Kitabı oku: «Der Tango des Todes»
Christian Macharski
Der Tango des Todes

Das Buch
Ein kleiner Wanderzirkus möchte seine Zelte in dem beschaulichen Dorf Saffelen aufschlagen. Aus Mitleid überlässt Landwirt Hastenraths Will den Schaustellern seine Weide. Kurz darauf ereignet sich ein folgenschwerer Überfall auf einen der Dorfbewohner. Schnell geraten die Zirkusleute ins Visier von Hauptkommissar Kleinheinz, der allerdings feststellen muss, dass die Sache weitaus komplizierter ist, als es zunächst den Anschein hat. Hinzu kommt, dass sich der einzige Zeuge des Verbrechens, Richard Borowka, nicht mehr an die Tatnacht erinnern kann, dafür aber ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt. Je länger die Polizei auf der Stelle tritt, desto mehr spitzt sich die Situation zu. Inmitten dieses hochexplosiven Minenfelds übernimmt Hastenraths Will Verantwortung und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Als er der erschütternden Wahrheit gefährlich nahekommt, überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Will gerät in einen Alptraum aus dubiosen Machenschaften, verschmähter Liebe und brutaler Gewalt, aus dem es kein Entrinnen gibt.
Der Autor
Christian Macharski wurde 1969 in Wegberg geboren. Seit 1991 ist er als Kabarettist und Autor tätig und entwickelte diverse Programme mit dem Comedyduo „Rurtal Trio“ sowie drei Soloprogramme. Darüber hinaus arbeitete Macharski als Autor für verschiedene Fernsehsender (WDR, SAT1, RTL) und war zehn Jahre lang Kolumnist bei den Aachener Nachrichten. „Der Tango des Todes“ ist der fünfte Teil der Dorfkrimireihe um den ermittelnden Landwirt Hastenraths Will.
Von Christian Macharski außerdem als Taschenbuch erhältlich:
Irgendwo da draußen (ISBN 978-3-9807844-0-5)
25 km/h (ISBN 978-3-9807844-2-9)
Das Schweigen der Kühe (ISBN 978-3-9807844-4-3)
Die Königin der Tulpen (ISBN 978-3-9807844-5-0)
Das Auge des Tigers (ISBN 978-3-9807844-7-4)
Die Rache des Waschbären (ISBN 978-3-9424540-8-7)

© 2013 by paperback Verlag
Alle Rechte vorbehalten. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags
Umschlaggestaltung: kursiv, Oliver Forsbach
Fotos: Marcus Müller
Lektorat: Kristina Raub
ISBN 978-3-9814897-5-0
Die Personen und Handlungen der Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Die Protagonisten des Romans basieren auf Bühnenfiguren des Comedy-Duos Rurtal Trio.
Für Agnes
Prolog
Es hatte aufgehört zu regnen. Die Abendsonne blinzelte zwischen den Wolken hervor und ein gewaltiger Regenbogen spannte sich über den Horizont. Der junge Mann stand auf dem Bahnsteig neben seinem vollgestopften Trekkingrucksack und wartete. Er hatte die Augen fest geschlossen und genoss die Wärme auf seiner Haut. In seinen Gedanken sah er sich an einem einsamen Strand liegen, mit dem Rücken im Sand unter einer schattenspendenden Palme, das Rauschen des Meeres im Ohr und das Gefühl der Freiheit im Herzen. Ein gellender Pfiff riss ihn aus seinem Tagtraum. Er öffnete die Augen und der feuchte Bahnsteig lag immer noch verwaist und leergefegt vor ihm. Nur eine zerdrückte Coladose rollte im leichten Wind hin und her und gab scheppernde Laute von sich. Der Schaffner kam auf ihn zugelaufen und sah ihn mitleidig an, als er sagte:„Es tut mir leid, aber wir müssen jetzt wirklich abfahren.“ Der junge Mann nickte und wuchtete sich den Rucksack über seine Schulter. Irgendwie hatte er geahnt, dass sie nicht kommen würde. Er warf noch einen letzten Blick zurück und stieg dann in den Zug, der schon seit geraumer Zeit ungeduldig wie ein altes Schlachtross vor sich hin schnaubte. Nachdem sich die schweren Türen hinter ihm geschlossen hatten, presste er sein Gesicht an die Scheibe und beobachtete den Bahnhof dabei, wie er immer kleiner wurde und sich am Ende in Luft auflöste. Er betrat ein leeres Abteil, hievte seinen Rucksack ins Gepäcknetz und ließ sich in den Zweite-Klasse-Sessel sinken. Aus der Innentasche seiner Jeansweste zog er einen Brief hervor und faltete ihn auseinander. Immer wieder überflog er die wenigen Zeilen, bis er irgendwann in einen unruhigen Halbschlaf fiel. Doch das gleichmäßige und sanfte Ruckeln des Zuges zog ihn tiefer und tiefer in einen Traum, der ihn wieder an einen sonnenüberfluteten Strand zurückversetzte. Ein wohliger Schauer deckte ihn zu. Und er lächelte.
1

Hastenraths Will stöhnte. Mit dem Ärmel seines karierten Baumwollhemdes wischte er sich über die feuchte Stirn. Seine Knochen schmerzten, als er die Küche seines Bauernhofes betrat. Die Arbeit im Stall machte dem Landwirt von Jahr zu Jahr mehr zu schaffen. Wie lange würde er sich noch um seine geliebten Kühe und Schweine kümmern können? Waren die zunehmenden Gelenkschmerzen ein erstes Anzeichen dafür, dass er sich so langsam mit dem Ruhestand würde beschäftigen müssen? Für Will ein unvorstellbarer Gedanke – und dennoch: Einen Nachfolger für den prächtigen Hof gab es nicht. Seine einzige Tochter Sabine hatte einen Computerspezialisten geheiratet, der zwar seine bedingte Tauglichkeit unter Beweis gestellt hatte, als er die Melkmaschine neu programmiert hatte, aber ganz sicher keine Lust hatte, etwas derart aus der Zeit Gefallenes wie einen Bauernhof mit klassischer Tierhaltung zu bewirtschaften. Schon mal gar nicht in seinen gebügelten Bundfaltenjeans und den um den Hals geknoteten Pullovern mit aufgestickten Krokodilen, die er so gerne trug. Will streifte seinen verwaschenen Bundeswehrparka ab und hängte ihn über den Küchenstuhl. Nachdenklich kratzte er sich am Hinterkopf, wobei ihm seine grüne Schirmmütze leicht nach vorne rutschte und den oberen Rand seiner Brille berührte. War er – Hastenraths Will, der erfolgreichste Bauer von ganz Saffelen – etwa auch bereits aus der Zeit gefallen? Unsinn. Männer wie er wurden immer gebraucht. Also verwarf er den Gedanken und goss sich einen frischen Filterkaffee in eine große Keramiktasse mit der Aufschrift „Deuka – das Kraftfutter“. Der Kaffee verströmte im ganzen Raum den herrlichen Duft der Arabicabohne. Er war tiefschwarz und sehr heiß, wie Will bei seinem etwas zu hastigen ersten Schluck feststellen musste. Fluchend wischte er sich die Spritzer vom Hemd. Seine Frau Marlene hatte den Kaffee offensichtlich noch schnell frisch aufgeschüttet, bevor sie mit ihrem neuen Liebling das Haus verlassen hatte. Vor einem halben Jahr hatte Will ihrem Drängen nachgegeben und ihr einen kleinen Jack-Russell-Rüden geschenkt, der auf den verharmlosenden Namen „Knuffi“ hörte. Knuffi war ein typischer Vertreter seiner Rasse: furchtlos, lebhaft und trotz einer Größe von gerade mal 25 Zentimetern mit deutlich zu viel Selbstvertrauen ausgestattet. Letzteres war allerdings auch kein Wunder, schließlich las ihm sein Frauchen jeden Wunsch von den kleinen braunen Knopfaugen ab, vor allem, wenn das dazugehörige Köpfchen schief auf ihrem Oberschenkel lag, während sie am Tisch saß, um zu essen. Hinzu kam, dass die beiden Enkelkinder, Kevin-Marcel und Justin-Dustin, in das neue Familienmitglied ganz vernarrt waren und dessen Abenteuerlust immer wieder aufs Neue anstachelten. Nun, da Marlene mit Knuffi einen Verdauungsspaziergang machte, den der nach dem Frühstück und vielen heimlich vom Tisch gefallenen Wurstresten sicher sehr nötig hatte, hatte Will wenigstens etwas Muße, um seinen Gedanken nachzuhängen.
In den letzten Monaten war sehr viel passiert. Einer seiner wenigen Freunde von auswärts, Hauptkommissar Peter Kleinheinz, der ihm schon bei verschiedenen Kriminalfällen, in denen Will hobbymäßig ermittelt hatte, hilfreich zur Seite gestanden hatte, war doch tatsächlich vor einer Woche in das kleine Dorf Saffelen gezogen. In Wills geliebtes Heimatdorf, in dem er bereits sein ganzes Leben zugebracht hatte und das dem Kommissar bislang aufgrund angeblichen Hinterwäldlertums lediglich als Zielscheibe mehr oder weniger offenen Spotts gedient hatte. Will war allerdings klar, dass es Kleinheinz weder aus Zuneigung zum Landleben noch aufgrund ihrer Männerfreundschaft in den kleinen Ort an der holländischen Grenze verschlagen hatte, sondern schlicht aus Liebe. Und zwar aus Liebe zu Bettina Hebbel, die, und das machte die Sache nicht unbedingt besser, selbst eine Zugezogene war. Vor ein paar Monaten war sie aus Norddeutschland gekommen und hatte eine frei gewordene Stelle als Lehrerin in der Saffelener Grundschule angetreten. Zurzeit richteten sich Peter Kleinheinz und Bettina Hebbel voll überbordenden Glücks ihr neues Heim im Saffelener Neubaugebiet ein. Ausgerechnet im Neubaugebiet, dachte Will. Das stetige Anwachsen dieses neuen Ortsteils war dem streitbaren Ortsvorsteher schon lange ein Dorn im Auge, weil er dadurch die über Jahrhunderte gewachsene Infrastruktur seines Reiches bedroht sah. Aber gegen den Einzug der Moderne war manchmal schwer anzukommen, das musste selbst Will sich hin und wieder eingestehen.
Trotz aller Vorbehalte gegenüber Fremden war sich Will seiner diplomatischen Verpflichtungen als Ortsvorsteher jedoch bewusst. Und so holte er zwei große Präsentkörbe aus der Vorratskammer, die seine Frau bereits üppig mit Landwirtschaftsprodukten aus eigener Herstellung gefüllt hatte. Wills Aufgabe war es nun, sie mit persönlichen Dingen anzureichern, die mit dem Beschenkten in Zusammenhang standen. Der eine Korb war für Peter Kleinheinz bestimmt und der zweite für eine ganz besondere Person, die ebenfalls in den nächsten Tagen nach Saffelen ziehen würde. Streng genommen hätte dieser Person zwar kein Präsentkorb zugestanden, da es sich bei ihr nicht wirklich um einen Neubürger handelte. Doch um seine Freude zu dokumentieren, machte Will in diesem Fall gerne eine Ausnahme, und da er als Ortsvorsteher niemandem Rechenschaft schuldig war, hatte er das einfach so bestimmt. Fredi Jaspers, der verlorene Sohn, kehrte nach fast drei Jahren, die er aus mehr oder weniger privaten Gründen in Berlin verbracht hatte, wieder in seinen Geburtsort zurück. Die genauen Beweggründe hatte Will noch nicht in Erfahrung gebracht. Er wusste lediglich, dass Fredi plante, seine Berliner Lebensgefährtin nachkommen zu lassen, sobald er mit seinem Kumpel Richard Borowka das elterliche Haus renoviert hatte. Nach dem Tod von Fredis Vater im letzten Jahr hatte seine Mutter sich entschieden, zu ihrer ebenfalls verwitweten Schwester nach Uetterath zu ziehen und Fredi das Haus zu überschreiben. Die weiteren Hintergründe würde Will sicher auch noch in Erfahrung bringen, schließlich war er nicht nur ein erfahrener Hobbykriminologe, sondern wusste mit seiner Frau Marlene auch eine der besten Informationsbeschafferinnen des gesamten Dorfes in seinen Reihen.
Mit den persönlichen Dingen für Fredi Jaspers hatte Will überhaupt keine Probleme gehabt, schließlich kannte er den Jungen von Geburt an und wusste alles über dessen Neigungen und Schwächen. Die Überlegungen zu Peter Kleinheinz hingegen waren noch nicht ganz abgeschlossen, da er über die Vorlieben des Kommissars noch nicht allzu viel wusste. Aber auch da würde ihm sicher noch etwas Originelles einfallen. Will nahm zufrieden einen weiteren Schluck Kaffee, der mittlerweile auf ein erträgliches Maß abgekühlt war. Dennoch verschüttete er wieder die Hälfte – diesmal jedoch vor Schreck, weil es an der Haustür klingelte. Der schrille Ton war extralaut eingestellt, damit man ihn über den Hof hinweg bis in den Kuhstall hören konnte. Will zuckte jedes Mal zusammen, wenn er sich im Haus befand. Entsprechend schlecht gelaunt ging er durch den Flur zur Tür. Um diese frühe Zeit klingelte selten jemand, um etwas am Hofverkauf zu erwerben, und wenn, war das etwas, das in Marlenes Aufgabenbereich fiel. Doch die hatte ja auf einmal neue Hobbys, mit denen sie ihre Arbeitszeit verbrachte.
Missmutig riss Will die Tür auf und wollte dem Besucher gerade seine obligatorische Begrüßungsformel „Wer zum Teufel …?“ entgegenschleudern, als er mitten im Satz überrascht abbrach. Vor ihm stand ein Clown. Und zwar ein echter – mit einem runden, geblümten Filzhut auf einer roten Perücke, deren Haare zu allen Seiten abstanden. Er trug ein quietschgelbes T-Shirt und eine sehr weite, karierte Pumphose, die von ebenfalls karierten Hosenträgern gehalten wurde. Darunter steckten rote Socken in übergroßen, abgetragenen schwarzen Schuhen, die bis über die Türschwelle ragten und fast schon im Flur standen. Das Gesicht des Clowns war komplett geschminkt. Während die Augen großflächig weiß umrandet waren, bestand der Mund aus einem einzigen grotesken Dauergrinsen. Um den üppigen roten Lippenstift war ebenfalls eine weiße Fläche aufgemalt, die die Mundwinkel optisch bis auf die Höhe der Wangenknochen hochzog. Die Mitte des Gesichts zierte eine dicke rote Plastiknase, die mit Gummibändern am Kopf befestigt war. Diese Nase zog der Clown nach vorne und setzte sie sich auf die Stirn, bevor er anfing zu sprechen: „Entschuldigen Sie die frühe Störung. Aber ich habe ein Problem.“
Will musterte den Mann von oben bis unten und antwortete: „Ja, das seh ich wohl. Wodrum geht es sich denn? Das eine kann ich Sie aber direkt sagen: Ich habe keine Zeit. Und … Geld schon mal gar nicht.“ Erst jetzt, als der Clown wieder anhob, fiel Will auf, dass das Gesicht unter der aufgemalten Fröhlichkeit sehr ernst und verunsichert wirkte. Auch die Stirn lag in tiefen Falten. Für einen Moment überkam Will ein Hauch von Unbehagen, denn als Kind war er ein großer Zirkusfreund gewesen. Und die Clowns hatten es ihm dabei immer besonders angetan. Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum er die Haustür nicht schon längst zugeschlagen hatte.
„Mein Name ist Francesco Baldini“, sagte der Clown. „Ich bin der Direktor und zugleich Clown vom Zirkus Baldini. Eigentlich sollten wir nächste Woche in Ihrem Nachbarort Brüggelchen gastieren. Es war auch alles geklärt und besprochen. Die Gemeinde hatte uns eine Wiese zugeteilt und seit gestern sind wir mit dem Aufbau beschäftigt. Unsere Plakate sind aufgehängt, die Stromund Wasseranschlüsse liegen. Aber vor etwa einer Stunde, ich war gerade mitten in der Probe, kommt jemand mit einem amtlichen Schreiben vorbei und teilt uns mit, dass alle Genehmigungen aufgehoben wurden und wir innerhalb von fünf Stunden verschwunden sein müssen.“
Will räusperte sich und fragte nicht gerade freundlich: „Ja, und was wollen Sie jetzt von mir?“ Bevor der Clown antwortete, warf er einen kurzen Seitenblick auf die große eingezäunte Weide neben dem Bauernhof und Will ahnte plötzlich, worauf dieses Gespräch hinauslaufen würde. Er sollte dem Wanderzirkus aus der Patsche helfen und ihm am Ende wahrscheinlich auch noch kostenlos seine Wiese zur Verfügung stellen. Und anschließend konnte er dann sehen, wie er den Müll entsorgen sollte. So weit kommt es noch, dachte der Landwirt und umfasste den Türknauf mit entschlossenem Griff.
Dann sagte der Clown: „Der Mann, der uns verjagen will, heißt Willibert Dahmen. Er ist wohl der Ortsvorsteher von Brüggelchen. Und einer der Anwohner hat mir gesagt, ich sollte es deshalb am besten mal bei Ihnen versuchen.“
Hastenraths Will stieg die Zornesröte ins Gesicht. Was für eine Unverschämtheit! Augenblicklich begann seine Halsschlagader zu pochen. Mit kaum unterdrückter Wut in der Stimme brüllte er: „Willibert Dahmen?! Kommen Sie bitte rein. Dann geb ich Sie erst mal ein Kaffee. Sie sehen aus, als könnten Sie einen gebrauchen.“
Clown Pippo, so sein Zirkusname, saß noch immer in voller Montur am Küchentisch und hielt die Kaffeetasse mit beiden Händen fest umklammert. „Die Nächte sind schon noch sehr kalt im Wohnwagen“, sagte er. „Erst heute Morgen mussten ein paar Mitarbeiter losfahren, um neue Gasflaschen zu holen.
Aber was sagten Sie noch, was dieser Willibert Dahmen ist?“
„Ein Arschloch vor dem Herrn“, ereiferte sich Will.
„Nein, das andere, was Sie sagten.“
„Ach so“, Will beruhigte sich wieder ein wenig. „Ja, der Mann arbeitet in der Kreisverwaltung als Dezernent für irgend so ein Quatsch wie ‚Ordnungsamt‘. Auf jeden Fall hält der sich für was Besseres. Wenn wir die alljährliche Versammlung aller Ortsvorsteher haben, ist der ständig am quertreiben. Alles, was ich sag, ist der am kritisieren. Dann kommt der immer mit irgendswelche Verordnungen oder Gesetze um die Ecke. Oder ist davon dran, dass wir für gemeinsame Anschaffungen ordentliche Rechnungsbelege brauchen, statt, dass wir das für kleines Geld unter der Hand machen, wie das normalerweise unter Ehrenleute läuft. Dieser Korinthenkacker hat mich sogar einmal angezeigt wegen Beleidigung. Dabei hatte ich bloß die Wahrheit gesagt.“
„Verstehe.“ Baldini nickte. Zum ersten Mal huschte ein echtes Lächeln über sein aufgemaltes Lächeln. „Mit solchen Typen haben wir ständig zu tun. Sie können sich sicher vorstellen, wie wir Zirkusleute von den Behörden drangsaliert werden. Aber dieser Anwohner, der mir Ihre Adresse gegeben hat, der hat erzählt, dass Ihre Rivalität noch aus der Zeit herrührt, bevor der Mann Ortsvorsteher von Brüggelchen wurde?!“
Will legte die Stirn in Falten und überlegte kurz. „Ach so, das meint der. Das hatte ich schon fast vergessen. Aber stimmt, der Willibert Dahmen hat mich mal vor andere Leute auf das Übelste beleidigt. Das war vor über 20 Jahre. Da standen wir im Supermarkt an der Kasse, da sagt der plötzlich für mich, ich hätte die dickste Frau von ganz Saffelen und ich hätte die bloß wegen der Erbschaft geheiratet.“
Baldini schüttelte bestürzt den Kopf. „Das haben Sie aber nicht auf sich sitzen lassen, oder?“
„Natürlich nicht“, entrüstete sich Will. „Ich habe direkt für dem gesagt: Das stimmt doch überhaupt nicht … das mit die Erbschaft.“
Baldini war für einen kurzen Moment irritiert, nahm sich dann aber den Teller mit der dicken Brotscheibe, den Will ihm hingestellt hatte, und begann, das Graubrot mit frischer Erdbeermarmelade zu bestreichen. „Sehr lecker übrigens, die selbst gemachte Marmelade“, schmatzte er, nachdem er herzhaft hineingebissen hatte.
„Nehmen Sie, so viel Sie wollen“, bot Will großzügig an, „davon haben wir der ganze Keller vollstehen. Oh, ich glaube, da kommt meine Frau. Dann können wir das schnell abklären mit der Wiese.“
Sekunden, nachdem die Haustür geöffnet worden war, schoss ein kleiner, braun-weiß gescheckter Hund um die Ecke und bellte aus Leibeskräften. Er hielt kurz inne, als er den seltsamen bunten Mann sah, aber nur, um danach noch lauter zu bellen. Als Marlene nichtsahnend die Küche betrat, stieß sie einen spitzen Schreckensschrei aus und fasste sich mit der Hand ans Herz. Dabei bebte ihr massiger Körper, der in einen blauen Kittel gezwängt war. Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, starrte sie abwechselnd den Clown und Will an und wartete offensichtlich auf eine Erklärung. Erst jetzt verstand Will Marlenes heftige Reaktion. Schließlich musste der Clown furchteinflößend auf sie wirken, wie er dasaß mit einem Messer in der Hand, von dem rote Flüssigkeit tropfte. Marlene war nämlich begeisterte Krimileserin. Und Will hatte gesehen, dass auf ihrem Nachttisch im Moment der neueste Band aus ihrer Lieblingsreihe „Gerichtsmedizinerin Maria Schneider“ lag. Auf dem Cover war ein Clown mit einem Messer abgebildet und der Titel lautete: „Der irre Killerclown mit der scharfen Klinge“. Was für ein lustiger Zufall. Will musste lachen.
„Marlene, komm mal wieder runter. Der Mann ist nicht hier, für dich umzubringen. Der braucht unsere Hilfe.“
Marlene schenkte sich auf den Schreck erst mal einen Kaffee ein, setzte sich zu den beiden Männern an den Tisch und ließ sich dann von ihnen alles erklären. Zwischendurch musste sie ihrem Mann immer wieder beschwichtigend die Hand auf den Arm legen, wenn er sich zu sehr über Willibert Dahmen aufregte. Sie überlegte eine Weile, weil es ihr im ersten Moment nicht gerade behagte, irgendwelche fremden Schausteller in ihrer Nähe zu beherbergen. „Was würden Sie denn machen, wenn Sie keinen Platz finden?“, fragte sie.
Baldini seufzte kurz, bevor er antwortete: „Ich habe hier in der Gegend ein paar Güterwaggons angemietet, wo wir in den vergangenen Monaten unsere Sachen zum Überwintern eingelagert hatten. Notfalls müsste ich das dann auch wieder machen und meine Leute entlassen oder an befreundete Unternehmen vermitteln.“
Da der Mann Marlene leid tat und ihr auch Wills Vorliebe für den Zirkus in 30 Ehejahren nicht verborgen geblieben war, stimmte sie den Plänen mit leichtem Magengrummeln zu. Baldini, der Clown, strahlte übers ganze Gesicht. Diesmal sogar in echt. Er schüttelte Marlene erleichtert die Hand.
„Vielen Dank. Sie wissen gar nicht, wie sehr Sie uns damit helfen! Ich werde sofort veranlassen, dass wir alles hierher schaffen. Wir werden Ihnen auch keine Umstände machen. Und ich kann Ihrem kleinen Hund gerne ein paar Tricks beibringen, wenn Sie wollen. Wir haben nämlich auch so einen Jack Russell im Programm – Pippolino. Der ist immer einer der Höhepunkte unserer Vorstellung.“
Will nickte erfreut. „Das wär nicht schlecht, wenn Sie der Knuffi mal was beibringen würden – am besten ‚hören‘.“ Den bösen Seitenblick von Marlene ignorierte er und begleitete Baldini nach draußen.
Als er in die Küche zurückkam, räumte Marlene gerade den Tisch ab. „Weißt du, wer wieder zurück kommt nach Saffelen?“, fragte sie aufgeregt.
„Ja klar, Fredi Jaspers.“
„Nee, den mein ich nicht. Die Frau Zielowski hat mir erzählt, dass der Juppi Schrammen morgen auf Besuch kommt.“
„Nein!“ Will war baff. „Juppi Schrammen? Das gibt es doch gar nicht!“
Juppi Schrammen genoss in Saffelen eine Art Heldenstatus. Er war der Bruder von Theo Schrammen, einem Schreiner im Vorruhestand. Im Jahr 2002 hatte Juppi mit Anfang dreißig Saffelen verlassen und war einfach auf Weltreise gegangen. Immer wieder erreichten die Daheimgebliebenen Postkarten oder E-Mails aus allen Teilen der Erde. Juppi hatte das erste Jahr in Thailand und Indien verbracht, dann in einem Kibbuz in Israel gearbeitet und anschließend bei einem Brunnenbauprojekt in Somalia geholfen. Er sollte auch mal Skilehrer in den
Rocky Mountains gewesen sein. Legenden rankten sich um seine Reisen und viele Saffelener bewunderten ihn für seinen Mut, den sicheren Heimathafen verlassen zu haben. Hinzu kam, dass Juppi auch schon als Kind und Jugendlicher ein überaus beliebter Mensch gewesen war. Und deshalb freute sich Will sehr über diese Nachricht. „Der kommt bestimmt zurück, weil letztens die Mutter gestorben ist, oder?“ fragte er.
Marlene nickte. „Ja genau. Und die hat der Theo und der Juppi das Haus vererbt, wo Theo mit seine Frau drin wohnt. Und jetzt kommt der Juppi für ein paar Tage nach hier, für der Nachlass zu regeln. Danach fährt der aber direkt wieder weiter. Ich glaube, dann geht es nach Kanada. Ach so, am Samstag gibt es übrigens beim Theo eine große Garagenparty zu Ehren von Juppi. Da sind wir auch zu eingeladen.“
Will strich sich zufrieden über den Bauch. „Schön, da freu ich mich. Ach, der Juppi ist schon ein verrückter Hund“, sinnierte er, bevor er Marlene scharf ansah. „Apropos verrückter Hund. Ich habe gerade genau gesehen, wie du der Knuffi unterm Tisch heimlich ein Leberwurstbrot mit Petersilie zugesteckt hast. Lass das endlich mal sein, sonst ist der nachher noch zu dick für durch ein brennender Reifen zu springen.“
2

Der Kleister spritzte in alle Richtungen, als Fredi Jaspers mit der triefenden Bürste über die Tapetenbahn jagte. Richard Borowka, der auf einer Trittleiter an der Wand stand und eine bereits aufgeklebte Bahn von oben nach unten und von der Mitte zu den Seiten hin vorsichtig glatt strich, regte sich nicht zum ersten Mal an diesem Tag auf. „Sag mal, Fredi geht’s noch? Jetzt hab ich schon wieder was im Auge gekriegt. Pass mal ein bisschen auf.“
Fredi winkte gut gelaunt ab. „Ja, ja, mach dir mal nicht im Hemd.“ Er legte die Bürste ab und faltete die vollgesogene Tapete vorsichtig zusammen. Dabei achtete er peinlichst genau darauf, dass die Längskanten exakt aufeinanderlagen. Auch faltete er die Endkanten nicht zusammen, sondern bildete kleine Schlaufen – wie ein Profi. Zufrieden mit seiner Arbeit legte er die vorbereitete Tapetenbahn auf einen Stuhl und breitete die nächste auf dem Tapeziertisch aus. Fredi wollte bei der Renovierung nichts dem Zufall überlassen. Wenn Sabrina, seine Freundin aus Berlin, schon zu ihm ins 650 Kilometer entfernte Saffelen zog, dann sollte auch alles perfekt sein. Wobei es sogar Sabrina gewesen war, die diesen Umzug vorangetrieben hatte. Fredi wäre auch in Berlin geblieben. Eigentlich hatte er sich schon fast an die Großstadt gewöhnt. Das Einzige, was ihn störte, war die allgegenwärtige Gewalt – jedenfalls in dem Bezirk, in dem er wohnte. Wenn es früher in seiner Stammdisko in Himmerich mal Streit gegeben hatte, dann hatte man diesen noch ehrlich und fair beigelegt, nämlich mit den Fäusten. In Berlin kam man mit dieser Politik nicht weit. Dort regierten Messer, Schlagringe und manchmal sogar Feuerwaffen. Nicht nur einmal waren er und seine Freundin in brenzlige Situationen geraten. Sabrina war sogar zweimal innerhalb eines Monats in der U-Bahn angepöbelt worden.
Als die beiden dann das letztjährige Weihnachtsfest in Saffelen bei Fredis Mutter verbracht hatten, hatte diese den beiden plötzlich eröffnet, dass sie zu ihrer ebenfalls verwitweten Schwester nach Uetterath ziehen und Fredi das Haus vermachen wolle. Und ihr größter Wunsch sei es, dass sie beide dort einziehen. Während Fredi der Gedanke zunächst überhaupt nicht behagte, in das Haus zurückzukehren, mit dem er nicht nur gute Erinnerungen verband, freundete Sabrina sich sehr schnell mit der Idee an, die schmutzige, graue Stadt gegen das ländliche und vor allem friedliche Idyll einzutauschen. Mittlerweile konnte sie es kaum mehr erwarten, nach Saffelen zu ziehen, aber Fredi hatte darauf bestanden, erst das Haus nach ihren gemeinsamen Plänen fertigzustellen. Ihre Ankunft war für den kommenden Mittwoch geplant. Und die Zeit drängte, denn seine Umbaupläne waren äußerst ambitioniert. In den letzten Wochen war Fredi durchgehend damit beschäftigt gewesen, Wände einzureißen, Durchbrüche zu schlagen, Böden zu entfernen, Fliesen zu legen und den Schutt anschließend im Uetterather Waldsee zu entsorgen. Neben einigen Freunden aus seinem alten Fußballverein war es vor allem sein bester Kumpel Richard Borowka, der ihn nahezu täglich bei den Sanierungsmaßnahmen unterstützte.
Fredi legte die Tapezierbürste zur Seite. Er wischte sich die Hände an seinem weißen Maleroverall ab und rief: „Komm Borowka, Päuschen. Sonst wird das Bier schlecht.“
„Sekunde.“ Borowka schob sich sein aus einer Zeitung gefaltetes Schiffchen auf dem Kopf zurecht und entfernte mit einer Schere sehr akkurat den Tapetenüberstand, sodass der Abschluss bündig mit der Decke verlief. Zufrieden betrachtete er sein Werk und stieg von der Treppenleiter. Als er wieder Boden unter den Füßen spürte, streckte er sich. „So, danach noch ein Zimmer, dann ist dein Playboy Mansion fertig und du kannst dein Bunny einfliegen lassen.“
„Mein was?“ Fredi zog zwei Flaschen Bitburger aus einer Kühlbox, öffnete sie mit seinem Feuerzeug und reichte Borowka eine.
„Firma dankt“, sagte Borowka und leerte mit einem einzigen Schluck die halbe Flasche. Nach einem kurzen Aufstoßen sagte er: „‚Playboy Mansion‘ – so sagt man doch für die Villa von diesem Playboy-Erfinder, hier: Hutsch Hefner. Da, wo der wohnt mit seine ganzen Silikonhasen.“
Fredi lachte. „Von wegen Playboy. Mit die Sabrina ist es mir absolut ernst. Aber mal was anderes, Borowka. Tausend Dank, dass du mir jeden Tag geholfen hast. Ohne dich hätte ich das nie geschafft. Ich hoffe, du hast dafür nicht dein ganzer Jahresurlaub draufgehunzt?!“
„Bin ich bekloppt“, tönte Borowka und nahm auf einem Mäuerchen Platz. „Ich hab mich von der Doktor Hoppe krankschreiben lassen wegen Halsschmerzen. Du weißt doch selbst, dass man bei Oellers nur 14 Tage Urlaub im Jahr kriegt. Sei bloß froh, dass du da damals die Biege gemacht hast. Hast du eigentlich schon ein neuer Job?“
Fredi drehte einen leeren Bierkasten um und setzte sich ebenfalls. Nachdenklich knibbelte er am Bitburger-Etikett auf seiner Flasche herum und sagte: „Nee, leider nicht. Ich versteh das überhaupt nicht. Bloß Absagen bisher, dabei habe ich ein Top-Zeugnis. Ein Eisen habe ich aber noch im Feuer, und zwar bei ‚Auto Kohlmeier‘. Die suchen ein junger, cleverer, gut aussehender Mitarbeiter für an der Ersatzteilausgabe. Mit andere Worte: Die suchen mich! Und das sieht auch sehr gut aus. Das sind nämlich die einzigsten, die mir bisher noch keine Absage geschickt haben. Aber eins sag ich dir: Eher friert die Hölle zu, als dass ich nochmal bei Auto Oellers anfange. Na ja, noch habe ich ja ein bisschen Kohle. Meine Mutter hat mir was gegeben für der Umbau. Aber so Geld zerfließt einem ja zwischen die Finger wie ein Stück Sand.“
„Wem sagst du das?“, entfuhr es Borowka. Er biss sich auf die Lippen.
Aber Fredi hatte ein feines Gespür und registrierte die seltsame Schwingung sofort. „Wieso? Was ist los?“
Borowka druckste ein wenig herum, bevor er von seiner Misere erzählte. Wenn er es einem anvertrauen konnte, dann seinem besten Kumpel Fredi. „Na ja, du weißt ja, wie schlecht der alte Oellers bezahlt. Und Rita ist ziemlich – wie soll ich sagen? – ziemlich kaufwütig. Die hat unser Dispokredit schon hoffnungslos überzogen mit Möbelund Klamottenkäufe. Aber das eigentliche Problem ist, dass die ganzen Ersatzteile für mein Ford Capri richtig Geld kosten. Der war ja in den letzten Jahren ein paar Mal Totalschaden. Und jetzt steh ich bei Henk mit 5.000 Euro in der Kreide. 2.500 plus Zinsen ...“ Fredi schwante nichts Gutes. Henk Houwechrad aus Geleen genoss einen mehr als zweifelhaften Ruf. Er trug ständig eine Schusswaffe und war dafür bekannt, dass er Kredite auf Vertrauensbasis vergab. Dafür galten er und seine Handlanger aber als nicht gerade zimperlich, wenn es darum ging, die Schulden einzutreiben. Es ging sogar das Gerücht um, dass er einem Fußballkollegen von Fredi und Borowka mal den kleinen Finger abgeschnitten haben soll. Dieser behauptete zwar steif und fest, er hätte den Finger beim Zuschlagen der Autotür verloren, aber alle wussten, dass er bei Henk Schulden gehabt hatte.
Borowka trank das Bier komplett aus und beendete seinen Satz: „Und nächste Woche Mittwoch ist der Stichtag. Dann will der die fünf Riesen haben. Ich hab aber nix.“
Fredi starrte seinen Freund entgeistert an. „Ja, sag mal, damit kommst du jetzt um die Ecke? Jetzt, wo das Geld von meine Mutter zu Ende geht. Ich hätte dir doch … Moment. Eine Sache habe ich ganz vergessen.“ Fredi stand ruckartig auf und verließ den Raum. Nach ein paar Minuten kehrte er zurück und hielt Borowka wortlos ein rosafarbenes Sparschwein hin, mit der Aufschrift: „Für unser gemeinsamer Traum.“
Borowka betrachtete das grinsende Schwein und sah Fredi dann mit großen Augen an. „Sag mal, bist du schwul geworden, oder was? Was soll das hier werden?“
„Jetzt nimm schon“, Fredi schüttelte das Sparschwein. „Da drin sind etwas mehr als 5.000 Euro. Das ist das ganze Geld, was ich in Berlin gespart habe. Das war eigentlich für eine Hochzeitsreise mit Sabrina gedacht, falls die mein Heiratsantrag annimmt. Das leih ich dir.“
Borowka erhob sich und trat empört einen Schritt zurück.
„Sag mal, tickst du noch sauber? Jetzt mal ganz abgesehen davon, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass jemals eine Frau dich heiraten würde, würde ich nie im Leben Geld von dir annehmen. Ich krieg das schon selber geregelt mit der Henk.“ Doch Fredi ließ nicht locker. „Du weißt selbst, dass Henk gefährlich ist und dass der …“
„He, ihr zwei Spacken, macht ihr schon wieder Pause?“ Unbemerkt von Fredi und Borowka war Tonne ins Haus gekommen. Tonne war der Torwart der Saffelener Fußballmannschaft und seine körperlichen Ausmaße machten seinem Spitznamen alle Ehre. Er trug eine abgeschnittene Bundeswehrhose, aus der weiße, tätowierte Unterschenkel herausragten und ein deutlich zu enges T-Shirt, das einen stark behaarten Bauchnabel freilegte. Sein Haar trug er wie Fredi und Borowka vorne kurz und hinten lang. „Kommt mal mit nach draußen“, fuhr er fort,
„Ich hab auf der Pritsche vier Sack Zement liegen. Hier, Ralf Richterich, der Bekloppte aus Porselen, arbeitet doch beim Bauhof. Und die vier Säcke sind da wohl heute Morgen vom Lkw gefallen. Und wie ich dem eben traf, meinte der, dass du die vielleicht noch gebrauchen könntest für dein Umbau.“
Fredi versteckte das Schwein hinter seinem Rücken und antwortete: „Das ist aber nett von dem. Zement kann ich immer gut gebrauchen. Außerdem wollte die Sabrina im Keller sowieso noch so ein Sockel haben, wo man Waschmaschine und Trockner draufstellen kann. Dass man sich beim Vollstopfen nicht so bücken muss.“
„Siehst du“, sagte Tonne und rieb sich die Hände, „dann mal rein mit der Scheiß. Ach übrigens, jetzt ratet mal, wer wieder zurückkommt nach Saffelen!“
„Keine Ahnung. Der Sommer?“, versuchte Borowka einen Scherz und zeigte grinsend auf Tonnes nackte Beine.
„Guck dich mal selber an“, konterte Tonne mit einem Nicken in Richtung des Malerschiffchens, das auf Borowkas blonder Dauerwelle thronte, bevor er fortfuhr: „Nee, Juppi Schrammen kommt Freitag wieder zurück. Zwar nur für eine Woche, aber am Samstag gibt es eine richtig fette Fete bei dem sein Bruder. Da sind wir vom Fußball alle eingeladen.“
„Wie geil ist das denn?“ sagte Fredi. Auch Borowka freute sich. Auf Juppi und die Fete. Da musste er sich am nächsten Montag wohl schon wieder krankschreiben lassen.
3

Das prächtige Zirkuszelt war bereits errichtet. Zwischen den beiden Masten, die aus dem Dach herausragten, war ein Stahlseil gespannt, an dem internationale Fähnchen den Namen
„Zirkus Baldini“ einrahmten. Das rot-gelb gestreifte Zeltdach wurde von Rondellstangen gestützt, an denen auch die Seitenwände befestigt waren. Von außen wurde die Dachplane mit Stahlseilen gesichert, die gerade von mehreren Arbeitern unter äußerster Kraftanstrengung mithilfe eines Flaschenzugs gespannt wurden. Noch standen die Wohnwagen, Anhänger und Zugmaschinen kreuz und quer auf der weitläufigen Wiese neben dem Hof der Hastenraths. Lediglich der historische Kassenwagen, der gleichzeitig den Eingang markierte, stand bereits an seinem Platz und wurde von einem weiteren Arbeiter mit der Wasserwaage ausgerichtet.
Hastenraths Will beobachtete das Treiben aus dem Augenwinkel, während er einen der beiden Präsentkörbe zu seinem Mercedes trug, der etwas unkonventionell am Straßenrand abgestellt war. Der rechte Vorderreifen quetschte sich zur Hälfte über die Bordsteinkante, während das rechte Hinterrad ungefähr 20 Zentimeter davon entfernt stand. Kopfschüttelnd betrachtete Will das verunglückte Parkexperiment seiner Frau. Nachdem er den sperrigen Korb, an dem ein Zettel mit der Aufschrift „Peter Kleinheinz“ hing, umständlich auf dem Rücksitz verstaut hatte, ging er zurück, um auch den zweiten aus der Küche zu holen. Auf halbem Wege jedoch konnte er seine Neugier nicht mehr zügeln und steuerte auf den Mann zu, der sich gerade leise fluchend daran abmühte, das Kassenhäuschen horizontal auszurichten. Schon als Kind hatte Will sich von nostalgischen Gerätschaften aller Art magisch angezogen gefühlt, aber dieses Häuschen weckte in ihm ganz besonders wehmütige Erinnerungen. Als kleiner Junge hatte es für ihn nichts Aufregenderes gegeben, als den Zirkus zu besuchen, der einmal im Jahr in die Region kam. Und sobald er seine Eintrittskarte gelöst und das Kassenhäuschen passiert hatte, war er eingetaucht in die fantasievolle und zauberhafte Welt der Magie, die ihn danach oft tagelang nicht mehr losließ. Wenn er an diese wunderbaren Momente zurückdachte, hatte er noch heute den leicht muffigen Mottengeruch der Kassenfrau in der Nase, die in der für ihre Körpermaße viel zu engen Kabine meist damit beschäftigt war, Kreuzworträtsel zu lösen oder Topflappen zu stricken und nicht einmal aufsah, wenn sie das Wechselgeld herausgab. Aber das war dem kleinen Will egal gewesen, er hatte zu diesem Zeitpunkt längst schon seine Fantasiewelt betreten.
Die Hände tief in den Taschen seiner grauen Arbeitshose vergraben, trat Will von hinten an den Arbeiter heran, der kniend versuchte, eine widerspenstige Schraube unter dem Radkasten anzuziehen. „Entschuldigen Sie, junger Mann. Ist das ein Originalkassenhäuschen aus den 20er-Jahren oder ein Nachbau?“ Der Mann sprang auf wie von der Tarantel gestochen. Ganz offensichtlich hatte er den Landwirt nicht kommen hören. Innerhalb von Sekunden stand er kerzengerade vor Will und funkelte ihn böse aus seinen wässrig-blauen Augen an. Zwischen Nase und Mund hatte er eine hässliche Narbe, die zwar wie eine Hasenscharte aussah, bei der es sich aber wohl eher um eine schlecht verheilte Verletzung handelte. Er trug einen ungepflegten Dreitagebart und sein Atem war eine Mischung aus Alkohol und Knoblauch. Er sagte kein Wort.
Will startete einen neuen Versuch. „Ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich interessiere mich nur für alte Sachen. Wissen Sie, ich habe hinten im Schuppen sogar noch eine Eggemaschine von mein Oppa. Die ist aus Holz. So was gibt es heute gar nicht mehr. Ich kann Sie die gerne mal zeigen, wenn Sie das …“
Doch das Interesse des Mannes schien sich in Grenzen zu halten, denn plötzlich riss er die rechte Hand hoch, in der er einen schweren Schraubenschlüssel hielt und stieß einen kurzen Grunzton aus.
Will zuckte heftig zusammen. Für einen Moment dachte er, dass der Mann auf ihn einschlagen werde. Möglicherweise wäre es sogar dazu gekommen, wenn nicht plötzlich eine kräftige Stimme die angespannte Stille durchbrochen hätte: „Bolek! O co chodzi?“
Der Arbeiter ließ den Maulschlüssel sinken und sah gemeinsam mit Will in die Richtung, aus der der Ruf kam.
Im Laufschritt näherte sich ein etwa 50-jähriger Mann und wedelte drohend mit der Hand. Er trug ein gebügeltes, weißes Hemd und eine dunkle Jeanshose. Als er sie erreicht hatte, brüllte er auf den Arbeiter ein und schickte ihn mit einem lauten „Spierdalaj!“ weg. Der Arbeiter antwortete nicht, doch bevor er mit hängenden Schultern davonschlich, warf er den beiden noch einen verächtlichen Blick aus zusammengekniffenen Augen zu. Will war die Situation äußerst unangenehm, da er nicht vorgehabt hatte, jemanden in Schwierigkeiten zu bringen. Erst als er sich gegenüber dem herbeigeeilten Mann, der offensichtlich eine Art Chef zu sein schien, erklären wollte, erkannte er ihn an seinem breiten Grinsen. Es handelte sich um Francesco Baldini, den Clown, dem gleichzeitig der Zirkus gehörte. „Ach, Herr Baldini“, sagte Will erleichtert. „Ich habe Sie erst gar nicht erkannt ohne Kostüm.“
Baldini lachte kurz, bevor er wieder ernst wurde. „Bitte verzeihen Sie den Vorfall. Manche Kollegen, also ich sag mal so, in erster Linie die einfachen Arbeiter, sind leider ein wenig misstrauisch und reagieren auch schon mal etwas aggressiv. Das liegt aber nur daran, dass wir meistens nicht sehr willkommen sind, wenn wir irgendwo unsere Zelte aufschlagen. Sie sind da wirklich eine rühmliche Ausnahme, Herr Hastenrath. Ich kann Ihnen gar nicht genug danken, dass Sie uns die Wiese kostenlos zur Verfügung stellen. Und Wasser und Strom auch noch. So viel freundliche Unterstützung sind wir normalerweise nicht gewöhnt.“
Will sah sich ängstlich um und antwortete mit gedämpfter Stimme: „Nee klar, das mache ich gerne. Ich finde das einfach toll, was Sie machen. Aber die Sache mit dem Strom und dem Wasser muss auf jeden Fall unter uns bleiben. Meine Frau darf da nix von wissen.“
„Oh, verstehe. Kein Problem.“
Baldini lächelte verschwörerisch und Will versuchte, schnell das Thema zu wechseln. „War das gerade eben italienisch, was Sie für der Mann gesagt haben?“
„Nein, nein. Das war polnisch. Wir sind zwar ein italienischer Familienzirkus, das heißt, die meisten Künstler sind gebürtige oder angeheiratete Baldinis. Aber unsere Racklos, also unsere Arbeiter, stammen überwiegend aus Osteuropa. Na ja, das Zirkusleben ist nicht ganz so romantisch, wie sich das manche so vorstellen. Hier gibt es traditionell eine große Kluft zwischen den Artisten auf der einen und den Arbeitern auf der anderen Seite. Ich versuche da zwar immer zu vermitteln, aber diese Hierarchie ist im Zirkus über Jahrhunderte gewachsen. Die Handwerker stehen in der Rangliste ganz unten, während die Artisten höher angesehen sind und deutlich besser bezahlt werden. Wobei gute Bezahlung sicher der falsche Begriff ist, wenn wir vom Zirkus sprechen. Ich finde das selbst schade, aber die Arbeiter schotten sich gerne ab und weigern sich, unsere Sprache zu lernen. Es ist nicht immer leicht mit denen.“
„Das glaube ich“, sagte Will. „Ich habe auch schon mal ein paar Spargelstecher aus Rumänien hier. Und obwohl die jedes Jahr für ein paar Wochen kommen, verstehen die mein Deutsch bis heute nicht.“ Er sah auf die Uhr und erschrak. „Tut mir leid, Herr Baldini, aber ich muss dringend los. Ich habe mich bei zwei frisch zugezogene Neubürger angekündigt. Die bekommen heute von mir feierlich Willkommens-Präsentkörbe überreicht – kostenlos!“
Baldini nickte anerkennend. „Das ist eine tolle Geste. Wenn ich das sagen darf: Sie sind ein guter Mensch, Herr Hastenrath.“
Will winkte verschämt ab und verschwand, nicht ohne einen Anflug von Stolz. Schnell lief er ins Haus, um auch noch den zweiten Geschenkekorb für Fredi Jaspers zu holen.
Mit leichter Verspätung bog Will in die Goethegasse ein. Diesen Namen hatte die bislang einzige Straße im noch jungen Saffelener Neubaugebiet von der Gemeinde zugewiesen bekommen. Und zwar gegen den erbitterten Protest von Ortsvorsteher Hastenraths Will, der dort lieber einen verdienten Dorfbewohner namentlich verewigt gesehen hätte. Jedenfalls eher als einen Schriftsteller, den in Saffelen sowieso niemand kannte. Doch in letzter Instanz war sein Antrag, den er sogar mit einer Unterschriftensammlung untermauert hatte, von der Kreisverwaltung abgelehnt worden. Mit einem Standardschreiben und dem lapidaren Hinweis, dass nur verstorbene Persönlichkeiten berücksichtigt würden und dass „Hastenraths Will“ lediglich eine Art Rufname sei. Will parkte vor dem gepflegten roten Klinkerhaus mit der Nummer 6, in das Hauptkommissar Peter Kleinheinz vor einer knappen Woche mithilfe von Will und dessen großem Anhänger seine Habseligkeiten gebracht hatte. Heute war es so weit, dass Will seinen Freund im Namen aller Saffelener offiziell willkommen heißen durfte. Er stieg aus und öffnete die hintere Autotür. Um ein Haar hätte er aus Versehen den Korb von Fredi Jaspers genommen, doch zum Glück hatte er ja die Namenszettelchen angehängt.
Der Landwirt wurde fast komplett von dem mit einer grünen Schleife dekorierten Präsentkorb verdeckt, als Kleinheinz die Haustür öffnete. Gut gelaunt sagte der Kommissar: „Wenn mich mein kriminalistischer Spürsinn nicht täuscht, dann müsste sich hinter dieser groß angekündigten Überraschung mein alter Freund Will verstecken. Komm rein. Betty hat uns einen Kaffee gemacht.“
Will trat ein und platzierte den Korb mit ausladender Geste auf dem Couchtisch. Das Wohnzimmer hatte einen offenen Übergang zur großzügigen Küche, wo Bettina Hebbel gerade den Tisch deckte. Sie stellte drei Teller mit jeweils einer Scheibe Marmorkuchen an die Plätze. Will erkannte mit einem Blick, dass es sich um Fertigkuchen handelte, weil auf der Anrichte noch die angebrochene Packung lag. So etwas kannte er von zu Hause nicht. Seine Frau bereitete immer alles frisch zu. Wenn es jetzt dazu noch Muckefuck gibt, dann bin ich aber bedient, dachte er.
„Was darf ich zu Trinken anbieten?“, fragte Bettina Hebbel wie aufs Stichwort, nachdem sie neben eine große futuristische Maschine getreten war. „Cappuccino? Latte macchiato? Espresso?“
Will hatte sich an den Platz gesetzt, den Kleinheinz ihm zugewiesen hatte, und sah irritiert auf. Heute wurde er aber auch mit Fremdsprachen bombardiert. „Ich hätte am liebsten ein Kaffee“, antwortete er knapp, „mit sechs Stück Zucker.“
Dann wandte er sich an Kleinheinz, der ebenfalls am Tisch Platz genommen hatte. „Und Peter? Hast du dich denn schon ein bisschen eingelebt hier in Saffelen? Das ist ja ein schönes Haus, das die Frau Hebbel hier hat. Auch wenn es kein Eigentum ist.“
Bettina Hebbel verstand zwar nur Versatzstücke, weil der Kaffeevollautomat geräuschvoll vor sich hin zischte, sah sich aber dennoch genötigt, mit der Antwort ihrem Lebensgefährten zuvorzukommen. „Herr Hastenrath, wäre es nicht an der Zeit, dass wir uns langsam auch mal duzen? Ich meine, wir kennen uns jetzt schon ein halbes Jahr und haben uns in der Zeit so oft getroffen. Und der Peter und Sie duzen sich doch auch.“ Sie brachte ihm seinen Kaffee an den Tisch und stellte eine Schale mit Zuckerstücken daneben.
Will warf langsam eines nach dem anderen hinein und dachte nach. Er war verdutzt ob der vorlauten Art der jungen Dame. In seinem Weltbild war es nämlich, wenn überhaupt, immer noch der Ältere, der das „Du“ anzubieten hatte. Er ließ sich seine Pikiertheit aber nicht anmerken und antwortete mit gewohnter Diplomatie: „Normalerweise gerne, gute Frau. Aber in diesem Fall, ich weiß nicht. Sie sind ja nicht nur die Gespielin von der Peter, sondern auch die Lehrerin von mein Enkelkind, der Justin-Dustin. Und solange der noch zur Grundschule geht, möchte ich eine Vermengung von Dienstund Privatleben gerne vermeiden. Sie wissen, ich bin ehrenamtlicher Politiker und damit eine Person von öffentlichem Interesse und da muss ich ein bisschen aufpassen, dass man mich nicht mit Klüngelei in Verbindung bringt.“
Kleinheinz musste lachen, denn wenn er eines in Saffelen gelernt hatte, dann, dass Klüngeln hier zum guten Ton gehörte und Hastenraths Will einer der Großmeister dieser Disziplin war. Er bemühte sich aber, der umschlagenden Stimmung ein wenig die Schärfe zu nehmen, und sagte: „Ja, ist schon klar, Will. Aber so schlimm wäre es auch nicht mit dem Duzen. Guck mal, ich bekomme als Neubürger sogar einen Geschenkkorb von dir. Daran sieht man doch, wie herzlich und familiär es hier in Saffelen zugeht. Da passt so etwas Distanziertes wie ein ‚Sie‘ überhaupt nicht ins Bild.“
Will nahm bedächtig einen Schluck Kaffee, um Kleinheinz das Gefühl zu geben, er würde ernsthaft über diesen Einwand nachdenken. Mit einem leicht spöttischen Blick, den er sich im Fernsehen von Helmut Schmidt abgeguckt hatte, wollte er zur Erwiderung ansetzen.
Doch noch bevor er etwas sagen konnte, fuhr Bettina Hebbel ihm schon wieder in die Parade. In ihrer Stimme schwang diesmal sogar leichte Empörung mit. „Moment mal. Wo du das gerade sagst, Schatz. Jetzt fällt mir plötzlich auf, dass ich damals überhaupt keinen Willkommenskorb bekommen habe, als ich hierhingezogen bin.“
Will sah sie verwirrt an. Unvermittelt schoss ihm die Röte ins Gesicht. Erschrocken musste er feststellen, dass sie ausnahmsweise recht hatte. Seine Frau Marlene hatte ihn seinerzeit zwar mehrfach eindringlich daran erinnert, aber irgendein innerer Widerstand hatte wohl dafür gesorgt, dass er es immer wieder auf die lange Bank geschoben und am Ende schlicht vergessen hatte.
Will geriet ins Stottern, als er versuchte, Bettinas bohrendem Blick standzuhalten. „Das ist nicht ganz falsch, was Sie da sagen. Aber die Sache ist die … diese Präsentkörbe sind eine relativ neue Sitte hier bei uns. Und da wird immer viel drüber diskutiert … wegen die Kosten und so. Aber umso mehr freut es mich, Sie mitzuteilen, dass ich beim Ortsvorstand gegen einige Widerstände durchsetzen konnte, dass Sie im Nachhinein doch noch Ihr ganz persönlicher Korb bekommen, quasi posthum. Ich wollte die Katze zwar gleich erst aus der Sack lassen, aber komm … ist egal. Dann sag ich’s jetzt. Ich habe Ihren lang herbeigesehnten Korb draußen im Auto. Ich geh den mal schnell holen.“
Als Will den Korb vom Rücksitz auf den Bürgersteig gewuchtet hatte, wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Gerade noch mal gut gegangen, dachte er, während er den Zettel mit der Aufschrift ‚Fredi Jaspers‘ abriss und zerknüllt in seiner Parkatasche verschwinden ließ. Mit gespielter Freude trug er den Präsentkorb zum Haus und überreichte ihn feierlich Bettina Hebbel, die ihn schon an der Tür in Empfang nahm.
„Danke“, sagte sie, immer noch sichtlich überrascht.
„Aber nicht doch. Das ist doch eine Selbstverständlichkeit“, wiegelte Will ab. Da ihm die ganze Situation ein wenig unangenehm war und er weiteren Nachfragen aus dem Weg gehen wollte, sah er auf seine Uhr und rief mit gespieltem Entsetzen aus: „Ach Gott, schon so spät! Ich muss wieder zurück. Die von dem Wanderzirkus brauchen meine Hilfe. Ich wünsche Sie noch einen wunderschönen Tag hier in Saffelen, Frau Hebbel.“ Bettina sah dem Landwirt hinterher, wie dieser schnell in seinen Mercedes sprang und davonfuhr. Sie seufzte und schüttelte den Kopf. Als sie voll bepackt in die Küche zurückkehrte, sagte sie: „Das ist vielleicht ein komischer Kauz, dieser Hastenraths Will.“
Kleinheinz, der gerade dabei war, seinen Korb auszupacken, lächelte sie gütig an. „Ach, so schlimm ist der gar nicht. Du wirst dich schon noch an seine Art gewöhnen. Hart, aber herzlich. Hey, schau mal hier.“ Er zielte lachend mit einer Spielzeugpistole auf sie und legte sie wieder auf den Tisch. „Oder hier.“ In der einen Hand hielt er einen Satz Plastikhandschellen und in der anderen eine Tube Haargel. „Da siehst du mal, was der Will sich für eine Mühe gegeben hat. Hier sind jede Menge Sachen mit persönlichem Bezug drin. Der hat sich sogar meine Lieblingsmarke gemerkt.“
„Das ist aber jetzt wirklich mal toll“, musste Bettina erstaunt zugeben und machte sich neugierig daran, auch ihren Korb auszupacken. Mit zunehmendem Erstaunen förderte sie einen persönlichen Gegenstand nach dem anderen zutage und legte diese nebeneinander auf den Tisch. Am Ende lagen dort: das Kicker-Sonderheft, eine Flasche Doppelkorn, ein Playboy-Jahreskalender mit daran festgetackerten Tempotaschentüchern sowie eine Turnierpackung Kondome. Sprachlos vor Entsetzen sah sie ihren Freund an.
Kleinheinz zuckte nur verlegen mit den Schultern und sagte: „Na ja, er kennt dich ja auch noch nicht so gut.“
4

Attila warf seinen ganzen Körper gegen die Gitterstäbe und bellte aus Leibeskräften, als Will auf den Innenhof fuhr und aus seinem Wagen stieg. Normalerweise hatte er immer ein nettes Wort oder ein Leckerchen für seinen Hofhund zur Hand, aber diesmal war er noch zu sehr in Gedanken bei der peinlichen Situation mit dem Willkommensgeschenk, die er so gerade noch hatte retten können. Für Fredi Jaspers würde er sich jetzt natürlich etwas anderes ausdenken müssen, denn wenn er einen neuen Präsentkorb zusammenstellen würde, könnte seine Frau Verdacht schöpfen. Erfreut nahm Will zur Kenntnis, dass dem gekippt stehenden Küchenfenster wohltuende Gerüche entschwebten, was darauf hindeutete, dass Marlene bei der Zubereitung des Abendessens kurz vor der Vollendung stand. Deshalb nutzte Will die Gelegenheit, sich schnell noch mal auf die Rückseite des Hofes zu schleichen, wo er neben dem stillgelegten Hühnerstall bereits zum zweiten Mal an diesem Tag die geheimen Zuleitungen für Strom und Wasser kontrollierte. Sicherheitshalber legte er zusätzlich zum Stroh noch eine verwitterte Holztür über die Anschlüsse. Marlene würde es nämlich überhaupt nicht gutheißen, dass Will die Gaukler, wie seine Frau sie nannte, neben der Wiese auch noch kostenlos mit Wasser und Strom versorgte. Aber Will konnte nun mal nicht anders. Er schritt ein weiteres Mal die Schläuche und Leitungen ab, die zum Zelt und zum Wagenpark führten, und achtete darauf, dass alles gut mit Gras bedeckt war. Plötzlich endete sein Weg vor einem Sichtzaun, der am Morgen noch nicht an dieser Stelle gestanden hatte. Er wollte gerade wieder umkehren, als er hinter dem Zaun eine seltsam betörende Musik vernahm, die in ihm erneut diese Neugier auslöste, wie es nur der Zirkus vermochte. Er prüfte vorsichtig die PVC-Plane, aus der der Zaun bestand. Er hatte Glück. Nach ein paar Metern fand er etwa auf Kniehöhe ein Loch, gerade groß genug, um unbemerkt hindurchzusehen. Will blickte sich um. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass er ganz allein war, kniete er sich behutsam ins feuchte Gras und spähte durch das Loch. Was er zu sehen bekam, beschleunigte schlagartig seinen Puls. Unmittelbar vor seiner Nase tanzte eine wunderschöne Frau zu der exotischen Musik, die aus einem CD-Player kam, der etwas weiter entfernt auf dem Boden stand. Die Tänzerin hatte hüftlanges, pechschwarzes Haar, ein Gesicht wie in Marmor gemeißelt und einen wohlgeformten, durchtrainierten Körper. Sie war zwar bei Weitem keine zwanzig mehr, aber sie war von einer wilden, ungezähmten Schönheit, die alle Jahre überdauert. Ihr Kostüm, wenn man es denn so nennen konnte, raubte Will schier den Atem. Der Oberkörper wurde nur von einem goldenen Büstenhalter bedeckt, der wie auf ihre Brüste gemalt wirkte. Um einen ebenfalls goldenen Slip lag eine Art Hüftband, an dem ein transparenter Schleier befestigt war, der ihre makellosen, langen Beine wie ein luftig-leichter Windhauch umschwebte. Auf nackten Füßen tanzte sie durch einen kleinen, mit Sägemehl gefüllten Kreis. Mit geschlossenen Augen bewegte sie ihren Körper rhythmisch zur Musik. Der Tanz, den sie aufführte, war eine Mischung aus Tangoschritten, Ballett und Gymnastik. Sie drehte sich, sprang in die Luft, ging in die Knie, zeichnete mit den Füßen eine Acht auf den Boden. Währenddessen warf sie immer wieder bunte Tücher in die Höhe und fing sie im Einklang mit ihren fließenden Bewegungen schlafwandlerisch sicher auf. Sie tanzte so nah vor der Plane, dass Will sogar ihr Parfüm riechen konnte. Ein erotischer Duft, wie er ihn noch nie gerochen hatte. Bislang war ihm, abgesehen von Tosca, dem Lieblingswässerchen seiner Frau, ausgesprochen selten etwas derart Aphrodisierendes in die Nase gestiegen. Auf Wills Stirn bildeten sich dicke Schweißtropfen. Entrückt beobachtete er die Tänzerin, bis er plötzlich von einem Geräusch aufgeschreckt wurde. Ein männlicher Artist – jedenfalls deutete seine hautenge, Las-Vegasmäßige Kostümierung darauf hin – hatte den CD-Player ausgestellt. Die Tänzerin erschrak. Das gerade in der Luft befindliche Tuch segelte langsam zu Boden und verfing sich unmittelbar vor Wills Guckloch in dem Draht, mit dem die Plane befestigt war.
Der Artist rief: „Hey, Fatima, du sollst sofort zum Chef kommen.“
Fatima nickte und folgte ihm auf der Stelle. Will war beeindruckt. Hier im Zirkus herrschten wirklich noch Zucht und Ordnung. Er wollte sich gerade erheben, um zurück ins Haus zu gehen, als ihm erneut der Duft des Seidentuchs in die Nase stieg. Er fasste den Entschluss, es als Erinnerung an diesen einzigartigen Moment mitzunehmen, und steckte zwei Finger durch das Loch. Mit ein wenig Geschick gelang es ihm, das grellgrüne Tuch zu ergreifen und herauszuziehen. Er ließ es in seiner Tasche verschwinden. Doch zuvor roch er noch einmal intensiv daran. Will schloss genießerisch die Augen. Leider war dadurch seiner Aufmerksamkeit entgangen, dass sich in seinem Rücken eine Person angeschlichen hatte. Erst das Knirschen, das ein Stein unter einer Fußsohle verursachte, ließ ihn herumfahren. Doch er hatte keine Chance. Da er sich auf den Knien befand, konnte er nur hilflos mitansehen, wie eine Person über ihm mit der rechten Hand einen schweren Gegenstand auf ihn niederfahren ließ. Den ersten Schlag konnte Will noch mit seinem Unterarm abfedern, aber der zweite traf ihn hart am Hinterkopf. Er verdrehte die Augen und kippte zur Seite.
5

Richard Borowka genoss die herrliche Aussicht. Er saß zurückgelehnt in einem Plastikstuhl und hatte die Hände selbstzufrieden hinter dem Kopf verschränkt. Sein Blick wanderte von der verendeten Edeltanne über den Schotterplatz mit den seltenen Brennnesselund Distelsorten bis hin zu den überquellenden Mülltonnen und heftete sich an das Schönste, was er je gesehen hatte: die Liebe seines Lebens, nämlich sein gelber 86er Ford Capri mit den roten Rallyestreifen. Leider waren die letzten Monate nicht spurlos an dem einst so makellosen Sportwagen vorbeigegangen. Seit Borowka finanziell in Schieflage geraten war, hatte er viele kleinere Schönheitsreparaturen nicht mehr vornehmen können. Die letzten größeren Ausgaben, für die er den Kredit bei Henk Houwechrad aufgenommen hatte, waren für Nockenwelle und Zahnriemen draufgegangen, die für sein Modell nur noch sehr schwer zu besorgen waren. Zu allem Überfluss war vor wenigen Minuten auch noch eine Delle in der Motorhaube dazugekommen, als er vor „Rosis Grillcontainer“, zwar nur mit 30 km/h, aber dennoch ungebremst in die Mülltonnen gerauscht war. Seinem Beifahrer Fredi gegenüber hatte er das mit einem Fahrfehler infolge einer leichten Unkonzentriertheit erklärt. Die Wahrheit jedoch war, dass die Bremsklötze längst komplett verschlissen waren. Fredi hatte sich furchtbar aufgeregt, weil er fast mit voller Wucht mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe geknallt wäre, hätten die breiten Rennfahrergurte ihn nicht zurückgehalten. Auch Borowka hatte sich heftig erschreckt, denn ein Riss in der Scheibe hätte ihm zu allem Ärger noch gefehlt. Mit sinnlich verklärtem Blick genoss er nun dennoch von seinem Lieblingsplatz neben dem Merkur-Spielautomaten aus die fließende Form seines Coupés, als das meditative Erlebnis jäh von Fredi Jaspers beendet wurde, der, voll bepackt mit Tellern und Flaschen, laut stöhnend ihm gegenüber Platz nahm.
„Leck mich am Arsch. Ich glaube, ich habe mir bei deine Kamikaze-Aktion die Rippen gebrochen.“
Borowka zeigte ihm einen Vogel. „Ja, ist klar. Kann das sein, dass du in Berlin ein bisschen verweichlicht bist? Hey, wo ist mein Schewampschichi?!“
Fredi, der wegen der Hitze, die die defekte Dunstabzugshaube abgab, den Reißverschluss seines Blaumannes leicht geöffnet hatte, sodass einige spärliche Brusthärchen ans Licht drängten, schob seinem Kumpel einen dampfenden Teller mit einer großen Portion Fritten, einer Bratrolle Spezial und eine Flasche Bitburger rüber. Obwohl die Bratrolle zusätzlich zu den frischen Zwiebeln schon mit Ketchup und Mayonnaise bis zur Unkenntlichkeit zugeschüttet war, thronte auf den Fritten noch ein zusätzlicher Riesenspritzer Mayonnaise. Fredi rollte voller Vorfreude das Plastikbesteck aus der Papierserviette, um sich um seine Currywurst zu kümmern, und sagte: „Schewampschichi kommt gleich. Das muss die Rosi erst noch auftauen, weil das so selten bestellt wird.“
Während die beiden Freunde sich mit gieriger Leidenschaft ihrem Essen widmeten, öffnete sich in ihrem Rücken die Tür zur Frittenbude und ein fröhlicher Dreiklang hieß einen neuen Kunden willkommen. Rosi Schlömer-Okawango, die üppige Inhaberin des Grillcontainers, erkannte den Gast als Erste, und das, obwohl sie von einer dichten Fettwolke eingehüllt war.
„Juppi!“, rief sie hocherfreut und kam sofort hinter ihrer Theke hervorgelaufen, um dem Gast in die Arme zu fallen.
Der hatte viel Mühe, die gut hundert Kilo Lebendgewicht, die ihn gegen die vibrierende Eingangstür drückten, abzufedern. „Rosi“, hustete er mit erdrückter Stimme, „du hast dich überhaupt nicht verändert.“ Ob das als Kompliment gemeint war, ließ er offen.
Auch Fredi und Borowka waren aufgesprungen, um den alten Freund mit herzlichen Umarmungen zu begrüßen. Sie hatten zwar davon gehört, dass Juppi Schrammen heute ankommen sollte, aber getroffen hatten sie ihn bislang noch nicht.
„Wie geil ist das denn?“, entfuhr es Borowka. „Mensch, erzähl mal von deine Abenteuer. Stimmt das eigentlich, dass die Frauen in Afrika alle so große CDs in der Unterlippe eingebaut haben? Da standen letztens mehrere Fotos von in Rita ihre Cosmopolitan.“
„Jetzt lass der Juppi doch erst mal in Ruhe ankommen“, ging Fredi dazwischen. Mit sanfter Gewalt befreite er ihn aus Rosis Umklammerung und führte ihn zu ihrem Tisch. „Setz dich mal hin. Rosi, bring der Mann mal ein Bier. Der ist bestimmt halb am Verdursten.“ „Ja, und dreimal Fritten mit Bratrolle und Bami zum Mitnehmen“, komplettierte Juppi die Bestellung.
„Auf die Fritten was drauf?“, fragte Rosi routiniert nach.
„Was kostet das denn?“
„30 Cent!“
„Oh, nur 30 Cent? Ja dann tu mir eine Currywurst und ein halbes Hähnchen drauf“, gab Juppi breit grinsend zurück.
Fredi und Borowka brachen in lautes Gelächter aus und auch Rosi musste mit leichter Verzögerung lachen. Kopfschüttelnd ging sie zurück hinter die Theke.
Borowka schlug Juppi überschwänglich auf die Schulter. „Immer noch derselbe Spaßvogel wie damals.“
„Bei dir hat sich aber auch nicht viel geändert“, sagte Juppi, während er am Tisch Platz nahm, „du fährst ja immer noch die alte Gurke. Er zeigte amüsiert auf den Ford Capri.
„Logolektrisch“, antwortete Borowka voller Stolz. Übel nahm er Juppi diesen Spruch nicht, dafür freute er sich viel zu sehr, ihn zu sehen.
„Ach so, auch noch herzliches Beileid wegen deine Mutter“, lenkte Fredi das Thema auf den unerfreulichen Anlass der Rückkehr.
Juppis Miene verfinsterte sich ein wenig. Er fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes, dunkles Haar, durch das sein sonnengegerbtes Gesicht noch besser zur Geltung kam. Die Jahre in der Fremde hatten ihn deutlich reifen lassen und einen gestandenen Mann aus ihm gemacht. Dennoch haftete seinen wehmütigen, tiefbraunen Augen noch immer etwas Jungenhaftes, Verschmitztes an. „Ja, das ist natürlich die andere Seite der Medaille“, sagte er nachdenklich. „Ich war gerade in Nepal, als ich davon erfahren habe. Es ging ja dann doch sehr schnell mit ihr zu Ende. Ich hab’s leider nicht mehr rechtzeitig zur Beerdigung geschafft. Na ja, so ist das Leben“, versuchte er, das Gespräch wieder in etwas seichteres Fahrwasser zu lenken.
„Aber umso mehr freue ich mich, dass ich mal wieder hier bin. Saffelen war ja immerhin die erste exotische Station meiner Weltreise.“ Juppi lachte und die Falten um seine Augen verliehen seinen markanten Gesichtszügen etwas sehr Weiches.
„Hastenraths Marlene hat beim Metzger erzählt, dass du bloß ein paar Tage bleibst. Stimmt das?“, fragte Fredi.
Juppi nickte. „Ja, leider. Ich muss blöderweise nächste Woche Donnerstag schon wieder los, weil ich eine Stelle als Wildhüter in British Columbia antrete. Da kann man Schwarzbären beobachten.“
„British Columbia“, Borowka pfiff durch die Zähne, „mein lieber Mann. Ich wusste gar nicht, dass es bei die Inselaffen Bären gibt.“
Fredi versetzte ihm einen Stoß mit dem Ellbogen. „Borowka. Wie doof bist du eigentlich? British Columbia ist doch nicht in England. Das ist in … hier in … ja woanders jedenfalls.“
„In Kanada“, sagte Juppi, während Rosi ihm mit verklärtem Blick eine Flasche Bitburger auf den Tisch stellte.
„Siehst du? Sag ich doch!“ Fredi hob triumphierend den Zeigefinger.
„Sag mal, Juppi“, begann Borowka plötzlich ungewohnt ernst, „ich find das ja spannend, dass du durch die ganze Welt ziehst und fremde Kulturen und Frauen kennenlernst. Aber fehlt dir nicht manchmal auch so ein bisschen Heimat? Was weiß ich? Freunde, Fußball, Festzelt, Schlägereien in Himmerich. Wie soll ich sagen? So eine Art Hafen, wo man immer hin zurücksegelt.“
Fredi musste bei diesen Worten unwillkürlich schlucken. Nicht nur, weil er seinen Kumpel noch nie so nachdenklich erlebt hatte, sondern, weil auf der Stelle Gedanken in seinem Innersten aufploppten, die er in Berlin oft gehabt hatte, wenn er sich einsam fühlte. Und auch wenn er es sich nicht gerne eingestand, weil man es ihm vielleicht als Scheitern auslegen könnte: Er war überglücklich, wieder in Saffelen zu sein. Hier war sein Herz zu Hause. Und ein Herz war nun mal schwer zu transplantieren. Das hatte er vor Kurzem im Fernsehen in einem Wissenschaftsmagazin gesehen, auf das er aus Versehen geschaltet hatte.
Auch Juppis Blick verriet eine gewisse Nachdenklichkeit. Er wiegte die Flasche Bier in der Hand und betrachtete lange das Etikett, bevor er antwortete: „Ach weißt du, Richard. Die Seefahrer sagen: Wer an der Küste bleibt, kann keine neuen Ozeane entdecken. Ich fühl mich einfach immer da zu Hause, wo ich bin. Jetzt im Moment freue ich mich wahnsinnig, hier in Saffelen zu sein und euch alle zu treffen. Aber ich freue mich auch genauso sehr auf Kanada und auf alles, was danach noch kommt.“
„Ja klar, das versteh ich“, ließ Borowka nicht locker, „aber was sind die schönsten Abenteuer, wenn man die mit kein Mensch teilen kann? Fehlt dir nicht zum Beispiel manchmal eine Frau? Also, ich meine jetzt nicht, wofür du denkst, dass die Frau sein soll. Das könnte quasi im Prinzip auch genauso gut ein Mann sein … Womit ich jetzt natürlich nicht sagen will, dass du eventuell vom anderen …“
Juppi musste grinsen. „Ich hab schon kapiert, was du sagen willst.“ Es folgte eine kurze Pause, in der seine Gedanken offenbar davonschwebten. „Es gab tatsächlich mal jemanden. Ich war einmal in meinem Leben richtig verliebt. In eine Frau, für die ich alles getan hätte. Aber es hat damals nicht sollen sein. Und keine Frau danach war jemals wieder so wie diese.“
Die Stimmung am Tisch schlug plötzlich um. Eine bedrückende Schwere legte sich über die drei Männer. Selbst Rosi, die hinter ihrem Tresen nur mit einem Ohr zugehört hatte, machte ein trauriges Gesicht. Doch den größten Kloß hatte Fredi Jaspers im Hals. Ohne es zu ahnen, hatte Juppi in ihm etwas angestoßen, das er nur zu gerne für immer verdrängt hätte. So sehr er sich freute, nach Saffelen zurückzukehren und so sehr er seine neue Freundin Sabrina liebte, so sehr war ihm auch bewusst, dass seine Rückkehr alte Wunden aufreißen würde. Er war nie wirklich hinweggekommen über die Trennung von seiner großen Liebe Martina Wimmers. Vor drei Jahren hatte sie ihn für jemand anderen verlassen, den sie dann sogar geheiratet hatte. Das war einer der Gründe gewesen, die ihn dazu bewegt hatten, Saffelen damals den Rücken zu kehren. Irgendwann hatte er sich mit dem Ende dieser Beziehung abgefunden, verwunden hatte er es jedoch nie. Und als wenn das Universum sich nicht schon genug Gehässigkeiten ausdenken würde, mit denen es die Menschen gängelt, musste Fredi während der Renovierungsarbeiten auch noch von Borowka erfahren, dass Martina von ihrem Mann Hendrik schon wieder in Scheidung lebte und zu allem Überfluss bei ihren Eltern eingezogen war – in Saffelen. Glücklicherweise war er ihr bisher noch nicht über den Weg gelaufen. Borowka hatte erzählt, dass Martina sich in letzter Zeit häufig bei ihm zu Hause ausheulen würde, da seine Frau Rita schließlich ihre beste Freundin war. Deshalb kamen ihm die Umbauarbeiten, die oft bis spät in die Nacht gingen, sehr gelegen.
Ein lauter Knall zerstob mit einem Mal alle Gedanken, die sich im Raum breitmachten. Juppi hatte mit der flachen Hand auf den Tisch geschlagen und rief: „Schluss mit dem Gejammer! Wir sollten das Leben genießen. Morgen Abend ist die große Willkommensparty, die Theo für mich schmeißt. Ihr kommt doch wohl hoffentlich? Alle Saffelener sind eingeladen. Sogar die aus dem Neubaugebiet“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.
„Das haben wir schon gehört“, sagte Borowka und hielt die Flasche Bitburger in die Höhe. „Da simmer dobei, dat ist priiiiima. Viva Colonia!“, sang er etwas schief, dafür aber voller Inbrunst. Die drei Freunde stießen lachend an, als auf einmal wieder der Dreiklang der Ladentür ertönte. Eine deutlich erschlankte, dezent geschminkte, aber auffallend elegant gekleidete Martina Wimmers betrat den Grillcontainer. Fredi war wie vom Blitz getroffen, als ihr Blick sich mit seinem kreuzte. Will das Universum mich jetzt total verarschen?, dachte er.
Nachdem Martina realisiert hatte, wer da am Tisch saß, wendete sie ihren Kopf unsicher ab und ging schnellen Schrittes zur Theke, wo sie bereits von Rosi und ihrer bekleckerten Schürze erwartet wurde. „Wat krisste, Martina? Wie immer? Mit doppelt Mayo für dein Vatter?“
Martina nickte, ohne sich noch einmal zum Tisch umzudrehen. Rosi schaufelte eine große Portion Tiefkühlfritten in das große Sieb, das sie dann mit einem geübten Handgriff in das spritzende Fett hinuntersausen ließ. Den daneben befindlichen Drahtbehälter riss sie fast zeitgleich mit der anderen Hand triefend in die Höhe und brüllte quer durch den Laden: „Schewampschichi ist fertig! Und deine Sachen auch, Juppi.“
Borowka sprang freudig erregt vom Tisch auf und lief zur Theke.
Juppi, der die Situation genau erfasst hatte, beugte sich zu Fredi vor, der mit leerem Blick vor sich hin stierte. „Genau das meinte ich eben, Fredi. Die Liebe ist wie die Reise in ein unbekanntes Land. Man muss den Mut haben, alles hinter sich zu lassen, ohne zu wissen, was vor einem liegt.“
Fredi hörte die Worte, aber er verstand sie nicht.
6

„Und du meinst wirklich, ich kann der hellblaue Hosenanzug schon wieder anziehen? Den hatte ich doch jetzt schon so oft an. Ach, es ist so schrecklich, ich brauch dringend neue Sachen.“ Marlene Hastenrath betrachtete sich voller Verzweiflung in dem Spiegel, der auf der Innenseite ihres Kleiderschranks angebracht war. Sie musterte sich von allen Seiten, während Will ungeduldig in der Schlafzimmertür stand und heimlich auf seine Armbanduhr schielte.
„Hellblau steht dir ganz fantastisch. Aber ich sag mal so: Du kannst doch im Prinzip alles tragen … vorausgesetzt natürlich, es passt noch“, versuchte sich der Landwirt an einem Kompliment, um den Entscheidungsprozess zu beschleunigen. Sie waren ohnehin schon viel zu spät dran. Die Willkommensparty zu Ehren von Juppi Schrammen war bestimmt schon in vollem Gange.
Marlene drehte sich um und stemmte die Hände in die Hüften. Sie warf ihrem Mann einen bösen Blick zu und züngelte: „Hör bloß auf, so rumzuschleimen. Und glaub ja nicht, dass wegen deine Spannerei schon das letzte Wort gesprochen ist.“
Will musste schlucken. Unwillkürlich schoss seine Hand hoch und befühlte die riesige Beule an seinem Hinterkopf. Selbst der leichte Druck, den er damit ausübte, verursachte ihm schon wieder Schmerzen. Zweimal hatte seine Frau mit der Handtasche zugeschlagen, nur weil er durch ein kleines Loch in einer Plane geschaut hatte. „Wie oft soll ich es dir noch sagen? Da war keine Frau hinter der Zaun. Der Clown hat mit sein Hund Tricks geübt, die ich mir für der Knuffi abgucken wollte.“
Marlene schüttelte den Kopf und seufzte theatralisch. „Hör doch auf, Will. Dreimal habe ich dich gerufen, dass du essen kommen sollst. So oft wie noch nie, seit wir verheiratet sind. Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du nix mehr mitkriegst, bloß weil da ein kleiner Hund Männchen macht. Wo du kleine Hunde ja noch nicht mal leiden kannst. Du kannst mich nicht verarschen. Du hattest doch sogar noch ein ganz verklärtes Lächeln im Gesicht, wie du da ohnmächtig auf dem Boden gelegen hast.“
„Nicht nur Männchen“, verteidigte sich Will, „der hat sogar Kopfstand gemacht. Ist ja auch egal. Auf jeden Fall ist das kein Grund, jemand aus der Hinterhalt heraus auf der Kopf zu hauen. Und schon mal gar nicht mit so eine schwere Handtasche. Was war da überhaupt alles drin?!“
Marlene wandte sich wieder ihrem Spiegelbild zu und sagte: „Da war das drin, was ich da immer drin habe: Taschentücher, Portemonnaie, Regenhaube. Und … ach ja, und natürlich der Edelstahltoaster, den ich morgens bei Lidl gekauft hatte. Der war im Angebot gewesen. Jetzt weiß ich auch, warum. Der ist ja direkt in tausend Teile zersprungen.“
Als Will und Marlene endlich am Haus von Theo Schrammen eintrafen, näherte sich die Party selbst zu dieser frühen Stunde schon dem Siedepunkt. Es schien, als wäre das ganze Dorf zusammengekommen, um Juppis Heimkehr zu feiern. Quer über der Doppelgarage hing eine bunte Girlande mit der Aufschrift „Willkommen zu Hause“. Ursprünglich war nur die ausgeräumte und mit einem Bundeswehrtarnnetz dekorierte Garage zum Feiern eingeplant gewesen, doch die Feier hatte sich aufgrund des großen Andrangs längst auf das ganze Haus ausgebreitet. In der Garage standen auf langen Bierzelttischen endlos viele Salate in altmodischen Glasschalen. Daneben Tuben mit Ketchup und Remouladensoße, Pappteller, Stangenbrot und bergeweise Tabletts mit abenteuerlich aufgetürmten Frikadellen und kalten Schnitzeln. Richard Borowka und Schlömer Karl-Heinz waren gerade damit beschäftigt, ein neues 50-Liter-Fass auf den Zapfbock zu heben, um den Nachschub zu sichern.
Will und Marlene wurden mit begeisterten Rufen aus dem Pulk empfangen. Heribert Oellers, der Inhaber der Firma Auto Oellers, schob seinen imposanten Körper aus der Menge heraus und schüttelte Will staatsmännisch die Hand. Nach einem kurzen Austausch der üblichen Begrüßungsfloskeln kam er direkt zur Sache und führte Will zum Getränkestand, wo Borowka gerade unter lautem Jubel das Fass angeschlagen hatte. Saffelens bester Schwarzarbeiter drehte den Hahn auf und füllte mit beeindruckender Routine mehrere Kränze voller Biergläser, die er aus dem Handgelenk heraus unter dem Strahl rotieren ließ. Dazu sang er aus Leibeskräften den Schlager: „Es gibt kein Bier auf Hawaii. Es gibt kein Bier.
Drum fahr ich nicht nach Hawaii, drum bleib ich hier.“ Als er seinen Chef, Heribert Oellers, auf sich zukommen sah, hustete er theatralisch, schließlich war er ja noch wegen Halsschmerzen krankgeschrieben. Oellers registrierte das mit zusammengekniffenen Augen, sagte aber nichts, um die Heiligkeit des Moments nicht zu stören.
Marlene war gleich am Eingang von einer bereits leicht angeschwipsten Billa Jackels in Empfang genommen und mit einem Glas Sekt versorgt worden. „Marlene. Wie schön, dass du da bist. Oh, schick. Ich finde auch, so ein hautenger, hellblauer Hosenanzug, dem kann man nicht oft genug tragen.“
Marlene sah beschämt zu Boden und versuchte schnell, das Thema zu wechseln. „Wie geht es denn der Josef? Hat der sich mal gemeldet?“
Billa leerte ihr Sektglas und nahm sich gleich ein neues von einem Tablett, das ein kleiner Junge, der die beiden Kellner Dirk und Dose unterstützte, unsicher vor sich her balancierte.
„Ja, du weißt ja, wie der Josef ist. Erst hatte der furchtbar Angst vor der zweiwöchige Feuerwehrlehrgang, aber mittlerweile gefällt es ihm ganz gut in Boppard. Der hat wohl auch schon der erste Test knapp bestanden. Kann aber auch sein, dass der durchgefallen ist. Ich hab nicht so genau zugehört am Telefon. Komm Marlene, wir gehen rein. Die Annemie hat in der Küche so moderne Trendgetränke für Frauen stehen. Hugo Spritz oder wie das heißt.“
Als Billa Marlenes Arm ergriff und sich mit ihr umdrehte, verlor sie fast das Gleichgewicht und rempelte dabei Fredi Jaspers an, der aus dem Haus gestolpert kam und ein Handy fest an sein Ohr presste. „Oh, Tschulligung Fredi. Wow, du siehst aber gut aus heute“, entfuhr es ihr, bevor Marlene sie sicherheitshalber wegzog.
Fredi winkte geistesabwesend ab und versuchte so schnell wie möglich, dem lauten Getöse in der Garage zu entkommen. Als er das Mäuerchen am Ende des Vorgartens erreichte hatte, konnte er die Stimme am anderen Ende des Telefons wieder halbwegs verstehen. „So, Sabrina-Schatz, jetzt kann ich dich besser hören. Was sagtest du eben?“
„Ich habe gefragt, wo du da bist. Das hört sich ja an, als wenn eine Feuerwerksfabrik in die Luft fliegt.“
Fredi musste lachen. Das liebte er so an ihr. Sie fand immer für alles lustige Vergleiche. „Nee, nee“, antwortete er beschwingt, „ich hatte dir doch von der Juppi Schrammen erzählt. Heute ist dem seine Willkommensparty. Hier ist der Teufel los. Mit so viele Leute hatten die gar nicht gerechnet.“
„Oh, das freut mich für dich. Ich hoffe, du hast Spaß?“ Fredi seufzte. „Ja schon. Aber du fehlst mir. Ich bin so froh, wenn das Haus endlich fertig ist und du nachkommst.“
„Du fehlst mir auch, Fredi. Ich kann es kaum abwarten, bis es endlich losgeht. Weißt du was? Ich liebe dich!“
Fredi musste schlucken. Er war mit einem Mal ganz gerührt. So sehr, dass sogar seine Augen feucht wurden. Hektisch blickte er sich um und wischte sich mit der Hand durchs Gesicht, bevor es noch jemand sehen konnte. Sabrina hatte so etwas schon öfter gesagt, und jedes Mal so unvermittelt, dass es ihn umhaute. Er kannte derartige Gefühlsäußerungen nicht von früher. In seinem Elternhaus war es ganz und gar unüblich gewesen, sich gegenseitig solcher Dinge zu versichern. Und selbst in der langjährigen Beziehung zu seiner großen Liebe Martina war dieser Satz nicht ein einziges Mal gefallen. Was ja nicht bedeuten musste, dass man sich nicht liebte. Manche Dinge sind nun mal so selbstverständlich, dass man sie nicht ständig betonen muss. Aber Sabrina war ganz anders, genauso wie alles in Berlin ganz anders gewesen war. Sie war so unverblümt, so geradeheraus, dass es Fredi oft überforderte. Am Anfang hatte er immer versucht, auszuweichen oder abzulenken, aber mit der Zeit hatte er festgestellt, wie gut es ihm tat, bestimmte Dinge auch einfach mal zuzulassen. Es hatte eine Weile gedauert, bis Fredi diesen Punkt erreicht hatte, aber selbst in dieser Phase hatte Sabrina ihn zu nichts gedrängt und ihn nie unter Druck gesetzt. Sie hatte ihn seinen eigenen Weg finden lassen. Fredi war sich bewusst, dass er durch Sabrina zu einem neuen Menschen geworden war und dass er ihr viel zu verdanken hatte. Allein das würde rechtfertigen, dass er sie ebenso liebte wie sie ihn. Und bis gestern war er auch der festen Überzeugung gewesen, dass es genauso war. Bis gestern, als er in Rosis Grillcontainer auf Martina getroffen war. Warum nur gelang es dieser Frau auch nach Jahren noch, in ihm Emotionen zu wecken, die andere bei ihm nicht annähernd auszulösen in der Lage waren? Und das nach allem, was sich zwischen ihnen abgespielt hatte.
„Schatz? Bist du noch dran?“, berlinerte es fröhlich durch den Hörer.
„Was? Ach so, ja natürlich“, antwortete Fredi schnell. „Und weißt du was? Ich liebe dich auch.“ Er spürte förmlich durch den Hörer, wie sie strahlte.
„Du bist so lieb, Schatz. Aber ick muss jetzt Schluss machen, Mama zur S-Bahn bringen. Kuss, Kuss, Kuss.“
„Ja, Kuss.“ Fredi legte auf. Er schob sein Handy in die Hosentasche und legte seinen Kopf in seine Handflächen. So erbärmlich hatte er sich lange nicht gefühlt. Zum ersten Mal bereute er seine Rückkehr nach Saffelen. In Berlin war doch alles so perfekt gewesen. Die Probleme waren alle weit weg gewesen. 650 Kilometer weit weg. Und jetzt? Jetzt wusste er plötzlich gar nicht mehr, was er denken sollte.
„Ach, hier bist du, Fredi“, brüllte plötzlich ein aufgedrehter Borowka durch die Nacht. Zwei Sekunden später saß er neben ihm auf dem Mäuerchen und streckte ihm mit beiden Händen äußerst vorsichtig ein Tablett mit randvoll gefüllten Schnapsgläsern entgegen. „Hier, Fredi, trink mal diesen selbst aufgesetzten Rhabarberschnaps. Den hat der Schlömer Karl-Heinz in sein Gartenhäuschen gebrannt. Der nennt sich ‚Saffelener Höllentropfen‘. Der gibt richtig Tinte auf der Füller, wenn du weißt, was ich damit andeuten will.“ Borowka lachte dreckig und hielt ihm das Tablett unter die Nase. Der aufsteigende Geruch war so scharf, dass Fredi für einen kurzen Moment befürchtete, blind zu werden.
„Baah, nee, hau ab mit das Zeugs“, schob Fredi das Tablett angewidert zur Seite, „da habe ich bei Spargel einen von getrunken, als der sein bestandener Idiotentest gefeiert hat. Danach war ich zwei Tage krank.“
„Mann oder Memme?“, polterte Borowka und kippte wie zur Bestätigung seiner eigenen Männlichkeit ein Glas auf ex runter. „Meine Fresse“, stieß er anschließend heiser hustend hervor, „das ist echt ein edles Tröpfchen.“
„Wo ist Rita überhaupt? Die habe ich noch gar nicht gesehen“, fragte Fredi.
„Hör mich bloß auf. Der ganze Nachmittag hängt Martina schon bei uns rum und ist sich am aus am heulen. Wenn die sich beruhigt hat, wollen die nachkommen.“
Fredi sah entsetzt auf. „Wer jetzt? Martina will hier hinkommen? Aber die fand der Juppi doch immer doof.“
Borowka schien an dem Höllentropfen Gefallen gefunden zu haben. Jedenfalls trank er noch einen zweiten, bevor er antwortete: „Was weiß ich denn? Rita meint, die bringt die mit, für dass die mal auf andere Gedanken kommt. Ist doch scheißegal. Wen interessiert denn schon Martina? Das Wichtigste ist, dass wir es heute richtig krachen lassen.“
Fredi atmete tief durch. Genau, dachte er, er würde sich seine gute Laune nicht schon wieder verderben lassen. Entschlossen nahm er unter dem bewundernden Blick von Borowka in jede Hand ein Schnapsglas und schüttete sich die beiden schnell hintereinander runter. Nachdem er rückwärts auf den Rasen gekippt war, blickte er beseelt in den klaren Abendhimmel.
Es ging doch nichts über die richtigen Betäubungsmittel.
7

Der Wohnwagen wurde nur schwach durch eine von der Decke baumelnde kleine Lampe beleuchtet. Der mit Papieren und Ordnern überladene Schreibtisch, hinter dem Francesco Baldini saß, schien eine minimale Schräglage zu haben, was wahrscheinlich dem unebenen Boden der Hastenrathschen Weide geschuldet war. Neben Baldini hatte einer der Arbeiter, Jakub, Stellung bezogen. Der Pole hielt eine halbautomatische Beretta in der Hand und betrachtete mit finsterem Blick die beiden Besucher, die vor wenigen Minuten das schmucklose Büro des Wanderzirkusses betreten hatten. Die zwei Männer waren unmittelbar neben der Eingangstür stehen geblieben und schauten sich nun gelangweilt im Raum um. Sie sahen sich unglaublich ähnlich, fast wie Zwillinge. Marcello und Matteo, die berüchtigten Bertolini-Brüder, waren aus Sittard, einer grenznahen holländischen Kleinstadt, gekommen. Dort gastierten sie gerade mit dem Zirkus Montebello. Die beiden waren herausragende Trapezartisten, aber auch geschult im Kunstreiten und Messerwerfen, wie es bei kleinen Zirkussen oft üblich war. Diese Fertigkeiten und natürlich ihre Revolver, die lässig aus dem Hosenbund herausschauten, machten sie zu gefährlichen
Gegnern. Dessen war sich Baldini bewusst, als er langsam den Blick hob, mit dem er sich zuvor noch in seine Unterlagen vertieft hatte. „Was kann ich für euch tun?“, fragte er höflich, aber wachsam.
Matteo grinste schief. „Du weißt genau, weswegen wir hier sind. Du hast etwas, das uns gehört, und wir würden es jetzt gerne mitnehmen.“
Baldini erhob sich und öffnete eine Schublade. Sofort zogen die Bertolinis ihre Waffen und richteten sie auf ihn. Doch der holte nur eine Zigarre hervor, die er sich in aller Ruhe von Jakub anzünden ließ. Die Bertolinis entspannten sich ein wenig und ließen die Revolver sinken. Ihr durchdringender Blick jedoch wurde nur umso entschlossener.
Baldini paffte zweimal kurz an der Zigarre und sagte bedächtig: „Ich weiß nicht, wovon ihr redet.“
Matteo machte einen Schritt auf ihn zu und funkelte ihn aus dunklen, sizilianischen Augen an. „Mach keinen Fehler, du lächerlicher Clown. Sonst werde ich hier mit deinem Gehirn die Wände tapezieren. Wir werden jetzt gleich Fatima mitnehmen und alle sind zufrieden.“
Baldini versuchte, die Ruhe zu bewahren, doch er bemerkte, wie seine Stirn feucht wurde. „Hör zu, die Sache ist nicht so einfach. Fatima ist meine einzige Nichte und …“
„Oh doch“, Matteos Stimme donnerte durch den kleinen Wohnwagen, „die Sache ist ganz einfach. Fatima wird ab sofort für uns tanzen. Sonst …“
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Fatima trat ein. „Was ist denn hier los Onkel Frances…“ Ihre Stimme erstarb, als sie in die Mündung von Marcellos Revolver sah.
Mit einem schnellen Handgriff packte dieser die Tänzerin und hielt ihr die Waffe an den Kopf. Sie wand sich unter seinem festen Griff, konnte sich aber nicht befreien. Baldinis Herz krampfte sich zusammen und, ohne nachzudenken, sprang er mit einem gewaltigen Satz über den Tisch, um sich auf Matteo zu werfen. Der war zu überrascht, um seine Waffe hochzureißen und schlug hart mit dem Rücken auf dem Boden auf. Marcello zielte mit ausgestrecktem Arm auf den heranstürmenden Jakub, doch noch ehe er abdrücken konnte, hatte Fatima ihren Kopf befreit und ihm mit aller Kraft in die Hand gebissen. Marcello schrie schmerzerfüllt auf und ließ die Pistole fallen. Fatima riss sich los und versteckte sich mit einer eleganten Bodenrolle unter dem Schreibtisch. Von dort aus beobachtete sie voller Entsetzen, wie Matteos Faust ihren Onkel Francesco knapp über dem Auge traf. Bevor er jedoch ein zweites Mal zuschlagen konnte, wurde er von Jakub hochgerissen, der ihm mehrere Schläge in den Magen verpasste. Dank seiner Körperbeherrschung konnte Matteo sich jedoch schnell befreien und den Polen von sich schubsen.
Als in derselben Sekunde in den umliegenden Wohnwagen die Lichter angingen und Stimmengewirr einsetzte, entschlossen sich die beiden Brüder zum schnellen Rückzug. An der Tür angekommen, schrie Matteo voller Hass: „Pezzo di merda! Wir kommen wieder. Verlass dich drauf. Das wirst du bitter bereuen, Stronzo!“ Dann verschwanden sie in der Nacht.
Jakub half seinem leicht benommenen Chef noch auf die Beine, bevor er nach draußen lief, um sich zu vergewissern, dass die Bertolinis auch wirklich verschwunden waren. Fatima kroch zitternd aus ihrem Versteck und schloss ihren Onkel in die Arme. Jetzt, nachdem sich der erste Schock gelegt hatte, musste sie hemmungslos weinen. Baldini ignorierte den pochenden Schmerz hinter seinem linken Auge und besann sich wieder auf seine Hauptaufgabe als Familienoberhaupt. Sanft streichelte er Fatima mit seiner großen Hand über den Kopf: „Ganz ruhig, meine Kleine. Es ist alles wieder gut.“
Die zierliche Tänzerin schluchzte so laut, dass man ihre Worte kaum verstehen konnte. „Bitte, Onkel Francesco, lass nicht zu, dass das schon wieder passiert.“
„Natürlich nicht. Ich pass auf dich auf. Das verspreche ich dir“, flüsterte er und hielt sie fest umschlungen. Doch seine Augen verrieten weit weniger Zuversicht als seine Worte.
8

Bettina Hebbel fühlte sich wie gefangen in einem Bild von Hieronymus Bosch. Einsam und allein stand sie inmitten eines explodierenden Infernos ländlicher Feierrituale. Auf dem Weg zum Ausgang durch die Garage, der die Erlösung bedeutet hätte, hatte sie ihren Lebensgefährten Peter Kleinheinz verloren. Der Hauptkommissar hatte sich trotz seiner teuren Polizeiausbildung nicht der Umklammerung von Richard Borowka entziehen können und war plötzlich wie in einem schwarzen Loch verschwunden. Um Bettina herum tobte der Wahnsinn. Die Garage platzte aus allen Nähten und sie war allem Anschein nach die einzige nüchterne Person. Jedenfalls so nüchtern, wie man sein konnte nach fünf Aperol Spritz, für deren Ablehnung ihr am Ende die Argumente ausgegangen waren. Kurzzeitig hatte sie sogar darüber nachgedacht, eine Schwangerschaft vorzutäuschen, bevor ihr bewusst wurde, zu welcher Gerüchte-Kettenreaktion das in diesem kleinen Dorf geführt hätte. Zwar kannte sie auch aus ihrer Heimat, dem hohen Norden, exzessive Feiern, aber diese so harmlos als Willkommensparty deklarierte Ausschweifung sprengte alle Grenzen ihres bisherigen Erfahrungshorizonts.
Die hin und her schunkelnde Menge um sie herum spuckte plötzlich einen ebenso orientierungslos wirkenden Menschen aus. Mit einem Mal stand ihr Chef vor ihr, Grundschulddirektor Peter Haselheim, der bereits zehn Jahre vor ihr den Weg nach Saffelen gefunden hatte. Haselheim trug ein Poloshirt und einen umgebundenen Pullover mit V-Ausschnitt und Paisley-Muster und passte in dieser Aufmachung ungefähr so gut auf diese Veranstaltung wie der Papst in einen Strip-Club. Die grenzenlose Verwirrung auf seinem Gesicht machte ihn gleich zu Bettinas Verbündetem. „Hallo Herr Haselheim. Amüsieren Sie sich?“, brüllte sie ihm belustigt ins Ohr.
Erst jetzt nahm er sie wahr und nickte ihr mit einem gequälten Lächeln zu. Auch er musste gegen den Lärm anschreien: „Guten Abend, Frau Hebbel. Kommen Sie. Ich kenne den Ausweg aus diesem Tartaros.“ Er schob sie behutsam vor sich her, bis sie den Vorgarten erreicht hatten. Nachdem sie über mehrere schlafende Körper gestiegen waren, war es wieder möglich, in halbwegs normaler Lautstärke miteinander zu kommunizieren. Allerdings klang in ihren Ohren alles etwas dumpf, so malträtiert waren sie von der musikalischen Lärmbelästigung, die unermüdlich auf sie eingeprügelt hatte. Haselheim zog sich gegen die Kühle der Nacht den Pulli über und sagte: „Ganz schön mutig von Ihnen, Frau Hebbel, sich hier ins Geschehen zu stürzen.“
Bettina stöhnte laut auf und wedelte mit der Hand, als wolle sie Fliegen verjagen. „Na ja, freiwillig habe ich das nicht gemacht. Mein Freund hat mich gebeten, mitzukommen. Er hat hier ein paar ‚Bekannte‘. Meinen Freund kennen Sie vielleicht sogar? Peter Kleinheinz.“
„Ich bitte Sie. Wer kennt ihn nicht? Herr Kleinheinz ist hier bekannt wie ein bunter Hund. Er und Hastenraths Will sind ja so was Ähnliches wie Sherlock Holmes und Dr. Watson.“
Bettina verzog das Gesicht. „Hören Sie mir auf mit Hastenraths Will. Mit dem werde ich irgendwie nicht warm.“ Haselheim winkte ab. „Ach, machen Sie sich da mal keine Sorgen. Mir ging’s am Anfang auch so. Aber mittlerweile kommen wir einigermaßen miteinander klar. Wir duzen uns sogar. Das hat gerade mal neun Jahre gedauert.“ Sein Lachen klang ein wenig bitter.
Bettina verzog das Gesicht. „Wo ist denn Ihre Frau? Etwa auch da drin verloren gegangen?“ Sie zeigte auf das Haus, das unter den gewaltigen Erschütterungen leicht zu schwanken schien. Dieser Eindruck konnte aber auch mit der Überdosis Aperol Spritz zusammenhängen, die so langsam ihre Wirkung entfaltete.
Haselheim schüttelte den Kopf. „Nein. Meine Frau hat natürlich schon langjährige Saffelen-Erfahrung. Die hat sich nach Bekanntwerden dieses Termins gleich ein passendes Alibi verschafft. Offiziell ist sie zu Besuch bei ihrer Mutter.“
„Und inoffiziell?“
„Zu Hause. Bei heruntergelassenen Rollläden. Sagen Sie. Wo ist denn der Herr Kleinheinz. Etwa noch …?“ Er blickte beklommen hinüber zum Haus. Auch er hatte das Gefühl, das Gebäude würde sich leicht bewegen. Dabei hatte er ausschließlich Mineralwasser getrunken. Bettina nickte wortlos.
Peter Kleinheinz verzog angewidert das Gesicht. So etwas Ekelhaftes hatte er in seinem Leben noch nie getrunken.
„Einer geht noch, einer geht noch rein“, animierte Borowka mit längst heiser gesungener Stimme die Umstehenden. Die bestanden zumeist aus Fußballkollegen und stiegen natürlich prompt mit großer Begeisterung in die schiefen Töne mit ein. Kleinheinz musste die Augen zusammenkneifen. Die scharfen Dämpfe des Selbstgebrannten schienen seine Netzhaut zu perforieren, als Borowka ihm das nächste Schnapsglas unter die Nase hielt.
„Komm, Herr Kleinheinz. Auf ein Bein kann man nicht stehen. Guck hier, ich trink auch noch einen“, tönte Borowka und schüttete sich tatsächlich noch einen weiteren ‚Saffelener Höllentropfen‘ in den Hals.
Kleinheinz atmete schwer, gab sich nach zaghafter Gegenwehr aber dem Gruppendruck geschlagen und verkostete noch einen zweiten Selbstaufgesetzten. Nachdem das Brennen nachgelassen hatte, breitete sich ein warmes Gefühl in seinem Magen aus. Und wenn ihm nicht plötzlich so übel geworden wäre, hätte er es sogar als angenehm empfinden können.
Fredi Jaspers und Juppi Schrammen standen am anderen Ende der Küche und beobachteten mit großer Schadenfreude das Spektakel um den taumelnden Kommissar. Sie hatten die Tür geöffnet, die zur Terrasse führte, und rauchten. Die frische Luft, die hereinströmte, tat ihnen gut, denn auch sie hatten beide bereits ordentlich getankt. Als gebürtige Saffelener waren sie aber natürlich einiges mehr gewöhnt als Neubürger Kleinheinz, der gerade von Spargel und Tonne sicherheitshalber auf einen Stuhl verfrachtet wurde.
„Netter Kerl, der Kommissar. Ich hab mich eben kurz mit dem unterhalten“, kommentierte Juppi das Geschehen.
„Na ja, geht so“, sagte Fredi, „der ist mir mal was doof gekommen, als mein Vatter gerade gestorben war. Ach, komm, scheiß drauf. Aber was die Fete angeht – Kompliment. Megageil.“
Juppi nickte zufrieden. „Absolut, das muss ich auch sagen. Ich war ja schon auf jedem Kontinent, aber nirgendwo wird so gut gefeiert wie in Saffelen. Das hat mein Bruder super hingekriegt. Ich wusste ja nix davon, wie groß der das aufzieht. Seit ich hier bin, hatte ich bloß Termine: Notar, Verwaltung, Ämter. Richtig scheiße. Ach hör mal, ich habe gestern im Vorbeifahren gesehen, dass auf der Wiese von Hastenraths Will ein Zirkus aufgebaut wird. Weißt du zufällig, wie der heißt?“
Fredi sah ihn verständnislos an. „Nee, natürlich nicht. Ich bin doch kein Mädchen. Sag bloß, du willst da hingehen?“
„Nein, natürlich nicht. Da habe ich überhaupt keine Zeit für.“ Fredi musste aufstoßen. „Tschuldigung. Boah, ich glaube, ich bin voll wie ein russischer Elternabend. Ich werde sicherheitshalber mal meine Riesenpython auswringen gehen.“
„Treppe hoch“, sagte Juppi und schnippte seine aufgerauchte Zigarette auf die Terrasse.
Fredi tat es ihm nach und verließ die Küche. Im Flur traf er auf ein wild knutschendes älteres Pärchen, das alles um sich herum vergessen zu haben schien. Das Familienbild der Schrammens hing bereits schief an der Wand, weil der Mann wohl mit dem Hinterkopf dagegengestoßen war. Fredi erkannte Marianne Eidams, eine Freundin seiner Mutter. Bei dem Mann war sich Fredi sicher, dass es sich um niemand Geringeren handelte als um Karl-Heinz Klosterbach, den Trainer seiner Fußballmannschaft. Komisch, dachte Fredi, während er die Treppe hinaufstieg. Die beiden waren zwar verheiratet, aber nicht miteinander. Oben angekommen, erkannte er die Toilette gleich an dem Salzteigschild mit der Aufschrift ‚Badezimmer‘. Mit Schwung drückte er die Klinke herunter und knallte mit dem Kopf gegen den Rahmen. Abgeschlossen.
Es dauerte gefühlte fünf Minuten, bis die Badezimmertür sich endlich öffnete. Fredi wollte schnell hineinlaufen, als er gegen einen warmen, schönen Körper prallte. Martina Wimmers war nicht weniger überrascht, als sie plötzlich, eingekeilt im Türrahmen, Fredi Jaspers gegenüberstand. Keiner bewegte sich. Sie sahen einander mit einer Mischung aus Unbehagen und Anziehung in die Augen. Fredi erkannte, dass Martina ganz offensichtlich ihr Make-up neu gerichtet hatte. Ihr Gesicht wirkte auf ihn makellos. Sogar noch makelloser als früher, als es noch ein wenig pausbäckiger gewesen war. Und auch ihr Körper, der sich – bewusst oder unbewusst – eng an ihn drückte, fühlte sich geschmeidig und fest an. Es durchzuckte ihn, als er spürte, dass sich in seinem Lendenbereich etwas regte. Schnell versuchte er, sich aus der misslichen Lage herauszuwinden, doch Martina machte keine Anstalten, ihn dabei zu unterstützen. Stattdessen ergriff sie seine Hand und zog ihn hinter sich her über den Flur. Fredi folgte ihr wie in Trance. Martina öffnete eine Zimmertür am Ende des Ganges und ging wortlos mit ihm hinein. Als sie den schummrig dunklen Raum betreten hatten, schloss Martina hinter sich die Tür und drehte den Schlüssel im Schloss herum. Fredi sah sich um. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Zwielicht und er erkannte die Umrisse eines Doppelbettes. Oh Gott, dachte er, das ist das Schlafzimmer. Er wollte fliehen, doch irgendeine unsichtbare Kraft hielt ihn zurück. Sein alkoholumnebeltes Gehirn arbeitete nur noch auf Sparflamme und längst hatten die Gefühle das Kommando übernommen. Der Wunsch, mit Martina allein zu sein, war übermächtig, aber immer wieder schoben sich Bilder einer lachenden Sabrina vor sein inneres Auge. Er wusste nicht, was er tun sollte. Das war aber auch nicht nötig, denn Martina umarmte ihn und gab ihm einen feuchten Kuss. Ihr Unterkörper rieb sich an seinem. Als ihre Zunge den Weg in seinen Mund gefunden hatte, wurde Fredis Kopf von einer gigantischen Sinnesexplosion erschüttert. All die Leidenschaft, die er sich schon sein halbes Leben lang ersehnt und gewünscht hatte, erfüllte sich in diesem Augenblick. Sie küssten sich und Martina warf ihn rücklings aufs Bett. Fredi sank in die weiche Matratze ein und Martinas wohlgeformte Brüste quetschten sich auf sein Gesicht, als sie auf ihm landete. Nachdem sie ihn weiter geküsst und an seinem Ohrläppchen geknabbert hatte, legte sie ihm den Zeigefinger auf die Lippen und rutschte an ihm herunter, bis ihr Kopf direkt über dem Reißverschluss seiner Hose war. Zärtlich strich sie mit ihrer Hand über die stark ausgebeulte Stelle. Fredi musste laut aufstöhnen. Es ließ sich jetzt beim besten Willen nicht mehr verleugnen, dass sein Organismus ihm längst den hormonellen Marschbefehl erteilt hatte. Fredi starrte keuchend an die Decke, während die Synapsen in seinem Hirn nach und nach den Dienst quittierten. Das Zimmer begann sich zu drehen und seine Erregung kannte keine Grenzen mehr. Er sah an sich herab und blickte in Martinas Gesicht, die ihn von unten mit ihren vollen, feuerroten Lippen anlächelte. Im nächsten Moment öffnete sie langsam seine Gürtelschnalle.
9

Richard Borowka war seit einer Stunde auf Asbach-Cola umgestiegen, um ein wenig auszunüchtern. Um ihn herum leerte sich langsam die Garage. Zusammen mit Juppi stand er an einem der Stehtische und philosophierte über das Leben.
„Weißt du, wenn ich auf Saffelen drauf zugefahren komme und sich die Skyline ins Bild schiebt. Dann kriege ich Gänsehaut. Da brauch ich kein Grand Canyon für.“
Juppi nippte gelangweilt an seinem Wodka Redbull. „Ja, ja, das hast du jetzt schon dreimal gesagt.“
„Weil man das nicht oft genug sagen kann“, lallte Borowka übertrieben laut. Mitten im Satz jedoch hielt er inne und legte die Stirn in Falten. „Moment, jetzt überleg ich gerade. Wenn ich beim Anblick von Saffelen eine Gänsehaut kriege, was bekommen denn dann Gänse, wenn die das sehen?“
Juppi verdrehte die Augen und sah sich im Raum nach einem weniger betrunkenen Gesprächspartner um. Doch es gab keinen.
Plötzlich kam Borowkas Frau Rita an den Stehtisch. Sie hatte sich ziemlich in Schale geworfen für diesen Abend. Und obwohl auch bei ihr der Alkohol Spuren hinterlassen hatte, bewahrte sie Haltung: Sie stand sicher auf ihren extrahohen Highheels und ihre wasserstoffblonde lange Mähne war mit vielen kleinen Haarklammern zu einem großen Dutt zusammengesteckt. Das farbenprächtige Make-up war zwar völlig übertrieben, aber handwerklich in Ordnung. Rita legte ihren Kopf auf Borowkas Schulter und säuselte mit schwerer Zunge:
„Richard, lass uns nach Hause gehen. Ich bin total müde.“ Richard schüttelte sie sanft ab und zeigte auf Juppi. „Ach, Rita. Ich bin mich gerade so gepflegt am unterhalten mit der junge Mann hier. Geh doch mit Martina nach Hause. Ich komm dann gleich nach.“
„Martina kann ich nicht finden. Die ist bestimmt schon gegangen. Jetzt komm endlich. Ich will nachts nicht alleine hier rumrennen.“
Borowka verspürte überhaupt keine Lust, schon zu gehen, und so suchte er hektisch nach einer Lösung. Die tauchte dann auch in Gestalt von Hastenraths Will auf, der, angeschlagen wie ein Boxer nach der zwölften Runde, im kräftigen Arm seiner Frau hing und ganz offensichtlich gerade zum Heimweg gezwungen wurde. „Will!“, rief Borowka erfreut. Der Kopf des Ortsvorstehers schnellte hoch, doch sein Blick wanderte nur glasig und ziellos durch den Raum und verfehlte Borowka um mehrere Meter.
„Der hat es hinter sich. Ich bring dem nach Hause“, rief Marlene und wandte sich dann im Gehen an ihren Mann: „Aber glaub ja nicht, dass ich morgen früh die Kühe melke. Wer feiern kann, der kann auch arbeiten.“
Borowka ergriff Ritas Arm und zog sie mit sich zu dem Landwirtsehepaar. Da die Hastenraths seine direkten Nachbarn waren, lag die Lösung quasi auf der Hand. „Hier, Marlene. Bist du so lieb und nimmst die Rita auch mit nach Hause?!“
„Natürlich. Kein Problem“, antwortete Marlene und freute sich über die unerwartete Unterstützung beim Transport ihres Mannes, der wie ein nasser Sack in ihrem Arm hing.
Rita machte einen Schmollmund. Doch bevor sie etwas sagen konnte, drückte Borowka ihr einen dicken Kuss auf die Lippen. In sieben Ehejahren hatte er gelernt, wie in solchen Krisensituationen zu verfahren war. Und auch diesmal funktionierte seine Strategie der Deeskalation.
Rita lächelte und sagte butterweich: „Na gut. Aber komm bitte nicht zu spät.“ Zufrieden kehrte Borowka zurück an den Stehtisch, an dem Juppi sich gerade mit seiner Gürteltasche beschäftigte, die geöffnet vor ihm lag. Sie war deutlich größer als ein Brustbeutel und hatte sogar gepolsterte Flossen am Bauchgurt. Unzählige Fächer blätterten sich auf, als er den Reißverschluss aufzog. Borowka nahm sein halbvolles Glas Asbach-Cola und leerte es in einem Zug. Dann setzte er lautstark an: „Weißt du, Juppi. Wenn ich auf Saffelen drauf zugefahren komme und sich die Skyline ins Bild schiebt. Dann kriege ich …“
„Lass mich raten: Gänsehaut“, sagte Juppi, ohne vom Tisch aufzusehen.
„Ja, genau“, erwiderte Borowka überrascht und stierte auf den Tisch. Dabei fiel ihm auf, dass die Gürteltasche prall gefüllt war mit Münzen, Zettelchen, Fotos und Geldscheinen … und zwar mit sehr vielen Geldscheinen. Nach kurzem Überschlagen kam Borowka auf mehrere Tausend Euro, hinzu kamen verschiedene ausländische Banknoten. „Hier“, Juppi zog ein geknicktes Foto aus einem der vielen Fächer. Er faltete es vorsichtig auseinander und legte es vor Borowka auf den Tisch. „Das ist der Grand Canyon im Morgengrauen. Das Foto habe ich selbst gemacht. Und jetzt sag mir noch mal, dass das genauso aussieht wie Saffelen.“
Borowka studierte das Bild eingehend. Er erkannte bizarre Felsformationen aus rötlichem Gestein, die aus einer unendlich tiefen Schlucht herausragten. Durch die Schlucht schlängelte sich ein kraftvoller Fluss, der, anders als der Saffelbach, offensichtlich nicht von der Wasserbaubehörde begradigt worden war. Durch einige wenige Wolken am Himmel fiel ein wunderbar weiches Morgenlicht, das den Canyon noch gigantischer erscheinen ließ, als seine imposanten Ausmaße es ohnehin schon vermochten. Borowka war beeindruckt, sagte aber nichts.
„Und? Sieht das aus wie die Skyline von Saffelen?“ insistierte Juppi hartnäckig.
Borowka zuckte mit den Schultern: „Jaa … anders eben.“ Juppi musste lachen. Er faltete das Foto wieder sorgsam zusammen und schob es zurück in seine Gürteltasche, deren Oberseite eine große Bärentatze und der Schriftzug „Jack Wolfskin“ zierten.
Borowka konnte nicht umhin, anzumerken: „Du schleppst ja ganz schön viel Bargeld mit dir rum. Ist dir das nicht zu gefährlich?“
Juppi schüttelte den Kopf. „Ach was. Wer da ran will, kriegt es erst mal mit mir zu tun. Na ja, vielleicht hast du auch recht. Ich hab da wohl einen kleinen Spleen. Aber seit ich durch die Welt reise, habe ich es mir angewöhnt, immer mein ganzes Hab und Gut mit mir rumzuschleppen. Ich habe keine Kreditkarte, keine EC-Karte und ein Konto nur für Notfälle. Ich trau den Banken einfach nicht.“
„Das ist wohl wahr. Die scheiß Banken“, sagte Borowka und musste wieder daran denken, wie dieser schnöselige Bankkaufmann, der gerade mal halb so alt war wie er, ihm vergangene Woche mit diesem typischen, süffisanten BlödmannLächeln mitgeteilt hatte, dass er seine vom Geldautomaten eingezogene EC-Karte erst wiederbekäme, wenn er seinen überzogenen Dispo ausgeglichen hätte.
„Willst du mal sehen, wie mein Portemonnaie aussieht?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, zückte Borowka es und leerte es auf dem Tisch aus. Aus der abgegriffenen braunen Lederbörse kullerten ein Zwei-Euro-Stück, ein Einkaufswagenchip, zwei Videothekenausweise, ein Batman-Anstecker und zwei Eintrittskarten für den Zirkus.
Juppi starrte belustigt auf das bunte Sammelsurium. Doch als er die Zirkuskarten sah, veränderte sich seine Gesichtsfarbe. Er nahm sie in die Hand und las laut vor: „Zirkus Baldini. Sondereinladungskarte. Ermäßigung für Loge und Sperrsitze.“
„Ach, das ist nix wert. Die Karten kann man sich umsonst bei Eidams im Laden mitnehmen. Aber ich glaub, später an der Kasse muss man die dann wohl bezahlen. Alles Verarschung.“
„Zirkus Baldini“, wiederholte Juppi gedankenverloren.
„Ja, kann sein“, sagte Borowka, „Wieso? Willst du da hin? Dann besorge ich dir auch solche Ermäßigungskarten. Ich hatte mir überlegt, Rita dahin einzuladen. Dann gehen wir einfach alle zusammen. Wie in alte Zeiten.“
Juppi sagte nichts, sondern ließ Borowka einfach stehen und verschwand im Haus. Nach ein paar Sekunden kehrte er zurück.
Während er sich die Jeansjacke überstreifte, die er sich geholt hatte, sagte er: „Weißt du was, Borowka? Hier ist eh gleich Schicht. Ich begleite dich noch nach Hause. Ich würde gerne noch ein bisschen frische Luft schnappen. Und Saffelen bei Nacht – da kommt der Grand Canyon nun wirklich nicht mit.“ Borowka wusste gar nicht, was er sagen sollte, denn eigentlich wollte er noch gar nicht nach Hause. Andererseits hatte Juppi natürlich recht. Auf der Party würde jeden Moment Feierabend sein und am Ende konnte es passieren, dass alle Übriggebliebenen noch mit aufräumen mussten. Außerdem würde Rita sich freuen, wenn er so früh zurück wäre. Und so entschloss er sich, Juppi, der die Garage bereits verlassen hatte, zu folgen. Als Wegzehrung steckte er sich noch eine Flasche ‚Saffelener Höllentropfen‘ ein, die einsam und verlassen auf der Theke stand.
Als er Juppi eingeholt hatte, ereilte die beiden ein Ruf, der vom Haus kam. „Wo geht es denn jetzt noch hin, Bruderherz?“ Theo Schrammen stand mit ineinander verschränkten Armen in der Eingangstür und wirkte sehr ernst.
„Ich bring nur den Borowka nach Hause. Keine Sorge, ich bin gleich zurück zum Aufräumen“, antwortete Juppi in der ihm eigenen leichten Art, ohne seinen Gang zu verlangsamen.
„Das will ich auch hoffen, Mister Sunshine. Da habe ich nämlich langsam keine Lust mehr drauf, dass du dir einen Lenz machst und ich die Arbeit habe. Blöder Penner.“ Wütend knallte er die Haustür hinter sich zu.
Borowka war völlig perplex. Derlei Unbeherrschtheiten war er von Theo Schrammen gar nicht gewohnt. „Was war das denn gerade?“, fragte er ungläubig.
„Ach der“, wiegelte Juppi ab, „der ist heute nicht gut drauf. Wegen Notar und so Sachen. Ach, vergiss Theo. Wir stürzen uns jetzt in die Nacht von Saffelen.“ Juppis Lachen hallte noch lange nach.
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