Kitabı oku: «Auf getrennten Wegen», sayfa 8

Yazı tipi:

1 - 23 Visionen -

… Drakkans Augen wurden groß und rund, als er durch die schwere Eichentür stürmte und sie bereits im Raum dahinter stehen sah. Der Lärm einer Schlacht dran zu ihnen herein.

„Du?“, keuchte er entsetzt, als sie sich zu ihm herumdrehte. Sie lächelte. Eine Dolchklinge blitzte auf…

… „Jetzt wirst Du erfahren, was eine Seelenfalle ist. Viel Vergnügen.“

Sie fühlte einen Zug in ihrem Innersten, als würde sie etwas aus ihrem Körper reißen…

…Eine Dämonin mit kurzem orangefarbenem Haar aus dem zahlreiche Hörner oder besser Dornen empor ragten, näherte sich ihr. Die Kreatur hatte Muskeln, wo keine sein sollten, dafür fehlten sie an anderen Stellen. Ihre Haut war eine Mischung aus bleicher Knochenfarbe, unterbrochen von grauschwarzen Flecken. Graue, gefiederte Schwingen wuchsen aus den Schultern. In den Händen hielt sie Anayas Bogen…

…Eine schreiende, grölende, jubelnde Menge stand um sie herum, die einen großen Platz füllte. Ein Karree war abgesperrt, das von einer Gruppe Bewaffneter frei gehalten wurde, die sich energisch mit Helmbarten gegen die Masse stemmte. In der Mitte befand sich ein gähnendes Loch in die Dunkelheit, wie ein Fenster in die ewige Nacht unter ihnen. Ein mächtiger eiserner Deckel lag daneben.

„Werft sie hinein!“, ertönte der strenge Befehl.

Soldaten rückten mit Spießen, Keulen und dornigen Schilden näher…

…knirschend öffneten sich die mächtigen Steintore. Sie versanken langsam in den dafür vorgesehenen Spalten im Boden. Dahinter fiel das Licht der schwachen Morgensonne auf die gewaltigen Kriegszüge der Naurim. Eiserne Wagen, fahrende Türme, rollende Mauern. Ohne Zugtiere schoben sie sich schnaubend und zischend langsam aus der gewaltigen Öffnung in die eisige Luft davor…

…Ein Fischerboot schob sich knirschend auf den Strand der schmalen Bucht. Statt Kisten mit Fischen zu entladen, sprangen bewaffnete Halunken von Bord, um an Land zu waten. Sie wurden von nervös wirkenden Gefährten begrüßt, die bereits neben einer Ladung Waren auf sie gewartet hatten: „lasst uns schnell machen. Die Sümpfe gefallen mir nicht. Irgendwas treibt sich hier herum.“

„Das behauptest Du jedes Mal, aber die Leichensammler waren noch nie am Strand.“

„Das Salzwasser bekommt ihnen nicht, sagt der Meister“, ergänzte ein Zweiter.

„Weniger quatschen, mehr schleppen. Moraks Schmugglerhäscher suchen die ganze Küste nach uns ab.“

„Da können sie lange suchen“, spottete ein zahnloser Greis.

„Unterschätze die schwarzen Schiffe nicht. Es heißt, sie werden von Wasserdämonen geführt“, widersprach ein großer Mann mit mokkafarbener Haut.

„Was habe ich gesagt? Mehr schleppen und…“

„Was war das?“

Alle hielten in ihrer Arbeit inne.

Jiang musste lächeln, als sie Shadarrs knurren hörte.

Er war in der richtigen Position…

…Bilder, Geräusche, Gerüche, Wortfetzen, Sonnenlicht auf ihrer Haut, Gefühle von Wut, Angst, Verzweiflung, Stolz. Eindrücke von Tageszeiten, Orten, Plätzen. All das rauschte so schnell an ihr vorbei, dass sie nur wenige Ereignisse festhalten konnte. In ihrem Kopf rasten die Visionen umher, vermischten sich und verschwanden wieder oder verbanden sich auf neue Weise.

Nur langsam gelang es ihr, Ordnung in das Chaos zu bringen.

Mit ihrer mentalen Disziplin, Atemübungen und Meditation beruhigte sich die überwältigende Flut von Eindrücken wieder.

Erst danach konnte sie einen Blick auf die Steine des I-Ging werfen. Überrascht stellte sie fest, dass es nicht die klassischen Elfenbeinsteine waren, sondern unterschiedliche. Jade, Gold, schwarzes Horn, Ebenholz, Silber, Blutstein, Saphir. Jeder Stein war ein Einzelstück. Das Schriftzeichen graviert und mit einem anderen, wertvollen Material ausgefüllt. Nur der Jadekaiser selbst besaß einen wertvolleren Satz der Wahrsagersteine, und auch nur, weil seine Steine größer waren.

Vorsichtig strich sie mit den Fingerkuppen über die oberste Lage. Sie spürte die Vibrationen der Macht, die darin geborgen war. Ein Lächeln stahl sich in ihre sonst so beherrschten Gesichtszüge. Darum hätte sie sogar der Kanzler beneidet und selbst das Oberhaupt der Orakel von Jinchuan hätte ihr dafür einen Königsschatz angeboten. – Nicht, dass sie jemals verkaufen würde.

Die Steine konnten Kriege entscheiden, Dynastien zu Fall bringen. Richtig verwendet waren sie fast so machtvoll wie Attravals Kompass.

Nacheinander nahm sie jeden einzelnen heraus, um ihn von allen Seiten zu betrachten und anschließend wieder zurück zu legen.

Als sie ihre Untersuchung beendet hatte, bemerkte sie Shadarr, der sie aus dem Schutz des Schilfmeeres heraus beobachtete. Wirklich sehen konnte sie ihn nicht, dazu war er zu gut verborgen. Es war mehr ein Gefühl seiner Anwesenheit. Das I-Ging hatte offenbar auch ihre Wahrnehmung geschärft.

„Du hast mich bis hierher getragen, und vor allen Feinden und Raubtieren beschützt. Dafür danke ich Dir. Sind unsere Gefährten wohl auf?“

Shadarrs leises Knurren klang für sie fragend.

Er wusste es also nicht.

„Drakkan?“

Wieder ein unbestimmtes Knurren. Das war ungewöhnlich, denn die Verbindung zwischen beiden sollte eigentlich klare Aussagen möglich machen. Sie machte sich nun ernsthafte Sorgen um ihn. Wenn er…

Nein, das hätte das I-Ging ihr sicher gezeigt. Sie hatte eine Vision von ihm gehabt. Da war sie sich sicher.

„Kmarr?“

Erleichtert wandte sie sich wieder an Shadarr.

Dieses Mal war die Antwort eindeutig.

„Gut.“

Noch einer ihrer Freunde hatte wohlbehalten überlebt.

Ganz war die Sorge um Drakkan noch nicht verschwunden, allerdings vertraute sie auf die Orakelsteine.

Nach ihrer Einschätzung waren bereits mehrere Tage vergangen. Schnee hatte alle Spuren bedeckt, daher macht eine Umkehr, um sie zu suchen wenig Sinn, auch wenn sie lange darüber nachdachte.

Schließlich versuchte Sie sich an die letzten Visionen zu erinnern. Das I-Ging hatte ihr gezeigt, dass sie zum Strand gehen würde. Damit stand für sie fest, dass sie genau dies auch tun würde, und zwar mit Shadarr, den sie in der Zukunft ebenfalls gesehen hatte. Von dort würde sie ein Schiff nach Hause nehmen.

Sofern alles eintraf, was sie gesehen hatte, waren alle ihre Freunde mit dem Leben davon gekommen. Also konnte sie ihren Weg ohne schlechte Gefühle fortsetzen.

Beinahe gelang es ihr, sich davon zu überzeugen.

Zunächst galt es, Kräfte zu sammeln und sich zu reinigen.

Der Dreck war äußerst unerfreulich. Mühsam, auf wackeligen Beinen sammelte sie Holz und Schilf, um das Feuer zu erneuern, dessen Reste neben ihr gebrannt hatten. Sie verspürte Hunger, doch im Gegensatz zu sonst hatte sie kein Interesse daran, etwas zu kochen.

Sie zog die kalte Küche vor.

Irgendwo hatte Shadarr eine komische Kreatur gefangen, die aussah, wie eine Kreuzung aus Frosch und Schlange. Sie filetierte das Wesen gekonnt und aß es roh, zusammen mit einer Portion kaltem Reis. Das Fleisch schmeckte erstaunlich gut. Süßlich mit einer fischigen Note. Leider war es nur einer und sie war wirklich hungrig. Also macht sie sich daran, die Vorräte weiter zu dezimieren. Shadarr hob zwischendurch träge den Kopf, blieb ansonsten aber ruhig liegen.

„Hier lagern? Gut. Dann werde ich meditieren.“

Jiang versuchte, sich zu entspannen, was ihr angesichts des Schmutzes nicht leicht fiel. Die Stärkung hatte dennoch ihr Übriges getan, ihr neue Kraft zu geben. Sie spürte allmählich Krankheit und Anspannung weichen, ersetzt durch die innere Ruhe, die sie benötigte, um ihre arkanen Energien zu erneuern.

1 - 24 Jäger und Gejagte -

Leider versprach der Morgen keine Besserung. Noch bevor die Sonne sich über den nebligen Horizont gequält hatte, hörten sie es beide: Das fauchende Geheul ihres Verfolgers.

„Dann wollen wir ihm mal einen würdigen Empfang bereiten“, bemerkte Droin mit einer freudigen Anspannung in der Stimme: „Bleib in Deckung der Ruine. Wenn er uns nicht sieht, wird er nicht bis zur Dämmerung warten, sondern annehmen, wir wären weiter weg und unsere Fährte würde nur hier vorbei führen. Sieht er uns, wird er sich bis zur Nacht auf die Lauer legen.“

Phyria blieb gehorsam in Deckung. Sie verstaute die Ausrüstung, während Droin begann, die Drachenrüstung anzulegen. Auch ohne Feuerkugel war sie ein wirksamer Schutz.

„Du wirst den Schild nehmen und immer dafür sorgen, dass er sich zwischen Dir und unserem „Freund“ befindet. Mit Deinem Bein bist Du nicht beweglich genug, um ihm auszuweichen. Wenn er mich angreift, ohne Dich zu bemerken, wartest Du auf eine gute Schussposition und röstest ihn dann.“

Droin verteilte Krähenfüße und Lampenöl, bevor er sich auf einem Mauerrest nieder ließ, der das Erdgeschoss überragte. Bolzenwerfer, Kriegshacke und ein langer Panzerstecher lagen griffbereit. Untern kauerte Phyria hinter dem mit Ruß geschwärzten Schild unruhig auf das Eintreffen ihres Jägers.

Sie hatte einen Schutthaufen so aufgeschichtet, dass er ihr zu einer Seite Schutz bot. Nervös spähte sie zu den Lücken und Rissen im Gemäuer. Jeden Augenblick erwartete sie, eine Bewegung zu erspähen, doch es blieb alles ruhig. Während sie wartete, wurde ihr bewusst, dass die Jagd nichts für sie war. Sie hasste es, zu warten. Je mehr sie sich darauf konzentrierte, je langsamer schien die Zeit zu vergehen. Ihr Herz, das zu Anfang noch vor Aufregung wie wild gepocht hatte, hatte sich offenbar besser damit abgefunden, jedenfalls schlug es ruhig und gleichmäßig.

Hätte es das Geheul nicht gegeben, wäre sie beinahe sogar eingeschlafen.

Die Bestie hatte andere Pläne. Immer näher kam der wütende Jagdruf.

Jedes Mal, wenn er erklang, zuckte sie zusammen. Die Wunde im Bein pulsierte passend zur gleichen Zeit.

Schweiß machte den Schildgriff schlüpfrig. Sie hatte Mühe, ruhig sitzen zu bleiben. Nur weil Droin ihr wiederholt eingeschärft hatte, sich auf keinen Fall bemerkbar zu machen, gelang es ihr, nicht aufzuspringen und nachzusehen.

Das Geheul klang ihr dabei so nah, als würde die Bestie direkt auf der anderen Seite der Mauer stehen. Sie lauschte angestrengt, doch es war nichts zu hören. Sogar der Wind schien den Atem anzuhalten. Kein Vogel, kein Blatt regte sich.

Ein kleines Steinchen fiel auf ihre Schulter, prallte davon ab. Ganz langsam hob sie den Kopf. Staub rieselte ihr aufs Gesicht. Dort, nur eine Armlänge über ihr schob sich ein Tentakel durch einen Spalt in der Mauer. Der Knochenhaken am Ende schabte dabei unheilvoll über das alte Gestein.

Vor Schreck biss sie sich fast auf die Zunge.

Um ein Haar wäre ihr der Schild entglitten. Erst im letzten Moment konnte sie es an der Schildfessel greifen. Ihr Herz pochte wilder als zu Beginn, ihr Mund war so trocken, wie Sand in der Wüste. Als sie versuchte zu schlucken, musste sie deshalb beinahe husten.

Droin hatte sie völlig vergessen. Es schien ihr, als wäre nur das Tentakel übrig. Wie eine Schlange wand es sich suchend hin und her.

Ein weiterer schob sich oben über die gezackte Krone der Mauer im einstigen ersten Stockwerk.

Ein großer Stein brach krachend heraus. Zum Glück landete er neben ihr.

Wie aufgeschreckte Tiere zuckten die Tentakel zurück, als hätte der Aufprall sie verschreckt.

Absolute Stille folgte, die sich scheinbar unendlich auszudehnen schien, bis Phyria schon beinahe glaubte, sich alles nur eingebildet zu haben.

Dann sprang die Bestie mit einem Mal plötzlich durch die gleiche Lücke, durch die sie und Droin ebenfalls die Mühle zum ersten Mal betreten hatten. Die Tentakel zuckten in alle Richtungen vor. Langsam öffneten sich die gewaltigen Kiefer. Der nackte Körper glänzte ölig in den spärlichen Strahlen der Sonne. Die Krallen hinterließen Furchen im Gestein.

Vorsichtig schwenkte der Kopf hin und her – witterte. Die Nüstern blähten sich, ein kehliges Knurren erklang, kaum hörbar und doch laut wie eine Fanfare.

‚Nicht bewegen! Nicht bewegen! Nicht bewegen!‘, feuerte sie sich selbst in Gedanken an.

Die Kreatur entsetzte sie mehr als der Überfall auf ihr Heim im Kloster. Trotzdem sah sie durch die Augen des Drachenkopfes wie gebannt zu, als sich der Kopf langsam in ihre Richtung drehte.

Die Tentakel, die sich eben noch in alle Richtungen bewegt hatten, verharrten plötzlich regungslos, dann bogen sie sich langsam nach vorne, genau auf sie zu.

Die Bestie stieß ein Triumphgeheul aus. Geifer tropfte aus ihren Lefzen. Sie hatte Phyria gewittert.

Genau in diesem Moment fiel ein goldener Blitz vom Himmel, der hart auf dem Rücken der Kreatur landete. Die Spitze von Droins Hacke drang knirschend in den Schädel, während er den Panzerstecher tief in ihren Hals stieß.

Kreischend brach die Bestie zusammen.

Die Tentakel zuckten reflexartig nach hinten. Die Knochenhaken an ihrem Ende hämmerten auf Droin ein, der zwar hin und her geschleudert wurde, sonst aber unverletzt blieb. Verglichen mit einem Drachen war die Kreatur harmlos. Die Drachenrüstung hielt den Schlägen mühelos stand.

Droin ließ sich an der Seite hinabfallen. Noch bevor er unten war, brüllte er zu Phyria: „Jetzt! Gib ihr den Rest!“

Flüssiges Feuer ergoss sich wie ein Wasserstrahl über Kopf und Flanken.

Zischend verdampfte er den Schleim, bevor das Fleisch wie Speck in der Pfanne zu knistern begann. Die Muskeln zuckten reflexartig noch ein paar Mal.

Schließlich hob Droin die Hand: „Das reicht. Sie ist tot. Und außerdem hat sie zuvor schon genug gestunken.“

Er musste es zweimal wiederholen, bevor Phyria die Flammen versiegen ließ.

„Das war ich ihr schuldig“, erwiderte sie voller Abscheu.

„Ist es immer so einfach?“, fragte sie ihn, nachdem sie sich erschöpft wieder auf den Steinen niedergelassen hatte.

Sie war völlig verblüfft. Erst waren sie geflohen, hatten zahlreiche Wunden davongetragen, ohne selbst viel auszurichten und nun hatte Droin die Kreatur mit einem einzigen Angriff zur Strecke gebracht.

„Nur wenn es richtig gemacht wird. Schätzt man den Gegner richtig ein, sieht es leicht aus. Wenn man sich irrt, bezahlt man nicht selten mit dem Leben, oder wenigstens mit Körperteilen.“

„Und woher wusstest Du, was das Viech tun würde?“

„Es gibt nicht viele Wesen, die auf unterschiedliche Arten jagen können. Dies war ein Hetzer, der seine Beute treibt, ermüdet, verwundet. Lauern liegt nicht in seiner Natur. Ein Lauerer hätte gewartet bis wir uns zeigen, um selbst aus dem Hinterhalt zuzuschlagen. Eine aggressive Bestie hätte uns so lange bedrängt, bis entweder sie oder wir unterlegen gewesen wären. Ein Rudel jagt wiederum anders, ein Fallensteller…“

„Danke. Für heute habe dich genug davon. Können wir jetzt weiter?“

„Unbedingt. Später setzen wir die Lektion fort. Wenn Du in der Wildnis überleben willst, wirst Du noch vieles lernen müssen. Gift oder Flügel, Tentakel, Sinne und Umgebung haben großen Einfluss auf die Jagdmethode. Ebenso wie die Zahl der Tiere, Einzelgänger, Paar, Familie, Rudel, Schwarm…“

„Bitte!“

Phyria hob abwehrend die Hände: „Ich ergebe mich. Ich verspreche, gut zuzuhören, nur bitte nicht jetzt. Ich will hier weg.“

„Einverstanden. Hilf mir, die Rüstung abzulegen und unsere Ausrüstung zu verstauen. Dann ziehen wir weiter. Unterwegs kannst Du ebenso gut zuhören, wie jetzt.“

Stöhnend verdrehte Phyria die Augen. Droin war ebenso stur wie ihre Lehrerinnen.

1 - 25 Der Brückenfischer -

Auch wenn der alte, modrige Kahn ächzte und knackte, es drang kein Wasser mehr ein.

Mit Brettern als primitive Ruder steuerten sie langsam auf die Einmündung im Fluss zu.

Die Geräusche aus der Stadt, die über die Wasserfläche zu ihnen drangen, deuteten auf Kämpfe hin, die anscheinend über große Teile der Stadt verteilt stattfanden. Die Dunkelheit verbarg sie vor der Entdeckung, trotzdem hielten sie den Atem an, als sie sich der ersten Brücke näherten.

Die Strömung hatte sie aus dem Hafenbecken gezogen und trieb sie nun rasch davon.

Anaya steuerte, während Kmarr ruderte, damit sie rascher über die Flussmitte hinweg gelangten. Ein Brückenpfeiler ragte vor ihnen auf, an dem sich ein Berg Unrat angesammelt hatte, der von der Strömung gegen das Gemäuer gepresst wurde. Anaya wollte links daran vorbei, doch Kmarr, der plötzlich eine Nase voll von einem schweren, süßlichen Duft abbekam, bedeutete ihr, auf jeden Fall die andere Seite zu wählen.

Gerade noch gelang ihr eine Kurskorrektur. Mit angehaltenem Atem trieben sie unter dem weiten steinernen Bogen hindurch, auf dem oben die Statue mit der Axt den Weg versperrte.

Hinter der Brücke verbreiterte sich der Fluss zu einem großen, runden Hafenbecken, in dem noch die Reste größerer Schiffe aus dem Wasser ragten. Keines davon war noch intakt.

Anaya, die nicht wusste, was Kmarr zu dem Kurswechsel veranlasst hatte, wandte den Kopf nach hinten.

Dort, unter dem anderen Brückenbogen hing – vom Mondlicht schwach beleuchtet – ein Vorhang aus dünnen, weißen Schleimfäden von den Beinen eines Brückenfischers hinab.

Die Kreatur hielt sich mit einer Reihe Beine an der Unterseite der Brücke fest. Von der anderen Hälfte erstreckten sich die schleimigen Fäden bis ins Wasser. Normalerweise wurden die Tiere vier bis fünf Schritte lang, von Kopf bis Fuß. Dieser hier jedoch maß gute zehn Schritte, ohne die zwei dünnen, biegsamen Stacheln mitzurechnen, mit denen sie die Opfer töteten, die sich in dem giftigen Schleim verfingen.

Das Gift löste die Haut, Innereien, Muskeln und sogar Knochen auf, so dass der Brückenfischer seine Opfer wie eine Spinne aussaugen konnte.

Dennoch wurden sie gerade wegen des Schleims gejagt, denn die Alian vermochten daraus Klebstoff zu machen, der besser war als Leim und Bogensehnen, die unempfindlich gegen Nässe waren.

Anaya hatte mehrere davon in ihrem Gepäck. Sie schüttelte verblüfft den Kopf. Ein so großes Tier hatte sie erst einmal gesehen. Unter anderen Umständen hätte sie vorgeschlagen, ihn zu erlegen. Hundert Sehnen oder mehr und mehrere Krüge Leim waren ein kleines Vermögen, das zudem leicht zu verdienen war.

Ein anderes Mal.

Kmarr hatte unterdessen ihren Nachen weiter in das Hafenbecken gerudert, näher an das gegenüberliegende Ufer heran, damit sie nicht über das offene Wasser in der Flussmitte getrieben wurden. Das sich dort spiegelnde Mondlicht hätte sie zu leicht entdeckbar gemacht.

Einmal knirschte es hässlich, als sie über das Ende eines Mastes glitten, der aus den trüben Tiefen fast bis zur Wasseroberfläche reichte. Anaya bemerkte ihn nur, weil vom zweiten Mast ein halber Schritt tatsächlich die schlammigen Fluten durchbrach.

Immer wieder blickte sie zur Brücke und dem anderen Ufer zurück, da sie dort jeden Augenblick das Auftauchen von Soldaten aus Morak befürchtete.

Hin und wieder entdeckte sie Fackelschein, der jedoch nicht näher kam. Niemand hatte sie bemerkt.

Vor ihnen lag die weite Fläche des Hafens, hinter der sich dunkel die Stadtmauer erhob.

Mitten im Fluss ragte der Rest eines Turmes auf, der einst die Hafeneinfahrt zusammen mit seinen Brüdern an den Ufern bewacht hatte.

Auf einer Seite waren noch die Reste einer Zugbrücke vorhanden, die einen der Ufertürme mit dem Turm in der Flussmitte verbunden hatte. Sehr wahrscheinlich hatte es auch von der anderen Seite eine solche Verbindung gegeben, doch wenn, war sie vor langer Zeit in den Fluss gestürzt und in den Fluten verschwunden. Jetzt befand sich ein Trümmerfeld zwischen den Türmen, über das der Fluss schäumend und tosend hinweg brauste. Diesen Gewalten würde ihr kleiner, altersschwacher Kahn niemals standhalten.

Anaya steuerte sie deshalb geradewegs auf die andere Lücke zu. Auch dort ragten Trümmer aus dem Wasser, doch die Passage wirkte schiffbar.

Die Strömung wurde stärker, je näher sie der Lücke kamen.

An der Oberfläche zeigten sich flache Wellen, die auf Hindernisse knapp darunter deuteten.

Sie legten sich beide mächtig ins Zeug, um ihr Boot zu beschleunigen.

Kurz vor der Lücke legte Kmarr sich flach hin, um den Tiefgang so gut es ging zu verringern, indem er sein Gewicht gleichmäßig verteilte.

Zunächst ging alles gut, er sah über sich die Reste der maroden Zugbrücke vorbei ziehen. Gerade als die Spitze des Nachens die Stadtmauer endgültig passiert hatte, gab es einen harten Schlag, dann drehte sich das Boot quer zur Strömung und er spürte, wie Wasser unter ihm durch das Holz eindrang.

Anaya hatte bereits das Paddel ergriffen und stocherte damit im Fluss herum, um das Boot wieder zurück zu drehen.

Kmarr hörte, wie sie wiederholt auf Stein traf, doch wenigstens gelang es ihr, sie jedes Mal ein Stück weiter zu befördern. Das Holz schabte über die Felsen und noch mehr Wasser drang ein.

Langsam rutschte ihr kleiner Kahn über das Hindernis. Es ruckelte noch einmal heftig hin und her, was Kmarr ein schmerzhaftes Knurren entlockte, als er gegen die Bordwand gedrückt wurde.

Mit einem letzten Schwall kalten Wassers kam das Boot frei.

Sofort richtete er sich wieder auf, und gemeinsam mit Anaya lenkte er das Boot zum anderen Ufer.

Das eindringende Wasser ignorierten sie beide, weil der Weg nicht weit war.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
654 s. 7 illüstrasyon
ISBN:
9783754131602
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi: