Kitabı oku: «Die Rache des Waschbären»

Yazı tipi:

Christian Macharski

Die Rache

des Waschbären

DORFKRIMI

Das Buch

Die Einwohner des kleinen Dorfes Saffelen stehen unter Schock. Im Neubaugebiet hat sich eine unfassbare Bluttat ereignet und Hauptkommissar Peter Kleinheinz wird unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Obwohl alle Indizien gegen ihn sprechen, will Landwirt und Ortsvorsteher Hastenraths Will nicht wahrhaben, dass sein Freund der Täter sein soll. Zusammen mit Kreisliga-C-Legende Richard Borowka versucht er einer vermeintlichen Verschwörung auf die Spur zu kommen. Je mehr Will jedoch über die Hintergründe herausfindet, desto klarer wird ihm, dass Kleinheinz nicht derjenige ist, den er zu kennen glaubte. Zu diesem Zeitpunkt ist die Lage allerdings längst außer Kontrolle geraten und der Landwirt bekommt es mit einem übermächtigen Gegner zu tun, der auch vor dem Äußersten nicht zurückschreckt. Als Will keinen anderen Ausweg mehr sieht, begibt er sich in die Höhle des Löwen – mit tödlichen Folgen.

Der Autor

Christian Macharski wurde 1969 in Wegberg geboren. Seit 1991 ist er als Kabarettist und Autor tätig und entwickelte diverse Programme mit dem Comedyduo „Rurtal Trio“ sowie mehrere Soloprogramme. Darüber hinaus arbeitete Macharski als Autor für verschiedene Fernsehsender (WDR, SAT1, RTL) und war zehn Jahre lang Kolumnist bei den Aachener Nachrichten. 2008 erschien der erste Dorfkrimi um den ermittelnden Landwirt Hastenraths Will. Diese Kunstfigur wird von Macharski auch auf der Bühne, im Radio und im TV verkörpert. „Die Höhle des Löwen“ ist der sechste Teil der Dorfkrimi-Reihe.

Außerdem als Taschenbuch erhältlich:

Das Schweigen der Kühe (ISBN 978-3-9807844-4-3)

Die Königin der Tulpen (ISBN 978-3-9807844-5-0)

Das Auge des Tigers (ISBN 978-3-9807844-7-4)

Die Rache des Waschbären (ISBN 978-3-9424540-8-7)

Der Tango des Todes (ISBN 978-3-9807844-8-1)

© 2015 by paperback Verlag

Alle Rechte vorbehalten. Abdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags

Umschlaggestaltung: kursiv, Oliver Forsbach

Fotos: Wilfried Venedey, Marcus Müller

Lektorat: Kristina Raub

Satz & Layout: media190, Wilfried Venedey

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-9816638-5-3

Die Personen und Handlungen der Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Die Protagonisten des Romans basieren auf Bühnenfiguren des Comedy-Duos Rurtal Trio.

Für meinen Onkel Michael

Inhalt

Cover

Titel

Das Buch/Der Autor

Impressum

Widmung

Prolog

1

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Epilog

Danksagung

Die Dorfkrimi-Reihe mit Hastenraths Will

Prolog

Donnerstag, 1. September 2011, 10.51 Uhr

Die erdrückende Stille wurde durchbrochen vom monotonen Ticken der Standuhr, die in unerbittlichem Rhythmus ihren Sekundenzeiger vorantrieb. Fredi Jaspers beobachtete mit leerem Blick das Zifferblatt, weil er nicht wusste, wo er sonst hinsehen sollte. Das Wohnzimmer kam ihm vor wie ein Gefängnis längst vergessener Tage. Die Möbel, das Sofa, der Sessel, selbst der Fernseher standen noch an genau derselben Stelle, wo sie schon gestanden hatten, als er im Alter von vier Jahren unerlaubterweise auf einem Dreirad durchs Zimmer gefahren war. Voller Freude hatte er die Einrichtungsgegenstände umkurvt. Im Überschwang seiner kindlichen Entdeckungslust war er jedoch ein wenig zu schnell unterwegs, als er auf die weiß-blaue Vase mit holländischen Windmühlen zusteuerte, die auf einer Marmorsäulenimitation thronte. Zwar gelang es Fredi noch, geistesgegenwärtig die Rücktrittbremse zu treten, doch in derselben Sekunde wurde ihm bewusst, dass sein neues Dreirad gar keinen Rücktritt besaß. Mit geschlossenen Augen war er deshalb ungebremst in die Säule gerast und hatte der Vase ein lautstarkes Ende auf dem PVC-Boden beschert. Um das geschmacklos bemalte Porzellan an sich wäre es nicht schade gewesen, hätte es sich dabei nicht um ein wichtiges Erbstück gehandelt. Und so kam es, dass Fredi von seinem Vater die erste Ohrfeige seines Lebens kassierte. Es sollten zwar noch einige folgen, aber an diese eine erinnerte er sich bis heute.

Die letzten anderthalb Jahre hatten Fredi verändert. Nicht äußerlich. Er trug sein braunes Haar immer noch vorne kurz und hinten lang. Und auch sein Modegeschmack hatte sich nicht vom hektischen Stil der Hauptstadt anstecken lassen. Die Jeanshose mit den Lederapplikationen gehörte einfach zu ihm. Er mochte sie nicht eintauschen gegen irgendwelche Cargo- oder Anzughosen mit angesagten Markennamen, mit denen seine Arbeitskollegen in ihrer Freizeit herumliefen. Außerdem waren Palomino-Jeans Evergreens und erinnerten ihn im fernen Berlin an sein kleines Heimatdorf nahe der holländischen Grenze.

Vor drei Tagen war er zum ersten Mal seit seinem Umzug zurückgekehrt nach Saffelen, in jenen winzigen Ort, in dem er die ganzen 35 Jahre seines vorherigen Lebens verbracht hatte. Er hatte Angst gehabt. Angst davor, dass die Wehmut und die Gedanken an die schöne, alte Zeit ihn wieder festhalten würden in der Provinz. Doch nichts von alledem war passiert. Auch wenn ihn der Abschied von seinem Kumpel Richard Borowka immer geschmerzt hatte, so war das Wiedersehen zwar schön, aber nicht so, dass er hierbleiben wollte. Im Gegenteil, er hatte seine Reisetasche noch nicht mal richtig ausgepackt, so schnell wollte er wieder zurück nach Berlin. Sobald er hier alles erledigt hatte. Alles erledigt. Wie das klang, dachte er. War er ein schlechter Mensch? Er wendete seinen Blick ab vom Zifferblatt der Standuhr und sah hinüber zum Sessel, in dem seine Mutter kauerte. Sie saß leicht vornübergebeugt und bedeckte ihr Gesicht mit den Handflächen. Leise und stoßweise schluchzte sie vor sich hin. Wie viele Tränen ein Mensch haben muss. Seit er da war, hatte seine Mutter nicht aufgehört zu weinen. Fredi wusste nicht recht, wie er damit umgehen sollte. Zu Anfang hatte er sie immer wieder in den Arm genommen, aber als das nicht half, hatte er sich mehr und mehr zurückgezogen. Und gewartet. Auf das Ende.

Die oberste Treppenstufe knarzte. Ein weiteres vertrautes Geräusch, das Fredi sofort an seine Kindheit erinnerte. Es kündigte früher immer den Vater an, der nach seinem Mittagsschlaf ins Wohnzimmer herunterkam. Fredi sah auf. Er wusste, dass er diesmal dort oben nicht seinen Vater sehen würde. Stattdessen erschien Dorfarzt Dr. Hoppe. Der junge Mediziner, der erst vor einem Jahr die Praxis seines Vaters übernommen hatte, räusperte sich übertrieben laut. Auch Fredis Mutter sah nun auf. Ihre verquollenen Augen waren vom Weinen gerötet. Dr. Hoppe wirkte müde und blass und stützte sich mit einer Hand am Geländer ab, während der das Unvermeidbare aussprach: „Es ist so weit.“

Als Fredi als Letzter das Zimmer betrat, fröstelte es ihn. Der ganze Raum wirkte wie ein Mausoleum. In den letzten Tagen hatten Verwandte Blumen und Genesungskarten vorbeigebracht. Fredis Mutter hatte sie kunstvoll auf der Kommode drapiert, die dadurch einem Altar immer ähnlicher wurde. Theo Jaspers lag mit aschfahlem Gesicht und eingefallenen Wangenknochen in einem schneeweißen Bett. Die Tagesdecke war bis unter sein Kinn hochgezogen. Dennoch konnte man erkennen, dass die kurze, schwere Krankheit seinen Körper ausgemergelt hatte. Auf einem Stuhl neben dem Bett saß der indische Pastor Buttra Kuttrapalli und hatte dem Sterbenden die Hand auf die Stirn gelegt. Mit starkem indischen Akzent murmelte er: „Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen, er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes: Der Herr, der dich von Sünden befreit, rette dich, in seiner Gnade richte er dich auf.“

Dr. Hoppe machte einen Schritt auf Fredi zu und sagte: „Sie können mit ihm reden. Er ist jetzt bei Bewusstsein.“ Fredi erschrak. Und tatsächlich: Theo Jaspers hatte die Augen, die tief in den Höhlen lagen, leicht geöffnet. Fredis Mutter stieß einen kurzen Schrei aus, als auch sie es bemerkte. Es war ein Schock für sie, denn ihr Mann hatte in den letzten Tagen, seit er zu Hause auf den Tod wartete, das Bewusstsein nicht mehr zurückerlangt. Er war bereits im Krankenhaus ins Koma gefallen. Fredi fand als Erster Worte: „Heißt das, dass er wieder …?“ Hoppe schüttelte den Kopf: „Nein. So etwas kommt bei Sterbenden häufig vor. Kurz bevor es zu Ende geht, sind sie noch einmal für einen Moment klar. So eine Art Totenbettvision.“

Frau Jaspers war vor Fredi getreten und stand nun mit ihm am Fußende des Bettes. Sie sah ihren Mann mit tränenverschleierten Augen an und stammelte: „Theo, ich … wie …“ Sie hielt den Atem an, als ihr Mann seinen Kopf kaum merklich anhob und mit fast blindem Blick in ihre Richtung starrte. Zuerst quälte sich ein schwaches Röcheln aus dem ausgetrockneten Mund, dann folgten kehlige Laute. Mühsam formte Theo Jaspers einen Satz, der dann aber sehr deutlich verständlich über seine Lippen kam: „Es tut mir leid. Ich habe dich geliebt – Julia.“ Dann ging alles ganz schnell. Die Augen verdrehten sich grotesk und der Kopf von Theo Jaspers kippte leicht zur Seite. Im selben Augenblick stöhnte Fredis Mutter laut auf und fiel in Ohnmacht. Fredi, der hinter ihr stand, konnte sie gerade noch auffangen. Auch auf seinem Gesicht spiegelten sich Entsetzen und Verwirrung. Dr. Hoppe legte ihm tröstend den Arm auf die Schulter und sagte: „Das ist normal. Kümmern Sie sich in den nächsten Tagen ein wenig um Ihre Mutter.“ Fredi starrte den Arzt ausdruckslos an und antwortete: „Nee, das ist nicht normal. Meine Mutter heißt mit Vorname Anneliese.“

1

Mittwoch, 7. September 2011, 17.06 Uhr

Ächzend kniete sich Hastenraths Will vor den Bottich. Sein grün-weiß kariertes Hemd hatte er bis zum Oberarm hochgekrempelt. Mit seinen Armen wühlte er in einer undefinierbaren Pampe aus Wasser, Getreide, Kraftfutter und Küchenabfällen. Leise fluchend vermengte er das übel riechende Gemisch, das er später seinen Schweinen in den Trog füllen würde. Der Landwirt war ausgesprochen schlecht gelaunt, da das Anmischen des Futters eigentlich die Aufgabe seiner Frau war. Doch seit Marlene Hastenrath sich in den Kopf gesetzt hatte, zusammen mit den katholischen Strickfrauen Saffelen mit regelmäßigem Fitnesstraining im Pfarrsälchen den Kampf gegen das Übergewicht aufzunehmen, blieb die Handlangerarbeit auf dem Hof immer öfter an Will hängen. Und obwohl das Training recht zeitintensiv war, waren Will in den letzten Wochen keinerlei körperliche Veränderungen an seiner Frau aufgefallen. Wütend zermatschte er einen faulen Apfel in seiner Hand. Das schrille Bimmeln der Haustürklingel, das mit ohrenbetäubender Lautstärke bis in die hinteren Stallungen übertragen wurde, ließ ihn herumfahren. Gleichzeitig begann Hofhund Attila aus heiserer Kehle zu bellen und sprang ungestüm in seinem Käfig umher. Das Getöse macht mich noch wahnsinnig, dachte Will. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Erst fünf Minuten zuvor hatte es Sturm geklingelt. Will hatte es jedoch ignoriert, weil er keinen Besuch erwartete. Und selbst wenn jemand Kartoffeln, Möhren oder Kohlrabi hätte kaufen wollen, so wäre auch das kein Grund für ihn gewesen, die Tür zu öffnen. Denn auch dieser Geschäftsbereich gehörte zu Marlenes Aufgaben, da sie wesentlich besser darin war, unter Druck so komplizierte Sachen wie Wechselgeld auszurechnen. Doch diesmal blieb der Besuch hartnäckig, denn erneut jaulten die Klingel und Attila unerbittlich auf. Wütend erhob sich Will, rieb seine Arme notdürftig mit einem alten, löchrigen Spüllappen ab und stapfte auf seinen Gummistiefeln durch den Flur in Richtung Küche. Als er von der Küche in den Flur einbog, rutschte einer der Hosenträger, die Wills ausgebeulte graue Arbeitshose zu halten versuchten, herunter. Fluchend schob er ihn wieder zurück auf die Schulter und riss die Haustür auf. „Wer zum Teufel …?“

Er hielt verdutzt inne, denn das markante Gesicht, das ihm mit perlweißen Zähnen entgegenstrahlte, kam ihm nur zu bekannt vor. Bei der klingelnden Nervensäge handelte es sich um Peter Kleinheinz, jenen Kommissar, mit dem Hastenraths Will in der Vergangenheit schon den ein oder anderen Kriminalfall gelöst hatte. Seit dem letzten Fall waren allerdings schon fast zwei Jahre vergangen. Damals hatten sie gemeinsam einen Killer zur Strecke gebracht, der aus dem Gefängnis ausgebrochen war. Kleinheinz hatte dabei eine komplizierte Verletzung davongetragen. Monate später waren sie sich noch mal auf dem Heinsberger Stadtfest begegnet, zu dem Marlene Will mitgeschleppt hatte. Kleinheinz ging damals noch an Krücken, was Marlenes Begeisterung für den gut aussehenden Polizisten aber nicht im Geringsten gedämpft hatte. Und auch jetzt musste Will feststellen, dass der Kommissar immer noch aussah, als sei er einem Katalog für Herrenmode entsprungen. Das eng taillierte, kurzärmelige Hemd, das seinen muskulösen Oberkörper vorteilhaft in Szene setzte, und die angegrauten Schläfen seines vollen Haars würden Marlene wieder an den Rand einer Ohnmacht bringen. Zum ersten Mal seit Langem war Will froh, dass seine Frau beim Training und nicht zu Hause war.

„Oh, Herr Kleinheinz! Das ist aber eine Überraschung“, sagte Will aufrichtig erfreut. Der Kommissar lächelte breit: „Peter!“

„Was?“

„Ich bin Peter. Wir waren doch schon längst beim ‚Du‘ angekommen, Will.“

„Oh ja, natürlich“, entgegnete Will verlegen. „Öhm … komm doch rein – du. Du hast Glück. Marlene hat eben noch ein frischer Kaffee aufgeschüttet.“

Während Kleinheinz sich in der Küche auf die Eckbank setzte, sah er sich in der Küche um. „Hier hat sich absolut nichts verändert seit damals.“

„Bis auf das Einschussloch im Türrahmen“, lachte Will und stellte die Kaffeekanne auf den schweren Eichentisch, über dem wie immer ein Fliegenklebeband voller toter und halbtoter Insekten hing, das von dem Luftzug, den die offene Haustür verursacht hatte, leicht hin und her schwang. Nachdem Will auch zwei Tassen auf den Tisch gestellt hatte, goss er beide bis zum Rand voll und fragte: „Wie geht es Sie denn, Herr … Entschuldigung. Wie ist es dir, Peter? Und was machst du überhaupt hier in Saffelen?“

Kleinheinz verschränkte die Arme hinter dem Kopf und holte tief Luft. „Ich habe Urlaub und lasse es mittlerweile alles etwas ruhiger angehen. Ich komme gerade zurück aus Irland. Vier Wochen mit dem Boot über den Shannon. Angeln, lesen, nix tun. Herrlich. Und jetzt, habe ich mir gedacht, kümmere ich mich mal wieder um ein paar soziale Kontakte. Ich bin da immer etwas nachlässig gewesen. Ich hatte eben schon Angst, hier wäre keiner. Ich hatte vorhin nämlich schon mal geklingelt.“

„Ach so. Du warst das! Ich hatte extra nicht aufgemacht. Ich dachte, das wären die Verbrecher von der GEZ.“

„Zwischendurch habe ich’s nebenan versucht. Bei deinem Feuerwehrfreund. Aber da hat auch keiner aufgemacht. Ich hatte schon die Befürchtung, Saffelen wäre evakuiert worden.“

Will lachte laut auf: „Ha, ha. Evakuriert. Du bist ein Scherzbold, Peter. Nee, der Josef ist mit seine Frau für sechs Wochen in Kur. Die hatte dem unser alter Dorfarzt noch verschrieben, kurz bevor der gestorben war. Und da wollten die das schnell einlösen, bevor die Krankenkasse am Ende noch pleite geht. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, Kur wär nix für mich. Da hätte ich gar keine Zeit für.“

Kleinheinz nippte an der Tasse und sah den Landwirt mit ernster Miene an. „Das ist aber wichtig, Will. Man muss sich auch mal Auszeiten nehmen. Früher habe ich das auch anders gesehen. Nach meiner Scheidung habe ich Tag und Nacht gearbeitet. Ich habe mich nicht mehr mit Freunden getroffen, keine Hobbys gepflegt. Aber seit dieser Drecksack mich im Büro niedergeschossen hat, sehe ich das alles etwas anders. Seitdem weiß ich, wie schnell alles vorbei sein kann.“

Will setzte einen verständnisvollen Blick auf. Weil ihm nichts dazu einfiel, sagte er: „Da sagst du was. Letzte Woche Donnerstag ist Theo Jaspers gestorben, der Vater von Fredi.“

„Oh“, murmelte Kleinheinz ehrlich betroffen, denn Fredi war ihm in den letzten Jahren auch sehr ans Herz gewachsen – jedenfalls mehr als dessen großspuriger Kumpel Richard Borowka.

„Das ging ratzfatz“, erzählte Will weiter, „Bauchspeicheldrüsenkrebs. Der Theo ist natürlich auch viel zu spät zum Arzt gegangen. Dann hat der die Diagnose bekommen und zwei Wochen später war der tot. Jetzt am Freitag ist die Beerdigung.“

Der Kommissar nahm nachdenklich einen Schluck. Nachdem er die Tasse wieder abgesetzt hatte, sagte er, ohne aufzusehen: „Weißt du, Will. Ich habe mich in den letzten anderthalb Jahren viel mit dem Tod beschäftigt. Nachdem ich niedergeschossen worden war, hing mein Leben am seidenen Faden. Ich wurde mehrere Stunden operiert. Eine Schwester, die bei der OP dabei war, hat mir Monate später gesagt, dass ich zwischendurch sogar für sechs Minuten tot war.“

„Du warst was?“ Vor Schreck verschüttete Will Kaffee über seiner Hand, unterdrückte aber mannhaft einen Schmerzensschrei.

„Klinisch tot. Mein Herz hatte aufgehört zu schlagen. Und soll ich dir was sagen? Ich habe alles mitbekommen. Ich habe meinen Körper verlassen und unter mir die Ärzte am OP-Tisch gesehen, wie die ganz hektisch versucht haben, mich wiederzubeleben. Ich bin immer weiter weggeschwebt. Und es war ein ganz wunderbarer Moment. Ich wollte gar nicht mehr zurück.“

Will hob die Hand. „Moment mal. Du willst mich verulken, oder? Ich meine, ich hab so ein Quatsch mal im Fernseher gesehen. Ich glaube, bei Günther Jauch. Das nannte sich Nachtoderfahrungen oder so. Da hat so eine verrückte, esoterische Tante erzählt, dass die allen Ernstes …“

„Nahtoderfahrungen“, verbesserte Kleinheinz ihn. „Das ist kein Quatsch. Ich hab’s doch selbst erlebt. Ich habe sogar meinen Lieblingsonkel getroffen im … Wo auch immer. Der ist seit über 20 Jahren tot.“

Will schüttelte den Kopf. „Es kann ja sein, dass man Hallunzinationen kriegt, wenn man unter Medikamente steht, aber, ehrlich gesagt: Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Das würde ja bedeuten, dass alle Menschen irgendswie weiterleben. Wie soll das denn organisatorisch gehen? Hier auf der Erde ist ja schon kaum Platz für alle. Das kann nicht. Wenn wir der letzte Vorhang fallen lassen, dann heißt es ‚Klappe zu, Affe tot‘. Ist meine Meinung.“

Bevor Kleinheinz widersprechen konnte, wurde die Haustür aufgeschlossen und die fröhliche Stimme von Marlene Hastenrath erfüllte das Haus: „Will! Ich bin wieder da. Was ist das denn da für ein fremdes Nummernschild vorm Haus?“ Als sie die Küche betrat, zuckte sie zusammen. Der Anblick von Kommissar Kleinheinz trieb ihr augenblicklich die Röte ins Gesicht. Allerdings weniger aus Verzückung als vielmehr aus Verlegenheit, denn ihre Sportbekleidung hatte schon bessere und erst recht schlankere Zeiten erlebt. Die abgewetzte Jogginghose mit dem ausgeleierten Bund stellte vor allem die Oberschenkelpartie in kein besonders gutes Licht. Wenigstens lenkte die knallbunte Ballonseide-Trainingsjacke ein wenig von den strammen Beinen ab, auch wenn der Reißverschluss sich nur zu etwa zwei Dritteln schließen ließ und die üppige Oberweite kaum zu bändigen verstand. Am unangenehmsten aber war Marlene das rote Stirnband mit der Werbeaufschrift der Weight Watchers. Während sie Kleinheinz unsicher zunickte, versuchte sie, es sich so beiläufig wie nur irgend möglich vom Kopf zu ziehen: „Oh. Hallo Herr Kleinheinz. Das ist aber … wieso haben Sie denn nicht vorher …?“

„Nix Herr Kleinheinz. Ich bin der Peter. Das hatten wir doch beim letzten Mal geklärt, schöne Frau.“ Er erhob sich schwungvoll und deutete scherzhaft einen galanten Handkuss an. Er ergriff ausgerechnet die Hand, in der Marlene das Schweißband fest umklammert hielt.

„Du kannst aber auch Lazarus für dem sagen“, palaverte Will vom Tisch aus, während er die Szene argwöhnisch beobachtete. „Der Peter erzählt nämlich gerade, dass der schon mal tot war.“

Kleinheinz seufzte laut. Marlene funkelte ihren Mann böse an und sagte: „Halt die Klappe, Will. Geh mal lieber in die Vorratskammer und hol der Käsekuchen, dem ich gestern gebacken habe. Das müssen wir feiern, dass der liebe Herr … ähm Peter uns hier so spontan besuchen kommt.“

2

Mittwoch, 7. September 2011, 17.09 Uhr

Richard Borowka fummelte zwei Zigaretten aus seinem zerknitterten Marlboro-Päckchen. Wortlos zündete er beide an und gab Fredi eine. Eine Zeit lang saßen die Freunde einfach nur nebeneinander und bliesen abwechselnd den Rauch in die milde Luft. Wie bei ihrem Abschied vor fast zwei Jahren saßen sie auf der alten Holzbank hinter der Kirche. Genau genommen auf der Rückenlehne. Die Füße standen auf der Sitzfläche. Von diesem Platz aus sah man direkt auf die von Efeu überwucherte Friedhofsmauer. Hinter dieser Mauer, zwischen den gewaltigen Trauerweiden, die wie die Beschützer der traurigen Seelen über das Gelände wachten, würde Fredi in zwei Tagen seinen Vater zu Grabe tragen. Borowka wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Früher, als er noch täglich mit Fredi um die Häuser gezogen war, hätte er einfach einen blöden Spruch gemacht und damit das Eis gebrochen. Aber jetzt? Seit Fredi in Berlin lebte, hatten sie zwar regelmäßig telefoniert, gemailt oder gesimst, aber ihr Verhältnis hatte sich verändert. Während Borowka immer noch mit den alten Kumpels vom Fußball und aus der Schulzeit herumhing, hatte Fredi sich einen neuen Freundeskreis aufgebaut. Und natürlich war das Leben in Berlin aufregender, schneller, lebendiger. Jedenfalls interessanter als in Saffelen, konnte sich Borowka vorstellen. Selbst erlebt hatte er es nicht. Obwohl er es Fredi mehrfach versprochen hatte, ihn dort zu besuchen, hatte es irgendwie nie geklappt. Meist hatte es daran gelegen, dass seine Frau Rita keine Lust hatte. Und allein hätte er sich nie auf so eine große Reise begeben. Wahrscheinlich wäre er mit seinem Ford Capri aber auch nie so weit gekommen.

„Weißt du, dass ich seit vorletzte Woche bei uns im Betrieb Abteilungsleiter bin? Ich habe jetzt das ganze Ersatzteillager unter mir: drei Mitarbeiter“, sagte Fredi plötzlich.

„Cool“, antwortete Borowka, heilfroh, dass der Anfang gemacht war. „Da wär dein Vater bestimmt stolz auf dich gewesen.“

Fredi sah überrascht auf. „Meinst du wirklich?“

„Na klar“, Borowka nahm einen tiefen Lungenzug, „was meinst du, was deine Eltern hier auf dem Schützenfest mit dir rumgeprahlt haben?!“

„Mein Vater auch?“

„Jaa, mehr deine Mutter. Aber dein Vater hat im besoffenen Kopp auch mal gesagt, dass der das gut findet, dass du dein eigener Weg gehst.“

Fredi schnippte seine aufgerauchte Zigarette weg. Sie landete knapp neben dem Mülleimer. „Ich bin echt sauer auf meinen Alten. Der hat meine Mutter verboten, mir zu sagen, dass er so krank ist. Angeblich, damit ich mir keine Sorgen mache. Erst als der schon nicht mehr bei Bewusstsein war, hat meine Mutter mich angerufen. Ich konnte noch nicht mal mehr mit dem reden.“

Borowka zuckte hilflos mit den Schultern. „Keiner wusste was davon, wie krank dein Vater war. Aber ich denk, der hat sich noch mal mit euch unterhalten, kurz bevor der gestorben ist?“

„Ja schon. Da macht der noch einmal die Augen auf. Und dann erzählt der so ein Scheiß. Hier von wegen verliebt in Julia. Geht’s noch?“

Borowka musste unwillkürlich lachen, bemerkte aber sofort, dass das unpassend war. Er räusperte sich, als hätte er etwas im Hals. „Das ist natürlich wirklich krass. Wie der Spargel das in der Umkleidekabine erzählt hat, da bin ich fast hinten rübergekippt.“

„Ach, ist das schon rum im Dorf?“

„Fredi. Hallo?! Wir sind hier in Saffelen. Schon vergessen? Aber ist doch scheißegal. Männer reden schon mal Blödsinn.“

Plötzlich fuhr an der Straße ein Lieferwagen vorbei. Auf der Anhängerplane stand in verschnörkelter Schrift geschrieben: „Wurst Wimmers – das lustige Würstchen vom Lande“.

Borowka stockte der Atem. Er strich sich nervös durch sein blondgelocktes Haar, das er wie Fredi vorne kurz und hinten lang trug. Er spürte, wie sich auf seiner Stirn Schweiß bildete. Bitte lieber Gott, mach, dass Fredi das nicht gesehen hat, hoffte er inständig. Seit Fredi wieder in Saffelen war, war das Gespräch noch nicht auf Martina gekommen, die Tochter des erfolgreichen Wurstfabrikanten Hans Wimmers. Und Borowka hatte Angst vor dem Moment, an dem es so weit sein würde. Martina war Fredis große Liebe gewesen. Doch in jenem verhängnisvollen Dezember vor fast zwei Jahren hatte sie sich endgültig von ihm getrennt. Das gebrochene Herz, das Fredi davontrug, hatte entscheidend dazu beigetragen, dass er Saffelen den Rücken kehrte. Zwar hatte Borowka das Gefühl, dass sein Freund sich in der Zwischenzeit emotional von Martina gelöst hatte, aber Borowka hatte Informationen über sie, von denen er sicher war, dass sie Fredi aus der Bahn werfen würden. Deshalb wollte er sie so lange wie möglich vor ihm geheim halten – zumindest bis nach der Beerdigung. Viel länger dürfte so etwas in Saffelen ohnehin nicht zu schaffen sein. Es war wahrscheinlich nur deshalb bis jetzt gelungen, weil allen Dorfbewohnern bewusst war, welche verheerende Wirkung diese Nachricht auf Fredis Gemütszustand haben konnte. Der Lieferwagen war fast außer Sichtweite, als er plötzlich heftig abbremste, weil eine alte Frau mit Rollator unvermittelt die Straßenseite wechseln wollte. Zu allem Überfluss hupte der wütende Fahrer auch noch. Fredi sah hinüber – und auf der Stelle heftete sich sein Blick auf den Schriftzug.

Ich bin erledigt, dachte Borowka und zählte im Geist die Sekunden, bis die unvermeidliche Frage kam. Es waren exakt zwei Sekunden, wenn man aufrundet. „Was macht eigentlich Martina so?“ Und auch wenn Fredi diesen Satz beiläufig und desinteressiert klingen ließ, würde Borowka nicht darauf hereinfallen. Nein, er würde sein Maul halten. Und später würde Fredi ihm auch dankbar sein dafür.

„Nix. Die ist genauso verstrahlt wie früher. Sei froh, dass du die los bist.“

„Bin ich auch.“

Ja, ja, wer’s glaubt, dachte Borowka, dadrauf fall ich nicht rein. „Hör mal, in Berlin muss es doch von gute Frauen nur so wimmeln. War da noch nix dabei?“, versuchte er das Thema zu wechseln.

Fredi hob die Schultern, aber Borowka meinte, ein kleines Zucken um die Mundwinkel erkannt zu haben. „Erzähl“, forderte er seinen Kumpel auf.

Fredi lächelte. „Na ja, das ist noch nix Festes. Obwohl – eigentlich schon. Die heißt Sabrina. Ich hab die kennengelernt bei ein Erste-Hilfe-Kurs.“

Borowka zündete beiden eine neue Zigarette an und gab Fredi eine. „Was machst du denn bei so was Schwules wie ein Erste-Hilfe-Kurs?“

„Ach, lange Geschichte. Der Meister bei uns im Betrieb ist beim Ölwechsel umgekippt – Herzinfarkt. Und da kein Mensch wusste, was er tun soll, wär der fast über die Wupper gegangen. Der Rettungswagen war aber rechtzeitig da und unser Meister hat überlebt. Aber als Konsequenz dadraus hat Chef dadrauf bestanden, dass wir sofort alle ein Erste-Hilfe-Kurs mitmachen.“

„Das kann ja wohl nicht sein. Ich denk, dein Chef ist der Vetter von der alte Oellers hier. Wenn der was aus Menschlichkeit tut, dann kann der nicht mit dem verwandt sein.“

Fredi musste grinsen. „Das hatte auch nix mit Menschlichkeit zu tun. Der Berlin-Oellers hat sich hauptsächlich dadrüber aufgeregt, dass keiner gearbeitet hat, während wir auf der Rettungswagen gewartet haben. Außerdem war der der Meinung, wenn einer von uns eine Herzmassage gemacht hätte, hätte der Meister direkt weiterarbeiten können, statt, wie jetzt, wochenlang in Kur zu gehen, für sich die Eier zu schaukeln.“

„Ich nehm alles zurück. Die sind 100-prozentig miteinander verwandt. Aber, was viel wichtiger ist: Was ist mit diese Sabrina?“

Fredi zog versonnen an seiner Zigarette. Ein stilles Lächeln umspielte seine Züge. „Die Sabrina ist toll. Wir waren in eine Gruppe und mussten gegenseitig Herzmassagen machen und dann hat die mich bei der Beatmungsübung in echt geküsst.“

Borowkas Kinnlade klappte herunter: „Ich fass es nicht.“

„Ja, ohne Scheiß. In Berlin sind die Frauen irgendswie anders drauf. Mit die muss man nicht wochenlang im Kinno gehen oder die zum Essen einladen wie hier. Die wissen genau, was die wollen.“

„Ich fass es nicht.“

„Die hat sogar ein Piercing im Bauchnabel.“

„Ich geh kaputt. Hör auf, Fredi. Was ist das für ein Planet, auf dem du da lebst? Der Planet der wilden Frauen, oder was?“

„Na ja, so wild ist es auch wieder nicht“, wiegelte Fredi ab. „Wir gehen in Berlin auch schon mal zusammen im Kinno oder so. Letztens waren wir am Sony Center und wollten da ein Film gucken. Da war da plötzlich eine Filmpremiere und du glaubst nicht, wer da plötzlich über der rote Teppich läuft! Tom Cruise!“

Borowka riss ungläubig die Augen auf. „Ich geh so was von kaputt. Der echte Tom Cruise? Hier Top Gun und Mission Impossible?”

Fredi nickte stolz. Borowka rang nach Worten: „Und du hast dem aus der Nähe gesehen?“

„Ja klar. Der ist fast direkt an uns vorbeigegangen. Aber in echt ist der höchstens so groß wie ein Schuhschrank.“

„Das ist doch scheißegal. Dafür ist das eine ultracoole Sau. Die mussten doch bestimmt ganz Berlin abriegeln, weil da die Hölle los war, oder?“

„So krass war das nun auch wieder nicht“, sagte Fredi. „Aber … logisch, da war jede Menge los. Wobei – es waren auch Demonstrationen gegen dem.“

Borowka runzelte die Stirn. „Mmh, ja, das kann ich mir denken. Mission Impossible 3 war auch nicht so gut.“ „Nein, nicht deswegen. Wegen Scientology.“ „Ach so. Ja gut. Den Film kenne ich jetzt nicht“, Borowka kratzte sich am Kopf, „aber ich find das super, dass du mit die Sabrina so viel unternimmst. Rita und ich, wir holen uns meistens bloß DVDs und sitzen zu Hause rum. Das letzte Mal, dass ich mit Rita im Kinno war, das ist schon ein paar Jahre her. Da waren wir in Heinsberg im Roxy, wo die immer die aktuellsten Filme aus den 80er Jahren zeigen. Und zwar haben wir da Flashdance geguckt. Kennst du dem noch?“

Fredi schüttelte den Kopf, worauf Borowka eifrig fortfuhr: „Doch. Das war mit die scharfe Tussi, die nachts als Schweißerin arbeitet und tagsüber versucht, ihr Traum als Tänzerin zu verwirklichen. Die verliebt sich in ihr Chef und wird am Ende in eine berühmte Tanzschule aufgenommen. Rita hat damals das ganze Kinno zusammengeheult, dabei finde ich, dass der Film total unrealistisch war. Musst du mir mal vorstellen: In eine Szene, da schweißt die zwei Bleche zusammen und da ist die Flamme vor dem Draht und die schweißt trotzdem nach links. Das geht doch überhaupt nicht. Was macht eigentlich die Sabrina von Beruf?“

„Jedenfalls nicht schweißen“, lachte Fredi. „Nee, die ist diplomierte Fußpflegerin. Die wohnt jetzt in Friedrichshain. Gebürtig kommt die aber aus Potsdam.“

„Potsdam? Jetzt weiß ich, was der Haken ist. Das ist eine Ossi-Frau! Potsdam ist doch in der DDR, oder?“

„Sag mal, geht’s noch?“, entrüstete sich Fredi. „Die DDR gibt es doch überhaupt nicht mehr. Bestimmt schon zehn Jahre nicht mehr.“

„Bloß, weil es die Mauer nicht mehr gibt, heißt das nicht, dass es die DDR nicht mehr gibt.“

Fredi machte eine Scheibenwischerbewegung vor seinem Gesicht. „So ein Quatsch. Weißt du, was das ist? Das ist die Mauer in dein Kopf. Das hat die Sabrina mir auch gesagt, als ich die gefragt habe, ob die ein Trabbi fährt.“

„Was ist los? Mauer in mein Kopf? Bist du besoffen? Sag mal, bist du jetzt in Berlin Phillesofie-Professor geworden, oder was?“

„Das hat doch damit nix zu tun. Und gerade du als Saffelener musst über Ossis erzählen. Hier, direkt an der Grenze zu Holland.“

„Ja, jetzt reg dich mal ab“, beschwichtigte Borowka, zufrieden über den Umstand, dass Martina längst kein Thema mehr war. „Apropos Holland. Sollen wir da morgen nicht mal rüberfahren? Da gibt es ein saucooler neuer Coffee-Shop. Den hat Rita vor zwei Wochen entdeckt, wie die drüben tanken war – zusammen mit Martina und ihr neuer Typ.“ Fredi zuckte zusammen und ließ die Zigarette fallen. Ups, dachte Borowka.

3

Mittwoch, 7. September 2011, 17.33 Uhr

Will, Marlene und Peter Kleinheinz saßen um den Küchentisch und genossen den Käsekuchen und einen frisch aufgebrühten Kaffee, den Marlene sogar mit aufgeschäumter Milch verfeinert hatte. Ein Trick, den ihr eine Freundin von den katholischen Strickfrauen verraten hatte. Marlene hatte sich frisch gemacht und umgezogen, was in ihrem Fall bedeutete, dass sie jetzt einen Haushaltskittel trug. Während dieser Zeit hatte Kleinheinz Will mit großem Interesse beim Füttern der Tiere über die Schulter geschaut.

Der Landwirt goss sich gerade die zweite Tasse Kaffee ein, als er Kleinheinz fragte: „Na, wär das Landleben nix für dich? Jetzt, wo du etwas kürzer treten willst? Ich hatte eben der Eindruck, dass du viel Spaß an die kleinen Ferkelchen hattest.“

„Das stimmt“, strahlte Kleinheinz. „Mir war gar nicht bewusst, was Schweine für süße Tiere sind. Wie viel Lebensfreude die ausstrahlen! Ist das eigentlich normal, dass die auch alle Namen haben?“

„Bei uns hat das Tradition“, sagte Will stolz und goss Kleinheinz ebenfalls nach, obwohl der zaghaft abwehrte. „Schon als ich ein Kind war, da hatten bei uns auf dem Hof alle Tiere Namen. Bis auf die Hühner, die konnte man so schlecht auseinanderhalten. Ich kann mich sogar erinnern, dass wir eine Zeit lang so viele Schweine hatten, dass wir manche Namen sogar doppelt vergeben mussten. Das hat natürlich auch schon mal zu Verwechslungen geführt. Wenn nachmittags zum Beispiel ein Schulkamerad von mir klingeln kam und gefragt hat: „Kommt der Will zum Spielen raus?“, da hat meine Mutter schon mal für dem gesagt: „Nee, der Will kann nicht. Der hat eben Beruhigungstabletten bekommen, der wird gleich kastriert.“

Kleinheinz verzog das Gesicht.

„Will!“, ermahnte Marlene ihren Mann.

„Ist ja gut. Aber, für noch mal dadrauf zurückzukommen: Hier in Saffelen kann man gut und billig leben. Und im Neubaugebiet werden demnächst bestimmt ein paar schöne Häuser versteigert. So, wie die Zugezogenen sich da teilweise übernommen haben.“

„Ich weiß nicht“, sagte Kleinheinz kauend, „ich glaube, ich bin eher ein Stadtmensch.“

„Und warum wohnst du dann in Heinsberg?“, lachte Will.

„Jetzt ist es aber gut, Will“, schimpfte Marlene. „Hör endlich auf, der Peter zu verulken. Sag mal, Peter, warum trägst du eigentlich deine Pistole am Gürtel? Ich denk, du hast Urlaub?!“ Kleinheinz blickte auf sein Holster und strich mit der Hand über seine Dienstwaffe. „Ach, weißt du, die trage ich eigentlich immer seit dem Überfall. Als ich damals im Büro niedergeschossen wurde, hatte ich keine Waffe, um mich zu verteidigen. Und das hat mich wohl irgendwie traumatisiert. Ich geh heute nicht mehr ohne Pistole vor die Tür. Aber mein Psychologe sagt, das wär völlig okay.“

Will verschluckte sich. Verständnislos sah er den Kommissar an: „Was ist los? Du gehst nach ein Psychologe? Bist du denn …?“

„Verrückt?“ lächelte Kleinheinz. „Ich denke nicht. Oder besser: Ich hoffe nicht. Da ist doch nichts dabei, zu einem Psychologen zu gehen. Durch den Angriff hatte ich eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung. Und da arbeiten wir dran. Das hat mir wirklich sehr geholfen. Ich fühle mich richtig gut. Das solltest du auch mal machen, Will. Gerade du. Was dir alles so passiert ist in den letzten Jahren! Das ein oder andere hat dich sicher auch traumatisiert.“

Will schüttelte energisch den Kopf. „Unsinn! Also, für traumatologisiert zu werden, da habe ich nun wirklich keine Zeit. Meinst du, so ein großer Hof macht sich in der Zwischenzeit von alleine?“

„Was hat das denn damit zu tun, Will?“, schaltete sich Marlene entrüstet in das Gespräch ein. „Als wenn man sich das aussuchen könnte! Der Dr. Hoppe hat gesagt, die Frau Jaspers braucht jetzt auch dringend ein Psychologe, für damit klarzukommen. Das ist doch nix Schlimmes.“

Doch Will ließ sich nicht bremsen. „So weit kommt es noch! Natürlich ist das nicht schön, wenn einer stirbt, aber wenn man dann jedes Mal so ein Psychoheini rufen würde, für wieder klarzukommen … Die machen sich doch alle bloß die Taschen voll, diese …“

„Ach so, das weißt du ja noch gar nicht“, unterbrach Marlene den Redeschwall ihres Mannes. „Es geht sich nicht dadrum, dass der Theo tot ist, sondern um das, was der auf dem Sterbebett für die Anneliese gesagt hat.“

Und dann erzählte Marlene den beiden Männern, was soeben in der Aerobicstunde Gesprächsthema Nummer eins gewesen war: Julia, der letzte Name, den Theo Jaspers vor seinem Tod erwähnt hatte. Und vor allem, dass er eben dieser Julia seine Liebe gestanden hatte.

„Wer ist denn Julia?“, fragte Kleinheinz neugierig, während Marlene ihm ein zweites Stück Kuchen auf den Teller schaufelte.

Will rieb sich nachdenklich das Kinn. „Ja, meinst du denn, der meinte die Julia von damals?“

„Kennst du irgendseine andere?“, fragte Marlene.

„Das ist komisch“, sagte Will, während er sich wieder Kleinheinz zuwandte. „Julia war ein hübsches Mädchen hier aus Saffelen. Eine ganz traurige Geschichte. Die hat sich im Sommer 1982 hier im Wald an ein Hochsitz erhängt. Die war erst 25 Jahre alt. Das war schrecklich. Vier Tage vorher hatte sich auch der ihr Freund umgebracht. Der war aus dem Nachbardorf, aus Uetterath. Der Freund hieß zwar Robert, aber die ganze Geschichte wurde von der Lokalpresse ‚Romeo und Julia‘ genannt, wegen weil die ineinander drin verliebt waren und aus zwei verschiedene Dörfer kamen. Weil in dem berühmten Roman von diesem William Dingsbums, da war ja auch ein Pärchen am pussieren.“

„Ja, ja, richtig. ‚Romeo und Julia‘“, erinnerte sich Marlene. „Das war damals wochenlang das große Thema hier. Will, erinnerst du dich auch noch dadran, wie unser alter Pastor damals im Pfarrblättchen geschrieben hat, dass die Julia sich nicht erhängt hat, sondern von der Maskenbär mit ein Lasso eingefangen worden wär?“

„Wer ist denn der Maskenbär?“, fragte Kleinheinz verwirrt.

Will zeigte seiner Frau einen Vogel. „Sag mal, Marlene geht’s noch? Wie kannst du der Peter so ein Blödsinn erzählen! Der denkt doch, wir hätten sie nicht mehr alle. Außerdem musst du das anders erzählen.“ Mit diesen Worten wandte er sich wieder an den Kommissar. „Also, unser damaliger Pastor war zu dem Zeitpunkt schon ein bisschen verkalkt. Der ist auch kurz nach diesem Vorfall vom Bistum Aachen mit 96 Jahren gegen dem sein Willen in der Vorruhestand versetzt worden. Auf jeden Fall hatte der ein Problem mit die Julia, weil die immer so Miniröcke getragen hat und alle Männer im Dorf verrückt waren nach die … außer ich jetzt. Auf jeden Fall hat der dann im Pfarrbrief das alberne Gerücht mit der Maskenbär in die Welt gesetzt. Der hat geschrieben, dass der Maskenbär die Julia an der Hochsitz aufgehängt hat, wegen weil die immer so rumgelaufen ist. Der Maskenbär gilt hier in Saffelen nämlich als Todesbote. Aber was Pastor da geschrieben hat, war natürlich absoluter Blödsinn – der Maskenbär holt sich im Prinzip nur kleine Kinder, die nicht vom Spielen reinkommen, wenn es dunkel wird. Außerdem benutzt der überhaupt kein Lasso, sondern erwürgt die Kinder mit seine Tatzen. Das weiß doch jeder.“

Der Irlandurlaub hatte Kleinheinz Ruhe und Gelassenheit gelehrt. Und so hakte er amüsiert nach: „Und der Maskenbär lebt im Saffelener Wald?“

Marlene nickte betreten und Will führte weiter aus: „Richtig. Also, genau genommen ist das nur eine Sage, für die kleinen Saffelener Kinder pädagogisch zu erziehen. Obwohl der Eidams Theo behauptet, dass der der Maskenbär mal leibhaftig begegnet wäre – wie der betrunken vom Schützenfest nach Hause kam. Der sagt, der Maskenbär wäre ein zwei Meter großer Waschbär gewesen. Also, der heißt deshalb Maskenbär, weil Waschbären immer so eine schwarze Maske quer über den Augen haben.“

„Da muss ich kurz eine Zwischenfrage stellen“, warf Kleinheinz belustigt ein. Er wusste plötzlich wieder, weswegen er das schrullige Ehepaar in den letzten anderthalb Jahren gelegentlich vermisst hatte. Käsekuchen kauend fragte er: „Im Saffelener Wald gibt’s also Waschbären? Ich dachte, die leben hauptsächlich in Nordamerika.“

Marlene beugte sich auf ihrem Stuhl nach vorne und antwortete ernst: „Normal ja. Aber 1969 hat der Wildtierpark Gangelt aufgemacht und ein Jahr später ist da ein Waschbärehepaar weggelaufen und hat sich in den umliegenden Wäldern vermehrt. Und wie! Anfang der 80er gab es hier in der Gegend sogar eine richtige Waschbärenplage. Und zu der Zeit ist auch die Sage von der Maskenbär entstanden. Da gab es hier eine Zeit lang eine richtige Maskenbär-Hysterie. Mittlerweile sind die Waschbären aber wieder ausgestorben. Also, ich habe jedenfalls schon ewig keinen mehr gesehen.“

„Ah, verstehe“, nickte Kleinheinz, „ein Neozoon also.“

„Nee, der Wildtierpark ist kein Zoo“, sagte Will.

„Nein, nein. Neozoon nennt man ein Tier, das durch menschlichen Einfluss irgendwo angesiedelt wurde, wo es nicht heimisch ist.“

Marlene sah Kleinheinz voller Bewunderung an. Nie war ihr jemand begegnet, der so attraktiv wirkte, obwohl er Fremdwörter gebrauchte. Will entging der schmachtende Blick seiner Frau nicht und so versuchte er, wieder das Thema zu wechseln. „Na ja, wie auch immer. Auf jeden Fall hat sich die Julia 1982 im Wald aufgehängt.“

„Ach ja, richtig“, sagte Kleinheinz. „Und was hat jetzt Theo Jaspers damit zu tun?“

Will hob die Schulter. „Ja, das wusste ich bis eben auch nicht, dass der Theo in die Julia drin verliebt war.“

„Ach hör doch auf“, Marlene stieß ihn an. „Du hast doch eben selbst gesagt, dass alle Saffelener Männer hinter die Julia her waren. Die war die beste Partie im ganzen Dorf.“

„Ich war nicht in die drin verliebt“, verteidigte sich Will lautstark, „außerdem war ich doch schon mit dir verheiratet. Da hatten wir ja sogar Sabine schon.“

„Der Theo war auch schon mit die Anneliese verheiratet. Und die hatten auch schon der Fredi.“

„Ach, sieh an“, Kleinheinz schürzte genüsslich die Lippen, „von wegen heile Welt. Sodom und Gomorrha ist das hier in Saffelen. Also, wenn ich jetzt im Dienst wäre, würde ich sagen: Das riecht nach einer Beziehungstat. Na ja, aber andererseits hat die Spurensicherung ja den Selbstmord festgestellt.“

„Spurensicherung?“, fragte Will. „Also, du meinst jetzt so Leute, wie die, die damals hier waren, wie der Kaufladen von Eidams überfallen worden war?“

Kleinheinz nickte.

„Nee, so was gab es damals noch nicht“, widersprach Will. „Zu der Zeit hatten wir noch ein Dorfpolizist, Jütten Karl-Josef. Ein ganz scharfer Hund. Der hatte in der Grundschule eine eigene Wache und hat damals zusammen mit der Dr. Hoppe der Selbstmord von die Julia festgestellt. Also mit der tote Dr. Hoppe. Der Vater von der jetzige Dr. Hoppe.“

„Ach?“, murmelte Kleinheinz und zupfte sich nachdenklich am Ohrläppchen.

„Warum sagst du denn so komisch ‚Ach‘?“, fragte Marlene.

„Das muss nichts zu bedeuten haben. Ich kenne das nur so, dass ein Suizid immer von der KTU Aachen untersucht und bestätigt werden muss. Das gilt für alle unnatürlichen Todesfälle. Aber früher war das wahrscheinlich schon mal öfter so, dass das dann ein Hausarzt machte oder, wie hier, ein Hausarzt und ein Dorfpolizist. Allerdings kann man gerade bei ‚Erhängen‘ viel übersehen. Was meint ihr, wie viele Morde nicht als solche erkannt werden.“

Will und Marlene starrten ihn entsetzt an. Fast gleichzeitig sagten sie: „Mord? Du meinst …?“

Als Kleinheinz gewahr wurde, was er angerichtet hatte, wedelte er hektisch mit beiden Händen, so als wolle er versuchen, seinen letzten Gedanken aus dem Raum zu vertreiben. „Um Gottes willen, nein! Ich habe doch nur laut gedacht. Das war nur eine blöde Idee. Natürlich war das damals ein Selbstmord. Das liegt doch auf der Hand. Zuerst der Freund und dann …“

Doch Hastenraths Will hörte schon längst nicht mehr zu. In Gedanken begab er sich bereits auf die Spur eines unheimlichen Meuchelmörders. Verwegen, furchtlos und nur bewaffnet mit seinem messerscharfen Verstand.

4

Donnerstag, 8. September 2011, 17.51 Uhr

Müde und abgekämpft betrat Hastenraths Will das Wohnzimmer. Es lag ein langer Tag auf dem Hof hinter ihm, der mit dem Melken der Kühe um halb sechs begonnen und vor wenigen Minuten mit dem Melken der Kühe auch wieder aufgehört hatte. Nun freute er sich auf seinen Fernsehsessel mit der automatischen Kippfunktion und den breiten Armlehnen, die ihn in wenigen Sekunden in Empfang nehmen und ungefähr bis zu den Tagesthemen liebevoll umschließen würden. Wie er diesen Moment liebte! Bevor er seine Gummistiefel abstreifte, um seine Füße auf dem gepolsterten Hocker abzulegen, stellte er sich noch ein Weinbrandglas und eine zu drei viertel gefüllte Flasche Dujardin auf dem Wohnzimmertisch zurecht. Daneben lagen ordentlich die aktuelle Ausgabe der Prisma und die Fernbedienung, deren Funktionstüchtigkeit er in letzter Zeit des Öfteren mit einem leichten Schlag auf die Tischkante hatte wiederherstellen müssen. Er zog die Stiefel aus und ließ sich gemütlich in seinen Ohrensessel sinken – nur, um eine Sekunde später wieder hochzuschrecken, weil die ohrenbetäubende Türklingel loskreischte und mit ihr Attila im Hof. Will fuhr mit seiner rechten Hand über sein Herz und musste zweimal schnell durchatmen. „Verdammte Klingel“, entfuhr es ihm. Nachdem er sich wieder gesammelt hatte, brüllte er mit lauter Stimme durchs Haus: „Marlene, geh mal nach die Tür. Es hat geklingelt.“ Ihre Antwort kam prompt, aber sehr gedämpft aus dem oberen Stockwerk. „Ich bin noch im Badezimmer. Geh du mal.“

Will verzog das Gesicht und erhob sich schwerfällig aus seinem Sessel. Noch bevor er den Flur erreicht hatte, jaulte die Klingel ein zweites Mal los. Entnervt riss er die Tür auf. „Wer zum Teufel …?“

„Ich!“, antwortete Michael, „dein Lieblingsschwiegersohn.“ Der junge Mann grinste breit. Es gab Zeiten, dachte Will, da hätte der sich so einen vorlauten Satz bei mir nicht erlaubt. Aber mittlerweile mochte selbst er den freundlichen Computerfachmann, und sogar den Begriff Lieblingsschwiegersohn konnte er nach anfänglicher Skepsis inzwischen durchgehen lassen, auch wenn das nicht besonders schwer war. Schließlich hatte er nur eine Tochter – Sabine. Die wiederum winkte ihm vom Auto aus zu. Sie hatte das Fenster des schwarzen Audi A6 an der Beifahrerseite heruntergefahren und rief: „Hallo Papa, danke, dass du heute Abend da hingehst.“ Auch die Scheibe am Rücksitz war heruntergelassen und Wills Enkelkinder Kevin-Marcel und Justin-Dustin hingen in halsbrecherischer Weise übereinander aus dem Fenster. Während sie sich gegenseitig nach unten zu drücken versuchten, riefen sie ausgelassen: „Oppa ist eine Flitzpiepe.“

Will war überfordert. „Was ist denn? Wie … wo soll ich heute Abend hingehen?“, stammelte er.

In diesem Augenblick tauchte hinter ihm im Flur Marlene auf. Sie hatte sich in ein lindgrünes, trotz Übergröße hautenges Kleid gequält und wurde von einer aufdringlichen Fahne Tosca begleitet, als sie sich an Will vorbeizwängte. Kopfschüttelnd sah sie an ihm herunter und sagte: „Willst du dir nicht was anderes anziehen, wenn du gleich da hingehst? Zieh dir auf jeden Fall vernünftige Schuhe an. Und ein bisschen Febreze auf das Hemd könnte auch nicht schaden.“

„Moment mal“, Will stampfte mit dem Fuß auf, „was ist hier eigentlich los? Wo fahrt ihr alle hin? Und – vor allen Dingen – wo soll ich hin? Ich hab doch überhaupt keine Zeit. Ich muss mich noch physisch und mental auf meine Grabrede morgen früh vorbereiten.“

Marlene stemmte die Hände in die Hüften und funkelte ihren Mann böse an: „Mein lieber Wilhelm Hastenrath. Bald reicht es mir mit dir. Ich habe dir schon drei Mal gesagt, was heute ist. Das letzte Mal heute morgen beim Frühstück. Würdest du doch nur einmal zuhören, wenn ich was sage!“

„Wie jetzt? Ich … äh“, stotterte Will, kam aber nicht weiter, weil Marlene noch einen Gang höher schaltete. „Du gehst jetzt gleich zum Elternabend in die Grundschule. Für wegen das neue Schuljahr.“

Will war entsetzt. Sofort schossen ihm die Bilder seines Fernsehsessels und der Flasche Dujardin durch den Kopf. „Aber, wieso …? Ich? Ich war doch seit Jahren nicht da. Das machen doch immer Michael und Sabine. Oder du.“

Marlene verdrehte wütend die Augen und formte ihre rechte Hand zur Faust. Um das Schlimmste zu verhindern, fasste Michael ihr beruhigend an den Arm und schob sie sanft hinter sich. Betont ruhig übernahm er das Gespräch. „Will, die Marlene hat doch heute ihr Quartalsessen im Spanferkelhaus. Wo die katholischen Strickfrauen immer ihre Diäterfolge feiern.“

Will nickte schwach und fragte mit kaum überhörbarer Verzweiflung in der Stimme: „Und ihr? Was macht ihr?“

Michael zeigte zum Auto. „Wir müssen mit Kevin-Marcel und Justin-Dustin nach Geilenkirchen zum Kinderpsychologen. Wegen der Untersuchung. Heute ist doch der einzige Termin, den wir bekommen konnten.“

Langsam kehrte bei Will die Erinnerung zurück. Die Sache mit dem Kinderpsychologen hatte in den letzten Wochen für viele kontroverse Diskussionen im Hause Hastenrath gesorgt. Während Michael, Sabine und Marlene der Meinung waren, dass Kevin-Marcel und Justin-Dustin möglicherweise an einem Aufmerksamkeitsdefizitproblem leiden würden, war Will der Überzeugung, dass sie einfach nur etwas lebhaft und vor allem sehr aufgeweckt seien. In dem Alter müsse auch schon mal was kaputtgehen, fand Will. Auch wenn er natürlich nicht alle Aktionen seiner Enkel guthieß. So zum Beispiel die, als sie vor einiger Zeit Attila eine Kordel mit zehn leeren Coladosen am Schwanz festgeknotet hatten. Am Ende musste der Tierarzt den tobenden Hofhund mit einer Betäubungspistole außer Gefecht setzen, bevor man die Kordel wieder entfernen konnte. Aber so sind Kinder halt, argumentierte Will dann immer. Meist stand er mit seiner Meinung jedoch auf verlorenem Posten. Und so verzichtete er diesmal darauf, die Diskussion erneut anzustoßen. Er hatte irgendwie das Gefühl, dass gerade nicht der richtige Moment war. Und so sagte er: „Na klar. Elternabend. Natürlich habe ich dadran gedacht.“

Marlene ging einen Schritt auf ihn zu und zischte mit beschwörender Stimme: „Und wehe, es gibt wieder Ärger wegen irgendwas. Setz dich einfach da hin, hör zu und halt vor allen Dingen die Klappe. Nicht wie sonst immer.“

Will nickte, während Marlene sich umdrehte und zum Wagen ging. Michael blieb noch einen Moment stehen und kramte in seiner Jackentasche. „Mach dir nix draus, Will“, sagte er. „Frauen reagieren schon mal ein bisschen empfindlich. Hier, ich hab was für dich.“ Er zog ein Plastikdöschen mit Visitenkarten hervor und hielt es Will hin. Auf dem Deckel klebte ein Musterexemplar mit der Aufschrift: „Hastenraths Will – Landwirt, Ortsvorsteher und Hobbykriminologe“. Darunter stand eine Handynummer. Seine Handynummer. Denn seit Kurzem war er stolzer Besitzer seines ersten eigenen Handys, das Michael ihm besorgt hatte. Will nahm die Visitenkarten und strahlte voller Stolz. „Danke, mein Lieblingsschwiegersohn.“

Will betrat mit zehn Minuten Verspätung das Klassenzimmer der 4a. Alle anderen sahen sich um, als er die Tür leise hinter sich ins Schloss fallen ließ. Das Quietschen seiner Gummistiefel auf dem Linoleumboden hatte ihn verraten. Während er sich in der hinteren Reihe einen Platz suchte, wendeten sich alle Köpfe wieder nach vorne und beobachten Schulrektor Peter Haselheim, der leise fluchend damit beschäftigt war, den Overheadprojektor auf dem Lehrerpult in Gang zu setzen. So ganz wollte es ihm offensichtlich nicht gelingen, denn an seinem Hals hatten sich bereits hektische Flecken gebildet. Ohne aufzusehen, sagte er: „Ah, unser Ortsvorsteher, der Herr Hastenrath, gibt sich persönlich die Ehre. Das freut mich.“ Er richtete sich auf und lächelte Will an. An die anderen gewandt, ergänzte er: „Das ist der Mann, der immer mit vollem Engagement auf politischer Ebene für den Erhalt unserer kleinen Grundschule kämpft. Bis jetzt mit großem Erfolg.“ Im Raum setzte ein anerkennendes Murmeln ein, vereinzelt wurde sogar auf die Tischplatten geklopft. Will sah sich um und nickte den Leuten, die sich umgedreht hatten, staatsmännisch zu. Erstaunt stellte er fest, dass er fast niemanden kannte. Lediglich die Tochter seines Schützenkameraden Schlömer Karl-Heinz konnte er zuordnen. Beim Rest ging er davon aus, dass es sich um junge Ehepaare aus dem Neubaugebiet handelte, deren Anzahl ständig wuchs – sehr zum Ärger der alteingesessenen Einwohner, die die alte Infrastruktur bedroht sahen. Dass es sich um Zugezogene handeln musste, erkannte Will schon daran, dass meist beide Elternteile erschienen waren. Das wäre früher undenkbar gewesen. Elternabende waren seit jeher Frauensache gewesen. Aber das begann schon sich zu ändern, als der junge Peter Haselheim im Jahr 2000 die Rektorschaft übernommen hatte. Damals hatte er den strengen, aber hoch angesehenen Direktor Franz-Josef Offermanns abgelöst, der aus Altersgründen in den Ruhestand verabschiedet worden war. Vor einigen Jahren war er verstorben. Offermanns war bereits 1961 an die damalige Volksschule Saffelen gekommen, zunächst als Lehrer für Mathematik, Deutsch und Geschichte, kurze Zeit später zusätzlich als Rektor. Auch Will war noch unter ihm zur Schule gegangen. Franz-Josef Offermanns galt zeitlebens als glühender Verfechter einer sehr autoritären Erziehung. Will konnte sich daran erinnern, dass er etliche Schulstunden von der Zimmerecke aus im Stehen verfolgen musste – mit einer Eselsmütze aus Pappe auf dem Kopf. Auf diese Weise bekam er aber zumindest mehr vom Stoff mit als die vielen Male, die er draußen vor der Tür verbringen musste. Natürlich mit heruntergedrückter Türklinke, damit er nicht weggehen konnte. Das war aber alles immer noch besser gewesen, als die körperlichen Züchtigungen, die eigentlich Offermanns’ Spezialgebiet waren. Nicht umsonst trug er stets einen schweren Ledergürtel. Schläge gab es aber nicht etwa, wenn die Hausaufgaben nicht gemacht waren, denn das traute sich ohnehin niemand. Schläge gab es in der Regel schon, wenn die Schönschrift nicht schön genug war. Na ja, so gesehen, haben die Schüler von heute es schon besser, dachte Will. Aber geschadet hat es mir ja auch nicht. Aus mir ist ja euch ein erfolgreicher Landwirt und charismatischer Ortsvorsteher geworden.

Will wurde aus seinen Gedanken an die gute, alte Zeit gerissen, als Peter Haselheim lautstark vor der Technik kapitulierte. „Ach, so ein Mist. Diese alten Overheadprojektoren. Dass wir die überhaupt noch einsetzen im Computerzeitalter. Darüber sollten wir auf jeden Fall noch mal mit dem Förderverein sprechen.“ Zustimmendes Gemurmel im Raum. Eine Frau mit halblangem, brünettem Haar, die allein in der ersten Reihe saß, sprang auf und trat neben Haselheim. „Ich kann gerne versuchen, Ihnen zu helfen“, sagte sie. Will schätzte die Frau auf Mitte, Ende dreißig. Sie war hübsch, wenn auch nicht unbedingt im klassischen Sinne. Vielleicht ein paar Kilo zu viel, aber dennoch gut verteilt auf einem wohlproportionierten Körper. Ihre Kleidung war sportlich-modern und ihre Ausstrahlung enorm. Mit ihrem offenen Lächeln nahm sie auf der Stelle die Leute im Klassenzimmer für sich ein. Mit anderen Worten: Sie gefiel Will nicht. Außerdem hatte er sie noch nie in Saffelen gesehen. Und er sollte recht behalten. Haselheim nutzte die Gelegenheit, die Dame vorzustellen. „Oh, ach ja. Danke. Ja, liebe Eltern“, begann er, während die junge Frau sich an dem Overheadprojektor zu schaffen machte, „das ist Frau Bettina Hebbel, unsere neue Kollegin. Sie wird ab nächster Woche die 4a übernehmen und damit die Nachfolgerin von Herrn Rehbein, der sich ja, wie die meisten wissen dürften, bereits seit einigen Monaten in … ja, wie soll ich sagen, in … sich also erfolgreich in den Burn-out verabschiedet hat.“ Haselheim biss sich auf die Lippe. Ihm wurde gerade bewusst, wie unglücklich er sich ausgedrückt hatte. Zum Glück rettete ihn das grelle Licht, das plötzlich der Overheadprojektor auf die Tafel warf. „Voilá! Er läuft wieder“, sagte Frau Hebbel, während sie sich zufrieden die Hände rieb.

„Ja, was für ein hervorragender Einstand“, scherzte Haselheim mit spürbarer Erleichterung darüber, dass sein kleiner Fauxpas dadurch in den Hintergrund geriet.

Will hatte zwar mitbekommen, dass Herr Rehbein offenbar schon länger nicht mehr unterrichtete, weil er gerne mal in Kur war, aber dass er überhaupt nicht mehr wiederkommen würde, überraschte ihn jetzt doch. Dabei war Will so froh gewesen, dass Herr Rehbein der Lehrer seines Enkelkindes Justin-Dustin gewesen war, weil er als Letzter an der Saffelener Grundschule noch zu der goldenen Lehrergeneration gehört hatte. Jener Generation, für die Strenge und Disziplin keine Fremdwörter waren. Man musste es ja nicht übertreiben wie Herr Offermanns, aber zu viel Kuschelpädagogik tat den Kindern nach Wills Meinung auch nicht gut. Das alles führte doch nur zur Verweichlichung der Jugend. Will konnte diesem ganzen Psychogequatsche nicht viel abgewinnen. Es begann sogar, ihn regelrecht zu nerven. Deshalb meldete er sich zu Wort.

Haselheim legte gerade die erste Folie auf, als er aus dem Augenwinkel das Handzeichen sah. „Ja bitte?“, sagte er und wandte sich gleichzeitig an seine neue Kollegin, die assistierend neben ihm stand. „Das ist, wie gesagt, der Herr Hastenrath, unser Ortsvorsteher. Sein Enkel geht in die 4a.“ Dann nickte er Will lächelnd zu.

Der Landwirt erhob sich und alle Augen richteten sich erwartungsvoll auf ihn. Das war seine Welt. Hier, wo bedeutungsschwangere Worte gefragt waren, wo Politik und Diplomatie die Herzen der Menschen öffnen konnten, da fühlte er sich zu Hause, da war er in seinem Element. Mit großer Geste steckte er eine Hand in die Tasche seines verwitterten grünen Parkas, so wie er das mal bei Gerhard Schröder gesehen hatte. Sekundenlang ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen. Will beherrschte die hohe Kunst der Stehgreifrede wie kaum ein anderer in Saffelen. Diesmal wollte er nichts dem Zufall überlassen. Er war bereit, seine gefährlichste Waffe einzusetzen. Nämlich den berüchtigten Hastenrathschen Stufenplan, mit dem er noch in jeder Dorfversammlung eindrucksvoll seine Ziele durchgesetzt hatte. Die alteingesessenen Saffelener klebten dabei regelmäßig an seinen Lippen. Wieso sollte es hier anders sein? Seine Ansprache begann Will traditionell mit Stufe 1, dem Lob: „Mein lieber Herr Haselheim, oder – Peter – wie ich ja für dich sagen darf. Zunächst einmal muss ich dir sagen, dass dir dieser unmoderne Pullunder sehr gut steht und dass ich kaum jemanden kenne, der mit eine herausgewachsene Frisur noch so passabel aussieht wie du, aber …“, Stufe 2 – Scheinangriff, „das kann natürlich nicht über die unselige Schulfest-Affäre hinwegtäuschen, in die du verwickelt bist. Ich gehe zwar davon aus, dass der Untersuchungsausschuss, dem ich zusammen mit Schlömer Karl-Heinz leite, zu dem Ergebnis kommt, dass die zehn Euro wohl einfach bloß falsch herausgegeben worden waren an der Kuchentheke. Dennoch …“, Stufe 3 – Untergrabung, „hat dadrunter natürlich deine Führungsqualität und vielleicht auch ein wenig deine Intrigität, oder wie das heißt, gelitten. Aber …“, Stufe 4 – angetäuschter Schulterschluss, „für dich in dieser schweren Zeit zu unterstützen, sind Freunde wie ich ja da. Und deshalb …“, Stufe 5 – Todesstoß, „denke ich, sollten wir alle erst mal in Ruhe dadrüber nachdenken, ob es richtig ist, einen der letzten noch verbliebenen brauchbaren Lehrer durch einen vorlauten, unreifen Backfisch – das richtet sich jetzt nicht persönlich gegen Sie, Frau Hempel – zu ersetzen. Deshalb ….“ Als Will gerade zu Stufe 6, dem fulminanten Schlussplädoyer, ansetzen wollte, schien irgendetwas schiefzulaufen. Statt langsam anschwellenden Applauses erhob sich nämlich plötzlich Unruhe unter den Anwesenden. Wills Rede wurde von lauten Buh-Rufen und grellen Pfiffen unterbrochen und aus einer Ecke flog ihm sogar ein Radiergummi ins Gesicht. Offenbar hatte er die Zugezogenen rhetorisch nicht ganz auf seine Seite ziehen können – warum auch immer. Peter Haselheim ruderte hilflos mit den Armen und versuchte, die Elternschaft zu beruhigen. Doch seine dünne Stimme verlor sich in dem tumultartigen Lärm, aus dem man Satzfetzen wie „reaktionärer Sack“ oder „Halt’s Maul“ heraushörte. Haselheim musste sogar einen Zwei-Meter-Mann davon abhalten, auf Will loszugehen. Doch dann sorgte ein energisches und lautes „Jetzt reicht’s aber!“ schlagartig für Ruhe. Es war allerdings nicht Haselheim, der diesen Satz rief, sondern Frau Hebbel. Alle sahen erschrocken nach vorne. Die junge Frau setzte ein freundliches Lächeln auf und sagte mit wieder deutlich sanfterer Stimme: „Meine Damen und Herren, lassen Sie uns doch alle wieder beruhigen. Ich kann verstehen, dass schon mal Emotionen hochkochen, wenn Veränderungen anstehen. Aber ich bin ja auch deshalb heute Abend hier, um Vorbehalte auszuräumen und Ihnen mein Konzept vorzustellen. Und ich finde, in einer Demokratie ist es wichtig, jeden zu Wort kommen zu lassen.“ Dann wandte sie sich an Will, der immer noch stand und eine trotzige Miene aufgesetzt hatte. „Herr Hastenrath, ich kann Sie nur zu gut verstehen. Sie sind hier groß geworden, Sie sind hier zur Schule gegangen, Sie sind ein echter Einheimischer, dem bestimmte Werte wichtig sind.“ Will nickte.

„Aber“, fuhr sie fort, „der Lauf der Dinge ändert sich manchmal. Was gestern gut war, kann man heute vielleicht noch besser machen.“

Will verschränkte die Arme vor der Brust: „Und was, bitte schön, ist verkehrt dadran, mal mit ein stabiles Holzlineal für Ruhe zu sorgen? Einmal hat der Herr Offermanns mir sogar eins auf dem Handrücken drauf kaputtgeschlagen. Aber danach habe ich nie mehr die Hausaufgaben vergessen.“

„Und was hat Ihre Mutter dazu gesagt?“

„Die hat sich natürlich dadrüber aufgeregt.“

„Sehen Sie.“

„Wieso? Die hat sich dadrüber aufgeregt, dass die wegen mir ein neues Lineal kaufen musste.“

Frau Hebbel seufzte. „Na ja, sagen wir mal so, es gibt verschiedene Methoden. Ich kann Ihnen aber versichern, dass ich hervorragend ausgebildet bin und auch schon viele Jahre in Norddeutschland unterrichtet habe.“

Will zog die Augenbrauen hoch, wollte sich aber noch nicht geschlagen geben. „Jaa, Frau Hempel. Aber Norddeutschland ist nicht Westdeutschland. Sie können vielleicht gut Rollmöpse zusammenrollen, aber das heißt nicht, dass Sie was von der Erziehung verstehen, die hier nötig ist. Hier in Saffelen herrscht noch das Gesetz der Prärie … also im übertragenen Sinne. Und dadrauf müssen wir unsere Kinder vorbereiten.“

Der Zwei-Meter-Mann mit dem breiten Kreuz, den Haselheim zuvor noch mühsam hatte zurückhalten können, erhob sich erneut und sah Will tief in die Augen. In seinen Pupillen spiegelten sich Hass und Verachtung. Er ballte die Faust und rief drohend: „Das Gesetz der Prärie kannst du haben. Wir gehen jetzt vor die Tür und ich haue dir eins auf die Fresse.“ Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Will schluckte. Er wägte die Situation ab und kam zu dem Schluss, dass es diplomatische Sackgassen gab, aus denen man sich als guter Staatsmann vorläufig zurückziehen sollte. Nicht allerdings, ohne ein eindrucksvolles Schlusswort zu hinterlassen. Er überlegte kurz, wie es lauten könnte, und sagte dann „Pffft …“, bevor er sich auf dem Absatz umdrehte und mit erhobenem Haupt das Klassenzimmer verließ.

Nachdem er auf den Bürgersteig getreten war, atmete er mehrmals kräftig durch und sog in tiefen Zügen die frische Luft ein, die durch ein kurzes Gewitter am Nachmittag angenehm diesig war. Nachdenklich überquerte er die Straße, als auf dem Weg zu seinem Wagen plötzlich sein neues Handy klingelte. Umständlich fischte er es aus der Parkatasche und nahm das Gespräch entgegen. Zunächst drangen nur laute Kneipengeräusche an sein Ohr. Doch dann brüllte seine Frau am anderen Ende gegen den Lärm an. „Hallo Will, ich hoffe, ich stör nicht! Ich wollte nur schnell fragen, wie der Elternabend läuft.“ Will überlegte kurz und antwortete: „Ich würde mal sagen: Wie immer.“

5

Donnerstag, 8. September 2011, 23.14 Uhr

„Benjamin Blümchen“, rief Borowka. Fredi zeigte ihm einen Vogel. „Nee, komm. Nur vernünftige Helden. Nicht so Kindergartenfiguren.“ Borowka verzog enttäuscht das Gesicht und überlegte weiter. Die beiden Kumpel saßen sich im Bistro der Diskothek „Haus Waldesruh“ gegenüber. Die Großraumdisko war unter diesem Namen aber kaum bekannt. Überregionale Anerkennung hatte sie sich unter der Bezeichnung „Himmerich“ erworben, wie eigentlich der kleine Ort hieß, in dem das Tanzlokal beheimatet war. Früher als „Bauerndisko“ für seinen „Ball der einsamen Herzen“ verspottet, war das Haus heutzutage jedes Wochenende der Anlaufpunkt für Tausende von Menschen, die zu allen möglichen Stilrichtungen tanzen wollten. Fredi und Borowka hatten sich von ihren Fußballfreunden abgesetzt, mit denen sie unterwegs waren, und sich ins etwas ruhigere Bistro im vorderen Bereich zurückgezogen. Borowka hatte Fredi überredet, mitzukommen, damit er am Vorabend der Beerdigung seines Vaters nicht zu Hause Trübsal blasen musste. Die beiden spielten eines ihrer Lieblingsspiele, mit dem sie schon zu Schulzeiten Stunden hatten zubringen können. Es gab eine Aufgabenstellung, für die es mehrere Lösungen gab. Abwechselnd musste jeder antworten, und wem als Erstes nichts mehr einfiel, der hatte verloren und musste die nächste Runde Asbach-Cola bezahlen, die in Kindertagen noch aus Capri-Sonne bestanden hatte. Die aktuelle Aufgabe lautete, Comic-Helden zu nennen, deren Vor- und Nachname mit demselben Buchstaben beginnt. Bereits seit einer Viertelstunde lieferten sie sich einen spannenden Schlagabtausch. „Ah, ich weiß noch einen“, sagte Borowka. „Benni Bärenstark.“

„Kenn ich nicht.“

„Ja klar kennst du Benni Bärenstark. Der ist von Fix & Foxi. So ein kleiner Junge mit übermenschliche Kräfte. Der hat immer so eine Basketballmütze auf, wie französische Maler die immer anhaben.“

„Baskenmütze“, sagte eine tiefe Stimme, die plötzlich neben Fredi am Tisch aufgetaucht war. Sie gehörte zu einer burschikosen Frau mit einem von Soßenresten und Ketchupflecken übersäten weißen Küchenkittel. In ihrem Mundwinkel balancierte sie eine halb aufgerauchte Zigarette. Der aufsteigende Rauch verfing sich in ihren fettigen Haarsträhnen. In jeder ihrer großen Hände hielt sie einen Teller Fritten, die in Unmengen Mayonnaise ertränkt waren. Scheppernd stellte sie die Teller auf dem Tisch ab. Einige Fritten fielen herunter. „Danke“, sagte Borowka. „Woher weißt du denn, wie man für französische Mützen sagt, Lotti?“

Die Bedienung fixierte Borowka feindselig, nahm einen tiefen Zug an der Zigarette und aschte auf dem Boden ab. „Ja, meinst du vielleicht, ich arbeite in der Gastronomie, weil mir das Spaß macht oder weil ich nix Vornehmes gelernt habe? Geschissen, du Blödmann. Ich habe vier Kinder von fünf Männer zu versorgen. So sieht es aus. Und wenn ich das nächste Mal von hinten, von der Theke, brülle ‚Zweimal Fritten mit Mayo fertig‘, dann kommt ihr euch der Scheiß gefälligst selbst abholen. Ist das klar? Und jetzt her mit die Verzehrkarte.“

Borowka reichte ihr eine Pappkarte, in die sie mit einem Gerät Löcher hineinknipste. Als sie wieder zurück zur Theke walzte, folgte Fredi ihr mit seinem Blick. „Also, das fehlt mir in Berlin total: so coole Läden wie Himmerich. Die gibt es nämlich in der ganzen Hauptstadt nicht. Weißt du, so Läden, wo super Mucke läuft und wo man zwischendurch auch mal abhängen und eine Kleinigkeit essen kann. In Berlin gibt es nur so geleckte Clubs mit schwule Kellner, wo man bloß Cocktails mit Gemüse drin trinken kann. Dabei wollen die immer Weltstadt sein.“

„Was ist denn jetzt mit Benni Bärenstark?“, fragte Borowka ungeduldig.

„Ja, okay. Punkt für dich. Darkwing Duck.“

„Scheiße“, Borowka schlug sich mit der Hand vor die Stirn, „dass ich da nicht viel eher drauf gekommen bin! Meine Fresse, Fredi. Du bist immer noch gut in Form. Spielst du das in Berlin auch immer?“

„Leider nicht. Ich habe bis jetzt noch keinen gefunden, der da Bock drauf hatte.“

Borowka steckte sich drei Pommes auf einmal in den Mund. „Sag mal, Fredi, hast du eigentlich nie drüber nachgedacht, wieder zurückzukommen nach Saffelen? Also, jetzt nicht nur wegen Himmerich oder das Spiel hier.“

Fredi betrachtete nachdenklich seinen Teller. „Ja klar, manchmal schon. Ich hab mich zwischendurch immer mal einsam gefühlt. Aber dann ist mir wieder eingefallen, warum ich hier wegwollte …“

Borowka nestelte unbehaglich an seiner weißen Lederkrawatte und unterbrach ihn: „Das wollte ich dir sowieso noch gesagt haben. Das mit Martina und ihr neuer Lover, das war mir so rausgerutscht. Der ist aber wirklich ein absoluter Vollhorst, der Typ.“

Fredi machte eine wegwerfende Handbewegung, bevor er eine Pommes in den Mund steckte. Kauend sagte er: „Ach Blödsinn. Im ersten Moment ärger ich mich zwar immer noch, aber das ist schnell vergessen. Martina ist überhaupt kein Thema mehr für mich.“

Du weißt ja auch noch nicht alles, dachte Borowka. Er sagte aber nichts, sondern ließ Fredi weitererzählen.

„Einer der Hauptgründe, für dass ich nach Berlin gegangen bin, war mein Vater. Ich wollte dem einfach mal beweisen, dass ich es auch ohne fremde Hilfe zu was bringe. Alles, was ich gemacht hatte, war dem nie gut genug. Der hat immer gesagt, ich soll mir mal ein Beispiel nehmen an mein Vetter Dietmar. Hier, der Sohn von dem sein Bruder.“

„Das Aschloch aus Brüggelchen?“

Fredi nickte. „Der Dietmar hat BWL studiert in Köln und arbeitet da jetzt in eine ganz angesehene Werbeagentur. Der bringt da, glaube ich, die Post rum. Dem hat mein Vater immer bewundert. Und jetzt? Jetzt mach ich in Berlin Karriere und mein Alter macht still und heimlich der Abgang.“

Borowka wusste nicht, was er sagen sollte. Solche Gesprächssituationen überforderten ihn. Sobald es um Gefühle ging, verspürte er eine Art Fluchtreflex. Rita wollte mit ihm auch dauernd über irgendwelche Gefühle reden. Immer, wenn sie so etwas morgens ankündigte, hatte Borowka anschließend den ganzen Tag schlechte Laune in der Werkstatt. Über Gefühle reden fand er fast noch schlimmer als zu Ikea fahren. Aber mit Fredi war das natürlich was anderes. Hier ging es darum, seinem Kumpel eine moralische Stütze zu sein oder ihn zumindest von seiner Trauer abzulenken. Zum Glück fiel ihm genau das Richtige ein. „Gundel Gaukeley“, sagte er.

„Mist“, Fredi schlug sich auf den Oberschenkel, „und ich dachte, wir hätten Entenhausen schon komplett durch. Von Micky Maus bis Kater Karlo.“

„Entenhausen ist groß“, triumphierte Borowka. „Ich denke, das war’s. Da sind mal wieder zwei Asbach-Cola fällig auf dein Deckel.“

„Von wegen. Ich sag nur: Woody Woodpecker.“

Borowka ärgerte sich. Während er angestrengt nachdachte, versuchte er, die Musik auszublenden, die aus der Disko herüberwehte. Eins konnte er nämlich noch schlechter als über Gefühle reden: verlieren. „Ich hab’s: Daffy Duck.“ Er klatschte vor Freude in die Hände. Jetzt war er sich sicher, dass Fredi nicht mehr reagieren konnte. Das Comic-Universum war komplett abgegrast.

Doch dann zeigte Fredi seine ganze Klasse. Während er genüsslich eine Pommes in den Mund schob, holte er zum vernichtenden Schlag aus: „Schweinchen Schlau!“

Borowka war sprachlos. Er wollte gerade aufgeben, als die Tür zum Bistro aufgerissen wurde. Tonne und Spargel, zwei der Kumpels vom Fußball, mit denen sie hierhergekommen waren, stürmten herein und bauten sich vor ihrem Tisch auf. Völlig außer Atem stieß Tonne hervor: „Hier seid ihr! Ihr müsst sofort kommen. Die Uetterather sind auf Ärger aus. Die haben eben der Udo mit volle Absicht angerempelt. Wir wollen denen jetzt mal der Scheitel gradeziehen. Fraggle, Matte, Kanister und der kleine Bruder von Manni Mertens sind auch mit dabei. Wir treffen uns in einer Minute vorm Hip-Hop-Zelt.“

„Sofort“, sagte Borowka, „aber zuerst müsst ihr mir noch gegen der Fredi helfen. Ich brauche noch ein Comic-Held, dem sein Vor- und Nachname mit derselbe Buchstabe anfängt. Aber nix mehr von Micky Maus, Fix und Foxi oder Bugs Bunny. Die haben wir alle durch.“ „Das ist doch einfach“, sagte Spargel, ohne zu zögern. „Hab ich letztens noch auf DVD gesehen.“ Fredi und Borowka sahen ihn gespannt an. Spargel genoss die Aufmerksamkeit und sagte siegessicher: „Bernhard und Bianca.“

6

Freitag, 9. September 2011, 11.38 Uhr

Kommissar Kleinheinz hatte die Kirche vor allen anderen verlassen, um sich auf dem Friedhof in der Nähe der Grabstätte an einer Stelle zu postieren, von der er einen guten Überblick über alles hatte. Auch wenn die Mordtheorie aller Wahrscheinlichkeit nach nur ein Hirngespinst war, so konnte es nicht schaden, die Augen offen zu halten. Gerade Beerdigungen eigneten sich oft für interessante Beobachtungen. Er wäre allerdings ohnehin gekommen, schließlich hatte Fredi Jaspers ihn sogar persönlich eingeladen, inklusive anschließendem Beerdigungskaffee in der Gaststätte von Harry Aretz. Zeit hatte Kleinheinz mehr, als ihm lieb war, aber das musste er ja keinem auf die Nase binden. Auch wenn es ihm ein wenig unangenehm war, dass er Will und Marlene gegenüber nicht ganz aufrichtig gewesen war. Der Kommissar befand sich nämlich keineswegs in einem freiwilligen Urlaub, sondern war von seinem Vorgesetzten kaltgestellt worden. Aufgrund der negativen Prognose des Polizeiarztes war Kleinheinz bis auf Weiteres krankgeschrieben. Dabei war er sich sicher, dass er längst wiederhergestellt war, von kleineren Panikattacken mal abgesehen. Immerhin hatte er mit dem Polizeiarzt, der früher sein Badminton-Partner gewesen war, vereinbart, dass der ihn nur aus medizinischen Gründen, nicht aber aus psychologischen Gründen krankschrieb. Andernfalls hätte er nämlich seine Dienstwaffe abgeben müssen.

Wie in alten Tagen hatte Kleinheinz seinen Beobachtungsposten bezogen. Er lehnte an einer mächtigen Trauerweide und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen auf seiner Haut. Während er auf das Ende der Messe wartete, ließ er den bisherigen Verlauf des Vormittags noch einmal vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Die Messe selbst war relativ unspektakulär gewesen, auch wenn die Kirche zum Bersten voll war. Die Predigt war zwar feierlich, aber leider konnte man nicht jeden Satz verstehen, den Pastor Kuttrapalli zu formulieren versuchte. Der Organist hatte sich redlich Mühe gegeben und sich nur hin und wieder verspielt, wenn er den Diaprojektor bedienen musste, mit dem die Zahlen vom Liederzettel an die Kirchenwand geworfen wurden. Ein kleiner Höhepunkt war vielleicht der Saffelener Kirchenchor gewesen, der ein passables Ave Maria intoniert hatte und aufgrund fehlender Englischkenntnisse ein weniger gelungenes Time to Say Goodbye. In der Kirche hatte Kleinheinz die Angehörigen des Toten unter die Lupe genommen. Wer gab sich wie oder verhielt sich irgendwie auffällig? Aber alles wirkte so normal, wie es unter diesen Umständen eben möglich war.

Lautes Glockengeläut riss den Kommissar aus seinen Gedanken und kündigte zugleich den Leichenzug an, der in wenigen Minuten hier eintreffen würde. Denn von der Kirche bis zum Friedhof waren es nur wenige Meter. Kleinheinz machte sich bereit. Die strahlende Sonne verströmte eine unverschämte Heiterkeit, die so gar nicht recht zu der traurigen Prozession passen wollte, die sich jetzt langsam über den Friedhof schlängelte. Angeführt wurde sie vom indischen Pastor, der von zwei aknegeplagten Messdienern flankiert wurde. Dann folgte der robuste Eichensarg von Theo Jaspers, der von sechs Männern getragen wurde. Die Männer in den schwarzen Anzügen waren alle etwa im gleichen Alter wie der Verstorbene. Möglicherweise handelte es sich um Vereinskameraden, mutmaßte Kommissar Kleinheinz, der sogar meinte, den penetranten Geruch von Old-Spice-Rasierwasser bis zu seinem Platz neben der Trauerweide riechen zu können. Die Gesichter der Sargträger wirken allerdings eher ernst als traurig. Womöglich dachten sie gerade darüber nach, dass genauso gut sie jetzt in dieser schweren Holztruhe liegen könnten. Theo Jaspers hatte nämlich kein bisschen ungesünder gelebt als sie alle. Hinter dem Sarg schleppte sich Fredi Jaspers mit schwerem Schritt und versteinerter Miene voran, sehr damit beschäftigt, seine schluchzende Mutter zu stützen. Die stattliche Menschenschlange dahinter wurde angeführt von Ortsvorsteher Hastenraths Will nebst eingehakter Gattin, die Kleinheinz heimlich zuwinkte, als sie ihn erblickte. Der Kommissar hatte Will zunächst gar nicht erkannt, weil der über seiner üblichen grauen Arbeitshose und dem grün-weißen Hemd einen langen schwarzen Mantel trug, der fast bis zum Boden reichte. Dennoch meinte Kleinheinz, darunter Gummistiefel auszumachen. Seine grüne Schirmmütze, die schon wie festgewachsen schien, hatte der Landwirt ausnahmsweise durch einen schwarzen Sonntagshut ersetzt.

Der Pastor erreichte die Grabstätte, neben der ein riesiger Berg Erde aufgeschüttet war. Darauf sah man die Reifenspuren des Minibaggers, der wohl am Vortag zum Einsatz gekommen war. Neben dem Loch, über das zwei Bretter gelegt waren, wartete der hoch aufgeschossene, hagere Mann vom Bestattungsunternehmen, der mit seinem langen, dunklen Mantel und dem altmodischen Zylinder auf dem Kopf so gruselig wirkte wie ein Totengräber aus dem Wilden Westen. Mit stoischer Miene wies er den Sargträgern ihre Plätze links und rechts der Grube zu. Pastor Kuttrapalli nahm mit seinen Messdienern Aufstellung neben einem Eimer voller Blumen, die aber vermutlich bei Weitem nicht ausreichen würden für die Menschenmenge, die sich teilweise noch hinter dem Eingangsportal auf der Straße drängelte. Kleinheinz hatte den Eindruck, dass ganz Saffelen auf den Beinen war, um Theo Jaspers die letzte Ehre zu erweisen. Vielleicht waren aber auch einige einfach nur neugierig und wollten erfahren, was es mit dem ominösen Liebesschwur auf dem Sterbebett auf sich hatte, der sich in Windeseile im Dorf verbreitet hatte. Und wer weiß, wer sonst noch vorbeischauen würde. Kleinheinz jedenfalls nahm die Anwesenden sehr genau in Augenschein. Einige kannte er. Etwa Heribert Oellers, den cholerischen Besitzer des Autohauses Oellers, bei dem Richard Borowka und früher auch Fredi beschäftigt waren. Borowka war natürlich ebenfalls unter den Trauernden, zusammen mit seiner Frau Rita und seinen Eltern und Schwiegereltern sowie einer seltsamen Schar, die offensichtlich Fredis ehemaligem Fußballverein angehörte. Bei dieser Gruppe war die Auswahl der Trauergarderobe am wenigsten geglückt. Es wimmelte von Hochwasserhosen, ungeputzten Schuhen und zu kurz gebundenen Krawatten. Es schien, als hätten sich Wickie und die wilden Männer auf diese Veranstaltung verirrt. Doch niemand störte sich daran. Auf Höhe des Eingangsportals erkannte Kleinheinz noch Peter Haselheim, den Rektor der Grundschule, der mit seiner Frau und einigen Lehrerkollegen gekommen war – unter anderem mit einer relativ attraktiven, brünetten Dame, die etwas fremd und nicht so recht dazugehörig wirkte. Kleinheinz machte sich eine Notiz, obwohl es eigentlich nicht nötig war, da er über ein hervorragendes fotografisches Gedächtnis verfügte. Gesichter oder besondere Merkmale, die er sich einmal eingeprägt hatte, konnte er noch Wochen später zweifelsfrei zuordnen.

Vor dem Eingangstor stoppte ein Wagen. Auf der Beifahrerseite stieg eine junge Frau aus, die Kleinheinz sehr bekannt vorkam. Sie ging um das Auto herum, beugte sich zum Fahrer hinunter und küsste ihn. Nachdem der Wagen wieder losgefahren war, reihte die Frau sich in die Schlange ein. Jetzt hatte Kleinheinz sie erkannt. Es handelte sich um Martina Wimmers, die Exfreundin von Fredi.

Das leise Gemurmel der Prozession verstummte, als vom Grab her seltsame Geräusche erklangen. Kleinheinz sah hinüber und stellte fest, dass der indische Pastor angefangen hatte, zu sprechen. Und zwar wegen des Besucherandrangs durch eine Art Sprechfunkgerät, das durch eine große Box verstärkt wurde, die ein Messdiener an einer Stange hochhielt. Der schlechte Klang der Box machte aus der ohnehin schwer verständlichen Sprache von Kuttrapalli ein groteskes Klangexperiment. Während dieser außergewöhnlichen Performance wies der Bestatter die Träger an, den Sarg mit den bereitliegenden Gurten anzuheben. Dann zog er die beiden Bretter heraus und die Männer ließen den Sarg langsam in die Gruft gleiten. In dem indisch-deutschen Kauderwelsch fiel plötzlich der Name „Wilhelm Hastenrath“ und der Ortsvorsteher trat nach vorne, um sich neben den Pastor zu stellen. Er wird doch wohl nicht, dachte Kleinheinz. Doch noch bevor er seinen Gedanken zu Ende gedacht hatte, hatte Will schon das Sprechfunkgerät ergriffen und mit seiner unverkennbar rauen Stimme hineingehustet. Nach dem Abklingen der obligatorischen Rückkopplung begann er zu sprechen: „Liebe Trauergäste und Trauer… öhm … Trauerfrauen. Wir haben uns heute hier versammelt, für ein Mann die letzte Ehre zu erweisen, der viel für unser Dorf getan hat. Theo Jaspers hat sein Leben lang hart gearbeitet und so weiter. Das hat Pastor zwar eben in seine Predigt auch schon alles erzählt, aber ich denke, nicht jeder hat das verstanden. Gerade die Auswärtigen haben sich ja noch nicht an dem sein komischer Akzent dran gewöhnt. Aber ich möchte diese Gelegenheit auch benutzen, für hier mal öffentlich in meine Funktion als Pfarrgemeinderatsvorsitzender eine Lanze zu zerbrechen für der Pastor Kuttratrapalli, oder wie der heißt, hier neben mir.“ Jovial legte Will dem Gottesmann die Hand auf die Schulter, der dazu breit grinste. „Dieser Mann“, fuhr Will fort, „ist gebürtig aus Mumbai bei Bombei. Und der hatte es bestimmt nicht leicht, nachdem der vor einem Jahr hier dem sein komischer Vorgänger abgelöst hat – Rodrigo Gonzales. Der war ja mit vier Kirchengemeinden total überfordert und wollte so schnell wie möglich zurück nach Afrika. Aber ich glaube, mittlerweile hat unser indischer Freund sich sehr gut eingelebt in unsere Gemeinde. Ich hatte zwar am Anfang auch starke Vorbehalte, aber ich denke, der Protestbrief ans Bistum war nur eine kleine Überreaktion von mir. Denn man darf nicht vergessen: Gerade als Indier hat man es nicht leicht, wenn man aus ein Entwicklungsland in ein modernes südeuropäisches Land kommt. Aber zurück zu Theo Jaspers, wegen dem Sie ja alle hier sind. Abgesehen von die, die nur hier sind, für zu gucken, wer sonst noch hier ist, beziehungsweise die ganzen Ommas, die sowieso zu jede Beerdigung gehen. Das alles soll aber heute egal sein. Wir verneigen uns in diesem Moment vor Theo Jaspers, der bekannt war für sein nicht ganz jugendfreier Humor und seine lockeren Sprüche, vor allem, wenn der was getrunken hatte. Und in diesem Sinne, lieber Theo, möchte ich dir zum Abschied dein Lieblingssatz zurufen: Halt die Ohren steif!“

7

Freitag, 9. September 2011, 12.06 Uhr

Der Inhaber und Namensgeber der Gaststätte Harry Aretz hatte den großen Saal feierlich für den Beerdigungskaffee hergerichtet. Die schweren Holzstühle hatte er mit einem feuchten Lappen abgewischt, die Biertische mit Krepppapier umwickelt und die Aschenbecher ausgeleert. Kleine gedrehte Pappröschen verliehen dem Anlass einen würdevollen Rahmen. Harrys extra engagierte Aushilfskellnerinnen waren unter der Anleitung der alten Haudegen Dirk und Dose dabei, die Tische mit dem guten Geschirr einzudecken und die Alufolie von den Tabletts mit den aufgetürmten belegten Brötchen zu entfernen. Zwischen den mit Käse belegten und mit Mett geschmierten Brötchenhälften standen Kuchenplatten mit einer ansprechenden Auswahl feinster Sahnetorten. Es war für alles gesorgt und Anneliese Jaspers hatte ganz offensichtlich an nichts gespart. Lediglich der Zigarettenqualm, der schwer in der Luft lag, irritierte Peter Kleinheinz, als er zusammen mit Hastenraths Will und einem ganzen Schwung Besucher als Erster den Saal betrat. Er deutete auf das Kellnerpersonal, wovon fast jeder rauchte, und fragte: „Gilt in der Gastronomie nicht schon längst ein Rauchverbot?“

Hastenraths Will zog seinen schwarzen Mantel aus und hängte ihn an den Garderobenhaken neben der Tür. Darunter kam tatsächlich sein übliches Outfit zum Vorschein: das karierte Hemd, die graue Arbeitshose mit den zerfransten Hosenträgern sowie die Gummistiefel. Aus der Innentasche seines Mantels fummelte er eine Zigarre heraus, die er sich mit großer Geste anzündete, bevor er antwortete: „In der Gastronomie vielleicht. Aber doch nicht hier in Saffelen, bei Harry Aretz. Das wär ja noch schöner. Wir lassen uns doch nicht von die da oben vorschreiben, wie wir unsere Freizeit verbringen sollen. Jedenfalls nicht so lange, wie ich Ortsvorsteher bin. Komm, wir setzen uns was an die Theke, bis die anderen kommen.“ Kleinheinz folgte ihm zum Tresen, wo sie auf Barhockern Platz nahmen. Direkt neben ihnen machte ein Merkur-Spielautomat ziemlichen Lärm. Davor saß ein pausbäckiger Mann mit rötlichem Haarkranz, der mit seiner Hand immer dann das mittlere Sichtfeld zuhielt, wenn die Rollen mit den Glückssymbolen rotierten. Dazu musste er seinen kurzen Arm ganz durchstrecken, weil sein Bauch einen natürlichen Abstand zum Spielgerät herstellte. Auf einer Ablage neben dem Automaten standen ein überquellender Aschenbecher und ein Glasstiefel voller Bier, an dem der Mann zwischendurch hoch konzentriert nippte.

„Was wollt ihr trinken?“, fragte ein mürrischer Harry Aretz, ohne aufzusehen, während er fachmännisch mehrere Biergläser unter dem Strahl der Zapfanlage vorbeiwandern ließ.

Will überlegte kurz. „Für mich ein Herrengedeck und für der Peter hier …“ „Für mich bitte ein Wasser“, sagte Kleinheinz schnell. Erst jetzt hob Harry den Kopf und runzelte die Stirn. „Diiirk“, brüllte er quer durch den Saal, „guck mal nach, ob wir noch eine Kiste Wasser im Keller haben!“

Fredi Jaspers hatte seine Mutter in die Obhut ihrer Freundinnen, der katholischen Strickfrauen, gegeben und sich Borowka und Rita angeschlossen, mit denen er nun den Saal betrat. „Wie geht es dir, Fredi?“, fragte Rita ernsthaft besorgt und legte ihm mütterlich die Hand auf die Schulter. Die Ehefrau von Richard Borowka war für ihre Verhältnisse dezent geschminkt. Lediglich der pinke Nagellack auf ihren falschen Fingernägeln wirkte etwas deplaziert. Ansonsten trug sie ein schwarzes Kostüm und hatte ihre blonde Dauerwellenmähne züchtig zusammengesteckt. Borowka und Fredi trugen schwarze Anzüge und waren sich auf dem Weg in die Kneipe vorgekommen wie die Men in Black. Da sie von ihren Fußballkollegen begleitet wurden, war auch die Illusion von menschgewordenen Aliens perfekt. Fredi hatte seinen Anzug vor vielen Jahren anlässlich eines Tanzkursus gekauft, zu dem er von Martina überredet worden war. Er hatte ihn bisher nur ein einziges Mal getragen, da er sich gleich in der ersten Stunde einen Bänderriss zugezogen hatte. Fredi fühlte sich einigermaßen unwohl in dem Anzug, weil er seit damals knapp fünf Kilo zugenommen hatte. Er erweiterte unauffällig seinen Gürtel um ein Loch, während er Rita antwortete: „So lala. Ich mein, so auf dem Friedhof war das natürlich noch mal so richtig schlimm. Aber jetzt geht es schon wieder. Und in die letzten Tage war ich ja fast nur damit beschäftigt, die Beerdigung zu organisieren. Aber Mutter geht es nicht besonders gut.“

„Fredi, auch ein Bier? Ich hol mal eine Runde für die Jungs. Helf mir mal tragen, Rita“, kommandierte Borowka.

„Ja klar“, antwortete Fredi, „ein Bier ist jetzt genau das Richtige. Ich geh mal nach hinten zu mein Onkel.“

Borowka hob den Daumen und zog Rita an der Hand hinter sich her zur Theke. Er postierte sich neben Hastenraths Will, weil er dort die besten Aussichten vermutete, vom eifrig zapfenden Harry Aretz bemerkt zu werden. Der Ortsvorsteher schien in ein sehr wichtiges Gespräch mit Kommissar Kleinheinz vertieft zu sein, denn die beiden hatten die Köpfe eng zusammengesteckt und tuschelten angeregt miteinander. Borowka schlug dem Landwirt auf die Schulter und sagte anerkennend: „Sehr gute Rede!“ Will und Kleinheinz zuckten hoch und sahen den Vorstopper der Saffelener Fußballmannschaft überrascht an. Kleinheinz konnte trotz des Lobs für die Grabrede keinerlei Ironie in Borowkas Stimme erkennen. Dafür fielen ihm ein Pflaster auf dessen Stirn und eine aufgeplatzte Lippe auf. „Was ist denn mit Ihrem Gesicht passiert?“, fragte er interessiert.

Borowka tippte mit seinem Finger leicht aufs Pflaster. „Ach das. Nix Besonderes. Wir hatten gestern in Himmerich eine kleinere Meinungsverschiedenheit mit die Uetterather. Die waren der Udo doof gekommen. Das haben die aber nachher eingesehen. Wenn Sie wissen, was ich damit andeuten will.“ Borowka lachte dreckig. Rita verdrehte die Augen. „Komm, bestell und lass der Herr Kleinheinz in Ruhe. Du siehst doch, dass der sich mit der Will am unterhalten ist“, drängte sie ihren Mann.

„Ja, ja“, Borowka drehte sich zur Theke. „Harry, mach uns mal zwölf Mal Herrengedeck und eine Asbach-Cola für mich als Wegzehrung bis hinten.“ Borowka lachte wieder dreckig und Rita verdrehte erneut die Augen.

Kleinheinz wandte sich zurück an Will und dämpfte wieder seine Stimme: „Okay, ich geb zu, dass die Sache mit Theo Jaspers und dieser Julia ein wenig seltsam klingt, aber zum einen ist das schon so lange her und zum anderen war Theo wahrscheinlich nur unglücklich verliebt. So was kommt vor.“

„Ja sicher“, flüsterte Will, „aber du hast selbst gesagt, dass der Selbstmord genauso gut ein …“

„Psst“, unterbrach Kleinheinz ihn. „Ich hab dir doch jetzt schon mehrmals gesagt, dass das einfach nur so dahergeredet war. Es gibt überhaupt keine Anhaltspunkte für ein Verbrechen. Außerdem habe ich Urlaub und mein Chef erzählt mir was anderes, wenn ich mit einer dreißig Jahre alten Geschichte ankomme.“

„Ach, wer redet denn von dein Chef? Wir können uns die Sache doch erst mal selber angucken. Ich habe mir schon was überlegt. Morgen gehen wir mal unverbindlich zum Altenheim hier in Saffelen. Da lebt die Mutter von Julia. Die ist zwar alt, aber noch gut dabei. Die kann uns bestimmt …“

„Will, jetzt mal langsam.“ Kleinheinz legte ihm die Hand auf den Arm. „Du kannst doch eine alte Frau nach all den Jahren nicht mit solchen Sachen konfrontieren. Die hat auf tragische Weise ihre Tochter verloren. Die möchte ihre Ruhe haben, glaub mir das.“

„Wie gesagt, Peter. Ich habe mir da gestern viele Gedanken drüber gemacht. Und dabei sind mir ein paar Sachen von früher eingefallen, die dich bestimmt interessieren. Hör dir das erst mal an und dann kannst du entscheiden, ob wir zum Altenheim fahren oder nicht. Was meinst du?“

Kleinheinz rieb sich das Kinn. Die Sache gefiel ihm überhaupt nicht. Es war nie gut, alte Geschichten aufzuwärmen. Auf der anderen Seite musste er zugeben, dass ihn der Fall, wenn es denn einer sein sollte, schon reizte. Sein Chef und der Polizeiarzt hatten ihn aus dem Verkehr gezogen, weil sie ihm zurzeit keine Ermittlungsarbeit zutrauten. Aber denen würde er es zeigen. Kommissar Kleinheinz gehörte noch lange nicht zum alten Eisen. Und deshalb antwortete er nach kurzem Zögern: „Okay, Will. Erzähl mir, was du weißt. Aber nicht hier. Hier sind mir entschieden zu viele Leute. Außerdem wird mir schlecht von dem ganzen Qualm. Lass uns ein paar Meter an der frischen Luft gehen.“

„Sehr gut“, Will sprang erfreut auf, „dann kann ich dir bei der Gelegenheit auch was zeigen.“

Borowka war froh, dass die beiden Geheimniskrämer endlich gingen, denn Harry Aretz hatte das Tablett mittlerweile komplett mit Gläsern zugestellt. Es würde nicht leicht werden, es durch den immer voller werdenden Saal zu tragen. Als Borowka das Tablett gerade mit ausgestrecktem Arm über den Kopf gehoben hatte und Rita sich darum kümmerte, ihm eine Schneise durch die Menschenmenge zu schlagen, traf ihn fast der Schlag. Er sah, wie am gegenüberliegenden Ende des Saals Martina Wimmers auf Fredi zusteuerte, der am Tisch saß und sich angeregt mit seinem Onkel Heinz aus Brüggelchen unterhielt. Als Borowka dann noch mitansehen musste, wie Martina Fredi von hinten auf die Schulter tippte, geriet er in Panik. Er nahm das Tablett runter und drückte es der verdutzten Rita in die Hände, die große Mühe hatte, die überschwappenden Gläser auszubalancieren. Aufgebracht schrie sie: „Sag mal, geht’s noch, Richard?“

Doch Borowka war schon verschwunden. Schubsend bahnte er sich einen Weg durch die Trauergäste. Er musste um jeden Preis verhindern, dass Martina zum ersten Mal seit fast zwei Jahren wieder mit Fredi sprach. Denn das, was sie ihm zu sagen hatte, würde seinen besten Kumpel in eine tiefe Krise stürzen. „Aus dem Weg, ihr Aschlöcher“, rief er und rempelte dabei versehentlich Pastor Kuttrapalli an, der mit einem lauten unverständlichen Fluch auf den Lippen spektakulär zu Boden ging.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
272 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783981663853
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