Kitabı oku: «Unerhörte Nachrichten»

Yazı tipi:

Christian Lorenz Müller

Unerhörte Nachrichten

Roman


Die Drucklegung dieses Buches

wurde gefördert durch die Kulturabteilungen

von Stadt und Land Salzburg.


www.omvs.at

ISBN 978-3-7013-1281-8

eISBN 978-3-7013-6281-3

© 2020 OTTO MÜLLER VERLAG SALZBURG-WIEN

Alle Rechte vorbehalten

Satz: Media Design: Rizner.at

Umschlaggestaltung: Leopold Fellinger

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Danksagung

„Und wäre es nicht denkbar, fuhr Austerlitz fort, dass wir auch in der Vergangenheit, in dem, was schon gewesen und größtenteils ausgelöscht ist, Verabredungen haben und dort Orte und Personen aufsuchen müssen, die, quasi jenseits der Zeit, in einem Zusammenhang stehen mit uns?“

W.G. Sebald, Austerlitz

1

Es gibt keine Leitungen, es gibt nur diese Kratzer über der Kreuzung. Wer an der Haltestelle steht und kurz hinauf in den Himmel schaut, sieht ein wirr zerschrammtes Blau. Allein wer die Stromabnehmer der zufahrenden Busse im Blick hat, kann die parallel verlaufenden Ritzen und Riefen erkennen, die Scharten und Schrunden. Wenn der Abend kommt, wird vieles deutlicher. Blenden die Autos ihre Scheinwerfer auf, schimmern die Kratzer plötzlich blank in der Dämmerung. Dann wird eine Ordnung erkennbar, dann wird es leichter, den Schrammen zu folgen, weg vom betriebsamen Platz, hinein in die Nacht.

Prähausner stieg in den O-Bus und setzte sich an einen Platz am Fenster, der gerade frei geworden war. Das Fahrzeug ruckte an, dann blieb es wieder stehen. Durch die Hintertür, die sich noch einmal zischend öffnete, drängelten etliche Mädchen in Franzis Alter herein. Ganz in der Nähe des Redakteurs sammelten sie sich mit Gekicher im Gang. Sie griffen nach den Halteschlaufen und schwankten übertrieben stark hin und her, als der Bus endgültig anfuhr. Parfumgeruch süßelte durch das Fahrzeug. Prähausner, der noch immer Herthas hysterische Stimme im Ohr hatte, fragte sich, ob eines der Mädchen schon einmal im Piercing-Studio gewesen war. „Nasenringe! Sie hat sich nicht die Ohrläppchen durchstechen lassen, sondern die Nasenflügel. Beide!“ Herthas Stimme war aus Prähausners Telefon geschrillt, als er auf dem Weg zur Bushaltestelle gewesen war. Die teuren Ringe, die er seiner Tochter zum letzten Geburtstag geschenkt hatte, silberten nun also nicht an ihren Ohren, sondern mitten in ihrem Gesicht. Er verspürte Verständnis für Hertha, das erste Mal seit Langem – trotz ihrer Überzeugung, ihn, ihn ganz allein als den Schuldigen für die Zerstörung der Stupsnase ausgemacht zu haben.

Mit einem Seufzer blickte der Journalist aus dem Fenster. Der Bus hielt eben auf dem Bahnhofsplatz, wo erst am Vortag zwei riesige Zelte zur Erstversorgung aufgebaut worden waren. Zweihundert, dreihundert vornehmlich junge Leute standen wartend davor. Viele von ihnen hatten Flip-Flops an den Füßen und trugen Tüten oder Täschchen in der Hand; sie sahen aus, als hätten sie sich nach Büroschluss spontan dazu entschieden, das ungewöhnlich warme, ja heiße Septemberwetter für einen Ausflug zu nutzen. Nein, hier wollte niemand in die Berge oder an die Seen, hier wollten alle nach Westen, nach Deutschland, doch die Grenze war für Flüchtlinge geschlossen, keine Züge fuhren mehr, keine Busse, und unten in der Tiefgarage des Bahnhofs hockten zweitausend Menschen auf Feldbetten, Isomatten, Decken oder auch nur auf dem nackten Betonboden und warteten, warteten vergeblich darauf, dass sie weiterkonnten, während mit jedem Sonderzug aus Wien ein paar hundert nachrückten.

Ein Transporter des Roten Kreuzes, der mitten auf der Straße hielt, blockierte die Weiterfahrt des Busses. Zwei Männer in warnroten Uniformen stiegen aus. Sie öffneten die Ladetüren, klappten eine Rampe auf den Asphalt und bugsierten mehrere Wägelchen voller großer Kartons ins Freie. Eine der Schachteln stürzte zu Boden. Fächerförmig platzten unzählige weiße Plastiklöffel auf die Straße. Zweitausend Menschen! Ein Artikel über die Einsatzzentralen der Hilfsorganisationen war gewiss keine schlechte Idee, ein Artikel über jene Frauen und Männer, die mit ihrer Logistik dafür sorgten, dass die Flüchtlinge satt wurden und nicht auf den Gehsteigen schlafen mussten.

Prähausner schaute wieder auf die Mädchen, die allesamt ihre blau spiegelnden Smartphones hervorgezogen hatten. Vergeblich versuchte er, einen Blick auf eine der digitalen Pfützen zu werfen in der irrigen Hoffnung, dort die kürzlich online gegangene App der Neuesten Grätzelnachrichten zu sehen, den „regionalen Mehrwert“, wie Hubert die passgenaue Werbung genannt hatte, inklusive. Zum Beispiel jetzt, im Herbst, einen Artikel über die wohltuende Kraft des warmen Wassers. Öffnete jemand den Beitrag, poppte unaufdringlich Thermenwerbung auf. Was Wellness-Anwendungen betraf, war die Grenze nicht geschlossen, man konnte für ein paar Saunagänge hinüber nach Deutschland fahren, aber wer wollte bei diesen Temperaturen schon zusätzlich schwitzen?

Ein paar Passanten eilten herbei und bückten sich nach den Löffeln. Binnen weniger Minuten lagen sie wieder in der Schachtel. Die warnroten Männer stiegen in ihren Transporter, wendeten und fuhren davon. Summend setzte sich der O-Bus in Bewegung.

Der Redakteur stieg zwei Stationen früher aus dem Bus als sonst. Er umrundete eine flussnahe Kreuzung, nein, das war keine Kreuzung mehr, sondern ein riesiger Kreisverkehr mit einem Berg aus Blumen und trocken werdenden Schilfgräsern mittendrin, und er erinnerte sich an den Chef des Gartenamts, den er vor ein paar Jahren auf den Roten Klappstuhl gesetzt und fotografiert hatte. Ein Beitrag über das Gartenamt! Wirklich ruhige Zeiten waren das damals gewesen, derart ruhige Zeiten, dass er fast schon verzweifelt nach griffigen Storys gesucht hatte. Und nun gab es nur noch ein einziges Thema, nun war das Interview mit dem Polizeisprecher bereits im Druck, und morgen landeten die neuen Gratiszeitungen in den Briefkästen, auch die App wurde gerade neu befüllt, aber wie war das eigentlich mit Huberts passgenauer Werbung? Hatte das Rote Kreuz, hatten die Diakonie oder der Samariterbund Inserate geschaltet, in denen um Spenden gebeten wurde? Alleine die Hilfsorganisation ohne Namen, die auf den Bahnsteigen belegte Brote und heißen Tee verteilte, hatte um eine Anzeige gebeten – um eine unbezahlte natürlich. Dass sich das Werbegeschäft so flau entwickelte, war eigentlich kein Wunder: Wer inserierte schon auf einer App namens Grätzel-News? Hubert hatte diesen unmöglichen Namen durchgesetzt, Hubert, der nach beinahe eineinhalb Jahrzehnten in Deutschland plötzlich bei mir in der Redaktion steht, mit einem Gesicht, das mich tief erschreckt, weil es rund um die Augen regelrecht zerknittert ist, zerknittert wie Papier, das jemand voller Wut zerknüllt und nachher wieder glattzustreichen versucht hat, und ich klopfe ihm auf die Schulter und sage, dass er sich überhaupt nicht verändert hat, dass er immer noch so dauerwellenblond ist wie früher, obwohl sich längst Reif in seine Mähne geschlichen hat. Ich überspiele meine Befangenheit und gehe mit ihm auf einen Kaffee, und über einer Mehlspeise und einem Verlängerten beginnt er mir von seiner App zu erzählen, so lange zu erzählen, bis ich das Gefühl habe, dass es ohne nicht mehr geht, nein, bis ich bereit bin, mich „auf die Zukunft einzulassen“, wie er das ausdrückt, während er die Tassen beiseiteschiebt und seinen Laptop aufklappt, um mir die Vorteile seiner Tools zu demonstrieren. Aber eigentlich weiß ich vom ersten Moment an, dass es nicht die Zukunft ist, auf die ich mich einlasse, sondern die Vergangenheit.

Und nun war Huberts Werk endlich online, nun hingen die Neuesten Grätzelnachrichten auf Gedeih und Verderb an einer teuren App, die nur fünf oder sechs Mal am Tag heruntergeladen wurde. Hatte er, Ingo Prähausner, sich wirklich für die Zukunft entschieden, oder war er dabei, seine Zeitung zu ruinieren?

Der Journalist bog in den angenehm kühlen Uferpark ein. Er knisterte durch herabgefallenes Platanenlaub in Richtung Fluss. Ein Kind von drei oder vier Jahren wühlte in den modrig riechenden Blättern; es füllte den Eimer, den seine Mutter hinter ihm hertrug, mit Kastanien, mit Augen, die nassbraun zu Prähausner heraufglotzten, als er nahe an den beiden vorüberging und einen Blick in den Kübel tat.

„Gell, Mama, die Tiere freuen sich. Wenn es kalt ist.“ Der kleine Bub hatte rote Wangen, ob vor Eifer oder wegen seines viel zu dicken Mützchens, ließ sich nicht sagen. Unentwegt bückte er sich, und selten war seine Mühe vergebens.

„Ja, Leopold, wenn es kalt wird, gehen wir in den Wald und bringen sie den Tieren“, sagte die junge Mutter gelangweilt. Sie mochte Mitte dreißig sein und hatte große grüne Augen, mit denen sie Prähausner, der halb schon vorbei war, voll trägen Interesses musterte, alleinerziehend und einsam, überfordert mit ihrer Arbeit und ihrem Buben, der eben heftig auf die Stachelschale einer Kastanie trat, um die Frucht herauszulösen; oder frustriert von der Ereignislosigkeit einer Ehe in einer der nahen Villen. „Es macht mich wahnsinnig, dass du dir dauernd vorstellst, wie etwas sein könnte. Du lebst doch bloß im Konjunktiv“, hörte Prähausner Hertha so deutlich sagen, als stünde sie direkt neben ihm.

Er nickte der jungen Mutter zu. Sie lupfte ihre Mundwinkel zu einem Lächeln, dann fing der Kastaniensammler zu plärren an und Prähausner machte, dass er davonkam. Was stand schon dagegen, sich die Dinge einfach nur auszumalen? Sich zum Beispiel vorzustellen, den Buben in der Minigolfanlage, die in einem verwunschenen Winkel des Parks vor sich hindämmert, mit Ball und Schläger zu versorgen und mit seiner Mutter im Gebüsch zu verschwinden. Aufgehäuftes Laub umknistert ihre Schenkel, als sie sich auf die Erde setzt; die rote Flamme der Erregung im Gesicht, wühlt sie sich in die Blätter, begierig, ihren Buben einmal für zehn Minuten zu vergessen, begierig, sich von mir, einem vollkommen Fremden, mit glührotem Laub überhäufen zu lassen, aufgezehrt zu werden von der Hitze des Augenblicks.

Was stand dagegen, sich auch andere Sachen lediglich vorzustellen, Mord und Totschlag zum Beispiel, Kriege und Genozide oder ganze Völkerschaften, die auf der Flucht waren? Nur wer nicht genug Phantasie, genug Anschauungskraft und Einfühlungsvermögen besaß, war in der Lage, einen Krieg vom Zaun zu brechen, einen Krieg, der hunderttausende von Menschen nach Norden getrieben hatte. Zweitausend von ihnen waren nun am Bahnhof, hier in Prähausners Stadt, und es wurden täglich mehr.

2

Zum vierten Mal hintereinander Mozzarella und Weißbrot. Eigentlich war es an der Zeit, auch einmal etwas anderes einzukaufen, ein Roggensemmerl und Schinken zum Beispiel, und dazu vielleicht Tomaten für einen Salat. Aber Prähausner stand schon zu weit vorne in der Schlange, seine Einkäufe fiepten gerade über den Scanner der Kassa.

Er zahlte und verließ mit den Lebensmitteln in der Hand den Laden. Eben sank die Sonne hinter die Wohnblocks der nahen Siedlung. Eine scharfe Schattenklinge zerschnitt die Zufahrtsstraße, die am Supermarkt vorbeiführte, in zwei beleuchtete Hälften. Die Spitze des dunklen Messers stach in etwas Grellrotes, das vor jenem Altglascontainer lag, in dem er stets seine Flaschen und Marmeladengläser entsorgte – in etwas Grellrotes, wohl in ein Tuch, das neben einer grauen Decke zu Boden gefallen war. Wer nur war in Zeiten wie diesen so nachlässig, eine Decke wegzuwerfen? Seit zwei Wochen durchkramte jeder, der etwas auf sich hielt, seinen Keller, seinen Speicher nach alten Schlafsäcken, Camping- oder Yogamatten, nach Federbetten.

So eine Decke wie sie da drüben lag, sagte sich Prähausner, war gerade gefragt, also würde es gut sein, sie mit in die Wohnung zu nehmen, zu waschen und zu einer Sammelstelle oder gleich zum Bahnhof zu bringen. Kalt blähte sich der Mozzarellabeutel in seiner Hand. Ein leichter Schauder schlich sich über den Rücken des Redakteurs. Nein, dort drüben waren nicht nur eine Decke und ein Tuch, dort war auch noch etwas anderes, etwas unangenehm anderes, etwas, das nicht zwischen diese Wohnblocks passt, zwischen die sauber sanierten Fassaden, die respektvoll Abstand voneinander halten; zwischen die weißen Stämme der Buchen und zwischen die Hecken, die akkurat um die Grundstücksgrenzen ecken. Dort ist etwas, an dem es sich schnell und leicht vorbeigehen lässt; ich kann binnen Minuten Brot und Mozzarella hinter meiner Wohnungstüre in Sicherheit bringen und mir mit einem kühlen Bier in der Hand einen ruhigen Abend gönnen, kann die Füße, die von der Schreibtischfron schon seit Stunden drücken, erleichtert hochlegen und versuchen, nicht daran zu denken, dass dieses Etwas vielleicht irgendwann in der Nacht ans Flussufer kriecht oder in den Park, ich kann mir sagen, dass es nicht von betrunkenen Jugendlichen belästigt, dass es nicht in ein Auto mit getönten Scheiben gezerrt wird, sondern seinen Weg in die Bahnhofsgarage oder in eine andere Notschlafstelle finden wird.

Ich rucke ein paar Schritte in Richtung Decke und Tuch, dann hält es mich wieder an. Mitten auf der Zufahrtsstraße vereinsame ich in Erinnerungen. Ein Gedanke nach dem anderen zögert durch mein Hirn, ohne dass er zu einer Entscheidung wird.

„Das … ich glaube, das war noch nicht da, als ich zum Einkaufen gegangen bin“, tönte es plötzlich vom Supermarkteingang her. Dort stand Frau Hirscher, die grauduttige Nachbarin aus dem dritten Stock, über ihren Einkaufskorb gebeugt, und Prähausner machte plötzlich die nötigen Schritte in Richtung Decke. Unter ihrem Saum drängte dunkel eine Haarsträhne hervor.

Der Journalist ließ seinen Rucksack vom Rücken rutschen, stellte ihn auf den Asphalt und legte Brot und Mozzarella darauf. Das Haar tentakelte wild auf die Straße, als er die Decke ein wenig lüftete, und dann durchsäuert ein Geruch nach zu lange getragener Kleidung die Luft, ein Straßengeruch, der gleichzeitig etwas eigenartig Intimes hat, etwas, was mich dazu verführt, noch einmal indiskret zu schnuppern. Es riecht nach Nächten im Freien, Nächten in irgendwelchen zugigen, feuchten Ecken, nach Angst und nach Anstrengung. Es riecht nach Erlebnissen, die als Schweiß über Brust und Rücken geronnen sind, die sich in den Achselhöhlen, den Kniekehlen, dem Schritt gesammelt haben und dort sauer geworden sind. Zwei, drei Tage ohne Kleiderwechsel, ohne Waschen, wie damals in der Fabrikhalle, im Wald, und man gehört nicht mehr in die Welt der Deos, der Seifen, Duschgels und Parfums. Nicht mit dem Zusammenbruch der öffentlichen Verwaltung, nicht mit der Zerstörung der Elektrizitätsversorgung wird einst der Untergang der menschlichen Zivilisation beginnen, sondern mit den fehlenden Düften, den fehlenden Höflichkeiten für die Nasen der anderen. Wir werden uns gegenseitig ansäuern, anstinken werden wir uns, und das so lange, bis wir einander nicht mehr ertragen.

Prähausner zog die Decke weg. Die Frau hatte sich auf dem Bauch ausgestreckt. Ihre Beine waren nackt, weil sie nur eine Art von langer Bluse trug, weiß und mit fremdländisch aussehenden rosa Rüschen geschmückt. Der hintere linke Oberschenkel war blauviolett verschwollen. Direkt daneben verrenkte sich eine Jeans.

Der Redakteur blickte in bittender Hilflosigkeit zu Frau Hirscher hinüber. Sie stellte ihren Korb, aus dem zwei Lauchstangen ragten, ab, machte aber keine Anstalten, dem Journalisten zu Hilfe zu kommen.

Der Rücken der Fremden hob und senkte sich gleichmäßig. Die Arme lagen nicht neben dem Körper, sondern waren unter die Brust gewinkelt, wohl um das Gesicht, von dem wegen des Quellhaars nichts zu sehen war, in die Hände betten zu können.

Endlich nahm Frau Hirscher ihren Korb auf und trippelte herüber. „Eine Zigeunerin wahrscheinlich“, sagte sie missbilligend, als sie sich über die Schlafende beugte. „Fehlt Ihnen was? He, Sie! Tun Sie nicht so, als wären Sie taub!“ Die Lauchstangen im Korb standen wie zwei grüne Ausrufezeichen hinter ihrem letzten Satz, zwei Ausrufezeichen, die in Bewegung gerieten, als die Nachbarin den Korb nach hinten schwingen ließ, um ihn dann mit seiner Kante leicht gegen die Schulter der Schlafenden stoßen zu lassen und sofort schnellt die Fremde hoch, aus ihrem Augendunkel wirren Blicke, die mich nicht erfassen; auf ihren Wangen schmieren Wimperntusche und abgeriebener Kajal, durchzogen von Tränenbahnen, die längst trocken geworden sind. Ihr Körper schwankt leicht nach, wie der Zeiger einer Küchenwaage, die gerade belastet worden ist, belastet mit Angst, mit Überforderung, und jetzt öffnet die Frau den Mund, aber sie sagt nichts, sie knurrt nur, es ist ein Knurren, das mich einen Schritt zurückdrängt, weg von der schmutzigen Süße ihres Geruchs ins Abständige, in eine Distanz, die Besorgnis zulässt, Freundlichkeit, Zuwendung, alles, was in einer solchen Situation gefragt ist.

„Alles in Ordnung?“ Prähausner, der in die Knie gegangen war, lächelte ihr zu. Weil er keine Reaktion erhielt, versuchte er es erneut. „Geht es Ihnen gut?“

„Wird schon gehen“, ließ sich Frau Hirscher hören. „Die Zigeunerinnen sind oft geschminkt, ist Ihnen das schon einmal aufgefallen? Das ist gut fürs Betteln. Dann geben die Männer mehr.“

Das Augenweiß der Fremden schreckte hell in ihrem Gesicht, als sie an sich hinunterschaute. Rasch zog sie sich die Decke über ihre Beine, ihren Schoß, dann hastete ihr Blick suchend über den Asphalt, offenbar vergebens, denn sie drehte Kopf und Oberkörper rasch nach hinten und ließ ihre Linke über den Boden vor dem Glascontainer fahren.

„Nicht!“, rief der Redakteur, der Franzi in früheren Jahren öfters daran hatte hindern müssen, mit den glitzernden Scherben, die dort immer auf der Erde lagen, zu spielen.

Die Fremde ließ ein aufgeregtes Brummen hören, dann drehte sie sich wieder Prähausner zu. Ihr Zeigefinger stach mehrmals in seine Richtung, bevor sie die Arme am Kopf vorbei nach hinten zog. Ihre Hände buckelten ihr etwas auf den Rücken, eine Last aus Luft, die der Journalist deutlich vor sich sehen konnte, als sie sich gleich darauf mit Daumen und Zeigefinger schmale Riemen auf die Schultern zeichnete – alles ging so rasch und gleichzeitig so präzise vor sich, dass Prähausner ins Staunen geriet. Als ihre Hand wieder in seine Richtung schnellte und sie ihn fragend ansah, glaubte er verstanden zu haben.

„Nein, ich habe Ihr Gepäck nicht gesehen!“ Mit einem deutlichen Kopfschütteln bemühte er sich darum, ihre Rucksackpantomime zu wiederholen, und da weicht aus ihren eben noch so lebhaft sprechenden Händen alle Bewegung, sie sinken in ihren Schoß, wo sie schweigend liegenbleiben. Es ist das lauteste Verstummen, das ich je gehört habe, es ist eine vollkommene Stille um sie, der ich mich nicht entziehen kann. Wie kümmerlich dagegen doch mein Körper spricht, ich murmle vor mich hin, wenn meine Hände Gesten formen, ich grummle etwas Unverständliches mit Kopf und Körper, und mein Gesicht bringt ein lalliges Ja hervor oder lispelt ein Nein. Wenn ich verstumme, merkt das niemand, Hertha hat es nicht gemerkt und Franzi merkt es meistens nicht, weil ich rede und rede, ohne etwas zu sagen.

„Oje! Jemand muss sie bestohlen haben.“ Frau Hirschers Stimme hörte sich das erste Mal mitfühlend an. „Vielleicht ihr Mann. Er hat sie wahrscheinlich getreten. Haben Sie den Bluterguss gesehen?“

„Ja. Aber möglicherweise ist sie auch nur auf einen Randstein gefallen.“ Prähausner bemühte sich um einen nüchternen Ton. Was war nun zu tun? Sollte er die Polizei benachrichtigen, das Rote Kreuz oder die Diakonie?

Die junge Frau saß jetzt mit hängendem Kopf am Boden, ihr Haar filzte schwarz vor ihrem Gesicht. Die vollkommen überlasteten karitativen Organisationen würden gerade gar keine Freude mit einem Anruf haben.

Frau Hirscher beugte sich vor und tippte der Fremden auf die Schulter, bis diese fragend aufschaute. „Ziehen Sie sich erst mal an! Anziehen!“, rief die Nachbarin des Redakteurs bestimmend laut. Sie brauchte nur auf die Jeans zu deuten, damit die junge Frau begriff. Langsam stand sie auf und zog dabei die Decke zwischen sich und den Journalisten. Er nahm ihr den muffig riechenden Stoff aus der Hand, dann spannte er ihn als Vorhang vor die Szene. Zwei weiß bekittelte Verkäuferinnen lehnten jetzt in der Eingangstüre des Supermarkts, sie ziehen eine Gardine aus Zigarettenqualm vor ihre Gesichter, eine Gardine, hinter der sie sich mit glotziger Selbstverständlichkeit verbergen können, mit Augen, die alles gierig inhalieren. Sie sind süchtig nach solchen Sensationen, sie werden nervös, wenn sie für ein, zwei Stunden nicht vor die Türe können, genauso süchtig nach Aufregung sind sie wie ihre Kundinnen und Kunden aus der Siedlung, die nichts lieber tun, als in der Redaktion der Grätzelnachrichten anzurufen, wenn sie irgendwo einen umgekippten Mülleimer oder eine angekratzte Zaunlatte entdeckt haben, „Missstände“, sagen sie dann, „berichten Sie über diese Missstände, diese unhaltbaren Zustände, das ist Ihre Aufgabe, Herr Prähausner. Wenn Sie es nicht tun, dann lese ich Ihr Blatt nicht mehr!“

Es dauerte nicht lange, bis die Fremde in Hosen vor dem Journalisten und Frau Hirscher stand, in Hosen, aber wo waren ihre Schuhe? Sogleich nahm sie die Decke wieder aus Prähausners Hand. Wohlgefallen fältelte sich rund um Frau Hirschers Mund, als sie sie sorgfältig zusammenlegte. „Gut erzogen, das Mädchen! Und jetzt bedankt es sich sogar!“ Die junge Frau hielt die Decke in der linken Hand, die rechte legte sie sich auf die Herzgegend und verneigte sich leicht vor ihren Helfern, bevor sie das Tuch vom Boden aufhob. Die Bewegungen glucksten durch ihre Glieder, flossen für einen Augenblick als Dankbarkeit durch ihr Gesicht. Dann zeigte sie auf sich selbst, um gleich darauf die freie Hand auf ihren Bauch zu pressen.

„Hat sie Hunger?“, fragte der Journalist.

„Aber nein! Hören Sie denn nicht ihr drängendes Brummen? Sehen Sie nicht, wie sie ihr Gesicht verzieht?“, korrigierte Frau Hirscher. „Ihre Hand liegt nicht auf ihrem Magen, sondern weiter unten. Sie muss dringend auf die Toilette. Sehr anständig! Es fällt ihr nicht ein, einfach hinter den nächsten Busch zu machen!“ Prähausners Nachbarin presste sich nun ihrerseits eine Hand auf den Unterleib und deutete dann in Richtung Siedlung. „Toilette!“, sagte sie langsam und deutlich. „Kommen Sie mit! Ich wohne dort.“

Die junge Frau schien zu verstehen. Nickend zeigte sie auf die nahen Wohnblocks.

Frau Hirscher nahm ihren Einkaufskorb wieder auf. „Sie braucht etwas zum Anziehen. Einen Pullover und Schuhe. Vielleicht passen ihr ja Sachen von Ihrer Tochter?“

„Ja, da wird sich schon etwas finden“, antwortete er. Franzis Kleiderschrank war übervoll. Auch an Schuhen wird es nicht fehlen. Schon seit Monaten stehen zwei Paar Sneakers, von denen sie sich nicht und nicht zu trennen vermag, in ihrem Zimmer. Sie läuft ständig mit zu kleinen Schuhen herum, weil sie sich unter keinen Umständen die schrecklichen fünf bis sechs Millimeter, um die ihre Füße pro Halbjahr wachsen, eingestehen will. Traumatische Erfahrung: Der Verkäufer im Schuhladen, der ihr Sandalen in Größe 39 bringt, Größe 39 mit dreizehn Jahren! Tagelanges tiefes Entsetzen über die Vorstellung, die Füße könnten nicht mit dem Wachsen aufhören und Spezialanfertigungen nötig machen, Größe 45 mit fünfzehn, Größe 52 mit siebzehn Jahren; der Ausschluss aus der Gemeinschaft der Teenager ist dann nur noch mit einer Operation, die allein ein teurer japanischer Spezialist für Lilienfüße durchführen kann, rückgängig zu machen.

„Gut. Gehen wir. Vergessen Sie Ihren Rucksack und Ihren Käse nicht, Herr Prähausner!“

Die Blicke der Fremden glitten schnell zwischen Frau Hirscher und dem Redakteur hin und her, bevor sie von seiner Nachbarin an der Hand genommen und in Richtung Siedlung gezogen wurde.

3

Franzi: Hi Pap.

Prähausner: Hallo Franzi. Na, wie geht’s deinem Näschen?

Franzi: Brennt ein bisschen. Aber das halt ich schon aus. Mam geht’s schlechter als mir. Sie hat kein Wort mit mir geredet, seit sie nach Hause gekommen ist.

Prähausner: Tja, du weißt ja, dass bei ihr immer alles genau an der richtigen Stelle sein muss. Sogar der Schmuck.

Franzi: Ich kann selbst entscheiden, ob ich mir Löcher in die Nase zwicken lasse oder nicht. Ich bin alt genug dafür.

Prähausner: Wegen ein paar Nasenringen geht die Welt nicht unter – außer für deine Mutter natürlich. Franzi, ich stehe gerade vor deinem Kleiderkasten, weil ich für jemanden einen Pullover brauche.

Franzi: Einen Pullover? Für wen?

Prähausner: Für eine Frau. Sie hat nichts zum Anziehen. Sie ist vor unserem Supermarkt gelegen. Sie spricht kein Wort und hat kein Gepäck. Vielleicht kommt sie ja vom Bahnhof. Frau Hirscher hat sie zum Pinkeln mit in ihre Wohnung genommen. Wir haben überlegt, ob wir sie nicht für heute Nacht in deinem Zimmer …

Franzi: Wow, das ist lässig von dir, Paps! Klar kann sie in meinem Zimmer schlafen. Sie soll sich einen Pullover aussuchen. Was hat sie für eine Figur? Passen ihr meine Pullover überhaupt?

Prähausner: Die größten vielleicht.

Franzi: Dann nimm den roten Wollpulli. Der ist schön weich und dehnt sich gut.

Prähausner: Frau Hirscher kocht gerade Gulasch für die Frau. Gehört in ein Gulasch eigentlich Schweinefleisch? Vielleicht ist sie ja Muslimin.

Franzi: Sie wird dir schon klarmachen, ob sie Fleisch isst oder nicht. Was machst du morgen mit ihr? Nimmst du sie mit in die Redaktion?

Prähausner: Da habe ich noch nicht darüber nachgedacht. Bestimmt geht es ihr morgen wieder besser. Vielleicht geht sie zurück zum Bahnhof.

Franzi: Glaube ich nicht. Die sind tagelang an irgendwelchen Gleisen entlanggewandert. Die müssen sich erst mal ausruhen. Vielleicht ist bei der Überfahrt ihr Kind aus dem Schlauchboot gefallen und ertrunken, und deswegen hat es ihr die Sprache verschlagen. Weißt du was, ich komme morgen Abend zu dir und bringe ihr Sachen von Mama.

Prähausner: Untersteh dich! Du bist unter der Woche bei deiner Mutter, so ist es ausgemacht.

Franzi: Beruhig dich, Paps! Ich bin fast erwachsen. Ich kann selber sagen, wohin ich will. Das hat sogar der Richter gesagt.

Prähausner: Schon. Aber wenn du einfach zu mir kommst, dann wird deine Mutter …

Prähausner: Gar nichts wird sie! Ich nehme einfach das Zeug, das Mama zu klein geworden ist. Seit sie mit dem Günther zusammen ist, ringelt sich das Fett um ihre Hüften. Aber mit dem Günther ist zum Glück eh aus.

Prähausner: Mit dem Günther ist es aus?

Franzi: Ja, seit vorgestern. Ich bin so was von froh, dass Mama sich endlich entschieden hat. Kaum ist Günther da, holt er schon die Yogamatte aus der Ecke. Er zündet eines von diesen stinkenden Räucherstäbchen an, hockt sich auf den Boden und sagt Namaste. Kann er nicht einfach Hallo sagen?

Prähausner: Lassen wir das mit Günther. Die Frau braucht auch Unterwäsche. Sie ist gerade bei Frau Hirscher im Bad.

Franzi: Gib ihr eines von meinen Schlafleibchen, die sind lang und weit. Hat sie einen dicken Hintern?

Prähausner: Nein. Aber ganz so schmal wie du ist sie auch nicht.

Franzi: Dann gib ihr einen String-Tanga, die dehnen sich. Es sind zwei oder drei in meiner Unterhosenlade. Mit lauter Snoopys drauf. Hast du die Lade?

Prähausner: Einen String-Tanga? Also ich weiß nicht. Das könnte sie als Anzüglichkeit auffassen.

Franzi: Mensch, was du immer alles denkst! Snoopy und anzüglich, das ist echt lächerlich. Nimm den String, auf dem Snoopy auf seiner Hütte schläft. Die Frau soll merken, dass sie sich ausruhen darf.

Prähausner: Na gut. Hier ist Snoopy auf der Hütte. Ich gebe die Sachen Frau Hirscher.

Franzi: Ich komme morgen Abend zu dir, und wenn sich Mam auf den Kopf stellt!

Prähausner: Franzi, bitte …

Franzi: Keine Chance, Papsi! Bis morgen.

Prähausner stellte das aufgeschnittene Weißbrot, das in einem Körbchen lag, auf den Esstisch im Wohnzimmer. Er faltete Servietten neben die Teller, dann legte er das Besteck darauf. Erwartungsvoll grummelte sein Magen dem Gulasch entgegen. Wann hatte er eigentlich das letzte Mal unverhofft Besuch bekommen? Es musste mehrere Monate her sein. Froh, seiner weißkäsigen Diät wenigstens für diesen Abend entkommen zu sein, beschloss er, den Mozzarella im Gefrierfach seines Kühlschranks verschwinden zu lassen. Kulinarische Erneuerung tat not, allein schon seiner Tochter wegen. Am kommenden Samstagvormittag werde ich um frisches Gemüse in den Biomarkt fahren, ich werde gegen 11 Uhr den Nudeltopf aufstellen und Zwiebeln, Karotten, Brokkoli für die Sauce schneiden, ich werde mich kopfschüttelnd an all die Jahre erinnern, in denen mein Kühlschrank nicht viel mehr enthalten hat als mein Bier, meine Kaffeemilch und Franzis weißes Joghurt; ich werde an die Wochenenden zurückdenken, an denen meine Tochter stundenlang joghurtlöffelnd vor ihrem Laptop gesessen ist, reinweißes Joghurt und eine Serie aus dem tiefschwarzen Mittelalter, wie passt das eigentlich zusammen; ich werde daran denken, wie ich sie vergeblich mit Pizza, Curryreis, Glasnudeln an den Esstisch zu locken versucht habe, wie ich appetitlos alleine vor den Kartonboxen mit all den Köstlichkeiten gehockt bin und mir der Geruch nach Tomatenmark, Kokosmilch und Glutamat das Gefühl gegeben hat, in irgendeiner zugigen Imbissbude zu sitzen, und, trostlos transitorisch für den Rest meiner Tage, eine Luft zu atmen, die vom Fett der unablässig zischenden Fritteuse ranzig geworden ist.

Ich werde meine Tochter nicht zu Tisch bitten müssen, sie wird um Punkt 12 Uhr mit gewaschenen Händen im Wohnzimmer erscheinen und sich artig für die Pasta bedanken, sie wird mit Messer und Gabel essen, statt ihren Kopf mit der linken Hand vor dem freien Fall auf den Teller zu bewahren und mit der rechten lustlos in den Nudeln herumzustochern, und nach der Mahlzeit wird sie das Geschirr in die Küche tragen, statt sofort wieder hinter ihrem Laptop zu verschwinden.

Der Redakteur ging in die Küche und holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Erst als er die Flasche bereits geöffnet hatte, kam ihm der Gedanke, dass es einer Muslima möglicherweise missfallen könnte, wenn er sich, wie so oft nach einem anstrengenden Tag, zwei oder drei Flaschen gönnte. Aber nein, dies war seine Wohnung, dies war ein Land, in dem nicht Haschisch, sondern Alkohol dazu beitrug, Spannungen abzubauen, und überhaupt war es an der Zeit, an einen Artikel zu denken, in dem es um gegenseitigen Respekt ging und nicht um eine Toleranz, die von den Neuankömmlingen vielleicht falsch verstanden wurde.

Mit der Flasche in der Hand setzte er sich an den gedeckten Tisch, dann stand er wieder auf, holte ein Glas aus dem Geschirrkästchen über dem Herd und schenkte sich sorgfältig ein.

Als das Schrillen der Türglocke seine Gäste ankündigte, als Frau Hirscher und die junge Fremde ein paar Sekunden später in der Wohnzimmertüre standen, hatte er es bereits geleert, hatte er sich so weit entspannt, dass das Erschrecken durch mich hindurchfährt, ohne dass es mein Gesicht verstört; dass ich ruhig sitzen bleibe, obwohl alles in mir aufspringt; dass ich einladend auf einen Sessel zeige, während ich sie hinausdrängen möchte aus meinem Wohnzimmer; dass ich wieder diesen Waldgeruch in der Nase habe, den kaltfeuchten Geruch nach moderndem Laub, nach Schimmel und sauer geschwitzten Kleidern. Für eine Sekunde verschwarzt mir ihr offenes Haar den Blick, ich schließe die Augen und öffne sie wieder, und jetzt ist alles anders, jetzt duftet sie nach Badewasser, nach Shampoo und Seife, jetzt schimmern ihre Augen groß und dunkel in einem seltsam zart wirkenden Gesicht, seltsam zart, weil ihre Nase sehr ausgeprägt ist, schmalrückig, aber ausgeprägt, und die Lippen haben etwas Mulattisches, mir fällt kein anderes Wort dafür ein, mulattisch, und nun sehe ich es: Es ist der ungewöhnlich ausgeprägte Amorbogen, der der Oberlippe etwas Geschürztes, etwas Hochgezogenes gibt, eine winzig kleine Ähnlichkeit, nichts sonst. Sie lächelt mir zu. Die Schneidezähne stehen irritierend schief in ihrem Mund.

„Ein schönes Mädchen, nicht wahr? Was so ein Badezimmer doch aus einer Frau machen kann!“, ließ sich Frau Hirscher vernehmen, die den Gulaschtopf vor dem Bauch trug. „Die Unterhose, die ihr Franzi geliehen hat, ist seltsam. So winzig. Trägt Ihre Tochter nur solche Unterhosen?“

Prähausner überhörte die fast schon besorgt vorgebrachte Frage. Mulatte, hatte dieser Begriff inzwischen nicht einen rassistischen Beiklang, war das nicht ein Wort, das von Mulo, von Maultier, herkam? Er atmete tief durch und deutete noch einmal einladend auf den Sessel, der ihm gegenüberstand. Es brauchte aber noch eine weitere Aufforderung von Frau Hirscher, bis die Fremde sich setzte.

Zwei Minuten später dampfte das Gulasch in den Tellern. Obwohl Prähausner seit dem Frühstück kaum etwas gegessen hatte, vergaß er in Beobachtung der jungen Frau, zuzugreifen. Mit Hunger in den Augen schaute sie kurz auf die Speise, in der nicht nur Kartoffeln und reichlich Fleisch, sondern auch Karotten und Petersilie schwammen, dann nahm sie den Löffel.

„Mahlzeit. Lassen Sie sich’s schmecken!“, sagte Frau Hirscher und schob der Fremden den Korb mit dem Brot zu. Sie nahm ein Stück, dann führte sie ihren vollen Löffel zum Mund, ganz ohne zu spritzen oder auch nur zu tröpfeln. Was würde Hubert sagen, wenn er diese Oberlippe sehen könnte, die Art, wie sie sich über dem Löffel aufwirft? Seit er hier ist, hat er kein einziges Mal über unsere gemeinsame Vergangenheit gesprochen, er redet immer nur über technische Neuerungen, über die Zukunft. Seine Stimme ist über die Jahre stickig geworden, stickig und dumpf, sie kommt aus seinem Mund wie aus einer drückend niedrigen Kammer. Nur wenn er über seine Innovationen spricht, lüftet er vorher das innere Gelass, und dann hört sich alles, was er sagt, frisch und unverbraucht an. Er ist einer der ersten gewesen, die damals auf das Internet gesetzt haben, er hat all die Entwicklungen richtig vorhergesagt und behauptet auch jetzt, über alles Kommende Bescheid zu wissen. Nur dass die Zukunft heute eine andere ist als in den 1990er Jahren, dass man kein Visionär mehr sein muss, um sich eine Welt ohne gedruckte Zeitungen vorstellen zu können. Aber Hubert tut so, als wüsste er Bescheid, muss so tun, um sich selbst verheimlichen zu können, dass er nicht zurück nach Österreich gegangen ist, um einem alten Freund mit einer revolutionären App aus der Bredouille zu helfen; Hubert hockt doch längst nicht mehr vor dem Computer, er hockt nur noch tief in sich selber drinnen, und die Erinnerung an bessere Zeiten schimmert bildschirmhaft vor seinem inneren Auge. Damals dieses kantige, fast immer blond verstoppelte Kinn, heute ziehen sich Backentaschen voller Fett bis hinunter zum Hals, das kann selbst der modisch-graue Vollbart nicht vertuschen – aber wer weiß, was er über mich denkt, darüber, dass ich inzwischen fast vollständig ohne Muskeln auskomme, dass ich ohne mein Bier in einer Woche verhungert wäre und dass mein Hinterkopf nicht mehr in einen Pferdeschwanz ausläuft, sondern in eine Drachenschnur. Allein Huberts wegen ist es mir aufgefallen, Huberts wegen, der vor Kurzem angekündigt hat, doch nicht weiter nach Wien zu ziehen, sondern in dieser „schnuckelig-schönen Touristenstadt“ bleiben zu wollen, um gemeinsam mit mir den Zeitungsmarkt aufzumischen, warum gerade den Zeitungsmarkt, hat er vielleicht doch eine Zukunft?

Erst die Paprikaschärfe des Gulaschs belebte Prähausner wieder für die Gegenwart. Er blickte zu der Fremden hinüber, die ihren Löffel ausgesprochen manierlich führte. Ihr sattfeuchtes, nicht eben leises Schmatzen hingegen wirkte irritierend, besonders auf Frau Hirscher, deren Stirne sich in vorwurfsvoll-feine Falten legte. Die junge Frau aß drei gestrichen volle Teller und ließ fünf Scheiben Brot verschwinden; Prähausner spülte sich mit drei Bieren frei von Erinnerung. Es war gut, nicht allein an diesem Tisch zu sitzen, gut, jemandem beim Essen zuzusehen, und es war schön, dass Frau Hirscher nach fast zehn Jahren Nachbarschaft das erste Mal in seiner Wohnung war. Nicht zuletzt tat das Gulasch gut, viel besser jedenfalls als der Mozzarella, als dieser kühlschrankkalte, weißfleischige Mozzarella, der eigentlich nur dann richtig schmeckte, wenn es Sommer war.

Nachdem der Topf geleert war, machte sich wohlige Entspannung im Wohnzimmer breit. Frau Hirscher lobte den Appetit der jungen Frau, die sich zurückgelehnt hatte, das selige Lächeln einer wahrhaft Satten im Gesicht.

Prähausner räusperte sich, es war ihm danach, so etwas wie eine Konversation nach Tisch zu beginnen. Gab es unter Schwerhörigen, unter Gehörlosen vielleicht ein besonderes Zeichen für derartige Gelegenheiten, ein visuelles Räuspern sozusagen? Während der Journalist noch überlegte, kam von der jungen Frau ein langes Gähnen, ein so hingebungsvoll lautes Gähnen, dass ihr Frau Hirscher sofort mit dem Finger drohte: „Das ist keine Art! Halten Sie sich wenigstens die Hand vor den Mund!“ Gleich demonstrierte Prähausners Nachbarin das richtige Benehmen, ohne Reaktion von Seiten der Fremden allerdings. Ihr Körper verstummte gerade, ihre Hände liegen auf dem Tisch und machen kein Geräusch mehr. Das Gesicht wird still, nur ihre Zungenspitze streicht noch für einen Augenblick über die Oberlippe, über den Amorbogen. Dann legt sie den Kopf etwas zurück, ihre Augen schließen sich, und nun ist kein Laut mehr, es ist etwas Schalldichtes um sie, um mich, ich stecke meinen Kopf in einen Kubus mit schmutzigweißen Bordwänden, zerkratzt und zerschunden von zahllosen Lasten. Einige Zurrgurte am Boden, und in einer Ecke ein Haufen zerwühlter Herrenmäntel, einige davon mit Krägen aus Kunststoffpelz. Direkt neben mir steht Hubert, er öffnet den Mund, ohne etwas zu sagen, er meint später, dass ich minutenlang in den Lastwagen gestarrt habe, ohne mich zu rühren, dass ich durch seine Fuchtelhand hindurchgesehen, dass ich erst reagiert habe, als er heftig an meinem Pferdeschwanz gezogen hat, und ich erinnere mich tatsächlich an eine Art von Klingelschmerz in der Kopfhaut, an ein heftiges haptisches Schrillen, das mich alarmiert herumfahren lässt, ich erinnere mich, wie ich hineinlaufe in den Wald, ohne auf Hubert zu hören, der hinter mir ist. Ich renne in immer größer werdenden Kreisen um die Lastwägen herum durch den schmutzig getretenen Schnee, da sind die Fichten rund um die morastige Senke und da ist der Wind, der kalt den Hang herunterzieht.

„Sie muss ins Bett.“ Frau Hirschers Stimme kam aus weiter Ferne, aus dem weiß gestrichenen Technikerraum eines Aufnahmestudios, vor dessen Mikrofonen sich Prähausner sitzen sah, sitzen, ohne zu wissen, wie er es sagen, wie er beginnen sollte.

Er merkte, dass ihm der Schweiß auf der Stirne stand. Das pfefferscharfe Gulasch hatte seine Zunge in einen brennenden Lappen verwandelt. Dieser Lappen schmerzte, als er sagte: „Wäre es nicht besser, wenn die Frau doch oben in Ihrer Garçonnière schlafen würde? Ich weiß nicht, ob sie sich wirklich wohlfühlt, wenn sie hier ganz alleine mit mir …“

„Das ist ihr durchaus zuzumuten“, bestimmte Frau Hirscher. „Meine Wohnung ist klein und hier hat sie ein eigenes Zimmer.“ Sie stand entschlossen auf. „Sie können mich ja anrufen, wenn es Probleme geben sollte. Gute Nacht!“

4

„Morgen. Hast du’s schon gehört?“ Annabel stand mit dem Redaktionstelefon in der Hand vor ihrem Schreibtisch. „Ich habe gerade mit unserem Gebirgsjäger geredet. Ich wollte ihn hinschicken, aber er hat einen Termin auf der Uni. Bald ist Semesteranfang.“

„Was? Wen? Wen wolltest du schicken?“ Prähausner, der eine Stunde später dran war als gewöhnlich, stellte den Rucksack neben seinen Schreibtisch und zog die Jacke aus.

„Na, wen wohl. Johannes.“ Sie steckte das Telefon zurück in die Ladestation und strich sich ihr lockiges Brünett mehrmals mit der Hand zurück, wie immer, wenn sie aufgeregt war.

„Ach so, den Gebirgsjäger. Was ist passiert? Ist jemand abgestürzt oder so?“ Prähausner setzte sich und schaltete seinen Computer ein. Das gewohnte Summen erst gab ihm das Gefühl, im Büro angekommen zu sein.

„Sag bloß, du hast es noch nicht mitgekriegt? Vor zwei Stunden ist es das erste Mal gemeldet worden. Überall!“ Annabel lachte ungläubig. Sie setzte sich in gewohnt rundrückiger Haltung wieder an ihren Schreibtisch, der so nahe an Prähausners Arbeitsplatz herangeschoben worden war, dass sich die Längsseiten der Tischplatten berührt hätten, wenn nicht die Bildschirmkabel dazwischen hindurchgeführt worden wären.

„Nein, habe ich nicht. Ich habe noch keine Zeit gehabt, die Nachrichten zu scrollen.“

„Mal wieder Hertha“, stellte Annabel trocken fest. „Vier, fünf Jahre noch, dann hast du sie endlich los. Dann ist Franzi erwachsen.“

„Ja“, sagte Prähausner, der von den Ereignissen der Nacht noch halb benommen war. Selbst die wichtigste Mahlzeit des Tages, sein Frühstück, hatte er ausfallen lassen.

„Verkehrskollaps an der Grenze!“, rief Annabel. „Die Flüchtlinge belagern den Grenzübergang bei Freileichtheim. Es sollen schon mehr als vierhundert dort sein! Sie weigern sich, weiter in der Tiefgarage zu übernachten. Alle wollen vom Bahnhof zur Grenze. Die Polizei holt immer wieder welche von den Gleisen. Sie sind kaum zu stoppen.“

„Oje. Auch das noch“, stöhnte Prähausner. Er stützte seinen Kopf mit der rechten Hand und massierte sich mit dem Daumen kurz die Schläfe.

„Sag mal, was ist denn los mit dir?“ Annabel stand wieder auf, umrundete ihren Schreibtisch und beugte sich, echte Besorgnis im Gesicht, zu mir herunter. Ach, ich habe großes Glück mit meiner Kollegin. Sie beträufelt beinahe täglich die Zimmerpflanzen, die vor dem einzigen Fenster dschungeln, mit Wasser, sie gibt mir das schöne Gefühl, nicht in einem viel zu kleinen Büro, sondern im Urwald zu arbeiten, einem Urwald voller exotischer Gerüche, denn sie hat auch eine Schale für Duftöle aufgestellt, Bromelienauszug, Epiphytenöl, Papayaessenz, jeden Tag fragt sie mich danach, welches Aroma ich mir heute wünsche, und immer überlasse ich am Ende die Auswahl ihr. Ich nicke höflich, wenn sie sich eines ihrer Fläschchen vor die Augen hält und mir vorliest, welche Wirkung der Duft haben soll, entspannend, belebend, ausgleichend, euphorisierend; mir ist es gleich, aber ich schaue ihr immer zu, wenn sie ihre Schale beträufelt, und dann rieche ich den ganzen Tag doch nichts anderes als die Arbeit, nichts als das viele Papier, das sich hinter mir in den billigen Stellagen stapelt, Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, und, in schlecht verschlossenen Kartons, die Neuesten Grätzelnachrichten der letzten drei Jahre. Alle anderen Ausgaben, die ich verantwortet habe, setzen bei mir zu Hause im Keller Schimmel an, der Schimmel hüllt all die ehemaligen Neuigkeiten in seinen weißen Flaum, er flauscht sich zwischen die Seiten, streut seine Sporen auf die Fotos, auf die Köpfe der Politiker, Sportler, Künstler.

Jetzt erzähle ich Annabel von der Fremden, ich erzähle ihr nichts von ihrem Amorbogen und schon gar nichts von ihrem sauren Waldgeruch, sondern davon, wie die schläfrige Stille aus ihren Gliedern weicht, als ihr klar wird, dass Frau Hirscher die Wohnung verlassen hat, ich erzähle Annabel, dass die junge Frau von ihrem Sessel hochfährt und mir mit ihren Händen, ihren Armen ein einziges lautes Nein! entgegenschreit. Ich verstehe sie, ich verstehe alles, und doch kann ich ihr keine Antwort geben, vollkommene Sprachlosigkeit im Gesicht, in den Gliedern, stehe ich da und sehe sie aus dem Zimmer, aus der Wohnung rennen, und ich verschweige Annabel, dass ich mich für fünf, für zehn Minuten nicht vom Fleck bewege, dass ich der Fremden nur in Gedanken nachrenne zum Bahnhof, wo sie ihre Familie wiedertrifft oder Leute aus ihrer Stadt, Gehörlose, denen sie endlich alles mitteilen kann. Ich berichte meiner Kollegin nicht, dass ich mich erst danach dazu zwinge, hinaufzugehen in den dritten Stock und bei Frau Hirscher anzuläuten, ich berichte, dass das offene Haar der Nachbarin spinnwebgrau um ihren Kopf steht, als sie öffnet, dass sie sich aber trotzdem, noch im Bademantel, sofort auf die Suche nach der Fremden macht. Dass sie sie nur wenige Minuten später findet, weil sie nicht zum Bahnhof oder in den Park gelaufen ist, sondern schluchzend auf dem Rasen vor dem Wohnblock sitzt, die Hände verzweifelt auf das Gesicht geschlagen. Ich berichte, wie es Frau Hirscher nach längerem freundlichem Zureden gelingt, die junge Frau wieder zurück ins Haus zu führen, zurück in meine Wohnung, wo sie sich nach und nach beruhigt, als die Nachbarin Bettzeug aus ihrer Garçonnière holt, auf der Couch im Wohnzimmer ausbreitet und sich dort niederlegt.

„Warum hat der Gebirgsjäger keine Zeit?“, fragte Prähausner plötzlich. Er merkte, dass er auf den Bildschirm starrte, ohne etwas zu sehen. Kurz rieb er sich mit der Hand über die geschlossenen Augen und blickte dann noch einmal hin. Auf einem Foto konnte er die Brücke bei Freileichtheim, vor der sich zahllose Menschen drängten, erkennen. Flüchtlinge belagern Grenze stand unter dem Bild. Noch einmal rieb sich der Redakteur die Augen. Es brauchte sofort eine größere Meldung auf Grätzel-News, am besten inclusive Fotostrecke. Warum nochmal hatte der Gebirgsjäger gerade keine Zeit? Seine kleine Kolumne Aus Wald und Fels machte er wirklich gut.

„Krass!“ Annabel staunte ihn kopfschüttelnd an.

Manchmal, wenn sie solche Wörter benutzte, hatte Prähausner das Gefühl, mit Franzi im Büro zu sein. Dabei war seine Kollegin schon Mitte dreißig. „Wieso heißt die Gebirgsjägerkolumne eigentlich Aus Wald und Fels? Wer hat sich so einen Blödsinn ausgedacht?“

„Die Kolumne? Wie kommst du denn gerade jetzt da drauf? Johannes wollte das so. Er findet, dass die Leute progressive Texte eher lesen, wenn sie konservative Überschriften haben.“

„Ah ja, ich erinnere mich. Du hast die Überschrift durchgesetzt, nachdem du mit Johannes wandern warst.“

Annabel kehrte schnell hinter ihren Schreibtisch zurück. An ihrem irritierten Gesichtsausdruck merkte Prähausner, dass er sich im Ton vergriffen hatte. „Bitte entschuldige. Das alles hat mich ziemlich … ich habe kaum ein Auge zugekriegt. Außerdem brummt mir der Kopf.“

„Schon gut. Soll ich nach Freileichtheim? Die Besprechung für die nächste Print-Ausgabe fällt ja wohl aus.“

„Gute Idee. Fahr gleich hinaus. Ich rufe Hubert und Johannes an, damit wir wissen, wer was übernimmt. Vielleicht machen wir zwei Interviews an der Grenze. Eines mit einem Flüchtling und eines mit einem Caritas-Mitarbeiter. Sind die Hilfsorganisationen schon vor Ort?“

„Nein.“ Annabel hatte bereits ihre Jeansjacke vom Kleiderständer genommen. „Freiwillige schenken Tee aus und schmieren Butterbrote. Das ist bis jetzt alles.“

„Gut. Ruf mich an, wenn du dort bist.“ Er schaute ihr nach, als sie, das Täschchen mit Aufnahmegerät und Kamera in der Hand, aus dem Redaktionszimmer lief und dachte daran wie sie vor fast vier Jahren bei den Grätzelnachrichten angefangen hat, eine schlanke junge Frau, die ich sofort um ihre Neugier beneidet habe, um ihren ehrlichen Willen, alles gut zu machen, und um ihre Angewohnheit, nach zwei, drei Stunden eifriger Arbeit zu einem groben Holzkamm zu greifen, um vergeblich Ordnung in ihr Haar zu bringen, in diese Anarchie aus Locken und Löckchen, Kringeln und Krauseln, Zotteln und Zwirbeln. Wo sie den Kamm voll energischer Ungeduld durch ihre Mähne zieht, fahre ich vorsichtig damit in den Nacken, um nicht allzu viele Haare zu verlieren, um am Hinterkopf nicht noch lichter zu werden, als ich es ohnehin schon bin. Wenn ich mich um dieses Blatt bemühe, dann nur wegen Annabel, wegen ihrer Haare, die sie weiterhin kämmen soll, sie kämmt sich ihre Haare, während ich mir die meinen raufe, es ist lächerlich, ganz einfach lächerlich, was zurzeit an Anzeigen hereinkommt, jetzt geht es um unsere Existenz, um eine Zeitung, die längst keiner mehr braucht, am allerwenigsten ich selbst. Finanziell wäre es viel vernünftiger, die Nachrichten einzustellen und irgendwo anzuheuern, vielleicht, um Online-Content zu produzieren, aber nein, dazu bin ich zu alt, zu langsam und zu technikfeindlich, es wäre also am besten, das Arbeitsmarktservice aufzusuchen, ach Unsinn, das Arbeitsmarktservice wäre dann für Annabel zuständig, Hubert und mir bliebe als Selbständigen nur noch die Mindestsicherung. Ich müsste Franzi eingestehen, dass ich gescheitert bin, Franzi, die die Neuigkeit brühwarm zu Hertha tragen wird, eine wunderbare Gelegenheit für meine Ex, unserer Tochter zu beweisen, dass sie es schon immer gewusst und sich völlig zurecht von mir getrennt hat, aber Franzi ist zum Glück nicht auf den Mund gefallen. Franzi wird fragen, warum sich ihre Mam, wenn sie es schon immer gewusst hat, ein Kind hat machen lassen, es gibt doch eine Menge Möglichkeiten, Spaß zu haben und gleichzeitig Nachkommenschaft zu verhindern, die Pille, die Spirale, Kondome und natürlich die Abtreibung, die den niedlichen kleinen Embryo-Franzis absolut zuverlässig den Garaus macht, und Hilde wird sich über ihr Kind entsetzen und gleichzeitig losheulen aus schlechtem Gewissen, oh, wie ich es gehasst habe, wenn sie plötzlich zu heulen angefangen hat, sie ist wochenlang kalt beherrscht, ein Eisberg schwimmt durch die Wohnung, und dann zerfließt dieser Eisberg mit einem Mal zu Tränen und legt sich nass um deine Füße, im Nu steht dir das Wasser bis zu den Knöcheln, den Knien, es umschließt deine Hüften und läuft dir in die Hosentaschen, saugt sich in dein Hemd und füllt dir den Kragen. Du kannst froh sein, wenn du es schaffst, ein paar Schwimmzüge zu machen, wenn du oben bleibst, weil sich Hertha an dich klammert und versucht, dich hinunterzuziehen in ihr Elend, bis du darin ersäufst.

Ach Hertha, ich war ein Schiffbrüchiger im Nordpolarmeer des Lebens, ausgezehrt von der weißen Wüste der Einsamkeit bin ich auf dich zugetrieben, das Herz eine Frostbeule, und so warst du mir, südwärts ziehender Eisberg, wundervolle Rettung vor der drohenden Polarnacht der Depression. Und jetzt haben wir dieses Kind, das schon bei Minusgraden auf die Welt gekommen ist und immer noch keine Anstalten macht, zu erfrieren, im Gegenteil, es kennt nichts anderes als das Eis, es hat sich nach und nach eine so dicke Speckschicht rund um seine Seele angefressen, dass es nicht einmal dann zu frösteln scheint, wenn zwischen seinen Eltern wieder einmal der arktische Winter aufzieht.

Für Annabel mache ich dieses idiotische Anzeigenblatt, für Annabel und für Franzi und deswegen, weil ich mich ja irgendwie ablenken muss, vielleicht von mir selber, davon, dass ich mein Talent an eine Bürgerinitiative, die einen Fußgängerüberweg um dreihundert Meter versetzt haben will, verschwende, daran, dass ich mich jetzt am liebsten mit einem Bier beruhigen würde oder vielleicht sogar mit zwei. Erst ein gelungen eingeschenktes Glas durchschäumt die drückend gewordenen Tage mit Leichtigkeit, erst die Bitterkeit des Hopfens lässt mich vergessen, wie bitter das Leben doch ist.

5

Das schwindende Licht veränderte das Lachsrosa des Wohnblocks. Es war, als würde die Farbe, an die sich Prähausner nicht und nicht gewöhnen konnte, sauer werden, als wäre die Fassade plötzlich nicht mehr frischsauber saniert, sondern von geradezu stechend hässlichem Verfall gezeichnet. Er sog die Luft durch die Nase ein, roch aber nur die mürbe Feuchte des Laubs, das auf den Rasenstreifen gefallen war. Mit langen Schritten setzte er darüber hinweg und sah Franzis Fahrrad neben dem Eingang stehen. Schon seit Monaten klapperte sie damit durch die Gegend, und aus dem Hinterreifen entwich ständig Luft. Das Rad musste dringend in die Werkstatt, oder war es vielleicht gescheiter, gleich ein neues zu kaufen? Franzi, die im letzten Jahr wieder stark gewachsen war, saß krumm über ihrem Jugendrad, sie brauchte endlich einen Rahmen für Erwachsene.

Vor der Eingangstüre blieb er stehen und stieß, ehe er den Schlüssel aus der Hosentasche zog, mit einem Seufzer die Luft aus. Der Gebirgsjäger hielt nun die Stellung am Grenzübergang Freileichtheim, und das Interview mit den Syrern überarbeitete Annabel. Die Fremde hatte sich ruhig verhalten; sie war den ganzen Tag über auf Franzis Bett gelegen. So hatte es wenigstens Frau Hirscher erzählt.

Als Prähausner in die Wohnung trat, hörte er seine Tochter lachen. Sie und die junge Frau saßen auf der Couch im Wohnzimmer, einen Haufen Kleidung zwischen sich. Herthas sonst so sorgfältig gebügelte Sachen sind wild zu diesem Haufen zusammengeworfen, Hosenbeine winden sich auf die Polster; Blusen, noch auf Kleiderbügel gezogen, ecken hinauf zur Decke; dazwischen runzeln Nylonstrumpfhosen, bilden Socken und Strümpfe Klumpen in gedeckten Farben. Selbst vor teuren Kostümen hat Franzi nicht Halt gemacht, hat sie samt des Zellophanmantels, in dem sie von der Reinigung gekommen sind, in den Müllsack gestopft, der nun vor der Couch am Boden liegt, hat die Röcke, Hosenanzüge hier in der Wohnung wieder aus dem knisternden Kunststoff gerissen, und nun bläht sich das Zellophan neben dem Sack auf dem Parkett. Ich kann nicht aufhören, darauf zu starren, auf dieses hauchdünne Eis, das meine Augen überzieht, meinen Blick derart eintrübt, dass die Fremde zu einem Schemen wird. Der Windstoß, der durch die riesige Halle geht, als wir die Türe aufquietschen, das Rascheln und Knistern. Überall das Zellophan auf dem Boden, es weht in Massen auf, dutzende, hunderte von durchsichtigen Gespenstern fliehen in den hinteren, dunklen Teil des Gebäudes. Später in der Nacht, hören wir es. Dann hören wir sie, irgendwo zwischen den Reihen mit den aufgehängten Kleidern.

Prähausner blinzelte angestrengt. Sein Blick begann sich zu klären, er sah das weinrote Jackett der jungen Frau, ihre weiße Bluse und den beigen Rock, der ihr knapp bis zu den Knien ging, dazu trug sie stelzig-teuer aussehende Pumps. Nur die kräftig behaarten Waden passten nicht zu ihrem Aufzug.

„Hi Pap.“ Franzi hielt es nicht für nötig, sich von der Couch zu erheben. Das Silber der Ringe rundete sich scheußlich kühl um ihre rot entzündeten Nasenflügel. Kein Begrüßungsküsschen mehr, keine kuschelige Umarmung vor dem Einschlafen. Die strenge Auflage, das Jugendzimmer nur noch nach höflichem Klopfen zu betreten, und die Forderung nach einem Badezimmerschlüssel. Was ihn am meisten schmerzte, war das sehr kurze, schwarz gefärbte Haar. Endgültig vorbei die Zeiten, in denen ihr blonder Zopf seine Wochenenden erleuchtet hatte.

„Na, was sagst du? Passt ihr genau, oder nicht?“ Glücklicherweise hatte Franzi immer noch diesen hellen Kindersopran. Prähausner winkte der Fremden zur Begrüßung zu. Die Antwort war ein Lächeln, das etwas leicht Geziertes hatte. Einen Moment lang legte sie ihre Rechte auf die Herzgegend.

„Sie ist nett. Wir verstehen uns gut, obwohl sie nichts redet. Sie schmatzt bloß“, rief Franzi, die nun energisch im Kleiderhaufen zu wühlen begann.

„Ja, ich weiß. Sie schmatzt beim Essen.“

„Nein, nicht bloß beim Essen. Zuerst hab ich gemeint, dass sie heimlich Zuckerl lutscht. Aber das tut sie nicht. Sie schmatzt halt manchmal, zum Beispiel, wenn sie aufgeregt ist.“

Die Fremde künstelte sich noch immer ein Lächeln ins Gesicht, ein Lächeln, das der Personalchef von Herthas Aufzugsfirma sicherlich hinreißend gefunden hätte, das Prähausner aber, zusammen mit ihrem fettigen Lippenstiftrot, eher unangenehm war. Immerhin sorgte die Schminke dafür, dass ihm der Amorbogen mehr oder minder verborgen blieb.

„Habt ihr schon was gegessen?“ Er ging an der Couch vorbei und öffnete die Türe zur Küche.

„Ja. Frau Hirscher hat kalte Schnitzerl gebracht. Und Kartoffelsalat. Es ist noch genügend da.“

Prähausner lief das Wasser im Mund zusammen. Annabel hatte ihm um die Mittagszeit ein Weckerl geholt. Er konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, ob es mit Käse oder Wurst belegt gewesen war.

Mit gefülltem Teller setzte er sich an den Esstisch im Wohnzimmer. Schon mit den ersten Bissen entfuhr ihm ein Seufzer des Behagens. Am liebsten hätte er sich zurückgelehnt und seine schwer gewordenen Füße auf die Tischkante gelegt. „Franzilein, bringst du mir bitte ein Bier aus dem Kühlschrank?“, bat er seine Tochter.

„Nein! Franzilein bringt dir kein Bier! Das weißt du ganz genau!“, rotzte sie aufgebracht in seine Richtung.

Prähausner entschuldigte sich sofort. Auch die Zeit der lautlichen Liebkosungen war schon längst vergangen. Verwunderlicherweise stand kaum eine halbe Minute später eine Bierflasche vor ihm, inklusive Kronkorken allerdings. Den Öffner musste er sich selber aus der Küche holen.

„Schmeckt gut, gell? Viel besser als das Fertigzeugs, das ich sonst immer essen muss.“ Franzi saß jetzt wieder auf der Couch, ihr Gesicht war leicht gerötet. Immer, wenn sie im Kleiderberg etwas gefunden hatte, schwenkte sie es fahnenhaft in Richtung Esstisch. „Ich hab eine Idee!“ Eine Bluse in der Hand, schnellte sie in die Senkrechte. „Wir machen eine Modenschau. Wir gehen in mein Zimmer, und dann kommt Mara mit immer neuen Kleidern ins Wohnzimmer. Am Schluss sagst du dann, was dir am besten gefallen hat.“

„Mara?“ Prähausner hörte auf zu kauen. „Wieso Mara? Hat sie dir gesagt, wie sie heißt?“

„Nein. Sie redet ja nichts. Da hab ich eben einen Namen für sie gesucht. Mara passt ziemlich gut, oder? Musik!“ Franzi lief zu dem Regal, das die altertümlich große Stereoanlage samt der Plattensammlung trug, und legte eine CD ein. Der Chor der Journalisten Westösterreichs hub zu singen an. Er selbst, Ingo Prähausner, war es gewesen, der vor über zehn Jahren die Liedertexte verfasst hatte. Es gab eben Menschen, die für das Schreiben geboren worden waren und nicht für das Kochen. Irgendwann würde seine Tochter das bestimmt verstehen.

„Los komm, Mara!“ Franzi nahm die Fremde an der Hand und zog sie aus dem Zimmer. Gleich kam sie wieder zurück, beugte sich über die Couch und raffte sich die Kleider vor die Brust. „Puh, ist das viel! Mam kann froh sein, dass sie die Sachen los ist.“

Noch während Prähausner das erste Schnitzerl zu Ende brachte, wurde vor der Wohnzimmertüre gekichert. Franzi murmelte etwas, aber die Fremde kam nicht herein. Schließlich öffnete sich die Türe, und seine Tochter zog die junge Frau am Esstisch vorbei, in Jogginghose und Kapuzen-Pulli. Ein leichter Luftzug saugte das Zellophan um einige Zentimeter vom Parkett, dann senkte es sich zurück auf den Boden.

Unterstützt von einem halben Blasorchester, sang der Journalistenchor Das Lied von der Meinungsfreiheit. Im stark rhythmisierten Refrain hieß es: „Dann ist es bald so weit / dann sind wir frei, ganz frei, ganz meinungsfrei.“ Noch vor ein, zwei Jahren hatte Franzi das tagelang vor sich hingesummt.

„So, bitteschön. Casual fits.“ Prähausners Tochter verneigte sich, und die Fremde tat es ihr nach einigem Zögern gleich. Ihr Haar duftet dunkel zu Boden, glänzt Schwärze in meine Augen. Wenn ich nach Hause komme, knipse ich das Licht an, ich öffne den Kühlschrank, in dem weißlich beleuchtet mein Bier steht; ich setze mich auf die Couch und strecke die Füße von mir und nicke bei brennendem Deckenlicht ein. Immer noch hängt die Pappmachéhalbkugel, die Franzi als kleines Kind gebastelt hat, als Lampe über dem Esstisch und taucht das Wohnzimmer in grünliches Wasserfarbenlicht. Immer noch sind an den nackten Wänden die Umrisse der Bilder zu sehen, die Hertha mitgenommen hat, immer noch lehnt sich im Schlafzimmer das Billigregal mit meiner Kleidung an die Wand, leuchten meine beiden weißen Hemden, auf Bügel gezogen, neben meinem Bett. Ich könnte die Nägel, an denen sie hängen, herausziehen, könnte mir einen Kasten kaufen und mein Gewand in seiner kubischen Schwärze verschwinden lassen. Ich könnte Ordnung in der Wohnung machen, ich könnte das Licht ausschalten, wenn ich zu Bett gehe, könnte still im Dunkeln liegen. Gäbe es die gemeinsamen Wochenenden mit Franzi nicht, würde ich wohl im Büro übernachten, würde ein Feldbett zwischen Annabels Urwaldpflanzen zwängen. Franzis wegen lasse ich den leeren Kühlschrank brummen, die Stereoanlage verstauben, den Wasserkocher verkalken. Ihretwegen setze ich mich jeden Abend auf die viel zu weiche Couch. Ein Bier in der Hand, versinke ich in einem Abgrund von Nachgiebigkeit, aus dem ich mich manchmal erst am nächsten Morgen wieder herausarbeiten kann.

Nein, hier in der Wohnung ist es nicht dunkel, hier ist alles voll heller Verzweiflung, selbst in der Nacht.

Es dauerte nicht lange, bis Mara begriffen hatte, was Franzi von ihr wollte. Nach dem zweiten gemeinsamen Auftritt in Jeans und Rollkragenpullover kam sie bereits alleine ins Wohnzimmer, diesmal in einem Hosenanzug mit Knöpfen, die den Durchmesser einer Espresso-Tasse hatten. Prähausner erinnerte sich noch gut daran, dass Hertha ihn getragen hatte, als sie das erste Mal zu dieser unseligen Aufzugsfirma gegangen war. Keine Öffentlichkeits- und Organisationsarbeit für die Neuesten Grätzelnachrichten mehr, sondern Marketing für einen Weltkonzern. Seither ist es vorbei mit dem mühsamen Stufensteigen; es geht jedes Jahr ein paar Etagen nach oben, bequem per Aufzug natürlich. Hat sich Hertha jemals auch nur zum Spaß vor mir verneigt?

Mara kippt nicht ihren Oberkörper nach vorne, sie lässt nicht Kopf und Hände kurz nach unten hängen, wie Franzi das getan hat, sondern beugt sich, ein Bein leicht vor das andere gestellt, in einem weichen Bogen in meine Richtung, die Arme einladend offen, offen noch, als sie sich wieder aufrichtet, als ihr Haar zurück auf ihren Rücken flattert. Krähen sind aufgeflogen, als wir damals in der Krajina gehalten haben, alarmiert von etwas Dunklem, das ein paar dutzend Meter von der Straße entfernt gelegen ist. Marina und Max sind rechts rangefahren, sie haben den ganzen Konvoi zum Anhalten gezwungen und sind ausgestiegen, sind zusammen auf das Stoppelfeld hinausgezaudert. Auch ich bin aus dem Transporter gesprungen, ich bin den beiden hinterhergelaufen und erleichtert gewesen, als ich den schwarzen Pelz des Schafs erkannt habe. Allein in der verlassenen Landschaft, war es wohl erfroren oder verhungert, aber als wir über dem Kadaver gestanden sind, haben wir die rot durchklaffte Bauchdecke gesehen und das kleine Beil, das tief darin gesteckt ist. Es ist eigentlich nur noch der Stiel sichtbar gewesen zwischen den herausdrängenden Innereien. Unwillkürlich haben wir uns suchend umgeschaut, dann sind wir wortlos zu den Lastwägen zurückgelaufen.

„Ein Schaf, nur ein Schaf“, haben wir den anderen zugerufen, die in den laufenden Fahrzeugen gesessen sind, eine Thermoskanne oder ein Wurstbrot in der Hand, und wir sind schnell wieder in unser warmes Führerhaus gestiegen.

Prähausner merkte, dass er aufgehört hatte zu kauen. Ein Bissen Kartoffelsalat säuerte auf seiner Zunge, bevor er ihn mit einem Schluck Bier in den Rachen spülte. Wo war die Fremde hingekommen? War sie aus dem Raum gestöckelt, ohne dass er es bemerkt hatte?

Mara trat erneut ins Zimmer, diesmal im Sari. „Und du schreibst und schreibst mit krummem Rücken / Lässt dich von dem Leid der Welt bedrücken“, sang nun legato der Chor. Es war der Sari, den Günther aus Indien mitgebracht hatte, eine safranfarbene Stoffbahn, in der selbst Franzi unmöglich aussah, von Hertha ganz zu schweigen. Und doch hatte sich Prähausners Ex immer wieder hineingewunden, hatte die luftige Beschaffenheit des Stoffs und Günthers Geschmack gelobt. Günther, der anfangs nur Herthas Sehnsucht nach dem Fernen und Anderen befriedigt hatte. Und nun stand Mara safranfarben vor Prähausner. Der Sari legte sich um ihre Hüften, ihre Schultern, um ihren Kopf, als hätte sie nie etwas anderes getragen; ihr Haar, das unter dem Stoff hervorsträhnte, erleuchtete das Wohnzimmer mit seiner Schwärze. Indien, Indien war erleichternd weit fort, Indien war eine gute Erklärung für ihr dunkles Haar, ihren dunklen Teint und die Angewohnheit, sich zur Begrüßung die rechte Hand auf das Herz zu legen.

„Du stellst Artikel auf Artikel her / auch wenn es Zeit für die Familie wär“, lamentierte der Chor. Mara hielt sich diesmal ein wenig länger im Wohnzimmer auf. Kein Zweifel, sie fühlte sich wohl im Sari, sie zog sich halb den feinen Stoff vors Gesicht, vor ihre groß geschminkten Augen und den strotzend roten Mund. Sich im Safran sonnend, stellte sie merkbar kokett die Hüfte aus und richtete ihren Blick, nachdem sie sich ein weiteres Mal elegant verneigt hatte, erwartungsvoll auf Prähausner. Kurz zauderte er noch, dann begann er zu klatschen. Franzi kam ins Zimmer.

„Der Sari steht ihr gut, gell?“ Sie lachte vergnügt. Flink schaltete sie die Stereoanlage aus. „Sie ist so schön! Die dunklen Augen. Und die Haare erst! Hast du ihre Haare schon angegriffen? Nicht?“ Franzi schob die Fremde auf Prähausner zu und zog eine dicke Strähne unter dem Safrantuch hervor. „Da. Fühl mal.“ Es blieb ihm nichts anderes übrig, als das Haar in die Hand zu nehmen. Es war fest und stark und fellig dicht. Das Schwarz zerblaute vor seinen Augen.

„Vielen Dank für die schöne Vorführung.“ Prähausners Blick schwamm noch ganz in Maras Schönheit, als er sie mit einer Handbewegung aufforderte, sich zu setzen. Nach einem Schluck Bier räusperte er sich umständlich, dann bat er seine Tochter, Gebärdensprache zu googeln. „Gehörlose kommunizieren nämlich mittels Gebärden. Die sind von Land zu Land verschieden. Ich habe erst vor ein paar Monaten ein Interview mit dem Leiter des Gehörlosenverbands gemacht.“

„Ja, den Artikel hab ich gelesen“, unterbrach ihn Franzi, die sich ebenfalls gesetzt hatte und ihren Zeigefinger sofort über ihr Smartphone fliegen ließ. „Mit der Gebärdensprache kann man gut Gefühle ausdrücken. Total faszinierend.“

„Was? Du hast den Artikel gelesen? Wirklich?“

„Ach Paps, du weißt doch, dass ich mich für medizinische Sachen interessiere!“

„Allerdings.“ Prähausner lächelte. Im Alter von etwa drei Jahren, nach einem Besuch bei der Hausärztin, der der grippekranken Franzi Linderung verschafft hatte, war das Interesse des Kindes für den menschlichen Körper erwacht. Die Sprechstunde, in der die kleine Ärztin, Frau Dr. Franzi, umständlich Prähausners Geschlecht untersucht und festgestellt hatte, dass es da einen Unterschied zur Mama gebe, war ihm noch gut in Erinnerung. „Freut mich, dass du ab und zu die Nachrichten liest. Und? Was sagt Google? Hast du was gefunden?“

„Ja, da gibt es eine Menge. Zum Beispiel anschauen. Das geht so:“ Sie formte mit Zeige- und Mittelfinger ein Victory-Zeichen und führte es in einer Art Wellenlinie auf Höhe ihres Kinns von rechts nach links. Dabei blickte sie Mara unverwandt an.

Die Fremde formt die Gebärde augenblicklich nach, auf eine ungleich elegantere Weise als meine Tochter. Dabei gluckst sie glücklich in Franzis Richtung, ein staunenswert naives, fast schon kindliches Lachen im Gesicht. Plötzlich ist keine Spur von Gefallsucht, von Koketterie mehr in ihrem Verhalten. Wie würde jemand, der gehörlos ist, ihren Catwalk-Auftritt beurteilen? Keine voll aufgedrehte Stereoanlage, ein lautes Lippenstiftrot im Gesicht. Keine explizite vorherige Ankündigung, die Aufmerksamkeit erzeugt, kein „Casual“ und kein „Business-Look“, sondern eine überdeutlich verführerisch ausgestellte Hüfte. Wie schwierig muss es sein, sich bei anderen Gehör zu verschaffen, wenn man selbst nicht sprechen kann? Kein Wunder, dass Mara kräftig mit dem visuellen Lautstärkeregler spielt. Nur so kann sie sicher sein, dass ich alles mitkriege.

„Ich dich anschauen!“ Franzi zeigte auf sich selbst und dann auf die junge Frau, bevor sie wieder die Wellenlinie zeichnete.

Mara nickte. Sie zeigte auf ihre Augen, bevor sie ihre Victory-Finger leicht durch die Luft gleiten ließ.

„Sie kann reden! Man hört es bloß nicht!“ Franzi deutete auf sich selbst, legte sich die rechte Hand auf ihre Herzgegend und zeigte dann auf Mara. „Ich mag dich!“, sagte sie überdeutlich langsam.

Die Fremde gurrte, bevor sie Franzis Hände ergriff und sie kurz an ihr Herz zog. „Schau, wie einfach das ist, Pap!“, rief Franzi. „Komm, sag ihr, dass du sie magst.“

„Nein, das geht nicht“, weigerte sich der Redakteur. Schnell stand er auf. „Sie ist eine Frau und ich bin ein Mann. Das könnte sie falsch verstehen.“ Er lobte seine Tochter für ihr pädagogisches Geschick, dann wünschte er den beiden Freundinnen noch viel Spaß und ging aus dem Raum.

Prähausner starrte ins Dunkle. Er fand keinen Schlaf, und das, obwohl Franzi sich auf der Wohnzimmercouch ausgestreckt hatte, bereit, bei der geringsten Unruhe, die aus ihrer Kammer kam, aufzuspringen und Mara zu beruhigen.

Hertha hatte ihm nicht einmal eine Standpauke gehalten, als er ihr am Telefon von Franzis unabänderlichem Beschluss, die Nacht in seiner Wohnung zu verbringen, erzählt hatte. Im Gegenteil, sie war nach anfänglicher Verblüffung sogar sehr zugänglich geworden und hatte fast so etwas wie Respekt erkennen lassen.

Prähausner konnte nicht einschlafen, weil wieder Mara vor seinen Augen stand, weil das Sarigelb in meinen überreizten Gehirnwindungen gleißt, weil der schwarze Duft ihres Haares macht, dass ich unwillkürlich die Luft einsauge, aber da ist nur der Muff der Tuchent. Wann habe ich mein Bett das letzte Mal frisch überzogen? Vor fünf oder sechs Wochen, weit vor Beginn der ganzen Flüchtlingsgeschichte, muss es gewesen sein.

Hier im Schlafzimmer ist es ruhig, nur von den fernen Gleisen des Verschubbahnhofs höre ich ein leises Klonken und ein Quietschen; dort werden, wie jede Nacht, Güterzüge zusammengestellt, und, wie ich unter der Hand erfahren habe, auch immer mehr Sonderzüge aus alten Personenwaggons, in denen die Vertriebenen in die Steiermark oder nach Kärnten gebracht werden, nach Vorarlberg oder nach Tirol, immer dorthin, wo gerade eine Mehrzweckhalle oder ein altes Hotel für sie freigemacht worden ist. Man rangiert sie hin und her, Verschubmasse der Verzweiflung darüber, dass die Tiefgarage am Bahnhof längst voll ist, dass in den beiden Schulturnhallen, die erst gestern adaptiert worden sind, alle Feldbetten belegt sind.

Leute, öffnet eure Wohnungen für die Vertriebenen, nehmt für zwei oder drei Nächte, für drei oder vier Wochen junge Männer aus dem Irak auf oder aus Afghanistan, eine Familie aus Syrien oder aus Nigeria. Nehmt euch ein Beispiel an mir, Ingo Prähausner, der ich einer jungen Frau alle erdenkliche Hilfe angedeihen lasse, obwohl ich sie nicht einmal fragen kann, weshalb sie sie benötigt. Ich werde nie erfahren, woher Mara stammt, werde nicht einmal ihren wahren Namen wissen, aber dennoch habe ich ihr meine Türe und mein Herz geöffnet. Leute, seht, wie sehr sie meine Hütte mit ihrem Safran beglänzt, wie aufregend exotisch mein Leben geworden ist, seit ich ihr Obdach gewährt habe. Selbstlosigkeit führt in die Sonne; Angst, Misstrauen und Ablehnung leiten zurück ins Dunkel, das habe ich mit meiner toleranten Art bewiesen! Ich schreibe nicht nur über die Notwendigkeit, sich solidarisch füreinander einzusetzen, ich lebe auch danach – ohne den geringsten Hintergedanken, ohne ein Gran von der egoistischen Gier, die ich so oft in meinen Kommentaren angeprangert habe. Leute, nehmt euch ein Beispiel an meiner beeindruckenden Mildtätigkeit und inseriert in der App der Grätzelnachrichten, statt auf fragwürdigen Internetseiten. Moralische Fragen werden in der Werbung immer wichtiger, besonders in Zeiten der Krise.

6

„Ein guter Artikel. Der Gebirgsjäger wird immer besser.“ Prähausner scrollte ein wenig zurück und las laut vor:

„Österreich ist ein schönes Land. Nur die Sonne zeigt sich so selten“, sagt Ahmed aus Kabul. „Hoffentlich ist es in Helsinki wärmer. Bald werden wir dort sein.“ Ich verabschiede mich und bringe es nicht übers Herz, Ahmed wissen zu lassen, dass es in Finnland weit weniger Sonne geben wird als hier in Österreich.

Ich bringe es nicht übers Herz, ihn wissen zu lassen“, wiederholte Prähausner. „Das ist fast schon literarisch ausgedrückt.“ Er strich sich ein paar Haarsträhnen, die sich aus seinem Pferdeschwanz gezaust hatten, hinter das rechte Ohr zurück.

„Ja. Das Thema liegt ihm. Er ist ein politischer Kopf.“ Annabel stand von ihrem Schreibtisch auf und räkelte ihre Arme in Richtung Decke. „Ah, das tut gut. Gestern Abend war wieder Yoga-Kurs. Du könntest dich eigentlich auch mal ein bisschen bewegen.“ Sie streckte ihre Arme V-förmig in Richtung Decke. Es sah aus, als hätte sie sich als menschliches Ausrufezeichen hinter ihren letzten Satz gesetzt. Das war eine Aufforderung wie ich sie nur allzu gut von Hertha kenne, hättest du, könntest du, würdest du. Höflich bis zur Selbstverleugnung, aber mit einem derart leidenden Unterton, dass sich das schlechte Gewissen sofort zur Hintertür hereinschleicht und ich das Erbetene sofort erledige. Nein, ich werde mich nicht bewegen, ich werde an meinem Schreibtisch sitzen, bis sich meine Finger über der Tastatur versteifen, bis ich nicht mehr aufstehen kann und du, liebe Annabel, mich in Richtung Friedhof schleppen musst. Jetzt beugt sich die Kollegin mit durchgestreckten Beinen nach vorne und nimmt eine seltsam baumelige Körperhaltung ein, Kopf und Arme hängen nach unten. Mit einer Stimme, die unter ihrem Schreibtisch gründelt, fordert sie mich noch einmal auf, etwas für meinen Körper zu tun. Danke, Annabel, mein Gehirn ist auch so ganz gut durchblutet, ich brauche meinen Kopf nicht hängen zu lassen.

Ach, was muss ich ständig an Frauen geraten, die sich nach fernöstlicher Spiritualität verrenken, die sich an mich heranmeditieren oder mich mit ihrer Safranglut verbrennen? Warum kann Annabel nicht einfach in die Kirche gehen und niederknien, warum liest Hertha in einem Achtsamkeitsratgeber, statt ein Vaterunser zu beten?

Zufrieden schnaufend richtet sich die Kollegin wieder auf. Das Blut, das in ihr Gesicht gelaufen ist, steht ihr ausgezeichnet, gleich sieht sie weniger büroblass aus als zuvor – und die Haltung erst! Ihr Busen strafft in meine Richtung, die Brustwarzen spitzen durch den Stoff. Wild zwirbelt ihr Haar in alle Richtungen. Wie sehr ich sie doch um dieses Haar beneide, um seine Widerspenstigkeit, um sein brünettes Quirlen, Strähnen und Strubbeln, in das mein Blick sich jetzt hineinverirrt; so dicht ist dieses Haar, dass ich noch niemals wirklich ihren Nacken gesehen habe, noch nie das sanft von den Wirbelfortsätzen durchhügelte Stückchen jungfräulich weißer Haut, wohlgeborgenes Hymen, das nur durch einen gezielten Biss zerrissen werden kann. Ich merke, dass ich starre, dass sich mein Blick peinlich versteift hat. Da hilft nur noch, ein möglichst finsteres Gesicht zu machen: Yoga kommt für geile Männer mittleren Alters, die sich vor sich selber grausen, einfach nicht in Frage.

Enttäuscht blickt sie zu mir herüber, jetzt setzt sie sich wieder vor den Bildschirm und ihr Rücken rundet sich. Schade. Ihr Busen verkriecht sich zwischen ihren Schultern.

„Äh, warum ziehen sich Hindu-Frauen eigentlich oft das Sarituch über den Kopf?“, fragte Prähausner. „Hat das religiöse Gründe?“

„Keine Ahnung“, sagte Annabel. „Wieso?“

Der Journalist erzählte ihr vom gestrigen Wohnzimmer-Catwalk und von Maras gelungener Sari-Präsentation.

Mit kraus gezogener Stirne blickte ihn die Kollegin einen Moment lang skeptisch an, dann öffnete sie die Lade mit ihren Duftölen. „Tasmanisches Berg-Eukalyptus-Öl oder Tiroler Latschenkiefern-Extrakt?“ Leise klirrten die Glasfläschchen aneinander.

„Kiefer“, wählte Prähausner, der sich wieder seinem Bildschirm zugewandt hatte. „Wir könnten den Gebirgsjäger damit beauftragen, sich einen Sunniten, einen Alewiten, einen orientalischen Christen und so weiter zu suchen. Er könnte Artikel über die jeweiligen Lebens- und Fluchtgeschichten schreiben. Daneben könnten wir in einem Kästchen die dazugehörenden Religionen erklären.“

„Latschenkiefer!“, sagte Annabel mit Nachdruck. „Diese Mara beschäftigt dich ziemlich, was?“ Sie nahm eines der Fläschchen aus der Lade, schraubte es auf und gab einige Öltropfen in die Wasserschale, die neben ihrer Tastatur stand. Sofort verbreitete sich ein harzigherber Duft im Raum.

„Ja. Aber vielleicht auf … auf eine andere Weise, als du denkst“, antwortete Prähausner. „Wahrscheinlich ist sie wirklich aus Indien, so selbstverständlich, wie sie den Sari trägt.“

„So selbstverständlich wie ich meinen Kapuzenpullover?“ An Annabels mokantem Unterton merkte Prähausner, dass sie ihm nicht glaubte. Wenn sie wollte, konnte sich die Kollegin ausgesprochen sarkastisch geben. Besonders Hubert pikste sie nicht selten mit ihren spitzen Bemerkungen.

„Zuerst Hertha mit ihren Hosenanzügen, ihren Kostümen. Dann jahrelang nichts, und dann plötzlich so ein bunter Sari. Da muss Mann ja schwach werden“, höhnte Annabel. Sie saß plötzlich kerzengerade da und griff mit der rechten Hand nach hinten, an die Lehne ihres Bürosessels, anschließend drehte sie ihren Oberkörper. Ihr Kopf folgte dieser leicht spiraligen Bewegung, und so grünten auch ihre Augen nach hinten, an die Wand, wo Prähausner die Urkunde aufgehängt hatte. Der Medienpreis des Bundeslandes war vor nun schon sechs Jahren an die Neuesten Grätzelnachrichten gegangen, für die „außergewöhnliche Berichterstattung im lokalen Bereich“. Hertha und er waren damals als ein privat wie beruflich erfolgreiches Paar gefeiert worden, dabei war die Trennung bereits absehbar gewesen.

Prähausner seufzte auf. Er hatte längst niemanden mehr, der die Nachrichten nach außen repräsentierte, der effiziente Werbung für das Werbeblatt zu machen verstand. Daran würde auch Huberts App nichts ändern.

Die beängstigenden Zahlen vor dem inneren Auge, seufzte der Redakteur noch einmal auf, dann sagte er zu Annabel: „Weißt du was, ich mache die religionsspezifischen Interviews selbst. Ich muss mal wieder raus aus diesem Büro, sonst werde ich schier verrückt. Kommst du mit? Ich brauche jemanden, der fotografiert.“

7

Die Leute hockten auf dem Boden, auf Decken, Jacken oder ganz einfach im trockenen Gras, nein, sie hockten nicht, sie lagerten, sie hatten sich bequem ausgestreckt und machten ihre Rucksäcke, ihre Taschen zu Kopfkissen, sie hatten sich sämtlich scheinbar locker über die Wiese verstreut, und doch war so etwas wie ein Muster erkennbar: Die Familien bildeten immer einen Kern, ein geschlossenes Zentrum, um das sich junge Männer sammelten, zu dritt, zu viert saßen sie mit überkreuzten Beinen und blickten auf ihre Smartphones, rauchten und aßen die Semmerln, die das Bundesheer verteilte, oft aber nur das Brot, die Wurst landete im Gras.

„Ist da eigentlich Schweinefleisch drin?“ Prähausner zeigte mit der Schuhspitze auf eine zertretene Scheibe Extrawurst.

„Ich glaube schon.“ Annabel nahm die Kamera vom Auge und verzog angewidert das Gesicht. „Können die keine Käsesemmerln verteilen? Dann wüssten die Leute, woran sie wären und es würde nichts verschwendet. Klohäuschen sollten sie aufstellen. Und Mistkübel“, sagte die Kollegin, während der Verschluss ihrer Kamera bereits wieder klickte.

Sie hatte recht. Dem Geruch nach zu schließen, wurde nicht nur die Flussböschung als Toilette benutzt. Zwischen den lagernden Gruppen ließ der warme Wind Plastikabfälle vagabundieren, überall lagen Flaschen, weggeworfene Decken und Kleidung. Toilettenhäuschen statt waschkörbeweise Extrawurst-Semmerln war allerdings kein guter Vorschlag, jedenfalls nicht, wenn es nach dem Polizeisprecher ging, den Prähausner vor etwa zwei Stunden telefonisch erreicht hatte. Man wolle die Leute in der leergeräumten Autobahnmeisterei unterbringen, die nur wenige Kilometer entfernt und inzwischen mit allem Notwendigen ausgestattet sei. Ein wildes Camp an der Grenze werde man nicht dulden. Noch sah es nicht nach einem Camp aus, eher nach einem Massenpicknick.

„Stell dir vor, das wären Österreicher. Die würde alle auf den Bordsteinen sitzen oder auf den Steinen am Flussufer und nicht auf dem Boden.“ Annabel verstaute die Kamera in ihrer Tasche. „Oder sie würden gleich Bierbänke und Biertische aufstellen.“

Prähausner lachte. Tatsächlich hatte das Bundesheer damit begonnen, am Straßenrand Biertische aufzuklappen. Kollegen vom deutschen Fernsehen filmten einen Soldaten, der gerade ein Ofenrohr auf einen klobigen tarnfarbenen Anhänger steckte. Eine Feldküche! Wann hatte er das letzte Mal so etwas zu Gesicht bekommen? Vielleicht als Bub, bei einer der jährlichen Leistungsschauen des Bundesheers?

„Die Brücke. Die habe ich noch nicht!“ Annabel packte die Kamera wieder aus, dann suchte sie sich einen Weg zurück auf die Straße.

Der Grenzfluss war hier nicht sonderlich breit, grün und klar zog das Wasser unter der Brücke, die nicht mehr als siebzig, achtzig Meter überspannte, hindurch. Hundert, hundertfünfzig Flüchtlinge hatten auf den Geh- und Radwegen beiderseits der Brückenfahrbahn Platz gefunden. Die Allermeisten standen an das Geländer gelehnt, viele aber saßen auch am Boden, so wie Ibrahim, ein Schiit aus dem Irak. Prähausner hatte ihn vorhin interviewt, und jetzt waren er und seine beiden Cousins bereit, sich vor Annabels Kamera zu stellen. Keinen Schritt würden sie von der Grenze wegmachen, hatte Ibrahim erzählt, sie seien unter den ersten gewesen, die sich bis hierher durchgefragt hätten, und nun blieben sie, bis die Deutschen den Schlagbaum öffneten. Nach wochenlanger Flucht sahen die drei überhaupt nicht aus, eher so, als hätten sie sich gerade aus einem gut gefüllten Kleiderschrank bedient. Selbst Ibrahims weißes Hemd war fleckenlos sauber; Aftershave-Geruch zog in Prähausners Nase.

„Wir haben uns heute Morgen am Fluss gewaschen und rasiert“, hatte der jüngere der beiden Cousins, dessen schwarze Brauen fast schon schnurrbartartig über seinen Augen stachelten, erklärt. „Wir wollen einen guten Eindruck bei den Deutschen machen.“

Nach einer baldigen Öffnung der Grenze sah es allerdings nicht aus, auch handelte es sich nicht eigentlich um einen Schlagbaum, sondern um eine Art Gitter, das sich genau in der Mitte der Brücke über Fahrbahn und Gehwege spannte und mit zwei Toren für den Verkehr versehen war. Kein eilig herangeschaffter Bauzaun, sondern eine massive, mindestens drei Meter hohe Sperre, die gut vor das Eingangstor einer Kaserne gepasst hätte. Dahinter hatte die deutsche Polizei Stellung bezogen, Beamte in ihrer Alltagsuniform, die den zäh dahinfließenden Autoverkehr kontrollierten, und außerdem ein paar dutzend durchtrainierte Männer, die ihre Helme an ihre Koppeln gehängt hatten. Durchsichtige Schilder lehnten in Reihe am Brückengeländer.

Hinter den Kulissen, hieß es, wurde hektisch verhandelt. Österreichische Spitzendiplomaten waren nach Berlin geflogen, um sich für ein Kontingent von sechshundert bis tausend Flüchtlingen pro Tag einzusetzen. Unverhofft den Rücken gestärkt hatte ihnen die ungarische Präsidentin mit einem offenen Brief an die deutsche Regierung: Auch in ihrem Land seien die Vertriebenen kaum noch unterzubringen; Bahnhöfe, Turnhallen, Militärzelte seien übervoll. Abhilfe könne nur geschaffen werden, wenn das wirtschaftlich stärkste Land Europas sich für die Hilfesuchenden öffne.

„Danke, das reicht. Ich habe euch und den Zaun drauf. Das Foto kommt in unsere Zeitung“, sagte Annabel auf Englisch zu Ibrahim. „Wollt ihr wirklich hier übernachten?“ Sie steckte die Kamera endgültig zurück in die Tasche.

„Ja, eine Nacht ist kein Problem für uns. Morgen werden sie uns hineinlassen.“ Ibrahim war voller Optimismus. In Deutschland, hatte er während des Interviews gesagt, wolle er als Zahnarzt arbeiten, so wie in Basra auch, und nach ein, zwei Jahren seine Familie nachholen.

„Na, dann viel Glück!“

Als Prähausner und seine Kollegin in Richtung Auto gingen, fiepte Annabels Smartphone. „Unser Gebirgsjäger“, sagte sie mit Blick auf den Bildschirm. Sie wurde langsamer, dann blieb sie stehen. „Er ist auf der deutschen Seite der Grenze unterwegs. Schau mal.“ Sie hielt Prähausner ihr Gerät vor die Nase. Auf einem Foto war ein Bautrupp zu sehen, der Nato-Draht auf dem Waldboden ausrollte. „Sieht aus, als wäre es gar nicht weit von hier. Das ist im Auwald.“

„Was? Ein Zaun? Das kann doch … davon war doch nie die Rede!“ Prähausner starrte auf das Foto, ohne einen weiteren Gedanken fassen zu können. Die Sonne im wolkenlosen Himmel, das Rauschen des Flusses. Das friedliche Picknick mit der Extrawurst. Ich will etwas sagen, aber es geht nicht, meine Kehle ist dürr und trocken geworden. Schnell hole ich die Wasserflasche aus meinem Rucksack, nehme einen Schluck, dann noch einen. Annabel scheint nicht zu begreifen, sie blickt mich nur ein wenig verwundert an, weil ich nicht reagiere, nicht reagieren kann. Es ist nicht möglich, nicht hier, an der Grenze zu Deutschland. Das Foto muss Johannes aus einer anderen Gegend bekommen haben, aus Mazedonien, Serbien, aus Griechenland.

„Ruf Johannes an, sofort. Er soll vor Ort bleiben und weitere Fotos machen. Fotos vom Zaun. Vielleicht gibt es Truppenbewegungen. Auch davon brauchen wir Fotos, möglichst schnell.“

„Okay.“ Annabel tippte schon auf ihrem Telefon herum.

„Und dann wechselst du rüber. Du gehst ins Rathaus von Freileichtheim und überrumpelst den Bürgermeister. Du fragst ihn auf den Kopf zu, ob er etwas weiß, und wenn er es leugnet, zeigst du ihm das …“

Wieder fiepte Annabels Handy. Der Gebirgsjäger hatte drei weitere Bilder geschickt. Eines zeigte einen Lastwagen der Deutschen Bundeswehr, der Drahtrollen geladen hatte, die beiden anderen Soldaten, die Zaunpfähle in den Waldboden schlugen. Verblüffenderweise waren beide Aufnahmen gestochen scharf. Sie mussten aus unmittelbarer Nähe gemacht worden sein.

„Wie hat er denn das zustande gebracht?“ Prähausners Kehle war noch immer so trocken, dass er den Satz nur mit Mühe zu Ende bringen kann. Da bin ich seit beinahe fünfzehn Jahren Redakteur bei den Neuesten Grätzelnachrichten, da bilde ich mir ein, dass ich alles, aber auch wirklich alles, was in dieser Stadt passiert, schon Tage vorher erahnen kann, und nun schickt mir ausgerechnet ein jobbender Bummelstudent ein paar Fotos, die möglicherweise mehr verändern werden als alles, was ich bisher erfragt, geschrieben, gedruckt habe. Wasser. Es gluckst aus der Flasche in meinem Mund, schwemmt kühl meine Kehle hinab. Das ist meine Chance. Jetzt heißt es handeln.

„Sieht arg aus, der Zaun.“ Annabel, die langsam zu begreifen schien, fragte nach genaueren Anweisungen.

„Du fährst mit dem Wagen nach Freileichtheim ins Rathaus. Ich fahre mit dem Bus ins Büro. Wir müssen schnell sein. Du hast dreißig Minuten! In höchstens einer Stunde sind wir online!“

Gleichzeitig rannten sie los, Annabel zum Auto, das ganz in der Nähe der Brücke geparkt war, Prähausner in Richtung Busstation, die etwa einen Kilometer von der Grenze entfernt war, er rannte an der Fahrzeugkolonne, die sich von der Brücke aus zurückstaute, entlang, hetzte über eine rote Ampel und steigerte trotz des plötzlichen Stechens in seiner Seite die Geschwindigkeit, während sich in seinem Kopf schon die erste Schlagzeile zu bilden begann:

SCHOTTET DEUTSCHLAND SICH AB?

Bundeswehr baut Zaun an der Grenze. Nato-Draht wird angeliefert. Erste Fotos, exklusiv in den Neuesten Grätzelnachrichten.

Noch im Laufen holte er sein Telefon aus der Hosentasche. Jetzt musste Hubert zeigen, was er draufhatte, jetzt würde sich beweisen, was seine App wirklich konnte, ob das digitale Copyright tatsächlich funktionierte. Bis die großen Agenturen herausgefunden hatten, wo der Zaun gespannt wurde, konnte es zwei, drei Stunden dauern, und bis dahin gehörten die Schlagzeilen ganz allein den Neuesten Grätzelnachrichten.

8

„Hallo Papsi! Wo warst du so lange?“ Franzi rutschte von der Couch, als Prähausner das Wohnzimmer betrat. Im Schlafanzug tappte sie auf den Journalisten zu. Er drückte sie an sich, küsste ihr traumverwirrtes Gesicht und sog ihren Geruch ein, ihren Nachtgeruch, den sie schon als kleines Kind gehabt hatte, einen Geruch nach Bettwärme, Schlaf und der süß schmeckenden Kinderzahnpasta mit dem Mammut auf der Tube, die sie noch immer benutzte. Es war 3 Uhr nachts.

„Tut mir leid, Franzi, es war die Hölle los. Es ist etwas Unglaubliches passiert. An der Grenze.“

„Ist das wegen dem Zaun, den sie bauen?“

Prähausner ließ seine Tochter los. „Woher weißt du davon?“

„Von deiner App. Ich habe zusammen mit Mara geschaut. Ich habe den Beitrag sofort geteilt.“

„Danke, Franzi. Die App … sie funktioniert wirklich gut.“ Prähausner war plötzlich schwankig zumute. Er hielt sich an der nächstbesten Sessellehne fest und kam zu dem Schluss, dass er seit vierzehn Stunden weder gegessen noch getrunken hatte und dass er zumindest die Flüssigkeitsaufnahme schleunigst nachholen sollte, wenn er morgen wirklich noch vor acht wieder in der Arbeit sein wollte, nein musste, denn Hubert, der am Abend ins Büro gekommen war, um Annabel abzulösen, konnte unmöglich bis in den Vormittag hinein durchhalten; aufgekratzt, wie er seit Stunden war, brach er immer wieder in unkontrolliertes Gelächter aus, und das selbst dann, wenn er mit einer großen Agentur telefonierte, so wie vorhin, als die BBC angerufen hatte. Woher die Infos, die Bilder, die Mitschnitte denn kämen? Ob es glaubhaftere Quellen gäbe als das Gestotter dieses Provinzbürgermeisters?

Das deutsche Verteidigungsministerium wiegelte ab; Truppenbewegungen an der Südgrenze gebe es nicht, die Fotos und Filmchen seien wohl bei einer Übung der Gebirgspioniere aufgenommen worden und der kurze Gesprächsmitschnitt der beiden Offiziere wahrscheinlich eine Fälschung.

„Paps? Geht’s dir nicht gut?“

„Doch, gut. Sehr gut. Ausgezeichnet sogar“, sagte Prähausner, bevor er auf den Sessel kippte, den ihm seine Tochter unter den Hintern schob.

„Mam hat recht. Du bist immer viel zu lange in der Arbeit. Warte, ich hol dir ein Bier.“ Die Besorgnis schien Franzi wieder munter gemacht zu haben. Sie lief in die Küche, und Prähausner hing auf seinem Sessel und starrte auf die Couch, wo der Schlafhase meiner Tochter verstört neben dem Kopfpolster sitzt. Ich habe das Tier mit den übergroßen Augen und den zerfransten Ohren noch nie wirklich leiden können, ich weiß nicht warum, und jetzt erinnert es mich absurderweise an Hubert und sein hysterisches Lachen. Da ruft einmal im Leben die BBC bei den Neuesten Grätzelnachrichten an, und dann geht ausgerechnet Hubert, dessen Englisch in den letzten Jahrzehnten regelrecht erodiert ist, an den Apparat, major, Bürgermeister, spricht er aus wie einen militärischen Titel, und wenn er etwas nicht verstanden hat, sagt er nicht can you repeat it, sondern can you say it again. Schon auf der Fahrt nach Bosnien hat er nicht wenige seiner Gesprächspartner mit diesem Englisch verstört, und Marina hat sich oft darüber lustig gemacht, Marina, die sich damals gerade eine Fremdsprache nach der anderen angeeignet hat, Kassette in den Walkman, Kopfhörer aufgesetzt, ganz gleich, ob sie in der Stadt unterwegs gewesen oder am Herd gestanden ist, Marina, die nie Vokabeln gelernt hat, die sich scheinbar niemals hat anstrengen müssen: Marina wird bereits mitbekommen haben, was hier unten los ist.

„Hier, trink.“ Franzi stellte nicht nur eine, sondern zwei Flaschen auf den Tisch, dann verschwand sie wieder in der Küche. Das Bier war wunderbar kalt; mit gierigen Schlucken kühlte Prähausner sein überhitztes Inneres herunter, bis die erste Halbe leer war und er sich fragte, was es mit Hubert und dem Hasen auf sich hatte, und die BBC wollte sich morgen Vormittag noch einmal melden, schon allein deshalb, weil der Gebirgsjäger ständig neue Fotos schickte, zuletzt von Militärlastwägen, die im schwindenden Abendlicht an einem Fluss entlangfuhren. Es konnte irgendein Fluss sein, Johannes konnte sich das alles ausgedacht und zusammenkopiert haben, aber das war nicht wahrscheinlich, wahrscheinlich war, dass ausgerechnet die Neuesten Grätzelnachrichten Bilder und Schlagzeilen lieferten, die nicht nur die großzügig aufgerundeten 450 lokalen Stammleser der neuen App, sondern spätestens morgen früh Millionen und Abermillionen von Menschen auf den Bildschirmen haben würden, von Hammerfest bis Hurghada und von Kabul bis Casablanca.

Prähausners erneut einsetzender Schwindel verging, als ihm Franzi Käsebrote servierte, eine aufgeschnittene Karotte und eine offene Dose mit Gemüsemais. Obwohl er nicht den geringsten Hunger verspürte, aß er fügsam, und als seine Tochter sich zu ihm setzte, sah er Ibrahim und seine Cousins, die an der Grenze warten, Tag um Tag auf den Augenblick warten, in dem die Deutschen das Brückentor öffnen; zwischen die Bäume des Auwalds gedrückt, warten sie unter kaltem Regen; sie warten unter rasch zusammengeklopften Brettern, unter Plastikplanen, Dachpappe, Schalungstafeln. Ibrahims weißes Hemd hängt ihm tagelang, wochenlang am Leib, es dunkelt nach, wird stockfleckig und feucht; das Warten zermürbt die Baumwolle, immer liegt sie klamm und kalt auf der Haut, und irgendwann reißt das Gewebe ein, es löst sich unter den Achselhöhlen auf, die Knöpfe springen ab, und nun ertragen es er und seine Cousins nicht länger. In einer mondlosen Nacht schwimmen sie durch den Fluss, nass und zitternd kriechen sie die Böschung hinauf und versuchen, sich unter dem Rasiermesser-Zaun hindurchzuwinden. Ibrahims Hemd geht dabei in Fetzen, der Stoff saugt sich voll mit Blut, aber er kriecht weiter, hinein nach Deutschland, wo er sich immer noch willkommen glaubt, am Ziel.

„Schmeckt’s dir nicht?“ Die angewinkelten Beine vor die Brust gezogen, saß ihm Franzi gegenüber.

Prähausner merkte, dass er zwar kaute, aber auf das Schlucken vergessen hatte. Hastig holte er es nach. Als sein Mund wieder frei war, sagte er: „Schmeckt gut, vielen Dank, Franzi. Was ist mit Mara? Wie hat sie auf die Bilder von der Grenze reagiert?“

„Sie ist gleich ganz ernst geworden und hat auf sich selbst gedeutet und dann auf den Bildschirm. Sie hat das Handy genommen und die Fotos, auf denen Menschen gewesen sind, größer gezogen. Ganz konzentriert ist sie gewesen.“ Franzi erzählte, dass die Fremde das Smartphone nach ein paar Minuten zur Seite gelegt habe und aufgestanden sei. Sie habe eine Figur neben sich in die Luft gezeichnet, zweifellos einen Mann, denn Mara habe sich einen Schnauzer ins Gesicht gemalt, und nicht nur einen Schnauzer, sondern auch eine ziemlich große Nase. Der Mann sei ganz bestimmt nicht dick, sondern eher dünn und ein wenig kleiner als Mara und habe vielleicht deswegen eine Vorliebe für Schuhe mit eher hohen Absätzen, die sich Mara mehrmals unter die Fersen gekeilt habe. So habe sie, Franzi, binnen einer halben Minute ein ziemlich deutliches Bild von ihm erhalten. Nur ob der Mann ein Transpirationsproblem oder eine Vorliebe für Deos habe, oder ob ihn Mara dazu habe erziehen wollen, Deos zu benutzen, sei nicht richtig rübergekommen. Zu schnell hintereinander habe sich Mara ihre Nase unter die Achsel gesteckt, das Gesicht verzogen und anschließend einen Sprühstoß aus Luft in ihre Achselhöhle gegeben.

„Das hat sie dir alles erzählt?“, fragte Prähausner verblüfft.

Franzi antwortete stolz, dass sie noch mehr zu berichten habe. Dass Mara, als der Mann fertig dagestanden sei, ihre beiden Zeigefinger kurz aneinander gerieben, und sich, da sie nicht gleich verstanden worden sei, einen Ring aus Luft an den Finger gesteckt habe. „Sie ist verheiratet, Paps!“, triumphierte Franzi. „Und sie haben gestritten!“ Mara nämlich habe ängstlich auf den gezeichneten Mann geschaut und ihre Fäuste mehrmals gegeneinandergestoßen, habe sich geduckt und sich ihre Hände schützend vor ihr Gesicht gehalten. Der Luftmann habe heftig nach ihr getreten, aber sie habe sich verteidigt. Mit Wutgekeuche sei Mara auf ihn losgegangen, habe ihm ihr Knie in den Unterleib gestoßen, habe dann aber ihr Gesicht in plötzlichem Schmerz verzogen. Sie sei gekrümmt vor ihm auf dem Boden gesessen und habe sich Tränen auf die Wangen gezeichnet, aber nur für einen Augenblick, denn dann habe sie mit einem Mal wirklich zu weinen angefangen, sie habe geschnieft und sich in das Taschentuch geschnäuzt, das sie, Franzi, ihr gegeben habe.

„Unglaublich! Vielleicht ist sie wirklich geschlagen worden. Dann hätte Frau Hirscher recht gehabt“, rief Prähausner kopfschüttelnd aus. „Was hat sie noch erzählt?“

„Nichts mehr. Das alles hat sie ziemlich mitgenommen. Sie hat mir noch den Bluterguss auf ihrem Bein gezeigt. Dann ist sie ins Bett gegangen – ohne Zähneputzen. Sie putzt sich nie die Zähne. Ist dir das schon aufgefallen?“, fragte Franzi mit missbilligend kraus gezogener Stirn. Als Prähausner verneint hatte, wechselte seine Tochter das Thema: „Bauen die Deutschen echt einen Zaun?“

„Gut möglich. In Deutschland gibt es seit ein paar Monaten diese sogenannten Deutschkonservativen. Noch sind sie ein Teil der Partei, der der deutsche Bundeskanzler angehört. Sie haben ihn in den letzten Monaten ziemlich unter Druck gesetzt. Aber eigentlich weiß ich nur, dass ich um acht wieder im Büro sein muss. Die Fotos sind nämlich von uns. Alle.“

„Echt? Von den Nachrichten?“ Franzi stellte ihre Füße auf den Boden. „Wer hat die Fotos gemacht? Du?“

„Nein. Es war ein Kollege, ein …“ Prähausners Smartphone, das neben seinem Teller lag, piepste. Der Gebirgsjäger hatte eine SMS geschickt: arbeiten wurden endgültig eingestellt. begebe mich zur ruhe. melde mich wie besprochen um 8.

Gleich darauf kam das erste Infrarot-Foto. Annabel hatte die Kamera kurz vor Geschäftsschluss gekauft und gegen 10 Uhr am Abend unweit der Grenze unter einer Bank deponiert. Das Gerät hatte Prähausner eine Stange Geld gekostet, und nun waren nur Baumschemen zu sehen und ein Busch, unter dem ein großer Laubhaufen lag.

„Was ist denn das?“, fragte Franzi, die nun neben Prähausner stand. „Das sieht aber nicht sehr besonders aus.“

„Hm, ich weiß nicht recht.“ Prähausner wischte die Aufnahme beiseite, dann suchte er nach der Weckerfunktion. „Unser Informant legt sich schlafen. Das werde ich jetzt auch machen. Danke für das Essen.“

„Bitte.“ Sie küsste ihn auf die Wange. „Und vergiss auf das Zähneputzen nicht!“

Prähausner versprach es ihr. Zähneputzen, ja, sie hatte recht, sie war bisweilen verblüffend vernünftig, das hat sie von Hertha, die Inkonsequenz nicht leiden kann. Die Zähne hatten am Morgen und am Abend sorgfältig gesäubert zu werden, Munddusche, Zahnseide, Interdentalbürsten, Zahnbürste, Zahnspülung: Immer in dieser Reihenfolge. Gegen Ende der Beziehung habe ich mir vor dem Mittagessen Zahnseide durch den Mund gezogen, ich habe mir nach der Suppe ein Stamperl Zahnspülung gegönnt und gleich nach dem Dessert die Bürste eingesetzt, obwohl man nach der Mahlzeit mindestens eine halbe Stunde mit dem Putzen warten soll, besonders, wenn man etwas Saures gegessen hat. Ich habe mir am Nachmittag stundenlang mit den Interdentalbürsten zwischen den Zähnen herumgestochert und die Munddusche mitten in der Nacht angeschaltet. Das war meine Art, Hertha Kontra zu geben, mich für all ihre Demütigungen zu rächen. Franzis Sinn für die richtige Reihenfolge ist dadurch nicht in Mitleidenschaft gezogen worden. Ich muss sie nie dazu ermahnen, sich vor dem Schlafengehen die Zähne zu putzen, eher ist es umgekehrt. Vielleicht kommt ihr zwanghafter Zugang zur Zahnhygiene ja wirklich von meiner anarchischen Art, vielleicht habe ich Franzi tatsächlich verstört? Hertha zumindest sieht es so. Sie hat versucht, dem Kind einen Alltag anzutrimmen, in dem Schlamperei und Nachlässigkeit nicht vorkommen. Aber Franzi wehrt sich, Franzi lässt sich die Nasenflügel durchstechen und nicht die Ohrläppchen, oh, ihr Näschen ist noch immer rot entzündet, es sieht aus, als sei sie stark verschnupft.

Ob Ibrahim und seine Cousins Zahnbürsten in ihren Rucksäcken haben? Sitzen sie abends unten am Fluß, tauchen sie die Bürsten in das Wasser und putzen sich dann, hinüber zum Land ihrer Träume blickend, die Zähne, oder reinigen sie sich die Zahnzwischenräume eher mit Holzstückchen, so, wie der Prophet Mohammed das vorgelebt hat? Sind Flüchtlinge, die Munddusche, Zahnseide, Interdentaldusche, Bürste, Zahnspülung benutzen, besser als jene, die islamische Mundhygiene machen?

Prähausner merkte, dass er aufgestanden, dass er ganz in Gedanken zur Türe gegangen war. „Gute Nacht. Schlaf gut, Franzi“, murmelte er und schaltete das Licht aus. Was fehlte als erstes, wenn das gesellschaftliche Ordnungssystem ins Kippen geriet? Zahnpasta? Würde dann noch jemand seinen Köter an die Leine legen? Den Hundedreck in ein Plastiksackerl packen? Unfähig, einen vernünftigen Gedanken zu fassen, ging er ins Bad. Das Zähneputzen würde ihn nicht nur hygienisch, sondern auch mental auf die dringend benötigte Ruhe vorbereiten. Fraglich nur, ob er danach tatsächlich würde einschlafen können.

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321 s. 3 illüstrasyon
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9783701362813
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