Kitabı oku: «Die Invasion der Barbaren»
Reihe zu Klampen Essay
Herausgegeben von
Anne Hamilton
Christian Demand, Jahrgang 1960, studierte Philosophie und Politikwissenschaft in München, wo er 1996 promoviert wurde. In den neunziger Jahren arbeitete er als Musiker und Komponist, anschließend als Hörfunk-Journalist beim Bayerischen Rundfunk. Nach seiner Habilitation im Jahre 2003 war er Gastprofessor für Philosophie an der Universität für Angewandte Kunst Wien, von 2006 bis 2012 hatte er den Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg inne. Seit 2012 ist er als Nachfolger von Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel Herausgeber der Kulturzeitschrift »Merkur«. Im zu Klampen Verlag ist von ihm erschienen: »Die Beschämung der Philister. Wie die Kunst sich der Kritik entledigte« (2003) und »Wie kommt die Ordnung in die Kunst?« (2010).
CHRISTIAN DEMAND
Die Invasion der Barbaren
Warum ist Kultur eigentlich immer bedroht?

Inhalt
Cover
Titel
Zum Autor
Vorwort
Projekt Weltrettung: Kunstpädagogik im Höhenrausch
Kritik der Kritik der Kritik: ein metadiagnostischer Zwischenruf in eigener Sache
Demokratische Kirmes und die Sehnsucht nach der Tiefe
Das Leben selbst: Kunst, Medien, Wirklichkeit
Ästhetischer Puritanismus: die Angst vor dem Kontrollverlust
Die Invasion der Barbaren: Weshalb ist Kultur eigentlich immer bedroht?
Die Wir-Maschine: Museum und Erbengemeinschaft
Epilog: endgültige Beantwortung der Frage »Könnten Sie sich vorstellen, einen Katalogtext für mich zu schreiben?«
Nachweise
Impressum
Fußnoten
Vorwort
IM Dezember 1772 wandte sich der Maler Sir Joshua Reynolds, Präsident der Royal Academy in London, mit einer feierlichen Ansprache an die versammelten Studenten, die der alljährlichen Verleihung der Akademiepreise entgegenfieberten. Die Botschaft des hochangesehenen Porträtisten an den aufstrebenden Nachwuchs fiel nicht sehr ermunternd aus. Mit der Malerei, murrte Reynolds verdrießlich, gehe es bekanntlich schon seit langem nur noch bergab. So wie er die Lage beurteile, sei es eher unwahrscheinlich, dass sie jemals wieder das hohe Niveau eines Raffael oder Michelangelo erreichen werde. Dennoch könne es die Akademie auch künftig keinem jungen Künstler ersparen, diese unerreichbaren Vorbilder hingebungsvoll zu studieren und zu kopieren, um ihnen auf diese Weise wenigstens so nahe wie möglich zu kommen. Man kann sich die betretenen Mienen der Anwesenden vorstellen.
Heutige Kunststudenten würden sich derartige Thesen vermutlich überhaupt nicht erst anhören. Schon seit mehr als 100 Jahren gilt die Vorstellung, daß man als Künstler irgend etwas durch die mühselige Nachahmung tradierter Formen oder das Befolgen akademischer Regeln zu gewinnen habe, geradezu als abwegig. Zwar existieren Kunstakademien nominell noch immer, doch deren Präsidenten legen in der Regel großen Wert auf die Feststellung, daß Studenten dort nicht mit der Aufarbeitung der Vergangenheit gequält, sondern in völliger Freiheit zu »assoziativem, surrealem, alogisch vernetztem Denken« angeleitet würden. Das ist nur konsequent, hat die Moderne doch dereinst mit aller Tradition gebrochen, und zwar ein für allemal. So jedenfalls steht es heute in den Schulbüchern: Romantiker, Realisten, Impressionisten, Kubisten, Dadaisten, Surrealisten etc., deren Werke heute den Stolz der Museen der westlichen Welt ausmachen, hätten in keiner Akademie ihrer Zeit reüssiert, während die Produktion, die dort geschätzt wurde, heute bestenfalls in den Depots verschimmelt. Die künstlerischen Leitwerte Innovation, Individualität, Originalität haben sich also offensichtlich bewährt. Wer es als Künstler zu etwas bringen will, muß folglich in erster Linie »authentisch sein«, wie es im Branchenjargon so schön heißt, und »eine eigene Position entwickeln«.
Die Argumentation ist bestechend. Sie wirft allerdings die Frage auf, woran man eigentlich eine »eigene Position« erkennt. Daran, daß sie innovativ, originell und damit unverwechselbar sei, ist als Antwort leider unbefriedigend. Genau das hätten die etablierten Größen des akademischen Zeitalters für ihre Arbeit nämlich ebenso in Anspruch nehmen können und zwar zu Recht. Auch der traditionsgläubige Reynolds war in seinem Fach innovativ und dabei in höchstem Maße originell und unverwechselbar. Auf der anderen Seite warfen sich ausgerechnet so programmatische Modernisten wie die italienischen Futuristen, die in ihren Manifesten mit vollen Backen zur totalen Revolte gegen alle Tradition geblasen hatten, mit zähem Fleiß auf das erztraditionelle Feld der Tafelbildmalerei und stürmten damit direkt in die erztraditionellen Museen, deren augenblicklichen Abriss sie noch kurz zuvor energisch gefordert hatten. Originalität ist also offenbar kein geeigneter Indikator für den Wert künstlerischer Produktion – nichts ist leichter, als eine »eigene Position« zu entwickeln.
Andererseits aber ist, wie jeder Künstler weiß, zugleich auch nichts schwerer. Auf jeder beliebigen zeitgenössischen Biennale oder Kunstmesse wird dem Besucher vorgeführt, wie schnell der Anspruch auf unbedingte Originalität implodiert. Das liegt nicht etwa an mangelnder individueller Begabung, sondern zunächst einmal an der schieren Menge. Selbst dem professionell geschulten Auge verschwimmt der größte Teil der Exponate schon nach kurzer Zeit zu einem bunten Einerlei. Und das ist keineswegs nur eine Ermüdungserscheinung. Es hängt vielmehr damit zusammen, daß die zahllosen »eigenen Positionen«, mit ihren subtilen konzeptuellen Nuancen und formalen Verwerfungen, so singulär und unverwechselbar gar nicht sind. Auf der Jagd nach unbedingter Originalität ist die Kunst der Moderne nämlich längst zu dem geworden, was sie niemals sein wollte: zu einem Spiel mit Überbietungen und Wiederholungen, sprich: zu einer Tradition. Das klingt wie eine schlechte Nachricht, ist aber vermutlich gar keine. Zur Zeit Reynolds’, als die Salonausstellung der Pariser Akademie europaweit das Maß aller Dinge war, hingen die Gemälde dort in jedem Saal zu Hunderten eng gedrängt bis unter die Decke. Porträts, Landschaften, Schäferszenen, Seestücke, Schlachtengemälde – die unterschiedlichsten Genres bunt durcheinandergemischt, große neben kleinen Formaten, Dezentes neben Schreiendem, Meisterhaftes neben Mißratenem, berühmte Namen neben Anfängern. Schon damals überboten sich die Künstler in der Herstellung von Unverwechselbarkeit. Schon damals lautete die Klage der Besucher, es gebe nichts Originelles mehr zu sehen. Und schon damals ging der Betrieb weiter.
Projekt Weltrettung: Kunstpädagogik im Höhenrausch
Hat es Joseph Beuys wirklich gegeben oder war er nicht womöglich die self-fulfilling prophecy deutscher Kunsterzieherinnen?
Hans Platschek
DA ich mir ziemlich sicher bin, daß die folgenden Anmerkungen zum Selbstverständnis zeitgenössischer Kunstpädagogik nicht nur bei den direkt Angesprochenen heftige Abwehrreflexe auslösen werden, will ich mit einer unstrittigen Feststellung beginnen: In der Beziehung zwischen Lehrern und Schülern geht es substantiell um Vertrauen und Verantwortung. Jegliche Form der Ausbildung oder Unterweisung begründet schließlich ein Abhängigkeitsverhältnis. Es mag als Ausweis sokratischer Bescheidenheit gelten, wenn man sich als Pädagoge bemüht, diesen Umstand nicht überzubetonen. Aber das ändert nichts daran, daß jeder Lehrer, der sich selbst ernst nimmt, de facto einen doppelten Expertisevorsprung für sich in Anspruch nimmt: Er behauptet, etwas prinzipiell besser zu können und/oder zu wissen als seine Schüler; zugleich verspricht er, über die Mittel zu verfügen, um dieses Kompetenzgefälle auszugleichen.
Man kann das Verhältnis von Lehrern und Schülern deshalb auch als Vertragsverhältnis beschreiben, in dem der Lehrende als Anbieter einer Dienstleistung firmiert, nämlich der Vermittlung eines bestimmten Wissens oder Könnens, und der Schüler als sein Kunde oder Klient. Dabei befindet sich der Schüler grundsätzlich in der schwächeren Position. Mangels eigener Expertise vermag er nur zu einem gewissen Teil selbst einzuschätzen, ob der behauptete Kompetenzvorsprung, der ja zentraler Bestandteil des Ausbildungsvertrags ist, wirklich besteht. Da er meist zugleich ebensowenig in der Lage sein wird, die Angemessenheit der pädagogischen Mittel in bezug auf den Ausbildungszweck zu beurteilen, ist er wohl oder übel zu einem (mehr oder weniger) blinden Vertrauensvorschuß gezwungen.
Dieses strukturelle Ungleichgewicht der Kräfte erlegt Lehrern eine besondere Verantwortung auf, denn Lebenszeit ist nun einmal eine kostbare Ressource. Das mindeste, was man von ihnen erwarten können sollte, wäre deshalb, daß sie überzogenen Erwartungen entgegentreten und Art und Umfang ihrer pädagogischen Dienstleistungen und damit den möglichen Ertrag des Unterrichts so realistisch wie möglich schildern. Was mich zu meiner ersten These bringt: Die meisten programmatischen Einlassungen zünftiger Kunstpädagogen erwähnen die Weitergabe traditioneller gestalterischer Kulturtechniken wie etwa des Modellierens oder des Zeichnens nach der Natur mit erstaunlicher Beiläufigkeit. Als ihr eigentliches Kerngeschäft reklamieren sie statt dessen – und das mittlerweile sogar schon für die Grundschule!1 – hermeneutische Hilfestellungen und praktische Übungen zum verständnisvollen Umgang mit zeitgenössischer Kunst.
In der Regel schildern sie die individuelle wie auch gesamtgesellschaftliche Bedeutung dieser besonderen Expertisetransferleistung in derart dramatischer Überhöhung, daß man sich unwillkürlich die Frage stellt, ob denn das in dem dergestalt angesonnenen pädagogischen Vertrag enthaltene Versprechen auf einem so prosaischen Planeten wie dem unseren überhaupt einlösbar ist. Ein typisches Beispiel ist der Internetauftritt des Instituts für das künstlerische Lehramt der Akademie der Bildenden Künste in Wien, auf den mich ein befreundeter Kunstpädagoge – es gibt ihn wirklich! – aufmerksam gemacht hat. Auf der Suche nach Informationen über das Ausbildungsprofil erfährt man dort, daß das Institut derzeit drei Studienrichtungen anbietet: Bildnerische Erziehung, Textiles Gestalten und Werkerziehung. Das sind alles ehrenwerte Metiers mit langer Tradition, deren Sinn und Berechtigung ich keineswegs in Frage stellen möchte. Ich frage mich allerdings, weshalb sie mit folgender Präambel angepriesen werden müssen:
»Demokratische Gesellschaften und die Strukturen, die diese definieren, haben in den letzten Jahren fundamentale soziale, ökonomische, politische und technologische Veränderungen erfahren. Die Konsequenzen dieser Veränderungen sind weitreichend und durchdringen alle Bereiche gesellschaftlichen Handelns. Ein zentraler Aspekt davon wird gemeinhin mit der Kulturalisierung der Gegenwart überschrieben. Diese Kulturalisierung meint die Durchdringung von zusehends allen Sphären des Alltäglichen mit kulturellen Herausforderungen, Aufgaben und Themen und weist daher Kunst und Kultur grundlegend neue Funktionen zu, die über die traditionellen Begriffsfelder hinausgehen. Der Umgang mit Kunst und Kultur wird heute als eine Grundtechnik gesellschaftlicher Anforderungen verstanden und kulturelle Kompetenz als die Grundlage für Handlungsfähigkeit in gegenwärtigen Gesellschaften. Kultureller Bildung kommt daher sowohl im institutionellen als auch außerinstitutionellen Bereich eine zentrale Rolle zu, da diese, wenn sie gesellschaftlich wirksam sein will, auf die Schaffung emanzipatorischer Handlungsfähigkeit zielt. Effektive kulturelle Bildung muß emanzipatorisch wirken und jene Kompetenzen vermitteln, die es erlauben, mit kulturellen Artikulationen und Zeichen gleichzeitig auf produktiver, reflexiver und kommunikativer Ebene umgehen zu können.«2
Wer das einschlägige Schrifttum der Branche auch nur halbwegs kennt, weiß, daß diese bizarre Mischung aus heiligem Ernst und losem Denken beileibe keine Wiener Spezialität ist. Wo immer Kunstpädagogen ihr Fach öffentlich positionieren, besingen sie die Kunst superlativisch als »unerschöpfliche Ressource«, von der nichts weniger als die Runderneuerung der Gesellschaft zu erwarten sei: »Je gebildeter, nicht zuletzt eben künstlerisch gebildeter die Bürger sind, je mehr die Kunst ihre Lebensanschauung, ihre ganze ›Art zu sein‹ bestimmt oder wenigstens beeinflußt, also mitbestimmt, desto potenter, leistungsfähiger und innovationsfreudiger, desto toleranter und aufgeschlossener, desto einsatzbereiter und hingebungsvoller, desto lebensfroher und zukunftsorientierter wird die Gesellschaft als Ganzes sein.«3 Wenn man das erst einmal glaubt, ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Rettung der ganzen Welt. 2006 verabschiedeten drei internationale Fachverbände des UNESCO World Congress of Arts in Education im portugiesischen Viseu eine gemeinsame Erklärung. Kunstpädagogische Aktivitäten, so konnte man da lesen, »both transmit and transform culture through the humanizing languages of the arts«. Ein halbes Jahrhundert, hieß es weiter, habe die Zunft Lehrpläne und Inhalte nach dem Prinzip »cooperation, not competition« entwickelt – als Kunsthistoriker kann man an dieser Stelle Michelangelo lauthals lachen hören! –, und das mit durchschlagendem Erfolg: »We are now ready to respond proactively to the diverse social and cultural needs of our world. In response to the urgent crises of our times, we embrace the challenge to make our exceptional resources available to governments and educational communities across the globe.«4
Die Kunstpädagogik als globales Kriseninterventionsteam im Dienst der internationalen Staatengemeinschaft – was bringt erwachsene Menschen wohl dazu, mit so etwas an die Öffentlichkeit zu treten? Woher rührt der Hang zum universal Missionarischen, der einem in diesem Fach ständig entgegenschlägt? Individualpsychologische Erklärungen scheinen mir hier nicht weiterzuführen. Die ausübenden Kunsterzieher in meinem persönlichen Umfeld und noch mehr die angehenden, die ich in meinen Seminaren näher kennenlernen durfte, haben auf mich bislang jedenfalls nicht den Eindruck gemacht, als fühlten sie sich von sich aus zu Aufgaben von solch kolossaler Tragweite berufen. Im Gegenteil. Viele von ihnen scheinen mir eher chronisch in ein unseliges Legitimationsgefecht mit einer von ihnen als überwiegend geist- und kulturfeindlich erlebten Umwelt verstrickt, der gegenüber sie ständig aufs neue ihre Daseinsberechtigung nachweisen zu müssen glauben.
Und vielleicht ist das ja auch schon ein Teil der Antwort. Denn natürlich steigt die Versuchung, eine großsprecherische Außendarstellung zu wählen, je geringer die gesellschaftliche Grundakzeptanz einer Disziplin ist bzw. für je geringer ihre Vertreter sie selbst erachten. Man muß dabei noch nicht einmal von bewußtem Etikettenschwindel ausgehen. Die Kunstpädagogen, die ich kenne, erscheinen mir allesamt unbedingt seriös, und diese Seriosität hat auch ein solides ideelles Fundament: Es ist der staunenswert kritikimprägnierte Glaube an die wunderbare, beseligende, pazifizierende, bewußtseinserweiternde, wirklichkeitserschließende, volkserzieherische, wahrnehmungserweiternde und ideologietranszendierende Wirkungskraft der einen, wahren und einzigen Kunst.
Dieser Glaube und das von ihm befeuerte kryptosoteriologische Ostinato begleiten die Kunstpädagogik schon seit ihren Anfängen. Als im September 1901 der erste deutsche Kunsterziehungstag in Dresden zusammenkam5, um über »die Förderung der Kunst und ihre Verbreitung im Volke« zu diskutieren, wurde bereits mit denselben superlativischen Topoi gearbeitet: »Welch ein erhabenes Ziel ist dies!« rief Oberbürgermeister Otto Beutler damals den Teilnehmern entgegen und hoffte, daß daraus ein »wirklicher, großer Segen für unser Volk entspringen wird«. Der geheime Schulrat Grüllich, der als Vertreter des kgl. sächsischen Unterrichtsministeriums sprach, legte gleich noch einen drauf. Die Kunst, so meinte er, »soll ja nicht bloß einzelne hervorragende Geister der Menschheit oder einzelne Kreise des Volkes beglücken, nein, sie soll die ganze Erde, auch die Hütte und Seele des ärmsten Mannes verklären. Die Wissenschaft ist bloß für einen kleinen Kreis Auserwählter bestimmt, die Kunst für die große Mehrzahl der Menschen; am wenigsten möchte ich den Mühseligen und Beladenen ihren Sonnenschein entzogen wissen.«
Beifall – verzeichnet das Protokoll an dieser Stelle. Wie bei dem heterogenen Teilnehmerfeld aus Volksschullehrern, Stadtbauräten, Künstlern und Museumsleitern nicht anders zu erwarten, gab es keine geschlossene Lehrmeinung darüber, wie der Volkserzieher den »Tempel der Kunst« am besten für die Mühseligen und Beladenen öffnet. Dennoch läßt sich, was die Fragen nach Notwendigkeit, Möglichkeiten und Ziel von Kunstvermittlung angeht, aus den Einzelbeiträgen ein kleinstes gemeinsames Vielfaches herausdestillieren, das sich, im Anschluß an die von mir vorhin skizzierte pädagogische Grundsituation, in die Form eines klassischen Syllogismus bringen läßt.
Prämisse eins besteht, wie nicht anders zu erwarten, aus einer Defizienzthese. Sie besagt in diesem Fall, daß die meisten Menschen durch die naturwidrigen Rahmenbedingungen des Zivilisationsprozesses in ihrer Aufnahmefähigkeit für das Schöne so deformiert seien, daß sie es ohne Anleitung anderer nicht einmal mehr erkennen könnten, wenn sie direkt davorstünden. Prämisse zwei bildet das Paradigma von der Kunst als Endpunkt ästhetischer Optimierung. Ich meine damit die Auffassung, nach der die Kunst gleichsam den krönenden Schlußstein eines hierarchischen Stufenbaus aus zahllosen gestalterischen Prozessen darstellt, in dem sich nach oben hin eine Sinnfülle anreichert, wie sie in den prosaischen Niederungen des Alltagslebens nirgends zu finden ist.
Diesem Ausnahmestatus verdankt die Kunst ihre besondere Bedeutung als Gegenstand einer institutionell geförderten Betrachtung und Verehrung. Die Conclusio aus den beiden Obersätzen lautet dann: Kunstpädagogik ist nötig und sinnvoll, denn sie macht die mannigfachen Deformationen der Sinnlichkeit namhaft und versetzt die Menschen durch eine schrittweise, pädagogisch begleitete Annäherung an das ästhetisch Beispielhafte und künstlerisch Herausragende in die Lage, gute Gestaltung im allgemeinen und die Kunst im besonderen wieder zu schätzen. Der dadurch erschlossene individuelle ästhetische Glücksgewinn ist wohlgemerkt keineswegs ein Selbstzweck, sondern dient der gesamten Gesellschaft, denn ästhetisch erzogene Menschen sind auf lange Sicht auch die besseren Mitmenschen.
Es geht mir wohlgemerkt nicht darum, mich über die Teilnehmer des Dresdener Kunsterziehertags lustig zu machen. Deren Kampf für mehr Bildungsgerechtigkeit im Kaiserreich war ohne Frage ehrenwert und das penetrante Weltretterpathos, mit dem sie dieses Vorhaben in der Öffentlichkeit bewarben, kein Eigenfabrikat, sondern der gängige Ton in den meisten volkspädagogischen und lebensreformerischen Debatten der Zeit – es genügt, einmal kontrollhalber einen kurzen Blick auf die Reden und Aufsätze zum Schillerjahr 1905 zu werfen. Festzuhalten ist überdies, daß die Expertise, die die Dresdener Tagungsteilnehmer weiterzugeben anboten, weniger in der Anleitung zu waghalsigen kulturtheoretischen Verrenkungen bestand, sondern schlicht und einfach darin, die Ausbildung der Urteilskraft ihrer Schüler durch Ausbildung derselben gestalterisch praktischen Fertigkeiten zu befördern, auf deren meisterlicher Beherrschung nach allgemeinem Konsens auch die Kunst selbst beruhte. Dabei galt ihr fürsorgliches Interesse vor allem den unterprivilegierten sozialen Schichten, denen man die Gelegenheit zu fachmännisch angeleitetem Zeichnen und Werken und damit die Möglichkeit geben wollte, sich durch praktisches Tun ein Gebiet der Hochkultur zu erschließen, von dem sie in der Regel ausgeschlossen waren.
Es ist bemerkenswert, daß in der heutigen Fachliteratur von derart basalen Hilfestellungen allenfalls noch am Rande die Rede ist, während einem praktisch auf jeder zweiten Seite mit wilder Emphase die krudesten ästhetischen Mystizismen und pädagogischen Heilsversprechen entgegenschlagen.6 Zwar wird die Kunst nicht mehr länger umstandslos als die sinnliche Schauseite des Wahren und Guten beworben. Statt dessen tritt sie nun als Hort des Widerstands gegen »Verfügungswissen«7 auf, als »Möglichkeitsraum des Nichtdagewesenen«, in dem exklusiv eine geheimnisvolle »fluide Intelligenz«8 gedeihe und ähnliches mehr. Es ist schwer auszumachen, wie viele dieser ästhetischen Überspanntheiten exklusiv im akademischen Habitat der Kunstpädagogik gedeihen. Zeitgenössische Kunsttheorie hat diesbezüglich ja leider nur allzuhäufig einen ähnlich windigen Zuschnitt.9 Auch dort hört man alle naselang, ambitionierte Performancekunst führe zu einer »Verwandlung des anschauenden Subjekts«10, oder es wird die Hoffnung beschworen, über die »ästhetische Arbeit« im Umgang mit der Kunst dereinst »das Wahrnehmen selbst zu einer Kunst auszubilden«11. Die Essenz all dieser angestrengten Theoriegebilde ist jedenfalls in der Regel die gleiche wie schon bei Herrn Schulrat Grüllich: In der Kunst walten ungeahnte Kräfte, die nirgends sonst zu finden und für eine heile Gesellschaft unverzichtbar sind. »Das Rohe und Gemeine«, hieß es weiland in Dresden, »weicht vor der wahren Kunst scheu zurück.« Beifall.
Diese inhaltliche Kontinuität wäre nicht weiter problematisch, hätten sich auf dem Feld der bildenden Kunst nicht in der Zwischenzeit grundstürzende Entwicklungen ereignet. 1901 konnte man vielleicht noch gutherzig an einen Kollektivsingular namens »wahre Kunst« glauben, eine Kunst, die wie von Zauberhand für jede Epoche einen passenden Stil ausprägte, eine Kunst, deren Ethos die entsagungsvolle Vervollkommnung sehr klar benennbarer Fertigkeiten forderte, eine Kunst, an deren Meisterleistungen sich jede andere Form der Gestaltung zu messen und zu der man als Betrachter folglich aufzuschauen hatte; eine Kunst auch, die, wenn man von einigen wenigen Grenzfällen absah, prinzipiell nach einsichtigen Kriterien zu beurteilen und deren Produktion wie Rezeption damit grundsätzlich lehr- und lernbar waren. Auf all diesen Prämissen ruhte das hehre Programm der Volkserziehung durch ästhetische Bildung.
Ein gutes Jahrhundert später wird man wohl kaum mehr jemanden finden, der einem dieses anspruchsvolle normative Gesamtpaket abnehmen wollte. Der zeitgenössische Kunstbetrieb präsentiert sich als unübersichtliches, radikal heterogenes Pluriversum, in dem die unterschiedlichsten und gegensätzlichsten Positionen miteinander um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren, in der das programmatisch Kontingente, bewusst Ephemere, Fragmentarische, Inkohärente, Nur-Individuelle, Widersprüchliche ebensoviel, wenn nicht mehr Raum einnimmt als das auf Beständigkeit angelegte, ohne daß sich aus dieser oder auch einer anderen Differenz eine verbindliche Wertbestimmung ableiten ließe. Diese so unterhaltsame wie ermüdende Betriebsamkeit, die allenfalls ein Geflecht kultureller Märkte und ein paar institutionelle Traditionen noch lose zusammenhalten, gibt keinerlei Veranlassung mehr, den Begriff der bildenden Kunst weiterhin in der emphatischen Weise im Singular zu gebrauchen, wie das ehedem sinnvoll schien. Und am allerwenigsten gibt sie Anlass zu der Vermutung, der Kunst als solcher oder auch ihrer Rezeption eigneten per se gesamtgesellschaftlich segensreichere Kräfte als etwa Mode, Kino, Sport oder auch Popmusik.
Daß sich die Frage, was Kunst ist, nicht mehr verbindlich beantworten läßt, gehört deshalb heute zur kunstphilosophischen Erstsemesterausstattung. Daß sich, was man nicht definieren kann, auch nicht in der Weise lernen und lehren läßt, wie das ehedem die Zünfte und später die Akademien über Jahrhunderte für sich in Anspruch nahmen (und wie es noch die Teilnehmer des Dresdener Kunsterziehertages als selbstverständlich voraussetzten), scheint sich hingegen noch nicht wirklich herumgesprochen zu haben. Es ist nichtsdestoweniger wahr, und es betrifft den Kern jeglicher kunstpädagogischen Programmatik. Man muß nur einmal den Ausbildungsplan der École des Beaux-Arts etwa zur Zeit Ingres’ mit dem einer beliebigen deutschen Kunsthochschule von heute vergleichen, um den Unterschied anschaulich vorgeführt zu bekommen. An der Beaux-Arts war für alle Studenten der gleiche Kanon an Kenntnissen und Fertigkeiten verbindlich und jeder Professor empfand es, unabhängig von allen innerakademischen Richtungsstreitigkeiten und seiner persönlichen künstlerischen Handschrift, als seine selbstverständliche Aufgabe, ihn zu vermitteln. An zeitgenössischen Akademien wird zwar immer noch ein bunter Strauß unterschiedlichster Fächer angeboten, doch sind sie für die Studenten fast ausnahmslos fakultativ. Jeder Klassenprofessor agiert bei der Festsetzung der Ausbildungswege, -mittel und -ziele vollkommen autonom, ist also niemandem gegenüber rechenschaftspflichtig. Gegensätzliche und widersprüchliche Lehrauffassungen sind heutzutage deshalb auch nicht etwa die Ausnahme, sondern vielmehr die Regel. Die Zugehörigkeit zum Kollegium einer Akademie besagt nichts, aber auch gar nichts über die Kunstauffassung, die der Einzelne dort vertritt. Das institutionelle Drumherum bildet keine inhaltliche Klammer mehr, es dient vielmehr weitgehend pragmatischen Zwecken, wobei der Glaube an die Notwendigkeit gebündelter Ressourcen zweifellos weit vor den Hoffnungen rangiert, die mit der Bündelung von Lehrkompetenz (welcher Art auch immer) verbunden sein mögen.
An diesen Sachverhalt, den ich hier ausdrücklich nicht bewerten will,12 schließt meine zweite These an. Ich werde sie vorsichtshalber als Frage formulieren: Könnte es sein, daß die zeitgenössische Kunstpädagogik noch immer nicht die Konsequenzen aus der völligen Entgrenzung des Kunstbegriffs gezogen hat? Oder genauer: Wenn die Kunst kein übersichtliches Singularunternehmen mehr ist, wenn ihre Entwicklung wie ihre Bewertung nicht mehr dem über Jahrhunderte bewährten Prinzip der Sinnanreicherung durch ständigen gestalterischen Komplexitätsgewinn gehorchen, sondern eher ein reichhaltiges Panoptikum höchst individueller Zeichenwelten bilden, welcher Art ist dann das Kompetenzgefälle, das die Kunstpädagogik auszugleichen verspricht? Welchen Expertisevorsprung beansprucht sie wem gegenüber? Wie begründet sie ihren Vorrang als Lehrfach gegenüber konkurrierenden Angeboten wie beispielsweise der Kunst- und Kulturgeschichte oder den Bild- und Medienwissenschaften, aber auch gegenüber Kochen, Haushaltsmanagement, Yoga, Computer-Gaming oder Fliegenfischen?
Ich habe auf keine dieser Fragen jemals eine überzeugende Antwort erhalten. Aber vermutlich wären sie mir auch gar nicht erst in den Sinn gekommen, würden Kunstpädagogen im öffentlichen Diskurs nicht ständig monoman von der »Schaffung emanzipatorischer Handlungsfähigkeit« und anderen zivilisatorischen Herkulestaten delirieren, sondern sich statt dessen zur Abwechslung einmal wieder auf ihr angestammtes Kerngeschäft und dessen Vertragsinhalte besinnen. Das aber sind weder die Entwicklung und Vermittlung ästhetischer Theorie, Semiologie, Soziologie, Psychologie oder auch Hermeneutik der Kunst – dafür gibt es bekanntlich eigene, spezialisierte Wissenschaften, deren Ergebnisse zu popularisieren allenfalls eine Zusatzleistung kunstpädagogischen Unterrichts darstellen kann –, noch ist es die Rettung der Welt. Vielmehr ist es die praktische Anleitung zu individuellem gestalterischem Tun, sprich: die höchst anspruchsvolle Weitergabe der höchst anspruchsvollen mimetischen Kulturtechniken, von denen sowohl Kunst und Kunsthandwerk als auch die Kunst- und Werkerziehung ehedem einmal ihren Ausgang nahmen. Daß diese Techniken, sofern sie nur entsprechend kunstvoll vermittelt werden, mindestens ebenso bereichern und beglücken können wie alle konkurrierenden Lehrangebote, ist hinlänglich bewiesen. In welchem Maße sie auch für den zeitgenössischen Kunstbetrieb weiterhin von Bedeutung sind, kann deshalb herzlich egal sein – schließlich ist bislang noch niemand an einer Karriere als Konzeptkünstler gehindert worden, nur weil er zuvor zeichnen gelernt hatte. Es würde mich nicht wundern, wenn die intellektuelle Entkrampfung, die ein solcher Akt bewußter soteriologischer Askese nach sich zöge, auf Dauer allen Vertragsparteien gleichermaßen zugute käme.
Kritik der Kritik der Kritik: ein metadiagnostischer Zwischenruf in eigener Sache
IST es nicht merkwürdig, daß öffentliche Debatten zum Zustand der Kunstkritik immer demselben alarmistischen Muster folgen? Die Einladungen und Ankündigungen zu den einschlägigen Podiumsdiskussionen und Tagungen sind in aller Regel so formuliert, als gelte es, schnellstmöglich ein Team spezialisierter Notärzte ans Bett einer Patientin in extremis zu rufen. Und tatsächlich kommt man meist ausschließlich zusammen, um der armen Kritik kopfschüttelnd den Puls zu fühlen, gemeinsam ihren bedenklichen Zustand zu beklagen, stirnrunzelnd die beunruhigenden Symptome ihrer Degeneration und Ermattung aufzuzählen sowie ausführlich über Art und Umfang der für eine etwaige Genesung notwendigen Kuren zu debattieren, sofern man sie nicht lieber gleich für tot erklärt. Anschließend beglückwünschen sich die Teilnehmer gegenseitig zu ihrem diagnostischen Scharfsinn und gehen hochzufrieden auseinander. Man sieht sich bei der nächsten Veranstaltung.
Nun wäre es reichlich bizarr, wollte ausgerechnet ich der Kunstkritik ein pauschales Gesundheitszeugnis ausstellen.1 Daß dieses literarische Genre intellektuell hoffnungslos verwildert ist und die meisten Texte zur Gegenwartskunst überwiegend aus Anmaßung, Halbwissen und Schaumschlägerei bestehen, gebe ich gerne zu. Aber was ist mit dieser Feststellung gewonnen? Schon Anfang des 18. Jahrhunderts beschwerte sich Antoine Coypel, Präsident der Pariser Akademie und Premier Peintre du Roi, also ein ausgewiesener Profi, über den »faden und bizarren Jargon« aus »falsch angebrachten Kunstausdrücken«2, den die Kunstschriftsteller seiner Zeit benutzten, und ließ keinen Zweifel daran, daß er die allermeisten von ihnen für inkompetent und unterbelichtet hielt. Wenn im Vorwort eines zeitgenössischen Lehr- und Lesebuchs für angehende Kulturjournalisten ausdrücklich die Hoffnung formuliert wird, die Publikation möge dazu beitragen, »daß Kunstkritiker wieder mit klarem Bewußtsein ihre Arbeit tun«3, dann hat sich dieser Generalverdacht offenbar seither nicht wirklich zerstreuen lassen. Hält eine solch grundsätzliche Klage aber über drei Jahrhunderte lang an, dann haben wir es ganz sicher nicht allein mit einem vorübergehenden Phänomen zu tun, auch nicht mit publizistischen Ausnahmebedingungen oder einer außergewöhnlich hartnäckigen Häufung inkompetenter, schlecht ausgebildeter oder gar böswilliger Autoren. Der Fehler muß im System stecken.
Zu diesem System aber gehören nicht nur die vermeintlich moribunde Patientin – die sich angesichts ihrer hoffnungslosen Krankengeschichte nebenbei als erstaunlich langlebig erweist –, sondern – was gern vergessen wird – ebenso ihre vermeintlich sachkundigen Ärzte. Wie wäre es nun, wenn die, anstatt weiter wohlgemut Diagnosen zu stellen, sich zur Abwechslung einmal fragen würden, was ihre umfangreichen Verschreibungen eigentlich bisher gebracht haben? Was konkret ist das Resultat ihrer zahllosen Verbesserungsoffensiven? Wie sieht der Ertrag all der wohlformulierten Ratgeber und Anleitungen zu guter Kritik aus, die seit der Zeit Coypels ein eigenes kunstkritisches Subgenre bilden? Wenn die Diagnosen mehrheitlich wirklich so zutreffend und die Therapievorschläge wirklich so hilfreich waren – warum hat sich dann das Problem nicht längst erledigt? Kurz: Worin unterscheiden sich die einschlägigen metakritischen Fachärztetreffen eigentlich von einer themenorientierten Karnevalssitzung, zu der die Teilnehmer mit Kittel und Stethoskop erscheinen?
Ein Unterschied liegt auf der Hand: Karnevalisten wundern sich nicht allzusehr darüber, daß die Medikamente, die sie verschreiben, außerhalb ihres Vereinsheims ohne Wirkung bleiben. Die chronische Folgenlosigkeit kunstkritischer Metakritik dagegen wird in aller Regel der verstockten Patientin oder aber der Widrigkeit der Umstände angelastet. Nach meinem Dafürhalten ist das zu kurz gegriffen. Das Versagen muß andere Gründe haben. Möglicherweise kann ja eine Rückschau auf die Entstehung der Kunstkritik als eigenständigen literarischen Genres einen Hinweis darauf geben, wo sie am ehesten zu suchen sein dürfte. Dazu wäre zunächst einmal zu klären, seit wann es die Disziplin überhaupt gibt. Bei allem berechtigten Mißtrauen gegenüber allzu markanten historischen Zäsuren spricht einiges dafür, mit Albert Dresdner, dem ersten ernstzunehmenden deutschsprachigen Chronisten auf diesem Feld, die öffentliche Kontroverse um die Salonkritik von Étienne La Font de Saint-Yenne 1747 über den Pariser Salon des Vorjahres als markantes Ereignis zu betrachten.4 In der Einleitung zu dieser kämpferischen Großrezension hatte der Autor geschrieben: »Ein Gemälde, das man ausstellt, ist wie ein Buch, das durch den Druck öffentlich gemacht, ein Theaterstück, das auf der Bühne aufgeführt wird: Jedermann hat das Recht, darüber zu urteilen.«5 Der Autor präzisierte auch, wen er mit »jedermann« meinte: den »unvoreingenommenen, aufgeschlossenen Beobachter, der, ohne mit dem Pinsel umgehen zu können, nach einem natürlichen Geschmack und ohne die sklavische Beachtung der Regeln urteilt«.
Auf den folgenden etwa 100 Seiten machte La Font de Saint-Yenne von diesem Recht dann auch ausführlich Gebrauch. Das Resultat war ein öffentlicher Eklat. Führende Mitglieder der königlichen Akademie protestierten gegen die Zumutung, einem von ihnen nicht autorisierten Laientribunal gegenüber als rechenschaftspflichtig angesehen zu werden, und boykottierten den Salon des Folgejahres. Ihr Protest blieb allerdings folgenlos. Wenige Jahre später waren auch die hartnäckigsten Kritiker des Kritikers wieder mit ihren Werken auf der Ausstellung präsent, die Kunstkritik bildete fortan eine Sphäre eigenen Rechts. Bis heute gilt, daß, wer öffentlich ein Urteil über Kunst abgibt, dies »als Kritiker« unternimmt, das heißt als Teilnehmer einer offenen Diskussion über Ziele und Möglichkeiten von »Kunst« (im Singular), an der – zumindest idealiter – grundsätzlich jedermann gleichermaßen teilzunehmen berechtigt ist, egal ob er in Sachen bildende Kunst über einschlägige Expertise verfügt oder sich »lediglich« als interessierter Laie zu Wort meldet (daß realiter nur die wenigsten der Stimmberechtigten Zugang zum öffentlichen Diskurs über die Kunst haben, da dieser längst komplex institutionalisiert und damit vielfältig hierarchisiert ist, ist wieder ein anderes Thema).
Folgt man Niklas Luhmann6, an dem in dieser Frage kein Weg vorbeiführt, so liegt es nahe, die Geburt der Kunstkritik als eigenständiger Disziplin um die Mitte des 18. Jahrhunderts als Teilmoment der von ihm beschriebenen allgemeinen Tendenz zur Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Funktionskreise in der Moderne zu interpretieren, aus der unter anderem das autonome »System Kunst« hervorgegangen ist. Sofern man Kunst in dem Maß als autonom betrachtet, in dem künstlerische Formfindung sich unabhängig von heteronomen Zwecksetzungen vollzieht, sprich: die Künstler keine kunstfremden Vorgaben mehr als Kriterien der Beurteilung ihrer Werke anerkennen und statt dessen ausschließlich kunstspezifische Zielstellungen verfolgen, dann stellen Autonomie der Kunst und Autonomie der Kunstkritik zwei Seiten derselben Medaille dar – das eine ergibt sich zwangsläufig mit dem anderen. Allein die Feststellung, daß man es bei der Kunst mit einem Handlungsfeld eigenen Rechts zu tun habe, ist schließlich bereits eine (im Wortsinne) kritische Leistung. Sie verpflichtet Künstler wie Kritiker gleichermaßen, Kunstwerke ausschließlich als Kunstwerke zu gestalten bzw. zu beurteilen, und nicht etwa die Wertmaßstäbe anderer sozialer Funktionskreise an sie anzulegen.
Nun sieht es in der Tat so aus, als folgte die Geschichte der Kunst wie auch die der Kunstkritik ebendiesem entwicklungsgeschichtlichen Muster. Die kanonische Rahmenerzählung ist hinlänglich bekannt und so oft und so detailliert dargestellt worden, daß ich mich damit begnügen kann, ihre wichtigsten Grundlinien kurz nachzuzeichnen. Unstrittig ist, daß Gestaltungsleistungen der Art, wie wir sie unter dem Begriff der Kunst zusammenfassen und museal präsentieren, die längste Zeit über eng in das Funktionsfeld des religiösen Kultus eingebunden waren. Ein Diskurs über das Gelingen eines »Kunstwerks« war in diesem Kontext in erster Linie ein Diskurs über seine Gottgefälligkeit. Ein prominentes Beispiel dafür sind die apologetischen Bemerkungen des Abtes Suger von Saint Denis aus dem 12. Jahrhundert zur ästhetischen Prachtentfaltung des von ihm initiierten Kirchenbaus: Der außergewöhnliche Aufwand an Material und Arbeit dient nach Suger einzig und allein dazu, einen Erlebnismodus auszulösen, in dem der Gläubige von der Schönheit des Sichtbaren zur Schönheit des Unsichtbaren aufsteigt und so der Vollkommenheit Gottes gewärtig wird.7
Daß die Kriterien, die in unserer zeitgenössischen Western Art World zur Entscheidung derselben Frage angesetzt werden, in krassem Gegensatz zu diesem Argumentationstypus stehen, bedarf keines besonderen Nachweises. Man muß nur an den kollektiven Aufschrei der Entrüstung denken, der den Prozeß wegen »Verletzung religiöser Gefühle« begleitete, den die russisch-orthodoxe Kirche 2004 gegen Juri Samodurow anstrengte und der in erster Instanz mit einer Geldstrafe endete. Samodurow hatte im Jahr zuvor im Museum des von ihm geleiteten Moskauer Sacharow-Zentrums die umstrittene Kunstausstellung »Vorsicht Religion!« veranstaltet, durch die die Kläger sich provoziert sahen.8 Das zentrale Argument von Samodurows Verteidigungsstrategie lautete: »So ist die moderne Kunst. Das ist ihr Prinzip. Historisch und kulturell geht dahin die Entwicklung. In einer weltlichen modernen Gesellschaft kann man so etwas nicht verbieten.«9 Die Kommentatoren im weltanschaulichen Gravitationsfeld des westlichen Kunst- und Museumsbetriebs sahen das genauso: Moderne Kunst ist autonome Kunst und folglich – vom Strafrecht vielleicht einmal abgesehen – nur sich selbst gegenüber legitimationspflichtig.10
Nun kann allerdings auch im Westen von einer Autonomie der Kunst gegenüber religiösen Wertvorstellungen frühestens seit der Renaissance die Rede sein. Entscheidende Impulse gingen dabei von den ökonomisch erfolgreichen und politisch extrem dynamischen Handelsstädten und Fürstentümern Norditaliens aus, wo um das 15. Jahrhundert eine sinnenfreudige, weltläufige, initiativkräftige, wohlhabende und anspruchsvolle Klientel entstand, die das Potential der bildenden Kunst als Medium der Repräsentation, aber auch der Intensivierung des Lebensgenusses entdeckte. Damit veränderten sich zwangsläufig auch die Motive für die Wertschätzung von Kunst und damit die Kriterien ihrer Beurteilung – neben den alten, kultusgebundenen Ansprüchen wurden nun zunehmend auch profane Erwartungen an sie als legitim angesehen.11 Diese Entwicklung, in der man schon damals eine Parallele zu homologen Autonomisierungstendenzen in der Spätantike sah, hatte weitreichende Folgen für den beruflichen Status der Künstler. Ein Markt, der mit der steigenden Nachfrage nach ihren Produkten auch steigende ästhetische Kennerschaft hervorbrachte, ermöglichte es den Beweglicheren unter ihnen, sich zunehmend aus der mittelalterlichen Zunfttradition zu lösen und damit einen sozialen Aufstieg einzuleiten, der – mit je nach Region sehr unterschiedlicher Verzögerung – bald auch im Rest Europas merkbar wurde.
Der Statusgewinn wurde zügig institutionell abgesichert. Zu Beginn der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden in Florenz (gegr. 1562) und Rom (gegr. 1577, eröffnet 1593) die ersten Akademien als Standesorganisationen und zunftfreie Ausbildungsstätten. Mit der Zeit bürgerte es sich ein, daß Meister und Schüler an bestimmten kirchlichen Festtagen ihre Werke öffentlich zur Schau stellten und so auch Personen außerhalb des akademischen Umfelds die Möglichkeit zu einem kritischen Vergleich eröffneten.12 Die Akademien waren aber nicht nur Impulsgeber für ein öffentliches Ausstellungswesen, sondern auch die ersten Zentren einer systematischen Reflexion über Wert und Charakter künstlerischer Tätigkeit. Es ist also keineswegs ein Zufall, daß Giorgio Vasari, der mit seinen Viten die Urschrift der europäischen Kunstgeschichtsschreibung vorgelegt hat, zugleich auch als Begründer der Florentiner Akademie hervorgetreten ist. Eine der entscheidenden Leistungen Vasaris war es, daß er, im Anschluß an die Künstlertraktate von Alberti bis Leonardo, ein Vokabular für die diskursive Verständigung über Kunst entwickelte, das nicht nur handwerkliche Kategorien bemühte, sondern systematisch zu erfassen trachtete, was Kunst als Kunst überhaupt zu leisten imstande sei. Damit war die wichtigste Voraussetzung für eine autonome Kunstkritik geschaffen.
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im politisch zersplitterten Italien begrenzten allerdings die Reichweite des neuen, elitären Spiels zwischen Künstlern und Kennern. Die Entwicklungen, die daraus die Massenveranstaltung der heutigen Kunstkritik machten, in der spezialisierte Rezensenten für ein anonymes Publikum schreiben, spielten sich deshalb auch nicht mehr in Italien, sondern in Frankreich ab, genauer gesagt in Paris. In dem kurzen Zeitraum von nur 130 Jahren zwischen 1661, als Ludwig XIV. nach dem Tod Mazarins die Regierungsgeschäfte übernahm, und 1793, als die französische Nationalversammlung die königliche Kunstsammlung per Dekret zum »Musée de la République« erklärte, etablierten sich dort all die Institutionen, die den Kunstbetrieb auch heute noch als soziales Funktionsfeld eigenen Rechts auszeichnen: öffentliche Museen und Skulpturengärten, ein differenziertes Ausstellungswesen für alte und neue Kunst, ein spezialisierter Kunstmarkt, eine systematische Theorie der Kunst und ein vielfältiger publizistischer Begleitapparat, der für die ständige Rückkopplung zwischen den Institutionen des Betriebs und dem Publikum sorgt.13
Meilensteine dieser Entwicklung waren die Revision und Erweiterung der königlichen Kunstsammlung und ihre dauerhafte Ausstellung in einem Teil des Louvre sowie die Gründung der Académie Royale de Peinture et de Sculpture nach italienischem Muster, bald ebenfalls im Louvre untergebracht. Die Gründung der Académie im Jahr 1648 datiert noch aus der Zeit vor der Thronbesteigung des späteren Sonnenkönigs.14 Sie geht auf die Initiative einer Reihe zunftunabhängiger, vorwiegend für Hof und Aristokratie tätiger junger Künstler zurück, darunter Charles Le Brun, Eustache le Sueur und Henri Testelin, die ihre Arbeitsmöglichkeiten durch die zünftische Konkurrenz, die Communauté des maîtres peintres es sculpteurs de Paris, kurz: Maîtrise, eingeschränkt sahen. Der Maîtrise gehörten nicht nur Maler und Bildhauer an, sondern auch die unterschiedlichsten Kunsthandwerker, Ornamentmaler, Stuckateure, Kunsthändler etc. Ihre noch aus dem 14. Jahrhundert stammende Zunftordnung hatten sie mit Zustimmung des Pariser Parlaments zwei Jahre zuvor noch einmal verschärft und dabei eine Beschränkung der Zahl der Hofkünstler und ihrer Privilegien durchsetzen können, etwa des lukrativen Rechts, ohne Zustimmung der Zunft Aufträge außerhalb des Hofs anzunehmen. Die Maîtrise hatte auch weitgehend erfolgreich den Zuzug ausländischer Konkurrenten hintertrieben. Daß die zunftfreien Künstler gegen diese aggressive Politik korporatistischer Besitzstandswahrung aufbegehrten, ist nur zu verständlich.
Im offiziellen Gründungsgesuch an den Staatsrat nutzten sie15 die Grundtopoi der italienischen Kunsttheorie zu einem Generalangriff auf die Maîtrise: Die beiden Künstlergruppen, so ihre Kernthese, seien im Grunde gar nicht vergleichbar. Die Malerei sei nicht einfach ein Handwerk wie jedes andere und erst recht kein Gewerbe, sondern eine geistig anspruchsvolle Tätigkeit. Wer sie als wahre Kunst betreiben wolle, bedürfe deshalb nicht nur einer geübten Hand, sondern vor allem fundierter wissenschaftlicher Kenntnisse. Auf dem entsprechenden Niveau betrieben, könne sie sich dann sogar mit der Dichtung messen (eine königliche Akademie für Literaten, die Académie Française, war schon 1632 eingerichtet worden). Da die Zunftmaler von diesen intellektuellen Höhenlagen des Metiers aber keine Ahnung und statt edler Theorie nur den profanen Broterwerb im Kopf hätten, müsse man ihrem schnöden Regiment Einhalt gebieten und der Kunst zuliebe sogar ein akademisches Ausbildungsmonopol in Erwägung ziehen.16 Der Staatsrat genehmigte nun zwar die Gründung der Académie, bestätigte aber zugleich die Rechte der Zunft, was dazu führte, daß die Hofkünstler auch weiterhin den heißen Atem der Konkurrenz im Nacken spürten. 1649 rief die Maîtrise demonstrativ eine eigene Kunstschule ins Leben, die Académie de Saint-Luc; »zwei Jahre später erzwang sie den Zusammenschluß mit der Académie, also die Vereinigung von zünftiger und höfischer Künstlerschaft. Da den Akademikern die Kraft zu einem offenen Bruch mit den Handwerkern fehlte, suchten sie sich der Vereinnahmung der Maîtrise durch die nochmalige Akzentuierung des intellektuellen Charakters ihrer Arbeit zu entziehen. Im Jahre 1653 schlug Testelin vor, die zünftischen Konkurrenten durch regelmäßige Treffen zu vertreiben, in denen theoretische Aspekte von Malerei und Bildhauerei erörtert werden sollten.«17
Bei der Einrichtung von Theorieveranstaltungen ging es zunächst also keineswegs um Inhalte, sondern um deren Distinktionspotential sowie um ihre abschreckende Wirkung auf die Praktiker. Realiter scheint sich der Bildungseifer der Professoren in engen Grenzen gehalten zu haben. Kaum einer der Académiciens zeigte ein gesteigertes Interesse an einer systematischen Aufarbeitung der aus Italien übernommenen Lehrsätze. Bis auf ein paar vorbereitende Beschlüsse und eine Auftaktsitzung blieb der Vorstoß von 1653 deshalb auch folgenlos. Erst zehn Jahre später, mit der Reorganisation der Académie durch Colbert, der, neben seinen vielen anderen Ämtern (als Surintendant des Bâtiments) auch oberster Kultusbeamter des Königs war, wurde die Idee wiederaufgenommen. Die Sitzungen wurden institutionalisiert und ab 1667 zumindest für einige Jahre dann auch einigermaßen regelmäßig abgehalten18, wobei eigens ein angesehenes Mitglied der Académie Française als sogenannter conseiller honoraire für die Niederschrift der Diskussionen und ihre spätere Veröffentlichung bestallt wurde.19
Die bewußt angestrebte Nähe der Académie zum Zentrum der politischen Macht bot deren Mitgliedern also nicht nur besondere Karrierechancen. Indem die exponierte Stellung der Institution die akademische Lehre nobilitierte und monopolisierte, erzeugte sie zugleich den Druck, diese Lehre systematisch formulieren und öffentlich rechtfertigen zu müssen. Félibien, der erste der conseillers honoraires, richtete den 1669 von ihm herausgegebenen Sammelband der Sitzungsprotokolle ausdrücklich an alle Liebhaber der Künste. Kritik war damit keine reine Insiderveranstaltung mehr, bei der die Profis des Metiers gegenseitig ihre künstlerischen Küchenrezepte abgleichen, sondern ein öffentlicher Diskurs, der »erstmalig auch Nicht-Künstlern die Möglichkeit eröffnete, sich an der Diskussion über das Künstlerische zu beteiligen«.20
Die Künstler selbst waren davon nicht sonderlich begeistert und reagierten reichlich dünnhäutig, als Félibien die conférences veröffentlichte, ohne ihnen den Text zuvor vorgelegt zu haben. Es folgten jahrelange Reibereien zwischen der Académie und ihrem conseiller honoraire. Der sah sich zunehmend isoliert, steckte inhaltlich aber nicht zurück. 1679 formulierte Félibien scharf, was uns heute selbstverständlich ist: daß nämlich Künstler keineswegs grundsätzlich mehr von Kunst verstehen als Laien. Man könne zwar »nicht bestreiten, daß die Maler und Bildhauer besser als diejenigen, die nicht arbeiten, wissen, wie lästig es ist, alle Farben zu finden, und wie viel Mühe es macht, den Marmor gut zu schneiden. Aber man muß ebenfalls festhalten, daß es sehr wohl Maler und Bildhauer gibt, die genausowenig in der Lage sind, über ein Werk zu urteilen, als eines zu machen, welches Achtung verdient. Und im Gegenteil sieht man sehr viele Personen, die den rechten und klaren Geist besitzen, um darüber genausogut wie die Maler selbst zu urteilen, und die häufig besser unterscheiden, was es an Gutem und Schlechtem gibt, da sie nicht von einem partikulären Geschmack erfüllt werden.«21
Die Akademiker hatten das diskursive Feld, dessen bittere Früchte sie 1747 so entschieden ablehnen sollten, also unbeabsichtigt selbst bestellt. Mit der Durchführung der conférences lösten sie ein, was sie zuvor vor allem aus taktischen Gründen behauptet hatten: daß Kunst tatsächlich theoriefähig ist. War dies aber erst einmal zugestanden, konnte auch das kunstkritische Urteil kein esoterisches Hexenwerk mehr sein, sondern nur eine Veranstaltung, die ihrerseits der Eigengesetzlichkeit der theoretisch diskursiven Sphäre folgt, sprich: eine öffentliche Verhandlung, in der ausschließlich Argumente und Beweise zugelassen sind, die die Kunst als Kunst betreffen. Für die Entstehung einer entsprechenden Nachfrage nach derartigen kunstkritischen Diskursen fehlte zu diesem Zeitpunkt allerdings noch ein regelmäßiger öffentlicher Ausstellungsbetrieb, der einen Überblick über die zeitgenössische Produktion ermöglicht hätte. Zwar gab es schon zu Colberts Zeiten Ausstellungen, bei denen die Akademiker dem (zunächst noch überwiegend höfischen) Publikum ihre neuesten Werke vorstellen konnten.22 Diese Gelegenheitsschauen waren allerdings in ein übergeordnetes Rahmenprogramm für die Huldigungen an den König eingebunden, fanden jahrzehntelang nur äußerst unregelmäßig statt und wurden überdies von den Künstlern ebenso unregelmäßig beschickt.
Das änderte sich erst 1737, als der damalige Leiter der Kunstverwaltung (Directeur-général des Bâtiments), der Finanzminister Phillibert Orry, die Salonausstellungen wiederbelebte. Die Bekanntmachung im Mercure de France zeigte, daß Félibiens allgemeines Publikum mittlerweile zur höchsten kritischen Instanz geworden war: »Die Akademie tut gut daran, dem Publikum eine Art Übersicht über ihre Arbeit zu geben und den Fortschritt in den Künsten, die sie pflegt, dadurch bekanntzumachen, daß sie die Werke ihrer ausgezeichnetsten Mitglieder in den unterschiedlichen von ihr vertretenen Gattungen ans Licht bringt. Auf diese Weise stellt sich jeder dem Urteil der informierten Besucher, die in größtmöglicher Zahl zusammenkommen, und empfängt so das Lob bzw. den Tadel, der ihm zusteht.«23 Orrys Initiative hatte nachhaltigen Erfolg. Von 1737 an fand der Salon mit wenigen Unterbrechungen zuerst jährlich, dann in zweijährigem Turnus statt. Er war für alle Bürger ohne Ansehen der Klasse, des Einkommens, des Berufs oder des Geschlechts zugänglich und dauerte zwischen drei und sechs Wochen. Während dieser Zeit war er unangefochten das gesellschaftliche Ereignis in Paris.24
Hatte die publizistische Begleitung früherer Ausstellungen lediglich aus den Programmheften und Zeitungsberichten bestanden, so kamen mit dem Salon von 1737 immer mehr kritische Pamphlete heraus, die, in ganz Paris preiswert zu erstehen, ein breites Publikum mit kontroversen Meinungen konfrontierten. 1747 erschien dann La Font de Saint-Yennes anfangs erwähnte Kritik des Salons des Vorjahres. Der Autor war ein unbeschriebenes Blatt im Pariser Kulturleben, ohne Verbindungen zur Akademie und ohne Protektion. Kenner der Verhältnisse hatten ihm von der Veröffentlichung seines Manuskripts abgeraten.25 La Font de Saint-Yenne ließ sich jedoch nicht beirren. Er war der Ansicht, daß die Malerei seiner Zeit einen Niedergang erlebe, und er fühlte sich mit dieser Einschätzung unbedingt im Recht. Sein missionarischer Eifer verdankte sich der Überzeugung, bei seiner Kritik einzig und allein seinem unvoreingenommenen und somit natürlichen Geschmack zu folgen. Sein Urteil gründete also seiner Ansicht nach nicht auf partikulären, sondern auf allgemeinen Interessen, nicht auf heteronomen, sondern nur auf kunstspezifischen Kriterien. In diesem Bewußtsein ergriff er, stellvertretend für das singularische Kollektivsubjekt »Publikum«, sprich: im Namen von jedermann das Wort.
Wie aber sah La Font de Saint-Yennes Auftritt als kritischer Jedermann nun tatsächlich aus? Angesichts der feindseligen Reaktionen sollte man annehmen, daß er die Künstler bzw. ihre Werke in Grund und Boden geschrieben hätte. Doch das ist keineswegs der Fall. Er vertrat zwar die für die Betroffenen schmerzliche Ansicht, daß sich die Historienmalerei, die Königsdisziplin der akademischen Genrehierarchie, in einer schweren Krise befinde. Aber damit stand er nicht allein, denn diese Diskussion wurde innerhalb des Metiers selbst schon seit geraumer Zeit geführt.26 Zudem teilte er an keiner Stelle seiner zum Teil quälend detailreichen Ausführungen maßlos aus, seine kritischen Anmerkungen waren häufig sogar ausgesprochen wohlwollend formuliert. Blickt man zur Kontrollpeilung in vergleichbare Schriften aus dem inneren Kreis der Académie, so finden sich dort weit weniger schmeichelhafte Passagen zum Leistungsniveau der königlichen Künstlertruppe.27 So wenig La Font de Saint-Yenne als kunstkritischer Scharfrichter auftrat, so wenig taugt er auch als abschreckendes Beispiel für bornierte Laienkritik. Der Wertekanon, für den er eintrat, deckte sich vielmehr im wesentlichen mit der offiziellen Lehrmeinung der Académie. Sein zentraler Vorwurf lautete deshalb auch nicht, daß die Künstler der Gegenwart weniger Fleiß, Geschick oder Begabung zeigten als ihre Vorgänger unter Ludwig XIV., sondern daß sie deren hehre künstlerische und ethische Prinzipen verraten hätten. Zugleich analysierte er sehr scharfsichtig, daß diese veränderte Haltung Folge einer Veränderung der gesellschaftlichen und damit auch der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen war.
Deshalb tadelte er auch nicht so sehr die Produzenten, die schließlich nur auf die Nachfrage reagierten, er haderte vielmehr mit der Anspruchslosigkeit des zeitgenössischen Publikums. Statt nach »Schönheiten aus dem Reich des Geistes« zu verlangen, »die Reflexionsfähigkeit und eine gewisse Kennerschaft erfordern«, sprich: nach erhabenen Stoffen, die nicht nur die Sinne, sondern auch »die Seele« erfreuen, pflege es einen »exzessiven Hang zum Dekorativen (un goût excessif pour un embellissement)«, der der Kunst mehr schade als jeder noch so talentlose Maler. In den Salons der betuchten Kundschaft, stellt er naserümpfend fest, finde man Wandflächen nur noch im Kleinstformat über Türen und Kaminen, während der große Rest von rocaillegerahmten Spiegeln überzogen sei. Auf diese Weise sei die Malerei, »bedrängt durch mangelnden Platz und durch kleinliche Sujets, die auch noch außerhalb des Blickfelds angebracht wurden, in diesen repräsentativen Innenräumen schließlich zu kalten, mutlosen (insipides), ganz und gar uninteressanten Repräsentationsstücken verkommen: die vier Elemente, die Jahreszeiten, die Sinne, die Künste, die Musen und andere Gemeinplätze, Triumphe für epigonale Fleißmaler, die weder Genie noch Vorstellungsgabe erfordern und die beklagenswerterweise seit 20 Jahren auf hunderttausend Arten hin- und hergewendet werden.« Er sei, so schreibt La Font de Saint-Yenne, »überzeugt davon, daß aus diesem Grund schon einige junge Künstler, denen das Genie zur großen Malerei gegeben gewesen wäre, ihrem Talent abgeschworen und sich (…) auf die nutzlosen Sujets geworfen haben, die die Mode des Tages fordert.«28
Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen: Der autonome Kunstkritiker, der im Namen des Publikums programmatisch für jedermann spricht, macht als erste Amtshandlung den zu diesem Publikum versammelten Jedermännern dezidierte Vorschriften darüber, welchen Geschmack sie gefälligst zu haben hätten, und er begründet dies, indem er ohne weitere Rücksprache darüber befindet, welche Werke ihnen geistig-seelisch am bekömmlichsten seien. Die Absage an die Sklaverei der alten Regeln führt somit geradewegs in die Despotie neuer Regeln. Was zunächst reichlich bizarr erscheint, liegt aber, wie ich fürchte, in der Natur der Sache: La Font de Saint-Yenne geht es schließlich vorrangig um die Vertretbarkeit künstlerischer Zwecke und nicht so sehr um die Angemessenheit der Mittel, er fragt nach dem Wozu der Anstrengung und nicht nach dem Wie. Ob ein Kunstwerk bestimmte Leistungsstandards erfüllt, die sich historisch als Norm etabliert haben, läßt sich womöglich kunstimmanent beantworten. Ob man aber den Salon des Hauses um des effektvollen embellissement willen großflächig mit Wandspiegeln ausstatten und sich im atmosphärischen Zauber unendlicher Reflexionen dem geselligen Vergnügen und dem »Augenschmaus« der kleinen dekorativen Allegorien und Schäferszenen hingeben darf, die in dem Ensemble als Supraporten noch Platz gefunden haben, oder ob man statt dessen »Geist« zu beweisen hat, indem man auf den optischen Reiz der Spiegel verzichtet und statt dessen einem großformatigen Gemälde mit einer menschlich erhebenden Episode aus der Ilias den Vorzug gibt, ist anhand kunstspezifischer Kriterien schlichtweg nicht zu entscheiden. Ja, es läßt sich innerhalb des Systems Kunst noch nicht einmal entscheiden, was eigentlich »kunstspezifische« Kriterien sind und was nicht.
Schließlich geht es bei dieser Frage nicht darum, welche ästhetischen Präferenzen jemand, aus welchen Gründen auch immer, tatsächlich hat, sondern darum, welche er haben sollte und wie er sich deshalb den vielfältigen Angeboten der Kunst gegenüber angemessenerweise zu verhalten habe. Auf Fragen nach dem rechten Handeln aber antwortet man nicht mit kunsttheoretischen, sondern mit ethischen Begründungen. Kunstkritik ist deshalb grundsätzlich und wesentlich auf den Abgleich mit anderen gesellschaftlichen Wertsystemen angewiesen, und das wohlgemerkt auch dort, wo Kunst als autonom betrachtet wird. Das trifft auch auf das anfangs angeführte Beispiel aus Moskau zu. Schließlich dürfte die Argumentation Samodurows und seiner Sympathisanten ja wohl kaum lauten, daß im Schutzraum des Kunstmuseums nur deshalb alles erlaubt sei, weil sich hier nun einmal ein autonomes gesellschaftliches System gebildet habe. Weder ist Autonomie ein Wert an sich, noch versteht sich von selbst, wann ein soziales System als autonom zu bewerten ist bzw. wo genau die Grenzen verlaufen, die es vom nächsten autonomen Teilsystem trennen. Samodurows vollständige Argumentation müßte also plausibel machen, weshalb die Freiheit der Kunst eigentlich über den Werten rangiert, für die sich der orthodoxe Klerus mit seiner Anzeige bei der Staatsanwaltschaft eingesetzt hat. Dafür kann man in der Tat einige Gründe anführen, aber auch diese Gründe können nicht etwa ästhetischer, sondern müssen ethisch-politischer Natur sein.
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