Kitabı oku: «Das Glasscherbenviertel - Erinnerungen eines Lausbuben»
DAS GLASSCHERBENVIERTEL
Erinnerungen eines Lausbuben
Inhaltsverzeichnis
Einleitung und Beschreibung
Die Behausungen – schöner wohnen
Die Bewohner - Artenvielfalt
Zielgruppe und Siedlungsoriginale
Allgemein
Der Dickeldack
Wigele Emmerich sen.
Kössler Hansl
Hoffnungsvoller Nachwuchs - Bandenunwesen
Bewährung - Mutproben und andere Blödheiten
Entrümpelungsaktion – Starker Tobak
Entrümpelungsaktion – Der große Knall
Rodeln – Palfnerbach
Rodeln - Windischgrätz
Rodeln - Benedikter-Leitn
Boxen oder das klassische KO
Seilschaft
Liftige Höhen
Stuntmen
Schützen Heil
Dart-Ort
Tatzerwiese - Sackerl für´s Gackerl
Elektrotherapie
Fleißige Ameisen
Brennessel-Folter
Harnerdach - Rauchsignale
Rauchen im Bus – kein Genuss
Krampustag:
Streiche, Jux und Schabernack Waffeneinsatz
Das Blasrohr
Die Strumpfschleuder
Pfeil und Bogen
Die Skistock-Büchse
U-Hackerl - Hansei
U-Hackerl - Hausmeister Thiel
Das Luftdruckgewehr – Hausmeister Griesser
Feuerteufel
Motorsport
Der böse Wolf
Besuche im Seniorenheim
Der Garten – verbotene Früchte
Markusen Egon
Onkel Ferdl
Im tiefen Keller
Großes Kino
Des Hausmeisters Köstlichkeiten
Der Dachboden
Allgemeines
H2O Bomben
99 Luftballons
Geisterstunde
In vino veritas
Schnaps ist der Schweiß des Teufels
Der Flucht-Tunnel
Der Grand Prix am Dachboden
Der Hausmeister – die unendliche Gesichte
Das Stadion
Revanchefoul – das Imperium schlägt zurück
Zeltlager – ein klassisches Eigentor
Lilo – Gugg Lies
Abschluss - Danksagung
Einleitung und Beschreibung
Wenn man auf der Badgasteiner Bundesstraße am Bahnhof vorbei Richtung Böckstein fährt, so sieht man nach ein paar hundert Metern linkerhand eine moderne, neue Wohnsiedlung. Aufgrund ihrer gelblichen Färbung wird sie von den Einheimischen "Eierspeisblock" genannt. Böse Zungen behaupten, dass der wahre Grund dieser Namensgebung der sei, dass den Bewohnern aufgrund der hohen Mieten nichts anderes übrigbleibt, als sich von Eierspeise zu ernähren.
Nun, wie dem auch sei, die erwähnte Ansiedlung befindet sich am Fuße des sogenannten Palfnergrabens, welcher vom Palfnerbach durchflossen wird. Die älteren Bewohner Badgasteins erinnern sich noch, teils freudig, teils mit Schaudern an die Zeit, da dieser Wildbach seine Bezeichnung zu Recht trug. Seine Wildheit wurde später durch Ingenieure und Bauarbeiter gezähmt, indem man ihn in ein Bett aus massiven Steinblöcken zwang. Fortan zeigte er meist seinen freundlichen Charakter und nur manchmal, nach extremen Gewittern und Regenfällen, polterten noch größere Steine oder Baumstämme mit den Wassermassen zu Tal. Die Menschen ringsumher erinnerten sich dann für einige Stunden wieder ehrfürchtig daran, welche Urgewalten eigentlich in diesem Gewässer schlummerten, welches sonst das ganze Jahr gemächlich bei ihren Fenstern und Türen vorbeiplätscherte.
Dieser Bach also trennt die erwähnte Siedlung von einem benachbarten Gemeindebau, welcher irgendwie einen wohltuend altvaterischen Kontrast zu den sterilen Hochhausklötzen bildet. Eigentlich handelt es sich hierbei um einen langen Schlauch aneinandergebauter Häuser, die in Form eines verkehrten "L`s" an einen Abhang platziert wurden. Am unteren Balken dieses "L`s" gelangt man durch einen großen Durchlass ins innere dieser Ansiedlung und nicht zuletzt deswegen hat sie mich seit meiner Kindheit an eine mittelalterliche Burg erinnert. Diese "Festung" kann natürlich auf den ersten Blick mit den heutigen, modernen Wohnanlagen keinesfalls konkurrieren. Mit Sicherheit kann man behaupten, dass es nicht gerade die ideale Wohngegend für jemanden ist, der " in " sein will. Kein Domizil für Trendsetter, die ihre Lebensgewohnheiten um jeden Preis dem Pulsschlag der Zeit (was immer das auch sein soll) angleichen wollen. Dazu fehlt es schon an den Grundvoraussetzungen, wie z.B. einem Abenteuerspielplatz, auf dem die hoffnungsvollen "Kids" ihre neuesten Designerklamotten stilgerecht vorführen könnten. Welcher modebewusste Sprössling möchte schon seine Nikeschuhe in einem einfachen, staubigen Hinterhof verschleißen. Eine Parkgarage, sozusagen eine Kathedrale für das "Allerheiligste" von Herrn und Frau Österreicher, sucht man hier vergeblich. Sogar Carports, die ansonsten schon überall anzutreffenden hölzernen KFZ-Unterkünfte, haben bis heute noch keinen Platz in dieser idyllischen Altbausiedlung gefunden.
Der mit dem neuesten Adidas Equipment ausgestattete Feierabendjogger wird auch den bequemen Personenaufzug vermissen, welcher ihm, nach vollbrachter sportlicher Höchstleistung das lästige Stiegen steigen erspart. Für die zwei Stockwerke tut`s auch eine alte, knarrende Holztreppe. Natürliche möchte ein High Tech orientierter Freizeitradler sein 5.000,- €uro - Bike mit Karbonrahmen nicht an die Hausmauer lehnen, doch ein eigener Abstellraum ist dafür leider nicht vorhanden. Der Einwand des Lesers an dieser Stelle, dass es früher durchaus üblich war ein Fahrrad im Keller einzusperren ist leider völlig absurd. Kein halbwegs vernünftiger Radler kauft sich heutzutage ein derartiges Gefährt, nur um es zu benutzen. Es soll gesehen und bewundert werden, was bei der Aufbewahrung im Kellergeschoß relativ schwierig ist. Dem echten Mountainbike-Freak erscheint allein schon der Gedanke daran, sein KTM oder Scott neben Brennholz und Briketts zu lagern, als äußerst frevelhaft.
Wenn ich das alles so bedenke, frage ich mich, wie ich hier eigentlich aufwachsen konnte. Wie war es möglich, bei all den angeführten Mängeln, hier eine Kindheit zu verbringen und eine glückliche noch dazu? Wie kommt es, dass ich noch heute an die Tage in diesem alten Gemäuer so gerne zurückdenke? Warum habe ich diesen alten Gemeindebau, der sich scheinbar dem "Zeitgeist" über Jahrzehnte hinweg erfolgreich widersetzt hat, so in mein Herz geschlossen?
Um dies zu ergründen, müssen wir uns genauer mit diesem Viertel auseinandersetzen,
welches in meinen Kindertagen von vielen Leuten das Glasscherbenviertel genannt wurde.
Die Behausungen – schöner wohnen
Wie der Name also bereits vermuten lässt, handelt es sich hier nicht gerade um ein Nobelviertel. Auch in meiner Jugendzeit war das, dem Herrgott sei Dank, nicht anders. Eine 08/15-Architektur sorgte für eine schlichte Behausung für einfache und genügsame Menschen. Vielleicht hat sich im Laufe der Jahre in meinen Erinnerungen alles etwas verklärt, mag sein, aber ich glaube trotzdem, dass die Menschen damals in gewisser Weise stolz auf ihre bescheidenen Heimstätten waren. Möglicherweise mehr als so mancher heutige Mieter oder Inhaber einer Neubauwohnung, der vergeblich nach einem rechten Winkel in seinen vier Wänden sucht und schließlich, auf den Architekten fluchend und verzweifelt feststellen muss, dass es verdammt schwer ist, einen Einbauschrank für ein 12-eckiges Wohnzimmer zu finden.
Man stelle sich nur die Zufriedenheit eines damalige Familienvaters vor, der nach vollbrachtem Tagwerk sein Heim betrat, sich müde auf den einfachen Holzsessel fallen ließ und keinen Gedanken daran verschwenden musste, ob die monatliche Santander-Rate für das KIKA-Regal schon bezahlt ist.
Teure Wandverbauten oder Sitzgruppen waren hier gänzlich unbekannt. Holzdecken, bleiverglaste Schranktüren oder eingebaute Stereoanlagen existierten allenfalls in den Wunschträumen phantasiebegabter Bewohner.
Realität waren das gute alte Kuchlkastl, meist schon ein bisserl "abgebletzt" und die Kredenz, ehrwürdiger Aufbewahrungsplatz der Sterbebilder von Onkel Loisl und Tante Mitzi. Des Weiteren auch die langgediente Stoffcouch, deren Austausch man doch schon so lange geplant aber immer wieder hinausgezögert hatte. Ich weiß, einem Vergleich mit heutigem Mobiliar könnten all diese Dinge nicht standhalten, denn sie waren in jeder Hinsicht, wie soll ich sagen, weniger. Weniger schön, weniger stilvoll, weniger kostspielig und, vielleicht nicht unbedeutend, auch weniger oft auf der Gemeindetafel zur Versteigerung ausgeschrieben.
Die Mieten waren noch nicht schwindelerregend und wurden daher in den meisten Fällen auch von den Bewohnern bezahlt und nicht vom Sozialamt. Auf den wenigen PKW-Abstellplätzen suchte man vergeblich nach Prestigekarossen oder teuren japanischen Geländewagen. Für`s Gelände war nämlich damals noch kein Wagen von Nöten, den dort bewegte man sich unglaublicher Weise per Pedes und nicht per Mercedes. Was auch den erfreulichen Nebeneffekt zeitigte, dass nur die wenigsten Kinder den Gerichtsvollzieher mit Vornamen kannten und außerdem auch körperlich sehr gut in Schuss waren. Dies mag natürlich auch damit zusammenhängen, dass Burger, Kebab und Dürüm nicht auf dem Speisezettel aufschienen und daher jeder halbwegs begabte Kindergarten-Zögling einen Purzelbaum ohne Fremdhilfe zustande brachte.
Bei der Familienplanung richtete man sich in diesen längst vergangenen Zeiten wie mir heute erscheint eher nach Lust, Laune und Gelegenheit. Weniger nach Geburtenbeihilfe, Sondernotstandszahlungen und dergleichen. Demzufolge waren Großfamilien mit 3 bis 5
hoffnungsvollen Sprösslingen noch keine Rarität. Die Wohnflächen, mit denen sie vorlieb nehmen mussten, hatten, aus heutiger Sicht, geradezu klaustrophobischen Charakter. Häufig teilten sich 5 Personen oder mehr 50 m2. Heute gilt jemand fast schon als Kindesmisshandler, wenn er Herrn Sohn oder Fräulein Tochter nicht jeweils ein standesgemäßes Zimmer zur Verfügung stellt, in dem sich der Nachwuchs dann so richtig "verwirklichen" kann.
Nicht selten wurde am Abend das Wohn – in ein Kinderzimmer umfunktioniert, in dem man die ausziehbare Couch zu einer Bettstatt ausdehnte. Nicht zuletzt deshalb herrschte in den Familien noch ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und beim gemeinsamen Mittag- oder Abendessen war der ganze Clan um den großen Küchentisch vereint. Man erzählte sich die Höhepunkte des jeweiligen Tagesablaufes, was bei der Frage nach den schulischen Leistungen auch recht wortkarg enden konnte.
Nichts desto trotz hat man damals noch wahrhaftig und wirklich geredet miteinander, denn Handy und SMS lagen noch in ferner Zukunft. Das Fernsehen steckte noch in den Kinderschuhen und wenn von einem Schirm die Rede war, dann von einem der den Regen abhält und nicht das Satelliten-Programm ins Haus bündelt.
Die Bewohner - Artenvielfalt
Im Glasscherbenviertel herrschte eine wunderbare Vielfalt an Berufen und Ständen. Pensionisten, Handwerker, ehemalige Bürgermeister, Kaminkehrer, Taxiunternehmer und Gemeindepolizisten teilten sich den Lebensraum. Natürlich war nicht alles eitel Wonne und es konnte durchaus zu fallweisen Meinungsverschiedenheiten und Konflikten kommen. Aber im nachhinein betrachtet waren diese eigentlich eher harmloserer Natur und konnten bei einem Gläschen Wein oder einem Seidl Bier mehr oder weniger problemlos aus der Welt geschafft werden. Im Großen und Ganzen verstand und respektierte man sich. Dauerhafter Zank wäre auch viel zu nervenaufreibend gewesen, denn bei der überschaubaren Fläche des Wohnviertels, lief man sich ja zwangsläufig ständig über den Weg. Man traf sich beim Weg zur Arbeit, im nahegelegenen Greisslerladen, auf dem Wäschplatz oder in einer der umliegenden Gaststätten. Sich auf Dauer aus dem Weg zu gehen hätte wohl eindeutig zuviel Mühe und Energie gekostet.
Wie oft hört oder liest man heute davon, dass jemand mitten in einer Wohnsiedlung verstirbt und erst nach Monaten aufgefunden wird.
Damals wohl undenkbar, denn Nachbarschaft war zu jener Zeit nicht bloß ein Wort, sondern wurde wirklich gelebt. Es bestand noch nicht die Gefahr, mitten unter Menschen einsam zu sein. Jeder kannte jeden und man stritt, zankte, lachte, weinte, feierte gemeinsam. Die Hausfrauen halfen sich bei Bedarf untereinander mit Milch, Mehl oder Gewürzen aus und wenn am Abend jemanden im Einserhaus (Haus Nr. 1) die Hühneraugen drückten, so war man am Morgen bis zum Dreierhaus (Haus Nr. 3) hinunter leicht besorgt darüber. Der siedlungseigene Geheim- und Informationsdienst funktionierte also prächtig, und so war es kaum möglich über einen längeren Zeitraum etwas wirklich zu verbergen. Mochte dies auch manchmal unangenehm sein, so war es doch nicht zu ändern, und vielleicht ist ja eine gewisse „Gschaftlhuberei“ unter Nachbarn immer noch das wesentlich geringere Übel als Gleichgültigkeit.
In den heutigen Wohnsilos soll es ja vorkommen, dass Menschen jahrelang Tür an Tür wohnen und wenn sie sich im Stiegenhaus begegnen, halten sie sich gegenseitig noch immer für den Wochenendbesuch eines anderen Mieters. Die heutigen Wohnungskosten tun ein Weiteres dazu, denn kaum hat man sich einigermaßen das Gesicht des neuen Nachbarn eingeprägt, ist er im günstigsten Fall freiwillig umgezogen oder aber aufgrund akuter Zahlungsschwierigkeiten delogiert worden. Aber das gehört nicht hierher und wir wollen wieder zurückschauen in die gute, alte Zeit, in welcher natürlich nicht alles gut war, aber vieles menschlicher.
Wie bereits erwähnt war die Macht des Bildschirmes über die Menschen noch nicht eine so gewaltige und beherrschende wie in unseren Tagen. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als bei uns zuhause das Fernsehen Einzug hielt und wir mit unglaublichem Enthusiasmus im Wohnzimmer verharrten um das Testbild anzustarren.
Zu leichten Familienzwistigkeiten kam es dann, als mein Onkel Pepi, welcher ein handwerkliches Genie war, mittels genauer Platzierung der Zimmerantenne versuchte einen besseren Empfang zu erzielen. Er war der festen Überzeugung mehr Bildschärfe zu erzielen, wenn er das Fensterbrett erklimmen und die Antenne ins Freie halten würde. Mit viel Mühe konnte meine Tante Helli dies vereiteln und so einen kapitalen Absturz verhindern. Wenngleich dazu zu bemerken ist, dass wir im Erdgeschoß wohnten und somit ein größeres Verletzungsrisiko ohnehin nicht gegeben war.
Dass Petzibär und Kasperl in 3-facher Kontur über den Bildschirm hüpften und Herr Zimmermann die Aktenzeichen-xy Fälle etwas verschwommen löste, tat unserer Begeisterung für das neue Medium keinen Abbruch.
ORF 1 und ORF 2 erfüllten die Sehnsüchte der Zuseher, und von den damals erzielten Quoten können heutige Fernsehmacher nur träumen. Dieser Umstand war aber nicht so sehr auf die Genialität der Programmdirektoren vom Küniglberg zurückzuführen, sondern wohl eher auf die Tatsache, dass es keine Alternative zu den österreichischen Sendern gab.
Wir jungen TV-Konsumenten waren nicht den Gefahren der heutigen TV- Welt ausgesetzt, in welcher blutrüstige Szenen und Brutal-Action an der Tagesordnung sind. Emma Peel und John Steed bezwangen ihre Gegner nicht mit Brachialgewalt, explodierenden Fahrzeugen und Massenvernichtung, sondern eben stilvoll mit Schirm, Charme und Melone.
So konnte man ohne Schaden an Geist und Seele zu nehmen nach dem Fernsehabend friedlich entschlummern und wir heranwachsenden Knaben träumten nicht von einem Amoklauf mit halbautomatischen Waffen, sondern von Diana Rigg im hautengen Hosenanzug.
Auch für die Weiterbildung war gesorgt, zumal wir doch bei der damals sehr beliebten Sendung Quiz 21 wesentlich mehr von der Welt erfuhren, als die heutigen Kids bei Heidi Klum samt ihren wandelnden Kleiderständern.
Nur manchmal erhob Oma mahnend den Zeigefinger und wies auf die Gefahr allzu großer Freizügigkeit dieses für uns neuen Mediums hin. Was aus heutiger Sicht natürlich leicht paranoid anmutet, zumal das Höchstmaß an Erotik, welches uns im TV zugemutet wurde, die bezaubernde Jeannie in ihrem „aufreizenden“ Schleierkostüm war.
Gottseidank musste meine Oma nicht mehr miterleben wie leicht bekleidete Damen im Dschungelcamp Würmer verspeisen und in Nachmittag-Talkshows so fundamental wichtige Themen wie „Hilfe, ich bin Pornosüchtig“ oder „E.T. hat mich entführt und vergewaltigt“ abgehandelt werden.
Trotz der glorreichen neuen Errungenschaft der Television fand man nach Feierabend noch Zeit zum Tratschen, Kartenspielen, Spazierengehen oder einfach dazu, die Familie zu vergrößern. 3 Kinder oder mehr pro Haushalt waren trotz der begrenzten Wohnverhältnisse keine Seltenheit. Gerade diese Kinder, diese unwahrscheinlich kreative Rasselbande, welche dort im wahrsten Sinne des Wortes regierte, war aber hauptverantwortlich dafür, dass man diese Siedlung ehrfurchtsvoll als GLASSCHERBENVIERTEL bezeichnete.
Man kann sich vorstellen, dass es sich beim hoffnungsvollen Nachwuchs in diesem Viertel nicht gerade um eine Ansammlung von Musterknaben und wohlerzogenen höheren Töchtern gehandelt hat. Gottseidank, wie ich voller Überzeugung behaupten darf, denn sonst wären meine Jugendjahre nicht so (vorsichtig ausgedrückt) vielfältig, bunt und prägend gewesen und die folgenden, in diesem Buch beschriebenen, Erlebnisse wären bestenfalls so erheiternd wie das Telefonbuch von Klosterneuburg oder die Betriebsanleitung einer chinesischen Waschmaschine.
Zielgruppe und Siedlungsoriginale
Allgemein
Wie man sich leicht denken kann, hatten wir nicht die geringsten Probleme, Personen zu finden, die sich besonders als Zielscheibe unserer Machenschaften eigneten. Das Angebot war überaus groß und reichhaltig. Mit untrüglichem Instinkt und feinem Gespür hatten wir sehr bald jene bedauernswerten Mitmenschen ausfindig gemacht, die sensibler auf unsere Umtriebe reagierten als andere, und die mit einer sehr niederen Reizschwelle in dieser Hinsicht ausgestattet waren. Mit traumwandlerischer Sicherheit gelang es uns immer wieder jene Individuen herauszupicken, die sich über unsere äußerst ideenreiche Freizeitplanung so richtig herzhaft ärgern konnten und so wunderbar schnell in Rage gerieten.
So kristallisierte sich nach und nach eine richtige Creme de la Creme der Opferlämmer heraus, wenn man so will eine Rangliste der Gepeinigten.
Wie hoch jemand in unserer „Gunst “ stand und somit in unsere Unternehmungen miteinbezogen wurde, richtete sich danach, wie er oder sie auf unsere kleinen Neckereien und „liebenswerten “ Spitzbübereien reagierte.
Es gab natürlich auch reichlich abgestumpfte Seelen, die unserem regen Treiben keine allzu große Bedeutung beimaßen und unsere feinsinnigen Späße und ausgeklügelten Lausbubenstücke kaum zur Kenntnis nahmen. Im Nachhinein würde ich diesen Personenkreis als verständnisvoll, gelassen und nachsichtig gegenüber der Jugend bezeichnen. Damals fasste ich diese Haltung aber nahezu als beleidigend und ignorant auf.
Eingeschlagene Fensterscheiben quittierten sie mit einem gütigen Lächeln. Ein Schneeballtreffer am Hinterkopf (sofern er keine gröberen Schäden hinterließ) veranlasste sie höchstens zu der Bemerkung, dass sie es in ihrer Jugend genauso gemacht hätten. War der Rasen auch noch so zerpflügt von den Stoppeln unserer Fußballschuhe, die frisch aufgehängte Wäsche total verschmutzt und der Blumentopf in 1000 Stücke geschossen, sie blieben uns unverständlicherweise wohl gesonnen.
Dieser Menschenschlag war naturgemäß für uns völlig uninteressant und Gott sei Dank (aus damaliger Sicht) eher dünn gesät.
Doch es gab zu unserer Freude auch andere Charaktere, die entsprechend unseren Erwartungen reagierten. Bei diesen „lohnenden Zielen“ durfte man als ehrbarer Rotzlöffel durchaus auf eine angemessene Beschimpfung für eine gelungene Untat hoffen.
Wollte aber einer in unseren „Charts“ ganz nach oben kommen, so musste er doch einiges mehr bieten. Zumindest eine spannende Verfolgungsjagd mit Androhung einer Tracht Prügel, oder ein angeregtes Beschwerdetelefonat mit unseren leidgeprüften Eltern. Dies erfüllte uns mit besonderer Genugtuung und wir nahmen den einige Tage schief hängenden Haussegen und die verhängte Buße gern in Kauf.
Wirkliche Sternstunden waren uns aber erst dann beschieden, wenn ein zornentbrannter Mitbürger den letzten Ausweg darin sah, uns die Exekutive an den Hals zu hetzen.
Besonders in Ferienzeiten kursierte daher in Bad Gastein gerne das Gerücht, dass in unserer Siedlung die Gendarmeriestreife regelmäßiger verkehrte als der Briefträger.
Der Dickeldack
Aufgrund der bisweilen recht abenteuerlichen Unternehmungen war das Verhalten einiger Mitbewohner uns gegenüber doch von einem gewissen Maß an Misstrauen und Antipathie geprägt. Die Absolute Nr. 1 auf der Hitliste unserer Widersacher war aber ein Mann, der schon alleine aufgrund seiner Funktion zu den natürlichen Kontrahenten aufgeweckter Jugendlicher zählte. Der rüstige Zeitgenosse bekleidete nämlich das äußerst schwierige Amt eines Hausmeisters in unserem Musterviertel und hatte demzufolge für Sauberkeit, Ruhe und Ordnung zu sorgen. Er war sich seiner Bürde voll bewusst und ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, wer in dem Grätzl das Sagen hatte. Ob kaputte Glühbirnen, defekte Leitungen oder verbogene Teppichstangen, er war einfach zuständig und an ihm führte kein Weg vorbei. Sei es, dass jemand die Mittagsruhe durch Arbeiten an der Kreissäge störte oder unberechtigter Weise einen Parkplatz in Beschlag nahm, er war kompetent, war befugt, konnte einschreiten. Ich bin fast geneigt ihn als „Master of the Universe“ des Gemeindebaus zu bezeichnen. Dementsprechend imposant und lautstark war auch sein Auftreten und allein seine Stimme klang in unseren Ohren wie das Grollen des Donners, wenn sich über dem Gamskar-Kogel ein Gewitter zusammenbraute. Da es uns selbst noch an Körpergröße mangelte, kam er uns hünenhaft vor, und wenn er sich mit seiner zerschlissenen Schnürlsamt-Hose und seiner blauen Arbeitsjacke bedrohlich vor uns aufbaute, war es für uns meist höchste Eisenbahn den geordneten Rückzug anzutreten. Auch das gewaltige Ausmaß seiner Pranken, denen man die vielen Jahre schwerer Handwerkstätigkeit ansah, flößte uns gehörigen Respekt ein. Der Selbsterhaltungstrieb riet uns dazu, lieber keinen allzu engen Kontakt mit diesen Bärentatzen zu riskieren und so hielten wir so gut es eben ging vornehme Distanz und respektvollen Abstand.
Wir waren damals in der Blüte unserer Rotzbubenphase und versuchten dementsprechend möglichst stark und mutig aufzutreten. Bei unserem „Hausl“ jedoch schien uns eine übertrieben Verwegenheit nicht ratsam und wir gingen deshalb im Umgang mit ihm nach dem Grundsatz vor: „lieber 10 Sekunden feig, als 10 Stunden eine geschwollene Wange!“
Der eindrucksvolle Hausbesorger hieß eigentlich Herbert Dicklberger, doch Kinder sind ja wahre Meister im Abkürzen, Ändern und Verunstalten, und so wurde er von uns liebevoll nur „Dickeldack“ genannt.
Die Erwachsenen wiederum hatten eine andere Namensgebung, doch fehlte es ihnen an Phantasie und so bezeichneten sie ihn gemäß seiner Geburtsstadt der Einfachheit halber als den „Braunauer“. Dass dies auch politische Hintergründe gehabt haben könnte, war uns damals nicht bewusst.
Manchmal registrierten wir zwar, dass er etwas vor sich hin schimpfte und murmelte das sich wie „Arbeitsdienst“ und „früher hätte es das nicht gegeben“ anhörte, dies hat uns jedoch nicht tangiert und war uns auf gut Deutsch völlig wurscht.
Herbert verdiente sich sein täglich Brot durch den anstrengenden Beruf eines Spenglers und Dachdeckers, welchen er mit viel Fleiß und handwerklichem Können ausübte. Dementsprechend war er, ungeachtet seiner kleinen Diskrepanzen mit uns, ein hoch geachteter Mitbürger unseres Ortes.
Noch heute erinnere ich mich mit einem Schmunzeln daran, wie er mit seinem alten Waffenrad von der Hauptstraße kommend in den Durchlass zu unserer Siedlung einbog. Des Öfteren hatte er dabei eine elendslange Dachrinne oder ähnliches an seinem Gefährt befestigt und dieses Blechtrumm ragte vorne und hinten meterweit über das Fahrzeug hinaus. Nun konnte es aber durchaus vorkommen, dass er vor seinem Nachhausweg noch das beliebte Gasthaus Nussdorfer-Hof aufsuchte, was meist zu einer erheblichen Verminderung seiner Verkehrstüchtigkeit führte.
In solchen Fällen gestaltete sich das Anvisieren des Eingangstunnels, noch dazu mit dem sperrigen Ladegut als schwierig bis unlösbar. Das schleifende Kratzgeräusch von Metall an Mauer wurde dann nur noch von den infernalischen Flüchen des wackeren Heimkehrers übertönt. Ungeachtet dessen behielt er aber diese Art der Fortbewegung und des Materialtransportes bis ins hohe Alter bei, und obwohl er damit sicher gegen die eine oder andere Verkehrsregel verstieß, fiel keinem Gendarmen ein ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Er war einfach eine Institution und da drückte die Exekutive schon gerne mal ein Äuglein zu.
Allgemein bekannt war auch die Tatsache, dass er „geistigen“ Getränken durchaus nicht abgeneigt war. Enzian, Vogelbeer und andere edle Brände dürften einen fixen Platz in seinen Ernährungsgewohnheiten eingenommen haben. Er lehnte es jedoch strikt ab für diese Flüssigkeiten die profane Bezeichnung Schnaps zu verwenden. Als stolzer angehöriger der Spengler-Gilde war das sogenannte „Löt-Wasser“ genauso Bestandteil seines Werkzeuges wie Zange oder Blechschere.
Wigele Emmerich sen.
Als Pendant zu Hausmeister Dicklberger fungierte der ehrenwerte und hochgeachtete Kaminkehrermeister Emmerich Wigele sen.
Auf den ersten Blick unterschieden sie sich rein äußerlich doch sehr deutlich voneinander.
Der „Feger“, wie er vom Hausmeister liebevoll bezeichnet wurde, trug statt der blauen Arbeitsmontur seine schwarze Kluft und sozusagen als Markenzeichen sein rußgeschwärztes Gesicht.
Allerdings wiesen die beiden auch einige unübersehbare Gemeinsamkeiten auf, wie zum Beispiel das Fortbewegungsmittel, ein schwarzes Waffenrad Marke Saurer.
Weiters waren die beiden wackeren Gesellen auch diversen alkoholischen Köstlichkeiten nicht ganz abgeneigt.
Wie Hausmeister Herbert hatte daher auch der Schornsteinfeger manchmal gehörige Schwierigkeiten beim Zielen durch die Tunneleinfahrt am abendlichen Nachhauseweg vom Gasthof Nussdorfer.
Während aber beim Dachdecker eine mitgeführte Dachrinne oder ein langes Blechrohr zum Touchieren der Tunnelwand führten, war dies bei Herrn Wigele das mitgeführte Handwerkszeug seiner Zunft. Es kam nämlich hie und da vor, dass er mit Stoßbürste oder Schultereisen an der Mauer „einhackelte“, woraufhin sich meist ein unfreiwilliger Abstieg nicht vermeiden ließ.
Grundsätzlich muss man aber feststellen, dass der „schwarze Mann“ keinesfalls furchterregend war, sondern sich uns Siedlungskindern gegenüber sehr tolerant und aufgeschlossen zeigte. Dies war wohl auch einer der Hauptgründe, warum er niemals
als Zielscheibe unserer manchmal doch ruppigen Streiche ausersehen wurde.
Kössler Hansl
In deutlicher und liebevoller Erinnerung ist mir auch mein unmittelbarer Türnachbar Hans Kössler geblieben.
Aufgrund seiner Tätigkeit als Gemeindepolizist genoss er natürlich großes Ansehen bei allen Bewohnern. Er zählte deshalb auch nicht zu unserer Zielgruppe, aber zu den herausragenden Originalen und Respektspersonen des Viertels.
Seine markante Amtstracht bestand aus weißer Dienstkappe, grüner Uniformjacke, schwarzer Hose mit rotem Streifen. Elegante weiße Handschuhe rundeten das Ensemble ab und machten ihn somit zu einer der imposantesten Erscheinungen der ganzen Umgebung.
Seine stets zur Schau getragene strenge Mine und seine stramme Körperhaltung, welche einen verschluckten Spazierstock vermuten ließ, trugen ein Übriges dazu bei, dass Inspektor Kössler auf die meisten Menschen einen Ehrfurcht gebietenden Eindruck machte.
Wenn er stolzen Schrittes über unsere kleine, abschüssige Straße patrouillierte, ähnelte er nicht einem Exekutivorgan, sondern eher dem General einer
Militärparade.
In der Freizeit hingegen stolzierte er in der warmen Jahreszeit gerne mit nacktem Oberkörper durch die Gegend. Mit seiner im fortgeschrittenen Alter noch immer tadellosen und muskulösen Figur, der sonnengebräunten Haut und seiner markanten Glatze erinnerte er mich immer wieder an die Hollywoodlegende Yul Brynner.
Es versteht sich von selbst, dass der rüstige Zeitgenosse damit die bewundernden Blicke so mancher, verstohlen hinter den Vorhängen hervorlugenden Hausfrauen, auf sich gezogen hat.
Besonders in seiner Jugendzeit soll er eine große Ausstrahlung auf das weibliche Geschlecht ausgeübt haben, wobei einige außereheliche Früchte seines Erfolges bei den Damen Zeugnis davon ablegen.
Was uns Buben allerdings besonders faszinierte, war die Tatsache, dass er als Kriegsheimkehrer stets äußerst phantasievolle Geschichten aus seiner „Frontzeit“ zu berichten wusste.
Wobei manche behaupteten die Meisten davon hätte er nicht
selbst erlebt, sondern die geschilderten Abenteuer stammten eher aus seinen Landserheften, welche er mit Begeisterung zu lesen pflegte.
Angeblich hätte er die unselige Zeit nicht an der Front verbracht, sondern als Skiausbildner in Norwegen.
Aber sei´s drum, wir hingen staunend an seinen Lippen, wenn er von Feindberührungen, wilden Schusswechseln und Handgranatenwürfen erzählte.
Wie vielen männlichen Bewohner des Viertels war auch ihm ein gewisser Hang zu alkoholischen Getränken nicht abzusprechen.
In seiner Eigenschaft als Gemeindepolizist durchquerte er auf seinen Streifengängen unzählige Winkel unseres Dorfes und hatte somit in jeder Gegend seine Stammlokale.
Einige davon säumten in gleichmäßiger Verteilung seinen Heimweg und so konnte es schon zu deutlichen Verzögerungen kommen, wenn er sich vor seiner Dienststelle auf den Rückweg in seine 4 Wände machte.
Wenn die Verspätung allzu deutlich ausfiel, konnte es hin und wieder vorkommen, dass seine charmante Gattin Frieda, eine großgewachsene und sympathische Dame, ihren Filius Günther damit beauftragte, den Herrn Papa zu suchen und bei Auffinden desselben seinen Heimweg etwas zu beschleunigen.
Als bester Freund des Sohnemannes begleitete ich ihn auf diesen Touren des Öfteren, denn es konnte sich so eine Suche durchaus als Mammutaufgabe entpuppen. Diese Rückholaktionen wuchsen sich nämlich manchmal zu wirklichen Schnitzeljagden aus.
Gestützt auf Erfahrungswerte starteten wir unsere Ermittlungen meistens im Ortszentrum bei Familie Ritsch, welche einen Feinkostladen mit angeschlossenem Beisl betrieb. Seine weißen Handschuhe auf der Schank zeugten davon, dass Inspektor Kössler die Lokalität besucht hatte. Selbst war er allerdings nicht mehr anwesend, da er bereits einen Lokalwechsel vorgenommen hatte.
Der Fährte folgend hatten wir im nächsten Anlauf wiederum einen Teilerfolg zu verzeichnen, da sich beim Gasthof Schaffler an der Wasserfallbrücke zwar nicht er selbst, aber seine Dienst-Kappe befand.
Nächste Station war der Echowirt, ein Lieblingslokal von Hans und seinen Gesangsvereinsfreunden. Er hielt sich auch dort nicht mehr auf, hatte jedoch, vermutlich im Eifer eines Kartenspielgefechtes, Gurt und Uniformjacke an der Garderobe deponiert.
Inzwischen schleppten wir also bereits eine ansehnliche Sammlung seiner Utensilien mit uns und setzten nun unsere ganzen Hoffnungen auf die letzte uns bekannte Destination seiner abendlichen Streifzüge. Und siehe da, in der Konditorei Medwed war unsere Suche endlich von Erfolg gekrönt. Der rüstige Strawanzer empfing uns mit einem schelmischen Lächeln und einem Achterl Rot in der Hand.
Schon leicht illuminiert leistete er auf die Aufforderung uns zu belgeiten keinen größeren Widerstand. Bereitwillig und gerne machte er sich mit uns auf den Nachhauseweg, nicht ohne uns vorher noch auf ein Eis oder eine Limonade einzuladen.
Unbedingt erwähnen möchte ich auch noch, dass Hans Kössler ein eifriger und begnadeter Pilzesucher war.
Als „Schwammerlkönig“ des Viertels hütete er aber seine Plätze im angrenzenden Wald wie ein Staatsgeheimnis. Er war so auf Geheimhaltung seiner Reservate erpicht, dass ihn auf seinen Touren nicht einmal seine beiden Söhne Franz und Günther begleiten durften. Wobei zu bemerken ist, dass er zu seinen beiden Stammhaltern, zwei sympathische und fleißige Burschen, im Allgemeinen eher streng war. Anders verhielt es sich mit seinem hübschen Nesthäkchen und Töchterlein Irene, welches er zärtlich sein Rehlein nannte und dementsprechend auch verhätschelte und verwöhnte.
Hoffnungsvoller Nachwuchs - Bandenunwesen
Da es heute unumgänglich scheint alles mit Fremdwörtern zu bezeichnen, würden uns wohlgesonnene Menschen in diesen Tagen wahrscheinlich als „Kids“ bezeichnen. Andere wiederum, besonders jene die unsere phantasievollen Jugendaktivitäten hautnah miterlebten, könnten eventuell versucht sein den Terminus „Gang“ zu verwenden. Dies blieb uns damals gottlob erspart und so konnten wir uns an den diversen Kosenamen erfreuen, mit denen uns die Erwachsenen bedachten. Diese waren in ihrer Schärfe abgestuft nach den jeweiligen Handlungen, mit welchen man sich diese Namen redlich verdiente. Sie waren sozusagen ein Gradmesser des Erfolges unserer umfangreichen Aktivitäten als Unruhestifter und Quälgeister.
Für ein liebevolles „Lausbuama“, war eine vergleichsweise harmlose Handlung wie Schnellballwurf oder dgl. völlig ausreichend. Für das vertraute „Rotzpippen“ war schon eine Tat mit mehr zerstörerischer Energie notwendig, wie zum Beispiel das selbstverständlich völlig unbeabsichtigte Einwerfen einer Fensterscheibe. Der ehrenvolle Titel „nixnutzigs Gsindl“ wurde uns nur für besonders gelungene Streiche verliehen, bei welchen ein hohes Maß an Kreativität erforderlich war. Für „Saubagage“ war dann schon ein richtiges Husarenstück erforderlich.
Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass wir solche Sympathiekundgebungen der älteren Generation nicht als Verletzung werteten, sondern ganz im Gegenteil als Auszeichnung. Sie steigerten in ungeahntem Maße unser Selbstwertgefühl. Angefeindet zu sein, erschien uns in diesem Lebensabschnitt als durchaus erstrebenswerter, als überhaupt ignoriert zu werden, frei nach dem Motto „viel Feind, viel Ehr “.
Unsere „Gang“ bestand eigentlich aus 2 Hauptakteuren, nämlichem meinem Freund und kongenialen Partner Günther und meiner Wenigkeit (Autor). Bei uns beiden war die Energie für kreative Freizeitgestaltung (sprich Schandtaten) am ausgeprägtesten, weshalb wir vor allem von den jüngeren Nachbarskindern anstandslos als Führungspersonen akzeptiert wurden. Wir hatten also meist das Sagen, mussten dafür aber auch bei brenzligen Situationen den Kopf hinhalten.
Eine wirkliche Bande im herkömmlichen Sinn, mit Anführer, Gefolgsleuten und womöglich noch einheitlicher Kleidung, waren wir im Grunde nicht. Eher schon ein loser Zusammenschluss von Gleichgesinnten, die es sich zur Hauptaufgabe gemacht hatten, etwas Farbe in die manchmal eintönige, graue Alltagswelt der Erwachsenen zu mischen.
Nun, ganz so uneigennützig wie sich das auf den ersten Moment anhört, war es natürlich keinesfalls. Auch wir Kinder zogen ja große Freude und tiefe Befriedigung aus unseren Umtrieben und konnten außerdem unsere damals noch reichlich vorhandene Freizeit äußerst sinnvoll nützen.
In diesem Zusammenhang muss man bemerken, dass wir zu dieser Zeit noch nicht in den Genuss der umfangreichen Freizeitgestaltung der späteren Generationen kamen. Gameboy und Walkman waren noch Science Fiction. Die Elektronikindustrie war noch weit entfernt von der Playstation, ein Handy mit Internet-Zugang reinste Utopie und auch ein Skater-Park stand uns leider nicht zur Verfügung. Der heutigen Jugend mag es mehr als kurios vorkommen, dass Informationen damals noch von Angesicht zu Angesicht ausgetauscht wurden, da Apps leider (oder Gott sei Dank) nicht zur Verfügung standen.
Der geneigte Leser kann nun ermessen, welch kärgliches, armseliges und vor allem langweiliges Dasein wir gefristet hätten, wenn wir nicht selbst für Abwechslung und Spannung gesorgt hätten. Gerade diese Tatsache aber war für uns der große Ansporn, der unsere Phantasie und unseren Einfallsreichtum in höchste Sphären trieb. Wer, frage ich Sie, wer hätte uns denn unterhalten sollen, wenn nicht wir selber?
Bewährung - Mutproben und andere Blödheiten
Man kann sich leicht vorstellen, dass unsere diversen „Operationen“ bei der Jugend Badgasteins große Bewunderung hervorriefen und viele Burschen aus den Nachbarsiedlungen nach Aufnahme in unserem elitären Kreis strebten. Doch nicht jeder war dazu geeignet. Um die Aufnahmekriterien zu erfüllen musste man teilweise abenteuerliche Ausleseverfahren über sich ergehen lassen. Der hoffnungsvolle Lausbubennachwuchs musste sich in zahlreichen Mutproben bewähren, was manches Mal sogar Gefahr für Leib und Leben bedeutete.
Entrümpelungsaktion – Starker Tobak
Auch ich hatte einige Feuertaufen zu bestehen, und eine Narbe an meiner rechten Wange zeugt bis heute davon. Und das kam so….
Wieder einmal war der Herbst ins Land gezogen mit seinen trüben, regnerischen Tagen.
Eine Zeit, in der Freiluft-Aktivitäten (nach heutigem Deutsch Outdoor-Aktivitäten) wetterbedingt keine allzu große Begeisterung hervorriefen, und auch das Freibad seine Anziehungskraft verloren hatte. Das neu begonnene Schuljahr tat sein Übriges dazu, unseren Tatendrang deutlich einzuschränken.
Doch einer großartigen Einrichtung der damaligen Zeit verdankten wir es, dass das Aufkommen von Langeweile auch in dieser trostlosen Jahreszeit völlig unmöglich war.
An allen Anschlagetafeln im Ort war es in großen Buchstaben zu lesen und schon das Wort alleine ließ uns aus reiner Vorfreude das Herz im Leibe hüpfen.
Entrümpelungsaktion!
Jeder der seinen Keller oder Dachboden von überflüssigen Utensilien und Gerätschaften befreien wollte, legte diese vor dem Haus ab um damit seinen Beitrag zur Säuberung des Heimatortes und zur Reinhaltung der Umwelt zu leisten. Dabei kamen sehr oft gar wunderliche Dinge ans Tageslicht. Für die Erwachsenen unnötiges, nicht mehr gebrauchtes Zeugs, für uns aber eine Schatzkiste. War es für andere nur wertloser Plunder, so erschien es uns, als hätten wir in diesen Tagen an einer magischen Lampe gerieben, und ein orientalischer Geist wäre erschienen, um uns all seine Schätze zu offenbaren. Sesam öffne dich im Glasscherbenviertel.
Alte klapprige Fahrräder lagen neben staubigen Strohhüten, ebenso wie Fragmente einer elektrischen Eisenbahn oder die Überreste von Faschingskostümen. Vergilbte Ansichtskarten und nicht immer ganz jugendfreie Magazine entfachten genauso das Feuer unserer jugendlichen Phantasie wie Telefonhörer oder Teile eines Kugellagers, welche sich vortrefflich als Geschosse verwenden ließen, worauf ich aber später noch genauer eingehen werde.
So ging ich also an einem dieser Entrümpelungstage mit pubertärem Eifer und unglaublichem Forscherdrang ans Werk. Ich arbeitete mich durch löchrige Teppiche, zerbeulte Nachttöpfe und kaputte Spiegel, bis ich an ein unscheinbares Holzkästchen geriet. Mein Hirnkastl malte sich schon die wunderbarsten Dinge aus, die ich darin vorfinden würde. Golddukaten, Silbermünzen, Schmuck. Doch als ich es mit zittrigen Händen öffnete, wurden alle meine Erwartungen bei Weitem übertroffen. Eine prächtige Ansammlung alter Pfeifen kam zum Vorschein und ließ meinen Puls in ungeahnte Höhen rasen. Verstohlen umherblickend klappte ich den Deckel wieder zu, damit nur ja niemand Wind von meiner ungeheuren Entdeckung bekam. Eiligen Schrittes und mit stolzgeschwellter Brust eilte ich nun zu meinem besten Freund Günther, um ihm meinen sensationellen Fund zu präsentieren. Das Leuchten in seinen Augen zeigte mir, dass mein Mitbringsel seine Wirkung nicht verfehlt hatte. Gemeinsam beratschlagten wir, was mit diesem Geschenk des Himmels denn nun anzufangen sei.
Schließlich fassten wir, in einem frühen Anfall unternehmerischen Denkens, einen Verkauf dieser Prunkstücke ins Auge. Zumal ja Taschengeld in dieser Zeit nur kärglich bis gar nicht floss, ergab sich durch diese Entdeckung völlig unerwartet die Gelegenheit, unser Budget deutlich aufzubessern. Im nahe gelegen Altersheim gab es zahlreiche Pfeifenraucher und der Erlös würde uns monatelang ein fürstliches Dasein mit Schokolade, Cornetto-Eis und Fizzers-Rollen sichern. So waren jedenfalls im Großen und Ganzen unsere Pläne und Intensionen in dieser Hinsicht.
Der Praktiker Günther brachte nun aber einen nicht ganz unberechtigten Einwand vor. Was passiert, wenn diese hölzernen Rauchartikel gar nicht mehr richtig funktionierten? Warum sollte jemand völlig intakte Pfeifen auf den Müll werfen? Nimmt uns ein geübter Raucher solch schadhaftes Material überhaupt ab? Fragen über Fragen auf die es schließlich nur eine Antwort gab. Wir mussten die „Ware“ einem eingehenden Test unterziehen und sei es auch um den Preis, die eigene Gesundheit zu riskieren.
Mit geübten Griffen wurde das Sparschwein um 10 Schilling erleichtert und forschen Schrittes ging es zur unweit gelegenen Tabak Trafik Lenglachner. Natürlich war uns bewusst, dass man Pfeifentabak nicht so ohne weiteres an Minderjährige aushändigen würde, doch wir behalfen uns in dieser Situation mit unserem ausgeprägten schauspielerischen Talent. Mit unschuldigster Engelsmine erklärten wir der Verkäuferin, dass die Rauchware natürlich nicht für unseren Konsum bestimmt ist, sondern für den ach so armen Onkel Ferdl im Altersheim. Er sei gehbehindert und überhaupt in bedauernswertem Zustand, sodass es uns ein Herzensbedürfnis wäre, ihm eine Freude in Form seines Lieblingstabaks zu bereiten. Um diese gute Tat zu vollbringen hätten wir sogar monatelang auf Süßigkeiten verzichtet und so das erforderliche Kapital angespart.
Nun ja, den guten Onkel Ferdl gab es wirklich und tatsächlich war er auch in seiner Bewegungsfreiheit sehr eingeschränkt, der Rest war dichterische Freiheit. Jedenfalls verfehlte unsere gefühlvolle Geschichte nicht ihre Wirkung und die gute Trafikantin überließ uns sichtlich gerührt das begehrte Kraut samt Pfeifentabakpapier. Außerdem bedachte Sie uns, ob unseres Mitgefühls für ältere Menschen, mit lobenden Worten und meinte, dass die Jugend von heute wohl doch nicht so schlecht sei, wie immer behauptet würde.
Schnurstracks kehrten wir in unser geliebtes Glasscherbenviertel zurück um endlich unser Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Da wir sehr verantwortungsbewusste junge Menschen waren, suchten wir uns als Testgelände die Waschküche im Kellerbereich aus. Diese wies naturgemäß sehr wenig brennbare Materialien auf und im Falle eines Falles stünde uns auch genügend Löschwasser zur Verfügung. Dazu hatte sie den unschätzbaren Vorteil, dass sie sehr abgelegen im Kellerbereich lag und nur sehr gering frequentiert wurde. Auf Augenzeugen unseres tapferen Selbstversuches legten wir verständlicherweise keinen gesteigerten Wert.
Nun gingen wir also daran den Pfeifentabak in das Papier zu legen und drehten dieses dann fachmännisch zu einer Art Bonbon zusammen. Das „Tabakzuckerl“ steckten wir dann in die Pfeife und entzündeten es stilgerecht mit einem Streichholz. Ein paar kräftige Züge und schon war das Werkl in Gang. Die Pfeifen funktionierten prächtig und es dampfte und kokelte in der Waschküche, dass es die reinste Freude war.
Umhüllt vom dichten Nikotinnebel gerieten wir in die höchste Euphorie und es schien uns, als seien wir in nur wenigen Minuten vom Knaben zum Mann gereift. Von Glückshormonen überschüttet realisierten wir nur verschwommen, dass unser lasterhafter Genuss langsam aber stetig seinen Tribut zu fordern begann. Zuerst machte sich ein leichtes Ziehen im Gedärm bemerkbar, welches stufenlos in ein eigenartiges Grummeln im Magen überging. Beides wurde von uns vorerst mit Stolz und Beharrlichkeit ignoriert. Als sich schließlich bei Günther ein leichter Grünstich in der Hautfärbung einstellte, welcher Mister Spock von Raumschiff Enterprise zur Ehre gereicht hätte, war es bereits zu spät.
Mit einem gequälten Aufschrei übergaben wir uns nacheinander in den Betongranter, was auch das unrühmliche Ende unserer kindlichen Raucherkarriere darstellte.
Wobei wir im Nachhinein betrachten noch froh sein konnten, dass der Schuss nur nach vorne losgegangen war.
Geknickt und auf wackeligen Beinen verließen wir die Waschküche, natürlich nicht ohne vorher zumindest notdürftig die Spuren unserer Schmach zu verwischen. Was mit den unseligen Tabakspfeifen in weiterer Folge geschah, ist leider in den Rauschwaden meiner Erinnerung bis heute verborgen geblieben.
Nach einem einstündigen Spaziergang zwecks Auslüften der Bekleidung ging´s ab nach Hause, wo noch kräftig Zähne geputzt und mit Odol gespült wurde. Meine Großmutter wunderte sich sehr über diese plötzlich auftretende Hygienebedürfniss, zumal das Reinigen der Beißerchen zum ersten Mal ohne ausdrückliche Aufforderung geschah.
Beim Abendessen hielt sich mein Appetit verständlicherweise in Grenzen und Oma war besorgt darüber, ob ich nicht etwas „falsches“ gegessen hätte oder vielleicht eine Kinderkrankheit ausbrütete. Ich konnte ihre Sorgen in dieser Hinsicht nicht gänzlich zerstreuen, beteuerte aber nach bestem Wissen und Gewissen, dass mein zögerliches Essverhalten keinesfalls mit der Qualität ihrer ausgezeichneten Krapfen im Zusammenhang stünde.
Die Episode hinterließ wahrscheinlich eine kleine Narbe an meiner Seele nicht aber die eingangs erwähnte an meiner Wange. Gemeinsam hatten beide jedoch den unmittelbaren Zusammenhang mit der noch immer im Gang befindlichen Entrümpelungsaktion.
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