Kitabı oku: «Tatort Heuriger»
Edith Kneifl (Hg.)
Tatort Heuriger
13 Kriminalgeschichten
aus Wien
Falter Verlag
© 2014 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.
1011 Wien, Marc-Aurel-Straße 9
T: +43/1/536 60-0, E: bv@falter.at, W: falter.at
Alle Rechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!
ISBN ePub:
978-3-85439-539-3
ISBN Kindle:
978-3-85439-549-2
ISBN Printausgabe:
978-3-85439-507-2
Herausgeberin: Edith Kneifl
Autorinnen und Autoren: Helga Anderle, Reinhardt Badegruber, Raoul Biltgen, Jacqueline Gillespie, Christian Klinger, Edith Kneifl, Lisa Lercher, Sabina Naber, Günther Pfeifer, Thomas Schrems, Sylvia Treudl, Thomas Askan Vierich, Günther Zäuner
Mit einem einleitenden Text von Florian Holzer
Lektorat: Helmut Gutbrunner
Umschlagdesign: Dirk Merbach
Die Handlung der folgenden Kurzgeschichten ist frei erfunden.
Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig.
Vorwort ~ Edith Kneifl
Vorwort
»Es wird a Wein sein und wir wern nimmer sein, drum gniaß ma ’s Lebn, so lang’s uns gfreut …“, sangen einst die legendären Schauspieler Hans Moser und Paul Hörbiger.
Der Heurige ist eine Ikone der Wienerinnen und Wiener. Mittlerweile entkommt aber auch kaum ein Tourist dieser altehrwürdigen Wiener Institution. Die meisten Stadtführungen enden heutzutage mit einem Heurigenbesuch.
Als Heuriger wird in Wien sowohl ein Jungwein als auch die Lokalität bezeichnet, in der Wein aus eigenem Anbau ausgeschenkt wird und meist auch allerlei Köstlichkeiten wie Kümmel- oder Surbraten, Liptauer- und Schmalzbrote als Unterlage für den Alkoholkonsum angeboten werden.
Beim Heurigen werden seit jeher nicht nur politische Ränke geschmiedet und gute Geschäfte gemacht, sondern auch so manche Ehen geschlossen oder geschieden.
Keine andere Attraktion wurde so oft besungen wie der Wiener Wein, die Weingärten und Heurigenorte am Rande der Stadt. Dabei ging es immer schon ein bisschen morbid und romantisierend zu. Einen beim Heurigen über den Durst zu trinken und sich dann dem Weltschmerz oder auch nur dem Liebeskummer zu ergeben gehört in Wien schon seit ewig zum guten Ton.
Diese unheilige Dreifaltigkeit, der Wein, die Liebe und der Tod, schrie förmlich nach einer weiteren Tatort-Anthologie im Falter Verlag.
Dreizehn namhafte Kriminalschriftstellerinnen und -schriftsteller nahmen sich diesem Heiligtum der Wiener Bevölkerung an.
Die meist selbst sehr trinkfesten Autorinnen und Autoren widmeten sich mit Begeisterung diesem Thema und recherchierten nicht nur im berühmten Grinzing, sondern auch in Nussdorf, Neustift, Stammersdorf, Hernals, in Oberlaa und Simmering und vielen anderen Heurigengegenden. Auch zwei Wiener Stadtheurige erregten das Interesse meiner Schriftstellerkolleginnen und -kollegen.
Wie viel inspirierende Achterl oder Vierterl beim Recherchieren nötig waren, habe ich nicht kontrolliert. Aber das Ergebnis hat mich überzeugt und wird Sie, liebe Leserinnen und Leser, hoffentlich amüsieren und Ihnen zugleich kalte Schauer über den Rücken jagen.
Genießen Sie die bösen, spannenden, humorvollen, auf jeden Fall aber weinseligen Kriminalgeschichten der prominenten österreichischen Krimiautorinnen und -autoren.
Ein Prosit der Gemütlichkeit singt zum Beispiel der Bertl-Onkel, als er wieder einmal unter dem Tisch liegt. Wer bsoffen ist, geniert sich net, und nüchtern ist es dann zu spät! Der Saddam von Oberlaa hat lange genug gewartet und nützt die stürmischen Tage in Stammersdorf und das Narrenwecken in Neustift am Walde für seine üblen Machenschaften. Die Cellospielerin vertraut auf das Pfand in ihrer Hand und den warmen Klang der D-Saite. Und ein Muttersöhnchen nimmt sogar vierundvierzig Stufen in Kauf, bis er endlich die weisen Worte der Marylin M. versteht: Rosarot. Solches sollte man beizeiten tragen.
„Es wird a Wein sein und wir wern nimmer sein …“
Viel Vergnügen wünscht Ihnen
die Herausgeberin Edith Kneifl Wien, im Mai 2014
Die Idylle trügt ~ Florian Holzer
Florian Holzer 
Die Idylle trügt
Weingärten, Holzbankerln, Kastanienschatten und das melodische Klingen der Henkelgläser, in denen der Gspritzte sprudelt. Alles nur Illusion.
Charlie Chaplin und sein grandioser Film »Der große Diktator«: Tomanien, ein grauer, düsterer Ort, voll von Hass, Furcht und Verfolgung, beherrscht vom Diktator Anton Hynkel und seinen Schergen. Das Nachbarland Osterlitsch indes idyllisch, voll von Musik, Liedern, Fröhlichkeit – und von Heurigen inmitten der landschaftlich malerisch gelegenen Weingärten, in denen sich all das Gute und Schöne zu Harmonie verdichtet.
Charlie Chaplin wusste natürlich, dass das nicht stimmte. Denn der Heurige mag sich oberflächlich betrachtet zwar tatsächlich als Idylle anbieten, mit seinem knirschenden Kiesboden, dem Duft welken Kastanienlaubs, dem absplitternden Lack der massiven Holztische, auf die das warme Herbstlicht fällt, der belebenden Schärfe frisch gerissenen Krens auf der gepökelten Rindszunge und dieser zauberhaft ominös-komplexen Würze des Gemischten Satzes. Und dazu das heitere Murmeln der Menschen, das ferne Klingen, wenn sie sich mit ihren dickwandigen Gläsern zuprosten.
Bei näherer Betrachtung indes ist der Heurige alles andere als ein Paradies, vielmehr ein Ort, an dem Krise, Verderben, Niedertracht und Häme ihre Heimat haben und das Übertreten von Gesetzen – geschriebenen wie ungeschriebenen – zum Alltag gehört.
Das beginnt bei Hintergehungen, an die sich der abgestumpfte Gast im Lauf der Jahrzehnte entweder schon gewöhnt hat oder die er in seiner nichtsahnenden Naivität hier einfach nicht für möglich hält. Man wagt es kaum auszusprechen beziehungsweise niederzuschreiben, aber – ich hoffe, Sie sitzen jetzt – der Liptauer wird bei Wiener Heurigen und Buschenschanken nicht immer nur mit Brimsen und Butter gemacht, weit gefehlt, oft enthält er auch Topfen und/oder Margarine!
Das ist schwer auszuhalten, ich weiß.
Aber es kommt noch dicker: Was Ihnen beim Heurigen als Gemischter Satz verkauft wird, ist keineswegs immer Wein, der aus Trauben vieler verschiedener Rebsorten, die da fröhlich in uralten Weingärten durcheinanderwachsen, gepresst wird. Nein – und jetzt halten Sie sich fest –, die Rebzeilen dürfen reinsortig auch nebeneinanderstehen!
Überhaupt gelten Moral und Anstand beim Heurigen sowieso gar nichts mehr. Sie hätten heute gern ein Bier oder einen Kaffee oder was Warmes zu essen? Kein Problem, können Sie haben. Was einst tabu war und mit Kerker oder zumindest gesellschaftlicher Ächtung bestraft wurde, ist in heutigen pragmatischen Zeiten längst zum Alltag geworden. Wer würde heute noch in Tränen ausbrechen, weil dort, wo einst der legendäre Lier war, inmitten der Heiligenstädter Weingärten, jetzt eine Designervilla im südfranzösischen Stil steht? Wer darob verzweifeln, dass der Kürassier-Hengl, der Metzger-Prillinger, der Mandahus geschlossen haben, dass der Wagner am Reisenberg eine Eventlounge wurde, der Schober-Köller unter Reihenhäusern begraben liegt, der Rieke-Humbs längst Geschichte ist und der Bacher auch nur mehr in unseren Erinnerungen lebt? Niemand, denn unsere Tränen sind längst versiegt.
Aber auch ohne Sarkasmus kann gesagt werden, dass der Heurige nicht immer nur ein friedlicher Ort beziehungsweise die Friedseligkeit nur eine vermeintliche war. Tatsächlich eignete sich der Heurige Dank der von Joseph II. erlassenen Zirkularverordnung und der damit quasi legitimierten Anarchie sehr für Verschwörungen aller Stilrichtungen. Die Heurigenszene war schließlich kaum noch kontrollierbar, jeder, der einen Weingarten besaß, durfte sein Wohnzimmer für ein paar Tage oder Wochen im Jahr zur Ausschank machen – ein Albtraum für Spitzel und von der Obrigkeit gedungene Spione.
Und die Tatsache, dass es sich zwischen Weinreben unerkannt gut flüstern lässt – die amerikanische Redewendung für vage Gerüchte, »I heard it through the grapevines«, hat zwar einen anderen Ursprung, könnte aber nicht besser passen –, nutzten die Wiener Bürger schon seit jeher für Besprechungen der konspirativen Art. So vermutet Hedwig Stoeger in ihrem Buch »Grinzing und seine Weingärten« aus dem Jahr 1923, dass Hadmar von Sunnberg, Heinrich von Kuenring, Paltram Varzo, Otte de Foro, Sigfrid Leubl und andere Edle ihre Weingärten letztlich auch für geheime Unterredungen nutzten, um König Ottokar wieder in Amt und Würden zu setzen.
Und dann kommt natürlich der Faktor Alkohol dazu. Der Heurige ist zwar heute ein Ort, an dem man sich ein Konglomerat aus Nostalgie, gebietstypischen Speisen mit Slow-Food-Appeal, regionalen Weinen und archaischer Gastronomie-Kultur einverleiben kann. Früher – und das ist noch gar nicht so lange her – war er aber vor allem ein Ort, an dem man sich am billigsten und unkompliziertesten einen Rausch umhängen konnte. Noch bis vor ein paar Jahrzehnten spielte das Essen tatsächlich kaum eine Rolle, das brachte man sich von zu Hause mit, besorgte es sich bei Kiosken vor Ort oder verzichtete einfach darauf. Die damals beim Heurigen getrunkenen Mengen sind heute kaum mehr vorstellbar, was natürlich einerseits daran lag, dass die Weine sehr viel leichter waren, andererseits daran, dass der Heurige unter dem Deckmantel der Weinlaubidylle als gesellschaftlich akzeptierte Form von Realitätsflucht galt. Ein soziales Ventil gewissermaßen. Raufereien, Messerstechereien oder andere Gewalttaten gehörten beim Heurigen vielleicht nicht ganz so zur Folklore wie etwa bei Kirtagen oder Bierfesten, dazu gilt die Droge Wein in ihrer Wirkung als zu »sozial«, werden aber wohl auch vorgekommen sein.
Jedenfalls ging einer der grausamsten und bizarrsten Mordfälle der Wiener Kriminalgeschichte als sogenannter »Heurigenmord« in die Chronik ein: 1952 beschäftigte Wiener Zeitungen und deren Leser der gewaltsame Mord am sogenannten »Schokoladekönig vom Alsergrund« Johann »Hans« Arthold. Er wurde in der Nacht zum 22. November 1952 mit eingeschlagenem Schädel und durchtrennter Kehle in seinem Geschäft auf der Alser Straße vorgefunden, intensive Ermittlungen ergaben recht bald, dass er den Abend davor mit der um einundzwanzig Jahre jüngeren Adrienne Eckhardt bei einem Heurigen in Grinzing verbracht hatte. Nachdem zwischenzeitlich noch von einem geheimnisvollen Fremden als Mörder gesprochen worden war, gestand das dreiundzwanzigjährige Animiermädchen nach zweiwöchigem Verhör, dass sie die Gelegenheit von Artholds Einladung zum Heurigen genutzt hatte, um sich an ihm dafür zu rächen, dass er ihr einige Zeit davor das Angebot gemacht hatte, mit einer Prostituierten »widernatürliche« Sachen zu machen. Sie deponierte zu diesem Zweck einen Fleischwolf Marke »Alexanderwerk« in seinem Geschäft, und als man sich nach dem Heurigenbesuch dorthin begab, um noch Bier aus Pappbechern zu trinken, zog sie ihm den Fleischwolf ein paar Mal über den Schädel. Und weil ihr der Röchelnde leidtat, holte sie ein Messer aus dem vorderen Teil des Ladens, um dem Leiden ein Ende zu machen. Die nach einem spektakulären Prozess ursprünglich auf lebenslänglich festgelegte Haftdauer wurde letztlich auf zwanzig Jahre reduziert, Adrienne Eckhardt, die »Mörderin mit dem Fleischwolf« oder auch »Mörderin mit dem Engelsgesicht«, wurde 1967 entlassen.
Der Heurige, der kann’s also schon auch. Die vermeintliche Idylle, in der niemand mit Bösem rechnet, in der niemand die Hand am Feitl hat, ist natürlich trügerisch; die mitunter entrische Lage am Stadtrand, bei den Weinbergen, mit kaum Zeugen, vor allem keine nüchternen, wirkt für manche ermutigend; der Wiener Gemischte Satz, der zwar nicht gerade als Rabiatperle bekannt ist, aber in der richtigen Dosierung wohl auch schon enthemmend wirken und Aggressionspotenzial verstärken kann, trägt das seine bei; die mitunter tausend Jahre alten Gewölbe und Weinkeller unter den Heurigen, kaum ausgeleuchtet und auch nur wirklich ganz selten besucht, scheinen der ideale Ort für Verbrechen der düsteren Art. Und dann singt der Typ an der Zither auch noch die ganze Zeit vom Tod. Wer da nicht auf Gedanken kommt …
Florian Holzer ist Lokalkritiker bei der Wiener Stadtzeitung „Falter“ und der Tageszeitung „Kurier“ sowie Redakteur des Lokalführers „Wien, wie es isst“ im Falter Verlag. Er schreibt für Gourmet-Magazine im In- und Ausland und ist stellvertretender Chefredakteur bei „Gault Millau“.
Lisa Lercher ~ Stürmische Tage
Lisa Lercher 
Stürmische Tage
Das Leben ist ungerecht
Nichts währt ewig. Das letzte Jahr hatte ihm seine Grenzen gezeigt. Wie bittere Medizin hatte er die Erkenntnis seiner eigenen Endlichkeit hinuntergewürgt, begonnen, sich in das Unvermeidliche zu fügen. Doch nun war alles anders. Er war wie Phoenix aus der Asche aufgestiegen, hatte unverhofft eine zweite Chance bekommen. Die würde er nützen, auch würde er einiges ändern. Das hatte er sich fest vorgenommen.
Er betrachtete die Frau an seiner Seite. Bald würden sie ihre Silberhochzeit feiern. Große Sonnenbrillen verbargen ihre Augen. Er lächelte sie an, wollte, dass sie diesen Tag genoss. Wie viel er ihr zu verdanken hatte, war ihm erst in seinen dunklen Stunden bewusst geworden. Er war sich nicht sicher, ob er an ihrer Stelle auch durchgehalten hätte.
Das Tor mit den metallenen Gitterstäben stand einladend offen. In steinernen Umrandungen blühten Dahlien, Astern und Tagetes. Zypressen warfen schmale Schatten auf den Weg.
Die Zwerchbreitelngasse trennte den alten vom neuen Teil des Friedhofs. Sein Blick fiel auf den Komposthaufen, auf dem Kränze und Bouquets verrotteten. Gleich gegenüber, ein paar Meter vom Eingang zum neuen Teil des Friedhofs entfernt, stand eine mächtige Platane, deren gezackte Blätter sich bereits verfärbten. Die Ausbuchtungen an ihrem schuppigen Stamm weckten Erinnerungen – an Eiterbeulen, Krankheit und Tod. Er schob sie energisch zur Seite, schritt rascher aus. Er hätte ihr diesen Abstecher ausreden sollen.
Das Familiengrab lag ganz oben, direkt vor dem vermorschten Bretterzaun, der sich zwischen Totenacker und Weinreben schob. Seine Frau nahm ein Grablicht aus ihrer Handtasche, entzündete den Docht mit ihrem Feuerzeug und stellte es in die Laterne.
Die in schwarzen Marmor gravierten Namen glitzerten golden. Vor ziemlich genau einem Jahr noch hatte er damit rechnen müssen, die kommenden Allerheiligen hier in Gesellschaft seiner verstorbenen Verwandten zu verbringen. Er wandte sich schaudernd ab. Seine Frau verschränkte die Finger ineinander und hielt den Kopf gesenkt. Betete sie?
Er ging die paar Schritte zum Hauptweg zurück, ließ, um auf andere Gedanken zu kommen, den fantastischen Ausblick auf sich wirken. Wie eine Kuppel wölbte sich das klare Herbstlicht über der Stadt. Im Vordergrund das zarte Gelb des Kirchturms und die hellroten Ziegeldächer der umliegenden Häuser, weiter hinten am Horizont schlängelte sich der Marchfeldkanal durch enges Grün. Neben der UNO-City stach der Donauturm in den Himmel, die Hochhäuser auf der Platte im Süden wirkten in der Weite des Beckens verloren. Schade, dass er den Fotoapparat zu Hause gelassen hatte.
Der Wind wehte Musikfetzen von der Kellergasse herüber. Er sehnte sich nach dem Trubel, der dort stattfand. Er hätte gern laut hinausgeschrien, dass er wieder da war, endlich wieder dazugehörte.
»Komm jetzt!«, sagte er und wippte ungeduldig mit dem Fuß. Seine Frau nickte, bückte sich und zupfte an einem Grashalm, der neben der Steinschale mit den Stiefmütterchen aus dem weißen Kies ragte.
Er deutete auf die Reklametafel, die die Stammersdorfer Kellergasse als schönste von Wien pries. »Grinzing hat auch seinen Reiz«, widersprach sie – mehr aus Prinzip, denn im Grunde war sie lieber hier.
Bevor er krank geworden war, hatte sie viele Nachmittage in den nördlichen Randbezirken Wiens verbracht. Sie war oft von Strebersdorf aus in den Hohlwegen, die die Lösshügel durchschnitten, unterwegs gewesen. Begleitet von quälenden Gedanken, hatten sie ausgedehnte Spaziergänge über Feldwege und Wiesen, manchmal bis hinauf zum Sender am Bisamberg geführt.
Es war ein Freitag gewesen, als sie bei einem Kaffee im Magdalenenhof beschlossen hatte, sich scheiden zu lassen. Sie hatte lange genug zugeschaut. Irgendwann musste einfach Schluss sein. Auch ihre Geduld hatte Grenzen.
Befreit, als ob ihr eine schwere Last von der Seele genommen worden wäre, war sie danach die Senderstraße hinunter zum Steinernen Kreuz gegangen. Dass das bunte Laub der Weinstöcke mit der Sonne um die Wette leuchtete, hatte sie für ein gutes Omen gehalten.
Die Atmosphäre des Weinfests in der Stammersdorfer Kellergasse, das über die Bezirksgrenzen hinaus als »Stürmische Tage« bekannt war, erinnerte ihn an die Kirtage seiner Kindheit. Der milde Herbsttag hatte viele an den Stadtrand gelockt. Er griff nach der Hand seiner Frau, um sie nicht in der Menge zu verlieren, und ließ sich mit ihr vom Besucherstrom treiben. Paare und Familien flanierten mit Kinderwagen und Hunden durch die Gasse. Er lächelte einem kleinen Mädchen zu, das die Schnur seines Hello-Kitty-Folienballons umklammerte. Vor einem abgewitterten Kellertor wurden Maroni und Kartoffelscheiben gebraten. Ein paar Meter weiter stand eine Vitrine mit Aufstrichbroten auf Papptellern. Appetitlich angerichteter Liptauer, Eiersalat und Grammelschmalz ließen ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Am liebsten hätte er die Finger der Reihe nach in die vollen Schüsseln gesteckt und abgeschleckt, so wie er es früher als Kind gern getan hatte, wenn die Mutter gerade nicht aufpasste. »Hast du Hunger?« Seine Frau verneinte. Sie hatte seine Hand losgelassen und kontrollierte das Display ihres Handys.
»Hat jemand angerufen?« Seine Frau schüttelte den Kopf. Sie schien ihm bedrückt. Womöglich lag es an den vielen Menschen? Er wusste, dass sie sich im Gedränge unwohl fühlte. Gern hätte er sie mit seinem Elan und seiner unbändigen Lebenslust angesteckt.
Sie hätte daheim bleiben sollen. Diese Horde Vergnügungssüchtiger, die sich durch die Kellergasse schob, war ihr zuwider. Sie verdarb den Zauber, den die alten Weinkeller, eingerahmt von Liguster, Holunder oder Heckenrosen, an ruhigen Tagen auf sie ausübten. Selbst die bunten Kellerstöckel, die sich rechts und links der Gasse an die Hänge drängten, erschienen ihr heute kitschig. Kein Vergleich zur Atmosphäre im Spätherbst, wenn sich skelettierte Rebstöcke in feuchtkalte Nebelschleier hüllten. Als wären sie zum Luftschnappen aus verfallenen Kellern gekrochen – so war es ihr manchmal vorgekommen.
Verfallen hatte auch er gewirkt, damals, als er ihr den Befund hinhielt. Sie war fest entschlossen gewesen, ihn an diesem Abend mit ihren Scheidungsabsichten zu konfrontieren. Während er verzweifelt mit seinem Schicksal haderte, hatte sie ihr Vorhaben verschoben. Er hatte ihr leid getan, als er ohne Panzer mit einem Mal schutzlos vor ihr stand.
Er deutete zu einem Weinfass, das zum Stehtisch umfunktioniert worden war. Gerade waren zwei Plätze frei geworden. Letztes Jahr hatte er die »Stürmischen Tage« ausfallen lassen müssen. Geschwächt von der Chemotherapie war er froh gewesen, wenigstens die Hühnersuppe bei sich zu behalten. Nach süßem, prickelndem Sturm, der so herrlich beschwingt macht, war ihm damals nicht gewesen. Nun freute er sich auf das erste Glas. »Mahlzeit«, prostete er ihr zu. Sie hatte sich einen Riesling bestellt.
Es hatte lange gedauert, bis sie eingesehen hatte, dass einer wie er sich nicht ändern würde. Sie hatte alles versucht – ihm Vorhaltungen gemacht, getobt, still gelitten, sogar probiert, seine Weibergeschichten zu ignorieren. Aber es hatte jedes Mal wehgetan, sogar noch nach mehr als zwanzig Ehejahren. Ihr Blick fiel auf das vergitterte Fenster des Weinkellers, das eine schmiedeeiserne Rebe zierte.
Sie musterte ihn von der Seite. Für einen, der sein Ablaufdatum überschritten hatte, sah er reichlich fidel aus. Auf die Ärzte im richtigen Leben war kein Verlass. Deshalb hatte sie gegoogelt und sich beim Netdoktor schlau gemacht. Als geheilt galt man erst nach fünf Jahren. Wollte sie so lange warten? Natürlich wäre sie als Witwe besser dran als nach einer Scheidung. Aber was, wenn er gesund blieb, noch ein langes Leben vor sich hatte? Er tätschelte ihren Arm. Sie bestellte sich noch einen Riesling.
Er hatte gebrannte Mandeln gekauft und steckte sich eine davon in den Mund. Es knackte, als er hineinbiss. Sie dachte an Schwarze Witwen und an Blausäure. Man könnte ihn mit kleinen Dosen Arsen vergiften. Damit waren einige vor ihr schon erfolgreich gewesen. Als er ihr das Stanitzel mit den Mandeln anbot, griff sie zu. Die mit karamellisiertem Zucker überzogenen Kerne waren noch warm.
Eine vollbusige Blondine im Dirndl drängte sich an ihm vorbei. Karola hatte ihm eine SMS geschickt. Bis jetzt hatte er noch nicht darauf geantwortet. Vielleicht würde er ihr später schreiben. Verdient hatte sie es nicht. Er verübelte ihr, dass sie so einfach den Kontakt abgebrochen hatte, nur weil sie mit seiner Diagnose nicht zurechtgekommen war. Schließlich war es sein Krebs gewesen … wenn er aber an ihren süßen Arsch dachte, den aufreizenden Schmollmund … Er rief sich zur Ordnung. Hatte er nicht seiner Frau versprochen, dass in Zukunft alles anders werden sollte? Er ein besserer Ehemann sein würde? Sie griff erneut in das Stanitzel mit den Mandeln. Er nahm es als Zeichen, dass sie langsam Gefallen an dem Ausflug fand.
Sein Blick in das Dekolleté der Blondine war ihr nicht entgangen. Das Mädel hat eine entfernte Ähnlichkeit mit Karola, dachte sie. Am liebsten hätte sie ihm die süße Mandel in ihrem Mund ins Gesicht gespuckt. Oder ihm den Rest ihres Rieslings über den Kopf gekippt, damit das aufreizende Grinsen um seine Mundwinkel endlich verschwand. Glaubte er wirklich, dass sie nichts von der SMS wusste, die ihm Karola, dieses Flittchen, geschickt hatte? Sie kontrollierte sein Handy regelmäßig, sah auch in seinen E-Mails nach. Mit seinen Treuegelübden war es nicht weit her. Sie hatte es von vornherein geahnt. Trotzdem war sie dumm genug gewesen, ihm zu glauben, als er, den Infusionsbeuteln der Chemotherapie ausgeliefert, hilflos vor ihr lag. Hatte man nicht oft genug von Fällen gehört, in denen ein naher Tod vieles änderte? Außerdem schlief er wieder regelmäßig mit ihr – auch wenn sie nicht alle seiner bevorzugten Praktiken mochte. Die Hoffnung starb immer zuletzt.
Ihre Enttäuschung schlug in flammenden Ärger um. Wozu hatte sie sich solche Mühe gegeben, hingebungsvoll die treusorgende Ehefrau gespielt? Wahrscheinlich hatte sie ihn irgendwie immer noch geliebt. Seine hilflose Anhänglichkeit hatte sie gerührt. Jetzt, im Nachhinein, hasste sie sich für ihre Schwäche.
Als er zum Aufbruch drängte, kamen ihr die Hohlwege in den Sinn. Manche der Lösshänge waren abrutschgefährdet, hatte man ihr erzählt. Man könnte … nach einer längeren Regenperiode … Sie verwarf den Gedanken. Der spontane Einfall barg zu viele Unsicherheiten.
Der Duft nach Zuckerwatte weckte Kindheitserinnerungen. Die Zentrifuge wirbelte eine rosa Wolke auf den Holzstab. Er hätte ihr gern die gebauschte Süße in kleinen Fetzen in den Mund geschoben und damit die Säure ihrer Übellaunigkeit neutralisiert. Sie sollte sich mit ihm freuen, das Leben genießen. Hatte sie schon vergessen, wie schnell sich alles ändern konnte?
Was wohl in ihrem Kopf vorging? Sie sah so nachdenklich aus. Vielleicht heitert sie ein Besuch bei ihrem Lieblingsheurigen auf?, überlegte er. Der Föhrenbusch, der anzeigte, dass »ausg’steckt« war, war bereits in Sicht. Er hoffte, dass sich im Garten noch ein Plätzchen fand – vielleicht sogar unter einem Nussbaum, mit dem Bisamberg als stimmungsvoller Kulisse.
Das Lokal war voll – sie mussten sich eine andere Einkehrmöglichkeit suchen. Er überließ ihr die Wahl. Wollte sie in Tom’s Torkelkeller, zum 100 Eimer, zur Christl, in den Dornröschenkeller …? Sie zuckte die Schultern. Während der »Stürmischen Tage« war in Stammersdorf überall viel los. Sie entschieden sich für das Lokal schräg gegenüber, erklommen die Stufen zur Terrasse. Auch hier waren die Bänke an den langen Holztischen mehrheitlich besetzt. Er dirigierte sie in den hinteren Bereich, wo noch etwas frei war – von hier aus sah man auf die Kellergasse hinunter.
Sie saßen mit zwei Ehepaaren am Tisch, die offensichtlich befreundet waren. Die Männer wirkten trinkfest oder sahen zumindest so aus. Die Frauen teilten sich ein Schweinsbratenbrot.
Er hatte eine Unterhaltung mit den Männern begonnen, seine Kindheit und Jugend in Floridsdorf aufleben lassen. Sie kannte die alten Geschichten und sah gelangweilt auf das bunte Treiben in der Kellergasse. Die Sonnenbrille hatte sie aufbehalten. Der Kren auf dem Schweinsbratenbrot der Frauen biss ihr in den Augen.
Ihr Mann hatte sich ein Blunzngröstl von der Theke geholt. Er schob ihr den Teller hin. Sie nahm einen Bissen. Er würde ja doch keine Ruhe geben, bevor sie nicht gekostet hatte. Er schmatzte genüsslich. Es widerte sie an. Allein die Art, wie er sich das Essen ins Gesicht stopfte – sie unterdrückte den Impuls, ihn zu stoßen, damit ihm die Gabel in den Gaumen fuhr. Sie malte sich aus, wie er sich verschluckte, panisch nach Luft schnappte, blau anlief und, während sie seine Hand hielt, röchelnd sein Leben aushauchte …
»Hast du wirklich keinen Hunger, Mausi?«
»Nein.« Sie wandte sich ab, wollte nicht, dass er Schlüsse aus ihrer Miene zog.
Er hatte sie zu einem Fluchtachterl überredet, nicht hier, sondern auf dem Rückweg, beim Heurigen mit der alten Weinpresse im Vorgarten, wollte er es trinken. Sie hatte zugestimmt, obwohl sie den Riesling bereits spürte. Sonst trank sie nie so viel. Auch er war schon reichlich beschwingt. Das Auto würde man oben beim Friedhof stehen lassen. »Ich muss noch kurz wohin«, ließ sie ihn wissen. Er schloss sich ihr an. Ganz Gentleman, ging er die schmale, steile Betonstiege, die zu den Toiletten führte, voraus.
Der Wind hatte ein paar Blätter in den Abgang geweht. Sie ging vorsichtig, denn die Stufen waren feucht. Mit einem Mal verlor sie den Halt, schwankte und drohte zu stürzen. Sie griff nach dem Hemd ihres Mannes, krallte sich daran fest.
Er fluchte, als er das Geländer zu fassen bekam. »Spinnst du?«, blaffte er sie an.
Ihre Knie zitterten, sie stammelte eine Entschuldigung. »Ich bin ausgerutscht.«
Sein erschrockener Ärger wich ritterlicher Besorgnis. »Ist ja noch einmal gutgegangen«, winkte er ab.
Auch das wäre eine Möglichkeit gewesen, dachte sie, als sie sich die Hände wusch. Es war nicht einmal schwierig gewesen. Aber könnte sie es absichtlich tun? Zusehen, wie er taumelte, die Stufen hinunterkollerte und sich dabei den Hals brach? Sie spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und ließ den Strahl über die Handgelenke laufen.
Das Gedränge in der Kellergasse war schlimmer geworden. Mehrmals fürchtete sie, bald endgültig festzustecken, ausharren zu müssen, bis sich die Ersten entschlossen, endlich nach Hause zu gehen. Klaustrophobische Ängste pressten ihr den Schweiß aus den Poren. Sie wandte unwirsch den Kopf, als sie das Zupfen am Ärmel spürte – hielt es im ersten Moment für die Zudringlichkeit eines Betrunkenen. Doch es war ihr Mann, der zu einem der Keller hindeutete. Er hatte Bekannte entdeckt und zog sie an der Hand zu einem begrünten Vorplatz mit Stehtischen. Sie kannte das Paar, er war ein Geschäftsfreund ihres Mannes. Die Männer organisierten Getränke. »Krixikraxi«, sagte der Geschäftsfreund, »Mahlzeit«, antwortete ihr Mann, als er sein Sturmkrügerl hob. Die Frauen hatten sich für den Gemischten Satz entschieden. Ein Riesling wäre die bessere Wahl gewesen.
Ein paar Keller weiter spielte eine Kapelle auf. Die Unterhaltung war schon zuvor schleppend gewesen, die Blechbläser brachten sie endgültig zum Erliegen. Sie versuchte, ihrem Mann zu verstehen zu geben, dass es Zeit war, sich zu verabschieden. Doch er war abgelenkt. Am Nebentisch war ein Streit ausgebrochen. Er drohte zu eskalieren. Ihr Mann ging auf einen der Kontrahenten zu, legte ihm eine Hand auf den Arm. Was mischte er sich ein?, dachte sie, bevor sich ihre Augen weiteten. Es war vermutlich ein Weinkrügerl gewesen, das ihren Mann getroffen hatte. Wie ein blitzender Pfeil war es in seine Richtung geflogen, abgeprallt und irgendwo auf dem Wiesenfleck gelandet. Ihr Mann griff sich an den Kopf, bevor er taumelnd zu Boden sackte. Ein schrilles Lachen entfuhr ihrem Mund, schneller, als sie es mit der Hand ersticken konnte. Dieser Unfall war einfach absurd. Dann besann sie sich darauf, was man von einer Ehefrau wohl in einer solchen Situation erwartete, kniete sich zu ihrem Mann hin und barg seinen Oberkörper in ihrem Schoß. Blut tropfte von der Wunde auf ihre helle Strickjacke. Der Geschäftsfreund ihres Mannes beugte sich zu ihr. »Die Rettung ist gleich da«, sagte er.
Sechs Wochen später:
Sie schob ihre neue Sonnenbrille in das frisch blondierte Haar. Die Spätherbstsonne fiel auf die bunten Gestecke und Blumenschalen, mit denen die Gräber zu Allerheiligen geschmückt worden waren. Auch ihm würde sie beim nächsten Mal gelbe Chrysanthemen oder altrosa Erika bringen. Eine Böe wirbelte Platanenblätter über den Weg. Sie zog den Mantel enger um ihr schwarzes Kostüm.
Er hatte lange gekämpft. Nach zwei Wochen künstlichen Tiefschlafs war er langsam aus dem Koma geholt worden. Eine Sprachstörung und die Lähmung der rechten Hand blieben als Folgeschäden des Schädel-Hirn-Traumas zurück. Wer das Weinkrügerl, das an allem Schuld war, geworfen hatte, war nicht festzustellen gewesen.
Sie witzelte, dass er im Sternzeichen bestimmt Kater war und jetzt zwei seiner sieben Leben verbraucht habe. Insgeheim jedoch war sie verzweifelt. Mit seinen Gebrechen würde er im Alltag nun noch mehr auf sie angewiesen sein. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Es musste doch irgendeine Möglichkeit geben, sich einer solchen Zukunft zu entziehen.
Das Schicksal meinte es gut mit ihr. Ein schwerer grippaler Infekt zwang ihn, wenige Tage nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, erneut ins Bett. Er fieberte hoch. Diesmal packte sie die Gelegenheit beim Schopf. Sie wusste, dass sich so bald keine bessere bieten würde. Sie flößte ihm ein Schlafmittel ein, zog die Daunendecke zur Seite und riss das Fenster auf. Die kalte Zugluft würde den Rest besorgen. Er starb vier Tage später an einer Lungenentzündung.
Sie ging die Gräberreihen entlang zum schmiedeeisernen Tor. Die gut gemeinten Angebote, sie zu begleiten, hatte sie erfolgreich abgewehrt. Sie wollte noch ein wenig mit ihm allein sein, hatte sie behauptet und am offenen Grab gewartet, bis die zur Tafel geladenen Gäste vorausgegangen waren.
Die Rolle der trauernden Witwe hatte sie überzeugend gespielt. Sie würde ihn tatsächlich vermissen, ein bisschen zumindest, hatte sie während des Requiems gedacht. Mehr als zwanzig Ehejahre hinterließen Spuren.
Sie atmete durch, war zufrieden, fast ein wenig stolz auf sich. Sie zog das Handy aus der Tasche. Er hatte ihr eine SMS geschickt. Treffen würde sie den Zimmernachbarn ihres Mannes, den sie im Raucherraum des Krankenhauses kennengelernt hatte, erst in ein paar Tagen. Das verlangte der Anstand. Das Gerede im Freundeskreis würde sich sowieso nicht vermeiden lassen.
Sie zog ihre Handschuhe von den Fingern und steckte sie in die Handtasche. Dabei fiel ihr Blick auf den Ehering, den sie immer noch trug. Sie beschloss, dieses Relikt aus ihrem früheren Leben abzustreifen. Am besten gleich.
Sie mühte sich, zog und drehte, doch der Ring wollte einfach nicht von ihrem Finger gleiten. Seife würde helfen, Vaseline oder Öl, zur Not auch das Gleitmittel, das in ihrer Nachttischschublade lag. Sie betrachtete den Ring. Er blitzte in der Sonne, funkelte, als wollte er sich über sie lustig machen. Einen Moment lang meinte sie, das spöttische Lachen ihres Mannes zu hören.
Angespornt von wachsendem Unmut, unternahm sie einen neuen Anlauf, sich der lästigen Fessel an ihr altes Leben zu entledigen. Sie ballte die Finger ein paar Mal zur Faust – sie neigte zu Ödemen –, griff dann mit Daumen und Zeigerfinger zu, ruckte und drehte, schob und zog.
Am Tor stieß sie beinahe mit einer alten Dame zusammen, die sich schwer auf ihren Stock stützte. Sie entschuldigte sich und ließ der alten Frau den Vortritt. Gleich neben dem Komposthaufen war ein Mercedes mit einer schwarzen Nummerntafel geparkt. Die alte Dame schloss die Autotür auf und kletterte umständlich hinter das Lenkrad.
Dass die noch einen Führerschein hat, wunderte sie sich, bevor sie sich abwandte und erneut versuchte, ihren Finger vom Ehering zu befreien. Als er endlich über das Gelenk flutschte, war sie schon nicht mehr darauf gefasst gewesen. Mit einem hellen Pling fiel er auf den Asphalt, kollerte über den Wegrand und blieb schließlich im Schotter vor der mächtigen Platane liegen. Sie fluchte leise.
Der Motor des Mercedes brummte, als sie sich bückte, um den Ring aufzuheben. Er entglitt ihr neuerlich. Wieder glaubte sie, ihren Mann hämisch lachen zu hören. Sie spürte Unmut in sich aufsteigen. In ihrer Zukunft war kein Platz mehr für ihn.
Sie stützte sich mit der Hand an einer Ausbuchtung des Baumstamms ab und ging in die Hocke. Auf die Bewegung, die den Rand ihres Gesichtsfelds streifte, achtete sie nicht. Endlich bekam sie den Ring zu fassen, hob ihn auf und blies den Staub von ihren Fingern. Sie betrachtete ihn triumphierend. »Siehst du«, murmelte sie und dachte dabei an ihren Mann. Er konnte nichts dagegen tun, sich höchstens im Grab umdrehen, dachte sie und seufzte zufrieden.
Nun endlich bemerkte sie aus den Augenwinkeln auch den Schatten. Der Wagen der alten Dame rollte im Retourgang langsam in ihre Richtung. Instinktiv drückte sie sich eng an den Stamm der Platane. Die eben noch verspürte Euphorie wich wachsender Panik. Wie ein von der Schlange hypnotisiertes Kaninchen starrte sie auf die schwarze Nummerntafel. Das Auto näherte sich ihr im Zeitlupentempo. Immer noch kauerte sie unbeweglich neben dem Baum. Die Auspuffgase machten sich mit einem Kratzen in ihrer Kehle bemerkbar. Sie spürte die Vibration, die das dumpfe Brummen des Motors auf ihrer Haut hinterließ. Unfähig, sich zu wehren, erwartete sie das Unausweichliche. Dann kam der Wagen zum Stehen. Das Brummen des Motors erschien ihr mit einem Mal beruhigend. Sie schluchzte auf, konnte ihr Glück kaum fassen. Manchmal war das Leben eben doch gerecht.
Ihre Knie zitterten. Als sie versuchte, sich aufzurichten, versagten ihr die Beine den Dienst. Sie sah das grinsende Gesicht ihres Mannes vor sich. Plötzlich sprang der Mercedes mit einem Satz nach hinten, wie ein Raubtier, das seine Beute anfällt. Als das kalte Blech der Stoßstange ihre Wange berührte, schüttete ihr Körper Endorphine aus. Vom Bersten ihres Schädels, der gegen die Ausbuchtung am Stamm gedrückt wurde, nahm sie nichts mehr wahr.
Die »Stürmischen Tage« sind ein Weinfest in Stammersdorf, sie finden traditionell an einem Wochenende im Oktober statt. www.weinort-stammersdorf.at
Raoul Biltgen ~ Salz
Raoul Biltgen 
Salz
Ein Prosit der Gemütlichkeit
Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit …«
Ruhe.
»Ein Prosit, ein Prohosit …«
Ruuhee.
»… der Gemütlichkeit.«
Klappe halten, still sein, Ruhe bitte jetzt, es reicht.
»Schenkt ein, trinkt aus …«
Oh nein, nicht das auch noch.
»… schenkt ein, trinkt aus.«
Die kennen auch noch die Strophe. Niemand kennt die Strophe. Die kennen sie. Und nach der Strophe kommt was?
»Ein Prosit, ein Prosit …«
Der Refrain.
»… der Gemütlichkeit.«
Und das Problem bei dem Lied ist ja, dass es kein Ende hat. Es geht weiter und weiter und weiter, bis alle unter dem Tisch liegen vor lauter Zuprosten und Einschenken und Austrinken.
»Ein Prosit, ein Prohosit …«
RUUUUUUHEEEEEE.
»… der Gemütlichkeit.«
Sie hören mich nicht.
Natürlich hören sie mich nicht.
Nie hört mich wer.
Nie werde ich gehört.
Ich kann sagen, was ich will, und schreien, so viel ich will, es reagiert einfach niemand. Denn ich werde nicht gehört. Zu viel Salz im Mund, da dringt nichts nach außen. Aber nach innen, in die Ohren, die stopft mir kein Salz der Welt. Ich hätte ja kein Problem damit, wenn ich sie nicht hören würde, dann könnten sie meinetwegen so lange und so laut und so falsch singen, wie sie wollen, wenn ich sie nicht hörte.
Aber ich höre sie.
»Ein Prosit, ein Prosit …«
Immer wieder und wieder und wieder.
»… der Gemütlichkeit.«
Eben, der Gemütlichkeit. Das ist es doch, was ich will, Gemütlichkeit. Ein bisschen Frieden. Nicht, dass sie jetzt mit dem Lied anfangen sollen, nein. Meinen Frieden. Meine Ruhe. Ein wenig Schlaf, wohlverdienten Schlaf.
Wie heißt es doch so schön: Und das ewige Licht leuchte ihm.
Ja, auch, aber das habe ich nicht gemeint, und dieser fromme Wunsch bleibt mir auch verwehrt. Ich dachte an: Er ruhe in Frieden.
Ich ruhe nicht in Frieden.
Ich rege mich auf.
Wie lange das wohl noch so geht?
Was haben wir jetzt eigentlich? Noch Winter? Schon Frühling? Keine Ahnung. Mein Wärmeempfinden war auch schon mal besser. Und sehen tu ich ja nichts. Salz, Salz, Salz, überall nur Salz, man könnte meinen, ich befinde mich in einem Salzbergwerk, so viel Salz ist um mich herum.
Aber wie sollte ich in ein Bergwerk gekommen sein?
Nein, ich befinde mich in einem Fass.
In einem Salzfass.
Nicht in einem dieser Salzfässchen, wie sie auf den Tischen der pipifeinen Restaurants rumstehen, denn da würde ich wohl kaum reinpassen, sondern in einem richtigen Fass. Und was ist noch in dem Fass, außer mir?
Richtig, Salz.
Salz, Salz, Salz.
Wäre ich ein Kumpan von vor zweitausend Jahren, ich wär reich.
Hätte aber auch nichts mehr von meinem Reichtum.
Außer dass ich mich konserviere.
In Salz eingelegt.
Gepökelt.
Heißt pökeln in Salz einlegen?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß es nicht mehr.
Dabei wusste ich so was mal. Solche Dinge wusste ich. Ich vergesse in letzter Zeit recht viel, mir schwindet der Verstand, möchte man fast sagen. Plötzlich weiß ich nicht mehr, was der Fachbegriff für »in Salz einlegen« ist. Kommt auch nicht mehr zurück. Was einmal verloren ist, ist weg.
So scheint es.
Wie ich.
Aber wissen Sie, was der Witz ist?
Nein, nicht dass ich Sie anspreche, obwohl Sie mich gar nicht hören können, nein. Dass ich in Salz eingelegt wurde, damit ich mich besser halte. Damit ich nicht verfaule.
Und warum soll ich nicht verfaulen?
Damit ich nicht stinke, so einfach ist das, denn das Fass, in dem ich mich befinde, steht eigentlich ganz idyllisch – kann man nichts sagen, da hätte ich es schlimmer treffen können – als dekorativer Stehtisch im Schatten einer uralten und windschiefen Akazie im Hof eines Wiener Heurigen. Kennen Sie Pötzleinsdorf? Da gibt es einen Heurigen, Pötzleinsdorfer Straße, den Heurigen Pötzleinsdorf, sehr nett, kann man nichts sagen, noch so einer vom alten Schlag, einer, der sich noch nicht dem Massentourismus mit Pseudo-Biedermeier-Nostalgie anbiedert. Und da ja jetzt so langsam die Schanigartensaison starten dürfte, darf ich natürlich nicht stinken in meinem Fass, wo doch direkt daneben der Wein die Kehlen hinuntergeschüttet und die Sonne genossen wird, von der ich wohl kaum was mitbekommen werde, ich sehe sie ja nicht. Ob sich mein Salz dazu erwärmen wird, sich für mich zu erwärmen?
Man weiß es nicht.
Ich weiß es nicht.
Und dann schmettern die Touristen aus Deutschland, ja, genau, die Piefke, ihre Sauflieder in den Himmel, dass einem der Schauder den Rücken hinabläuft.
Nein, das tut es nicht, wie auch, ich habe ja keinen Rücken mehr. Keine Ahnung, wo mein Rücken geblieben ist. Schon seltsam, sein Leben lang ist man ein ganzer Körper, und dann, wenn plötzlich nur mehr der Kopf übrig ist, spricht man von sich doch immer noch als von etwas Ganzem. So, als wäre der Rest nicht wichtig gewesen. Aber vielleicht war der Rest ja auch nicht wichtig. Rücken, wozu? Um Rückenschmerzen zu haben? Und dieses ewige Rumgeeiere, man müsse Rückgrat haben. Nein, muss man nicht. Köpfchen muss man haben, darauf kommt es an. Und ohne Nieren, die Steine ansetzen, oder Leber, die fett wird, oder Herz, das entweder zu schnell oder zu langsam oder gar nicht schlägt, lebt es sich ganz gut. Außer natürlich … Geht es doch ganz gut.
Wenn ich allerdings Hände hätte, die an Armen wären, könnte ich mir das Salz aus dem Mund schaufeln und schreien, die Trunkenbolde da draußen sollten doch endlich ihre Klappe halten. Da freut man sich, dass man nicht in einem dieser unsäglichen Touristenheurigen in Grinzing gelandet ist, und was passiert? Der Geheimtipp aus dem Achtzehnten wird plötzlich entdeckt. Von wem? Von allen. Wahrscheinlich fühlt sich mal wieder einer dieser unaufgefordert fleißigen Reiseführerautoren gemüßigt, den lieben Gästen aus aller Herren Länder die bisher unentdeckten Seiten Wiens aufzuschwatzen. Und schon rennen sie hin, die braven Touristen, denn sie wollen ja immer das Exklusive und wissen dabei nicht, dass es gerade dadurch jede Exklusivität verliert. Und die Einheimischen flüchten. Zum nächsten Geheimtipp, den sie nur unter der Hand weitergeben, bis …
Dabei darf ich nicht meckern, ich bin doch auch kein Einheimischer. Ich wär gern einer, ich würde gerne als ein solcher angesehen werden. Das passiert aber nicht, da mach ich mir nichts vor. Wenn ich besoffen bin, rutsche ich in so eine Art pseudowienerisch. Aber der Wiener erkennt mich als das, was ich bin. Ein Ausländer. Ein Alien. Ein Fremdkörper. Einer, der auf keinen Fall Kenntnis vom neuesten Geheimtipp hätte erlangen dürfen.
Aber nun kann ich mich nicht mehr besaufen. Selbst wenn einer der Betrunkenen draußen eine ganze Flasche Wein über meinem Fass ausleert und der Wein durchsickerte, das Salz würde verhindern, dass auch nur ein Tropfen meinen Gaumen benetzte.
Und dabei bin ich so durstig.
Komisch, dass man als Kopf durstig sein kann, nicht? Da ist ja kein Körper, der noch Flüssigkeit bräuchte. Phantomdurst. So wie die Phantomschmerzen. Mein ganzer Körper schmerzt. Egal, wo er gerade ist. Ich nehme mal an, er ist gerade an vielen verschiedenen Orten, denn wozu sollte man den Kopf abtrennen, wenn man dann den Rest beisammen lässt. Und das ist schon seltsam, nicht zu wissen, wo Arme und Beine geblieben sind. Vielleicht liegt ja mein rechter Fuß im Fass nebenan. Oder aber er treibt gerade die Donau hinunter und landet dann im Meer. Welches Meer ist das nochmal? Das türkische Meer? Es ist mit Sicherheit nicht das türkische Meer, aber es fällt mir jetzt nicht ein, wie dieses Meer heißt, in dem mein Fuß rumplanscht. Und meinem Fuß ist es auch egal, wie es heißt, der hat’s gut, lässt sich von den Fischen und den Krabben anknabbern, bis er nur mehr Knochen ist.
Die Frage aber, die Sie sich jetzt wahrscheinlich stellen, ist, wie ich, respektive mein Kopf, in dieses Fass im Heurigen Pötzleinsdorf gekommen bin.
Die Frage hingegen, die ich mir stelle, ist, wie es möglich ist, dass ich Ihnen diese Frage stelle. Und sei es auch nur hypothetisch, da ich ja weiß, dass Sie mich nicht hören können. Aber irgendeinen Gesprächspartner muss man sich ja suchen, so auf Dauer.
Mit anderen Worten: Ist es wirklich so, dass ein von seinem Körper abgetrennter Kopf noch lustig vor sich hindenken kann?
Und was bedeutet das? Für mich. Und für Gott.
Heißt das, ich werde bis in alle Ewigkeit hier rumliegen und denken und denken und denken? Und genervt sein von grölenden Touristen? In der Hoffnung, dass irgendwann irgendwer auf die Idee kommt, mein Fass, weil es im Weg steht, umzustellen, dann fällt es hin und ich kullere raus. Mein Kopf kullert raus.
Und wenn dem so ist, heißt das, es gibt ein Leben nach dem Tod? Oder ist das, was ich hier tue, nicht das, was man gemeinhin unter Leben versteht? Nein, ist es nicht. Und doch, es wirft ja die Frage auf nach dem Dings, wie heißt das jetzt gleich?, diese besondere Art von Koma, wo man in seinem eigenen Körper gefangen ist, alles mitbekommt, aber niemand sonst bekommt mit, dass man alles mitbekommt. Das ist doch auch Leben, nein? Und alle, die tot sind und von denen noch ein paar Überreste vorhanden sind, befinden sich in diesem Zustand? Das ist ja schrecklich. Die alten Mumien? Seit Tausenden von Jahren denken die so vor sich hin? Und haben nichts davon? Denken die toten alten Ägypter eigentlich dann in Hieroglyphen? Wäre interessant, es gibt ja nicht unbedingt altägyptische Zeichen für alles, was es gibt. Jetzt, meine ich. Was es damals noch nicht gegeben hat. Handys. Heurige. Gacksackerl.
Und ist es dann das, was die Lebenden Hölle nennen?
Oder doch nur Fegefeuer?
Und wenn es eine Hölle gibt, gibt es dann einen Himmel?
Und wie sieht der aus?
Der Himmel ist das endgültige Aufhören. Das Ende von allem. Endlich Ruhe. Endlich Friede. Nichts.
»Jetzt trink mer noch a Flascherl Wein, hollaria ho. Es muss ja nicht das letzte sein, hollaria ho.«
Es hätte mich ja gewundert. RUUUHEEE.
»Jetzt trink mer noch a Flascherl Wein, hollaria ho …«
BIIITTEEE.
»… Es muss ja nicht das letzte sein, hollaria ho.«
Warum hören die nicht auf mich, ich schreie doch weiß Gott laut genug?
Richtig, weil sie mich nicht hören können, weil ich Salz im Mund habe, alles voller Salz, verdammtes Salz, ich hasse Salz, das ist doch nicht gut für den Blutdruck, und auf hunderttausend bin ich eh schon die ganze Zeit, und für die Haut ist das auch nichts, das trocknet sie aus, das weiß man doch.
Wissen Sie, was das Witzige ist? Oder nicht das Witzige, sondern das, was witzig ist, weil es witzig ist, dabei aber gar nicht witzig sein wollte. So was, wo einen das Schicksal in den Arsch tritt. Dafür gibt es ein Wort. Die Dings an dem Ganzen, sagt man. Egal.
Dass der Heinrich die Strafe ja eher symbolisch gemeint hat. Und dabei ist sie ganz konkret. Das Salz. Als er gesagt hat, damit ich für immer und ewig hier sein kann, hat er natürlich nicht gewusst, dass das wirklich so ist jetzt. Ihm ging es nur darum, dass ich hier bin, im Heurigen. Als Strafe. Oder aus Häme, kann auch sein. Und das mit dem Salz hat er wohl aus dem Internet. Ist extra mit mir noch durch die Gegend gefahren, hat bei den Orangen eingebrochen, den Stadtbetrieben, und dort gleich säckeweise Streusalz geklaut, das ja eh nicht gebraucht wurde in diesem nicht stattgefundenen Winter. Damit ich nicht verfaule und stinke. Damit man ihm nicht draufkommt, wenn man mich findet, immer der Spürhundnase nach. Aber im Salz, nein, da könnt ihr euch eure Schnauzen blutig schnüffeln, mich findet ihr nicht. Und ich denke mir, wenn ich verfaule und stinke, wenn sich also mein Kopf nach und nach zersetzt, dann hört das auf.
Aber das tut es nicht.
Und Heinrich weiß auch nicht, wie sehr er mich bestraft, indem er mir meinen Körper weggenommen hat. Nicht, dass ich noch besonders viel damit hätte anfangen können, aber manchmal juckt es dermaßen auf meiner Kopfhaut, dass ich fast verrückt werde. Und dann wieder juckt es mich am Knie. Am Knie, bitteschön, das irgendwo ist, am Kahlenberg oder in einer Jauchegrube oder grad zu einem Fleischlaberl verarbeitet wird mitsamt dem Hintern, der auch juckt wie verrückt, das macht mich krank.
Ich frage mich, ob Heinrich ab und zu vorbeischaut. Hier im Heurigen. Ob er sich vielleicht mit seinem Glas an mein Fass stellt und genüsslich ein, zwei Schlückchen trinkt und sich dann denkt: Ha.
Gehört habe ich ihn noch nicht. Aber es ist ja auch noch früh im Jahr. Nehme ich mal an. Es kann noch so manches kommen. Und es zieht den Täter ja immer an den Tatort zurück, nicht wahr?
Obwohl der Tatort nicht hier ist. Der ist im neunzehnten Bezirk, irgendwo im Wein hat er mich erschlagen.
Dass der so jähzornig sein kann, hätte ich mir nicht gedacht.
Man sollte eben nicht so viel denken.
Vor allem, wenn man auch noch etwas anderes kann.
Aber daran denkt man erst, wenn es zu spät ist, nicht wahr? So ist es ja immer. Und nachher tut es einem leid.
Und wenn man lange vor sich hin siecht, wenn man Zeit hat, sich Gedanken zu machen über all das, was man verpasst hat, als man es noch tun hätte können, da kommt man natürlich auf vieles. Wenn man dann aber bedenkt, dass so in etwa eine Ewigkeit vor einem liegt, während der man sich Vorwürfe machen kann, da hat man plötzlich keine Eile mehr, damit anzufangen. Doch das Böse ist, dass man nicht selber entscheiden kann, wann man damit anfängt. Es passiert einfach. Eines Tages wird man wach und denkt sich: Mist, Gelegenheit verpasst. Allerdings schlafe ich nicht. Also kommt dieser Moment einfach so aus dem Nichts. Ohne Vorwarnung. Zack, da, das Gewissen sagt: Hallo, da bin ich, was ich dir noch sagen wollte … Du warst nicht für deine Oma da.
Wie bitte?
Genau. Oma. Was war denn mit der? Ha? Die hast du alleingelassen.
Was soll denn das jetzt hier?
Ist mir wurscht, was das jetzt hier soll, es ist so, aus, damit musst du jetzt leben.
Oder tot sein.
Sehr witzig.
Geht so.
Aber es stimmt doch, oder etwa nicht?
Ja.
Wo warst du denn?
Wo war ich denn wann?
Als sie siechte, deine Oma.
Ich weiß es nicht.
Hier warst du, beim Heurigen, hast dich besoffen mit dem Wiener Wein.
Das ist reine Spekulation.
Es geht ja auch um das Symbol. Du warst weit weg, nicht bei ihr. Meinst du nicht, sie hätte dich vielleicht ganz gern nochmal gesehen? Ihren Lieblingsenkel?
Ich glaube nicht, dass ich ihr Lieblingsenkel war.
Aber vielleicht warst du es ja doch. Ist auch egal. Ihr Enkel warst du. Und trotzdem warst du nicht da.
Sie hätte es ja eh nicht mehr mitbekommen, sie war dement.
Ach ja? Sagt wer?
Die Ärzte.
Und?
Und was?
Und das glaubst du dann einfach so?
Was?
Dass sie dann nichts mehr mitkriegt von der Welt und wer sie besucht und ihr die Hand hält? Weil das ja dann klar ist, dass man dann nichts mehr mitbekommt. Weil man nur mehr im Nebel ist. Weil man so was ja weiß, nicht?
Worauf willst du hinaus?
Weil auch ein abgetrennter Kopf nichts mitbekommt von laut und falsch singenden Piefke.
Aha.
Genau, aha.
Und hm.
Und noch was.
Was?
Als es angefangen hat.
Was?
Die Demenz.
Was war da?
Da hat sie auf jeden Fall noch was mitgekriegt, da warst du auch nicht da. Da hättest du doch mal vorbeischauen können, Hallo sagen, sie trösten, dass sie nach und nach ihren Verstand verliert, nicht mehr weiß, wo sie ist und wer sie ist und wer du bist.
Eben, wenn sie eh nicht mehr wusste, wer ich bin, wozu also.
Hier geht es nicht um sie, du Tropf, hier geht es um dich, ich bin dein Gewissen, das zu dir spricht, und ich mach dir ein schlechtes. Und das ist erst der Anfang, nur dass du’s weißt.
Na super.
Na servas.
Du gehst?
Ich komm wieder.
Nicht zu bald.
Ja, da fragt man sich schon, was das noch so alles auf Lager hat, das Gewissen, das blöde. Und ich kann mir nicht einmal gegen den Schädel schlagen, um sie loszuwerden, die Stimmen, die ich hör.
Ich höre Stimmen.
Ist das jetzt gut oder schlecht?
Immerhin bin ich dann nicht allein.
Ach so, ich bin’s noch mal, dein Gewissen: Ja, wir können gerne reden, aber ich werde dir auch weiterhin nur Zeug sagen, das du nicht hören willst. Und jetzt: Ade.
Ade?
Na dann.
Stimmt. Ich habe sie alleingelassen und lustig war das sicher nicht und …
Was heißt denn hier allein? Meine Mutter war da und …
Mistviech Gewissen, das weiß echt, wo es einen packen muss.
Was anderes denken, schnell, jetzt.
Das muss komisch sein, wenn da wer zur Tür reinkommt und dich begrüßt, als würde er dich kennen, und du hast keine Ahnung, wer das ist. Vielleicht hast du das Gefühl: Ja, doch, kommt mir irgendwie bekannt vor, aber woher nur …
Aus. Ausausaus.
Hey, Piefke, singt doch nochmal euer lustiges Lied, lenkt ab, das lenkt mich ab.
Nein, jetzt seid ihr natürlich still und leise und gesittet.
Danke auch.
Sing ich eben selber.
Wie geht die Melodie nochmal? Ein Prosit, ein Prosit …
Wie geht die Melodie?
Mist. Weg.
Meine Großmutter hat immer dieses Lied mit der Reblaus gesungen. Das fand ich gut. Das war ein Wienerlied, nicht? Ich glaube schon. Das hat sie mir immer vorgesungen und dann hat sie mit ihren Fingern durch meine Haare gekribbelt. Irgendwas mit einer Reblaus.
Ich will jetzt bitte nicht mehr an meine Oma denken müssen, bitte, danke.
Oder an meinen Tod.
Wo wir gerade dabei sind.
Kann mir gestohlen bleiben, mein Tod, das Thema ist für mich gestorben.
Mein Ableben.
Ableben, naja, mein Dahinnippeln, mein Abkratzen, mein gewaltsames Zu-Tode-Kommen. Mein Erschlagenwerden.
Mit einem Spaten hat er mich in den Rücken geschlagen, Heinrich, in den Rücken, da war das Dings natürlich futsch, das, was durch das Dings geht. Wie heißt denn das jetzt, wo der Rücken in der Mitte zusammenkommt, die Knubbel. Wo da was durchgeht, damit der Fuß weiß, was der Kopf denkt. Wenn er noch angeschlossen ist, der Fuß. War er nicht mehr. Nichts mehr. Verbindungen gekappt.
Er hätte mir ja auch auf den Kopf hauen können, aber nein, in den Rücken. Da habe ich noch röcheln dürfen, wie er sich über mich gebeugt hat und mich angeschaut hat und mich angespuckt hat. Ich wusste gar nicht, dass der so eine feuchte Aussprache hat, der Heinrich, war aber vielleicht auch die Rage. Sonst hätte er wohl auch nicht gleich so fest zugeschlagen mit dem Spaten. Und das war ja dann auch Pech, dass es gerade ein Spaten war, denn er hatte das ja durchaus nicht geplant, mich umzubringen, das war also kein heimtückischer Mord, der Spaten stand da rum, rostig und schwer. Wäre es ein Stück Holz gewesen, ich hätte einen blauen Fleck davongetragen und wir hätten uns versöhnt und würden jetzt zusammen einen Wein trinken. Stattdessen hat er mich verhöhnt und mich, noch halb lebend, zum Auto geschleppt und die Weinstöcke wischten kahl und trocken an mir vorüber.
Das hast du davon, wenn du immer nur raunzt.
Ich raunze nicht, ich klage an.
Wann ich dann tatsächlich gestorben bin, weiß ich gar nicht mal. Das war eher ein fließender Übergang. Irgendwann war halt das Leben vorbei und das Denken ging weiter.
Nur das Absäbeln vom Kopf hat zumindest nicht wehgetan. Nicht körperlich.
Mit der Handsäge.
Da hab ich gewusst, ja, jetzt bist du tot.
Tot und …
Tot.
Wo war ich?
Was bin ich?
Tot.
Und der Tod ist eine Strafe.
Nein, nicht der Tod ist die Strafe, das Salz, das mich Dings, wie heißt das? Frisch hält.
Und dass Heinrich mich angespuckt hat, das auch. Aber mehr innen drin. Seelisch.
Da hast du deinen traditionellen Heurigen.
Ich bin sehr müde.
Und der Streit war ja auch ein harmloser.
Wir haben gestritten, weil …
Weil Heinrich gemeint hat, dass das nicht so ist, wie ich sage. Und ich habe gesagt, dass …
Ja, dass ich auf keinen Fall zu einem Heurigen will, in dem sich die Wiener aufführen wie notgeile Nutten. Und er: … Das weiß ich nicht mehr. Und ich: Aber im Achtzehnten, da gibt es einen netten, zu dem will ich. Und er: Dann müssen wir in die Stadt und rüber und wieder rauf. Und ich: Aber das lohnt sich. Und er: Warst du schon mal da? Und ich: Ich hab davon gelesen. Und er: Ich setz mich jetzt an den nächsten Tisch, der mir über den Weg läuft. Und ich: Aber da sitzen schon die Touristen. Und er: Ich scheiß dir was auf die Touristen. Und ich: Die machen alles kaputt. Und er: Aber die bringen Geld. Und ich: Das brauch ich nicht. Und er: Bist ja selber kein Wiener. Und ich: Bist ja auch selber kein Wiener. Und er: …
Und er hat dann gesagt …
Er hat mir gesagt, dass …
Ich habe mich dann umgedreht und wollte weg, und dann …
Dann gab es einen Rumms und ich lag mit der Nase im kalkigen Boden und konnte mich nicht mehr bewegen.
Nur noch schauen.
Da lag ein kleiner Käfer, der war tot, den hab ich mit meiner Nase beim Hinfallen plattgemacht.
Das ist sehr … traurig.
Es ist enttäuschend, das ist es, enttäuschend, ich wär gern anders gestorben.
Ich hätte ihm ja die Frau wegnehmen können.
Zum Beispiel.
Oder ich hätte was anderes tun können.
Etwas Schlimmes.
Mir fällt jetzt nichts ein.
Und das habe ich ja auch nicht getan.
Das macht mich müde.
Sehr müde.
Dass der so jähzornig ist.
Und so nachtragend.
Mich einlegen in Salz und deponieren beim Heurigen.
Das ist nicht schön von ihm.
Mich juckt’s schon wieder am Kopf.
Wo ist nur meine Hand?
Das Leben ist kein Zuckerschlecken.
Wär ich ein Ägypter, wär ich ein reicher Mann.
»Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit …«
Ruhe.
»Ein Prosit, ein Prohosit …«
Ruuhee.
»… der Gemütlichkeit.«
Klappe halten, still sein, Ruhe bitte jetzt, es reicht.
»Schenkt ein, trinkt aus …«
Oh nein, nicht das auch noch.
»… schenkt ein, trinkt aus.«
Die kennen auch noch die Strophe. Niemand kennt die Strophe. Die kennen sie. Und nach der Strophe kommt was?
»Ein Prosit, ein Prosit …«
Der Refrain.
»… der Gemütlichkeit.«
Und das Problem bei dem Lied ist ja, dass es kein Ende hat. Es geht weiter und weiter und weiter, bis alle unter dem Tisch liegen vor lauter Zuprosten und Einschenken und Austrinken.
»Ein Prosit, ein Prohosit …«
RUUUUUUHEEEEEE.
»… der Gemütlichkeit.«
Sie hören mich nicht.
Natürlich hören sie mich nicht.
Nie hört mich wer.
Nie werde ich gehört.
HEURIGER PÖTZLEINSDORF 1180 Wien, Pötzleinsdorfer Straße 97, www.kulinariumkolar.at
Christian Klinger ~ Das Pfand an meiner Hand
Christian Klinger 
Das Pfand an meiner Hand
Oder: Die üblichen Verdächtigen
» W as machst du da? Ich hab glaubt, du kannst heute nicht?«
»Psst, nicht dass dich wer hört. Merk dir, du hast mich heute nicht gesehen, egal, wer danach fragt. Ich war nicht hier. Ist das klar?«
Es gibt Tage, die sind flaumig und locker wie frisch geschlagener Eischnee, die Luft schmeckt nach pudrigem Staubzucker und das Vertrauen in die Welt ist größer als notwendig, Leichtsinn sei dein Name.
Franz Kautela fühlte sich unbeschwert und heiter, als er seinen Sohn abholte. Die beiden hatten sich fast drei Monate nicht mehr gesehen, weswegen zugleich eine schwache Spannung an Kautelas Gefühlswelt zog. Anfänglich wirkte der Junge scheu, doch das Eis war schnell gebrochen, kaum dass sie auf dem Sportplatz waren. Für Buben in seinem Alter war Fußball einfach das Größte, und Stefan war da keine Ausnahme.
Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
Nach dem Match, das der Sportklub leider wieder einmal verloren hatte, wanderte der Vater mit seinem Sohn ein paar Schritte weiter und kehrte in seinem Stammlokal ein. Eine einfache Hütte in der ehemaligen Vorstadt, nun inmitten einer zugewachsenen Wohnallee. Ebenso schnörkellos die Küche: Hausmannskost, erweitert durch ein Heurigenbuffet.
Beide tafelten ordentlich, die Frühlingsluft, die jetzt mit dem Einsetzen der Dämmerung wieder schneidend kalt geworden war und Wangen und Ohren zum Leuchten brachte, förderte den Appetit. Der Bub schnabulierte mit großen, wachen Augen die flaumigen Palatschinken, der Vater sprach diesmal auch dem Wein etwas stärker zu als sonst, denn das Auto stand mit einem Wasserpumpendefekt in der Werkstatt. Die einbrechende Dunkelheit schwemmte weitere Gäste in die Schenke, dunkle Gestalten, unrasiert, mit zerfurchten Gesichtern, die wirkten, als würde ihr Tagwerk erst nachts beginnen.
»Trink aus!«, ermahnte Kautela seinen Sohn und winkte nach der Bedienung.
Der Bursche kam mit dem Rechnungsblock und begann die Positionen zu addieren.
»Die Gerti ist heut gar nicht da?«
Der Bursche setzte den Stift ab, verzog den Mund, weil er von der Frage in seiner Rechnung gestört worden war, und begann von neuem, Ziffern vor sich hin zu murmeln, bis er ein Ergebnis notieren konnte. Er steckte den Stift in die aufgenähte Tasche an seiner Kellnerschürze und sagte: »Nein, die Chefin hat heut keine Zeit. Ich muss aushelfen. Macht vierundvierzig zwanzig der Herr.«
Kautela holte seine Geldbörse aus der Gesäßtasche. Er klappte sie auf, blickte lange in das Innere, bis er leise sagte: »Komisch, ich war mir sicher, dass ich noch einen Hunderteuroschein eingesteckt hatte.«
Der Kellner rollte die Augen zur Decke, während einer von den Neuankömmlingen nach ihm winkte. Er klopfte mit dem Fuß auf den Boden und seufzte. Dass immer ihm das passieren musste.
Kautela lächelte und meinte, dass er nur schnell Geld holen wolle, um die Zeche zu bezahlen.
»Lassen Sie mir den Autoschlüssel da«, sagte der Kellner, während die Männer am Tisch neben der Eingangstüre, die nun zu viert waren, bereits lautstark nach der Bedienung riefen.
»Ich bin heute nicht mit dem Wagen gekommen, aber ich bin ein Stammgast, ich komme öfter her. Es dauert nicht lange.«
Der Kellner rechnete schnell nach. Wenn der Typ abhaute und er auf der Rechnung sitzenblieb, kostete ihn das ungefähr seine Tagesgage. Darauf hatte er keine Lust. Er deutete den ungeduldigen Gästen beim Eingang, dass er gleich komme, dann blieb sein Blick auf Stefan ruhen. »Dann soll er hier mit mir warten.«
Kautela legte die Hand auf die Schulter des Knaben, dieser zuckte zusammen, und der Vater flüsterte ihm zu: »Mach dir keine Sorgen, ich bin gleich zurück.«
Dantlinger hatte einen Knödel im Hals, als dieses widerliche, eklige Plastikding in seinem Schlund verschwand. Die Sonde war auf der Reise. Doc an Eingeweide: Bitte kommen. Der Würgereiz ließ sich kaum unterdrücken. Es reckte ihn, während das Kameraauge tiefer in sein Inneres vordrang. Zum Glück hatte er sich diesmal an die Vorgaben seines Arztes gehalten, auch wenn absolute Nüchternheit für ihn sonst eher eine andere Bedeutung hatte. Dr. Reithmayr hatte ihn am Vorabend aufgenommen, damit er auch ja nicht sündigen konnte. Das machte sich nun bezahlt, denn die Krankenpfleger waren alles andere als begeistert, wenn ihnen ein Patient den Untersuchungsraum vollkotzte. Dantlinger versuchte sich abzulenken, indem er an angenehme Dinge dachte, doch etwas anderes als ein frisch gezapftes Bier kam ihm nicht in den Sinn.
Wie lange dauerte diese Folter denn noch? Die Minuten zogen sich wie die Monate der Polarexpedition ins damals noch unbekannte Franz-Josef-Land. Wollte der Internist mit diesem Röhrl eine neue Spezies in seinem Darm entdecken?
Irgendwann war die Qual ausgestanden und Dantlinger begab sich mit weichen Knien wieder auf sein Zimmer. Er ließ sich aufs Bett fallen und schloss die Augen. Sein Handy war auf lautlos gestellt und zeigte zwei entgangene Anrufe.
Am späten Nachmittag kam der Arzt zu Dantlinger, dem die Schwester zuvor etwas Schonkost serviert hatte. »Wenn Sie wollen, können Sie sich jetzt anziehen und wieder nach Hause gehen«, sagte der schlanke Mittvierziger im weißen Mantel.
»Und, was ist?«, wollte Dantlinger wissen.
»Dazu ist es jetzt noch zu früh.« Der Mediziner lächelte verkrampft.
»Das ist jetzt aber nicht Ihr Ernst«, sagte Dantlinger. Er richtete seinen Oberkörper auf. »Jetzt, wo Sie mich eh schon gefoltert ham, wollen S’ mich noch einmal auf die Folter spannen?«
Die Gesichtszüge des Arztes entspannten sich und er schüttelte den Kopf. »Nein, natürlich nicht, aber für eine genaue Diagnose ist es noch zu früh. Aber mit einem Polizisten will ich mich natürlich nicht anlegen.«
Dantlinger wehrte mit den Händen ab. »Nicht, dass Sie mich falsch verstehen, aber ungefähr würd ich schon gern wissen, was …« Ihm war klar, dass man es sich auch mit Ärzten nicht verscherzen durfte, letztlich saßen die nicht nur am längeren Hebel, sie durften auch von Berufs wegen die Körper der durch Drogen in den Zustand der Wehrlosigkeit versetzten Menschen mit scharfen Messern zerschnipseln.
»Schon gut«, sagte Dr. Reithmayr. »Also, so wie es aussieht, ist es bei dem Magengeschwür, das Sie sich aufgerissen haben, kein Wunder, wenn Sie ständig Schmerzen und Übelkeit plagen. Sie sollten unbedingt Kaffee, Zigaretten und Alkohol meiden. Vor allem kaltes Bier.«
Dantlinger ließ sich auf das Bett zurückfallen. Sein Belohnungsszenario für die Strapaz der Untersuchung hier war eben zusammengefallen wie frischer Bierschaum.
Wenig später stand er auf der Hernalser Hauptstraße und schloss seine Jacke. Die späten Nachmittage waren noch kalt, zudem blies ihm eine steife Brise zweifach entgegen: der zwischen Heuberg und Schafberg einfallende Westwind und der Gegenwind des Lebens. Nach dem Verkehrspsychologen hatte ihm nun auch der Arzt dringlich empfohlen, die Finger vom Alkohol zu lassen. Dantlinger suchte die nächste Straßenbahnstation. Gute dreihundert Meter vom Krankenhaus entfernt war das Schild mit dem Häuschen zu erkennen und Dantlinger blickte dem silbernen Niederflurwagen mit dem roten Streifen nach, der in Richtung Innenstadt davonfuhr. Er holte sein Handy hervor und wollte Gubitzer anrufen, um sich von einer Funkstreife abholen zu lassen. Auf dem Display sah er, dass dieser ihm schon zuvorgekommen war.
»Was wolltest du«, fragte er, als Besagter sich meldete, »Taxi spielen?«
»Nein, Major«, erwiderte der Revierinspektor. »Du bist doch beim Göttlichen Heiland in Dornbach?«
»Gott sei Dank schon wieder draußen, warum?«
»Weil da ganz in der Nähe was passiert sein dürfte. Ein Kind ist gestern Abend verschwunden, bei so einem Heurigen auf der Alszeile.«
Dantlinger nickte, was Gubitzer aber nicht sehen konnte. Er fragte nach: »Kennst du das Lokal?«
Dantlinger kannte es, so wie er die meisten Schenken dieser Stadt kannte, davon konnte sein rebellischer Magen ein Klagelied singen. »Ja, schon, aber was geht das uns an? Das ist doch Sache des hiesigen Wachzimmers.«
»Da hast du natürlich recht, aber der Sparstift der Innenministerin … Eigentlich gibt’s des gar nimmer, die Kollegen dort machen nur mehr so was wie einen Journaldienst, außerdem fürchten sie, dass dem Kind was passiert sein könnte. Und ich hab mir gedacht, wenn du eh in der Gegend bist, kannst du ja …«
»Hast du dir gedacht?« Dantlingers Ärger klang in seiner Stimme mit, dabei war er schon in die Güpferlingstraße eingebogen. Arbeit schien ihm die beste Therapie, um ihn von seinen gesundheitlichen Problemen abzulenken. An der nächsten Ecke sah er schon das grüne Schild über dem Eingang, der in den geschotterten Gastgarten führte. Dahinter der bungalowartige, leicht verwinkelte Bau. Daneben Einfamilienhäuser, zwischen die sich in den 1970ern Genossenschaftsbauten und ein Altenheim gezwängt hatten. »Heuriger auf der Als« stand inmitten des am linken und rechten Rand angebrachten Logos einer Mineralwassermarke geschrieben. Ein vereinsamter Gartenzwerg wartete in einem Beet auf Schneewittchen und Dantlinger fiel das Wagengeschirr an der Wand unterhalb eines Vogelhäuschens auf.
Wie Gubitzer es angekündigt hatte, sah er einen uniformierten Beamten, der auf ihn vor dem Eingang wartete. Dieser salutierte, als der Major sich zu erkennen gab, und schilderte ihm die Vorkommnisse des Vorabends, soweit sie der Polizei bekannt waren: »Also ein Vater ist da gestern mit seinem Sohn eingekehrt. Als es ans Zahlen ging, hat der Vater festgestellt, dass er kein Geld mithat, will eines holen, und wie er vom Bankomat zurückkommt, ist der Bub weg.«
»Was, er hat ihn einfach im Lokal zurückgelassen?«
»Offenbar hat es vorher einen Disput wegen der Bezahlung gegeben, und das ist auch der Punkt, in dem die Aussagen auseinandergehen.«
»Welche Aussagen? Wen haben Sie denn leicht schon einvernommen?«
Der Uniformierte blätterte in seinem Notizbuch. »Den Vater, einen gewissen Franz Kautela, die Chefin, die aber gestern nicht da war, und den Aushilfskellner, der gestern den Laden geschupft hat. Der sagt, der Bub ist einfach so abgehaut, dem Vater nach.«
»Wer hat die Anzeige gemacht?«
»Der Vater.«
»Sehen S’«, sagte Dantlinger, »wenn die einen Zechbetrug hätten machen wollen, warum ist der Vater dann zurück?«
Der Wachebeamte zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, deshalb haben wir ja Sie …«
»Schon gut, also gehen wir rein.« Sie schritten unter dem Eingangsschild hindurch. Im Garten waren erste Tische und Sitzbänke eng aneinandergerückt aufgestellt, offenbar auf jenem Fleck, der von den ersten wärmenden Sonnenstrahlen beschienen wurde. Dantlingers Blick blieb oberhalb des rotbraunen Nachbarhauses hängen. Er hielt den uniformierten Kollegen am Arm zurück.
»Haben S’ des gsehn? Eine Riesenindoorplantage. Der müssen wir auch einen Besuch abstatten.« Er schüttelte den Kopf vor so viel Dreistigkeit, doch der andere Beamte lachte nur auf.
»Nein, das ist nicht so, wie Sie denken. Daneben ist eine Gärtnerei, die haben nur ein Gewächshaus auf dem Dach.«
»Wenn Sie meinen«, antwortete Dantlinger, während sich Falten auf seiner Stirn bildeten.
Sie betraten den Raum. Das letzte Mal, als Dantlinger hier abgesackt war, das war aber schon Jahre her, hingen die Rauchschwaden an der Holzdecke. Jetzt war es ein Nichtraucherlokal, zu riechen war bestenfalls der Küchenduft, eine Mischung aus geschwenkter Butter, angeschwitzten Zwiebeln, gebratenem Speck oder geröstetem Knoblauch.
Der Blick der Frau hinter der Schank verfinsterte sich, als sie den Polizisten im Eingang sah. Dantlinger zwängte sich an dem breitschultrigen Kollegen vorbei, denn es war nun seine Ermittlung geworden. Bevor er etwas sagen konnte, sprach ihn die Frau an. Sie trug halblanges, gewelltes Haar, ockerfarben und wahrscheinlich getönt, ihre Ringe unter den Augen erzählten von kurzen Nächten und die tiefe Stimme verriet, dass es auch einmal eine Zeit mit Rauch und Nikotin in dem Lokal gegeben haben musste.
»Sie kommen wegen der Gschicht mit dem Buben?«
Dantlinger nickte.
»Ich hab den andern Polizisten schon gsagt, dass ich nix sagen kann, ich war gestern ned da, da müssen S’ den Samo fragen.«
»Und wer ist dieser Samo und wo finden wir ihn?«, fragte Dantlinger.
»Sascha Molterer. Den finden S’ vorn am Sportklubplatz, dort ist er Platzwart. Bei mir hat er gestern erst zum zweiten Mal ausgeholfen. Wollts was trinken?«
»Gern, schöne Frau.« Dantlinger erntete für das plumpe Kompliment ein Lächeln, und wenig später standen zwei Achtel Rotwein vor den Beamten. »Und wo waren Sie gestern?«
»Ich hatte auswärts zu tun.«
»Geht’s genauer?«, fragte Dantlinger, während er einen großen Schluck vom Wein nahm. Das Bukett war blumig und rund. Dieser milde Rebensaft würde seinem Magen sicher guttun, dachte er.
»Ich war eine Tante besuchen, in Sankt Pölten, reicht das?«
»Und wenn ich das Zugticket sehen möchte?«
Die Chefin griff in ihr Portemonnaie, doch Dantlinger winkte ab.
»Schon gut, schon gut«, sagte er und stürzte den Rest des Glases hinunter.
Der andere Polizist hatte das seine noch gar nicht angerührt. Dantlingers fragendem Blick entgegnete er, dass er im Dienst sei. Also leerte Dantlinger auch noch dieses Achtel.
Er fühlte sich beschwingt, als sie Sascha Molterer aufsuchten. Der junge Mann war geschäftig und sich offenbar der Tragweite nicht bewusst, die der gestrige Vorfall hatte.
»Hören Sie, ich weiß nichts und ich hab nichts gesehen. Der Knabe war auf einmal weg und ich hab befürchtet, dass ich auf der Zeche sitzen bleib, dann ist auf einmal der Alte, also der Vater, wieder auftaucht. Ich war beschäftigt, da war so eine Partie, die waren alle sehr durstig und haben mich ständig im Kreis geschickt. Was zum Trinken, dann was zum Essen, dann wieder eine Runde Schnaps.«
»Das haben Sie aber gestern nicht zu Protokoll gegeben«, mischte sich der Polizist vom Wachzimmer ein. »Ist Ihnen vielleicht sonst noch was eingefallen?«, ätzte er.
»Na, irgendwie verschreckt war der Bub, und ich möcht meinen, ich hätte ein paar blaue Flecken an seinen Armen gesehen, aber der Vater hat ihm immer schnell die Ärmel drübergeschoben. Aber ich war zu beschäftigt, um genauer darauf zu achten.«
»Diese Partie«, übernahm Dantlinger einen anderen Gedanken, »was waren das für Leute?«
»Was weiß ich, ich war erst zum zweiten Mal dorten, aber ich glaub, das waren Fremde, also nicht von da, nicht einmal Tschu …, also Gastarbeiter.«
Dantlinger und sein Kollege zogen mit einer vagen Beschreibung der vier Männer, die auf fünfundneunzig Prozent aller Migranten in Wien zutraf, ab. Dunkler Teint, unrasiert, die Haare dunkel, die Haut auch. Naja, immerhin suchten sie nicht nach einem blonden Siegfried, von denen es in Wien aber eh so gut wie keine gab.
Dantlinger verabschiedete sich von dem uniformierten Kollegen, nachdem er sich die Adressen von Vater und Mutter des verschwundenen Buben hatte geben lassen.
Die Eltern lebten getrennt, der Vater wohnte in Währing, in der Nähe der Sternwartestraße, in einer kleinen Zweizimmerwohnung. Auf dessen Gesicht legten Furchen und Falten um Augen und Wangen Zeugnis einer durchwachten Nacht voll Sorge ab.
»Ich kann Ihnen nicht mehr sagen, als ich schon Ihren Kollegen erzählt habe.«
Dantlinger hatte die Personalien gelesen. Franz Kautela war nicht amtsbekannt. Sein Sohn Stefan entstammte einer außerehelichen Beziehung und der Vater hatte vergeblich um das Sorgerecht gekämpft, zuletzt aber immerhin ein Besuchsrecht erwirken können. Solche Geschichten gab es leider öfter, doch manche Väter kämpften mit allen Mitteln.
»Gab es schon eine Lösegeldforderung?« Seltsam, dass er jetzt erst danach fragte.
»Nein, bisher nicht.«
»Manchmal lassen sich Entführer auch einige Tage Zeit«, erläuterte Dantlinger, der wusste, dass die Gauner das taten, weil die späte Forderung den Opfern dann wie eine Erlösung vorkam. Er überlegte, ob der Vater hinter der Sache stecken könnte. Dagegen sprach aber massiv, dass er es war, der die Polizei eingeschaltet hatte. Aber auf Nummer sicher wollte er gehen. Er fragte: »Stört es Sie, wenn ich mich ein wenig umsehe?«
»Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Aber Sie werden genau so viel finden wie Ihre Kollegen. Haben Sie das von ihr?«
»Was?«
»Hat Sie Marion aufgehetzt?«
Marion Peranek war die Kindesmutter, die im Gegensatz zu Kautela durchaus kein unbeschriebenes Blatt war. Geheimprostitution vor einigen Jahren, zuletzt leichtere Drogendelikte.
Dantlinger steckte seinen Kopf in das zweite Zimmer, wo nur ein einsamer Teddybär einen Hinweis auf ein Kind lieferte, das aber nicht da war.
»Was anderes«, wechselte der Polizist das Thema, »haben Sie die anderen Gäste beobachtet?«
»Nein, tut mir leid, aber viele Leute waren an dem Tag nicht da. Erst kurz bevor ich das Geld holen gegangen bin, sind so Typen reingekommen, die haben so gewirkt, als gehörten sie nicht hierher.« Er schloss die Augen für einen Moment, als wollte er sich die Szene in Erinnerung rufen. Dann fragte er: »Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«
Während Kautela den Kaffee aufsetzte, der Dantlinger dann beinah so gut schmeckte wie in seiner Lieblingsbar in Punta Sabbione, beschrieb er die Männer in etwa so wie zuvor schon »Samo« es getan hatte.
Dantlinger wurde das Gefühl nicht los, dass diese Fremden etwas mit dem Verschwinden des Jungen zu tun hatten. Er schlug das Angebot Kautelas zu einem Grappa aus, der Magen schmerzte bereits, es war Zeit, sich endlich in Enthaltsamkeit zu üben.
Als er auf die Straße trat, machte sich ein schaler Geschmack in seinem Mund breit. Es war die Bitterkeit eines alten Mannes, gepaart mit der Einsamkeit dessen, der eben den letzten Freund verloren hatte. Der Rollsplitt des letzten Winters war noch nicht entsorgt, der zerriebene Staub überzog die Blätter der Büsche und hatte sich auf die Autos gelegt. Er hatte den Vater noch nicht ganz vom Verdacht ausgeschlossen, aber wo, fragte er sich, war dann der Junge?
Er wählte Gubitzers Nummer und wies ihn an – Sparpläne hin oder her –, für verstärkte Observation der Gegend um die Alszeile Vorkehrungen zu treffen, vielleicht hätten ja die Unbekannten was mit der Sache zu tun. Es war bereits dunkel und er musste noch zur Mutter. Er hielt ein Taxi an, das gerade auf der Hasenauerstraße Richtung Innenstadt fuhr, und ließ sich von diesem zum Rennweg bringen.
Marion Peranek wohnte an der Grenze zu Simmering in einem der kommunalen Siloblöcke, in die man die steckte, die wenig Hoffnung auf sozialen Aufstieg hatten.
Als sie die Türe nach längerem Läuten öffnete, sah sich Dantlinger einer Frau gegenüber, die ihm bis zur Schulter reichte. Ihm fiel das verfilzte, blondierte Haar auf und die leeren, glasigen Augen. Und auch die rot gefleckte Haut, die von einem Leben Richtung Endstation kündete. Erst bei näherer Betrachtung erkannte Dantlinger hinter dieser Maske vorzeitigen Verfalls ein hübsches Gesicht, weit jünger, als es der erste Eindruck vermuten ließ.
»Wird ja auch Zeit, dass wer von euch daherkommt«, wurde er wenig freundlich empfangen. Die Frau steckte in einem kurzen Seidenhemdchen und Dantlinger ertappte sich dabei, wie er ihrem Hintern nachblickte. Sie stöckelte in das Wohnzimmer, in dem die Glotze lief. Auf dem Couchtisch standen neben einem überquellenden Aschenbecher einige Flaschen mit Alkohol. Die Luft war stickig und der kalte Rauch klebte an den geblümten Tapeten, dennoch spürte Dantlinger in dem Mief eine angenehme Erinnerung aufsteigen.
Die Frau goss sich Schnaps in ein Glas. Sie sagte: »A Kieberer derf ja ned, gelt, der is ja im Dienst.«
Dantlinger räusperte sich, zog einen Stuhl heran und setzte sich gegenüber der Frau, die aufs Sofa gefallen war, hin. Er fragte nach dem Ablauf des vergangenen Tages.
»Das is doch wurscht, des ist doch klar, dass da der Francesco dahintersteckt.«
»Sie meinen den Vater, Franz Kautela?«
»Ja, Franz heißt die Kanaille!« Langsam wanderte ihr Kopf mit halbgeschlossenen Augen abwärts.
Dann erzählte sie, unterbrochen von ständigen Zügen an einer Zigarette, von ihrem Sorgerechtsstreit.
»Versprochen hat er mir die Ehe, dann hat er mich sitzen lassen, und dann wollt er mir des Kind wegnehmen.«
»Sie hängen an dem Kind«, sagte Dantlinger und bemühte sich um ein wenig Empathie, um eine Brücke zu der Person zu schlagen. Er konnte sich vorstellen, dass die Frau sich erst nach der Trennung so hatte verkommen lassen.
»Der Gschrapp is mir scheißegal, aber er soll ihn ned haben. Ich hab ja nie a Kind haben wollen.«
»Aber warum haben Sie ihn dann nicht dem Vater gelassen? Offenbar sind sie eh überfordert, mit …, also ich mein …«
»Schleichen S’ Ihnen!«, mit funkelnden Augen hob sie eine der Schnapsflaschen bedrohlich an und Dantlinger dachte: »Besser, wenn ich jetzt gehe«.
Ein Bier, schön angewärmt, damit der Magen nicht beleidigt wird, das wäre jetzt was, sagte er sich, als er an dem Tschecherl im Erdgeschoß vorbeiging. Sein Handy läutete. Gubitzer war dran, fragte, wo er denn stecke. Seine Stimme überschlug sich wie bei einem Kind, das die Bescherung nicht erwarten konnte. »Komm schnell her, Major, du wirst es nicht glauben, aber wir haben sie. Ich schick dir einen Wagen.«
Am Kommissariat erzählte Gubitzer mit leuchtenden Augen, dass man die vier Verdächtigen gefasst hätte.
»Dein Riecher war wieder einmal goldrichtig. Wir haben verstärkt Kollegen in der Gegend patrouillieren lassen, und denen ist ein suspekter Lieferwagen mit lettischem Kennzeichen aufgefallen. Außerdem hat eine Frau aus einem der dortigen Kleingärten angerufen und gemeldet, dass sie Männer beobachtet hätte, die in einem der Gartenhäuser Unterschlupf gesucht hätten. Und jetzt das Beste …«
Dantlinger sagte, er solle auf den Punkt kommen. Er spitzte seine Ohren:
»Erzähl endlich!«
»Der Lieferwagen war voll mit geklauter Unterhaltungselektronik.«
»Bravo!« Der Major klopfte seinem Untergebenen auf die Schulter. Er resümierte. »Wahrscheinlich hat sie der Knabe, wie er alleine war, beobachtet, oder er hat was gehört oder die Ganoven wollten die billige Chance auf Lösegeld ergreifen. Wo sind die Vögel?«
»Im Verhörzimmer«, antwortete Gubitzer und machte eine Geste, so, als wollte er seinen Chef zum eben eröffneten Buffet bitten.
Nach einer Stunde knochenharter Befragung, die Dantlinger mithilfe von drei Tassen schwarzem Kaffee durchgehalten hatte, leugneten die Kerle immer noch, mit dem Verschwinden des Kindes etwas zu tun zu haben.
»Du Tachinierer, es reicht mir«, brüllte Dantlinger einen der Männer an. Er riss ihn am Kragen hoch und drohte ihm: »Entweder du packst aus oder ich zerquetsch dir die Eier!« Der Polizist holte zum Schlag aus, als er von hinten herumgerissen wurde.
»Es reicht jetzt wirklich, Major, das gibt eine Disziplinarbeschwerde.«
Die genagelten Schuhe des Anwalts bewegten sich schnell auf seinen Mandanten zu, gleichzeitig wurde Dantlingers Blick starr und etwas Magenflüssigkeit stieß ihm auf. Ein aufbrechendes Magengeschwür vermag Schmerzen zu bereiten, dass man meint, ein Wolf zerrisse einem die Eingeweide. Dantlinger entging dieser Qual, indem er in eine Ohnmacht flüchtete. Gubitzer wählte die Notarztnummer. Das in der Dienststelle einlangende Fax beachtete in dem Trubel niemand. Es besagte, dass Franz Kautela aus Italien stammte und tatsächlich Francesco Cautela hieß, wie cautela, das italienische Wort für Vorsicht.
Der Vater wachte über die ruhigen Atemzüge seines Sohnes, die sanft über die Decke strichen. Stefanos Gesichtszüge waren noch weich und unbehelligt von den Ecken und Kanten kommender Adoleszenz. Cautela umschloss die Kinderhand, der Bub erwiderte den Druck des Erwachsenen mit seinen Fingern. In dem ultravioletten Licht, das von dem nahen Gewächshaus am Dach durch die Luke des Schuppens fiel, besah er sich die blauen Flecken an den dünnen Oberarmen und die Male, die die Zigaretten auf der zarten Haut hinterlassen hatten. »Es ist bald ausgestanden«, flüsterte er, als er seinem Kind durch das Haar fuhr. Er wusste, dass es gerecht war, denn Richter können auch irren oder auf Frauen hereinfallen. Er wusste davon ein Lied zu singen.
Er schlich aus dem Raum und eilte mit bedächtigen Schritten flott zum Hintereingang des niedrigen Baus, wo er von einer rauchigen, weiblichen Stimme gefragt wurde: »Schläft er?«
Francesco nickte.
»Und du bist dir sicher, dass du unten mit ihm ein neues Leben anfangen willst?«
Wieder ein Nicken.
Es gibt Tage, die sind zäh und schwarz wie Pech und drücken auf die Seele wie Blei. Wer diesen mit Umsicht begegnet und vorbereitet ist, dem wird sich bald ein Silberstreif am Horizont als Bote eines neuen Tages zeigen.
HEURIGER AUF DER ALS 1170 Wien, Alszeile 34
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