiebegriffs verbunden. Das GottesbewusstseinGottesbewusstsein und sein Verhältnis zur [62]Geschichte rücken in den Fokus der Debatten. Exemplarisch für diese Transformationen sind die kritische TranszendentalphilosophiePhilosophieTranszendental- Immanuel KantsKant, Immanuel, die Theologie Friedrich SchleiermachersSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst (1768–1832), die in der Mitte des Jahrhunderts entstehende historische TheologieTheologiehistorische sowie die Konzeption Albrecht RitschlsRitschl, Albrecht (1822–1889). Diese Theologen verbindet das Anliegen, die Theologie als eine Wissenschaft zu konzipieren.

Literatur

Friedrich Wilhelm Graf (Hrsg.): Profile des neuzeitlichen Protestantismus Bd. 1–2, Gütersloh 1990. 1993.

Wolfhart Pannenberg:ProblemgeschichteProblemgeschichte der neueren evangelischen Theologie in Deutschland. Von SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst bis zu Barth und Tillich, Göttingen 1997.

Jan Rohls: Protestantische Theologie der Neuzeit. Bd. 1: Die Voraussetzungen und das 19. Jahrhundert, Tübingen 1997.

Ernst Troeltsch: Protestantisches Christentum und Kirche in der Neuzeit, (1906/1909/1922) (Kritische Gesamtausgabe = KGA, Bd. 7), hrsg. v. Volker Drehsen in Zusammenarbeit mit Christian Albrecht, Berlin/New York 2004.

a. Immanuel KantKant, Immanuel

KantsKant, Immanuel Bedeutung für die Philosophie und die Theologie im 19. und 20. Jahrhundert lässt sich lediglich mit PlatonPlaton und AristotelesAristoteles vergleichen. Im Anschluss an seinen Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? von 1784 könnte man sagen: Seine überragende Leistung besteht in der von ihm vorgenommenen Aufklärung der VernunftAufklärung der VernunftVernunft. Kant hat diese über sich selbst und die Grenzen ihres Wissens aufgeklärt. Erkenntnis ist allein im Bereich der Erfahrung möglich. Mit der genannten Grenzziehung sind sowohl für die Theologie als auch für die Philosophie einschneidende Konsequenzen verbunden. Sie waren es vor allem, die den jüdischen Aufklärungsphilosophen Moses MendelssohnMendelssohn, Moses in seinen Vorlesungen über das Daseyn Gottes von 1785 von dem „alles zermalmenden Kant“ sprechen ließen (Mendelssohn 1989, 469).

In seinem Hauptwerk Kritik der reinen VernunftVernunft von 1781 hat der Königsberger Denker die Reichweite des Wissens kritisch vermessen. Intersubjektiv geltende Erkenntnis, so das Resultat der Prüfung, ist ausschließlich an die Sphäre der Erfahrung gebunden. Gegenstände, die über diesen Bereich hinausgehen, kann der Mensch nicht erkennen. Überschreitet die Vernunft indes jene Grenze, dann gerät sie in einen Abgrund und verliert sich in phantastischen Spekulationen. Von Erkenntnis kann nur dann gespro[63]chen werden, wenn Anschauung und BegriffAnschauung und Begriffe zusammen kommen. Jene resultiert somit aus zwei Quellen (Zweiquellentheorie der ErkenntnisZweiquellentheorie der Erkenntnis). Mit seinem Verständnis von Erkenntnis nimmt KantKant, Immanuel eine VermittlungVermittlung der beiden philosophischen Hauptrichtungen des 18. Jahrhunderts – des RationalismusRationalismus und des EmpirismusEmpirismus – vor. Für den Rationalismus basiert alle Erkenntnis auf dem begrifflichen Denken. Durch die Zergliederung von Begriffen gelangt man zu begründetem Wissen. Dem widerspricht der Empirismus. Er behauptet, zur Erkenntnis kommt der Mensch nicht durch Begriffsanalyse, da sie sekundär ist, sondern durch Erfahrung. Kant hingegen kritisiert beide Positionen: Erkenntnis kommt weder nur durch Begriffsanalyse noch allein durch Erfahrung zustande, sie verdankt sich dem Zusammenwirken von Anschauung und Begriff.

Wenn der Mensch etwas erkennt, dann verbindet er Begriffe mit Anschauungen. Die für die ErkenntnisErkenntnis notwendigen Begriffe werden im menschlichen Geist nach bestimmten Regeln (KategorienKategorien (Philosophie)) geformt und auf Anschauungen angewandt. Dadurch entsteht für jeden Menschen erst die objektive Welt der Gegenstände. Das erkennende SubjektSubjekt bildet also in seiner Erkenntnis die Wirklichkeit nicht ab, es schafft vielmehr selbst durch die in ihm liegenden Kategorien erst diejenigen objektiven Gegenstände, die es erkennt. KantKant, Immanuel nimmt in seiner ErkenntnistheorieErkenntnistheorie gewissermaßen eine Wendung des Gesichtspunktes vor, die auf den ersten Blick schwer nachzuvollziehen ist. Die objektive Gegenstandswelt und ihre Einheit werden durch den subjektiven Erkenntnismechanismus erzeugt. Das ist freilich allein unter der Voraussetzung möglich, dass in jedem Subjekt derselbe allgemeine Erkenntnisapparat angelegt ist. Das erkennende Subjekt – Kant nennt es transzendentalestranszendental – ist folglich selbst schon ein allgemeines beziehungsweise ein objektives.

Der Mensch kann damit nur das erkennen, was er nach Regeln konstituiert, die er im Erkenntnisprozess bereits mitbringtErscheinungen und Dinge an sich. Die Gegenstände der Erkenntnis in ihrer TotalitätTotalität sind die Welt der Erscheinungen. Von ihr unterscheidet KantKant, Immanuel die Dinge an sich. Sie können nicht erkannt werden, da der Mensch lediglich Erscheinungen erkennen kann. Die zuletzt genannte Unterscheidung zwischen ErscheinungErscheinung und Dingen an sich steht im Interesse der MoralphilosophiePhilosophieMoral-. Der Gedanke der FreiheitFreiheit ist für den Königsberger Philosophen nur dann widerspruchsfrei zu denken, wenn zwi[64]schen der phänomenalen und der intelligiblen Welt strikt unterschieden wird.

Mit KantsKant, ImmanuelVernunftkritikVernunftkritik sowie dem eben angedeuteten Verständnis von objektiver Erkenntnis ist eine wichtige Konsequenz verbunden. Sie besteht in der bereits erwähnten Beschränkung der geltenden Erkenntnis auf den Bereich der Erfahrung. Alles, was über die Erfahrung hinausgeht, kann damit nicht erkannt werden. Nun gehört jedoch der GottesgedankeGottesgedankeGottesgedanke zu den Gegenständen, die per definitionem nicht zur Erfahrung gehören. Von Gott hat der Mensch zwar einen Begriff, so dass er ihn denken kann, aber eben keine Anschauung. Wo diese fehlt, da kann man auch nichts erkennen, da jede objektive ErkenntnisErkenntnis, objektive aus dem Zusammenspiel von Begriff und Anschauung resultiert. Mit Kants Zweiquellentheorie der ErkenntnisZweiquellentheorie der Erkenntnis ist folglich die Konsequenz verbunden, dass der Gottesgedanke aus dem Bereich der objektiven Erkenntnisgegenstände ausscheidet. Gott wird für die Vernunftkritik zu einem völlig unerkennbaren Gegenstand, dessen ExistenzExistenz sich überdies mit Gründen weder behaupten noch bestreiten lässt.

Das Resultat der VernunftkritikVernunftkritik ist nun nicht ohne Folgen für die Philosophie und die Theologie. Die gesamte philosophische und theologische Tradition ging mehr oder weniger davon aus, dass Gott irgendwie zu erkennen sei. Diese Überzeugung hat KantKant, Immanuel kritisch aufgelöst. Gott kann von der menschlichen VernunftVernunft nicht erkannt werden. Trifft das aber zu, dann ist sowohl der Theologie als auch der MetaphysikMetaphysik ihr Gegenstand entzogen. Die negative Bilanz ist jedoch nicht Kants letztes Wort in Sachen Religion und Gott geblieben. Sie sind zwar keine Themen der theoretischen Philosophie mehr, wohl aber der praktischen. Der Königsberger Philosoph entwickelt sein Verständnis der Religion in der praktischen Philosophie. Theologie ist allein als EthikotheologieEthikotheologieEthikotheologie, also im Horizont der MoralMoral, möglich, und nicht als theoretische Gotteserkennnis. Was versteht er nun unter Religion, und wie ist sie dem sittlichen Bewusstsein zugeordnet?

Die Religion ist für ein Folgeproblem der MoralphilosophiePhilosophieMoral- zuständig. Diese Zuordnung von MoralMoral und Religion ist in der Kritik der praktischen VernunftVernunft (1788) und in einer eher religionsdogmatischen Weise in der Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft von 1793 ausgeführt. Zunächst: Es geht in KantsKant, Immanuel Religionsphilosophie nicht darum, die Moral durch die Reli[65]gion zu begründen oder zu legitimieren. Die Moral ist für ihn völlig autonom. Sie hat ihren Grund allein in der Vernunft des Menschen und fußt auf dem SittengesetzSittengesetz. Der Gottesgedanke spielt damit für die Begründung der Moral keine Rolle. Sodann: Der Übergang von der autonomen Vernunftmoral zur Religion ergibt sich für Kant daraus, dass der Mensch zwar ein Vernunftwesen ist, aber eben nicht nur. Der Mensch ist in seinem Handeln nicht allein durch allgemeine Vernunftgründe bestimmt, sondern stets auch durch sinnliche Handlungsantriebe und Neigungen. Sittlich handeln heißt nun aber für den Königsberger Philosophen, ausschließlich der Stimme der Vernunft, also dem moralischen GesetzGesetz ‚in mir‘, Folge zu leisten. Die sinnlichen Handlungsantriebe und Neigungen müssen durch die Vernunft unterdrückt und dem SittengesetzSittengesetz untergeordnet werden. Wenn ein Mensch seinen Willen dem allgemeinen Sittengesetz unterordnet und sich in seinem Handeln ausschließlich von allgemeinen Vernunftgründen bestimmen lässt, dann ist sein WilleWille ein guter Wille. Nur so ist er frei beziehungsweise autonom. Er unterstellt sich einem Gesetz, das er sich selbst gibt.

Mit der Verwirklichung der Sittlichkeit durch den Menschen ist allerdings ein Problem verbunden. Die sittlichen Handlungen des Menschen gehören für KantKant, Immanuel in die OrdnungOrdnung der FreiheitFreiheit. Von ihr unterscheidet er die NaturordnungNaturordnung. In ihr ist alles durch einen UrsacheUrsache (Philosophie)-Wirkungs-Mechanismus miteinander verbunden. Von Freiheit kann daher in der Naturordnung keine Rede sein. Die Natur folgt unabänderlich ihren Gesetzen. Bei den Handlungen des Menschen soll das anders sein. Vom ihm ist zu fordern, dass er sittlich handeln und nicht seinen natürlichen Neigungen und Trieben folgen soll.

Wenn aber die sittliche Welt der FreiheitFreiheit und die kausale der Natur sich geradezu ausschließen, der Mensch jedoch in seinem sittlichen Handeln auf die kausale OrdnungOrdnung der Natur einwirkt, dann ist nicht so ohne Weiteres klar, wie die beiden Welten – die der Freiheit und die der Naturnotwendigkeit – zusammenstimmen können. Ihre Verträglichkeit lässt sich weder von der Seite der Natur noch von der der Freiheit aus einsehen oder begründen. Gleichwohl muss der Mensch in jeder sittlichen Handlung bereits voraussetzen, dass beide Ordnungen kompatibel sind. Andernfalls wäre das sittliche Handeln sinnlos, es würde in der Natur nichts bewirken. Auf das eben genannte Problem der Zusammenstim[66]mung von Natur und Freiheit bezieht KantKant, Immanueldas Postulat Gottesdas Postulat Gottes. Gott repräsentiert dem Handelnden die für die Verwirklichung der Sittlichkeit unumgängliche Voraussetzung einer Übereinstimmung von FreiheitFreiheit und Natur. Ihm entspricht das höchste Guthöchstes Gut, summum bonum, der Endzweckgedanke der reinen praktischen VernunftVernunft.

Es ist wichtig zu sehen, dass in der Kantischen Religionsphilosophie der GottesgedankeGottesgedanke erst bei der Realisierung des sittlichen Handelns ins Spiel kommt, und eben nicht im Hinblick auf dessen Begründung. In ihm vergegenwärtigt der Mensch sich die Voraussetzungen seines sittlichen Handelns. Der Mensch muss sich Gott denken, wenn er seine sinnliche Existenzform mit der Moralität des SittengesetzesSittengesetz zusammenbringen will. Zugleich dient die GottesvorstellungGottesvorstellung dem sittlich Handelnden zur Vergewisserung der Realisierung seiner sittlichen Aufgabe, die Welt entsprechend des Sittengesetzes zu gestalten.

KantKant, Immanuel ordnet die Religion der Realisierung der MoralMoral zu. Insofern wird man sagen können, jene ist eine FormForm (Philosophie) der SelbstdeutungSelbstdeutung des sittlichen Bewusstseins. Religion ist die Weise, in der Moral für das sinnliche Vernunftwesen Mensch Wirklichkeit wird. Kants Leistung besteht somit in einer neuen Begründung der Religion, nachdem sich die alte metaphysische nicht mehr als tragfähig erwiesen hat. Religion ist kein Feld der theoretischen Spekulation, sondern eine Angelegenheit des praktischen Lebens. Die Geltungsgrundlage der Religion ist die VernunftVernunft. Die Geschichte tritt zurück. In ihr verwirklicht sich zwar die Religion, aber ihre wahre Begründung liegt in der Vernunft. Deshalb gibt es vielerlei Glauben(sarten), aber nur eine wahre ReligionReligionwahre. Mit dem Christentum, Kant bezeichnet es als „Revolution in Glaubenslehren“, tritt die MoralreligionReligionMoral- in die Geschichte ein. Hier kämpft sie mit dem sinnlichen Glauben um die Oberherrschaft, um diese, woran der Königsberger Meisterdenker keinen Zweifel lässt, am Ende zu erlangen.

[67]Literatur

Christian Danz/Rudolf Langthaler (Hrsg.): Kritische und absolute TranszendenzTranszendenz. Religionsphilosophie und Philosophische Theologie bei KantKant, Immanuel und Schelling, Freiburg i. Br./München 2006.

Claus Dierksmeier: Das Noumenon Religion. Eine Untersuchung zur Stellung der Religion im System der praktischen Philosophie KantsKant, Immanuel, Berlin/New York 1998.

Ottfried Höffe: Immanuel KantKant, Immanuel, München 21988.

Immanuel KantKant, Immanuel: Werke in zehn Bänden, hrsg. v. Wilhelm Weischedel, Darmstadt 1984.

Moses Mendelssohn: Morgenstunden oder Vorlesungen über das Dasein Gottes, in: ders.: Schriften über Religion und Aufklärung, Berlin (Ost) 1989, S. 467–471.

Aufgaben

1 Informieren Sie sich über Grundzüge der kritischen Transzendentalphilosophie KantsKant, Immanuel in einer Einführung.

2 Begründen Sie in Form von fünf Thesen, warum Moses Mendelssohn KantKant, Immanuel einen ‚alles Zermalmenden‘ nennt.

3 Lesen Sie die Vorrede der ersten Auflage von KantsKant, Immanuel Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen VernunftVernunft. Welche Aussagen macht Kant hier über Religion, und wie verhalten sie sich zueinander?

b. Friedrich SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst

Was KantKant, Immanuel für die Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts bedeutet, das ist Friedrich Daniel Ernst SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst für die auf ihn nachfolgende Theologie. Man hat ihn den Kant der Theologie genannt (David Friedrich StraußStrauß, David Friedrich [1808–1874]). Sein Werk markiert eine grundsätzliche Neuorientierung in der protestantischen TheologieTheologieevangelische, protestantische. Ihm kommt das Verdienst zu, die Theologie auf eine völlig neue Grundlage gestellt zu haben. Fragt man, worin seine epochale Bedeutung für die neuere Theologie des Protestantismus besteht, so wird man sagen müssen, in seiner Bestimmung der Religion als eine eigenständige KultursphäreReligion als eine eigenständige Kultursphäre. In seiner Konzeption schlägt sich die um 1800 einsetzende Ausdifferenzierung der Gesellschaft in unterschiedliche Funktionssysteme ebenso nieder wie die ‚Innenverlagerung‘ der Religion in Folge von Kants Kritik an der überlieferten Metaphysik. Das religiöse Bewusstsein wird zur methodischen Basis der Theologie. Letztere beschreibt nicht mehr Gott an sich selbst, ihr Gegenstand ist das GottesbewusstseinGottesbewusstsein des Menschen.

Die Grundlage der Theologie ist das religiöse Bewusstsein. SchleiermachersSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst religionstheoretische Grundeinsicht besteht darin, dass die Religion sowohl von dem Denken als auch von dem moralischen Handeln unabhängig ist. Sie stellt ein eigenständiges Phänomen dar. Diesen Gedanken hat er bereits in seinem Erstlingswerk, den Reden Über die Religion von 1799 ausgesprochen, er [68]liegt auch seinem späteren dogmatischen Hauptwerk Der christliche Glaube (1821/22. 2. Aufl. 1830/31) zugrunde. Die Begründung der Eigenständigkeit der Religion nimmt auf der einen Seite das Anliegen der ErkenntniskritikErkenntniskritikKantsKant, Immanuel auf, kritisiert aber auf der anderen dessen Versuch, Religion im Horizont des moralischen Bewusstseins zu begründen. Mit Kant ist er der Meinung, die theoretische Metaphysik komme als Fundament von Religion und Theologie nicht in Frage. Die Kritik des menschlichen Erkenntnisvermögens, wie sie der Königsberger Philosoph in der Kritik der reinen VernunftVernunft ausgeführt hat, wird von ihm geteilt. Das Gottesverhältnis ist kein theoretisches Verhältnis zu einem Gegenstand. Gegen Kant macht Schleiermacher geltend, Religion könne nicht als ein Anhängsel der MoralMoral verstanden werden. Eine solche Verschränkung von Religion und Moral, wie sie Kant in seinen religionsphilosophischen Schriften vorgeführt hatte, hebe die Eigenständigkeit der Religion auf, da sie mit der Moral identisch wird.

das Wesen der ReligionDas Wesen der Religion, so SchleiermachersSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst berühmte Formulierung in der zweiten Rede der Reden, ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und GefühlGefühlAnschauung undAnschauung und Gefühl. Durch beide Bestimmungen unterscheidet sich die Religion von den Welteinstellungen des Denkens und des Handelns und bildet eine eigenständige Weise der Welt- und SelbstdeutungSelbstdeutung des Menschen. Zwar hat die Religion den gleichen Bezugspunkt wie Denken und Handeln, nämlich das UniversumUniversum, aber die Weise, wie sie sich auf diese Totalitätsidee bezieht, unterscheidet sich von beiden. Sie verhält sich weder theoretisch noch praktisch zu dem Universum, sondern anschauend und fühlend. Religion, so kann man den Gedanken zusammenfassen, ist eine spezifische Weise der WahrnehmungWahrnehmung des eigenen Lebens und der Welt, die sich in besonderen Formen darstellt.

Mit der Neubestimmung der Religion als Anschauung und GefühlGefühlAnschauung undAnschauung und Gefühl sind weitreichende Konsequenzen verbunden. Die gewichtigste liegt wohl darin, dass in SchleiermachersSchleiermacher, Friedrich Daniel ErnstReligionstheorieReligionstheorie der GottesgedankeGottesgedanke zurücktritt. An seine Stelle tritt der Begriff des UniversumsUniversum. Er meint eine Totalitätsdimension. Damit bricht der Theologe mit dem seit der Antike geläufigen Verfahren, die Religion zu bestimmen. Mit seiner These, Religion könne auch dort vorliegen, wo es nicht zur Ausbildung der GottesvorstellungGottesvorstellung kommt, knüpft er an die Position an, welche Johann Gottlieb FichteFichte, Johann Gottlieb (1762–1814) 1798/99 in seinen Schriften zum Atheismus[69]streitAtheismusstreit vertreten hatte. Für das religiöse Leben ist die Ausbildung einer Gottesvorstellung nicht konstitutiv. Sie ist eine einzelne Anschauungsart, das heißt eine bestimmte Weise der Symbolisierung des Universums. Aus der Herabstufung der Gottesvorstellung für den Begriff der Religion folgt freilich nicht, dass sie nicht für das Christentum grundlegend ist. Die christliche ReligionReligionchristliche stellt sich als Gottesverhältnis dar.

Religion hat ihren Ort im menschlichen Bewusstsein. Ihr Wesen ist Anschauung und GefühlAnschauung und GefühlGefühlAnschauung undAnschauung und Gefühl. Durch beide Bestimmungen ist sie sowohl von der Metaphysik als auch von der MoralMoral unterschieden. Aus der Unterscheidung des religiösen Bewusstseins vom Wissen folgt, dass es sich nicht auf transzendente Gegenstände bezieht. Solche müssten nämlich dem Wissen zugänglich ein. In der Religion geht es vielmehr um das Verhältnis des Endlichen zum Unendlichen und umgekehrt. Hierauf zielt der Anschauungsbegriff. In der religiösen Anschauung wird etwas Konkretes in einen Unendlichkeitshorizont eingerückt. Das religiöse Bewusstsein verknüpft die Sphären des Endlichen und Unendlichen miteinander. Auch durch das zweite Bestimmungsmerkmal der Religion – den Begriff des GefühlsGefühl – soll der Unterschied zwischen der Religion und den Vermögen des Denkens und des Handelns unterstrichen werden. Religion fällt in das Innere des SubjektsSubjekt und ist aus diesem Grund von allem begrifflichen Wissen unterschieden. Sie ist nicht Lehre, DogmaDogma oder BekenntnisBekenntnis, sondern eine eigene Weise der Selbst- und WeltdeutungWeltdeutung des Menschen.

SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst hat zeitlebens an seiner religionstheoretischen Einsicht in die Eigenständigkeit der Religion festgehalten. In der ersten Auflage der Reden Über die Religion ist der Anschauungsbegriff der grundlegende Begriff seiner ReligionstheorieReligionstheorie. An dieser Gewichtung hat er in den Folgejahren Modifikationen vorgenommen. Bereits in der zweiten Auflage der Reden von 1806 tritt der Anschauungsbegriff zurück, und der Gefühlsbegriff wird mehr und mehr zum zentralen Bestimmungselement der Religion. Die spätere GlaubenslehreGlaubenslehreGlaubenslehre versteht Religion als eine Bestimmtheit des GefühlsGefühl und erläutert es durch den Begriff eines *unmittelbaren SelbstbewusstseinsSelbstbewusstsein. Die Abgrenzung der Religion von Denken und Handeln bleibt somit auch im späteren Werk erhalten. Sie wird jedoch gedanklich vertieft. Religion ist der Eintritt des höheren Selbstbewusstseins in das niedere. Jenes wird als Bewusstsein schlechthinniger Abhängigkeit bezeichnet. Gemeint [70]ist damit eine Art SelbsterfassungSelbsterfassung des Menschen. Er wird sich seiner eigenen Endlichkeit inne und stellt dies dar, wobei die religiösen Darstellungsformen geschichtlich bedingt sind.

In seiner DogmatikDogmatik ordnet SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst das Christentum in die Religionsgeschichte einUmformung der Prolegomena der Dogmatik. Es ist eine monotheistische Religion, die sich dadurch von anderen unterscheidet, dass alles in ihr durch die von Jesus von Nazareth vollbrachte ErlösungErlösung, Erlösungswerk bestimmt ist. Das christlich-religiöse Bewusstsein ist auf Jesus Christus bezogen. Die Aufgabe der Dogmatik ist es, die Bestimmtheit des christlichen Bewusstseins in der Rede darzustellen. Sie ist keine spekulative Wissenschaft, sie beschreibt Religion als eine Angelegenheit des Menschen. In der GlaubenslehreGlaubenslehre Schleiermachers ersetzt der ReligionsbegriffReligionsbegriff die Lehre von der Heiligen Schrift. Hatten die altprotestantischen Theologen in den Prolegomena ihrer Dogmatiken das SchriftprinzipSchriftprinzip als Erkenntnisquelle der dogmatischen Aussagen abgehandelt, so tritt nun die Religion an diese Funktionsstelle. Die Glaubenslehre beschreibt das durch Jesus Christus bestimmte religiöse Bewusstsein des Christen in seinem systematischen Zusammenhang. Schon SemlerSemler, Johann Salomo hatte die theologischen Lehrsysteme als geschichtlich bedingt und partikular eingestuft. Dem folgt Schleiermacher, indem er die Dogmatik den historischen Disziplinen der Theologie zuordnet. Die Glaubenslehre beschreibt die zu dem gegenwärtigen Zeitpunkt in der evangelischen KircheKircheevangelische geltende Lehre, die geschichtlich wandelbar ist.

Im Zentrum der DogmatikDogmatik steht die Lehre von Jesus Christus, die ChristologieChristologieChristologie. Den Nazarener versteht SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst als Urbild des Glaubens. Bereits die Einleitung zur GlaubenslehreGlaubenslehre entwickelt die Grundzüge der Urbild-Christologie. Wenn die Religion in dem Eintritt des höheren SelbstbewusstseinsSelbstbewusstsein in das niedere besteht, so ist der Gedanke eines Höchstmaßes denkbar. Es besteht in der durchgängigen und dauerhaften Herrschaft des höheren über das niedere Selbstbewusstsein. Die materiale Durchführung der Christologie in der Glaubenslehre nimmt diese Strukturbeschreibung der Religion auf und überträgt sie auf Jesus Christus. Er ist das Urbild der FrömmigkeitFrömmigkeit. In dem IndividuumIndividuum Jesus von Nazareth ist es geschichtliche Wirklichkeit geworden. Mit seiner Urbild-Christologie und der Behauptung der Realisierung des Urbildes in Jesus hat Schleiermacher Glaube und GeschichteGlaube und Geschichte wieder zusammengeführt. Das seit der AufklärungAufklärung virulente Problem hat in seiner Christologie eine neue Lösung erfahren. Der Glaube [71]als Bestimmtsein durch Christus ist auf den geschichtlichen ErlöserErlöser bezogen. Er ist der Stifter eines neuen Gesamtlebens, das sich in der Geschichte in Gestalt der Kirche verwirklicht.

Literatur

Hermann Fischer: Friedrich Daniel Ernst SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst, München 2001.

Kurt Nowak:SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst. Leben, Werk und Wirkung, Göttingen 2001.

Friedrich SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), hrsg. v. Günter Meckenstock, Berlin/New York 1999.

Friedrich SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Der christliche Glaube. 2. Auflage (1830/31). Studienausgabe, 2 Bde., hrsg. v. Rolf Schäfer, Berlin/New York 2008.

Arnulf von Scheliha: Friedrich SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst, Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen KircheKircheevangelische im Zusammenhange dargestellt, in: Christian Danz (Hrsg.): Kanon der Theologie. 45 Schlüsseltexte im Portrait, Darmstadt 32012, S. 245–254.

Markus Schröder: Die kritische Identität des neuzeitlichen Christentums. SchleiermachersSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst Wesensbestimmung der christlichen ReligionReligionchristliche, Tübingen 1996.

Aufgaben

1 Informieren Sie sich in dem Beitrag von Arnulf von Scheliha über den Aufbau der GlaubenslehreGlaubenslehre von SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst.

2 Lesen Sie die Einleitung der zweiten Auflage der GlaubenslehreGlaubenslehreSchleiermachersSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst, und versuchen Sie, seine Aussagen zur Religion in Thesen zusammenzufassen.

3 Worin unterscheidet sich das Religionsverständnis SchleiermachersSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst von dem KantsKant, Immanuel? Benennen Sie wichtige Unterschiede in einem kurzen Essay.

c. Die historische TheologieTheologiehistorische von Ferdinand Christian BaurBaur, Ferdinand Christian und David Friedrich StraußStrauß, David Friedrich

SchleiermachersSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst Zusammenführung von Glaube und GeschichteGlaube und Geschichte in Jesus Christus ist nicht unwidersprochen geblieben. Die Tübinger Theologen Ferdinand Christian BaurFerdinand Christian Baur (1792–1860) und David Friedrich StraußStrauß, David Friedrich setzten seinem Programm einer VersöhnungVersöhnung, Versöhnungswerk von moderner Wissenschaft und christlichem Glauben das Projekt einer wissenschaftlichen Theologie entgegen. Auch sie knüpfen an die ErkenntniskritikErkenntniskritikKantsKant, Immanuel und deren Weiterführung in der klassischen Deutschen Philosophie an. Auf unterschiedliche Weise beziehen sich beide auf die Philosophien Friedrich Wilhelm Joseph SchellingsSchelling, Friedrich Wilhelm Joseph (1775–1854) und Georg Wilhelm Fried[72]rich HegelsHegel, Georg Wilhelm Friedrich. In seinem Frühwerk Symbolik und Mythologie, oder die Naturreligion des Altertums, dessen erster Band 1824 erschien, skizzierte BaurBaur das Programm einer wissenschaftlichen Theologie. Religion versteht er hier noch im Anschluss an Schleiermacher als eine Bestimmung des Bewusstseins. Theologie ist kritische GeschichtswissenschaftGeschichtswissenschaft, Geschichtsforschung, und ihr Gegenstand ist, wie es mit deutlicher Anspielung auf Schellings Philosophie um 1800 heißt, die Geschichte als Offenbarung Gottes. Eine solche Geschichtskonzeption ist nicht ohne Philosophie möglich. Dem Tübinger Theologen geht es darum, Theologie, Philosophie und Geschichte zu vermitteln. Die Geschichte ist der Ort, an dem sich die Idee realisiert. Allerdings hält Baur zugleich an der Differenz von Unendlichem und Endlichem, Natur und Geist fest. Eine Einheit von Urbild und Geschichte, wie sie Schleiermacher in seiner ChristologieChristologie behauptet hatte, kann es somit nicht geben.

Baur unterscheidet damit wieder zwischen Glaube und GeschichteGlaube und Geschichte. Die Aufgabe einer wissenschaftlichen Theologie besteht in der vorurteilslosen Rekonstruktion der Quellen der christlichen ReligionReligionchristliche mit den Mitteln der GeschichtswissenschaftGeschichtswissenschaft, Geschichtsforschung. Die Schüler des Tübinger Theologen Eduard ZellerZeller, Eduard (1814–1908) und vor allem David Friedrich StraußDavid Friedrich StraußStrauß, David Friedrich haben an das Programm ihres Lehrers angeknüpft. Letzterer veröffentlichte im Jahre 1835 den ersten Band seines Leben[s] Jesu, kritisch bearbeitet. Das Buch löste ein Erdbeben in der theologischen Landschaft aus und beendete die akademische Karriere seines Verfassers. Strauß trennt strikt zwischen empirischer Geschichte und überzeitlicher WahrheitWahrheit der Religion. Vor dem Hintergrund dieser Unterscheidung plädiert er für eine wissenschaftliche Theologie ohne Voraussetzungen. Die historische Kritikhistorische Kritik ist vorbehaltlos, und das meint, ohne theologische Rücksichten auf die neutestamentlichen Urkunden anzuwenden. Da der Tübinger Theologe jedoch Geschichte und Idee unterscheidet, bleibt die Wahrheit des Christentums von der Kritik der evangelischen Geschichte unberührt.

Auf der Grundlage dieses Theorieprogramms hat StraußStrauß, David Friedrich die Geschichte Jesu, wie sie von den neutestamentlichen Autoren berichtet wird, einer kritischen Analyse unterworfen. Seine Bilanz fällt deutlich negativ aus. Den neutestamentlichen Evangelien liegen keine geschichtlichen Ereignisse zugrunde. Der chronologische Ablauf der Wirksamkeit Jesu ist in seinen Grundzügen vielmehr nach dem Vorbild des Alten Testaments gestaltet. Die [73]Vorstellung eines MessiasMessias wird von den frühen Gemeinden auf Jesus von Nazareth angewandt, so dass er als Erfüllung der alttestamentlichen Weissagungen erscheint. Von dem Leben Jesu, welches sich aus den Evangelien im historischen Rückschlussverfahren rekonstruieren lässt, bleibt lediglich ein dürres Gerüst übrig. Strauß bezeichnet die Darstellungsart das Neue Testament als Mythosdes Neuen Testaments als MythosMythos. Der Begriff soll den Charakter der neutestamentlichen Geschichte als Konstruktion der frühen Gemeinden unterstreichen. Der neutestamentliche Mythos von Jesus ist allerdings keine willkürliche Erfindung. Bei dem Christus des Glaubens, wie ihn die Evangelien darstellen, handelt es sich um eine „absichtslos dichtende Sage“. In „geschichtsartigen Einkleidungen“ (Strauß 1835, 75) kommt die Idee des Christentums zur Darstellung, aber keine sich so zugetragen habende Geschichte.

Der Jesus der Geschichtehistorischer Jesus, Jesus der Geschichte, irdischer Jesus und der Christus des Glaubens treten bei dem Tübinger in einen Gegensatz, der sich nicht mehr vermitteln lässt. Auch die Religion bezieht sich nicht auf historische Fakten. Ihr Gegenstand ist die Idee des Christentums. StraußStrauß, David Friedrich versteht sie als ewige Einheit von Gott und Mensch. Diese Idee kommt in den Evangelien in FormForm (Philosophie) einer Geschichte, nämlich als ein menschlicher Lebenslauf zur Anschauung. Auch wenn die neutestamentlichen Erzählungen von der historischen Kritikhistorische Kritik aufgelöst werden, bleibt die WahrheitWahrheit der Idee bestehen. Sie und ihre Verwirklichung sind unabhängig von der Historie.

Literatur

Ferdinand Christian Baur: Die christliche GnosisGnosis, Gnostizismus oder die christliche ReligionReligionchristlichesphilosophie in ihrer geschichtlichen Entwicklung, Tübingen 1835.

Ferdinand Christian Baur: Die christliche Lehre von der Versöhnung in ihrer geschichtlichen Entwicklung bis auf die neueste Zeit, Tübingen 1838.

Fridrich Wilhelm Graf: Kritik und Pseudo-Spekulation. David Friedrich StraußStrauß, David Friedrich als Dogmatiker im Kontext der positionellen Theologie seiner Zeit, München 1982.

Peter C. Hodgson: The Formation of Historical Theology. A Study of Ferdinand Christian Baur, New York 1966.

Dietz Lange: Historischer Jesus oder mythischer Christus. Untersuchungen zu dem Gegensatz zwischen Friedrich SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst und David Friedrich StraußStrauß, David Friedrich, Gütersloh 1975.

David Friedrich StraußStrauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet, 2 Bde., Tübingen 1835/36.

David Friedrich StraußStrauß, David Friedrich: Die christliche Glaubenslehre in ihrer geschichtlichen Entwicklung und im Kampfe mit der modernen Wissenschaft, 2 Bde., Tübingen 1840/41.

Johannes Zachhuber: Theology as Science in Nineteenth-Century Germany. From F.C. Baur to Ernst Troeltsch, Oxford 2013.

[74]Aufgaben

1 Informieren Sie sich über Grundzüge der historischen TheologieTheologiehistorische.

2 Lesen Sie die Vorrede des ersten Bandes des Leben[s] Jesu von StraußStrauß, David Friedrich, und beschreiben Sie seinen theologischen Standpunkt.

3 Was kritisiert StraußStrauß, David Friedrich an der ChristologieChristologie von SchleiermacherSchleiermacher, Friedrich Daniel Ernst? Fassen Sie seine Argumente in Thesen zusammen.

d. Albrecht RitschlRitschl, Albrecht

Das Tübinger Programm einer wissenschaftlichen TheologieProgramm einer wissenschaftlichen Theologie zeitigt bei StraußStrauß, David Friedrich in der ChristologieChristologie Konsequenzen, an denen sich die theologische Debatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abarbeiten wird. Es bildet auch den problemgeschichtlichen Hintergrund der Theologie Albrecht RitschlsRitschl, Albrecht (1822–1889). Er und seine einflussreiche Schule dominieren den Diskurs am Ende des Jahrhunderts. Die theologischen Anfänge des in Göttingen lehrenden Theologen liegen in der Schule Ferdinand Christian Baurs. Dessen entwicklungsgeschichtlicheentwicklungsgeschichtlich Sicht der Entstehung der christlichen ReligionReligionchristliche teilte er zunächst. Davon zeugt seine 1849 verfasste Abhandlung Die Entstehung der altkatholischen Kirche. In der 1857 erschienenen zweiten Auflage dieser Schrift ging Ritschl allerdings auf Distanz zur Theologie seines Lehrers. Baurs Programm einer wissenschaftlichen Theologie sowie die zugrunde liegende Rezeption der Philosophie HegelsHegel, Georg Wilhelm Friedrich werden jetzt von ihm der Kritik unterzogen. In seinen späteren Hauptwerken aus den 1870er Jahren, Die christliche Lehre von der RechtfertigungRechtfertigung und VersöhnungVersöhnung, Versöhnungswerk (3 Bde., 1870–1874, 3. Aufl. 1888/89) und Unterricht in der christlichen Religion (1875), hat Ritschl dann ein theologisches Programm vorgelegt, welches auf dem Gedanken der Offenbarung Gottes fußt, die strikt an die Gemeinde gebunden istOffenbarung Gottes und Gemeinde. Dem Gegensatz von Hegelscher Entwicklungslogik auf der einen Seite und OffenbarungstheologieTheologieOffenbarungs- auf der anderen liegt indes ein gemeinsames Interesse der beiden Antipoden zugrunde. Auch Ritschl geht es um das Programm einer wissenschaftlichen Theologie, und er ist zudem der Überzeugung, an die wahren Intentionen des Tübinger Theologen anzuknüpfen. Die Konstruktion der Theologie als Wissenschaft erfolgt allerdings signifikant anders als bei Baur und seinen Schülern.

[75]Der strikten Unterscheidung von Glaube und GeschichteGlaube und GeschichteGlaube und Geschichte setzt RitschlRitschl, Albrecht deren Verbindung entgegen. Dafür stehen der Begriff der Offenbarung sowie die Betonung des WundersWunder als notwendiger Bestandteil der Religion. Beide Begriffe zielen nicht auf eine Erneuerung eines vormodernen Religionsverständnisses. Der OffenbarungsbegriffOffenbarungsbegriff steht für den personalen Vollzug der Religion. Ritschl teilt nämlich die Überzeugung der Tübinger von der Realisierung der Idee. Aber gegen BaurBaur und dessen Hegelinterpretation betont er die individuelle Realisierung der Idee in der Geschichte. Deshalb verbindet er die Idee wieder mit der PersonPerson Jesus Christus. Dieser ist die Offenbarung Gottes in der Geschichte. Hinter der OffenbarungstheologieTheologieOffenbarungs- des Göttingers steht das Interesse an dem Einzelnen und Individuellen in der Geschichte. Als bloßes Durchgangsmoment in dem logischen Prozess der Entwicklung der Idee hin zu ihrer SelbsterfassungSelbsterfassung, wie in den Konzeptionen der Baur-Schule, erscheint es ihm unterbestimmt.

RitschlRitschl, Albrecht verbindet den GottesgedankenGottesgedanke mit seiner Realisierung in der Geschichte als Glaube. Das meint der Begriff des übernatürlichen und überweltlichen Reich GottesReich Gottes, Königsherrschaft GottesReiches Gottes. Es ist die Realisierung Gottes, und sie erfolgt durch die Gemeinde. Diese wiederum ist auf Jesus Christus bezogen. Als geschichtliche Offenbarung Gottes ist er Stifter der GemeindeGemeinde und als vollkommene Erkenntnis Gottes deren bleibender Bezugspunkt. Im Akt des Glaubens wird die Erkenntnis Gottes sowie die Bestimmung des Menschen zum Reich Gottes beim Einzelnen wirklich. Damit ist der GlaubensbegriffGlaubensbegriff die Grundlage von Ritschls Theologie. Die Dogmatik beschreibt den Glaubensvollzug und dessen Inhalte. In ihnen stellt sich der Glaube als ein geschichtliches Geschehen selbst dar.

In RitschlsRitschl, Albrecht Dogmatik, wie sie im Unterricht sowie im dritten Band von RechtfertigungRechtfertigung und Versöhnung ausgeführt ist, fungiert die Christologie als Bild des GlaubensChristologieChristologie als Bild des Glaubens von sich selbst. Der Glaube ist der personale Vollzug der Wahrheit Gottes in der Geschichte. Das Reich GottesReich Gottes, Königsherrschaft Gottes als ethisch bestimmter Endzweck Gottes und der Menschheit realisiert sich allein im individuellen Akt des Glaubens. Darin überwindet der Einzelne die Welt. Die Überwindung der Welt im Glauben erfolgt nun so, dass der Einzelne in die Allgemeinheit des Reiches Gottes aufgehoben wird. Das Handeln der Gemeinde ist durch die sittliche Allgemeinheit der (ethischen) Wahrheit Gottes bestimmt. Deshalb ist mit dem Reich-Gottes-[76]Gedanken Ritschls eine Kritik an der Individualität verbunden. Der personale Vollzug ist zwar ein notwendiger Bestandteil der Realisierung des Reiches Gottes, aber er wird zugleich durch das übernatürliche und überweltliche Reich Gottes negiert. Es verwirklicht sich in der Welt gegen sie.

Literatur

Albrecht RitschlRitschl, Albrecht: Unterricht in der christlichen ReligionReligionchristliche. Studienausgabe nach der ersten Auflage von 1875, hrsg. v. Christine Axt-Piscalar, Tübingen 2002.

Albrecht RitschlRitschl, Albrecht: Die christliche Lehre von der Rechtfertigung und VersöhnungVersöhnung, Versöhnungswerk, 3 Bde., Hildesheim/Zürich/New York 1978 (ND der 2. Auflage von 1882/83).

Arnulf von Scheliha: Albrecht RitschlRitschl, Albrecht, Die christliche Lehre von der Rechtfertigung und VersöhnungVersöhnung, Versöhnungswerk, in: Christian Danz (Hrsg.): Kanon der Theologie. 45 Schlüsseltexte im Portrait, Darmstadt 32012, S. 254–262.

Folkart Wittekind: Geschichtliche Offenbarung und die WahrheitWahrheit des Glaubens. Der Zusammenhang von OffenbarungstheologieTheologieOffenbarungs-, GeschichtsphilosophiePhilosophieGeschichts- und EthikEthik bei Albrecht RitschlRitschl, Albrecht, Julius Kaftan und Karl Barth (1909–1916), Tübingen 2000.

Johannes Zachhuber: Theology as Science in Nineteenth-Century Germany. From F.C. Baur to Ernst Troeltsch, Oxford 2013.

Aufgaben

1 Lesen Sie den Artikel von Arnulf von Scheliha über RitschlsRitschl, Albrecht Schrift Rechtfertigung und VersöhnungVersöhnung, Versöhnungswerk, und informieren Sie sich über deren Gliederung.

2 Skizzieren Sie in Thesen Grundgedanken der Theologie RitschlsRitschl, Albrecht.

3 Informieren Sie sich in einer Theologiegeschichte über die RitschlRitschl, Albrecht-Schule.

2.6 Dogmatik als theologische Rekonstruktion der Religion
a. Ernst TroeltschTroeltsch, Ernst und die Krisis des HistorismusHistorismusKrisis des

Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte Albrecht RitschlRitschl, Albrecht Offenbarung und Geschichte wieder miteinander verbunden. Jesus Christus ist die geschichtliche Offenbarung Gottes. Die Aufgabe der Theologie besteht darin, die Inhalte des Glaubens als Darstellungen des Glaubensvollzugs in einem systematischen Zusammenhang zu erörtern. Die diesem Programm einer wissenschaftlichen TheologieProgramm einer wissenschaftlichen Theologie zugrundeliegende Rückbindung des Glaubens an die Geschichte wird um 1900 zum Ausgangspunkt neuer Kontro[77]versen. Im Jahre 1908 veröffentlichte Ernst TroeltschTroeltsch, Ernst, zur zweiten Generation der Ritschl-Schule gehörend, in der von dem der Baur-Schule nahestehenden Jenaer Theologen Adolf HilgenfeldHilgenfeld, Adolf (1823–1907) gegründeten Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie den Artikel Rückblick auf ein halbes Jahrhundert der theologischen Wissenschaft. In seiner Bilanz der Kontroversen über die FormForm (Philosophie) der Theologie als Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unterzieht der Autor den Theologiebegriff seinerseits einer Transformation.

TroeltschTroeltsch, Ernst, der unter anderem in Göttingen bei RitschlRitschl, Albrecht studierte und zu den wichtigsten Vertretern der sogenannten *religionsgeschichtliche Schulereligionsgeschichtliche Schulereligionsgeschichtlichen Schule gehörte, plädierte vor dem Hintergrund der Krisis des HistorismusHistorismusKrisis des für einen grundlegenden Umbau der Theologie.

Infobox

Krisis des HistorismusHistorismusKrisis des:

In seiner zweiten unzeitgemäßen Betrachtung Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, die 1874 erschien, hatte schon Friedrich NietzscheNietzsche, Friedrich (1844–1900) auf die Folgewirkungen der modernen GeschichtswissenschaftenGeschichtswissenschaften für das Leben aufmerksam gemacht. Die Unmengen an historischen Fakten, die von der Fachhistorie zutage gefördert werden, hemmen das Leben. Um 1900 diskutierte man schließlich in allen Wissenschaften über die Folgen des HistorismusHistorismus. In seinem Essay Krisis des HistorismusHistorismusKrisis des (1922) fasste Ernst Troeltsch die ethischen und gesellschaftlichen Konsequenzen der Durchsetzung des historischen Bewusstseins im 19. Jahrhundert zusammen. Unter Historismus versteht Troeltsch nicht nur eine Angelegenheit der historischen Fachwissenschaften oder, wie Friedrich MeineckeMeinecke, Friedrich, eine Anwendung der in der „großen deutschen Bewegung von LeibnizLeibniz, Gottfried Wilhelm bis zu GoethesGoethe, Johann Wolfgang Tode gewonnenen neuen Lebensprinzipien auf das geschichtliche Leben“ (Meinecke 1965, 2), sondern eine grundsätzliche „Historisierung unseres ganzen Wissens und Empfindens der geistigen Welt“ (Troeltsch 2002, 437). Der Historismus ist nicht nur eine deutsche Angelegenheit. Als „eigentümlich moderne Denkform gegenüber der geistigen Welt“ (Troeltsch 2002, 438) stellt er die Signatur des modernen Bewusstseins überhaupt dar. Dessen AmbivalenzAmbivalenz, Ambivalenzerfahrungen werde daran sichtbar, dass diese Denkform „alle ewigen WahrheitWahrheitewigeen“ erschüttert, seien diese nun „kirchlich-supranaturaler“ Art, seien „es ewige VernunftwahrheitVernunftwahrheiten und rationale Konstruktionen von Staat, RechtRecht, Gesellschaft, Religion und Sittlichkeit“, oder „seien es staatliche Erziehungszwänge, die sich auf die weltliche AutoritätAutorität und ihre herrschende FormForm (Philosophie) beziehen“ (Troeltsch 2002, 437f.).

Der in Heidelberg und später in Berlin lehrende Theologe nimmt den Anspruch einer wissenschaftlichen Theologie auf. Allerdings gelte dieser nicht für alle theologischen Disziplinen. Allein die historischen, also die biblischen und kirchengeschicht[78]lichen Fächer der Theologie die historischen Fächer der Theologieerfüllen die Bedingungen der Wissenschaftlichkeit. Für ihre Arbeit ist die historisch-kritische Methodehistorisch-kritische Methode konstitutiv, und an ihr hängt deren Charakter als Wissenschaft. Auf methodisch kontrollierte Weise rekonstruieren diese Disziplinen die Geschichte der christlichen ReligionReligionchristliche im Kontext der religionsgeschichtlichen Entwicklung im alten Orient, im Zeitalter des *Hellenismus, des römischen Reiches etc. Dabei folgen sie, und das macht ihre Wissenschaftlichkeit aus, den Standards, die für jede historische Wissenschaft gelten. Historische Rekonstruktionen der biblischen Grundlagen der christlichen Religion sowie von dessen Geschichte führen allerdings nicht zu einer Begründung der normativen Geltung des Christentums. Im Gegenteil: die historische Betrachtung legt die Relativität der biblischen Schriften offen und destruiert den von dem alten Protestantismus erhobenen Anspruch, die Bibel verdanke sich einer wortwörtlichen Inspiration. Glaube und GeschichteGlaube und Geschichte, die RitschlRitschl, Albrecht zusammengeführt hatte, werden von TroeltschTroeltsch, Ernst wieder getrennt.

Der die theologische Dogmatiktheologischen DogmatikDogmatik sowie den praktischen Fächern fehlen solche Methoden. Deshalb kommt ihnen der Status einer Wissenschaft nicht zu. Bei der Dogmatik handelt es sich, wie TroeltschTroeltsch, Ernst formuliert, um ein Stück der praktischen Theologie. Wie diese ist sie eine Art BekenntnisBekenntnis. Zwar setze die Dogmatik wissenschaftliche Kenntnisse voraus, aber sie selbst ist keine eigentliche Wissenschaft.

Durch die von TroeltschTroeltsch, Ernst vorgeschlagene wissenschaftstheoretische Neugestaltung soll die Theologie einen konstruktiven Beitrag zur kritischen Eindämmung der Krise des HistorismusHistorismus leisten. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich das historisch-kritische Denken in allen Kulturwissenschaften durchgesetzt. Die Geschichte avancierte zum Leitparadigma des Denkens. Zudem war das religionskundliche Wissen über die Religionen und ihre Geschichte zunehmend angewachsen. Und schließlich wurden um 1900 die Folgen des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses der Gesellschaft unübersehbar. Die Industrialisierung hatte sich in allen europäischen Ländern sowie in Nordamerika durchgesetzt und traditionale Lebenswelten sowie ihre Moralen verdrängt. Die Aufnahme dieses modernen Problemhorizonts in die Theologie erzwingt deren grundlegenden Umbau zu einer Kulturwissenschaft des Christentums.

[79]Infobox

Modernisierung:

Unter Modernisierung versteht man einerseits die Prozesse, die „sich bei der Übernahme der industriellen, der westlichen Zivilisation in Ländern der dritten Welt abspielen“, und andererseits soll der Begriff „den einmaligen Prozeß des ungeheuer schnellen ökonomischen, sozialen, kulturellen, politischen Wandels beschreiben, der sich in den letzten 200 Jahren, seit der Doppelrevolution des späten 18. Jahrhunderts, der industriellen und der demokratischen Revolution, zuerst in der europäisch-atlantischen Sphäre und dann in der ganzen Welt abgespielt hat“ (NipperdeyNipperdey, Thomas1986, 44).

Im Fokus des theologischen und philosophischen Interesses von TroeltschTroeltsch, Ernst steht die Frage, wie sich unter den Bedingungen des historischen Denkens Begründung von geltenden Normengeltende Normen begründen lassen. Er hat sich dieser Problemstellung in seiner großen Abhandlung Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte von 1902 und in seinem Fragment gebliebenen späten Hauptwerk Der HistorismusHistorismus und seine Probleme, dessen erster Band 1922 erschien, angenommen. Ein bloßer Rekurs auf die geoffenbarte Schrift ist für die Begründung von Normen unter den Bindungen des historischen Wissens ebenso wenig möglich wie die Konstruktion einer religionsgeschichtlichen Entwicklung, die in einer absoluten ReligionReligionabsolute gipfelt. Die Geschichte kennt nur Relativitäten, aber keine absoluten Normen. Troeltschs Vorschlag zur Begründung von Normen resultiert aus einer Verknüpfung von zwei Perspektiven. Die historische Forschung ist mit einer GeschichtsphilosophiePhilosophieGeschichts- zu verbinden. Während die erstere die Geschichte anhand der Quellen rekonstruiert, obliegt der zweiten die Bestimmung von geltenden Normen. Das kann lediglich durch eine subjektive EntscheidungEntscheidung geschehen. Sie ist jedoch selbst durch die Geschichte bestimmt, die sie beschreibt, und wirkt sich auch in der Auswahl der Quellen und deren Gewichtung aus, aber sie ist ein eigenständiges Moment, welches von einer gleichsam objektiven Geschichtsbetrachtung zu unterscheiden ist.

In jeder GeschichtskonstruktionGeschichtskonstruktion steckt ein methodischer ZirkelZirkel. Sie basiert zum einen auf Quellen, die mit den Mitteln der historischen Kritikhistorische Kritik zu rekonstruieren sind, und zum anderen verdankt sich das Bild der Geschichte einem konkreten Standpunkt, der freilich selbst in einem bestimmten Kontext steht. TroeltschTroeltsch, Ernst[80]war der Auffassung, der Religions- sowie der GeschichtsphilosophiePhilosophieGeschichts- obliege die Reflexion dieses geschichtsmethodologischen ZirkelsZirkelgeschichtsmethodologischer. Nur diese beiden, und nicht die lebensweltliche Religion, durchschauen gewissermaßen die Geschichtlichkeit und Wandelbarkeit jeder Norm und WahrheitWahrheit. Mit Troeltschs Geschichtsphilosophie war jedoch auch die Differenz von empirischer GeschichtsforschungGeschichtswissenschaft, Geschichtsforschung und NormativitätNormativität in den Blick gerückt. Der Glaube ist ein geschichtliches Geschehen. Er bezieht sich auf Jesus Christus. Aber das Bild des Glaubens von der Geschichte unterscheidet sich von dem der Geschichtswissenschaft. Die Dogmatik, so wurde deutlich, lässt sich nicht mehr an die Ergebnisse der kritischen ExegeseExegese anknüpfen. Troeltschs geschichtsphilosophischer Begründung von Normen, also seiner Antwort auf die Frage nach der Absolutheit des Christentums in der Religionsgeschichte, kommt eine Katalysatorfunktion für die weiteren Debatten zu.

Literatur

Mark D. Chapman: Ernst TroeltschTroeltsch, Ernst and Liberal Theology. Religion and Cultural Synthesis in Wilhelmine Germany, Oxford 2001.

Friedrich MeineckeMeinecke, Friedrich: Die Entstehung des HistorismusHistorismus, München 21965.

Thomas Nipperdey: Probleme der Modernisierung in Deutschland, in: ders.: Nachdenken über die deutsche Geschichte. Essays, München 21986, S. 44–59.

Jan Rohls: Protestantische Theologie der Neuzeit, Bd. II: Das 20. Jahrhundert, Tübingen 1997, S. 1–185.

Ernst TroeltschTroeltsch, Ernst: Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte (1902/1912) (= KGA, Bd. 5), hrsg. v. Trutz Rendtorff, Berlin/New York 1998.

Ernst TroeltschTroeltsch, Ernst: Die Krisis des HistorismusHistorismusKrisis des, in: ders.: Schriften zur Politik und Kulturphilosophie (1918–1923) (= KGA, Bd. 18), hrsg. v. Gangolf Hübinger, Berlin/New York 2002, S. 437–455.

Folkart Wittekind: Ernst TroeltschTroeltsch, Ernst, Die Absolutheit des Christentums und die ReligionsgeschichteReligionsgeschichte, in: Christian Danz (Hrsg.): Kanon der Theologie. 45 Schlüsseltexte im Portrait, Darmstadt 32012, S. 269–276.

Aufgaben

1 Informieren Sie sich in einer Theologiegeschichte über die Debatten um 1900.

2 Lesen Sie den Beitrag von Folkart Wittekind über Troeltschs Schrift Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte.

3 Wie begründet Ernst TroeltschTroeltsch, Ernst die Stellung des Christentums in der Religionsgeschichte?

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