Kitabı oku: «Nur die allergrössten Kälber wählen ihren Metzger selber»
Christian Schmid
Nur die allergrössten Kälber wählen ihren Metzger selber
Unsere Tiere in der Sprache
Cosmos Verlag
Alle Rechte vorbehalten
© 2021 by Cosmos Verlag AG, Muri bei Bern
Lektorat: Roland Schärer
Umschlag: Stephan Bundi, Boll
Satz und Druck: Merkur Druck AG, Langenthal
Einband: Schumacher AG, Schmitten
ISBN 978-3-305-00500-0
eISBN 978-3-305-00501-7
Das Bundesamt für Kultur unterstützt
den Cosmos Verlag mit einem Förderbeitrag
für die Jahre 2021–2024
www.cosmosverlag.ch
Inhalt
Vorwort
Huhn und Hahn
Herkunft und Benennung
Die fürsorgliche Henne
Das dumme Huhn
Mit den Hühnern zu Bett
Der stolze Hahn
Hühnerhaut und Hühnerauge
Hühnerhof und Hühnermist
Ei oder Huhn
Das Huhn als Fleischlieferant
Kuh, Stier und Ochse
Herkunft und Benennung
Dumme Kuh und Hornochse
Die Kuh in Wörtern und Redensarten
Stier und Ochse in Wörtern und Redensarten
Die Schweizer und die Kuh
Stall und Weide
Milch, Rahm, Butter, Käse
Pferd und Esel
Herkunft und Benennung
Ross und andere Freundlichkeiten
Das Pferd in Wörtern und Redensarten
Das Reitpferd
Das Zugpferd
Das Lastpferd
Der Pferdehandel
Der Hausesel
Schwein, Sau und Ferkel
Herkunft und Benennung
Sau und Schwein in derber Sprache
Sau und Schwein in Schimpfwörtern
Sau und Schwein in Redensarten
Das Schwein und sein Fleisch
Der Hund
Herkunft und Benennung
Hunde der Herren, Hunde der Untertanen
Der Hund in derber Sprache
Der Hund in Wörtern und Redensarten
Die Katze
Herkunft und Benennung
Vom Katzenkopf zum Katzelmacher
Die Katze in Redensarten
Vorwort
Seit Jahrtausenden brauchen wir unsere Nutz- und Haustiere. Sie arbeiten für uns, wenn wir auf ihnen reiten, wenn sie für uns Lasten tragen oder ziehen, wenn sie für uns Maschinen antreiben, wenn wir mit ihnen jagen, wenn sie uns mit ihren Kämpfen unterhalten. Sie sind für uns da, wenn sie uns warm geben und wir uns in ihrer Nähe weniger einsam oder sicherer fühlen. Sie liefern uns als lebende Tiere Produkte, die wir essen können: Eier und Milch. Mit ihrem Mist düngen wir unsere Felder. Wir schlachten sie, essen ihr Fleisch, verarbeiten ihre Häute zu Leder, benützen ihre Federn und Haare als Isoliermaterial oder Schmuck und verkochen ihre Knochen zu Leim. Dennoch ist unser Umgang mit ihnen fragwürdig: es fällt uns schwer, ihnen Rechte zuzugestehen. In der modernen industrialisierten Landwirtschaft, die so billig wie möglich produzieren will, behandeln wir viele von ihnen sehr schlecht und gönnen ihnen als hochgezüchtete Massenware nur eine kurze Lebenszeit. Für Nutztiere ist das Leben mit dem Menschen schwierig und oft schrecklich. Kuscheltiere werden hingegen nicht selten so verwöhnt und gehätschelt, dass sie abnorme Verhaltensweisen entwickeln. Einige von ihnen erben Vermögen und werden in Ehren bestattet.
Wir sind unseren Tieren sowohl zu- als auch abgeneigt. Das zeigt sich sehr deutlich in unserer Sprache. Selbstverständlich gibt es zahllose rührselige und sentimentale Pferde-, Hunde- und Katzengeschichten für Kinder und Erwachsene. Aber viel gängiger sind in der Alltagssprache jene sich auf Tiere beziehenden Wörter, Ausdrücke und Redensarten, mit denen wir spotten, schimpfen und beleidigen. Du Hornochse, Rindvieh, Esel, blöde Kuh und fauler Hund sagen wir, ohne auch nur im Ansatz zu überlegen, wen wir da beiziehen, um zu sagen, er oder sie sei dumm, blöd, faul oder störrisch. Wenn wir nicht mehr weiterwissen, können wir dastehen wie der Ochs vorm Berg oder die Kuh vor dem Scheunentor. Wer ausnahmsweise Erfolg hat, kriegt zu hören, dass auch ein blindes Huhn mal ein Korn findet. Wer in soziale Not gerät, kommt auf den Hund. Wer sich rüpelhaft benimmt, lässt die Sau raus.
Der Mensch achtet das Tier weniger als sich selbst, weil er als Homo sapiens die intellektuelle Fähigkeit erworben und Waffen entwickelt hat, jedes Tier, auch das grösste, zu jagen. Einige Tiere macht er sich dienstbar, indem er sie zähmt und züchtet. Der intellektuelle Vorteil, den er dem Tier gegenüber erworben hat, führt dazu, dass er sich als Krone der Schöpfung begreift und daraus das Recht ableitet, die Welt, auch die Tierwelt, zu beherrschen. Dieses Recht wird in der Bibel deutlich sanktioniert. Gott sagt Adam und Eva nach Genesis 1, 28:
«Seid fruchtbar, und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.»
Noah gegenüber bestätigt Gott laut Genesis 9, 2–4 die Vormacht des Menschen in der Schöpfung; er bekräftigt damit das Ende des paradiesischen Friedens unter den Geschöpfen:
«Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf die Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf der Erde regt, und auf alle Fische des Meeres; euch sind sie übergeben. Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch, wie die grünen Pflanzen. Nur Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen.»
Die Worte sind klar. Weder Vegetarismus noch Veganismus lassen sich aus der Bibel begründen, obwohl das oft behauptet wird. Wohl lebten einige monastische Gemeinschaften ursprünglich fleischlos, doch die Fleischverbote wurden mit der Zeit gelockert oder ganz aufgehoben. Viele Theologen der frühen Neuzeit behaupteten, die Menschen hätten sich vor der Sintflut ausschliesslich von Pflanzen und Früchten ernährt, so auch der katholische Geistliche Hubertus Lommessen in seiner «Postilla» von 1628: «Ja biss zur zeit dess Sündfluss ist das Fleischessen gar nicht im brauch gewesen.» Nach der Sintflut jedoch habe Gott Noah klargemacht, dass auch das Essen von Fleisch, ausser an Fastentagen und in der Fastenzeit, gottgefällig sei. Das lehren viele Schriften aus der frühen Neuzeit. Hieronymus Bock erklärt in seinem «Kreütterbuch» von 1577 mit Bezug auf die Genesis:
«Erstmals aber / da der allmechtig Gott den Menschen Fleisch zu essen erlaubet / ward kein underschid Fleischs halben fürgeschriben. Dann also sprach Gott zu Noha unnd seinen Sönen / alles was sich regt unnd lebt / das sey ewer Speiss / wie das grün kraut hab ichs euch alles geben.»
Während Bock schreibt, Gott habe dem Menschen erlaubt, Fleisch zu essen, behauptet das «Compendieuse und Nutzbare Hausshaltungs-Lexicon» von 1728, Gott habe das Fleischessen verordnet: «Fleisch, ist diejenige Speise, die Gott uns Menschen von denen essbaren Thieren verordnet, und giebt das Fleisch eine gesunde, starcke und nahrhaffte Speise.» Der Arzt und Philosoph Paracelsus (1493–1541) argumentiert hingegen, dass der Mensch im Schöpfungsakt als Letzter geschaffen worden sei und daraus folge, «das der Mensch die Thier haben muss zu seiner Speiss / zu seiner Notturfft (seinem notwendigen Bedarf) / zu seiner Gesundtheit / etc.» Es gebe kein Tier auf der Welt, behauptet er, das nicht für den Menschen da sei.
Dass wir uns heute ermächtigt fühlen, vielen Tieren nur einen Gebrauchswert zuzugestehen und sie massenhaft in Tierfabriken zu halten, hat auch mit der Einschätzung des Tiers seit der frühen Neuzeit zu tun. Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Darüber wurde vom 16. bis ins 18. Jahrhundert heftig diskutiert, sowohl theologisch und wissenschaftlich als auch philosophisch, aber immer so, dass dem Menschen eine Sonderstellung zugestanden wurde. Der französische Philosoph René Descartes (1596–1650) behauptete, nur der Mensch verfüge über Geist. Tiere hatten, so seine Meinung, keine empfindende Seele, er hielt sie für eine Art komplexe Apparate. Andere, wie der Schweizer Arzt und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733), behaupteten, das Tier habe eine Seele, aber eine ganz andere als die menschliche. Diese sei denkend, die tierische «ohne alle Vernunfft». Wieder andere behaupteten, sich auf antike Autoren berufend, Pflanzen hätten eine vegetabile, Tiere eine sinnliche und Menschen eine vernünftige Seele. Verstand und Willen kennzeichne den Menschen, behauptet ein Autor 1771, das Tier sei bloss sinnlich und unvernünftig. Wenn der Mensch seinen Verstand nicht einsetzt, handelt er wie ein unvernünftiges oder eben dummes Tier, ein animal irrationale, wie es im Lateinischen seit der Antike heisst. Im 16. Jahrhundert mahnt Martin Luther in einer Tischrede, der Mensch lebe dahin «ärger als ein Vieh». Er schätze Gottes Schöpfung nicht und missbrauche sie. Das sei «gleich als wenn eine Kuhe und unvernünftig Thier die aller schönsten und besten Blumen und Lilien mit Füssen träte».
Das Attribut dumm wird auch von Wissenschaftlern bis ins 19. Jahrhundert verwendet, um Tiere zu beschreiben; es wird sogar als Gattungsbezeichnung benutzt. Johann Matthäus Bechstein schreibt in seiner «Gemeinnützigen Naturgeschichte Deutschlands» von 1791 über «Das dumme Täucherhuhn»: «Es ist ein dummer Vogel, der sich leicht hintergehen lässt.» Das «Brockhaus Conversations-Lexicon» von 1888 belehrt uns, der Elch sei «ein scheues, aber dummes Tier». Und in der «Kleinen Schul-Naturgeschichte» von 1891 erklärt Samuel Schilling: «Das Nashorn […] ist ein grosses, fast 4 m langes, plump gebautes dummes Tier.»
Wir benützen noch heute dieses Vokabular, wenn wir andere beschimpfen und mit Tierbezeichnungen titulieren. Wir schätzen Tiere auf eine Weise ein, die einer frühneuzeitlichen Denkart entspricht, wenn wir sie in Massenhaltung dahinvegetieren lassen oder wenn wir sie zu Hochleistungsapparaten mit kurzer Lebensdauer hochzüchten mit Hilfe von Kraftfutter und Hormonen. Dabei ist längst erwiesen, dass zwischen Tier und Mensch, was den Aufbau des Zentralnervensystems und die kognitiven Fähigkeiten betrifft, kein absoluter, sondern nur ein gradueller Unterschied besteht. Viele Tiere können denken, sich erinnern, sich selbst in einem Spiegel erkennen, Werkzeuge brauchen, sich in arbeitsteiligen Gemeinschaften organisieren und auf unterschiedliche Weisen miteinander kommunizieren. Einige bilden sogar Staaten. Das bestreitet heute kein Wissenschaftler mehr und keinem würde es einfallen, in einer wissenschaftlichen Beschreibung ein Tier dumm zu nennen.
Wir sind, was viele unserer alltagssprachlichen Äusserungen und unserer Alltagsreflexionen über Tiere betrifft, nicht auf der Höhe unserer Zeit. Immer noch berufen wir uns auf die längst überholte Übereinkunft, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei und dass vom Menschen zum Tier ein absoluter qualitativer Unterschied bestehe.
Doch es tut sich etwas! Seit knapp fünfzig Jahren wird von verschiedenen Autorinnen und Autoren wie Garry Francione, Christine Koorsgaard, Lori Marino, der Gründerin des Kimmela Center for Animal Advocacy (kimmela.org), Richard Ryder, Peter Singer und anderen ein Umdenken im Tierrecht gefordert. Tierphilosophen beschäftigen sich mit Fragen, welche die Stellung, das Wesen und das Verhalten von Tieren zum Gegenstand haben. Bioethikerinnen, im speziellen Tierethikerinnen, fragen nach dem menschlichen Umgang mit Tieren und den moralischen Problemen, die sich daraus ergeben. Bücher wie Klaus Petrus’ «Tierrechtsbewegung» von 2013 und Daniel Wawrzyniaks «Tierwohl und Tierethik» von 2019 erklären einem breiten Publikum, was sich in dieser Sache tut.
All das beeinflusst unser Sprechen über Tiere, insbesondere die Stellung des Tiers in unseren alltäglichen Sprachbräuchen, bis heute kaum. Unsere Alltagssprache schöpft aus Redeweisen und Geschichten, die während Jahrhunderten von einer Generation an die nächste überliefert worden sind. Wir sprechen in der Regel, um verstanden zu werden, und fragen uns in den wenigsten Fällen, weshalb wir sagen, was wir sagen. Dieses Buch soll zeigen, in welchen Zusammenhängen unsere Tiere, d. h. die bekanntesten Nutz- und Haustiere, und das, was wir mit ihnen tun, in unserer Alltagssprache vorkommen, was wir über sie sagen und was wir mit ihnen über uns sagen.
Ich beschäftige mich in diesem Buch mit Wörtern, Ausdrücken und Redensarten, erzähle, wie und seit wann man sie in übertragener Bedeutung braucht und woher sie kommen. Dabei ist es mir sehr wichtig, dass ich mit Beispielen belege, was ich behaupte. Oft führt mich die Suche zurück bis in die Zeit der Renaissance, ins Mittelalter oder gar in die Antike, manchmal muss ich Sprachgrenzen überschreiten. Meinen Leserinnen und Lesern mute ich damit zu, dass sie Beispiele oder kleine Geschichten in älterem Deutsch lesen. Vielleicht versteht man nicht gleich alles im ersten Anlauf, aber viele dieser Zitate sind richtige Leckerbissen, pointierte, saftige, witzige, zuweilen bissige und böse Formulierungen; und die Geschichten sind manchmal, von unserem heutigen Standpunkt aus gesehen, unglaublich. Sie in die Gegenwartssprache zu übersetzen, hätte ihnen die ganze Wucht genommen, die sie in ihrer Fremdheit haben. Bei einzelnen Wörtern, die man kaum oder nicht versteht, habe ich die Übersetzung in runden Klammern direkt dahinter gesetzt. Manchmal musste ich ganze Sätze oder Texte übersetzen, vor allem auch wenn sie in einer uns fremden Sprache aufgeschrieben wurden. Für einige brauchte ich kundige Hilfe; den Helfern und Helferinnen danke ich herzlich. Für die meisten Bücher aus der frühen Neuzeit habe ich nur Kurztitel gesetzt, weil die vollständigen Titel oft unendlich lang sind, z. B. «Fleissiges Herren-Auge» statt «Fleissiges Herren-Auge, Oder Wohl-Ab- und Angeführter Haus-Halter, Das ist: Gründlich- und kurz zusammen gefasster Unterricht, von Bestell- und Führung eines nütz- und einträglichen Land-Lebens und Wirthschaft».
In Texten, welche in älterem Deutsch geschrieben sind, kommen Vokale mit übergesetzten Zeichen vor, z. B. ā und î; sie kennzeichnen lange Vokale. Meine mittelbernische Mundart schreibe ich nach Dieth, d. h. ich schreibe sie lautnah, die kurzen Vokale einfach, z. B. Chatz, strigle, Märe, die langen doppelt, z. B. Taape, hööch, naagää. Zitierte Mundart schreibe ich so, wie ich sie der Quelle entnommen habe. Auch die zum Teil abenteuerlichen Schreibungen von Internetbeispielen habe ich nicht verändert.
Mein wichtigstes Suchwerkzeug war das Internet. Im Internet stehen uns Tausende von Texten im Original zur Verfügung. Noch nie konnte, wer sucht, ein derart umfangreiches Textkorpus durchforsten. Man muss sich nur Zeit nehmen und mit unterschiedlichen Schreibungen und Wortformen spielen, immer und immer wieder. Ich kann mich heute nicht mehr ausschliesslich auf die in die Jahre gekommenen grossen Wörterbücher stützen, denn die Autoren dieser Wörterbücher mussten in Archiven und Bibliotheken ihre Belegstellen ausgraben. Weil sie nicht immer neu graben wollten, schrieben sie einander gerne ab, auch die Fehler.
Dennoch wäre meine Arbeit nicht möglich gewesen ohne grosse und kleine Wörterbücher und Nachschlagewerke aller Art. Was unsere Mundarten betrifft, ist das «Schweizerische Idiotikon» (idiotikon.ch) eine unentbehrliche Hilfe und eine unversiegbare Quelle der Freude für diejenigen, die suchen. In dieses Werk wurden neben Wörtern mit ihren historischen Belegen auch Tausende von Ausdrücken und Redensarten aufgenommen. Neben dem «Idiotikon» leisteten mir viele kleine regionale Mundartwörterbücher ebenfalls wertvolle Dienste. Die wichtigste deutsche Wörterbuchplattform im Internet ist «woerterbuchnetz.de», über die jetzt auch das «Idiotikon» zugänglich ist. Daneben findet man online grosse, frei benutzbare historische Wörterbücher in vielen Sprachen, wie z. B. «Le Trésor de la Langue Française informatisé (atilf.atilf.fr)» und den «Online Etymology Dictionary (etymonline.com)».
Ich hoffe, dass die Leserinnen und Leser dieser Geschichten viel Neues erfahren, schmunzeln, vielleicht auch lachen, und nachdenklich werden. Wenn das Buch ihr Interesse weckt und auf Fragen Antworten gibt, habe ich das Pferd nicht am Schwanz aufgezäumt und bin nicht wie die Katze um den heissen Brei herumgegangen.
Meiner Frau Praxedis danke ich für das Mitlesen und Mitdenken, Roland Schärer vom Cosmos Verlag für die ausgezeichnet aufmerksame und freundschaftliche Zusammenarbeit. Er hat dr Märe zum Oug gluegt!
Huhn und Hahn
Herkunft und Benennung
Der Geistliche, Schriftsteller und Ökonom Christoph Fischer beginnt in seinem sehr erfolgreichen Hausväterbuch «Fleissiges Herren-Auge» von 1690 das Kapitel über das Geflügel mit folgenden Worten:
«Ich wil von der Hennen / als der rechten Eyer-Mutter / und gluckzendem Hof- und Bauren-Vogel / so nicht allein auff dem Lande / sondern auch in Städten / wegen vielfältigen Eyerlegens bekannt / und sehr angenehm / den Anfang machen.»
Weil das Huhn der weitaus häufigste Vogel auf der Welt und der wichtigste Eier- und Fleischlieferant ist, beginne ich, wie Fischer im 17. Jahrhundert, auch mit dem Huhn.
Das Huhn hat Flügel und Federn und zählt deshalb seit dem Mittelalter mit Enten und Gänsen zu den Hofvögeln oder Hausvögeln, zum Geflügel, Gefieder, Klein- oder Federvieh. Die «Teutsche Sprach und Weissheit» von 1616 zählt zum «Feder Viech»: «Schwanen / Pfawen / Gänse / Ente / Hüner / Tauben / etc.» Die «Deutsche Sprache in der Volksschule» von 1855 lehrt uns: «Hausvogel fasst in sich: Gans, Huhn, Hahn, Ente, Taube etc.» Kein anderes Nutztier kommt auf der Welt so häufig vor wie das Haushuhn. Man schätzt, dass es etwa 20 Milliarden gibt, d. h. auf jeden Menschen ungefähr drei, weil es, wie eine Naturgeschichte von 1833 behauptet, «eines der nützlichsten Thiere [ist], welche der Mensch sich zum Genossen erwählen konnte».
Unser Haushuhn stammt aus Südostasien, wo man es vor 5000 bis 6000 Jahren zu domestizieren begann, vielleicht weil der Hahn am Morgen die Sonne begrüsste, die als heilig galt. Dann züchtete man es, damit man Hahnenkämpfe veranstalten konnte; bei den Griechen war der Hahn als Motiv auf Kampfschildern und Gefässen beliebt. Erst seit den Römern hält man Hühner vor allem als geschätzte Eier- und Fleischlieferanten. Nach Europa kam das Huhn aus Persien und dem östlichen Mittelmeerraum; etwa 2300 Jahre alte Funde zeugen von der Existenz des Haushuhns in der israelischen Stadt Maresha. Bereits in der Eisenzeit wurde es von Phöniziern nach Spanien gebracht, dann, sehr wahrscheinlich aus Persien, kam es um 900 nach Griechenland; Homer erwähnt es noch nicht. Aus Europa gelangte es schliesslich im 16. Jahrhundert mit den Entdeckern und Eroberern nach Amerika.
Lange glaubte man, am Anfang seiner Zähmung stehe das wilde, von Indien bis China weit verbreitete Bankiva- oder Rote Kammhuhn. Neuere Forschungen ergaben jedoch, dass noch andere Wildhuhnrassen beteiligt gewesen sein müssen, denn seine gelben Beine hat das Haushuhn offenbar nicht vom Bankiva-, sondern vom südwestindischen Sonnerathuhn.
In Europa gibt es ungefähr 200 Haushühnerrassen, weltweit dürften es über 500 sein. Einige sind sehr alt, wie die Krüper, die von Konrad Gessner bereits im 16. Jahrhundert als Kriechhühner beschrieben werden, weil sie kurze Beine haben. Heute gelten sie in der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e. V. in Deutschland als stark gefährdet. Auch der Bartli, das Appenzeller Barthuhn, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts gezüchtet wurde, konnte 1985 nur dank ProSpecieRara vor dem Aussterben gerettet werden. Diese Organisation sorgte zudem dafür, dass das einst beliebte weisse Schweizerhuhn, das erst am Anfang des 20. Jahrhunderts gezüchtet wurde, aber in der industrialisierten Landwirtschaft rasch an Bedeutung verlor, noch heute existiert. Haushühner sind oft weiss; lange Zeit schätzte man weisse Hühner eher gering. Der Theologe und Geograph Anton Friedrich Büsching gibt in seinem «Nützlichen und angenehmen Lehrbuch für die Jugend» von 1772 einen Rat, den er dem römischen Autor Columella abgeschrieben hat:
«Das zahme Federvieh muss röthliche oder braune Pflaumfedern, und schwarze Flügel haben, und wann es möglich, müssen alle von dieser, oder dieser am nächsten kommenden Farbe erwählt werden: kan es aber nicht seyn, so meide man doch die weissen, welche […] leicht ins Gesicht fallen (gut sichtbar sind), und wegen ihrer sonderbaren Weisse von Habichten und Adlern oft hinweg gerissen werden.»
Neben den Haushühnern, die mit Pfau, Truthuhn, Goldfasan, Alpenschneehuhn, Auerhuhn und Birkhuhn in die Familie der Fasanenartigen gehören, gibt es vier andere Familien der Gattung Hühnervögel (Galliformes), nämlich die Grossfusshühner, die Hokkohühner, die Zahnwachteln und die Perlhühner.
Das Wort Huhn kann man seit dem Althochdeutschen des frühen Mittelalters für beide Geschlechter brauchen. Der Mönch Otfrid von Weissenburg übersetzte im 9. Jahrhundert den bibellateinischen Ausdruck antequam gallus cantet «ehe der Hahn rufen wird» mit êr thaz huan singe; selbstverständlich brauchte er daneben auch das Wort hano «Hahn». Noch heute verwenden wir Huhn als Gattungsbezeichnung, wenn wir von den Hühnervögeln oder hühnerartigen Vögeln sprechen, vom Rebhuhn und vom Zwerghuhn. Wenn wir Hühner sagen, meinen wir oft die Hähne mit. Unsere wichtigsten Bezeichnungen für das Huhn sind jedoch vom Wort Hahn abgeleitet:
Huhn ist ein Erbwort aus dem Germanischen, und zwar eine Ablautbildung zu Hahn. Das aus dem Westgermanischen entlehnte Henne ist eine alte weibliche Bildung zu Hahn mit der ursprünglichen Bedeutung «die zum Hahn Gehörige». Auch das Lateinische leitet die weibliche Bezeichnung gallina «Huhn, Henne» von gallus «Hahn» ab. Aus gallina wurde französisches geline, das jedoch durch poule ersetzt wurde, eine Bezeichnung für «junges Huhn», abgeleitet von lateinisch pullus «junges Tier, Küken». Zu gallina gibt es die lateinische Redensart gallina scripsit «das hat ein Huhn geschrieben»; Plautus (um 254–187 v. Chr.) brauchte sie, um eine unleserliche Schrift zu kritisieren. Von daher kommt vielleicht das seit dem 17. Jahrhundert belegte Wort Hühnerschrift oder Hühnerpfote, das eine unleserliche Schrift mit einem Gewirr von Hühnerspuren vergleicht; «als sey sie mit Hüner Pfoten geschrieben» (1708).
In den Mundarten der deutschsprachigen Schweiz nennen wir das Huhn meistens Huen oder Hue, Hüeli mit der Mehrzahlform Hüen(n)er, in einigen Mundarten Hoo mit der Mehrzahlform Höör. Auch die Bezeichnungen Henn, Hene, Mehrzahl Henni, kommt vor. Der Berner Oberländer Melchior Sooder erwähnt in seinen «Zelleni us em Haslital» von 1943 «d’Henni ung Gäiss (Gänse)».
Seit dem 17. Jahrhundert ist die Bezeichnung Mistkratzer für Huhn belegt. Im «Misthauffen dess ungeduldigen Jobs» von 1684 bezeichnet ein Theologe seine Widersacher als «junge Mistkratzer». Der «Nürnberger Beobachter» von 1858 fragt: «Es heisst doch, das Hühnerlaufenlassen in der Stadt ist verboten; warum sieht man aber diese Mistkratzer noch auf gewissen Plätzen in der Stadt ganz ungenirt herumsteigen?» Als Wort des Rotwelschen, d. h. der traditionellen Gaunersprache, wird Mistkratzer «Huhn» sowohl von Bischoff (1822) wie auch von Avé-Lallemant (1862) aufgeführt. In einigen landwirtschaftlichen Zeitschriften vom Ende des 19. Jahrhunderts hat Mistkratzer die Bedeutung «Huhn von geringem Wert» oder «junger Hahn». Im heutigen Schweizerdeutschen ist das Mischtchratzerli ein «Brathähnchen».
Die Bezeichnung Legehuhn oder Legehenne für ein Huhn, das Eier legt, ist alt. Bereits 1686 lesen wir in einer Kriegsschilderung von «Leg-Hennen», 1705 in einem Hausväterbuch von «Leg-Hüner» und «Leg-Hennen». Weil Legehennen nach dem Legen oft lautstark gackern, entstand die Redensart verschwiegen sein wie ein Leghuhn «alles ausplaudern». Melchior Kirchhofer führt sie 1824 in seiner Sammlung schweizerischer Sprichwörter auf: «Er ist verschwiegen wie ein Leghuhn.» Die Bezeichnung Masthuhn ist jünger, aber vom Hühnermästen berichtet bereits Girolamo Ruscelli (1518–1566). Hans Jakob Wecker, der Stadtarzt von Kolmar, übersetzte Ruscellis «Kunstbuch des Wolerfarnen herren Alexii Pedemonta» (1581) ins Deutsche, und dort lesen wir im Abschnitt «Hüner zu mesten oder feist zu machen», wie man diese Tiere quälte. Man hielt sie im Dunkeln, zwang sie zur Bewegungslosigkeit und gab ihnen Kraftfutter:
«Die hüner werden vast (sehr) feist / so man sie an dunckel unnd warmen orten mit gerstenmeel und wasser durch einander vermischt mestet / auch inen die flüg federn ausszeucht.»
Lässt man eine Legehenne Eier ausbrüten, wird sie zur Bruthenne, zum Bruthuhn oder zur Glucke, mundartlich Glugge(re). Die Bezeichnung «brut henne» kommt in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bereits im «Sachsenspiegel», einem Rechtsbuch, vor; es legte fest, dass das Wehrgeld, d. h. die Busse, für ein getötetes Huhn einen halben Pfennig betragen soll, für eine Bruthenne während der Brutzeit jedoch drei Pfennige.
Das Wort Kluck(e) «Glucke», seit 1409 belegt, ist eine Entlehnung aus dem Niederdeutschen. Es ahmt den Laut nach, mit dem die Bruthenne ihre Küken ruft: sie gluckt. Die Bezeichnung Glucke, Gluggere lässt sich auf eine sehr fürsorgliche Mutter übertragen: Sie ist eine Glucke und lässt ihre Kinder nie aus den Augen. Der Reformator Martin Luther nennt in der Auslegung des Johannesevangeliums von 1527 Gott «eine edele henne, ein fein gluckhun» und eine «gluckhenne», weil er die Gläubigen wie eine Glucke unter seine Fittiche nimmt. Er brauchte Glucke auch, um den Sternhaufen der Plejaden bzw. das Siebengestirn zu bezeichnen, so wie Theodor May, der 1619 schreibt: «Die Glucken sein die siben kleine Gestirn.» Auch die Familiennamen Gluckhuhn, Gluckhohn, Glickhuhn, Gluckha(h)n sowie Kluckhuhn und Kluckho(h)n gehen zum Teil auf die alte Bezeichnung für die Bruthenne zurück; der erste Namensteil kann aber, wie bei Gluck, auf Glück oder dann auf klug zurückzuführen sein.
Aus den Eiern, welche die Bruthenne ausgebrütet hat, schlüpfen die Jungtiere, die wir mit dem aus dem Niederdeutschen entlehnten Wort Küken nennen. Die ältere Bezeichnung, die wohl aus dem Ostmitteldeutschen stammt und die wir heute kaum mehr hören, war Küchlein. Luther hat sie verbreitet; im Matthäusevangelium seiner Bibel von 1545 lesen wir: «Wie eine Henne versamlet ire Küchlin unter ire flügel.» Auch der evangelische Theologe Simon Pauli mahnt in seiner «Postill» von 1584, wir seien oft nicht so klug wie die «Küchlin», uns bei Gefahr unter die Fittiche «unser Gluckhennen Jhesu Christi» in Sicherheit zu bringen.
Die Bezeichnung Küken übertragen wir gern auf ein kleines Kind, so wie seit dem 17. Jahrhundert Nesthäkchen, älter Nestheckchen, Nesthecklein, das eigentlich ein im Nest ausgehecktes «ausgebrütetes» Vögelchen bezeichnet. In den Mundarten der deutschsprachigen Schweiz heisst das Küken Hüentschi, Hüeli oder Hüendli, in der Kleinkindersprache, lautmalerisch sein Piepsen nachahmend, Bibii, Bibeli bzw. Bibbeli. Bibii gilt manchmal, wie folgender Kindervers zeigt, als Lockruf für Hühner allgemein:
«Ds Marii geit i ds Hüennerhuus / u laat sini Bibii uus; / ‹Guete Taag, ir Hüendli mii, / chömet gleitig, bibibii!› / U dr Güggel chrääit im Tou: / ‹Güggerüggii, daa bin i ou.›»
Das Huhn gackert, gackst oder gackelt, in den Mundarten der deutschsprachigen Schweiz gagget, gagglet, gaggelet oder gaggeret es.
Auch Menschen, die schwatzen, durcheinanderreden oder wirres Zeug sagen, gackern. Bereits 1667 ist in einem Buch von einem «Rechtsverkehrer» und «Knäckles-Plauderer» die Rede, der «gackert und plappert». Bei Nietzsche fragt die Titelgestalt in «Also sprach Zarathustra» (1885) mit Blick auf die Menschen: «Alles gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier brüten?» Und in einem ntv-Internetartikel vom 5. November 2007 wird der Sprecher der Verkehrsgewerkschaft, Uwe Reitz, zitiert mit den Worten: «Die GDL (Gewerkschaft der Lokomotivführer) ist wie ein Hühnerhof. Jeder gackert vor sich hin.»
Das Erbwort Hahn ist verwandt mit lateinisch canere «singen» und meint demnach «der Sänger». Direkt vergleichbar, so scheint es, ist die griechische Bezeichnung ēïkanós «Morgenröte-Sänger». Der Hahn ist das Tier, das den Tagesbeginn mit seinem Gesang begrüsst; Georg Philipp Harsdörffer gibt in seinem «Poetischen Trichter» von 1647 folgende mögliche poetische Bezeichnungen für den Hahn: «dess Tages gewiesser Bott / der Sonnen Herold / der Vorsinger dess Liechtes / der Morgenröte Verkündiger.» In seiner Predigtsammlung «Gallus cantans» oder «Krähender Hauss-Hahn», 1677 geschrieben zum Aufwecken des «im Sünden-Schlaff ligenden Hauss-Gesind des Grossen Hauss-Vatters», womit die Christen und Gott gemeint sind, reimt Ignatius Trauner:
«Dich auffzuwecken kreht der Hahn / Und kündt den Tag mit Freuden an: / Wer schläffrig ist den schilt er auss / Wer gar nicht will ist ihm ein Grauss.»
Der Hahn kräht, chrääit und wird lautmalerisch nach seinem Ruf auch Gockelhahn oder Gockel, in der Mundart Gul(l)i, Gülli, Güggel, Gugel oder Gügeler genannt, denn er ruft kikeriki, in der Mundart güggerüggüü oder giggeriggii. So ruft er allerdings erst seit dem 19. Jahrhundert, neben kikeriki kikeriki bzw. kikeri-ki-ki oder kükerükü(kü), niederdeutsch kükerü. Im 18. Jahrhundert schrieb man seinen Ruf kikri und kikri-kikri-kikri-ki, im 17. Jahrhundert kekerlekyh, kikerlekih oder kükerlüküh, im 16. Jahrhundert, zum Beispiel in Georg Rollenhagens «Froschmeuseler» von 1595, guck guck currith und im 15. Jahrhundert beim Lübecker Bürgermeister Gerhard von Minden kukulûk. Ganz fremd klingt uns heute tutterhui; so lässt der Reformator Johannes Mathesius im 16. Jahrhundert den Hahn krähen. Auf Französisch ruft er cocorico, auf Italienisch chicchirichì, auf Spanisch quiquiriquí, auf Niederländisch kukeleku, auf Englisch cockadoodledoo, auf Finnisch kukko kiekuu. Was wir als lautnachahmend empfinden, vollzieht sich in der sprachlichen Realisation zwei- bis fünfsilbig in einem weiten lautlichen Spielraum.
Die fürsorgliche Henne
Wir können uns heute kaum mehr vorstellen, dass das Huhn für den Menschen einst die treusorgende Hausmutter symbolisierte. Der Schutz Gottes wird in der Bibel wiederholt mit dem Bild des Muttervogels illustriert, der seine Flügel schützend über seine Jungen hält. In Matthäus 23, 37 wird explizit die Henne genannt:
«Wie oft wollte ich deine (d. h. Jerusalems) Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt.»
In der lateinischen «Vulgata» lautet die Textstelle: gallina congregat pullos suos sub alas. Luther schreibt dazu: «Diese Gleichnis hie von der Hennen und iren Küchlin / ist dem Geist gar eine lustige / fröliche / hübsche Gleichnis.» Das positive Bild der Henne, das bereits in der frühchristlichen Literatur belegt werden kann, vermittelt die Literatur des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit weiter: die Henne ist fürsorglich und fleissig. So schreibt Konrad von Megenberg in seinem «Buch der Natur», dem ersten deutschsprachigen Tierbuch (um 1350):
«Gallina haizt ain henn. Augustinus spricht, daz diu henn die art hab, daz si gar vleizig und fürsihtig sei gegen irn kindlein, wan si sament (sammelt) si under ir flügel und füert si und beschirmt si vor dem weien oder vor dem hüenrarn (Falken).»
Auch im 17. Jahrhundert wird die Henne wortreich gelobt, z. B. vom Barockdichter Georg Philipp Harsdörffer in seinem «Poetischen Trichter» von 1648 als Sinnbild für eine gute Hausmutter:
«Die Eyer Mutter / ist stark / wild oder zahm / dess Haanen frommes Weib / die weisse / freche / bekräntzte / zarte / junge Eyrreiche Hänne die ihre Küchlein liebt / kluckt / gatzet / gackelt etc. Die Hänne hat die Deutung einer guten Hausmutter.»
Im 18. Jahrhundert hält die positive Einschätzung der Henne weiterhin an. Doch dem dummen Huhn begegnen wir auch bereits im Mittelalter. Im «Reinfried von Braunschweig», einem nur teilweise erhaltenen Versroman vom Ende des 13. Jahrhunderts, belehrt uns der Erzähler, wer es zulasse, dass er sich verliebe, obwohl er keine Aussicht auf Erfolg hat, der handle wie ein «tumbez huon daz brüetet / ein tôtez ei». Schondoch, ein Dichter des ausgehenden 14. Jahrhunderts, bezichtigt in einem seiner Gedichte jemanden, er sei tumber dan ein huon. Man konnte auch handeln wie ein toubez huon «stumpfsinniges, einfältiges Huhn»; der in Basel wirkende Dichter Konrad von Würzburg (um 1220–1287) braucht den Ausdruck wiederholt. In einigen mittelalterlichen Texten steht das Huhn für etwas Geringes oder gar Wertloses. Man gibt etwas umb ein huon «um nichts», für die Heiden sei ein Christ als ein huon, also wertlos. Jemandem konnte man drohen, ihn zu (zer)brechen als ein huon.
Zu einem sehr häufig gebrauchten, abschätzigen Ausdruck wurde dummes Huhn nicht im Zeitalter der Aufklärung, sondern im Zeitalter der bürgerlichen Überheblichkeit, im 19. Jahrhundert, weil das Bild der fürsorglichen oder gar mutigen Henne allmählich verblasste und weil viele, auch in der Gelehrtenwelt, das Huhn tatsächlich für dumm hielten, was man damals bereits in der Schule lernte:
«Das Huhn ist auch ein Thier. Es wohnt im Stall, ist scheu und dumm», doziert Friedrich Krumbachers «Lesebuch für das erste Schuljahr», das 1855 bereits in der zehnten Auflage vorliegt. In seinem «Bilderschmuck der deutschen Sprache» von 1886 will uns Herman Schrader weismachen, das redensartliche dumme Huhn sei tatsächlich dumm:
«Das Wort Huhn, in verächtlichem Sinne, dient als Schimpfwort, z. B. du bist ein dummes Huhn (in der That sind die Hühner sehr einfältig).»
Das dumme Huhn
Eine Frau oder ein Mädchen können wir, einer langen Tradition folgend, abschätzig als Huhn bezeichnen und sagen: Du Huhn, kannst du dich denn nicht konzentrieren? Eher nur herablassend ist das wohl aus dem afroamerikanischen Slang stammende Chick «junge Frau», das seit 1927 im amerikanischen Englisch belegt ist: He is going out with a real cool chick. Es ist heute im Deutschen als Lehnwort so bekannt, dass Alexandra Reinwarth und Susanne Glanzner im Buch «Der Chick-Code. Das Gesetzbuch für Chicks und den Umgang mit Bros» von 2011 Lebensregeln für Chicks formuliert haben. Auch im Französischen ist poule meist abwertend und bezeichnet eine leicht zu erobernde Frau oder eine Mätresse. Raimond Queneau erzählt in «Pierrot mon ami» von 1942 von einer «belle poule», Blaise Cendrars in «Bourlinguer» von 1948 von einer «poule de luxe».
Seit den 1990er-Jahren hat sich im Mittelbernischen henne zu einem Verstärkungswort mit der Bedeutung «sehr», verstärkt uhenne «ausserordentlich», entwickelt. Etwas kann hennegeil, henneschöön, hennegäbig oder uhenneguet, uhennekuul sein. In der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 14. Februar 2014 schreibt Urs Bühler in der Glosse «Eins zu null für das Hähnchen»: «Das Resultat schmeckte so, wie es zwar kein Berliner, aber jeder Berner formulieren würde: ‹henne guet›.» Und Reto Stifel ist in seiner Berndeutsch geschriebenen Mundartkolumne in der «Engadiner Post» vom 21. Februar 2015 begeistert vom Wort umepäägge: «Aber das Wort umepäägge gfaut mir haut henne guet», schwärmt er. Woher henne als Verstärkungswort kommt, weiss ich nicht. Ich wage folgende Vermutung: Denjenigen, die das Wort in Umlauf gebracht haben, hat wohl das etwas grobe sou- in Wörtern wie souschöön, souguet nicht behagt, vielleicht weil sie da oder dort gemahnt wurden, das gehöre sich nicht. Also ersetzten sie sprachspielerisch sou durch henne und sagten fortan henneschöön, henneguet. Und siehe da, ihre spielerische Alternative setzte sich durch.
Besonders hartnäckig ist am Huhn das Eigenschaftswort dumm haften geblieben. Auch wenn wir heute mehr über Tiere wissen, die Frauen emanzipiert sind und den Männern deshalb der Ausruf du dummes Huhn und Bemerkungen wie die benehmen sich wie dumme Hühner weniger leicht über die Lippen gehen mögen als auch schon, sind sie unserer Alltagssprache nicht fremd. Beklopptes Huhn, blödes Huhn, doofes Huhn, einfältiges Huhn, eingebildetes Huhn, geiles Huhn bzw. geile Henne, irres Huhn, krankes Huhn, schräges Huhn, verklemmtes Huhn, aussehen wie ein gerupftes Huhn, aufgescheuchte Hühner, gackernde Hühner und verrückte Hühner sind, auf Frauen gemünzt, gang und gäbe. Sogar Frauen, die sich über sich selbst ärgern, soll manchmal der Ausdruck ich dummes Huhn entwischen. Weil wir das Huhn für dumm halten, sagen wir da lachen ja die Hühner, wenn wir meinen «das ist einfach unsinnig, lächerlich». In Sten Reens Roman «Kornblum» von 2010 heisst es von einer Frau in expliziter Sprache, «dass sie ein saudummes, hohles Huhn war, ein gefallsüchtiges Arschloch».
Dem faulen Huhn begegnen wir nicht erst in Janoschs Geschichte «Hans Hansens Trine ist ein faules Huhn», sondern bereits 1675 beim Barockdichter Michael Kongehl: «pakke dich / du faules Huhn». Das fidele Huhn kann sowohl einen Mann als auch eine Frau bezeichnen; «der Jörgele war ein fideles Huhn», schreibt Ludwig Ganghofer in «Lebenslauf eines Optimisten» von 1909–1911. In einigen Mundarten der deutschsprachigen Schweiz bezeichnet e gschupfts Huen eine «närrische Person». Der Dichter Joachim Ringelnatz schrieb Fanny von Deeters in einem Brief vom 6. April 1926: «Du bist ein geschupftes Huhn.»
Sogar den Ausdruck wilde Hühner, mit dem man eigentlich nicht domestizierte Hühnervögel wie den Fasan und das Auerhuhn bezeichnet, übertrugen wir auf Frauen, vor allem seit 1973, als die deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke ihre sehr erfolgreiche siebenteilige Buchserie «Die wilden Hühner» begann, von denen «Die wilden Hühner» (2006), «Die wilden Hühner und die Liebe» (2007) und «Die wilden Hühner und das Leben» (2009) verfilmt wurden. Ab 2010 zog der Kinderbuchautor Thomas Schmid mit der Kinderbuchserie «Die wilden Küken» nach, die bis heute über ein Dutzend Bücher zählt.
Dem Vorurteil, das Huhn sei dumm, widersprach der Verhaltensforscher Erich Baeumer. Er forschte fünfzig Jahre lang über die Haushühner und veröffentlichte seine Erkenntnisse 1964 in einem Buch mit dem ironisch gemeinten Titel «Das dumme Huhn – Verhalten des Haushuhns». Viele Zeitungen nahmen in den vergangenen Jahren das Thema auf, z. B. die «Aargauer Zeitung» mit «Von wegen dummes Huhn! – Hühner können zählen und führen sich für Sex hinters Licht» 2016; der «Kurier» mit «Von wegen dummes Huhn», der «Standard» mit «Wie dumm Hühner wirklich sind» und die «Welt» mit «Huhn: Von wegen dumm, das Geflügel ist ziemlich schlau» 2017; der «Blick» mit «Der Ausdruck ‹dummes Huhn› stimmt so nicht» 2018. Die Zeitungsartikel häuften sich in dieser Zeit, weil 2013 das Buch «Das Huhn», herausgegeben von Joseph Barber, erschienen war und weil 2017 die Hirn- und Verhaltensforscherin Lori Marino den viel beachteten wissenschaftlichen Artikel «Thinking Chickens: a review of cognition, emotion, and behavior in the domestic chicken» veröffentlicht hatte. Auffallen muss, dass sowohl Baeumer als auch die meisten Zeitungsartikel sich auf den Ausdruck dummes Huhn bezogen; was deutlich macht, wie oft wir ihn brauchen.
Doch die Mär vom dummen Huhn wird bis heute weiterverbreitet. Der Trickfilm «Fine Feathered Friend» von 1942 aus der Tom-und-Jerry-Serie von Hanna und Barbera hiess in der deutschen Übersetzung «Tom und das dumme Huhn». Schobert & Black veröffentlichten 1973 mit Ulrich Roski das Lied «Dummes Huhn, was nun». Der Inder Idries Shah (1924–1996), der in England lebte, erzählte die Sufigeschichte «The Silly Chicken – das dumme Huhn», die von Jeff Jackson illustriert 2015 als sehr erfolgreiches Kinderbuch erschien. Darin versetzt ein Huhn eine ganze Stadt mit seinen erfundenen Geschichten in Aufruhr. Die Leute glauben ihm, ohne nach seiner Glaubwürdigkeit zu fragen.
Für noch dümmer als das Huhn hielten viele ältere Autoren die erst im 17. Jahrhundert nach Europa eingeführte Pute oder das Truthuhn, welches bis ins 19. Jahrhundert auch welsches, türkisches, indianisches oder kalekutisches Huhn genannt wurde, weil man damals den aus Nordamerika stammenden Exoten in Indien beheimatete. «Die welschen Hühner [sind] so dumm», behauptet der Autor des «Magazins des Ausserordentlichen in der Natur, der Kunst und im Menschenleben» von 1816, «dass sie oft nicht sehen, wo sie hintreten». Dem widerspricht 1863 ganz zaghaft der Autor eines landwirtschaftlichen Handbuches: «Viele halten die Truthühner für sehr dumm – nach meinen Beobachtungen sind sie es jedoch nicht so sehr», schreibt er.
Die Dummheit der Pute und des Puters könnte aus dem Französischen ins Deutsche entlehnt worden sein, denn dort heisst bête comme un dindon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts «sehr dumm» und c’est un dindon «er ist ein Dummkopf». Auch die Bezeichnung dindonière «Putenhirtin» konnte man abwertend im Sinne von «dummer Dorftrampel» verwenden. Bereits 1790 wurde der dumme Truthahn deutsch. Im deutschsprachigen Schauspiel «Das Gallerie-Gemählde» behauptet eine Figur: «Der Mensch ist so dumm, wie ein Truthahn.» Zu Beginn des 19. Jahrhunderts finden wir dumm wie ein Puter in einem deutsch-französischen Wörterbuch und 1860 erklärt Johannes Leunis in der «Synopsis der Naturgeschichte des Tierreichs», der Puter sei sehr kampflustig, zänkisch und sehr dumm, «daher die Redensarten: dumm wie ein Puter; Puterjunker d. h. ein einfältiger, dummer Landjunker; putern, d. h. schnell und unverständlich reden». Heute sagen wir nicht mehr er ist dumm wie ein Puter, sondern sie ist eine dumme Pute bzw. dumm wie eine Pute, seltener sie ist eine dumme Trute, und verwenden damit einen Ausdruck, der seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts belegt ist. Auch von der blöden Pute liest man seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts oft. Die Bezeichnungen Pute und Trute beziehen sich übrigens lautmalend auf das Kollern der Tiere.
Auch die dumme Gans läuft dem dummen Huhn noch den Rang ab. Sie ist seit dem 18. Jahrhundert sehr verbreitet: «Lucretia war eine dumme Gans» (1746), «[sie] stellete sich nicht anders als eine dumme Gans an» (1748), «weil dieses Thier sehr dumm ist, so nennet man im gemeinen Leben einen dummen einfältigen Menschen eine dumme Gans» (1777).
Doch zurück zum Huhn. In Andreas Corvinus’ «Fons Latinitatis» von 1633 wird lateinisches Ambulatrix mit «Gassenhun» übersetzt, das in Denzlers Überarbeitung von 1715 erweitert wird zu «Gassenhun / weib so stäts auff der gassen / ein ausfrau / nicht hausfrau». Eine neugierige Frau ist nach einer Quelle von 1863 hingegen ein Gwunderhuen.
In den Mundarten der deutschsprachigen Schweiz unterstellt man mit dem Wort hüennere «unbedacht, kopflos gehen oder herumrennen» dem Huhn noch eine weitere negative Eigenschaft, die man auf den Menschen überträgt. Was hüennerisch eso uf d Straass use, kann ich ein Kind, das ohne zu schauen auf die Strasse tritt, vorwurfsvoll fragen. Ein Mensch kann desumehüennere oder umehüenere «ziellos herumgehen». Er kann Termine, Abmachungen bzw. Sachen verhüennere «durcheinanderbringen bzw. so verlegen, dass man sie nicht mehr findet». Eine Frau, die etwas verhüenneret, kann von sich behaupten, i bin es Huen oder i bin es stuurms Huen. Muss jemand mit einer neuen Situation zu Rande kommen, kann ich sagen: Er isch no chli verhüenneret «durcheinander», aber das besseret de scho. Ein Durcheinander ist ein Ghüenner oder eine Hüennerete.
Die Hühner, die auf der Suche nach Futter scheinbar ziellos durch die Gegend hüennere, lassen überall ihren Kot fallen. Diese Eigenart kommt in der Redewendung la lige wi d Hüenner dr Dräck «überall herumliegen lassen, unordentlich sein» und in der Ostschweizer Wendung all Henneschiss «immer wieder» zum Ausdruck.
Mit den Hühnern zu Bett
Wer Hühner hält, muss sie am Abend eintreiben und im Stall einschliessen, um sie vor Füchsen, Mardern und Nachtraubvögeln zu schützen; d Hüenner itue, heisst das in der Mundart. «Hüener iitue u Chüngle mischte», schreibt Stef Stauffer im Roman «Hingerhang» von 2018. Als Redensart im übertragenen Sinn gebraucht, meint öpperem d Hüenner itue, «jemanden zurechtweisen». Die Hühner suchen ihre Schlafstelle auf, sobald die Dämmerung einsetzt. Wer mit den Hühnern zu Bett geht und mit den Hühnern aufsteht, mundartlich mit de Hüenner undere geit u mit de Hüenner ufsteit, «geht früh zu Bett und steht früh auf», und zwar seit dem 16. Jahrhundert: «Wer will frühe auffstehen / der muss mit den Hünern zu beth gehen», heisst es 1602 in «Der Teutschen Weissheit». Auch im Französischen und Englischen ist se coucher avec les poules und se lever avec les poules bzw. to go to bed with the chicken seit dem 18. Jahrhundert belegt.
In den traditionellen Hühnerhäusern setzten sich die Hühner zum Schlafen auf eine erhöhte Sitzstange, welche Sedel oder Sädel genannt wurde. Sedel «Sitz, Heimstatt» ist ein mit siedeln, Siedler, Siedlung verwandtes Erbwort. Ds Huen sädlet sech, sagt man; i ga z Sädel meint im übertragenen Sinn «ich gehe ins Bett, ich lege mich zur Ruhe», wer sech sädlet «lässt sich nieder, sitzt ab».
Ein blindes Huhn findet auch einmal ein Korn oder auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn kann ich sagen, wenn ich meine «zufällig gelingt (selbst dem Unfähigsten) mal etwas». Der älteste mir bekannte Beleg stammt aus Rollenhagens «Froschmeuseler» von 1595: «Ein blind Hun findt auch wol ein Korn.» Dieselbe Form der Redensart ist auch in «Der Teutschen Weissheit» belegt und scheint die älteste zu sein. In der «Historia meteorologica» von 1651 lesen wir jedoch, wer Wetterphänomene voraussage, ohne sich an Regeln zu halten, lande nur zufällig einen Treffer «oder findet wie ein blind Huhn eine Erbeiss (Erbse)». Auch im Schauspiel «Der pedantische Irrthum» von 1673 sagt eine Figur: «Ein blind Huhn findet auch einmahl eine Erbse.» Zudem findet im «Hannoverischen Magazin» von 1779 «auch ein blindes Huhn ein Haberkorn» und in Sophiens von Karlitz «Heiratsmaximen» von 1786 erwischt ein Freier «ein Mädel, wie ein blindes Huhn ein Gerstenkorn».
Statt vom blinden Huhn ist in vielen Belegen seit dem 16. Jahrhundert vom blinden Hahn die Rede: Wir lesen, dass «ein blinder Han ein Körnle gefunden» habe (1595) und «ein blinder Han find auch ein Gersten körnlin» (1630) bzw. «ein Weizenkörndl» (1929). Philipp Balthasar Sinold von Schütz behauptet in seiner «Europäischen Fama» von 1707 von einem General, er habe «von seinen befochtenen Siegen kein grösseres Glücke, als ein blinder Hahn, der zuweilen eine Erbse findet». Sowohl Huhn als auch Hahn sind also möglich und das Korn kann auch ein Körnle sein, ein Gersten-, Weizen- oder Haferkorn bzw. eine Erbse.
Der griechische Fabeldichter Phaedrus, der in der Zeit um Christi Geburt lebte, schrieb eine Fabel, welche Gotthold Ephraim Lessing unter dem Titel «Die blinde Henne» ins Deutsche übersetzte: Eine blinde Henne scharrt fleissig, und sooft sie ein Korn ausscharrt, pickt es ihr eine sehende Henne weg. Ein Zusammenhang zwischen Fabel und Redensart ist nicht wahrscheinlich.
Der Redensart vom blinden Huhn, welches ein Korn oder eine Erbse findet, begegnen wir auch im Niederländischen, Dänischen, Schwedischen und Französischen. Sie gehört zu einer Gruppe verwandter Redensarten, in denen ein blindes Lebewesen etwas findet, z. B. eine Taube: In Joachim Manzels «Spicilegium historico-philologicum» von 1701 habe ich einen ersten Beleg gefunden für «eine blinde Taube findet auch zuweilen eine gute Erbse». «Seltner werden Cardinäle, in ihrer jetzigen Lage, einen guten Papst treffen, als blinde Tauben eine Erbse finden», behauptet Schlötzers «Stats-Anzeiger» von 1786. Diese Redensart steht sogar noch im «Protokoll des ordentlichen Gewerkschaftstages der Industriegewerkschaft Bau, Steine, Erden» von 1953: «Es gibt ja auch blinde Tauben, die ebenfalls mal eine Erbse finden.»
In vielen deutschen Mundarten belegt ist die Redensart auch eine blinde Sau findet mal eine Eichel, so z. B. im Aargauischen, es hät scho mängi blindi Suu en Eichle gfunde, und im Seealemannischen, s hot scho oft e blinde Sau e Eichel gfunde. Im Jahr 1780 predigt der legendäre Wiesenpater aus dem bayerischen Ismaning: «Wenn sich ein grosser Sünder auf’m Todtbeth bekehrt, so ist’s grad so viel, als wenn eine blinde Sau eine Eichel find’t.» In etwas anderer Form lesen wir sie in «Mahomets und Türcken Grewel (Gräuel)» von 1664: «wie eine blinde Sau ein Ruben (Rübe) erwischt». Sogar im Buch «Pennsylvania-German dialect» von 1989 finden wir «e blindi Sau find aa ebmools en Ärbs».
Die Redensart gibt es sogar mit der blinden Kuh. In seinem Buch «Die Thiere in der indogermanischen Mythologie» von 1874 legt Angelo de Gubernatis die Redensart wie eine blinde Kuh eine Erbse findet gleich mythologisch aus:
«Das deutsche Sprichwort ‹Wie eine blinde Kuh eine Erbse findet› wird jetzt zur Bezeichnung einer Unmöglichkeit angewendet; und doch findet in dem Mythus die blinde Kuh (oder die Nacht) wirklich die Erbse oder Bohne (den Mond), welche in jeder Hinsicht identisch ist.»
Das ist ein gewagter Schluss, wenn man sieht, mit wie vielen Tieren diese Redensart vorkommt. Manchmal findet die blinde Kuh auch eine Eichel oder eine Erdbeere, wie in der Rottenburger Redensart da hat einmal eine blinde Kuh eine Erdbeere gefunden, die in Wanders «Sprichwörter-Lexikon» von 1870 aufgeführt ist.
Ebenfalls verbreitet ist die Redensart vom Blinden, der ein Hufeisen findet. Belegt ist sie bereits 1541 in Sebastian Francks Sprichwörtersammlung in der Form «es findt auch ye ein blinder ein hufeisen» und in einem Faust-Buch von 1681: «Es findet bisweilen auch der Blinde ein Hufeisen / und eine blinde Henne ein Körnlein.»
Ich habe mit dir noch ein Hühnchen zu rupfen, mit diir han i non es Hüendli z rupfe meint seit der Mitte des 19. Jahrhunderts «ich habe mit dir noch etwas zu bereinigen». Älter und seit der Mitte des 18. Jahrhunderts belegt ist mit jemandem ein Hühnchen zu pflücken haben. Der Schriftsteller und Sprachforscher Johann Christoph Gottsched führt in seiner «Deutschen Sprachkunst» von 1752 «mit einem ein Hühnchen pflücken» auf. In dieser Form nimmt Adelung die Redensart 1798 in sein Wörterbuch auf: «Wir haben noch ein Hühnchen mit einander zu pflücken, figürlich, wir haben noch eine unangenehme Sache mit einander auszumachen.» Diese Form ist bis heute vor allem im Norden Deutschlands gebräuchlich.
Jean de la Fontaine (1621–1695) erzählt uns die Fabel «La poule aux œufs d’or – Das Huhn mit den goldenen Eiern», die auf den Griechen Phaedrus zurückgeht. Sie handelt von einem Geizhals, der eine Henne besitzt, welche ihm goldene Eier legt. Weil er in ihrem Innern einen grossen Schatz vermutet, tötet er sie und beraubt sich so der Quelle seines Reichtums. Aufgrund dieser Geschichte entstand die Redensart das Huhn, das goldene Eier legt, schlachten «sich seiner Lebensgrundlage berauben». Die deutsche Übersetzung des Berichts «Reise durch Auvergne» von 1791 erzählt, wie vulkanische Grasböden unter den Pflug genommen werden und nach einmaliger Ernte zerstört zurückbleiben: «So betrügt sich die gierige Unwissenheit. Sie öfnet das Huhn um goldene Eier und tödtet es», klagt der Erzähler. Auf «focus online» lesen wir in einem Artikel vom 7. Oktober 2017 über den Autohersteller Skoda: «Niemand schlachtet das Huhn, das goldene Eier legt.» Seit dem 20. Jahrhundert begegnet man auch der Form die Gans, die goldene Eier legt, töten oder schlachten.
Der stolze Hahn
Der Hahn erscheint als Wappentier, den kämpfenden Krieger symbolisierend, bereits in der griechischen Antike. Wegen seines feuerroten Kammes und weil er den Morgen verkündet, symbolisiert er zudem das Licht und als roter Hahn den flackernden Brand. Deshalb steht seine Nachbildung als Feuerwächter auf Hausdächern. Auf Kirchturmspitzen stellt der Hahn seit dem 9. Jahrhundert die Wachsamkeit dar. Im Mittelalter verkörperte er den Sieg Christi als lumen mundi «Weltlicht» über das Dunkel der Nacht und er mahnte die Gläubigen an das Morgengebet.
Der berühmteste Hahn der christlichen Welt ist wohl derjenige im Matthäusevangelium, von dem Jesus zu Petrus sagt: «In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.»
Einer der bekanntesten Hähne der weltlichen Literaturgeschichte ist Chanteclair. Er ist der Gegner des Fuchses im altfranzösischen «Roman de Renart», dessen älteste überlieferte Fragmente aus dem 12. Jahrhundert stammen. Ab Ende des 12. Jahrhunderts entstehen deutsche, niederländische, niederdeutsche und englische Versionen der Geschichte um Reineke Fuchs. In den ältesten deutschen Fassungen hat der Hahn den noch ganz dem französischen Vorbild nachgebildeten Namen Scantekler. Später erhält er den zu Hahn stabreimenden Namen Henning. Er klagt Reineke an und trägt als Corpus Delicti die von ihm totgebissene Henne Kratzfuss vor König Nobel. Zwei weitere Hähne treten in der niederdeutschen Fassung «Reinke de vos» von 1498 als Zeugen auf. Der eine heisst Kreiant «Kräher» und ist «de beste hane, den men vant / twischen Hollant unde Frankrîk». Der andere heisst Cantart «Sänger (aus lateinisch cantare ‹singen› gebildet)» und ist «sêr kone unde upricht – sehr kühn und rechtschaffen». Noch in Goethes «Reineke Fuchs» von 1794 heissen die drei Hähne Henning, Kreiant und Kantart. Bis ins 20. Jahrhundert bleibt der Name des Hahns im Französischen literarisch lebendig, denn 1910 veröffentlicht der Theaterautor Edmond Rostand das Stück Chantecler. Im Märchen kennen wir den Hahn in den «Bremer Stadtmusikanten» und in «Hans mein Igel», in dem der mit einer Igelhaut geborene Hans einen Hahn, der Mut und Kampfwille symbolisiert, als Reittier benutzt.
Clemens von Brentanos «Märchen von Gockel, Hinkel und Gakeleia» klingt zwar der Namen wegen nach einer Hühnerhofgeschichte, aber es spielt ganz in der Menschenwelt und erzählt vom Raugrafen Gockel von Hanau, seiner Frau Hinkel und seiner Tochter Gakeleia.
Der stolze und kämpferische Hahn wurde bereits in der Antike sprichwörtlich. Das bei Seneca belegte lateinische Sprichwort gallus in suo sterquilino plurimum potest bzw. multium potest hat in den europäischen Sprachen eine starke Wirkung entfaltet. Es ist im Deutschen vom 16. Jahrhundert bis heute ganz unterschiedlich übersetzt worden. In Sebastian Francks Sprichwörtersammlung von 1545 lesen wir «ein yeder […] han ist freidig (kühn, furchtlos) uff sinem mist». Ein lateinisch-deutsches Wörterbuch von 1734 übersetzt «der Hahn gilt auf seinem Mist das meiste». Und in einem Wörterbuch der lateinischen Sprache von 1844 lautet die Übersetzung «jeder ist Herr in seinem Hause».
Dabei muss man wissen, dass der seit dem späten Mittelalter gebrauchte Ausdruck auf seinem Mist die Bedeutung «auf seinem Hof» hat, wenn von Bauern die Rede ist. Einen Tagelöhner soll man nur so lange beschäftigen, sagt eine Rechtsquelle, «das er allwegend (immer) ze naht da heime mit dem vihe uf sinem mist si». Und Heinrich Wittenwiler wundert sich in seinem «Ring» (um 1400) über einen Tölpel, der «da haim uf sinem mist / ist worden ein so guot jurist». Wir sagen heute noch das ist auf meinem Mist gewachsen für «das kommt von mir, das habe ich gemacht, das ist meine Idee, mein Plan».
Im Deutschen ist seit dem 18. Jahrhundert auch Hahn auf seinem Mist sein «Herr sein auf seinem, wenn auch noch so kleinen Besitz» belegt. Diese Redensart hängt vielleicht zusammen mit französisch fier comme un coq sur son pailler «stolz wie ein Hahn auf seinem Mist», neuer einfach fier comme un coq «stolz wie ein Hahn», belegt seit dem 17. Jahrhundert. Sie gelangte ins Englische as proud as a cock (on his dunghill) und ins Deutsche stolz wie ein Hahn (auf dem Mist). In der Mundart der deutschsprachigen Schweiz kann man für «er ist stolz» auch sagen er spreizt si wie ne Güggel oder er stellt dr Chopf wie ne Güggel. Im «Affenmährchen» von 1845 lesen wir: «Der Herr Vice-Ungerechte-Steuer-Erheber spreizt sich wie ein Hahn auf der Schwelle des Ausgepfändeten.» Einer, der sich grossartig und wichtig vorkommt, stellt dr Chamme (wi dr Güggel uf em Mischt), der Jähzornige springt uuf wie ne Güggel.
Kampfhähne werden für Hahnenkämpfe abgerichtet. Im übertragenen Sinn ist ein Kampfhahn ein «streitlustiger, leicht erregbarer Mann» und ein Hahnenkampf eine «Auseinandersetzung von eitlen Männern (um eine Frau)». Der Hahnenkampf ist auch ein Spiel, bei dem zwei Kontrahenten mit vor der Brust verschränkten Armen auf einem Bein gegeneinander anhüpfen, bis einer das Gleichgewicht verliert. Mit «Hahnenkampf am Penaltypunkt» überschreibt der «Bund» vom 18. September 2017 einen Artikel, der von einer Auseinandersetzung zwischen den Fussballstars Neymar und Cavani berichtet.
Der Hahn kräht nach der verlorenen Henne, weil er sie vermisst. Ein Mensch oder eine Sache kann so unbedeutend sein, dass ihnen, redensartlich gesprochen, kein Hahn mehr nachkräht. Einer der frühesten Belege findet sich 1524 in einem Brief, in dem der Steuereinnehmer Hans Zeiss behauptet, dass in seinem Ort Allstedt viele Leute erstochen und erschossen worden seien, und ergänzt: «Da kräht kein Hahn noch Henne nach.» Auch Luther braucht die Redensart, und der Dramatiker Hans Sachs schreibt 1561: «Wo aber ich armer nem schaden, / so kreet doch kein han nach mir.» Moses Pflacher predigt 1588:
«Der Mensch ist von Natur also geartet / wann er jemand beleidiget hat / so acht ers ring / schlägts bald in wind / meinet es sey gleich vergessen / kein Hane werde mehr darnach kräen.»
Die Redensart ist also bereits im 16. Jahrhundert gut bezeugt und wird noch heute gern gebraucht. Der Autor Harald Grill veröffentlichte 1990 sein erfolgreiches Jugendbuch «Da kräht kein Hahn nach dir», und die «Berner Zeitung» gab am 8. Februar 2017 einem Interview mit Martin Rufener, einst Cheftrainer der Schweizer Männer im Skisport, den Titel «Es kräht kein Hahn nach dir».
Doch seit dem 16. Jahrhundert kräht manchmal auch keine Henne einem toten Hahn nach. In Johann Fischarts «Geschichtklitterung» von 1575 lesen wir: «Wann der Han todt ist krähet kein Henne nach ihm, niemand truckt ihm mit tieffgesuchten Turteltaubenseufftzen die augen zu, niemand nimpt Leydkleyder auff ihn auss.» Und Christoph Lehmann behauptet in seinem «Politischen Blumengarten» von 1662 sogar, «wann der Hund tod ist / so krähet keine Henne mehr nach». Der «Hund» war in der Vorlage sehr wahrscheinlich ein Hahn; der Schreiber hat sich verschrieben.
Wer in einem Kreis der Mittelpunkt ist und bevorzugt wird, ist Hahn im Korb. Das «Oltner Tagblatt» titelt am 9. September 2014: «Der Auszubildende ist der ‹Hahn im Korb›.» Die Redensart finden wir in der älteren Form der beste Hahn im Korb sein seit dem 16. Jahrhundert, und zwar in Eberhard Trapps «Germanicorum adagiorum» von 1539 und in Sebastian Francks Sprichwörtersammlung von 1541 in derselben Form: «er duncket ime der beste hane im korbe sein – er hält sich für den besten Hahn im Korb.» Ein Lexikon der Künste und Wissenschaften von 1767 erklärt: «Der beste Hahn im Korbe seyn, heisst an einem Orte beliebt und vor andern angesehen und wohl gelitten seyn.» Dazu erklärt das «Deutsche Wörterbuch»: «Unter dem jungen hühnervolke, das im hühnerkorbe bewahrt wird, ist der hahn das beste und geschätzteste stück.»
Seit dem 16. Jahrhundert ist auch die beste Henne im Korb sein belegt. Daniel Cramer schreibt 1596 in seinem «Antiquarius», dass beim fröhlichen Treiben junger Gesellen der ausgelassenste «die beste Henne im Korb» sei.
Im Französischen kennt man être bzw. vivre comme un coq en pâte. Ein Beleg aus dem Jahr 1694 lautet: «On dit prov. d’un homme qui est fort mollement à son aise, qu’il est là comme un coq en paste – man sagt redensartlich von einem Mann, der es sehr behaglich hat, er sei wie ein Hahn im Teig.» Meines Wissens hat Peter Rosegger diese Redensart zuerst auf Deutsch gebraucht in «Heidepeters Gabriel» von 1882. Darin sagt eine Wirtin von einem Arzt, er sei ihr lästig, weil er «auf hohem Ross herumhopse und stolziere wie der Hahn im Teig».
Der Mann, der stolz ist wie ein Hahn, wird zum Hahnrei «gehörnten Ehemann», wenn ihn seine Frau betrügt. Im ältesten Beleg für dieses Wort, einer Rechtsurkunde von 1297 aus der estnischen Stadt Hapsal, bezeichnet hanreyge jedoch nicht den gehörnten Ehemann, sondern den Ehebrecher. Dieselbe Bedeutung hat Hanreh in Bartholomäus Ringwaldts «Die lauter Wahrheit» von 1590. Deshalb vermutet man, dass das Wort aus Hahn und reihisch «brünstig» zusammengesetzt ist. In den meisten neueren, seit dem 16. Jahrhundert einsetzenden Belegen bezeichnet Hahnrei, Hanreh bis heute den betrogenen, gehörnten Ehemann, wie in den «Frauenzimmer Gesprechspielen» von 1647, in denen eine Frau ihren Ehemann zu einem «hochtrabenden Hanrey» machen will. Stützt man sich auf diese neuere Bedeutung, könnte der zweite Wortteil -rei auch auf rūn «beschnitten, beschnittenes Tier» zurückzuführen sein, wie in ostfriesisch hanrune «Kapaun, betrogener Ehemann».
Das Wort Hahn kommt nicht nur im Zusammenhang mit Hühnervögeln vor: Goldhähnchen sind eine Gattung von kleinen, baumbewohnenden Singvögeln, von denen es sechs Arten gibt, nämlich die Rubin-, Formosa-, Sommer-, Madeira-, Winter- und Indianergoldhähnchen.
Übertragen wurde das Wort Hahn auf ein Gerät, nämlich den Wasserhahn oder Wasserhahnen, älter auch Küchenhahn, bzw. den Zapfhahn. Genannt wurde er so, weil er in seiner ursprünglichen Gestalt einem Hahn glich. Einen der frühen Belege finde ich in der «Hydraulica Augustana» von 1754, wo vom «hiezu gehörigen Wasser-Hahnen» die Rede ist. Heute sprechen wir vom Bierhahn und Gashahn. Wir sagen in der Deutschschweiz dem Hahnenwasser «Leitungswasser» scherzhaft Hahnenburger in Anlehnung an das einst bekannte Weissenburger Mineralwasser.
Geben wir jemandem kein Geld mehr, drehen wir ihm den Geldhahn oder Geldhahnen ab bzw. zu. Diese vom Wasserhahn ausgehende Redensart stammt aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Frühe Beispiele finden wir in der «Bunten» von 1963: «der dreht dann seinem Sohn den Geldhahn ab», in der «Bild»-Zeitung» vom 31. März 1964: «Ausserdem drehte Feisal König Saud den Geldhahn ab» und im «Amtlichen Bulletin der Bundesversammlung» von 1964: «durch staatliche Massnahmen den Geldhahnen brüsk zuzudrehen».
Die Pflanzenbezeichnung Hahnenfuss, die seit dem Althochdeutschen des frühen Mittelalters belegt ist, geht darauf zurück, dass die Blätter dieser Pflanze einem Hahnenfuss gleichen. In der Fachsprache der Textilbranche ist ein pied-de-coq oder Hahnentritt ein Muster basierend auf Karos, deren Ecken verlängert sind. Die feinere Variante nennt man pied-de-poule oder Hühnertritt.
In vielen Mundartgebieten nennt man die Vogelmiere Hahnen-, Hühner- oder Hennendarm. In der Deutschschweiz unterscheiden wir den Fäld-, Bärg-, Wald- und Wasserhüennerdarm. Bereits 1575 erklärt ein «Rossarzneibuch»:
«Nim das krut hänendarm genempt, woll zerstossen unnd durch ein tuoch woll getruckt, saltz es ein wenig, thuo das über die ougen, so werden sy liecht und clar.»
Hühnerhaut und Hühnerauge
Übertragen wir Bezeichnungen, die vom Huhn ausgehen, auf unseren Körper, betreffen sie in der Regel Unangenehmes oder Krankhaftes. Hühnerbrust nennen wir eine kielförmige Verwölbung des Brustbeins. Wenn uns friert, auch im übertragenen Sinn, d. h. vor Angst oder Wohlbehagen tschuderet, kriegen wir in den Mundarten der deutschsprachigen Schweiz, des Elsass, des Badischen und des Vorarlbergischen keine Gänsehaut, sondern eine Hüennerhut, Hüenderhut, Hiänderhuid oder eine Hennehuut. Dazu ist in einigen Mundarten sogar eine Verbform gebildet worden: Es hüennerhutet mi. Wer sein Erschauern mit einer Übertreibung betonen möchte, kann sagen: Ich han e Hüennerhuut überchoo, mi hett chönne Feerli söigge draa.
Der Vergleich der erschauerten Haut mit der Haut eines gerupften Huhns beschränkt sich aber nicht auf germanische Sprachen wie z. B. das niederländische: kippevel krijgen. In der älteren französischen Sprache begegnet man neben chair de poule der unserem Hühnerhaut direkt entsprechenden Bezeichnung peau de poule, z. B. im zweiten Band des «Dictionnaire de l’Académie françoise» aus dem Jahr 1786:
«On appelle Peau de Poule, une peau qui n’est pas lisse, & qui a des élevures pareilles à celles qui sont sur la peau d’une poule plumée. Et l’on dit figurément, Cela fait venir la peau de poule, la chair de poule, pour dire, Cela fait frissonner. – Man nennt eine Haut, die nicht glatt ist und Erhebungen hat, ähnlich denjenigen, die auf der Haut eines gerupften Huhns sind, Hühnerhaut. Und man sagt bildlich das macht mir Hühnerhaut, Hühnerfleisch, um zu sagen, das lässt mich erschauern.»
Auch die Spanier bekommen Hühnerhaut, piel de gallina, oder Hühnerfleisch, carne de gallina.
Die Bezeichnung Hühnerhaut im südlichen Teil des deutschen Sprachraums und im Englischen, chicken skin neben goose bumps, könnte also eine Lehnübersetzung von älterem französischen peau de poule sein. Sonst überwiegt im deutschen Sprachraum Gänsehaut, älter auch Gänshaut; «Gänshaut haben wir bekommen, wie die Reibeisen» (1807).
Peau de poule kommt als Fachbegriff der Textilbranche sogar in der «Ökonomischen Enzyklopädie» von Johann Georg Krünitz aus dem Jahr 1808 vor: «Peau de poule, ein seidener, dem Ansehen nach wie gestrickter Zeug (Stoff), zu Kleidern dienlich, der in Frankreich, Italien, Deutschland (besonders in Crefeldt), Holland und der Schweiz verfertigt wird.»
Das Wort Hühnerauge, Hüenneroug kam erst im 16. Jahrhundert in die deutsche Sprache, und zwar als Lehnübersetzung von oculis pullinus, einem lateinischen Fachbegriff der mittelalterlichen Medizin, der auf der Ähnlichkeit der schmerzenden Hornschwiele mit einem Vogelauge beruht. Vorher nannte man diese schmerzende Hornhautbildung Leichdorn «Körperdorn». Das Hühnerauge hiess auch Elsterauge, niederdeutsch Echsteroge, in unseren Mundarten Agerschte- oder Ägerschtenoug, und Krähenauge, in unseren Mundarten Chrääienoug.
Seit dem 17. Jahrhundert sagt man im Französischen faire le cul de poule «den Hühnerarsch machen», wenn man alle fünf Fingerspitzen einer Hand zusammenlegt oder wenn man die Lippen schürzt und zu einem Kuss vorwölbt. Letzteres nennt man auch bouche en cul de poule, das seit dem 18. Jahrhundert belegt ist. Offenbar ist der Vergleich von Mund und Hühnerarsch in die neuere deutsche Sprache gerutscht: «seinen Mund zu einem Hühnerarsch von einem Kussmäulchen» formen (1984), «der hat einen ganz kleinen runzeligen Mund wie ein Hühnerarsch» (1990), «sein Mund hat auf einmal ausgesehen wie ein kleiner blanker Hühnerarsch» (1994), «beleidigt spitzte Mimi seinen Mund wie zu einem Hühnerarsch» (2011), «sein Mund ist zu einem Hühnerarsch verzogen» (2012). Einen der frühesten deutschen Belege findet man in der deutschen Übersetzung von Martin Andersen Nexøs Roman «Morten der Rote» von 1950: «Sie hat so einen ekelhaft zusammengekniffenen Mund, wie ein Hühnerarsch, der das Ei nicht hergeben will.»
In der alten Pferdearznei nannte man eine Wurmkrankheit, welche offene Beulen erzeugt, hünerars (1788). Ein wissenschaftlicher Bericht von 1870 bezeichnet die Geschwürhöhle als den «bekannten Hühnerarsch = cul de poule».
Auch wer rasch friert oder sehr furchtsam ist, wird sowohl im Süddeutschen als auch in der Deutschschweiz zuweilen als Hüennerfüdle verspottet. Zudem ist Hüehnerfüdle der Name einer Flur in der Nähe von Burgdorf.
Hühnerhof und Hühnermist
Entweder liess man den Hühnern freien Lauf oder man hielt sie in einem umzäunten Hühnerhof, um den «in Garten und Feldern gefährlichen Gäste[n]» (1779) nicht freien Lauf zu lassen. Man schätzte sie im Garten nicht, weil sie scharrten, Staubmulden gruben und gern junges Gartengrün abpickten. Unter den Obstbäumen der Hofstatt waren sie willkommen; sie frassen Schädlinge und düngten den Boden. Manchmal wagten sie sich, um Brosamen aufzupicken, in die Küche, von wo sie mit dem Besen energisch hinausgescheucht wurden. Wer im Frühjahr zeitig Eier und Küken wollte, überwinterte einige Hühner in der Stube. Johann Coler rät 1599 seinen Lesern: «Helt man etliche in der Stuben / die legen auch zeitlich aus / und brüten darnach auch balde darauff / so bekommet man frühe junge Hüner.» Bis ins 20. Jahrhundert gab es in der Schweiz Kleinbauern, die während des Winters Hühner in der Stube hielten, meistens in einem Käfig unter dem Ofen.
In übertragenem Sinn bedeutet der Hühnerhof seit dem 19. Jahrhundert einen Ort des Durcheinanders und der Unruhe. Im Familienblatt «Daheim» von 1874 schildert eine Erzählung, wie ein Junge nach einem längeren Landaufenthalt wieder nach Hause kommt, und es dort anfangs zugeht «wie in einem Hühnerhof, in den ein neues Hühnchen eingesetzt wird». In den «Verhandlungen des deutschen Bundestages» von 1953 wird Gerd Bucerius mit den Worten zitiert: «Wer nur an sich denkt und Rücksichtnahme auf den anderen für Dummheit hält, ist identisch mit dem Autofahrer, der harmlose Fussgänger wie in einem Hühnerhof durcheinanderscheucht.»
Neuer ist der Ausdruck wie ein Hühnerhof, über dem der Habicht kreist bzw. steht. In der «Zeit» von 1948 lesen wir: «Aufgescheucht wie ein Hühnerhof, über dem der Habicht kreist, waren die europäischen Kabinette.» Bereits 1915 beschrieb ein «Kriegsflugblatt des Simplicissimus» eine aufgeregte Schar mit folgenden Worten: «Es war ein Hin und Her, ein Gekreische und Gegacker wie in einem Hühnerhof, über dem der Habicht steht.»
Im Hühnerhaus oder Hühnerstall sind die Hühner nachts vor Raubtieren und Raubvögeln geschützt. Hühnerjagende Raubvögel wie den Habicht, Sperber oder Falken bezeichnen wir in den Mundarten der deutschsprachigen Schweiz traditionell als Hüennervögel. Wir wehren heute noch zuweilen etwas Unerwünschtes scherzhaft ab mit dem Ausruf bhüet mi Gott vor em Hüennervogel.
Bereits in Josua Maalers Wörterbuch von 1541 ist die Rede vom «Hüenerstall, hüenerhauss, ort, da man die hüener und geflügel zeucht und neert». In den Hühnerstall gelangen die Hühner oft über eine Hühnerleiter. Im übertragenen Sinn bezeichnet das Wort eine «schmale, steile Treppe». Die Hausväterliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts riet, das Hühnerhaus in der Nähe der Küche oder des Backofens mit ihren offenen Feuern zu bauen, «damit sie den Rauch davon empfangen / welches ihnen trefflich gut ist / und machet / dass sie desto mehr Eyer legen», wie Georg Andreas Böckler in der «Nützlichen Hauss- und Feld-Schule» von 1678 rät. Ein solches Hühnerhaus, beschreibt ein Hausväterbuch aus dem Jahr 1703, hat Sitzstangen, «damit die Hüner nach Belieben auffsitzen / ruhen / und von denen Ratzen und Mäusen unangetastet bleiben». Es muss Türen und Fenster haben, die man «nach Belieben wol verschliessen kan / damit die Marder / Iltise / und andere den Hünern gar gefehre (gefährliche) Raub-Thiere sich nicht dadurch hinein schleichen. […] Dieses Hüner-Kämmerlein muss man wöchentlich durchgehends fleissig reinigen / und zumal im Sommer öffters mit Lauge besprengen / die Hüner-Flöh und Würm zu vertreiben.»
Man pflegte in früheren Zeiten sein Federvieh gut, weil es Eier, Fleisch, Knochen, Federn und Mist lieferte. Man fütterte es nicht nur mit Körnern und Grünzeug, sondern legte auch einen Wurmhaufen an:
«Ein Wurmhaufen bestehet aus einer abhängigen Grube mit verfaultem Miste, den man mit Rinderblut besprengt, mit Hafer besäet, und mit Schaafdärmen vermischt, den Sommer über mit Dornbüschen und Steinen bedeckt, gegen den Winter öffnet, und davon man den Hühnern täglich etliche Schaufeln vorwirft.» (1787)
Der Hühnermist oder Hüennerdräck war gut für den Garten; Heinrich Hesse schreibt in seinem «Teutschen Gärtner» von 1724, im Frühling solle man die Erde aufgraben und «alten küh- hüner- oder tauben-mist dabey legen». Auch in Kinderversen und Volksmedizin hatte er einen festen Platz. In Basel sagten die Kinder de Maitli git me Grut und Spägg und de Buebe Hiennerdrägg, im Wallis es lüütet Zmittag, der Herr ist im Grab, den Büeben en Blattete Späck, den Meitjene en Blattete Hennudräck. Auf die Scherzfrage was gits Zmittag antwortete man Fleisch und Späck und Hüennerdräck.
Einem jungen Mann, dessen Schnurrbart nicht wachsen will, empfiehlt die Volksmedizin, auf die innere Seite der Lippe Hüennerdräck und aussen Honig einzureiben, denn der Hühnermist stösst und der Honig zieht. Der «Grosse Helden-Schatz» von 1730 rät gegen «Schwulst an Schenckeln»: «Mache ein Bad von Hüner-Mist und Weitzen-Kleyen, also dass du heiss Wasser darauf giessest, und wohl umrührest, bade die Schenckel darinnen, das macht sie auch bald niederfallend.» Hühnermist verabreichte man auch oral: In seinem «Artzneybuch» von 1595 rät Oswald Gabelkover als Mittel für die Gebärmutter: «Nim das weiss von Hünermist / als gross als ein Gartenerbis (Gartenerbse): Zerreibs in einem Löffel vol Weins / und gibs eyn. Es ist gewiss (es hilft sicher).»
Heute, da die Hühnerhöfe selten geworden sind, ist «huehnerhof.net» eine der grössten deutschsprachigen Geflügelseiten für Hühnerfreunde im Internet. Und seinen festen Platz hat der Hühnerhof in der Managementliteratur. Im Buch «Kollegen sind die Pest» (2013) von Jochen Leffers lesen wir, das Huhn werde in der modernen Managementliteratur unterschätzt. «Dabei sind die Hühner viel näher dran an den Problemen, mit denen wir es täglich im Büro zu tun haben. Vor allem, wenn es sich um ein Grossraumbüro handelt, das einer Legebatterie gleicht.» Es komme darauf an, meint der Autor, «einen passablen Platz in der Hackordnung zu ergattern und gegen alle Anfeindungen zu verteidigen». Das ist hirnlose, flotte Schreibe über unmenschliche oder leider allzu menschliche Zustände in einer von der kapitalistischen Ökonomie beherrschten Welt, in der die meisten Hühner als Batteriehühner in Legebatterien oder als Masthühner dahinvegetieren, weil für sie gewissenlos prekäre Lebensräume geschaffen werden.
Ei oder Huhn
Bereits in der Antike wälzten grosse Geister das Henne-Ei-Problem: Wer war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Der griechische Gelehrte Aristoteles (384–322 v. Chr.) stellte die Frage in seinen zoologischen Schriften und entschied sich für die Henne. Das Ziel der Entwicklung eines Lebewesens, erklärt er, sei das voll entwickelte Exemplar, das in seiner ganzen Erscheinung die Art repräsentiere. Und das sei die Henne, nicht das Ei. Ebenfalls für die Henne entschied sich mit vergleichbaren Argumenten ein anderer Grieche. In einer Übersetzung aus dem Jahr 1766 der «Moralischen Abhandlungen» von Plutarch (ca. 45–125) lese ich, etwas könne doch unmöglich «ein Theil eines Dinges seyn, das noch gar nicht da gewesen ist. Daher pflegt auch Niemand zu sagen, der Mensch des Saamens oder die Henne des Eyes, sondern der Saame des Menschen, das Ey der Henne, weil der Saame und das Ey erst nach dem Menschen und der Henne kommen, in diesen ist ihre Entstehung erhalten.»
Georg Philipp Harsdörffer entscheidet sich in seinem «Des Teutschen Secretarii» von 1659 auch für das Huhn, bezieht sich jedoch, wie die meisten Theologen, die dieses Problem diskutieren, auf den Schöpfungsbericht der Bibel und die Macht Gottes:
«Ob nemlich die Henne oder das Ey älter seye? Antwort / die Henne / welche mit allem Geflügel am fünfften Tag der Schöpffung durch Gottes Machtwort erschaffen worden / die Welt benebens (neben) andern zu zieren / und den Menschen zu nutzen.»
In seiner «Logik» von 1829 entscheidet sich der Philosoph und Arzt Ignaz Paul Vitalis Troxler weder für das Huhn noch für das Ei, denn für ihn ist das Henne-Ei-Problem ein reines Sprachproblem, und zwar ein Sophisma Polyzeteseos, d. h. ein Scheinproblem des trügerischen Fragens. Er schreibt:
«Es gibt unendlich viel dergleichen Aufgaben, nämlich bei allen unbestimmten oder unbestimmbaren Verhältnissen, bei welchen eine Bestimmung gefordert wird, z. B. bei einer Kugel, die nicht durch ein Loch geht, die Frage: ob das Loch zu klein, oder die Kugel zu gross? – ob das Huhn vor dem Ei, oder das Ei vor dem Huhn da gewesen? Eben so liesse sich beweisen, man könne gar nicht sterben, denn man könne nicht sterben, wenn man schon todt sey, und man könne nicht sterben, so lange man noch lebe, folglich sey Sterben rein unmöglich.»
Damit hat Troxler jedoch nicht das letzte Wort gesprochen, denn die Frage geht immer noch um. «Bild» titelt am 15. Juli 2010 «Henne-Ei-Problem nach Jahrhunderten gelöst. Forscher sicher: Das Huhn war vor dem Ei da!» Wissenschaftler der englischen Universität Warwick, erklärt der Artikel, hätten herausgefunden, dass für die Schalenbildung des Eis das Protein Ovocledidin-17 (OC-17) notwendig sei. Dieses Protein werde in den Eierstöcken des Huhns produziert. Darum seien die Wissenschaftler überzeugt, zieht «Bild» das Fazit: «Es muss zuerst das Huhn gegeben haben, denn ohne Henne kein OC-17, damit auch keine Schale, also kein Ei.»
Obwohl diese wissenschaftliche Erklärung das Problem nicht wirklich löst, lassen wir es dabei bewenden und wenden uns dem Ei des Kolumbus zu. Die Geschichte zeigt am Beispiel eines Eis, das durch leichtes Eindrücken der Spitze zum Stehen gebracht wird, wie einfach sich schwierige Probleme manchmal lösen lassen. Eine der frühen Fassungen der auf Kolumbus übertragenen Anekdote lesen wir in Johannes P. de Memels (Johannes Prätorius) «Neuaussgebutztem, kurtzweiligen Zeitvertreiber» von 1685:
«Columbus nahm einsmals bey einem grossen Banquet ein Ey / wie es von der Hennen kommen / liess sich einen wol polierten Spiegel geben / und fragte / ob jemand das Ey könte auff den Spiegel stellen / dass es mit einer Spitz den Spiegel berührte / und mit der andern nach dem Bley strack gegen Himmel stünde? Die Sach wurde zwar versucht / aber gantz vergeblich. Da nahm Columbus das Ey / stiess es am spitzesten End auff den Teller / dass es breit und stumpff wurde / und stellte es abgeredter Massen auff den Spiegel. Oho / sagte jederman / das hätten wir auch thun können. Warumb hats aber euer keiner gedacht / noch werckstellig gemacht / sagte Columbus. Ist demnach nichts leichter / als andere tadeln.»
Wir brauchen den Ausdruck das Ei des Kolumbus für eine «überraschend einfache Lösung». «Das Ei des Kolumbus ist unerwünscht», schreibt die «Neue Zürcher Zeitung» vom 23. August 2014, «die Gastrosuisse-Initiative ist nur die jüngste Episode in der jahrealten Debatte um die Mehrwertsteuer».
Älter als die Geschichte vom Ei des Kolumbus ist der Brauch, an Ostern Eier zu färben. Im 12. Jahrhundert führt die Kirche die benedictio ovorum, d. h. die Eiersegnung an Ostern ein und um 1200 erzählt der alemannische Dichter Freidank von gefärbten Eiern: «Ein kint naem ein gemâlet ei / für ander driu oder zwei.» Georg Henisch erwähnt in seiner «Teutschen Sprach und Weissheit» von 1616 «die geferbte ayr / so umb Osteren gessen werden», und Maurus von Griesskirchen, ein Prediger des 17. Jahrhunderts, berichtet: «Wir begehen an heut das hochheilige Osterfest, pflegen einander gefärbte Ayr zu verehren und wollen hierdurch andeuten, das Ayr seye ein Abbildung unsers glorwürdigen von dem Todt aufferstandnen Heiland Jesu.» Eine Legende erzählt: Simon von Kyrene, ein Eierhändler, war mit seinem Eierkorb unterwegs, als er Christus auf dem Weg zur Richtstätte begegnete. Die Soldaten hielten ihn an und zwangen ihn, für Jesus das Kreuz zu tragen. Er stellte seinen Korb ab und tat, wie ihm geheissen war. Als er zu seinem Korb zurückkam, waren alle Eier farbig.
Das Ei machte sich in unserer Sprache noch auf andere Art breit als mit dem Henne-Ei-Problem, dem Ei des Kolumbus und dem Osterei. Es hat es bis in die Sprache der Geometrie geschafft: Ein Oval, benannt nach einem von lateinisch ōvum «Ei» abgeleiteten spätlateinischen Fremdwort, ist eine geschlossene Kurve zwischen Kreis und Ellipse. Die heute kaum mehr benutzte deutsche Bezeichnung dafür war Eirund. Eiform und eiförmig werden hingegen heute noch oft gebraucht. Die eierförmig gepressten Briketts nennen wir Eierbriketts. Die Eihandgranate Modell 17 wurde im Ersten Weltkrieg, Modell 39 im Zweiten Weltkrieg von den deutschen Soldaten verwendet. Mit ihr konnte man dem Feind ein Ei legen «schaden». Die Redensart öpperem es Ei lege «jemandem zu schaden versuchen» kommt aber nicht von der Handgranate her, sondern vom Kuckuck, der seine Eier in fremde Nester legt. Sie ist in Schweizer Mundarten seit dem 19. Jahrhundert belegt; im ersten Band des «Idiotikons» von 1881 lesen wir: eim es Ei legge «zu schaden suchen».
Unter dem Titel «Ein dickes Ei» berichtet der «Blick» am 4. August 2017 in einem Artikel, dass FDP-Parteipräsidentin Gössi die Renten für Senioren im Ausland infrage stellt. Der Artikel schliesst mit der Bemerkung, Gössi habe «damit ihren möglichen Bundesräten ein nicht minder dickes Ei gelegt». Du dickes Ei oder ach du dickes Ei ist seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Ausruf der Überraschung oder des Ärgers. Ein frühes Beispiel finden wir in Wolf von Niebelschütz’ Roman «Der blaue Kammerherr» von 1949: «‹O du dickes Ei›, sagte er plötzlich, ‹o du ganz dickes Ei: der Türk ist König von Phrygien›.»
Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts meint sich um ungelegte Eier kümmern «sich um Dinge kümmern, die noch nicht spruchreif sind oder einen nichts angehen». Bereits Martin Luther nahm «sorgest für ungelegte eyer» in seine Sprichwörtersammlung auf und erklärte, das meine, «sich Sorge machen über Dinge, die kaum erst in einer entfernten Möglichkeit da sind und in ungewisser, zweifelhafter Ferne liegen». «Viel Wind um ungelegte Eier», titelt der «Weser-Kurier» vom 15. September 2015.
Ein Eiertanz war ursprünglich, wie uns ein Nachschlagewerk aus dem Jahr 1842 erklärt, ein Tanz, «welcher zwischen mehreren Reihen von Eyern, die auf den Boden der Schaubühne hingelegt worden, so ausgeführt wird, dass der Tänzer auf den Zehenspitzen zwischen diesen Eyern hindurch tanzt, ohne ein Ey zu berühren, vielweniger es zu zertreten». In übertragenem Sinn bezeichnen wir heute mit Eiertanz ein «sehr vorsichtiges, gewundenes Verhalten». Die «Neue Zürcher Zeitung» vom 6. Dezember 2011 titelt: «Eiertanz mit Ausländern».
Wer einen Eiertanz aufführt, eiert nicht, denn eiern meint «ungleichmässig rotieren oder wackelnd gehen». Das Wort kam im 20. Jahrhundert auf und wurde zuerst für ein Rad gebraucht, das nicht rund läuft, weil seine Felge zu einem Ei verformt ist. Neuerdings meint herumeiern auch «sich unklar äussern, sich unschlüssig zeigen, umherirren». In einem Artikel des «Tages-Anzeigers» vom 5. März 2013 sagt Politexperte Michael Hermann: «Man kann auch gemässigte Positionen vertreten, ohne herumzueiern.»
Im Schatz der Redensarten ist das Ei seit der Antike vertreten. Wir sagen auch in der deutschen Sprache zuweilen noch ab ovo, wenn wir «ganz von Anfang an» meinen, z. B. im Satz: Rollen wir die Sache doch mal ab ovo auf. Damit zitieren wir den römischen Dichter Horaz (65–8 v. Chr.), der den Ausdruck in seiner «De arte poetica» braucht.
Der römische Philosoph und Politiker Seneca (ca. 1–65) brauchte den Ausdruck hominem tam similem sibi quam ovo ovum; auf ihn geht unsere Redensart gleichen wie ein Ei dem andern zurück. Bereits 1513 lesen wir beim Niederdeutsch schreibenden Schulmeister Anton Tunnicius: «Eier sint eieren gelyk» und 1586 braucht Johannes Weyer die Redensart in seinem Traktat gegen Gespenster und Zauberer, wenn er schreibt, viele Geschichten seien «als gleich als ein Ey dem andern / ein milch der andern».
Seit dem 16. Jahrhundert können wir jemanden wie ein rohes Ei behandeln bzw. anfassen «mit jemandem äusserst behutsam umgehen». Ein frühes Beispiel finden wir in Friedrich Petris «Der Teutschen Weissheit» von 1605: «Ein Kindbetterin muss man halten und schonen / wie ein roh Ey.» Im Jahr 1687 klagt Arnold Mengering, es gebe Gesellen, die man «wie ein roh Ey halten» müsse. Laut «20 Minuten» vom 17. Oktober 2008 klagte Günter Grass: «Reich-Ranicki wird wie ein rohes Ei behandelt.»
In der «Stuttgarter-Zeitung» vom 18. September 2012 schreibt Theresa Schäfer einen Artikel unter dem Titel «Herzogin Kate: Immer wie aus dem Ei gepellt». Wie aus dem Ei geschält bzw. gepellt, in der Mundart wi us em Ei derhäärchoo «sehr sorgfältig gekleidet, tadellos aussehend» ist seit dem 18. Jahrhundert belegt. In «Der Renommist» von 1761 schreibt Friedrich Wilhelm Zachariä: «Gehst du beständig so, wie aus dem Ey gescheelet.» Und in Adelungs «Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuches» von 1774 lesen wir: «Er ist beständig, wie aus dem Ey geschälet, im gemeinen Leben sehr reinlich, zierlich, geputzt.»
Er isch win es ugschalets Ei sagte man in gewissen Schweizer Mundarten von empfindlichen Personen, und wer zimperlich und affektiert auftritt, geit wi uf Eier. Was ganz frisch ist, isch wi us em Ei, und ein unreifer Mensch ist chuum us em Ei gschlüffe oder het no d Eierschalen am Füdle: Dä mues mer nid cho regänte, dä het ja no d Eierschalen am Füdle. Im Roman «Der letzte Gefangene» von 1964 schreibt Heinz G. Konsalik: «Unser Küken mit den Eierschalen am Hintern!»
Selbstverständlich machen das Ei, seine Teile, die Eierprodukte und die Eierproduzenten und -verkäufer den grössten Teil des Eierwortschatzes aus, vom Bioei, Freilandei und Osterei, über Eierschale, Eiweiss bzw. Eiklar und Eigelb bzw. Eidotter, die Eierspeisen wie Eierteigwaren, Frischeierteigwaren und Eiercognac bis zum Eierhändler oder früher dem Eiermaa, der Eierfrou, dem Eierbueb oder Eiermeitschi. Im zweiten Band der Erzählung «Waldheimat» von Peter Rosegger (1843–1918) trägt ein Abschnitt den Titel «Als ich Eierbub gewesen». Eine der Geschichten, die man sich von Poppele, vom Burggeist vom Hohenkrähen, erzählt, heisst «Poppele und das Eierwiib». Sie beginnt mit den Worten «Drückende Hitze brütete über dem Hegau, als die Eierfrau von Rielasingen mit der schweren Krätze auf dem Rücken nach Engen zum Markt wanderte».
Das Huhn als Fleischlieferant
Wir behandeln zwar den grössten Teil der Haushühner wie den letzten Dreck, aber ihr Fleisch essen wir in Massen. Weltweit wurden 2018 über 91 Millionen Tonnen Geflügelfleisch verzehrt; in der Schweiz steht das Geflügelfleisch mit 12,5 kg pro Kopf im Jahr beim Fleischkonsum an zweiter Stelle. Schnell wachsende Hybrid-Masthühner mit viel Brustfleisch werden gezüchtet; die männlichen Küken sind unbrauchbar und werden vergast oder geschreddert, was in naher Zukunft verboten werden soll.
In den Hausväterbüchern des 17. und 18. Jahrhunderts werden die Hühner hingegen gerühmt als Eier- und Fleischlieferanten. Die «Oeconomia ruralis» von 1645 führt sie mit folgenden Worten ein:
«Die Hüner sind einem Hausswirte sehr nützlich und nötig / derwegen man zu sagen pflegt / wer Eyer haben will / der muss der Hüner gatzen (gackern) leiden. Drumb muss ein Wirth viel gute Hüner haben / nit allein umb des woldäwlichen (gut verdaulichen) Fleisches willen / das man bissweilen in den Mahlzeitten brauchen kan / sondern auch umb der Eyer willen.»
Der Ausdruck wer Eier haben will, muss der Hühner Gackern leiden ist eine Redensart mit der Bedeutung «wer etwas haben will, muss auch Unangenehmes, das damit verbunden ist, ertragen», die bereits in der «Teutschen Sprach und Weissheit» von 1616 erwähnt wird. Am 9. Oktober 2016 beginnt die «Süddeutsche Zeitung» einen Artikel über Fluglärm mit den Worten: «Wer Eier haben will, muss der Henne Gackern leiden, so weiss es ein altes Sprichwort. In die moderne Zeit übertragen könnte es lauten: Wer billige Produkte aus den und Reisen in die letzten Winkel der Welt haben will, darf sich über Fluglärm nicht beschweren.»
Wir essen heute am liebsten ganze gebratene junge Hühner, die in Nord- und Mitteldeutschland Brathähnchen heissen, im Süden Deutschlands und in Österreich (Brat)hendl, im deutschen Osten mit dem englischen Lehnwort Broiler «Bratrost, Brathühnchen» und in der deutschsprachigen Schweiz mit dem französischen Lehnwort Poulet «junges Huhn» oder Mischtchratzerli «junger Hahn». Legehennen im Alter von ungefähr 18 Monaten kommen selten als Suppenhühner in die Küche. Noch lieber essen wir nur die leckeren Teile vom Huhn, nämlich Hähnchenbrust und Hähnchenschenkel bzw. Pouletbrust und Pouletschenkel, oder wir bestellen in einem Fastfood-Restaurant einen Chickenburger mit einem ganzen Schnitzel oder einem Schnitzel aus Hähnchenhack, bzw. Chicken-Nuggets, d. h. in Würfel geschnittene Hähnchenbrust, die paniert und schwimmend im Öl gebacken wird.
Zur Verbreitung von Hühnerfleisch als Fastfood trug Harland D. Sanders bei, der 1930 die Kentucky-Fried-Chicken-Kette gründete. Sie fasste 1960 auch in Deutschland Fuss, gehört heute Yum! Brands Incorporation und besitzt in China mehr Restaurants als in den USA. Wie Kentucky Fried Chicken den chinesischen Markt eroberte, ist eine der grossen Erfolgsgeschichten der modernen Ökonomie.
In der alten Küche der frühen Neuzeit verwertete man die ganzen Tiere, auch die Knochen, Füsse und Innereien, die man auskochte für Suppen, Brühen, Bouillons und Sülzen. Man ass sie süss oder salzig, gebraten und gekocht, in Limonen eingemacht, als Brustknödel oder Gehacktes von der Brust, man zerstiess das gekochte Fleisch in einem Mörser zu Mus und ass es als Brotaufstrich oder eingebacken in einer Pastete oder einem Kuchen, man machte Hühnersülze.
Ganz besonders schätzte man den Kapaun. Entlehnt ist die Bezeichnung für den kastrierten und gemästeten Hahn aus französisch capon, die alte Bezeichnung Kappe, Chappe aus spätlateinisch cāpo. Man übertrug das Wort auf zeugungsunfähige Männer: «Ein Maden oder Kappaun ist ein Mann, der seines Gezeugs nit hat», lesen wir im «Buch der Natur» von 1483. Eine Kastratenehe nannte man Kapaunenheirat. Kapaune galten als eine derart begehrte Leckerei, dass Wohlhabende als Kapaunenfresser beschimpft wurden. Im Jahr 1646 murrten die unzufriedenen Bauern von Knonau gegen ihre Stadtzürcher Herren: «Die Kapuunenfrässer seigend jez schon lang meister gsyn, sie buren wöllend iez auch einmal meister werden.»
Unter Poularde versteht man hingegen ein gemästetes, vor der Geschlechtsreife geschlachtetes oder kastriertes Huhn. Sowohl die Bezeichnung als auch die Haltung von kastrierten Masthennen wurde aus Frankreich importiert. In seiner «Hausmutter in allen ihren Geschäften» von 1778 gibt Christian Friedrich Germershausen seinem Erstaunen Ausdruck, dass dieses vorzügliche Fleisch in deutschen Landen so wenig bekannt ist:
«Die Poularden sind Hühner, welche kastriret worden. Ihr Fleisch ist weit delicater, als das von Kapaunen, oder kastrirten Hähnen. Es ist mir immer unbegreiflich gewesen, da wir so viele ausländische Moden und Speisen angenommen haben, warum wir nicht Poularden schon längst eingeführet, da wir sie, als ein Landesproduct, eben so gut als die Kapaunen haben können.»
Er verspricht deshalb, seine Leserinnen im zweiten Teil seiner «Hausmutter» über die Aufzucht von Poularden zu unterrichten.
In der Zeit der gnädigen Herren, in der die Bauern noch Abgaben zu entrichten hatten, waren Zinshühner eine begehrte Abgabe. Das Ehrhuhn oder Twinghuhn musste man dem Gerichtsherrn geben, das Vogthuhn dem Vogt, meistens vor der Fasnacht oder im Herbst, deshalb auch Fasnachthuhn bzw. Herbsthuhn genannt, das Gartenhuhn für den Gemüsegarten, das Holzhuhn für den Waldertrag, das Herrenhuhn für den Grundherrn, das Leshuhn dem Pfarrherrn für das Lesen des Wettersegens, das Mooshuhn für das Weiderecht auf einer Sumpfwiese, das Stuffelhuhn für das Weiderecht auf einem Stoppelfeld, das Fürplatte-, Fürstatt- oder Rauchhuhn als Feudalabgabe für jede Feuerstatt usw. Der Erfindungsreichtum der Herren für Ansprüche auf Hühner ihrer Untertanen war offensichtlich fast grenzenlos. Eine Urkunde von 1472 aus Flawil, in welcher mit jegliche sundrige spys «jeder Haushalt» gemeint ist, schreibt vor:
«Es soll ein jegliche sundrige spys in der vogty zuo Flawyl järlichen einem vogt vor fassnacht ein vogthuen geben, das gesund ze gend und ze nemend syg.»
Man stelle sich vor, was für ein Hühnersegen bei einem Dorf von fünfzig bis hundert Haushalten auf den Vogt zukam. Eine Quelle von 1606 hält fest, dass im Jahr 1347 in Hemmental noch 57 Hausleute dem Kloster Allerheiligen in Schaffhausen «järlich das Fasnachthuen geben» mussten.
Geflügel spielte auch bei Festmahlzeiten eine Rolle. Vom 16. bis ins 20. Jahrhundert nannte man ein Festmahl nach der Ernte, nach der Weinlese oder beim Richtfest im Kanton Zürich und in einem Teil der Innerschweiz Krähhanen. Bereits in Josua Maalers «Teütsch spraach» von 1561 lesen wir, dass das Freudenmahl der Schnitter neben Sichellege auch «kräyhanen» genannt wird. Der Zürcher Oberländer Autor Jakob Stutz (1801–1877) schreibt in einem Text, die Schnitter hätten «am Krähane Speck und Küechli, Hammen und Würst» bekommen. Die Bezeichnung hat am ehesten damit zu tun, dass die ausgelassenen Festlichkeiten dauern konnten, bis der Hahn den neuen Tag verkündete.
Krähhahn wird aber auch ein meist junger Hahn genannt, der am Morgen kräht. In einer historischen Rechtsquelle des Fronhofs Lohmar aus dem 16. Jahrhundert wird unter den männlichen Tieren auf dem Hof der Kreyhanen erwähnt. Kreyhan, Krehan, Krähhahn sind bis heute verbreitete Familiennamen. Auch Huhn, Hühnlein, Henne, Hahn, Guller, Gockel und Göckelmann sind Familiennamen geworden.
Damit bin ich mit dem Huhn, das nicht dumm, sondern nützlich ist und uns viel wert sein sollte, am Ende.
Kuh, Stier und Ochse
Herkunft und Benennung
Als die Menschen der Jungsteinzeit sich daran machten, den Auerochsen zu domestizieren, lebten sie schon mit Hund, Ziege und Schaf. Die ältesten Funde, die auf domestizierte Hausrinder hinweisen, stammen aus Turkestan (8000 v. Chr.) und Griechenland (6500 v. Chr.). Man nimmt heute an, dass die Domestizierung des Auerochsen zum Hausrind bei verschiedenen Gemeinschaften Eurasiens ab ungefähr 11 000 v. Chr. ihren Anfang nahm. Wie die Menschen es anstellten, ein derart mächtiges Tier zum Haustier zu machen, und weshalb Kühe in den ersten Jahrtausenden, bis in die frühe Neuzeit, immer kleiner wurden, ist bis heute nicht geklärt.
Die Rinder hatten von Anfang an einen hohen Stellenwert. Bis in vorgeschichtliche Zeiten lässt sich nachweisen, dass Kuh und Stier als Symbole der Fruchtbarkeit verehrt wurden. In den Mythologien verschiedener Gemeinschaften galten sie als Himmelsgottheiten; Zeus konnte sich in einen Stier verwandeln. In der Welt viehzüchtender Gemeinschaften lieferten Rinder nicht nur Milch, aus der Butter und Käse gemacht wurde, und Fleisch. Man benutzte sie auch zum Ziehen und Tragen von Lasten und für rituelle Zwecke. Die Haut junger Tiere verarbeitete man zu Pergament, die der älteren zu Leder für Schuhe, Kleidungsstücke, Beutel, Taschen, Scheiden, Gürtel und Riemen aller Art. Aus dem Haar wurde Filz hergestellt oder man brauchte es als Zusatz beim Mörtelmachen und als Polstermaterial. Aus Knochen stellte man Kämme und Knöpfe her und schnitzte Figuren und Zierrat oder kochte sie aus bei der Leim- und Seifenherstellung. Die Hörner verarbeitete man zu Blasinstrumenten, Kämmen, Scheiben von Laternen, Behältern für Wetzsteine, Griffen von Messern und Essbesteck sowie Werkzeugen. Aus Sehnen stellte man Armbrust- und Bogensehnen her sowie Angeln für Türen, Dreschflegel und Glockenklöppel. Aus dem Talg machte man Brennmaterial für Talglichter, zudem Seife und Schmiermittel. Die Därme brauchte man für Wursthäute oder medizinisch, um Wunden zu schützen. Aus der Harnblase stellte man Sackpfeifen her oder brauchte sie als Ersatz für Fensterglas, manchmal auch als Schwimmhilfe. Die Exkremente verwertete man als Düngemittel. Das alles und noch mehr beschreibt der fahrende Dichter König vom Odenwald aus dem 14. Jahrhundert in einem Gedicht von 238 Versen, welches das Lob der Kuh besingt.
Ein Gedicht aus der neusten Zeit, das ich anfüge, lobt nicht, es trauert. Es heisst «Rinderwahnsinn», befindet sich im Nachlass von Heiner Müller (1929–1995) und lautet: «Der Stier ist geschlachtet befallen vom Rinder- / Wahnsinn der Fortschritt lässt keine Kuh aus das Fleisch / Fault auf der Zunge Schwimm selber Europa». Diese beiden Gedichte umspannen die ganze Geschichte des menschlichen Umgangs mit dem Rindvieh vom Mythos über die Nutzung in der vorindustriellen Welt bis zum Elend der industriell betriebenen Massenviehzucht mit Massentötungen in Seuchenzeiten.
Kühe gehören, wie viele andere Haustiere auch, zum Vieh. Das Erbwort Vieh hat einen sehr weiten Bedeutungsumfang. Es bezeichnet in einem umfassenden Sinn «Nutztiere der Haus- und Landwirtschaft»; man spricht ja von Gross-, Klein- oder Schmal- und Federvieh. Ein «Allgemeines Oeconomisches Lexicon» aus dem Jahr 1731 umreisst die Bedeutung des Wortes so:
«Vieh, darunter werden begriffen allerley zahme Thiere, so zum Nutzen einer Hauswirthschafft gehalten, und folgender Gestalt unterschieden werden: Nemlich in Zug-Vieh, womit Ochsen und Pferde, Last-Vieh, womit Pferde, Esel und Maul-Thiere, Zucht-Vieh, womit das tragende und junge Vieh, Melck-Vieh, womit das, so Milch giebt, Güst- oder Gälte-Vieh, womit das, so weder tragend noch melck ist, Mast- und Schlacht-Vieh, womit das, so zur Mast und zum Schlachten ausgesetzet, gemeinet wird, und endlich allerley Feder-Vieh an Gänsen, Enten, Truthünern, gemeinen Hünern, Tauben etc.»
Das Wort Vieh, das verwandt ist mit lateinisch pecus «(Klein)vieh, Schafe» und griechisch pókos, pékos «abgerupfte, abgeschorene Schafwolle, Vlies», geht zurück auf eine Wurzel mit der Bedeutung «rupfen» und meint ursprünglich wohl «was zu rupfen oder zu scheren ist, das Wolltier». In vielen alten Sprachen bedeutete das Wort neben «Nutztiere» auch «Besitz, Eigentum, Geld», so im Lateinischen pecūnia «Vermögen, Habe, Besitz, Geld». Bereits bei Homer lesen wir von «vierrinderigen Frauen», «zwölfrinderigen Gefässen» und «hundertrinderigen Sklaven»; das Rind war also Wertmassstab. Von altsächsischem fehu «Vieh, Besitz» ist Feudum «Lehngut» abgeleitet, worauf feudal zurückgeht. Das deutet darauf hin, dass Vieh in früher Zeit als Tausch- und Zahlungsmittel verwendet wurde und einen Gradmesser für Besitz darstellte. Klein- und Federvieh wurde nicht immer einzeln gehandelt, sondern oft überhaupt, als geschätzte Menge, ohne das einzelne Tier zu zählen. In einem deutsch-italienischen Wörterbuch von 1700 ist «überhaupt kaufen» übersetzt mit «comprare all’ in grosso». Daraus hat sich die heutige Bedeutung «insgesamt, ganz und gar» entwickelt.
Seinen ganzen Viehbestand kann ein Bauer in den Deutschschweizer Mundarten als Bsatzig, Ghirt, abgeleitet von hirten «füttern», Gvicht, Haab, Läbwaar, Veechli oder Veechstand bezeichnen. In Gotthelfs Roman «Uli der Knecht» von 1846/49 sagt Johannes zu Uli, er habe Geld «höchstens für die Bsatzig», d. h. das nötige Vieh im Stall. In einer Urkunde von 1756 aus dem bernischen Konolfingen lesen wir, dass «die zum Schutz der Wälder vor dem Weidevieh gemachten Gräben» von Zeit zu Zeit ausgeräumt werden müssten, «damit die Lebwahr nicht darübergehen könne». Ein Stück Vieh ist meistens ein Haupt, Höiptli oder Schwanz. Der Valser Johann Josef Jörger schreibt im Roman «Der hellig Garta» von 1920: «Kei Schwanz ist-er am erste Tag z’verchaufe cho.» Wir sagen heute noch: Kein Schwanz «niemand» ist gekommen.
Das Wort Kuh, ein Erbwort, das vermutlich lautmalend ist, hat in der deutschen Sprache einen anderen Bedeutungsumfang als die verwandten Wörter in unseren Nachbarsprachen. Wir bezeichnen damit nicht nur unser Haustier, sondern auch die Weibchen verschiedener Wildtiere, z. B. Hirschkuh, Elchkuh, Elefantenkuh, Giraffenkuh, Walkuh, Robbenkuh und eine Wassersäugerart, die Seekuh.
Rind und Rindvieh bezeichnen einerseits als Gattungsbezeichnung ganz allgemein das Hausrind. Andererseits ist Rind die Bezeichnung der Altersstufe zwischen Kalb und Kuh. Dieses Rind oder Rindli wird in Deutschland Rinn, Färse, in Süddeutschland und Österreich Kalbele bzw. Kalbin, neben Schumpen für das jüngere Rind, in der Schweiz auch Guschti bzw. Galtli genannt. Das Wort Rind, wahrscheinlich aus dem Westgermanischen entlehnt, bedeutet ursprünglich wohl «Hornträger». Das Erbwort Färse ist das Femininum zu Farre(n) «junger Stier» und meint wohl ursprünglich «junge Kuh, die zum ersten Mal zum Stier kommt». Das Erbwort Kalb mit der Ableitung Kalbin meint ursprünglich einfach «Tierjunges, Leibesfrucht, was die Kuh kalbt». Guschti hingegen, eine Ableitung von güst, mundartlich guscht «keine Milch gebend, trockenstehend», ist die junge Kuh, die noch keine Milch gibt. Auch eine Kuh vor dem Kalben gibt keine Milch, si geit guscht. Guscht geht wohl zurück auf ein Wort mit der Bedeutung «dürr, unfruchtbar».
Viehbauern unterscheiden manchmal bis zu fünf Altersstufen, deshalb ist der Wortschatz der Dialekte in Viehzuchtgebieten reich an Wörtern. Im Appenzellischen unterscheidet man z. B. laut dem «Sprachatlas der deutschen Schweiz» vom jüngsten bis zum ältesten Rindvieh zwischen Chälbli, Busli, Galteli, Galtlig und Chue, im Berner Oberland verbreitet zwischen Chalb, Rinderli, Mänse, Ziitchue und Chue. In der deutschen Pfalz lauten die Bezeichnungen Kalf, Raipling bzw. Rauwe, Rend, Kalbin bzw. Kalwen, Kauh. Busli ist ursprünglich wohl ein Lockruf, Galteli und Galtlig bezeichnen wie Guschti das Rind, das keine Milch gibt, abgeleitet von galt «keine Milch gebend, trockenstehend». Mänse, in der Tiroler Mundart Mänze, Manze, ist abgeleitet von mans «nicht trächtig sein», wohl von lateinisch mancus «verstümmelt, mangelhaft», und Ziitchue bezeichnet «eine Kuh, die noch nicht gekalbt hat». In einer Quelle von 1667 lesen wir: «Ein Kalb, so schon etwas gross ist, ein Zeitkühlin oder Kalbelin.» Raibling, eine Ableitung von Raup, meint wohl ein Tier, dem man die Milch geraubt hat, denn es bezeichnet das Kalb, nachdem es von der Milch entwöhnt wurde. In einer Anzeige für ein «Kegelschieben» in der «Mittelfränkischen Zeitung» von 1849 steht «Erster Preis: Ein Kalb oder Raibling, Werth 20 Gulden». Im «Bayerischen Wörterbuch» von 1836 ist aufgeführt: «Der Raup, des Raupen, der Räupling, auch: die Raup, (Franken) einjähriges Stück Rindvieh.»
Beim männlichen Tier sind die Bezeichnungen sehr vielfältig. Stier und das ursprünglich niederdeutsche Bulle bezeichnen das zeugungsfähige Tier. Stier ist wohl ein altes Lehnwort, verwandt mit griechisch tauros, das unter dem Einfluss einheimischer Wörter das s- am Anfang erhielt und ursprünglich vielleicht «der Stattliche» bedeutete. Bulle, vermuten die Etymologen, geht auf ein Wort für das Zeugungsglied zurück, das dann auf das ganze Tier übertragen wurde.
Die verbreitetsten Deutschschweizer Mundartbezeichnungen sind Muni, Hage und Pfarr. Die Bezeichnung Muni bezieht sich auf das dumpfe Brüllen des Tiers, Hage ist vielleicht abgeleitet von hegen «unterhalten, pflegen» und Pfarr ist die Mundartform des Erbwortes Farre(n) «Stier». Weil der Pfarrer in der traditionellen bäuerlichen Gemeinschaft vielerorts den Pfarr oder Pfarrstier für seine Gemeinde hielt, war man oft der irrigen Meinung, Pfarr gehe auf Pfarrer zurück. In den 1891 herausgegebenen «Österreichischen Weisthümern» ist die Rede vom «pfarrstier, so herr pfarrer zu halten hat».
Das Wort Ochs(e), das möglicherweise aus einer unbekannten nicht-indogermanischen Sprache entlehnt ist, benannte als vermutlich älteste Bezeichnung des männlichen Tiers ursprünglich sowohl den unbeschnittenen Fasel-, Herd-, Spring-, Stamm- oder Zuchtochsen als auch den kastrierten Acker-, Pflug- oder Zugochsen bzw. den Mast- oder Schlachtochsen. Der Herdochs wird bereits im deutsch-lateinischen Wörterbuch (1536) von Dasypodius erwähnt. In der «Teutschen Sprach und Weissheit» von 1616 ist der Faselochs aufgeführt neben dem Brielochs, Brummer, Prümmel und Ramm, der die Kuh rammt «stösst», mit der Definition, «Mann der Kuhe / den man zur zucht lauffen lässt». Zum Ochs ist in dieser Schrift angemerkt, er sei ein «geschnittener Ochs […] / den man darumb schneidet / dass er desto bass den Pflueg ziehen / und desto bass gemästet werden» könne.
In der Literatur des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit kommt auch der Meerochs vor. Das Wort bezeichnet einerseits eines der vielen Meerungeheuer, welche die Meere bevölkerten, bis sie von der wissenschaftlichen Naturkunde daraus vertrieben wurden. Dann war es auch die Bezeichnung für einen grossen Rochen und für das Nilpferd. Letztere wurde aus französischem bœuf de mer entlehnt. Andererseits wurden Tiere als Meerochsen bezeichnet, die jenseits des Meeres lebten, z. B. der Elch, das Zebu und der Büffel. Hier hat der Wortteil Meer- dieselbe Bedeutung wie in den Wörtern Meerrohr und Meerschwein; er bedeutet einfach «von jenseits des Meeres, von weit her».
Dumme Kuh und Hornochse
In der Glosse «Mein Mund, unzensiert» im «St. Galler Tagblatt» vom 12. Dezember 2011 zählt Corina Vuilleumier ihre fünf liebsten Kraftausdrücke auf. An zweiter Stelle steht: «Tummi Chue! (Urschweizerisch, explizit, aber doch nicht zu derb – meine Lieblingsbeleidigung).» Der Ausdruck ist weder urschweizerisch noch harmlos, denn am 17. Mai 2017 berichtete die Düsseldorfer Internetzeitung «report-D»:
«Teuer zu stehen kamen einem Autofahrer seine Beschimpfungen gegenüber Mitarbeitern des Ordnungs- und Servicedienstes (OSD). Das Amtsgericht verhängte 5000 Euro Geldstrafe für die geäusserten Bezeichnungen ‹Dumme Kuh› und ‹Pappenheimer›.»
Wir Schweizer werden seit langer Zeit mit Kühen in Zusammenhang gebracht, deshalb scheint ein Hornvieh-Schimpfwort eher eine Bagatelle zu sein. Das Innerschweizer Onlinemagazin «zentralplus.ch» berichtet am 30. Januar 2014 über einen Nachbarschaftsstreit und schreibt, blöde Kuh koste nur 100 Franken. Der Einzelrichter wird zitiert mit: «Blöde Kuh ist nicht so ein massives Schimpfwort, da gibt es schlimmere.»
Die Ausdrücke Kuh, dumme Kuh, seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch blöde Kuh, sind jünger als dummes Vieh. Der deutsche lutherische Theologe Daniel Cramer schreibt in seiner Auslegung der Heiligen Schrift von 1625: «Wann man Gottes Wort / als das Liecht unserer Füsse / auss den Augen setzet / so geht man zu wie ein blind Pferd / oder wie ein Tummes Vieh.» Der Strassburger Jesaias Rompler von Löwenhalt tadelt 1647 in einem Gedicht: «Hast / wie ein tummes vieh / der Wollust dich ergeben», und Michael Möbius bemerkt 1658, «wie viele Leute gehen dahin / wie ein tummes Vieh». Wer sich um den Verstand trinkt, wird zum Vieh und zur dummen Kuh, deshalb dichtet der Schweizer Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer 1731 über die Folgen des Alkoholgenusses: «Du machst aus Menschen Viehe, / Aus klugen tumme Kühe.»
Vom Vorwurf du handelst wie ein dummes Vieh ist es nicht mehr weit bis zur Anschuldigung du bist ein dummes Vieh und zur Beschimpfung du dummes Vieh. Im Lustspiel «Der verpfändete Bauernjunge» von 1746 schimpft Catherine ihren Peter: «Ach, du dummes Vieh!» Und im «Tadler nach der Mode» von 1773 beendet der Ausdruck «du dummes Vieh» eine ganze Schimpfkanonade, in der auch das Wort Schöps «verschnittener Schafbock, Hammel» vorkommt:
«Du Esel! du Ochs! du Stockfisch! du ungeschickter Hund! du Strohkopf! du Schöpsengehirn! du Büffelsschädel! du Trampelthier! du Elephantenstirne! du Tanzbär von einem Narren! du dummes Vieh!»
Das Schimpfwort dumme Kuh beginnt seinen Siegeszug im 17. Jahrhundert. Im «Reineke Fuchs» von 1650 findet sich, den Wolf betreffend, der Reim: «Er ging selbst der Schlachtbank zu / gleich wie eine tumme Kuh.» Für den Theologen Johann Feinler ist in einer Predigt aus dem Jahr 1673 sogar die ganze Welt, welche das Unglück eines Krieges nicht bedenken will, eine dumme Kuh: «Solches bedenket die tumme Kuhe / die Welt nicht.» Und im Buch «Worte Gottes» von 1711 droht der mystische Visionär Johann Tennhardt: «Teutschland ist eine dumme Kuh / aber Ich werde den Schlächter schicken / der sie wird in Stücken zerhauen / mit seinen Klauen.» Auch für Gotthelf können noch Männer und Frauen dumme Kühe sein, denn in «Jacobs, des Handwerksgesellen, Wanderungen durch die Schweiz» von 1846/47 sagt eine Romanfigur, die Schweizer «könnten ein gut Leben haben, wenn sie nicht so dumme Kühe wären». Sogar das Glück kann eine dumme Kuh sein; ein Sprichwort sagt: Das Glück ist eine dumme Kuh, es läuft dem grössten Ochsen zu. Heute finden wir Abwandlungen von diesem Sprichwort, nämlich das Glück ist eine blinde Kuh und läuft dem grössten Ochsen zu und die Liebe ist wie eine Kuh, sie läuft dem grössten Ochsen zu oder das Herz, das ist ne doofe Kuh und läuft dem grössten Ochsen zu.
Seit dem 18. Jahrhundert werden in der Regel weibliche Einzelpersonen dumme Kuh gescholten. Crisspine fertigt im Lustspiel «Die Caffee-Schale» von 1748 Catherine ab mit den Worten: «Das verstehst du tumme Kuh nicht.» Auch in «Der Geschäftige» (1752), der deutschen Übersetzung eines Schauspiels des Dänen Ludvig Holberg, braucht der Buchhalter Madsen dumme Kuh in unserem Sinn, wenn er über die Köchin schimpft, welche die Hühner nicht in die Küche lassen sollte: «Die dumme Kuh hat sonst nichts zu thun, als nur darauf Acht zu halten, und sieht nicht einmal zu, dass die Küchenthür zugemacht ist.»
Rindvieh oder dummes Rindvieh meint hingegen in der Regel einen Mann; in einem Buch von 1762 lesen wir: «Den Herrn Professor Zimmermann in Zürich war er verwegen genug ein […] tummes Rindvieh, eine Vipernbrut, einen Drachenkopf und einen wütigen Hund […] zu nennen.»
Neben der dummen Kuh und blöden Kuh findet man heute auch die saudumme bzw. strohdumme Kuh. Im Artikel «Lehrgang für Sklavinnen» vom 9. April 1971 von Christel Buschmann lesen wir:
«Schliesslich und endlich hat man mehrere full-time-Jobs, man ist Nutte, Hausfrau, Mannequin, Bibliothekarin, Innenarchitektin, Modeschöpferin, Psychologin, Geliebte, Mutter, Möbelschlepperin, Putzfrau und – eine saudumme Kuh.»
Strohdumme Kuh und Doofkuh scheinen Lieblingswörter für Wutbürger zu werden, die Politikerinnen und andere Feindinnen im Netz anonym verbal attackieren, z. B. in einem Kommentar vom 3. Dezember 2016 zu einem Artikel auf «pi-news.net»: «Die Frau von der Leyen ist eine strohdumme Kuh.» Die saublöde Kuh ist literaturfähig geworden, z. B. in Urs Widmers Stück «Top Dogs» von 1997: «Ich bin halt ein kleines Dummchen, ein Schäfchen, eine Kuh, eine dumme, saublöde Kuh.» Auch die noch etwas vulgärere scheissblöde Kuh finden wir in Sven Regeners Roman «Herr Lehmann» von 2001: «‹Scheissblöde Kuh›, sagte Herr Lehmann und wandte sich dann wieder an den Hund.»
Ab und zu begegnet man in den schweizerdeutschen Mundarten noch der Chleechue, die bereits im dritten Band des «Schweizerischen Idiotikons» von 1895 nur noch als «Schelt- oder Spottname für eine unbehülfliche, dumme Weibsperson» aufgeführt ist, ursprünglich, z. B. in der «Ökonomischen Encyclopädie» von 1815, aber eine mit Klee gefütterte Kuh meinte. Im Stück «De Franzos im Ybrig» (1991) von Thomas Hürlimann schimpft eine Figur: «Die het ja en Hau, die pseudogebildet Chleechue!»
In der Appenzeller Mundart konnte man auch einem Mann sagen: Bischt e strooligi Chuebaabe «du bist ein erzdummer Kerl». In den Mundarten der deutschsprachigen Schweiz, des Rheinlands und der Pfalz hat sich das Wort chuetumm, koudumm, kuhdumm entwickelt. Vo däm versteit dää sövu win es chrumms Chüehoorn meinte «davon versteht der nichts»; im 17. Jahrhundert konnte man behaupten, jemand habe einen Verstand wie ein krummes Kuhhorn. Das isch nu eso mi Chüemeinig «meine dumme, ungereimte Ansicht», sagte man im Zürichbiet.
Chuefüdle ist in vielen Mundarten der deutschsprachigen Schweiz eine spasshafte Bezeichnung für einen Dummkopf; auch der Ausdruck d Chue mache «Spass machen, sich ungebärdig benehmen» ist weit verbreitet. Er wurde von Jakob Hunziker bereits 1877 ins «Aargauer Wörterbuch in der Lautform der Leerauer Mundart» aufgenommen: d’chue mache «sich ungeberdig aufführen». In anderen Mundarten sagt man eher ds Chalb mache oder s Chalb ablaa; eine Dummheit, ein Spass ist eine Chalberei. Kälberei, oft mit dem Nebensinn der Zügellosigkeit, ist seit dem 17. Jahrhundert belegt. Der Publizist Christoph Gottlieb Richter lässt in seinem Buch mit dem Titel «Die Redende Thiere über Menschliche Fehler und Laster» von 1738 den Bären sagen:
«Solche Kälberey, oder Katzen-Rammeley, wie man das Laster etwan nennen soll, rührt bloss von der Geilheit her, dazu die gute Tage, und kummerlosse Stunden, nebst guten Essen, und Trincken die Anreitzungen dazu geben.»
Sage ich jemandem, der mich mit einem Spass zum Lachen gebracht hat, du bisch doch es Chalb, es tumms Chalb oder e Chalbschopf ist das eher zustimmend oder anerkennend gemeint. Im Schweizerdeutschen ist Alpenkalb, Alpechalb noch recht häufig; in Gerold Späths «Mein Lac de Triomphe» von 2007 wird jemand tituliert mit «du Alpechalb, saudummes! Du heilandsdonner Schafskopf! Du bist wahrlich ein Tschumpel bistu!» Historisch gesehen ist die Titulierung Kalb bzw. dummes Kalb jedoch nicht weniger aggressiv als dumme Kuh. Im Buch «Die Verklärung Jesu in seiner Braut» von 1734 lese ich: «Du hast mich gezüchtiget / und ich habe die Züchtigung ausgestanden / aber ich bin noch eben wie zuvor ein tummes Kalb / darum lehre du mich Busse.» Ein Junker jagt in einer Schrift Pestalozzis bittende Bauern fort mit den Worten: «Ihr seid Kälber, packt euch zur Thür hinaus.» Ein schlechter Arzt, ein Quacksalber wurde Kälberarzt gescholten: «Salbenkrämer / Kräuterer / Kälberartzt / Zahnbrecher / […] so doch für keine rechten Aertzt zu halten» seien, schreibt ein Autor 1648.
Auf die sprichwörtliche Dummheit des Kalbs bezieht sich der Ausspruch nur die allergrössten Kälber wählen ihren Metzger selber. Obwohl er oft mit der Weimarer Republik in Verbindung gebracht wird, hat ihn wohl Christian Wiedmer, der Signauer Schlosser und Redaktor des «Emmenthaler Wochenblatts», geprägt. Am 22. November 1850 setzte er ihn als Teil eines satirischen Gedichts zur Wahl des konservativen Metzgermeisters Sigmund Karl Stooss in den Berner Regierungsrat in die Zeitung. Die Satire brachte ihm vier Tage Gefängnis ein. Im Jahr 1874 war der Ausspruch bereits in Wien und 1876 in Berlin belegt.
Alt und bis ins letzte Jahrhundert gebräuchlich war Kalb Mosis, in unseren Mundarten auch Chalb Mosi oder Mosi-Chalb, mit der Bedeutung «dummer, einfältiger Kerl». Der Ausdruck bezieht sich auf das goldene Kalb, das Moses’ Bruder Aaron aufstellen liess, als sich Moses auf den Berg Sinai begab. Franz Xaver Sperl erklärt in seinen «Sprichwörtlichen Redensarten» von 1824: «Er ist ein Kalb Mosis, ein dummer, kindischer, auch muthwilliger junger Mensch.» Das Schimpfwort Mooskalb, Mooschalb «dummer Mensch», das auch Gotthelf verwendet, ist wohl eine verschliffene Form von Mosi-Chalb.
Zu einem Schimpfwort wurde zudem das Osterkalb, Oschterchalb, das ursprünglich ein an Ostern geschlachtetes Kalb bezeichnete, dann auf diejenigen übertragen wurde, welche nicht in gehöriger Weise an den Osterfeierlichkeiten teilnahmen. Alles, was Atem habe, solle Gott loben, schreibt ein Geistlicher 1712, «niemand bleibe ein unverständiges tummes Oster-Kalb». Insbesondere die Kinder, die auf Palmsonntag oder Ostern keine neuen Kleider erhielten, wurden als Oschterchälber oder Oschterchüeli verspottet. In einem Text des Zürcher Oberländers Jakob Stutz (1801–1877) wird einem Knaben ein «Ostergwändli» versprochen, und der Knabe jubiliert: «Huppeli hee, iez gib i denn ase keis Osterchalb.» Doch bereits 1647 ist das Wort als reines Schimpfwort belegt: «Du Osterkalb, Narr, Firlifanz!»
Eine besondere Geschichte hat die Bezeichnung Mondkalb. Als Mondkalb, älter Monkalb, bezeichnete man in der Medizin ursprünglich eine verhärtete Leibesfrucht, die mit der Fachbezeichnung Mola oder Mole benannt wurde. Der Arzt Johann Nicolaus Pfitzer beschreibt in seinen «Zwey sonderbaren Büchern von der Weyber Natur» von 1673 unter den Fehlern und Irrtümern, die sich bei der Empfängnis ereignen können, «die Gewächse in der Mutter / ungestalt / unformlich / welche Paræus Mondkalb / die Lateiner Molam nennen / vielleicht von dem Griechischen Wörtlein móle, welches einen Mühlstein bedeutet / mitzunehmen; dieweil nemlich diese Mola oder Mohnkalb / den Schwangern gleich als ein schwerer Mühlstein manchmaln zutragen beschwerlich fället». Diese Beschreibung gleicht derjenigen von Thomas Bartholin in seinen «Ungewöhnlichen anatomischen Geschichten» von 1657 im Kapitel «Von einem Mon-Kalb in der schwürigen Bärmutter eines Mägdleins». Jean Baptiste van Helmont schreibt in seinem «Aufgang der Artzney-Kunst» von 1683 vom «Mon-Kalb (molam)», ebenso Petrus Ramus in seiner «Professio regia» von 1576: «Molæ, eins mon Kalbs».
Bereits im 17. Jahrhundert wird Mondkalb im Sinne von «Missgeburt, Dummkopf» als Schimpfwort gebraucht, z. B. in der Widerlegung von Christoph Becmann durch Jakob Martini im Jahr 1644. In Christoph Martin Wielands Roman «Don Silvio von Rosalva» von 1764 ruft Pedrillo aus: «Ein solches Mondkalb heirathen? Euer Gnaden müsste ja gar den Verstand verloren haben!» Dabei gilt es zu beachten, dass Shakespeare Caliban, Prosperos missgestalteten Diener, im Stück «Tempest» von 1623, moon-calf nennt, was in den deutschen Übersetzungen des 18. Jahrhunderts immer mit Mondkalb übersetzt wird. Vielleicht ist für Mondkalb als Schimpfwort Shakespeare Pate gestanden. Das «Wörterbuch der Idiome» (idiome.deacademic.com) erläutert: «Er ist ein Mondkalb: er ist sehr dumm, einfältig.» In Friedrich Glausers Roman «Der Chinese» von 1939 sagt Dr. Buff: «Will so ein junges Mondkalb … Ja! Ein Mondkalb, ich beharre auf diesem Wort … mir altem Arzt erklären, wo es sich um einen Mord handelt.» Der Artikel «Ein Fluch in Ehren» im «Migros-Magazin» vom 22. April 2013 behauptet: «Die zürcherstämmigen Redaktorinnen und Redaktoren ziehen beim Schimpfen den ‹Schafseckel›, die ‹blödi Täsche› oder das ‹Mondchalb› vor.»
Das Mondkalb machte auch in der Kultur Karriere: In Christian Morgensterns Galgenlied «Das ästhetische Wiesel» von 1905 kommt es vor, 1920 erschien der Roman «Moon-Calf» von Floyd Dell und auf die Leinwand schaffte es das Mondkalb in der amerikanischen Science-Fiction-Komödie «Das Mondkalb» von 1966 sowie im deutschen Film «Mondkalb» von 2008.
Doch nicht nur die Tiere selbst, sondern auch ihr Kot liefert Stoff für Schimpfwörter. Beim Dramatiker Hans Salat (1489–1561) ist Küdreck ein Schimpfwort. Meinrad Lienert braucht im «Flüehblüemli», seiner Sammlung von Mundarterzählungen von 1891, sogar die Bezeichnung Chüedräckstampfer für «Bauer». Belegt ist auch Chüedräckeler. Der Bauer muss den Kuhmist ja nicht nur aus dem Stall auf den Mist schaffen. Mit Kuhmist düngt er seine Felder, was früher noch Handarbeit mit der Gabel war. An steilen Hängen musste er den Mist mit dem Rückentragkorb austragen.
Der tellerförmige Kuhfladen ist in meiner Mundart ein Chueplätter; hat ihn die Sonne ausgedörrt, ist es ein Sunnechueche. Andere Mundartbezeichnungen sind Pflütterlig, Plätter(e), Plätterlig, Plütterlig, Fläderlig, Tätterlig, Teisch oder Teischlig. Eine faule Frau konnte man im Baseldeutschen Kuedeisch oder Blättere schimpfen, schon bei Johann Jakob Spreng in seinem «Idioticon Rauracum» von 1768: «Kühtaisch, (der), Kühflade. Ist auch ein Schimpfname schwärer und fauler Weibsbilder.» In Gotthelfs Erzählung «Michels Brautschau» fährt eine resolute Frau ihren Mann an, er solle nach den Mädchen schauen, mit den Worten: «Geh, sieh, wo die Blättere bleiben!»
Den Reigen der Schimpfwörter für einen dummen Menschen schliesse ich mit dummer Ochs und Hornochs(e) ab. Dummer Ochs ist seit dem 17. Jahrhundert belegt; in einem Text von 1700 wird einem Mann vorgeworfen, dass er «ein tummer Ochs und Fantaste» sei. Der Hornochs(e) ist schwieriger zu fassen. Adelung schreibt in seinem um 1800 entstandenen «Grammatisch-kritischen Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart»: «Figürlich ist in den niedrigen Sprecharten das Wort Ochs ein Scheltwort so wohl eines groben und ungeschickten, als auch eines dummen Menschen beyderley Geschlechtes. Ein grober Ochs. Ein dummer Ochs.» Das Wort Hornochs kommt bei ihm nicht vor. Einen der frühesten Belege für das Wort liefert das Buch «Sinnverwandte Wörter» von 1819 und es fügt folgende Erklärung bei:
«Hörner nämlich, als eigenthümliche, unterscheidende Theile des Körpers vernunftloser Thiere, mussten, einem Menschen beigelegt, ganz natürlich andeuten, dass derselbe einem vernunftlosen Thiere ähnlich, dass er einfältig oder dumm sey. Daher ist es in der niedrigen Sprechart des gemeinen Lebens noch jetzt ein Kraftausdruck, einen recht dummen Menschen ein Hornvieh, einen Hornochsen oder hornochsendumm zu nennen, so wie man auch von dem, der durch Erfahrung noch nicht gewitzigt ist, sagt: er habe sich die Hörner noch nicht abgelaufen; und eben daher konnte es eine beschimpfende Strafe seyn, Jemanden Hörner im eigentlichen Sinne aufzusetzen, und ihn so öffentlich auszustellen.»
Im «Deutschen Schimpfwörterbuch» von 1839 ist neben Hornochs noch hornochsendumm, Hornochsenkerl, Hornochsenluder, Hornochsenmensch, Hornochsenrindvieh und Hornochsenvieh aufgeführt.
Ochsenkopf ist bereits seit dem 17. Jahrhundert für «Dummkopf» belegt. Der Barockprediger Abraham a Sancta Clara (1644–1709) erklärt: «Wir Teutschen pflegen einen ungelehrten Menschen, in dessen Hirn Stroh und Stramen beisammen, einen Ochsenkopf zu nennen», wobei Stramen aus lateinisch strāmen «Streu, Stroh» entlehnt ist.
Die Kuh in Wörtern und Redensarten
In einem modernen Wörterbuch, z. B. im dreibändigen Duden-Buch «Die deutsche Sprache» von 2014, findet man wenig zusammengesetzte Wörter auf Kuh-, die nicht direkt mit der Viehhaltung zu tun haben. Ein grosses, meist braunes menschliches Auge, das abwesend blickt, wird Kuhauge genannt. «Kuhauge» ist der Titel des ersten Bandes der Romantrilogie «Eine Erziehung in Deutschland» von Fritz J. Raddatz.
Ein Stemmeisen, dessen unterer Teil klauenförmig nach vorne gebogen ist, nennt man Kuhfuss, aber auch Geissfuss oder Ziegenfuss. Mit ihm kann man grosse Nägel ausziehen.
Ein abgelegenes Dorf, in dem nichts läuft, ist ein Kuhdorf oder ein Kuhkaff. Die «Rothenburger Rundschau» setzt am 28. April 2014 über einen Artikel, der von einem Open-Air-Kino berichtet, den Titel «Kuhdorf oder Metropole?». Ein Thurgauer frotzelt in einem Chat über die Landesgrenze hinaus in den deutschen Hegau, er würde, wenn er könnte, Konstanz einnehmen, «damit de Kanton Thurgau au endli en richtigi Hauptstadt het (und nöd nur es Chuekaff mit Beamtestube)». Das Chuekaff ist Frauenfeld.
Kuhblume bzw. Kaublaume oder Chueblueme nennt man in einigen Dialektregionen die Butterblume oder den Löwenzahn. Kuhwarm ist die Milch, die aus dem Euter der Kuh kommt; davon geht Robert Musil aus, wenn er die Vorstellung eines «kuhwarm produzierenden» Dichters kritisiert, «aus dem die Kunst warm hervorschäum[t]».
In einigen Deutschschweizer Mundarten nennt man die Marienkäfer mit Bezeichnungen, deren zweiter oder dritter Wortteil ein Diminutiv von Kuh ist: Hereloobeli im Appenzellischen, Hergotteloobeli im St. Gallischen, Hergottechüeli vielerorts, Frauechüeli im Schaffhausischen, Appenzellischen und St. Gallischen, Maiechüeli im Thurgauischen und Murechüeli im Schaffhausischen.
Der bäuerliche Kuh-Wortschatz ist vor allem in den Mundarten sehr umfangreich. Er reicht in den Schweizer Mundarten von Chüealp über Chueässet bzw. Chueläbtag «was eine Kuh auf der Alp oder im Jahr an Heu frisst» und Chüegaumer «Viehhüter» bis zu Chüemenni «Kuhgespann», von menne «mit Zugvieh fahren», Chueteil «Hausteil, in dem der Kuhstall ist» und chuewitoffe «so weit offen, dass eine Kuh bequem hineingehen kann». Auch Zusammensetzungen mit -kuh als zweites Element, welche mit der Rinderzucht zu tun haben, sind sehr häufig, von Arbeitskuh über Kampfkuh, Leitkuh und Prämienkuh bis zu Stallkuh, Weidekuh und Winterkuh «Kuh, die im Winter Milch gibt».
Wie wichtig das weibliche Rindvieh einst für uns war, zeigen nicht nur Familiennamen wie Kuh, Küher, Kuhfuss, Kuhmann, Küstahler, Kuhweide, Rinderer, Rindle, Rindler, Rinderknecht, Rindermann, Rindfleisch, Viehofer, Viehweg, Viehweger, sondern auch Orts- und Flurnamen wie Kühalp, Kühberg, Kühboden, Kühdorf, Chüematt, Kühstelle, Chüestelli, Kuhweg, Rinderalp, Rinderberg, Rinderbüel, Rindersteig, Rinderwald, Rinderweid, Vehboden, Vehweid.
Eine lange Geschichte hat der Ausdruck blinde Kuh. Er bezeichnet, neben den selteneren Bezeichnungen Blinzelkuh und Blinzelmaus, ein Spiel, in dem man jemanden mit verbundenen Augen Mitspieler suchen lässt. Das Spiel ist in der deutschen Sprache seit dem späten Mittelalter belegt und auch auf Pieter Breughels Bild «Die Kinderspiele» aus der Zeit um 1560 zu sehen. Luther schreibt von «der blinden kue spielen» (1530) und in Jakob Ayrers Komödie «Von zweyn Brüdern aus Syracusa» von 1618 sagt Jahn:
«Ir Herrn, wann es euch alln gefellt, / So darfs des rechnen nid so vil, / Das man jetzt der blinden Kuh spil. / Der Kellner sey die blinde Kuh / Dem wöll wir binden die augen zu. / Der soll unter uns ein fangen: / Wen er am ehstn thut erlangen / Der sol unser aller Wirth (Gastgeber) sein.»
Im 17. und 18. Jahrhundert war das Spiel unter Erwachsenen sehr populär, weil es das Herumfummeln am anderen Geschlecht erlaubte. Wie beim alten Robinot, der die junge Claudine heiraten will und der im Lustspiel «Die blinde Kuh» von 1778 zu Mathurin sagt: «Kannst du dirs wohl vorstellen, ich selber, so alt ich bin, spiele doch noch zuweilen ganze Stunden lang mir ihr und meinem Gesinde blinde Kuh.»
Weshalb das Spiel Blindekuh heisst, ist nicht klar. Bereits in einem Lexikon von 1623 erklärt Andreas Corvinus das griechische Wort Myinda, das zu myein «kurzsichtig» gehört, mit «das Spiel / so man nennet die blinde Kuhe / oder die blintzelmauss». Auch im «Antiquitaeten-Lexicon» von 1719 erklären die Autoren zu Myinda:
«War bey denen griechischen Kindern das Spiel, so wir noch heutigen Tages die blinde Kuh nennen, da sich einer die Augen verbinden lässt und nach denen andern läufft. Wen er erhaschet, der muss an seine Stelle blinde Kuh werden.»
Ginge es, wie oft behauptet, auf ein Spiel mit einer Kuhmaske zurück, würde man es auch in anderen Sprachen so nennen, aber auf Französisch heisst es colin-maillard (seit dem 16. Jahrhundert), wobei Colin eine Kurzform von Nicolas und Maillard ein Nachname ist. Selten poule aveugle «blindes Huhn» (1685). Auf Italienisch moscacieca «blinde Fliege» (seit dem 17. Jahrhundert), auf Spanisch gallina cieca «blindes Huhn» und auf Englisch Blindman’s Buff «Stoss des Blinden». Seit 1997 ist Blinde Kuh eine Internet-Suchmaschine für Kinder (blinde-kuh.de), und Blinde Kuh bzw. Blindekuh nennen sich Dunkelrestaurants in Basel und Zürich.
Von den einst sehr häufigen Kuh-Redensarten sind nur ganz wenige heute noch gängig: Nicht für alle Deutsch Sprechenden sind nachts alle Katzen grau, für einige sind nachts alle Kühe schwarz. Ist es sehr finster, können wir sagen es ist finster wie in einer Kuh, finster wie in einem Kuhbauch, kuhfinster oder kuhranzenfinster.
Wer ein schwieriges Problem löst, kriegt die Kuh vom Eis. Abraham Tendlau zählt 1860 wie kommt die Kuh vom Eis unter die Sprichwörter und Redensarten deutsch-jüdischer Vorzeit und erklärt: «Als ermahnenden Zuruf an den Trägen. Der träge Mensch kann nicht von der Stelle kommen, wie eine Kuh, die sich auf dem Eise befindet.»
Bereits in Johann Christian Blums «Deutsche Sprichwörter» von 1780 findet man die Redensart Kühe machen Mühe «man muss sich anstrengen, wenn man den Nutzen haben will». Wohl ohne diese Redensart gekannt zu haben, kalauerte der Schweizer Komiker Peach Weber in den 1980er-Jahren: «Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe.» Der Kalauer machte Geschichte, denn 2013 veröffentlichte die deutsche Landtierärztin Astrid Brandl ein Buch mit diesem Titel.
Bekam jemand von einer Speise nur wenig, konnte er klagen, das isch grad wi enere Chue e Mutschgetnuss. Glichen zwei Geschwister einander nicht, spöttelte man, si gliichen enang win e Chue enere Mutschgetnuss. Redensarten, in denen eine Kuh mit Muskaten oder Muskatnuss in Verbindung gebracht wird, sind seit dem 16. Jahrhundert bei Luther belegt. Das ist erstaunlich, denn Muskatnuss, obwohl seit dem 13. Jahrhundert im Handel, war rar und sehr teuer. Auch brauchte man in Silber gefasste Muskatnüsse zuweilen als Gewichte: «ein eingefasst muskat mit silber» lautet ein Quelleneintrag von 1550 im Klosterarchiv Einsiedeln.
In seinen Tischreden braucht Luther unter dem Titel «Weltleute achten des Evangelii nicht» die Redensart «was sol der Kuhe Muscaten / sie isset wol Haberstro». In zwei anderen Schriften behält er die Frageform bei, ersetzt aber die Kuh durch die Sau. In der Schrift «Wie das Gesetze und Evangelion recht gründlich zu unterscheiden sind» lautet die Redensart «was sol einer saw ein muscaten» und in «Auff das schreien etlicher Papisten» stehen die Schweine in der Mehrzahl, «was solt der Sew muscaten». Auch beim Zürcher Reformator Heinrich Bullinger findet sich «kein kue acht keiner muscat nit» bereits im Jahr 1533. Der Solothurner Theologe Johannes Aal lässt in seiner Johannestragödie von 1549 den Narren sagen: «Wiewoll ich bin ein grosser Lapp, steckt so vil witz in myner kapp, als vil ein kue hat muscat gfressen.»
Auf die Redensarten Luthers bezieht sich der Strassburger Dichter Wolfhart Spangenberg in seinem Buch «Anmütiger Weissheit Lust-Garten» von 1621 und erklärt, man brauche sie, «dass man denen / die sich umb ein sach nicht verstehen / denen es nichts nutzet / und sich wol mit etwas geringers abfertigen lassen / nicht eben das beste müsse vorsetzen und vergeblich an sie wenden». Sie meinen also im Ganzen dasselbe wie die Redensart Perlen vor die Säue werfen, die bereits in der lateinischen Bibel des Mittelalters, der Vulgata, vorkommt.
In den folgenden Jahrhunderten sind die Redensarten um die Kuh und die Muskatnuss, die von Anfang an viele verschiedene Formen annehmen, gut belegt und sie halten sich in den Mundarten bis in die neuste Zeit. Johannes Agricola nimmt in seine Sammlung von 1534 das Sprichwort «was soll der Kue ein Muscatnuss» auf. Das Buch «Predicanten Teutsch» von 1608 fragt, «aber was soll einer Kuh Muscatnuss / oder einer Saw Perlen», der Mediziner Daniel Mögling in seinem Rosenkreuzerbuch von 1617, «was soll der Kuh eine Muscaten / oder dem Esel ein Lauten» und der Arzt Johann Christoph Wentzel im «Historischen Redner» von 1711, «was soll der Kuhe Muscaten, und dem Pferde der Saffran». In seiner Sammlung schweizerischer Sprichwörter «Wahrheit und Dichtung» von 1864 führt Melchior Kirchhofer zwei Kuh-Muskatnuss-Redensarten auf: «Er weiss so viel von dem, als eine Kuh von der Muscatnuss, und ein Esel von einer Feige» und «Was soll der Kuh eine Muscatnuss? Es thut ihr genug ein Löcklein Heu.» Man findet Varianten der Redensart im «Pfälzischen Wörterbuch»: «er versteht vun de Sach soviel wie die Kuh vun de Muschkatnuss» und im «Südhessischen Wörterbuch»: «Doo vestehste so veel devoo wie die Kuh vun de Muskatnuss». In der Schweiz sagen wir eher, er verschteit sövu win e Chue vom Tanze. Walter Chemnitz schreibt im Roman «Das schwarze Schicksal» (1927) von Scharlatanen, «die vom Schiessen so viel verständen, wie die Kuh vom Tanzen».
Die Redensart das geht auf keine Kuhhaut «das übersteigt jedes normale Mass» bezieht sich ursprünglich auf Geschriebenes und stammt aus dem Mittelalter, als man noch von Hand auf Pergament schrieb. Pergament guter Qualität wurde in der Regel aus den Häuten von Schafen, Ziegen und Kälbern hergestellt, deshalb nannte man das Pergament in der deutschen Sprache auch Kalbs- oder Kälberhaut. Etwas Kälberhaut sein lassen meinte, die Vorschrift steht zwar auf dem Pergament, aber man beachtet sie nicht. Hundshaut und Kuh- oder Kühhaut sind als Spottbezeichnungen für schlechtes Pergament belegt.
Auf einem Graffiti aus dem 14. Jahrhundert in der Stiftskirche St. Georg auf der Insel Reichenau ist zu sehen, wie ein Teufel das «plapla» der «tumben wibun (dummen Weiber)» auf eine Kuhhaut schreibt. Redensart und Graffiti verweisen auf ein Exempel, d. h. eine ausschmückende Geschichte, die in einer um 1200 verfassten Predigt des französischen Kardinals Jacques de Vitry steht. Sie erzählt, wie ein Priester während einer Predigt einen Teufel mit Zähnen und Händen an einem Pergament zerren sieht. Der Teufel erklärt auf die Frage des Priesters, er habe das unnütze Schwatzen in der Kirche aufzuschreiben und dafür reiche ein gewöhnliches Pergament nicht, es sei zu klein. Was der Teufel aufschreibt, soll beim Jüngsten Gericht als Belastungsmaterial dienen, denn schwatzen während des Gottesdiensts ist eine Sünde.
Der Theologe Caspar Titius erzählt in seinem «Theologischen Exempel Buch» von 1633, wie der Teufel «eine grosse Kühhaut» vor sich hat und «schreibet alle wort auff / welche sie miteinander unter der Predigt reden». Und er warnt, «was es für grosse Sünde ist / unnütze reden treiben / und sonderlich in der Kirchen / wenn Gottes Wort geprediget wird / solches zeichnet der Teuffel auff / und bringets für Gottes Gerichte / dass sie am Jüngsten Tage dafür rechenschafft geben müssen». In Johann Rudolf Wyss’ «Idyllen, Volkssagen, Legenden und Erzählungen aus der Schweiz» von 1815 ist die Kuhhautgeschichte mit der Kirche Einigen verbunden.
Auf diese Geschichte geht die Redensart das geht auf keine Kuhhaut zurück, die sich zuerst immer auf Sünden bezieht. Sie kommt bereits in der Literatur des 16. Jahrhunderts in verschiedenen Formen oft vor. Der Reformator Martin Luther schreibt: «Bin ein […] Ubertretter aller Gottes gebot / und ist meiner Sünden (leider) so viel / das sie freilich auff eine grosse Kuehaut nicht alle kündten geschrieben werden.» Der lutherische Theologe Matthias Flacius (1520–1575) spottet über «Ablasse / welche man kaum auff eine Kuehaut ordentlich schreiben köndte». Auch in einer Schweizer Quelle aus dem 17. Jahrhundert ist die Redensart belegt:
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