Kitabı oku: «Die Stunde der Wahrheit»

Yazı tipi:


Die Stunde der Wahrheit

Im Kuhstall von Landwirt und Ortsvorsteher Hastenraths Will wird ein verwirrter, älterer Herr aufgegriffen. Es stellt sich heraus, dass er an einer Amnesie leidet und vermutlich aufgrund eines traumatischen Erlebnisses sein Gedächtnis verloren hat. Der Mann ist hochintelligent und verfügt über außergewöhnliche Fähigkeiten. Vor allem sein Talent im buchhalterischen Bereich macht Hastenraths Will sich zunutze, da zur selben Zeit eine äußerst heikle Betriebsprüfung auf seinem Bauernhof stattfindet. Während der Mann ohne Gedächtnis, dem man den Namen Walter gibt, verzweifelt um seine Erinnerung kämpft, begeben sich auch Will, Hauptkommissar Kleinheinz und Richard Borowka auf Spurensuche. Je näher sie dem Geheimnis von Walters Identität kommen, desto mehr verwischt die Grenze zwischen Gut und Böse. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem die Ermittler auf schmerzliche Weise erkennen, dass es ein schmaler Grat ist, auf dem der Mensch wandelt.

Über den Autor

Christian Macharski wurde 1969 in Wegberg geboren. Seit 1991 ist er hauptberuflich als Kabarettist und Autor tätig. Er war 17 Jahre lang Teil des Comedyduos „Rurtal Trio“, das sich 2008 trennte, schrieb und inszenierte Programme für Kollegen sowie mehrere eigene Soloprogramme. Darüber hinaus arbeitete Macharski als Autor für verschiedene Fernsehsender (WDR, SAT1, RTL) sowie als Kolumnist für die Aachener Nachrichten und aktuell für die Rheinische Post. Die Figur des Hastenraths Will verkörpert Macharski regelmäßig auf der Bühne, im Radio und im TV. „Die Stunde der Wahrheit“ ist der achte Teil der beliebten Dorfkrimireihe um den ermittelnden Landwirt.

Außerdem als Taschenbuch erhältlich:

Das Schweigen der Kühe (ISBN print 978-3-9807844-4-3)

Die Königin der Tulpen (ISBN print 978-3-9807844-5-0)

Das Auge des Tigers (ISBN print 978-3-9807844-7-4)

Die Rache des Waschbären (ISBN print 978-3-9816638-4-6)

Der Tango des Todes (ISBN print 978-3-9807844-8-1)

Die Höhle des Löwen (ISBN print 978-3-9816638-0-8)

Die Geliebte des Mörders (ISBN print 978-3-9816638-6-0)

Christian Macharski

© 2018 by paperback Verlag

Alle Rechte vorbehalten. Abdruck, auch auszugsweise,

nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags

Umschlaggestaltung: Kursiv, Oliver Forsbach

Fotos: Wilfried Venedey, Carl Brunn

Lektorat: Kristina Raub

Satz & Layout: media190, Wilfried Venedey

E-Book-Konvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-947365-01-2

Die Personen und Handlungen der Geschichte sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Die Protagonisten des Romans basieren auf Bühnenfiguren des Comedy-Duos Rurtal Trio.

Für Claudia

Prolog

Hastenraths Will nahm einen letzten, tiefen Schluck aus der Kaffeetasse. Mit einem unüberhörbaren Schmatzer bestätigte er seiner Frau, was sie ohnehin schon wusste. „Marlene, du machst der beste Kaffee von ganz Saffelen!“ Der Ortsvorsteher des kleinen Dorfes sprang auf und forderte seinen Nachbarn Richard Borowka, der ebenfalls mit am Küchentisch saß, mit einer unmissverständlichen Handbewegung auf, ihm zu folgen. Die beiden Männer waren bereits seit Tagen damit beschäftigt, die Zimmer im Obergeschoss zurückzubauen. Vor einiger Zeit hatten Marlene und Will geplant, aus ihrem landwirtschaftlichen Betrieb einen Erlebnisbauernhof zu machen, um den wirtschaftlichen Veränderungen im Agrarwesen Rechnung zu tragen. Nach einem schrecklichen Zwischenfall kurz vor der Eröffnung hatten sie den Plan jedoch wieder fallen lassen. Nach und nach wurden aus den Gästeappartements wieder normale Zimmer für Übernachtungsbesuch oder zum Unterstellen von Möbelstücken. Will und Borowka waren seit dem frühen Morgen dabei, in einem der Räume eine Zwischenwand einzuziehen, um das neue Bügelzimmer von Marlene mit einem separaten Abstellraum für die Heißmangel zu versehen. Das Gerüst aus Metall war bereits fertig montiert, jetzt mussten noch die Gipskartonplatten angebracht werden.

„Komm, beweg dich, Richard“, insistierte Will, der bereits in der Tür wartete, „die Pflicht ruft!“

Borowka schaute ihn aus müden Augen an. Die letzte Nacht war kurz gewesen. Zusammen mit ein paar Kumpels vom Fußball hatten sie den 43. Geburtstag seines besten Freundes Fredi Jaspers nachgefeiert und waren zu später Stunde, wie immer, in Himmerich gelandet, der angesagtesten Landdiskothek der gesamten Region. Die zwei Stunden Schlaf, die ihm nach seiner Rückkehr noch geblieben waren, machten sich bei Borowka in diesem Moment in schlimmen Gliederschmerzen und einem fürchterlichen Brummschädel bemerkbar. Schwerfällig erhob er sich dann doch noch und trottete Will hinterher. „Danke für der Kaffee“, murmelte er noch, bevor er im Flur verschwand.

Marlene lächelte gütig und räumte das Geschirr ab. Sie sah auf die Uhr. Es war schon kurz vor neun. Allerhöchste Zeit, die Kühe und die Schweine zu füttern.

Nachdem sie in einem großen Emaille-Spülbecken im Hof das Schweinefutter angemischt hatte, füllte sie es in einen massiven Holzeimer und schleppte diesen in den Kuhstall, der im Durchgang zu den Schweineboxen lag. Sie stellte den Eimer ab, nahm die große Mistgabel mit den vier Zinken von der Wand und begann zunächst einmal damit, die Futtertröge der Kühe mit Heu zu füllen. Die burschikose Bauersfrau liebte diese Tätigkeit. Schon als Kind hatte sie sich auf dem Hof ihrer Eltern immer freiwillig für diese Aufgabe gemeldet. Sie konnte sich gar nicht sattsehen an den großen, schwarzen Kuhaugen, die vor Glück glänzten, wenn die Tiere einander rempelnd und schubsend an die Futterstelle gelaufen kamen. Die Kühe im Stall der Hastenraths konnten sich im Stall frei bewegen, aber jede der 18 Kühe wusste genau, wo ihr Platz war. Und so reihten sie sich innerhalb kürzester Zeit nebeneinander auf und verschlangen gierig das Heu, das Marlene aus einem großen Haufen heraus in die Tröge schaufelte. Immer schneller wurde sie, so sehr beflügelte sie der Anblick der aufgeregten Tiere. Mit großer Wucht stieß sie die Forke wieder und wieder in den aufgeschichteten Heuberg und freute sich jedes Mal, wenn das Büschel, das daran hängen blieb, besonders groß war. Die Kühe dankten es mit glücklichem Muhen.

Das rauschhafte Schaufeln wurde jäh unterbrochen, als die Mistgabel plötzlich im Heuhaufen stecken blieb. Marlene spürte einen kurzen Schmerz in der Schulter, der von der ruckartig abgebremsten Bewegung rührte, und betrachtete staunend die aufrecht im Heu stehende Gabel, die noch leicht hin- und herwippte. Obwohl ihr dieser Moment ewig vorkam, konnten höchstens Bruchteile von Sekunden vergangen sein, denn gleichzeitig ging ein dumpfer Schrei durch den Stall. Noch ehe Marlene Ursache und Wirkung zusammenbringen konnte, sprang ein nur mit einem T-Shirt, einer verdreckten Jeanshose und Socken bekleideter graubärtiger Mann aus dem Heu und baute sich mit schmerzverzerrtem Gesicht vor ihr auf. In seinem linken Oberschenkel steckte nicht allzu tief ein Zinken der Mistgabel. Der lange Holzstiel bog sich nach unten. Die Adern am Hals des Mannes traten breit hervor und sein ebenmäßiges Gesicht verzerrte sich zu einer zornigen Grimasse, als er die Forke mit einer schnellen, wütenden Bewegung aus seinem Bein riss. Dann machte er mit einem weiteren lauten Schrei einen Satz nach vorn. Mit ausgestreckten Händen versuchte er, Marlenes Hals zu greifen.

Erst jetzt realisierte die Bäuerin, was passiert war. Sie hatte einem fremden Mann, der sich in ihrem Heuhaufen versteckt hatte, eine Forke ins Bein gerammt und dieser wollte sich nun revanchieren, indem er sie erwürgte. Das konnte sie nicht zulassen, zumal der Mann es doch gewesen war, der sich unerlaubterweise Zutritt zum Stall verschafft hatte. Geistesgegenwärtig riss Marlene den Eimer mit dem Schweinefutter vom Boden hoch und schlug ihn dem Fremden mit voller Wucht gegen die Schläfe. Dessen überraschter Gesichtsausdruck fror förmlich ein, als der mit Metall eingefasste Holzeimer hart auf seinen Schädelknochen traf und ein trockenes Knacken verursachte. Die korpulente Dame, die gerade zugeschlagen hatte, verschwand seitlich aus seinem Sichtfeld, als er wie ein gefällter Baum umkippte. Er war bewusstlos, noch bevor er den harten Betonboden erreichte. Marlene Hastenrath stellte den Eimer ab, stemmte ihre Arme in die Hüften und schüttelte verärgert den Kopf. Sie hasste es, bei ihrer Lieblingstätigkeit gestört zu werden.

Schattenwelt
1
Samstag, 22. Juli, 11.27 Uhr

Ein klirrendes Geräusch ließ ihn aufschrecken. Er blinzelte, aber die tobenden Schmerzen in seinem Kopf verhinderten genaue Wahrnehmungen. Schatten, die sich hektisch bewegten, huschten vorbei. Dann hörte er eine Stimme. „Tschuldigung, war keine Absicht. Hast du ein Kehrblech, Marlene?“ Er hob leicht den Kopf und erkannte schemenhaft einen Mann mit einer sonderbaren Frisur. Er fokussierte seinen Blick auf die Haare und das Bild wurde langsam klarer. Die Mähne war dunkelblond, leicht gewellt, vorne kurz und hinten lang. Der Mann trug eine Art Blaumann voller Ölflecken und beugte sich vor, um etwas aufzuheben. Allmählich setzten sich die einzelnen Lichtpunkte für ihn zu einem Gesamtbild zusammen. Er lag auf dem Rücken, allerdings recht bequem. Entweder auf einer Couch oder in einem Bett. Unter seinen Kopf war ein Kissen geschoben. Im Raum befanden sich außer ihm noch vier Personen. Die anderen drei waren aber allesamt damit beschäftigt, sich um den Mann mit den lustigen Haaren zu scharen. Dem war offensichtlich ein Glas heruntergefallen. Darauf deutete jedenfalls der Satz der einzigen Frau im Raum hin:

„Pass auf! Nicht, dass du dich im Finger schneidest.“

Die Frau war sehr kräftig gebaut und trug einen blauen Kittel mit Blumenornamenten darauf. Ihre Füße steckten in groben Pantoffeln. Mehr konnte er nicht erkennen, da sie ihm ihren sehr großen Hintern entgegenstreckte, während sie sich bückte. Neben ihr stand mit verschränkten Armen und einem grimmigen Blick ein Landwirt. Jedenfalls schien seine Bekleidung darauf hinzudeuten. Er trug eine grüne Schiebermütze und eine Art Kassengestellbrille mit breitem Rand. Dazu ein grün-weiß kariertes Flanellhemd und eine etwas zu große, abgetragene graue Stoffhose, die notdürftig von ausgefransten Hosenträgern gehalten wurde. Doch der deutlichste Hinweis auf seine berufliche Tätigkeit waren die grünen Gummistiefel, an denen Reste von Kuhdung klebten. Der dritte Mann im Raum war eindeutig Arzt. Er trug einen weißen Kittel und ein Stethoskop um den Hals.

Da die vier immer noch damit beschäftigt waren, sich um das Missgeschick des merkwürdig frisierten Blaumanns zu kümmern, hatte er ein wenig Zeit, seine Gedanken zu sortieren. Er hob den Kopf leicht an, was unmittelbar stechende Schmerzen nach sich zog, und sah sich um. Eichenschrank, Fernseher, Sessel mit Fußablage, Tisch mit eingelassenen Fliesen. Er befand sich eindeutig in einem Wohnzimmer, also lag er wohl auf einer Couch. Noch einmal studierte er die Menschen, die gestikulierend beieinander standen. Was alle vier gemeinsam hatten: Er hatte sie noch nie in seinem Leben gesehen! Bis auf die Frau, die sich in diesem Moment stöhnend erhob und ihm einen kurzen Blick auf ihr Gesicht gewährte. Es war rotbackig, freundlich und auf eine besondere Art attraktiv. Ihr wogender, barocker Körper passte dazu und verhieß eine lebensfrohe Ausstrahlung. Aber etwas störte ihn an dieser Dame. Natürlich – das war die Frau, die ihm zuerst eine Mistgabel ins Bein gerammt und dann einen Holzeimer über den Schädel gezogen hatte. In dem Moment, als er dessen gewahr wurde, pochte wie auf Knopfdruck sein linker Oberschenkel. Bislang schienen die Schmerzen offensichtlich vom Wirbelsturm in seinem Kopf überlagert worden zu sein. Er sah an sich herab und stellte fest, dass sein linkes Hosenbein knapp unterhalb der Leiste abgeschnitten und ein dicker Verband um seinen Oberschenkel gewickelt war.

Jetzt, da sein Blick wieder scharf gestellt war, konzentrierte er sich auf die Gespräche im Raum. Seine Sinne schienen demnach nicht beeinträchtigt worden zu sein von dem heftigen Schlag, den er gegen den Kopf bekommen hatte. Der Landwirt maßregelte gerade einen kleinen Hund, der kläffend ins Zimmer gelaufen kam.

„Knuffi! Aus. Aus, Knuffi! Gib der Papa sofort das Werbezettelchen zurück.“

„Jetzt lass ihn doch“, ermahnte die Frau ihn sanft, „der will doch nur damit spielen.“

„Spielen?“, echauffierte sich der Mann mit der Brille, „das scheint dem sein neues Hobby zu sein. Ständig zerfetzt der in letzter Zeit die ganze Post, die eingeworfen wird. Mit dem stimmt was nicht, der muss dringend mal zum Hundepsychiologen auf die Couch.“

„Also manchmal weißt du selber nicht, was du willst. Du sagst doch immer, dass der Knuffi nicht auf die Couch darf“, widersprach die Frau.

Der Landwirt schüttelte fassungslos den Kopf. „Ich glaub, du willst mich nicht verstehen“, polterte er sich in Rage. „Selten hab ich so sinnlos Geld aus dem Fenster geschmissen, wie seit der Knuffi in die Hundeschule ist. Wenn der so weitermacht, schafft der noch nicht mal die Versetzung.“

Nun schaltete sich der Arzt in das Gespräch ein: „Beruhigen Sie sich, Herr Hastenrath. Das Verhalten ist völlig normal. Es gibt viele Hunde, die gerne Papier zerreißen. Damit bauen sie überschüssige Energie ab. Das scheint ein Relikt aus Urzeiten zu sein, als die Vorfahren der Hunde noch Jagd auf Beutetiere machten. Manchmal sind es aber auch nur Übersprungshandlungen, weil der Hund Langeweile hat. Wir haben einen Golden Retriever, den Bruno, der war früher auch immer ganz wild darauf, Papier zu erlegen. Am liebsten Klorollen. Wir haben es ihm abgewöhnt mit Kauknochen aus Rinderhaut. Damit kann man einen Hund schon recht lange beschäftigen.“

„Siehst du“, wandte sich der Landwirt wieder an seine Frau, „selbst der Golden Receiver von der Dr. Hoppe hat es gelernt. Guck mal, dass du auch so Kauknochen besorgst. Gestern fehlte schon wieder der halbe Sportteil, weil ich der Zeitungsjunge nicht rechtzeitig abfangen konnte.“

Inmitten der enormen Geräuschkulisse lag er leicht verspannt auf dem Sofa und lauschte der hitzigen Debatte über Hundeerziehung. Es beruhigte ihn und versetzte ihn sogar in eine Art Schwebezustand. Allerdings nur, bis plötzlich der dauergewellte Blaumann auf ihn zeigte und brüllte: „Ey, der Typ ist wach!“

Er zuckte zusammen, als sich plötzlich alle Blicke auf ihn richteten.

Der Arzt beugte sich zu ihm herunter und sagte professionell mit sonorer Stimme: „Guten Tag, mein Name ist Dr. Hoppe. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen.“

Das ist gut, dachte er, denn schon die ganze Zeit beschäftigten ihn zwei Fragen. Die erste war: „Wo bin ich?“ Und die zweite, weitaus wichtigere, lautete: „Wer, verdammt noch mal, bin ich?“

Aufbruch
2
Samstag, 22. Juli, 18.17 Uhr

„Was ist denn eine asoziale Amnesie?“, fragte Fredi Jaspers und legte dabei seinen Kopf schief.

„Boah, nicht asozial“, rief Borowka genervt, „ich hab gesagt ,dissonzonational‘. Nee, Moment, jetzt muss ich selbst noch mal nachgucken.“ Ungeschickt entfaltete er ein öliges DIN-A4-Blatt, auf dem er sich ein paar Notizen gemacht hatte.

„Hier steht es“, sagte er nach kurzer Suche. „Disso … zia … tive Amnesie. Das sagt man dafür, wenn einer sein komplettes Leben vergessen hat. Im Prinzip ist das wie ein Filmriss, außer, dass davon nicht nur der letzte Abend betroffen ist.“

„Wieso hast du dir das Wort aufgeschrieben?“, fragte Fredi.

„Sag mal, ist das die einzigste Frage, die dir dazu einfällt? Ich hab mir das alles aufgeschrieben, weil … weil die Rita das genau wissen wollte. Aber überleg doch mal, wie abgefahren das ist, wenn einer alles vergessen hat: Wer der ist, wo der herkommt, was der jemals gemacht hat in sein Leben.“

Borowka war kaum zu bremsen in seiner Euphorie, während Fredi geistesabwesend auf das Etikett seiner Bierflasche stierte. Die beiden saßen in der Küche seines Hauses, genauer: seines Elternhauses, das er gemeinsam mit seiner Verlobten Sabrina renoviert hatte. Dort war genug Platz für eine ganze Familie – und genau das war Fredis Problem und auch der Grund, warum er Borowkas Erzählungen nur mit einem halben Ohr zuhörte. Seit nunmehr vier Jahren versuchten Sabrina und er Eltern zu werden, doch es wollte einfach nicht klappen. Immer mehr hatte dies in den letzten Monaten zu Belastungen und Streit in ihrer Beziehung geführt, obwohl Fredi sich redlich Mühe gab, immer die genau errechneten Eisprungtermine für den Beischlaf zu reservieren. Einmal hatte er deswegen sogar die alljährliche Fahrt mit der Fußballmannschaft nach El Arenal abgesagt, was ihm viel Kopfschütteln seiner Teamkameraden eingebracht hatte. Fredi fühlte sich inzwischen wie ein richtiger Versager. Selbst Borowka und seine Frau Rita hatten mittlerweile ein vierjähriges Kind, wenn auch aus Versehen.

Fredi schob die düsteren Gedanken, die ihn in letzter Zeit immer häufiger heimsuchten, beiseite, denn langsam begann er sich doch für die seltsame Geschichte des Fremden aus dem Heu zu interessieren.

„Aber wenn der alles vergessen hat, kann der denn dann alleine nach dem Klo gehen oder mit Messer und Gabel essen?“, fragte er neugierig.

Borowka starrte ihn für ein paar Sekunden verdutzt an und machte dann mit der Hand eine Scheibenwischerbewegung vor dem Gesicht. „Sag mal, hast du zu nah an die Heizung geschlafen oder bist du noch besoffen von gestern? Ja klar kann der das. Der kann alles noch wie immer. Der hat nur sein Gedächtnis verloren, bei dem ist quasi im Prinzip die komplette Festplatte gelöscht. Dem seine Erinnerung setzt erst wieder ein ab dem Moment, wo der bei Will auf der Couch wach wurde. Obwohl – an der Schlag mit der Eimer konnte der sich auch noch dran erinnern. Aber davor: Alles weg!“

„Ja, aber wie kann denn so was? Noch ein Bier?“

„Logolektrisch“, sagte Borowka und wedelte mit seiner leeren Bierflasche, „auf ein Bein kann man nicht stehen.“

Während Fredi zum Kühlschrank ging, fuhr sein Kumpel mit ungebremstem Enthusiasmus fort: „Der Dr. Hoppe sagt, dass so was ausgelöst wird von ein traumatologisches Erlebnis. Du erinnerst dich doch, wie wir mal besoffen von Himmerich nach Hause gefahren sind und dabei mit mein guter alter Capri der Jägerzaun von die alte Frau Jörissen umrasiert haben und anschließend bei die im Karpfenteich gelandet sind?! Wie wir am nächsten Morgen hinterm Steuer wach wurden, wussten wir durch der Schock doch auch nicht mehr, was genau passiert war. Und bei der Mann aus dem Heu muss das so ein schlimmer Schock gewesen sein, dass der sein ganzes Leben davor vergessen hat. Das ist total spannend. Der Dr. Hoppe hat ein Studienkollege, der mit ihm zusammen im Lions Club ist, und der hat seine Doktorarbeit über diese dissonz … über diese Art von Gedächtnisverlust geschrieben. Und den hat der heute Morgen angerufen.“

Es ploppte zweimal kurz. Fredi hatte die beiden Bierflaschen geöffnet und kam damit zurück an den Tisch.

Borowka nahm einen tiefen Schluck und sein Adamsapfel hüpfte auf und ab. Er stieß kurz auf, bevor er fortfuhr: „Der Dr. Hoppe hat so ein paar Untersuchungen mit der Mann gemacht und will den am Montag noch mal zum CT oder MRT oder wie das heißt schicken, für das genau herauszufinden. Aber das war total krass. Der Mann ohne Erinnerung ist supernett und wohl auch ziemlich schlau, jedenfalls kannte der Fremdwörter, die ich noch nie gehört hatte. Und der sieht auch total gepflegt aus. Der hat so grau melierte Haare und ein sauber gestutzter grau-weißer Bart. Und auch ganz normale Klamotten hatte der an. Das ist im Leben kein Landstreicher oder Sittenstrolch oder so.“

„Und der hatte keine Papiere und nix dabei?“

„Nix! Der hatte noch nicht mal Schuhe an.“

„Wahnsinn! Wie heißt der Mann denn?“

Borowka schlug sich genervt mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Ja, sag mal, hörst du mir überhaupt zu? Sein Name hat der natürlich auch vergessen. Die haben sich jetzt dadrauf geeinigt, dass die dem vorläufig Walter nennen, bis die wissen, was mit dem los ist.“

Gerade als Fredi fragen wollte, was nun mit dem Mann geschehen soll, rumpelte es im Obergeschoss. Eine dichte Wolke süßlichen Dufts kündigte Sabrina an, die sich im Badezimmer fertig gemacht hatte und nun auf hohen Schuhen die Treppe hinunterstöckelte. Borowka verdrehte die Augen. Viel zu selten waren diese gemeinsamen Kumpelmomente mit Fredi geworden, seit diese Frau in das Leben seines besten Freundes getreten war. Allein dem gestrigen spontanen Geburtstags-Nachfeier-Ausflug nach Himmerich waren nervige Diskussionen vorausgegangen.

„Wahrscheinlich hatte die Tante wieder ein Eisprung“, dachte Borowka und schaute erstaunt auf, als Sabrina die Küche betrat. Er erkannte sie erst auf den zweiten Blick, weil sie sich sehr aufwendig zurechtgemacht hatte. Die Haare streng nach hinten gekämmt und zu einem Zopf gebunden, die Schminke dezent, aber dennoch auffällig. Sie trug ein hautenges beiges Businesskleid, das ihre weiblichen Formen perfekt zur Geltung brachte. Dazu eine schwarze Strumpfhose und, wie schon zu hören gewesen war, High Heels. Unabsichtlich entfuhr Borowka ein anerkennendes „Oh, là, là.“

Sabrina quittierte es mit einem geringschätzigen Lächeln und wandte sich an Fredi: „Ich bin dann weg. Es könnte ein bisschen später werden.“

Sie gab Fredi einen Kuss auf die Wange, der trotz seiner Flüchtigkeit einen Lippenstiftabdruck hinterließ, bevor sie mitsamt der Duftwolke durch die Haustür verschwand.

Borowka sah ihr entgeistert hinterher. „Was war das denn gerade? Wie hat die sich denn aufgebrezelt?“

Fredi nuckelte an seinem Bier, sodass er die ersten Worte vernuschelte: „Ach, so ist die in letzter Zeit öfters unterwegs. Seit die der neue Job hat.“

Borowka schien überrascht. „Wie? Ist die nicht mehr bei Wackerzapp auf dem Bürro?“

„Nee, schon lange nicht mehr. Da sieht man mal, wie gut du mir zuhörst. Das hab ich dir bestimmt schon dreimal erzählt. Sabrina hat vor vier Monate über ein Bekannter aus dem Fitnessstudio eine Stelle bei eine große Firma in Geilenkirchen bekommen, die sitzen da im Gewerbegebiet. Die sind international tätig und verkaufen so Spezialteile für Bohrfirmas, sogar bis nach China und Südafrika. Genau hab ich das aber selbst noch nicht kapiert. Auf jeden Fall ist der Job super bezahlt. Die muss aber dafür auch viel arbeiten. Auch schon mal abends. So wie heute, da muss die ihre Chefs zu ein Geschäftsessen mit wichtige Investoren begleiten. Weil die Sabrina ja nicht von hier kommt, ist das eine von die wenigen in die Geilenkirchener Niederlassung, die fließend Hochdeutsch kann. Im Moment muss die sich natürlich noch was anstrengen, weil die noch in die Probezeit ist. Aber die nimmt jetzt schon immer an wichtige Besprechungen teil und soll demnächst sogar auch mal mit auf Dienstreise gehen.“

„Mein lieber Mann“, Borowka pfiff anerkennend durch die Zähne, „Respekt. Wenn ich bedenk, dass Rita bald ihr Zehnjähriges feiert im ,Sonnenstudio Karibik‘. Die hat überhaupt kein Bock auf Fortbildungen oder so. Für die ist nur wichtig, dass die auf der Arbeit rauchen kann.“

Fredi nickte versonnen. „Ich bin ja auch stolz auf die Sabrina. Aber die ist natürlich schon viel weg in letzter Zeit. Überleg mal: Heute ist Samstag! Normalerweise würden wir heute Abend schön gemütlich zusammen die Wiederholung von die große Helene-Fischer-Show gucken. Aber der Job geht nun mal vor. Letztens wie ich vom Training nach Hause kam, musste ich mir sogar meine Kroketten selber warm machen.“

Borowka schüttelte betroffen den Kopf. „Das geht natürlich gar nicht, aber seh es mal positiv: Dadurch, dass die jetzt so viel weg ist, hast du nicht mehr so viel Druck mit … na, du weißt schon.“

Er formte seine Finger zu einer Geste, die wohl den Geschlechtsakt darstellen sollte. Das jedenfalls schloss Fredi aus der ungelenken Bewegung und kommentierte gequält: „Glaub mal nicht, dass die Sabrina sich durch ihre Karriere davon abhalten lässt. Der Kinderwunsch ist immer noch genauso groß wie vorher. Die Eisprungtage sind fest eingekringelt auf unser Kalender. Wir haben das bisher erst ein einzigstes Mal verpasst wegen ein Meeting, was die in der Firma hatte. Aber es klappt trotzdem nicht.“

Borowka musste unwillkürlich an seinen Sohn Jerome denken, auf den er zwar stolz war, der aber auch unglaublich anstrengend sein konnte. Deshalb fiel ihm zum Trost auch nur ein Satz ein: „Sei froh!“

Leere
3
Dienstag, 25. Juli, 12.54 Uhr

Der Mann ohne Gedächtnis saß am Küchentisch der Hastenraths und beobachtete Marlene, die, eingehüllt von aufsteigendem Dampf, die Töpfe und Pfannen vor sich auf dem Herd mit so viel Hingabe und Perfektion hin- und herschob wie ein Dirigent, der sein Orchester durch eine schwierige Partitur leitet. Er konnte sich gar nicht sattsehen an diesem vor Lebenslust wippenden Körper, der ihn an die Opernsängerinnen der Neunzigerjahre erinnerte, jene Primadonnen, die mit ihrem raumflutenden Sopran sogar Gläser zum Zerspringen bringen konnten. So wie die berühmte Montserrat Caballé oder auch Bianca Castafiore, die kapriziöse Diva aus „Tim und Struppi“.

Der Mann ohne Gedächtnis, dem man den Namen Walter gegeben hatte, wunderte sich einmal mehr über sich selbst. Schon in den letzten zwei Tagen war ihm aufgefallen, dass er offenbar über ein breit gestreutes Allgemeinwissen verfügte, das auch vor Trivialem nicht haltmachte. Er hatte den Eindruck, dass er wahllos gebildet war. Er schien sich gleichermaßen für Literatur wie auch für Comics, für Schlagermusik wie auch für Jazz, für Gedichtbände wie auch für den Ikea-Katalog zu begeistern. Vor allem aber hatten es ihm Zahlen angetan. Er war in der Lage, mathematische Zusammenhänge in kürzester Zeit zu erfassen. Als er beim Kartoffel-ab-Hofverkauf zugeschaut hatte, hatte er die Endsummen errechnet, noch bevor Marlene den Taschenrechner eingeschaltet hatte. All diese Fähigkeiten hatte er an sich festgestellt, aber er wusste immer noch nicht, wer er war, was er war und woher er gekommen war. Der Bereich in seinem Gehirn, in dem seine sämtlichen autobiografischen Informationen enthalten waren, schien komplett gelöscht. Dr. Hoppe hatte verschiedene Tests mit ihm durchgeführt und war zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich um eine dissoziative Amnesie handeln musste, bei der das sogenannte semantische Gedächtnis, das das erlernte Weltwissen enthält, nicht beschädigt wurde, dafür aber das episodische Gedächtnis, das für die rückwärts gerichtete Erinnerung verantwortlich ist. Das sei nichts Ungewöhnliches, so Dr. Hoppe, da die unterschiedlichen Informationsformen unabhängig voneinander in verschiedenen Gehirnarealen gespeichert würden. Was zu dieser Amnesie geführt haben sollte, darüber konnte auch der Arzt nur spekulieren. Höchstwahrscheinlich hatte aber der mit viel Schwung geführte Holzeimer zu einem schweren Schädel-Hirn-Trauma geführt, das wiederum den Gedächtnisverlust ausgelöst haben könnte.

Diese Diagnose hatte bei Marlene zu fürchterlichen Gewissensbissen geführt – und das, obgleich sowohl der Schlag gegen den Kopf als auch die Mistgabel im Bein bei Walter zu keinerlei bleibenden körperlichen Schäden geführt hatten. Die Forke hatte zwar Schmerzen verursacht, die Stichverletzung selbst war allerdings eher oberflächlich gewesen, da die Zinken keine Arterie erwischt, sondern nur eine Fleischwunde bewirkt hatten. Und so ging es Walter an diesem späten Vormittag den Umständen entsprechend gut. Die Kopfschmerzen waren verschwunden und der bandagierte Oberschenkel zwickte nur noch ab und zu ein wenig. Dennoch hatte Marlene Hastenrath darauf bestanden, den unfreiwilligen Gast so lange zu umsorgen, bis seine Herkunft geklärt war. Sie tat das mit so viel mütterlichem Altruismus, dass Walter sich fast wünschte, sein Gedächtnis nie mehr wiederzuerlangen. Auch wenn Marlene es gelegentlich mit ihrer Fürsorge übertrieb, so war es laut Dr. Hoppe durchaus wichtig, dass Walter zur Ruhe kam und sich erholte. Denn das konnte neben anderen Therapiemaßnahmen ein guter Weg sein, dass er möglichst bald seine Erinnerung wiederfand. Eine Prognose, wie lange der Zustand anhalten könne, mochte Dr. Hoppe indes nicht abgeben. Irgendwo zwischen ein paar Tagen oder mehreren Jahren, meinte er, was man durchaus als vage Terminierung bezeichnen konnte.

Während Hastenraths Will alle seine politischen und gesellschaftlichen Kontakte nutzte, um herauszufinden, ob irgendwo jemand vermisst wurde, kümmerte sich seine Frau hingebungsvoll um den Hausgast. Nachdem sie ihm ein Glas Mineralwasser eingegossen hatte, stellte sie ihm einen duftenden und völlig überladenen Teller auf den Tisch. „Guten Appetit. Greif zu, es ist genug von alles da.“

Walter sog mit geschlossenen Augen die aromatische Geruchsmelange ein. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so gut gegessen zu haben wie in den letzten beiden Tagen, und das lag nicht daran, dass er sich ohnehin an nichts erinnern konnte. Schließlich wusste er ja zum Beispiel noch, wie eine Auster schmeckte oder ein Glas Bier. Seine Sensorik war absolut intakt. Als er die Augen wieder öffnete und voller Vorfreude das Besteck zur Hand nahm, stutzte er. Der Berg, der sich vor ihm auftürmte, bestand aus drei Elementen: Sauerkraut und Kartoffelpüree erkannte er sofort, aber die beiden rechteckigen, knusprig gebratenen Scheiben mit den kleinen, eingesprenkelten Speckaugen hatte er noch nie zuvor gesehen. Er deutete mit dem Finger darauf und fragte vorsichtig: „Was … bitte schön … ist das denn?“

Marlene, die schon wieder zum Herd zurückgekehrt war, um auch Wills Portion zuzubereiten, drehte sich um. Während sie ihre Hände an der großen Schürze abwischte, die sie um ihren Kittel gebunden hatte, antwortete sie mit einem breiten Lächeln: „Das ist das Beste, was es gibt: Panhas! Da ist alles drin, was schmeckt: Speck, Zwiebeln, Gewürze und Schweineblut.“

Walter zuckte zusammen. „Blut?“

„Ja, aber natürlich geronnenes Blut. Das ist eine Spezialität. Das muss außen richtig schön kross sein und innen weich. Wenn früher bei uns auf der Hof geschlachtet wurde, da haben wir Kinder immer in ein Eimer das Blut gesammelt, für dadraus Panhas zu machen. Der Will sagt gerne: von ein Schwein kann der Mensch alles verwenden: das Fleisch für zum Essen, die Borsten für der Besen, die Haut für Leder und der Name als Schimpfwort!“

Walter musste lachen, wenngleich ihm die beiden angekokelten Fleischersatzscheiben auf seinem Teller immer noch suspekt erschienen. Dennoch nahm er sich ein Herz, schnitt ein Stück ab und schob es sich vorsichtig in den Mund. Marlene beobachtete ihn erwartungsvoll. Walter ließ die fremde Speise einen Moment auf der Zunge liegen und zerkaute sie dann. Anschließend nahm er eine Serviette zur Hand, wischte sich den Mund ab und sagte: „Liebe Marlene, das ist nicht weniger als eine Geschmacksexplosion! Großartig! Kompliment!“

Marlene strahlte über das ganze Gesicht, auf dem sich eine leichte Röte ausbreitete. Dann sah sie auf die Uhr und sagte: „Wo bleibt denn bloß der Will?“

Hastenraths Will befand sich auf der Rückfahrt aus Heinsberg. Sein guter, alter Mercedes 190 D quälte sich über die kurvenreiche Landstraße, die nach Saffelen führte. Vor zwei Wochen hatte er die 200.000-Kilometer-Marke geknackt, aber dennoch verschwendete er keinen Gedanken daran, sich von seinem treuen Gefährt zu trennen. In der Stadthalle Heinsberg hatte der Landwirt am monatlich stattfindenden Ortsvorsteher-Frühschoppen teilgenommen, bei dem die Chefs der einzelnen Ortschaften sich regelmäßig zu bi- oder multilateralen Gesprächen trafen. Meist ging es dabei um die Abstimmung von Schützenfesten oder Umzügen, die möglichst nicht am selben Wochenende stattfinden sollten, oder Toilettenwagen, die man kostenmäßig miteinander zu teilen beabsichtigte. Will hatte seine Teilnahme an dem in erster Linie gesellig geprägten Treffen ausgiebig dazu genutzt, herauszufinden, ob irgendjemand etwas über einen vermissten Mann mit grau-weißem Bart wusste. Die meisten hatten schon von dem sonderbaren Gast der Hastenraths gehört, aber niemand konnte ihn identifizieren, obwohl Will sich extra ein Porträtfoto von Walter hatte vergrößern lassen. Entsprechend enttäuscht hatte er die Rückfahrt angetreten.

Während er abwechselnd mit der linken Hand und dem Knie lenkte, tippte er auf seinem Handy die Nummer eines guten alten Bekannten ein: Peter Kleinheinz. Kleinheinz war als Hauptkommissar mittlerweile zum LKA nach Düsseldorf gewechselt und hatte mit Will gemeinsam in den letzten Jahren schon mehrere Kriminalfälle erlebt, nicht immer freiwillig. Mit der Zeit war eine tiefe Freundschaft daraus erwachsen und entsprechend fröhlich meldete sich der Beamte auch am anderen Ende:

„Will, alter Halunke. Was verschafft mir die Ehre?“ Will war einen kurzen Moment irritiert, weil er seinen Freund meist als grüblerischen Bedenkenträger kannte. Aber diesmal schien der sonst schon mal gerne etwas schroffe Kommissar heiter gestimmt zu sein.

„Peter, grüß dich, altes Scheißhaus“, gab Will salopp zurück, „ich bräuchte mal wieder dein fachmännischer Rat.“

Es knackte kurz und heftig in der Leitung, aber dann hörte man wieder den gut gelaunten Kleinheinz. „Aber zieh mich bitte nicht noch mal in eine Sache rein, bei der ich mich verletze. Die Wunden vom letzten Mal sind gerade erst verheilt.“

„Nein, um Gottes willen“, beschwichtigte Will und verriss dabei kurz das Lenkrad. Nachdem er den Wagen zurück in die Spur gebracht hatte, fuhr er fort: „Es ist Folgendes: Wir haben bei uns im Stall ein Mann aufgegriffen, der nicht mehr weiß, wer er ist. Das hatten wir zwar schon mal öfter, aber bis jetzt war das immer nur der Borowka.“

Will lachte laut und Kleinheinz stieg sofort mit ein. Nachdem Kleinheinz das Wort „Borowka“ noch einmal schmunzelnd und offensichtlich kopfschüttelnd wiederholt hatte, sprach Will mit ernster Stimme weiter: „Das Problem ist: Keiner kennt der Mann. Ich hab gerade mal überall rumgefragt, aber es gibt noch nicht mal einen, der einen kennt, der einen kennt, der mir was über der Mann sagen kann. Das ist schon sehr seltsam. Der Dr. Hoppe sagt, der Mann hat eine Amsenie mit irgendein komisches Wort davor.“

„Wahrscheinlich eine dissoziative Amnesie“, tönte Kleinheinz‘ Stimme krachend durch das Smartphone. „Exakt so einen Fall hatten wir auch mal, als ich noch in Frankfurt war. Da haben wir am Bahnhof einen aufgegriffen, der sein ganzes Leben vergessen hatte, dafür aber fließend Englisch sprach. Am Ende stellte sich raus, dass der Mann aus Liverpool kam und nach einem Junggesellenabschied im Frankfurter Kiez besoffen mit dem Kopf auf den Boden geknallt und von seinen Kumpels vergessen worden war. Drei Tage später wurde der wieder abgeholt. Keine Ahnung, ob der sein Gedächtnis seitdem wiedererlangt hat.“

„Das ist ja super“, sagte Will, „dann bist du ja so eine Art Experte für solche Fälle.“

„Absolut! Und was noch dazu kommt“, schepperte es durch die Leitung, „ich hab sogar Zeit, denn ich hab ab heute zwei Wochen Urlaub. Und ich bin gerade in Aachen, weil ich letzte Woche einen Job in Roermond abgewickelt habe, wo noch ein paar Formalitäten geklärt werden mussten. Damit bin ich aber durch. Wenn du willst, komm ich später vorbei und mach ein paar Tage Urlaub auf dem Bauernhof. Eigentlich hatte ich vor, mit einem Kollegen klettern zu gehen in der Fränkischen Schweiz, aber der hat sich gestern beim Fußballspielen einen Kreuzbandriss zugezogen. Wenn es euch also nicht zu viel Umstände macht, komm ich euch gerne besuchen. Auch wenn aus eurem ,Hotel Garni‘-Projekt nix geworden ist?!“

Will war begeistert. „Ach, hör mir auf mit dem Hotelprojekt. Ich bin froh, dass da nichts draus geworden ist. Aber Platz haben wir natürlich immer noch genug. Und Vollpension kann ich dir auch garantieren. Die Marlene flippt aus vor Freude, wenn ich die das erzähle.“

„Na prima, dann bis später!“

Heimsuchung
4
Dienstag, 25. Juli, 13.28 Uhr

Will saß auf der Küchenbank neben einem pappsatten Walter, der sich zufrieden über die kleine Wölbung an seinem Bauch strich. „Ich glaube, ich habe in den zwei Tagen, die ich jetzt hier bin, schon etwas zugenommen.“ Beim letzten Wort scheiterte er bei dem Versuch, einen Rülpser zu unterdrücken, was ihm sehr peinlich war.

Will grinste, während er sich gierig eine randvolle Gabel Kartoffelpüree in den Mund schob. Kauend und schmatzend plapperte er los, ohne sich an den kleinen Kartoffelflocken zu stören, die dabei zwischen seinen Lippen herausschossen: „Da wirst du dich wohl mit abfinden müssen. Die Marlene ist die beste Köchin vom ganzen Selfkant. Warte erst mal ab, wenn die anfängt zu backen. Der ihre Kiwi-Jägermeistertorte ist ein Gedicht. Ganz altes Familiengeheimrezept. Wenn du drei Stück davon gegessen hast, darfst du kein Auto mehr fahren.“

„Jetzt hör aber auf, Will“, rief Marlene leicht beschämt von hinten. Nachdem Will ihr eröffnet hatte, dass Peter Kleinheinz zu Besuch kommen würde, hatte sie den Herd sofort begeistert wieder hochgefahren.

Es klingelte an der Haustür und Walter fuhr entsetzt zusammen. Diese Reaktion war nur allzu verständlich, denn mit „Klingel“ war das Höllengerät, das Besuch ankündigte, nur sehr unzureichend beschrieben. Die Lautstärke der Türglocke war so extrem eingestellt, dass man sie auch bis in die entlegenen Stallungen hören konnte, da sich Will und Marlene tagsüber die meiste Zeit auf dem Hofgelände aufhielten. An der Aufgabenstellung, den Klingelton innerhalb des Wohnbereichs moderat einzustellen, waren schon mehrere Elektriker gescheitert. Dem Ehepaar Hastenrath war das egal, sie nahmen den ohrenbetäubenden Lärm schon lange nicht mehr als solchen wahr. Ganz im Gegensatz zu ihrem Hund Knuffi, der in ein irres Kläffen verfiel und wie ein Geisteskranker zur Tür jagte. Auf seinen kleinen Pfoten schlitterte er mehr über die Fliesen, als dass er lief.

Will schlurfte gemütlich durch den Flur, voller Vorfreude, nach langer Zeit mal wieder seinen Freund Peter Kleinheinz, in die Arme zu schließen. Das sollte was heißen, denn gemeinhin hielt er nichts von übertriebener Herzlichkeit. Behutsam schob Will mit seinem Gummistiefel den heiser bellenden Knuffi beiseite und öffnete die Tür. Dort stand allerdings nicht Kleinheinz, sondern ein ihm gänzlich unbekannter Mann mit einem irritierten Gesichtsausdruck, was nicht weiter verwunderlich war bei dem Spektakel, das sich gerade in seinen Ohren abspielte. Der Mann trug eine helle Leinenhose, ein Poloshirt von Lacoste, darüber ein dunkelblaues Sportsakko. In der rechten Hand hielt er einen Aktenkoffer mit Zahlenschloss. Will wollte die Tür mit dem Satz „Wir kaufen nix“ schon wieder zuschmeißen, als der Mann einen Ausweis zückte und ihm vor die Nase hielt.

„Steueroberinspektor Wilfried Nollmann, Finanzamt Geilenkirchen. Ich bin hier, um die angekündigte Betriebsprüfung durchzuführen. Sie gestatten?!“

Freundlich, aber bestimmt schob er sich an dem verdutzten Landwirt vorbei in den Flur. Als Knuffi sich dem Beamten knurrend in den Weg stellte, blieb dieser stehen. Allerdings weniger aus Furcht, als vielmehr aus Sorge, aus Versehen auf den kleinen Hund draufzutreten.

Will schloss die Tür und stotterte: „Ich versteh nicht ganz. Was für eine Prüfung?“

Der Mann sah sich kurz im Flur um und ging dann zu dem kleinen Telefontisch. Er stellte seinen Aktenkoffer darauf ab und ließ die beiden Schlösser aufschnappen. Wortlos blätterte er durch ein paar Unterlagen und zog dann ein amtliches Papier heraus, auf dem der Stempel „Kopie“ prangte. Er richtete sich wieder kerzengerade auf und reichte es Will mit den Worten: „Die Betriebsprüfung, die Ihnen mit dieser Prüfungsanordnung nach §193 Absatz 1 der Abgabenordnung vom 27.06.2017 angekündigt wurde.“

Will nahm das Blatt zögernd in die Hand und überflog Sätze wie „steuerliche Außenprüfung“, „die Jahre 2014 bis 2016“, „Bereitstellung aller Unterlagen“, „in den Geschäftsräumen des Agrarbetriebs“. Verwirrt gab er das Schreiben zurück und sagte: „Da muss es sich um ein Missverständnis handeln. Ich habe kein Brief erhalten.“

Mehrere Sekunden standen die beiden Männer sich schweigend gegenüber, bis Wills Blick sich plötzlich, einer bösen Ahnung folgend, senkte und an Knuffi hängen blieb. Der gerade noch fröhlich vor sich hinkläffende Hund stellte abrupt seine Aktivitäten ein, als ihn der stechende Blick seines Herrchens traf. Aus großen Knopfaugen blickte er zurück und zog instinktiv den Schwanz ein. Will spürte den Zorn in sich aufsteigen. Mit hochrotem Kopf brüllte er: „Du kleiner Scheißköter. Du hast der Brief kaputt gerissen. Ich werd dich …“

Noch bevor er seine Drohung konkretisieren konnte, drehte Knuffi sich um und rannte junkend und schlitternd zurück in die Küche.

Nur Sekunden später ertönte von dort die verärgerte Stimme von Marlene: „Was ist denn jetzt schon wieder los, Will? Der kleine Knuddelbär ist ganz verängstigt.“

„Nix. Ist schon gut“, rief Will zurück. So schnell die Wut gekommen war, so schnell hatte er sie auch schon wieder unter Kontrolle gebracht. Er atmete einmal tief durch und sagte dann zu dem Mann vom Finanzamt, der das ganze Schauspiel ohne größere Gefühlsregung verfolgt hatte: „Ja, was darf ich Sie denn mal anbieten? Ein Dujardeng?“

Der Mann hob die linke Augenbraue und antwortete: „Einen Arbeitsplatz und die Aktenordner der Jahre 2014 bis 2016.“

Es wurde kalt im Raum.

Schmerz
5
Dienstag, 25. Juli, 19.58 Uhr

Ausgepumpt saßen die Spieler der zweiten Mannschaft des SV Grün-Gelb Saffelen auf dem Aschenplatz. Trainer-Urgestein Karl-Heinz Klosterbach, der die Mannschaft bereits im achtzehnten Jahr coachte, tigerte mit hinter dem Rücken verschränkten Armen auf und ab und schüttelte unentwegt den Kopf. Er hatte es nie leicht gehabt mit dieser Truppe. Sechzehn Jahre lang war es der Mannschaft nicht gelungen, aus der Kreisliga C aufzusteigen, dafür waren sie in diesem Jahr zum ersten Mal abgestiegen – weil zur beginnenden Saison im September erstmals die Kreisliga D eingeführt worden war. Karl-Heinz Klosterbach gehörte zu den wenigen Trainern in dieser Liga, die im Besitz einer Trainerlizenz waren. Zwar besaß er nur die C-Lizenz Breitenfußball, die lediglich bis zur Kreisliga A galt, aber das sollte allem Anschein nach bis zu seiner Pension reichen. Schon seit Jahren hatte der SV Grün-Gelb Saffelen unter großen Nachwuchssorgen zu leiden. Das führte dazu, dass jeder Spieler, der einen halbwegs geraden Pass über zehn Meter schlagen konnte, in die ebenfalls chronisch unterbesetzte erste Mannschaft abberufen wurde, die aber immerhin in der Kreisliga B spielte. Und so kam es, dass Fredi Jaspers und Richard Borowka trotz ihrer bereits stolzen 43 Jahre immer noch zu den Leistungsträgern der Reserve zählten. Niemals hatten oder hätten sie woanders gespielt als in dieser Mannschaft. Seit dem Ausscheiden aus der A-Jugend waren sie dort zusammen mit ihren Freunden Tonne, der aufgrund seiner Körperfülle schon immer Torwart war, und Spargel, der trotz akuten Spielermangels meist Edelreservist war und seinem Trainer an heißen Tagen half, Wasserflaschen aufs Feld zu werfen. Zum Dank für seine Unterstützung an der Seitenlinie wurde er hin und wieder eingewechselt für taktische Fouls im Halbfeld. Am heutigen Abend hatte Spargel allerdings in der Startformation gestanden, weil außer ihm nur noch sieben weitere Spieler erschienen waren. Klosterbach hatte vor Wut darüber in der Kabine sogar einen Tisch umgeworfen, aber was sollte er machen? Gleich drei Mann waren verhindert, weil sie mit ihrem Kegelclub in El Arenal waren, und zwei hatten Spätschicht. Ausgerechnet heute, wo die Qualifikation zur ersten Runde im begehrten Selfkant-Cup stattfand und sogar erstmals seit Jahren glücken konnte. Denn das Losglück war den Saffelenern hold gewesen, da es ihnen nicht nur ein Heimspiel beschert hatte, sondern als Gegner auch noch die dritte Mannschaft vom SV Krautdorf. Krautdorf war zum einen qualitativ ebenbürtig, zum anderen verband die Mannschaft mit Saffelen eine jahrzehntelange, bittere Rivalität, was für großes Interesse und einen neuen Zuschauerrekord sorgte. Mehr als 60 Fans standen rund um den Aschenplatz und verwandelten mit ihren gegenseitigen wüsten Beschimpfungen das kleine Stadion am Saffelbach in einen wahren Hexenkessel. Auch die übrigen Voraussetzungen waren optimal: Es herrschte ideales Fußballwetter und Krautdorf hatte ebenfalls nur sieben Feldspieler und einen Torwart zusammenbekommen, Chancengleichheit war also gegeben. Der große Nachteil der dünnen Personaldecke auf beiden Seiten offenbarte sich allerdings nun in der Halbzeitpause. Konditionell waren alle am Ende. Die Saffelener saßen schweißgebadet auf dem Boden, nur Spielführer Borowka stand neben dem Platz und rauchte.

Karl-Heinz Klosterbach lief mit seinen breiten O-Beinen von einem zum anderen und versuchte jeden Einzelnen gestenreich zu motivieren: „Komm Junge, wir haben die doch am Rande der Niederlage.“ „Wenn der letzte Pass in die Tiefe mal kommt, dann haben wir die im Sack.“ „Du musst dich nur was konzentrieren bei die Ballannahme, dann funktioniert das auch irgendswann.“ „Tonne, versuch doch einfach mal, die Bälle festzuhalten.“ „Spargel, das war ein wunderschönes gestrecktes Bein, was du da eben gezeigt hast. Warum seh ich das nicht öfters von dir?“

Und in der Tat, das Spiel befand sich auf des Messers Schneide, noch war alles möglich. Es stand immer noch 0 : 0 und das, obwohl es schon drei Elfmeter für Saffelen gegeben hatte. Der Pfiff des Schiedsrichters ertönte und widerwillig trotteten die Mannschaften zurück auf den Platz. Die ersten paar Minuten plätscherte die Partie dahin, als dem gegnerischen Rechtsverteidiger plötzlich und unerwartet ein langer Ball nach vorn gelang, der die gesamte Saffelener Abwehr überrumpelte. Der Krautdorfer Stürmer lief allein auf Tonne zu, der zitternd auf den Einschlag wartete. Borowka zog als letzter Mann einen Sprint an und heftete sich an die Fersen des Angreifers. Schlimme Seitenstiche hätten ihn nach ein paar Sekunden fast zur Aufgabe gezwungen, aber dank seines eisernen Willens hielt er durch und konnte den Angreifer gerade noch außerhalb des Sechzehnmeterraums mit einem rustikalen Bodycheck stellen. Der Krautdorfer schlug hart auf der Asche auf und wand sich brüllend auf dem Boden. Irgendetwas in seiner Schulter hatte geknackt. Sofort kam es zu einem Handgemenge zwischen den Spielern und auch vereinzelte Zuschauer ballten ihre Fäuste, aber der Schiedsrichter hatte die Situation schnell wieder unter Kontrolle. Umsichtig wie er war, zeigte er Borowka lediglich die gelbe Karte, obwohl aufgrund der Notbremse auch eine rote vertretbar gewesen wäre. Das erzürnte zwar die Krautdorfer, die nun einen Spieler weniger hatten, weil ihr Stürmer mit Verdacht auf Schlüsselbeinbruch benommen vom Platz geführt wurde, aber dafür erhielten sie einen Freistoß in aussichtsreicher Position. Klosterbach beorderte mit hektisch rudernden Armen Fredi Jaspers nach hinten in die Mauer, obwohl dessen Aufgabe als Mittelstürmer normalerweise darin bestand, ganz vorn auf Bälle zu warten, die niemals kamen. Zu dritt stand er nun dort mit Borowka und Spargel und wartete mit den Händen vor dem Unterleib auf den Freistoß. Als der Krautdorfer Spieler Anlauf nahm, entdeckte Fredi eine Mücke auf seinem linken Unterarm, die er mit seiner Hand verscheuchen wollte, und so kam es, dass eine Verkettung unglücklicher Umstände zu einem folgenschweren Unfall führte. Der mit Vollspann und voller Wucht getretene Ball landete direkt im ungeschützten Genitalbereich von Fredi Jaspers, der mit weit aufgerissenen Augen zu Boden ging. Die Schmerzen, die seinen Körper fluteten, waren kaum zu ertragen. Er schnappte verzweifelt nach Luft und wälzte sich stöhnend auf dem Boden hin und her. Borowka zögerte nicht lang und machte das, was ein guter Freund in einer solchen Situation macht. Er ging auf den Schützen zu und zertrümmerte ihm mit einem trockenen rechten Haken das Nasenbein.

Nun brachen alle Dämme im Stadion am Saffelbach. Die Zuschauer stürmten das Feld und es entwickelte sich eine wüste Schlägerei, die das Schiedsrichtergespann diesmal nur mit allergrößter Mühe wieder in den Griff bekam. Eine rote Karte und mehrere Stadionverweise später raufte Karl-Heinz Klosterbach sich das schüttere Haar ob der wieder einmal verpassten Chance auf einen historischen Sieg. Das Spiel wurde beendet, weil Saffelen nach der roten Karte und der schweren Verletzung von Fredi nur noch über sechs Spieler verfügte, was laut Reglement zum sofortigen Spielabbruch führt. Die Niederlage am grünen Tisch war damit besiegelt. Fredi Jaspers lag keuchend neben der Trainerbank und sprühte sich unentwegt Eisspray in die Hose.

„Wie geht es dir?“, fragte Borowka besorgt, als er dazukam. Er sah aus wie ein Krieger, der aus der Schlacht heimkehrt, denn sein Trikot war voller Blutflecken.

„Meine Fresse, tut das weh!“, keuchte Fredi, immer noch nach Atem ringend. „Meine Nüsse sind schon so dick wie Straußeneier und dunkelblau. Und das Scheiß-Eisspray ist alle.“

Borowka riskierte einen vorsichtigen Blick auf Fredis Gemächt und verzog angewidert das Gesicht. „Das sieht wirklich nicht gut aus. Komm, ich fahr dich mal besser im Krankenhaus.“

Fredi nickte.

Das Heinsberger Krankenhaus war gute 20 Kilometer entfernt. Während Borowka mit einem Affenzahn über die Landstraße raste, hatte Fredi sich den Beifahrersitz ganz heruntergedreht und presste beide Hände in der Hose fest auf seine Hoden. „Wenn uns jetzt einer anhält“, dachte Borowka und gab noch ein bisschen mehr Gas.

Das Ortsschild von Heinsberg war schon in Sichtweite, als Fredi fürchterlich aufstöhnte. Eine Bodenwelle hatte ihn voll erwischt und erneut blieb ihm die Luft weg. „Wie weit ist es noch? Ich halt es nicht mehr aus ohne Eis“, rief er.

Borowkas Augen irrlichterten wild herum und erspähten plötzlich auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen schicken Landgasthof, den er bislang noch nie besucht hatte. Wozu auch, sie hatten ja schließlich in Saffelen den Grill-Container. Nun aber konnte das Restaurant ihre Rettung sein. Borowka stieg voll in die Eisen, der Wagen brach hinten aus und schleuderte quer über die Straße auf den Parkplatz des Gasthofs, wo er mit einer Vollbremsung direkt vor dem Eingang zum Stehen kam. Kies spritzte gegen die anderen Autos, die dort geparkt waren.

Borowka sprang aus dem Auto und rief Fredi zu: „Halt durch, ich hol dir was Eis.“ Dann spurtete er ins Restaurant und sah sich im Eingangsbereich hektisch um. Von innen sah das Lokal sogar noch besser aus als von außen. Die Einrichtung war stilvoll und modern. Aus den versteckten Lautsprechern an der Decke rieselte angenehme Klaviermusik und leises Gemurmel erfüllte den erstaunlich gut gefüllten, großen Raum, der durch seine verschachtelten Sitzecken und die dezente Dekoration ausgesprochen gemütlich wirkte. Borowka zuckte zusammen, als er von hinten angesprochen wurde:

„Guten Abend, haben Sie reserviert?“

Er drehte sich um und erblickte einen gepflegten, jungen Mann in einer Art Smoking. Sein Haar war mit viel Gel nach hinten gestrichen und der Rücken durchgedrückt. Über seinen Arm hatte er eine weiße Serviette gelegt.

„Öhm, nee“, stotterte Borowka leicht eingeschüchtert, „ich bräuchte aber ganz dringend für ein Notfall ganz viele Eiswürfel. Kann ich die bei Sie kaufen?“

Der Kellner verzog keine Miene und antwortete freundlich: „Nein, die müssen Sie nicht kaufen. Ich gebe Ihnen gerne welche mit. Warten Sie bitte hier, dann pack ich Ihnen etwas in eine Tüte.“

„Danke“, sagte Borowka, während der Mann im Smoking in der Küche verschwand.

„Ich wusste gar nicht, was es hier für schicke Läden gibt“, dachte Borowka, während er sich umsah. Plötzlich blieb sein Blick an einem Tisch hängen. Er rieb sich kurz seine Augen, weil er ihnen nicht traute. Aber es stimmte. Fredis Freundin Sabrina saß zwischen drei Anzugträgern und hielt lachend ein Glas Champagner in die Höhe. Die Männer taten es ihr nach und stießen gemeinsam in der Luft an. Sabrina trug ein elegantes Abendkleid und ein diesmal recht auffälliges Make-up. Vor allem die vollen roten Lippen stachen ins Auge. Sie war eingerahmt von zwei attraktiven Männern, ungefähr Mitte dreißig, von denen einer ständig ihren Arm tätschelte und sie mit einem besonders breiten und weißen Lächeln anhimmelte. Der Mann, der ihr gegenüber saß, war nicht zu erkennen, es schien sich aber um einen etwas älteren Herrn zu handeln, denn er hatte einen grauen Haarkranz.

Verstohlen blickte Borowka sich um und zog dann sein Handy aus der Tasche. Heimlich machte er ein paar Fotos von der Szene, als der Kellner plötzlich wieder wie aus dem Nichts auftauchte.

„Hier bitte, Ihr Eis.“ Borowka zuckte erneut heftig zusammen. Das lautlose Anschleichen von hinten gehörte hier offensichtlich zur Grundausbildung. Immerhin hatte der Mann bestimmt ein halbes Kilo zerstoßenes Eis in eine durchsichtige Tüte gepackt und fein säuberlich mit einem Clip verschlossen. Borowka bedankte sich und ging zurück zum Auto, wo sich Fredi voller Dankbarkeit sofort den ganzen Beutel vorn in die Sporthose stopfte und erleichtert aufatmete. „Das sollte jetzt bis zum Krankenhaus reichen“, sagte Borowka und ließ den Motor wieder aufheulen.

Der Plan
6
Mittwoch, 26. Juli, 8.06 Uhr

Peter Kleinheinz fuhr hoch. Er wirbelte herum und griff blitzschnell zu seiner Dienstwaffe, einer SIG Sauer P225, die neben ihm im Schulterholster an einem Stuhl hing. Während er sie im Anschlag hielt, suchte sein Blick den Raum ab. Der Kommissar schüttelte sich kurz und realisierte nach und nach, dass er einfach nur aus einem tiefen Schlaf hochgeschreckt war. Er saß senkrecht im Bett seines Gästezimmers auf dem Hof der Hastenraths. Von unten aus dem Flur drang höllischer Lärm nach oben. Jetzt, da er wieder bei Sinnen war, konnte er die Quelle des Getöses schnell zuordnen. Jemand hatte die schrille Haustürklingel etwas länger als nötig gedrückt, anschließend war Knuffi mit seinem nervigen Gekläffe dazugekommen und kurz danach hatte sich aus der Ferne auch noch Hofhund Attilas tiefes Bellen unter die Klangcollage gemischt. Alles zusammen erinnerte akustisch an einen unkoordinierten Indianerüberfall.

Kleinheinz streckte sich und gähnte laut. Ein leichter Kopfschmerz pochte hinter seiner Stirn. Er war gestern entgegen seiner Planung erst sehr spät auf dem Hof eingetroffen, da er, nachdem er die letzten Formalitäten in Roermond erledigt hatte, noch seinen ehemaligen Kollegen bei der Heinsberger Polizei einen Besuch abgestattet hatte. Sein früherer Chef, Direktionsleiter Kriminalität August Pimpertz, hatte anschließend darauf bestanden, ihn zum Essen einzuladen. Und so war die Sonne schon untergegangen, als er in Saffelen eingetroffen war. Walter hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon auf sein Zimmer zurückgezogen, aber Will, der normalerweise kein Freund übertriebener Gastfreundlichkeit war, hatte noch auf einen Absacker bestanden. Natürlich war damit der gute alte „Saffelener Höllentropfen“ gemeint, jener berüchtigte, selbst aufgesetzte Rhabarberschnaps, den Schlömer Karl-Heinz illegal in seinem Gartenhäuschen brannte. Und natürlich war das nicht ohne Folgen geblieben. Sternhagelvoll waren beide gegen ein Uhr nachts auf ihre Zimmer gewankt. Immerhin hatte der Höllentropfen für einen sehr tiefen, traumlosen Schlaf gesorgt – jedenfalls so lange, bis Knuffi ins Spiel kam.

Kleinheinz machte sich kurz frisch in dem kleinen Bad, das sich im Nebenraum befand. Er schlüpfte in seine Jeans, streifte sein T-Shirt über und ging beschwingt die Treppe hinunter. Im Flur lief ihm Will über den Weg, der gerade vier übereinandergestapelte Schuhkartons ins Wohnzimmer trug. Kleinheinz folgte ihm.

Auf dem Dreiersofa in der Mitte des Raums saß ein gepflegter Mann mit akkuratem Kurzhaarschnitt und einem weißen Poloshirt von Lacoste. Vor sich auf dem Tisch hatte er jede Menge Ordner und Unterlagen ausgebreitet. Daneben stand ein aufgeklappter Laptop.

Will stellte die Schuhkartons auf dem Boden ab und sagte zu dem Mann: „Das ist alles, was ich an Unterlagen hab.“

Der Mann zog eine Augenbraue hoch. Dann wanderte sein Blick von den Kartons hinüber zu Kleinheinz. „Hmm. Ist das einer Ihrer Mitarbeiter? Dann hätte ich an den auch noch ein paar Fragen.“

Will sah sich irritiert um und schien den Kommissar erst jetzt wahrzunehmen. „Was? Nein, das ist kein Mitarbeiter, das ist ein Hausgast.“

Der Mann mit dem Poloshirt musterte Kleinheinz mit stechendem Blick und setzte nach. „Aha, ein Gast? Interessant. Das heißt, Sie vermieten hier Zimmer und erzielen Vermietungseinkünfte? Haben Sie nicht gestern noch behauptet, Ihre Pension sei nie eröffnet worden?“

„Ich, äh, natürlich, also …“, stammelte Will.

Kleinheinz sprang ihm zur Seite und reichte dem Mann auf der Couch die Hand. „Hauptkommissar Kleinheinz vom Landeskriminalamt. Guten Morgen. Ich bin weder ein Mitarbeiter noch ein Gast, sondern nur ein guter Freund der Familie. Ich sehe hier ab und zu nach dem Rechten. Und wer sind Sie?“

Nun wirkte der Mann selbst ein wenig verunsichert und antwortete mit weit weniger schneidender Stimme als zuvor: „Äh, Steueroberinspektor Wilfried Nollmann vom Finanzamt Geilenkirchen. Ich führe hier in den Räumlichkeiten von Herrn Hastenrath eine Außenprüfung durch. Das hat alles seine Richtigkeit.“

„Dann kann ich meine Waffe ja stecken lassen“, scherzte Kleinheinz und fügte, an Will gewandt, hinzu: „Ich bin dann mal nebenan.“

Will nickte. „Ja, gute Idee. Ich komm gleich nach. Marlene ist Frühstück am machen.“

Der Kommissar verließ das Wohnzimmer und ging in die Küche. Als Marlene, die gerade eine riesige Wurstplatte auf dem Tisch platzierte, ihn erblickte, schlug sie verzückt die Hände vors Gesicht.

„Peter! Ich freu mich so, dass du da bist. Gestern Abend war ja leider alles nur so zwischen Tür und Angel. Mein Gott, toll siehst du aus.“ Ihr Blick blieb kurz an seinem athletischen Oberkörper mit dem Sixpack hängen, der sich unter dem hautengen T-Shirt abmalte, bevor sie ihm entgegenlief und ihn so heftig umarmte, dass er fürchtete, mehrere Wirbel könnten ihm herausspringen.

Als sie wieder von ihm abließ, fragte sie neugierig: „Sag mal, was ist das für ein toller Auto, mit dem du da bist? Hast du im Lotto gewonnen?“

Kleinheinz grinste. „Du meinst den Jaguar F-Type Coupé in Olympic Gold, der draußen auf dem Hof steht?“

Marlene nickte mit offenem Mund und der Kommissar fuhr nonchalant fort: „Nein, leider bin ich nicht zu Reichtum gekommen. Ich habe nur letzte Woche bei einem etwas waghalsigen Manöver meinen Dienstwagen zerlegt. Und solange der in Reparatur ist, konnte ich mir diesen schicken Wagen aus unserem Asservatenraum aussuchen. Das ist ein sogenannter Einziehungsgegenstand. Der hat mal einem Großkriminellen gehört und ist vor ein paar Monaten sichergestellt worden. Fährt sich aber recht angenehm.“

„Du bist mir einer“, rief Marlene fröhlich kopfschüttelnd und schob ihn dabei sanft in Richtung Eckbank, „aber jetzt setz dich erst mal hin und ess was. Du brauchst dringend was auf die Rippen.“

Kleinheinz‘ Blick wanderte ans Ende der Bank, wo der Mann ohne Gedächtnis saß. Marlene schlug sich verlegen mit der flachen Hand auf die Stirn. „Ach, wie unhöflich von mir. Darf ich erst mal vorstellen? Peter, das ist Walter. Walter, das ist der Kommissar, von dem wir dir erzählt haben. Der Mann, der dir vielleicht helfen kann.“

Walter erhob sich und reichte Kleinheinz seine Hand. „Sehr erfreut.“

Kleinheinz setzte sich ihm gegenüber an den Tisch und sagte: „Herr Hastenrath hat mir gestern Abend schon von den Umständen erzählt, unter denen Sie sich kennengelernt haben. Ein wirklich interessanter Fall. Haben Sie sich mittlerweile an irgendwas erinnern können?“

Walter schüttelte den Kopf. „Nein, leider an gar nichts. Jedenfalls an nichts vor der Mistgabel-Attacke.“

Marlene, die sich ebenfalls dazugesetzt hatte, schaute beschämt zu Boden.

Kleinheinz strich sich über sein leicht stoppeliges Kinn. „Wir hatten mal einen ähnlichen Fall bei uns in Frankfurt. Und gestern hab ich mich mit ein paar Kollegen von der Dienststelle Heinsberg unterhalten. Wir sind der Meinung, dass eine Öffentlichkeitsfahndung den größten Erfolg verspricht. Irgendwo muss es ja jemanden geben, der Sie erkennt. Wären Sie dazu bereit?“

Walter sah ihn mit seinen großen, braunen Augen an und nickte eifrig mit dem Kopf. „Wir sollten alles unternehmen, was möglich ist. Ich bin völlig verzweifelt. Ich habe die ganze Nacht wachgelegen und versucht, mich zu erinnern. Aber da ist nichts, nur ein riesiges schwarzes Loch. Wie würde so eine Fahndung denn ablaufen?“

„Wir würden eine Profil- und eine Frontalaufnahme und eine kurze Personenbeschreibung von Ihnen als Pressemitteilung in allen Medien veröffentlichen, sprich Print, Fernsehen, Internet, aber auch als Aushänge in Geschäften – das volle Programm. Bei der Polizeibehörde wird gleichzeitig eine Hotline eingerichtet, wo wir die Hinweise sammeln. Wenn Sie von irgendwo hier aus dem näheren Umkreis stammen, dann wird Sie früher oder später jemand erkennen. Meistens geht das sehr schnell, sobald wir an die Öffentlichkeit gehen.“

„Das hört sich gut an“, murmelte Walter und rührte nachdenklich in seinem Kaffee.

„Er wird von Tag zu Tag trübsinniger“, dachte Marlene, als sie ihn so ansah.

Plötzlich betrat Will die Küche. An seinem Hals hatten sich rote Flecken gebildet. Mit seinem großen Stofftaschentuch wischte er sich Schweißtropfen von der Stirn. Er stieß einen tiefen Seufzer aus, bevor er mit gedämpfter Stimme sprach: „Der macht mich fertig, der Mann.“

„Was ist denn nur los?“, fragte Kleinheinz.

Will legte den Finger auf seine Lippen und schloss erst mal die Küchentür hinter sich. Dann flüsterte er so leise, dass die anderen ihre Köpfe vorstrecken mussten, um ihn überhaupt zu verstehen: „Der macht eine Betriebsprüfung und hat mir gestern schon zu verstehen gegeben, dass ich mit eine dicke Nachzahlung rechnen muss.“

„Oh, das ist nicht gut. Was sagt denn dein Steuerberater dazu?“, fragte Kleinheinz.

„Welcher Steuerberater?“, antwortete Will überrascht. „Als wenn ich solche Halsabschneider mein Geld in der Rachen werf! Ich bin die letzten Jahre immer bloß geschätzt worden, aber angeblich zu niedrig.“

Kleinheinz kratzte sich an der Schläfe. „Wie geschätzt? Wo gibt es denn so was? Musst du keine Steuererklärung abgeben?“

Will zuckte mit den Schultern.

Plötzlich schaltete sich Walter ins Gespräch ein: „Das kann schon sein. Ich vermute mal, dass der Herr Hastenrath nach Durchschnittssätzen besteuert wird. Dann ist das hier vermutlich ein sogenannter 13a-Betrieb. Für kleine landwirtschaftliche Betriebe besteht nicht zwingend eine Buchführungspflicht. Wenn sie gewisse Voraussetzungen erfüllen, kann die Gewinnermittlung auch mit Durchschnittssätzen nach §13a Einkommensteuergesetz erfolgen. Das kann große Vorteile haben für kleine Betriebe, wenn einzelne Gewinnkomponenten nach einem pauschalen Verfahren festgesetzt werden.“

Drei Augenpaare starrten Walter überrascht an. Und auch er wunderte sich über die Worte, die aus seinem Mund gekommen waren. „Wow“, sagte er, „ich glaube, ich kenne mich damit aus.“

Kleinheinz verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte breit. „Ich finde das unglaublich faszinierend. Wahrscheinlich sind Sie Steuerberater oder Finanzbeamter. Ich merke schon: Wir kommen der Sache langsam näher!“

Walter schaute den verzweifelten Will an, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: „Wenn du willst, schau ich mir das gerne mal an.“

Das Missverständnis
7
Mittwoch 26. Juli, 8.06 Uhr

Es war jeden Morgen das gleiche. Sobald Richard Borowka das Autohaus Oellers betrat, fühlte er sich schuldig. Und das schon seit über 20 Jahren. So lange arbeitete er bereits in der Werkstatt. In dieser Zeit hatte er sich ein dickes Fell zugelegt, sodass er die täglichen Erniedrigungen seines stets unzufriedenen Chefs Heribert Oellers nicht mehr allzu nah an sich heranließ. Er hatte viele Mitarbeiter in Werkstatt und Büro kommen und vor allem gehen sehen, die meisten lange vor Ablauf der Probezeit. Er und Fredi Jaspers gehörten zu den dienstältesten Mitarbeitern, wobei Fredi ein wenig höher in der Gunst des Chefs stand, da er als Büroleiter wesentlich unverzichtbarer war als die Schrauber in der Werkstatt. Vor allem, da das Büro streng genommen ohnehin nur aus ihm und Fräulein Regina bestand, deren Hauptaufgabe allerdings weniger operativer als eher dekorativer Natur war. Sie war seit jeher als Eyecatcher im Eingangsbereich hinter einer halbrunden Theke platziert. Gemäß Oellers‘ Firmenphilosophie sollte sie die meist männliche Klientel anlocken und vor allem ablenken von den versteckten Mängeln an den angebotenen Gebrauchtwagen. Immer wenn Oellers seinen Kunden Autos präsentierte, die weniger gut kaschierte Schäden aufwiesen, wurde er dabei von Fräulein Regina begleitet, die ein wichtiges Klemmbrett mit Blättern trug, auf denen wahlweise nichts oder unleserliche Kritzeleien und Kringel standen. Sobald der Kunde Bedenken anmeldete und mit dem Kauf haderte, ließ Oellers einen Stift fallen, den Fräulein Regina aufreizend langsam aufhob mit ihrem zum Hochrutschen neigenden Minirock. Fräulein Regina fungierte quasi als fleischgewordene Nebelkerze. Der Erfolg gab Oellers recht und Fräulein Regina eine Jobgarantie. Sie dankte es ihm, indem sie ihren Körper gewissenhaft pflegte und in Form hielt, meist während der Arbeitszeit. Falsche Wimpern, lange Fingernägel, aufgespritzte Lippen und Extensions gehörten bei ihr zur Serienausstattung und auch der üppige Busen wurde regelmäßig zum Wohl der Kunden mit hervorblitzenden Spitzen-BHs zur Geltung gebracht. Und so thronte sie von morgens bis abends hinter dem großen Empfangstresen, direkt gegenüber der Eingangstür. Der Stuhl, auf dem sie saß, war immer so hochgedreht, dass man nicht nur ihr prall gefülltes Dekolleté, sondern stets auch ihre kunstvoll übereinandergeschlagenen Beine sehen konnte.

Als Borowka an diesem Morgen an die Theke trat, war Regina gerade wieder mit einer ihrer Kernkompetenzen beschäftigt: Sie feilte ihre Nägel. Gelangweilt sagte sie: „Na, Richard. Was ist denn mit dir los? Du siehst ja total kaputt aus.“

„Kein Wunder“, antwortete Borowka, „ich hab ja auch eine heiße Nacht hinter mir.“

Regina legte die Nagelfeile aus der Hand und sah ihn mit ihren großen, aufwendig geschminkten Augen an. Jetzt schien ihr Interesse geweckt. „Ach was?“, flötete sie und klimperte dabei mit den Wimpern. „Eine heiße Nacht? Du meinst …“

„Ja, genau – Schlafzimmer im Dachgeschoss.“

Regina verdrehte die Augen und feilte weiter. „Außerdem bin ich total gestresst“, fuhr Borowka fort und wedelte dabei mit einem gelben Schein. „Ich musste der Fredi heute Morgen um sieben Uhr zu Dr. Hoppe fahren, weil der sich nicht bewegen kann. Der ist nämlich schwer verletzt.“

„Wie bitte?“ Regina ließ entsetzt die Feile fallen. „Heißt das, dass ich heute der ganze Tag am Telefon gehen muss?“

„Nicht nur heute“, erwiderte Borowka mit kaum verhohlener Schadenfreude. „Der Dr. Hoppe meint, das wird noch was länger dauern. Ich bring dem Alten mal die Krankmeldung rein.“

Schnurstracks ging Borowka auf das Büro von Heribert Oellers zu und passierte dabei den mit Ordnern, Katalogen und Rechnungen zugepflasterten Schreibtisch von Fredi Jaspers. Durch die geschlossene Tür hörte er Oellers bereits mit lauter Stimme palavern. Er klopfte kurz an und betrat dann einfach das Büro, da Heribert Oellers nicht zu Höflichkeiten wie „Herein“-Rufen neigte.

Als Borowka eintrat, sah und vor allem hörte er, dass sein Chef gerade ein engagiertes telefonisches Kundengespräch führte. Mit knallrotem Kopf brüllte er in den Hörer: „Dann rufen Sie doch Ihr Anwalt an! Wenn der genauso ein Blödspaten ist wie Sie, dann aber gute Nacht … Ja, selber Arschloch!“ Er schmiss den Hörer auf die Gabel und blickte von seinem wuchtigen Schreibtisch auf. „Und was kann ich für dich tun? Haben se dich wieder geschickt, für Ersatzluftblasen für die Wasserwaage zu holen?“

Borowka musste lachen. „Nee, Quatsch, Chef. Das weiß ich ja mittlerweile, dass es die nicht gibt. Genauso wenig wie die Wasserstrahlbiegezange und die Unterputzfräse.“

„Komm aufen Punkt, Junge, oder meinst du, ich bezahl dich dafür, dass du mich hier in die Bewusstlosigkeit quatschst? Dafür ist dein Frisör zuständig. Wo du übrigens auch mal wieder hingehen könntest. Du siehst aus wie ein zerrupftes Perückenschaf, das se auf der Weide zurückgelassen haben zum Sterben, weil es so hässlich ist. Hat dir eigentlich noch keiner verraten, dass deine Frisur schon seit die 90er-Jahre ausgestorben ist?“

„Also, Rita gefällt es. Die sagt immer, von hinten seh ich aus wie dieser eine Filmstar. Wie heißt der noch? Der mit die blonden Haare, der hat mitgespielt in …“

Oellers sprang auf und stützte sich mit den Händen auf dem Tisch ab. Sein Tonfall wurde barscher: „Sag mal, was genau hast du an der Satz ,Komm aufen Punkt‘ nicht verstanden?“

„Ach ja, klar, ‘tschuldigung“, beschwichtigte Borowka und kramte aus der kleinen Tasche, die sich oben an seiner Arbeitslatzhose befand, den gelben Krankenschein hervor, den er dort hineingestopft hatte, nachdem er ihn Regina gezeigt hatte.

Als Oellers mit geschultem Auge sofort erkannte, um was für ein Dokument es sich handelte, begann seine Halsschlagader zu pochen und seine Gesichtsfarbe wechselte augenblicklich zu puterrot. Sein Adamsapfel sprang wild auf und ab, als er losbrüllte: „Jetzt reicht es mir aber, du mieser, kleiner Grottenolm. Ich steck dir jetzt auf der Stelle mein Regenschirm im Hintern und spann den auf. Dich haben se ja wohl mit der Hammer getauft. Kommst hier rein mit ein gelber Schein, obwohl du das letzte halbe Jahr öfters krankgeschrieben warst wie die Deutsche Bahn Verspätung hat …“

„Nee, Moment …“ wollte Borowka dazwischengehen, aber Oellers hatte sich bereits in Rage geredet.

„Ich bin noch nicht fertig, Kartoffelnase, oder hat einer die Null gewählt, dass du dich meldest? Du dämlicher Idiot. Ach, was sag ich? Dich als Idiot zu bezeichnen, ist eine Beleidigung für alle dummen Menschen auf dieser Welt. Wenn Doofheit ein Verbrechen wär, dann hättest du lebenslänglich mit Sicherungsverwahrung. Wie kann man nur so dreist sein? Langsam glaub ich wirklich, dass deine Eltern Chemiker waren. Du musst doch ein Versuch gewesen sein. Du bist echt was Besonderes. Und zwar ein besonders großes Arschloch!“

Oellers hielt kurz inne und riss die Schublade an seinem Schreibtisch auf. Für einen kurzen Moment glaubte Borowka ernsthaft, er würde dort einen Revolver herausziehen, um ihn zu erschießen, aber es handelte sich nur um ein Pillendöschen. Hektisch warf Oellers sich drei kleine rote Tabletten in den Mund und spülte sie mit einem Glas abgestandener Cola runter, das auf dem Tisch stand. Diesen kurzen Moment der inneren Einkehr nutzte Borowka und rief:

„Das ist ein Missverständnis, Chef. Ich bin kerngesund. Die Krankschreibung ist von der Fredi.“

Oellers starrte ihn überrascht an, blieb aber dennoch wie ein Gorillamännchen in Angriffshaltung mit seinen auf den Tisch gestützten Armen stehen. Leicht irritiert entgegnete er: „Wie, Fredi? Der feiert doch so gut wie nie krank.“

„Das ist richtig. Aber gestern beim Spiel gegen Krautdorf hat es ihn ziemlich übel erwischt.“

„Kreuzbandriss?“

„Schlimmer!“

„Schien- und Wadenbeinbruch?“

„Schlimmer!“

„Syndesmösenriss?“

„Noch schlimmer!“

„Sag mal, bin ich hier bei ,Der große Preis‘ oder was? Sag mir jetzt sofort, was der Trottel hat, sonst hau ich dir der Kopf auf den Rücken, dass du aussem Rucksack fressen kannst“, platzte es aus Oellers heraus und Borowka wiegelte erschrocken mit beiden Armen ab.

„Ist ja gut. Also, der hat beim Freistoß der Ball … also der stand genau in die Schusslinie … und wollte gerade eine Mücke verscheuchen … und der Ball ging … wie soll ich das sagen … direkt unter die Latte.“

Oellers ließ sich matt in seinen schweren Ledersessel fallen. „Ach du Scheiße. Der hat ein Ball in die Eier bekommen?!“

„Öh, ja, so kann man das auch sagen. Ich bin direkt mit dem im Krankenhaus gefahren. Der hat eine schwere Hodenprellung. Der sagte eben noch, die Dinger sind so groß wie Kokosnüsse und total blau angelaufen. Der kann weder sitzen noch liegen und braucht starke Schmerzmittel. Ich war eben bei der Dr. Hoppe und der hat dem so ein Hodenbänkchen verschrieben. Der muss das alles da unten jetzt hochlegen, damit das Blut zurückfließen kann, weil durch die Schwellung …“

„Erspar mir bitte die Details“, unterbrach Oellers ihn angewidert, „Hodenbänkchen! Wenn ich so was schon hör. Wobei ich mich schon wundern muss, dass der Fredi sich so eine Verletzung überhaupt zuziehen konnte. Ich dachte bisher immer, der hat überhaupt keine Eier. Haha.“ Er musste so laut über seinen eigenen Witz lachen, dass er ins Husten geriet und kleine Speichelfontänen auf den Schreibtisch spritzten.

Borowka lachte kurz aus Verlegenheit mit und sagte dann: „Das ist ganz schön hart für der Fredi. Der und dem seine Freundin wollen doch unbedingt ein Kind haben. Und der Arzt im Krankenhaus hat gesagt, dass der mindestens die nächsten sechs Wochen kein Sex haben darf. Die Sabrina ist total ausgeflippt deswegen.“

„Ach, die Trulla soll doch froh sein. Wo kämen wir denn hin, wenn solche Pfeifen wie der Fredi sich auch noch vermehren würden? Aber ich hab ja schon immer für dem gesagt, der soll das Fußballspielen drangeben. Wenn ich den immer über der Platz stolpern seh! Da denk ich jedes Mal, der hätte mit ein Storch gepokert und dabei die Beine gewonnen. Welches Arschloch von die Krautdorfer war das denn, der der Fredi der Ball im Klingelbeutel geschossen hat?“

„Manni Schröders. Der Sohn von Schröders Leo, der das kleine Reisebüro in Süsterseel hat, das letztes Jahr pleite gegangen ist.“ „Ach, der alte Verbrecher. Hat der Manni sich denn entschuldigt?“

„Ja, ja“, sagte Borowka, „das ist alles geklärt. Wir haben der Manni ja anschließend im Krankenhaus getroffen. Der war ja auch verletzt. Der hatte sich beim Zweikampf die Nase gebrochen … mehrfach.“

„Oh, da ist es aber hoch hergegangen.“

„Pokalfight halt.“ Oellers sah auf seine dicke goldene Uhr, die er mal günstig im Türkeiurlaub am Strand erstanden hatte, und sagte: „So, genug geplaudert. Ab an die Arbeit. Im Hof steht ein Zitrön Saxo, der braucht ein neuer Auspuff. Guck mal in unsere Altmetalltonne. Ich mein, da müsste noch einer drinliegen, den du passend kloppen könntest. Mach ein bisschen Montagepaste auf die Löcher, dann müsste das gehen.“

„Ja, mach ich, aber …“, druckste Borowka herum, „aber ich müsste vorher noch mal eben nach die Apotheke und nach dem Sanitätshaus, für der Fredi was Salbe und das Hodenbänkchen abzuholen. Der arme Kerl kann sich ja überhaupt nicht bewegen im Moment.“

Oellers holte tief Luft, atmetet dann aber wieder flach aus. Wie er es mal in einem Führungskräfteseminar von Fiat gelernt hatte, versuchte er, seine erneut in ihm aufsteigende Wut zu kontrollieren. Er war zwar sauer, dass Borowka sich wieder aus dem Staub machen wollte, andererseits war ihm natürlich daran gelegen, dass Fredi so schnell wie möglich wieder einsatzfähig wurde. Und so zügelte er sich und reagierte ungewohnt verständnisvoll: „Das verstehe ich natürlich. Aber wieso musst du das denn machen? Was ist denn mit die komische Olle von der Fredi?“

„Die kann nicht. Die muss arbeiten“, sagte Borowka, ohne sich der Konsequenz seiner Worte bewusst zu sein.

„Ja und du? Was musst du?“ Oellers schoss wieder aus seinem Sessel hoch. „Ich raste hier gleich komplett aus. Das Sanitätshaus ist in Heinsberg. Das dauert doch ewig, bis du zurück bist.“

„Ach, ich sag mal, höchstens anderthalb Stündchen.“

„Ich geb dir gleich anderthalb Stündchen, du Pimmelotter“, gab Oellers zurück, während sich die Zornesfalte auf seiner Stirn bedrohlich zusammenzog. „Ich guck jetzt hier auf meine original Rolex-Uhr. Wenn du nicht in exakt 45 Minuten wieder zurück bist, dann lass ich dich die Mopedkette abschmecken. Haben wir uns verstanden?“

Borowka nickte versteinert. Oellers musterte ihn und fügte hinzu: „Was ist los? Wartest du auf der Bus?“

Borowka rannte los. Der Countdown lief.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
224 s. 7 illüstrasyon
ISBN:
9783947365012
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