Kitabı oku: «Das Liebesleben der Stachelschweine»

Yazı tipi:

Christian Schacherreiter

Das Liebesleben der Stachelschweine

Roman

OTTO MÜLLER VERLAG

Die Drucklegung dieses Buches wurde gefördert von den Kulturabteilungen des Landes Oberösterreich sowie Stadt und Land Salzburg.


www.omvs.at

ISBN 978-3-7013-1294-8

eISBN 978-3-7013-6294-3

© 2022 OTTO MÜLLER VERLAG SALZBURG-WIEN

Alle Rechte vorbehalten

Satz: MEDIA DESIGN: RIZNER.AT

Druck und Bindung: Finidr s.r.o., Český Těšín

Covergestaltung: Leopold Fellinger

Inhalt

Das Personal

1 Jede Familie ist auf ihre Weise seltsam

2 Die Gralsburg der Pernauers

3 Dietrich genoss das festigende Gefühl des Anerkannten

4 Der lärmempfindliche Maulwurf war Dietrichs Lieblingstier

5 Das ist der Schoß, aus dem die Schlaganfälle kriechen

6 Die höchste Stufe männlicher Berufung

7 Sehr interessiert waren die Russen von Anfang an nicht

8 Der Konvent franste unschön aus

9 Ahmed, der böse Eunuch

10 Unerwünschtes Wiedersehen

11 Locker tänzelte der Stürmer ins Abseits

12 Wir sind eine Stachelschweinfamilie

13 Dietrich, erwache!

14 Ich schwöre beim Geist von Bruno Kreisky: Das ist nicht wahr!

15 Wir stehen erst am Anfang einer kleinen Abenteuerreise

16 Dietrich träumte süß vom Untergang seiner Feinde

17 Im Begleitschutz von zwei Markomannen bezog Hänsel sein Winterquartier

18 Der Spion kam über die Nordwestroute

19 Kein Happy End für Hänsel und Gretel

20 Aufgeputzt wie ein Herr stand Dietrich in der Bauernstube

21 Waffenhilfe für Gretel kam von unerwarteter Instanz

22 Jeder, der eine Familie hat, könnte einen Roman schreiben

23 Das war ein Volltreffer aus Rebekkas pazifistischem Geschoß

24 Diederich, wir schlagen die politische Mensur!

25 Hannelore, sehr transatlantisch, urban und weltweiblich

26 Meine Erinnerung ist lückenhaft und unzuverlässig

27 Die Menschheit hatte ein funkelnagelneues Großthema: Corona

28 Pünktlich zur Sommersonnenwende kam der Bagger

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nahe zusammen, um durch die gegenseitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung von einander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder von einander ab. […] Wer jedoch viel eigene innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.

Arthur Schopenhauer,

„Parerga und Paralipomena“ (1851)

DAS PERSONAL

Dietrich Pernauer, seine Familie, sein Umfeld

Generation Krieg und Hakenkreuz

Opa Josef (1918–2004)

Oma Agnes (1918–1991)

Onkel Heinz, Josefs Bruder (1920–1995)

Tante Berta (1922–2000), Heinz’ Ehefrau

Generation Nachkriegszeit und Wiederaufbau

Mutti Hildegard (*1944)

Vati Otto (1941–1999)

Onkel Harald, Hildegards Cousin (1946–1996)

Waldemar (*1949), Reingards Lebensgefährte, verheiratet mit Annegret

Generation Friedenszeit und Postmoderne

Joachim (*1968)

Birgit, seine Ehefrau (*1973)

Jens (*2009) und Nils (*2013), ihre Söhne

Hannelore (*1971), verheiratete Lichtenstein (New York)

Dietrich (*1975)

Reinhard und Reingard, Zwillinge (*1981)

Rebekka, Reinhards Lebensgefährtin (*1980)

Sarah, Rebekkas Tochter aus erster Ehe (*2014)

Dr. Gernot Brunmayr, Rechtsanwalt

Die Neugermanen

Hans-Werner Hänsel, seine Familie, sein Umfeld

Hans-Werner Hänsel (*1974)

Hänsels Eltern (*1948)

Mag. Romana Jovanovic, Hänsels Lebensgefährtin (*1981)

Mira, Romanas Tochter aus erster Ehe (*2006)

Alma, Romanas und Hänsels Tochter (*2013)

Astrid, Hänsels erste Ehefrau (*1973)

Viktor, Hänsels Sohn aus erster Ehe (*1998)

Margarete „Gretel“ Maurer, spätere Kantor (*1975)

Dr. Severin Voglgruber, Rechtsanwalt

Dr. Martha Voglgruber, seine Tochter, Rechtsanwältin

Dr. Markus Urban, ihr Lebensgefährte

Die Parteifreund*innen

1 Jede Familie ist auf ihre Weise seltsam

Eine Nazifamilie! Reden wir nicht drum herum! Diese Familie ist eine Nazifamilie! – So wird es auch diesmal enden, dachte Dietrich, hämisch eingeigelt in sein böses Vorvergnügen. Wie jedes Jahr zur Sommersonnenwende werden spätabends am Lagerfeuer die Aversionen des Pernauer Germanenbluts hochkochen und die braune Brühe zum Überlaufen bringen. Und wieder einmal wird es der alkoholisierte Reinhard sein, der nach turbulentem Gespräch unter dem Sternenhimmel hohnlachend verkünden wird: Diese Familie ist eine Nazifamilie! Mutti wird aufschluchzen. Joachim wird seinen ungezogenen kleinen Bruder väterlich maßregeln: Schweig jetzt, Reinhard, du hast getrunken! Aber Reingard wird ihrem hassgeliebten Zwillingsbruder therapeutisch beispringen: So lass ihn doch! Das muss raus aus ihm! Soll er daran ersticken?

Nazifamilie, dachte Dietrich, das ist doch übertrieben, aber wir lassen sie nicht verdunsten, unsere gruselige Aura, obwohl die drei Parteigenossen Onkel Heinz, Tante Berta und Opa schon seit Jahren vor sich hinstauben in ihren Urnen. Ich glaube, wir brauchen das. Nazifamilie. Huh! Auch das Böse gibt Profil.

Böse war Opa eigentlich nicht. Nach Dietrichs Einschätzung war er der Harmloseste im braunen Trio, ein glühender Nazi der ersten Stunde zwar, wie er freimütig bekannte, mit siebzehn schon Illegaler, aber nie mehr als ein einfaches Parteimitglied. Im Krieg wurde der Medizinstudent als Sanitäter an der Westfront eingesetzt, wo er sich elegant und unauffällig durch die Jahre schlängelte. „Auf die Franzosen!“, sagte Opa, wenn er des Erbfeinds feine Weine trank, „ich mochte sie immer, auch im Krieg, ein altes, stolzes Kulturvolk. Wenn die 1919 ihre Scharfmacher unter Kontrolle gebracht hätten, dann gäbe es die deutsch-französische Freundschaft schon seit den Zwanzigern.“ Siebenundvierzig holte Opa seinen Abschluss nach und ließ sich am Land als Allgemeinmediziner nieder, mit ihm seine Frau Agnes und der fünfjährige Otto, gezeugt während eines Heimaturlaubs.

Opas Bruder Heinz Albert saß 1947 noch im Gefängnis. Bei SS-Männern schauten auch die Amerikaner genauer hin, aber die wenigen Aussagen über Heinz Alberts Beteiligung an Kriegsverbrechen in der Ukraine blieben zu vage, um daraus eine überzeugende Anklage zu machen. Onkel Heinz wurde freigesprochen, studierte in Rekordzeit Jura und trat in die Anwaltskanzlei eines ehemaligen Parteifreundes ein, in der er bald Partner wurde. Er war Mitglied des VdU, hielt sich aber politisch im Hintergrund, überließ die Aktivitäten seiner Frau Berta. Als leidenschaftliche BDM-Führerin – so ihre Selbstdarstellung – habe sie wertvolle Erfahrungen gesammelt, die eine junge Partei in der Aufbauphase gut brauchen könne, hauptsächlich im Organisatorischen.

In der Großfamilie wusste man, dass Berta und Heinz Albert jährlich am 20. April in ihrem Partykeller bei zugezogenen Vorhängen engste Freunde zu einer kleinen Festveranstaltung im privaten Kreis empfingen. Das soll man gar nicht ernst nehmen, das ist wie Fasching, sagte Opa, der selbst nie teilnahm. Über Hitler war er sich nicht einig mit seinem Bruder und noch weniger mit seiner Schwägerin. Berta ist ein Trampel, sagte Opa, ein Zellhaufen dummer Sinnlichkeit. Die träumt immer noch davon, mit Adolf einen neuen deutschen Siegfried zu zeugen. Dabei war der Führer impotent wie ein Zugochse. Na ja, und Bertas Schoß ist ja auch unfruchtbar geblieben.

Opa war davon überzeugt, dass der Nationalsozialismus als Idee groß und gut war, dass Hitler ihn missbraucht, verraten, nicht verstanden, diskreditiert und letztlich ruiniert hat. Ich war ein Mann der Konservativen Revolution, Alfred Rosenberg und Ernst Jünger, der Mythos des 20. Jahrhunderts und der Krieger im Stahlgewitter, das waren meine Jugendideale, sagte Opa, ja, ich war ein Idealist. Hitler war ein bauernschlauer Parvenü, ein neurotischer Scharlatan, dem der brave deutsche Michel naiv nachgelaufen ist – und dumme Weiber wie unsere Berta.

Korporiert waren sie alle, wenn auch in unterschiedlichen Verbindungen. Korporiert sind wir Pernauers seit 1874, sagte Opa, das war so, das ist so und das soll so bleiben. Es ist auch so geblieben, dachte Dietrich, Vati war korporiert, Joachim ist es und ich bin es auch. Nur Reinhard ist es nicht, natürlich nicht …

„Reinhard, schau mal kurz her!“, rief Dietrich und drückte mehrere Male auf den Auslöser, bis er seinen bezaubernden kleinen Bruder so affenartig im Bild hatte, wie er ihn haben wollte. Weiße, weite Seglerhose, cremefarbenes Gilet, kragenloses Leinenhemd, den breitkrempigen Panamahut in den Nacken geschoben, die Sonnenbrille in der einen Hand, in der anderen den goldenen Zigarettenspitz aus dem Nachlass von Onkel Harald. So posierte Reinhard und setzte sein Dandy-Lächeln für Sonn- und Feiertage ein. Fragte ihn jemand nach seinem Beruf, dann antwortete er halb raunend, halb seufzend: Flanierender Weltensammler! Diese eitle Flasche ist mein Bruder, dachte Dietrich. Weltensammler! Sammler abgebrochener Studien und gesperrter Bankkonten, das ist die treffende Antwort! Wenn Mutti ihm nicht sein halbes Erbe vorgeschossen hätte, würde er längst durch die Obdachlosenwelt flanieren. Reinhards Kapital waren die angeborene Schönheit und die ebenso unverdiente Präsentationskompetenz. Niemand konnte Hilfsbedürftigkeit so charmant an die Frau bringen wie er.

„Rebekka, schau mal kurz her!“, rief Dietrich, dem bei Familienfeiern immer die Rolle des Fotografen aufgedrängt wurde. Dadurch kam er selbst nie ins Bild, was er manchmal als Vorteil, manchmal als Nachteil sah. Rebekka strich unsicher lächelnd das lange braune Haar aus dem Gesicht und lehnte sich spontan an ihren Reinhard, Arm in Arm, Wange an Wange, ein Leib und ein Blut, spirituell betrachtet. Rebekka war Religionspädagogin, die Fleisch gewordene Güte, Reinhards Schutzmantelmadonna, wie Joachim spöttelte. Dietrich waren sie rätselhaft, diese Frauen, die Serienmördern warmherzige Briefe ins Gefängnis schickten oder jahrelang prügelnde Alkoholiker ertrugen, in der Überzeugung, ihre selbstlose Liebe könne ruinierte Charaktere heilen. Das ist nicht nur maßlose Güte, dachte Dietrich, das ist auch maßlose Selbstgefälligkeit.

Ganz so schlimm lag die Sache bei Rebekka nicht. Sie hatte drei Jahre in der Entwicklungshilfe gearbeitet. Aus Burkina Faso hatte sie ihren ersten Ehemann Samuel mitgebracht und eine gottgewollte Schwangerschaft, die nach der Geburt auf den Namen Sarah getauft wurde. Das Negerpüppchen, dachte Dietrich, wie alt ist sie jetzt? Vier oder schon fünf? Samuel war, als er Rebekkas letztes Sparbuch leergeräumt hatte, ohne Angabe von Gründen wort- und spurlos verschwunden. Rebekka hatte um den Verschollenen lange getrauert, ihm aber längst verziehen. „Dass er mir drei Jahre lang sein befreites Lachen geschenkt hat, wiegt alle Reichtümer dieser Welt auf.“ O ja, solche Sätze sagte diese Frau!

Reinhard bemühte sich, einen ganz großartigen Ersatzvater zu markieren, den der Himmel geschickt hatte. Solange Rebekka alles Alltägliche übernahm, war das kein Problem für ihn. Er alberte gerne ein bisschen herum mit den kleinen Rackern.

„Sarah, schau mal kurz her“, rief Dietrich und drückte auf den Auslöser, als die Kleine ihrem muhenden Ersatzvater gerade ein Büschel Gras in den Mund schieben wollte.

„Ich staune immer wieder, wie gut unser Reinhard mit Kindern umgehen kann“, sagte Hildegard Pernauer gerührt.

„Weil er die wunderbare Fähigkeit hat, sein inneres Kind zuzulassen. Das verdankt er sicher auch dir, Hildegard. Du warst ihm eine gute Mutter.“

O ja, auch solche Sätze brachte Rebekka glaubwürdig über ihre Lippen. Eigentlich schöne Lippen, dachte Dietrich und drückte noch einmal auf den Auslöser. Gütig lag Rebekkas Hand auf dem Unterarm der Greisin. Dietrich lachte. Jede Familie ist auf ihre Weise seltsam.

Während Reinhard mit Sarah sein inneres Kind entfaltete, erledigte Joachim gemeinsam mit seinen zwei Buben die Männerarbeit. Die Sonne stand schon tief, spätestens in einer halben Stunde würde sie hinter den Wipfeln verschwinden, dann sollte das Sonnwendfeuer leuchten. Jens und Nils brachten dicke Scheite vom Holzstoß, legten demonstrativ Lasten auf ihre Arme, die auf die Bärenkräfte der jungen Träger schließen ließen, und ordneten die Scheite nach Joachims Anweisung an. Über die Feuerstelle gebeugt, verhalfen die drei dem Fotografen zu einem kernigen Motiv: Drei Lederhosenhintern vor tief stehender Sonne. Dietrich drückte auf den Auslöser und sagte erst nachher: „Joachim, Jens, Nils, schaut mal kurz he-er!“

Wo war Birgit? Wahrscheinlich in der Küche. Die Herrin der Pfannen und Töpfe. Die Meisterin von Kartoffelsalat und Ofengemüse, aber nicht nur das.

„Birgit, schau mal kurz her!“

„Wenn es sein muss.“ Sie seufzte und rang sich dann doch ein müdes Kameralächeln ab. Ein Zugeständnis an den werbenden Fotografen.

„Mehr Heiterkeit, werte Frau Schwägerin, wir feiern Sommersonnenwende.“

„Hoffentlich zum letzten Mal.“

„Wie darf ich das verstehen?“

„Hoffentlich zum letzten Mal hier in dieser Ruine. Du siehst ja, in welchem Zustand die Küche ist. Eure Mutter hat seit einem Vierteljahrhundert nichts mehr investiert.“

„Das macht doch nichts. Im Gegenteil. Die Küche fügt sich optimal zum Gesamtzustand der Bruchbude.“

Jetzt lachte Birgit und Dietrich drückte auf den Auslöser. Ein gelungenes Bild. Dietrich mochte seine Schwägerin. Eine tüchtige Frau, die anpackte, Geschmack hatte und die Dinge beim Namen nannte, ohne taktlos zu sein. Dietrich fand sie attraktiv, nicht eigentlich schön, aber sinnlich und kraftvoll, ein Weib im besten Sinn des guten, alten deutschen Wortes … groß und gut, ein biedres deutsches Weib … Das hatte er irgendwo einmal so gelesen. Hätte sich Dietrich für Frauen interessiert, dann hätte er seinen großen Bruder um Birgit beneidet.

Salate und Koteletts waren mariniert, Grillkohle und Holzscheite in Brand gesetzt, die Tafel war gedeckt, das Bierfass angeschlagen, da kam – wie immer als Letzte – Reingard mit ihrem Waldemar. Nein, Reingard kam nicht, Reingard erschien. Die Arme gütig ausgebreitet, das Lächeln tüchtig aufgezuckert, schwebte sie auf ihre Mitmenschen zu und meinte sehr viel zu sagen und zu geben, wenn sie jedem tief in die Augen blickte und seelenvoll hauchte: Mutti … Birgit … Reinhard … und so weiter. In kunstvoll verknotete Tücher war sie heute gehüllt, rot, orange, gelb. Klar, es war Sommersonnenwende und Reingard sah sich im Einklang mit der wirkenden Natur. Aus ihr bezog sie die magischen Kräfte, die teils ins Schöpferische drängten, teils ins Heilsame. Dieselben Frauenhände, die dem formlosen Ton seine Gestalt gaben, konnten auch, einfühlsam aufgelegt auf die richtigen Körperstellen, negative Energiefelder absaugen und positive zuleiten.

Dietrich grinste unschön. Er war sicher, dass es Reingards inspirierte Handauflegung war, die Waldemar dazu veranlasst hatte, nach vierzig Ehejahren seine Frau zu verlassen und der schönen Magierin nachzustellen, die um drei Jahrzehnte jünger war als er. Waldemar war ein reicher Mann. Seiner angehimmelten Lebensgefährtin hatte er ein Haus samt Atelier und Heilpraxis geschenkt.

Dass Waldemars Ehefrau Annegret, mit der er vier erwachsene Kinder hatte, nicht in die Scheidung einwilligen wollte, sorgte in der Familie Pernauer immer wieder für Entrüstung.

„Wie kann man nur so hartherzig und stur sein“, schimpfte Mutter Hildegard.

„Gekränkte alte Frauen sind schlechte Verliererinnen“, meinte Joachim, auch Reinhard artikulierte sein Unverständnis: „Dass es manchen Leuten so furchtbar schwerfällt loszulassen!“

Reingard, die Hauptbetroffene, erkannte den charakterlichen Schwachpunkt ihrer Kontrahentin. „Der geht es doch nur ums Geld.“ Rebekka hingegen seufzte: „Ach, Gott, ich hoffe, es gibt eine Lösung, die euch alle glücklich macht.“

„Birgit, was meinst denn du? Sag doch auch, dass das eine unmögliche Person ist!“, forderte Hildegard, aber Birgit blieb ausdrucksarm und wortkarg: „Ich kenne sie nicht.“

Dietrich führt seine Kamera von Motiv zu Motiv: Koteletts brutzeln appetitlich auf dem Holzkohlengrill. Klick. Joachim schlägt das Bierfass an. Klick. Der erste Schwall landet auf seinem Trachtenhemd. Verdutztes Joachim-Gesicht. Schadenfrohes Gejohle. Klick. Klick. Klick. Reinhard räkelt sich barfüßig im Liegestuhl und singt dröhnend Wenn der Sommer nicht mehr weit ist … Na meinetwegen, denkt Dietrich. Klick. Und jetzt: Rebekka und Birgit tragen Brot, Salat und Gemüse aus der Küche in den Innenhof und werden mit Applaus und Ahhh-Lauten empfangen. Klick. Klick. Reingard stößt mit Hildegard an, sie hebt das Prosecco-Glas und sagt auf ihre unvergleichliche Art: Mutti, auf einen Sommer, reich an Wundern … Klick? Nein. Dietrich weiß, wie gut Reingard auf diesem Foto wieder aussehen wird. Das gönnt er ihr nicht. Reingard gehört zu den wenigen Menschen, an denen selbst ein fotografierender Mephisto scheitern würde. Du meinst, du hättest die Dummheit fotografiert, die Verlogenheit entlarvt, die Obszönität an den Pranger gestellt. Aber was siehst du auf dem Bild? Den Geist, die Unschuld, den Liebreiz. Unerträglich! Gäbe es einen gerechten Gott, würde er blonde Stirnlocken und himmelblaue Augen verbieten!

Jens und Nils sprangen über das Sonnwendfeuer und überboten einander mit mutigen Posen. „Vorsichtig, Nils, nicht aufs Denken vergessen!“, warnte Birgit ihren Jüngeren, aber dann war es der ältere Jens, der die Großen mit einer spektakulären Pirouette beeindrucken wollte, dabei in unvorteilhafte Schräglage geriet, beim Aufsetzen stürzte und nach drei Sekunden Schockgesicht in kreischendes Flennen ausbrach. „Plärr nicht so kindisch“, ärgerte sich Joachim, „ist ja nichts passiert.“

„Essen ist fertig“, rief Waldemar, der sich um das Grillgut gekümmert hatte.

Essen! Dietrich greift schnell zur Kamera, denn das ist für ihn die beste Zeit. Der Mensch mag sich noch so sehr um kultiviertes Verhalten bemühen; wenn er isst, wird das Tierische sichtbar und bietet immer das eine oder andere Motiv für einen blamablen Schnappschuss. Dietrich lauert mit Adleraugen: Womit müht sich denn Mutti da ab? Mit einer Flachse oder mit ihrem dritten Gebiss? In Rebekkas Mundwinkel klebt ein herzförmiges Salatblatt. Skurril. Joachim fährt, bevor er den Bierkrug ansetzt, seine Lippen aus wie einen Schweinerüssel. Reinhard quatscht immer, also auch mit vollem Mund. Grauslich, denkt Dietrich und freut sich. Klick. Klick. Klick.

„Du bist doch auch noch spät Mutter geworden“, sagte Rebekka zu Birgit und nahm einen großen Schluck vom Rotwein.

„Na ja, bei Nils war ich vierzig. Warum fragst du?“

„Ich bin jetzt neununddreißig.“

„Bist du schwanger?“

„Nein, aber Reinhard und ich sollten auch ein gemeinsames Kind haben, finde ich, das würde unsere Liebe stärken.“

„Aha … Sieht er das auch so?“

„Irgendwie – schon.“

„Irgendwie?“

„Grundsätzlich wünscht er es sich auch. Aber er meint, er sei noch nicht so weit. Er hat dafür ein berührendes Bild.“

„Da bin ich mir sicher. Ist es zitierbar?“

„Meine Vagabundenseele muss in diesem Leben weite Wege gehen.“

„Meine Güte!“

„Rebekka! Birgit! Schaut mal kurz he-er!“ Dietrich gönnte seinen Schwägerinnen dieses nette Motiv: Vertrauliches Frauengespräch. Das dunkle Blau von Birgits Sommerdirndl. Das etwas hellere Petrol von Rebekkas Shirt. Vor den Frauen die halb gefüllten Rotweingläser, hinter ihnen die Wand mit wildem Wein. Klick. Ausnahmsweise kein Meuchelbild!

„So, Dietrich, jetzt ist aber Schluss mit Fotoshooting!“, sagte Birgit. „Du hast noch nichts gegessen und bist selbst sicher auf keinem einzigen Bild zu sehen. Gib mir die Kamera und hol dir was vom Grill, bevor meine Jungs ihn leer gefressen haben.“

Birgit nahm ihm die Kamera aus der Hand, halb zog sie, halb riss sie, richtete sie auf sein verdutztes Gesicht, klick, dann auf den ganzen Mann, klick, dann schob sie ihn bestimmt zwischen Joachim und Waldemar. Klick. „Schau mal, Dietrich, das bist jetzt du. Jeder hat seine hübschen und seine weniger hübschen Ansichten.“

Birgit gab ihm die Kamera zurück und drehte mit Entschiedenheit ab. War sie verärgert? Hatte sie ihn durchschaut? War das die Strafe, dass er sich jetzt selbst im Kasten hatte? Dietrich unplugged, das pure Menschenkind. Das verdross ihn. Weniger das Profilbild, auch wenn es etwas teigig wirkte. Was ihn mehr erschreckte, war die Totale, seine Jämmerlichkeit zwischen Waldemar und Joachim. Der Bruder zur Rechten war um einen halben Kopf größer, trainierte Männlichkeit in der Krachledernen, braungebrannt vom letzten Segeltörn. Waldemar zur Linken war zwar mit seinen siebzig Jahren erkennbar ein alter Mann, etwas gebückt und o-beinig, aber Kraft ging immer noch aus von diesem weißhaarigen Schwergewicht. Zwischen diesen Ikonen des Patriarchats wirkte der untersetzte Dietrich mit seinem schütteren Haupthaar filigran, fast feminin, irgendwie zappelig, und das Bierbäuchlein war ihm drangeklebt wie eine schlechte Pointe auf einen falschen Witz. Sah so ein Dietrich aus? Benannt nach Dietrich von Bern, dem großen mythischen Helden aus dem Nibelungenlied, historisch rückführbar auf einen tatsächlich Großen, den Ostgotenkönig Theoderich, nicht nur Eroberer, Verwalter und Gestalter der weströmischen Konkursmasse, sondern auch vernunftverheiratet mit Audofleda, Tochter des Merowingers Childerich I. und der Basena von Thüringen. Ein männlicher Spross war diesen Eheleuten nicht geschenkt, nur eine Tochter – aber was für eine! Gregor von Tours erzählt, dass Amalasuntha mit einem Sklaven durchgebrannt ist und ihre Mutter mit einem vergifteten Abendmahlskelch ermordet hat.

Na bravo! Eine feine Familie ist das, der Dietrich seinen Vornamen verdankt. Aber immerhin, eine Familie. Dietrich hatte noch immer keine gegründet. Mutti sah es mit Sorge und Argwohn, das wusste er. Nie hatte er ihr eine Freundin vorgestellt, nicht einmal ein lustiges Urlaubsfoto von der Ostsee geschickt, das ihn verliebt gezeigt hätte in irgendeine Karin aus Kiel oder eine Wiebke aus Flensburg. Dietrich hatte einmal gelauscht, als sich Mutti im Nebenzimmer mit gesenkter Stimme an Joachim gewandt hatte: Müssen wir uns um Dietrich Sorgen machen? – Sorgen? Um Dietrich? Warum denn? – Ich meine, er wird doch wohl ein normales, gesundes Mannsbild sein. – Ach, das meinst du. – Rede du doch einmal mit ihm. Vati ist tot, du bist der ältere Bruder.

Joachim hatte nie mit ihm geredet, obwohl er längst in die Rednerrolle hineingewachsen war. Gleich wird er das Wort zur Sommersonnenwende ergreifen, das Tradition war im Hause Pernauer. Ihr Gründer war Onkel Heinz. Er hatte das großfamiliäre Sonnwendfest angeregt, damals, in den Sechzigern, als die Tracht noch obligatorischer Dresscode war und Heinz Albert klare Worte gesprochen hatte, deutsch, fest und ohne Bemäntelung.

„So hat er immer gesagt, der Heinz Albert“, erinnerte sich Mutti, „deutsch, fest und ohne Bemäntelung. Schön hat er gesprochen, von der Familie als Keimzelle, von Sippe und Blut, das noch dicker ist als Gerstensaft. O ja, der konnte schon humorvoll sein, der Onkel Heinz, aber auch ernst und würdig, wenn er von den heiligen Bräuchen der Ahnen sprach, denen die Natur göttlich war.“

„Ja, die Natur“, stichelte Reinhard, „nicht so ein beschnittener Judenbengel aus Nazareth, der sich für Gottes Liebling hielt und sozialromantischen Schwachsinn verzapfte, anstatt mit seinem Volk gegen die römischen Besatzer zu kämpfen. So sagte er das immer, unser lustiger Onkel Heinz.“

„Ach was, das hat er doch nicht böse gemeint. Das war mehr ein Witz“, versuchte Hildegard zu beschwichtigen, aber Reinhard ließ nicht locker, erhob sich und ahmte Heinz Albert nach: „Ihr wisst, ich bin alles andere als ein Judenfreund, aber dass sie diesen Volksverblöder und Jugendverführer am Kreuz sehen wollten, das verstehe ich!“

„Das hat er gesagt?“ (Rebekka, verstört)

„Na ja, manchmal war er vielleicht ein bisschen extrem, der Heinz Albert.“ (Hildegard, nachsichtig)

„Ein unverbesserlicher Nazi war er, braun bis in die Unterhose und nicht nur manchmal.“ (Reinhard, giftig)

„Halte dich bitte zurück, Reinhard, du hast getrunken.“ (Joachim, streng)

Als Vater Pernauer in den frühen Neunzigern von Onkel Heinz die Rednerrolle übernommen hatte, entschärfte er die schneidige Sonnwend-Rhetorik. Den Judenbengel und Volksverblöder erwähnte er nicht mehr, auch nicht das Germanenblut, dicker als Gerstensaft. Otto Pernauer konzentrierte sich auf die Bräuche der Ahnen, Schicksal und Natur, das einige Volk und seine Keimzelle, die Familie. Die soll uns heilig sein – zumindest in der rhetorischen Darbietung, denn im praktischen Leben erlaubte sich Vati die eine oder andere Abweichung. Auf seiner letzten Reise, hinauf in den skandinavischen Norden zum Julfest, hatte ihn, wie die Familie im Nachhinein erfuhr, eine gewisse Frau Emmeran begleitet. Ihre fürsorgliche Zuwendung hatte aber den damals Achtundfünfzigjährigen auch nicht retten können vor dem plötzlichen Herztod am Fjord, vielleicht sogar im Gegenteil.

Jetzt also Joachim. In den frühen Jahren seiner Rednerschaft hatte der erfolgreiche junge Jurist die Verschlankung und ideologische Entschärfung, die sein Vater eingeleitet hatte, diskret, aber konsequent fortgesetzt, hatte nicht nur auf Blut und Boden, sondern auch auf Sippe und Vorsehung verzichtet. Geblieben waren die Treue zu Familie und Volk und die Ehrfurcht vor Tradition und Natur. Gemäßigtes Klima sozusagen, das allerdings nicht von Dauer war. Denn das Jahr 2015 stieß europaweit so manches an, im engeren Kreis der Familie Pernauer die Re-Ideologisierung der Sommersonnenwende. Festredner Joachim erinnerte an die Türkenbelagerung von Wien anno 1683 und warnte vor drohender Umvolkung, der man hart entgegentreten werde: Wir schaffen das! Joachims forciertes Parteiengagement schärfte auch seine private Rhetorik.

„Onkel Heinz und Vati wären stolz, wenn sie dich hören könnten“, sagte Hildegard.

„Ja, das wären sie, und so schließt sich der braune Kreis“, ätzte Reinhard, „von Heinz Albert über Otto zu Joachim und wieder zurück. Dieselbe Sprache. Dieselbe Haltung. Und wir alle spielen unglücklich mit. Mitgegangen. Mitgefangen. Diese Familie …“

Dietrich triumphierte. Gleich würde er fallen, der bekannte Satz, der das wackelige Kunstgebilde zum Einsturz bringen wird: Eine Nazifamilie! Diese Familie ist eine Nazifamilie!

Dietrich hatte diesmal zu früh triumphiert. Reinhards spitzer Satz blieb abrupt hängen, denn Muttis heftiger Aufschrei kam ihm zuvor: „Hört auf!“, schluchzte sie. „Wo es doch unser letztes Sonnwendfest ist.“

Das letzte Sonnwendfest? Was soll das heißen? Niemandem in der Runde glückte eine passende Reaktion.

„Joachim soll es euch erklären“, sagte Hildegard und alle starrten das informelle Familienoberhaupt an.

„Na gut“, sagte Joachim, „ich wollte zwar heute nicht darüber reden, aber da unsere Mutter ihre Gefühle leider nicht unter Kontrolle hat, muss es wohl sein. Ich habe Mutti empfohlen, das Wutscherhäusl zu veräußern.“

Veräußern? Verkaufen? Das Wutscherhäusl? Im Familienbesitz seit 1938. Dieses romantische Juwel. Ja, warum das denn? Man bedrängte Joachim. Er war ihnen eine Erklärung schuldig.

„Weil es nur zwei Möglichkeiten gibt: Verkauf zu einem guten Preis oder eine sauteure Generalsanierung.“

2 Die Gralsburg der Pernauers

Dem Wutscherhäusl fehlt die Eindeutigkeit, dachte Joachim. Hätte man es mit einem Erbhof zu tun, erbaut von einem tüchtigen Stammvater und seinen Söhnen, seit Generationen im Familienbesitz, dann wäre das Wutscherhäusl vielleicht geworden, wozu es Onkel Heinz in seiner ersten Sonnwendrede im Jahr zweiundsechzig bestimmt hatte: die Gralsburg der Pernauers. Möge das Wutscherhäusl das Stein gewordene Herz der Familie sein! Die von Heinz Albert strapazierte Metapher war unglücklich, Opa hielt sie sogar für zwielichtig. „Was redest du denn da Zwielichtiges daher, Heinz, ein Pernauer-Herz wird doch nicht zu Stein!“, soll er gesagt haben. So ähnlich überliefert Mutti die Anekdote.

Joachim hatte die Dokumente mehrmals geprüft. Die Bau- und Eigentümergeschichte des Wutscherhäusls war rechtlich nicht angreifbar, Heinz Alberts Gralserzählung entsprach sie aber nicht. Die existenziell bedrohte Bauernfamilie Wutscher – Eltern, drei kleine Töchter, eine Großmutter – hatte 1912 beschlossen, ihr karges Dasein in der alten Welt hinter sich zu lassen und in Amerika ein glücklicheres Schicksal zu suchen. Ein gewisser Doktor Schön, Internist in Wien, vermutlich ein Philanthrop, mit Sicherheit ein Pionier der Sommerfrische, überbot mit einer sehr großzügigen Summe einige andere Interessenten, erwarb das Grundstück und ließ den kleinen Hof zu einem sogenannten Weekend House umbauen und ausbauen. Der bäuerliche Charakter blieb aber erhalten. Für damals eine beachtliche architektonische Leistung.

Im Februar 1938 brach auch die Familie Schön nach Amerika auf, nicht aus freien Stücken, sondern nervlich bedrängt von der Ahnung der drohenden Katastrophe. So großzügig Doktor Schön die Familie Wutscher abgefunden hatte, so kostenbewusst agierte Josef Pernauer Senior sechsundzwanzig Jahre später gegenüber der Familie Schön. Eine lächerliche Summe? Joachim fand am Kaufverhalten des Urgroßvaters nichts Tadelnswertes. Der Markt macht den Preis und dieser Doktor Schön wollte halt möglichst schnell verkaufen. Der Kaufvertrag ist datiert auf den 17. Februar 1938. Was soll also das bösartige Gerede vom arisierten Besitz, das in der Gegend nie so ganz verstummen wollte?

Unsere Familiengeschichte ist rein, dachte Joachim. Aus juristischer Sicht ist sowieso alles korrekt abgelaufen. Opa hat aber auch für eine politisch saubere Sprachregelung gesorgt: „Mein Vater hat durch den Kauf diesen Doktor Schön und seine Familie wahrscheinlich vor dem Konzentrationslager gerettet.“ Und er fügte hinzu: „Wisst ihr, man muss nicht unbedingt ein Judenfreund sein, um sich anständig zu verhalten.“

Nach Kriegsende blieb das Wutscherhäusl im Familienbesitz und sollte von allen ausgiebig genutzt werden, als Rückzugs- und Erholungsraum, als Mittelpunkt familiärer und freundschaftlicher Festkultur. Hie und da lud Heinz Albert ein paar alte Kameraden ein. Die Abgeschiedenheit des Wutscherhäusls ermöglichte es, spätabends am Lagerfeuer vertrautes Liedgut zu singen, und zwar nicht im vorsichtigsten Pianissimo. Wenn Onkel Heinz mit seinem kraftvollen Bariton Die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen anstimmte, machte er hier nur Hasen und Fasane auf sich aufmerksam.

In der Familie Pernauer hatte man trotzdem Bedenken. Man muss schon vorsichtig sein! Die Linken warten ja nur auf eine Gelegenheit wie diese.

„So ein Kameradentreffen ehemaliger Parteigenossen wäre für die Judenpresse ein gefundenes Fressen“, sagte Opa zu seinem Bruder, „das musst du wissen, Heinz.“

Aber Tante Berta beschwichtigte: „Ach, geh, macht euch doch nicht in die Hose vor diesem Gesindel und gönnt ein paar alten Kämpfern ihre Erinnerungen an die besten Jahre ihres Lebens.“

Der sprichwörtliche Zahn der Zeit setzte dem Wutscherhäusl zu. Onkel Heinz hatte noch für feuerpolizeilich tragbare Elektrizität gesorgt, kleinere Mauerschäden selbst ausgebessert, von Pfuschern aus der Gegend einen Zubau errichten lassen, ab und zu die Wände frisch gestrichen. Seine Verwalterrolle hatte aber nach ihm keiner übernommen. Zwischen den seltenen Besuchen stand das Haus wochenlang leer, niemand fühlte sich zuständig für die Instandhaltung.

Vor dem jährlichen Sonnwendfest, einer seltsamen Sentimentalität, an der die Familie festklebte, mussten Hildegard und Birgit zwei Tage lang putzen und schrubben. Dass Birgit auch mit Werkzeugkasten und Schlagbohrmaschine zurechtkam, erwies sich als nützlich. Und jedes Mal sagte sie nachher zu Joachim: „Du musst endlich mit Mutti reden. Wir feiern hier bald nur mehr zwischen Ruinenwänden.“

Joachim, ausgelastet mit Anwaltsberuf und parteipolitischen Karriereplänen, schob die Sache hinaus. Bis zum Anruf von Sergej! Ein Glücksfall! Eine Gelegenheit, die man beim Schopf packen musste! Sergej hatte er vor zwei Jahren kennengelernt. Joachim war mit Parteifreunden nach Moskau gereist, um Kontakte zu russischen Parlamentariern zu festigen. Mit am Tisch saßen damals auch einige Wirtschaftsleute, unter ihnen Sergej, der russische Investments in der EU lancierte und Anlagemöglichkeiten in Österreich suchte. Joachim zeigte sich interessiert, blieb unverbindlich, aber in losem Kontakt mit den Russen – und plötzlich dieser unerwartete Anruf!

Sergej schilderte Joachim ein vielversprechendes Projekt, eine weitläufige Wellness-Anlage, gehobene Preisklasse, Marketing-Linie Erholung durch Entschleunigung, Natur und gesundes Leben, Sport und mentale Stärkung. Jedenfalls, dieses romantische Grundstück – optimal! Wie geschaffen für das Projekt! Und was hatte Sergej gehört, als er sich nach dem Besitzer erkundigte? „Hildegard Pernauer, Mama von meinem Freund Joachim! Joachim, ich sag dir jetzt eine Summe, und ich wette, du und Mama, ihr zögert keine Sekunde! Was meinst du mit Grünland? Ach so, Baubewilligung. Erledigen wir diskret. Und apropos, Joachim, dein persönlicher Schaden soll es auch nicht sein. Du verstehst mich …“

Joachim verstand schnell und gut, aber Hildegard verstand nicht, konnte nicht, wollte nicht verstehen, klagte tränenreich.

„Unser Juwel sollen wir an einen Russen abtreten? Gut, dass Opa das nicht mehr erleben muss. Und der Onkel Heinz, der dreht sich im Grab dreimal um. Ausgerechnet den Bolschewisten willst du seine Gralsburg in den Rachen werfen. Ist denn die Heimat heute gar nichts mehr wert! Ach Gott, ist das alles traurig. Joachim, du weißt gar nicht, wie sehr du mich enttäuschst.“

Mutti hätte er wahrscheinlich nach ein paar Tagen geduldiger Beruhigung versöhnen und überreden können.

„Sie hängt eben an der Vergangenheit“, sagte Birgit, „wie alle alten Menschen, aber wenn es um wichtige Entscheidungen geht, setzt Mutti immer auf den Verstand. Das Hauptproblem ist nicht deine Mutter, Joachim, das Hauptproblem ist deine hysterische Schwester. Reingard hetzt deine Mutter auf.“

Reingard ermutigte verzweifelte Menschen, die bei ihr Rat und Heilung suchten, vor allem dazu, ehrlich und offen ihre Gefühle auszusprechen und auszuleben. Nach diesem Grundsatz emotionaler Authentizität lebte sie auch selbst. Ein schwanzwedelndes Hündchen, eine verlassene Almhütte, ein singendes Kleinkind, ein Regenbogen, ein getrocknetes Veilchen in einem alten Lesebuch, eine letzte Blüte im Novemberschnee, solche Wahrnehmungen von Einfachheit und Unschuld rührten Reingard zu Tränen. Wenn sie ein Urgroßmütterlein auf morscher Hausbank in der Abendsonne erblickte, konnte es durchaus sein, dass sie vor ihm niederkniete, seine Hand küsste und sagte: Bleiben Sie noch recht lang gesund bei uns, liebe Frau!

Das war die helle Seite des Gefühlsmenschen Reingard, die dunkle bekam jetzt Joachim zu spüren: „Du geldgieriges Arschloch“, schrie sie, „du willst unser Wutscherhäusl an diese russische Kapitalistenmafia verscherbeln! Sag einmal, schämst du dich für gar nichts!?“

Joachim und Birgit kämpften um Fassung, versuchten ruhig zu bleiben, redeten vom unaufhaltsamen Verfall des Wutscherhäusls, von mangelnder Nutzung, vom offensichtlichen Desinteresse der Familienmitglieder, von den enormen Kosten einer unabwendbaren Sanierung.

„Wer wird denn das bezahlen, Reingard? Du sicher nicht!“

Nein, Reingard nicht, aber wozu hatte sie ihren Waldemar. „Du musst unser Wutscherhäusl retten, Waldi, das ist das Mindeste, was ich von dir erwarte!“

Waldi war skeptisch und leistete der Geliebten zehn Minuten vorsichtigen Widerstand, dann wählte er Joachims Nummer und fragte ihn nach dem Stand der Dinge.

„Kannst du mir eine finanzielle Orientierung geben? Was bieten dir die Russen an?“

Joachim nannte die Summe, damit war das Telefonat beendet.

„Vergiss es“, sagte Waldi zu Reingard, „dafür müsste ich bestehendes Vermögen auflösen.“

„Ja, dann löst du es eben auf.“

„Geht nicht. Meine Frau kann das verhindern, und ich garantiere dir, sie wird es verhindern.“

Meine Frau – ein heißes Stichwort im Beziehungsleben, das Waldemar besser vermieden hätte.

„Deine Frau! Dieses böse, missgünstige Weibsbild!“, schrie Reingard, und dann prasselten die bekannten Vorwürfe auf Waldemar nieder: Warum diese Hexe überhaupt Zugriff auf sein Vermögen habe! Warum er in Sachen Scheidung nichts voranbringe! Wie er sich das überhaupt vorstelle in Zukunft! „Du scheinst dich mit faulen Kompromissen wohlzufühlen! Ich nicht!“

„Sollen wir mit Dietrich reden?“, fragte Birgit. Joachim nickte. „Daran hab ich auch schon gedacht.“

„Wie schätzt du ihn ein?“

„Schwer zu sagen. Er gibt ja nie viel preis. Für sentimental halte ich ihn aber nicht.“

3 Dietrich genoss das festigende Gefühl des Anerkannten

„Ich will mit dir reden, Dietrich, du bist beruhigend vernünftig, eine Anlage, die in unserer Familie leider Seltenheitswert hat … Sobald wie möglich, Lieber. Samstag zum Beispiel, hast du da schon was vor? Wie wär’s mit einem gepflegten Abendessen bei uns? Ich hab noch Wildlachs von der Alaska-Reise, selbst gefangen. Du, der wird dich begeistern!“

Mein großer Bruder will mit mir reden, mit mir, dem Vernünftigen. Er braucht mich, er baut auf mich. Dietrich genoss das festigende Gefühl des Anerkannten. Wie lange war das her, dass Joachim ihn zum Essen eingeladen hatte! Ihn allein nämlich, nicht gemeinsam mit Mutti, der er als Chauffeur zweckdienlich war. So verbindet Joachim das Unerhebliche mit dem Nützlichen.

Dietrich hatte sich schick herausgeputzt, war guter Laune. Sportlich elegant stand er vor der Villa, in der Rechten den Strauß für Birgit, in der Linken die Cognacflasche im Geschenkkarton. Birgit und Joachim begrüßten ihn mit wasserfester Herzlichkeit und eskortierten ihn auf die Terrasse. Im Sommerabendlicht nahm der selbst gefangene Alaska-Lachs schon Bräune an, und dieser Weißburgunder, „der, lieber Bruder Dietrich, wird dich in höhere Sphären heben.“

Joachim hat so richtig Stil, dachte Dietrich, Birgit sowieso. Antipasti und Hauptgericht untermalten sie mit leichtgewichtiger, heiterer Konversation, erzählten Anekdotisches von Jens und Nils.

„Apropos, wo sind denn eure zwei Racker?“

„Im Pfadfinderlager, die beste Lebensschule“, sagte Joachim und ließ Erinnerungen an die eigene Kindheit folgen: Turnverein, harmlose Bubenstreiche, väterliche Strenge. „Und? Hat es uns geschadet? – Na also.“

Birgit ist plötzlich so schweigsam, dachte Dietrich, und weil er gerne ihre angenehme Altstimme hören wollte, warf er ihr ein motivierendes Stichwort zu: „Eure Buben entwickeln sich prächtig.“

Birgit lächelte dankbar. Kein Wort dazu? Keine weitere Beispielerzählung aus dem wirklichen Leben, die Dietrichs Neffenlob bewies? Nicht einmal ein spontanes O ja, sie machen uns viel Freude! Stimmte da etwas nicht?

Nach dem Hauptgang holte Joachim die Zigarren und kam zum Thema. „Medias in res, Dietrich, du ahnst wahrscheinlich, worüber ich mit dir reden will.“

„Das Wutscherhäusl.“

„In der Tat.“

Joachim ging ins Detail: das Wellness-Projekt, von unschätzbarem Wert für diese schwache Region, die dringend Arbeitsplätze braucht; die finanzielle Potenz der Investoren; die Handschlagqualität von Sergej. „Ein Mann mit dem Herz auf dem rechten Fleck und dem Hirn im richtigen Körperteil, wenn du verstehst, was ich meine. Und last not least – so viel Englisch darf schon mal sein in einem deutschen Haus – cash! Das runde Sümmchen, das man uns anbietet, kann sich sehen lassen. Jetzt sag, Dietrich, das wäre doch die Dummheit des Jahrzehnts, diese Chance nicht zu nutzen.“

Dietrich lehnte sich zurück mit dem Pokerface des Geschäftsmanns, blies die Backen auf und den Zigarrenrauch aus. „Klar wie Leitungswasser. Ich bin völlig deiner Meinung.“

Joachim hob das Cognacglas. „Ich würde jetzt gerne sagen: Mir fällt ein Stein vom Herzen. So ist es aber nicht. Ich hatte keine Sekunde einen Zweifel, dass du die Sache so siehst wie ich. Jetzt geht es nur noch darum, Mutti zu überzeugen.“

„Was hat sie dagegen? Und vor allem: Was hält sie dagegen?“

„Sentimentalitäten! Du kennst mich, Dietrich, Familie ist mir heilig, aber dieses Schmierentheater rund ums Wutscherhäusl, das ist doch alles Sage und Legende. Wer von uns interessiert sich denn wirklich noch für das Ding?“

„Reingard“, sagte Birgit, „behauptet sie zumindest.“

„Ja, Reingard!“ Joachim lachte höhnisch und wurde lauter. „Reingard ist der zickigste Trampel zwischen Atlantik und Ural!“

„Joachim, bitte, die Nachbarn.“

„Ist doch wahr. Ihr Köpfchen ist außen so schön, wie es innen hohl ist. Nie ist sie im Wutscherhäusl! Nie! Das ist ihr alles zu unbequem. Keinen Finger krümmt sie. Hat sie jemals einen Putzlappen in die Hand genommen? Ganz zu schweigen von Hammer und Rasenmäher! Was will sie also?“

„Sie will, dass Waldemar das Wutscherhäusl kauft“, sagte Birgit.

„Und? Kauft er?“, fragte Dietrich.

„Nie und nimmer!“ Joachim war da ganz sicher. „Wahrscheinlich möchte er sogar, der verliebte alte Esel, aber seine Frau macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Ohne ihre Zustimmung kann er solche Beträge nicht loseisen. Und wisst ihr, was ich euch sage? Ich verstehe diese Annegret, ja, ich verstehe sie. Was erwartet man denn von ihr? Dass sie der jungen Geliebten ihres Göttergatten die Herzenswünsche erfüllt? Annegret ist eine Frau mit Stolz und Rückgrat, nicht so eine würdelose Masochistin wie Rebekka.“

Joachim seufzte und griff zur Cognacflasche. „Willst du auch noch?“ Dietrich nickte.

„Alles klar, Joachim, aber was kann ich für die Sache tun?“

„Wir müssen noch einmal mit Mutti reden. Du und ich, gemeinsam hebeln wir den Schwachsinn aus, den ihr Reingard einredet.“

Gemeinsam, dachte Dietrich in sanfter Trunkenheit, wir zwei, die Vernünftigen. Seit Jahren hatte er keine so gute Stunde mehr genossen wie jetzt, an diesem milden Sommerabend. Angereichert mit Speis und Trank, das Cognacglas in der einen, die immer noch glimmende Zigarre in der anderen Hand, in ernster, fester Kameradschaft mit seinem großen Bruder, der seine Hilfe brauchte. Und da sie in ihrem Urteil über die dumme, narzisstische, freche kleine Schwester so unzerstörbar einig waren, lag es nahe, ihr männliches Pendant, den faulen, gerissenen Hochstapler Reinhard auch gleich abzuhandeln, sozusagen im Gesamtpaket. Was getan ist, ist getan. Dietrich fühlte vor.

„Welche Rolle spielt denn eigentlich unser flanierender Weltensammler in diesem Drama?“

Joachim antwortete nur mit einer wegwerfenden Handbewegung, aber Birgit überraschte: „Keine so üble, finde ich.“

„Du meinst, er hält sich raus.“ Joachim wollte einem möglichen Missverständnis vorbeugen. „Das ist keine Leistung. Er hat in dieser Sache, nüchtern betrachtet, nichts zu erben.“

Birgit erinnerte lachend an die kleine Szene, die Reinhard bei der Abreise vom Sonnwendfest zum Besten gegeben hatte. Loslassen, hat er gesagt, einfach nur loslassen! Nehmt euch zurück und nicht so wichtig. Fragt doch das Wutscherhäusl selber, was es will. Breitbeinig hatte er sich vor die Haustür gestellt und gerufen: He, Wutscherhäusl, willst du deinen irdischen Weg beenden? Aus Ziegel, Mörtel, Stein und Holz bist du gemacht, zu Bauschutt wirst du werden! Früher oder später! Durch Wettergötter oder Russengold!

„Dieser Spinner“, brummte Joachim.

„Ja, einerseits“, sagte Birgit, „er muss sich halt immer inszenieren. Aber andererseits, vielleicht lebt man mit so einer Einstellung wirklich leichter und freier.“

„Hippie-Flausen“, sagte Joachim.

„Vielleicht. Aber wenn einer nichts anderes im Kopf hat als Vermögen und Karriere, sind das auch Flausen, andere Flausen, aber Flausen.“

Birgit starrte trotzig auf den Wasserkrug und Dietrich spürte, dass sich in Joachim jetzt etwas Undeutliches, aber Starkes und Grundsätzliches aufrichtete.

„Das geht wahrscheinlich gegen mich, ja? Das geht wieder einmal gegen mich.“

Es wäre für Birgit ein Leichtes gewesen, das aufziehende Unwetter vorbeizuwinken. Ein sanftes Natürlich nicht, mein Schatz oder ein empathisches So etwas würde ich dir nie unterstellen, Liebster hätte gereicht. Dietrich hoffte sehr auf einen dieser Sätze, aber Birgit sagte einen anderen: „Wenn du dich betroffen fühlst.“ Und das fiel auch noch schnippisch aus. Dietrich war unglücklich.

„Ich fühle mich keineswegs betroffen“, sagte Joachim.

„Dann kannst du ja gelassen bleiben.“

„Die Frage ist aber gar nicht, ob ich mich betroffen fühle. Die Frage ist, ob du so über mich denkst. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, sozusagen.“

„Gedanken sind frei, auch die ungerechten, sozusagen.“

„Birgit, ich hab es satt!“

„Was denn?“

„Ich lasse mich nicht von meiner eigenen Frau als skrupellosen Geschäftemacher und eitlen Karrieristen hinstellen. Noch dazu vor meinem Bruder!“

Bitte, nein, dachte Dietrich, holt jetzt bloß nicht mich in euren Boxring. Ich will nicht der Kampfrichter sein. Aber es war zu spät. Die erste Runde war schon eingeläutet. Birgit legte Protest ein.

„Hab ich Joachim als eitlen Karrieristen und skrupellosen Geschäftemacher bezeichnet? Dietrich, hab ich das?“

„Nnnein, nicht direkt …“

„Nicht direkt! Hörst du? Nicht direkt! Natürlich nicht direkt! Aber indirekt! Birgit, ich kenne dich ja so gut, das Spiel über die Bande, das beherrschst du ausgezeichnet.“

„Ich weiß zwar nicht, was ein Spiel über die Bande ist …“

Dietrich hob die Hand und sagte: „Hallenfußball! Oder Eishockey.“ Er setzte so eifrig zur Erklärung an, als wäre er hier der Klassenbeste. „Das Spiel über die Bande funktioniert zum Beispiel so: Der Verteidiger steht in der eigenen Hälfte, der Angreifer in der gegnerischen, dazwischen die Abwehr …“

Birgit interessierte sich leider nicht für die Spieltechnik, und Joachim kannte sie schon. Dennoch hatte Dietrichs nervöser und scheinbar unangebrachter Exkurs in den Mannschaftssport die Kampflaune des Paars abgekühlt. Birgit räumte den Tisch leer und sagte halb spöttisch, halb beleidigt: „Dann sorg ich mal für die Nachspeise. Wie sich’s gehört für die brave deutsche Frau.“

Dietrich wusste nicht, wie er nach Birgits stolzem Abgang in die Küche weitermachen sollte.

„Nimm dein Glas mit“, sagte Joachim, „dann drehen wir eine Runde durch den Garten. Wundere dich bitte nicht über gewisse Spannungen. Bei uns ist seit Wochen dicke Luft.“

„Oje, Eheprobleme …“

„Ja und nein. Ich meine, nicht das Übliche, also, es geht nicht um eine Affäre oder so etwas.“

„Sondern?“

„Du weißt ja, dass mich Herbert nach Wien holen wollte.“

„Herbert?“

„Stichwort Innenministerium.“

„Nein, das weiß ich nicht.“

„Ach, hab ich dir das nie erzählt? Na, egal, nach dem Ibiza-Schlamassel ist das sowieso Schnee von gestern. Wir sind nicht mehr in der Regierung und Herbert ist nicht mehr Minister. Er ist aber sicher der kommende Mann in der Partei. Dietrich, ich habe den Fünfziger hinter mir, wenn ich noch einmal ganz vorne mitspielen will, dann muss ich jetzt am Ball bleiben.“

„Ja, klar, versteh ich.“

„Birgit ist dagegen.“

„Warum?“

„Politische Bedenken, wegen Herbert. Wenn man schon in einer rechten Partei ist, dann soll man wenigstens nicht an ihrem rechten Rand stehen.“

„Sagt sie …“

„Ja, es ist ihr peinlich. Du weißt, ihre Eltern, ihr liberales Umfeld. Und wenn ich ihr erkläre, dass es mir nicht um rechts oder weniger rechts geht, sondern um vorne oder hinten, dann nennt sie mich zynisch. Ich nenne das pragmatisch. Der Wille zur Macht, das ist etwas Natürliches. Ist doch so!“

Na also, Burgfrieden, dachte Dietrich, als Birgit die Nachspeise brachte und Joachim einen versöhnlichen Kuss auf ihre Wange andeutete. Alle drei bemühten sich um Risikominimierung in der Themenwahl. Womit er derzeit beruflich zu tun habe, fragte Joachim den Bruder, und Dietrich erzählte etwas zu ausführlich von seiner statistischen Untersuchung zur Nutzung von Güterwegen. Der Abend hatte an Schwung verloren, und auf das Thema Wutscherhäusl kamen sie erst wieder, als sich Dietrich von Birgit verabschiedet hatte und Joachim seinen Bruder zum Gartentor begleitete.

„Wie machen wir weiter? Wann reden wir mit Mutti?“, fragte Dietrich.

„Ich ruf dich nächste Woche an, Dietrich, und danke! Ich weiß deine Loyalität zu schätzen.“

4 Der lärmempfindliche Maulwurf war Dietrichs Lieblingstier

In Onkel Haralds Wohnzimmer hing – soweit Dietrichs Erinnerung zurückreicht – immer diese billige Reproduktion eines Ölgemäldes aus den Dreißigerjahren. Es zeigte einen vierschrötigen, auf ungehobelte Art gesunden, anmaßend grinsenden Männerschädel mit schräg aufgesetztem, schmalkrempigem Bauernhut vor einer winterlichen Berglandschaft im Sonnenlicht. Ein Geschenk aus sehr lieber Hand, hatte der Onkel gesagt und tiefgründig gelächelt.

Dietrich fand das Gemälde abstoßend. Als er nach Haralds Tod dessen Wohnung geerbt hatte, entfernte er den vorwitzigen Bauernplutzer nicht nur, er zerstörte ihn mit einer für ihn selbst unerklärbaren Wut, indem er das Bild in kleine Stücke schnitt und diese anzündete. Dietrich hielt das Fanal fest und gab seiner Fotografie den Titel Verbrennung eines rotzfrechen Knechts.

Über dem Sofa, wo der entfernte Naturbursche eine helle Fläche hinterlassen hatte, brachte Dietrich die hübsch gerahmte Großaufnahme eines Maulwurfs an. In augenloser Zufriedenheit lag das Pelztierchen auf einem frisch aufgeworfenen Humushügel, umgeben von einer frühsommerlichen Blumenwiese. Die großen Grabekrallen standen seitlich ab und das rosige Schnäuzchen, aus dem einige dünne Härchen herauswuchsen, überragte wie ein kleiner Sendemast das breite, schweigsame, gutmütig dumme Maul.

Der lärmempfindliche Maulwurf war Dietrichs Lieblingstier. Er lebt und wirkt im Verborgenen, wirft aber, des Beifalls vielleicht doch bedürftig, Zeichen seiner Tätigkeit auf. Darüber ärgern sich die Menschen und verfolgen die unschuldige Kreatur. Dietrich war als Achtjähriger Zeuge einer abscheulichen Maulwurfsjagd geworden. Als im Garten des Wutscherhäusls der achte Hügel aufgeworfen worden war, lauerten Vati und Onkel Heinz dem unerwünschten Gartengast auf. Keine zehn Minuten hatten sie in konzentrierter Jagdhaltung zugebracht, da bewegte sich das Erdreich. So verriet das ahnungslos ackernde Tier seinen Standort. Jetzt!, rief Vati. Onkel Heinz rammte blitzartig den Spaten in die Erde und beförderte den zitternden, zappelnden Maulwurf an die Oberfläche. Bevor das Tier seinen Schock überwinden und flüchten konnte, drosch Vati die breite Fläche einer langstieligen Gartenschaufel wuchtig darauf. Onkel Heinz, angetan mit grobem Schuhwerk, Wadenstutzen und Knickerbocker, sprang, ein entschlossenes Hopp! rufend, darauf und trampelte auf der Schaufelfläche herum. Erledigt!, sagte Vati. Heinz Albert stieg von der Schaufel. Als Vati sie weghob, zeigte sich den wohlig erregten Jagdgästen ein formloser Matsch aus Blut, Fell und Innereien. Weidmannsheil!, sagte Vati. Weidmannsdank!, sagte Heinz. Mittagessen!, rief Tante Berta und klatschte in die Hände. Dietrich kotzte.

Wenn einem Lebewesen grobes Unrecht widerfährt, davon war Dietrich überzeugt, dann ist es der Maulwurf. Man unterstellt ihm, er fräße die Wurzeln der Gartenpflanzen an. Das stimmt aber nicht, er ernährt sich von Schnecken, Engerlingen, allerlei Gewürm. Großzügig betrachtet erweist er sich als Nutztier, aber man dankt es ihm nicht. Einiger unerheblicher Erdhaufen wegen schimpft man den Maulwurf eine Landplage und ignoriert seinen wohltätigen Fleiß, seine Verdienste um ein lockeres Erdreich, sein in unauffälliger Bescheidenheit vorgeführtes Können unter Tage.

Hätte man mir, dachte Dietrich, vor drei Jahren, als der Hofrat Birkel endlich in den Ruhestand trat, die Abteilungsleitung anvertraut, was könnte ich heute alles bewirken! Was könnte ich einbringen an Ideen für Projektentwicklung und Strukturreform! Aber nein, man befördert mich nicht! Im Gegenteil, man demütigt mich, indem man mir diesen Kerzenschlucker vor die Schnauze setzt, diesen Parteigünstling, diesen Quadratschädel! Meine Bewerbung haben die Herrschaften nicht einmal in Erwägung gezogen. Die Einladung zu einem Gespräch wäre wohl das Mindeste gewesen, und wenn sie nur aus Taktgefühl erfolgt wäre. Aber bitte, dann eben nicht! Dann eben Dienst nach Vorschrift! Mehr hat man von mir nicht mehr zu erwarten.

Dietrich holte eine zweite Flasche Bier aus dem Kühlschrank und zog sich gekränkt in die hinteren Bezirke seiner Gedankenwelt zurück. Hatte er alles falsch gemacht? Hätte er doch Jura studieren sollen, wie es ihm Vati und Joachim so eindringlich nahegelegt hatten? Joachim war, als Dietrich die Matura bestanden hatte, mit gutem Erfolg bestanden hatte, schon Konzipient in Heinz Alberts Kanzlei und wollte den jüngeren Bruder von einer gemeinsamen erfolgreichen Zukunft überzeugen: „Onkel Heinz hat sich aus dem Geschäftlichen zurückgezogen. Sein Partner Dr. Ferstl ist auch schon sechzig. Dietrich, in einigen Jahren wird das unsere Kanzlei sein! Pernauer & Pernauer. Anwälte.“

Hätte ihm nicht Onkel Harald damals den Rücken gestärkt, wer weiß, vielleicht hätte er sich überreden lassen. Dietrich hatte sich aber behauptet gegen väterliche Autorität und brüderliches Werben, und darauf war er damals, als Achtzehnjähriger, stolz gewesen. Nicht Jura, nein, Mathematik und Geografie, vor allem Mathematik. Die reine, körperlose Welt der Zahlen hatte ihn immer schon angezogen, es gab keine schönere. Das Glücksgefühl, eine knifflige Aufgabe allein durch logisches Denken lösen zu können, war schon dem Volksschüler vertraut. Als Sechzehnjähriger wurde er bei der Mathematik-Olympiade Dritter. Die Urkunde hing gerahmt im Vorraum.

Mit Sicherheit könnte ich heute eine glanzvolle wissenschaftliche Laufbahn vorweisen, wäre mir nicht die Politik dazwischengekommen, dachte Dietrich und nahm einen kräftigen Schluck aus dem Verbindungskrug. Zwei lange Studienjahre hatte er mehr Zeit mit Hochschulpolitik und Kneipkonvent verbracht als mit Mathematik. Das war der Fehler! Ehrgeizige Kommilitonen zogen an ihm vorbei und besetzten die wenigen Planstellen für wissenschaftliche Assistenzen. Der Name Dietrich Pernauer war zwar bekannt am Institut, aber nicht als fachliche Koryphäe und Zukunftshoffnung. Er war dieser Burschenschaftler in der Studentenvertretung, ansonsten unauffälliger Durchschnitt.

Als er eines Tages ermüdet war von rhetorischer Kraftmeierei, parteipolitischer Konspiration und Machtspielchen im Vorhof der Politik, war es zu spät. Dietrich verließ die Universität als Magister und musste artig danke sagen zu einem Alten Herrn aus seiner Verbindung, der ihm zu einer glanzlosen Beamtenstelle im Landesdienst verhalf.

Der Sonntag wurde lang und länger, der Himmel trüber. Regenwetter. Ein drittes Bier vielleicht? – Pfui, Dietrich, nicht um halb fünf! Disziplin und Rückgrat! Lass dich nicht so treiben! Ich sollte wieder einmal eine Mensur schlagen, dachte er. Seine letzte lag fast zehn Jahre zurück, seine erste mehr als zwanzig. Er war ziemlich eingerostet. Wollte er wieder einmal bestehen Mann gegen Mann, vielleicht ein letztes Mal in seinem Verbindungsleben, müsste er vorher viele Stunden auf dem Paukboden einplanen, damit ihm der Kontrahent nicht schon im ersten Fechtgang die Birne demolierte.

Die Erinnerung an seine erste Mensur war bestens erhalten: die wochenlange Vorbereitung, die mühsame Gewöhnung an Körperschutz und Kampftechnik, die Einübung in das Regelsystem. Und dann der große Tag. Die Wahl der Klinge, beraten von Rüdiger, dem Fechtwart, die aufmunternden Worte der Bundesbrüder. Dann kam der Paukgegner, ein Vandale, an seinen Namen erinnerte er sich nicht mehr, aber etwas größer war er, etwas kräftiger, älter, erfahrener mit Sicherheit und ganz auf Offensive trainiert.

Dietrich hingegen war ein Meister der raffinierten Abwehr. Selbstkontrolle, das war seine Stärke. Vierzehn Gänge hatte er tapfer durchgehalten, war nicht zurückgewichen. Standhalten! Koste es, was es wolle! Im fünfzehnten Gang sauste der Korbschläger des Vandalen rasiermesserscharf über Dietrichs Stirn. Contenance! Bloß kein Aufschrei! Die Wunde war nicht sehr tief, schmerzte nicht übermäßig, blutete aber beeindruckend. Wie das herunterfloss über Stirne und Wangen, das Unterhemd rötete. Zurück aus der Schlacht. Bluten für die Galerie.

Die Bundesbrüder sparten nicht mit Anerkennung. Der Paukarzt versorgte Dietrichs Kopf mit sechs Nähten, natürlich ohne Betäubung. Ha, ein kräftiger Schluck vom Korn genügt. Der ritterliche Handschlag mit dem Paukgegner. Die Bierkrüge. Das Trinkopfer! Alles ehrenhaft. Um Sieg und Niederlage geht es nicht. Schon gar nicht um Feindseligkeit. Eine Mensur ist kein Duell. Keinem ist hier die Ehre abgeschnitten worden. Beide haben Ehre, weil sie dem ehrlichen Kampf nicht ausweichen. Ein Kerl, der die Mensur schlägt, beweist Charakter, Willenskraft. Auf so einen kann die Gemeinschaft zählen. Das ist der tiefe Sinn des Rituals. Dietrich trug seinen Schmiss mit Stolz. Warum, das verstehen nur wenige.

Hannelore hatte es auch nicht verstanden. Es ist schon interessant, dachte Dietrich, wie konsequent in der Familie über sie geschwiegen wird. Hannelore, das verlorene Schaf, das keiner zu vermissen scheint. Wie lange war sie schon weg? Wie alt ist sie jetzt? Achtundvierzig. Abgehauen ist sie mit sechsundzwanzig. Das war vielleicht ein Drama! Hannelores Abschiedsbrief … dieser Hass! Der Fluch unserer Nazifamilie hatte sie geschrieben, … eine Familiengeschichte aus Gewalt, Niedertracht, Selbstgefälligkeit und Lüge … Flucht als einzige Überlebenschance … die einzig mögliche Rettung meiner Seele sogar und ähnlich pathetisches Zeug.

Mutti brach zusammen, lag eine Woche in der Psychiatrie. Vati trug es mit Haltung, obwohl ihm die designierte Nachfolgerin abhandengekommen war. Hannelore hatte soeben ihr Medizinstudium abgeschlossen, hätte irgendwann die Ordination übernehmen sollen. Das ist nur der Zeitgeist, sagte Vati, Autoritätskrise und Feminismus. Das geht vorüber. In einem halben Jahr ist die verlorene Tochter wieder bei uns. Ihr Kern ist gut. – Mutti gab den Familienaufstellungen schuld, die Hannelore besucht hatte. Das müsste man verbieten, sagte sie, da wird doch nur Schmutzwäsche gewaschen. Nach diesen Wochenenden war Hannelore immer so aufgewühlt. Krank ist das, wahrscheinlich haben es die Juden erfunden.

Einmal im Jahr schickte Hannelore an Hildegard ein kleines, schwaches Lebenszeichen. Als es zum ersten Mal angekommen war, hatte Mutti den Brief noch vorgelesen: Du bist und bleibst genauso verstrickt in diese verfluchte Familie wie alle anderen. Dennoch bleibst du meine Mutter und hast ein moralisches Recht zu erfahren, wie es deiner Tochter geht. Was dann folgte, war kaum zu glauben. Hannelore war am Amazonas, kümmerte sich um Ureinwohner mit Steinzeitgesichtern, trug auf diese Weise Familienschuld ab, wie sie schrieb. Wir sollten ihr dankbar sein.

Dietrich verschwieg, dass Hannelore ihn vor ihrer Abreise ins Vertrauen gezogen hatte, nur ihn. Reinhard und Reingard sind zu jung, hatte sie gesagt, Joachim ist ein zynisches Arschloch, aber du, Dietrich, du bist der Empfindsamste von uns allen. Du bist der einzige, der mich verstehen könnte, wenn du nur wolltest! – Der Empfindsamste? Was für ein Unsinn! Das wollte er nicht sein, das war er nicht. Ein Neugermane hat das Herz auf dem rechten Fleck, aber er ist nicht empfindsam.

Hannelores Ermutigung, er solle auch Tabula rasa machen, alle Brücken abbrechen, woanders ganz neu beginnen, hatte ihn verstört. Brüsk hatte er zwar ihren heißen Appell zurückgewiesen (Ein Pernauer desertiert nicht!), aber im dunklen Hintergrund hatte er sich dauerhaft festgesetzt und trat gelegentlich ans Tageslicht. Hätte ich vielleicht wirklich …? Habe ich da wieder einmal etwas falsch gemacht? Wäre ich heute glücklicher und freier, wenn …?

5 Das ist der Schoß, aus dem die Schlaganfälle kriechen

Ungeduldig wartete Dietrich auf den Marschbefehl des großen Bruders. Gemeinsam würden sie Mutti davon überzeugen, dass der Verkauf an die Russen die beste Lösung wäre. Das wirtschaftliche Argument ist nicht immer das vorrangige, schließlich gibt es auch Freundschaft, Ehre, Heimat und dergleichen, aber in diesem Fall bleibt das Ökonomische konkurrenzlos. Joachim hatte recht: Um den Rang eines Familienjuwels einnehmen zu können, fehlte dem Wutscherhäusl die Eindeutigkeit.

Tag für Tag war verstrichen, ohne dass Joachim ihn kontaktiert hatte. Dietrich wurde unruhig, wollte nicht mehr warten, griff selbst zum Telefon: Ob Joachim noch an seinem Vorhaben festhalte. Wann und wo das Gespräch mit Mutti stattfinden solle. Und ob es Neuigkeiten von den Russen gäbe, zum Beispiel einen Zeitplan.

Ja, klar, das Projekt sei am Laufen, sagte Joachim. Grundsätzlich, also ganz grundsätzlich gäbe es nichts Neues … Das eine oder andere Detail vielleicht, da müsse er noch nachverhandeln. Und das Gespräch mit Mutti … „Ach, Dietrich, du weißt, ich bin derzeit nicht gut angeschrieben bei ihr, und du bist sowieso der bessere Diplomat. Würdest du da einmal ohne mich vorfühlen? Sei so lieb. Bis bald!“

Sei so lieb! Einerseits Enttäuschung, andererseits Aufwertung. Die von Dietrich herbeigesehnte Koalitionsoperation sagte Joachim ab, schob sie zumindest auf; andererseits traute er ihm, dem kleinen Bruder, die hohe Kunst der Überzeugungsrede zu. Dietrich fühlte sich respektiert, das stärkte ihn, aber wenn er mit seiner Mission scheiterte, was dann? Er wollte nicht der Versager sein, der alles vermasselt hatte.

Keine übertriebenen Selbstzweifel, Dietrich, du willst es und du schaffst es! Er zog Ratgeberliteratur heran – In dreißig Minuten zum Redner werden –, legte sich nicht nur Worte und Sätze zurecht, sondern auch die drei Tonlagen verständnisvoll, sachlich-bestimmt, heiter-optimistisch sowie den aufmerksamkeitsbindenden Blickkontakt.

„Meinst du denn, Joachim und mich schmerzt es nicht, dieses kleine Paradies der Familie aufzugeben? Aber Gefühle sind eine Sache, die Fakten sind eine andere. Das würde Vati ganz sicher auch so sehen. Du, ich hab noch seine Stimme im Ohr: Was getan werden muss, das muss getan werden! Keine Müdigkeit vorschützen, keine Wehleidigkeit zulassen!“

„Ja“, sagte Hildegard gerührt, „so hat er das immer gesagt. Ach, der Otto, der fehlt mir so.“

„Uns allen fehlt er.“

„Viel zu früh ist er von uns gegangen.“

Als Dietrich die Elternvilla verließ, war er seiner Sache sicher. „Wahrscheinlich hast du recht“, hatte Mutti zum Abschied gesagt, „trotzdem ist es traurig.“

Sofort informierte er Joachim: „Es ist gut gelaufen. Zu achtzig Prozent haben wir sie im Boot.“

„Achtzig ist viel“, sagte Joachim, „danke, Dietrich, danke fürs Erste! Du hörst von mir.“

Danke fürs Erste, du hörst von mir! War das alles? Etwas mehr Interesse, Begeisterung und Lob hatte sich Dietrich schon erwartet. Aber er wollte sich die gute Laune nicht nehmen lassen. Aumaiers Gastgarten kam ihm da gerade recht. Ein saftiges Schweinskotelett, ein kühles Weizenbier – so heimatlich sollte dieser wolkenlose Juliabend enden. Am Nachbartisch saßen zwei hübsche junge Männer. Das Glück ist ein Geschenk des Augenblicks.

Zur selben Stunde, in der Dietrich in Aumaiers Gastgarten tabulos über die Liebe nachdachte, wandte sich Hildegard Pernauer in ihrer einsamen Not an Reinhard: „Ich fühle mich von Dietrich so richtig bedrängt …“

„Lass dir, bitte, von Dietrich nichts aufschwatzen“, sagte Reinhard am Telefon, „und beruhige dich. Lass dich zu nichts drängen! Lass dir Zeit! Das ist weder die Entscheidung von Dietrich noch die von Joachim. Es ist auch nicht meine Entscheidung, sondern einzig und allein deine! Hol dir den Rat von Unbeteiligten und … warte mal …Was sagst du, Rebekka? … Ja, genau, Rebekka sagt gerade: Vertrau deinem Bauchgefühl! Ich soll dich küssen von ihr! Mutti, du bist die Fürstin des Wutscherhäusls! Sei auch die Königin deiner Gefühle! Ihr seid frei, Majestät!“

Ach, der Reinhard, der fand immer so schöne Worte, aber Hildegard wollte nicht frei sein, Hildegard wollte Beistand … Reingard! Die verstand sie am besten, wenn es um das Wutscherhäusl ging. Mit der musste sie unbedingt noch reden. „Ich weiß, dass es spät ist, Reingard, aber ich muss noch mit dir reden. Dietrich war heute bei mir. Er und Joachim tun ja gerade so, als wär das Wutscherhäusl schon verkauft.“

Reingard war außer sich. Joachim und Dietrich, das Kapitalistenkomplott, die Mafia der eiskalten Profiteure! Ihr energischer Anruf erlegte Dietrich noch in Aumaiers Gastgarten. Soeben war das dritte Weißbier eingetroffen.

Ob er die Mutter ins Grab bringen wolle mit seinen Drohungen und Erpressungen! Sein hinterfotziges Intrigantenmaul solle er gefälligst halten!

„Solange Waldemar noch über den Kauf nachdenkt, liegt die Sache auf Eis! – Allerdings denkt der nach! Und wie der nachdenkt! Und wenn Waldemar nachdenkt, dann denkt wirklich etwas! Der hat nämlich nicht so ein Spatzenhirn wie du, Dietrich! Oder haben sie dir das bei der letzten Mensur auch noch weggesäbelt!“

„Du bist so vulgär wie das dümmste Bassenaweib!“, brachte Dietrich mit vor Wut zitternder Stimme gerade noch heraus, dann drückte er Reingard weg. Inwendig tobend wie ein Gewalttäter, aber äußerlich versteinert saß er noch eine geschlagene Stunde vor seinem Weißbier. In der Nacht fand er keine zwei Stunden Schlaf. Das Morgenwetter war unnötig schön. Er musste mit Joachim sprechen. Sofort.

„Gut, dass du dich meldest, Dietrich“, sagte der Bruder, der mit Birgit und den Buben noch beim Samstagsbrunch saß. „Warte kurz, ich gehe ins Arbeitszimmer.“ Birgit verdrehte die Augen und seufzte.

„So, jetzt können wir … ja, natürlich … Dietrich, du brauchst mir nicht alles haarklein zu erzählen. Reinhard und Reingard haben mich heute schon angerufen, ich hab auch schon mit Mutti gesprochen. Und ich konnte sie wieder einigermaßen beruhigen … Hör zu, Dietrich, ich nehme einen Teil der Schuld auf mich. Ich hätte dir dieses heikle Gespräch nicht so leichtfertig übertragen dürfen. Ich hab dich da offensichtlich überschätzt … Dietrich, du brauchst dich mir gegenüber nicht zu verteidigen. Ich glaube dir gerne, dass du mit den besten Absichten … aber du weißt, die Absicht ist das eine, die Wirkung das andere … Dietrich, wir sollten die Sache jetzt nicht in alle Richtungen auswälzen … Ich kann und will das nicht beurteilen, ich war ja nicht dabei … Wie du was in welchem Tonfall gesagt hast, was du angeblich gar nicht gesagt hast und was du sonst noch gesagt hast, wissen nur zwei Menschen, du und Mutti. Ich nehme nur die Scherben wahr, die dein unüberlegter Vorstoß hinterlassen hat. Daher bitte ich dich herzlich: Entschuldige dich bei Mutti in der bestmöglichen Form und nimm dich eine Weile aus dem Spiel, damit wieder Ruhe einkehrt in der Familie.“

„Ruhe?! Sag das nicht mir, sondern Reingard!“

„Der sag ich es sicher auch. Aber du weißt, Reingard ist sehr gefühlsbetont, eine Getriebene in gewisser Weise. Man muss nicht alles auf die Goldwaage legen, was sie in ihrer Wut ausspuckt. Sie ist eine Frau.“

„Weißt du überhaupt, was sie mir alles an den Kopf geworfen hat?“

„Ich kann es mir vorstellen. Aber gib ihr ein bisschen Zeit. Wenn Waldemar, wie sie mir heute versichert hat, das Wutscherhäusl kauft, dann löst sich der Geschwisterzwist im Hause Pernauer wie von selbst auf. Alles ist wie gehabt und das nächste Sonnwendfest so gut wie programmiert.“

„Und die Russen? Was ist mit den Russen? Die legen doch viel mehr auf den Tisch, sagst du.“

Joachim seufzte. „Dietrich, du weißt, ich schätze dich, aber gestatte mir eine kleine, vorsichtige Kritik unter Brüdern. Geld ist eine Sache, familiärer Zusammenhalt eine andere. Da kann man schon auch mal den einen oder anderen Abstrich machen. Ich weiß, dass dir das nicht so leicht fällt, aber spring da, bitte, über deinen Schatten. Denk zumindest darüber nach. Und eines wollen wir auch nicht vergessen: In letzter Instanz entscheidet Mutti, sie ist die Besitzerin.“

Als Joachim zum Brunch zurückkam, war der Tisch abgeräumt. „Was soll das?“

Birgit schleuderte den Brotkorb durch den Raum, dass die Brösel flogen. „Um halb neun ruft Mutti an, um neun Reinhard, um neun Uhr vierzig Reingard, um zehn Uhr zehn Dietrich. Frühstücke doch mit deiner gestörten Familie in eurem verfluchten Wutscherhäusl!“

Dietrich sank nach seinem Telefonat mit Joachim fassungslos in den Ohrensessel. Dem treulosen Bruder wünschte er alle Rachegöttinnen dieser Welt an den Hals. Schmerzvoll eingeklemmt zwischen seinem hilflosen Zorn über das Unrecht, das ihm die Familie antat, und der Verdrossenheit über das eigene Versagen, sehnte er sich nach einem gütigen Ohr, das hörte wie sein eigenes. Hannelore käme in Frage – oder Onkel Harald. Aber Hannelore war verschollen und Onkel Harald tot. Freunde hatte er nicht, er hatte Bundesbrüder. Sollte er „Hagen“ Hausmann anrufen oder „Odin“ Borkmayer? Wozu? Dass ein Krug mit frisch gezapftem Hellem hilfreich ist, wenn es darum geht, Haltung zu wahren, wusste er selbst.

Dietrich fühlte sich müde, erschöpft, nervös, angespannt, fiebrig, vernichtet. Im Nachtkästchen fand er zwei Schlaftabletten. Er schloss Fenster und Jalousien, sperrte Sommerlicht und Hitze aus, fiel aufs Bett und lag dort sieben Stunden in schweren Träumen.

Donnergrollen und Regenprasseln weckten ihn auf. Dietrich öffnete die Terrassentür, stellte sich einige Minuten lang nackt in den Gewitterregen, spürte sich. Nach einer warmen Dusche war er wie neugeboren und konnte wieder klare Gedanken fassen. Mit Reingard würde er kein Wort mehr reden. Mit Joachim auch nicht, zumindest vorläufig nicht. Wie konnte ihn sein Bruder so grundlegend missverstehen? Warum hatte er ihn überhaupt in diese ärgerliche Sache hineingezogen? Was war mit dem Angebot der Russen? War es nun solide oder nicht? Und warum hörte ihm Joachim nicht zu, ließ ihn nicht ausreden? Es war doch sein gutes Recht, das Gespräch mit Mutti aus seiner Sicht darzustellen. Und Mutti?

Nun gut, Mutter bleibt Mutter. Morgen würde er sie anrufen. Wenn sie sich wirklich bedrängt fühlte, wie Joachim behauptete, dann könnte er sich ja eine Entschuldigung herausquetschen.

Dietrich hatte Hunger, legte Speckscheiben in die heiße Pfanne, schlug drei Eier darüber, ließ es sich tüchtig schmecken. Für die Abendstunden öffnete er eine Flasche Blauburgunder und holte das große Toplitzsee-Puzzle mit den 2000 Teilen aus dem Kasten. Puzzle waren seine stille Leidenschaft. Dazu wollte er wieder einmal den Freischütz hören, von vorne bis hinten. Die Welt rückte von ihm ab.

Den Sonntag begrüßte der spät erwachende Dietrich in heiterer Laune. Selbst einen fröhlichen Badeausflug schloss er nicht aus. Vorher würde er aber noch seinen guten Vorsatz ausführen und Mutti anrufen.

Hildegard Pernauer war gerührt, fand es wirklich lieb von Dietrich, dass er sich meldete nach dieser bösen Verstimmung, räumte unaufgefordert ein, sie habe vermutlich überreagiert.

„Weißt du, mich nimmt das alles so mit“, sagte sie.

„Versteh ich, Mutti. Aber wenn Waldemar das Wutscherhäusl nun doch kauft, wird ja alles gut.“

„Waldemar? Wie kommst du denn darauf?“

„Joachim hat derartiges angedeutet.“

„Ach Gott, Dietrich, dann weißt du das Neueste nicht.“

„Was?“

„Nichts Gutes. Waldemar liegt im Krankenhaus. Der hatte gestern in der Seilergasse einen schlimmen Schlaganfall …“

Dietrich strich den Badeausflug, holte einen abgegriffenen Stadtplan aus der Kommode und breitete ihn auf dem Esstisch aus. In der Seilergasse ist Waldemar zusammengebrochen. Schau an, das ist ja interessant! Die Seilergasse liegt genau in der geografischen Mitte zwischen dem Haus, das Waldemar mit seiner Geliebten bewohnt, und dem, das er mit seiner Frau Annegret bewohnt hat. Schicksalhaft, dachte Dietrich, ein Zerrissener, ein Überforderter, zusammengebrochen unter dem Albdruck des Hin und Her. Da die Gattin mit Familie, dort die Geliebte, auch mit Familie, und mit was für einer! Ja, lieber Waldemar, das ist der Schoß, aus dem die Schlaganfälle kriechen.

Auf der unzuverlässigen Grundlage von Hildegards dramatischer Schilderung rekonstruierte Dietrich die Chronologie der Ereignisse. Das war Reingards Geschoß, dachte er und stellte sich Waldemar in der hohlen Gasse vor. Ich erwarte Taten von dir, brüllt sie ihren verdatterten Waldi an, blöde Ausreden fallen mir selbst ein! Bring deinem bösen Weib endlich bei, dass wir das Geld nicht für irgendeinen spleenigen Luxus brauchen, sondern für die Rettung eines Familienjuwels. Das ist eine Frage der Würde. Versteht die das nicht, die blöde Kuh? Und vor allem: Verstehst du das nicht!?

Vielleicht hat Waldemar genau das versucht, dachte Dietrich, er hat versucht, seiner Frau die Würde des Wutscherhäusls zu erklären. Seine Annegret hat ihm aber was gepfiffen, und zwar klar und lautstark, deutsch und ohne Bemäntelung. Natürlich versteht Annegret, was ein Familienjuwel ist. Natürlich begreift sie, dass daran ein Herz hängen kann. Aber warum sollte ausgerechnet sie, die verlassene Frau, ihrer innig gehassten Konkurrentin einen Herzenswunsch erfüllen? Was willst du von mir, Waldemar?, hört Dietrich sie rufen, die Auflösung von ertragreichen Vermögenswerten verlangst du? Für einen extravaganten Mädchenwunsch deiner Konkubine? Den Weg hättest du dir sparen können! – Höhnisch lachend weist sie Waldemar die Tür. Und er muss jetzt seiner impulsiven Geliebten das Scheitern der Vertragsverhandlungen mitteilen. Exakt auf halbem Weg bricht der Verzweifelte zusammen. Hinter ihm Skylla, vor ihm Charybdis. Das ist der Fluch der Mitte.

So stellte sich Dietrich das vor, so stellte er sich Annegret vor. Er kannte sie nur aus den mitleidlosen Erzählungen in der Familie und aus Waldemars Klagen über den gefühlsarmen, spröden Machtmenschen, den er leider geheiratet hatte.

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